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Die Freibeuter vom Mississippi

Claus H. Stumpff (Herausgeber)

Die Freibeuter vom Mississippi

Neufassung des Romans von Friedrich Gerstäcker (1816-1872) »Die Flusspiraten des Mississippi«





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Freibeuter vom Mississippi

Nach der Originalschrift

von Friedrich Gerstäcker

aus dem Jahr 1848

»Die Flusspiraten des Mississippi«

 

Text überarbeitet und neugefasst

von Claus H. Stumpff

www.chsautor.de

 

Hinweis:

Um Verwechslungen mit anderen E-Books mit dem Titel »Die Flusspiraten des Mississippi« zu vermeiden, erhielt dieses E-Book den Titel »Die Freibeuter vom Mississippi«.

 

 

Zum Inhalt

Im Jahr 1845 hat sich eine Räuberbande auf einer unwegsamen - für Nichteingeweihte nur schwer zugänglichen Insel - im Mississippi angesiedelt. Niemand kann sagen, wo genau sich das geheime Versteck befindet, von wo aus die Flusspiraten vorbeifahrende Flatboote und Dampfschiffe ausrauben. Chef der Bande ist Richard Kelly, der allerdings das Doppelleben eines ehrbaren Mannes führt.

Die Siedler der Kleinstadt Helena im Staat Arkansas wollen die Überfälle, die sich tagtäglich auf dem Mississippi ereignen, nicht länger dulden. Auch Friedensrichter Dayton will endlich für Recht und Ordnung sorgen. Doch die raffinierten Räuber unterwandern die Gegend mit ihren Spitzeln. Angesehene Bürger machen sie durch Bestechung zu ihren Verbündeten, die dann ein falsches, doppelzüngiges Spiel betreiben.

Als endlich der Schlupfwinkel der Gesetzeslosen entdeckt wird, beschließen die Siedler, ihn auszuheben. Sie gründen eine Bürgerwehr – die ›Regulatoren‹ – und nehmen mit Unterstützung durch das Militär den Kampf gegen das Raubgesindel auf. Aber sie ahnen noch nicht, dass sich unter ihnen ein Verräter befindet, denn die Flusspiraten wurden inzwischen gewarnt und schmieden ihrerseits Pläne zu ihrer Verteidigung.

Rezensionen

Der Abenteuerroman-Klassiker begeistert seit 150 Jahren vor allem jugendliche Leser. Schön, dass er wieder aufgelegt wurde.«

Günter Bielemeier

Buchprofile Bonn 01.04.2011

Eine prallbunt-bewegte Geschichte um eine Räuberbande, die Raddampfern und Flatbooten auflauert und sie überfällt. Detailliert und anschaulich schildert Gerstäcker die Natur des Flusses und die Landschaft an beiden Ufern, folgt der Hetzjagd auf einen Mörder, einen entlaufenen Sklaven oder einem naiven Trapper, der seiner großen Liebe wiederbegegnet. Szenen und Motive, die Karl May sehr genau las – und übernahm.«

Norbert Wehrstedt

Dresdner Neuste Nachrichten 22.12.2010

Dieser Klassiker liest sich gut und die Handlung ist sehr anschaulich. Die Haupt- und Nebenakteure des Buches sind perfekt ausgearbeitet. Es sind viele skurrile Persönlichkeiten dabei, deren wahre Beweggründe für ihr Handeln aber auch manchmal dem Leser verborgen bleibt. So hat dieser Abenteuerroman, den man mit wachsender Begeisterung liest, einen überraschenden Ausgang. Denn erst zum Schluss hin wird offenbar, wer alles ein doppeltes Spiel treibt und damit die Handlung die ganze Zeit entscheidend beeinflusst hat.«

Heike Rau

www.leselupe.de Saalfeld 14.12.2010

Über den Autor und den Roman

Friedrich Gerstäcker wurde berühmt als Autor von Abenteuer-Romanen und anderen spannenden Erzählungen, der auch Landschaften in ihrer ganzen Vielfalt bilderbuchartig darstellte, sowie die Kultur und Geschichte der von ihm besuchten Länder so gekonnt schilderte, dass man auch heute noch seine weltweit bekannten Bücher liest. Er hinterließ eine 44-bändige Gesamtausgabe, die er noch kurz vor seinem Tod für den Verlag Costenoble, Jena, zusammengestellt hatte. Zu seinen bekanntesten und millionenfach gelesenen Werken zählen die Romane »Die Flusspiraten des Mississippi« und »Die Regulatoren in Arkansas«.

Seine Erzählungen und Romane regten zahlreiche Nachahmer an. Auch Karl May, obwohl weniger in der Welt herumgekommen, profitierte erheblich von Gerstäckers Landschaftsbeschreibungen und Erzählsträngen sowie Sujets und Figuren. 

Friedrich Gerstäcker war kein Schriftsteller im eigentlichen Sinne. Er war in erster Linie ein Weltenbummler. So entsprechen seine Werke hinsichtlich Satzgestaltung, Wortwahl und Grammatik nicht mehr den heutigen literarischen Anforderungen.

Damit dieser Roman dem heutigen Sprachgefühl in etwa entspricht, musste der Originaltext überarbeitet werden, ohne dass dabei der Charme des im 19. Jahrhundert üblichen Schreibstils verloren geht. Allerdings wurden viele der langatmigen Schilderungen von Landschaften erheblich reduziert, sowie die zahlreichen, überlangen Schachtelsätze aufgelöst. Über manche nach heutigem Geschmack allzu schwülstige Passagen sollte der Leser schmunzelnd hinwegsehen.

Prolog

Schon in früheren Zeiten, als die Weststaaten Nordamerikas noch der alten ›Union‹ angehörten, fuhren auf dem Mississippi noch keine Dampfschiffe, sondern zumeist nur einfache Flatboote - auch ›Archen‹ genannt - die allein für den Transport von Handelsgütern und die Beförderung von Passagieren sorgten. Auf einer der zahlreichen Inseln im Verlauf des riesigen Flusses, wie z.B. ›Stack Island‹, hatte sich eine der übelsten Verbrecherbanden angesiedelt. Deren Mitglieder plünderten und mordeten nicht nur, was ihnen vor die Flinte kam, sondern betrieben auch eine Falschmünzerei, von wo aus das ganze Land mit gefälschten Banknoten überschwemmt wurde. Selbst strengste Gesetze konnten dies nicht verhindern und auch nicht die Menschen der Union vor diesen Gewaltverbrechern schützen. Aber die hier sesshafte Bevölkerung, die sogenannten ›Backwoodsmen‹, sorgten schließlich selbst für ihre Sicherheit. Im ›Navigator‹, dem Lotsenbuch eines Mississippi-Bootes, befand sich folgenden Eintrag:

»Stack Island, not long since, was famed for a band of counterfeiters, horsethieves, robbers, murderers etc. who made this part of the Mississippi a place of manufacture and deposit. From hence they would sally forth, stop boats, buy horses, flour, whisky etc. and pay for all in fine new notes of the ›first water‹. Their villanies, after many severe losses sustained by innocent good men, unsuspecting the cheat, became notorious, and after several years search and pursuit of the civil, and in some cases the club law, against this band of monsters, they have at length disappeared.«

Erst Jahrzehnte später siedelten sich erneut Banden von Flussspiraten an, diesmal auf den kleinen, nur schwer zugänglichen Mississippi-Inseln. Sie enterten Schiffe, raubten Besatzung und Passagiere aus und schreckten auch vor Mord nicht zurück, wofür sie keine Strafe befürchten mussten. So wurde kaum jemand vermisst - auch nicht bei längerer Abwesenheit - denn fast jeder vierte Mann befand sich damals ständig auf Reisen. Auch die nächsten Angehörigen nahmen nicht die Suche nach einem plötzlich verschwundenen Vater, Sohn oder Freund auf, den sie unterwegs in den ›neuen Staaten‹ vermuteten und hoffen durften, dass er eines Tages wohlbehalten zurückkäme. So wurden die Flusspiraten durch die ungestrafte Ausübung ihrer Schandtaten allmählich dreister. Sie breiteten sich immer weiter aus, aber die Zeit ihrer Entdeckung und Vernichtung sollte eines Tages erfolgen.

Im nordamerikanischen Staat Arkansas wurden jetzt Bürgerbündnisse ins Leben gerufen - die ›Regulatoren‹. Deren Ziel war es, dem gesetzlosen Treiben, das in diesem entlegenen Teil der Union eingerissen war, durch Lynchjustiz ein Ende zu bereiten. Die Regulatoren nahmen den blutigen und verlustreichen, aber schließlich erfolgreichen Kampf gegen Räuber und Pferdediebe auf, zu denen auch die ›Morrelsche Bande‹ gehörte. Deren Anführer wurde gefangen, verurteilt und ins Gefängnis des Staates Mississippi gesteckt. Diejenigen aber, die den aus ›Backwoodsmen‹ bestehenden Regulatoren in die Hände fielen, landeten keinesfalls hinter Gittern, sondern versanken erschossen oder massakriert in den Fluten des Mississippi oder wurden zur Abschreckung an Bäumen aufgehängt. Andere aber, derer die ›Backwoodsmen‹ nicht habhaft werden konnten, flohen in panischer Angst in die Weite Amerikas.

Schauplatz des nun folgenden Romans ist die Stadt Helena/Arkansas und deren nähere Umgebung.

Kapitel 1

Der alte Farmer

 

Dort, wo der Wabasch (Anm.: Ein 765 Kilometer langer Zufluss des Ohio River) die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana voneinander scheidet, wo er sich bald zwischen steilen Felsufern, bald zwischen blühenden Matten plätschernd durch stille Buchten drängt, dort lagen im Frühjahr 1840 zwei Männer – die Büchsen neben sich ins Gras gelegt. Einer der Männer war jung und kräftig, kaum älter als vierundzwanzig Jahre, und seine Tracht verriet mehr den Bootsmann als den Jäger. Der runde Wachstuchhut mit dem breiten, flatternden Band darum saß keck auf seinen krausen, blonden Haaren. Die blaue Matrosenjacke umschloss Schultern, deren sich ein Herkules nicht hätte zu schämen brauchen, und das rote, wollene Hemd wurde von einem schwarzen, seidenen Halstuch umhüllt. Die weißen Beinkleider wurden von einem schmalen Gürtel über den Hüften gehalten, der eine lederne Scheide mit dem Schiffsmesser trug und damit auf die seemännische Herkunft des Fremden schließen ließ.

Dass er aber auch in den Wäldern heimisch war, bewiesen die fein gearbeiteten Mokassins, mit denen seine Füße bekleidet waren, wie auch der von ihm erlegte junge Bär, der neben ihm auf dem blutgetränkten Rasen lag. Ein großer, schwarz und grau gestreifter Schweißhund saß neben ihm und hielt seine Augen fest auf das erjagte Wild geheftet. Die heraushängende Zunge, das heftige Atmen des Tieres, sowie eine stark blutende Wunde an der linken Schulter bewiesen, wie teuer er den Sieg über den viel stärkeren Gegner erkauft hatte.

Der zweite Jäger, ein etwa sechzigjähriger Mann, wurde zwar an Körperkraft und Stärke von seinem jüngeren Begleiter übertroffen, trotzdem sah man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerückte Alter an. Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfaches baumwollenes Jagdhemd, mit eben solchen Fransen besetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe gekleidet. In seinem Gürtel steckte aber statt des schmalen Matrosenmessers, das sein Gefährte trug, eine breite, schwere Klinge, ein sogenanntes Bowiemesser, und eine zusammengerollte Wolldecke hing ihm über der Schulter.
Beide hatten sich vermutlich hier, wo sie ihr Wild erlegten, nach der Anstrengung für kurze Rast ins Gras geworfen. Der Alte, der sich auf den rechten Ellbogen stützte und der eben hinter den Bäumen versinkenden Sonne nachsah, brach jetzt zuerst das Schweigen.

»Tom«, sagte er, »wir dürfen hier nicht lange liegenbleiben. Die Sonne geht unter, und wer weiß, wie weit es noch zum Fluss ist.«

»Lasst Euch das nicht kümmern, Edgeworth«, antwortete der Jüngere, während er sich dehnend streckte und zu dem blauen, durch die schattigen Zweige auf sie niederlächelnden Himmel emporblickte, »da drüben, wo Ihr die lichten Stellen erkennen könnt, fließt der Wabasch keine tausend Schritt von hier, und das Flatboot (Kastenartiges Boot mit flachem Kiel) kann heute abend bei bestem Willen noch nicht hier vorbeifahren. Sobald es dunkel wird, müssen sie beilegen, denn der ganze Fluss ist vollgespickt mit schwimmenden Baumstämmen. Außerdem hatten sie von dort aus, wo wir sie verließen, noch einen Weg von fünfzehn Meilen vor sich, während wir die Biegung des Flusses kurz abschnitten.«

»Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut zu sein«, sagte der Alte.

»Das möchte ich meinen«, bestätigte der andere, »habe hier zwei Jahre lang gejagt und kenne jeden Baum und Bach. Das war noch bevor ich Dickson kennenlernte, mit dessen Schoner ich später nach Brasilien segelte. Der arme Teufel hätte auch nicht gedacht, dass er dort solch ein schmähliches Ende nehmen sollte.«
»Davon habt Ihr mir noch nichts erzählt.«

»Heute abend vielleicht. Jetzt, denke ich, schlagen wir ein Lager auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluss hinunter, wo wir warten können, bis unser Boot kommt.«

»Wie schaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit ist, werden wir doch tüchtig daran zu schleppen haben.«

»Das lassen wir hier!«, rief der Jüngere, während er aufsprang und seinen Gürtel fester schnallte, »wollen die Burschen Bärenfleisch essen, so mögen sie sich's auch selber holen.«

»Wenn sie aber vorbeifahren?«

»Denke nicht dran«, sagte Tom, »außerdem weiß Bill, der Steuermann, dass er hier auf uns warten muss, falls wir nicht früher eintreffen; folglich haben wir nicht zu befürchten, dass wir hier festsitzen. Wetter noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne seinen Kapitän abfahren wollen!«

»Auch gut«, sagte der alte Edgeworth, während er dem Beispiel seines jüngeren Gefährten folgte und sich zum Aufbruch rüstete. »Dann schlage ich aber vor, dass wir die Rippen und ein paar gute Stücke herausschneiden, das übrige hier aufhängen und nachher dort links hinuntergehen, wo – dem Aussehen der Bäume nach – ein Bach sein muss. Frisches Wasser müssen wir für die Nacht unbedingt haben.«

Diese Vorsicht war nötig; die Männer machten sich schnell an die Arbeit, um die kurze Tageszeit noch auszunutzen. Sie fanden auch die Quelle und neben ihr eine riesige Menge dürrer, leider größtenteils verfaulter Äste und Zweige. Die meisten davon ließen sich aber noch für ein Lagerfeuer verwenden, und über der schnell entzündeten Glut schmorten bald die Rippenstücke des Bären, während die Jäger – auf ihren Decken ausgestreckt – in die züngelnden Flammen starrten.

Die beiden Männer gehörten zu einem Flatboot, das von Edgeworths am Wabasch liegender Farm nach New Orleans steuerte. Es war mit Whisky, Zwiebeln, Äpfeln, geräucherten Hirschschinken, getrockneten Pfirsichen und beladen und sie hofften, dort ihre Waren gut verkaufen zu können. Der alte Edgeworth, ein wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigentümer des Bootes und der Ladung, trug auch eine ziemlich große Summe baren Geldes mit sich, um in einer der südlichen Städte, vielleicht in New Orleans selbst, Waren einzukaufen und diese in seine etwas entlegene Niederlassung zu schaffen. Er war erst vor zwei Jahren an den Wabasch gezogen; früher hatte er im Staate Ohio gelebt. Dort aber fühlte er sich nicht länger wohl, da die mehr und mehr zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte und er hin und wieder auf eine richtige Fährte im Wald stoßen wollte, um nicht völlig melancholisch zu werden‹.

Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und Vollwaise hatte vor einigen Jahren ebenfalls große Lust verspürt, sich am Wabasch häuslich niederzulassen. Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er seinen Sinn, und als er zufällig den alten Dickson, einen Seemann und früheren Jugendfreund seines Vaters, traf, ging er wieder auf See.

Damals schiffte er sich in Cincinnati auf dem von Dickson gebauten Schoner ein, der eine Ladung ländlicher Erzeugnisse an Bord hatte, diese in New Orleans verkaufte, Fracht für Havanna einlud und dann eine Zeitlang die südlichen Küsten Amerikas befuhr, bis ihn in Brasilien, wie Tom bereits erwähnte, ein böses Geschick ereilte. Wenn auch erst seit kurzem von seinen Kreuz- und Querzügen zurückgekehrt, so schien ihm die Heimat doch wenig zu bieten, was ihn fesseln konnte. Er war wenigstens gern bereit, den alten Edgeworth wieder auf einer Fahrt stromabwärts zu begleiten, und bewies damit seine Gleichgültigkeit gegenüber allem, was sein Lebensziel betraf. Edgeworth schüttelte oft den Kopf darüber und meinte, es sei höchste Zeit für ihn gewesen, zurückzukommen und ein ehrbarer, ordentlicher Farmer zu werden, er wäre sonst auf See und zwischen all den sorglos ins Leben hineintaumelnden Kameraden total verwahrlost geworden.

Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens ein wenig zu beleben, waren sie hier, wo der Fluss einen gewaltigen Bogen machte, mit ihren Büchsen ans Land gesprungen und hatten – vom Glück begünstigt – ein vortreffliches Stück Wild erlegt. Das Boot – gezwungen, den Krümmungen des Flusses zu folgen – verfolgte inzwischen unter der Aufsicht von fünf kräftigen Hosiers [Scherzname der Amerikaner für die Bewohner von Indiana] seine langsame Bahn und trieb mit der Strömung zu Tal.

»So lass ich mir's im Wald gefallen«, sagte endlich Tom nach langer Pause, indem er sich auf sein Lager zurückwarf und zu den von der lodernden Glut beleuchteten Zweigen hinsah. »So kann man's aushalten; Bärenrippen und trockenes Wetter; etwas Honig fehlt noch. Solch junges Fleisch schmeckt aber auch ohne Honig delikat. Blitz und Tod! Manchmal, wenn ich so auf Deck lag, wie jetzt hier unter den herrlichen Bäumen, zu den Sternen in die Höhe schaute und dann das Heimweh bekam, Edgeworth, ich frage Euch, habt Ihr wohl noch nie Heimweh gehabt?«

»Heimweh? Nein«, erwiderte der alte Mann seufzend, während er seine Büchse mit frischem Zündpulver versah, das Schloss mit dem Halstuch bedeckte und sie neben sich legte, »das nicht, aber anderes Weh gerade genug. Sprechen wir nicht davon, ich will mir den Abend nicht verderben. Ihr wolltet mir ja erzählen, was in Brasilien mit Dickson – oder wie er hieß – geschah.«

»Nun, wenn das dazu dienen soll, Euch zu erheitern«, brummte Tom, »so habt Ihr einen sonderbaren Geschmack. Aber so ist es mit uns Menschen, wir hören lieber Trauriges von anderen als Freudiges von uns selbst. Doch meine Geschichte ist kurz erzählt:

Wir waren in die Mündung eines kleinen Flusses, San José, eingelaufen und gedachten dort, unsere Ladung von Whisky, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaren, mit welchen wir einen besonders guten Handel zu machen hofften, an die Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Deren Plantage hatten wir aber an diesem Abend nicht mehr erreicht, befestigten unser kleines Boot deshalb mit einem Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht weit vom Ufer stand, kochten unsere einfache Mahlzeit, spannten die Moskitonetze auf und legten uns schlafen.
Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmaßregeln zu treffen, fiel niemandem ein; nur hatten wir das Haltetau etwas lang gelassen, damit der Schoner neben einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht das Ufer rammen konnte.

Sonst träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend für ganz sicher und gefahrlos.
Ich weiß nicht, wie spät es in der Nacht gewesen sein kann, als Dickson, der dicht neben mir lag, mich in die Seite stieß und fragte, ob ich nichts höre.

Halb im Schlafe noch, mochte ich ihm wohl etwas mürrisch geantwortet haben, er solle zum Teufel gehen und andere Leute in Ruhe lassen, da fühlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten Mal, und zwar diesmal ziemlich derb, an der Schulter fasste und leise flüsterte:

»Munter, Tom! Munter! Da ist was am Ufer!.«

»Hallo«, rief ich und fuhr in die Höhe; denn jetzt kam mir zum ersten Male der Gedanke an die roten Teufel, die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten wie das wilde Volk bei uns. So saßen wir denn nebeneinander, jeder unter seinem langen dünnen Fliegennetz, und lauschten, ob wir irgend etwas Verdächtiges hören konnten. Da rief Dickson auf einmal:

»Hierher, Leute! Da sind sie die Schufte!«, und sprang in die Höhe, während ich schnell nach meinem Messer griff, das verdammte Ding jedoch in aller Eile nicht finden konnte. Dickson aber musste sich mit den Füßen in dem dünnen Gazestoff, aus dem das Netz bestand, verwickelt haben. Ich hörte einen Fall auf das Deck und sah, als ich mich schnell danach umwandte, zwei dunkle Gestalten, die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und sich auf ihn warfen. In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein konnte. Mit Blitzesschnelle riss ich sie in die Höhe, rief den andern zu wir hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord , das Tau zu kappen, und schmetterte das schwere Holz auf die Köpfe der beiden dunklen Halunken nieder, die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder wahrscheinlicher stürzten; denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn und Blut.
Während die übrigen Männer noch halb schlaftrunken emportaumelten, hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glücklicherweise bereitliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so dass der Schoner im nächsten Augenblick, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.

Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher noch, sie hätten ebenfalls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer Kapitän aber war tot; er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen Keulenschlag über den Kopf bekommen und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Atem schöpften, starr und leblos an Deck.«
»Und was wurde aus der Ladung?«

»Die verkaufte ich noch in derselben Woche, belud dann die ›Charlotte‹ – so hieß der Schoner – mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier Monate später gesund und frisch in Charlestown ein, wo Dicksons Frau lebte. Sie betrauerte allerdings den Tod ihres Mannes, das Geld aber, das ich ihr übergab, tröstete sie wohl etwas. Acht Wochen später heiratete sie einen Pflanzer aus der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.«

»Sie wusste doch wenigstens, wo ihr Mann verblieben war«, flüsterte der alte Mann vor sich hin, »sie wusste, dass er tot und wie er gestorben war. Viele Eltern warten jahrelang auf ihr Kind, hoffen in jedem Fremden, der die Straße heraufkommt, in jedem Reisenden, der nachts an ihre Tür klopft, das geliebte Antlitz zu schauen. Am Ende müssen sie sich doch damit abfinden, dass es inzwischen tot ist und Haifische oder Wölfe seine Körper zerfleischt hatten.«

»Ja, du lieber Gott«, sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, »das ist eine sehr alte Geschichte. Wie viele kommen nur in diesen Wäldern um, die auf den Flüssen gar nicht gerechnet, von denen die Familien selten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausende gehen auf der See zu Grunde! Das lässt sich nicht ändern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran habe ich nie gedacht.«

»Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihren zurück«, sagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme. »Wenn diese sie schon lange auf- und verlorengegeben haben, dann klopfen sie plötzlich an das vielleicht heiß ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schließen weinend aber Freudentränen weinend, das liebe, böse Kind in die Arme.«

»Ja«, erwiderte Tom ziemlich gleichgültig, »aber nicht oft. Die Dampfboote fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich schockweise. Das aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter«, unterbrach er sich, während er sein Lager wieder einnahm; »die Nacht ist zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen soll gerade nicht übermäßig gesund sein.«

»Ich bin's gewohnt«, erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in seine eigenen trüben Gedanken vertieft.

»Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie nicht benutzen!«
»An der Stelle dort, wo ich lag, müssen Wurzeln oder Steine sein; es drückte mich an der Schulter, und ich rückte deshalb aus dem Wege.«

»Nun, danach können wir leicht sehen«, meinte Tom gutmütig; »es wäre überhaupt besser, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde zu liegen. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll alles hergerichtet sein.«

Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem Fuß einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob. Tom zog indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.

»Hol's der Henker!«, lachte er endlich. »Das glaube ich, dass Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckt darunter, aber keine Wurzeln. Dass wir das auch nicht gesehen haben!« Er warf die Knochen auf die Feuerstelle und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in der Nähe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager hergestellt hatte. Dann breitete er wieder sorgfaltig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Äste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Mokassins aus, deckte sich jene über die Schultern und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen.

Edgeworth dagegen hatte einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit, als ein so unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.

»Nun seid Ihr nicht müde?«, fragte ihn sein Gefahrte endlich, der zu schlafen wünschte. »Lasst doch die Aasknochen und legt Euch nieder! Es wird Tag werden, ehe wir's uns versehen.«

»Das ist kein Hirschknochen, Tom!«, sagte der Alte, indem er sich zum Feuer niederbeugte, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer betrachten zu können.

»Nun, so ist's von Wolf oder Bär«, murmelte Tom, schon halb eingeschlafen, mit schwerer Zunge.

»Bär? Das wäre möglich«, erwiderte nachdenklich der Alte, »ja, ein Bär könnte es sein; ich weiß aber doch nicht, mir kommt's wie ein Menschenknochen vor.«

»Tretet doch den Hund einmal in die Rippen, dass er das verdammte Scharren lässt«, sagte der Matrose ärgerlich. »Menschenknochen, meinetwegen; wie sollten aber Menschenknochen... ?« Er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert von seinem Lager empor, während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute, die ihn umstanden.

»Was ist Euch?«, fragte Edgeworth erschrocken. »Was habt Ihr auf einmal?«

»Verdammt will ich sein«, sagte Tom sinnend und blickte immer noch ängstlich umher, »wenn ich nicht glaube... .«

»Glaube, was? Was habt Ihr?«

»Ist das wirklich ein Menschenknochen?«

»Mir kommt es so vor. Es muss das Hüftbein eines Mannes gewesen sein; denn für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang. Aber was ist Euch?«

Tom war emsig beschäftigt, seine Mokassins wieder anzuziehen, und sprang jetzt auf die Füße.
»Wenn das ein Menschenknochen ist«, rief er, »so kenne ich den, dem er gehörte. Ich habe ihn selbst mit Ästen und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein Grab machten; das Kreuz der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel.«
»Auf welche Art starb er denn, und wer war er?«

»Wer er war, weiß der liebe Gott, ich nicht; aber er starb auf eine recht niederträchtige, hundsföttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da unten am Land lag, wo wir unser Schiff morgen erwarten, schlug ihn tot wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.«

»Entsetzlich!«, sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich legend, auf seine Decke zurück, während Tom ebenfalls seinen so schnell verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte.

»Wir jagten hier oben nach Bären«, fuhr Tom, vor sich niederstarrend und ganz in der Erinnerung an die alten Zeiten verloren, fort, »und Bill.«

»Der Bootsmann?«, fragte Edgeworth.

»Nein, jener Unglückliche«, sagte Tom.

»Und sein anderer Name?«

»Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehörte, soviel ich verstanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burschen ein paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Bill spielte aber nicht, und das erbitterte schon den nichtswürdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgendeine Art und Weise anzustellen gewusst, dass er den armen Jungen von uns fortbekam und die Nacht mit ihm allein lagerte. Wir kampierten an demselben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Bärin schossen; denn von der kleinen Prärie aus waren wir dorthin einem Bärenkurs gefolgt. Am nächsten Tag ließ sich niemand von ihnen sehen, und als wir bei Sonnenuntergang zum Flussufer kamen, war das Boot fort.

Dicht am Ufer übernachteten wir; der alte Sykomoren-Stamm muss noch dort liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen gezwängt und konnte nicht fort, und als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen, wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.

»Gebt acht«, sagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Kompagnie jagte, »gebt acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.«

»Kurzfuß«, fuhr der Alte erschrocken auf, »warum nannte er ihn Kurzfuß?«

»Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel. Und richtig als wir auf den Hügel hier kamen ich vergäße den Anblick nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde, da lag der Körper, und die Aasgeier... , aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid... .«

»Hatte der der Kurzfuß oder Bill, wie Ihr ihn nanntet, eine Narbe über der Stirn?«

»Ja eine große, rote Narbe; kanntet Ihr ihn?«

Der alte Mann presste seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz auf sein Lager zurück.

»Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen, Mann, was fehlt Euch?«, rief der Matrose, jetzt wirklich erschrocken emporspringend. »Kommt zu Euch! Wer war jener Unglückliche?«

»Mein Kind mein Sohn!«, schluchzte der Alte und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heißen, trockenen Augenhöhlen.

»Allmächtiger Gott!«, sagte Tom erschüttert. »Das ist schrecklich! Armer, armer Vater!«

»Und Ihr begrubt ihn nicht?«, fragte der Alte endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.

»Doch; er bekam ein Jägergrab«, antwortete leise und mitleidig der junge Mann. »Wir hatten nichts bei uns als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da; aber ich martere Euch mit meinen Worten.«

»Erzählt nur weiter; bitte, lasst mich alles wissen!«, bat flehend der Vater.

»Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Äste herbei, dass kein wildes Tier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte, denn Bären lassen die Leichen zufrieden, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.«

Edgeworth starrte still und leichenblass vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:

»Wir liegen hier also auf seinem Grab, in seinem Grabe, und mein armer, armer William musste auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben; Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?«

»Von Herzen gern, nur haben wir kein Werkzeug.«

»Auf dem Boot sind zwei Spaten und mehrere Hacken; die Leute müssen helfen. Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist alles, was ich für ihn tun kann.«

»Sollen wir unser Lager lieber auf der anderen Seite des Feuers machen?«, fragte Tom.

»Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?«, sagte der Greis. »Es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte, an seinem Herzen noch einmal liegen zu können, und finde jetzt seine Gebeine, umhergestreut in der Wildnis. Aber gute Nacht, Tom! Ihr werdet müde sein von des Tages Anstrenungen; wir wollen ein wenig schlafen. Der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt.«

Sicherlich nur um den jüngeren Gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloss die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine tränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herum verstreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend bei seiner Arbeit und näherte sich dabei dem Platz, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die beiden sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend.

»Wolf! Schämst du dich nicht, Alter?«, sagte der junge Mann, auf ihn zugehend. »Du träumst wohl, du faules Vieh, weist mir die Zähne?«

Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als hätte er sagen wollen: ›Ich kenne dich recht gut und weiß, dass du ein Freund bist, aber hierher darfst du mir trotzdem nicht‹.

Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam:

»Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laub und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?«
Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Tieres den Schädel seines Sohnes, wobei Wolf, als jener die Überreste des teueren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf-sprang und winselte und bellte.

»Das kluge Tier weiß, dass es Menschenknochen sind«, sagte der Matrose.

»Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!«, rief der Greis erschrocken. »Bill hat ihn aufgezogen und ging von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, nie einen Schritt ohne ihn in den Wald.«

»Das ist ja nicht möglich; die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. Wie alt ist denn der Hund?«

»Acht Jahre; aber so klug wie je ein Tier einer Fährte folgte«, sagte der Greis. »Wolf komm hierher!«, wandte er sich dann an den Winselnden. »Komm her, mein Hund! Kennst du Bill noch, deinen alten, guten Herrn?«

Wolf setzte sich nieder, hob den spitzen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den anderen und stieß plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmütig klagendes Geheul aus, dass sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Tier nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen, lindernden Tränenstrom seinem gepressten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkosend die Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine Schulter zu legen.

»Unsinn!«, sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zumute wurde. »Das Tier wittert menschliche Überreste, und da geht's ihm gerade wie mit Menschenblut. Lasst das die Hunde plötzlich spüren, so heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.«

»Lasst mir den Glauben, Tom!«, bat der Alte und richtete sich endlich wehmütig wieder auf. »Es tut mir wohl, selbst in dem Tier das Gedächtnis für einen Freund bewahrt zu sehen, und wir haben ja des Schmerzlichen genug; warum den schwachen Trost noch mutwillig mit eigener Hand zerstören?«

Ein Schuss aus der Richtung, in welcher der Fluss liegen musste, unterbrach seine Rede.

»Verdammt!«, rief Tom. »Ob die Burschen schon mit dem Boot da sind? Die Seehunde müssen nachts gefahren sein; es ist ja kaum Tag.«

»Tut mir den Gefallen und ruft sie her!«, bat Edgeworth.

»Mir wär's lieber, wenn Ihr mitginget«, sagte der junge Mann zögernd, »Ihr quält Euch hier und ....«

»Ich bin gefasst, wenn Ihr kommt, Tom. Tut mir die Liebe und ruft sie.«

Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und schritt dem Flussufer zu. Edgeworth kniete an dem Fuße der Eiche nieder, die jahrelang ihre Arme schützend über die Überreste seines Kindes ausgebreitet hatte, und lag ernst und still in inbrünstigem Gebet, bis er die Schritte der Bootsleute hörte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen. Tom hatte die Männer schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell bekanntgemacht, und ernst und schweigend begannen sie, an der engen Gruft zu arbeiten, die des unglücklichen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann legten sie sorgsam die gesammelten Überreste hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher ebenso still und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boot hinunter.

»Hallo!«, rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen langen Haare wild um die Schläfe hängend entgegen. »Bärenfleisch! Bei den sieben Todsünden! Verdamme meine Augen, wenn das nicht der vernünftigste Streich ist, den unser alter Kapitän in langer Zeit ausgeführt hat. Macht aber schnell, Burschen, dass wir von hier fortkommen! Wir versäumen die schöne Zeit; das Wasser fällt mit jeder Sekunde.«

»Wir gehen noch einmal hinauf«, sagte der eine von ihnen.

»Was zum Henker ist nun noch oben?«

»Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.«

»Narren seid ihr«, zürnte der Steuermann, »wie sollen wir nachher kochen?«

»In Vincennes können wir neue bekommen«, sagte Tom.

»Schaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrügt.«

»Ich bin zum Steuern gemietet und nicht zum Steineschleppen«, brummte der Lange, indem er sich ruhig aufs Verdeck streckte. »Unsinn genug, dass ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufrührt; die wären auch ohne euch verfault.«

Die Männer antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langsam den Platz verlassen, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram vertieft stand. Da fuhr der Alte aus seinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Büchse, rief nach dem Hund und ging mit festen, sicheren Schritten voran, dem Boot zu.

Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des unbeholfenen Fahrzeugs, mit denen es in die eigentliche Strömung hinausgeschoben wurde. Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einförmige Bahn. Wie es aber nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre ›Finnen‹, wie die langen Ruder solcher Boote genannt werden, an Deck und streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus, um die ersten Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen, die jetzt eben in all ihrer schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte.

Edgeworth aber saß, mit dem Hund zwischen seinen Knien, am hintern Rande des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verschwindenden Bäumen zurück, die das Grab seines Kindes überschatteten.

Kapitel 2

Der Kampf - Smart und Dayton

 

In Helena, einer kleinen Stadt in Arkansas, am Ufer des Mississippi, herrschte ein ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend musste hier die Bevölkerung zusammengekommen sein. Überall standen Gruppen eifrig unterhaltender Männer, teils in die bunt befransten Jagdhemden der Hinterwäldler, teils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr zivilisierten Städter gekleidet, deren heftige Reden und lebhafte Gesten verrieten, dass sie keineswegs alltägliche Gespräche führten.

Vor dem Union-Hotel, dem besten Gasthaus der Stadt, schien sich der größte Teil dieser Menschenmasse versammelt zu haben, und der Wirt, eine lange, hagere Gestalt mit blonden Haaren, scharfen Backenknochen, etwas spitzer, vorstehender Nase, aber blauen, gutmütigen Augen, kurz, jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die tätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Schwarzen unterstützt, alle Hände voll zu tun, die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirt in seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im geringsten um das innere Hauswesen.

Da sich die Menschen von dem Hause durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt hatten, artete ihre bisher ruhige und friedliche Unterhaltung mehr und mehr aus. Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich verkündeten ein scharfer Schrei und ein wildes Drängen, dass es endlich, was der lächelnde Wirt schon lange ersehnt haben mochte, zu Tätlichkeiten gekommen sei.

Mit halb vorgebeugtem Oberkörper, die Hände tief in den Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Tür gelehnt, stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch Vergnügen ihm ein Kampf machte, dessen Ergebnis so ganz seinen Wünschen entsprochen haben musste.

Der nämlich, der den ersten Schlag gegeben hatte, war ein kleiner, untersetzter Ire mit brennend roten Haaren und womöglich noch röterem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschließenden Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigentümlich komischen Anstrich gab. Davon abgesehen war aber Patrick O’Toole nichts weniger als komisch oder auch nur spaßig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgendeine Ursache zu einem vernünftigen oder ›räsonablen‹ Streit fand, wie er es nannte. Wenn auch nicht zänkisch, so war er doch der letzte, der einen Platz verlassen hätte, wo noch die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen wäre.

So sehr aber Patrick oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal im Recht sein mochte, sosehr fand er sich bald im Nachteil; denn kaum lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Teil derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Anteil an dem Zank genommen hatten, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten.

»Zurück mit euch! Weg da, ihr Blackguards, ihr Söhne einer Wölfin!«, schrie der Ire und teilte dabei ohne Unterschied der Person nach links und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus, dass er die Angreifer blitzschnell in sichere Entfernung zurückscheuchte.

»Ehrlich Spiel hier!«, schrie er dabei und streifte sich schnell den immer wieder niederrutschenden Ärmel auf. »Ehrlich Spiel, ihr Spitzbuben; einer gegen einen, oder auch zwei und drei, aber nicht acht und neun; die Pest über euch! Ich klopfe euch die Schädel so breiweich wie euer Hirn, ihr hohlköpfigen Halunken ihr!«,

»Ehrlich Spiel!«, riefen auch einige aus der Menge und suchten die übrigen Kampflustigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riss er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei voll wildem, unbezähmbarem Ingrimm auf den ruhig wartenden Iren.

Dieser jedoch fing, ohne weiter seine Stellung zu verändern, den drohend gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gezielten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk packte, zum zweiten Male niederschlug und nun in dem Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte, dass sie einen andern ähnlichen Überfall verhindern würden. Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt; man entzog zuerst den Besiegten seinen Händen, und dann brach der Sturm in plötzlicher, aber desto verheerender Gewalt über ihn los.

»Zu Boden mit dem irischen Hund! Nieder mit ihm!«, tobten sie. »Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt! Was will der Ausländer hier, der übers Wasser Gekommene?«

»Ins Wasser denn mit ihm!«, schrie ein breitschultriger, bleicher Geselle, dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches verlieh. »Ins Wasser mit ihm! Die irischen und deutschen Halunken verderben armen, ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der dünnbeinigen Kanaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen!« Mit diesen Worten und einem nicht sehr lauten, aber ganz eigentümlichen Pfiff warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Iren, dass er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächst Stehenden und mehrere andere, die sich schnell herzudrängten, rasch zu seiner Hilfe herbeigeeilt. So sah sich O’Toole gleich darauf von mehreren Seiten erfasst und zu Boden geworfen.

»In den Mississippi mit dem Schuft!«, tobte der Haufen. »Bindet ihm die Hände auf den Rücken und lasst ihn schwimmen!«

»Fort nach Irland mit ihm; er kann sich unterwegs ein Schiff bestellen«, schrie ein anderer. Ein paar friedlicher Gesinnte, die keineswegs wollten, dass ein bloßer Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, und den Überwältigten zu retten suchten, wurden leicht zurückgehalten, und mit Gebrüll schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flussrande zu.

O’Tooles Lage war höchst misslich, und er selbst wusste nur zu gut, wie feindlich ein großer Teil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt war, um das Schlimmste zu fürchten. Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten Anstrengungen, mit denen er versuchte, den Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt haben. Die Übermacht war zu groß, und die Nähe des Flusses ließ ihnen auch keine Zeit zum Überlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu begünstigen. Da war es ein einzelner, der sich plötzlich mitten zwischen die Wütenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt hemmte; dieser einzelne aber war niemand anders als unser freundlicher Wirt Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität sein »Halt, das ist genug!«, aussprach, als ob er von dem Haufen selber zum Friedens- und Schiedsrichter bestellt gewesen wäre.

Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen.

»Zurück, Smart! Lasst den Mann los und geht zum Teufel!« Ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit fester Stimme dagegen: »Ich will verdammt sein, wenn ihr ihm ein Haar krümmt!«,

»So sei es denn!«, schrie der eine seiner Gegner, zog eine kleine Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drückte ab. Nun versagte zwar zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe; Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen ließ. Mit schnellem Griff riss er ein unter seinem Rock verborgenes, wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser heraus und führte damit schon in der nächsten Sekunde einen so kräftigen, wohlgemeinten Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden, dass er ihm, wenn jener Stich saß, den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müsste. Der aber, dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verrieten, was ihn erwartete, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur die Spitze des Messers traf ihn vorn an der Schulter und riss ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hieb auf.

Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit so dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die anderen hin, dass sie scheu und fast unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte seine Glieder kaum wieder frei, als er auch schon rasch empor sprang und nicht übel Lust zu haben schien, den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt, und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestoßenen Männer einen neuen Entschluss fassen oder es über sich gewinnen konnten, dem so herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirt den kleinen Iren mit sich fort und verschwand gleich darauf im Innern seines Hauses.

»Verdamme meine Augen!«, schrie da plötzlich der schon früher erwähnte bleiche Geselle mit der Narbe. »Sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu tun und zu lassen hat? Ei, so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an!«

»Bei Gott, das wollen wir! Kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen Küche!«, tobte und wütete die Schar. »Nieder mit der Kneipe; die Bestie will sowieso nichts pumpen!«

Die Masse wandte sich rasch zur Untat entschlossen gegen das bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit sie in ihrem augenblicklich und heftig entflammten Grimm gegangen wäre, hätte sich ihr nicht jetzt mit der freundlichsten Gebärde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hocherhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Augenblick Gehör zu schenken. Er war hoch und schlank gewachsen, mit offener freier Stirn, dunklen Augen und Haaren und feinen, fast weiblich schön geschnittenen Lippen. Auch in seiner ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine Kleidung, die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweißer Wäsche bestand, verriet ebenfalls, dass er entweder diesen Kreisen fremd war oder doch eine Stellung bekleidete, die ihn über seine Umgebung erhob. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens wegen in kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war.

»Gentlemen!«, redete der Advokat jetzt die wunderbarerweise rasch Besänftigten an. »Gentlemen, bedenken Sie, was Sie tun wollen. Wir befinden uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind wohl bereit, Sie gegen den Angriff anderer wie auch andere gegen Ihren Angriff zu schützen. Mr.Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt, er hat Ihnen im Gegenteil einen Gefallen getan, indem er Sie vor einer Gewalttat bewahrte, die wohl böse Folgen für manche von Ihnen gehabt haben könnte. Sie sollten ihm eher dankbar sein. Mr.Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.«,

»Hol' ihn der Teufel!«, rief der Kerl, nach dem der Wirt mit seinem Messer gehauen hatte. »Dankbar sein? Ehrenmann? Ein Schuft ist er und hätte mich beinahe gespalten wie eine Apfelsine. In die Hölle mit ihm! Feuer in sein Nest, das ist mein Rat!«

»Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt«, nahm hier der Richter aufs neue das Wort, »so bin ich auch überzeugt, dass er alles versuchen wird, seinen begangenen Fehler wiedergutzumachen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinaufgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene ausgleichen. Sind Sie damit zufrieden?«

»Ei, hol's der Henker, ja!«, sagte der mit der Narbe. »Er soll uns traktieren. Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.«

»Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt!«, zischte der andere. »Die Pest über den Krämer, der so erbärmliche Waren führt.«

»Kommt, Boys, ins Hotel! Smart mag etwas herausrücken und wenn er's nicht tut, so soll ihm der Böse das Licht halten«, sagte der Narbige.

»Ins Hotel! Ins Hotel!«, brüllte die Schar. »Er muss uns freihalten, sonst schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücke!«

In grölendem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer weiß, ob des Advokaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu noch viel ernsthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber seine Leute zu gut und wusste, dass er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus ließ, gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen wäre und dann auch jedem ihrer Wünsche willfahren müsse, wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und Eigentum aussetzen. Als sich daher die RädelsAnführer seiner Tür näherten, trat er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die oberste Schwelle und erklärte fest, er werde den ersten niederschießen, der die Stufen seiner Treppe betreten sollte. Smart war als ausgezeichneter Schütze bekannt, und sicherer Tod lag in der ihnen drohend entgegengehaltenen Mündung. Der Advokat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete dem Yankee, dass die Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchse fortzustellen, damit auch das letzte entfernt sei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne.

»Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky«, schloss er dann seine Rede. »Und sie werden auf Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit denen, die unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich zu sein, als in immerwährendem Streit und Hader zu leben.«

Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advokaten, den er selbst schon seit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen Mann kannte, den Büchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schloss zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich:

»Es ist recht hübsch von Ihnen, Mr. Dayton, dass Sie nach besten Kräften Streit und Blutvergießen verhindert haben. Mancher Ihrer Herren Kollegen hätte das nicht getan. Damit Sie denn auch sehen, dass ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das mindeste habe, wieder auf freundschaftlichen Fuß zu kommen, so bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum besten zu geben; aber ich will sie hinausschicken. Ich habe Ladies hier im Hause, und die Gentlemen draußen werden gewiss selbst damit einverstanden sein, ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von Damen gestört zu wissen.«

»Hallo Brandy?«, rief der mit der Narbe. »Wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben und dabei erklären, dass Euch das Geschehene leid sei?«

»Allerdings will ich das!«, erwiderte Jonathan Smart, während ein leicht spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte. »Und zwar vom vortrefflichsten Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe. Sind die Herren damit einverstanden?«

»Ei Bootshaken und Enterbeile ja!«, nahm der Bleiche das Wort. »Heraus mit dem Brandy, wenn Unterröcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht so recht behaglich zumute; aber schnell, Smart, Ihr trefft uns heute in verdammt guter Laune und könnt Euch gratulieren; lasst uns deshalb also auch nicht so lange warten.«

Fünf Minuten später erschien ein starker, breitschultriger Schwarzer mit echtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten äthiopischen Gesichtszügen in der offenen Tür und trug, während er die Versammlung misstrauisch bald links, bald rechts zu betrachten schien, in dem linken Arm eine große breitbäuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes Dutzend Blechbecher. Die Schar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei, und zog dann jauchzend dem Flusse zu, wo sie an Bord eines dort liegenden Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten.

Dayton dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und anscheinend ernst sinnend nach. Smart aber störte ihn bald aus seinem Nachdenken auf; er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und stieg herunter zu dem Richter, der ihm so freundlich zu Hilfe gekommen war.

»Danke Euch, Sir«, sagte er hier, während er ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Danke Euch für Euer rechtzeitig eingelegtes Wort! Ihr hättet zu keiner gelegeneren Zeit dazwischentreten können.«

»Nicht mehr als Bürgerpflicht«, lächelte der Richter. »Die Menge lässt sich gern von einem entschlossenen Mann leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt trifft, so vermag ein ernstes Wort oft Gewaltiges.«

»Nun, ich weiß nicht«, meinte Smart kopfschüttelnd, während er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick zum Flusse hinabwarf. »Dergleichen Volk lässt sich sonst nicht leicht zurückschrecken, weder von freundlicher Rede noch feindlicher Waffe. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben und, da sie das keinen Pfifferling achten, der Gefahr deshalb trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, so wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein; denn Blut zu vergießen ist immer eine hässliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augenblick ins Gastzimmer! Ich komme gleich nach, muss nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und alles Nötige bestellen.«

»lch danke Euch«, sagte der Richter. »Ich muss nach Hause gehen. Es sind heute mit dem letzten Dampfboot Briefe angekommen, und vom Flusse herunter habe ich auch mehrerer Geschäftssachen wegen einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Gefallen tun, so kommt Ihr nachher ein bisschen zu mir herüber. Bringt auch Eure alte Lady mit; ich habe noch manches mit Euch zu besprechen.«,

»Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen«, sagte der Yankee lächelnd. »Wir haben das Haus voll Leute; aber ich selbst bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen. Die Burschen werden doch nicht noch einmal kommen?«

»Habt keine Angst«, beruhigte ihn der Richter. »Das Volk ist wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh; aber bewusster Schlechtigkeit halte ich sie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe angesteckt; wenn der aber erst einmal verraucht ist, so wird keiner mehr daran denken, Euch zu belästigen.«

»Desto besser«, sagte Jonathan Smart. »Angst hätte ich übrigens auch nicht. Mein Scipio hält, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann mich überall in Helena erreichen. Also auf Wiedersehen! In einem halben Stündchen komme ich hinüber.«

Er trat, während der Richter seiner eigenen Wohnung zuschritt, ins Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner ›besseren Hälfte‹, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er übrigens teils durch die übermäßige Arbeit, teils durch die vorangegangene Szene, in der übelsten Laune von der Welt fand. Mrs. Smart war auch keineswegs die Frau, die irgendeinen Groll lange und heimlich mit sich herumgetragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, musste heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn, als sie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, den Sonnenbonnet, den sie der Kaminglut wegen auch in der Küche trug, zurück, stemmte beide Arme, in der Rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend, fest in die Seite und empfing den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen:

»So, was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich gescheite Streiche angerichtet? Man darf den Rücken nicht mehr wenden, schon ist irgendein Unglück im Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken werden, ohne dass Mr. Smart nicht seinen Finger und seine Nase hineinstecken müsste.«

»Mrs. Smart«, sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um sie sich durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen, »ich habe heute ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken... .«

»Ach, was da, Menschenleben«, unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart. »Menschenleben hin, Menschenleben her; was geht dich das Leben anderer Leute an? An deine Frau sollst du denken, aber die mag sich schinden und quälen, die mag sich mühen und plagen, das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Straße hinaus, als ob er sie da draußen gefunden hätte, während ich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten und unser aller Brot verdienen muss.«

»... wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu teuer erkauft gewesen«, fuhr Smart ruhig fort, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im mindesten zu beachten.

»Ich sage dir aber, es wäre zu beachten gewesen«, eiferte die hierdurch nur noch mehr erzürnte Frau, »es wäre zu beachten gewesen, wenn du nur so viel Gefühl für dein eigen Fleisch und Blut hättest. Aber Philippchen kann heranwachsen und groß werden, das kümmert dich nicht. Nach deiner Wirtschaft geht alles zugrunde und muss alles zugrunde gehen, und wenn der arme Junge einmal das Alter hat, so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben, wohin er sein Haupt legt. Du Rabenvater.«

»Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte, als er heranwuchs«, lächelte Mr. Smart gutmütig und rieb sich dabei die Hände. »Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch so gute Früchte getragen, dass sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das schönste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte. Smart senior ist nun tot, und Smart junior ist Smart senior geworden; wenn also in natürlicher Folge Smart junior jetzt... .«

»Nun höre einmal auf mit all dem Unsinn von senior und junior! Gehe an dein Geschäft, besorge die Pferde, die draußen im Stalle stehen, schick mir den Schwarzen her und lass ihn Bohnen von dem Feld bringen! Zum Kaufmann muss er auch hinübergehen, um das Fass Zucker zu holen. Mann, du wirst mich mit deinem Leichtsinn noch in die Grube bringen.«

»... dem Rate des Smart senior so folgt, wie Smart senior damals dem seines Vaters folgte«, fuhr der unverwüstliche Yankee ruhig und unbekümmert fort, »so ist alle Hoffnung vorhanden, dass auch ohne unser Zutun Smart junior schon seinen Lebensunterhalt auf anständige Weise gewinnen wird.«

»Scipio soll herkommen«, schrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur äußersten Wut getrieben, während sie mit dem Fuß stampfte und den Stiel des Löffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstieß. »Hörst du, Jonathan? Scipio soll herkommen, und nun fort mit dir, Mensch, der du meinen Tod willst, oder ich gebrauche, so wahr mich unser lieber Herr Gott erhören soll, mein Küchenrecht.«

[Anm.: Das hier gemeinte und in Nordamerika geltende Küchenrecht, was nicht selten, besonders auf Dampfbooten seine Anwendung findet, besteht darin, einen Kochlöffel voll siedenden Wassers gerade über dem, den man aus der Küche haben will, an die Decke zu schleudern, so dass, wenn er sich nicht rasch durch die Flucht den Folgen entzieht, die heiße Flut auf ihn hinabträufelt.]

Und mit raschem Griff erfasste sie den langstieligen, kupfernen Schöpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers, der über dem Feuer zischte und sprudelte. Nun wusste Mr. Smart allerdings, dass es zwischen ihnen, trotz des von seiten Madames oft hitzig geführten Zungenkampfes, nie zu Tätlichkeiten kam, denn Madame kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes, um so etwas je zu wagen. Um aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu machen und die erzürnte Ehehälfte, die ihm sonst eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu stimmen, zog er sich ruhig zur Tür zurück und fragte nur hier, die Klinke in der Hand, »ob Mrs. Smart sonst noch etwas zu bestellen habe, da er ein paar Geschäftswege machen müsse.«

Diesen Rückzug nahm Madame übrigens als ein stillschweigendes Zeichen der Anerkennung ihrer Autorität, und bedeutend milder gestimmt goss sie das kochende Wasser wieder zurück in sein Gefäß, wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der geröteten Stirn und sagte in noch halb ärgerlichem, aber doch nicht mehr heftigem Tone:

»Nein, Mr. Smart, wenn Sie Ihre Geschäfte außer dem Hause haben, so brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kümmern. So viel sage ich Ihnen aber, die Pferde.«

»Sind sämtlich gefüttert und besorgt«, bemerkte Smart.

»Und das Fass Zucker.«

»Steht in der Bar.«

»Aber die Bohnen.«

»Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflückt worden.«

»Und die beiden Zimmer, die noch für die letztgekommenen Gäste geräumt werden sollten.«

»Können jeden Augenblick bezogen werden«, lächelte Jonathan; »Mr. Smart und Scipio haben das alles besorgt. Sonst noch etwas?«

Madame wurde jetzt wirklich ärgerlich, dass weiter gar nichts zu bemerken war, und arbeitete mit immer größerem Eifer und röter werdendem Gesicht in den Kohlen herum. Schon zweimal hatte sie sich vergebens bemüht, den schweren eisernen Kessel aufs Feuer zu heben. Jonathan, dies bemerkend, sprang rasch hinzu, ergriff die Haken und schwang das mächtige Gefäß mit leichter Mühe auf seinen Ort, wandte sich dann lächelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehehälfte um, drückte ihr einen raschen, aber nichtsdestoweniger derbgemeinten Kuss in das rote, gutmütige Gesicht und schritt im nächsten Augenblick, die Hände tief in den Beinkleidertaschen und aus Leibeskräften den Yankeedoodle pfeifend, rasch zur Tür hinaus ins Freie.

Kapitel 3

Das Union-Hotel und seine Gäste

Leser, hast Du schon je ein amerikanisches Wirtszimmer gesehen? Nein? Das ist schade; es würde mir die Beschreibung ersparen. Wie die Bahnhöfe auf unseren Eisenbahnen, so haben die Wirtszimmer in der Union eine Familienähnlichkeit, die sich in keinem Staate, weder im Norden noch Süden, verleugnen lässt und in den kostbarsten Austernsalons der östlichen Städte wie in den gewöhnlichen grogshops der Backwoods sichtbar und erkennbar bleibt. Der Schenktisch, mag er nun mit Marmorplatten belegt oder von einem schmutzigen hölzernen Gitter beschützt sein, trägt seine kleinen Fläschchen mit Pfefferminz und Staunton Bitters, damit sich jeder Gast sein Getränk mit einer der beiden scharfen Spirituosen würzen kann, und die dahinter angebrachten Karaffen blitzen und funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gast ein, sie zu kosten. Apfelsinen und Zitronen füllen die leeren Zwischenräume aus, und bleibehalste Champagnerflaschen sowie süße, mit buntfarbigen Etiketten versehene Liköre prangen in den obersten Regalen. Nie aber wird sich der Reisende in diesen öffentlichen Gebäuden, mögen sie nun ›hotel‹ oder ›inn‹, ›tavern‹ oder ›boardinghouse‹ heißen, wohnlich fühlen. Wie alles in Amerika, einzelne Privatwohnungen ausgenommen, nur für den augenblicklichen Genuss und Nutzen eingerichtet ist und jeder wirklichen Behaglichkeit entbehrt, so ist es auch mit diesen doch eigentlich für die Bequemlichkeit der Reisenden hingestellen Gasthäusern. Schon die ganze Einrichtung beweist das. Nur vor dem Kamin stehen Stühle, und hier sammeln sich selbst im Sommer, wenn kein Feuer darin brennt, aus alter Gewohnheit die Gäste und spritzen ihren Tabakssaft in die liegengebliebene Asche. Keiner setzt sich mit seinem Glas zum Tisch und verplaudert ein halbes Stündchen mit dem Freund; keiner liegt im Stuhl behaglich zurückgelehnt und beobachtet die Kommenden und Gehenden. In Gruppen stehen sie beisammen; das kaum gefüllte Glas wird schnell geleert, höchstens eine Zeitung überflogen, und schon eilt der eben erst eingekehrte Gast wieder seinen Geschäften oder seinem Vergnügen nach.

Das Union-Hotel machte keine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel. Der Tür gegenüber befand sich der Schenkstand, hinter dem ein junger Mann kaum Hände genug zu haben schien, die verlangten Gläser zu füllen. Links war der Kamin, rechts führten drei Fenster auf die Elmstreet hinaus, während neben der Tür zwei andere vornheraus eine Aussicht durch die Veranda nach der breiten Frontstreet und zugleich auf die Dampf- und Flatboot-Anlegestelle und den Strom gewährten. In der Mitte des ziemlich großen Raumes stand ein breitfüßiger, viereckiger Tisch, auf dem ein paar Zeitungen, die ›State Gazette‹ der ›Cherokee Advocate‹ und das ›New-Orleans-Bulletin‹, lagen, und ein Dutzend Stühle ein kleiner Nürnberger Spiegel und eine unvermeidliche Yankee-Uhr über dem Kaminsims füllten den übrigen Platz aus.

Interessanter aber waren die Gruppen, die in den verschiedenen Teilen des Zimmers herumstanden. Nur zwei Leute saßen nämlich, und zwar wie zwei Verzierungen zu beiden Seiten des Kamins: die Rücken der Gesellschaft zugedreht und die Beine hoch oben auf dem Sims neben der Uhr.

Den Mittelpunkt der Gäste bildeten ein junger Advokat aus Helena namens Robins, ein Farmer aus der Nähe von Little Rock, ein junger, grobknochiger Geselle, der trotz des hellblauen Frackes aus Wollenzeug und des schwarzen abgeschabten Filzes etwas unverkennbar Matrosenartiges an sich hatte, und der sogenannte Mailrider, der zu Pferde den ledernen Briefsack zwischen Helena und Strongs Postoffice in der Nähe des St.-Franzis-Flusses hin- und herführte. Das Gespräch drehte sich jetzt um die eben beschriebenen Vorfälle, die sie aus dem Fenster größtenteils mit ansehen konnten, und der Mailrider, ein kleines dürres Männchen von etwa fünfundzwanzig Jahren, war besonders erstaunt, dass sich eine solche Menge kräftiger, trotzig aussehender Burschen erst von einem einzelnen Mann einschüchtern und dann von einem andern in der Ausübung ihrer Rache hatte zurückhalten lassen.

»Gentlemen!«, sagte er in der mit Eifer geführten Anrede, wobei er diesen Titel ungewöhnlich häufig anwandte, als ob er seine Zuhörer dadurch ebenfalls mit überzeugen wollte, dass er selbst zu dieser besonderen Menschenklasse gehöre. »Gentlemen, die Männer von Arkansas fangen an, aus der Art zu schlagen; das demokratische Prinzip geht unter. Vom Osten her werden monarchische Grundsätze von Tag zu Tag gefährlicher. Gentlemen, ich fürchte, wir erleben noch die Zeit, wo sie in Washington einen König krönen, und der König heißt dann Henry Clay.«

»Henry Unsinn!«, sagte der Farmer verächtlich. »Wenn das geschähe, so sollten sie ihren König auch im Osten behalten; über den Mississippi dürfte er uns nicht kommen, dafür stehe ich. Wetter noch einmal, unsere Väter, die in ihren blutigen Gräbern schlafen und für ihre Kinder fielen, müssten sich ja in Schande und Schmach umdrehen, wenn die Enkel, die zu Millionen angewachsen sind, das nicht einmal mehr behaupten könnten, was sie der Übermacht mit wenigen Tausenden abzwangen. Das sind aber die verrückten Ideen, die nur Ausländer mitbringen. In Schmach und Ketten aufgewachsen, können sie sich nicht denken, dass ein Volk imstande ist zu existieren, wenn es nicht von einem Fürsten am Gängelband geführt wird. Zum Teufel auch, ich habe da erst neulich in einem Buch gelesen, wie die Hofschranzen über dem großen Wasser drüben in den Städten herumkriechen und schwanzwedeln und die Feinen und Zierlichen spielen. Die Pest über sie! Solch Geschmeiß sollte einmal nach Arkansas kommen; hui, wie wir sie mit Hunden hinaushetzen würden!«

»Hahaha«, lachte der kleine Advokat, »Howitt gerät ordentlich in Jagdeifer. Mäßigung, wackerer Staatsbürger, Mäßigung! Gegen solche Gefahr schützt uns unsere Konstitution.«

»Ach was da, Konstitution!«, brummte Howitt. »Wenn wir's nicht selber tun, wären die Konstitution und das Advokatenvolk auch nicht dazu imstande. Die eine würde umgeworfen, und die anderen gingen zur neuen Fahne über, das ist alles schon dagewesen. Nein, der Farmer ist es, der den Kern der Staaten ausmacht; denn sein freies Land wäre gerade das, was unter die Botmäßigkeit einer willkürlichen Regierung fiele. Er müsste das Land kultivieren und mit dazu beitragen, dass sich die Industrie mehr und mehr höbe und die Einkünfte von Jahr zu Jahr wüchsen, und dürfte dann am Ende noch nicht einmal mitreden, wenn es um sein eigenes Wohl und Wehe gälte. Nein, der Farmer oder vielmehr das Volk erhält den Staat, nicht die Konstitution, und ein Land, das kein Volk hat, dem hilft auch die beste Konstitution nichts.«

»Nun ja, das sage ich ja eben«, fiel der Mailrider, der nicht recht verstand, was jener meinte, mit seiner dünnen Stimme ein, »deshalb wundert's mich ja gerade, dass sich das Volk so von einem einzelnen Menschen leiten und einschüchtern lässt. Donnerwetter, ich sollte dazwischen gewesen sein, ich hätte dem Yankee«, und er sah sich um, ob der Wirt nicht etwa im Zimmer sei »ich hätte dem Yankee schon zeigen wollen, was es heißt, sich an freien amerikanischen Bürgern zu vergreifen.«

»Gerade im Gegenteil«, erwiderte ruhig der Farmer, »mich hat's gefreut, dass die Leute Vernunft annahmen. Was ich früher von Helena gehört habe, ließ mich fast glauben, der ganze Ort bestehe aus lauter Gesindel. Es ist mir lieb, dass ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hause tragen kann; denn dass die Köpfe eines freien, sorglosen Völkchens einmal überschäumen, ei nun, das ist kein Unglück, wenn sie nur immer wieder ins richtige Bett zurückkehren.«

»Verdammt wenig von denen, die heute nacht in einem Bett schlafen!«, lachte hier der im blauen Frack dazwischen. »Die lustigen Burschen fangen mit der Gallone Brandy an, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie mit einem ganzen Fass aufhörten. Ihr Gejubel und Geschrei schallt ja sogar bis hier herüber.«

»Was ist denn hier eigentlich heute vorgegangen?«, fragte jetzt der Farmer, sich an die übrigen wendend. »Ich kam gerade, wie sie den Irländer draußen in der Klemme hatten, und trug dann meine Satteltasche in die Hinterstube. War denn heute Gerichtstag?«

»Gerichtstag?«, fragte der im blauen Frack. »Nein, das weniger, aber etwas ganz anderes. Holk's Haus und Land wurden verauktioniert.«

»Holk's? Des reichen Holk Haus?«, rief Howitt verwundert. »Ih, das ist ja gar nicht möglich! Alle Wetter, vor acht Tagen kam ich erst hier durch, und da war ja noch kein Gedanke daran.«

»Ja, Sachen ändern sich«, lachte der Blaue. »Holk ging, wie ihr wisst, mit einem Flatboot nach New Orleans. Unterwegs muss er aber auf irgendeinen dahintreibenden Baumstamm gelaufen oder sonst zu Unglück gekommen sein, kurz, das ganze Boot ist spurlos verschwunden, und vor fünf Tagen kam Holks Sohn hier an.«

»Hatte denn Holk einen Sohn?«, fragte der Farmer. »Er war ja gar nicht verheiratet?«

»Aus früherer Ehe«, erwiderte der Blaue; »mehrere Leute hier kannten die Familie. Der junge Holk wäre auch gern hiergeblieben; er bekam aber schon am zweiten Tag das Fieber und damit zugleich einen solchen Widerwillen gegen das Land selbst, dass er schon am dritten Tag die Versteigerung seines gesamten Grundbesitzes anordnete. Die Auktion fand an diesem Morgen statt, und mit demselben Dampfboot, das heute mittag hier landete, ist der junge Holk wieder hinunter nach Baton Rouge gegangen.«

»Potz Blitz, der hat seine Geschäfte schnell abgemacht! Da ist wohl auch der schöne Besitz um einen Spottpreis weggegangen?«, fragte der Mailrider, der ebenfalls erst während des Streites gekommen war.

»Das nicht!«, erwiderte der Advokat. »Die Baustellen sind fast die besten in Helena, und es fanden sich mehrere Bewerber; ich selbst habe geboten; Richter Dayton schien auch große Lust zu dem Handel zu haben. Der Wirt hier hat sie aber zuletzt noch erstanden und was die Bedingung war gleich bar bezahlt. Smart muss einen hübschen Batzen Geld in Helena verdient haben.«

»Wunderbar, wunderbar!«, murmelte der Farmer vor sich hin. »Mir hat Holk einmal gesagt, er hätte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das, was er sein eigen nenne, verkaufen und wieder nach Deutschland zurückgehen.«

»Nun ja«, lachte der Blaue, »es war so eine schwache Seite von ihm, noch für einen jungen Mann zu gelten. Er leugnete immer, dass er schon verheiratet gewesen sei. Ihr kennt doch die junge Witwe drüben gleich neben Daytons?« Und er verzog dabei, während er mit dem Daumen der Hand über die eigene Schulter deutete, das keineswegs schöne Gesicht zu einem hässlichen, boshaften Lachen.

»Die arme Frau«, sagte ein junger Kaufmann, der eben zu ihnen getreten war und die letzten Worte gehört hatte. »Sie geht herum wie eine Leiche; sie soll den Holk so gern gehabt haben.«

»Sie waren ja auch schon miteinander versprochen«, fiel hier der Advokat ein. »Wenn er wieder von New Orleans zurückkäme, sollte die Hochzeit sein; aber der Mensch denkt, und das Schicksal lenkt. Jetzt ist der Mississippi sein Hochzeitsbett und das eigene Flatboot sein Sarg. Puh, es muss ein hässliches Gefühl sein, so tief unten auf dem Grunde des Flusses gegen die Planken eines solchen Kastens gedrückt zu liegen und nun immer leichter und leichter zu werden und doch nicht wieder hinauf zu können an den lichten Tag.«

»Es sind in letzter Zeit recht viel Flatboote verunglückt«, sagte der Farmer nachdenklich. »Ich weiß, dass allein von Little Rock drei abgingen, die nie am Ort ihrer Bestimmung ankamen. Der Staat sollte mehr dafür tun, diese Unmassen von Baumstämmen wenigstens aus der eigentlichen Strömung zu fischen. Guter Gott, was sind nicht schon für Menschen auf solche Art umgekommen, und wie viele Waren hat der unersättliche Mississippi verschlungen!«

»Ei, die Menschen sind aber auch großenteils selber dran schuld!«, rief der Blaue ärgerlich. »Wenn irgendein Bursche, der im Leben den Stiefel nicht von Gottes festem Erdboden weggebracht hat, einmal Waren verschiffen will, so baut er ein neues Flatboot oder kauft ein altes, packt da seine Siebensachen hinein, stellt sich hinten ans Steuer und denkt: ›Der Strom wird mich schon dahin führen, wohin ich will, wir schwimmen ja den Fluss hinunter‹. Jawohl wir schwimmen hinunter, bis wir irgendwo hängenbleiben, und nachher ist's zu spät. Der Mississippi lässt nicht mit sich spaßen, und um die erbärmlichen vierzig oder fünfzig Dollar für einen tüchtigen Lotsen oder Steuermann zu sparen, hat schon mancher Gut und Leben eingebüßt.«

»Bitte um Verzeihung«, sagte der Farmer, »alle, die von Little Rock abgingen, hatten gerade Lotsen an Bord, Leute, die auf ihr Ehrenwort versicherten, den Fluss schon seit zehn und fünfzehn Jahren befahren zu haben, und sie sind dennoch zugrunde gegangen. Solchen Menschen kann man aber auch nicht ins Herz sehen. Es gibt sich mancher für einen Lotsen aus und vertraut nachher seinem guten Glück, das ihn schon sicher stromab führen werde. Im günstigsten Falle lernt er so nach und nach die Strömung kennen und hat dabei sein gutes Gehalt; im ungünstigsten aber kann er vielleicht schwimmen und bringt seine werte Person doch noch sicher wieder ans Ufer.«

»Sie sind vielleicht auch wirklich so lange gefahren«, lachte der Blaue, »aber auf Dampfbooten, als Feuerleute und Deckhands, nicht als Flatbootmänner. Auf Dampfbooten können sie denn auch verdammt wenig lernen, außer als Pilot, und ein Dampfboot-Pilot wird sich hüten, wieder ein Flatboot zu steuern, wo er nicht halb so gute Kost und weit geringeres Gehalt bekommt.«

»Gentlemen reden von dem Piloten, der neulich hier ans Ufer geworfen wurde?«, fragte ein kleines ausgetrocknetes Männchen mit schneeweißen Haaren, tief gefurchten Zügen und grauen, blitzenden Augen, das sich jetzt von einer anderen Gruppe zu ihnen gesellte.

»Ja, war ein kapitales Exemplar von Knochenbruch, der rechte Oberschenkel, der linke Unterschenkel, Wadenbein und Hauptröhre, vier Rippen auf der linken Seite, den rechten Arm förmlich zersplittert, dass die Knochenstücke durch den Rock drangen; den Hinterkopf stark verletzt und doch nicht tot. Ich hatte es mir zur Ehrensache gemacht, ihn eine volle Stunde am Leben zu halten; es war aber nicht möglich. Er schrie in einem fort.«

»Großer Gott«, sagte der Farmer und schüttelte sich bei dem Gedanken, »da wäre es ja ein Werk der Barmherzigkeit gewesen, dem armen Teufel eins auf den Kopf zu geben. Was war denn mit ihm geschehen?«

»Dem Dampfboot ›General Brown‹ waren die Kessel geplatzt«, sagte der Advokat; »es sind, glaube ich, fünfzehn Personen dabei ums Leben gekommen.«

»Ja, aber nichts Erhebliches weiter an Verwundungen«, meinte der kleine Doktor, »zwei Afrikanern die Köpfe ab, der eine hing noch an ein paar Sehnen und einem Stück Haut, einer Frau die Brust zerquetscht.«

»Weshalb müssen wir denn das aber eigentlich so genau wissen?«, rief der Farmer und wandte sich in Ekel und Unwillen von ihm ab. »Sie verderben einem ja bei Gott das Abendbrot, Doktor.«

»Bitte um Verzeihung«, sagte der kleine Mann, »für die Wissenschaft sind solche Fälle ungemein wichtig, und mir wäre in der Hinsicht auch wirklich kein besserer Platz in der ganzen Welt bekannt, um Beobachtungen an Verwundeten und Leichen zu machen, als gerade das Ufer des Mississippi. Ehe jener interessante Fall am Fourche la Fave vorfiel, wohnte ich etwa drei Wochen in Viktoria, der Mündung des Whiteriver und Montgomerys Point gerade gegenüber, und alle Wochen, ja oft einen Tag um den andern kamen Leichen dort angetrieben. Einmal war ein Leichnam mit dabei, dem hatten sie gerade über dem rechten Hüftknochen.«

»Hole Euch doch der Teufel!«, rief der Blaue ärgerlich dazwischen. »Harpunen und Seelöwen, ich kann auch einen Puff vertragen, und manchen Tropfen Blut habe ich in meinem Leben fließen sehen; wenn man aber das Leiden und Elend so haarklein beschreiben und immer und immer wiederkäuen hört, dann bekommt man's am Ende doch auch satt und ekelt und scheut sich davor.«

»An Menschen, die keinen Sinn für die Wissenschaft haben«, rief der erzürnte kleine Mann, indem er sich den grauen Seidenhut noch fester in die Stirn hineintrieb, »Menschen, die von ihren Mitmenschen bloß die Haut kennen und sich weiter nicht darum bekümmern, ob sie mit Knochen oder Baumwolle ausgestopft sind, an solchen Menschen ist auch jedes wissenschaftliche Wort verloren, und ich sehe nicht ein, weshalb ich meine schöne Zeit hier vergeuden soll, solchen Menschen einen Gefallen zu tun.«

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten oder die übrigen noch eines Blickes zu würdigen, ergriff er einen alten, am nächsten Stuhl lehnenden roten baumwollenen Regenschirm, drückte ihn sich unter den Arm und schritt rasch und dabei immer noch vor sich hingestikulierend zur Tür hinaus.

»Gott sei Dank, dass er fort ist! Mir graust's immer in seiner Nähe, und ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich möchte stets darauf schwören, es röche nach Leichen, sobald er ins Zimmer tritt«, sagte der Advokat.

»Ist denn der hier praktizierender Arzt?«, fragte der Farmer, der ihm erstaunt eine Weile nachgesehen hatte.

»Arzt? Gott bewahre!«, lachte der Blaue. »Die Leute nennen ihn hier nur so, weil er von weiter nichts als von Verwundungen, Leichen und chirurgischen Operationen spricht. Dadurch haben sich aber schon ein paarmal Fremde verleiten lassen, ihn bei wichtigen Krankheitsfällen zu Rate zu ziehen, und das ist ihnen denn auch verdammt schlecht bekommen.«

»Es wird keiner zum zweiten Mal zu ihm gegangen sein«, meinte der Farmer.

Der Blaue brach in lautes Gelächter aus und rief: »Nein, wahrhaftig nicht; kein Lebender kann sich rühmen, von Doktor Monrove behandelt zu sein. Die fünf, die er hier in der Kur gehabt, natürlich lauter Fremde, eben Eingewanderte, sind schleunigst gestorben und stehen jetzt, in Spiritus und Gott weiß was sonst noch aufbewahrt, teils ganz, teils stückweise in seinem Studierzimmer, wie er's nennt, herum. Keine Haushälterin hat deshalb auch bei ihm aushalten wollen. Selbst die letzte verließ voller Verzweiflung das Haus, als er ihr einmal mitten in der Nacht einen frisch abgeschnittenen menschlichen Kopf ins Zimmer brachte, den er, wie er später gestand, aus dem Grabe eines Reisenden gestohlen hatte. Eine Karawane von Auswanderern war nämlich hier durchgekommen und einer davon am Fieber gestorben, wonach sie ihn gleich an Ort und Stelle begruben und am nächsten Morgen weiterzogen.«

»Das muss ein entsetzliches Vergnügen sein, sich so an lauter Greuelszenen zu weiden«, sagte der Farmer schaudernd.

»Ja, und es ist bei ihm wirklich zur Leidenschaft geworden«, nahm der Advokat das Wort. »Als er neulich von dem am Fourche la Fave abehaltenen Lynch und dem verbrannten Methodistenprediger hörte, hat er fast ein Pferd totgeritten, um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die verkohlten Überreste des Mörders an sich zu bringen, was ihm auch wirklich gelungen sein soll. Seiner Wohnung, die eine kurze Strecke von Helena entfernt im Wald liegt, kommt denn auch niemand zu nahe außer Wölfen und Aasgeiern, und ich muss selbst gestehen, ich wüsste nicht, was mich bewegen könnte, eine so schauerliche Schwelle zu überschreiten.«

»Ich war ein paarmal dort«, sagte der Blaue, »es sieht scheusslich drinnen aus.«

»Hat man denn von den entflohenen Mitschuldigen nie wieder etwas gehört?«, fragte der Farmer. »In Little Rock hieß es, Cotton und der Mulatte seien entkommen.«

»Gewiss«, fiel ihm hier der Advokat ins Wort. »Die am Fourche la Fave haben sich freilich nicht weiter um sie bekümmert; denn sie wollten das Gesindel nur los sein; was aus ihnen wurde, war ihnen gleichgültig. Die Flüchtlinge sind aber in der Woche darauf im Hot Spring County gesehen worden, und da Heathcott, der erschlagene RegulatorenAnführer, früher gerade dort ansässig gewesen war, so hat man sie beide mit einer Wut und einem Eifer verfolgt, die über ihre Absicht nicht den mindesten Zweifel ließen. Cotton ist jedoch ein schlauer Fuchs und wird wohl um diese Zeit schon über dem Mississippi drüben gewesen sein.«

»Hm, ja«, fiel der Blaue ein, »man will ihn schon sogar drüben in Viktoria gesehen haben. Der wird sich nicht wieder in Arkansas blicken lassen.«

»Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt?«, fragte der Kaufmann aus Helena immer noch zweifelnd. »Allerdings stand es hier in allen Zeitungen; aber ich habe es nie glauben wollen. Wie hätten die Gesetze nur je so etwas zugelassen!«

»Die Gesetze pah«, rief der Blaue verächtlich, »was können denn die Gesetze machen, wenn das Volk seinen eigenen Kopf aufsetzt? Die Gesetze sind für alte Weiber und Kinder, die sich von jedem Tintenkleckser ins Bockshorn jagen lassen. Wer sich hier nicht selbst beschützt, dem können die Gesetze auch keinen Pappenstiel helfen.«

»Da bin ich doch ganz anderer Meinung«, sagte der Farmer. »Die Gesetze gerade sind es, die unsere Union auf den Stand gebracht haben, auf dem sie jetzt steht, und jedes guten Bürgers Pflicht ist es, sie aufrechtzuerhalten. Dass es freilich manchmal in der Wildnis Strecken gibt, auf die sie ihren wohltätigen Einfluss noch nicht auszuüben imstande sind, glaube ich auch, und gewaltsame Handlungen erfordern dann gewaltsame Mittel. Sonst aber sollte es für einen Bürger der Union nichts Heiligeres geben als gerade die Gesetze; denn sie allein sind ihm die Bürgen seiner Freiheit. Doch Gentlemen, es wird spät, und ich möchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Colbys; also gute Nacht! In einigen Tagen komme ich wieder hier vorbei, und dann, Broadly«, wandte er sich an den Kaufmann aus Helena, »können wir auch den Handel abschließen, denke ich. Ich habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen; so viel Geld bleibt mir aber wahrscheinlich noch. Also good bye!« Mit diesen Worten zahlte er an der Bar seine kleine Rechnung, ließ sich die Satteltasche wieder herausgeben, legte sie über den Sattel seines ungeduldig scharrenden Braunen, stieg auf und trabte, noch einmal herübergrüßend, die Elmstreet hinab in den Wald, der das Städtchen begrenzte.

Kapitel 4

Squire Dayton's Wohnung

 

Squire oder Doktor Dayton‹ – denn er wurde sowohl das eine wie das andere in Helena genannt – verließ das Union-Hotel und erreichte bald darauf ein kleines, aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas, um das herum die gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren, um nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiß angestrichen, stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde.

Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden, gemütlichen Ansehen seines Äußern. Allerdings war es nicht prächtig und kostbar eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Möbel, die schneeweißen Vorhänge, die elastischen, mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten deutlich genug, dass hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichtum herrschte.

Viele andere Kleinigkeiten, wie zierliche Nippesfiguren auf den kleinen Seitentischen, angefangene weibliche Handarbeiten, der Nähtisch am linken Eckfenster mit dem sauber geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, gossen dabei jenen Zauber über das stille, wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prächtigste, zu verleihen imstande ist.

 

Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich um den runden, zum Sofa gerückten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige Teemaschine zischte und qualmte, und fröhliches Lachen tönte dem jetzt eben an die Haustür pochenden Squire entgegen, der seltsamerweise einen ernsten, ja fast traurigen Blick zu den hellerleuchteten Fenstern hinaufwarf.

Da verstummte das Lachen plötzlich oder wurde wenigstens von den rauschenden Tönen eines deutschen Walzers übertäubt, den geübte Finger einem wohlklingenden, kräftig besaiteten Flügel entlockten. Mr. Dayton musste auch wirklich zur Klingel seine Zuflucht nehmen, um den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den so gern gehörten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verkünden.

Sobald er ins Haus eingetreten war, schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein Auge freier und fröhlicher. Er flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblick bei den Seinen, von all dem Lärmen und Jubel umgeben.

»Endlich endlich!«, rief die Klavierspielerin, sprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Tür erschien, diesem entgegen. »Der gestrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen.«

»Wirklich?«, lächelte der Squire, während er die Anwesenden freundlich grüßte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Kuss auf die Stirn drückte. »Hat mich meine kleine, wilde Schwägerin heute einmal vermisst?«

»Heute einmal«, lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller Kopfbewegung die langen, dunklen Locken aus der Stirn, »heute nur einmal? Mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muss seiner untertänigsten Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben könnte, sie fühlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine besondere Bewandtnis. Hier wartet nun Mr. Lively schon eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres, fürchterliches Geheimnis auf dem Herzen; denn keine Silbe ist ihm in dieser unendlich langen Stunde über die Lippen gekommen; auch Mrs. Breidelford... .«

»Bitte um Verzeihung, mein liebwertestes Fräulein«, sagte die Genannte, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu nehmen, »keineswegs; denn ich glaube doch wirklich nicht, dass Sie sich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegenteil. Ich kenne meine Schwäche, mein Fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sothorpe so schön sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein seliger Mann freilich, ein Engel von Geduld und Sanftmut, behauptete immer das Gegenteil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, dass das gute Herz mir einreden wollte, ich spräche wirklich nicht zuviel? Breidelford, sagte ich aber, Breidelford, versündige dich nicht; ich weiß, wie ich bin; ja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich dir auch nicht zuviel rede, so fühle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbessern.«

»Eine Tasse Tee, beste Mrs. Breidelford«, unterbrach hier Mrs. Dayton den allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall, »bitte, langen Sie zu!«

Adele aber, die augenblickliche Pause benutzend, setzte sich rasch wieder ans Klavier, und ein so rauschender Tanz dröhnte, von den starken Saiten widervibrierend, durch das Gemach, dass jede Fortsetzung von Mrs. Breidelfords begonnener Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde.

»Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen?«, fragte Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war.

»Der Mailrider? Nein; aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern ausrichten zu wollen«, sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem jungen Manne hinüber, dem offenbar recht unbehaglich zumute war.

James Lively saß auch wirklich da, als ob er nicht bis drei zählen könnte. Alle Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgendeiner falschen Stelle. Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, dass es weit bis mitten in die Stube hineinragte; bald zog er die Füße fest unter dem Stuhl zusammen, faltete die Hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse; dann griff er mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte eifrig die Politur herunterzukratzen; dann holte er mit der Linken das mächtige seidene Tuch aus der Tasche, um es gleich darauf wieder sorgfältig zurückzuschieben; kurz, James befand sich so wohl wie ein Hecht auf dem Sand oder ein Hase auf dem Eis, und wenn er auch manchmal den Blick scheu zu dem schönen, munteren Mädchen emporwarf, so brauchte er doch nur dem Schelmenauge zu begegnen, gleich senkte sich auch sein Antlitz in prachtvoller gesottener Hummerfarbe wieder nieder. Nachher, wie in einem wilden Fluchtversuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo früher sein Hut gestanden hatte, den aber später, auf einen Wink Mrs. Daytons, die junge Mulattin weggenommen und hinten auf das Klavier gestellt hatte, und er saß nun in voller Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glühenden Kohlen.

James Lively war übrigens sonst keineswegs so verschämt und blöde. Er war im Walde aufgewachsen, und es gab keinen besseren Jäger und Landmann im ganzen County als ihn. Mutig dabei bis zur Tollkühnheit, hatte er vor kurzem erst den Einzelkampf mit einem Panther gewagt und gewonnen und im Boxen die Besten überwunden. Aber im Walde musste er auch sein, wenn er all diese Fähigkeiten entwickeln sollte. In Damengesellschaft getraute er sich nicht, den Mund zu öffnen, und wenn er auch wie Mrs. Breidelford vollkommen seine Schwäche kannte, so wäre es ihm dennoch nicht möglich gewesen, eine Scheu zu überwinden, die ihm Zunge und Glieder lähmte. So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit übrigens noch nie gezeigt. Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren höchsten Grad zu erreichen, als sich Squire Dayton ins Mittel schlug, auf den jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen »Gott zum Gruß, Mr. Lively! Was macht der Vater und wie steht es daheim mit der Farm?«, plötzlich wieder Mut und Selbstvertrauen ins Herz legte.

Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimische, ihm bekannte Umgebung wirkten wie ein wohltätiger Zauber auf den Waldbewohner. Er sprang auf, holte tief Atem, ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete, als ob ihm eben eine Zentnerlast von der Brust gewälzt wäre:

»Danke, Squire, alle wohl so ziemlich wenigstens. Die braune Kuh wurde gestern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen; aber ich hatte noch etwas Besonderes«, er warf einen scheuen Seitenblick nach den Frauen, während wieder tiefe Glut sein Gesicht überflog; »ich, ich weiß nur nicht.«

»Ist es etwas, was mich allein betrifft?«, fragte Squire.

»Bitte, junger Herr genieren Sie sich nicht«, fiel hier ohne weitere vorherige Warnung Mrs. Breidelford wieder ein, »glauben Sie ja nicht, dass wir, weil wir Ladies sind, etwa ein Geheimnis nicht ebenso sicher und gut bewahren könnten wie Männer. Im Gegenteil, Mr. Lively gerade im Gegenteil. Ich zum Beispiel weiß zwar, dass ich ein bisschen viel rede, es ist nun einmal meine Schwäche, und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge gegeben. Was aber Geheimnisse anbetrifft, so hat da schon mein lieber seliger Breidelford immer gesagt, obgleich man sich eigentlich nicht selbst rühmen sollte, doch das liebe Herz liegt da jetzt kalt und starr im Grabe, Luise, sagte er immer, Luise, du bist zu verschwiegen, du bist wahrhaftig zu verschwiegen. Zehn Inquisitionen brächten dir das nicht über die Zunge, was du nicht hinüber haben wolltest; ich glaube, du bissest sie dir eher in Stücke sagte Mr. Breidelford; aber... .«

Ein rauschendes Allegro von Adeles flüchtigen Fingern schnitt wiederum Mrs. Breidelfords Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens gesucht hatte, Squire Daytons Frage zu beantworten, gewann wenigstens Zeit, Atem zu holen.

»Nein, Squire«, sagte er und schob, da er in diesem Augenblick gar nicht wusste, wohin er mit seinen Händen sollte, diese aus lauter Verzweiflung in die Taschen, riss sie aber, das Unschickliche solchen Betragens wohl fühlend, so schnell wieder heraus, als ob er heiße Kohlen darin gefunden hätte, »nein, Squire, Mutter meinte nur, Vater sagte, ob Sie und und die Ladies dort nicht Lust hätten oder so gut sein wollten, morgen ein bisschen zu uns herauszukommen und so lange Sie wollten und so lange es Ihnen bei uns gefiele, draußen zu bleiben. Mutter meinte... .«

Adele horchte auf; Mrs. Breidelford aber, der diese Einladung wohl keineswegs gegolten hatte, nahm die Beantwortung schnell auf sich, und ohne einem der übrigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen, erhob sie sich ein wenig von ihrem Platze und rief, den jungen Mann dabei mit etwas niedergebogenem Kopfe und über die Brillengläser hin ins Auge fassend:

»Oh Mrs. Lively ist gar zu gütig, Sir, gar zu gütig, und wenn sich auch allerdings in jetziger Zeit, wo der Fluss wieder zu steigen anfängt und Waren in Hülle und Fülle stromab kommen, die Geschäfte häufen, so müssen doch schon einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um die Nachbarn aufzusuchen und mit ihnen im guten, alten Einverständnis zu bleiben. Mr. Breidelford hatte ganz recht, wenn er sagte, Luise sagte er, du glaubst gar nicht, wie schön es ist, mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen; Verträglichkeit ist das halbe Leben. Nächste Woche, Montag spätestens, denke ich mir das Vergnügen machen zu können, Mr. Lively; bitte mich Ihrer Frau Mutter bestens zu empfehlen.« Und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus, als ob sie nach solcher Anstrengung der Ruhe und Stärkung bedürfe.

Adele schien aber diesmal vor lauter Erstaunen über Mrs. Breidelfords Bereitwilligkeit ganz ihre musikalische Hilfe vergessen zu haben, und selbst James, der den Ruf kannte, dessen sich Mrs. Breidelford in Helena erfreute, stand ganz verstummt da und wusste kaum, ob er sie wirklich aus Versehen mit eingeladen habe oder nicht. War es übrigens geschehen, so half hier weiter nichts, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

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