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Die Frauen von Gut Falkensee

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. 37. Kapitel
  44. 38. Kapitel
  45. 39. Kapitel
  46. 40. Kapitel
  47. 41. Kapitel
  48. 42. Kapitel
  49. 43. Kapitel
  50. 44. Kapitel
  51. 45. Kapitel
  52. 46. Kapitel
  53. 47. Kapitel
  54. 48. Kapitel
  55. Danksagung

Über dieses Buch

Westpreußen 1904: Um den verschuldeten Familiensitz zu retten, verlobt sich die junge Charlotte von Bargelow mit dem wohlhabenden Witwer Baldur von Krammbach. Kurz vor der Hochzeit lernt sie unter dramatischen Umständen den jungen Polen Karol kennen und verliebt sich gegen alle Vernunft in ihn. Siegen ihr leidenschaftliches Herz und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung über Pflichtbewusstsein und die Liebe zur Heimat? Charlotte trifft eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern soll …

Über die Autorin

Luisa von Kamecke wuchs mit den Erzählungen ihrer Mutter vom westpreußischen Drei-Werder-Land auf. Mit dem Roman um Gut Falkensee setzt die Autorin der Heimat ihrer Vorfahren ein literarisches Denkmal. Die dramatische Familiengeschichte der von Bargelows erzählt von Heimat, Liebe und Verlust vor dem Hintergrund eines einsamen Landstrichs voller Melancholie und Schönheit. (Nach zahlreichen Romanen unter verschiedenen Pseudonymen ist dies Luisa von Kameckes persönlichstes Buch.)

L U I S A V O N K A M E C K E

DIE FRAUEN

VON GUT

FALKENSEE

WESTPREUßEN-SAGA

ROMAN

Für meine Mutter, in Liebe.

Du musstest mit neun Jahren die Heimat deiner Kindheit
verlassen und hast mir trotz dieses Verlustes gezeigt, dass
wir eine Heimat immer auch im eigenen Herzen finden
können – und bei den Menschen, die wir lieben.

 

1. Kapitel

Veronika

Gut Falkensee, Westpreußen, 2. Juni 1904

»Ich bestehe darauf, dass du mir die Wahrheit sagst. Die ganze Wahrheit. Unbeschönigt.« Veronika von Bargelow schob das Kinn vor und sah ihrem Mann über den breiten Eichenholzschreibtisch hinweg entschlossen in die Augen.

Adalbert hob den Kopf, und sie erkannte deutlich das leichte Flackern in seinem Blick. Auf seinen Schläfen schimmerten Schweißtröpfchen. Veronika war nicht sicher, ob sie die feinen Perlen durch ihre Worte hervorgerufen hatte oder ob sie der Hitze geschuldet waren.

Seit Mai ächzte Westpreußen unter einer Hitzewelle. Angeblich waren in Danzig am 24. Mai beim feierlichen Einzug der Hauptwache in das Hohe Tor mehr als zwanzig Zuschauer ohnmächtig geworden, nachdem sie stundenlang in der Sonne ausgeharrt hatten, um die prunkvolle Zeremonie mitzuerleben.

Auch mehr als eine Woche später war noch kein Regen gefallen. Bereits am frühen Vormittag tauchte die Sonne das Herrenhaus und die Nebengebäude von Gut Falkensee in gleißendes Licht und ließ den nahegelegenen See silbern schimmern.

»Wir brauchen einfach nur Regen«, murmelte Adalbert, nachdem seine Frau längere Zeit vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte. Sein Blick wanderte zum Fenster, als hoffte er, am klaren Himmel endlich eine Wolke zu entdecken.

Veronika fragte sich, ob er wirklich glaubte, ihre Bitte mit einer vagen Bemerkung vom Tisch wischen zu können. Sie besuchte ihren Mann nicht oft in seinem Arbeitszimmer mit den Aktenschränken aus dunklem Holz, in denen die Unterlagen der vergangenen hundert Jahre aufbewahrt wurden. Hier fanden Adalberts tägliche Besprechungen mit Emil Gabrowski, dem neuen Verwalter, und Adam, dem langjährigen Stallmeister, statt. Hier besuchten ihn Lieferanten für Düngemittel und landwirtschaftliche Geräte und gelegentlich Kaufinteressenten für ein Pferd aus der bargelowschen Zucht, die Adalbert seit einigen Jahren aufzubauen versuchte.

Dies war sein Arbeitsbereich, während die Wäschekammer, der große Geschirrschrank mit dem Meißner Porzellan und den Schatullen voller Silberbesteck sowie ihr kleines Büro im Gartenzimmer ihr Zuständigkeitsbereich waren. Adalbert kümmerte sich um den Gutsbetrieb, sie um Haushalt und Hauspersonal.

Vom Beginn ihrer Ehe an hatten sie ihre jeweiligen Verantwortlichkeiten akzeptiert und sich in die Angelegenheiten des anderen nicht eingemischt. Doch heute musste sie ihrem Ehemann gegenüber gewisse Dinge zur Sprache bringen, auch wenn Adalbert möglicherweise peinlich berührt reagieren würde.

»Ich gehe davon aus, dass wir …« Nun zögerte sie doch, fuhr aber nach kurzem Durchatmen entschlossen fort: »… in Geldschwierigkeiten sind.«

»Wenn es nicht bald regnet, müssen wir beim Weizen Notreife befürchten«, zog er sich erneut auf die Wetterfrage zurück. »Aber …«

Veronika unterdrückte einen Seufzer. »Es geht nicht nur um die diesjährige Ernte. Im vergangenen Jahr sind fünf wertvolle Zuchtstuten an der …« Sie räusperte sich und sprach es dann doch aus: »… an der Beschälseuche eingegangen. Nun steht der neue Stall halb leer.«

Ihr Blick wanderte durch das Fenster hinaus zu den Wirtschaftsgebäuden hinter dem Herrenhaus. Dort befanden sich das Gerätehaus, das Gesindehaus für diejenigen Dienstboten, die nicht zum Hauspersonal zählten, die Remise und vor allem die zweigeschossige Scheune mit ihren zwei großen Einfahrten für die Erntewagen.

Ein geübtes Auge konnte an den Gebäuden erste Verfallserscheinungen entdecken. Hier ein verzogener Fensterrahmen, dort ein feuchter Fleck an einer Außenmauer. Der Sonnenschein brachte auf den Dächern unbarmherzig ein Flickwerk an den Tag, denn man hatte immer wieder einzelne Dachziegel, aber auch ganze Reihen ersetzt. Es war höchste Zeit, die Dächer vollständig neu decken zu lassen.

Den Abschluss der Reihe bildete der Pferdestall, der auf den ersten Blick als Neubau zu erkennen war. Von makellosem Weiß, mit dunkelbraunem Fachwerk, großen Fenstern für viel Licht und Luft und einem glänzenden Ziegeldach war er der Ersatz für den alten Stall, dessen Dach so undicht gewesen war, dass einige Boxen unbenutzbar geworden waren. Kalter Luftzug und Feuchtigkeit waren Gift für die neugeborenen Fohlen, aber auch für die erwachsenen Pferde. Aus diesem Grund hatte Adalbert von Bargelow sich zur Aufnahme einer Hypothek durchringen müssen, um den neuen Stall bauen zu können. Zu jener Hypothek, die nun eine Gefahr für das Gut darstellte – eine unter mehreren.

»In der Zeitung habe ich gelesen, dass sich durch die Verbilligung der Seefracht stetig die Einfuhr von Getreide aus Amerika und den Balkanstaaten erhöht. Diesen Herbst wird wahrscheinlich noch mehr preisgünstiger Weizen aus dem Ausland ins Deutsche Reich geliefert werden als im vergangenen Jahr. Das bedeutet für die deutschen Landwirte fallende Preise. Und das bei der zu erwartenden schlechten Ernte.«

Adalbert schwieg, und seinem Gesichtsausdruck war deutlich zu entnehmen, wie wenig es ihm gefiel, dass seine Frau über solche Dinge sprach. Doch darauf konnte Veronika keine Rücksicht mehr nehmen.

»Ich mache mir Sorgen um das Gut. Es ist unsere Lebensgrundlage und Fredericks Erbe. Falls wir Falkensee verlieren, bleibt uns nichts. Alice ist versorgt, wenn sie in wenigen Monaten heiratet, aber unser Sohn und unsere ältere Tochter würden dann einer dunklen Zukunft entgegensehen. Zudem verursachen Fredericks häufige Erkrankungen hohe Kosten. All die Besuche durch Doktor Kramer, und die vielen Medikamente sind teuer. Ich darf gar nicht daran denken, was wäre, wenn wir diese Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten. Und wir müssten vielleicht unseren Dienstboten kündigen. Manche von ihnen sind schon seit über zwanzig Jahren bei uns. Wir haben Verantwortung für all diese Menschen.«

»Wer redet denn davon, dass wir vor dem Ruin stehen? Ich bin dein Ehemann. Es ist meine Aufgabe, dich und unsere Familie zu versorgen. Als wir vor den Traualtar getreten sind, hast du mir dein Leben anvertraut, und ich habe versprochen, dass du dich stets auf mich verlassen kannst. Der Verantwortung für unsere Bediensteten bin ich mir ebenfalls bewusst. Meiner Verantwortung, nicht unserer.«

»Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann«, sagte Veronika in besänftigendem Tonfall. »Dennoch bitte ich dich inständig, mir die Wahrheit zu sagen. Wie steht es wirklich um Gut Falkensee?«

Adalbert öffnete den Mund, und sie konnte sehen, dass er erneut versuchen würde, die Situation zu beschönigen. Er würde ihr sagen, dass sie sich um nichts sorgen musste und ganz beruhigt alles ihm überlassen konnte.

»Bitte!«, fügte sie deshalb in energischem Ton hinzu. »Es gibt etwas, das ich tun kann. Etwas, das definitiv zu meinen Aufgaben gehört.«

Damit meinte sie keine Einsparungen im Haushalt. Sie hatte schon immer sparsam gewirtschaftet und sich seit der Aufnahme der Hypothek noch mehr Mühe gegeben, möglichst wenig auszugeben, ohne auf Qualität und allzu viel Komfort zu verzichten. Aber auf diese Weise konnte sie keine nennenswerten Summen einsparen.

Veronika richtete sich auf dem lederbezogenen Stuhl vor dem Schreibtisch auf. Ihr helles Seidenkleid raschelte leise, als sie ihren Rock ordnete und den Spitzenbesatz der Ärmel zurechtzupfte. Sie hörte, wie Adalbert tief einatmete, und wusste, dass er in diesem Moment ihr Lavendel-Zitrone-Duftwasser wahrnahm. Schon vor vielen Jahren hatte ihr Mann ihr gesagt, wie sehr er es liebte, dass dieser Duft das Letzte war, was er abends vor dem Einschlafen wahrnahm, und das Erste, was ihm morgens in die Nase stieg.

Wie es in ihren Kreisen üblich war, hatten sie getrennte Schlafzimmer. Dennoch verbrachten sie fast jede Nacht gemeinsam in dem breiten Bett in Veronikas Zimmer. Nicht weil das körperliche Verlangen sie Nacht für Nacht überwältigte, sondern weil sie es beide genossen, nebeneinanderzuliegen, die Wärme des anderen zu spüren, seine Atemzüge in der Dunkelheit zu hören, sich nicht allein zu fühlen.

Unter Adalberts rechtem Auge zuckte ein Muskel, und sie konnte erkennen, wie ihr Mann mit sich kämpfte. Dann nickte er langsam. »Es steht schlecht.« Seine Stimme war so leise, dass sie ihn kaum verstand. »Dabei mussten wir uns hier im Drei-Werder-Gebiet früher niemals Sorgen machen. Ebenso wie das Kulmerland nannte man unseren Teil von Westpreußen stets die Kornkammer des Deutschen Reichs.«

»Es ist nicht deine Schuld«, versuchte sie, ihn zu trösten, und tastete sich entschlossen weiter vor. »Wird das Geld, das Ronald von Bernsdorffs Familie nach seiner Hochzeit mit Alice in unser Gut investieren will, ausreichen, um das Schlimmste zu verhindern?«

»Alice bekommt über den Hausrat hinaus kaum eine Mitgift. Der Verdacht, wir könnten das Gut verlieren, hätte die von Bernsdorffs eventuell veranlasst, die Verlobung abzusagen. Schließlich müssten sie in diesem Fall befürchten, dass wir von ihnen dauerhaft finanzielle Unterstützung erwarten. Deshalb durfte ich auf keinen Fall mehr verlangen. Ihr Angebot ist ohnehin großzügig.«

Veronika nickte. Adalberts sichtliche Erleichterung über die bevorstehende Verlobung der jüngsten Tochter war schon bald neuen Sorgenfalten gewichen.

»Ich konnte der Bank mitteilen, dass wir demnächst Geld zu erwarten haben. Daraufhin hat man mir die fällige Rate der Hypothek gestundet. Aber einige Reparaturen an den Gebäuden und den Maschinen lassen sich nicht länger aufschieben. Und es müssen dringend neue Zuchtstuten angeschafft werden. Angesichts der preisgünstigen Getreideeinfuhren ist es wichtiger denn je, neben dem Weizen eine weitere Einnahmequelle zu haben.«

»Wie viel Zeit bleibt uns noch, um Geld zu beschaffen?«

Erneut zögerte Adalbert, um sich dann mühsam zu einer Antwort durchzuringen. »Vielleicht bekomme ich noch eine Hypothek. Obwohl die Rückzahlung schwierig werden dürfte. Aber …«

»Charlotte«, unterbrach Veronika ihn sanft, obwohl sie ihren Mann sonst immer ausreden ließ. »Sie muss ebenfalls einen wohlhabenden Mann heiraten. Das ist die beste und die einfachste Lösung. Sich noch höher zu verschulden wäre furchtbar riskant. Wie lange können wir ohne weitere Hypothek oder eine andere Geldquelle noch durchhalten?«

Adalbert senkte den Kopf und schob den Füllfederhalter über die Schreibtischplatte, bis er parallel zum Kassenbuch lag. »Bis zum Ende des nächsten Jahres.«

Veronika runzelte nachdenklich die Stirn. »So lange sollten wir nicht warten, zumal Charlotte ihren zwanzigsten Geburtstag bereits hinter sich hat und ihre jüngere Schwester vor ihr heiraten wird. Es dürfte nicht allzu schwierig sein, einen Mann zu finden, der ihr einen angemessenen Lebensstil bietet und sich dafür begeistern lässt, in Falkensee zu investieren. Wir müssen nur dafür sorgen, dass kein Argwohn bezüglich der wahren finanziellen Situation des Guts entsteht. Sobald die Zucht wieder läuft, wären wir in der Lage, das investierte Geld an unsere Schwiegersöhne zurückzuzahlen.«

Erneut blickte Adalbert unglücklich drein. Dass seine Gattin über Dinge wie Hypotheken und Investitionen sprach, gefiel ihm gar nicht, aber die Zeiten waren schwierig und manche Dinge änderten sich.

Als es an der Tür klopfte, sah Veronika von Bargelow ihren Mann fragend an. »Erwartest du jemanden?«

Er schüttelte den Kopf. »Gabrowski war bereits da.«

Nachdem er zum Eintreten aufgefordert hatte, dauerte es eine Weile, bis Emma Schubbke, seit vielen Jahren Köchin auf Gut Falkensee, zögernd den Kopf durch den Türspalt steckte.

»Entschuldigung.« Sie knickste ungelenk und strich sich nervös über das fest um den Kopf gebundene Tuch.

»Wenn es nich so eilen tät, würd ich nich stören wollen. Aber wo es doch Zeit wird sein, mit dem Kochen anzufangen …«

Veronika erschrak. Sie hatte so intensiv über das geplante Gespräch mit Adalbert nachgedacht, dass sie versäumt hatte, hinunter in die Küche zu gehen, um mit Emma Schubbke das Menü zu besprechen.

»Es ist gut, dass Sie gekommen sind«, beruhigte sie die Köchin. »Wir sind heute unter uns. Bereiten Sie aus den Resten von gestern etwas zu und servieren dazu einen Salat. Vorher eine Suppe.«

Emma Schubbke knickste und knetete mit beiden Händen nervös ihre Schürze. So resolut die Köchin im Souterrain das Regiment führte, so unsicher war sie außerhalb ihres Arbeitsbereichs. Im Gegensatz zu den Hausmädchen und Dienern kam das Küchenpersonal nur selten in die oberen Räumlichkeiten.

»Ich tät auch gern wissen, was wir sollen servieren an dem Abend, wenn das gnädige Fräulein Charlotte wird zurück nach Hause kehren. Wenn nachher wird kommen der Lieferant, tät ich gern wollen die Bestellungen für die nächsten zwei Wochen aufgeben.«

»Wahrscheinlich würden Sie gern Nudeln mit dem Schleier zubereiten«, sagte Veronika freundlich. Charlotte liebte die Kombination von Bandnudeln und Apfelmus, auch wenn diese schlichte Speise eher in ärmeren Haushalten auf den Tisch kam.

Die Köchin nickte begeistert. »Damit kann man bei dem gnädigen Fräulein Charlotte nuscht falsch machen.«

»Wir erwarten Gäste zum Essen, und Charlotte wird in Begleitung ihrer Tante anreisen«, erklärte Veronika. Damit war das süße Lieblingsgericht ihrer ältesten Tochter automatisch vom Speiseplan gestrichen.

»Königsberger Klopse?«, fragte Emma Schubbke hoffnungsvoll.

Nach kurzem Zögern nickte Veronika. Noch vor einigen Monaten hätte sie eine Hackfleischspeise als Begrüßungsessen für ihre Tochter abgelehnt. Zwar wirtschaftete sie von jeher sparsam, wie es auch unter den wohlhabenden Familien im Drei-Werder-Gebiet üblich war. Wenn Gäste kamen, wurden jedoch auf Gut Falkensee stets besondere Speisen serviert. In Zukunft musste sie auch bei solchen Gelegenheiten versuchen zu sparen – und zwar so unauffällig, dass es den Gästen nicht auffiel. Da es sich bei Königsberger Klopsen um eine von Charlottes Lieblingsspeisen handelte und die Köchin das Gericht selbst vorgeschlagen hatte, würde es als offizielles Begrüßungsessen gehen.

Emma Schubbke durfte auf keinen Fall bemerken, dass Veronika künftig bei der Planung der Mahlzeiten noch stärker auf die Kosten achten würde. Dem Personal gegenüber musste unbedingt der Schein aufrechterhalten werden, sonst würden die Dienstboten sich nach neuen Stellungen umsehen, besonders die guten unter ihnen. Und Gerede, das früher oder später den Nachbarn zu Ohren kam, durfte es auch nicht geben.

»Die Lieblingssuppe und den Lieblingsnachtisch meiner Tochter kennen Sie ja. Oder war Charlotte zu lange in Paris?« Sie lächelte Emma Schubbke freundlich an.

»I wo nein doch! Unsere Marjell war furchtbar lang weg, aber deshalb werd ich doch nie nich ihre Lieblingsspeisen vergessen.« Die Köchin knickste erneut und verschwand zufrieden.

»Wenn Charlotte zurück ist, wird es wieder sehr lebendig bei uns zugehen.« Über Adalberts Gesicht glitt ein Lächeln. »Erinnerst du dich an die endlosen Diskussionen, bevor wir ihr erlaubten, für einige Zeit bei Eveline in Paris zu leben, um dort zu studieren?« Das letzte Wort sprach er aus, als hätte seine Tochter den Wunsch geäußert, als Großwildjägerin in den Dschungel aufzubrechen oder allein den Mount Everest zu besteigen.

»Fragst du mich allen Ernstes, ob ich mich erinnere?« Veronika pustete Luft durch die gespitzten Lippen.

»Es steht zu befürchten, dass unsere Älteste ihre eigenen Pläne für die Zukunft hat«, erklärte Adalbert. »Daher scheint es mir nicht ratsam, sie gegen ihren Willen zu verheiraten. Womöglich mit einem Mann, den sie nicht will. Ich wünsche mir für Charlotte das, was ihre Schwester auch hat: einen Mann, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist.«

»Ich weiß nicht, Adalbert. Das sehe ich etwas anders. Diese Liebe könnte es Alice unnötig schwermachen, in ihre neue Rolle hineinzufinden. Sie ist wie geschaffen zur Gutsherrin. Zwar muss sie ein wenig ernsthafter werden und vorausschauender handeln, doch das kommt mit der Zeit von ganz allein – schließlich ist sie gerade erst achtzehn geworden. Doch wenn Alice sich ständig Gedanken darüber macht, ob ihr Tun und Lassen Ronald gefällt, steht sie sich selbst im Weg.«

»Aber du bist doch auch eine wunderbare Gutsherrin.« Über den breiten Schreibtisch hinweg sah er ihr in die Augen.

Sie erwiderte seinen Blick, sagte aber nichts. Nach einer Weile nickte er langsam. Er hatte verstanden.

Veronikas Ehe mit Adalbert von Bargelow war von ihren Eltern arrangiert worden. Falls sie ihm zu Beginn ihrer Ehe überhaupt ein Gefühl entgegengebracht hatte, dann lediglich Respekt. Sie hatte sein Haus geführt, seine Gäste bewirtet und die Dienstboten beaufsichtigt, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Schwierig war für sie gewesen, mit einem praktisch Fremden das Bett zu teilen. Doch schon im ersten Jahr ihres gemeinsamen Lebens hatte sie begonnen, Adalbert herzliche Sympathie entgegenzubringen. Sie verkrampfte sich nicht mehr, wenn er sie berührte, und begann irgendwann sogar, seine Nähe zu genießen.

Und während sie im zweiten Ehejahr glücklich und angstvoll zugleich auf Charlottes Geburt gewartet hatten, war aus freundschaftlicher Zuneigung nach und nach Liebe geworden. Eine Liebe, die nicht wild und leidenschaftlich war, wie kitschige Romane sie beschrieben, sondern warm, zuverlässig und ausdauernd.

Eine solche Liebe wünschte Veronika auch Charlotte und Alice. Allerdings fragte sie sich manchmal, ob die Wesensart ihrer beiden Töchter günstige Voraussetzungen dafür bot. Doch das würde sich zeigen. Bei Alice schon in naher Zukunft, bei Charlotte hoffentlich im Verlauf des Jahres.

»Ich denke, du stimmst mir zu, dass arrangierte Ehen höchst erfolgreich sein können.« Veronika hob am Satzende die Stimme, doch es war keine Frage. »Wir beide sind das beste Beispiel. Eine Liebesheirat bringt dagegen allzu oft Probleme mit sich.«

Adalbert wiegte zweifelnd den Kopf. »Charlotte wird zurück nach Paris wollen, um weiterzustudieren. Ich werde einen anderen Weg finden, das Gut zu retten.«

»Wir dürfen kein Risiko eingehen«, wiederholte Veronika und richtete sich auf ihrem Stuhl noch etwas gerader auf.

Man hatte ihr schon als kleines Mädchen Haltung beigebracht. Disziplin und Pflichterfüllung waren für die Frauen ihrer Familie, die von Breitensuhlbergs, selbstverständlich. Und diese Tugend hatte sie an ihre Töchter weitergegeben. Zumindest ging sie davon aus, dass sowohl Charlotte als auch Alice sich entsprechend verhalten würden, wenn es nötig war.

»Charlotte ist ein Dickkopf.« Adalbert schien immer noch nicht überzeugt. »Und wenn sie mit einundzwanzig erst einmal volljährig ist, können wir sie nicht zwingen, einen uns genehmen Mann zu heiraten. Vorher im Grunde auch nicht.«

»Es könnte tatsächlich besser sein, wenn wir Charlotte vorerst nicht sagen, dass die finanzielle Situation des Guts eine wohlhabende Verbindung notwendig macht. Damit können wir ihren Trotz hervorrufen«, sagte Veronika nachdenklich. Sie kannte ihre Älteste gut genug, um sich Charlottes Wutanfall vorzustellen, wenn sie sich in die Idee hineinsteigerte, sie solle »verkauft« werden. »Am besten wäre es, wenn sie von selbst einsieht, dass es an der Zeit ist zu heiraten. Einfach weil sie alt genug ist und Alice vor ihr einen Mann gefunden hat. Meinetwegen soll Charlotte sich auch verlieben. Die Zeiten ändern sich. Wir laden zu Alices Verlobungsfeier einige passende Junggesellen ein, und dann sehen wir weiter. Hast du entsprechende Vorschläge für die Gästeliste, Adalbert? Ich hätte schon einige Ideen.«

 

2. Kapitel

Charlotte

Hauptbahnhof Danzig, Westpreußen, 8. Juni 1904

Prüfend betrachtete Charlotte von Bargelow das höchstens siebzehnjährige Mädchen, das neben ihr in der Kutsche saß. Ottilie weinte seit einer geschlagenen Viertelstunde und hatte offenbar nicht die Absicht, in absehbarer Zeit damit aufzuhören. Nur gelegentlich machte sie eine kurze Pause, um sich mit erstickter Stimme für ihren Gefühlsausbruch zu entschuldigen, bevor sie erneut in Tränen ausbrach.

Charlotte seufzte und fächelte sich in der stickigen Hitze, die in der geschlossenen Kutsche herrschte, Luft zu. Das Mädchen tat ihr leid. Seit sie vor dem Haus ihrer Großmutter losgefahren waren, hatte Charlotte versucht, den Grund für Ottilies Kummer herauszufinden. Bisher vergeblich.

Ungeduldig tippte Charlotte mit dem Fingernagel gegen die Scheibe des Fensters, durch das sie in der strahlenden Vormittagssonne bereits den Danziger Bahnhof sah. Sie hatte Großmama mehrmals gesagt, dass sie den Rest des Weges nach Falkensee problemlos ohne Begleitung bewältigen konnte. Von Paris nach Danzig, wo sie, wie geplant, bei ihrer Großmutter übernachtet hatte, war sie schließlich auch allein gelangt.

Eigentlich hätte sie zusammen mit Tante Eveline von Paris heim nach Westpreußen reisen sollen. Doch ihre Tante war am Abreisetag mit hohem Fieber erwacht und nicht in der Lage gewesen, das Bett zu verlassen. Nach kurzem Zögern hatte Charlotte vorgeschlagen, die Fahrt allein anzutreten. Und in ihrer Benommenheit hatte die Tante zugestimmt – auch wenn es normalerweise als unschicklich galt, dass eine junge Dame der Gesellschaft sich unbegleitet auf Reisen begab.

Aber Charlotte wollte dringend nach Hause. Sie hatte ihrer Mutter mehrmals brieflich versprochen, sie bei den Vorbereitungen für Alices Verlobungsfeier zu unterstützen. Was offenbar dringend nötig war. Alices Pläne wurden von Woche zu Woche grandioser und unübersichtlicher, während Mama sich an der Gästeliste die Zähne ausbiss.

Also hatte Charlotte sich von ihrer fiebernden Tante verabschiedet und sich von Evelines Kutscher mit ihren zwei kleinen Koffern und dem Hutköfferchen zum Bahnhof fahren lassen. Den Schrankkoffer konnte die Tante mitbringen, wenn sie später zusammen mit ihrer Zofe und mindestens einem Diener nach Gut Falkensee reiste. Bis zu Alices Verlobung würde sie sicher wieder gesund sein.

Im Nord-Express, dem Luxuszug, der täglich von Paris nach Ostende fuhr, hatte Tante Eveline für sich und ihre Nichte ein Schlafwagenabteil bis Berlin reservieren lassen, das Charlotte nun allein zur Verfügung stand. Nachdem sie sich in ihrem Abteil eingerichtet hatte, schlenderte sie in den Speisewagen, um dort zu Abend zu essen.

Der Zufall wollte, dass sie ihren Tisch mit einer ebenfalls allein reisenden Dame teilte, die gut zwanzig Jahre älter war als sie und schon nach fünf Minuten ungefragt erklärte, sie sei Reiseschriftstellerin. Sie schenkte Charlotte eines ihrer Bücher, in dem es um eine Schiffsreise von London nach New York ging. In gewichtigem Ton empfahl sie Charlotte, diese interessante Fahrt ebenfalls zu unternehmen. Offenbar hatte sie nicht die geringste Ahnung, dass es für die Tochter eines westpreußischen Gutsbesitzers eher ungewöhnlich war, allein durch die Weltgeschichte zu reisen. Charlotte klärte sie über diesen Irrtum nicht auf und kam sich sehr unabhängig vor, als sie gegen neun Uhr in ihr Abteil zurückkehrte und sich mit dem Reisebuch als Bettlektüre zur Ruhe begab.

Das Umsteigen in Berlin und die Fahrt nach Danzig, wo sie wie geplant bei ihrer Großmutter übernachten würde, verliefen ebenfalls problemlos. Im Zug nach Danzig warf ihr der ältere Herr schräg gegenüber irritierte Blicke zu.

»Sie reisen allein?« Mit gerunzelter Stirn sah er sich um, als würde er ihre Chaperone unter einer Sitzbank oder in einer Ecke versteckt vermuten.

»Ich bin Reiseschriftstellerin«, erklärte sie ernsthaft und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie schwindelte, ohne auch nur in einer Notlage zu sein. Andererseits ging es ihren Mitreisenden nichts an, ob sie mit oder ohne Begleitung reiste. Er sagte kein Wort mehr. Entweder hat er Angst vor einer Erwähnung in ihrem imaginären Buch, oder er redete grundsätzlich nicht mit berufstätigen Frauen.

Zum Glück war Großmama in manchen Dingen moderner als ihre Mutter. Nachdem Charlotte sich in der Abenddämmerung am Danziger Bahnhof eine Droschke gesucht hatte, war sie allein vor der Stadtwohnung ihrer Großmutter aufgetaucht. Die alte Dame war kurz erschrocken, als sie ihre Enkelin ohne jede Begleitung erblickt hatte. Doch dann hatte sie amüsiert Charlottes Bericht über die bisherige Reise gelauscht. Allerdings verkündete sie noch vor dem Schlafengehen entschieden, dass Charlotte am nächsten Morgen in Begleitung ihrer Zofe Ottilie weiterreisen würde.

»Deine Mutter verzeiht mir nie, wenn ich dich wieder allein in den Zug steigen lasse.«

»Ich bin auf diese Weise bis Danzig gekommen, da schaffe ich die restliche Strecke bis Bischofswerder auch noch«, hatte Charlotte ohne größere Hoffnung protestiert.

»Sicher tust du das. Aber es gehört sich nicht, wie du zweifellos weißt.«

An dieser Stelle hatte Charlotte eingelenkt. Tatsächlich war es in ihrer Situation nicht klug, ihre Mutter zu verärgern. Schließlich wollte sie ihre Eltern überreden, ihr mindestens ein weiteres Studienjahr in Paris zuzubilligen. Es gab noch eine Menge über Landwirtschaft, Chemie und andere Wissenschaften zu lernen, die wichtig sein konnten, wenn es darum ging, erfolgreich ein Gut zu führen. Natürlich wusste sie, dass es für sie als Frau ein nahezu unerfüllbarer Traum war, selbstständig auch nur einen kleinen Bereich zu leiten. Dennoch wollte sie alles wissen, was es auf diesem Gebiet zu wissen gab. Das ging am einfachsten in einem weiteren Jahr an der Sorbonne, während ihre Eltern und selbst Tante Eveline glaubten, sie würde dort Kunst studieren. Um die Erlaubnis für noch mehr Zeit im Ausland zu bekommen, würde es hilfreich sein, während der Zeit auf Gut Falkensee die brave Tochter zu spielen.

Ihre Ankunft in Begleitung der Zofe würde einen beruhigenden Eindruck auf Mama machen. Vielleicht dachte ihre Mutter dann gar nicht weiter darüber nach, dass Charlotte den Großteil der Reise allein gemacht hatte. Schließlich war Mama durch Alices Verlobungsfeier und die Gästeliste samt Sitzordnung abgelenkt.

Und nun saß Charlotte mit der schluchzenden Ottilie in der Kutsche und fragte sich, was sie mit dem verzweifelten Mädchen anfangen sollte. Um ihre Eltern nicht zu verärgern, hätte sie standhaft bleiben und darauf bestehen sollen, dass Ottilie mitkam. Doch das kam ihr schrecklich herzlos vor.

Mit einem Ruck hielt der Wagen vor dem Eingang zum Bahnhof. Großmamas Kutscher sprang vom Bock und öffnete die Tür. Ratlos wandte sich Charlotte der immer lauter schluchzenden Zofe zu.

»Meinetwegen müsstest du nicht mitfahren. Deine Herrin hat es so bestimmt, wie du weißt. In ein paar Tagen bist du wieder zu Hause.«

»Aber …« Ein heftiger Schluckauf löste das Schluchzen ab. »Ich kann die Gnädige nicht allein lassen. Hick. Wie soll sie ohne mich zurechtkommen? Hick. Sie hat doch nur Frau Wiesner, und die ist Haushälterin und Köchin und kann ihr mit den Haken an ihrem Korsett und mit den vielen Knöpfen an ihren Kleidern überhaupt nicht helfen. Mit den Haaren auch nicht. Hick. Rolf ist natürlich gar keine Hilfe.« Rolf war der Diener ihrer Großmutter.

»Und deshalb weinst du so?« Charlotte war fast gerührt, obwohl sie Ottilies Kummer übertrieben fand. Großmama war zwar schon über sechzig, aber für ihr Alter recht beweglich und keinesfalls hilflos. Sie würde zurechtkommen oder sich Unterstützung besorgen.

»Und ich war noch nie woanders. Ich kenn doch keinen, wo wir hinfahren. Sie kenn ich eigentlich auch nicht. Dann wär ich ganz allein.« Die Tränen flossen wieder reichlicher.

So ging das wirklich nicht! Am Ende gab Mama ihr die Schuld am desolaten Zustand der Frau.

Entschlossen raffte Charlotte ihren Rock, um endlich auszusteigen. »Bleib sitzen, Ottilie. Du fährst wieder zurück und richtest deiner gnädigen Frau von mir aus, dass ich viel besser ohne dich zurechtkomme als sie.«

Schlagartig hörte der Schluckauf der Zofe auf. Sie wischte sich mit der Hand die Wangen trocken und verzog den Mund zu einem breiten Lächeln. »Danke! Vielen Dank!«

Charlotte nickte dem Mädchen zu, das sie aus verquollenen Augen ansah. Wahrscheinlich hätte sie auf dem Gut so lange weitergeschluchzt, bis sie endlich wieder auf dem Rückweg nach Danzig gewesen wäre. Es war wirklich besser so.

Anton trug ihre Koffer auf den Bahnsteig, übergab sie einem Gepäckträger und bezahlte ihn im Voraus dafür, die Koffer später in den Zug zu schaffen. Dann erkundigte er sich bei Charlotte, ob er noch etwas für sie tun könne.

Sie verneinte und bedankte sich. Nachdem Anton verschwunden war, trug Charlotte dem Gepäckträger, einem vierschrötigen älteren Mann in einer abgetragenen blauen Uniform, auf, genau an dieser Stelle auf sie zu warten. Er nickte stumm, und sie eilte die Treppe hinunter und weiter durch die Halle in Richtung Ausgang. Sie hatte noch etwas Dringendes zu erledigen.

Das Danziger Bahnhofsgebäude im Stil der Neurenaissance war erst vor vier Jahren fertiggestellt worden. Alle Zeitungen in Westpreußen hatten über die feierliche Eröffnung berichtet. Bei ihrer Ankunft am Vorabend hatte Charlotte sich nicht die Zeit genommen, das Bauwerk genauer zu betrachten. Ohnehin war es schon dämmerig gewesen. Und vorhin bei ihrer Ankunft hatte sie auch andere Sorgen gehabt.

Nun trat sie durch einen der hohen, bogenförmigen Ausgänge nach draußen und stand einen Augenblick wie benommen in der Hitze, die sie erneut mit voller Wucht traf.

In der Mitte der breiten Straße fuhren mit lautem Klingeln Straßenbahnwagen vorbei, auf der anderen Seite der Gleise bewegte sich, ebenso wie auf der Bahnhofsseite, ein nicht abreißender Strom von Fuhrwerken, Kutschen und vereinzelten Automobilen.

Erstaunt stellte Charlotte fest, dass Danzig es an Lebendigkeit und Eleganz durchaus mit Paris aufnehmen konnte. Auch das palastartige Bahnhofsgebäude hätte hervorragend in die französische Hauptstadt gepasst.

Der große Bau besaß ein Satteldach und einen reich verzierten Staffelgiebel, auf dessen höchstem Punkt mit weit ausgebreiteten Schwingen der preußische Adler in Bronze saß. An der linken Seite des Gebäudes reckte sich ein imposanter Turm in die Höhe.

Endlich entdeckte Charlotte, was sie gesucht hatte: einen Ansichtskartenverkäufer, wie es sie in größeren Städten in der Nähe der meisten Sehenswürdigkeiten gab. Sie winkte den barfüßigen Knaben, der eine abgeschabte Leinentasche um den Hals trug, zu sich.

»Ist da der Hauptbahnhof drauf?« Sie deutete auf den Kartenstapel in seiner Hand.

»Das is ein wunderbar-prachtvolles Bild von unserem neuen Bahnhof. Farbige Lithokratie. Zwei Pfennige bitte.« Der Junge mit den wässrig blauen Augen streckte ihr eine Karte hin.

»Lithographie«, verbesserte sie ihn lächelnd, gab ihm statt der geforderten zwei Pfennig fünf und nahm die Karte entgegen. Frederick würde sich freuen. Er hatte ihr geschrieben, dass er wegen der vielen schönen Ansichtskarten, die sie ihm aus Paris geschickt hatte, ein Kartenalbum angelegt hatte. Besagtes Album böte Platz für 500 Exemplare.

Charlotte erreichte den Bahnsteig gerade rechtzeitig, um den Bahnbediensteten zu hören, der ein Glöckchen schwang und die Abfahrt ihres Zuges von Gleis 4 anstelle von Gleis 1 verkündete. Ihr Gepäckträger lehnte mit geschlossenen Augen neben ihren Koffern an einer Säule. Sie trat an ihn heran und räusperte sich vernehmlich. Als er nicht reagierte, tippte sie ihm auf die Schulter. Daraufhin schrak er zusammen und fuhr herum.

»Ich bin wieder da. Und ich hörte soeben, dass der Zug nach Bischofswerder von Gleis 4 fährt.«

Der Gepäckträger murmelte etwas Unverständliches, klemmte sich ihr Hutköfferchen unter den Arm und nahm die beiden größeren Koffer vom Bahnsteig auf. Charlotte trat zur Seite und wandte sich halb um, damit er an ihr vorbeigehen konnte.

»Saperlipopette!«, rief sie im nächsten Moment so laut, dass es den ganzen Bahnsteig entlangschallte. Ein definitiv nicht damenhaftes Verhalten, weder in Bezug auf die Lautstärke noch auf den Inhalt ihrer Äußerung. Aber es gab Situationen, in denen sie sich nicht darum scherte, was eine Dame tat oder besser nicht tat. Außerdem fluchte sie seit einigen Monaten auf Französisch. Was viele der Umstehenden sicher gar nicht als Fluch erkannten.

Sie schob ihren Hut nach hinten, der trotz der langen Hutnadel gefährlich ins Rutschen geraten war.

Der Gepäckträger starrte sie an, sie starrte zurück. Im Vorbeigehen hatte er ihr einen ihrer Koffer in die Kniekehlen gerammt, sodass sie ins Stolpern geraten war und, wild mit den Armen rudernd, nur mühsam das Gleichgewicht gehalten hatte. Dabei war ihr das Handtäschchen aus den Fingern geglitten und in hohem Bogen durch die Luft geflogen.

Als sie sich umschaute, entdeckte sie ihre kleine schwarze Ledertasche zwischen den Schienen, nur wenige Meter von den vorderen Rädern der Lokomotive entfernt, die abfahrtbereit am Bahnsteig stand.

Mit einem Ruck wandte sie sich wieder dem uniformierten Träger zu. »In der Tasche ist meine Fahrkarte. Ich brauche sie unbedingt. Der Zug da fährt erst in fünf Minuten weiter.« Sie deutete auf den Fahrplan. »Könnten Sie …« Die Ansichtskarte für Frederick war ebenfalls in dem Täschchen. Und ihr Geld.

Charlotte stockte, als sie feststellte, dass sie mit dem Rücken des Mannes sprach. Er hatte sie und ihre Koffer im Stich gelassen und verschwand soeben im Gedränge.

»Bigre!«, setzte sie aus tiefster Seele hinzu und fragte sich, ob Mama ihr auf Falkensee französische Flüche durchgehen lassen würde. Wahrscheinlich nicht. Ganz sicher nicht.

Die Herrin von Falkensee hob nicht einmal die Stimme, wenn sie Grete ausschalt, weil das ungeschickte Hausmädchen beim Anzünden des Kamins mal wieder einen Rußfleck auf dem Teppich hinterlassen hatte.

Charlotte würde versuchen müssen, ohne französische oder gar deutsche Flüche auszukommen. Mama und Papa sollten sehen, dass Paris einen hervorragenden Einfluss auf sie gehabt hatte, sodass ein weiteres Jahr dort nur von Vorteil sein konnte.

Doch was sollte sie nun tun? Ihre Fahrkarte war weg. In Paris wäre in einem Moment wie diesem ein halbes Dutzend freundlicher junger Herren zur Stelle gewesen. Französische Männer waren schrecklich charmant.

Jetzt aber war sie zurück im Deutschen Reich. Um sie herum liefen einige kräftige junge Herren den Bahnsteig entlang, aber keiner von ihnen schien ihr Missgeschick bemerkt zu haben. Lediglich eine ältere Dame im dunklen Kostüm sah sie strafend an. Ob sie des Französischen mächtig war?

Charlotte erwiderte ihren Blick ungerührt. Dann fixierte sie entschlossen ihr Handtäschchen und zog den langen Rock ihres Reisekostüms vorne hoch, sodass sie hinunter aufs Gleis springen konnte, ohne über den dunkelblauen Samt zu stolpern.

Am liebsten hätte sie bei der Hitze die Jacke abgelegt, doch das war nicht möglich, weil sie darunter nur ein tief ausgeschnittenes Leibchen und ihr Korsett trug. Wer hätte ahnen können, dass es vor Sommeranfang so heiß sein würde? Als Tante Eveline gegen Ende April das Reisekostüm in Auftrag gegeben hatte, war es kühl und regnerisch gewesen.

Die Lokomotive pfiff schrill und stieß eine Dampfwolke aus. Charlotte warf einen Blick auf die Uhr über dem Bahnsteig. Anderthalb Minuten bis zur Abfahrt. Der Schaffner, der etwa zehn Meter entfernt vor einer offenen Abteiltür stand, hatte seine Trillerpfeife noch nicht im Mund. Und selbst wenn der Lokomotivführer in diesem Moment beschlossen hätte, loszufahren – innerhalb von Sekunden kam so ein riesiges Ding nicht in Schwung. Das Täschchen lag mindestens fünf Meter von der vorderen Kupplung der Lok entfernt. Ihr blieb definitiv genug Zeit hinunterzuspringen, die Tasche zu greifen und wieder auf den Bahnsteig zu klettern.

Charlotte holte tief Luft und machte einen weiteren Schritt vorwärts, sodass sie direkt an der Bahnsteigkante stand. Im selben Augenblick wurde sie bei den Schultern gepackt und zurückgezerrt.

Wütend wandte sie sich um und sah erstaunt in das Gesicht eines Fremden. Zwischen seinen dichten, dunklen Brauen über den nebelgrauen Augen stand eine senkrechte Falte.

»Das werden Sie nicht tun!« Am leichten Akzent der tiefen Stimme erkannte sie, dass Deutsch nicht seine Muttersprache war. »Ich war in meinem Leben oft in üblen Situationen, aber das ist nicht die richtige Lösung, glauben Sie mir.«

»Loslassen!«, fauchte sie und entriss ihm mit einem Ruck ihren Arm. Sie war erstaunt, dass sie bei seiner Berührung keine Panik empfand.

Seit jener Sommernacht waren fast fünf Jahre vergangen. Trotzdem empfand sie immer noch Unbehagen, wenn ihr ein männliches Wesen beim Tanzen oder bei der Begrüßung zu nahe kam. Seltsamerweise war das jetzt nicht der Fall. Auch wenn dieser Mann natürlich überhaupt kein Recht hatte, sie einfach am Arm festzuhalten. Vielleicht war sie einfach zu wütend oder zu neugierig, was das hier sollte, um sich zu ängstigen.

»Ganz gleich, wie schwierig die Lage ist, es gibt immer einen besseren Ausweg!«, stellte der Fremde fest und fügte streng hinzu: »Außerdem ist es eine Sünde.«

Irritiert sah Charlotte den Mann an. Sie hatte keine Ahnung, was er von ihr wollte. Und ihre Tasche lag immer noch auf den Gleisen.

 

3. Kapitel

Frederick

Gut Falkensee, Westpreußen, 8. Juni 1904

An mehrere dicke Kissen gelehnt saß Frederick von Bargelow aufrecht im Bett. Trotz der Hitze im Zimmer hatte er die Decke bis zur Brust hochgezogen. Den Roman in seiner Hand hatte er sinken lassen. Über sein Gesicht rollte eine Träne, die er hastig wegwischte, als es klopfte.

Während die Tür aufflog und seine Schwester ins Zimmer stürmte, schob er hastig das Buch unter die Decke.

»Ich hätte nackt sein können«, sagte er anklagend zu Alice. Er konnte es nicht leiden, dass sie nie die Aufforderung zum Eintreten abwartete.

»Nicht um diese Zeit«, erwiderte sie ungerührt. »Außerdem bin ich Hedi unten begegnet, und sie hat mir gesagt, dass du weiter das Bett hüten musst. Also ziehst du dich nur zum Waschen aus. Und das wird morgens und abends erledigt.«

»Ich hoffe, Hedi war nicht auf dem Weg in die Küche, um mir schon wieder etwas zu essen zu holen.«

Alice kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn prüfend. »Du hast geweint. Liest du schon wieder Ruf der Wildnis

Solange Frederick denken konnte, hatten seine beiden älteren Schwestern ihn mühelos durchschaut. Es war sinnlos, ihnen etwas verheimlichen zu wollen. Zumindest wenn es um Kleinigkeiten ging. Die wirklich bedrohlichen Dinge jedoch vergrub er so tief in seinem Inneren, dass auch sie nichts bemerkten. Er verbarg den Kummer so gut, dass er selbst ihn manchmal vergaß – jedenfalls für ein paar Stunden. Leider hatte Alice ihn an diesem Vormittag in einem Moment ertappt, in dem Angst und Sorge ihn hinterrücks überfallen hatten und er nicht hart genug darum gekämpft hatte, sie zu unterdrücken.

»Das ist ganz allein meine Sache«, murmelte er als Antwort auf Alices Frage. Warum er wirklich geweint hatte, würde er ihr auf keinen Fall verraten.

»Ich könnte wetten, du bist wieder mal an der Stelle, wo der arme Buck entführt und nach Alaska verschleppt wird.« Sie sah sich suchend nach dem Roman um, den sie allerdings nicht entdecken konnte.

»Die Geschichte ist furchtbar traurig«, verteidigte er sich. Seit er im vergangenen Jahr von seinen Schwestern zum fünfzehnten Geburtstag die deutsche Übersetzung des neuesten Werks von Jack London bekommen hatte, liebte er die Geschichte um den Hund Buck. Er hatte sie mindestens schon ein Dutzend Mal gelesen. Herr Schliemeier, sein Hauslehrer, drohte regelmäßig, ihm die ›Schundliteratur‹ wegzunehmen. Deshalb ließ Frederick das Buch vorsichtshalber nicht mehr offen herumliegen.

»Eigentlich habe ich Aufgaben zu erledigen«, lenkte er vom Thema ab. »Aber die sind schrecklich öde. Und wenn ich zum Aufstehen zu krank bin, sollte ich auch zum Lernen zu schwach sein, oder etwa nicht?«

»Was hat der Schliemeier dir denn aufgebrummt?«

Frederick deutete auf das Lehrbuch, das aufgeschlagen auf seinem Nachttisch lag.

Alice verzog den Mund. »Die Familie der Korbblütler. Herrjemine!«

»Schliemeier hat mir eine ganze Liste Fragen dazu gegeben. Hilfst du mir?«, erkundigte er sich ohne große Hoffnung.

Natürlich schüttelte seine Schwester energisch den Kopf. »Ist mir zu langweilig. Außerdem habe ich keine Zeit. Ich werde mich schon bald um einen riesigen Haushalt zu kümmern haben. Da kann ich nicht irgendwelche unwichtigen Schulaufgaben für meinen kleinen Bruder erledigen.«

Schade, dass Charlotte noch nicht da war. Sie hätte ihm innerhalb von wenigen Minuten erklärt, was Schliemeier von ihm wissen wollte. Es war schön gewesen, als sie vor zwei Jahren noch einmal mit ihm gemeinsam im Schulzimmer des Guts gesessen und sich unter Herrn Schliemeiers Anleitung auf die externe Abiturprüfung vorbereitet hatte. Die höhere Töchterschule bot diesen Abschluss nicht an.

Frederick hatte es erstaunlich gefunden, dass Charlotte sich den Unterricht bei Schliemeier und die schwierige Prüfung freiwillig antat. Inzwischen vermutete er, dass sie schon damals heimlich geplant hatte, ins Ausland zu gehen und zu studieren.

Das Lernen fiel Charlotte leicht. Sie interessierte sich vor allem für die Dinge, die Frederick langweilten: Mathematik, Biologie, sogar Chemie und Physik. Seltsam nur, dass sie in Paris Kunst und Literatur studierte. Papa und Mama hätten ihr allerdings sicher kein Studium der Naturwissenschaften erlaubt.

Welcher Sohn aus wohlhabendem Hause wollte schon eine Frau, die ihren Gästen beim Abendessen Vorträge über Chemie und Physik hielt? Und seit Frederick vor wenigen Tagen zufällig eine Unterhaltung seiner Eltern mit angehört hatte, war ihm klar, dass Mama sich in größter Eile nach einem passenden Ehemann für Charlotte umsehen würde, sobald seine Schwester aus Paris zurück war. Allerdings war er sich überhaupt nicht sicher, dass Charlotte mit diesem Plan einverstanden sein würde. Im Gegensatz zu Alice hatte Charlotte noch nie laut darüber nachgedacht, wie wunderbar ihr Leben sein würde, wenn sie erst Herrin eines großen Hauses war.

Frederick konzentrierte sich wieder auf seine jüngere Schwester, deren Augen beim Gedanken an ihre bevorstehende Rolle als Gutsherrin fröhlich funkelten. »Bis du einen eigenen Haushalt hast, wird noch einige Zeit vergehen, Alice. Deine Verlobung ist erst in fünf Wochen, und dann dauert es sicher noch ewig bis zur Hochzeit.«

»Das glaube ich nicht«, erklärte Alice mit einem versonnenen Lächeln. »Ronald wird die Leitung von Gut Bernsdorff spätestens Anfang nächsten Jahres übernehmen. Seine Adoptiveltern planen, im Januar in den Süden zu reisen. Anschließend werden sie in ihrer Villa in Marienburg wohnen. Sie sind entschlossen, so bald wie möglich das Stadtleben zu genießen. Und wenn Ronald erst Gutsherr ist, will er mich auf dem Anwesen bei sich haben. Was mich betrifft, kann ich es kaum erwarten, seine Frau zu werden. Da wir uns also vollkommen sicher sind und uns nicht mehr prüfen müssen, könnten wir schon bald nach der Verlobung heiraten. Ich wäre schrecklich gern eine Winterbraut. Mein Hochzeitskleid könnte einen weißen Pelzkragen haben. Und einen Pelzbesatz am Saum.«

Sie starrte in die Luft, als könnte sie ihr kostbares Hochzeitskleid bereits sehen.

»Pelzbesatz.« Frederick verdrehte die Augen. »Das ist viel zu teuer. Und dann trägst du das Kleid nur an einem einzigen Tag.«

»Aber es soll der schönste Tag in meinem Leben werden. Mein Verlobungskleid hast du auch noch nicht bewundert.« Sie breitete die Arme aus und drehte sich neben seinem Bett im Kreis.

Obwohl die großen Linden vor dem Fenster Fredericks Zimmer in Schatten tauchten, funkelten die Stickereien auf dem Rock aus roséfarbenem Seidenstoff in dem schwachen Licht. Ebenso glitzerten die Silberfäden in den weiten Ärmeln, die durchscheinend waren und Alices zarte Arme zur Geltung brachten.

»Das sieht furchtbar teuer aus«, stellte Frederick betreten fest.

»Was hast du denn immer mit teuer? Schließlich bin ich die Braut. Da sollte ich das schönste Kleid haben. Und das hat natürlich seinen Preis.« Lachend ließ Alice sich auf seine Bettkante fallen – offenbar ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie den Rock ihres kostbaren Kleides zerknitterte. Das würde sie erst später bemerken und in lautes Wehklagen ausbrechen, bevor sie es einem der Hausmädchen überließ, den Schaden zu beheben.

Wieder einmal wünschte sich Frederick, Hedi hätte ihn nicht vor drei Tagen in die kleine Nische im Flur gebracht, wo ein bequemer Lehnstuhl genau so stand, dass die letzten Strahlen der Abendsonne die Polster in rotgoldenes Licht tauchten. Seine Eltern hatten ihn in seinem Bett vermutet und nicht geahnt, dass er dort ruhte. Die hohe Lehne verbarg ihn vor ihren Blicken, und nach den ersten Sätzen ihrer Unterhaltung war es zu spät gewesen, sich zu erkennen zu geben.

Mama und Papa waren wenige Schritte vor der sonnigen Nische aufeinandergetroffen, als sie fast gleichzeitig nach dem Umziehen ihre Schlafzimmer verließen, um sich zum Abendessen nach unten zu begeben.

»Geht es Frederick besser?«, hatte sich sein Vater mit gesenkter Stimme erkundigt.

»Ein wenig.« Er konnte das Seidenkleid seiner Mutter rascheln hören. Wahrscheinlich strich sie den Rock glatt, wie es ihre Gewohnheit war.

»Hat Doktor Kramer sich in letzter Zeit dazu geäußert, ob er weiterhin der Ansicht ist, es sei nur eine schwache Konstitution? Manchmal fürchte ich …« Papa ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen, als würde er nicht wagen, seine Befürchtung auszusprechen.

»Gott behüte. Ich darf mir gar nicht vorstellen, dass Frederick an dieser schrecklichen Familienkrankheit leidet. Wir dürfen ihn nicht verlieren, Adalbert. Keiner von uns könnte diesen Verlust ertragen. Weißt du noch, wie er als kleiner Junge auf seinem Schaukelpferd saß und spielte, dass er über die Felder von Falkensee reitet?« Mamas unglücklicher Seufzer klang wie ein Windhauch im Schilf an einem nebligen Novembertag. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Außerdem ist Frederick unser einziger Sohn. Der Erbe von Falkensee.«

»Dass er die Krankheit hat, ist ein furchtbarer Gedanke, aber eine Angst, die nicht ganz unbegründet ist.« Auch Papa hörte sich traurig an.

Mama räusperte sich, und Frederick konnte hören, wie sie tief durchatmete, bevor sie fortfuhr: »Falls wir keinen männlichen Erben hätten, müsste Charlotte wegen der schwierigen finanziellen Lage, in der sich das Gut befindet, nicht nur einen wohlhabenden Mann heiraten – wir müssten auch einen Ehemann für sie finden, der willens und in der Lage ist, später einmal das Gut zu leiten.«

Während sie sprachen, waren Mama und Papa langsam in Richtung Treppe gegangen und stiegen nun die Stufen zum Erdgeschoss hinab.

Sie hatten sich im Flüsterton unterhalten, doch Frederik hatte zwar ein schwaches Herz und einen launischen Kreislauf, aber sein Gehör war hervorragend. Und so war ihm in seinem Lehnstuhl eiskalt geworden, obwohl Hedi ihn in eine Decke eingehüllt hatte.

Seine Eltern hatten von seinem möglichen Tod gesprochen. Tod – ein Wort, so kurz und grausam, so frostig und dunkel. Sofort hatte er an das Mausoleum unter der kleinen Baumgruppe am Rand des Parks denken müssen, in dem seine Vorfahren der Ewigkeit entgegenschlummerten. Allein hinter den dicken, feuchten Mauern, während im Herrenhaus die Lichter brannten, die Familie sich um den Tisch versammelte und der Tee in den Tassen dampfte. Ein Schauer hatte ihn durchlaufen, und er hatte gespürt, wie sein Magen sich zusammenzog.

Seit er seine Eltern ungewollt belauscht hatte, überfiel ihn die Angst immer wieder hinterrücks und ohne Vorwarnung. Bisher hatte er mit niemandem darüber gesprochen. Denn wenn er die schreckliche Furcht in Worte fasste, würde sie nur noch realer werden. Hedi würde weinen und mindestens so sehr leiden wie er. Alice würde ebenso untröstlich sein. Mama war schon jetzt voller Angst, und mit Papa sprach Frederick selten über etwas anderes als über das Wetter und ähnlich ungefährliche Themen.

Charlotte – vielleicht, wenn sie zurück war … Ob sie ahnte, dass sie schon sehr bald verheiratet werden sollte? Da das Gut offenbar in finanziellen Nöten war, würden die Eltern sie auf keinen Fall noch länger in Paris studieren lassen.

»Ich brauche noch einiges an Aussteuer«, plapperte Alice fröhlich weiter und griff nach einem großformatigen, bunt bedruckten Heft, das sie auf dem Fensterbrett abgelegt hatte.

»Ihr wollt zu Wertheim?«, stieß er beim Anblick des Katalogs atemlos hervor. Auf dem Titelblatt war eine elegante Dame mit einem federgeschmückten Hut abgebildet. Sie trug ein Kostüm mit einem Pelzkragen.

»Mama und ich müssen vor allem Handtücher und Tischdecken kaufen. Ich brauche unbedingt einen Nähkasten. Und ein paar Kleider. Übernachten werden wir in einem Hotel in der Nähe des Kaufhauses. Großmama begleitet uns wahrscheinlich. Sie war schon öfter bei Wertheim und hat uns geschrieben, dass es dort einfach alles gibt. Und zwar in einer schier unglaublichen Auswahl. Vielleicht darfst du mitkommen.«

Frederick seufzte. Er wusste jetzt schon, dass seine Eltern und Hedi, unterstützt von Doktor Kramer, einhellig beschließen würden, ein solcher Ausflug sei zu anstrengend für ihn. Außerdem war die Verlobungsfeier ohnehin schon furchtbar teuer. Eine Reise nach Berlin mit Einkaufstour in dem riesigen Kaufhaus würde eine Menge kosten. Und er wusste jetzt, dass auf Gut Falkensee das Geld knapp war.

»Handtücher und solche Sachen bekommt man auch in Marienburg oder sogar in Bischofswerder. Und die Kleider, die unsere Schneiderin für dich näht, sind immer wunderschön.«

Alice verdrehte die Augen. »Als Herrin auf Gut Bernsdorff kann ich nicht in Kleidern herumlaufen, die Frau Rienecke in ihrem Hinterzimmer genäht hat. Es sollte schon etwas großstädtischer sein. Außerdem kann ich es kaum erwarten, bei Wertheim einzukaufen. Schon allein das Gebäude muss unglaublich sein. Sieh mal.«

Sie blätterte zum Anfang des Katalogs und zeigte ihm das Bild eines riesigen, mehrstöckigen Gebäudekomplexes, der um einen quadratischen Innenhof angeordnet war.

»Das Kaufhaus hat eine Grundfläche von 7800 Quadratmetern«, las sie vor. »Kannst du dir das vorstellen? So viele Waren kann es doch gar nicht geben, dass so ein großes Haus voll ist.«

»Aber die Fahrt nach Berlin, die Übernachtung im Hotel und dann die Preise, die in der Großstadt viel höher sind …« Natürlich würde sich Alice auf keinen Fall überzeugen lassen, aus Kostengründen auf ihre Einkaufsreise zu verzichten, zumal er ihr nicht sagen konnte, was er über die wirtschaftliche Lage des Guts wusste. Wenn Mama ihr versprochen hatte, bei Wertheim einzukaufen, war das ja vielleicht auch in Ordnung.

Die Tür ging auf, und Hedi trat ein. Sie trug ein Tablett mit einem dampfenden Schüsselchen darauf. Frederick roch sofort, dass es Hühnerbrühe war, und zog die Nase kraus. Er konnte das Zeug, das angeblich so gut für ihn war, nicht mehr sehen, nicht mehr riechen und schon gar nicht mehr essen.

»Wie gefällt dir der neue Kutscher, Hedi?«, platzte Alice heraus und zwinkerte ihrem Bruder zu.

»Ich kenne ihn doch gar nicht richtig«, behauptete Hedi und machte ein komisches Gesicht.

Verblüfft betrachtete Frederick seine Kinderfrau, die kurz nach Charlottes Geburt, also vor über zwanzig Jahren, nach Gut Falkensee gekommen war. Es war ihm immer so vorgekommen, als sei ihr alleiniger Lebensinhalt das Wohlergehen der drei Bargelow-Sprösslinge. Charlotte und Alice kamen mittlerweile ohne Hedi zurecht, auch wenn sie sich immer noch gern Rat und Trost bei ihr holten. Frederick jedoch brauchte sie immer noch sehr. Der Gedanke, ohne ihren Beistand zu sein, wenn er wieder einmal mit Fieber, Kreislaufproblemen oder anderen Gebrechen das Bett hüten musste, ängstigte ihn. Dass Hedi mit ihren fast vierzig Jahren sich plötzlich für einen Mann interessieren sollte, erschien ihm absurd.

»Immerhin hast du ihn dir sehr genau angesehen und ziemlich ausführlich mit ihm geredet.« Alice kicherte.

Hedi wandte sich hastig ab und stellte das Betttablett mit den kurzen, geschwungenen Beinen auf dem Tisch ab, anstatt es gleich zu Frederick zu tragen. Den Geschwistern war jedoch nicht entgangen, dass sich die Wangen ihrer Kinderfrau gerötet hatten. Alice zog die goldenen Brauen hoch, und Frederick sah seine Schwester verblüfft an.

»Ich habe ihm nur erklärt, dass der gnädige Herr in seinem Büro ist. Wilhelm sollte sich heute bei ihm vorstellen.« Hedi kehrte ihnen immer noch den Rücken zu und schob die kleine Suppenschüssel unnötigerweise auf dem Tablett hin und her.

»Wilhelm. Ach so.« Alice lachte und drehte sich noch einmal mit ausgebreiteten Armen im Kreis. »Wie findest du mein Verlobungskleid, Hedi?«

Hedi wandte sich um und betrachtete mit mütterlichem Stolz das zarte Mädchen im rosa Kleid. »Du bist wunderhübsch. Dein künftiger Verlobter hat großes Glück.«

Dann nahm die Kinderfrau das Tablett vom Tisch und stellte es Frederick auf die Bettdecke.

Der schüttelte energisch den Kopf. »Ich brauche keine Hühnerbrühe mehr. Doktor Kramer hat heute Morgen gesagt, ich sei so gut wie gesund.«

»Fast ist nicht ganz. Wir wollen nicht kurz vor dem Ziel unvorsichtig werden.« Hedi drückte ihm den Löffel in die Hand.

»Ich soll in Mamas Namen fragen, ob Frederick aufstehen und mit uns zu Abend essen darf. Immerhin kommt Charlotte nach über einem Jahr in Paris heute endlich nach Hause.«

Natürlich hätte die Gutsherrin einfach bestimmen können, dass ihr Sohn an diesem Abend zum Essen nach unten kommen durfte. Aber sie war klug genug, Hedi die Entscheidung zu überlassen.

Mit gerunzelter Stirn dachte Hedi nach. »Ich denke, das müsste gehen, Fredy. Wenn du einen Schal umlegst und versprichst, um neun Uhr wieder im Bett zu liegen.«

»Ich darf heute Abend aufstehen? Wirklich?« Frederick hatte sich auf den üblichen harten Kampf eingestellt. Und nun sah Hedi ihn mit seltsam glänzenden Augen an und nickte lächelnd.

Alice verkündete, dass sie ihrer Mutter Bescheid sagen würde. Ihr Verlobungskleid schien noch für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft zu schimmern, als sie bereits verschwunden war.

Nachdem Frederick widerwillig etwas von der Brühe gelöffelt hatte, gestattete Hedi ihm, den Rest stehenzulassen, damit er zum Abendessen noch Appetit hatte. Erneut wunderte sich ihr Schützling, dass sie an diesem Nachmittag so gutgelaunt und nachgiebig war.

 

4. Kapitel

Charlotte

Hauptbahnhof Danzig, Westpreußen, 8. Juni 1904

»Eine Sünde? Wovon sprechen Sie überhaupt?« Charlotte funkelte den dunkelhaarigen Mann wütend an. Langsam ging er ihr wirklich auf die Nerven.

Wortlos sah er hinüber zum Gleis, wo die Lokomotive soeben zischend eine weitere Dampfwolke ausstieß. Sie würde jeden Augenblick losfahren. Damit musste Charlotte ihre Tasche und vor allem Geld und Fahrkarte endgültig verlorengeben.

Als er nach einer Weile immer noch anklagend schwieg, begriff sie endlich, worum es ging: Dieser Mann war Pole und damit auch Katholik. Zu seinem Glauben gehörten Regeln, die für sie fremd und seltsam waren. Auch bei den Protestanten war der Freitod nicht erlaubt, aber ihr wäre nicht im Traum eingefallen, herumzulaufen und harmlose Menschen der Sünde zu bezichtigen.

Und überhaupt: Wie kam er auf die seltsame Idee, sie wolle sich besinnungslos vor den Zug stürzen? Schließlich war sie kein Dummkopf und hatte sich genau überlegt, ob genügend Zeit war, um die Tasche gefahrlos vom Gleis zu holen. Wenn ihr dieser Mann nicht dazwischengekommen wäre, hätte sie jetzt wie geplant in den Zug nach Bischofswerder steigen können. Wie sie nun nach Hause kommen sollte, stand in den Sternen. Mama würde außer sich sein, wenn sie nicht in dem Zug saß, den sie telegrafisch angekündigt hatte. So viel zu ihrem Plan, ihren Eltern zu zeigen, wie hervorragend sich der Paris-Aufenthalt auf ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Charakterbildung ausgewirkt hatte. Und wie vorteilhaft es daher sein würde, sie weiterstudieren zu lassen.

»Sind Sie Priester?«, fauchte sie den Mann an, der schuld an der ganzen Misere war.

»Sehe ich aus wie ein Priester?« Er deutete auf seinen Hemdkragen. »Ich hasse es nur, wenn Menschen ihr Leben wegwerfen, nur weil sie sich gerade in einer schwierigen Situation befinden. Es gab einen Fall in unserer Familie … Egal, das tut nichts zur Sache. Es macht mich einfach wütend.«

Sie zuckte mit den Schultern. Die Frage war ohnehin rhetorisch gewesen. Dass er kein Geistlicher war, gab ihm nämlich noch weniger das Recht, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen.

»Karol? Kommst du?«

Hinter dem schwarzhaarigen Fremden tauchte ein zweiter Mann auf. Er war ebenfalls in seinen mittleren Zwanzigern und genauso dunkelhaarig, aber einen halben Kopf kleiner. Im Gegensatz zu seinem Begleiter hatte er einen freundlichen, offenen Blick.

»Moment noch. Ich muss hier etwas klären«, erwiderte der Angesprochene und ließ Charlotte nicht aus den Augen, als würde er immer noch befürchten, dass sie loslief, um sich vor die Lokomotive zu werfen.

Da er sie unverwandt anstarrte, blieb ihr nichts anderes übrig, als seinen Blick zu erwidern, wenn sie nicht ergeben den Kopf senken wollte. In diesem Moment pfiff der Schaffner, und der Lokomotivführer ließ die Dampfpfeife ertönen. Jetzt war ihre Tasche verloren.

»Ich wüsste nicht, was wir zu klären hätten«, sagte sie ungeduldig, da der Fremde keine Anstalten machte, endlich seiner Wege zu gehen. »Ich kenne Sie nicht, und es ist nicht meine Art, auf Bahnhöfen mit fremden Männern zu sprechen.«

»Ich hatte nicht vor, eine längere Unterhaltung mit Ihnen zu führen. Es erschien mir nur etwas befremdlich, dass eine junge Dame wie Sie, die durchaus intelligent wirkt, so etwas tun möchte.«

»Verstehen Sie doch endlich: Was ich tun wollte, war wohlüberlegt«, widersprach sie, obwohl es nicht nötig war, sich vor dem aufdringlichen Kerl zu rechtfertigen.

Er antwortete nicht, sondern deutete nur stumm in Richtung der Lokomotive, die sich in diesem Moment schnaufend in Bewegung setzte. Charlotte presste die Lippen aufeinander. Soeben wurden unter den riesigen Rädern ihre Fahrkarte und ihr gesamtes Bargeld zermalmt. Nicht einmal eine Droschke zurück zu Großmamas Wohnung konnte sie bezahlen.

»Karol?« Wieder meldete sich aus dem Hintergrund der zweite junge Mann. Karol kümmerte sich nicht um ihn. Er betrachtete Charlotte angestrengt. Gleichzeitig fuhr er sich mit den Fingern durch die schwarzen Haare, die ihm immer wieder in die Augen fielen.

Charlotte dachte darüber nach, diesen komischen Kauz, der sich aus irgendeinem Grund für sie verantwortlich fühlte, um Geld für eine Fahrkarte zu bitten. Allzu teuer würde das Billett nicht sein, und sie könnte ihm später den Betrag zuschicken.

Natürlich durfte ihre Mutter auf keinen Fall etwas davon erfahren. Charlotte konnte sich lebhaft vorstellen, wie Veronika von Bargelow erst blass werden, dann wortreich ihr Entsetzen kundtun und schließlich Charlotte ausführlich erklären würde, welch unmögliches Verhalten es war, auf einem Bahnsteig mit einem fremden Mann zu reden. Noch dazu mit einem Polen. Und sich dann auch noch Geld von ihm zu leihen. Wenn ihre Mutter mit ›den Polacken‹ zu tun hatte, wie sie im Dorf genannt wurden, handelte es sich ausschließlich um die Wanderarbeiter, welche während der Erntezeit weitab vom Hauptgebäude im Insthaus untergebracht wurden. Sie aßen nicht einmal gemeinsam mit dem deutschen Gesinde.

Doch irgendwie musste Charlotte schließlich nach Hause kommen. Wenn sie ohne Billett und Geld in den Zug nach Bischofswerder stieg, würde die Sache noch unangenehmer werden, sobald der Schaffner ihren Fahrschein sehen wollte.

Allerdings gab es noch eine andere Möglichkeit, als ausgerechnet den unhöflichen Karol zu bitten. Entschlossen wandte sie sich seinem Begleiter zu, der sich bescheiden im Hintergrund hielt.

»Guten Tag. Mein Name ist Charlotte von Bargelow.«

»Ich bin Jarek Wisniewski.« Höflich verbeugte er sich. »Und das ist mein Freund Karol Darranowski.«

Wenigstens dieser Mann verfügte über Manieren. Sogar sein Lächeln wirkte charmant wie das eines Parisers.

»Ich bin in einer schwierigen Situation«, begann Charlotte und sah dabei unverwandt Jarek Wisniewski an. Dennoch bekam sie aus dem Augenwinkel mit, dass Karol sich schon wieder das Haar aus der Stirn strich. Was für eine nervtötende Angewohnheit! Hätte er einen Hut getragen, wie es sich für einen Herrn schickte, wären seine Haare an Ort und Stelle geblieben.

Bis auf die Tatsache, dass sie beide keine Kopfbedeckung trugen, waren Karol und Jarek untadelig gekleidet. Ähnlich wie Charlotte in ihrem Reisekostüm musste ihnen in der sommerlichen Hitze viel zu warm sein. Dennoch entledigten sie sich nicht ihrer Jacken. Ein Herr reiste nicht hemdsärmelig. Jarek hatte sogar sämtliche Knöpfe seines dunklen Gehrocks korrekt geschlossen.

Karol trug einen grauen Paletot zu einem hell- und dunkelgrau gestreiften Beinkleid aus Kammgarn und einem weißen Hemd. Um seinen Hals lag leger ein cremeweißer Seidenschal. Hätte dieser Mann nicht ein so selbstgerechtes Wesen an den Tag gelegt, wäre sein Äußeres durchaus ansprechend gewesen. Die nebelhellen Augen standen in einem interessanten Kontrast zu den pechschwarzen Haaren, und sein eckiges Kinn suggerierte Zielstrebigkeit und Energie. Die Nase war ein kleines bisschen schief, als wäre sie schon einmal gebrochen worden.

»Mir sind Fahrkarte und Geld abhandengekommen«, erklärte Charlotte. Dann warf sie Karol einen kurzen Blick zu und setzte in scharfem Tonfall hinzu: »Das ist jedoch kein Grund für mich, eine Sünde zu begehen.«

Karol öffnete den Mund, doch in diesem Moment mischte sich erneut sein Begleiter ein, der für einen Moment verschwunden gewesen war.

»Entschuldigung. Ist das Ihre?«

»Meine Tasche! Und vollkommen unversehrt. Sie sind mein Retter.« Charlotte musste an sich halten, dem freundlichen Polen nicht vor lauter Erleichterung um den Hals zu fallen.

Jarek senkte bescheiden den Kopf, während er ihr das Täschchen überreichte. »Sie lag zwischen den Schienen. Daher ist ihr nichts passiert, als der Zug losfuhr.«

»Ich bin Ihnen überaus dankbar.« Charlotte presste die Tasche an ihre Brust und lächelte ihn an. Jareks Augen waren braun und warm. Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass er auf eine unspektakuläre Art anziehend war.

»Sie wollten da wegen einer Handtasche hinunterspringen?« Karol musterte sie womöglich noch empörter als zuvor.

»Es waren zwei Minuten Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, der Schaffner hatte noch nicht gepfiffen, und so eine Lokomotive braucht einen Moment, um sich in Bewegung zu setzen. Alles in allem mehr als genug Zeit, um meine Tasche zu holen. Was mir zweifellos gelungen wäre, wenn Sie mich nicht daran gehindert hätten.«

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte Ihnen die Tasche besorgt.«

»Sie haben mich nicht zu Wort kommen lassen, weil Sie es so eilig hatten, mich der Sünde zu bezichtigen.« Herausfordernd sah sie ihn an.

»Möglicherweise hatte ich Sorge, auch ein ›Saperlipopette‹ abzubekommen, und habe Sie deshalb am Reden gehindert.« Er zwinkerte ihr zu. Seit er nicht mehr glaubte, sie am Selbstmord hindern zu müssen, wirkte er deutlich entspannter.

Zu ihrem Ärger wurde Charlotte rot.

»Obwohl ich es durchaus erfrischend finde, wenn eine Dame ihre Gefühle auf eine Weise ausdrückt, die auch ein Mann versteht«, fügte er in heiterem Ton hinzu.

Dummerweise sprach er offenbar Französisch. Fahrig zupfte Charlotte an einer der Seidenblumen auf ihrem Hut, ließ es aber sofort wieder sein. Es gab keinen Grund, sich von diesem Mann nervös machen zu lassen. Stattdessen starrte sie ihn wütend an. Doch er reagierte nicht auf ihren Blick, von dem in Paris einige Männer behauptet hatten, er sei, wenn nicht direkt tödlich, so doch wie ein Stich mitten ins Herz.

»Ihre Muttersprache ist Polnisch, nicht wahr?«, wechselte sie in jenem Plauderton das Thema, den sie in französischen Salons gelernt hatte.

»Neuerdings wird es allerdings nicht mehr gern gesehen, wenn ich sie benutze. Da unser Heimatland zurzeit nicht existiert, gehören wir zur sogenannten polnischen Minderheit in Westpreußen.« Karols Stimme klang bitter.

Charlotte presste die Lippen aufeinander. Sie kannte sich nicht sonderlich gut mit der Lage der polnischen Bevölkerung aus und wusste nur, dass Polen seit mehr als hundert Jahren russisches Protektorat war. Ein Teil des ehemals polnischen Landes gehörte seit Langem zu Westpreußen. Dennoch lebten in fast jedem Dorf noch einige polnische Familien, die Haus und Hof nicht hatten im Stich lassen wollen. Sie wurden von den deutschen Bauern und Pächtern meistens nicht ins Dorfleben einbezogen und pflegten ihre eigene Sprache und ihr Brauchtum. Davon hatte ihr Fine erzählt, ihre Freundin aus dem Dorf Falkensee.

Es gab auch einige polnische Großgrundbesitzer – oft sogar adelig –, die in der Regel ebenfalls keinen Kontakt mit den deutschen Landjunkern pflegten. Ihre Sprache und ihre Religion machten sie zu Fremden, selbst wenn sie Nachbarn waren.

»Stört es Sie, dass wir polnischer Abstammung sind?« Sein Blick forderte sie heraus.

Charlotte zuckte betont gleichmütig mit den Schultern. »Was sollte ich dagegen haben?

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