Logo weiterlesen.de
Die Frau des Täuferkönigs

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Historische Anmerkung

Nachwort

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Abbildung

Abbildung

PROLOG

Ich bin auf den Namen Emanuel getauft worden. Meine Mutter hat das einst so entschieden, weil dieser Name eine Bedeutung hat: Gott ist mit dir.

Gewiss hatte meine Mutter mit diesem Namen nur das Beste für mich im Sinn. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, muss ich aber feststellen, dass der Allmächtige mir selten nahe war. Eigentlich habe ich mich ihm immer gegenüber fremd gefühlt. Mit den Jahren begann ich daran zu zweifeln, dass Gott tatsächlich in der Lage ist, in unser Leben einzugreifen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich so häufig zum Zeugen merkwürdiger religiöser Ausschweifungen wurde.

Ich will hier einen Bericht über ein Ereignis ablegen, das meine Ernüchterung besser nachvollziehen lässt. Das Geschehene liegt lange zurück. Damals war ich ein Mann von noch nicht ganz dreißig Jahren. Doch trotz all der Zeit, die seitdem vergangen ist, haben sich die Vorkommnisse so tief in meine Erinnerung eingegraben, dass ich mich in der Lage sehe, diese Geschichte wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ich werde erzählen, was mir im Jahr 1534 in der Stadt Münster widerfahren ist. Münster wurde zu dieser Zeit von den Landsknechten des Bischofs Franz von Waldeck belagert. Die Stadt befand sich in der Gewalt der Wiedertäufer, einer Gemeinschaft christlicher Sektierer. Sie hatten sich in Münster verschanzt, um dort ein Neues Jerusalem zu errichten. Diese Menschen waren davon überzeugt, dass Gottes reinigendes Strafgericht schon bald über die Welt hereinbrechen und nur die aufrechte Gemeinde Christi verschonen würde – die sich nach Ansicht der Täufer in Münster versammelt hatte.

Ich war zugegen in diesem Neuen Zion, in dem sich der ehemalige Hurenwirt Jan Bockelson zum Propheten und bald darauf zum König erhob, um seine Gemeinde nach der Apokalypse in die von der Sünde befreite neue Welt zu führen. Um das zu erreichen, predigte der Prophet Besitzlosigkeit, trug aber am eigenen Leib die kostbarsten Gewänder. Er ließ seine Anhänger aufgrund geringer moralischer Verfehlungen hinrichten, erlaubte jedoch die Vielehe und heiratete selbst sechzehn Weiber.

Schon damals gelangte ich zu der Überzeugung, dass der Himmelsvater nicht in der Lage ist, in das Treiben seiner Schöpfung einzugreifen. Ansonsten wäre dem Bockelson während seiner Königskrönung gewiss ein gewaltiger Blitz in den Arsch gefahren, und die Erde hätte sich aufgetan, um ganz Münster in den Abgrund zu reißen.

Ich selbst betrat die Stadt erst, als das Täuferreich schon ins Leben gerufen worden war, und ich hatte sie bereits verlassen, als das Neue Zion nach einer monatelangen Belagerung unter den Lanzen und Schwertern der blutgierigen Landsknechte ein schreckliches Ende nahm. Doch die Zeit, die ich in der Gemeinschaft der Wiedertäufer verbrachte, reicht gewiss aus, um Zeugnis über diese groteske Komödie ablegen zu können.

Böse Zungen mögen behaupten, ich sei ein Betrüger und Aufschneider, aber ich schwöre jeden Eid darauf, dass meine Worte der Wahrheit entsprechen – so unglaublich sie auch klingen mögen.

KAPITEL 1

Die Geschichte, die ich hier erzählen will, nimmt ihren Anfang nicht in Münster, sondern in Osnabrück, einer westfälischen Bischofsstadt, die sich im Nordwesten der deutschen Länder als wichtiger Handelsplatz für Leinenstoffe hervorgetan hat. Auch das übrige Handwerk florierte in Osnabrück. Vor allem das Brauwesen nahm hier eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zu anderen Städten galt das Brauen in Osnabrück als freies Gewerbe. Jedem Bürger war es gestattet, in seinem Haus Bier zum eigenen Gebrauch herzustellen. Und in den Tavernen wurde ein Kräuterbier ausgeschenkt, das die Osnabrücker Grüsing nannten. Dieses würzige Gebräu mundete nicht jedem. Mir jedoch schmeckte es vorzüglich. Wann immer ich Osnabrück einen Besuch abstattete, führte mich mein Weg stets in die Schankwirtschaften, damit ich mich an diesem Höllentrunk laben konnte.

Natürlich war das Kräuterbier für mich nicht der eigentliche Grund, nach Osnabrück zu reisen. Es waren vielmehr besonders lohnende Feierlichkeiten, die mich lockten. Im Oktober des vergangenen Jahres hatte ich mich mit meinen Begleitern beim Fest zu Ehren von Crispin und Crispinian, den Schutzheiligen des Osnabrücker Domes, in der Stadt aufgehalten. Nun, im August des Jahres 1534, statteten wir Osnabrück erneut einen Besuch ab. Unsere Gemeinschaft bestand damals aus mir, meiner Tochter Mieke, dem Medikus Reynold sowie meiner Gefährtin Jasmin, die mich darin unterstützte, den Bürgern mehr oder minder nützliche Reliquien zu verkaufen.

Über eine holprige Handelsstraße schaukelte unser Wagen auf Osnabrück zu. Ich trieb die betagte Stute Brunhilde lautstark voran, doch das Tier blieb stur, setzte gemächlich einen Huf vor den anderen und hob zudem ihren Schweif, um mir trotzig einen übelriechenden Wind entgegenzuschleudern. Pferde, so sagt man, haben das Furzen zu einer hohen Kunst entwickelt. Brunhildes rege Verdauung erwies sich als überzeugender Beweis für diese Behauptung.

Unter Fanfaren aus dem Pferdearsch erreichten wir also Osnabrück, wo wir uns auf dem Platz vor dem südlich gelegenen Johannistor niederließen. Viel Beachtung schenkte man uns nicht, denn die Bürger waren damit beschäftigt, diesen Platz für das Fest des Vogelschießens herzurichten. Inmitten einer Reihe von mit bunten Girlanden verzierten Zelten und Bretterbuden thronte ein großer Holzvogel, der an einem hohen Mast befestigt worden war. An ihm würden sich die Schützen der Stadt messen. Gewiss waren auch Männer aus den umliegenden Ortschaften nach Osnabrück gekommen, um bei diesem Wettstreit das letzte Stück des Vogels herunterzuschießen und als König der Schützen einen Preis zu erhalten.

Doch nicht nur junge Burschen mit ihren Armbrüsten und Hakenbüchsen lockte dieses Fest in die Stadt, auch zahlreiche Händler, Musikanten, Schausteller und Gaukler fanden sich in Osnabrück ein, darunter auch meine Gefährten und ich. Wir hatten vor, eine knappe Woche hier zu verweilen, danach würden wir zur nächsten Stadt weiterziehen.

Menschen wie uns nennt man Fahrende. Böse Zungen bezeichnen uns hingegen als Parasiten, Schmarotzer oder Strolche. Doch seien wir ehrlich: Was wären die Jahrmärkte und Volksfeste ohne die heitere Schar der Possenreißer, Taschenspieler, Kunstreiter oder Tänzer? Wohl nichts als eine Ansammlung halsstarriger Kaufleute und zerknirschter Bürger, die doch insgeheim allesamt nach Zerstreuung suchen.

Jedermann erfreut sich an unserem bunten Treiben, bestaunt das artistische Geschick und kichert über die frechen Reime der Komödianten. Ist es da im Grunde nicht verwunderlich, dass man uns Fahrende zu den verfemten Berufen zählt? Man stellt uns auf eine Stufe mit unehrenhaften Gesellen wie Abdeckern, Totengräbern, Hundeschlägern und Henkern und spricht uns jegliche Rechte ab. Überführt man uns einer geringen Verfehlung, so müssen wir mit den schlimmsten körperlichen Züchtigungen rechnen. Doch wird uns Ehrlosen ein Unrecht zugefügt, braucht der Übeltäter keine harte Strafe zu befürchten.

Vor einiger Zeit berichtete mir ein Taschenspieler, dass sein Weib bei einem Aufenthalt in Erfurt von einem wohlhabenden Zunftmeister geschändet worden war, als sie in seinem Haushalt einige Arbeiten verrichtet hatte. Der Taschenspieler erstattete Anzeige beim Rat, und tatsächlich wurde seiner Klage stattgegeben. Daraufhin wurde der Zunftmeister angewiesen, sich vor eine sonnenbeschienene Wand zu stellen, und der Taschenspieler erhielt die Erlaubnis, dem Schatten des Verurteilten dreimal an den Hals zu schlagen. Damit war die Schuld abgegolten.

Aber ich will nicht über dieses Unrecht jammern. Im Grunde gefällt mir mein Leben als Verfemter. Was bleibt mir auch anderes übrig? Ich habe kein Handwerk erlernt, und meine einzige Begabung ist es, die Menschen galant mit Worten und Gesten zu umschmeicheln, so dass es mir häufig gelingt, ihnen jeglichen Unrat für eine gute Münze zu verkaufen.

Ein Trost ist es mir, dass meine Begleiter in keinem besseren Licht stehen. Reynold, der rund zwanzig Jahre älter ist als ich, bezeichnet sich als Arzt, doch ich habe niemals miterlebt, dass er einem Kranken helfen konnte. Zumeist verkauft er auf den Jahrmärkten nur seinen als alchemistische Universalarznei angepriesenen Theriak – ein nutzloses Gebräu aus Wasser, Anis und Kümmel. Oder er bietet den Männern und Frauen gegen ihre Leiden absonderliche Mittel zur Vertreibung der Krankheitsdämonen an, die er aus unappetitlichen Bestandteilen wie gedörrten Kröten, verbrannten Maulwürfen, Ziegenkot oder Schlangenfett zusammenmischt.

Sein äußeres Erscheinungsbild weckt nicht unbedingt Vertrauen. Da ihm ein Ohr fehlt, zieht er zumeist eine Gugel über seinen Kopf. Die hässlichen gelben Zahnstümpfe und sein fauliger Atem lassen sich allerdings nicht so leicht verbergen. Zudem bringt ihn sein loses Mundwerk immer wieder in arge Schwierigkeiten. Ich bin mit diesem Kerl gewiss nicht immer einer Meinung, aber Reynold begleitet mich, seitdem ich vor nunmehr zehn Jahren mehr oder minder freiwillig den Entschluss gefasst habe, als Vagant über das Land zu ziehen. Trotz unserer häufigen Streitigkeiten ist er für mich immer ein Vertrauter und Freund geblieben.

Auch meine Gefährtin Jasmin weist kein besonderes Talent auf. Dennoch ist sie mir beim Verkauf meiner Reliquien eine wertvolle Hilfe. Dies ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass in Jasmins Adern ein Anteil orientalisches Blut fließt und ich sie den Schaulustigen darum als Prinzessin aus dem Heiligen Land präsentiere. Wenn sie nicht auf unserer Bühne steht, gibt sie allerdings keineswegs das Bild einer wohlerzogenen Dame ab. Sie spuckt ungeniert auf den Boden, und ihre Wortwahl ist beizeiten so derb, dass es selbst einem hartgesottenen Landsknecht die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Wenn es aber darum geht, den Schaulustigen auf den Jahrmärkten meine Reliquien aufzuschwatzen, verwandelt sich Jasmin in eine schillernde Gestalt aus dem fernen Morgenland. Auf der Bühne trägt sie ein seidenes, mit Glöckchen und Bändern geschmücktes Kleid sowie eine kupferne Krone. Mit etwas Schminkpulver lasse ich den bronzefarbenen Ton auf ihren Wangen deutlicher hervorstechen. Alles in allem kann ich der staunenden Menge so eine überzeugende orientalische Prinzessin präsentieren, die angeblich unter den widrigsten Umständen eine weite Reise auf sich genommen hat, um eine Truhe mit heiligen Reliquien aus dem fernen Jerusalem auf diesen Markt zu schaffen. Es erstaunt mich immer wieder, dass nur selten einer der Umstehenden laut seine Zweifel daran äußert, dass eine Dame aus dem Morgenland solche Anstrengungen unternommen hat, nur um auf einer morschen Bretterbühne in Osnabrück, Minden, Warendorf oder anderen recht unbedeutenden Orten diese wundersamen Schätze zum Verkauf anzubieten.

Wahrscheinlich zieht Jasmins Anblick die Menschen ganz einfach in ihren Bann. Wenn sie der Menge dann noch einige fremdartig klingende Wörter zuruft, die sie im Kindesalter von ihrer orientalischen Mutter aufgeschnappt hat, dauert es zumeist nicht lange, bis die ersten Neugierigen herantreten und mir ihre Münzen für den nutzlosesten Tand überlassen.

Wenn es ein Mitglied unserer kleinen Gemeinschaft gibt, das tatsächlich mit einer besonderen Begabung gesegnet ist, dann ist da wohl meine zehnjährige Tochter Mieke zu nennen. Das Mädchen besitzt die geschicktesten Diebesfinger, die mir je zu Augen gekommen sind. Flink und unbemerkt greift sie in die Taschen der reichen Pfeffersäcke und hat auf diese Weise schon einige Münzen ergattert, die uns an so manchen Abenden vor dem Hunger bewahrt haben. Hin und wieder plagt mich die Sorge, dass es irgendwann einmal ein schlimmes Ende mit meiner Tochter nehmen wird, doch im Grunde macht es mich auch stolz, dass sie diese Fertigkeit besitzt.

Das also waren die Gefährten, mit denen ich in Osnabrück auf dem Festgelände vor dem Johannistor eintraf. Bedauerlicherweise kamen wir zu spät an, um einen der begehrten Plätze im Schatten des Stadtwalles zu ergattern, was einen Nachteil für uns bedeutete, denn die meisten der Schaulustigen würden sich in der brütenden Sommerhitze nicht lange in der Sonne aufhalten. Zumindest aber konnten wir unseren Wagen und damit unsere Bühne so aufstellen, dass sie den vorüberziehenden Männern und Frauen sofort ins Auge fiel.

Am Vortag hatten wir die letzten Vorräte aufgebraucht. Mit leeren Mägen machten wir uns nun daran, alles für die Vorstellung vorzubereiten, die am Nachmittag beginnen sollte und uns hoffentlich genügend Münzen für eine sättigende Abendmahlzeit einbringen würde.

An der Seite des Wagens klappte ich eine Plattform aus, die ich mit mehreren Stangen befestigte, so dass sie als Bühne benutzt werden konnte. Jasmin und Mieke spannten sogleich bunte Leinentücher auf, die dieses Podest schmückten – auch wenn sie zum größten Teil bereits recht verschlissen wirkten und die Farben verblasst waren.

Ich schaute mich um, um abzuschätzen, welche Schausteller in der Nähe uns das Geschäft verderben konnten. Uns gegenüber war eine Bühne aufgebaut worden, auf der ein Jongleur seine Kunststücke einübte und ein junger Bursche auf Händen lief. Daneben befand sich bislang nur ein einziger Wagen, aus dem ich ein dumpfes Brummen und mehrere kreischende Schreie vernahm. Wahrscheinlich handelte es sich um die Vorführung fremdartiger Kreaturen, womöglich Affen und ein Bär, den man auf Befehl tanzen ließ. Das alles störte mich nicht. Artisten und Bärenführer würden die Bürger herbeilocken, und solange sich kein anderer Reliquienhändler oder fahrender Medikus hier niederließ, würden wir gute Geschäfte machen.

Nachdem wir also die Bühne hergerichtet hatten, machten wir uns hinter dem Wagen an die weiteren Vorbereitungen. Reynold füllte einen übelriechenden Sud in kleine Flaschen ab, und Jasmin kramte das Seidenkleid hervor, das sie später bei der Vorstellung tragen würde.

Mieke war verschwunden. Wahrscheinlich streifte sie neugierig über den Markt. Ich hoffte, dass sie ihre Diebesfinger beherrschte und sich keinen Ärger einhandeln würde.

Während ich die Holztruhe mit den Reliquien vom Wagen hievte, fiel mein Blick auf Jasmin, die das Kleid in den Händen hielt und so verächtlich darüber die Nase rümpfte, dass ich befürchtete, sie würde es jeden Moment in Fetzen reißen.

»Was ist?«, fragte ich.

»Es macht mich zu einer Puppe«, knurrte sie.

»Unsinn«, versuchte ich sie zu besänftigen. »Du schaust darin aus wie eine Prinzessin.«

»Ich spucke darauf. Es widert mich an, wie ein dressierter Papagei auf dieser Bühne herumzustolzieren.«

In den vergangenen drei Jahren hatte Jasmin wohl weit mehr als einhundert Auftritte in diesem Kleid hinter sich gebracht, ohne sich auch nur ein einziges Mal über diese Ausstaffierung zu beschweren. Mir war klar, dass sie nur deshalb diese Laune an den Tag legte, weil sie wütend auf mich war. Ich wollte ihr gut zureden, doch unglücklicherweise kam mir Reynold zuvor, der Jasmin mit einem seiner grotesken Vergleiche neckte.

»Ein Bauerntrampel, den man mit Honig bestreicht, stinkt trotzdem nach der Gosse«, sagte er, zog seine Gugel zur Seite und kratzte sich an seinem verstümmelten Ohr. »Mich wundert es, dass überhaupt jemand auf diese billige Maskerade hereinfällt.«

»Wen nennst du einen Trampel?« Zwischen Jasmins Augen bildete sich eine tiefe Zornesfalte. Sie richtete einen Finger auf Reynold und fauchte: »Halt besser dein Maul, oder du verlierst auch noch das andere Ohr.«

Reynold schnitt eine Grimasse in Jasmins Richtung. Sie hingegen blickte uns beide mit ihren dunklen Augen so zornig an, dass sie mir wie eine Furie erschien. Auch wenn Jasmin und ich uns in der Vergangenheit sehr nahe gekommen waren – und das nicht nur körperlich  –, gab es immer wieder Momente, in denen mich ihre Launen regelrecht abschreckten.

»Schluss damit!«, schimpfte ich. »Bereitet euch endlich auf die Vorstellung vor, oder wollt ihr nur faul herumsitzen und heute Abend trockene Baumrinde fressen?«

Die Androhung einer hungrigen Nacht sorgte für Ruhe zwischen den Streithähnen. Jasmin brummte weiter vor sich hin, doch Reynold lachte nur, und damit war der Hader fürs Erste beigelegt. Ich hatte einen wackligen Frieden erreicht, der bei der nächsten falschen Bemerkung rasch wieder zu neuem Zank führen konnte.

Aufmunternd klatschte ich in die Hände. »Wohlan! Die Münzen der Osnabrücker warten nur darauf, in unsere Taschen zu wandern.«

»Tun sie das?«, vernahm ich hinter mir eine energische Stimme. Ich wandte mich um. Ein Mann in vornehmer Kleidung und mit kantigem Gesicht trat auf mich zu. Er zwirbelte seinen Oberlippenbart und ließ seinen Blick von unserem Wagen zu Jasmin und Reynold wandern. Dann schaute er mir mit einer gewissen Häme in die Augen und sagte: »Ich frage mich, ob ihr für das Geld unserer Bürger auch eine Gegenleistung erbringen könnt.«

»Wer will das wissen?«, erwiderte ich.

»Mein Name ist Jost Lüders. Ich stehe in den Diensten des Rates, der mir die Aufgabe übertragen hat, das Marktgeschehen zu überwachen.«

»Und was wollt Ihr von uns?« Der Besuch dieses Amtmannes machte mich unruhig.

Lüders ging zwei Schritte und stellte sich neben die Reliquien-Kiste. An seiner rechten Hand trug er einen breiten Silberring, mit dem er zweimal auf den Holzdeckel klopfte.

»Aufmachen!«, wies er mich an.

Ich zögerte kurz ob seines herrischen Tons. Es widerstrebte mir, mich dem zu beugen. Dennoch wollte ich den Amtmann nicht gegen mich aufbringen. Ich öffnete die Kiste.

»Die Heiligtümer aus dem fernen Jerusalem.« Lüders lachte leise und nahm einige Gegenstände in die Hand. Er betrachtete ein zerkratztes Eisenstück, das nicht größer als mein Daumen war, und runzelte die Stirn.

»Ein Stück des Rostes, auf dessen Glut der heilige Laurentius gemartert wurde«, erklärte ich ihm. »Es bewahrt seinen Besitzer vor dem Aufflammen der Begierden.«

»Wer hätte das für möglich gehalten?«, bemerkte Lüders. »Und dieser Strohhalm hier?«

»Der stammt aus der Krippe des Jesuskindes«, behauptete ich und bemühte mich, überzeugend zu klingen. »Wirksam gegen Schlaflosigkeit und Haarausfall.«

»Sieh mal einer an«, knurrte Lüders. »Und worum handelt es sich bei diesem seltsamen Kleinod?« Er bezog sich auf das schmale Holzstück, das er nun zwischen Daumen und Zeigefinger hielt.

»Ein Splitter aus der Arche Noah«, sagte ich.

»Schützt vor …?«

»Hochwasser und Fußschweiß.«

Lüders brummte abfällig und warf alles zurück in die Kiste. »Ich war im vergangenen Herbst bei eurer Vorstellung zugegen«, sagte er, »als ihr auf dem Jahrmarkt hier in Osnabrück eure angeblichen Reliquien feilgeboten habt.«

»Von deren heiliger Kraft ihre Besitzer gewiss auch heute noch einen Nutzen ziehen«, erwiderte ich.

»Unsinn!« Der Ton des Amtmannes nahm an Schärfe zu. »Ihr betreibt eine billige Posse. Der Tand, den ihr verkauft, ist ebenso ein Betrug wie diese Frau, die ihr als orientalische Prinzessin vorstellt. Ohne ihre Verkleidung ist sie nur eine gewöhnliche Vagantin.«

Jasmin holte tief Luft, doch bevor sie den Amtmann Lüders beleidigen konnte, hielt ich sie mit einem Fingerzeig auf und wandte ein: »Ich betrachte mich als ehrlichen Geschäftsmann. Was kann ich dafür, dass Ihr nicht an diese Wunder glauben wollt.«

»Wie auch immer«, sagte Lüders. »Im Grunde habe ich euch nicht wegen dieser zweifelhaften Reliquien aufgesucht.«

»Weshalb dann?«, wollte ich wissen.

Lüders deutete auf Reynold. »Gegen diesen Quacksalber sind zahlreiche Beschwerden beim Rat eingegangen. Während eures letzten Aufenthaltes hat dieser selbsternannte Medikus einigen leidgeprüften Bürgern seinen Theriak verkauft, durch den diese nur noch heftiger erkrankten.«

»Dabei muss es sich um einen Irrtum handeln«, protestierte Reynold.

Lüders nahm eine der Flaschen zur Hand und klopfte mit dem Silberring darauf. »Ich weiß nicht, was du in deine Tränke mischst, aber jeder Einzelne, der ihn zu sich genommen hat, litt anschließend an heftigem Erbrechen und Durchfällen. Eine Frau, die von einem Hühnerauge geplagt wurde, wäre fast gestorben, nachdem sie von dem Theriak getrunken hat.«

»Ich bin kein Scharlatan.« Reynold verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. »Man kennt und schätzt mich als Meister der Medizin, der stets um das Wohl der Menschen besorgt ist.«

»Du bist eine Gefahr für die Bürger dieser Stadt«, schimpfte Lüders. »Und deine einzige Sorge gilt deiner Geldbörse.« Er blickte in die Runde. »Ihr alle seid Lügner und Betrüger.« Der Amtmann ging zum Wagen und klopfte mit seinem Ring auf das Holz. Anscheinend gefiel ihm diese Geste.

»Ich weise euch hiermit im Namen des Rates an: Packt eure Sachen zusammen, und verlasst diesen Markt!«

»Aber unsere Vorstellung«, hob ich an.

»Die wird es nicht geben.«

»Und wenn wir uns weigern zu gehen?«

»Dann schicke ich die Büttel aus und lasse jeden von euch vor Gericht stellen«, erwiderte Lüders. »In unserem Gefängnisturm findet sich gewiss noch Platz für dich, deine falsche Prinzessin und diesen Giftmischer.«

Für den Amtmann schien die Angelegenheit damit beendet zu sein. Er wollte gehen, stieß jedoch gegen meine Tochter Mieke, die in diesem Moment herbeigelaufen kam. Kurz sah es so aus, als würden beide zu Boden stürzen, doch sie hielten sich schwankend auf den Beinen.

»Geh mir aus dem Weg, du ungeschicktes Balg!«, grollte Lüders und stieß Mieke rüde zur Seite. Die wartete ab, bis er davongestapft war, dann öffnete sie ihre Hand, betrachtete kurz den silbernen Ring und schob ihn unter den Saum ihres Hemdes.

Ich zwinkerte ihr zu und konnte es ihr nicht übelnehmen, dass sie dem aufgeblasenen Amtmann diesen Streich gespielt hatte.

Trotzdem fühlte ich mich ernüchtert. Ich zweifelte nicht daran, dass Lüders seiner Drohung Taten folgen lassen würde, wenn wir seine Anweisung missachteten. Und auch wenn ich ihn in Gedanken die Blattern und die Pest an den Hals wünschte, änderte das nichts daran, dass heute kein einziger Heller in unsere Taschen wandern würde.

KAPITEL 2

Zähneknirschend befolgten wir die Anweisung des Amtmannes, verstauten unser Gepäck auf dem Wagen und verließen den Platz vor dem Johannistor. Lüders hatte uns eine Strafe angedroht, wenn ich auf der Bühne meine Reliquien anpreisen oder Reynold öffentlich seinen Theriak verkaufen würde. Er hatte allerdings nicht angeordnet, dass wir uns von der Stadt fernzuhalten hätten. Also schoben wir den Wagen durch das Tor und zogen durch die Neustadt bis in die südliche Altstadt. Hier hatte fünf Jahre zuvor ein großes Feuer gewütet, und noch immer zeugten in diesem Teil Osnabrücks zahlreiche rußgeschwärzte Ruinen von dem Unglück. Einige der Häuser waren – verstärkt mit dicken Brandmauern – bereits neu errichtet worden, doch dieses Viertel blieb ein trauriger Ort, und darum begaben wir uns in die Nähe der Kirche St. Marien, wo wir uns auf einem schattigen Platz zwischen dem Rathaus und der neuerbauten Stadtwaage niederließen. Hier überlegte ich, was wir unternehmen sollten, um unsere Mägen zu füllen. Unsere Vorräte waren auf eine Handvoll Stockfische und einen halben Krug Dünnbier zusammengeschrumpft. Das reichte nicht einmal aus, um ein Kind wie Mieke davon satt zu bekommen.

Ohne eine Bühne konnten wir weder die Reliquien noch Reynolds Heiltränke anpreisen, und unsere Börse würde leer bleiben. Ich zerbrach mir den Kopf über dieses Problem, doch auch nach Stunden blieb ich ratlos, und auch Jasmin, die immer wieder leise fluchte, war mir keine Hilfe.

Am Nachmittag packte Reynold dann einige seiner Flaschen in einen Leinensack und kündigte an, dass er von Haus zu Haus gehen wolle, um seinen Theriak zu verkaufen.

»Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte ich ihn. »Wenn du an einen der Bürger gerätst, die im vergangenen Jahr an deiner Medizin erkrankt sind, könntest du weiteren Ärger heraufbeschwören.«

»Denen kann ich ja das hier anbieten.« Reynold griff in seine Wamstasche und zeigte mir ein Dutzend Amulette. Die Talismane bestanden aus Knochenstücken, geschnitzten Pilgerzeichen oder polierten bunten Steinen. »Diese Amulette bieten Schutz vor dem Bösen und damit auch vor Krankheiten aller Art.«

»Für den, der daran glaubt«, erwiderte ich skeptisch.

»Ich glaube daran«, sagte er. »Ihr könnt hier natürlich weiterhin träge auf euren Ärschen sitzen. Ich werde versuchen, Proviant aufzutreiben.«

»Was auch nur recht und billig ist«, sagte ich. »Schließlich haben deine verpfuschten Tränke uns das Geschäft verdorben.«

Reynold zog ein enttäuschtes Gesicht. »Du solltest mich mit mehr Respekt behandeln, Emanuel. Ich bin der Ältere von uns beiden.«

»Aber nicht der Klügere«, provozierte ich ihn erneut.

Reynold schulterte den Leinensack und wirkte verstimmt. »Eines Tages werde ich davongehen«, sagte er. »Und dann seht ihr Lumpenmenschen mich niemals mehr wieder.«

»Und an diesem Tag werde ich Christus auf Knien danken«, entgegnete ich ihm.

Reynold knurrte nur abfällig und ging davon. Ich schaute zu Jasmin, doch die ersparte sich jedwede Erwiderung und schüttelte nur den Kopf.

Nachdem Reynold also gegangen war, vertrieben wir anderen uns die Zeit mit dem Versuch, verschiedene Kunststücke einzuüben, mit denen man zur Not die eine oder andere Münze erbetteln konnte. Diese Versuche waren jedoch von keinem großen Erfolg gekrönt. Wie ich es zuvor bereits erwähnt hatte, besaß keiner von uns eine Begabung für diese Fertigkeiten. So war es kein Wunder, dass es weder Jasmin noch mir gelang, mit drei Bällen zu jonglieren, noch hatte Mieke Erfolg damit, mehr als zwei Schritte auf Händen zu laufen, ohne unsanft auf dem Boden zu landen. Nach einigen missglückten Übungen verkroch sie sich lustlos auf den Wagen.

Reynold kehrte schließlich schneller als erwartet zurück. Kaum eine Stunde war vergangen, seit er mit seinem Theriak davongestapft war. Er ließ den Leinensack, in dem es vernehmlich klimperte, vor uns auf das Pflaster sinken. Ich konnte mir eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. »Wie viele Flaschen von deinem Theriak hast du verkauft? Eine vielleicht? Oder hast du alle mit zurückgebracht?«

Reynold zischte nur abfällig und hockte sich zu uns. Einen verbitterten oder enttäuschten Eindruck machte er aber nicht mehr. Im Gegenteil, er schien bester Laune zu sein und teilte uns auch sogleich mit, was ihn so euphorisch stimmte.

»Ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie wir uns die nächsten Tage die Bäuche vollschlagen können«, verkündete er stolz. »Auch ohne unsere Bühne und den Theriak.«

»Hast du das?«, fragte Jasmin skeptisch und zog die Stirn kraus.

»Ich kenne diesen Blick«, beschwerte sich Reynold. »Für dich bin ich nur ein alter Narr. Du setzt kein Vertrauen in mich.«

»In einen Quacksalber, der mit seiner Dreckapotheke über das Land zieht und den Leuten nutzlose Allheilmittel andreht? Natürlich nicht.«

»Lass ihn zur Sache kommen«, sagte ich. Reynold hatte meine Neugier geweckt.

Er zog ein hochnäsiges Gesicht in Jasmins Richtung und berichtete dann: »Durch die halbe Stadt bin ich gelaufen, um meinen Theriak zu verkaufen,  und ich muss schweren Herzens eingestehen: Niemand wollte auch nur einen Heller dafür springen lassen. Unweit des Domplatzes begegnete ich aber zwei Männern, die einen Karren zogen, der mit herrlichen Weizenbroten, Würsten und geschlachteten Rebhühnern beladen war sowie mit mehreren Gallonen Wein. Die beiden Kerle baten mich um Hilfe, weil ihnen der Wagen zu schwer wurde. Da ich ein großes Herz besitze, packte ich sogleich mit an und brachte mit ihnen den Karren zum Wirtschaftshof eines Barfüßerklosters nahe der Kirche St. Katharinen. Dort schafften wir die Speisen vom Karren in den Keller des Wirtschaftshofes. Ich fragte die beiden, warum sie ihre Kammer so üppig bestückten. Einer von ihnen verriet mir, dass die Vorräte für ein großes Festmahl benötigt würden, das in zwei Tagen im Kloster ausgerichtet werden soll.«

»Ein Fest, zu dem nun gewiss alle von uns eingeladen wurden, weil du den beiden so aufopfernd zur Hand gegangen bist«, spottete Jasmin.

Reynold strafte sie mit einem mürrischen Blick. »Natürlich nicht. Aber warum sollten wir uns von diesen Vorräten nicht ein wenig für ein eigenes Festmahl abzweigen?«

»Was genau hast du im Sinn?«, wollte ich wissen.

»Unsere übliche Vorgehensweise.« Reynold griente. »Täuschung, Ablenkung, Bereicherung. Ich habe dort im Wirtschaftshof nur drei Männer zu Gesicht bekommen, und ich weiß, auf welchem Weg wir in den Keller gelangen, wo all diese Schätze auf uns warten.«

Ich rieb mein Kinn und überlegte. Reynolds Vorschlag besaß einen gewissen Reiz. Und es wäre nicht die erste Unternehmung dieser Art, die ich mit meinen Gefährten in Angriff nahm. Ab und an kommt es vor, dass unsere Gemeinschaft den Besitzrechten anderer Menschen nicht den nötigen Respekt entgegenbringt. Böse Zungen würden eine solche Tat als Diebstahl oder Mundraub bezeichnen, aber für mich stellt diese nicht ganz freiwillige Almosengabe ein gutes Werk dar. Es ist eines jeden Menschen Christenpflicht, die Bedürftigen – also auch meine Gefährten und mich – zu unterstützen. Bestimmt haben wir im Laufe der letzten Jahre die eine oder andere Seele errettet, indem wir uns an fremdem Besitz schadlos gehalten haben und so ein Almosen erzwingen konnten.

Augenblicklich bildete sich ein Plan in meinem Kopf, und ich fragte Reynold: »In der Nähe dieses Hauses – hast du da einen Baum oder eine Hecke gesehen?«

»Es gibt dort eine Buschhecke neben der Einfahrt zum Hinterhof.«

»Gut«, meinte ich, »das macht es einfacher.«

Jasmin räusperte sich. »Du wirst doch nicht wieder …«

»Ein Feuer wird sie ablenken«, bekräftigte ich meinen Plan. »Ich werde als Bettler vor die Tür des Wirtschaftshofes treten. Reynold schüttet etwas Öl in die Hecke und entzündet sie. Sollten die Kerle im Wirtschaftshof das Feuer nicht bemerken, mache ich sie darauf aufmerksam. Jedermann im Gebäude wird nach draußen stürzen, und wir machen uns die Verwirrung zunutze, indem wir in den Keller laufen und so viele Vorräte an uns nehmen, wie wir tragen können.«

Mein simpler Plan stieß nicht auf Jasmins Gegenliebe. »Du willst es genau so machen wie in Rheine? Und wenn erneut alles außer Kontrolle gerät?«

»Was in Rheine geschehen ist, war nur eine unglückliche Fügung des Schicksals«, beteuerte ich, aber Jasmin fiel mir sofort aufgebracht ins Wort.

»Unglücklich?« Sie lachte bitter. »Das große Stallgebäude stand in Flammen, und du wärest um ein Haar festgenommen worden.«

»Bin ich aber nicht«, verteidigte ich mich.

»Wenn eine Dummheit gelingt, bleibt es trotzdem eine Dummheit«, meinte sie.

»Ich finde, das mit dem Feuer ist ein guter Plan«, sagte Reynold.

»Jasmin?«, fragte ich vorsichtig. »Bist du dabei? Hilfst du uns, diese Köstlichkeiten aus dem Keller zu schaffen?«

Sie seufzte, nickte dann aber.

»Also ist es beschlossen«, rief ich aus. »Und heute Abend fressen und saufen wir, bis uns alles bis zum Halse steht.«

KAPITEL 3

Die Aussicht auf ein opulentes Mahl am Abend trieb uns dazu an, eilig alle Vorbereitungen zu erledigen. Reynold füllte Lampenöl in ein Tongefäß und steckte seine Feuersteine ein. Ich verwandelte mich in einen leidgeprüften Bedürftigen, indem ich mir Erde über das Gesicht rieb, meine Haare zerzauste und mir ein  muffiges, zerschlissenes Wams überzog, das wir seit Wochen nur noch als Pferdedecke benutzt hatten.

Mieke trug ich auf, beim Wagen zu bleiben und auf unser spärliches Hab und Gut zu achten. Sie verhielt sich ein wenig bockig, weil sie an unserem Raubzug beteiligt sein wollte, und erst als ich meine Anweisung in einem schroffen Ton wiederholte, fügte sie sich murrend.

Jasmin, Reynold und ich machten uns also auf den Weg zum Barfüßerkloster an der Katharinenkirche. Dort angekommen, deutete Reynold auf ein schlichtes, dreistöckiges Haus, das abseits der Klostermauern lag.

»Das ist der Wirtschaftshof«, sagte er. »Im Keller befindet sich unsere Beute.«

Ich nickte und nahm die Umgebung in Augenschein. Wir brauchten keine Mauern zu überwinden. Das würde uns die Flucht erheblich erleichtern, falls es zu Schwierigkeiten kommen sollte. Auch dass die Straße im Moment menschenleer war, konnte nur ein Vorteil für uns sein. Und wie Reynold es beschrieben hatte, war neben der Hofeinfahrt die Buschhecke zu sehen, die für die nötige Ablenkung sorgen würde, wenn sie in Flammen stand und eine Rauchwolke in den Himmel stieg.

»Also dann«, raunte ich und wies Jasmin an, sich an einer Mauerecke zu verbergen, bis ich ihr das vereinbarte Zeichen gab. Reynold lief zu der Hofeinfahrt. Mit einem Nicken gab er mir zu verstehen, dass er in wenigen Momenten das Feuer an der Hecke entzünden würde.

Alles war vorbereitet. Ich trat vor das Portal, klopfte an die Tür, und schon einen Augenblick später stand ich einem schmächtigen Mann gegenüber, der sich die Hände an einem Kittel abwischte. Hinter ihm konnte ich zwei weitere Burschen ausmachen, die jeder ein Fass vom Hinterhof herantrugen. Ansonsten schien die Tenne verlassen zu sein.

»Was willst du?«, fragte der Mann.

»Ich erbitte ein Almosen«, sagte ich und streckte die Hand aus. »Erbarmt Euch, guter Herr.«

Der Mann beäugte mich skeptisch und antwortete: »Es gibt festgelegte Zeiten, zu denen wir unsere Küchenreste mit den Bedürftigen teilen. Kehre morgen zur Mittagsstunde zurück, dann fällt davon vielleicht auch etwas für dich ab.«

Er wollte die Tür bereits wieder zudrücken, doch ich hielt ihn zurück und versuchte gleichzeitig auszumachen, ob an der Hofeinfahrt bereits Rauch zu erkennen war.

»Wartet!«, rief ich schnell.

Er grunzte. »Was ist denn noch?«

Rasch überlegte ich mir eine Ausrede, um Zeit zu gewinnen. »Ich habe ein Weib«, behauptete ich. »Sie ist eine gute Seele, die mir sehr am Herzen liegt.«

»Und? Was habe ich damit zu schaffen?«

»Nun ja, sie erwartet ein Kind. Unser erstes Kind.«

»Ist das so?« Sein Tonfall ließ erkennen, dass ihn das herzlich wenig interessierte.

»Sie ist geschwächt und leidet Hunger. Das ist nicht gut in ihrem Zustand.« Ich zog unter meinem Mantel eine hölzerne Schale hervor. »Etwas Milch würde ihr auf die Beine helfen.«

Der Mann überlegte kurz, dann ließ er sich erweichen, nahm die Schale und entfernte sich. Eilig reckte ich meinen Hals und hielt Ausschau nach dem Feuer. Doch dort zeigte sich nicht einmal eine dünne Rauchfahne. »Nun mach schon, Reynold!«, zischte ich. Viel länger würde ich den Kerl an der Tür nicht hinhalten können.

Der Mann kehrte zurück und drückte mir die Schale in die Hand, in der nun etwas Milch schwappte.

»Der Herr danke Euch!«, rief ich laut aus. Als der Mann nickte und die Tür schließen wollte, stemmte ich eilig meine Hand gegen das Holz. »Einen Moment noch.«

Er hielt inne. Noch immer war kein Feuer zu sehen. Reynolds Nachlässigkeit ärgerte mich.

»Was ist nun schon wieder? Willst du aus lauter Dankbarkeit einen Tanz aufführen?«

»Nein«, sagte ich, »aber mir fiel gerade ein, dass mein bedauernswerter Vater in der vergangenen Woche ein Bein verloren hat und …«

»Halt mich nicht zum Narren«, schimpfte der Mann, »sonst ist alles, was du noch von mir bekommst, ein Tritt in den Hintern.« Mit diesen Worten wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Ich seufzte bitter über diese verpasste Gelegenheit und stapfte wütend zur Hofeinfahrt, um Reynold zurechtzuweisen. Seltsamerweise fand ich dort nur das Gefäß mit dem Öl, das auf dem Boden umgekippt war und seinen Inhalt über die Erde vergossen hatte. Von Reynold aber fehlte jede Spur. Aus welchem Grund war er davongelaufen?

Ich begab mich zu der Mauerecke, an der ich Jasmin zurückgelassen hatte, doch auch dort hielt sich niemand mehr auf.

»Jasmin, wo steckst du?«, rief ich ungehalten, erhielt aber keine Antwort. Nun machte ich mir langsam Sorgen. Es war wohl das Beste, zu unserem Wagen zurückzukehren. Vielleicht warteten die beiden ja dort bereits auf mich.

Ich drehte mich um und wollte davontreten, doch plötzlich versperrte mir ein massiger Körper den Weg. Ich musste aufschauen, um diesem Hünen in sein grobschlächtiges Gesicht zu blicken. Er fixierte mich mit einem finsteren Blick, und ich ahnte, warum Reynold und Jasmin verschwunden waren.

Der Riese griff nach mir. Ich versuchte mich zu ducken, doch er packte meine Schultern und stieß mich so fest gegen die Mauer, dass mir schwarz vor Augen wurde und ich die Besinnung verlor.

KAPITEL 4

Ein Schwall kaltes Wasser, der in mein Gesicht geschüttet wurde, löste mich ruckartig aus meiner Benommenheit. Ich schlug die Augen auf, und als sich mein Blick klärte, sah ich vor mir den Hünen, der mich in der Nähe des Wirtschaftshofes gegen die Mauer gestoßen hatte.

Mein Kopf brummte. Als ich mich aufrichten wollte, merkte ich, dass man mir die Hände mit einer Schnur gefesselt hatte, so dass mein Versuch, auf die Beine zu kommen, damit endete, dass ich ungelenk zur Seite kippte und mit der Schulter auf den Boden stürzte.

Den Hünen schien mein Missgeschick zu amüsieren, denn er lachte kehlig. Dann packte er meine Schultern und setzte mich auf. Erst jetzt konnte ich erkennen, dass man mich auf die Diele eines Wohnhauses geschafft hatte. Ich drehte meinen schmerzenden Kopf und entdeckte Jasmin und Reynold, die ebenfalls gefesselt worden waren und neben mir an der Wand hockten. Wir tauschten einen raschen Blick. In ihren Augen spiegelte sich meine Besorgnis.

Ich schaute mich auf der Tenne um. Sie war recht geräumig, und seitlich befanden sich Ställe, in denen ein halbes Dutzend Pferde untergebracht worden war. Im ersten Moment hatte ich vermutet, wir wären im Wirtschaftshof der Barfüßer festgesetzt worden, doch dann wurde mir klar, dass ich mich irrte. Dies war nicht die Diele des Wirtschaftshofes, und auch von den Männern, die mir vor Augen gekommen waren, als ich dort um Almosen gebettelt hatte, hielt sich hier niemand auf. Stattdessen wurden wir von vier recht grimmig dreinschauenden Kerlen bewacht, die allesamt mit Kurzschwertern bewaffnet waren. Der Hüne trug sogar einen Bidenhänder auf seinem Rücken. Hielt man uns für so gefährlich?

Wie viel Zeit wohl vergangen war, seit der Hüne mich überwältigt hatte? Ich fragte mich, ob Mieke noch immer auf dem Wagen hockte und auf unsere Rückkehr wartete.

»Du Teufel!«, erklang plötzlich eine jaulende Stimme am Vordertor. Es wurde aufgestoßen. Ein untersetzter, kahlköpfiger Mann zerrte Mieke auf die Tenne und stieß sie zu Boden. Er hielt sich den Unterarm und verzog wütend das Gesicht.

»Man sollte sie in einen Käfig sperren!«, rief er aus. »Dieses verfluchte Balg ist gefährlicher als ein Wolf. Dreimal hat sie mich gebissen.«

Die anderen Männer lachten. Mieke zeigte die Zähne. Der Kahlköpfige empfand dies wohl als Provokation, denn er machte einen Schritt auf sie zu und hob die Hand, um ihr eine Maulschelle zu verpassen.

»Lass die Finger von ihr!«, schimpfte ich. Die Fesseln an meinen Händen hinderten mich daran, den Kerl von Mieke fernzuhalten.

»Ich werde dich bändigen wie einen lausigen Straßenköter«, drohte ihr der Kahlköpfige, doch bevor er auf Mieke einprügeln konnte, wurde er von einer energischen Stimme zurückgehalten.

»Schluss mit diesem Unfug!«

Ein weiterer Mann trat auf die Tenne. Es handelte sich um einen stattlichen, elegant gekleideten Herrn, der sich sofort Respekt verschaffte, indem er mit einer zackigen Handbewegung für Ruhe sorgte.

Ich schluckte, denn dieser Herr war mir nicht unbekannt, und die Sorgen, die meinen Kopf plagten, seitdem ich hier aufgewacht war, wurden mit seinem Auftauchen nur noch größer.

Der Herr betrachtete Mieke mit düsterer Miene. »Verpasst dem Mädchen einen Knebel, wenn ihr euch fürchtet, von ihr gebissen zu werden, aber fesselt sie endlich und schafft sie zu den anderen.«

Der Kahlköpfige nickte und richtete drohend einen Finger auf Mieke, die laut knurrte und ihm entgegenspuckte. Erst mit der Hilfe des Hünen gelang es ihnen, mein tapferes Mädchen zu ergreifen und ihr die Hände zu binden. Miekes Unerschrockenheit erfüllte mich mit Stolz.

Nun kam der Herr auf mich zu. Ich senkte meinen Kopf.

»Du! Weißt du, wer ich bin?«

»Nein, gnädiger Herr«, behauptete ich. Meine Lüge klang überzeugend.

»Mein Name ist Everhard Clunsevoet. Ich bin Herr über ein Gut bei Rheine und über Ländereien, auf denen ich an die dreihundert Stück Hornvieh halte.« Clunsevoet griff in mein Haar und zog meinen Kopf unsanft hoch, so dass ich es nicht mehr verhindern konnte, ihm in die Augen zu schauen.

»Aber all das ist dir gewiss nicht neu, Emanuel Malitz, oder sollte ich dich besser bei dem Namen Johan Herdinck nennen – unter dem du in meine Dienste getreten bist?«

Ich griente verlegen. »Ihr müsst Euch irren, gnädiger Herr. Eine Verwechslung. Dieser Name ist mir nicht bekannt. Weder der Eure noch der dieses Herbrinck … oder sagtet Ihr Gerbrick?«

»Soso!« Er knurrte aufgebracht. »Dumm nur, dass du diesem Johan Herdinck so verdammt ähnlich siehst, trotz des Bartes, den du damals getragen hast. Und das wiederum ist höchst unerfreulich für dich, weil Johan Herdinck es zu verantworten hat, dass zwei meiner Scheunen niedergebrannt sind.«

Seine Vorwürfe riefen mir die Bilder des großen Feuers in Erinnerung, das wir in einer Nacht verursacht hatten, die etwa zwei Monate zurücklag. Der Plan für den Raubzug, den ich damals entworfen hatte, ähnelte unserem heutigen Vorhaben im Wirtschaftshof, er war nur etwas aufwendiger gewesen. Ich hatte eine Woche lang auf dem Gut des Everhard Clunsevoet geschuftet und dort von früh bis spät Mist geschaufelt. Doch die Schinderei hatte ihren Zweck erfüllt, denn während meiner Arbeit hatte ich Gelegenheit gehabt, das Gelände und die Gebäude zu erkunden. Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass es in Clunsevoets Hauptgebäude eine verschlossene Kiste gab, in der er die nicht unerheblichen Erlöse aus einem Viehverkauf aufbewahrte. Alles, was wir tun mussten, um in den Besitz dieser Münzen zu gelangen, war es, in Clunsevoets Räume einzudringen und diese Kiste zu entwenden.

Auch damals sollte ein Feuer für die nötige Ablenkung sorgen, doch tragischerweise blies der auffrischende Wind die Flammen, die Reynold an einem Fuder Heu entfacht hatte, auf die Scheunengebäude zu, die alsbald lichterloh brannten. Als wir in dem ganzen Trubel die schwere verschlossene Truhe aus dem Hauptgebäude schaffen wollten, überraschte uns ein Vorarbeiter, der lautstark Alarm schlug, so dass wir überhastet die Flucht ergriffen. Die Kiste mit dem Geld mussten wir daher zurücklassen.

Während der Woche, die ich auf dem Gut gearbeitet hatte, war mir Everhard Clunsevoet mehrmals über den Weg gelaufen. Natürlich kannte er mein Gesicht, denn einmal war ich ihm in der Nähe seines Haupthauses begegnet, und er hatte mich aufgebracht zurück an meine Arbeit geschickt.

Da der Vorarbeiter mich bei dem missglückten Diebstahl erkannt hatte, konnte Clunsevoet sich leicht zusammenreimen, wer für das Feuer verantwortlich war. Doch wie in drei Teufels Namen hatten seine Leute uns hier in Osnabrück aufgespürt? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.

Clunsevoet ging vor mir in die Hocke, so dass er mir anklagend in die Augen schauen konnte. »Die Futtervorräte für ein halbes Jahr wurden vernichtet. Es kostete mich zudem an die einhundert Goldgulden, die Speicher neu zu errichten.«

»Ich bedaure Euren Verlust«, erwiderte ich kleinlaut.

»Du bedauerst es?« Clunsevoet schnaufte zornig. »Willst du mich zum Narren halten? Ausgerechnet du?«

»Eine Verwechslung  …«, beteuerte ich abermals, doch er fiel mir sogleich ins Wort und deutete auf den Hünen an seiner Seite.

»Cort ist euch Raben gefolgt, seit ihr euch nach dem Feuer aus dem Staub gemacht habt. Lange wart ihr ihm ein Stück des Weges voraus, und doch habt ihr an jedem Ort, den ihr aufgesucht habt, eure schändlichen Spuren hinterlassen. Nachdem ihr Rheine verlassen hattet, seid ihr in die Grafschaft Lingen gezogen, wo ihr den Opferstock in einem Kloster der Benediktinerinnen ausgeraubt habt. Von dort führte euer Weg in die Nähe von Vechta, wo man zu berichten wusste, dass der Provisor des Leprosoriums bestohlen wurde, und nun spürte Cort euch hier in Osnabrück auf  – just in dem Moment, als ihr den Wirtschaftshof der Franziskaner berauben wolltet.« Er richtete einen Finger auf Reynold. »Cort konnte es gerade noch verhindern, dass dieser Kerl die Hecke neben dem Gebäude in Brand setzte.«

»Was habe ich mit diesem Feuerteufel zu schaffen?«, stieß ich in gespielter Empörung hervor. »Ich bin nur ein Bedürftiger, der um ein Almosen gebeten hat.«

»Ein Lügner und ein Lump bist du, sonst nichts«, knurrte Clunsevoet. »Es wird Zeit, deine Verstocktheit zu brechen.« Er gab Cort ein Zeichen, der mich sogleich packte und mich durch eine Hintertür aus dem Haus schleifte. Da meine Hände noch immer gefesselt waren, konnte ich mich nicht zur Wehr setzen. Der Hüne zog mich über den Schotter des Hinterhofes, während ich laut fluchte. Als Cort stoppte und mich zu Boden stieß, befand ich mich vor einer mit Brettern abgedeckten Grube. Der faulige, stechende Geruch, der mir hier in die Nase stieg, weckte schlimme Befürchtungen.

Auch Everhard Clunsevoet trat nach draußen, und seine Männer schleppten zudem Reynold, Jasmin und Mieke heran.

Cort stieß mit dem Fuß die Abdeckung zur Seite und grunzte. Ich richtete mich ein Stück auf und schluckte hart, als mein Blick auf die Senkgrube fiel, die bis zum Rand mit Exkrementen gefüllt war. Der Gestank lockte Scharen von Fliegen an, die surrend über dem Abort kreisten. Der Anblick machte mir den Hals eng und ließ mich würgen.

Cort packte entschlossen meine Schultern und schleifte mich auf die Grube zu. Ich trat um mich und schrie: »In Gottes Namen, zeigt Gnade! Ihr vergreift Euch an einem Unschuldigen!«

M

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Frau des Täuferkönigs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen