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Die Frauen der Kamelien-Insel

Inhalt

  1. Über dieses Buch
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1 Das Fest
  6. 2 Die Versteigerung
  7. 3 Der Garten der Prinzessin
  8. 4 Die Hochzeitsreise
  9. 5 Der Engländer
  10. 6 Der Sohn
  11. 7 Schwere See
  12. 8 Ungebetene Gäste
  13. 9 Die Flucht
  14. 10 Die Schlange
  15. 11 Verletzungen
  16. 12 Die Mohairjacke
  17. 13 Ein Verkaufstalent
  18. 14 Gerede
  19. 15 Der Brief
  20. 16 Paris
  21. 17 Die Witwe des Malers
  22. 18 Gute Ideen
  23. 19 Das Geschenk
  24. 20 Die Eröffnung
  25. 21 Seenot
  26. 22 Fast eine Familie
  27. 23 Die Kriegserklärung
  28. 24 Veränderungen
  29. 25 Der Hilferuf
  30. 26 Der Wolf
  31. 27 Die Knospe
  32. 28 Ein Ende und ein Anfang
  33. Danksagung

Über dieses Buch

Nach einem rauschenden Hochzeitsfest auf der Kamelien-Insel wünschen sich Sylvia und Maël – bislang vergeblich – ein Kind. Da steht plötzlich Maëls einstige große Liebe Chloé vor der Tür mit ihrem siebenjährigen Sohn, den sie zur Überraschung aller als Maëls Kind vorstellt. Doch das ist nicht alles: Chloé will Maël zurückgewinnen. Kann Sylvia um ihre große Liebe kämpfen, ohne sich zwischen Vater und Sohn zu stellen? Und dann droht der Kameliengärtnerei auch noch das Aus, eine Gefahr, die Sylvia und Maël nur gemeinsam abwenden können.

Über die Autorin

Tabea Bach war Operndramaturgin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie wurde in der Hölderlin-Stadt Tübingen geboren und wuchs in Süddeutschland sowie in Frankreich auf. Ihr Studium führte sie nach München und Florenz. Heute lebt sie mit ihrem Mann in einem idyllischen Dorf im Schwarzwald, Ausgangspunkt zahlreicher Reisen in die ganze Welt. Die herrlichen Landschaften, die sie dabei kennenlernt, finden sich als atmosphärische Kulisse in ihren Frauenromanen wieder.

1
Das Fest

Die Glocken von Sainte-Anne ertönten in ihrem schönsten Festtagsgeläut. Ein lauer Wind trug ihre Klänge weit hinaus über das bretonische Meer und hinüber zur Kamelieninsel, wo schon alles bereit war für das große Hochzeitsfest.

Weiße Kamelien schmückten den Altar, vor dem Sylvia und Maël sich gerade das Jawort gegeben hatten. Der Priester sprach die letzten Segen, und mit einem tosenden Akkord setzte die Orgel zum Nachspiel ein.

Eine Welle von Glück durchflutete Sylvia. Nun hatten sie es also wirklich getan, obwohl sie nach der entsetzlichen Trennung von Holger geglaubt hatte, nie wieder einem Mann vertrauen zu können. Doch mit Maël war alles anders. Es war die tiefe, selbstverständliche Liebe zwischen ihnen, die alles so einfach machte.

Sie fühlte seinen Blick und sah ihn an. Das Leuchten in seinen Augen brachte ihr Herz zum Tanzen, erst recht, als er sie sanft an sich zog und küsste. Es war, als lösten sich Raum und Zeit auf, und für einen Augenblick, der Sylvia wie eine Ewigkeit erschien, gab es nur Maël und sie. Dann setzte die Zeit wieder ein, und strahlend vor Glück wandten sie sich ihren Gästen zu.

Die Kirche war bis auf den letzten Sitz gefüllt, und hinter den mit weißen Bändern und Blüten geschmückten Bänken drängten sich noch mehr Menschen. Man hatte das Portal offen gelassen, damit diejenigen, die in der Kirche keinen Platz mehr gefunden hatten, das große Ereignis von draußen mitverfolgen konnten.

Sylvia fing das Lächeln ihrer besten Freundin und Trauzeugin Veronika auf, die in der ersten Reihe neben ihrem Mann Laurent saß, ihre zehn Wochen alte Tochter Lilianne im Tragetuch haltend. Und sie sah, wie sich Solenn mit einem Taschentuch über die Augen fuhr, Maëls Ziehmutter und Besitzerin der Kamelieninsel, eine bodenständige Bretonin, die normalerweise nicht so schnell aus der Fassung geriet. Für Sylvia war die Lebensgefährtin ihrer verstorbenen Tante Lucie trotz des Altersunterschieds zu einer echten Herzensfreundin geworden.

Während sie dem Ausgang entgegenschritten, blickte Sylvia hinauf zu der Fensterrosette aus buntem Glas über dem Portal. Einen Moment lang musste sie wieder daran denken, wie sie vor gut zwei Jahren zum allerersten Mal diese Kirche besucht hatte. Damals war der schmucklose Bau mit seinen trutzigen Säulen aus grauem Granitgestein eine Sehenswürdigkeit unter vielen für sie gewesen. Sie war als Touristin gekommen, auf den Spuren ihrer Tante Lucie, der allerletzten ihrer Verwandten, die drüben auf der Insel gemeinsam mit Solenn Lambaol die Gärtnerei geführt hatte. Damals hatte Sylvia nicht ahnen können, dass diese Reise ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen würde …

Maël drückte ihre Hand, so als könnte er ihre Gedanken lesen. In den vergangenen beiden Jahren waren sie einander so vertraut geworden, dass der eine oftmals fühlen konnte, was der andere gerade dachte, und auch den kleinsten Stimmungswechsel wahrnahm. Sie sah zu ihm auf und lächelte. Ja, sie liebte einfach alles an ihm: die Art, wie er sein dichtes dunkles Haar aus der Stirn zu streichen pflegte, das energische Kinn mit dem Grübchen und die feinen Lachfältchen in seiner stets sonnengebräunten Haut. Vor allem aber liebte sie seine Augen, die die Farben des Meeres und die des Himmels in sich vereinten und die wie das Wetter ihre Schattierung wechseln konnten, je nach Maëls Stimmung. Im Augenblick leuchteten sie in einem grünlichen Blau.

Maël erwiderte ihren Blick. Sylvia verstand, was er ihr sagen wollte. Jetzt war nicht die Zeit, an all die Schwierigkeiten zurückzudenken, die an diesem Tag gottlob weit hinter ihnen lagen. Heute war es Zeit, zu feiern und glücklich zu sein.

Als sie aus der Kirche traten, schloss Sylvia für einen Moment geblendet die Augen, dann hatte sie sich an das helle Sonnenlicht gewöhnt. Der Platz war voller Menschen. Das ganze Dorf war zu ihrer Hochzeit gekommen, Hochrufe brandeten ihnen entgegen, Blütenblätter regneten sanft auf sie herab und bildeten einen weiß-rosafarbenen Teppich zu ihren Füßen.

Die Orgel verebbte in letzten rauschenden Kadenzen, während sich aus der Rathausgasse die unverkennbaren näselnden Klänge des biniou, einer Sackpfeife, und der bombarde, der traditionellen Oboe, näherten. Dieses Duo durfte bei keinem bretonischen Fest fehlen. Einige der Hochzeitsgäste sahen in ihrer lokalen Tracht ungemein festlich aus – die Männer trugen goldverzierte, doppelt geknöpfte Samtjacken über den weißen Hemden und runde Hüte, die Frauen reich bestickte schwarze Röcke und weiße Spitzenkrägen und -hauben. Manche begannen, sich im Takt der Musik zu wiegen, und immer mehr Menschen fielen in das alte Hochzeitslied auf brezhoneg ein, dieser für Sylvia noch immer unverständlichen, aus dem Keltischen stammenden Sprache der Bretonen.

Maël führte Sylvia die wenigen Stufen hinunter auf den Kirchplatz, wo sie lachend das Spalier der Kinder durchschritten, sodass jedes Einzelne Gelegenheit hatte, seinen Blütensegen über sie zu werfen. Sylvia konnte die vielen anerkennenden Blicke spüren, die ihrem schlicht geschnittenen Hochzeitskleid galten, dessen einziger Schmuck der Oberstoff aus wundervoller bretonischer Spitze war, an der viele einheimische Frauen mitgewirkt hatten. Ihr halblanges dunkelblondes Haar trug sie zu einem einfachen Knoten im Nacken geschlungen, in dem eine einzelne weiße Kamelie steckte, und so lenkte nichts von Sylvias natürlicher Schönheit ab, von ihrem reinen Teint und vor allem von ihren ausdrucksvollen kornblumenblauen Augen.

Ja, sie war angekommen auf diesem Fleckchen Erde. Hier am äußersten Rand Europas hatte Sylvia nicht nur eine Heimat gefunden, sondern auch die Liebe ihres Lebens. Als die älteren Frauen des Städtchens sie besucht hatten, um zu fragen, ob es ihr gefallen würde, in einem Kleid aus einheimischer Spitze zu heiraten, hatte sie sich riesig über dieses ehrenvolle Angebot gefreut. Voller Dankbarkeit hatte sie verstanden, dass dies bedeutete, dass man sie, die Fremde, wirklich aufgenommen hatte. Erst später war ihr zu Ohren gekommen, dass ein paar skeptische Küstenbewohner darauf gewettet hatten, dass Sylvia an ihrem Hochzeitstag sicher viel lieber ein elegantes Kleid aus Paris tragen wollte. Nun, diese Skeptiker hatten ihren Einsatz verloren, sehr zur Freude der Spitzenklöpplerinnen, für die es fortan eine Frage der Ehre war, Sylvia zu einem wahren Feenkleid zu verhelfen. Entsprechend rege wurde das Brautkleid nun von allen Seiten kommentiert.

Schließlich teilte sich die Menge vor Sylvia und Maël, und nach alter Tradition setzte sich das Brautpaar an die Spitze einer Art Prozession, gefolgt von den Musikanten, denen sich zunächst die Trauzeugen und die engsten Freunde anschlossen, ehe sich alles, was Beine hatte, in Bewegung setzte und ihnen hinunter zum Hafen folgte.

Dort angekommen glaubte Sylvia, ihren Augen nicht zu trauen. Sie hatte gewusst, dass sie heute nicht wie üblich die schmale Landbrücke mit dem Auto überqueren würden, um zur Insel zu gelangen, sondern wie in alten Zeiten mit Schiffen übersetzten. Doch beim Anblick der mit Blumen und Bändern prächtig geschmückten Flotte der Fischerboote verschlug es ihr die Sprache.

Am reichsten verziert war allerdings nicht einer der beeindruckenden Schoner, sondern ein einfacher Fischkutter: Es war die La Brise, das Boot des alten Pierrick, der schon immer auf der Kamelieninsel gelebt hatte und bereits Sylvias Tante Lucie zur Hand gegangen war. An diesem Tag hatte Sylvia Mühe, Pierrick in seiner Festtagstracht aus schwarzem Samt, die über und über mit goldfarbenen Stickereien verziert war, überhaupt zu erkennen. Erst als er seinen runden Hut hob, um ihr damit zuzuwinken, und ein breites Lächeln sein Gesicht in die wohlbekannten Falten legte, begriff sie, wer sie als frischgebackene Ehefrau auf die Insel bringen würde.

»Gourc’hemmenoù!«, rief er und reichte ihr die Hand, um ihr ins Boot zu helfen. »Meinen herzlichsten Glückwunsch!«

»Weißt du noch, als du mich damals ans Festland gebracht hast?«, fragte Sylvia ihn, während sie seine Hand ergriff, mit der anderen den langen Rock ihres Kleides raffte und beherzt an Bord des zwölf Meter langen Kutters sprang.

»Zum Glück ist es heute nicht so stürmisch«, erwiderte Pierrick mit einem Grinsen. »Aber wie ich dich kenne, würdest du selbst im Brautkleid mitten im schlimmsten Wetter zur Insel übersetzen, stimmt’s?«

»Oh ja«, pflichtete ihm Solenn bei, die zu ihnen in den Kutter gestiegen war und nun ganz hinten beim Ruder Platz nahm. »Ich weiß nicht, woher sie das hat. Lucie jedenfalls bekam man nur im allerhöchsten Notfall in ein Boot.«

Sylvia lächelte. Sie hatte längst den Bootsführerschein gemacht und bereitete sich nun mithilfe von Pierrick auf ihr Steuermannspatent vor. Wenn bei Flut die Landbrücke zur Kamelieninsel unpassierbar wurde, war es kein Problem für sie, in einem der Boote der Gärtnerei zum Festland überzusetzen. Heute jedoch stand sie strahlend mit Maël am Bug und überließ Pierrick das Steuer, der die La Brise unter großem Jubel umsichtig aus dem Hafen lenkte.

Es war ein prächtiger Anblick, wie die geschmückten Boote nach und nach ihre Anlegestellen verließen und Kurs aufs offene Meer nahmen. Fröhliche Rufe gingen hin und her, die Seeleute spornten einander an. Sylvia entdeckte Veronika mit Laurent und der kleinen Lili in einem Schoner, der sie auf der rechten Seite flankierte, die Dorfschullehrerin Morgane mit ihrem eigens aus Paris angereisten Bruder Éric und der Hafenmeister Brioc nahmen auf der anderen Seite Fahrt auf.

Es war ein wunderschöner Tag im August, mild und heiter. Die See war glatt wie ein Spiegel, der Himmel wolkenlos, hoch über ihnen zogen ein paar Möwen ihre Kreise, während am Horizont die Insel allmählich aus dem Wasser zu steigen schien, Kontur annahm, bis schließlich das prächtige Herrenhaus und die hohe steinerne Umfriedung des Jardin aux Camélias, des Kameliengartens, immer deutlicher zu erkennen waren. Dieser herrliche Tag ließ nicht vermuten, welch heftige Stürme mitunter an dieser Küste tobten, die viele Meter hohe Wellen ganz plötzlich wie aus dem Nichts auf die Insel stürzen ließen. An ihrem Hochzeitstag zeigte sich die Bretagne von ihrer lieblichsten Seite, und Sylvia war von Herzen dankbar dafür.

Am Landungssteg wurden sie bereits erwartet. Rozenn, Solenns Schwester, hatte zusammen mit Coco und den anderen Mitarbeitern der Gärtnerei dafür gesorgt, dass alles für den Empfang bereitstand.

Unter den uralten Kamelienbäumen, windgeschützt im Schatten der Mauern, waren riesige Tafeln festlich gedeckt. Maël und Sylvia hatten ausnahmslos das gesamte Städtchen eingeladen, und wie es aussah, war kein einziges Boot im Hafen zurückgeblieben.

Rozenn schloss Sylvia fest in ihre Arme, um ihr zu gratulieren. Die freundliche rotblonde Mittfünfzigerin hatte drüben auf dem Festland eine Töpferei und vermietete nebenher ein paar Zimmer an Sommergäste. Sie hatte sich bereit erklärt, für einen reibungslosen Ablauf des Festes zu sorgen sowie den eigens für diesen Anlass engagierten Küchenchef und die älteren Schülerinnen von Morgane, die beim Servieren und Abräumen helfen würden, zu koordinieren. Dabei wurde sie tatkräftig von Sylvias Assistentin Gwen unterstützt.

Weiß leuchteten die Tischtücher unter dem Dach aus dunkelgrün glänzendem Kamelienlaub, weiß und grün waren auch die Blumengestecke auf den Tischen, und dort, wo das Brautpaar Platz nehmen würde, überspannte ein Baldachin aus Zweigen und Blüten die beiden Stühle.

»Lass dich umarmen, Sylvia«, rief Veronika, die mit ihrem Mann ebenfalls an Land gegangen war. Ohne große Umstände legte sie die kleine Lili in Maëls Arme. Dann zog sie ihre Freundin an sich und hielt sie für ein paar Sekunden ganz fest. »Ich wünsche euch beiden alles Glück dieser Welt.«

Sylvia bemerkte gerührt, dass Tränen in Veronikas Augen glänzten. »Danke, Vero«, sagte sie und sah ihrer Freundin lächelnd in die Augen. »Es ist so schön, dass ihr kommen konntet!«

»Ich bitte dich«, antwortete Veronika und schüttelte ungestüm ihre rote Lockenpracht. »Glaubst du, ich lass dich heiraten, ohne dass ich ein Auge darauf habe?«

Beide lachten. Damals, als Sylvia die schwierigste Zeit ihres Lebens durchgemacht hatte, war Veronika für sie wie ein Fels in der Brandung gewesen. Das hatte die beiden Frauen, die seit dem Studium miteinander befreundet waren, noch fester zusammengeschweißt.

»Schau dir mal deinen Mann an«, meinte Veronika überrascht, als sie sah, wie Maël die kleine Lili liebevoll auf und ab wiegte, sodass die Kleine vor Begeisterung quiekte. »Sag mal, Maël«, wandte sie sich verwundert an ihn, »woher weißt du, wie man ein Baby hält?«

»Wer mit Kamelien umgehen kann«, erwiderte Maël fröhlich, »der weiß auch, wie man eine kleine Prinzessin halten muss. Nicht wahr, Lili?«

Die Kleine juchzte auf und ruderte begeistert mit ihren Ärmchen.

»Mit Laurent musste ich das erst noch üben, als Lili kam. Stimmt’s, Laurent?«

»Das will alles gelernt sein«, meinte Laurent gutmütig lachend und nahm Maël behutsam das Kind ab. »Komm zu deinem grobmotorischen Papa, Lili.« Die Kleine krähte vor Vergnügen, als Laurent ihr ein paar Küsse in die Halsbeuge gab.

Eine ganze Stunde lang nahmen Sylvia und Maël Glückwünsche entgegen, während Champagner und kleine Appetithappen gereicht wurden, mit Lachs gefüllte Pfannkuchenröllchen, gratinierte Artischockenböden mit Sardellenfüllung und winziges Käsegebäck direkt aus dem Ofen.

Schließlich begab man sich zu Tisch. Nach altem bretonischen Brauch musste »ein Greis« eine Rede halten, und nach vielen Scherzen über sein wahres Alter, das niemand so genau kannte, stand der alte Pierrick auf. Alle wurden still.

»Ma chère Sylvie, mon cher Maël«, begann er. »Es ist nicht meine Art, viele Worte zu machen. Außerdem kennt hier jeder eure Geschichte. Aber eines muss heute laut und deutlich gesagt sein: Euch hat das Schicksal zusammengeführt. Vor vielen Jahren bist du auf diese Insel gekommen, Maël, wie ein herrenloses Hündchen. Zwölf Jahre warst du alt, und doch hat dich deine Nase zielsicher dorthin geführt, wo deine Bestimmung auf dich gewartet hat: zu den Kamelien. In Solenn und Lucie hast du zwei Mütter gefunden, die dir das gaben, was du am dringendsten gebraucht hast – Liebe und ein Zuhause.

Als Lucie starb, schien es, als hätte sich das Glück von der Kamelieninsel abgewendet. Die Gärtnerei stand vor dem Aus. Aber dann hat ausgerechnet jene Frau, von der wir alle dachten, dass sie schuld an dem Unglück sei, letztendlich die Rettung gebracht. Heute bist du eine von uns geworden, Sylvia. Du hast ein Dasein in Luxus aufgegeben, um unser einfaches Leben zu teilen. Denn du bist eine kluge Frau, die weiß, dass der kostbarste Glanz in einem Menschenleben nur eines sein kann: eine aufrichtige, wahrhaftige Liebe. Und darum wollen wir heute alle unser Glas auf euch beide erheben, auf Sylvia, auf Maël und auf die Liebe, die euch für immer verbinden möge. Auf dass ihr eins bleibt und niemand euch trennen kann. Nicht einmal ein Haar soll jemals zwischen euch beide passen!«

Unter großem Beifall erhoben die Gäste ihre Gläser zum Wohle der Brautleute. Keinen hielt es auf seinem Stuhl, jeder wollte einen Blick auf den alten Pierrick und das Hochzeitspaar erhaschen. Und noch lange würde man über die Tränen sprechen, die in Sylvias Augen glitzerten, und über das Strahlen im Gesicht des Bräutigams.

Dann wurde das Essen aufgetragen, und nach alter Sitte spielten die Musiker zwischen jedem einzelnen Gang eine andere Tanzweise.

Zur Vorspeise gab es Coquilles Saint-Jacques à la nage, Jakobsmuscheln im eigenen Sud, und eine Godaille, den landestypischen Fischeintopf. Sylvia hatte sich diese einfache Fischermahlzeit gewünscht, war dies doch das Gericht, das Maël an ihrem allerersten Abend nach ihrer überraschenden Ankunft auf der Insel mit ihr geteilt hatte. Den Hauptgang bildete Lammkeule mit Artischocken, und zum Nachtisch reichte man den obligatorischen bretonischen Butterkuchen Kouign Amann und natürlich Maëls Lieblingsgericht, den Far Breton, eine Art Eierauflauf, gefüllt mit in Rum eingelegten Backpflaumen, lauwarm serviert. Wer danach noch Platz in seinem Magen fand, langte kräftig beim Käse zu oder naschte von den berühmten Erdbeeren aus Plougastel.

Die Sonne stand schon tief, als die allerletzten Teller abgeräumt wurden. Einige der älteren Dorfbewohner begannen, sich auf einem Tanzboden zum Klang der Sackpfeife und der Oboe an den Händen zu fassen, um zu tanzen.

»Wie wäre es mit einem Lambig?«, fragte Brioc und stellte ein Tablett mit hauchfeinen tulpenförmigen Schnapsgläsern samt einer Flasche ohne Etikett auf den Brauttisch.

»Oh ja, danke«, meinte Sylvia. »Der kommt jetzt genau richtig. Vero, das ist der beste Apfelschnaps weit und breit. Keiner brennt ihn so gut wie er. Aber glaubst du, Brioc würde irgendjemandem sein Geheimnis verraten?«

»Das Geheimnis liegt in der Geduld, liebe Sylvie.« Der von Wind und Wetter gebräunte Hafenmeister lachte verschmitzt. »Je länger der Lambig in seinem Fass liegen darf, desto besser wird er.«

»Und natürlich kommt es auf das Fass an«, ergänzte Solenn. »Aus welchem Holz es ist, wie alt und was zuvor darin lagerte, nicht? Man sagt, dass Brioc seine Fässer besser bewacht als den Hafen.«

Alle lachten, und Brioc wiegte geheimnisvoll seinen Kopf, während er ein weiteres Glas für Gwen füllte.

»Das sind doch gut und gern dreihundert Gäste, oder?«, bemerkte Veronika beeindruckt.

Die kleine Lili war auf ihrem Arm eingeschlafen, satt und erschöpft, Veronika hatte sie gerade gestillt.

»Vierhundertdreißig«, erklärte Rozenn zufrieden und ließ sich seufzend auf einen Stuhl fallen. »Und das Essen hat tatsächlich gereicht, vom Kuchen ist sogar jede Menge übrig, stimmt’s, Gwen? Wo steckt eigentlich Maël?«

»Ich hab ihn dort hinten mit Coco und diesem anderen Gärtner mit den grünen Haaren gesehen«, gab Veronika zur Antwort.

»Das ist Gurvan, mein Neffe«, erklärte Gwen stolz. »Sie bauen gemeinsam die Anlage auf, für später, wenn die alte Sackpfeife endlich Feierabend macht.«

»Oh, das ist gut.« Morgane, die sich ebenfalls zu ihnen gesellt hatte, stöhnte. »Geht sie euch auch so auf die Nerven wie mir? Merci beaucoup, Brioc, ja, einen Schnaps kann ich jetzt vertragen.«

»Sie spielen noch, bis die Sonne untergeht«, erklärte Solenn schmunzelnd. »Dann kehren die Älteren aufs Festland zurück, und der Garten gehört der Jugend.«

Solenn sollte recht behalten. Kaum senkte sich die Dämmerung über die Insel, wurden Sackpfeife und Oboe eingepackt, und etliche Gäste traten den Heimweg an. Scheinwerferlicht in wechselnden Farben flammte nach und nach auf und verwandelte den Jardin aux Camélias in ein geheimnisvolles Märchenreich.

Gurvan erwies sich tatsächlich als ein äußerst versierter DJ. Unermüdlich legte der junge Gärtner mitreißende Musik im genau richtigen Stimmungswechsel auf, sodass die Hochzeitsgesellschaft überhaupt nicht merkte, wie die Stunden vergingen, bis schließlich schon der Morgen graute. Als die Sonne über den östlichen Horizont kroch und den neuen Tag in ein rosenfarbenes Licht tauchte, bewegten sich nur noch Sylvia und Maël langsam und eng umschlungen zu den Klängen eines alten französischen Liebesliedes auf der Tanzfläche. Es war die knisternde, rauschende Aufnahme des Chansons Hymne an die Liebe, eine uralte Schellackplatte, die Gurvan zum Abschluss auf den Plattenteller gelegt hatte.

Edith Piaf sang: … Solange die Liebe am frühen Morgen meine Tage durchflutet, solange mein Körper unter deinen Händen zittert, alle Sorgen sind für mich ohne Bedeutung, wenn du mich nur liebst …

Je höher die Sonne stieg, desto intensiver schienen sich ihre Strahlen zu purem Gold zu verdichten, erleuchteten zunächst die Kronen der Kamelienbäume, erfassten schließlich Sylvias Haar, zauberten eine Gloriole um Maëls Kopf, und alle, die ihre Augen noch offen halten konnten, sahen voller Staunen, wie das frühe Licht die beiden Liebenden umhüllte wie ein glänzender Mantel.

… Wenn eines Tages jedoch das Leben dich mir entreißt, sang die Piaf, wenn du sterben oder weit von mir sein solltest, es wäre bedeutungslos, wenn du mich nur liebst … Wir hätten die Ewigkeit für uns, dort in der unendlichen Weite des blauen Himmels … denn Gott vereint die, die sich lieben.

Die letzten Takte verklangen.

Auf einmal war es still nach all den Stunden voller Musik, und die Geräusche des Morgens traten hervor. Von ferne hörte man das Plätschern der Wellen. In den Gipfeln der Bäume begann ein Vogel zu singen. Aus der Küche des großen Hauses drang leises Klappern von Geschirr herüber, und Sylvia atmete den Duft von frischem Kaffee.

»Ich kann es kaum fassen«, flüsterte sie an Maëls Ohr. »Es ist schon Morgen. Wo ist bloß die Nacht hin?«

»Das ist der erste Sonnenaufgang, den wir als Mann und Frau erleben«, raunte er zurück.

Sie schmiegte sich noch einmal an ihn, benommen vor Glück und schwindlig von der durchtanzten Nacht. Dann lösten sie sich voneinander, sahen sich lächelnd in die Augen und verließen die Tanzfläche.

Solenn kam mit einer großen Kanne in jeder Hand vom Haus herüber, und ihre Schwester brachte ein Tablett mit bols, diesen typisch französischen Porzellanschalen, aus denen man hier seinen Kaffee zu trinken pflegte. Sie stellten alles auf den Brauttisch und begannen, für jeden einen bol zu füllen.

»Wer hat Lust auf Butterkuchen?«, fragte Morgane. Sie stand auf und streckte sich. »Davon muss noch ziemlich viel übrig sein. Auch vom Far Breton, Maël, den magst du doch so gern. Wer kommt mit und hilft mir tragen?«

»Ich glaube«, meinte Maël, »ihr kommt jetzt ganz gut ohne uns klar?« Und mit einem zärtlichen Blick auf seine Frau fügte er hinzu: »Wir beide ziehen uns nämlich ein bisschen zurück. N’est pas, Sylvie?«

Als Antwort ergriff Sylvia seine Hand und zog ihn lachend mit sich davon. Als sie den Kiesweg erreichten, der durch den Garten hinunter zu ihrem Haus führte, zog sie ihre eleganten Riemchensandalen aus, hob ihr Kleid ein wenig an, um nicht auf den Saum zu treten, und ohne ein Wort zu sagen, rannten beide gleichzeitig ausgelassen los.

Vor dem Haus angekommen hielten sie atemlos inne. Maël öffnete die Tür, dann nahm er Sylvia entschlossen auf seine Arme und trug sie behutsam über die Schwelle. Er trug sie bis ins Schlafzimmer, dort legte er sie vorsichtig auf das Bett.

»Auf immer und ewig«, sagte er, als er ihr half, das Kleid auszuziehen.

»Auf immer und ewig«, antwortete sie und schmiegte sich an ihn.

Am Nachmittag führte Sylvia Veronika und Laurent zu der wenige Kilometer entfernten eigentlichen Inselgärtnerei, wo in einer natürlichen Senke, von Felsen windgeschützt, die Kamelien für den Verkauf heranwuchsen.

»Ich möchte euch etwas ganz Besonderes zeigen«, sagte Sylvia, als sie den Geländewagen abstellte und ihre Freunde an den Feldern entlang zu den Gewächshäusern führte. »Ihr wisst ja, dass Maël hier die neuen Sorten züchtet, für die wir berühmt sind. Vor vielen Jahren, da war er noch ein Teenager, ist ihm eine besonders schöne Kamelie gelungen. Tante Lucie hat sie Sylviana getauft und mir die Vermarktungsrechte an ihr vermacht.«

Sie erreichten eines der älteren Gewächshäuser. Sylvia suchte aus einem umfangreichen Bund den passenden Schlüssel heraus.

»Ist das ein Spezialschloss?«, erkundigte sich Laurent interessiert. »Dieses Gewächshaus scheint besser gesichert zu sein als meine Werkstatt.«

»Aus gutem Grund«, erklärte Sylvia ernst. »Dieser Baum ist ein Vermögen wert. Kommt, seht selbst.«

Sie gelangten zu einer zweiten Tür, die ebenfalls verschlossen war. Dahinter erhob sich ein Glashaus, dessen Kuppeldach gut und gern fünf Meter hoch war. Im Zentrum der Rotunde stand ein schlanker Baum mit einer silbergrau schimmernden glatten Rinde. Seine Krone war kompakt, die schmalen Blätter tiefdunkelgrün und glänzend, als wären sie von einer Lackschicht überzogen.

»Seht nur«, meinte Sylvia stolz und wies auf ein paar spektakuläre handtellergroße Blüten, die aus dem nachtgrünen Laub hervorleuchteten. Wie in einem Spitzenkragen ruhte die amethystfarbene, dicht gefüllte Blüte in einem Kranz aus weißen Blütenblättern. Ganz innen schimmerten silberweiße Staubgefäße wie Sterne aus einem Nachthimmel.

»Ein Traum«, flüsterte Veronika. »Ich muss im Frühjahr wiederkommen, wenn sie in voller Blüte steht.«

»Im Frühling wird sie nicht mehr hier sein«, erklärte Sylvia mit einem Seufzen. »Wir werden den Baum verkaufen. Mit dem Erlös wollen wir das Besucherzentrum bauen, von dem ich euch erzählt habe. Sylviana ist unser Kapital. In diesem Herbst noch beginnt eine Versteigerung, wie sie die Geschichte der Kamelie noch nie gesehen hat. Es gibt nur dieses einzige ausgewachsene Exemplar weltweit. Ich bin gespannt, was es einbringen wird.«

Sylvia zeigte ihren Gästen noch weitere hinreißend schöne Züchtungen, doch keine Kamelie war so prachtvoll wie die Sylviana.

»Tut es dir nicht leid, diesen wundervollen Baum zu verkaufen?«, fragte Veronika, als sie wieder zum Haupthaus zurückfuhren. »Sie ist immerhin eine Erinnerung an deine Tante.«

Sylvia schwieg einen Moment, dann schüttelte sie entschlossen den Kopf. »Lucie war äußerst pragmatisch«, erklärte sie. »Ich bin mir sicher, sie wäre begeistert von der Idee mit dem Besucherzentrum. Ich sehe das alles schon vor mir. Das Bistro, in dem sich die Kunden stärken können, schließlich kommen sie alle von weit her zu uns ans Ende der Welt. Den Laden mit Produkten rund um die Kamelien, Tees, Kosmetik, Bücher und allerlei Geschenkartikel. Und das Infozentrum, in dem man alles über die Geschichte der Kamelie erfahren kann – wie sie aus Asien nach Europa kam, welche Pflege sie braucht und vieles mehr. Sollen wir darauf verzichten, um den Baum zu behalten? Nein, ich denke, es ist die richtige Entscheidung.«

»Es ist wirklich ein schöner Gedanke«, fuhr Veronika versonnen fort, »eine besondere Pflanze einem Menschen zu widmen. Offenbar hat deine Tante dich sehr gerngehabt.«

Sylvia nickte traurig. Noch immer schmerzte es sie, dass sie sich zu Lucies Lebzeiten nie die Zeit genommen hatte, sie hier in ihrem Reich zu besuchen. Damals hatte Sylvia als erfolgreiche Unternehmensberaterin ein hektisches Leben geführt und alles, was nicht mit ihrer Arbeit in Zusammenhang stand, auf später verschoben. Später. Bis es zu spät gewesen und Lucie im besten Alter an einem Hirntumor gestorben war …

»Wir wollten dich und Maël etwas fragen«, riss Veronika sie aus ihren Gedanken, als sie wieder vor dem Haupthaus angekommen waren. »Vielleicht haben wir noch einen Augenblick Zeit miteinander, bevor wir nachher fahren.« Ihre Stimme klang ganz anders als sonst, geradezu feierlich.

»Sicher«, antwortete Sylvia verwundert. »Jederzeit. Soll Maël dabei sein? Schau, dort drüben steht er.«

Kurz darauf saßen sie in Solenns gemütlicher Küche. Lili lag schon wieder in Maëls Arm und machte mit gespitzten Lippen kleine, glänzende Spuckebläschen.

»Wir wollten euch fragen, ob ihr Lust habt, Lilis Taufpaten zu werden«, ergriff Veronika das Wort. »Ich weiß«, fügte sie rasch hinzu, »ihr habt nicht viel Zeit, Sylvia. Nur kann ich mir niemand Besseren für meine Lili vorstellen …«

»Aber Vero«, unterbrach Sylvia sie strahlend. »Natürlich wollen wir das. Nicht wahr, Maël? Ich würde mich jedenfalls riesig freuen!«

»Auf jeden Fall«, fiel Maël ein. »Es ist uns eine große Ehre. Tatsächlich überlege ich schon die ganze Zeit, wie wir es anstellen könnten, Lili hierzubehalten, ohne dass ihr es merkt.«

Veronika und Laurent lachten herzlich. Auch Sylvia stimmte mit ein, während sie Maël einen heimlichen, verwunderten Blick zuwarf. Von Kindern hatten sie nie gesprochen, das war bislang kein Thema zwischen ihnen gewesen.

»Dafür müsst ihr euch schon selbst anstrengen«, antwortete Veronika und streckte die Arme nach ihrer Tochter aus. »Das ist übrigens kein bisschen schwierig. Falls ihr Tipps braucht, wendet euch vertrauensvoll an uns.«

Dann wurde es Zeit, Abschied zu nehmen. Nach Le Mans, wo Veronika und Laurent lebten, waren es gut zwei Stunden Autofahrt.

»Wir sehen uns bei der Taufe«, rief Veronika ihrer Freundin gut gelaunt aus dem geöffneten Autofenster zu. »Ich melde mich, sobald ich den Termin weiß. Ach, ich freu mich so. Es war ein traumhaftes Fest, Sylvia. Aber jetzt muss ich erst einmal eine Woche lang durchschlafen.«

Lange winkten Sylvia und Maël der déesse, der Göttin hinterher, diesem legendären Citroën DS aus den Siebzigerjahren, das Laurent mit viel Liebe immer wieder restaurierte.

»Die kleine Lili ist ja so bezaubernd«, sagte Sylvia nachdenklich.

»Wäre es nicht schön …«, begann Maël und zog sie an sich, »wenn wir auch ein Kind hätten?«

Sylvia stockte der Atem. Sie war siebenunddreißig, und ein Kind war in ihrer Lebensplanung bislang nicht vorgekommen. Immer hatte sie nur ihre Karriere im Sinn gehabt. Selbst jetzt, da sie für die kaufmännische Leitung der Kameliengärtnerei verantwortlich war, arbeitete sie rund um die Uhr.

»Ich hab nie daran gedacht«, gestand sie.

»Ich weiß«, antwortete Maël mit einem Lächeln. »Ich ehrlich gesagt auch nicht. Wenn man aufwächst wie ich, hält man es vermutlich für keine gute Idee, Kinder in die Welt zu setzen.«

Er schwieg nachdenklich und sah in den westlichen Himmel. Dort begannen sich Wolken zu wattigen Gebilden aufzutürmen.

»Aber jetzt hast du Lili auf dem Arm gehabt«, sagte Sylvia liebevoll und schmiegte sich an ihn, »und sie hat dich verzaubert.«

Maël sah ihr fest in die Augen. »Du bist die erste und einzige Frau, mit der ich mir das vorstellen kann«, sagte er und fuhr mit dem Zeigefinger zärtlich die Linie ihres Nackens nach. »Und nicht nur das. Ich fänd es einfach wunderbar.«

Sylvia schloss die Augen. Ihr schwindelte bei dem Gedanken an ein eigenes Kind. Würde sich damit nicht alles verändern?

In den folgenden Tagen hatte Sylvia so viel zu tun, dass es ihr ganz gut gelang, den beunruhigenden und doch auch reizvollen Gedanken an ein eigenes Kind beiseitezuschieben, wenigstens tagsüber. Während sich Maël um die liegen gebliebene Arbeit in der Gärtnerei kümmerte, war sie vollauf damit beschäftigt, die vielen Glückwunschschreiben zu beantworten und sich für die Geschenke zu bedanken. Außerdem war es höchste Zeit, die internationale Versteigerung der Sylviana vorzubereiten, von der so viel abhing. In den vergangenen beiden Jahren hatte sich gezeigt, dass Sylvia mit ihren Plänen für die Zukunft richtiglag. Jetzt mussten sie dringend umgesetzt werden.

Lange Zeit war die Existenz des Jardin aux Camélias, in dem Solenn und Lucie und vor allem der begnadete Züchter Maël alte Kameliensorten kultivierten, die anderswo längst ausgestorben waren, und neue Kreuzungen schufen, nur wenigen Kennern und Sammlern bekannt gewesen. Die isolierte Lage der Insel vor der bretonischen Küste sorgte für Abgeschiedenheit, ja, man musste von der Gärtnerei wissen und nach ihr suchen, um zu ihr zu finden.

Solange Sylvias Tante Lucie noch gelebt und gemeinsam mit Solenn die Gärtnerei mit viel Geduld und Herzblut aufgebaut hatte, war das den beiden Frauen gerade recht gewesen, vor allem Lucie, die vor ihrer Familie in Deutschland regelrecht geflüchtet war, nachdem diese es nicht akzeptieren wollte, dass sie eine Frau liebte und glücklich mit ihr zusammenlebte. Und doch hatte Sylvias Tante vor ihrem viel zu frühen Tod bereits geahnt, dass die beschaulichen Zeiten vorüber waren. In einem Brief, der ihrem Testament beilag, bat sie Sylvia, Solenn unter die Arme zu greifen, was die wirtschaftliche Seite des Unternehmens anbelangte. Denn wenn auch das Familienzerwürfnis dafür gesorgt hatte, dass der Kontakt zu der damals noch jungen Sylvia abgerissen war, so hatte Lucie die Karriere ihrer geliebten Nichte aus der Ferne verfolgt und gewusst, dass sie eine ausgezeichnete Geschäftsfrau war.

»Der Jardin aux Camélias muss besucherfreundlicher werden«, hatte Sylvia schon empfohlen, als sie auf die Insel gezogen war. Für einen rentablen Betrieb reichte es nicht aus, wenn hin und wieder ein Sammler eine besondere Kamelie erwarb. Immerhin hatten der Skandal um die Erbschaft, der drohende Verkauf an einen britischen Investor, der die Insel in ein Golfresort verwandeln wollte, und Sylvias Rettung in letzter Minute die Gärtnerei in die Medien gebracht. Die Kamelieninsel galt seither als Symbol für erfolgreichen Widerstand, die Bilder, auf denen sich bretonische Frauen und Männer, Kinder und Greise mutig den Baufahrzeugen des Spekulanten Sir James Ashton-Davenport entgegengestellt hatten, waren um die ganze Welt gegangen.

Doch unter dem Ansturm der Besucher, die daraufhin die Insel überflutet hatten, wären Solenn und ihre kleine Truppe von Gärtnerinnen und Gärtnern beinahe zusammengebrochen. Autokolonnen hatten besonders an den Wochenenden das nahe gelegene Küstenstädtchen und die Zufahrt zur Insel verstopft.

Vor Urzeiten war die Insel durch eine schmale Landzunge mit dem Festland verbunden gewesen, an der das Meer so lange genagt hatte, bis nur noch ein schmaler Damm übrig geblieben war, über den man bei Ebbe mit dem Wagen auf die Insel gelangen konnte. Inzwischen hatte man ihn verbreitert und besser befestigt. Dennoch nagten die Gezeiten und vor allem die Winterstürme ständig an seinem Fundament. Frühjahr für Frühjahr wurde er erneuert und den sich wandelnden Strömungen angepasst. Pierrick kümmerte sich seit Jahrzehnten um den Damm und behauptete, ihn so gut zu kennen wie seinen eigenen Teekessel.

Der kleine Hafen und der Parkplatz waren inzwischen ebenfalls vergrößert worden, und Briocs ältester Sohn Yann hatte ein florierendes Wassertaxiunternehmen gegründet, um Besucher auch bei Flut übersetzen zu können, wenn es das Wetter erlaubte.

Doch einmal auf der Insel wollten die Gäste gern ein wenig verweilen, und da die systematisch in übersichtlichen Reihen angelegten Felder der eigentlichen Gärtnerei für Laien nicht besonders sehenswert waren – die meisten Pflanzen bildeten erst nach einigen Jahren ihre wundervollen Blüten –, hielten sich die Besucher am liebsten im Jardin aux Camélias auf. In dem riesigen Park beim Herrenhaus waren die ersten Kamelien schon vor mehr als hundert Jahren gepflanzt worden, seit Generationen entfalteten sie dort ihre Pracht. Nur die ernsthaft am Kauf Interessierten wurden zu den Pflanzungen und Gewächshäusern in der wenige Kilometer entfernten Senke gebracht.

So war die Kamelieninsel zu einer Besucherattraktion in dieser Gegend geworden, die Hotels an der Küste waren ausgebucht wie nie. Etliche Familien des nahe gelegenen Städtchens wandelten ihre leer stehenden Kinderzimmer in Gästezimmer um oder bauten alte Ziegenställe zu hübschen Ferienappartements aus. Auch die Restaurants, Salons de thé und Crêperien erfreuten sich großen Zulaufs. Warum also nicht auf der Insel selbst ein kleines Bistro eröffnen und von all jenen profitieren, die nicht unbedingt eine Kamelie kaufen wollten, sondern kamen, um sich den prächtigen Park mit den uralten Bäumen beim großen Haus anzusehen?

Immer wieder wurde nach Souvenirs gefragt, und Sylvia hatte im Lauf der Zeit eine umfangreiche Liste von Produkten angelegt, die zum Thema Kamelien passten. Es wurde langsam Zeit, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.

»Hast du darüber nachgedacht?«, fragte Maël eines Abends, nachdem sie sich voller Hingabe geliebt hatten und Sylvia glücklich und entspannt in seinen Armen lag.

»Worüber denn?«, fragte sie schlaftrunken.

»Du weißt genau, was ich meine«, antwortete er und gab ihr einen Kuss aufs Kinn. »Ob wir versuchen sollen, ein Kind zu bekommen.«

Sylvia war plötzlich wieder hellwach. »Ich bin schon Ende dreißig«, wandte sie leise ein.

»Eben«, gab Maël zurück. »Wir sollten also keine Zeit verschwenden.« Sylvia betrachtete die geliebten Gesichtszüge, Maëls volle Lippen, die sich so samtig anfühlten, seinen von Wind und Wetter gezeichneten Teint und vor allem seine Augen, an denen sie seine Gefühle ablesen konnte wie aus einem offenen Buch. Sie fuhr mit ihren Fingern sacht durch sein Haar, und auf einmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie ihr gemeinsames Kind wohl aussehen würde. Es wäre schön, dachte sie, wenn es seine Augen hätte. Und die Form seiner Lippen. Und … »Ich weiß, dass du Angst hast«, fuhr Maël fort, als sie nicht antwortete. »Ganz ehrlich, das hab ich auch. Vielleicht sogar noch mehr als du. Und trotzdem. Noch mehr Angst, als dass sich unser Leben völlig ändern wird, hab ich davor, dass wir etwas Wichtiges verpassen könnten. Etwas, das wir später bereuen würden.«

»Wie stellst du dir das vor?«, fragte Sylvia scheu. »Ich meine ganz konkret. Alle Mütter, die ich kenne, sind für ein paar Jahre außer Gefecht gesetzt. Sie nehmen sich fest vor, dass ein Kind ihre Arbeit überhaupt nicht beeinträchtigen wird. Dass sie das schon irgendwie hinbekommen. Aber wenn es erst da ist, das Kind, dann sieht alles anders aus.«

»Ich hab mit Solenn darüber gesprochen«, gestand Maël. »Ich wollte ihre Meinung hören. Sie sagt, sie sieht überhaupt kein Problem, was die Betreuung anbelangt. Sie würde liebend gern helfen, unsere Kinder großzuziehen. Überhaupt hätte sie nichts dagegen, sich mehr aus dem Geschäft herausziehen zu können. Ich glaube, Solenn wäre eine tolle Großmutter. Meinst du nicht? Und notfalls stellen wir eine Kinderfrau ein.«

… unsere Kinder, echote es in Sylvias Kopf. Jetzt spricht er schon von mehreren …

»Vielleicht solltest auch du mal mit ihr reden«, fügte Maël hinzu. »Oder mit Veronika, so von Frau zu Frau.« Jetzt grinste er und drückte sie an sich. Dann wurde er wieder ernst. »Aber eines musst du wissen: Wenn du Nein sagst, werde ich dich zu nichts überreden. Das verspreche ich dir.«

»Dann liegt der Schwarze Peter also bei mir?«, fragte sie. Ihr war ein wenig unbehaglich zumute.

Maël schüttelte den Kopf und sah ihr in die Augen. »Nein. Kein Schwarzer Peter. Wir können das nur gemeinsam entscheiden. Darüber sprechen, überlegen, das muss doch möglich sein, n’est-ce pas?«

Sylvia nickte und schmiegte sich noch enger an ihn. Wie sehr sie ihn liebte. Sie würde sich hier endlich einen Frauenarzt suchen und sich erkundigen, wie hoch die Risiken wären in ihrem Alter. Schon lange stand das auf ihrer Agenda, und dennoch schob sich immer Wichtigeres dazwischen. Und sie würde ein paar Statistiken konsultieren. Sie würde mit Vero sprechen, sie um Rat fragen. Ihre Freundin war etwas jünger als sie. War das in ihrem Alter entscheidend?

Obwohl ihr Verstand noch arbeitete und wie immer versuchte, eine vernünftige Strategie zu erarbeiten, wusste sie jetzt schon, dass etwas tief in ihr Feuer gefangen hatte. Etwas zog und zerrte in ihrem Innern, ein Wunsch war erwacht, von dessen Existenz sie niemals etwas geahnt hatte. Auf einmal glaubte sie auch wieder, diesen betörenden Duft nach Vanille und Bittermandel und noch vielen anderen Aromen wahrzunehmen, die sie an Lilis kleinem Babykopf erschnuppert hatte, fühlte die Berührung der winzigen Hände, das Leichtgewicht auf ihrem Arm und erinnerte sich an den Drang, dieses kleine Wesen an sich zu drücken und zu behüten …

Neben ihr atmete Maël ruhig und gleichmäßig. Im Schlaf wirkte er immer ein bisschen wie ein großer Junge. Zärtlichkeit wogte in ihr auf. Sylvia spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging, die samtige Berührung seiner Haut.

Warum nicht?, fragte eine kleine, feine Stimme in ihr. Warum nicht mit ihm verschmelzen und neues Leben schenken?

Da wusste Sylvia, dass sie keine Beratung mehr nötig hatte. Ja, sie wollte ein Kind von und mit Maël. Ganz egal, was sich daraus entwickeln würde. Und mit diesem aufregenden, zauberhaften und doch auch beunruhigenden Gedanken schlief sie schließlich ein.

2
Die Versteigerung

»Was glaubst du, was der Verkauf der Sylviana einbringen könnte?«

Draußen tobte ein Novembersturm, doch die hohen Mauern um den Jardin aux Camélias boten ihnen Schutz. Nur das Heulen des Windes drang zu ihnen herein und das Tosen der Wellen, die mit Wucht gegen die Insel brandeten.

Sylvia rollte die Pläne sorgfältig zusammen, die sie, wie an so vielen Abenden zuvor, gemeinsam auf dem Tisch in der Küche des großen Hauses ausgebreitet hatten. Es gab so viele Details zu bedenken. Die neuen Gebäude würden aus Naturstein erbaut werden wie die seit Langem bestehenden Häuser, ihre Gestalt der Topografie der Insel angepasst. Die Dächer sollten mit dem einheimischen grauen Schiefer gedeckt werden, sodass sie sich unauffällig in die natürliche Umgebung einfügen würden. Zwar war das Bauvorhaben von den Behörden bereits genehmigt, dennoch hatte eine lokale Umweltschutzbewegung, allen voran ein gewisser Kilian Nuz, kürzlich Bedenken geäußert.

Sylvia nahm die Einwände ernst, wusste sie doch, dass sie sich auf keinen Fall Feinde schaffen durften. Also hatte sie für das kommende Wochenende zu einem Symposium auf der Insel geladen, um die unterschiedlichen Standpunkte zu diskutieren, sie an den allgemeinen Umweltrichtlinien zu messen und, falls notwendig, einen Kompromiss zu finden. Sylvia hatte sogar einen Vertreter der Baubehörde dazu überreden können, zu diesem wichtigen Treffen zu erscheinen.

»Was die Sylviana einbringen wird? Schwer zu sagen«, antwortete Sylvia auf Solenns Frage. »Mein Ziel wären zweihunderttausend. Dann gibt es keine Probleme mit dem Bankkredit.«

Sie notierte noch ein paar Punkte in ihr Notebook, ehe sie es ausschaltete und sich müde zurücklehnte.

»Du arbeitest mal wieder zu viel«, bemerkte Solenn mit Blick auf die dunklen Ringe unter Sylvias Augen. »Das ist ja leider nichts Neues.«

Sylvia seufzte. »Sei so lieb, Solenn«, sagte sie, »und schenk mir einen Lambig ein.«

Solenn zog ihre Brauen zusammen. »Meinst du nicht, dass du eventuell …«

»Nein«, schnitt Sylvia ihr rasch das Wort ab. »Ich hab heute Morgen wieder meine Tage bekommen.« Resignation lag in ihrer Stimme.

»Das ist normal, ma fille«, tröstete Solenn sie und holte eine Flasche Apfelbrand aus dem Schrank. »Du hast jahrelang die Pille genommen. Jetzt braucht dein Körper Zeit.«

»Ich weiß«, sagte Sylvia. »Trotzdem. Vielleicht klappt es ja gar nicht. Vielleicht bin ich einfach zu alt. Vielleicht …«

»Arrête!«, unterbrach Solenn sie streng. »So darfst du nicht denken. Hab Geduld. Das wird schon, ich hab das im Gefühl.«

Sylvia sah ihre Freundin liebevoll an. Solenn hatte mit ihren gut sechzig Jahren viel durchgemacht. Als lesbische Frau in dieser ländlichen Gegend aufgewachsen war sie in ihrer Jugend eine Außenseiterin gewesen. Ihre Lehrjahre als Landschaftsgärtnerin hatte sie in der Normandie verbracht, wo sie sich eine raue Schale zugelegt hatte. Dort war sie zum ersten Mal mit Kamelien in Berührung gekommen. Erst als sie Lucie kennen- und lieben gelernt hatte, mit der sie sich hier auf der Insel niederließ, hatte ihr Leben eine glückliche Wendung genommen. Lucie hatte mit ihrem einnehmenden Wesen letztendlich dafür gesorgt, dass sie als Paar hier an der Küste akzeptiert und respektiert worden waren.

Als Lucie gestorben war, hätte Solenn beinahe den Boden unter ihren Füßen verloren, und das sogar buchstäblich. Lucies Testament, in dem sie die Insel ihrer Lebensgefährtin vermacht hatte, war verschwunden. Die Behörden hatten Sylvia als gesetzliche Erbin ausgemacht, und durch eine Intrige von Sylvias damaligem Ehemann Holger war die Insel so gut wie verloren gewesen. Immer hatte Solenn großen Mut bewiesen.

Sie hat recht, dachte Sylvia, während sie an dem aromatischen Lambig nippte, der bretonischen Version des normannischen Calvados. Eigentlich hab ich wirklich keinen Grund, niedergeschlagen zu sein.

Und auf einmal wurde sie fast ärgerlich über sich selbst. Wie war es möglich, dass so etwas Banales wie das Einsetzen ihrer Menstruation sie derart aus der Bahn warf? So kannte sie sich gar nicht. Jedes noch so große geschäftliche Problem nahm sie als willkommene Herausforderung, eine Lösung zu finden. Aber genau das war es. Probleme konnten gelöst werden, Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Nur ihrem Körper befehlen, schwanger zu werden, das funktionierte nicht …

»Ich habe davon geträumt«, riss Solenn sie aus ihren Gedanken. »Ich habe Maël mit einem Sohn gesehen«, fuhr sie fort. »Also vertrau ganz einfach deinem Körper und lass ihm die Zeit, die er braucht.« Sylvia stiegen Tränen in die Augen. Solenn griff nach ihrer Hand und drückte sie fest. Dann stand sie auf und zog ihr Schultertuch fester um sich. Es war nicht die Art der Bretonin, allzu rührselig zu sein. »Gute Nacht, Sylvie«, sagte sie und nickte Sylvia noch einmal zu.

»Gute Nacht, Solenn«, antwortete diese leise.

In Gedanken fügte sie hinzu: Schlaf gut und träum weiter von so schönen Dingen. Sie atmete tief durch und fühlte, wie sich ihre Niedergeschlagenheit in Nichts auflöste. Sie und Maël würden einen Sohn haben. Alles, was sie brauchte, war Geduld.

Bei dem Symposium mit den Umweltschützern lief Sylvia einmal wieder zu ihrer Höchstform auf. Nicht umsonst hatte sie viele Jahre lang erfolgreich als Unternehmensberaterin und Konfliktmanagerin gearbeitet. Sie wusste, dass am Ende jeder Beteiligte das Gefühl brauchte, etwas gewonnen zu haben. Die Herausforderung war, dass dies nicht auf Kosten des Projekts ging, denn oftmals bedeutete ein Kompromiss, dass gerade das Besondere einer Idee geopfert werden musste. Und auf keinen Fall wollte Sylvia mit der Planung wieder ganz von vorne beginnen, immerhin hatte es viele Monate gedauert, bis sie alle Genehmigungen erhalten hatte.

Glücklicherweise stellte sich bald heraus, dass ihre Kritiker in vielen Details falsch unterrichtet gewesen waren und die meisten ihrer Argumente durch Fakten entkräftet werden konnten. Am Ende fanden sie eine Lösung, die in Sylvias Augen sogar eine Verbesserung bedeutete. Denn auch ihr war daran gelegen, dass das Besucherzentrum den Zauber und die Natürlichkeit der Insel nicht störte. Und wie sie es erwartet hatte, waren Kilian Nuz und seine Mitstreiter von Sylvias Vorschlag, eine permanente Ausstellung mit Informationen über die seltenen Seevogelarten, die auf der Insel Jahr für Jahr brüteten, ins Besucherzentrum zu integrieren, geradezu begeistert. Sie hatte recherchiert und herausgefunden, dass sie für ein solches Projekt sogar Mittel von der Regierung in Paris und bei der EU beantragen konnte. Auf diese Weise würde es möglich sein, zwei Probleme auf einmal zu lösen: Sie konnte auf Kilians Unterstützung zählen, gleichzeitig hatte sie die Chance, für einen Teil der Baukosten Zuschüsse zu erhalten. Und die Vogelstation wäre außerdem eine zusätzliche Attraktion für Touristen.

Erleichtert verabschiedete sie die Delegation und kehrte müde und zufrieden zurück ins Ti Bag, wie man Maëls Haus auf Bretonisch nannte, das nun schon längst auch ihres war.

Der Sturm hatte sich gelegt, und hin und wieder war an diesem Wochenende sogar die Sonne zwischen den dichten Wolkengebilden herausgekommen. Ti Bag, was so viel wie Bootshaus bedeutete, lag am äußersten Ende des Parks und beherbergte ursprünglich einen großen, aus Naturstein erbauten Bootsschuppen, in der die Fischerfamilie, in deren Besitz die Insel über Generationen hinweg gewesen war, ihre Kutter instand gehalten hatte. Die Kerguénnecs hatten eine richtige kleine Fischereiflotte besessen und zahlreiche Männer von der Küste beschäftigt, darunter Solenns Vater.

Als Maël nach seinem Studium der Botanik auf die Insel zurückgekehrt war, statt einen Posten als Professor an einer der internationalen Universitäten anzunehmen, was ihm sogar heute noch hin und wieder angeboten wurde, hatte er die halb verfallene Bootshalle über Jahre hinweg gemeinsam mit Pierrick liebevoll restauriert. Das Ergebnis war ein eigenwilliges Haus, dessen Mittelpunkt »die große Halle« bildete, wie Maël die frühere Werkstatt nannte. Wie in einem Loft waren hier sowohl eine offene Küche, ein Essplatz und ein gemütlicher Wohnbereich mit Sesseln um einen Kamin untergebracht. Über der Feuerstelle hatte das Gemälde mit dem Porträt von Tante Lucie einen würdigen Platz gefunden, das Solenn Sylvia geschenkt hatte. Nur Schlaf- und Badezimmer waren von der großen Halle getrennt. Auf einer kleinen Galerie hatte Sylvia sich ein Homeoffice eingerichtet, denn immer wieder nahm sie Arbeit mit nach Hause – was Maël allerdings nicht so gern sah.

Sylvia folgte einem Impuls und stieg hinauf ins Dachgeschoss, von dem Maël ebenfalls schon einen Teil ausgebaut hatte. Zwei ovale Fenster in den Giebeln vermittelten das Gefühl, sich auf einem Schiff zu befinden, von Wellen umgeben. Hier stand ein bequemes Sofa, das sich im Handumdrehen in ein gemütliches Gästebett umwandeln ließ, und in die schrägen Wände waren Bücherregale eingepasst, eine gut sortierte Bibliothek über Kamelien von Maël und eine ständig wachsende über Unternehmensführung von Sylvia. Auf diese Weise war das Dachgeschoss zum gemütlichen Rückzugsort geworden, in dem außerdem Veronika und ihre kleine Familie übernachteten, wenn sie zu Besuch kamen.

Wie jedes Mal genoss Sylvia auch an diesem Abend die Aussicht aus dem westlichen Fenster, durch welches noch ein bleicher Rest des Sonnenuntergangs am Horizont zu erkennen war. Wolkenberge in unterschiedlichen Grautönen jagten auf das Festland zu, die See rollte mit unerbittlichen Brechern heran. Auf der anderen Seite reflektierte die Küstenlinie das mauvefarbene Abendlicht, der Leuchtturm schickte sein umlaufendes Lichtsignal bereits in unbeirrbarer Regelmäßigkeit über Land und Meer.

Hier würde ihr gemeinsames Kind einmal wohnen, wenn es größer wäre, so hatten sie es beschlossen. Im Geiste richtete Sylvia den Raum schon kindgerecht ein. Statt ihrer und Maëls Bibliothek würden Kinderbücher die Regale füllen, Spiele, Malsachen … In den ersten Jahren würde das Kind natürlich noch bei ihnen unten wohnen. Neben dem Schlafzimmer gab es noch eine unbenutzte Kammer mit einem kleinen Fenster, gerade groß genug für ein Kleinkind. Die würden sie in zarten Pastelltönen streichen. Wenn das Kind erst einmal sicher allein die Treppe hinauf- und hinabsteigen könnte, würde es Zeit werden für ein eigenes Reich hier oben. Und wenn sich tatsächlich noch ein Geschwisterchen einstellen sollte, konnte man den Dachstuhl weiter ausbauen …

Sylvia atmete tief durch und ging hinunter in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten – etwas Käse, Tomaten, eine Geflügelpastete mit Brot. Für sich selbst schnitt sie eine Scheibe von dem Vollkornbrot ab, das Solenn ihr hin und wieder nach deutschem Rezept backte, ein echter Liebesbeweis und das Einzige aus ihrer Heimat, auf das Sylvia nur schwer verzichten konnte. Maël war offenbar immer noch in den Gewächshäusern beschäftigt. Wieder einmal tüftelte er an der Kreuzung zwischen zwei seltenen Kamelien, die noch keinem gelungen war. Dabei half ihm in der Regel Gurvan, seine rechte Hand.

Sylvia nahm ihren Teller mit hinauf zur Galerie und schaltete ihren Computer an. Ein letztes Mal kontrollierte sie das Onlineexposé für die Versteigerung der Sylviana, klickte die einzelnen Fotos an, die den Baum in jedem seiner herrlichen Details über die Jahreszeiten hinweg zeigte, las noch einmal den Text mit seiner botanisch korrekten Beschreibung durch. Dann prüfte sie zum wiederholten Male die Bedingungen der Auktion.

Wichtiger Bestandteil war eine Klausel, die Sylvia besonders hervorgehoben hatte: Sylviana war ein Unikat, vom Jardin aux Camélias würde in den nächsten zehn Jahren kein weiteres Exemplar dieser Sorte auf den Markt gelangen. »Dazu verpflichten sich die Rechteeigentümerin Sylvia Riwall und der Züchter Maël Riwall ausdrücklich und haften im Falle des Zuwiderhandelns mit einer Konventionalstrafe in doppelter Höhe des am Ende der Auktion festgesetzten Verkaufspreises.«

»Wie hoch ist das Risiko«, hatte ihr Anwalt Millet sie gefragt, »dass eine identische Pflanze aus eurer Gärtnerei auf den Markt gelangt?«

»Es gibt kein Risiko«, hatte Sylvia geantwortet.

Sicher. Da waren ein paar kleinere Ableger der Sylviana, keine Bäume, sondern etwa kniehohe Sträucher, die noch nie geblüht hatten. Sie befanden sich in dem doppelt gesicherten Gewächshaus, zu dem außer Maël nur Gurvan einen Schlüssel hatte. Sylvia wollte sie als Erinnerung an ihre Tante behalten. Sie waren ihr Privatbesitz und würden niemals verkauft werden.

Um Mitternacht sollte die Präsentation online gehen und die Auktion beginnen. Sylvia hatte eine Laufzeit von zwei Wochen festgelegt, und falls es dann noch konkurrierende Angebote geben sollte, konnten die Interessenten ihre sogenannten last offers abgeben. Das höchste Angebot würde den Zuschlag erhalten.

Sylvia hörte, wie die Tür aufging, Maël kam herein.

»Bist du etwa immer noch am Computer?«, rief er zu ihr herauf.

Schnell schaltete Sylvia den Rechner aus. Es war höchste Zeit, sich auszuruhen. Zwei spannende Wochen warteten auf sie.

Zu Sylvias Enttäuschung begann die Auktion eher schleppend. Der Startpreis wurde zwar von einem Interessenten knapp überboten, dann passierte drei geschlagene Tage lang überhaupt nichts. Sylvia war wie vor den Kopf gestoßen. Erst vor einem Monat hatte ein Higo-Bonsai bei einer Versteigerung einen exorbitanten Preis erzielt, obwohl es sich um eine längst bekannte und bei Sammlern durchaus verbreitete Kamelie gehandelt hatte, seine einzige Besonderheit war die außergewöhnliche Wuchsform gewesen. Sie konnte sich das Desinteresse der Sylviana gegenüber nicht erklären.

Einen ganzen frustrierenden Tag lang recherchierte sie weitere Foren und versuchte verzweifelt, noch mehr Menschen zu erreichen, die sich für den Kauf eines so außergewöhnlichen Kamelienbaums interessieren könnten. In Gedanken rechnete sie bereits die Kosten für das Besucherzentrum herunter, von Stunde zu Stunde schrumpfte es in ihrer Vorstellung, und sie wurde immer unglücklicher bei dem Gedanken, möglicherweise so viele Abstriche machen zu müssen.

Endlich, am Freitag der ersten Woche, kam ein wenig Bewegung in die Versteigerung. Ein Sammler aus Kuwait war eingestiegen und konkurrierte eine Weile mit einem Bieter aus den Vereinigten Staaten. Dann kamen in rascher Folge Gebote aus Russland dazu, und das Ganze nahm endlich Fahrt auf. Am Mittwoch der zweiten Woche stand das Gebot bei hundertfünfzehntausend, und Sylvia war so aufgeregt, dass sie sich kaum vom Bildschirm losreißen konnte. Sie hoffte so sehr, dass sie ihr Ziel, eine Zwei vor fünf Nullen, erreichen würden. Doch auf einmal schien es, als wären sowohl der Bieter aus den USA als auch der aus Russland ausgestiegen. Wieder starrte Sylvia auf einen Bildschirm, auf dem sich nichts bewegte.

Der Donnerstag blieb ruhig, so als wäre das Rennen bereits entschieden. Als Sylvia am Freitagmorgen den Rechner hochfuhr, wollte sie allerdings ihren Augen kaum trauen. Ein neuer Bieter war auf den Plan getreten, er hatte sich in der vergangenen Nacht mit dem Kuwaiter ein erbittertes Ringen um die Sylviana geliefert. Zwar bewegte sich das Duell in kleinen Schritten, immerhin bot der unbekannte Sammler inzwischen knapp hundertsiebzigtausend Euro. Sylvia atmete auf. Sie hatte es fast geschafft. Mit ein wenig Glück würde sie ihr Ziel erreichen. Oder ihm wenigstens nahekommen.

Am Samstagmorgen stieg Sylvia mit ihrem geöffneten Notebook bewaffnet geistesabwesend zu Maël in den Wagen.

»Willst du jetzt das ganze Wochenende auf den Bildschirm starren?«, fragte Maël ungläubig. »Wir fahren zu Lilis Taufe!«

Sylvia sah zu ihm auf, dann klappte sie entschlossen den Laptop zu und verstaute ihn in seiner Tasche.

»Du hast recht«, sagte sie.

Maël lachte über ihr schuldbewusstes Gesicht. »Ich glaube, es tut dir gut, mal eine Pause einzulegen. Wenn wir morgen Abend nach Hause kommen, dann siehst du das Ergebnis. Du kannst ja ohnehin keinen Einfluss nehmen.«

»Du hast vollkommen recht«, wiederholte Sylvia und fühlte erleichtert, wie die Anspannung von ihr abfiel.

»Oh mein Gott«, rief sie aus, als Maël schon den Motor gestartet hatte. »Jetzt hätte ich beinahe die dragées vergessen!«

Rasch sprang sie aus dem Wagen und eilte in Solenns Haus. Die Freundin hatte für sie mit weißem Zucker überzogene Mandeln besorgt. Wie versprochen fand Sylvia auf dem Küchentisch einen Korb mit dreiundvierzig Beutelchen aus Tüll mit je sieben solcher dragées, die sie als Patin an die anderen Taufgäste verteilen würde.

»Hast du das Geschenk?«, fragte Maël, als Sylvia den Korb im Kofferraum unterbrachte.

»Den Anhänger?«, fragte Sylvia. »Ja, den hab ich.«

Vorsichtshalber tastete sie nach dem kleinen Etui. Bei einer Silberschmiedin hatten sie für Lilianne einen Anhänger in Form einer Kamelie anfertigen lassen, auf deren Rückseite ihr Name und Geburtsdatum eingraviert war.

»Na, dann kann es ja losgehen.« Maël schmunzelte, als sie das Tor des Jardin aux Camélias passierten.

Als sie bei Veronika und Laurent eintrafen, hatte Sylvia die Auktion und alles, was damit zusammenhing, so gut wie vergessen. Schon nach zehn Minuten lag die Kleine in Maëls Armen und krähte so vergnügt, als würde sie ihn tatsächlich wiedererkennen.

»Ich fürchte wirklich, dein Mann ist reif, Vater zu werden«, sagte Veronika, als sie ihrer Freundin im Kinderzimmer das Taufkleidchen zeigte.

»Stimmt«, antwortete Sylvia fröhlich. »Und stell dir vor, wir üben fleißig. Bisher hat es leider noch nicht geklappt.«

Veronika ließ das mit Rüschen besetzte Kleidchen sinken und starrte Sylvia überrascht an.

»Du willst schwanger werden?«

»Ja«, antwortete Sylvia ein bisschen befremdet. »Warum denn nicht? Du sagst das, als würdest du mir das nicht zutrauen.«

»Aber … du wolltest doch nie Kinder«, platzte Veronika heraus. »Bist du sicher, dass du dich nicht zu etwas hinreißen lässt, das du später bereust? Sylvia, wir kennen uns nun schon eine halbe Ewigkeit. Und nie hast du geäußert, dass du gern Mutter werden willst.«

Sylvia sank auf den zartblauen Sessel, der in einer Ecke des Kinderzimmerst stand. Über einer seiner gepolsterten Lehnen lag sauber zusammengelegt eine frische Stoffwindel. Sie stellte sich ihre Freundin vor, wie sie hier saß und ihre kleine Tochter stillte. Alles roch so unglaublich umwerfend nach Baby. Auf einmal brannte es hinter Sylvias Augen, und ihre Kehle wurde eng. Verzweifelt presste sie ihre bebenden Lippen zusammen. Nicht einmal ihre beste Freundin konnte sich vorstellen, dass sie schwanger werden könnte.

»Sylvie, was ist los mit dir?«, fragte Veronika erschrocken, kniete sich vor sie hin und ergriff ihre Hände. »Du weinst doch nicht etwa? Oh mein Gott, ich wollte dich nicht kränken! Ich möchte nur nicht, dass du aus purem Überschwang oder weil Maël gerade so in Lili verliebt ist, einen Fehler machst. Nicht jede Frau muss unbedingt Kinder bekommen. Du musst dir nichts beweisen, Sylvia. Das ist es, was ich eigentlich sagen wollte.«

Sie ergriff die weiche Stoffwindel und tupfte behutsam Sylvias Augen ab, ehe ihre Wimperntusche die Chance hatte, zu zerfließen.

»Wahrscheinlich klappt es eh nicht«, sagte Sylvia mit zitternder Stimme. »Wir probieren es jetzt schon den dritten Monat. Vermutlich bin ich zu alt …«

»Unsinn«, unterbrach ihre Freundin sie liebevoll. »Drei Monate sind gar nichts. Und das Alter ist heutzutage sowieso kein Thema mehr, jedenfalls solange man unter vierzig ist. Schau mich an! Ich hab allerdings nicht so viel Stress wie du. Vielleicht solltest du ein bisschen kürzertreten, dich irgendwie entspannen …«

»Klar«, sagte Sylvia, als sie sich wieder gefangen hatte. »Wenn die Sylviana erst verkauft ist, dann wird alles besser.«

»Na ja, ich weiß nicht«, wandte Veronika skeptisch ein. »Dann geht das mit dem Bauen los. Besonders entspannend stelle ich mir das nicht vor. Ihr solltet endlich mal miteinander wegfahren, Maël und du. Seit du auf der Insel lebst, habt ihr noch nicht ein Mal Urlaub gemacht. Von einem Wochenende bei uns mal abgesehen, aber das ist doch kein Urlaub.«

»Aber …«

»Nichts aber«, fiel ihr Veronika streng ins Wort. »Wenn du schwanger werden willst, dann rate ich euch, dass ihr endlich mal ausspannt. Warum holt ihr nicht eure Hochzeitsreise nach? Ja, jetzt schau mich nicht so an, als würde ich chinesisch sprechen. Honeymoon nennt man das. Andere Leute gönnen sich so etwas, ob du es glaubst oder nicht. Laurent und ich zum Beispiel.

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