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Die Freiheit am Morgen. Roman

HoCa-eBook-Burg

Martin Simons

Die Freiheit am Morgen

Roman

Hoffmann und Campe Verlag

Vorher

Er steht am Rand des Hochhausdachs und schaut hinab. Dort unten, auf Potsdamer Straße und Platz, geht alles seinen Gang, staut sich Verkehr, flanieren Passanten. Er trinkt einen Schluck Red Bull und denkt, wenn es dumm läuft, erschlägt er jemanden, falls er das Gleichgewicht verliert.

Er schließt die Augen und versucht, sich den Aufprall vorzustellen, diese Explosion von Schmerz, sekundenbruchteillang, bevor das Bewusstsein erlischt. Der Sog ist wie ein Lasso, das an ihm zerrt. Sein Oberkörper neigt sich Stück für Stück vor. Es ist, als ob ein fremder Wille in ihn fährt.

Wieder blickt er in die strudelnde Tiefe. Sein Puls pocht laut in den Ohren. Der Wind kühlt seine Schläfen.

Er kehrt zurück in die Kanzlei im dreiundzwanzigsten Stock. In seinem Büro wartet die Kollegin. Sie möchte ihren Vortrag mit ihm abstimmen, da sie beide am Nachmittag vor den Partnern referieren. Sie lehnt an seinem Schreibtisch und äugt nach den darauf verstreuten Papieren. »Wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Wir waren verabredet.«

Ihr Ton und Gesichtsausdruck, obwohl in gewisser Weise berechtigt, ärgern ihn. »Fängst du jetzt an zu weinen?«, fragt er zurück und weiß, dass er damit ihren wunden Punkt trifft.

Sie verlässt auf der Stelle den Raum. Er spürt, wie Blut seine Wangen erhitzt. Kurz überlegt er, ihr nachzugehen und sich zu entschuldigen. Aber dann denkt er an ihren schlecht sitzenden Hosenanzug und versetzt dem Papierkorb einen Tritt.

Er hat seinen Vortrag erst oberflächlich vorbereitet, dennoch muss er sich an eine andere Sache setzen, zu der er diese Woche einfach nicht gekommen ist. Die Verzögerung ist gegenüber den Mandanten nicht mehr zu vertreten. Nur waren die Fälle mit größerem Streitwert beinahe genauso dringlich. Nach der Sitzung jedenfalls hat er für dieses Schreiben keine Zeit, um Viertel nach sechs geht sein Flug, den er auf keinen Fall verpassen kann.

Er arbeitet für Tennenbaum & Koch, eine der umsatzstärksten Anwaltskanzleien weltweit. Er befindet sich auf dem Weg zur Partnerschaft. Wenn er sich bewährt, ist er in spätestens vier Jahren, jedenfalls noch in seinen Dreißigern, Gesellschafter und in nicht allzu ferner Zukunft Einkommensmillionär. Im Grunde eine erfreuliche Aussicht, wenn er sich bloß sicher wäre, dass Geld ihn genug interessiert.

Als er den Besprechungsraum betritt, hat Koch die Sitzung bereits eröffnet. Er weiß, wie viel Wert der Seniorpartner auf Pünktlichkeit legt, aber es wäre ein Fehler, sich zu entschuldigen. Verspätet ist man für Koch allein aus triftigem Grund, darüber muss man dann nicht auch noch unnütze Worte verlieren.

Die Kollegin im schlecht sitzenden Hosenanzug präsentiert mit Hilfe von Powerpoint. In seinen Augen eine Dummheit. Nur ein freier Vortrag wirkt souverän und überzeugend. Sie aber wirft Schaubild um Schaubild an die Wand und erklärt trotzdem kaum anschaulich, wie sie Elektron/Frankreich zu einer niedrigeren Ertragssteuer in Deutschland verhelfen will. Als er das hört, tut sie ihm leid. Er wird eine steuerliche Umstrukturierung von Elektron vorschlagen, nach der alle voll steuerpflichtigen Zinseinnahmen in nahezu steuerfreie Dividenden umgewandelt werden. Elektron spart so zukünftig in jedem Quartal Millionen.

Doch als er an der Reihe ist, ahnt er, dass er bei der gehetzten Vorbereitung in der übervollen Woche die Schwachstelle in seiner Lösung übersehen haben könnte. Er schaut an den Köpfen seiner erwartungsvollen Zuhörer vorbei in den weiten Raum, aus dem der Blick durch große Fensterfronten in drei Himmelsrichtungen über das flache, fast steppenhafte Berlin geht, und spürt, wie ihm das Herz im Hals schlägt.

Er konzentriert sich auf seine Grundidee, der er vertrauen muss, er hat sie schließlich noch und noch durchdacht. Während er vorträgt, denkt er an eine Zeichentrickfigur, kurz bevor sie bemerkt, dass sie längst auf bloßer Luft läuft.

Sobald er zu Ende gesprochen hat, rollt Koch in seinem Drehstuhl ans westliche Fenster und schaut hinaus. Gewöhnlich stellt Koch jetzt eine Frage zum Verständnis, deren Unterton die weitere Diskussion bestimmt. Doch diesmal, ganz in weiches Nachmittagslicht gehüllt, sagt er bloß: »Wir haben einen herrlichen Nachsommer. Gehen Sie ins Wochenende, liebe Kolleginnen und Kollegen, sperren Sie mal wieder Ihre Sinne auf.«

Er spürt, wie ihm von allen Seiten Blicke zufliegen, denkt sich Anerkennung, Neugier, vor allem Neid darin. Nur seine Vorrednerin ignoriert ihn und starrt auf etwas, das vor ihrer Nasenspitze zu schweben scheint. Möglicherweise begreift sie endlich, dass es vorbei ist. Sie hat in der Firma keine Zukunft. Spätestens seit über sie Gerüchte kursieren, dass sie gegenüber Mandanten emotional und verletzlich sei, dem Druck nicht gewachsen und sich nach Besprechungen regelmäßig auf der Toilette einschließe, um dort zu weinen.

Als das Gerede begann, hatte er Mitleid und verabredete sich mit ihr noch zum Mittagessen, während andere, Klügere, sie bereits wie einen Seuchenherd mieden. Er hielt das für kollegial. Ein Missverständnis, unter dem er seit Wochen leidet. Denn seit diesem Lunch sucht sie ständig seine Nähe, mischt sich in seine Fälle ein und versucht überhaupt den Eindruck zu erwecken, sie beide seien ein Gespann. Obwohl er sich bloß anständig verhalten wollte, ist er nun der Einzige, der eigentlich grausam zu ihr ist. Er weiß sie nicht anders auf Distanz zu halten.

Auf dem Flur geht Koch neben ihm und stößt ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. Unwillkürlich pufft er zurück. Koch blinzelt vergnügt und drückt ihm einen Handballen an die Wange, wobei in der Schwebe bleibt, ob er ihn streicheln oder ohrfeigen will. »Das war gut. Sie fliegen mit mir nächsten Donnerstag nach New York. Ich mache Sie mit Tennenbaum bekannt.«

Bis zu diesem Moment hat er angenommen, dass er gegenüber seinen Konkurrenten im Hintertreffen liegt. Der Kuchen, der unter den Gesellschaftern zu verteilen ist, wird seit Jahren kleiner. Die Anforderungen an neue Partner wachsen. Sie sollen nicht nur brillante Juristen und praktisch unbegrenzt belastbar sein, sondern möglichst auch über Beziehungen verfügen, die helfen, neues Geschäft zu akquirieren. Er kann mit keinen Kontakten dienen. Offenbar aber ist das überhaupt kein Nachteil.

Koch lässt ihn vor seinem Büro stehen, dreht sich nach einigen Schritten aber noch einmal um. »Tennenbaum braucht unbedingt unsere Einschätzung zu Opel. Ich habe schon was vorbereitet. Lassen Sie sich doch von meinem Sekretariat die Akten geben und machen Sie die Sache fertig. Tennenbaum geht morgen nach Indien und hat nur im Flugzeug Ruhe draufzuschauen. Schicken Sie die Unterlagen bis spätestens morgen um dreiundzwanzig Uhr unserer Zeit nach New York. Es ist gut, wenn Sie das machen, damit er schon mal was von Ihnen gelesen hat, wenn er Sie dann trifft.«

»Wollen Sie es sich nicht zuvor noch ansehen?«

Koch lächelt. »Nein, ich wollte Ihnen vertrauen. Ist das ein Problem?«

Koch nutzt es aus, dass er eine saftige Möhre in den Händen hält. Was bleibt ihm übrig, als wie ein Esel zu folgen und ein weiteres Wochenende durchzuarbeiten, obwohl er sich das Gegenteil geschworen hat? Er geht in sein Büro, schließt die Tür und braucht einen Moment, bevor er Kathrins Nummer wählt.

»Sag es nicht«, sagt sie zur Begrüßung.

»Ich kann nicht kommen.«

Sie fängt an zu lachen. »Ich wusste es.«

Er atmet tief aus und erklärt, warum er nicht nach Zürich fliegen kann.

»Klingt, als hättest du es geschafft.«

»Was geschafft?«

»Tu nicht so. Du willst doch unbedingt Erfolg. Und Probleme, die sich andere nicht leisten können.«

»Das denkst du?«

Sie schweigt einen Moment »Gestern bin ich mit einer Kollegin aus der Psychiatrie zufällig in die Lecture eines Psychologieprofessors geraten. Es ging um pathologische Fälle aus seiner Praxis, Stalker, Sexualverbrecher, Gattenmörder, die schwärzesten Abgründe der menschlichen Seele. Dennoch endete dieser Mann mit dem Bekenntnis, er glaube an die absolute Liebe. Er könne sie aber nicht beschreiben. Was meinst du dazu?«

Er schweigt, um ein Gespräch abzuwenden, das er nicht jetzt und keinesfalls am Telefon führen will.

»Interessant war, dass er absolute Liebe, im Gegensatz zur sogenannten wahren Liebe, als etwas Unerklärliches darstellte, ein Phänomen, das überhaupt noch nicht beschrieben worden sei, in keinem Buch, in keinem Film, in keinem Lied. Das es aber dennoch gebe.«

Er versteht nicht, warum sie plötzlich so eindringlich von Liebe spricht. Es passt nicht zu ihr. Ist das der Einfluss der Kollegin, mit der sie seit kurzem so auffällig viel Zeit verbringt? Oder ist es in Wahrheit ein Kollege? Er spürt, wie der Druck unter seiner Schädeldecke zunimmt.

Auf der Suche nach einer Kopfschmerztablette zieht er sämtliche Schubladen seines Schreibtisches auf. »Ist die absolute Liebe denn erstrebenswert?«

»Ja, nur ist sie die absolute Ausnahme.«

»Dachte ich mir.«

»Es ist sehr schade.«

Er weiß nicht, was er darauf entgegnen soll. Er hört sie atmen. Endlich sagt sie: »Ich lege jetzt auf.«

Er gibt ein Alka-Seltzer in ein Glas mit Wasser und sieht zu, wie sich die Tablette sprudelnd auflöst, bis sie schließlich so hauchdünn ist, dass er durch sie hindurch das graue Linoleum auf seinem Schreibtisch erahnen kann. Er sollte froh sein, dass er nicht fliegt. Der Besuch wäre ein Fehler gewesen. Aber eben ein Fehler, den er unbedingt begehen will. Er weiß zurzeit nichts anderes, das vielversprechender wäre.

Am Abend hat er sich einen Überblick darüber verschafft, was er bis morgen dreiundzwanzig Uhr erledigt haben muss. Er hat erwartet, dass es viel ist, aber es ist noch viel mehr. Er fragt sich, ob Koch das bewusst ist. Er sollte durcharbeiten, bis ihm die Augen zufallen, sich kurz im Ruheraum hinlegen und dann gleich weitermachen. Angeblich erreicht man so den Tunnel, jenen Zustand, in dem man weder Hunger und Durst noch Müdigkeit und Zeit spürt. Er kennt den Tunnel nur vom Hörensagen.

Um halb elf kann er sich nicht mehr konzentrieren. Er wirft einen Blick auf sein Telefon, hofft auf eine Nachricht von Kathrin, aber es wird bloß eine ihm unbekannte Nummer angezeigt. Er ruft zurück. Eine Frau meldet sich mit einer Stimme, tief und weich, die ihm einen Schauer über die Haut jagt. »Ich bin wieder da.«

»Ja?«

»Du erkennst mich nicht«, sagt die Frau in einem veränderten Tonfall und lacht. »Emmi!«

Damit hat er nicht gerechnet. Er spürt, wie sein Brustkorb warm und weit wird.

»Ich sitze im Nikolai. Kommst du vorbei?«

Er sollte widerstehen, er weiß. Dennoch steigt er zehn Minuten später in ein Taxi und redet sich gegen alle Vernunft ein, dass ihm nach einem Glas mit Emmi die Arbeit leichter fallen wird.

Die Stadtlandschaft gleitet an ihm vorbei, gleitet schon seit Jahren so an ihm vorbei, vielleicht ohne Spuren zu hinterlassen. Er merkt, wie der Fahrer ihn im Rückspiegel mustert. Er wirkt intelligent, ist in seinem Alter, was mag er denken? Zu seinem italienischen Anzug mit Einstecktuch, seinen Schuhen aus blondem Kalbsleder, seiner Brille aus mattem Horn? Als sie vor dem Lokal halten, gibt er unwillkürlich ein übertriebenes Trinkgeld.

Emmi küsst ihn zur Begrüßung auf den Mund, faltet die Arme in seinem Nacken und strahlt ihn aus großen braunen Augen an. »Ich habe schon für uns bestellt. Ich bin dabei zu verhungern.« Auf dem Tisch stehen zwei Teller mit Entrecôte und Sauce Roquefort und eine Flasche Roséwein.

»Wie geht es dir?«

Er antwortet mit einer unbestimmten Handbewegung.

»Du bist also noch immer in der Kanzlei. Warum?«

»Ich höre auf, sobald ich jemanden finde, der mich fürs Bücherlesen, Weintrinken und Herumstreifen bezahlt.«

Sie lacht, schüttelt aber gleichzeitig den Kopf. »Du bist alt genug.«

Er ist froh, dass sie ihn nicht nach Kathrin fragt, obwohl sie von ihr weiß. Ihr beider Liebesleben ist ein Thema, das sie bei ihren Treffen wie auf Verabredung meiden.

Wie eigentlich fast immer, wenn er Emmi sieht, hat sie Phantastisches zu erzählen. Diesmal ist sie gerade aus Indien zurück, wo sie in Begleitung eines Produzenten unterwegs war, der mit ihr eine Dokumentarfilmreihe plant. Sie soll als eine Art graphische Reporterin exotische Orte bereisen und ihre Eindrücke zu Skizzen, Zeichnungen, Bildern verarbeiten. Dabei wird sie gefilmt. Jeweils eine halbe Stunde aus Brasilien, China, Kuba, Mexiko und zum Auftakt eben Indien. Er kann sich vorstellen, welch entzückenden Anblick Emmi im zarten Morgenlicht vor dem Tadsch Mahal abgibt, wenn sie mit einer großen Brille in ihrem einschüchternd hübschen Gesicht malt, reißt, klebt, zeichnet, skizziert und collagiert.

»Wenn ich zeichne, denke ich nichts, es ist wie Meditieren, aber ich nehme viele Geräusche wahr, schon komisch. Es ist wie ein Wachtraum. Alle Sinne sind geschärft, aber das Bewusstsein macht Pause.«

Er trinkt einen Schluck Wein. »Das also ist auch Arbeit. Beneidenswert.«

»Oder?«, freut sie sich.

Wieder einmal findet er sie bezaubernd, wieder einmal fragt er sich, warum er trotz eigentlich unmissverständlicher Signale nie zugegriffen hat.

 

Nach dem Essen sind sie auf dem Weg zu einem Fest. Roland, ein Freund von Emmi, feiert mit seiner Galerie fünfjähriges Jubiläum.

In der gebrochenen Luft liegt eine Ahnung von Herbst. Er freut sich schon auf das leise Klacken der Bucheckern, die bald auf gekieste Wege fallen werden, wenn er morgens durch den Tiergarten ins Büro geht. Ein herzerwärmendes Geräusch im Vergleich zu den dumpf dröhnenden Kastanien.

Emmi hält seinen Arm und drängt sich in ihrem dünnen Kleidchen an ihn. Er fühlt sich mit jedem Schritt leichtsinniger, an seine Arbeit denkt er bloß mit einem inneren Schulterzucken. Er wird sie morgen erledigen, irgendwie und in heller Panik zwar, aber am Ende rechtzeitig, wie er am Ende noch immer alles rechtzeitig erledigt bekommen hat, soweit er sich erinnert.

Emmi führt ihn an der Hand in die von Menschen überlaufene Galerie, die im selben Haus wie seine Wohnung liegt, grüßt und küsst sich ihren Weg durchs Gedränge in die hinteren Räume, dorthin, wo etwas weniger Leute sind. Er freut sich, als sie ihm Roland vorstellt, der ihn interessiert.

Doch Roland ist abweisend, gerade, dass er seinen Gruß erwidert. Als er hört, dass er bei Tennenbaum & Koch Anwalt ist, bemerkt er, dass man sich für Geld immerhin schöne Kunst kaufen könne.

Er lässt Emmi mit Roland allein und hält Ausschau nach Getränken. An dem Tisch mit Bier, Wein und Spirituosen lobt ihn ein Mann für seinen maßgeschneiderten Anzug. Er stellt sich als Leeland vor und beklagt, wie verstörend die Nachlässigkeit der Berliner Gesellschaft in Kleiderdingen für einen Nordafrikaner sei. »Bei uns ist man eitel. Wer in die Öffentlichkeit geht, will sich dort sehen lassen können. Ein Gebot des Anstands, nicht?«

»Absolut.«

Sie verständigen sich über die ästhetischen Zumutungen aufgrund der Bequemlichkeit und Geschmacklosigkeit der Deutschen. Leeland und er stimmen überein, dass Jogger in hautengen Hosen, Stadttouristen mit Walkingstöcken, junge Mütter in Funktionskleidung amoralische Menschen sind, Verbrecher gegen den ästhetisch noch nicht behinderten Teil der Menschheit. Sein neuer Bekannter knetet ihm vor Einverständnis die Schulter.

Ein wenig später sucht er Emmi, findet aber nur Roland, der sich plötzlich für ihn interessiert. »Du kennst Leeland?«

»Nein.«

»Ein undurchsichtiger Kerl.«

»Findest du?«

»Ich weiß es. Mit dem willst du dich nicht einlassen. Was hat er über die Mädchen gesagt?«

»Welche Mädchen?«

»Ich würde gern wissen, was Mara mit ihm zu tun hat.«

»Wer?«

»Die Brünette.«

Er blickt sich zu Leeland um, der sein Glas hebt und zu ihm hinüber lacht. Er steht zwischen zwei Frauen. »Die mit den rötlichen Haaren?«

Roland schaut verwirrt. »Rot?«

»Mit dem kurzen Rock.«

»Genau.«

»Ist sie Russin?«

»Wie kommst du darauf?«, will Roland wissen.

»Sie sieht russisch aus.«

»Ihr Vater könnte Russe sein. Er ist Russe, glaube ich.«

»Was ist mit ihr?«

»Weiß ich nicht. Ich habe sie bei einem Essen getroffen. Da kam sie gerade zurück aus Marokko, wo sie jahrelang gelebt hat. Werde aus ihr nicht schlau. Sie hat was. Aber es kursieren wilde Gerüchte über sie. Ich frage mich, was sie mit einem Typen wie Leeland macht. So einer hat sie nicht verdient.«

»Wenn sie ihn will.«

»Das fände ich ungerecht.«

Er findet so viel Selbstgerechtigkeit bemerkenswert. »Wo ist Emmi?«

Roland hebt gleichgültig eine Schulter.

Er sollte Emmi suchen und sich verabschieden. Dann schleunigst ins Bett. Aber er bleibt. Er kann sich nicht aus der Atmosphäre lösen, sitzt auf einem Stuhl, trinkt zu viel Wein, ist gebannt von einem Andrang unbestimmter Wohligkeit.

Zweifellos tragen zu dieser Empfindung neben seiner zunehmenden Trunkenheit die vielen schönen Frauen und das eine oder andere bekannte Gesicht unter den Gästen bei. Ein Schriftsteller unterhält sich wenige Meter von ihm entfernt mit einem berühmten Maler und einem noch berühmteren Schauspieler. Es ist albern, er weiß, aber ihre Anwesenheit gibt ihm das sonst immerzu vermisste Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Von Zeit zu Zeit streift Emmi vorbei, stellt sich hinter ihn, massiert seinen Nacken, greift in sein Haar, trinkt von seinem Wein. Er genießt diese kleinen intimen Gesten, er genießt diese Verbundenheit – und ärgert sich, dass er sie genießt. Er will sich nicht schon wieder fragen müssen, was zwischen Emmi und ihm möglich wäre. Er war überzeugt, dass sich zwischen ihnen niemals Wärme entwickeln könnte. Aber vielleicht hat er sich getäuscht. Die Nichte von Julius Koch ist nicht mehr das junge verwöhnte Mädchen, das er vor sieben Jahren in der Kanzlei kennengelernt hat, als sie dort eine Woche lang die Kopierer ihres Onkels für ein Hochschulkunstprojekt blockierte.

Die ihm zwar einerseits gleich auf den ersten Blick gefiel, weil sie rein äußerlich seinem Traum von einer Frau auf eine Weise entsprach, die beinahe zum Lachen war. Sie sah aus, wie er sich eine Frau gemalt hätte. Dazu schien sie künstlerisch begabt, war mehrsprachig aufgewachsen und entstammte einer interessanten Familie, die sich mit altem Geld klassenkämpferische Ansichten leistete, ohne deswegen das Bedürfnis zu spüren, mit ihrem traditionellen Leben zu brechen. Einmal wurde er zu einer ihrer Jagden eingeladen, bei denen man schon zum Frühstück heiße Brühe mit Schnaps aus tönernen Bierkrügen trank, um anschließend mit englischen Flinten besoffen im Wald herumzuballern.

Die ihn andererseits aber auch befremdete, weil sie für sich nur das Beste akzeptierte und im Grunde ihres Herzens überzeugt zu sein schien, dass ihre Privilegien nicht bloß einem glücklichen Umstand entsprangen, sondern tatsächlich verdient und damit Ausdruck einer höheren, gerechten Ordnung waren.

Er beobachtet ihre Gestalt, eine lange aufrechte Linie der Anmut, und stellt sich vor, sie wäre seine Frau. Der Gedanke hat etwas Berauschendes. Er würde an ihrer Seite ein anderes Milieu kennenlernen, Maler, Schriftsteller, Musiker. Ihr Anspruch, ihre Erwartung und ihre Energie würden ihn über ein reines Großkanzleileben hinaus in ein Gesellschaftsleben und vielleicht sogar in ein Geistesleben treiben, seine Existenz bekäme einen viel weiteren Zuschnitt.

Er sieht, wie sich Roland zu Emmi beugt. So wenig charmant sich Roland ihm gegenüber auch gibt, hat er doch mitbekommen, dass der Galerist mit Emmi ein ganz anderer ist. Er schmeichelt ihr, scherzt, testet mit kleinen Anzüglichkeiten ihre Fassung. Und sie öffnet sich ihm wie eine Blüte. Er bemerkt, er fände es ungerecht, wenn Roland Emmi bekommt, und lacht. Daraufhin schaut Emmi kurz zu ihm herüber. Ihre Lippen sind geöffnet, ihr Gesicht wirkt im Profil wie ein Allerweltsgesicht. Das rührt ihn.

Die wenigen Schritte auf sie zu hat er ein Gefühl, als würde er nach dem ersten Frost des Jahres über das dünne Eis eines gefrorenen Sees gehen. Er fühlt sich ganz lebendig. Er nimmt ihre Hand, führt sie hinaus und stellt sie in den gelben Schein einer Laterne. Er vermutet, dass er sich in ihren Augen wie ein Verrückter beträgt, und versucht, sie mit Blicken zu beruhigen. Er versteht nicht so recht, warum sie lacht, über ihn, aus Verlegenheit? Er bemerkt, dass Leeland mit seinen beiden Begleiterinnen zu einem Auto geht. Die drei beobachten ihn. Aber er lässt sich nicht beirren, nimmt Emmis Gesicht zwischen seine Hände und küsst sie in dem Hochgefühl, endlich wieder einmal impulsiv zu sein. Der Augenblick ist auf einmal ein Schweben. Er vergisst alles. Der Kuss endet, und er lächelt, als er ihr Gesicht auf Abstand bringt.

Sie jedoch schaut ernst. »Was machst du?«

»Ich küsse dich.«

»Muss das wirklich sein?«

Bereits vor sechs Uhr wecken ihn scharfkantige Erinnerungen an die letzte Nacht. Er hat kaum vier Stunden geschlafen. Das ist er jedoch gewohnt. Er geht selten vor Mitternacht ins Bett und liegt dennoch meist schon im Morgengrauen auf zerwühlten Laken wach.

Er verzichtet darauf zu duschen, zu frühstücken und fährt mit dem Taxi gleich zu seinem Sportstudio beim Gendarmenmarkt. Dort legt er sich zwanzig Minuten ins Dampfbad, lauscht dem Gesang heimischer Waldvögel in einer Endlosschleife und atmet mit dem Wassernebel naturidentische Zitrusaromen ein. Er fragt sich, ob es nur ihn irritiert, dass die Geräusch- mit der Geruchskulisse überhaupt nicht übereinstimmt. Es ist ein unumschränkt geisttötender Ort, aber noch immer das wirksamste Mittel gegen einen Kater, das er kennt, wenn man nicht gleich am Morgen weiter trinken will. Nach der Sauna schwimmt er zehn Runden im Pool und stellt sich anschließend aufs Laufband. Wie jeden Morgen vor der Arbeit läuft er eine halbe Stunde einen simulierten Berg hinauf. Zwar stört diese Routine seinen natürlichen Rhythmus des Atmens, Fühlens und Denkens. Doch ohne eine solche Anstrengung ist er nicht in der Lage, gleich am Vormittag alles Lebendige in sich zu unterdrücken und zu funktionieren, erst recht nicht, wenn er am Abend zuvor getrunken hat. Über ihm hängen fünf Fernseher, auf denen fünf Kanäle laufen. Alle Wände sind verspiegelt. Er schließt die Augen und erhöht die Lautstärke seines iPods.

 

Nachdem er in einem Café gefrühstückt hat, spaziert er den Boulevard Unter den Linden hinab zum Brandenburger Tor. Seitdem die Wilhelmstraße vor der englischen Botschaft aus Furcht vor Terroranschlägen gesperrt ist, herrscht hier vor allem an Sonntagvormittagen kaum Verkehr. Es ist ruhig wie auf dem Land. Das Aufrauschen des Winds in den Bäumen ist deutlich zu hören. Er fühlt sich in den Frühling versetzt, obwohl der lange, kalte Berliner Winter erst noch bevorsteht.

Er erreicht das Büro kurz nach halb elf. Ihm behagen die Leere und die Stille an einem Samstagvormittag dort. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, betrachtet die Glasfassade des Sony Centers, die Spiegelung weißer Wolken, und wirft einen letzten Blick auf sein Telefon, bevor er es ausstellt. Emmi scheint noch nicht wach zu sein.

Sie hat ihm den Kuss nicht übel genommen, glaubt er. Seine Erinnerung an gestern aber ist bruchstückhaft. Er findet zu Emmi kein Verhältnis, nicht seit jener Nacht, als sie im Rausch einen Akt von ihm zeichnete und er aus unerklärlichen Gründen keine Anstalten machte, mit ihr zu schlafen, obwohl sie sich aus Fairnessgründen, wie sie sagte, ja ebenfalls ausgezogen hatte.

Er hört im angrenzenden Büro, das leer steht, Geräusche, die er nicht zuordnen kann. Als er nachsieht, trifft er auf eine Frau in Jeans und Karohemd, die einen Umzugskarton auspackt.

»Oh, bin ich zu laut?«, fragt sie und reicht ihm die Hand. »Simona Wojtczak.«

Er ist verblüfft. Er hätte erwartet, die Wojtczak abstoßend zu finden. Schließlich ist sie in der Kanzlei der aktuelle Shooting-Star. Gerade wurde sie vom Leipziger Büro nach Berlin versetzt, um Nachfolgerin des für europäisches Kartellrecht zuständigen Partners zu werden. Sie dürfte in seinem Alter sein und ist auf eine unauffällige Weise hübsch, mit auffälligen Rundungen im Schlanksein. Sie wirkt ganz wie eines jener zugänglichen Mädchen, von denen seine Freunde und er auf Festen früher einen Kuss gestohlen haben, und unterscheidet sich deutlich von so vielen ihrer Kolleginnen auf dem Karrieretrip, bei denen ihm unwillkürlich das Wort entsaftet in den Sinn kommt. Diese haben ihre körperlich besten Jahre in Bibliotheken vertan, nur um gekränkt festzustellen, dass für Frauen andere Gesetzmäßigkeiten als für Männer gelten, sie eben nicht durch Macht und Geld an Attraktivität und Ausstrahlung gewinnen.

Sie blickt ihm interessiert ins Gesicht. »Sie haben nicht viel geschlafen, oder? Warten Sie, ich habe hier vielleicht was.«

Was sie in der Kiste für ihn hat, ist ein Kräutertrunk nach einem Rezept ihrer polnischen Großmutter. Der hat sie und ihren Mann anscheinend auf den Beinen gehalten, als sie wegen der Kinder keine Nacht durchschlafen konnten.

Er kennt keine Anwältin bei Tennenbaum & Koch, die Mutter ist. Diese Kombination hielt er für ausgeschlossen. Kolleginnen mit Kinderwunsch haben sich immer rechtzeitig um eine Stelle im Öffentlichen Dienst bemüht oder das Arbeiten gleich ganz eingestellt. Nur einmal hat eine Anwältin, nach der Geburt von Zwillingen, soweit er weiß, wieder zu arbeiten versucht. Aber das bekam ihr nicht. Ihr fielen auf dem Hinterkopf die Haare aus. Eine Folge der Hormonumstellung und von Stress, wie zunächst jedermann annahm. Tatsächlich aber riss sie sich die Haare selber aus, steckte sie sich in den Mund und aß sie auf. Sobald sich das herumsprach, meldete sie sich krank und ist bis heute nicht wieder auf ihre Stelle zurückgekehrt. Er trinkt ein Glas des Zaubertranks und begibt sich zurück an seinen Schreibtisch.

Dort kommt er mit seiner Arbeit zunächst recht gut voran. Doch am späten Nachmittag lässt sein Schwung nach, jetzt erkennt er die Probleme. Kochs Vorarbeiten erscheinen ihm plötzlich zweifelhaft, in Teilen sogar falsch. Er sollte sie besser prüfen, bevor er sie als Grundlage für seine abschließende Stellungnahme nach New York verwendet. Aber ihm fehlt dazu die Zeit. Die vier Seiten, auf die es am Ende allein ankommt, von denen er aber noch kein Wort aufgeschrieben hat, werden ihn Stunden kosten. Jeder Satz hat folgerichtig, hart und endgültig zu sein, nicht prägnanter zu schreiben. Und das auf Englisch, das er weniger gut beherrscht, als man in der Kanzlei selbstverständlich voraussetzt.

Um kurz vor sechs beginnen seine Sätze aus dem Ruder zu laufen, er kommt selbst im Deutschen nicht mehr mit der Grammatik zurecht. Konjunktionen führen ins Leere, Verben verlieren ihren Bezug zum Subjekt. Sein Gehirn gleicht einem Muskel, mit dem man ja auch nur eine bestimmte Zeit Lasten stemmen kann. Es ist überanstrengt.

Er fährt mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und kauft in einem Kiosk Schokolade, Nüsse, Energiedrinks. Ein Fehler, wie er bald bemerkt. Der viele Zucker macht ihn unbeherrscht, jede Minute springt er vom Schreibtisch auf und imitiert die Vorhand von Roger Federer, dem er zurzeit nachts bei den US Open zuschaut.

Er geht hoch aufs Dach, wo ihm eine fünf Meter breite, kaum zwei Meter tiefe Betonfläche seit Monaten als heimliche Zuflucht vor der Enge des Büros dient. Woche für Woche ist er sechzig und mehr Stunden unter Leuten, für die er wenig übrighat, die ihn allein dadurch anstrengen, dass er ihre Existenz zur Kenntnis nehmen muss. Ohne das Alleinsein, die Luft und die Weite zwischendurch würde er die Nerven verlieren und aus der Rolle fallen, Beschimpfungen gegen seine Kollegen, die Sekretärinnen ausstoßen, Akten zerreißen, das Eigentum der Kanzlei beschädigen, das weiß er zu genau.

Er macht Kniebeugen, springt und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen wie ein Hampelmann. Diese Übungen sollen ihn erfrischen, doch stattdessen bringen sie ihn schon nach wenigen Wiederholungen an den Rand einer Ohnmacht. Während er flach auf dem Rücken liegt und seinem wilden Herzschlag lauscht, begreift er, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckt. Kurz ist er versucht, Koch zu Hilfe zu rufen, allerdings ist es dafür längst zu spät. Gestern hätte er Alarm schlagen können, vielleicht sogar noch heute am frühen Morgen, aber vier Stunden vor Zeitablauf? Alles, was Koch nun noch tun könnte, wäre, das Versagen eines von ihm überschätzten Mitarbeiters nach New York zu melden. Vielleicht ist sein Scheitern unvermeidlich, trotzdem kann er weiterkämpfen bis zum Schluss.

 

Bis heute hat er chemische Hilfsmittel bei der Arbeit abgelehnt, doch er bezweifelt, dass ihn ein Kräutertrunk allein noch einmal auf die Beine bringt. Er weiß von dem geheimen Vorrat an tschechischem Benzedrin im Büro eines Kollegen. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit schwankt er, ob er den ersten Grundsatz der Selbstmedikamentation – »Viel hilft viel« – beherzigen oder doch besser Vorsicht walten lassen soll. Das eine wie das andere scheint ihm vernünftig.

Er entscheidet sich für einen Kompromiss, schluckt anderthalb Tabletten und liegt mit dieser Dosis offenbar goldrichtig. Bis auf schwitzige Hände und einen trockenen Mund spürt er bloß die ersehnte Wirkung: Er arbeitet mit höchster, jedes gedankliche Abschweifen ausschließender Konzentration. Zwar ist es längst illusorisch, in der kurzen Zeit alle Aspekte der Rechtslage erschöpfend zu behandeln. Doch findet er auch für dieses Problem eine Lösung, die ihm brillant vorkommt. Er beginnt, strittige Punkte nach Art einer Notfall-Triage in drei Kategorien zu unterteilen: entscheidend, wichtig, peripher. So muss er nur ein Drittel der Fragen ausführlich bearbeiten, ein weiteres kursorisch und das letzte überhaupt nicht.

Kurz nach halb elf ist er mit der Arbeit fertig. Seine Hände zittern, als er den Rest der zweiten Wasserflasche austrinkt. Er blickt auf den Streifen mit dem Benzedrin. Ohne es beabsichtigt zu haben, hat er in seinem Schwung noch drei weitere Tabletten eingenommen.

Den Einfall mit der Triage sieht er nun weniger euphorisch. Ein Drittel der rechtlichen Probleme unerörtert zu lassen, gibt dem Papier eine groteske Unwucht. Er sollte seinen Seiten wenigstens einen Aktenauszug als Anhang beifügen, auf den er an den unausgearbeiteten Stellen in Klammern verweisen kann. Eilig löst er die Originalblätter aus der Akte, Gesellschaftsvertrag, Auftragsvereinbarung, den Steuerbescheid, legt sie in den Einzugsschacht des Kopierers und drückt den Startknopf, obwohl er weiß, dass der automatische Einzug bei so vielen gelochten, geknickten, verblätterten Seiten kaum je funktioniert. Er denkt noch, das kann nicht gut gehen, als er schon ein Knirschen hört. Der Kopiervorgang stoppt. Rote Lichter leuchten, grüne Lichter blinken. Das Display meldet error und zeigt an gleich drei schwer zugänglichen Stellen einen Papierstau an. Er kann nicht anders, als besinnungslos an den festsitzenden Papierseiten zu reißen, sofern er sie nur irgendwie mit seinen Fingerspitzen im Inneren dieser Höllenmaschine zu greifen kriegt. Schon bald bildet sich um seine Knie ein Kreis aus Konfetti. Es ist jetzt sieben Minuten vor elf. Eine kleine weiße Lichtkugel zerspringt in seinem Kopf, dann wird es dunkel.

 

Er kann nicht einatmen, ohne fürchten zu müssen, dass mit einem zu tiefen Atemzug sein Herzmuskel reißt. Er kauert auf dem Boden. Feineisiger Schweiß steht auf seiner Stirn. Er schließt die Augen, aber sie springen immer wieder auf.

Als er seine Lider endlich zu bekommt, hat er das merkwürdige Gefühl, mit geschlossenen Augen noch einmal die Augen zu schließen. Er beginnt seinen Körper als einen Lichtpunkt von außerhalb zu sehen. Sein Bewusstsein steigt wie ein Raumschiff hoch ins All. Es ist eine optische Empfindung, als würde er sich mit Hilfe von Google Earth immer weiter von sich selbst entfernen, weg von der Kanzlei, dem Potsdamer Platz, Berlin, Deutschland, Europa, und nun auch schon weg von der vertrauten blauen Erde. Und der Zoom zieht immer weiter auf, die Milchstraße gleicht einem schwach glimmenden Spiegelei, worin er sein zurückgelassenes Körper-Ich aber komischerweise deutlich als einen hell leuchtenden Punkt wahrnimmt, eine Energiemarkierung, heller als jeder Stern, im gar nicht so unendlichen Weltraum. Denn schon jetzt weiß er sich außerhalb von allem und sieht das gesamte Universum als eine dunkel wabernde Blase, kaum größer als eine Tüte Kartoffelchips, in der alle Sekunde winzig kleine Funken blitzen, so oft ein ganzes Sonnensystem in einer Jahrmillionen dauernden Supernova untergeht.

In der Perspektive unendlicher Räume ist alles eine solche Energieverpuffung, denkt er, ein spontaner, planloser Wechsel vom einen zum anderen Aggregatzustand. Das menschliche Leben, nichts als Energie, ist bedeutungslos. Das, was uns wichtig und wesentlich erscheint, wofür wir kämpfen, woran wir glauben, existiert auf dieser Betrachtungsebene überhaupt nicht.

 

Es ist kurz vor Mitternacht, als er allmählich wieder zur Besinnung kommt. Er liegt vor dem Kopierer auf dem Boden und blickt sich verwundert um. Das Büro existiert und er darin und leider auch die geschundene Opel-Akte, von der erschreckend viele Papierfetzen auf dem Teppichboden verstreut sind.

Er richtet sich auf, läuft kopfschüttelnd zu einem Telefon und stellt die Nummer des New Yorker Büros ein. Tennenbaum sei bereits auf dem Weg zum Flughafen, habe sich aber zweimal nach einem Schreiben aus Berlin erkundigt.

»Very well«, bemerkt er und legt auf. Er schnippt sachte mit den Fingern, betrachtet das Chaos beim Kopierer und geht zu den Fahrstühlen.

Die Nacht ist überraschend mild. Er läuft gedankenlos, leicht, so als wäre nichts vorgefallen. Er setzt sich im Tiergarten auf eine Bank und denkt an einen Bekannten aus dem Studium, der ganz in der Nähe einst vom Pinkeln nicht zurückgekommen war. Jemand hatte ihn von hinten bewusstlos geschlagen, um ihm die Brieftasche zu rauben. Sein Kommilitone lag damals eingenässt und mit offener Hose besinnungslos im Gebüsch, während er ihn innerlich einen ewig unberechenbaren Trottel schimpfte, weil er im Biergarten am Neuen See ahnungslos und vergeblich auf seine Rückkehr wartete. Er fragt sich, was aus seinem Bekannten geworden ist. Über die Jahre haben sie sich vollständig aus den Augen verloren.

Ihm wird kalt. Die Hände tief in den Taschen seiner Anzughose vergraben, geht er zurück zum Potsdamer Platz, steigt vor dem Ritz Carlton in ein Taxi und lässt sich zum Nikolai fahren. Er hat Lust, Entrecôte zu essen, genauso wie mit Emmi gestern.

Im Nikolai setzt er sich an den rundlaufenden Zinktresen und bestellt Suntory Whiskey, den er verdünnt mit etwas Wasser trinkt. Er schätzt die Stadt für Lokale wie dieses, das beinahe rund um die Uhr geöffnet hat und zur gleichen Zeit Bar, Café und Restaurant ist. Er mag es, am Tresen hinter großen Fenstern zu sitzen, veredelt vom Glanz der Einsamkeit, wie eine Figur auf einem Edward-Hopper-Bild.

Beim dritten Glas ist er kaum mehr hungrig und lässt sein Club-Sandwich unangetastet zurückgehen, das er statt des Entrecôtes mit Sauce Roquefort bestellt hat, weil es nach Mitternacht selbst im Nikolai keine warme Küche mehr gibt.

Eine Frau, die ihm vage bekannt vorkommt, beugt sich neben ihm über den Tresen und küsst die Barkeeperin. Die beiden tuscheln und lachen. Dann muss die Barfrau zu einem anderen Gast. Seine Nachbarin schaut zu ihm herüber, schließt und öffnet langsam ihre Augenlider, und diese Bewegung streift ihn wie eine Zärtlichkeit. Erst als sie gegangen ist, fällt ihm ein, wo er sie schon einmal gesehen hat. Sie war die Begleitung von Leeland, für die sich Roland gestern so interessiert hat. Er bestellt ein letztes Glas. Draußen regiert die Nacht. Als er ausgetrunken hat, weiß er nicht mehr weiter und geht in seine Wohnung. Dort legt er sich in sein Bett und in die klaffende Zeit. Was für ein Tag, denkt er noch stolz, bevor er einschläft.

Er erwacht mit dem Gedanken »Nur nicht aufwachen« und dabei öffnen sich schon seine Augen. Es ist noch mitten in der Nacht, trotzdem wird es draußen schon wieder hell. Ein hoher Ton schrillt in seinen Ohren. Er springt aus dem Bett und stolpert durchs Zimmer, als wäre der Boden uneben und abschüssig. Er zieht sich eilig Jeans und T-Shirt an. Er muss so schnell es geht an die Luft und ins Weite kommen.

Er läuft Richtung Spree. Bei der S-Bahn-Station Oranienburger Straße verhandelt ein Betrunkener mit einer Prostituierten. Der Betrunkene trägt ein T-Shirt, das mit seinem Porträtfoto beflockt ist. Es ist voller brauner Flecken und sieht so aus, als habe er sich übergeben müssen und dabei das Shirt beschmutzt. Seine Kumpel, die ebenfalls solche T-Shirts tragen (offenbar feiern sie Junggesellenabschied), pissen grölend gegen ein Auto. Ihn überkommt das Bedürfnis, mit dem nächsten Zug aus der Stadt hinaus aufs Land zu fahren.

Kurz darauf steigt er zusammen mit zwei Anglern in die erste S-Bahn Richtung Norden. Ihm gegenüber setzt sich ein junges Paar, das sich in einer unwirklich klingenden Sprache unterhält. Vielleicht ist es das Persisch der Steppen, und er fragt sich, ob er wohl irgendwo von dem Persisch der Steppen gelesen oder er von dieser Sprache nur geträumt hat.

Er weiß, er muss bald handeln. In spätestens zwei Stunden wird Koch seine E-Mails lesen und sich fragen, warum in seinem Postfach nicht die Kopie eines Schreibens an Tennenbaum liegt. Das Einfachste wäre es, sich mit einem körperlichen Zusammenbruch krank zu melden. Zwar würde Koch das Vertrauen in seine Eignung als Partner verlieren. Doch das ließe sich zurückgewinnen. Man wird ihn jedoch rausschmeißen, wenn er sich nicht bald meldet, das ist gewiss.

In Wandlitz steigt er aus. Die Sonne ist ein kompakter roter Ball, der langsam über den Horizont steigt und dabei orange wird. Als Student ist er an warmen Tagen oft von hier aus durch den Wald zum Liepnitzsee gelaufen. Er hat es geliebt, im duftend weichen Seewasser gegen die untergehende Sonne zu schwimmen, die kühle Nässe auf den Wimpern zu empfinden und das warme Licht über den Brauen. Er kann sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal in einen See getaucht ist. Bestimmt nicht in diesem und auch nicht im letzten Jahr und vor zwei Jahren vermutlich auch nicht. Plötzlich das heftige Gefühl eines durch nichts zu rechtfertigenden Versäumnisses.

Im Wald empfangen ihn eine knisternde Stille und ein von den Kiefern kaum gefiltertes Morgenlicht. Die Phänomene stehen in frappierender Klarheit ganz für sich. Die fahl aufragende Glätte der Buchen. Die blendende Helligkeit in einem frisch aufgebrochenen Baumstamm. Die klar umrissenen Kiefernnadeln, grün und zeichenhaft im feinen Staub.

Er fragt sich, ob er verrückt geworden ist. Er fühlt sich wohl wie lange nicht. Aber eben das scheint ihm kein gutes Zeichen. Schließlich setzt er mit jedem weiteren Schritt alles aufs Spiel, was er sich in sieben Jahre Studium und Referendariat, durch eine zweijährige Promotion und noch mal sieben Jahre in der Kanzlei erkämpft hat. Er kann noch immer Partner werden, er hat noch immer die Chance, sich mit Ende vierzig, spätestens Anfang fünfzig aus dem Beruf zurückzuziehen und seine restlichen Tage mit einer guten Frau an seiner Seite im lichtdurchfluteten Süden zu verbringen, mit einem Olivenbaum hinterm Haus, einem Weinfass im Keller und einem nahen Fluss, wo die Kinder angeln und baden könnten, wenn er jetzt nur nicht den Kopf verliert. Fünfzehn Jahre noch, eben die Lebenszeit, die er sowieso schon investiert hat, und er hat genug Geld, um von der Tretmühle abzusteigen. Er braucht dann nicht weiter einen Teil seines Lebens hinzugeben, um es als Ganzes zu erhalten. Er kann dann immer schwimmen gehen. Er wird zu den Privilegierten gehören, die über jeden Tag ihres Lebens frei verfügen können. Und dieses Privileg wäre selbst erarbeitet. Kann man sich ein erhabeneres Lebensgefühl vorstellen?

Er erreicht den von Buchen und Kiefern gesäumten See. Die Insel Großer Werder, geschwollenes, bauschiges Grün, nimmt ihm die Sicht aufs gegenüberliegende Ufer. Über die fein schraffierte Wasseroberfläche ziehen Nebelschwaden, als wenn es Geister wären, die vor dem Tagesanbruch fliehen. In seiner Hosentasche vibriert das Telefon. »Koch Sekretariat« erscheint auf dem Display. Er ist halt so konditioniert, denkt er noch, als er den Anruf selbstverständlich annimmt, anstatt ihn wegzudrücken, was sicher klüger gewesen wäre.

»Hallo Herr Stern, er will sie sprechen, ich stelle durch.«

In diesem Augenblick geschieht etwas mit ihm. Halt, denkt er, so geht das nicht, und er hört sich noch im selben Moment unwillkürlich sagen: »Nein, ich bin nicht zu sprechen« und schaltet das Gerät ab. Sein Atem geht flach und schnell, wie bei einem Kind. Langsam zieht er seine Kleidung aus.

Das Wasser ist überraschend warm. Schon bald ist er in der Mitte des Sees, auf halbem Weg zur Insel. Er füllt seine Lungen mit Luft und taucht mit offenen Augen. Ein grüner Schleier begrenzt seine Sicht auf wenig mehr als einen Meter, hinter dem sich etwas Schattenhaftes zu regen scheint. Er taucht tiefer, hinab in die Dunkelheit. Es gibt hier unten, außer seinem eigenen Herzschlag, keinen Laut. Er klammert seine Nase mit Daumen und Zeigefinger und presst sich den Wasserdruck vom Trommelfell. Er taucht noch ein Stück tiefer, bis ihm die Luft ausgeht.

Er blickt in die Morgensonne. Sie ist bereits so hell, dass er ihre Umrisse nicht erkennen kann. Er lässt sich mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Gliedern auf der Seeoberfläche treiben. Er atmet schwer. Eine Empfindung von Orange dringt warm durch seine Lider. Eine stoffliche Stille bedeckt den See wie ein riesiges daunengefülltes Kissen, durch das ab und zu gedämpfte Vogelrufe klingen. Ein heller Lichtpunkt ist auf seiner Netzhaut wie eingebrannt, er sieht ihn auch bei geschlossenen Augen. Er erinnert sich daran, wie er gestern vor dem Kopierer lag und sich in seiner Vorstellung durchs Universum zoomte. Selbst als die gesamte Milchstraße für ihn kaum größer als ein gebratenes Ei war, sah er sich selbst darin als ein Licht, ganz ähnlich wie den Punkt, den er jetzt vor Augen hat. Er will nicht in erster Linie reich, erfolgreich und auch nicht glücklich sein, aber er möchte etwas verkörpern, das so leuchtet.

Mara

Von nun an hätte alles anders werden sollen. Doch Nachsommer und Herbst sind vergangen, und er lebt noch immer verquer in seinem eigenen Umriss.

Immerhin ist er nicht mehr Anwalt. Er hat sich bald nach seiner Fahrt zum See mit der Kanzlei auf einen Auflösungsvertrag geeinigt. Koch bot an, ihm noch drei weitere Monate Gehalt zu zahlen, und er nahm an. Er weiß, er hätte sich deutlich teurer verkaufen können. Er hätte ein halbes Jahresgehalt und einen Zuschlag für ausgefallene Bonuszahlungen als Abfindung fordern können und mit Sicherheit erhalten. Eine Kanzlei wie Tennenbaum & Koch ist zu sehr auf ihren Ruf bedacht, um wegen einer Summe im bloß unteren sechsstelligen Bereich vor dem Arbeitsgericht zu streiten. Nur wäre ihm das schäbig vorgekommen. Er wollte frei sein, warum sollte jemand anderes für seine Abenteuerlust bezahlen?

Ein Mensch ist reich, hat er gelesen, wenn er nur genug Raum und Zeit hat. Das leuchtet ihm ein. Er sollte sich wie der Spross einer arabischen Öldynastie fühlen, schließlich hat er gewissermaßen die ganze Welt zum Auslauf und verfügt über ein beträchtliches Guthaben an freier Zeit. Seine Ersparnisse reichen für ein müßiges Reisejahr und länger.

Doch er weiß mit diesem Überfluss wenig anzufangen. Nutzlos, aber unfähig, anderes zu tun, lebt er in den Tag hinein und zum Tag hinaus. Er kann sich nicht zum Aufbruch ins Ausland entschließen, nicht einmal zu Ausflügen ins Umland, an einen See. Er geht abends überhaupt nie aus, trifft keine Freunde und keine Frauen. Manchmal denkt er daran, doch zu Kathrin zu fahren. Sie haben sich seit über einem Vierteljahr nicht gesehen, seit seiner Kündigung nur zweimal telefoniert. Es ist ein Ende ohne Aufregung, das ihm gefällt. Zwischen ihnen war es nie leidenschaftlich. Warum also unnötig etwas aufrühren, zumal sie seinen Besuch überhaupt nicht zu ersehnen scheint?

Er schläft wie auf Wache, schlägt schon im Morgengrauen die Augen auf und wird doch nie wirklich klar. Er duscht, stellt sich anschließend an seinen brusthohen Kühlschrank, der ihm als Ersatz für ein Stehpult dient, trinkt Tee und konfrontiert seinen Geist mit klassischen Ideen. Er will sich herausfordern, liest Camus, Kierkegaard, Nietzsche jeweils mit heißem Interesse an, doch nach einer, spätestens zwei Stunden erlahmt sein Elan, und er macht sich Frühstück.

Er ist häuslich, er putzt, er kocht, er näht Knöpfe an seinen Hemden, seinen Jacken, sogar an seiner Bettwäsche neu an. Am Nachmittag geht er spazieren, das beste Mittel gegen Schwermut, ins Kino oder in Museen. In den ersten Tagen genießt er diesen Müßiggang. Aber schon bald werden diese Ausflüge selbst zu einer niederdrückenden Alltäglichkeit. Er kann mit Freizeit nichts anfangen. Immer häufiger öffnet er bereits nachmittags die erste Flasche Wein und raucht dann den Abend hindurch Gras, um wenigstens nicht Alkoholiker zu werden.

Einmal sitzt er nach Mitternacht in einem Imbiss am Rosenthaler Platz und beobachtet einen Mann, der Reis und Pommes Frites mit Brot isst. Nichts sonst. Sooft er sieht, wie der Mann ein Stück Fladenbrot zurechtzupft, um es mit Reis und Pommes Frites zu füllen, lebt er sinnlos auf. Plötzlich reißt der Schleier, und es wird ein Erlebnis, sich im weitläufigen Gastraum umzuschauen, die zwei Chinesen zu bemerken, die mit ihren vor Sauce tropfenden Dürümdönerrollen wie mit biegsamen Degen hantieren, den Mann in Busfahrer-Uniform, der ein Brathähnchen, ein Schweineschnitzel und drei Lammbuletten isst, die polnischen Bauarbeiter, die sich zu mitgebrachtem Schnaps und Essiggurken eine gemischte Platte mit Gegrilltem teilen, die elegant gekleidete, aus einer Halbliterflasche Bier trinkende Frau. Draußen auf der Kreuzung fahren Autos, Busse, hell erleuchtete Straßenbahnen, in denen die Griffschlaufen baumeln, sobald die Wagen in den Schienen um die Kurve kreischen. Die Gehwege wimmeln vor Passanten. Direkt vor dem großen Fenster des Imbiss befindet sich ein Zugang zur U-Bahn, in dem Menschen wie vom Erdboden verschwinden, andere in den sprühenden elektrischen Schein der Stadt emporsteigen, ein nicht endender Kreislauf. Endlich, denkt er und streckt sein Rückgrat, ganz Auge, ganz Ohr. Seine Körperbehaarung stellt sich vor Wohlbehagen auf. Es dauert nicht länger als wenige Sekunden, aber für ihn ist es ein Signalerlebnis, der beste Moment seit Monaten.

Er wird zunehmend wunderlich, er bemerkt es selbst. Bevor er abends ins Bett geht, verwendet er viel Mühe und Zeit darauf, sein zukünftiges Ich mit kleinen Aufmerksamkeiten zu verwöhnen. Er hängt im Bad das Duschtuch über den Heizköper, damit es morgens angenehm warm sein wird, drückt Zahncreme auf die Bürste, faltet das Ende der Klopapierrolle wie der Zimmerservice in einem Hotel. Er legt frische Socken und Unterwäsche, Hemd und Hose bereit. In der Küche vermischt er Haferflocken mit Sahne und stellt sie über Nacht zum Quellen in den Kühlschrank, füllt frisches Teewasser in den Wasserkocher, steckt das Teesieb in die Kanne, stellt die Teedose daneben, legt einen Löffel dazu, deckt den Tisch. Er weiß nicht, was er von seinen allabendlichen Besorgungen halten soll. Ihm ist bewusst, dass ein Außenstehender sie traurig, vielleicht gar erbärmlich finden würde. Das sieht er ein. Es wirkt eben merkwürdig, wenn man der Einzige ist, der es gut mit einem meint. Doch immerhin ist er gegenüber sich selber freundlich. Wie viele können das von sich behaupten?

Als er erkältet ist, trocknet seine Mundschleimhaut nachts stark aus, und er träumt von einem Durst, der durch kein Wasser der Welt zu löschen ist. Flasche um Flasche trinkt er im Traum gierig aus, doch es ist, als seien sein Mund, seine Kehle, sein Magen wie das Innere eines Tonkrugs glasiert. Das Wasser findet keinen Eingang in seinen Körper. Aus Verzweiflung wacht er auf, greift zum Glas auf dem Nachttisch, trinkt und empfindet das nasse Element in seinem Mund wie eine lang ersehnte Berührung. Jeder Schluck eine zärtliche Vereinigung. Als er sich morgens an seine nächtlichen Empfindungen erinnert, überschlägt er grob die Tage, an denen er nun am Stück mit keiner Frau geschlafen hat, und erschrickt über eine Zahl jenseits der zweihundert.

Eine Woche vor Heiligabend bekommt er einen Anruf von seiner Mutter. Sie gibt sich Mühe, bedrückt zu klingen, obwohl sie tatsächlich bester Laune ist. Wie sich herausstellt, fällt das gemeinsame Weihnachtsfest in diesem Jahr aus, jedenfalls für ihn. Der Mann seiner jüngeren Schwester hat eine Hütte in den Bergen aufgetan. Der Vorgesetzte seines Schwagers kann sie nicht selber nutzen, da dessen Frau eine Frühgeburt hatte. Bei dem großzügigen Angebot handelt es sich um Solidarität unter jungen Vätern. Seine Schwester bekam im Mai ihr erstes Kind.

Die Aussicht, Weihnachten wie die Prominenten im verschneiten Kitzbühel zu verbringen, macht seine Mutter aufgeregt. Sie vergisst ihre Stimme zu dämpfen, als sie ihn bittet, Heiligabend mit seiner bettlägerigen Großmutter zu feiern und diese dann am ersten Weihnachtstag ins Kurzzeitpflegeheim zu bringen.

Also fährt er am dreiundzwanzigsten Dezember im Taxi zum Flughafen in Tegel. Sobald er das rundlaufende Flughafengebäude betritt, stehen ihm Leute im Weg.

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