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Die Frauen von Tyringham Park

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Erster Teil
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  1. Zweiter Teil
  2. 30
  3. 31
  4. 32
  5. 33
  6. 34
  7. 35
  8. 36
  9. 37
  10. 38
  11. 39
  12. 40
  13. 41
  14. 42
  15. 43
  1. Dritter Teil
  2. 44
  3. 45
  4. 46
  5. 47
  6. 48
  7. 49
  8. 50
  9. 51
  10. 52
  11. 53
  12. 54
  1. Vierter Teil
  2. 55
  3. 56
  4. 57
  5. 58
  6. 59
  7. 60
  8. 61
  9. 62
  10. 63
  11. 64
  12. 65
  13. 66
  14. 67
  15. 68
  1. Fünfter Teil
  2. 69
  3. 70
  4. 71
  5. 72
  6. 73
  7. 74
  8. 75
  9. 76
  10. 77
  11. 78
  12. 79
  13. 80
  14. 81
  15. 82
  16. 83
  17. 84
  1. Danksagungen

Über die Autorin

Rosemary McLoughlin ist gebürtige Australierin, lebt nun aber schon seit mehr als vierzig Jahren in Irland. Sie ist nicht nur passionierte Malerin, sondern auch eine talentierte Autorin: Ihr Debütroman DIE FRAUEN VON TYRINGHAM PARK wurde in gleich zwei Kategorien für den Irish Book Award nominiert. Derzeit schreibt sie an ihrem nächsten Historischen Roman.

1

Tyringham Park
1917

Ihre Mutter verlor nicht die Fassung, und ihr Vater kehrte nicht aus London zurück, als Victoria Blackshaw, die Hübsche, im Alter von zweiundzwanzig Monaten verschwand.

Als Erste bemerkte die Mutter, Edwina Blackshaw, den leeren Kinderwagen, als Zweiter der Stallmeister des Gutes, der Manus hieß.

Ungläubig riss Edwina zuerst die Steppdecke mit dem Schottenmuster und dann die federgefüllte Matratze heraus, schüttelte beides und ließ es zu Boden fallen. Sie tastete in dem dunklen Kinderwagen nach Victorias rothaariger Puppe oder irgendeinem Hinweis, der das Fehlen ihres Kindes erklärte, doch ihre Finger fanden nur einen zerbröckelnden Biskuit und einen Beißring.

Manus stellte erleichtert fest, dass sämtliche Pferdeboxen und das Tor zur Koppel geschlossen waren, doch zu seinem Entsetzen war ein Türflügel am Eingang zum Stall unverriegelt und stand einen Spalt weit offen. Er zog das Tor ganz auf und suchte die Zufahrt ab, dann das Ufer des angeschwollenen Flusses dahinter, das Wehr und die Brücke, von der man stromabwärts blickte, ehe er um die Nebengebäude rannte, in ständiger Erwartung, hinter der nächsten Ecke eine kleine Gestalt ganz in Weiß zu entdecken.

Edwina prüfte als Erstes die Riegel der sieben besetzten Boxen, ratterte mit den unteren Türhälften, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich verschlossen und nicht nur angelehnt waren. Jedes noch so gutmütige Pferd trat instinktiv nach hinten aus, wenn es plötzlich am Hinterlauf berührt wurde. Edwina graute davor, einen an der Wand zerschmetterten kleinen Körper zu finden.

In einem Zustand intensiver Erwartung lief Manus zurück auf den Hof. Er hoffte, Edwina hätte Victoria inzwischen gefunden, und die Hoffnung war so stark, dass er ganz kurz den Umriss des Kindes zu sehen glaubte. Doch das Trugbild verflüchtigte sich rasch. Mit für ihn untypischer Grobheit zerrte er Mandrake aus der Box, und obwohl der Wallach wegen der panikgeladenen Stimmung scheute, hatte er das Tier in kürzester Zeit aufgezäumt und gesattelt.

»Ich reite den Fluss ab, falls sie reingefallen ist«, sagte er und stieg auf.

»Hol zuerst Hilfe, denn wir wollen doch hoffen, dass das nicht passiert ist.« Edwina stand mitten auf dem Hof und schwankte leicht. »Wir müssen die Suche auf der Stelle ausweiten.«

Manus ging mittlerweile davon aus, dass das kleine Mädchen in den Fluss gestürzt und davongetragen worden war, doch er wollte seiner Herrin nicht die Hoffnung rauben, indem er ihren Befehl missachtete. Im Stillen verwünschte er die Minuten, die er verlor, wenn er zum Haus hinaufritt, doch er gehorchte.

Edwina ertappte sich dabei, wie sie im Kreis ging, während sie mit sich rang, was sie nun tun sollte. Sie wusste so wenig über ihre Tochter. War sie schon zwei geworden? Beim Standesamt hatte sie ein falsches Geburtsdatum genannt, und nun konnte sie sich nicht erinnern, welchen Tag sie angegeben hatte und an welchem Victoria wirklich zur Welt gekommen war. Die Kleine musste mittlerweile doch zwei sein? Konnten Zweijährige ohne Hilfe aus dem Kinderwagen klettern, oder musste jemand sie herausheben? Konnte Victoria schon Treppen steigen? Eine weite Strecke laufen? Konnte sie es bis zum Haus schaffen?

Hätte Edwina diese Fragen beantworten können und auch nur ansatzweise gewusst, wie lange das Kind verschwunden war, so hätte sie wenigstens einen Anhaltspunkt besessen, was als Nächstes zu tun war.

Später erklärte sie den Polizisten, dass sie den Kinderwagen auf die schattige Seite des Hofes gestellt habe. Sie sei sicher gewesen, dass Victoria, wie es ihre Gewohnheit war, eine Stunde lang schlafen würde (dass sie dies nicht aus eigener Erfahrung wusste, sondern vom Kindermädchen erfahren hatte, verschwieg sie den Beamten). In dieser Zeit habe sie Manus geholfen, bei einem nervösen Stutfohlen den Schienbeinverband zu wechseln. Die Wunde gehe bis auf den Knochen, und ein Fleischlappen hänge lose, ergänzte sie, um ihre Aussage durch realistische Elemente glaubhafter zu machen. Manus habe die Arbeit nicht allein ausführen können, ohne das Tier in Angst zu versetzen. Natürlich hätte er warten können, bis die Stallburschen zurückkehrten, doch da sie vor Ort war, wäre es unklug gewesen, ihre Sachkenntnis in solchen Dingen nicht zu nutzen. Daher sei Victoria für etwa zwanzig Minuten unbeaufsichtigt gewesen (tatsächlich waren es vierzig, doch Edwina drückte sich vage aus, damit sie diesen Umstand nicht eingestehen musste), und in dieser Zeit habe das Kind jederzeit verschwinden können.

Als die Beamten sie fragten, ob sie die Matratze berührt habe, um zu sehen, ob sie noch warm sei, musste sie zugeben, dass sie in ihrer Bestürzung nicht daran gedacht hatte, und als sie wissen wollten, ob die Flügeltür offen oder geschlossen gewesen sei, während sie bei dem Fohlen war, antwortete Edwina, sie müsse mit Sicherheit geschlossen gewesen sein – allein aus Gewohnheit hätte sie hinter sich die Tür zugezogen, nachdem sie Victoria in den Hof geschoben hatte.

Und wann sei Victoria geboren? Der Inspector blätterte die Seite in seinem Notizbuch um und wartete, den Federhalter angesetzt, auf die Antwort. Edwinas Kopf war völlig leer.

»Entschuldigen Sie mich einen Moment«, sagte sie, erhob sich von ihrem Stuhl und verließ den Raum, ohne es für nötig zu halten, den beiden Polizeibeamten einen Grund für ihren plötzlichen Aufbruch zu nennen.

Miss East, die Wirtschafterin, sollte nie vergessen, wie Manus zu Pferd den Hügel heraufpreschte, als wäre er der Bote der Apokalypse, und die schlechte Nachricht zum Haus brachte.

Als sie ihn rufen hörte, stürzte sie zur Vordertür hinaus.

»Victoria ist verschwunden. Rufen Sie alle zusammen!«, brüllte er ihr zu, ohne auch nur einen Versuch zu unternehmen, den sich drehenden und stampfenden Mandrake daran zu hindern, tiefe Furchen und Hufabdrücke in den gepflegten Rasen zu bohren.

Trotz ihrer Angst vor Pferden rannte Miss East auf den Rasen und direkt auf das Tier zu, um Genaueres zu erfahren. Mandrake ging auf die Hinterhand, als sie näher kam, und Manus zügelte ihn nicht.

»Ich suche den Fluss ab. Ich fürchte, sie ist ertrunken«, mehr antwortete er nicht auf ihren Frageschwall. Er riss Mandrake herum, und der Wallach galoppierte daraufhin mit solcher Geschwindigkeit los, dass Manus kaum noch Zeit hatte, »Zum Stall!« über die Schulter zu rufen, ehe er fort war und Miss East von Erdkrumen übersät stehenließ.

Von entsetzlicher Furcht getrieben, eilte die Wirtschafterin ums Haus zu dem ummauerten Garten hinter der Küche. Zu ihrer Erleichterung entdeckte sie dort eine ganze Anzahl von Dienstboten, die, jeder auf seine Weise, die Sonne genossen: Einige schliefen, andere unterhielten sich oder spielten Karten, und einer stocherte mit einem Stock in einer Ameisenstraße.

»Hört her! Alles herhören!«, rief sie, wie sie glaubte, und klatschte in die Hände, da niemand reagierte. Mit lauterer Stimme fuhr sie fort: »Victoria wird vermisst! Kommt schnell!« Diesmal hörten die Leute sie und erhoben sich, benommen und träge von der Sonne. Einige riefen ihr Erstaunen heraus, andere fluchten leise. »Zum Stall!« Sie wies in die Richtung, dann klatschte sie in die Hände, als scheuche sie Gänse. »Sofort. Schnell. Lauft!«

Sie waren bereits auf dem Weg.

Miss Evans folgte ihnen durch das Gartentor und rief dem jüngsten Diener zu: »Ned! Du hast die jüngeren Beine«, dann musste sie schon stehen bleiben und Atem holen, ehe sie hinzufügen konnte: »Renn so schnell du kannst. Sag Sid und dem Verwalter Bescheid. Sag ihnen, sie sollen in den Stall kommen. Sei so gut.«

Der Junge schien erfreut, dass er für die Aufgabe ausgesucht worden war. Augenblicklich änderte er die Richtung und eilte zum Häuschen des Kutschers, das ein Stück vom Haus entfernt hinter den Ebereschen stand.

Miss Easts Aufregung legte sich ein wenig. Die Diener würden in kürzester Zeit großräumig das Gelände absuchen, und der Verwalter und Sid würden das Kommando übernehmen. Sie wüssten, was zu tun war.

In Schwester Dixons Haut möchte ich nicht stecken, dachte Miss East bei sich, nicht für allen Tee in China. Bei all ihren Fehlern, und sie hat weiß Gott viele, ist ihr bislang doch noch nie ein Kind abhandengekommen.

Während sie den anderen hinterherrannte, wandten sich, eingedenk der in mittlerem Alter auftretenden Einschränkungen, zwei Hausmädchen zu ihr um, doch Miss East winkte sie weiter und sagte, sie komme zurecht, sie halte sie nur auf, sie sollten weiterlaufen. Als sie um die Hausecke bog, gaben ihre Beine nach und sie sank auf die Knie. Lieber Gott, betete sie, mach, dass die süße Kleine schon wieder gefunden wurde. Bitte, Herr, hab Mitleid, mach, dass ihr nichts zugestoßen ist.

2

Den Rücken dem Fenster zugewandt, lenkte Schwester Dixon mit einem Handspiegel Licht auf ihr Gesicht. Sie suchte rings um die Augen nach Lachfältchen und war erleichtert, als sie kein einziges entdeckte. Sie musste an ihre Freundin Teresa Kelly denken, der mit ihrem runzligen alten Gesicht keine andere Möglichkeit geblieben war, als im Alter von vierzig auf die andere Seite der Welt zu gehen und einen sechzigjährigen Fremden zu heiraten, nur weil sie unbedingt ein Kind und ein eigenes Haus haben wollte, ehe es zu spät war.

Mir passiert das auf keinen Fall, versicherte Schwester Dixon sich mit Nachdruck. Nicht dass das überhaupt drin wär, dazu bin ich zu jung und zu schön, und der göttliche Manus wird mir jetzt jeden Augenblick einen Antrag machen.

Sie neigte den Standspiegel und vergewisserte sich, dass Taille und Fesseln nach wie vor schlank waren. Mithilfe des Handspiegels überzeugte sie sich von ihrem Aussehen von hinten und von der Seite – gute Haltung, gute Neigung des Kopfes. Sie musste sich diese Pose merken – sie war besonders schmeichelhaft. Sie würde sie ausprobieren, wenn sie Manus das nächste Mal begegnete.

Die Wanduhr im Kinderzimmer schlug drei. Teresa Kelly würde nun Ballybrian verlassen, Lady Blackshaw würde bald Victoria zurückbringen, und dann begann der lange öde Nachmittag.

Dixon war froh, dass nun ein anderes Kindermädchen Jahre damit vergeuden würde, die einst so liebe Victoria, die Hübsche, die einen beunruhigenden Eigensinn an den Tag zu legen begann, zu erziehen, nur damit sie am Ende genauso wurde wie die reizlose Charlotte. Wie wunderbar wäre es, das Anwesen endlich zu verlassen, Manus zu heiraten und der zermürbenden Langeweile zu entkommen, die es bedeutete, zwei reiche Gören aufzuziehen! Ihre eigenen Kinder wären fleißig und vernünftig, und sie könnte stolz auf sie sein. Und natürlich wären sie hübsch. Wie könnten sie nicht hübsch sein, mit ihr und Manus als Eltern?

Sie setzte sich und massierte sich Zitronensaft in die Hände. Dabei ließ sie ihre Gedanken, wie sie es oft tat, zu den Ungerechtigkeiten des Lebens wandern. Wenn das Schicksal zu ihr freundlicher und Lady Blackshaw weniger gewogen gewesen wäre, könnten sie Schwestern sein: beide mit hellbraunem Haar und attraktiv, beide groß und kräftig, beide jung. Dixon hätte die gesellschaftliche Kluft zwischen ihnen gar nicht so sehr gestört, wenn Ihre Ladyschaft das Beste aus ihrer Stellung gemacht hätte, indem sie sich einem Leben des Luxus und der Mode hingab, doch Lady Edwina Blackshaw lief den ganzen Tag mit unordentlichen Haaren herum, die sie lediglich mit einem Kamm hochsteckte, der die widerspenstigen Strähnen überhaupt nicht bändigen konnte, und trug dazu auch noch eine Reithose für Männer voller Flecken vom Sattelfett und Pferdeschweiß. Wenn Seine Lordschaft nicht im Hause war, zog sie sich nicht einmal zum Essen um, und er war meistens fort. Dixon erinnerte sich an den Tag, an dem sie Lady Blackshaw in vollem Reithabit gesehen hatte – Zylinder, Schleier, tailliertem Jackett, seidenem Plastron, maßgeschneidertem Rock und feinen Handschuhen und Stiefeln aus Leder. Dixon war vor Bewunderung fast schwindlig geworden. Als sie dann hörte, dass ihre Herrin sich zum letzten Mal so kleiden würde, weil sie beabsichtigte, vom Damen- in den Herrensattel zu wechseln, auf dem sie als Mädchen gesessen hatte, damit sie sich ihren großen Wunsch erfüllen und reiten konnte wie ein Mann, hatte Dixon es schier nicht fassen können. »Wenn es für Johanna von Orleans und Marie Antoinette gut war, so zu reiten, dann ist es auch für mich gut«, sollte sie zu einer konservativen alten Nachbarin gesagt haben, die sie dafür rügte, dass sie einen unzüchtigen und undamenhaften Reitstil pflege. »Bedenken Sie nur, wie sie geendet sind«, hatte die alte Dame genüsslich erwidert. »Und das geschah ihnen recht.«

Als sich das Warten auf die Dienstboten in die Länge zog, eilte Edwina, die den gleichen Weg um den Stall abgegangen war wie schon zuvor Manus, die Treppe hoch und sah in der Kammer der Stallburschen auf dem Dachboden nach. Falls Victoria schon Treppen steigen konnte, hatten die Stufen sie vielleicht neugierig gemacht. Nur eine Tür stand offen – dahinter befand sich eine kleine Küche –, und es dauerte nur einen Moment, dann stand fest, dass niemand darin war. Die drei jungen Männer waren wie jeden Freitagnachmittag zur Dorfspelunke gezogen, wo verbotenerweise Alkohol ausgeschenkt wurde. Edwina kannte ihre Gewohnheiten und hatte nicht erwartet, einen von ihnen in seinem Quartier zu finden.

Als sie auf dem Balkon stand und auf den von Mauern umgebenen Hof hinuntersah, beschlich sie das Gefühl, der Kinderwagen und die Schottendecke blickten sie von der gegenüberliegenden Wand her anklagend an.

Sie wollte sich nicht gestatten, sich ihre Tochter, den Fluss und die offene Tür in einem Bild vereint vor Augen zu führen.

Was Manus ihr berichtet hatte, kehrte wie ein halbvergessener Refrain zurück und versetzte sie in Verwunderung. Teresa Kelly, hatte er gesagt, sei Victoria völlig verfallen. Er könne kaum glauben, dass sie sich von dem Kind getrennt habe, und er habe bis zur letzten Minute erwartet, sie würde es sich anders überlegen und um der Kleinen willen Tyringham Park doch nicht verlassen. Aber er hatte sich geirrt. Sie war gegangen. Sie war schon fort.

Das Wort »fort« war Edwina aufgefallen, und dazu der Umstand, dass Manus, der nicht zu müßigem Geplauder neigte, den Weggang der Frau überhaupt für erwähnenswert erachtet hatte.

Zwanzig Minuten, nachdem er von Teresa Kelly gesprochen hatte, war Victoria ebenfalls verschwunden gewesen.

Sie wünschte, er wäre nicht so hastig fortgeritten, ehe sie noch die Zeit fand, ihn weiter zu befragen. Sieben Meilen von Tyringham Park entfernt mündete der Fluss ins Meer. Wenn er die ganze Strecke abreiten musste, vergingen Stunden, bis sie ihn wiedersah.

Erst als sich ihr der Kies in die Fußsohlen bohrte, fiel Miss East auf, dass sie ihre Hausschuhe trug, die jetzt nass waren und durch all den Schlamm, der an ihnen klebte, zwei Nummern größer aussahen. Unter normalen Umständen wäre Lady Blackshaw erzürnt, ihre Wirtschafterin mit unpassendem Schuhwerk zu sehen und mit Erde auf der sonst stets makellos sauberen Kleidung, doch in diesem Augenblick würde sie dergleichen wohl kaum bemerken. Fuhr dort Sid im Ponywagen die Allee zum Pförtnerhäuschen entlang? Wie hatte er so rasch anschirren können? Hatte sie ein falsches Gefühl für die Zeit, die sie vom Schmerz umnachtet verbracht hatte, nachdem die Hausmädchen weitergelaufen waren?

Ohne auf ihre Tränen und ihre Stellung im Haus Rücksicht zu nehmen, legte sie den restlichen Weg zum Stall im Laufschritt zurück.

3

Ohne es zu wissen, zählte Edwinas abwesender Ehemann, Lord Waldron Blackshaw, im Augenblick im Londoner Kriegsministerium tätig, zu den verhasstesten Männern in Irland. Ebenso wenig bekannt war dieser Umstand den meisten Bewohnern von Tyringham Park, die abgeschottet in ihrem eigenen, sich selbst genügenden Königreich lebten, von der örtlichen Gemeinschaft durch die weiten Flächen an Bauernhöfen, Ackerland, Parklandschaft, Gärten und Wäldern getrennt waren und Umgang nur mit ihresgleichen aus anderen ›Großen Häusern‹ im ganzen Land pflegten.

Den Grund für diesen besonderen Hass kannten nur drei Personen auf dem Anwesen: Manus, der Bereiter, Teresa Kelly, eine Näherin – die einzigen beiden Angestellten aus der Umgebung –, und der Verwalter, ein Mann aus Tyrone, der sich um die Angelegenheiten des Anwesens kümmerte und in Lord Waldrons Namen bei den Pächtern den Zins eintrieb.

Seit mehr als einem Jahr rechnete der Verwalter mit einer Vergeltung für das, was Waldron getan hatte, und als der Junge mit den Neuigkeiten über Victoria in sein Büro stürmte, war sein erster Gedanke, dass der Augenblick nun gekommen sei. Doch als der junge Diener hinzufügte: »Manus hat Angst, dass sie ersoffen ist, und er sucht den Fluss ab«, gestattete der Verwalter sich die Hoffnung, die Katastrophe, mit der er sich befassen musste, sei häuslicher und nicht politischer Natur.

Als der Verwalter in den Stallhof kam und Lady Blackshaw antraf, deren Haare offen herabhingen, fand er, dass sie aussah wie die zwanzigjährige unschuldige Braut, als die sie vor neun Jahren aus England eingetroffen war.

»Gut, dass Sie hier sind«, sagte sie. »Sie übernehmen. Ich muss mit Miss East und Schwester Dixon sprechen.«

Sie wandte sich um und schritt zum Tor der Stallung, wo sie beinahe mit Miss East zusammengestoßen wäre, die eilig hereinkommen wollte.

»Da sind Sie ja, Miss East. Was hat Sie so lange aufgehalten?«

Sie nahm die Wirtschafterin beim Ellbogen und drehte sie zum Haus, dann ging sie voran, voller Entschlossenheit nun, und zwang die ältere, kleine Frau, halb zu rennen und Schritte zu überspringen, damit sie nicht zurückblieb.

»Sie sind genau diejenige, die ich suchte. Sagen Sie mir, welche Dienstboten heute Nachmittag nicht im ummauerten Garten waren, und außerdem alles, was Sie über Teresa Kelly wissen. Und hören Sie auf zu heulen.«

Sid Cooper, der Kutscher, war von Lady Blackshaw ausgesandt worden, um die Allee abzusuchen, sollte das Kind in jene Richtung verschwunden sein. Hinter jeder von Bäumen verdeckten Wegbiegung hoffte er, Victoria zu entdecken, entweder allein oder in der Obhut eines beflissenen Dienstboten, der ihr zufällig begegnet war. Doch er entdeckte nichts. Statt zum Stall zurückzukehren und zu berichten, zeigte er Initiative und fuhr an dem unbesetzten Pförtnerhaus und den Steinsäulen vorbei auf die Landstraße, bog nach links und setzte seinen Weg eine Viertelmeile weiter bis zum Dorf Ballybrian fort. Am besten fragte er dort. Als er auf dem Dorfplatz erschien, fielen seine Hast und das Tempo seines aufgeregten Ponys sofort einigen Dörflern auf, und sie fragten ihn, was los sei. Das jüngste Mädchen vom Herrenhaus fehle und ob jemand es gesehen habe oder etwas Verdächtiges? Sie würden sofort herumfragen – und wäre es recht, wenn sie bei der Suche hülfen? Das sei es, und man wäre ihnen sehr dankbar, sagte er, womit er sich anmaßte, die Aufforderung auszusprechen – es war nicht der richtige Moment, um Gedanken an Formalitäten zu verschwenden. Ob sie sich als Erstes im Dorf umschauen könnten?

Zuletzt sah Sid am Bahnhof nach. Da der Stationsvorsteher nur zeitweise dort arbeitete und gerade nicht im Dienst war, sah er in alle unverschlossenen Räume und fand sie ausnahmslos leer vor.

Als er sich auf den Rückweg machte, waren die Dorfbewohner bereits in Bewegung. Einige hatten sich an der Hauptstraße verteilt, aber die meisten waren schon auf der eine Meile langen Zufahrt zum Haus. Einige größere Jungen fuhren mit dem Fahrrad voraus, die kleineren rannten nebenher, rempelten und stießen einander. Die strenge, kathedralenhafte Atmosphäre, die von den zweihundertjährigen Buchen ausging, die sich über die Zufahrt neigten, hob ihre Stimmung, statt sie zu dämpfen.

Schwester Dixon blickte durch die vorderen Fenster der Kinderstube und sah die schöne Lady Blackshaw und die alte Hexe Miss East, wie sie rasch auf dem Kiesweg zum Vordereingang liefen. Von Victoria keine Spur. Ganz wie sie vorhergesehen hatte. Zweifelsohne mit einem Hausmädchen abgespeist, nachdem sie aufgewacht war und Aufmerksamkeit wollte. Dixon war klar, dass Lady Blackshaw bei ihrem Desinteresse an allem, was das Kinderzimmer betraf, nichts mit einer Tochter anzufangen wusste, die nicht schlief.

Als Dixon ans hintere Fenster ging, sah sie, dass sich niemand im von Mauern umgebenen Garten aufhielt, was für diese Stunde gewiss ungewöhnlich war. Jetzt, wo ihre einzige Freundin, Teresa Kelly, fort war, würde sie da je den Mut zusammenbekommen, in diesen Garten zu gehen und mit den anderen einen Nachmittag zu verbringen? Vermutlich nicht. Es lohnte sich kaum, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn sie wäre schon bald nicht mehr hier. Niemand mochte sie. So war es von Anfang an gewesen. Die alte Hexe Lily East hätte ihr eigentlich den Weg ebnen und sie in den etablierten Kreis aufnehmen sollen, denn schließlich stammten sie aus der gleichen Gemeinde im englischen Huddersfield, doch Lily hatte genau das Gegenteil getan. Mit den Geschichten von Miss Easts Erfolg aufzuwachsen und voll Ehrfurcht vor ihr hier anzukommen, nur um dann in die Kälte hinausgestoßen zu werden, war eine Enttäuschung, die Dixon nie vergessen wollte.

In der vergangenen Nacht hatte sie sehr schlecht geschlafen, weil sie wegen Teresas Weggang traurig und andauernd durch Victorias Unruhe und Charlottes Gerede im Schlaf gestört worden war. Ich brauche ein Nickerchen, ehe Victoria zurückgebracht wird, dachte sie und holte sich eine Daunendecke aus ihrem Zimmer. Wenn Charlotte hereinkommt, weiß sie, dass sie mich besser nicht weckt – ich habe sie oft genug gewarnt.

Der Verwalter plante, das Anwesen so gründlich abzusuchen, dass Lord Waldron bei seiner Rückkehr nach Kriegsende keine Fehleinschätzungen oder Unterlassungen entdecken und kritisieren könnte.

Das Gut von Tyringham Park, das beeindruckendste Anwesen in der Grafschaft Cork, bestand aus einem steinernen Herrenhaus mit zweiundfünfzig Zimmern, das wegen seines Turmes als Burg bezeichnet werden konnte, und neunzehntausend Morgen Land. Eine umfassende Suche zu organisieren war alles andere als einfach. Zunächst wollte er sich auf alles innerhalb der Mauern an der Grundstücksgrenze konzentrieren, denn an ihnen endete seine Verantwortung, und das Dorf und dessen Umgebung nur grob in Augenschein nehmen lassen.

Der Verwalter hatte immer angenommen, dass die einzige Menschenmenge, die er je auf Tyringham Park sähe, feindlich gestimmt wäre, und daher war er doppelt dankbar für die Scharen von Dorfbewohnern, die unverzüglich zu Hilfe kamen, und für die Hunderte von Menschen, welche, kaum dass sich die Nachricht verbreitete, noch am gleichen Tag aus den benachbarten Großen Häusern und umliegenden Ortschaften eintrafen.

Lady Blackshaw hatte in einem Anflug von Pikiertheit einige Jahre zuvor entschieden, niemanden anzustellen, der im Pförtnerhaus wohnte, die Tore öffnete und schloss und kontrollierte, wer das Anwesen betrat oder verließ. »Wozu, wenn uns nie jemand besucht?«, hatte sie gefragt und angedeutet, das liege an Lord Waldron; aufgrund seiner langen Abwesenheiten fände auf Tyringham Park kein gesellschaftliches Leben statt. Wieso jemanden dort sitzen lassen, der nichts zu tun hätte, lautete ihr Argument. Sollte der Mann sich lieber nützlich machen und Hafer anpflanzen.

Diese Anweisung musste sie nun bereuen.

Wie Manus war auch der Verwalter früh zu dem Schluss gekommen, Victoria müsse ertrunken sein, doch er hielt es für seine Pflicht, sollte das Kind doch noch leben, bei seinen Anweisungen auch alle anderen Möglichkeiten zu berücksichtigen.

Als Edwina sich gezwungen sah, nach Teresa Kelly zu fragen, ließ sie Miss East stehen und setzte sich weit genug von ihr entfernt hin, damit sie nicht den Kopf heben musste, um sie anzublicken. Wie ihr Ehemann Waldron die Wirtschafterin ständig über den grünen Klee lobte, sollte man meinen, dass sie die personifizierte Perfektion wäre, aber hörte man sie sprechen und beobachtete ihr Gebaren, so konnte man zu dem Schluss gelangen, sie halte sich eher für die Herrin des Hauses denn für die Hausangestellte, die sie war. Aus diesem Grund versäumte Edwina nur ungern eine Gelegenheit, sie zurechtzustutzen, und sei es unter Umständen wie den augenblicklichen.

Nachdem sie sich kurz die Dienstboten hatte nennen lassen, die im Garten gewesen waren, sagte Edwina: »Erzählen Sie mir alles, was Sie über Teresa Kelly wissen.« Sie erwähnte weder Manus’ Bemerkung über Teresas Zuneigung zu Victoria noch seine Ansicht, dass sie das Gut deshalb nie verlassen würde. »Und reißen Sie sich zusammen. Ihr Gestammel ist höchst ungehörig.«

Miss East fiel es schwer, sich zu konzentrieren, da sie an nichts anderes als an eine hilflos umherirrende und verängstigte Victoria denken konnte, doch sie rang sich eine Antwort ab.

Teresa Kelly stammte aus dem Dorf und hatte zu Hause Unannehmlichkeiten mit einer schwierigen Schwägerin. Miss East, die seit Jahren mit ihr befreundet gewesen war, hatte ihr nach Victorias Geburt eine Stellung mit Kost und Logis auf Tyringham Park verschafft und sie angewiesen, ihre Zeit zwischen dem Nähen und der Unterstützung Schwester Dixons in der Kinderstube aufzuteilen.

»Zwei erwachsene Frauen, die sich um zwei Kinder kümmern?«, unterbrach Edwina sie. »Das grenzt an Verschwendung, könnte man meinen.« Sie konnte schlecht fragen, wieso sie nicht um Zustimmung gebeten worden sei, da sie von Anfang an klargestellt hatte, nichts mit den häuslichen Angelegenheiten zu tun haben zu wollen, und Miss East von Waldron entsprechend instruiert worden war. Dennoch störte es sie, dass Miss East solche Autorität ausüben durfte. Und es störte sie auch, dass Waldron darauf bestand, die Frau sei als Miss East anzusprechen und nicht nur als East, was, wie Edwina fand, der Tradition eher entsprochen hätte.

»Der Dorfpfarrer hat Teresa eine Passage nach Neusüdwales verschafft«, fuhr Miss East fort, »wo sie einen Farmer heiraten und sich um seine gebrechliche Mutter kümmern soll. Eine Freundin von ihr lebt dort.«

»Hatte sie eine besonders enge Bindung an Victoria?«

»Sie hatte beide Mädchen sehr gern. Sie war eine liebevolle, großherzige Frau.«

Lady Blackshaw hob die Brauen. »Ach, wie bewundernswert.«

»Ja, sie war bewundernswert.« Miss East gab vor, den Sarkasmus nicht zu bemerken. »In der Zeit, die sie bei uns war, hat sie so großen Eindruck gemacht, dass es war, als hätte sie schon ihr ganzes Leben hier verbracht.«

»Wie reizend. Sehr erhellend. Danke, Miss East. Das wäre alles. Nun suchen Sie Dixon und schicken sie zu mir, und sorgen Sie dafür, dass Sie sich gesäubert und die Schuhe gewechselt haben, wenn ich Sie das nächste Mal sehe.«

Sie wollte Dixon außer Sichtweite von Miss Easts voreingenommenem Blick zu Teresa Kelly befragen, die fast zwei Jahre lang auf dem Anwesen gelebt hatte und für Edwina dennoch genauso gut unsichtbar hätte sein können.

Auf ihrem Weg in den dritten Stock hörte Miss East eine erhobene Stimme, als sie im Erdgeschoss des Westflügels an einem offenen Fenster vorüberging. Als sie hinausblickte, sah sie die achtjährige Charlotte, Kleid und Schuhe schmutzig, neben einer kleinen Brücke auf dem Boden knien, die sie über einer Wasserpfütze errichtet hatte, welche von modrigen Blättern daran gehindert wurde, in den Abfluss zu strömen.

In der rechten Hand hielt sie einen Stein, und sie hatte das Gesicht zu Schwester Dixon gehoben, die sie überragte und anfauchte: »Na? Na? Sag was. Na los, sag was.« Als Charlotte keine Antwort gab, hob sie die Hand hoch über den Kopf. Charlotte schloss die Augen, krampfte das Gesicht zusammen und wappnete sich für den Hieb, der ihr, als er kam, den Kopf herumriss.

Danach packte Schwester Dixon sie beim Arm und zerrte sie auf die Füße.

»Wie schade, dass die Zigeuner anstatt der lieben kleinen Victoria nicht dich gestohlen haben«, sagte sie. »Deine hässliche Visage würde keiner hier vermissen.«

Miss East merkte, wie sie mit unziemlicher Hast den Korridor entlangrannte, zur Seitentür hinaus, über Blumenbeete und einen gepflasterten Hof, bis sie, atemlos und wie durch Zufall, vor dem ringenden Paar stand.

Schwester Dixon lief rot an, setzte aber sofort eine trotzige Miene auf. »Was wollen Sie?«, herrschte sie die Wirtschafterin an, ohne den festen Griff um Charlottes Oberarm zu lockern.

Charlottes Gesicht war ohne jede Farbe. Sie sah aus, als würde sie gleich das Bewusstsein verlieren.

»Lady Blackshaw möchte Sie auf der Stelle sehen.«

»Sie sind schon der Dritte, der mir das sagt.« Sie öffnete die Hand, und Charlotte fiel zu Boden. »Ich weiß nicht, was sie von mir will, denn schließlich war sie es, die Victoria verloren hat, nicht ich. Ich wette, Sie haben gedacht, mir wär das passiert.«

»Ich habe gar nichts gedacht. Ich kümmere mich um Charlotte, während Sie fort sind.« Miss East streckte die Hand vor.

»Nein, das werden Sie nicht, Lily.« Dixon ließ den Namen klingen wie ein Schimpfwort. »Charlotte kommt mit mir. Na los, Charlotte, steh auf. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«

Charlotte rührte sich nicht.

»Steh auf, hab ich gesagt, sonst hole ich den Polizisten. Du weißt, was das bedeutet.«

Charlotte erhob sich langsam und reichte Schwester Dixon, die Miss East triumphierend anblickte, die Hand.

»Also los, gehen wir.« Als sie an der Wirtschafterin vorbeiging, rempelte Dixon sie absichtlich an, sodass diese für einen Moment das Gleichgewicht verlor. Dixon feixte. »’tschuldigung«, sagte sie.

4

Der junge Constable Declan Doyle hatte Dienst gehabt, als in der Kaserne von Bandon, der nächsten größeren Stadt, die Nachricht Lady Blackshaws eintraf, in der die Polizei über das vermisste Kind in Kenntnis gesetzt und instruiert wurde, Beamte nach Tyringham Park abzustellen und sich nach den Familienverhältnissen einer gewissen Teresa Kelly und den Einzelheiten ihrer letzten Tage in Ballybrian zu erkundigen. Als junger »Zugereister« wusste der Constable nicht, wie angesehen Lady Blackshaw im Bezirk war, und von Teresa Kelly hatte er noch nie gehört. Sein Vorgesetzter, Inspector Christy Barry, der in Ballybrian geboren war, musste seinen jüngeren Kollegen zunächst über beide Frauen ins Bild setzen.

Charlotte zeichnete lustlos. Seit Dixon ihr von Victorias Verschwinden erzählt hatte, war ihr kein Wort über die Lippen gekommen. Das war aber niemandem aufgefallen. Zu dieser Tageszeit übte sie gewöhnlich auf Mandrake das Springreiten.

»Geh nach draußen spielen. Mit diesem Gekritzel gehst du mir auf die Nerven.«

Charlotte rührte sich nicht.

»Na los. Bau noch so ’ne Brücke, die du so magst, aber bleib vom Schlamm weg.«

Charlotte sah sie traurig an.

»Mit Teresa hast du das doch immer so gern gemacht, Miss Straßenengelchen-Hausteufelchen, oder?«

Charlotte schwieg.

»Bei dir reißt selbst ’nem Heiligen noch der Geduldsfaden. Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt, weißt du. Wie oft muss ich dir das noch sagen?« Dixon schlenderte zum Tisch, riss die fünf Blätter mit Pferdezeichnungen an sich, knüllte sie zusammen und warf sie ins Feuer. Dann packte sie Charlotte beim Arm und zerrte sie wie einen Sack zur offenen Tür, schob sie auf den Treppenabsatz hinaus und fügte aus Gewohnheit hinzu: »Und bleib vom Geländer weg.«

Dixon musste nachdenken, und das konnte sie nicht, während dieses mürrische Gesicht sie anstarrte.

Die vergangenen zwanzig Monate, seitdem Teresa Kelly an ihrem ersten Tag die Treppe hochkam, waren die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Trotz aller Unterschiede in Vorgeschichte, Religion, Dialekt und Alter hatte zwischen ihnen gleich von Anbeginn ein Band bestanden. Als Dixon sich gestattete zu glauben, zum ersten Mal in ihrem Leben eine echte Freundin gefunden zu haben, hatte sie sich gefühlt, als wäre sie aus einem feuchten Verlies in einen sommerlichen Garten hochgestiegen.

Teresa, die seit dem Tod ihres Vaters und dem Einzug einer feindseligen Schwägerin im Haus ihrer Familie nicht mehr willkommen war, verbrachte ihre freien Stunden und sogar den freien Tag, der ihr alle vier Wochen zustand, bei Dixon in der Kinderstube. »Wohin sonst soll ich denn gehen?«, pflegte sie zu sagen. »Die Frau meines Bruders wäre froh, wenn sie mein Gesicht nie mehr sieht, und er auch, denn er steht immer auf ihrer Seite – und ich bin gerne hier.« Sie wirkte nicht verbittert, obwohl sie, wie Dixon es sah, die fünfzehn besten Jahre ihres Lebens mit der Pflege ihres senilen Vaters vergeudet hatte, ohne dass am Ende etwas für sie herausgesprungen war. Der Bruder hatte alles geerbt.

Wenn Teresa abends ging, um mit den anderen Dienstboten unten im Speisesaal zu essen, dachte Dixon, die lediglich in Gesellschaft von Charlotte und Victoria von einem Tablett aß, sie würde noch an Eifersucht und Einsamkeit zugrunde gehen. Wenn sie zusah, wie sich Teresa und Miss East zu ihrem allwöchentlichen Kartenspiel ins Dorf aufmachten, litt sie noch schlimmere Qualen. Was, wenn Miss East ihre Abneigung gegen Dixon auf Teresa übertrug, wenn sie ihr während der langen Hin- und Rückwege Gift ins Ohr träufelte? Jede Woche hatte sie wachsam nach Veränderungen in Teresas Verhalten ihr gegenüber gesucht, aber nie etwas festgestellt. Im Gegenteil, hätte sie nicht annehmen müssen, dass es pure Einbildung sei, so hätte sie schwören können, dass Teresas Freundlichkeit sogar noch wuchs, falls das überhaupt möglich war.

Jeden Morgen wartete Dixon auf Teresas Schritte auf den Treppenstufen, und sobald sie diese hörte, sah der Tag für sie schon heller aus. Selbst die mürrische Charlotte kreischte dann vor Freude und stürmte los, um die Arme um Teresa zu schlingen, und kaum war Victoria alt genug, entwand sie sich Dixons Armen und folgte dem Beispiel ihrer Schwester. Dixon schätzte diese übermäßige Zurschaustellung von Gefühlen nicht, aber um ihrer Freundin willen bestrafte sie die Mädchen nicht dafür, denn Teresa schien es zu mögen, und im Übrigen fand Dixon genügend andere Anlässe, die beiden zu maßregeln.

Für jeden mit Augen im Kopf war deutlich erkennbar, dass Teresa sich zwar nach Kräften bemühte, beide Mädchen gleich zu behandeln, aber dennoch nicht zu verbergen vermochte, dass sie Victoria lieber hatte.

Wenn nur alle Vernehmungen so angenehm wären, dachte Constable Declan Doyle, als die bezaubernde junge Frau sich zur Befragung setzte – Rücken gerade, Füße beisammen, Hände verschränkt, die Augen so niedergeschlagen, dass sie geschlossen aussahen.

»Erzählen Sie mir bitte in Ihren eigenen Worten, was heute hier geschehen ist, Schwester Dixon«, sagte er mit sanfter Stimme. »Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.« Hoffentlich braucht sie den ganzen Nachmittag, dachte er.

Schwester Dixon antwortete nach kurzem Zögern, ohne Declan Doyle oder Inspector Christy Barry auch nur ein einziges Mal anzusehen.

»Als der Regen aufgehört hatte, wollte ich die kleine Victoria an die frische Luft bringen, denn wegen dem Wetter waren wir zwei Tage lang wie eingesperrt. Sie wollte nicht laufen, obwohl sie früh laufen gelernt hat und es gut kann. Sie konnte kaum die Augen offenhalten, weil sie früh aufgewacht war und am Vormittag nicht mehr geschlafen hatte. Deshalb hab ich sie in den Kinderwagen gelegt, obwohl sie dafür schon zu groß war. Musste sie auf die Seite legen und die Beine anwinkeln, damit sie reinpasste. Wenigstens kommt sie an die frische Luft, auch wenn sie sich nicht bewegt, habe ich gedacht. Charlotte ging allein los – drinnen malt und zeichnet sie die ganze Zeit, und draußen baut sie alles Mögliche aus Steinen und Ziegeln und Holz, wenn sie gerade nicht reitet. Hauptsache, es macht Dreck. Ich bin Lady Blackshaw begegnet, die stehen blieb, um Victoria zu betrachten. Victoria schlief da schon. Als ich ihr sagte, dass die Kleine noch wenigstens ’ne Stunde lang schlafen würde, sagte sie, sie würde mit ihr spazieren gehen und sie dann zurückbringen. Ich war so überrascht, dass Sie mich mit ’ner Feder hätten umschmeißen können. Ihre Ladyschaft hat so was noch nie getan, bei Charlotte kein einziges Mal, und sie ist schon acht. Mir kam es irgendwie komisch vor, ihr den Kinderwagen zu geben, aber dann fragte ich mich, was daran falsch sein sollte, denn immerhin ist Ihre Ladyschaft ja die Mutter.«

Sie hielt inne, damit die Polizisten Zeit hatten, die dramatische Andeutung in ihren Worten aufzunehmen.

»Wie spät war es da?«, fragte der Constable, der sich so sehr auf die Bewegung von Schwester Dixons Mund konzentrierte, dass er ganz vergaß, ihre Aussage in seinem Notizbuch niederzuschreiben.

»Gegen zwei Uhr.«

»Halten Sie es für möglich, dass Teresa Kelly das kleine Mädchen mitgenommen hat, als sie ging?«

Dixon blinzelte drei Mal, ehe sie antwortete. »Völliger Blödsinn. Sie war heute nicht mal auf dem Anwesen. Sie hat sich gestern verabschiedet, und außerdem würde sie niemals so etwas –«

»Ganz meine Meinung«, unterbrach der Inspector sie zufrieden. »Und wer sollte das besser wissen als Sie, ihre beste Freundin? Gutes Mädchen. Sagen Sie mir nun, was halten Sie von der Vorstellung, die Kleine könnte ertrunken sein?«

»Noch größerer Blödsinn. Die Mädchen durften nie an den Fluss. Sie sind oft genug gewarnt worden. Ich hab ihnen immer wieder von den Kindern erzählt, die vor fünfzig Jahren im Dark Waterhole ertrunken sind, und dem Mann, der reinging, um sie zu retten, und der mit ihnen untergegangen ist. Charlotte hat das richtig Angst gemacht. Auch Victoria habe ich es eingeschärft, und sie war alt genug, um zu verstehen, was ich sage.«

»Als die Person, die sie am besten kannte, was ist Ihrer Meinung nach mit ihr geschehen?«

»Ich glaube, sie ist abgehauen, hat sich verirrt und wird wieder gefunden. Für ihr Alter läuft sie sehr gut.«

Der Constable nutzte die Gelegenheit, Dixon zu mustern, während Inspector Barry sie vernahm. Er hatte eine grimmige Matrone mit eisengrauem Haar und gestärkter Schwesternhaube erwartet, und als diese fein wirkende, geheimnisvolle junge Frau, die im gleichen Alter war wie er, durch die Tür kam, war er völlig perplex gewesen und binnen eines Augenblicks verzaubert.

»Darf ich Sie für unseren Bericht …« – und für mich, fügte er in Gedanken hinzu – »nach Ihrem Vornamen fragen?«

»Ich habe keinen, von dem ich wüsste. Keinen richtigen. Ich war ein Findelkind. Sie nannten mich ›Baby‹« – eigentlich »Cry Baby«, Heulsuse, aber sie sah keinen Grund, das zu verraten –, »bis ich alt genug war, auf die Babys aufzupassen, die neu im Waisenhaus waren, und dann nannten sie mich irgendwann ›Schwester‹.«

Dem jungen Beamten stand das Mitgefühl ins Gesicht geschrieben.

Teresa Kellys Bruder Séamus arbeitete zwar nicht auf dem Anwesen, suchte jedoch auf Anordnung Lady Blackshaws die Polizei auf, um Fragen zu beantworten. Seiner Aussage nach erbat sich Teresa den Gefallen, ihre letzte Nacht um der alten Zeiten willen in ihrem angestammten Zimmer verbringen zu dürfen. Dagegen habe er natürlich keine Einwände gehabt. Um acht Uhr am nächsten Morgen habe seine Frau, die – was er nicht sagte – sich vergewissern wollte, dass Teresa nichts gestohlen hatte, das Bett leer und auf dem Kopfkissen einen Abschiedsbrief vorgefunden. Für den Rest des Tages habe er sie nicht zu Gesicht bekommen, und ihre Nachbarn auch nicht, soweit er wisse. Wie sie zum Hafen gelangt war, konnte er nicht sagen. Wie jedem wohl bekannt sei, hätten die Dinge zwischen ihnen nicht zum Besten gestanden. Er konnte der Polizei nur sagen, dass Teresas Fahrrad fehlte – sehr zum Verdruss seiner Frau, die schon ein Auge darauf geworfen hatte, doch das erwähnte er ebenfalls nicht – und dass ihn empöre, wie unfreundlich alles abgelaufen sei, denn sie hätten sich früher doch so nahe gestanden. Über das Leben seiner Schwester auf Tyringham Park oder das vermisste Mädchen wusste er nichts.

Die Gabe des Constables, Menschen zu bewegen, in Minutenschnelle die Geheimnisse ihres Lebens vor ihm auszubreiten, war bei ihr Verschwendung, und die Vernehmungsmethode des Inspectors, die darin bestand, angefangene Sätze zu beenden und lange Geschichten kurz zu machen – er war schon länger im Dienst und ungeduldig geworden –, hatte keine besseren Ergebnisse erzielt. Das kam daher, dass die Dienstboten nichts auszusagen hatten. Sie hatten nichts beobachtet, weil sie sich nicht in der Position dazu befunden hatten. Der Brauch auf Tyringham Park, dem gesamten Personal den gleichen Nachmittag freizugeben, und der für die Dienstboten selbstverständlich war, weil sie es nicht anders kannten, erschien den Polizeibeamten als ungewöhnlich, da sie eher einen turnusmäßigen Wechsel erwartet hätten. Als Victoria verschwand, befand sich die Mehrzahl der Dienstboten im Garten, den eine acht Fuß hohe Mauer umgab, während andere im Dorf waren, in der Wirtschaft oder in ihrem Quartier. Es war kein Wunder, dass niemand etwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört hatte. Das Anwesen war im Grunde ohne Personal gewesen.

Ein zaghaftes kleines Stubenmädchen mit dem seltsamen Namen Peachy, die drittletzte auf einer Liste von achtundzwanzig, huschte herein. Die Augen hatte sie, Böses ahnend, weit aufgerissen. Der Inspector vermutete, dass selbst sein Constable Schwierigkeiten hätte, sie überhaupt zum Reden zu bewegen, doch die Spanielaugen des jungen Beamten und die Geduld, mit der er auch lange Schweigepausen gestattete, entlockten ihr schließlich, dass sie Teresa Kelly etwa zu der Zeit, als das Kind verschwand, auf dem Anwesen gesehen habe.

Der Inspector setzte sich abrupt aufrecht. »Bist du dir da sicher?«

Das Stubenmädchen riss die Augen auf. »Sie kriegt doch keinen Ärger, oder?«

»Natürlich nicht. Weshalb sollte sie denn?«

Ein trotziger Ausdruck trat in ihr Gesicht. »Teresa hat die kleine Victoria nicht mitgenommen«, sagte Peachy. »Lady Blackshaw glaubt das aber – ich weiß das, weil wer gehört hat, wie sie und Dixon über Teresa redeten.«

»Ich glaube es keinen Augenblick lang«, sagte Christy Barry. »Ich kenne Teresa Kelly persönlich und weiß, dass sie so etwas niemals tun würde.«

Das Stubenmädchen atmete erleichtert auf. »Das ist genau das, was ich auch dachte.«

»Aber bist du sicher, dass du sie heute gesehen hast?«, fuhr Barry fort. »Ich dachte, sie hätte das Anwesen schon gestern verlassen.«

»Ja, ich bin sicher, dass es heute war.« Sie verzog konzentriert das Gesicht, während sie sich genau zu erinnern versuchte. Als es geschah, sei es ihr nicht wichtig erschienen. Sie habe es eilig gehabt, zu den anderen in den Garten zu gehen, aber sie sei spät dran gewesen, weil sie ein Glas mit Lady Blackshaws Handcreme fallengelassen habe, das am Boden zerschellt sei, und sie habe eine Ewigkeit gebraucht, die Bescherung mit den vielen kleinen Glassplittern zu beseitigen. Dann, auf dem Weg zum Garten, habe sie gesehen, wie Teresa in großer Eile ihr Fahrrad vom Dienstboteneingang an der Rückseite des Hauses wegschob. Teresa habe ihr zugerufen, dass sie nicht anhalten könne, weil sie sich schon verspätet habe.

»Ich dachte, sie hat was in ihrem Zimmer vergessen oder will Schwester Dixon noch einen Brief bringen. Sie ist ’ne Freundin von Dixon. Ich hab ihr viel Glück gewünscht und bin weitergegangen, mehr hab ich nicht gesehen.«

»Weißt du, wie spät es da war?«

»Nein, aber nicht lange danach kam Miss East und erzählte uns die schlimme Neuigkeit und sagte, wir müssten alle sofort loslaufen und Victoria suchen, und das haben wir auch gemacht.«

»Hast du sonst noch etwas von Teresa zu erzählen?«

»Nein.«

»Warum hast du das nicht gleich gesagt?«

»Ich war die Einzige, die Teresa heute hier gesehen hat. Ich wollte nicht, dass sie wegen mir Ärger kriegt.«

»Das steht nicht zu befürchten«, sagte der Inspector. »Selbst wenn wir sie einer Tat verdächtigen würden, was wir nicht tun, wüssten wir nicht, wo wir sie finden. Sag mal, erinnerst du dich, ob sie irgendwelche Sachen bei sich hatte?«

»Ja, hatte sie. So einen Segeltuchsack mit Zugbändern, wie Matrosen sie haben. War gar nicht zu übersehen, sie hatte ihn hinten auf dem Fahrrad festgeschnallt.«

»Also war sie auf dem Weg.« Barry überlegte kurz, dann stand er auf und führte das Stubenmädchen zur Tür. »Vielen Dank. Du warst uns eine große Hilfe. Jetzt geh nach Hause und denk nicht mehr an die Sache.«

Als die Dorfbewohner an diesem Abend erschöpft und niedergeschlagen nach Hause gingen, begegneten sie Manus, der die Allee hinaufritt. Im schwächer werdenden Licht konnten sie sein Gesicht nicht klar erkennen und mussten ihn fragen, ob er das Kind gefunden habe. Als er antwortete, nein, obwohl er dem Fluss bis zum Meer gefolgt sei, erhob sich ein trauriges Stöhnen, auf das man geflüstert der Hoffnung Ausdruck verlieh, sie sei womöglich doch nicht an den Fluss gegangen und könne noch lebend wieder auftauchen.

Im Stall übergab Manus sein Pferd an Archie, den ältesten Stallburschen, der froh über die Gelegenheit war, seine geröteten Augen verbergen zu können, und sich vorbeugte, um die Kratzer an Mandrakes Brust und Beinen zu begutachten und nach Steinchen in den Hufen zu suchen.

Manus brachte es nicht über sich, selbst zum großen Haus hochzugehen, geschweige denn dessen Schwelle zu überschreiten. Er verwies auf seine durchnässte, schlammbespritzte Kleidung, damit er nicht persönlich Lady Blackshaw berichten musste, und sandte an seiner Stelle den zweiten Stallburschen hoch.

5

Ein mit Inspector Christy Barry befreundeter Fischer ging davon aus, dass ein so kleiner Mensch wie Victoria beim derzeitigen hohen Wasserstand mit größter Wahrscheinlichkeit aufs Meer hinausgespült worden wäre und keine Chance bestand, ihre Leiche jemals zu bergen. Obwohl Barry die gleiche Ansicht vertrat, entschied der Inspector, um Lady Blackshaws willen das übliche Ermittlungsverfahren einzuhalten.

Als er und sein junger Kollege am nächsten Morgen um neun Uhr auf Tyringham Park erschienen, um ihre Vernehmungen fortzusetzen, war die Suchmannschaft auf dem Gelände noch größer als am Vortag. Der Verwalter war dankbar. Mithilfe der vielen Leute ließ sich binnen zwei Tagen erledigen, was Wochen gedauert hätte, wären die Dienstboten das einzige Personal gewesen, das ihm zur Verfügung stand.

Als sie am frühen Vormittag noch immer darauf warteten, Lady Blackshaw sprechen zu dürfen, schlug der Constable vor, Charlotte zu befragen. »Kinder sind so aufmerksam«, sagte er. »Sie sehen Dinge, die kein Erwachsener bemerken würde.«

Barry lächelte. »Ich könnte mir vorstellen, dass sich ein Junggeselle wie Sie da auskennt. Warum schicken wir nicht nach Schwester Dixon, dass sie das Mädchen herbringt?«

Der Constable errötete und versuchte gleichmütig dreinzusehen. »Jawohl, Sir, das ist eine gute Idee.«

Eine Viertelstunde später stand Schwester Dixon vor ihnen. Sie hielt Charlotte an der Hand und redete ihr leise zu. »Nun komm schon, Charlotte, Schätzchen, antworte dem netten Polizisten. Wann hast du Teresa das letzte Mal gesehen?«

Charlotte starrte die beiden Männer voller Angst an und unternahm keinerlei Anstalten, den Mund aufzumachen.

»Sie haben nichts zu befürchten, Miss Charlotte. Wir wollen Ihnen nichts Böses. Ich habe selbst vier Kinder, natürlich viel älter als Sie, und der junge Bursche hier hat eine ganze Schar Brüder und Schwestern.«

Charlotte ließ sich nicht erweichen.

Schwester Dixon blickte den Constable zum ersten Mal direkt an und reagierte sichtlich auf seine bewundernde Miene: Sie zuckte vor ihm zurück, als wäre sie, mit einem Seil gesichert, in vollem Lauf losgerannt und nach hinten gerissen worden, als es sich spannte.

»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte sie, erhob sich hastig und führte Charlotte aus dem Zimmer ans andere Ende des Korridors, wo niemand sie hören konnte.

»Jetzt pass mal gut auf, junge Dame. Und guck mich an, wenn ich mit dir rede.« Sie packte das Mädchen beim Kinn und bog seinen Kopf nach oben. Charlottes Augen zuckten hin und her; sie versuchte irgendwo anders hinzusehen, nur nicht auf Schwester Dixon. »Die Polizisten da drin sind nicht die, die böse Kinder bestrafen. Das sind andere, hast du kapiert? Gute, nette Polizisten.« Bei jedem Wort, das sie mit besonderer Betonung aussprach, drückte Dixon Charlottes Kinn noch fester. »Also hörst du jetzt auf, so ein Theater zu machen, und tust ihnen ihre Fragen beantworten. Hast du kapiert?«

Charlotte brannten von der Anstrengung, Dixons stechendem Blick auszuweichen, die Augen.

»Ob du das kapiert hast, hab ich gefragt.«

Charlotte nickte, und Dixon ließ sie los.

Als sie das Zimmer wieder betraten, nahm Dixon nicht mehr wie vorher schräg, sondern direkt gegenüber von dem jungen Polizisten Platz, und Charlotte setzte sich auf einen Stuhl neben ihr.

»Nun, Miss Charlotte, stört es Sie, wenn wir Sie noch einmal befragen? Haben Sie gestern Teresa Kelly gesehen? Oder irgendwelche Fremden?«

Mit flehendem Blick sah Charlotte erst zu dem Kindermädchen hoch und dann zu den beiden Männern.

»Nun sprich doch, Charlotte, Liebes.« Schwester Dixon legte einen Arm um das Mädchen, strich ihr das Haar hinters Ohr und streichelte es. »Ich bin ja bei dir, da brauchst du keine Angst zu haben. Sag den netten Herren nur, was du gestern und vorgestern gesehen hast.«

Charlotte sackte zusammen, stierte vor sich hin und sagte kein Wort. Das Schweigen dehnte sich, und das Ticken der Wanduhr wurde immer aufdringlicher, doch Charlotte schwieg.

Schwester Dixon ließ die Hand von Charlottes Schultern gleiten, zog dem Mädchen den linken Arm auf den Rücken, hielt ihn wie mit dem Schraubstock gepackt und grub die Fingernägel hinein. Auf Charlottes Gesicht zeigte sich Angst, aber sie schrie nicht auf.

Ein Diener trat, ohne anzuklopfen, ein und teilte den Polizeibeamten mit, dass Ihre Ladyschaft sie sogleich erwarte.

Dixon ließ Charlottes Arm los, und das Kind sprang auf und rannte aus dem Zimmer. Schwester Dixon blickte Declan Doyle in die Augen (›Da sehen Sie, womit ich mich herumschlagen muss‹), lächelte engelsgleich und verließ den Raum mit einem leichten Wiegen ihrer Hüften.

Innerhalb von nur zwei Minuten explodierte Lady Blackshaw vor Wut auf die Polizeibeamten, weil sie ihr nicht schon früher mitgeteilt hatten, was das Stubenmädchen Peachy ausgesagt hatte. Sie ordnete an, dass Teresas Beschreibung an alle Kasernen der Polizei und des Militärs im Land weitergegeben werde, und bat persönlich ihre nächsten Nachbarn, mit ihrem neuen Automobil nach Queenstown zu fahren und sich zu erkundigen, ob die Näherin von dort aufgebrochen war.

»Wir haben über zwölf Stunden verloren«, wütete sie. »Ich hätte gleich die Armee hinzuziehen sollen.«

»Es ist noch nicht zu spät, Ma’am«, sagte Constable Doyle mit gekünstelt milder Stimme. Er mochte die Lady nicht und verübelte ihr, dass sie ihn wie einen angestellten Privatdetektiv behandelte. Ihre Aussprache knirschte ihm in den Ohren, und er fand es kalt und unnatürlich, wie sie auf den Verlust ihrer Tochter reagierte, von der sie offenbar nicht einmal wusste, wann sie zur Welt gekommen war. Wäre ein prämiertes Hengstfohlen entführt worden, hätte sie sich vermutlich mehr aufgeregt als jetzt. Vor allem aber konnte er nicht seine Empörung vergessen, als er zum ersten Mal die prächtige Burg mit ihrem Turm erblickte, umgeben von bestem Ackerland, das sich, so weit das Auge reichte, in alle Himmelsrichtungen erstreckte, und er begriff, dass dies alles einem einzigen Mann gehörte und dieser Mann ein Kolonisator war. Er hatte von solchen Häusern in seinen Geschichtsbüchern gelesen, aber noch nie eines mit eigenen Augen gesehen, da sie stets von Mauern und Bäumen umgeben waren und zu weit entfernt von öffentlichen Straßen standen, als dass der Blick gewöhnlicher Menschen auf sie fallen konnte.

Der Inspector gab beruhigende Laute von sich. Fragte man ihn, so war Lady Blackshaw als Mutter, die ein Kind verloren hatte, von jeglichen Regeln des guten Benehmens befreit. Sie konnte so viel wüten und ihn herunterputzen, wie sie wollte – das war ihr gutes Recht –, ohne dass er auch nur mit der Wimper zuckte.

»Was glauben Sie, weshalb stürzt sie sich so eilig auf Teresa Kelly als Schuldige?«, fragte der Constable später den Inspector und gab im nächsten Atemzug selbst die Antwort. »Weil ihr der Gedanke unerträglich ist, dass man sie verspottet, weil sie ihr eigenes Kind verbummelt hat, als sie zum ersten Mal selbst darauf aufpasste – deshalb. Überlegen Sie doch einmal, wie unfassbar dumm man sein muss, ein zweijähriges Mädchen an einem über die Ufer getretenen Fluss unbeaufsichtigt zu lassen, während die Tür sperrangelweit offen steht. Aber natürlich gibt sie nicht zu, dass sie dafür verantwortlich ist. Wenn sie nicht Teresa Kelly hätte, würde sie irgendeinen anderen Unglücksraben finden, auf den sie die Schuld abwälzen könnte.«

»Vielleicht haben Sie recht«, sagte Inspector Barry.

Schwester Dixon schloss hinter sich die Tür der Kinderstube, und Charlotte wich vor ihr zurück.

»Bist du jetzt zufrieden? Ja? Weil du mich vor den netten Männern bis auf die Knochen blamiert hast?«

Charlotte zog sich rückwärtsgehend noch weiter zurück, bis sie gegen das Fußende ihres eisernen Bettgestells stieß.

»Sag was. Sag irgendwas.« Schwester Dixon hob den Arm. »Na los. Ich weiß genau, dass du nur markierst. Zu Teresa hattest du immer viel zu sagen, wenn sie hier war, oder? Also, was bremst dich jetzt? Hm?«

Charlotte kauerte sich am Bett zusammen.

»Ich geb dir ’ne letzte Chance. Wenn du nicht redest, wenn ich bis drei gezählt hab, dann setzt es was.«

Charlotte duckte sich noch mehr.

»Eins! Zwei! Drei!«

Dixon legte Charlotte die Hände auf die Schultern und drückte das Kind mit solcher Kraft nach hinten übers Bett, dass das schmiedeeiserne Fußteil sich ihm in den Rücken grub. Als Dixon losließ, rutschte Charlotte zu Boden.

»Lass dir das ’ne Lehre sein«, sagte sie. »Nur weil du mit ’nem silbernen Löffel im Mund geboren wurdest, hast du noch lange nicht das Recht, andere Menschen wie Dreck zu behandeln! Du blamierst mich nie wieder vor anderen Leuten, ist das klar?«

Schwer atmend begab sie sich nach nebenan in ihr Zimmer, ohne noch einmal zurückzublicken, und knallte die Tür zu. Aus ihrem Nachttisch nahm sie eine Porzellanpuppe mit gelbem Haar und einem saphirblauen Satinkleid. Charlottes teure, wunderschöne Puppe. Am liebsten hätte sie ihr das gelbe Haar ausgerissen, das Gesicht am Bettpfosten aus Messing zerschmettert und zugesehen, wie die Glasaugen über den Boden kullerten – das geschähe Charlotte nur recht, die sich vor der Polizei weigerte, ihr zu gehorchen, und sie dumm dastehen ließ. Sie hätte die Puppe kaputtgemacht, ganz sicher, wäre sie nicht ein Geschenk der Großeltern mütterlicherseits gewesen. Dixon musste jederzeit befürchten, dass Lady Blackshaw nach der Puppe fragte, und sei es nur, um den Polizisten zu zeigen, wie Victorias dazu passende rothaarige Puppe aussah. Bislang hatte Ihre Ladyschaft sie nicht erwähnt – vielleicht war ihr sogar entfallen, dass Charlotte so etwas je besessen hatte –, aber dennoch musste Dixon die Puppe für alle Fälle am Leben lassen.

Mehr als ein Jahr lag es zurück, dass sie die Puppe konfisziert hatte, als Bestrafung dafür, dass Charlotte sie nicht hergegeben hatte, obwohl es ihr befohlen wurde. Dixon hatte sich gezwungen gesehen, sie den Armen des unverbesserlichen Mädchens zu entwinden. Ihre Laune hatte sich auch nicht gebessert, als sie ein entsetztes Hausmädchen entdeckte, das aus der Ferne beobachtete, wie Charlotte völlig aufgelöst schrie: »Gib sie zurück! Sie gehört mir!«, und dann mit sich überschlagender Stimme kreischte: »Das ist ungerecht!« Nachdem Dixon sie ins Kinderzimmer geschafft hatte, um sie unbeobachtet zum Schweigen zu bringen und ihr eine Lektion in Gerechtigkeit zu erteilen, verkündete sie, dass Charlotte nach noch so einer Szene die Puppe niemals wiedersehen würde, und wenn Dixon von ihr noch ein einziges Wimmern hörte, würde sie die Puppe in hundert Stücke zerschlagen; sollte Charlotte auch nur einmal Victorias Puppe anrühren, könnte sie die Hölle auf Erden erleben.

Dixon stieg auf einen Stuhl und verstaute die Puppe ganz hinten auf dem obersten Regalbrett ihres Kleiderschranks, das auch die durchtriebene Charlotte nicht erreichen konnte, sollte sie es wagen, in ihr Zimmer zu schleichen, wenn niemand in der Nähe war.

Charlotte würde nicht über sie triumphieren. So ein Getue um eine Puppe, wo doch das ganze Haus mit altem Spielzeug vollgestopft war, während arme Waisenkinder überhaupt nie etwas ihr Eigen nennen durften, nicht einmal eine Lumpenpuppe mit Wollfäden als Haare.

6

Als der zweite Tag sich dem Ende neigte, schickte der Inspector den Constable nach Hause und kümmerte sich selbst um den schriftlichen Bericht. Der junge Mann war zu hitzköpfig und unerfahren, um zu wissen, was er hineinschreiben und was er weglassen musste. Daher war es unkomplizierter, das Protokoll selbst aufzusetzen – auf keinen Fall wollte Barry, dass, weil Lord Waldron so wichtig und bekannt war, ein hohes Tier aus Dublin hinzugezogen wurde, die Ermittlung übernahm und schlafende Hunde weckte.

In seinem Bericht tauchte Manus, der Sohn eines Freundes, nicht auf. Am besten war es, Dublin Castle gar nicht erst auf den Namen aufmerksam werden zu lassen, denn die britische Verwaltung stürzte sich nur zu gern auf jede Gelegenheit, mutmaßliche Mitglieder der Irischen Republikanischen Bruderschaft in Misskredit zu bringen. Wie viele seiner Landsleute arbeitete Barry für die Krone – er wünschte, es wäre anders, aber von etwas musste er leben und seine Familie ernähren. Er war jedoch stolz darauf, sich gegenüber seinem eigenen Volk, das unter der Last der Kolonialherrschaft litt, so ehrenhaft wie nur möglich zu verhalten. Wenn er je zu seiner Auslassung befragt werden sollte, konnte er anführen, dass Manus und Lady Blackshaw beisammen waren, als das Kind verschwand, und daher sei es ihm nicht sinnvoll erschienen, ihre Aussage noch einmal zu wiederholen.

Sosehr es ihm gegen den Strich ging, er musste in den Bericht schreiben, dass das kleine Stubenmädchen am fraglichen Tag Teresa Kelly gesehen hatte, denn Lady Blackshaw machte kein Geheimnis daraus, dass sie aus diesem Sachverhalt eine finstere Verschwörung zu konstruieren gedachte. Immer wieder musste er sich ins Gedächtnis rufen, dass Ihre Ladyschaft vom Schmerz überwältigt war (auch wenn das niemand, der ihre trockenen Augen sah, vermutet hätte, so gut kaschierte sie ihre Empfindungen – die Frucht eines jahrhundertealten Lebensstils) und sich an Strohhalme klammern musste. Oder das Gesicht wahren, erklang in seiner Erinnerung die Stimme des unbeeindruckten jungen Constables. Ein kleiner Trost blieb: Am anderen Ende der Welt müsste Teresa nie erfahren, dass ihr Name in den Schmutz gezogen wurde. Ihrem Bruder oder jemand anderem hatte sie, soweit Barry wusste, keine Adresse hinterlassen, und wenn sie sich entschied, jeglichen Kontakt einzustellen, was wahrscheinlich erschien, dann konnte sie auch schlichtweg nichts davon hören – Gott sei Dank.

Nachdem er Lady Blackshaws Schilderung vom Verschwinden ihrer Tochter niedergeschrieben, auf den Vortag, den 7. Juli 1917, datiert, unterzeichnet und gestempelt hatte, las er alle Vernehmungsprotokolle noch einmal und empfand als ihr Nachbar im Dorf Stolz auf das hohe Ansehen, in dem Teresa Kelly gestanden hatte.

Niemand hatte auch nur ein schlechtes Wort über sie gesagt. Bedachte man, wie kurz sie auf Tyringham Park beschäftigt gewesen war, musste sie einen guten Eindruck hinterlassen haben. Was den Inspector besonders interessierte und was er nicht in den Bericht aufnahm, war der Umstand, dass jeder Dienstbote mehr oder weniger das Gleiche ausgesagt hatte: dass der einzige Mensch, der Victoria wirklich sehr vermissen würde, Teresa Kelly war. Weder Lady Blackshaw, die ihre Tochter kaum zu Gesicht bekam, noch der abwesende Lord Waldron, der sie erst ein Mal kurz gesehen hatte, noch Schwester Dixon, die nach etlichen Aussagen nicht besonders nett zu den Mädchen war, wenn sie glaubte, dass niemand hinsah.

Die letzte Beobachtung wurde von dem jungen Constable angezweifelt, der sofort zur Verteidigung des Kindermädchens ansetzte. Diese Beschuldigungen entsprängen der Eifersucht auf das gute Aussehen Dixons, führte er an. Als sie vernommen wurde, habe sie so große Geduld mit der unkooperativen Charlotte bewiesen und sie so freundlich behandelt, dass sie einfach aufrichtig gewesen sein müsse. Niemand könne so überzeugend schauspielern, wenn es ihm nicht ernst wäre, sagte Doyle, und der Inspector vermerkte dies in seinem Bericht.

Edwinas Nachbarn meldeten sich aus Queenstown zurück. Nur ein einziges Passagierschiff hatte dort in den letzten vier Tagen abgelegt, und in der kommenden Woche sollte überhaupt keines auslaufen. Wegen des Krieges fuhren nicht viele Schiffe. Als sie nach Passagierlisten fragten, wurde ihnen mitgeteilt, dass die Behörden nicht das Recht hätten, Auskünfte über Reisende zu erteilen. Und nein, sie hätten keine Dame mittleren Alters mit Kind oder allein am oder nach dem 7. Juli in der Nähe des Hafens gesehen.

Die Suche wurde fortgesetzt. Ganze Familien verbrachten ihre Sonntage nach der Messe damit, die Ufer des Flusses oder die Kaimauern an der Südküste abzugehen, wo sie auf den Atlantik starrten. Badende siebten den Sand am Strand. Fischer musterten argwöhnisch den Inhalt ihrer Netze. Sid Cooper konzentrierte sich auf die Nebengebäude des Anwesens. Manus suchte weiter am frühen Morgen und späten Abend den sieben Meilen langen Fluss ab, dessen Fluten wieder zurückgegangen waren, und kümmerte sich in der Zwischenzeit um die Pferde.

Man fand nichts – kein einziges Fitzelchen Fleisch, Knochen, Haare oder weißes Leinen, auch kein Stückchen von der Porzellanpuppe mit rotem Haar und keinen Fetzen ihres smaragdgrünen Kleides.

Wer Teresa Kelly kannte, empörte sich über Edwinas Entführungstheorie, doch im Laufe der Zeit schlossen sich ihr immer mehr an, allerdings eher aus Hoffnung denn aus Überzeugung.

Drei Tage nach Victorias Verschwinden hatte Edwina ihrem Mann geschrieben. Waldron antwortete aus London, er sei darüber entsetzlich traurig, doch im Moment stehe es völlig außer Frage, das Kriegsministerium um Urlaub zu bitten, nicht einmal für wenige Tage. Als Angehörige einer Soldatenfamilie mit langer, stolzer Vergangenheit müsse sie hinnehmen, dass der Verlust eines kleinen Mädchens, so wichtig es einem persönlich auch gewesen sein mag, gegenüber dem Wohlergehen der Million Mann, für die er zuständig sei, von nur geringer Bedeutung sein könne.

Genau diese Antwort hatte Edwina erwartet.

Allein rätselte sie weiter über die Absonderlichkeiten in der Sache mit Teresa Kelly.

Jeden Tag setzte sie sich mit dem Inspector in Verbindung, um zu hören, ob es eine Reaktion auf die in Umlauf gebrachte Beschreibung Teresas gebe, und jedes Mal wurde ihr mit Bedauern mitgeteilt, dass dem nicht so sei.

Für Edwina ergab sich daraus ein neues Dilemma. Konnte sie der Polizei, der Hafenbehörde, den Dorfbewohnern, ja selbst Manus vertrauen – würden sie etwas, das Teresa, eine von ihnen, belastete, an sie, den Eindringling, weitergeben? Ihre Nachbarin und mütterliche Freundin, Lady Beatrice, eine Frau Mitte sechzig, hatte über das Erstaunen in Edwinas Miene gelacht, als sie ihr sagte, dass die Familie Blackshaw vielleicht seit vierhundert Jahren auf Tyringham Park leben mochte, aber dennoch niemals als rechtmäßiger Eigentümer betrachtet würde. Wer zum Broterwerb auf dem Grund und Boden der Großen Häuser überall im Land als Pächter arbeiten musste, betrachtete den Acker, den er bewirtschaftete, als sein Eigentum – er hatte seinen Vorfahren gehört, und eines Tages würde man die Imperialisten aus dem Land jagen und es wieder in Besitz nehmen.

»Das solltest du dir immer vor Augen halten, besonders angesichts Waldrons Position in diesen schweren Zeiten«, hatte Lady Beatrice gewarnt.

Edwina nahm an, sie meine seine Position in der britischen Armee.

Sie gelangte zu dem Schluss, dass die Sorge um das vermisste Kind genauso aufrichtig sei wie der Mangel an Kenntnis über Teresas Aufenthalt vorsätzlich. Wenn sie mehr wissen wollte, musste sie es selbst herausfinden.

Der Verwalter begleitete sie und eine Zofe nach Dublin, um bei der Hafenbehörde nachzufragen, doch wie in Queenstown wurde ihr beschieden, dass die Passagierlisten der Geheimhaltung unterlägen, und was Edwina auch vorbrachte, sie bekam sie nicht zu sehen. Die Beamten waren mitfühlend, doch seit dem Osteraufstand im vergangenen Jahr mussten sie auch besonders wachsam sein. Die Fahrt nach Belfast verlief aus demselben Grund ergebnislos, und Edwina kehrte enttäuscht und niedergeschlagen nach Cork zurück.

Die Suche wurde offiziell eingestellt.

7

Miss East hielt die Augen nach Charlotte offen. Normalerweise konnte man nach ihr die Uhr stellen. Punkt fünf nach zwei ging sie auf dem Weg zum Stall am Fenster vorbei, manchmal allein, oft von Schwester Dixon begleitet, die ihr durchaus hätte erlauben können, ohne Aufpasser zu gehen, aber den Vorwand nutzte, Manus schöne Augen zu machen. Seit acht Jahren bezirzte sie ihn, ohne in dieser Hinsicht die geringsten Fortschritte zu erzielen. Mit ihrem unverhohlenen Flirten hatte sie sich ein wenig zum Gespött der anderen Dienstboten gemacht.

Von beiden hatte man seit zwei Wochen nichts mehr gesehen. Miss East regte das auf – Charlotte hatte nicht nur die Schwester verloren, sondern mit Teresa Kelly auch eine Erwachsene, die sie gerngehabt und der sie vertraut hatte. Mit einer beschäftigten Mutter und niemand anderem als Schwester Dixon zur Gesellschaft gab es niemanden, der sah, wie es ihr ging. Miss East befragte die Köchin, die ihr berichtete, dass die Mahlzeiten von einem Küchenmädchen wie gewöhnlich zum Treppenabsatz vor der Kinderstube gebracht und von Schwester Dixon persönlich hereingeholt wurden, die dann später die leeren Tabletts auf den Flur stellte, damit sie vom gleichen Küchenmädchen wieder nach unten getragen werden konnten. Mit keinem Tablett kamen jemals irgendwelche Reste zurück, sagte die Köchin stolz, in all den Jahren nicht.

Miss Easts Beklommenheit stieg, als sie erfuhr, dass dem Stubenmädchen, das im Kinderzimmer einmal in der Woche Staub wischen und saubermachen sollte, von Dixon mitgeteilt worden war, sie würde bis auf Weiteres das Putzen selbst übernehmen.

»Warum hast du mir das nicht gemeldet?«, fragte Miss East sie.

»Ich hielt es nicht für wichtig«, antwortete das Stubenmädchen. »Dixon sagt, Miss Charlotte braucht Ruhe und Frieden, und sie lässt mich wieder kommen, sobald es ihr besser geht.«

Miss East nahm den Gang zum Kinderzimmer auf sich, obwohl dieser Flügel des Hauses nicht ihrer Zuständigkeit unterstand, eine Regelung, die Lady Blackshaw, wie die Wirtschafterin genau wusste, eigens eingeführt hatte, um ihre Autorität zu untergraben und sie zu demütigen. Es hätte keinen Sinn, Lady Blackshaw anzusprechen und über Schwester Dixons Kopf hinweg um Erlaubnis zu bitten, Charlotte besuchen zu dürfen – die Bitte würde abgewiesen.

»Was machen Sie denn hier?«, fragte Dixon, nachdem sie die Tür ein paar Zoll weit geöffnet und gesehen hatte, wer vor ihr stand.

»Ich möchte gern Charlotte sehen.« Miss East bemühte sich um einen selbstsicheren, ruhigen Ton. Dixons aggressives Auftreten verunsicherte sie. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie es auf die Kinder in ihrer Obhut wirkte.

»Wozu?«

»Nur um zu erfahren, wie es ihr geht. Ich habe sie längere Zeit nicht mehr gesehen.«

»Sie schläft. Sie brauchen nicht nach ihr zu sehen. Dafür bin ich da, Lily, falls Sie das nicht wissen sollten.«

»Unter diesen Umständen …« Miss East stieß die Tür auf, und ehe Schwester Dixon sie packen, vortreten und hinter sich zuziehen konnte, hatte die Wirtschafterin ein schmales weißes Gesichtchen entdeckt, das sie vom Bett her anstarrte.

Nun standen die beiden Frauen einander auf dem Flur gegenüber. Miss East wich einen Schritt zurück.

»Was fehlt ihr?«, fragte sie.

»Hat Lady Blackshaw Sie geschickt?«

»Nein, das hat sie nicht.«

»Dann haben Sie in diesem Flügel auch nicht herumzuschnüffeln und Fragen zu stellen. Sie wissen, dass ich hier das Sagen habe, nicht Sie. Also verschwinden Sie gefälligst, und stecken Sie Ihre Nase nicht in Dinge, die Sie nichts angehen.« Sie wandte sich ab, als wäre zwischen ihnen alles gesagt.

»Charlotte sieht gar nicht gut aus«, beharrte Miss East, obwohl sie sich immer schwächer fühlte. »Soll ich den Arzt verständigen?«

»Sie braucht keinen Doktor. Und wenn ihn einer ruft, dann bin ich das. So, jetzt hauen Sie ab. Los!«

Auf dem ersten Treppenabsatz blieb Miss East stehen.

»Sagen Sie ihr nur, dass ich nach ihr gefragt habe!«, rief sie hinauf.

»Sagen Sie ihr nur, dass ich nach ihr gefragt habe«, äffte Dixon sie höhnisch nach und sagte, als sie wieder ins Zimmer trat, laut: »Die alte Hexe glaubt, du bist krank. Da siehst du, wie wenig sie weiß. Jetzt auf der Stelle raus aus dem Bett, und räum die Malstifte weg!« Kurzes Schweigen. »Hast du nicht gehört?«

Miss East hielt sich die Ohren zu und eilte die Treppe hinunter.

Am nächsten Tag informierte Lady Blackshaw Miss East darüber, dass sie nach London fahre, um ihren Mann in einer dringenden Angelegenheit aufzusuchen, und sie in ihrer Abwesenheit ihr das Haus anvertraue. Sie bleibe einen Monat lang fort.

»Setzen Sie sich nur mit mir in Verbindung, wenn es Neuigkeiten über Victoria gibt. Senden Sie in diesem Fall ein Telegramm an Lord Waldrons Dienststelle. Um alles andere kümmern Sie sich selbst.«

»Um alles?«

»Ja, um alles. Was auf dem Anwesen vorgeht, ist für mich im Augenblick nicht vordringlich.«

Nur wenige Minuten, nachdem Lady Blackshaw zum Bahnhof abgefahren war, rief Miss East den Arzt, Dr. John Finn, an und bat ihn, zu kommen und sich Charlotte anzusehen. Danach ging sie zum Haus des Verwalters und eröffnete ihm, dass Schwester Dixon noch am gleichen Tag den Dienst auf Tyringham Park verlassen werde. Sie bat ihn auszurechnen, was das Anwesen ihr an Lohn und gegebenenfalls an Abgeltung wegen Nichteinhaltung der Kündigungsfrist schuldig sei.

»Schlimme Sache, so was«, sagte er mitfühlend.

Miss East antwortete nichts und ließ ihn in dem Glauben, das Kindermädchen kündige aus Kummer über den Verlust Victorias.

»Ich mache mich sofort daran, Miss East, und schicke Ihnen die Abrechnung hoch. Lady Blackshaws Abreise ging ohne Komplikationen vonstatten?«

Miss East sandte ein Stubenmädchen zu Schwester Dixon, um sie zu informieren, dass Dr. Finn sie in Kürze aufsuchen würde. Als Dixon Einwände zu erheben begann, sagte das Mädchen, so wie es ihr aufgetragen worden war: »Lady Blackshaws Anordnung.«

Während Miss East auf Dr. Finn wartete, konnte sie sich auf nichts konzentrieren. Der Tag, auf den sie sich seit acht Jahren freute, war endlich gekommen.

8

Dem Arzt graute vor dem Anblick von Victorias Bettchen, das nun seit siebzehn Tagen unbenutzt war. Im Flur blieb er stehen, um sich zu wappnen und Atem zu schöpfen, nachdem er drei Treppen hinaufgerannt war. Für einen Sechzigjährigen war er gut in Form, fand er, doch die Treppen waren steiler als in seiner Erinnerung, und er hätte so vernünftig sein sollen, sie in gemächlicherem Tempo anzugehen.

Nach der Dunkelheit im Treppenhaus blendete ihn das grelle Licht im Kinderzimmer, als er eintrat. Er griff automatisch zur Seite, und es war ausgerechnet das Kinderbettchen, an dem er sich festhielt, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Er hielt den Kopf nach vorn gerichtet, während er die Sicht wiedererlangte, stellte aber fest, dass es seinen Blick zum Inhalt des Bettes zog: eine zerknüllte rote Decke und ein weißes Leinenlaken, das am Rand glatt und zur Mitte hin immer stärker zerknittert war.

Vom anderen Ende des weiten Zimmers starrte das kleine Mädchen ihn aus seinem Bett heraus an.

»Mir wurde befohlen, es genau so zu lassen, wie es war. Nichts sollte ich anrühren, kriegte ich gesagt«, behauptete das Kindermädchen, das neben dem Bett mit Charlotte stand.

»Das haben Sie gut gemacht, Schwester Dixon.« Dr. Finn lächelte in Richtung der jungen Frau, die er immer als nervös eingeschätzt hatte, obwohl sie nun gerade und mit vor dem Schoß gefalteten Händen vor ihm stand – ein Sinnbild der Gelassenheit. Vielleicht war es ihre hastige Sprechweise oder das unablässige Blinzeln, die auf ihre unter der Oberfläche verborgene Unsicherheit hinwiesen.

Er fragte sich, ob die Anweisung, das Kinderbett genau so zu lassen, wie es war, von der Mutter oder von der Polizei stammte. Wer immer dies gewesen war, hatte versäumt, dafür zu sorgen, dass die kleine Charlotte in ein anderes Zimmer kam, wo sie nicht tagtäglich auf die Leere hinter den Gitterstäben des Bettchens schauen musste.

Das Mädchen im Bett hielt die glanzlosen Augen auf den Arzt gerichtet und lächelte weder, noch sprach es, als er den Raum durchquerte. Er hoffte, dass seine Sorge beim Anblick Charlottes, sie könne krank sein, sich nicht in seinem Gesicht zeigte.

»Nun, wie geht es meinem Lieblingsmädchen?«, fragte er sie. Dann schüttelte er dem Kindermädchen die Hand und tauschte höfliche Floskeln mit ihr aus. Sofort danach stand sie wieder gerade da, mit niedergeschlagenem Blick und vor sich gefalteten Händen. »Nun will ich Sie mir einmal ansehen, Miss Charlotte, dann wissen wir, was Ihnen fehlt.« Er setzte sich auf die Bettkante. »Erzählen Sie Ihrem alten Freund, wo der Schuh drückt.«

»Sie spricht nicht, Herr Doktor«, sagte das Kindermädchen. »Kein einziges Wort, seit das Baby verschwand. Und sie isst auch nicht. Ich sag ihr immer, wenn du nicht isst, dann verlierst du deine Kraft. Ich sag es ihr andauernd.« Wie zur Betonung schloss sie die Augen.

»Danke, Schwester«, sagte er. »Wie lange liegt sie schon im Bett?«

»Vier Tage, aber vorher ging es ihr auch schon schlecht. Seit … Sie wissen schon. Steht nur auf, um austreten zu gehen, und kriecht gleich wieder rein. Lässt sich auch von mir nicht helfen.«

Er prüfte Charlottes Puls, Temperatur, Kehle, Augen, Herzschlag und Unterleib und nannte sie dabei die ganze Zeit sein Schätzchen und sein tapferes Mädchen. »Jetzt die Lunge«, sagte er und half ihr, sich aufzusetzen. Dabei bemerkte er, wie viel Gewicht sie verloren hatte, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte.

»Atmen Sie tief ein und halten Sie die Luft an, ja, so ist’s brav.« Er hob ihr Nachthemd und entdeckte auf ihrem Rücken eine Kette großer verblassender Prellungen.

»Meine Güte, das sieht hässlich aus. Ich dachte, Sie hätten es sich abgewöhnt, vom Pferd zu fallen.«

Das Kindermädchen senkte den Kopf. »Ein Pferd war das nicht – sondern Unfug im Bett. Sie weiß oft nicht, wann man aufhören muss.«

»Haben Sie Ihren gebrochenen Arm schon vergessen, wegen dem Sie letztes Jahr zehn Wochen lang nicht reiten konnten? Das hat aber doch gar keinen Spaß gemacht, oder?«

Charlotte sah den Arzt an, dann das Kindermädchen und schließlich, indem sie den Kopf wieder aufs Kissen zurücksinken ließ, an die Zimmerdecke.

Dem Arzt fiel auf, dass das Kindermädchen den Blick stets niederschlug, wenn er sie ansprach, aber ihn genau beobachtete, wenn sie glaubte, er sehe sie nicht. Aus dem Augenwinkel bemerkte Dr. Finn den wackelnden Kopf und die blinzelnden Augen allerdings sehr wohl.

»Soll ich Manus bitten, Ihnen ein braveres Pony zu suchen?«, fragte der Arzt und war erfreut, Charlotte lächeln zu sehen, als sie den Kopf schüttelte. »Ich habe auf dem Weg hierher gesehen, wie er Ihren Mandrake ritt. Was für ein großes Pferd für ein kleines Mädchen von acht Jahren. Mir würde er ja richtig Angst einjagen.« Das Lächeln wurde breiter. »Manus hat mir schon vor Monaten gesagt, dass Sie gut mit Mandrake umzugehen wissen. Er sagt, Sie besitzen ein besonderes Talent und sind schon fast eine Meisterreiterin. Ja, wenn ich Ihnen alles erzählen würde, was er an guten Dingen über Sie sagt, dann würden Sie vor Stolz bestimmt platzen.«

Charlotte sah ihn voller Freude an, doch als der Arzt begann, die schwarze Tasche zu packen, verdrängte Unbehagen das Lächeln aus ihrem Gesicht.

»Und was muss ich hören? Dass Sie nichts essen? Habe ich das richtig verstanden?« Aus dem Augenwinkel merkte Dr. Finn, dass Dixon den Kopf hob. Charlotte sah sie an, dann erst richtete sie den Blick wieder auf den Arzt und nickte.

»Da müssen wir etwas tun, sonst ist die Köchin traurig, nicht wahr? Und wie ist es mit dem Schlaf? Schlafen Sie denn viel?«

Charlotte schüttelte den Kopf.

»Sie ist die halbe Nacht wach, und wenn sie dann mal schläft, wirft und wälzt sie sich rum und reißt ganz komisch den Mund auf«, sagte das Kindermädchen.

»Das geht nicht«, sagte der Arzt. »Das ist für Sie beide anstrengend. Sind es denn Albträume, Miss Charlotte? Plagen Sie Albträume?«

Nicken.

Der Arzt saß lange da, ehe er fragte: »Träumen Sie von der kleinen Victoria?«

Er sah, dass ihre Lippen bebten, als sie nickte.

»Ich glaube, wir träumen alle schlecht von ihr«, sagte er und nahm sie bei der Hand. »Das ist nur natürlich. Man denkt ja kaum an etwas anderes. Selbstverständlich haben Sie ungute Träume. Wie könnte es anders sein?« Mit der anderen Hand tätschelte er ihren Arm. »Wer weiß, vielleicht wird sie noch gefunden. Wir können nur hoffen und beten.« Er wandte sich Schwester Dixon zu. »Es ist wichtig, dass Charlotte in der Nacht keine Minute lang alleingelassen wird.«

»Das brauchen Sie mir nicht extra zu sagen, Herr Doktor.«

»Natürlich, Schwester. Ich wollte auch nicht andeuten, dass man es Ihnen eigens sagen müsste, sondern ich dachte daran, wie abgeschieden Sie hier oben sind – niemand ist auch nur in Hörweite. So hoch oben und so weit entfernt vom Rest des Hauses. Vielleicht sollten Sie noch jemanden vom Personal bitten, zu Ihnen zu ziehen.«

»Ich würde keinem hier trauen, jetzt schon gar nicht. Ich komm zurecht, Herr Doktor.«

»Das bezweifle ich nicht, aber mir gefällt es nicht, wie Sie sich durch den ständigen Schlafentzug und die mangelnde Freizeit aufreiben. Hier oben muss Ihnen doch sehr einsam zumute sein. Und Sie müssen Teresa Kelly vermissen.« Er blickte sie über seine Halbbrille hinweg an. »Haben Sie schon etwas von ihr gehört?«

»Nein, sie ist erst seit drei Wochen weg. Sie kann noch nicht angekommen sein.«

»Nun, ich hoffe, ihr ergeht es gut in ihrem neuen Leben. Sie ist eine großartige Person und hätte es verdient.«

Der Arzt stand auf und ging durch den Raum zu einem der Fenster. Die eisernen Gitterstäbe davor waren hoch genug, um ein Kind am versehentlichen Herausfallen zu hindern. »Ein spektakulärer Ausblick«, sagte er und schaute bewundernd auf die grünen Felder, die sich bis zum Wald aus Eichen und Buchen in der Ferne erstreckten. »Wie schade, dass Sie nichts vom Sonnenschein haben, meine Damen. Wir bekommen weiß Gott wenig genug davon ab.« Er drehte sich um. »Wir müssen zusehen, dass wir Sie so bald wie möglich aus diesem Bett herausbekommen, Miss Charlotte, und dann können Sie wieder beide an die frische Luft. Ich werde mit Miss East sprechen, und wir werden sehen, was wir tun können.« Er lächelte Charlotte zu. »Wie schade, dass ich Sie nicht mit zu mir nach Hause nehmen kann. Mrs Finn hätte so gern ein entzückendes kleines Mädchen wie Sie, um es zu verwöhnen. Aber wir können Sie ja Schwester Dixon nicht wegnehmen, oder?« Er blickte zu dem Kindermädchen hoch. »Sie wären ohne Miss Charlotte doch verloren, nicht wahr, Schwester?«

Charlotte packte seine Hand, noch bevor er darauf eine Antwort erhielt, und er sah, dass sie weinte und mit dem Mund Wörter formte, ohne dass etwas zu hören war.

»Was ist denn, Liebes?«, fragte er und setzte sich wieder. Er versuchte, ihre Lippen zu lesen, doch sie stellte ihre Bemühungen ein, ehe er die Zeit hatte, auch nur ein Wort zu erkennen.

»Können Sie es aufschreiben?«, fragte der Arzt und nahm seinen Stift und ein Notizbuch aus der Tasche.

...

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