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Die Fremde

Inhaltsübersicht

PROLOG

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19.

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26.

27.

28.

29.

EPILOG

DANKSAGUNG

Leseprobe

PROLOG

 

Erschöpft hob die junge Frau den Kopf. Die Stunden der Anstrengung hatten nicht nur bei ihr deutliche Spuren hinterlassen, auch der Hebamme war anzusehen, wie viel Kraft und Schweiß die Geburt sie gekostet hatte. »Was ist es?«

»Ein kleines Mädchen!«, sagte die Hebamme, während sie das Neugeborene der wartenden Kinderärztin übergab. »Ein Mädchen!«, flüsterte die junge Frau glücklich und ließ sich zurück auf das Kissen sinken. »Geben Sie es mir!« Sie war froh, dass die Geburt vorbei war und niemand sie hier gefunden hatte.

»Später. Im Moment kümmert sich ein Ärzteteam um ihre Tochter.«

»Was ist mit der Kleinen?«

»Ihr Baby wollte zu früh auf diese Welt, das wissen Sie doch! Aber keine Sorge, es ist wirklich in den besten Händen. Und in zwei, drei Wochen spielt das alles keine Rolle mehr, dann gehen Sie mit einem gesunden süßen Mädchen nach Hause.«

Bestürzt beobachtete die junge Mutter durch die Scheibe die Gruppe junger Ärzte, die im Nebenraum um das Leben ihrer Tochter kämpfte. Bange Minuten vergingen, bis endlich der ersehnte Schrei des Babys zu ihr herüberdrang.

Zwei bis drei Wochen? Nein, so lange konnte sie auf keinen Fall hierbleiben. Sie hatte Pläne – und sie durfte an keinem Ort Spuren hinterlassen, wollte sie diese Pläne nicht gefährden.

 

Nach tagelangen schweren Unwettern hatten die Behörden für weite Teile des Landes den Notstand ausgerufen. Die Stadt ächzte unter der Last des Sturmes, und die sintflutartigen Regenfälle der letzten vierundzwanzig Stunden hatten inzwischen auch das Krankenhaus stark in Mitleidenschaft gezogen.

Die Stromversorgung war in der Nacht zusammengebrochen, und das eingeschaltete Notstromaggregat tauchte die Flure in ein diffuses Licht. »Hoffen wir, dass es bald aufhört«, seufzte Schwester Dolores und schickte einen flehenden Blick nach oben. »Was meinen Sie? Kriegen die das mit dem Strom im Laufe der Nacht wieder hin?« Die junge Kinderärztin steckte ihr Stethoskop in die Kitteltasche und warf einen zufriedenen Blick auf das schlafende Baby. Dann sah sie zu Dolores und hob die Schultern. »Es ist wohl ein größerer Schaden, wie ich gehört habe. Also machen wir uns mal nicht zu viel Hoffnung. Aber etwas anderes: Hat unsere kleine Prinzessin hier inzwischen einen Namen?«

Schwester Dolores streichelte liebevoll die winzige Hand des Säuglings. »Ihr Name ist Clara.«

Aus der Kitteltasche der Ärztin drang der unüberhörbare Ton ihres Pagers. Nach einem kurzen Blick darauf schaltete sie ihn ab und wandte sich zum Gehen. »Ich werde in der Notaufnahme gebraucht. Wenn irgendetwas ist, wissen Sie, wo Sie mich finden!« Sie deutete lächelnd auf den Pager und verließ das Zimmer.

Dolores Johnson beugte sich noch einmal über das kleine Mädchen. Sechs Tage war es gerade alt und viel zu klein für diese Welt, dafür aber eine Kämpferin, die ihresgleichen suchte. »Aus dir wird bestimmt einmal etwas ganz Besonderes!«, flüsterte sie und verließ nach einem prüfenden Blick auf die übrigen Bettchen ebenfalls den Raum.

Kurz nach Mitternacht waren beinahe alle Geräusche auf der Station verstummt, außer dem Dröhnen des Windes herrschte eine fast gespenstische Stille. Schwester Dolores ließ sich erschöpft auf den Stuhl hinter ihrem Monitor fallen und rieb sich die übermüdeten Augen. Die gestillten Babys waren zurück in ihren Bettchen, ihre Mütter schliefen, und eigentlich war es an der Zeit, die Planungen für den nächsten Tag zu machen. Dolores stützte das Kinn auf die Handflächen und schloss für einen Moment die Augen.

Lautlos öffnete sich die Tür der Neugeborenenstation. Eine junge Frau betrat den Flur. Angestrengt lauschend verharrte sie einen Moment nahezu bewegungslos. Erst als ein leises Wimmern unter ihrem Mantel hervordrang, kam Bewegung in die Gestalt. Geräuschlos setzte sie ihre Schritte auf dem steinernen Boden und strebte, immer schneller werdend, dem Stationsausgang entgegen. Das Wimmern war in leises Weinen übergegangen, als sich die Automatiktür hinter ihr schloss und die Gestalt in der Dunkelheit verschwand.

Sie hatte es geschafft. Endlich waren sie und ihr Kind wieder in Freiheit.

Nun konnte sie weiter ihre Pläne verfolgen. Sie würde ein neues, schöneres Leben führen – und vergessen, wer sie eigentlich war. Eine Mörderin.

1.

»Wir müssen reden«, waren die letzten Worte seiner Frau, bevor sie auflegte. Markus schaltete das Autoradio ein, in der Hoffnung, die Nachrichten der Welt würden das Bild in seinem Kopf zertrümmern. Schon seit Tagen drängten sich ihm, wenn er an Katharina dachte, die wildesten Eifersuchtsphantasien auf, nun nahmen sie konkrete Formen an. Um ihr nicht das Gefühl zu geben, von ihm kontrolliert zu werden, hatte er es immer vermieden, sie nach einem erfolglosen Anruf zu Hause auf ihrem Handy anzurufen. Sie hatte ihm aber nie erklärt, wo sie gewesen war, wenn er sie nicht erreicht hatte.

Der Regen peitschte über die Straße, so dass er Mühe hatte, die immer stärker verschwimmenden Konturen der Straßenbegrenzung zu erkennen. Es war ein Tag gewesen, an dem alles schiefgegangen war.

Die Besprechungen in den Firmen waren zäh und langwierig gewesen, und die Abschlüsse, die er als Verkaufsmanager pro Monat zu erbringen hatte, waren wieder einmal ausgeblieben, was dem kommenden Gespräch mit seinem Chef alles andere als zuträglich war. Zudem wurden die freien Tage zwischen den Touren immer seltener, da die Auftragslage total mies war. Markus war mittlerweile fünfunddreißig und hatte eigentlich noch nichts zustande gebracht. Seine Harley war einem VW Passat gewichen, die neue, viel zu kleine Wohnung ließ er von seiner Frau einrichten; nicht einmal seine Kleidung hatte er selbst gekauft. Die anfänglichen Rituale des Verliebtseins waren nach nur zwei Jahren Ehe der Gewohnheit gewichen, und die Bilder, die sich ihm boten, wenn er nach Hause kam, ließen ihn oftmals zusammenschrecken: Katharina auf der Couch vor dem Fernseher, ein müdes »Hallo, da bist du ja!«, mit dem sie ihn empfing, und ein flüchtiger Kuss, ohne aufzustehen.

Aber nichts von alledem war neu und ernsthaft beunruhigend gewesen, bis mitten in eine Sitzung hinein der unüberhörbar schrille Klingelton seines Handys die Köpfe der Anwesenden herumschnellen ließ. Markus hatte, als er den Namen seiner Frau Katharina auf dem Display sah, es kurzerhand weggedrückt und sich dann höflich bei den Umsitzenden entschuldigt. Kaum dass wieder Ruhe eingetreten war, klingelte es erneut. Mit einem verlegenen Nicken war er aus dem Zimmer gegangen und hatte den Anruf entgegengenommen. Von diesem Moment an hatte Markus die Minuten gezählt, bis er sich endlich von seinen Geschäftspartnern verabschieden und in sein Auto steigen konnte. Der Stau in der Innenstadt von Düsseldorf, die lange Autoschlange an der Tankstelle und der einsetzende Starkregen verhinderten ein schnelles Vorwärtskommen. Immer wieder holte er sich Katharinas Worte ins Gedächtnis zurück. Die Art, wie sie ihm sagte, er solle sich beeilen, es sei wichtig, und sie warte auf ihn, regte seine Phantasie in einem Maße an, die er so nicht kannte. War der Tag gekommen, den er so fürchtete? Das Ende seiner Ehe schien ihm fast unausweichlich. Markus musste sich eingestehen, dass er nichts dagegen unternommen, sondern vielmehr dabei zugesehen hatte. Noch bis vor einem Jahr glaubte er sich sicher in dem Gefühl, dass es wohl das Beste war, Katharina damals zu heiraten. Er hatte sich eingeredet, dass es Liebe war, was sie verband.

Sie hatten eine Menge versäumt in ihrer Ehe, versäumt, miteinander zu reden, versäumt, einander kennenzulernen. Viele von Katharinas Charaktereigenschaften mussten tiefere Ursachen haben, als dass sie in einem Satz gesagt waren, und sicher gab es Geheimnisse, die Katharina niemals preisgeben würde, aber wenn Markus ehrlich war, dann hatte er jetzt Angst vor den Abgründen, die sich ihm auftun würden.

Obwohl Katharina am Telefon nicht weiter mit ihm hatte reden wollen, griff Markus doch zu seinem Handy. Er musste einfach wissen, was so wichtig sein sollte. Vielleicht war es ja doch nur wieder das leidige Geldproblem oder die zu kleine Wohnung. In letzter Zeit eskalierte das Thema Lebensverhältnisse, und die Diskussionen um ein eigenes Haus nahmen dramatische Dimensionen an.

Katharina meldete sich jedoch nicht, und bevor die viel zu lange Ansage seines Anrufbeantworters zu Ende war, ließ er das Handy fallen, ergriff mit beiden Händen das Lenkrad und machte eine Vollbremsung. Quietschend kam der Wagen quer hinter einem Lastzug zum Stehen. Sekundenlang war Markus vollkommen unfähig, sich zu rühren. Wie paralysiert verfolgten seine Augen das Wischen der Scheibenblätter, während er darauf wartete, dass das unkontrollierbare Zittern seiner Knie nachließ. Einen Meter weiter und er würde in einem Schrotthaufen unter dem blinkenden Lastzug klemmen und darauf hoffen, dass sein Atem reichte, bis Spezialisten ihn aus dem Wrack herausgesägt hatten. Langsam stieg Wut in ihm hoch. Was für ein Vollidiot parkte im Dunkeln hinter einer Kurve!

Laut fluchend legte Markus den Rückwärtsgang ein, fuhr er ein paar Meter zurück, hupte und setzte zum Überholen an. Dann bremste er erneut. Erst jetzt sah er die Autoschlange, das Blaulicht und den Rest eines Feuers, das soeben in weißem Schaum erlosch.

Als sich sein Wagen wenig später im Schritttempo an der Unfallstelle vorbeibewegte, bot sich ihm ein grauenhaftes Bild. Zwei Fahrzeuge waren ineinander verkeilt, wobei das hintere, ein Kleintransporter, völlig ausgebrannt war. Am Feldrand lagen drei mit Tüchern abgedeckte Körper.

2.

Die Wohnung lag im Dunkeln, als Markus die Tür aufschloss und leise in den Flur trat. Vorsichtig öffnete er die Schlafzimmertür, tastete sich bis zum Bett vor und schaltete die Nachttischlampe an. Das Bett war unberührt. Verdutzt drehte er sich um und lief zum Wohnzimmer.

Wahrscheinlich ist Katharina nur zum Zigarettenautomaten um die Ecke gegangen, dachte er. Seit sie vor einem Jahr arbeitslos geworden war, rauchte sie wieder.

Sein Blick blieb an zwei Gläsern auf dem Couchtisch hängen, als das Licht das Wohnzimmer erleuchtete. Der Aschenbecher war voller ausgedrückter Zigaretten, und die offene Schachtel daneben war noch halb voll. Die verdammten Glimmstängel waren ihr also nicht ausgegangen!

Markus ließ sich auf den Sessel fallen und starrte nachdenklich auf die beiden Weingläser. An einem der Gläser waren deutliche Spuren von Lippenstift zu erkennen.

Bevor er weiter herumrätselte, wählte er Katharinas Mobilnummer, doch ihr Handy war ausgeschaltet. Merkwürdig! Sie schaltete ihr Handy niemals aus, weil sie stets Angst hatte, etwas zu verpassen.

Mittlerweile war es 0:35 Uhr. Wo, um alles in der Welt, konnte sie um diese Uhrzeit sein? Nichts im Ort hatte noch geöffnet. Markus holte die leere Weinflasche unter dem Tisch hervor und studierte das Etikett. Keine der Sorten, die Katharina immer trank, außerdem schien er sündhaft teuer zu sein. Sie hatte offenbar Besuch gehabt. Aufgeregt lief Markus ins Badezimmer und kehrte mit Katharinas Lippenstift zurück. Nach einem Strich auf dem Glasrand war klar, dass es sich um das Glas seiner Frau handelte. Aber warum hatte sie zu Hause Lippenstift aufgelegt? Augenblicklich fiel ihm Christoph ein. Der Freund hatte sich in letzter Zeit sehr verändert. Katharina und er hatten sich zwar schon immer gut verstanden, aber da war dieser eine Blick zwischen ihnen beim letzten gemeinsamen Essen gewesen, der Markus nicht mehr aus dem Kopf ging. Wenn man einmal damit angefangen hatte, kleine Begebenheiten unter einem bestimmten Verdacht zu sehen, schien einem plötzlich alles klar, und der Adrenalinspiegel stieg ins Unermessliche. Dann setzte die Phantasie ein, und es kamen diese verdammten Bilder.

Markus griff zum Telefon und wählte hastig eine Nummer.

»Christoph? Ist Katharina bei euch?«

Am anderen Ende war ein verschlafenes und mürrisches »Nein, wieso?« zu hören.

»Weil sie nicht zu Hause ist. Warst du heute Abend bei uns?«

Wieder ein mürrisches »Nein«, dann wurde aufgelegt.

Markus starrte einen Moment lang wütend auf das Telefon in seiner Hand. Dann atmete er tief durch und wählte die Nummer von Katharinas bester Freundin. Janett war seine einzige Hoffnung; schon häufiger hatten die Freundinnen bis spät in die Nacht zusammengesessen und bei ihren Frauengesprächen jedes Zeitgefühl verloren.

Nach einer halben Ewigkeit wurde endlich abgehoben.

»Janett, ich bin’s, Markus.«

Am anderen Ende hörte man das Klicken eines Feuerzeuges und das Anrauchen einer Zigarette.

»Weißt du, wie spät es ist?«, fragte Janett, wie jemand, der beim Fernsehen nicht gestört werden will.

»Tut mir leid, aber ist Katharina bei dir?«

»Nein! Warum fragst du?«

»Sie ist nicht zu Hause und hat keine Nachricht hinterlassen. Dabei wollte sie mich eigentlich dringend sprechen.«

Wieder entstand eine kleine Pause. Janett blies hörbar den Rauch aus, bevor sie antwortete. »Also bei mir hat Katharina sich nicht gemeldet, aber das …«

»Dann rufe ich die Polizei an!«, unterbrach Markus sie heftig und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er sie nicht hatte aussprechen lassen. Die Verunsicherung in ihrer Stimme war ihm sehr wohl aufgefallen. Was wusste Janett, was er nicht wusste?

Er hörte ein leises Aufstöhnen am anderen Ende der Leitung.

»Und was willst du denen sagen?«

»Dass meine Frau verschwunden ist.«

»Markus, du machst dich lächerlich!«

»Überhaupt nicht! Es muss ihr irgendwas passiert sein!«

Er schrie nun fast ins Telefon und fuhr sich dabei nervös durch die Haare, so wie er es immer tat, wenn er aufgeregt war.

»Verschweigst du mir etwas?«, fragte er.

»Nein, Markus, das tue ich nicht! Pass auf, du gehst jetzt schlafen, und wenn du wieder munter bist, ist Katharina wahrscheinlich wieder da und wird dir alles erklären.«

»Und wenn nicht?«

»Dann kannst du immer noch die Polizei anrufen! Geh schlafen und ruf mich morgen früh noch mal an, falls sie noch nicht da ist. Dann komme ich, ja?«

Ohne seine Antwort abzuwarten, legte Janett auf.

Markus saß minutenlang regungslos im Sessel und starrte auf die Weingläser. Dann stand er auf, holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es an der Tischkante und ließ sich auf die Couch fallen.

 

Er musste für kurze Zeit eingeschlafen sein, denn er schreckte auf, als seine Füße vom Couchtisch rutschten. »Katharina?«

Die Wohnzimmeruhr zeigte kurz nach drei Uhr. Durch die angelehnte Schlafzimmertür schimmerte ein schwaches Licht. Markus sprang auf, war mit drei großen Schritten im Flur und riss die Tür auf.

»Katharina?«

Nichts.

Er hatte die Nachttischlampe brennen lassen. Markus hastete zurück ins Wohnzimmer und tippte eine Nummer ins Telefon. Diesmal wurde sofort abgehoben.

»Notaufnahme Allgemeines Krankenhaus Celle. Sie sprechen mit Schwester Gudrun.«

»Ist bei Ihnen eine Frau mit dem Namen Katharina Franke eingeliefert worden?«

»Einen Moment bitte!«

Nervös trommelte Markus mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte und lauschte angestrengt.

»Hören Sie? Nein, eine Frau namens Katharina Franke ist bei uns nicht eingeliefert worden.«

Enttäuscht und erleichtert zugleich legte Markus den Hörer in die Station zurück. Wenigstens etwas! Katharina war nicht im Krankenhaus! Ihr war anscheinend nichts passiert, aber wo, zum Teufel, war sie?

Eine Familie, bei der sich nach ihr erkundigen konnte, hatte Katharina nicht. Sie war ganz allein auf dieser Welt, zumindest hatte Markus nie etwas von irgendwelchen Verwandten gehört. Als er Katharina vor sieben Jahren kennenlernte, war sie gerade fünfundzwanzig Jahre geworden. Anfangs wunderte er sich nur darüber, wie wenig sie von ihrer Vergangenheit sprach, dann fiel ihm auf, dass sie niemals über sich redete, und als er sie nach Monaten fragte, wann sie ihn denn endlich ihren Eltern vorstellen würde, erfuhr er, dass sie keine hatte. Katharina war bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr in einem Kinderheim in Bremen aufgewachsen, hatte dann eine Lehre als Kauffrau in Hannover gemacht und war danach nicht wieder ihre Heimatstadt zurückgekehrt.

Viel mehr über ihre Vergangenheit wusste Markus nicht. Ihr beharrliches Schweigen über ihre Kindheit hatte er sich so erklärt, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Positives über die Zeit im Waisenhaus zu berichten gab. Seltsamerweise gab es auch keine Fotos, die sie als Kind zeigten. Er erinnerte sich, wie seine Mutter einmal beim Essen vorsichtig das Gespräch auf dieses Thema gebracht hatte. Laut klirrend hatte Katharina daraufhin das Besteck auf den Tellerrand fallen lassen, war erzürnt aufgesprungen und eine halbe Stunde im Bad verschwunden. Nach diesem Vorfall war nie wieder über ihre Kindheit gesprochen worden. Einzig ein kleiner Stoffhund mit Namen »Struppi« zeugte davon, dass Katharina einmal ein kleines Mädchen gewesen war.

Markus griff hinter sich, tastete mit der Hand unter das Sofakissen, holte das zerknautschte Plüschtier hervor und betrachtete es sorgenvoll.

Nein, unmöglich, dass sie ihn verlassen hatte, dann hätte sie Struppi mitgenommen! Katharina liebte diesen Hund über alles!

Das Klappen einer Autotür unten auf der Straße ließ ihn aufschrecken und zum Fenster laufen. Aber es waren nur Leute, die zur Arbeit fuhren.

Enttäuscht ließ er sich wieder auf die Couch fallen und starrte an die Decke. Es war inzwischen fast vier Uhr. Wer sagte ihm denn, dass Katharina nicht schon seit gestern verschwunden war? Vielleicht waren inzwischen viel mehr Stunden vergangen, als er annahm. Von diesem Gedanken getrieben, entschloss sich Markus, zur Polizei zu gehen und Katharina als vermisst zu melden.

3.

»Der Name?«

»Katharina Franke.«

»Alter?«

»Zweiunddreißig.«

»Das Geburtsdatum?«

»30. November 1977.«

»Größe?«

»Eins achtundsechzig.«

»Welche Haarfarbe hat ihre Frau?«

»Braun. Nein, mehr rot im Moment.«

»Augenfarbe?«

»Grün.«

»Besondere Merkmale?«

»Sie hat eine Narbe an der linken Schläfe. Mindestens vier Zentimeter. Man sieht es aber nicht auf den ersten Blick, weil sie die Narbe überschminkt.«

»Was trug ihre Frau, als sie verschwand?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wo könnte sie sich sonst noch aufhalten?«

»Keine Ahnung. Ich habe all unsere Freunde angerufen. Sie ist nirgendwo!«

»Haben Sie ein Foto von Ihrer Frau?«

Hektisch zog Markus seine Geldbörse aus der Gesäßtasche, holte ein zerknittertes Foto heraus und reichte es dem Beamten.

»Sieht Ihre Frau immer noch so aus?«

»Ja, das Foto ist keine drei Wochen alt.«

Der Polizist legte das Bild neben seine Akten, schaute noch einmal darauf und gab es dann Markus zurück.

»Und seit wann vermissen Sie Ihre Frau?«

»Eigentlich seit gestern Abend, aber ich bin mir da nicht sicher.«

Der Polizist zog die Augenbrauen in die Höhe und ließ seine Hände auf die Tastatur sinken. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Franke, aber ich muss ihnen diese Frage stellen: Hatten Sie vielleicht Eheprobleme, oder gab es Streit zwischen ihnen und Ihrer Frau?«

Markus schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Hören Sie, jedem Erwachsenen steht es grundsätzlich zu, seinen Aufenthaltsort frei zu bestimmen, ohne Freunde oder Verwandte darüber sofort zu informieren.«

Markus unterbrach den Polizisten aufgebracht. »Aber meine Frau ist spurlos verschwunden. Ich habe überall angerufen, sie ist nirgendwo!«

Der Polizist verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. »Herr Franke, ich verstehe Ihre Besorgnis. Mir würde es sicherlich genauso gehen, wenn meine Frau weggelaufen wäre. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele der Verschwundenen schon nach wenigen Stunden wieder auftauchen. Manchmal haben sie einfach nur eine kurze Auszeit genommen, vom Alltag, von Problemen, vom Ehepartner …«

»Katharina ist nicht weggelaufen. Sie hat überhaupt keinen Grund dazu!«

Erneut hob der Polizist die Augenbrauen. »Sie arbeiten im Außendienst? Sie sind also selten zu Hause, oft tagelang unterwegs. Wie gut kennen Sie Ihre Frau?«

Markus sackte auf dem Stuhl zusammen und fing wieder an, sich mit beiden Händen nervös über den Kopf zu fahren.

»Meine Frau hat keinen Grund wegzulaufen«, flüsterte er.

Der Polizist lächelte gutmütig. »Herr Franke, Sie gehen jetzt nach Hause und warten auf Ihre Frau. Und sollte sie in den nächsten zwölf Stunden nicht aufgetaucht sein, kommen Sie wieder zu mir. Einverstanden?«

 

Nach einer halben Stunde hatte Markus fast alle Straßen der kleinen Ortschaft abgefahren. Er konnte nicht einfach zu Hause sitzen und auf Katharina warten, so als würde sie jeden Moment vom Einkaufen kommen. Die Angst, dass etwas Furchtbares passiert sein könnte, schnürte ihm die Kehle zu und ließ ihn nicht mehr klar denken.

Lieber Gott, dachte Markus, als er wieder vor seinem Haus einparkte, lass sie einfach eine Nacht bei einem anderen verbracht haben. Bitte, lass es nur das sein! Ich werde es ihr verzeihen.

Es war mittlerweile 6.30 Uhr.

Als er die Treppe hinauflief, hatte er die irrsinnige Hoffnung, Katharina könnte inzwischen wieder zu Hause sein. Er würde ins Schlafzimmer kommen, sie würde im Bett liegen und verschlafen einen Gruß murmeln, er würde ihr einen Kuss geben und sich dann zu ihr legen.

Markus verspürte plötzlich ein Verlangen, sie in den Arm zu nehmen und nie wieder loszulassen. Viel zu oft war sie allein, und auch Janett konnte als Freundin die Lücke, die Markus durch seine langen Touren hinterließ, nicht ausfüllen. Seine Hände zitterten vor Aufregung, daher gelang es ihm erst beim dritten Versuch, den Schlüssel in das Schloss seiner Wohnungstür zu stecken.

Er rannte ins Schlafzimmer. Das Bett war leer. Tief atmend stand er im Raum. Zum ersten Mal kam ihm der beunruhigende Gedanke, dass Katharina ihn tatsächlich verlassen haben könnte. Aufgeregt riss er alle Schranktüren auf. Ihre Kleider waren noch da und lagen akribisch geordnet in den Fächern. Er schüttelte den Kopf und rannte ins Bad. Was war mit ihrem Schminkkoffer? Sie ging nie ungeschminkt aus dem Haus, und selbst in der Wohnung legte sie zumindest Make-up auf, um ihre Narbe zu überdecken.

All ihre Schminkutensilien standen, soweit er es übersehen konnte, auf dem kleinen Glasregal über dem Waschbecken. Markus ließ sich erschöpft auf den Badewannenrand sinken. Sie hatte ihn also nicht verlassen.

Plötzlich klingelte es Sturm an der Wohnungstür. Wie elektrisiert sprang er auf. Sie hat ihren Schlüssel verloren, war der einzige Gedanke, der ihn auf den wenigen Metern zur Tür beherrschte. Er würde jetzt keine Fragen stellen, bis sie von selbst redete. Hauptsache, sie war wieder da!

Markus riss die Tür auf.

Vor ihm stand Janett. Sie drückte ihm wortlos eine Zeitung gegen die Brust und lief an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Verstört schaute Markus auf das Papier in seinen Händen. Er las den Artikel auf der ersten Seite.

»Bei einem schweren Verkehrunfall auf der B 244 nahe Wittingen am Abend des 4. Juli, bei dem drei Menschen tödlich verunglückten, wurde auch eine junge Frau schwer verletzt, deren Identität bisher noch nicht festgestellt werden konnte.«

Darunter war ein Foto abgebildet, das eine Frau zeigte, die Katharina recht ähnlich sah.

»Nein!« Markus schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. »Das kann nicht sein!«

Janett war neben ihn getreten und reichte ihm eine weitere Zeitung.

Markus starrte wieder auf das Bild und schüttelte dann energisch den Kopf.

»Ich bin an diesem Unfall vorbeigefahren. Das Foto ist nicht sehr gut. Das ist sie nicht! Und überhaupt – was sollte sie in dieser Gegend …?«

»Doch, Markus, es ist Katharina! Lass uns hinfahren! Mein Auto steht unten.«

Wie in Trance erhob sich Markus und schlug die Tür hinter ihnen zu.

»Ich bin an dem Unfall vorbeigefahren«, wiederholte er voller Verwirrung, während sie die Treppen hinuntergingen.

 

Es dauerte einige Minuten, bis Markus bereit war, das Krankenzimmer auf der Intensivstation zu betreten. Die Schwestern hatten ihn mit wenigen Worten vorbereitet, damit er bei dem Anblick, der ihn erwartete, nicht allzu sehr schockiert sein würde, und auch Janett wurde gebeten, noch einige Minuten vor der Tür zu warten, bis die Ärzte mit Markus geredet hatten. Ängstlich betrat er das Zimmer, schloss die Tür hinter sich und blieb einige Meter vom Bett entfernt stehen.

Der Kopf einer Frau war so sehr bandagiert, dass außer den geschlossenen Augen, der Nase und den Lippen nichts zu sehen war. Angestrengt versuchte Markus, irgendetwas zu erkennen, das seiner Frau ähnelte. Das sollte Katharina sein? Er ließ den Kopf sinken und wandte sich ab. In diesem Moment wurde die Schiebetür des Intensivraumes aufgeschoben. Zwei Ärzte, ein älterer und ein jüngerer, traten ein und stellten sich als Prof. Dr. Olbrisch und Doktor Köhler vor.

»Herr Franke? Gut, dass Sie sich gemeldet haben!«

Markus starrte sie an, ohne ihren Gruß zu erwidern.

»Ich weiß nicht, ob das meine Frau ist!«, stieß er hervor.

»Gibt es ein besonderes Zeichen, das nur Ihre Frau hat?«, fragte der Professor. »Ein Tattoo oder eine Narbe vielleicht?«

»Ja, an der linken Schläfe, aber die ist ja …« Er rang mit seiner Fassung.

Prof. Olbrisch sah ihn mitfühlend an. »Durch die Kopfverletzung ist das Gesicht dieser Frau im Moment noch …«

»Das da ist nicht meine Frau! Da bin ich mir beinahe sicher.« Markus schaute in das verdutzte Gesicht der beiden Ärzte. »Wie soll ich denn jemanden identifizieren, der völlig eingewickelt ist!«

Nach einem Moment der Ratlosigkeit ging Markus langsam an das Bett, ergriff die verbundene rechte Hand und schob den Verband ein wenig zur Seite. Man konnte deutlich ein etwa drei Millimeter großes Muttermal auf dem Handrücken der Verletzten erkennen.

Als wäre mit einem Schlag alle Kraft aus ihm gewichen, sackte Markus auf dem Stuhl neben Katharinas Bett zusammen. »Es ist meine Frau«, sagte er tonlos.

Prof. Olbrisch legte ihm vorsichtig die Hand auf den Unterarm. »Wir lassen Sie jetzt erst einmal allein, bevor ich Ihnen dann in meinem Büro alles weitere erklären werde.«

Markus nickte schwach, als die beiden Ärzte das Zimmer verließen.

»Berühren Sie Ihre Frau, sonst werden Sie die Angst nicht überwinden können!«

Eine korpulente, ältere Schwester stand plötzlich hinter ihm.

»Und wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen die einzelnen Geräte!«

Abwehrend hob Markus die Hand. Die Schwester nickte ihm daraufhin aufmunternd zu und verließ leise den Raum.

Argwöhnisch betrachtete Markus den vor ihm liegenden Körper und die unzähligen Schläuche und Kabel, die, von ihm weg, zu den Überwachungsgeräten führten. Er wagte nicht, Katharina zu berühren. Alles hier jagte ihm eine noch nie gefühlte Angst ein.

»Wach auf, Katharina, bitte! Bitte, mach die Augen auf!«, flüsterte er leise.

4.

Markus fixierte das Fenster im Rücken des Professors. Die Tasse Kaffee, die man ihm angeboten hatte, schob er zur Seite.

»Hatte meine Frau nicht irgendetwas bei sich? Eine Handtasche oder etwas anderes? Wo ist ihr Ehering? Sie muss doch ihren Ring getragen haben!«

Der Professor schüttelte bedauernd den Kopf. »Es tut mir leid. Uns wurde nichts mitgegeben. Offenbar ist alles verbrannt. Selbst ihre Kleidung … Entschuldigen Sie, wir mussten sie aufschneiden, als sie eingeliefert wurde. Von einem Ehering weiß ich nichts, aber ich werde mich erkundigen und Ihnen dann Bescheid geben.«

Markus schaute weiter starr aus dem Fenster.

Einen Moment lang studierte der Professor seine Unterlagen.

»Ihre Frau hat durch den Unfall etliche Verletzungen erlitten. Man nennt das Polytrauma. Der Körper reagiert dabei oft panisch. Es schrillen sozusagen alle Alarmglocken auf einmal. Dadurch kommt es bei dem Verletzten zu schwerem Stress, wodurch ein lebensbedrohlicher Zustand eintreten kann. Es war also im Falle ihrer Frau dringend notwendig, sie schon am Unfallort in ein künstliches Koma zu legen. Es dient einzig der Schonung des Patienten. Es sind mehrere Rippen gebrochen, so dass sie bei Bewusstsein unter großen Schmerzen beim Atmen leiden würde, was zu einer geringen Atemtiefe und somit zu einer verminderten Sauerstoffaufnahme führen würde. Da es sich leider abzeichnet, dass wir das künstliche Koma über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten müssen, haben wir zur Erleichterung der Beatmung einen Luftröhrenschnitt gemacht.«

Markus versuchte sich zu konzentrieren, aber die Worte des Professors schienen wie aus weiter Entfernung zu dringen.

»Außerdem erlitt Ihre Frau durch den seitlichen Aufprall des Kopfes eine große Platzwunde und eine schwere Gehirnerschütterung. Ein Schädel-Hirn-Trauma haben wir Gott sei Dank ausschließen können. Die größte Sorge bereitet uns aber im Moment eine Verletzung an der Wirbelsäule …«

»Was? Entschuldigung, ich hab einen Moment lang …«, unterbrach Markus sichtlich überfordert.

Der Professor nickte rücksichtsvoll. »Entschuldigen Sie, manchmal vergessen wir, dass es auch Nichtmediziner gibt. Ich weiß, dass sich das alles furchtbar für Sie anhört, aber was das künstliche Koma angeht, so ermöglicht es dem Körper …«

»Wie lange wird sie im Koma liegen?«

Für einen Moment herrschte Stille.

»Das können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.«

5.

Das kleine Zimmer, unweit des DRK-Krankenhauses Hannover, das Markus bezogen hatte, um jeden Tag bei Katharina sein zu können, war alles andere als komfortabel, aber er war froh, so rasch eine Unterkunft gefunden zu haben. Jeden Morgen, wenn er zu Fuß zum Krankenhaus unterwegs war, spornte ihn ein einziger Gedanke an. Katharina könnte wach sein, wenn er kam! Dieser Gedanke beherrschte ihn, wenn er abends das Licht löschte, und es war das Erste, was er am Morgen dachte.

Fast zwei Wochen waren seit Katharinas Unfall vergangen, und noch immer zögerten die Ärzte, sie aus dem künstlichen Koma aufzuwecken. Markus verstand die Erklärungen des Professors nicht, obwohl dieser sich alle erdenkliche Mühe gab, ihm die komplizierten medizinischen Fachbegriffe so einfach wie möglich zu erklären. Die gebrochenen Rippen waren beinahe wiederhergestellt, die übrigen Verletzungen so weit ausgeheilt, dass die Schmerzen erträglich wären, nur die Wirbelsäule machte noch Probleme. Die Ärzte konnten Markus jedoch insofern beruhigen, dass Katharina keine Querschnittslähmung drohte.

Markus war inzwischen mehrere Male bei der Polizei gewesen, die, da es keine Zeugen gab, noch immer nach der Unfallursache und dem Schuldigen suchte. Die Versicherung hatte sich wegen des Totalschadens an Katharinas Auto gemeldet, wollte aber nicht zahlen, solange der Verursacher des Unfalls nicht festgestellt war. Die Arbeitsagentur schrieb, dass Katharina eine Umschulung besuchen sollte, und ein Versandhaus schickte zwei Pakete mit Kleidern. Das Leben ging weiter, nur nahm Katharina nicht mehr daran teil.

Die Physiotherapeuten trainierten ihre Muskeln und Gelenke, die Schwestern wechselten die Blumen, die er jeden vierten Tag mitbrachte, und Markus wartete, jeden Tag, stundenlang. Oft hörte er die Schwestern tuscheln und bemerkte ihre teils mitleidigen, teils anerkennenden Blicke. Thomas Amberg, sein Chef, hatte ihn für unbestimmte Zeit beurlaubt, und vor zwei Tagen waren Janett und ihr Mann Rainer zu Besuch gekommen. Verlegen hatten sie eine Weile neben Katharinas Bett gestanden und versucht, mit Markus ins Gespräch zu kommen.

Zum ersten Mal war die Frage ausgesprochen worden, die Markus bisher nicht zugelassen hatte. Ob Katharina denn jemals wieder gesund werden würde, wollte Rainer wissen. Obwohl er diese Frage sehr vorsichtig gestellt hatte, war Markus wütend auf ihn losgegangen und hatte die Freunde kurzerhand aus dem Zimmer geworfen.

Dann stand er minutenlang regungslos an der geschlossenen Tür. Was war, wenn sie recht hatten? Was, wenn die Ärzte ihm etwas verschwiegen? Wäre er stark genug und würde seine Liebe zu Katharina reichen, ein Leben an der Seite einer kranken Frau zu verbringen?

Fast panisch war er an Katharinas Bett zurückgekehrt und hatte ihr beschwörend ins Ohr geflüstert: »Hör nicht auf sie, Liebes! Es wird alles gut, glaub mir, es wird alles gut!«

 

Einen Tag Auszeit war alles, wozu er sich auf Drängen der Schwestern hin hatte überreden lassen. Als er aber nun im strömenden Regen auf sein Haus zulief, überkam ihn eine unfassbare Einsamkeit. Dieser Sommer war früh zu Ende gegangen, die Linden am Straßenrand begannen sich bereits gelb zu färben, und die ohnehin graue Hausfassade wirkte noch hässlicher. Wie immer war die kleine Einbahnstraße lückenlos zugeparkt, Markus war entnervt fünf Mal um den Block gefahren und hatte schließlich zwei Straßen weiter sein Auto abgestellt. Der Briefkasten war restlos überfüllt, und irgendwann hatte jemand einfach einen Schuhkarton daraufgestellt und mit seinem Namen versehen. Markus leerte den Kasten, stopfte alles in den Karton und ging in den dritten Stock hinauf.

Schon beim Betreten der Wohnung fiel ihm der merkwürdige Geruch auf, der aus der Küche zu kommen schien.

Markus stellte den Karton auf dem Küchentisch ab und öffnete den Topf, der auf der Herdplatte stand. Er riss den Kopf zurück, als ihm der beißende Gestank einer schmierigen Nudelmasse entgegenschlug. Schnell legte er den Deckel auf, nahm den Topf und lief damit aus der Küche. Hilflos starrte er auf den Topf in seinen Händen, eilte dann ins Wohnzimmer, riss die Balkontür auf und stellte ihn nach draußen. Für einen Moment stand er verloren im Wohnzimmer herum, dann ließ er sich laut stöhnend auf das Sofa fallen und legte die Beine auf dem Couchtisch ab. Katharina würde jetzt sicher meckern, dachte er voller Wehmut.

»Zieh wenigstens die Schuhe aus!«, würde sie sagen, und er würde wie immer brummelnd ihrer Aufforderung folgen.

Die Sehnsucht nach ihr ließ ihn hastig die Schuhe von seinen Füßen streifen und dann mit einem lauten Aufschrei gegen den Tisch treten.

Als er dann noch den schwarzen Fleck an seinem Schienbein sah, war seine Stimmung am Tiefpunkt angelangt. Er war an der Anhängerkupplung eines silbergrauen Audis hängengeblieben, als er sich vor dem Haus durch die eng parkenden Autos gewunden hatte. Laut fluchend sprang er auf, lief in die Küche, riss eines der Geschirrtücher vom Haken und versuchte hektisch, den öligen Fleck zu entfernen, aber der war äußerst hartnäckig, und inzwischen hatte das Blau seiner Jeans das weiße Tuch verfärbt, so dass er es unmöglich zurückhängen konnte, sondern verärgert in den Wäschekorb warf.

Während er den Korb schloss, hielt Markus plötzlich in der Bewegung inne. Dieser Wagen, fiel ihm plötzlich ein, war ihm schon an jenem Abend, als Katharina verschwunden war, aufgefallen. Jetzt, drei Wochen später, stand er noch immer an derselben Stelle. Markus riss das Fenster auf und lehnte sich hinaus. Leider war es ihm unmöglich, das Nummernschild zu erkennen. Unzufrieden setzte er sich wieder auf die Couch zurück und ließ seinen Blick ziellos durch das Zimmer streifen. Es war idiotisch, hierherzukommen, stellte er missmutig fest, aber wenn er allein in seinem angemieteten Zimmer hockte, versetzten ihn die Angst und die Vorstellung, dass Katharina plötzlich in der Nacht sterben könnte, allabendlich in Panik.

Eines Nachts hatte er sogar angefangen zu beten. Er kannte zwar kein einziges richtiges Gebet, aber er hatte Gott laut angefleht, Katharina endlich aufwachen zu lassen. Am Morgen darauf war er, in der fast gläubigen Hoffnung, Gott könnte ihn tatsächlich erhört haben, den gesamten Weg zum Krankenhaus gerannt, aber als er atemlos das Krankenzimmer betrat, bot sich ihm der immer gleiche Anblick: eine schlafende Frau.

Eine kleine weiße Ecke Papier, die aus dem untersten Schubfach des Schrankes schaute, erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit. Er stand wieder auf, lief zum Schrank und zog das Schubfach auf. Nachdenklich drehte Markus den Sparkontoauszug mit der inzwischen fünfstelligen Summe zwischen seinen Händen. Katharina hatte ihn also doch gefunden. Die letzten Nächte vor ihrem Unfall hatte er damit verbracht, sich den Moment vorzustellen, wenn er ihr von seinem Vorhaben erzählen würde. Ein eigenes Haus! Er hatte vor, es sofort zu kaufen, sobald sich der langersehnte Nachwuchs ankündigte. Zwar war dieses Thema von Katharina bis auf weiteres auf Eis gelegt worden, weil sie meinte, in ihrem seelischen Zustand keine besonders gute Mutter sein zu können, aber Markus hoffte trotzdem allmonatlich auf ein Wunder.

Und was sprach gegen ein Kind, wenn es für sie ohnehin keine Aussicht auf eine neue Anstellung gab? Katharina würde ganz sicher, wenn es erst einmal da war, in ihre Mutterrolle hineinwachsen. Ein Kind war eine wirkliche Aufgabe, und genau diese Erfüllung hatte sie doch gesucht.

Zugegeben, er hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, wie sehr er seiner Frau vielleicht fehlen könnte. Er brachte das Geld nach Hause, so dass sie sich ein halbwegs komfortables Leben ohne größere Sorgen leisten konnten, in den letzten zwei Jahren waren sie im Sommer nach Griechenland und in die Türkei geflogen, und auch sonst schien ihre Ehe ganz gut zu funktionieren. Aber was wusste er denn schon? Im Grunde viel zu wenig. Die kurze Zeit, die sie zwischen zwei Touren miteinander verbrachten, war eher Urlaub als Alltag. Markus schlief lange, sie gingen einkaufen, und abends traf er sich mit Freunden, oder man saß gemeinsam vor dem Fernseher. Er kannte kein einziges Hobby oder wenigstens eine Vorliebe von Katharina, abgesehen vom stundenlangen Shoppen oder den Abenden mit Janett. Aber was tat sie den ganzen Tag, wenn er nicht da war? Mit wem traf sie sich sonst noch?

Der Professor hatte ihm mitgeteilt, dass man Katharina ohne Ehering gefunden hatte. Warum hatte sie ihn abgenommen? Hatte Markus alle Zeichen des drohenden Endes seiner Ehe übersehen? War alles, was er für ihre gemeinsame Zukunft erarbeitet hatte, umsonst, weil es sie so vielleicht gar nicht mehr geben würde? Wo war sie an den vielen Abenden gewesen, an denen er vergeblich versucht hatte, sie zu erreichen? Hatte sie ihm vielleicht wirklich ein Verhältnis mit einem anderen beichten wollen? Wohin wollte sie an jenem Abend? Was war so dringend gewesen, dass sie nicht auf ihn warten konnte?

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