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Die Formel des Feuers

Über den Autor

Massimo Marcotullio, Jahrgang 1955, lebt in seinem Geburtsort Pavia und arbeitet als freier Schriftsteller. Neben verschiedenen Kurzgeschichten hat er zwei Kriminalromane verfasst sowie mehrere fesselnde Abenteuerromane, in denen er das 17. Jahrhundert opulent in Szene setzt.

Massimo Marcotullio

Die Formel des Feuers

Roman

Aus dem Italienischen
von Karin Diemerling

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel IKAPITEL I

Von Piraten entführt!« Beatrice wiederholte in Gedanken immer wieder diesen einen Satz, ähnlich wie man mit der Zunge in einem faulen Zahn herumbohrt.

»Von Piraten entführt!«

So unmissverständlich diese Aussage war, konnte sie dennoch nicht so recht daran glauben und schwankte, ob sie nun aus Angst vor dem, was ihr bevorstand, vergehen sollte oder eher vor Wut über die Abfolge von Ereignissen, die sie in diese Situation gebracht hatte.

Zu diesem Zwiespalt kam ein Gefühl ohnmächtiger Verzweiflung, wenn sie an das Los ihrer beiden Reisegefährten dachte, das Zanes, des stummen Slawen, der ihr schon in vielen Abenteuern ein treuer Gefährte gewesen war, und das Nannis, des Malers, mit dem sie längst mehr als nur Freundschaft verband.

Und sie selbst?

Was würde aus ihr werden?

Zwar fürchtete sie nicht um ihr Leben, aber das Schicksal, das sie erwartete, war kaum besser als der Tod.

In wenigen Tagen würde das Schiff, auf dem man sie gefangen hielt, im Hafen von Algier anlegen, dem Hauptquartier der maurischen Korsaren, die das Mittelmeer heimsuchten. Dort würde man sie zweifellos auf dem Sklavenmarkt verkaufen.

Wie ein Stück Vieh. Wie einen Gegenstand.

Wäre sie eine Adelige gewesen, hätte sie sich mit einem ordentlichen Batzen Geld freikaufen lassen können, doch leider war Beatrice nicht adelig und durfte nicht darauf hoffen, dank der Großzügigkeit eines aristokratischen Blutsverwandten die Freiheit wiederzuerlangen.

Somit würde es ihr bestimmt sein, den Harem irgendeines vornehmen Türken oder wohlhabenden Kaufmanns zu bereichern, jedoch nicht in dem Teil, der den Ehefrauen vorbehalten war, sondern in dem für die Sklavinnen, die ausschließlich ernährt und gehalten wurden, um die launischen Gelüste ihres Herrn zu befriedigen.

Im Laufe ihres noch jungen Lebens hatte sie bereits einiges über die türkischen Harems erfahren, vor allem aus Büchern, niedergeschrieben von den wenigen Glücklichen, die der Gefangenschaft auf abenteuerliche Weise entronnen waren. Meistens geschah dies, indem das Schiff, auf dem sie zu einer anderen Residenz ihres jeweiligen Herrn verfrachtet wurden, von einer christlichen Flotte aufgebracht und geentert wurde.

Sollten diese Berichte wahr sein, würde sie bei Gott nichts zu lachen haben.

Den Haremssklavinnen war es nur unter besonderen Umständen erlaubt, ihren abgegrenzten Bereich des Serails zu verlassen. In diesen Ausnahmefällen mussten sie sich von Kopf bis Fuß mit langen, erdrückenden Gewändern bedecken, die lediglich einen kleinen Sehschlitz über den Augen aufwiesen, sodass sie gerade noch den Boden erkennen konnten, über den sie gingen. Natürlich durften sie nicht frei und allein herumlaufen. Eunuchen, die über ihre Tugend und ihr Verhalten wachten, begleiteten sie auf Schritt und Tritt und waren zugleich die einzigen männlichen Wesen, auf die sie ihren Blick richten durften, wenn man diese armen Unglücklichen denn als männliche Wesen bezeichnen konnte.

Außer den Eunuchen war es nur dem Herrn und Besitzer erlaubt, den Wohnbereich der Sklavinnen zu betreten, der nach Lust und Laune, zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit ein und aus ging, um bei dieser oder jener zu liegen.

Ansonsten herrschte im Harem vor allem die Langeweile.

Das Leben dort bestand anscheinend aus einem langen, endlosen Warten, begleitet von hohlem Geschwätz, von Klatsch, Intrigen, Heimlichtuereien und den Boshaftigkeiten der Leidensgenossinnen, die, statt zusammenzuhalten, Lügengespinste woben und sich gegenseitig verleumdeten, um die Gunst ihres Herrn zu erringen, indem sie die anderen in ein schlechtes Licht rückten.

Doch das war noch nicht das Schlimmste.

In dem verhängnisvollen Moment, in dem der Herr starb, kannten die Machtkämpfe unter den Frauen keine Grenzen mehr. Falls er seinen Letzten Willen nicht klar und unmissverständlich niedergelegt hatte, was äußerst selten vorkam, fühlte sich jede der Haremsdamen, egal ob rechtmäßige Ehefrau oder Sklavin, dazu aufgefordert, die Krallen auszufahren und mit allen Mitteln darum zu kämpfen, dass ihr Nachwuchs die Titel und Besitztümer des verstorbenen Vaters erbte.

Zu diesem Zweck wurden die größten Rivalinnen nicht selten mit Gift, mit dem Dolch oder auf noch brutalere Weise ausgeschaltet, häufig unter Mithilfe des einen oder anderen Eunuchen. Denn die Haremswächter zeigten sich ihrem Herrn zwar treu ergeben, solange er lebte, doch bei seinem Tod sahen sie sich von jeder Verpflichtung befreit und schlugen sich auf die Seite derjenigen Dame des Serails, die sie mit Versprechungen, Geschenken und Liebkosungen am meisten für sich eingenommen hatte.

Unter derartigen Bedingungen – von der Außenwelt isoliert, durch ständige Schwangerschaften unterdrückt, jeder Art von Beschränkung unterworfen – verblühten die Frauen vorzeitig, und wenn ihre Schönheit erst einmal dahin war, hatten sie nicht mehr viel zu erwarten außer einem Alter in Elend und Einsamkeit.

Niemals würde sie sich einem so bitteren und grausamen Schicksal ergeben.

Nicht sie, nicht Beatrice!

Sie würde kämpfen. Sie würde jede List, jede Strategie anwenden, die ihr Verstand ersinnen konnte, um einem derart miserablen Leben zu entgehen.

Sie würde sich nicht geschlagen geben. Niemals. Sie würde sich mit Zähnen und Klauen wehren, bis zum letzten Atemzug.

Ihre Chancen standen schlecht, gewiss, aber war sie nicht auch den Fängen der Heiligen Inquisition entronnen?

Es würde ihr auch diesmal irgendwie gelingen, sich zu retten – notfalls würde sie bei dem Versuch sterben.

Bei der Erinnerung an die finsteren Verliese des Heiligen Offiziums überlief es sie kalt.

In einem einzigen, blitzartigen Augenblick durchlebte sie wieder die langen Stunden in der eisigen Zelle, als sie darauf gewartet hatte, in die Folterkammer geführt und den sadistischen Qualen ausgesetzt zu werden, welche die Inquisitoren ihren Opfern im Namen des allmächtigen Gottes zufügten.

Man hatte ihr die Folterwerkzeuge gezeigt: die Zangen, die Daumenschrauben, die Spitzeisen, die Holzkeile, das Rad.

Weil sie das entsetzliche Bangen nicht mehr hatte ertragen können und gefürchtet hatte, ihre noch in Freiheit befindlichen Freunde unter der Pein der Folter zu verraten, hatte sie beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte ihr Unterkleid in Streifen gerissen und in der Dunkelheit einen festen Strick daraus geflochten, um sich daran zu erhängen.

Doch dann, als ihr letztes Fünkchen Hoffnung erloschen war und sie gerade zur Tat hatte schreiten wollen, war die Rettung in Form eines kleinen Brotes gekommen, das ihr ein namenloser Wächter gebracht hatte.

In dem Brot hatte sich eine Phiole mit einer zähen, übel riechenden Flüssigkeit befunden, die sie auf einen Zug ausgetrunken hatte, in der Überzeugung, dass es sich um ein Gift handelte, gesandt von den Freunden, um ihr weitere Qualen zu ersparen.

Trotz des widerwärtigen Geschmacks und Geruchs war es aber kein Gift gewesen, sondern ein geheimnisvolles Gebräu, das eine Art Scheintod bewirkte.

Als die Wärter sie zur peinlichen Befragung hatten abholen wollen, hatten sie sie für tot befunden und ihren leblosen Körper zu den Ställen des Inquisitionsgebäudes gebracht, wo jeden Tag die Leichen der Bedauernswerten abgeladen wurden, die die grausamen Torturen nicht überlebt hatten. Einmal am Tag kamen Karren und fuhren die sterblichen Überreste weg, die in ungeweihter Erde anonym verscharrt wurden.

Nach einigen Stunden war sie erwacht und hatte ihre Gefährten um sich versammelt gesehen, die, als Fuhrknechte verkleidet, in den Palazzo des Heiligen Offiziums eingedrungen waren.

Nachdem sie diese Tortur überlebt hatte, durfte sie wohl zuversichtlich sein, einen Ausweg aus ihrer gegenwärtigen Zwangslage zu finden.

Es würde nicht einfach werden, das wusste sie, aber sie würde es irgendwie schaffen.

Statt ihr Trost zu spenden, verstärkte die Erinnerung an die Flucht aus den Kerkern der Inquisition jedoch nur das Gefühl von Beklemmung, das auf ihrer Seele lastete.

In der Gefahr damals hatte sie wenigstens auf die Hilfe ihrer Freunde zählen können, des schlauen Baldassarre Melchiorri, des ungestümen und furchtlosen Malers Nanni und des mutigen, ergebenen Zane, die einen ebenso gewagten wie erfolgreichen Fluchtplan ersonnen hatten.

Auf wen aber sollte sie sich diesmal verlassen?

Der Großmeister Melchiorri war bereits in Rom auf mysteriöse Weise verschwunden, und was Zane und Nanni anging, so hegte sie wenig Zweifel daran, dass sie mittlerweile auf dem Grund des Meeres ruhten, auch wenn sie die beiden nicht mit eigenen Augen hatte untergehen sehen.

Der ganze Verlauf des Angriffs, das verzweifelte Zur-Wehr-Setzen gegen die enternden Piraten, die Explosion des Pulvermagazins – all das ließ nur den Schluss zu, dass ihre heldenhaften Kameraden elend umgekommen waren. Auf einen anderen Ausgang zu hoffen hieße, sich dummen Hirngespinsten hinzugeben.

Schließlich konnte niemand eine Explosion überleben, deren Wucht ein solide gebautes Schiff von über fünfzig Tonnen buchstäblich zu Kleinholz zerlegt hatte.

Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen, dass die Verteidiger des Schiffs, nachdem die Frauen in einem Beiboot in Sicherheit gebracht worden waren, das Pulver in Brand stecken und sich über die Reling stürzen sollten, um das Ufer mithilfe einer zweiten Schaluppe zu erreichen, die zu diesem Zweck bereits zu Wasser gelassen worden war.

Gleich nach der Explosion hatte Beatrice nach diesem zweiten Boot Ausschau gehalten, um festzustellen, ob die Gefährten sich hatten retten können, doch sie hatte keine Spur von ihnen entdeckt. Auf der Wasseroberfläche trieben lauter Trümmerstücke, versengte Segelfetzen und andere Teile der Takelage. Das Rettungsboot musste von der Druckwelle getroffen und zusammen mit seinen Insassen in Stücke gerissen worden sein.

Es war zwecklos, sich Illusionen zu machen – diesmal würde sie mit keiner Hilfe von außen rechnen können.

Sie musste sich ganz auf ihre eigenen Kräfte, ihre eigene Klugheit verlassen.

Sie wusste noch nicht wie, aber sie würde sich befreien, so oder so.

Beatrice riss sich aus ihren Gedanken und versuchte, mit den Augen die Dunkelheit des feuchten, muffigen Laderaums zu durchdringen, in den sie eingesperrt war, sah jedoch nicht viel mehr als ein paar schemenhafte Umrisse.

Dafür gab es umso mehr zu hören. Sie hatte keine Schwierigkeiten, die vielen Seufzer und Klagen, das Schluchzen und die inbrünstigen Gebete ihrer Mitgefangenen zu unterscheiden. Die Frauen waren zusammen mit ihr von den Piraten aufgelesen worden, als sie das dem Untergang geweihte Schiff hinter sich gelassen hatten, auf dem Nanni, Zane und ein paar wenige andere tapfere Kämpfer erbitterten Widerstand geleistet hatten. Sie hatten ihnen genug Zeit verschaffen wollen, auf dass sie die Insel Linosa erreichen könnten.

Es waren sechs Frauen, weder jung noch alt, weder hässlich noch schön. Sechs Prostituierte, die sich nach Malta eingeschifft hatten und zu einem der zahlreichen Bordelle unterwegs gewesen waren, die, wie man hörte, auf der Insel florierten. Offenbar versüßte dort ein kleines Heer von Huren den hochkatholischen Rittern ihren Aufenthalt auf diesem Bollwerk der Christenheit gegen den wachsenden Ansturm der maurischen Flotten.

Auch sie würden im Hafen von Algier als Sklavinnen verkauft werden. Beatrice ging der nüchterne Gedanke durch den Kopf, dass die sechs Ärmsten bei dem Leben, das sie bislang geführt hatten und zweifellos weitergeführt hätten, wären sie nicht von den Piraten geraubt worden, im Grunde nicht viel Schlimmeres zu erwarten hatten. War denn die Aussicht, nur noch einem einzigen Mann als Spielzeug zu dienen statt vielen, wirklich so schrecklich? War es denn abstoßender, hin und wieder bei einem adeligen Türken zu liegen, als Tag für Tag, Nacht für Nacht die eiligen Begierden eines Haufens brutaler, stinkender Soldaten zu befriedigen?

Beatrice wusste von keiner Hure, die ihre Tage in fortgeschrittenem Alter beendet hätte. Was Syphilis oder Pocken nicht schafften, bewirkte oft ein gewalttätiger Zuhälter oder betrunkener Freier. Frauen, die diesen Beruf ausübten, konnten kaum damit rechnen, ein reifes, geschweige denn hohes Alter zu erreichen.

Warum also all diese Tränen und Klagen, die ständigen Stoßgebete und Verwünschungen?

Aber noch während sie so dachte, wurde Beatrice bewusst, wie ungerecht sie gegenüber ihren Leidensgenossinnen war.

Gewiss ließ jede von ihnen eine Familie, höchstwahrscheinlich auch Kinder zurück, die sie nun niemals wiedersehen würde. Außerdem betrachtete niemand, egal wie unglücklich er war, sein Leben als eine schnell zu Ende gehende Episode. Jeder Mensch, wie niedrig und beladen seine Existenz auch sein mochte, nährte in seinem Herzen Träume, Wünsche und Hoffnungen. Und dieses Unheil stellte einen so tiefen, endgültigen Einschnitt dar, dass auch unerschütterlichere Gemüter als die der sechs armen Huren verzagt wären.

Was ihnen wohl vor allem Angst machte, war der Gedanke, in eine unbekannte Welt verschlagen zu werden, die von blutrünstigen Ungläubigen bevölkert wurde.

Auch wenn die Welt, die sie hinter sich ließen, genauso hart und erbarmungslos war, besonders zu denen, die wie sie auf der untersten Stufe in der Hierarchie der Elenden standen, bedeutete es eine weitere Herabwürdigung, den Schoß der Christenheit zu verlassen und sich auf diese unfreiwillige Weise ins muselmanische Morgenland verpflanzt zu sehen.

Beatrice machte noch nicht einmal den Versuch, sie zu trösten. Das wäre vergebene Liebesmüh, und womit hätte sie diesen gequälten Seelen Hoffnung machen sollen?

Sie überließ sie lieber ihren Rosenkränzen und Gebeten, die, wenn sie schon nicht halfen, bestimmt auch nicht schadeten.

Sich selbst verordnete sie jedoch eine ganz andere Geisteshaltung. Sie würde sich nicht von Gefahren und Schwierigkeiten entmutigen lassen und auch nicht im ungewissen Trost des Gebets Zuflucht suchen.

Stattdessen würde sie Augen und Ohren offen halten, bereit, die kleinste Chance, die erstbeste Gelegenheit zu nutzen, um sich einem scheinbar unausweichlichen Los zu entziehen.

Kapitel IIKAPITEL II

Der Mann, dessen dunkle Haare ihm über die nackten Schultern fiel, hob einen Stein auf, schleuderte ihn mit aller Kraft fort und verfolgte die gekrümmte Flugbahn vor dem klaren Himmel.

Der Stein beschloss seinen Bogen mit einem kleinen Spritzer. Die konzentrischen Kreise, die sein Aufprall auf dem ruhigen Wasser der Bucht hervorgerufen hatte, wurden sogleich vom ewigen Wellengang hinweggespült.

Der Mann hob einen weiteren Kiesel auf und machte Anstalten, ihn zu schleudern, ließ ihn dann aber, angewidert von der Sinnlosigkeit seines Tuns, wieder in den feinen Sand fallen.

Seine Arme sanken herab.

Er wandte den Blick von der kaum gekräuselten Wasseroberfläche ab und der hohen, gezackten Klippe zu, die den weißen Sandstrand auf einer Seite begrenzte.

Ein verdrießliches Schnauben brach aus ihm hervor.

Drei Wochen!

Seit drei Wochen weniger drei Tage schleppte er sich nun schon über die Pfade und Strände dieses in der Weite des Mittelmeers verlorenen Eilands und wartete darauf, dass ein Segel die Monotonie des Horizonts unterbrach.

Drei Wochen brachte er nun schon mit Nichtstun in der lähmenden Hitze dieses von der Sonne ausgedörrten Felsens zu und hatte vorwiegend die Möwen zur Gesellschaft, deren Schreie einen Kontrapunkt zu dem unaufhörlichen Rauschen der Brandung bildeten, die Tag für Tag, Jahrtausend um Jahrtausend die Strandkiesel glatt schliff und polierte.

Er glaubte, langsam wahnsinnig zu werden.

Gab es denn wirklich keine Möglichkeit, von dieser verfluchten, von Gott und den Menschen verlassenen Insel fortzukommen?

Konnte man wirklich nichts anderes tun, als auf das Schiff aus Palermo zu warten, das nach Auskunft der Inselfischer »gegen Ende Juni, vielleicht aber auch erst Mitte Juli« eintreffen würde?

»Das hängt davon ab«, hatten sie hinzugefügt.

»Wovon?«, hatte er gefragt.

Sie hatten nur die Achseln gezuckt und vage auf Meer und Himmel gedeutet.

Der Mann maß mit langen, wütenden Schritten die wenigen Dutzend Ellen ab, die ihn noch vom Fuß der Klippe trennten, und murmelte dabei unzusammenhängende Verwünschungen vor sich hin.

Als er am Ende der Bucht angekommen war, watete er mit den bloßen Füßen um eine hohe, gezackte Felsspitze herum und blieb vor einem flachen Steinbrocken stehen, auf dem ein Mann mit einer Angel aus einem Schilfrohr und einer groben Schnur saß.

Es war ein außergewöhnlich großer, kräftiger Kerl mit heller Haut, die sich durch den ausgedehnten Aufenthalt in der Sonne stark gerötet hatte. Das lange, kantige Gesicht unter dem hellblonden Schopf hatte einen melancholischen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Ankömmling um, warf ihm einen fragenden Blick zu und richtete die Aufmerksamkeit dann wieder auf die Angelschnur.

Die beiden schwiegen einige Minuten, der eine mit Angeln, der andere mit seiner Rage beschäftigt, während die Sonne gleichermaßen auf sie herabbrannte.

»Zane, wir müssen etwas unternehmen, Herrgott noch mal!«, platzte der etwas kleinere, untersetztere Mann heraus und schüttelte die pechschwarze Mähne. »Wir können hier nicht sitzen und Däumchen drehen, während Beatrice … Beatrice …« Der Satz endete in einem unterdrückten Schluchzer.

Der große Blonde drehte sich erneut zu ihm um. Er sagte kein Wort, was vor allem daran lag, dass er stumm war, aber seine Miene war sprechend genug, um seinen Gefährten davon abzuhalten, das einseitige Gespräch fortzusetzen.

Der Dunkle ließ den Kopf hängen und setzte sich schwerfällig in den glühend heißen Sand.

Er wusste, dass seine Worte nutzlos waren oder vielmehr lediglich dazu dienten, seinem Herzen Luft zu machen.

In den vergangenen Wochen hatte er seine Meinung bereits unzählige Male kundgetan. Er kam sich schon vor wie einer dieser seltsamen bunten Vögel aus Westindien, sogenannte Papageien, die auf Jahrmärkten ausgestellt wurden und immer nur die wenigen, von ihren Besitzern mit endloser Geduld wiederholten Wörter von sich gaben.

Die Bewohner der Insel, die Fischer, Schäfer und die gelangweilten Wachen der Garnison, mieden ihn mittlerweile wie die Pest, damit er sie nicht zum hundertsten Mal nach der voraussichtlichen Ankunft des Schiffes aus Palermo fragte.

Seine Gedanken schweiften zu den Ereignissen, die ihn und Zane auf dieses von der Sonne gebackene und vom Meer zerfressene Eiland verschlagen hatten. Obwohl er wusste, dass ihn im Grunde keine Schuld traf, quälte er sich doch unablässig mit der Frage, was er hätte anders machen, wo er beherzter hätte einschreiten sollen, um ein besseres Ende herbeizuführen.

Ihre Abreise aus Rom war plötzlich und überstürzt vonstattengegangen.

Nach der langen und gefährlichen Jagd auf den Skorpion, den skrupellosen Mörder, der so viel Blutvergießen in der Ewigen Stadt angerichtet hatte, war ihm als Lohn für seinen Mut eine Gelegenheit offeriert worden, auf die er quasi sein ganzes Leben lang gewartet hatte, jedenfalls seit er als Heranwachsender den steinigen Weg der Kunst beschritten hatte.

Inzwischen hatte auch er begriffen, dass das Ganze eine abgekartete Sache gewesen war, um sich rasch einiger unbequemer Zeugen zu entledigen, die in einen Vorfall verwickelt waren, der sich für die Heilige Mutter Kirche und mehrere regierende Königshäuser Europas als peinlich erwies. Geblendet von dem Versprechen auf Ruhm, Glanz und Reichtum, hatte er zuerst nicht über den Grund für all die Eile bei ihrer Einschiffung nachgedacht.

Andererseits, wer konnte es ihm verdenken?

Jahrelang hatte er in Rom Klinken geputzt, um einen einigermaßen prestigeträchtigen Auftrag zu ergattern, der es ihm erlaubte, sein ganzes Können unter Beweis zu stellen. Doch sein unermüdliches Anklopfen und das endlose Warten in den Vorzimmern der Mächtigen hatte nur zu vagen Versprechungen geführt, auf die unweigerlich bittere Enttäuschung gefolgt war.

Abgesehen von den wenigen wirklich großen Künstlern gingen die wichtigsten und lohnenswertesten Aufträge stets an die üblichen Günstlinge, die notorischen Speichellecker, die bekannten Betbrüder. Für die anderen blieben bloß die Brosamen.

Und dann bot man plötzlich ihm, Giovanni Battista Sacchi, genannt »Il Fulminacci«, eine Gelegenheit, die er sich nicht einmal in seinen größenwahnsinnigsten Träumen ausgemalt hatte: den Audienzsaal im Palast des Souveränen Ritter- und Hospitalordens vom heiligen Johannes auf der Insel Malta mit Fresken zu verzieren. Und das war noch nicht alles, denn neben der Bemalung des großen Saals umfasste die Aufgabe auch die Ausschmückung der Privatgemächer des Großmeisters sowie die Anfertigung eines Altarbildes für die Kapelle.

Kurzum, es ging um einen Werkzyklus, der seinem Schöpfer unvergänglichen Ruhm eintragen und ihn in den Kreis der großen Künstler seines Jahrhunderts erheben würde.

Wie hätte er bei einem solchen Angebot zögern können?

Sie waren Hals über Kopf aufgebrochen. Am Folgemorgen des Abends, an dem ihnen der Vorschlag unterbreitet worden war, hatten sie sich schon an Bord einer venezianischen Tartane befunden, ausgestattet mit einem von Kardinal Azzolini persönlich unterschriebenen Geleitbrief, der ihnen alle Türen öffnen sollte.

Als die Tartane vom Kai von Ostia abgelegt hatte, hatte es keinen glücklicheren Menschen in der gesamten Christenheit gegeben als ihn, Fulminacci. Die See war ruhig, die Sonne strahlte vom Himmel; er war auf dem Weg, das Werk zu schaffen, das ihn berühmt machen würde, hatte die Frau, die er liebte, an seiner Seite und das Schwert des einst meistgefürchteten Fechters von ganz Europa umgegürtet.

Was konnte ein Mann mehr vom Leben verlangen?

Doch wie man weiß, fällt derjenige umso tiefer, der glaubt, zum Gipfel von Glück und Erfolg emporgestiegen zu sein. Das widrige Schicksal spannt ständig seine Fallstricke, um die hochfliegenden Träume der armseligen Kreaturen aus Fleisch und Blut, die sich mühsam durch den Staub dieser Erde schleppen, zu durchkreuzen.

In den ersten beiden Wochen verlief die Reise ruhig und angenehm.

Das Leben an Bord war zwar monoton, das Essen fade, und es gab wenig zu tun, womit man die Zeit totschlagen konnte, doch das alles machte dem Maler nichts aus, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, sich die großartigsten Projekte auszudenken und den schönsten Zukunftsfantasien hinzugeben.

Sanfte Winde blähten die Segel des Schiffs, die Wellen verzichteten darauf, allzu heftig gegen den Kiel zu schlagen, und alles lief bestens.

Doch nachdem sie in ausreichendem Abstand zur Küste von Marsala die westlichste Spitze Siziliens umsegelt hatten, begann das Glück sich zu wenden.

Der günstige Wind, der sie bisher begleitet hatte, drehte plötzlich und hinderte den Kapitän daran, seinen ursprünglichen Ostsüdostkurs beizubehalten.

Die Tartane war ein Handelsschiff, langsam und schwergängig, mit relativ geringer Takelage und daher kaum geeignet, hart am Wind zu segeln.

Der Kapitän musste also den Kurs ändern und auf die Insel Linosa zuhalten, wo er vor Anker gehen wollte, bis der Wind sich drehte.

Alle, vom Kapitän bis zum untersten Schiffsjungen, die Passagiere eingeschlossen, nahmen diese Unannehmlichkeit gleichgültig hin, ohne sich über die Verspätung aufzuregen, mit der sie nun in den Hafen von Valletta einlaufen würden.

Es drängte sie schließlich nichts zur Eile.

Allein Fulminacci reagierte auf die Nachricht, als hätte er von einem Todesfall in seiner Familie erfahren.

Höchst verärgert sei er, hatte er gerufen, wobei »verärgert« als der reinste Euphemismus betrachtet werden musste bei dem Theater, das er veranstaltete, als der Kapitän die Passagiere von der Kursänderung in Kenntnis setzte.

Fulminaccis Wissen über die Seefahrt konnte nur als rudimentär und theoretisch bezeichnet werden, und das war noch großzügig formuliert. Die längste Schiffsreise, die er je unternommen hatte, war eine Flussfahrt mit einem Schleppkahn auf dem ruhigen Wasser des Po von Pavia nach Mantua gewesen.

Nichtsdestoweniger fiel er über den geduldigen Kapitän her, um ihn dazu zu bringen, den ursprünglichen Kurs fortzusetzen, wobei er zugleich alles verfluchte, was es nur zu verfluchen gab.

Der Schiffskommandant, ein ruhiger Mann aus Chioggia von über sechzig Jahren, ertrug das nautische Geschwafel des Malers mit christlicher Ergebenheit, in der Überzeugung, damit San Marco, dem Schutzheiligen der Seefahrer, ein Opfer darzubringen, das ihm einen ordentlichen Sündenerlass eintragen würde, wenn er eines Tages seinem höchsten Richter gegenüberstünde. Was ihn nicht davon abhielt, auf dem beschlossenen Kurs weiterzusegeln und das Ruder um kein Grad in eine andere Richtung zu bewegen.

Nur Beatrices entschiedenes Eingreifen erlöste den armen Mann schließlich von der Belagerung und lenkte das Verhalten ihres aufbrausenden Gefährten in zivilisiertere, wenn schon nicht wohlerzogene Bahnen.

Doch so sehr es auch stimmen mag, dass Klugheit und Besonnenheit Tugenden sind, von denen wir Menschen nie genug besitzen können, ist es ebenso wahr, dass in manchen Fällen eine Prise Verwegenheit mehr wiegt als säckeweise Vorsicht.

Dies war leider einer dieser Fälle.

Als vom höchsten Mastkorb des Großmastes aus die flache, steinige Küste der Insel Linosa in Sicht kam, begannen die Ereignisse sich zu überstürzen.

Kaum hatte das Schiff sich der Insel auf einige Meilen genähert, blies die Brise plötzlich aus anderer Richtung, sodass die Tartane nun luvwärts nach Süden segelte. Das Drehen des Windes in Küstennähe ist ein häufiges Phänomen, besonders in den Stunden nach Sonnenaufgang, da es dann zu einer Temperaturumkehrung in den Luftschichten kommt. Im Sommer gar, wenn im südlichen Mittelmeer vorwiegend sanfte Winde wehen, können solche Umstände als vollkommen normal betrachtet werden.

Die veränderten Bedingungen zwangen den Kapitän, erneut einen anderen Kurs einzuschlagen, denn es war vollkommen unmöglich, aus nordwestlicher Richtung mit einem Gegenwind von zwanzig Knoten Geschwindigkeit auf die Insel zuzusteuern. Der Bug wurde nach Osten ausgerichtet mit der Absicht, eine Bucht zu erreichen, in der das Manövrieren dieses langsamen Schiffs mit beträchtlichem Tiefgang leichter fallen würde.

Als sie jedoch das östliche Kap der Insel umsegelt hatten, sahen sie sich plötzlich der Gefahr gegenüber, die alle Seefahrer in diesen Gewässern am meisten fürchteten.

»Wir sind verloren!«, konnte der Kapitän nur noch murmeln, sobald er am Horizont die Segel einer maurischen Galeere erkannte, die gerade in diesem Augenblick ihren Kurs korrigierte, um auf sie zuzuhalten.

Fulminacci stand zufällig neben ihm, um ihn mal wieder mit seinen Klagen und unüberlegten Vorschlägen zu belästigen.

»Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte er, erschrocken über den resignierten Ton des Kapitäns.

»Ich will damit sagen, dass wir im Arsch sind, geliefert, Futter für die Fische! Das sind Korsaren, in drei Teufels Namen!« Vor Aufregung war er in seinen Heimatdialekt verfallen, das weiche Venezianisch der Lagune.

»Können wir nicht wenden und sie abhängen? Sie sind noch weit weg, und die Insel ist doch jetzt ziemlich nah«, wandte der Maler ein, schien allerdings seinen eigenen Worten keinen rechten Glauben zu schenken.

»Siehst du nicht, dass sie viel schneller sind als wir, du Hundesohn?« Der Kapitän hatte seine gewohnte Beherrschtheit verloren und brauchte eine Weile, um sich wieder zu fangen. »Das ist ein Kaperschiff. Allein mit ihrer Segelkraft haben sie uns in ein, zwei Stunden eingeholt. Wenn sie die Ruder einsetzen, noch früher.«

»Gibt es denn nichts, was wir tun können?«, beharrte der Maler.

»Uns damit abfinden und beten. Wir haben nicht die geringste Chance.«

»Sie werden uns alle umbringen …«, murmelte Fulminacci.

»Schlimmer, viel schlimmer! Sie werden uns gefangen nehmen und als Sklaven verkaufen. In spätestens ein, zwei Wochen sind wir an die Ruderbänke irgendeiner Galeere geschmiedet und müssen rudern wie die Verdammten, während die Peitsche des Aufsehers über unsere Rücken pfeift. Kennt Ihr nicht das Motto der Galeerensklaven? ›Das Leben ist Qual, der Tod eine Gnade.‹ Ich bin alt und werde bald vor Erschöpfung sterben, aber Ihr seid jung und stark, bei Euch wird es eine Weile dauern. Ihr werdet jeden Augenblick verfluchen, das garantiere ich Euch.«

Fulminacci erbleichte, und es hatte ihm offenbar die Sprache verschlagen, ein Zustand, von dem der Kapitän selbst in dieser bedrohlichen Situation wünschte, er möge andauern.

Doch der Maler war keiner, der schnell die Flinte ins Korn warf, nicht einmal in der verzweifeltsten Lage.

Er ging mit großen Schritten über das Deck und rief mit seinem volltönenden Bariton die Passagiere zusammen, die sogleich aus ihren Kabinen strömten.

Unter normalen Umständen hätte der Kapitän diesem Verhalten, das seine Autorität untergrub, Einhalt geboten, doch der alte, müde Venezianer war in eine Art Apathie gefallen und ließ zu, dass der Maler das Wort an die kleine Menge richtete, die sich schweigend unter dem Aufbaudeck versammelt hatte.

Außer Zane, Beatrice und Fulminacci waren noch sechs Prostituierte aus Padua an Bord, die für eines der zahlreichen Bordelle von Malta bestimmt waren, dazu zwei schon betagte Kaufleute aus Pisa, ein Sergeant und zwei Waffenmeister, die zu einem päpstlichen, in der Garnison von Valletta stationierten Regiment gehörten, sowie ein graziler, blasser Schreiber, den die Seekrankheit nicht mehr verlassen hatte, seit er einen Fuß auf das Schiff gesetzt hatte.

Das war beim besten Willen keine Truppe, mit der man einen heroischen Widerstand organisieren konnte.

»Unsere Aussichten stehen schlecht, das ist klar, aber was mich betrifft, so habe ich nicht vor, mich kampflos zu ergeben. Ihr wisst alle, was uns blüht, wenn sie uns fangen. Die Frauen werden als Sklavinnen verkauft werden, und die Männer werden auf einer Galeere enden. Ich denke, ich muss euch nicht erst lange erklären, was das jeweils bedeutet. Ich für meinen Teil möchte lieber hier und heute mit der Waffe in der Hand sterben als in ein paar Wochen oder Monaten, nachdem ich, an eine Ruderbank gefesselt, Blut gespuckt habe. Seid ihr meiner Meinung?«

Auf das benommene Schweigen, mit dem seine Rede aufgenommen wurde, folgte das einstimmige Geheul der sechs Huren, welche auf die Knie fielen und mit einer Inbrunst zu beten begannen, die sie gewiss noch nie in ihrem Leben an den Tag gelegt hatten.

Als er merkte, dass sein Appell nicht die gewünschte Wirkung zeigte, packte der Maler den Kapitän am Kragen und versuchte, ihn aus seiner Teilnahmslosigkeit zu rütteln.

»Was denkt Ihr, wie viele Männer auf dem Korsarenschiff sind?«, fragte er ihn.

Der Venezianer drehte sich um und spähte mit glasigen Augen zu den Rahsegeln der Galeere hinüber, die inzwischen merklich näher gekommen war.

»Es ist …« Er räusperte sich. »Es ist kein besonders großes Schiff. Ich schätze, es dürften nicht mehr als fünfundzwanzig bewaffnete Männer an Bord sein, höchstens dreißig …«

»Sehr gut!«, rief der Maler. »Zane und ich allein zählen schon für zwanzig. Wenn wir die drei Soldaten mit einrechnen und das eine oder andere Besatzungsmitglied, das eine Waffe zu handhaben weiß, sind wir ihnen praktisch ebenbürtig. Unsere Entschlossenheit und unser Kampfesmut werden den Ausschlag geben. Bei Gott, wir können es schaffen!«

Ein wenig überzeugtes Gemurmel antwortete ihm.

»Wir können nicht darauf hoffen, uns gegen eine Enterung zur Wehr zu setzen«, widersprach der Artilleriesergeant. »Ich bin fast zwei Jahre lang auf einer Galeere gefahren und weiß in diesen Dingen Bescheid. Sie werden von allen Seiten über uns herfallen. Sie werden uns vernichten!«

»Wir werden natürlich nicht versuchen, sie beim Entern zurückzuschlagen. Auf offenem Boden sind wir verloren, das weiß ich auch. Aber unser Achterkastell ist sehr hoch – soweit ich es beurteilen kann, müsste es ihre Bordwand um mindestens sieben oder acht Ellen überragen. Meine Idee ist folgende: Wir verbarrikadieren uns hinter dem Kastell und verkaufen unsere Haut so teuer wie möglich aus der Deckung heraus. Sie dagegen müssen ungeschützt angreifen, was uns einen Vorteil verschafft. Mit ein bisschen Glück gelingt es uns vielleicht, die Hälfte von ihnen schon mit der ersten Salve zur Hölle zu schicken. Danach wird es auf jeden Einzelnen ankommen. Was für uns spricht, ist, dass wir um unser Leben kämpfen, während diese ungläubigen Hunde es nur der Beute wegen tun. Es könnte sogar passieren, dass sie, wenn sie empfindliche Verluste erleiden, den Brocken als zu groß für ihre Mäuler erachten und ihn ausspucken.«

»Da macht Euch mal keine Hoffnungen. Diese verdammten Piraten geben nie auf, sie kämpfen bis zum letzten Mann, wenn es sein muss«, ächzte der Kapitän, der sich nicht im Geringsten vom Optimismus des Künstlers anstecken ließ.

»Ja, da habt Ihr wohl recht«, räumte Fulminacci ein, »aber ich bin noch nicht fertig. Das ist nur die erste Phase des Plans. Sobald sie mit dem Entern beginnen, werden wir nämlich zwei Rettungsboote zu Wasser lassen, und zwar auf der entgegengesetzten Seite zu derjenigen, auf der sie sich nähern. Wenn das Gefecht losgeht, werden die Frauen zusammen mit ein paar Matrosen, die zu alt zum Kämpfen sind, in das Beiboot steigen. Auf diese Weise können sie zur Küste fliehen, während die Piraten damit beschäftigt sind, das Deck zu erstürmen, auf dem wir uns verbergen. Wenn alles gutgeht, müsste es ihnen gelingen, nahe genug ans Ufer heranzukommen, um sich in Sicherheit zu bringen. Haben sie erst einmal flaches Gewässer erreicht, dürfen sie sich als gerettet betrachten. In diesem Augenblick werden wir den dritten Teil des Plans umsetzen …«

»Und der wäre?«, fragte der Sergeant, der wider alle Vernunft allmählich Gefallen an der Ansprache des Malers fand.

»Das Schiff in die Luft jagen!«, antwortete der selbsternannte Anführer prompt.

Vielstimmiges Protestgemurmel war die Reaktion.

»Nein, nein, hört mir zu«, fuhr Fulminacci mit beschwichtigender Geste fort. »Also, wir tragen alle Pulverfässchen zusammen, die wir an Bord finden, abgesehen von einer kleinen Menge, die wir zum Laden der Pistolen, Musketen und Feldschlangen brauchen. Drei oder vier Ladungen sollten genügen, zu mehr werden wir keine Gelegenheit haben. Das übrige Pulver türmen wir knapp unter der Wasserlinie an Backbord auf, von wo sie vermutlich angreifen werden. Dann legen wir eine Lunte bis zum Deckkastell, wo wir eine brennende Fackel bereithalten. Wir warten, bis das Boot mit den Frauen weit genug weg ist, zünden das Schießpulver an und springen über Bord. Danach müssen wir schnell zu dem treibenden zweiten Rettungsboot schwimmen, das wir in einem geeigneten Moment losgemacht haben. Die Explosion dürfte nicht nur unser Schiff zerstören, sondern auch die Korsarengaleere genug beschädigen, damit sie uns nicht verfolgen kann. Mit Geschick, Wagemut und einer ordentlichen Prise Glück schaffen wir es vielleicht sogar, diese Dreckskerle allesamt zu den Fischen zu schicken. Was sagt ihr? Seid ihr bereit?«

Kapitel IIIKAPITEL III

In Ermangelung einer besseren Idee wurde Fulminaccis Vorschlag einstimmig angenommen.

Es gab keine Jubelchöre und keine Freudensprünge, aber es legte auch niemand Widerspruch ein, und das war in dieser brenzligen Lage mehr, als er sich erhofft hatte.

Nachdem der Beschluss einmal gefasst war, gab es kein Zaudern mehr, und jeder auf dem Schiff half nach eigenen Kräften und Fähigkeiten bei den Vorbereitungen – mit Ausnahme der sechs Huren, die sich lieber zum Gebet versammelten und ununterbrochen Rosenkränze herunterleierten.

Die Tartane wurde gewendet und wieder auf einen nordwestlichen Kurs gebracht, damit sie sich so weit wie möglich der Küste näherte, ohne dabei den Vorsprung zu verlieren, den sie noch vor den Verfolgern hatte.

Die Besatzung bestand neben dem alten Kapitän und dem ebenso bejahrten Bootsmann aus sieben Matrosen, von denen jedoch nur vier in der Lage waren, eine Waffe zu führen. Einer war schon zu alt zum Kämpfen, und zwei waren noch Knaben, der eine noch nicht einmal im Heranwachsendenalter.

Als das Wendemanöver ausgeführt war, wurden die Waffen verteilt: ein paar alte Säbel mit schartigen Klingen, zwei Musketen mit Zündstein und ein halbes Dutzend Pistolen.

Fulminacci, Zane, Beatrice und der Sergeant kümmerten sich darum, das Deck zu verbarrikadieren, wozu sie alles hernahmen, was halbwegs geeignet schien – Fässer, diversen Hausrat, Tische, Hocker, Ballen von Leinen und Hanf, die sie aus dem Laderaum herbeischafften –, während die beiden Schiffsjungen Eimer mit Schrott und Splittern füllten, die bei der Enterung auf das Deck geschüttet werden sollten. Zu jener Zeit liefen die Seeleute nämlich barfuß auf den Schiffen herum, einmal, um einen besseren Halt auf den Planken zu haben, aber vor allem, um wie die Akrobaten in den Wanten und auf den Rahen herumklettern zu können, wenn sie die Segel hissten oder refften. Die Splitter bestanden aus Glas, verrosteten Eisenbruchstücken und anderen spitzen Teilchen, die sich gut auf dem Deck verteilen ließen und sich tief in die Fußsohlen bohrten. Allein damit konnte natürlich kein feindlicher Ansturm aufgehalten werden, aber man bremste ihn, indem man den Angreifern den nötigen Schwung nahm, um eine Barrikade zu überwinden oder die Linie der in geschlossener Reihe stehenden Verteidiger zu durchbrechen.

Die beiden Waffenmeister, Adjutanten in einem Grenadier-Regiment, gingen indessen unter Deck und begannen, die Fässchen mit Schwarzpulver an der festgelegten Stelle aufzutürmen, wobei sie zusätzlich große Tonkrüge voll Öl dazwischenstellten, welche die Explosion noch verheerender machen würden.

Anschließend wurde die Zündschnur mittels gebogener kleiner Nägel an der Decke des Laderaums entlanggespannt und etwa in der Mitte des Achterkastells, direkt vor dem Ruder, durch eine Luke nach oben geführt.

Jede verfügbare Hand packte bei diesen Vorkehrungen mit an, und doch hatten sie das Gefühl, nicht schnell genug voranzukommen. Während auf der Tartane alle fieberhaft arbeiteten, hatte das Seeräuberschiff weiter aufgeholt, und die Zeit drängte.

Zane und der Maler bauten hastig die Barrikade fertig, und als sie die letzten beiden Hocker untergebracht hatten, stürzten sie zum Bug, wo sie die beiden kleinen Feldschlangen, die einzige schwere Bewaffnung des Schiffs, von ihren drehbaren Lafetten abmontierten. Sie schleppten die Geschütze nach achtern und wuchteten sie mithilfe von ein paar Kameraden auf die Barrikade, auf jede Seite eine, damit sie das gesamte Deck von Backbord bis Steuerbord beschießen konnten.

Die Feldschlangen wurden mit allerlei Kleinteilen geladen, mit Eisenbruchstücken, Nägeln, Glas- und Tonscherben sowie Kettengliedern, damit die Schusswirkung einen möglichst großen Bereich abdeckte.

Nach gut einer Stunde war alles bereit, um die Angreifer in Empfang zu nehmen.

Nun blieb nichts mehr zu tun, als zu warten und auf das Glück zu hoffen.

Aufgrund seines geringeren Gewichts, des schmaleren, zugespitzten Kiels und der größeren Segeloberfläche näherte sich das Piratenschiff schnell. Normalerweise tauchten Galeeren im Falle einer Verfolgung die Ruder ein, um eine Geschwindigkeit zu erreichen, bei der kein allein mit Windkraft getriebenes Schiff mithalten konnte. Doch diesmal geschah das nicht. Der Kapitän des Piratenseglers hielt eine solche Maßnahme angesichts der Schnelligkeit, mit der sie ihre Beute einholten, offenbar für überflüssig.

Das gab den Passagieren und der Mannschaft der Tartane ein wenig mehr Zeit, um die letzten Handgriffe anzubringen und sich auf den Kampf vorzubereiten.

Beatrice ging zu Fulminacci hinüber, der das Herannahen des Kaperschiffes an die Reling des Achterkastells gelehnt verfolgte.

»Meinst du, wir schaffen es, Nanni?«

»Du und die anderen Frauen wahrscheinlich schon«, antwortete der Freund, der mit finsterer Miene auf die zusehends größer werdenden feindlichen Segel blickte. »Was mich und die Übrigen angeht – das weiß nur Gott. Wir werden sehr viel Fortune brauchen …«

»Deswegen wollte ich mit dir reden. Ich beabsichtige nämlich nicht, mit diesen armen Weibern ins Boot zu steigen«, sagte sie und deutete auf die sechs knienden Huren, die immer noch mit der Schnelligkeit von Musketensalven Rosenkränze beteten. »Hier an Bord wäre ich viel nützlicher. Ich kann schießen und auch ganz gut mit einem Messer umgehen …«

»Ich will nichts weiter hören!«, fuhr der Maler sie an. »Du wirst genau das tun, was wir abgemacht haben. Das ist mein letztes Wort!«

»Du nichtsnutziger Pinselschwinger, wag es nicht, so mit mir zu reden! Ich bin nicht deine Dienerin. Niemand sagt mir, was ich zu tun oder zu lassen habe, schreib dir das hinter die Ohren!«

Fulminacci kannte Beatrice inzwischen gut genug, um zu wissen, dass es genau die falsche Taktik war, sie anzuherrschen. Mit großer Anstrengung riss er sich zusammen und appellierte stattdessen an ihre Vernunft.

»Immer mit der Ruhe«, sagte er. »Ich will weder deinen Mut noch deine Entschlossenheit infrage stellen, ganz und gar nicht. Aber denk doch einmmal nach, Beatrice. Damit der Plan funktioniert, muss alles ausnahmslos wie vorgesehen ablaufen. Zane und ich werden dem Ansturm der Piraten höchstwahrscheinlich allein standhalten müssen, damit die anderen ihren Teil erledigen können. Für die Rettung aller. Wenn du an Bord bleibst, muss ich mich darum kümmern, dich zu beschützen, dich mit meinem Körper abzuschirmen, und kann nicht meine ganze Kraft dem Kampf widmen. Damit … damit würden wir riskieren, dass alles fehlschlägt. Wenn du es schon nicht für dich selbst tun willst, dann wenigstens für die anderen. Sei ein einziges Mal vernünftig, ich bitte dich!«

Beatrice setzte gerade zu einer Erwiderung an, als sich Zanes Pranke auf ihre Schulter legte. Sie drehte sich um und sah in das schwermütige Gesicht des Slawen. Ein stummer Austausch aus Blicken und Mimik fand zwischen den beiden statt, bis die junge Frau ihre Augen auf die abgenutzten Deckplanken richtete und zum Zeichen des Einverständnisses den Kopf senkte.

»Na endlich!«, murmelte der Maler, dankbar für den Beistand des Freundes.

Beatrice entfernte sich von ihnen. Man sah ihr an, dass sie nicht überzeugt war, aber fürs Erste musste ihr widerstrebendes Nachgeben genügen.

»Denkst du, sie werden eine Breitseite abfeuern?«, fragte Fulminacci den riesenhaften Slawen.

Der zuckte die Achseln und zeigte auf den Bug.

»Du meinst, sie werden uns einen vor den Bug knallen, um uns einzuschüchtern?«

Zane nickte.

»Das denke ich auch«, pflichtete der Kapitän bei, der zu ihnen getreten war. »Sie werden drei oder vier Kanonenschüsse knapp vor den Bug feuern und dann abwarten, wie wir reagieren. Wenn wir zurückfeuern, werden sie ein paar Salven abschießen, um die Masten zu fällen. Ich glaube nicht, dass sie auf die Wasserlinie zielen, denn ein Frachtschiff ist schließlich eine gute Beute, zusätzlich zu der Ladung. Zeigen wir dagegen keine Reaktion, werden sie sich darauf beschränken, bei uns anzulegen, um an Bord zu springen und Ladung, Passagiere und Mannschaft in ihren Besitz zu bringen.«

»Genau darauf spekuliere ich«, erwiderte der Maler. »Wenn sie glauben, leichtes Spiel zu haben, werden sie unvorsichtiger und weniger angriffslustig sein, sodass wir uns den Überraschungseffekt zunutze machen können. Was meint Ihr, von welcher Seite sie uns entern werden?«

»Zweifellos vom offenen Meer her, also von der Steuerbordseite. So ungleich der Kampf erscheinen mag, wird ein guter Kapitän sich doch immer den Fluchtweg offenhalten, für den Fall, dass etwas schiefgeht. Abgesehen von der Frage, wie viel Widerstand wir leisten, gibt es immer die Möglichkeit zu bedenken, dass der Wind plötzlich auffrischt, wie es oft in diesen Gefilden geschieht, oder dass die beiden Schiffe, wenn sie erst einmal durch die Enterhaken miteinander verbunden sind, in eine starke Strömung geraten. So nahe dem Land kann es gefährliche Strömungen geben, und mit zwei vertäuten Schiffen zu manövrieren ist praktisch unmöglich. Gewiss werden sie von Steuerbord her angreifen.«

»Dann können wir die Beiboote schon herablassen, wenn sie noch relativ weit weg sind. Wir sollten sie aber dicht an der Bordwand hängen lassen, damit diese Schweinehunde unser Vorhaben nicht durchschauen.«

»Lieber zu früh als zu spät«, stimmte der Kapitän zu und gab Befehl, die beiden Schaluppen bis knapp über Wasser hinunterzulassen.

»Gut, jetzt bleibt uns nichts mehr zu tun, als zu warten«, sagte Fulminacci.

Zane, der nicht antworten konnte, beschränkte sich darauf, nach dem schweren Zimmermannsbeil zu greifen, das er bei sich führte, und dessen Schneide mit dem Daumen zu prüfen.

Das Herannahen des Kaperschiffes kam ihnen auf einmal unendlich langsam vor. Dabei hatte sich der Abstand, der bei der ersten Sichtung drei oder vier Seemeilen betragen hatte, fortlaufend verringert, bis sie schließlich sogar die an den Dollborden aufgereihten Gesichter der Korsaren unterscheiden konnten.

Als sie auf Gegenkurs gegangen waren, hatte der Kapitän sämtliche Segel setzen lassen, und die Küstenlinie war im Laufe der Verfolgungsjagd deutlich näher herangerückt, sodass die Optimistischsten schon die Hoffnung nährten, an Land entkommen zu können, und sei es auch nur um Haaresbreite.

Doch sie hofften vergeblich, denn das Piratenschiff war viel zu schnell.

Nur das Wissen darum, dass sie einen klaren Plan hatten, so kühn, ja geradezu verrückt er auch sein mochte, sorgte dafür, dass jeder auf seinem Posten blieb und kein sichtbares Anzeichen von Panik beim Anblick der Piraten erkennen ließ.

Zane und der Maler schienen vollkommen gleichmütig, keinerlei Angst war ihnen anzumerken, was ihren Schicksalsgenossen tatsächlich so etwas wie Vertrauen in das Gelingen des Vorhabens einflößte.

Als die maurische Galeere nur noch wenige hundert Ellen entfernt war, feuerte sie schnell hintereinander vier Kanonenschüsse ab, die hohe Fontänen vor dem Bug des fliehenden Schiffes aufspritzen ließen.

Wie vorhergesehen sollten diese Schüsse die Tartane nicht treffen, sondern nur ihre Fahrt verlangsamen, damit die Korsaren sie entern konnten. Da keinerlei Gegenwehr von ihr kam, schloss der Piratenkapitän, dass die Verfolgten nach ihrem vergeblichen Fluchtversuch mit vollen Segeln sich nun kampflos ergeben wollten.

Auch Vernunft und Erfahrung sprachen für diese Entscheidung.

Zu ernsthaften Gefechten kam es selten, wenn das Kräfteverhältnis sich derart ungleich gestaltete. Jeder Kapitän, der nicht mit Wahnsinn geschlagen war, zog es vor, sich selbst, seine Besatzung und die Passagiere zu retten – auch angesichts eines drohenden Lebens in Sklaverei –, statt dem sicheren Tod in einem aussichtslosen Kampf entgegenzugehen. Hatte er noch dazu das Pech, gefangen genommen zu werden, nachdem er sich zur Wehr gesetzt hatte, erwartete ihn ein weit grausameres Schicksal. Das Pfählen war in solchen Fällen noch die geringste Strafe.

Auf dieser Logik beruhte Fulminaccis Plan, denn ihr zufolge würden die Piraten nicht im Traum an die Überraschung denken, die ihnen da bereitet wurde.

Um die Feinde in ihrer Gewissheit, leichte Beute vor sich zu haben, noch zu bestärken, ließ der Kapitän die Segel einholen und die Fahrt verlangsamen, als das Seeräuberschiff sich bis auf wenige Dutzend Ellen genähert hatte.

Das bestätigte den Piratenkapitän endgültig in der Annahme, mit keiner Gegenwehr rechnen zu müssen. Gewiss, wäre er etwas aufmerksamer und weniger siegessicher gewesen, hätte er die Barrikaden auf dem Aufbaudeck erkennen müssen, doch andererseits war es nicht ungewöhnlich, vollkommen überladene Handelsschiffe anzutreffen, auf denen jeder noch so kleine Platz unter und über Deck genutzt wurde, um Waren zu verstauen.

Die Seefahrt im südlichen Mittelmeer war derart gefährlich, dass die Reeder, da sie die Risiken nicht verringern konnten, auf diese Weise versuchten, ihren Gewinn zu mehren.

Unterdessen flogen die Matrosen der Tartane zwischen Fallen und Schoten, Wanten und Webeleinen hin und her und strichen die Segel mit einer Schnelligkeit und Tüchtigkeit, wie sie nicht einmal die Peitsche eines Sklavenaufsehers hätte bewirken können. Als sie damit fertig waren, beeilten sie sich, die relative Sicherheit des oberen Decks zu erreichen, um nicht plötzlich von den eigenen Leuten abgeschnitten zu sein, wenn der Tanz begann.

Die Korsarengaleere ruderte seitlich heran, bis ihre Steuerbordwand an die Backbordwand der Tartane stieß.

Dann wurden die Enterhaken geworfen, und die beiden Schiffe lagen in einer tödlichen, unauflöslichen Umklammerung Seite an Seite.

Kapitel IVKAPITEL IV

Die Anspannung unter der Besatzung und den Passagieren der Tartane hatte bald ihren Höhepunkt erreicht.

Nun, da es kein Zurück mehr gab, war eine seltsame Ruhe über die Verschanzten um das Achterkastell gekommen.

Wie der Dichter sagt: »Der Feige stirbt schon vielmals, eh er stirbt, die Tapferen kosten einmal nur den Tod.«

Es wäre schwer zu sagen, welches der Herzen hinter der bestürmten Barrikade mutig und welches angstvoll schlug, doch das Bewusstsein, keine andere Möglichkeit zu haben, verlieh jedem Einzelnen wenn schon keinen kühnen Kampfgeist, so doch die Entschlossenheit, sich nicht überwältigen zu lassen, ohne bis zur Erschöpfung gekämpft zu haben.

Nach dem langen Warten waren sie außerdem beinahe erleichtert, dass es nun endlich losging, auch wenn es keinen unter ihnen gab, der sich in diesem Moment nicht brennend an jeden beliebigen anderen Ort auf der Welt gewünscht hätte.

Die Galeere rammte die Tartane mit einem dumpfen Knall und brachte die Taue und Trossen der beiden Schiffe zum Schwingen wie die Saiten riesiger Musikinstrumente. Dann stürmten die Korsaren mit einem unmenschlichen Gebrüll an Bord, wobei sie Schwerter, Krummsäbel, Entermesser und Pistolen jeder Form und Größe schwangen.

Es war eine ungeordnete, beinahe übermütige Enterung.

Die Leichtigkeit, mit der das Handelsschiff sich entern ließ, und die scheinbare Widerstandslosigkeit der Besatzung versprachen den Angreifern eine mühelose, unblutige Eroberung. Pure Beutegier funkelte in den Augen der rund zwanzig Halsabschneider, die über die Bordwand geklettert kamen.

Die ersten Schüsse aus den beiden mit Glas und Eisenschrott geladenen Feldschlangen trafen die Piraten, als sie sich um den Großmast zusammenrotteten und mit Gewalt versuchten, die Luken zu öffnen, die extra mit schweren Vorhängeschlössern versperrt worden waren.

Als der Pulverdampf sich auflöste, war zu sehen, dass nicht weniger als ein halbes Dutzend schrecklich zugerichtete Leichen oder Sterbende auf dem Deck verstreut lagen.

Der zweifache Abschuss von Metallteilen und Scherben hatte das gesamte Unterdeck betroffen und Tod und Zerstörung gesät. Die Überlebenden taumelten benommen zwischen Blut, Gedärmen und Ausscheidungen auf den glitschigen Planken umher.

Das gab den Verteidigern Zeit, die Feldschlangen von ihren improvisierten Lafetten herunterzunehmen und sie in Windeseile neu zu laden, während ein paar Kameraden mit Pistolen und Musketen in die ausgedünnten Reihen der Feinde feuerten.

Das Nachladen ging rasch vonstatten, und schon fegte eine zweite Salve über das Deck, die jedoch eine deutlich weniger vernichtende Wirkung hatte als die erste.

Trotz ihrer Verblüffung hatten die Piraten genug Zeit und Geistesgegenwart besessen, um Schutz hinter den diversen, an Deck verstreuten Gegenständen zu suchen – hinter umgekippten Fässern, aufgerollten Leinenballen, Kisten mit Takelwerk und sogar den Leichen ihrer toten Spießgesellen.

Fulminacci wusste, dass der leichteste Teil seines Plans damit vorüber war. Der Überraschungseffekt, obschon bestens gelungen, hatte sich nun erledigt. Von jetzt an würden sie ernsthaft kämpfen müssen, Mann gegen Mann.

Es blieb ihnen keine Zeit, die Geschütze nachzuladen, und genauso wenig die Pistolen und Musketen. Kaum hatte der Wind den Rauch und das Getöse der zweiten Salve verweht, stürzten sich die überlebenden Piraten mit bestialischer Wut in den Angriff, um sich nicht noch einmal dem feindlichen Feuer auszusetzen. Es waren gnadenlose, in zahlreichen Gefechten zu Wasser und zu Land gestählte Kämpfer, die nicht lange brauchten, um sich von ihrem Schreck zu erholen.

Fulminacci zog sein Schwert, das mit einem leisen Zischen, einem tödlichen Wispern, aus der Scheide glitt. Unheilvoll blitzte es in der Sonne auf und versprach jedem den sicheren Tod, der sich seiner perfekt geschmiedeten Klinge entgegenstellte.

Diese geheimnisvolle alte Waffe, mehr Schwert als Degen, war lange Jahre der treue Begleiter des grausamsten und erfolgreichsten Meuchelmörders von ganz Europa gewesen, genannt »der Skorpion«. Der Skorpion hatte seine Laufbahn im Park des Palazzos Riario beendet – während eines rauschenden Festes, das als eines der aufregendsten in der ohnehin bewegten Geschichte Roms in Erinnerung bleiben sollte. Seine Waffe jedoch setzte ihren blutigen Weg fort und hing nun am Gürtel des Mannes, der am meisten dazu beigetragen hatte, dem mörderischen Treiben Einhalt zu gebieten. Die gleißende Klinge aber hatte ihren Blutdurst noch immer nicht gestillt und würde sich gleich von Neuem gütlich tun.

An der Seite des Malers hob Zane die schwere Zimmermannsaxt an, die in seinen Riesenhänden eher wie ein plumpes Spielzeug als wie ein gefährliches Tötungsinstrument wirkte, besonders im Vergleich zu dem ungewöhnlich schmalen, scharfen Schwert des Freundes.

Beide waren bereit, es mit dem Ansturm der Ungläubigen aufzunehmen, und sie wussten, dass ihr Verhalten Ansporn und Beispiel für ihre Kameraden sein würde. Wenn sie nicht wankten, würde die gesamte Gruppe geschlossen bleiben.

Obwohl bereits der erste Pirat auf die Position zustürzte, die Fulminacci zu verteidigen hatte, nahm er sich noch die Zeit, das verabredete Signal zu geben, worauf die Frauen in der an Steuerbord hängenden Schaluppe herabgelassen wurden.

Danach konnte er allerdings nur noch ans Kämpfen denken.

Das Schwert des Skorpions begann seinen makabren Tanz, wirbelte zischend wie eine giftige Schlange durch die Luft und durchbrach die Deckung der am nächsten stehenden Feinde.

Die Korsaren attackierten heftig und unter Missachtung jeder Gefahr, doch das Aufbaudeck war wirksam verbarrikadiert worden, sodass sie sich an den beiden schmalen seitlichen Treppen zusammendrängen mussten. Auf diese Weise kamen immer nur zwei der Seeräuber gegen die Verteidiger zum Zug, während die übrigen nichts tun konnten, als von hinten zu schieben und Beleidigungen und Flüche zu brüllen.

Zu diesem Zeitpunkt leerten die beiden Schiffsjungen die Eimer mit den Scherben und Splittern über die Treppen und das untere Deck aus, wo sich die Bruchstücke rollend und hüpfend verteilten. Die Piraten ganz vorn in dem Gedränge hatten keine Möglichkeit, den scharfen Spitzen und gezackten Kanten auszuweichen, und traten mit ihren nackten Füßen darauf. Wieder entstieg ein Schwall von Flüchen den Kehlen der Mauren, von denen viele den Angriff unterbrechen mussten, um sich die schmerzhaften Splitter aus den Fußsohlen zu ziehen.

Bald waren die Planken feucht und schlüpfrig vom Blut aus den vielen Wunden, was die Angreifer zusätzlich behinderte.

Nach vollbrachter Tat griffen die beiden Schiffsjungen zu zwei langen Rudern, an deren Enden Schlachtermesser mit starker, breiter Klinge befestigt waren. Sie bewegten sie wie Piken stoßartig vor und zurück und trugen so aktiv zur Verteidigung des belagerten Decks bei.

Unterdessen luden der Sergeant und die zwei Waffenmeister noch einmal die Musketen und Pistolen nach und feuerten sie aus nächster Nähe ins Gewühl ab. Sodann griffen sie ihrerseits zu den Säbeln und hieben mit geringer Kunstfertigkeit, aber bewundernswertem Elan auf die Feinde ein.

Das Gros des Angriffs jedoch wurde von Zane und dem Maler abgewehrt, die auf der jeweils obersten Stufe der beiden Treppen Stellung bezogen hatten und von dort aus die ständig nachdrängenden Piraten in Schach hielten.

Das Schwert des Malers sauste über die Köpfe der Feinde hinweg, und nur selten vollendete es seine Bahn, ohne ein Ziel zu treffen. Unermüdlich parierte und attackierte Fulminacci, lenkte Hiebe ab, nutzte ungedeckte Stellen und beschrieb einen Halbkreis des Todes vor sich. Zane seinerseits achtete weniger auf Präzision, sondern schwang die Axt mit ganzer Kraft, ohne darauf zu achten, ob seine Schläge pariert wurden oder nicht. Die feindlichen Klingen zerbrachen Funken schlagend an der Schneide des großen Beils, und die Gewalt seiner Hiebe allein genügte, um die meisten Belagerer fernzuhalten, die sich nicht gerade darum rissen, in die Reichweite der herumwirbelnden Streitaxt zu gelangen.

Das Getümmel war so dicht geworden, dass kaum ein Schlag ins Leere traf, aber es lag auf der Hand, dass die Verteidiger nicht ewig Widerstand leisten konnten.

Auch die im Kampf weniger erprobten Männer taten ihr Bestes, obwohl ihre Unterstützung eher moralischer als praktischer Natur war, doch je länger das Gefecht sich hinzog, desto mehr wuchs in ihnen ein ebenso zaghaftes wie vernunftwidriges Zutrauen zu den eigenen Fähigkeiten.

Zane und der Maler jedoch wussten, dass sie nicht mehr lange durchhalten konnten. Das Kräfteungleichgewicht war einfach zu groß, die Angreifer würden zweifellos bald die Oberhand gewinnen.

Es war an der Zeit, den letzten Teil des Plans in die Tat umzusetzen, bevor die Korsaren, die immer noch verwirrt und erbost über den unerwarteten Widerstand waren, sich neu organisierten, die Taktik des Frontalangriffs aufgaben und die Wanten hinaufkletterten, um von oben zuzuschlagen.

Auf ein Zeichen des Malers hin feuerten die Soldaten und die beiden Mannschaftsmitglieder zum letzten Mal ihre Schusswaffen ab, die sie im Gedränge schnell nachgeladen hatten.

Die Geschossgarbe brachte die dichten Reihen der Angreifer ins Wanken, die in plötzlicher Panik die beiden kleinen Treppen hinuntertaumelten, um nicht getroffen zu werden.

Das war der Moment, auf den die Belagerten gewartet hatten.

»Nichts wie weg!«, schrie der Maler mit letzter Puste.

Seine Kampfgefährten rannten nach Backbord und stürzten sich ins Wasser.

Fulminacci verließ als Letzter das Deck. Ehe auch er über Bord sprang, zündete er mit einer Fackel, die eigens zu diesem Zweck in einem Eimer bereitgehalten worden war, die Lunte an.

Die Zündschnur fing sofort Feuer und brannte zischend in die Eingeweide des Schiffs hinunter, während der Maler über die Bordwand kletterte und knapp neben Zane in das kühle, aufgewühlte Meer tauchte.

Die beiden hielten sich nicht mit Höflichkeiten auf, sondern begannen sofort mit aller verbliebenen Kraft zu schwimmen, um möglichst viel Distanz zwischen sich und das Schiff zu bringen.

Die Übrigen, die vor ihnen ins Wasser gesprungen waren, hatten inzwischen das frei treibende Rettungsboot erreicht. Zwei der Matrosen, geübter in solchen Dingen, waren bereits hineingeklettert und halfen gerade den anderen an Bord, als es zu dem erwarteten Riesenknall kam.

Die Waffenmeister hatten ganze Arbeit geleistet, denn die Wucht der Explosion war noch gewaltiger als angenommen.

Eine Wolke aus Qualm und Feuer hüllte die Tartane und die Galeere ein, die beide buchstäblich in die Brüche gingen.

Die Zerstörung war enorm und die Wahrscheinlichkeit gering, dass irgendjemand auf den Schiffen überlebt hatte.

Kurz darauf ging ein Regen aus glühenden Trümmerteilen unterschiedlichster Größe aufs Meer nieder: von daumennagelgroßen Holzkohlestückchen bis hin zu mehrere Ellen langen Rumpfteilen. Zane und der Maler tauchten geschwind ab, um nicht getroffen zu werden, und schwammen mit kräftigen Beinschlägen unter Wasser weiter.

Sie tauchten so lange, bis ihre Lungen zu platzen drohten und sie japsend an die Oberfläche kamen.

Dann geschah das Unerwartete.

Zahlreiche Generationen von Dichtern haben, mal klagend, mal resigniert, das blinde Schicksal besungen, dessen rätselhaften, oftmals töricht erscheinenden Beschlüssen sich der Mensch nur mit hilflosem Zorn unterwerfen kann.

Jeder Teil des Plans war nach Wunsch verlaufen und hatte gar die rosigsten Erwartungen seines Urhebers übertroffen. Der Ausgang des Kampfes hätte kaum günstiger sein können, da die Explosion nicht nur ihr eigenes Schiff, sondern auch das der Piraten vernichtet hatte. Doch das launenhafte, höhnische Geschick hielt noch eine böse Überraschung für die Freunde parat.

Während die beiden Gefährten aus der Tiefe auftauchten, landete ein brennendes Pulverfässchen, das durch die Detonation in die Luft geschleudert worden war, genau auf dem Rettungsboot, an das die flüchtenden Kameraden sich klammerten, und zerbarst in einer Fontäne aus Flammen und Rauch.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fässchen Schwarzpulver dem höllischen Feuerstoß entrinnen würde, um eine perfekte Parabel zu beschreiben und mit millimeterhafter Genauigkeit das Beiboot zu treffen, war so lächerlich gering, dass niemand sie einkalkuliert hätte.

Aber genau das geschah.

Der Knall war laut und dröhnend. Keiner der Männer dort konnte überlebt haben – gewiss nicht die beiden Matrosen, die schon in die Schaluppe geklettert waren, aber auch nicht die anderen, die sich in der Hoffnung auf Rettung am Bootsrand festgehalten hatten. Die Entladung traf sie mit voller Macht.

Zane und der Maler wurden von der Druckwelle zurückgerissen, mit der ihnen außer Bruchstücken vom Kiel auch blutige Fleischfetzen – traurige Überreste ihrer unglücklichen Reisegefährten – entgegenflogen.

Doch damit war es keineswegs vorbei.

Dieser zweite grauenvolle Niederschlag hatte noch nicht aufgehört, als sich den Augen der beiden Schiffbrüchigen auch schon ein neuer, beunruhigender Anblick darbot: Hinter der Nordspitze der Insel, in zwei oder drei Seemeilen Entfernung, tauchte plötzlich ein Schiff mit Lateinersegeln auf.

Blitzartig erkannten die beiden Überlebenden, was das bedeutete: Die maurische Galeere war nicht allein in diesen Gewässern unterwegs gewesen!

Vermutlich waren die beiden Schiffe auf offenem Meer im Verband gesegelt und hatten sich dann kurz vor Linosa getrennt, wobei das eine ostwärts, das andere westwärts gefahren war, um zeitsparend die gesamte Küste auszukundschaften.

Das Rettungsboot mit den Frauen war nicht mehr allzu weit vom rettenden Ufer entfernt, doch obwohl die beiden Matrosen darin wie verrückt ruderten, stand fest, dass sie es niemals schaffen würden, bevor die zweite Galeere sie erreichte.

Ihr Schicksal war besiegelt. Es gab nichts, was Zane und Fulminacci, die, an eine treibende Planke geklammert, von den Brechern hin und her geworfen wurden, für sie hätten tun können. Ihnen blieb nichts, als zuzusehen, wie die Piraten sie auflasen.

Der Maler war zuerst gegen jede Vernunft auf das Boot zugeschwommen, wenn er auch selbst nicht wusste, wie er den Insassen helfen wollte, doch Zane hatte ihn am Hemdkragen zurückgehalten und mit einem schmerzlichen Ausdruck in den blauen Augen den Kopf geschüttelt.

Die beiden waren vom Kampf erschöpft und von den Explosionen benommen, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich an dem Wrackteil festzuhalten, während das Piratenschiff beidrehte und die Schaluppe samt ihrer wertvollen menschlichen Fracht in Besitz nahm.

Das ging schnell vonstatten, und anschließend kreuzten die Korsaren in der Nähe des Katastrophenorts, um nach weiteren Überlebenden Ausschau zu halten.

Damit sie nicht entdeckt wurden, duckten sich die beiden Gefährten unter das dickere Mittelstück des Wrackteils und tauchten nur zum Luftholen auf, bis die feindliche Galeere die Suche aufgab, den Bug nach Süden richtete und mit vollen Segeln davonfuhr. Als sie weit genug entfernt war, um keine Gefahr mehr darzustellen, paddelten Zane und Fulminacci mit ihrer Planke auf das Ufer zu, das noch knapp eine Meile entfernt war.

Sie waren mit ihren Kräften am Ende, und ihre Glieder gehorchten den Befehlen des Gehirns nur noch mit Mühe. Wenn die günstige, zur Nordspitze fließende Strömung nicht gewesen wäre, hätten sie die Insel nie erreicht.

Kapitel VKAPITEL V

Die Schiffbrüchigen lagen lange Zeit am Strand, zu erschöpft, um auch nur einen einzigen Schritt weiterzugehen.

So fanden sie zwei Hirten, die ihre Herden in diesem unbewohnten Teil der Insel hüteten und vom Lärm der Detonationen in die kleine Bucht gelockt worden waren, wobei sie darauf spekulierten, dass die Strömung den einen oder anderen Gegenstand von Wert ans Ufer spülte.

Statt Kisten voller Dublonen, Perlen und Edelsteine entdeckten sie jedoch nur zwei arme Kerle, die mehr tot als lebendig waren und sich nicht einmal mehr auf den Beinen halten konnten.

An manch anderem Ort hätte man den Geschwächten wahrscheinlich flugs die Kehle durchgeschnitten und sie um die Besitztümer erleichtert, die sie am Leibe trugen, aber die Hirten waren fromme, gottesfürchtige Christen, die ihnen nicht den Gnadenstoß gaben, sondern Hilfe spendeten.

Zane und Fulminacci bekamen einen ordentlichen Schluck von einem herben, starken Wein und danach ein Stück gereiften Ricotta mit einer Handvoll Oliven, was ihnen ihre Kräfte und den Glauben an das Gute im Menschen zurückgab.

Die beiden aßen und tranken und bedankten sich grunzend bei ihren Rettern, die ihrerseits lächelten und feststellten, dass das erlittene Unheil den Fremden nicht den Appetit verdorben hatte.

Die Unterhaltung mit den Hirten erwies sich vom ersten Moment an als schwierig. Offenbar sprachen die Einheimischen einen Dialekt, der kaum etwas mit den Verkehrssprachen des Kontinents gemein hatte.

Daher fand das Gespräch weniger mit Worten als mit Gesten statt, weshalb Zanes Stummheit ausnahmsweise einmal kein Hindernis, sondern ein Vorteil war.

Mit ausholenden Bewegungen schilderte der Slawe, was passiert war, und seine Erzählung wurde dabei durch die vielen Wrackteile verdeutlicht, die die Brandung an den Strand warf.

Komplizierter war zu erklären, dass der Vorfall der leitenden Behörde der Insel gemeldet werden musste, vorausgesetzt, es gab in diesem abgelegenen Winkel der Welt überhaupt etwas dergleichen.

Nun waren die Hirten zwar ungebildet und sprachen ein so gut wie unverständliches Idiom, aber sie waren nicht dumm und erkannten von selbst die Notwendigkeit, die beiden Schiffbrüchigen zu dem Vertreter der spanischen Krone auf der Insel zu führen, damit sie dort Bericht erstatteten.

Gestärkt und ermutigt kämpften Zane und Fulminacci sich wieder in eine aufrechte Position und folgten ihren Rettern, wenn auch auf wackeligen Beinen, den steilen Pfad zur Klippe hinauf.

Nach einem langen Marsch erreichte die kleine Gruppe die andere Inselseite, wo an den terrassierten Hängen einer windgeschützten Bucht ein Dorf lag.

Eine aus Stein und Holz gebaute Mole ragte am westlichen Ende der Bucht einige Dutzend Ellen lang in das ruhige, kristallklare Wasser hinein. Am Anfang der Mole erhob sich ein trutziger Wachturm, zu dem die Schiffbrüchigen nun geführt wurden.

Es war die Stunde vor Sonnenuntergang, und ein weiches, rosiges Licht lag auf der weiß gekalkten Mauer, vor der Zane und der Maler zu warten gebeten wurden, während der ältere der beiden Hirten ehrerbietig an die eisenbeschlagene Holztür auf der dem Land zugewandten Seite des Turms klopfte.

Ein paar Minuten vergingen, dann wurde die schwere Tür geöffnet, und ein korpulenter, nur mit Hemd und Hose bekleideter Mann trat heraus. Seine langen, zerzausten Haare und die trüben Augen ließen sogleich erkennen, dass er bei seinem Nachmittagsschläfchen gestört worden war. Angesichts der späten Stunde konnte man zudem darauf schließen, dass die Insel nicht eben ein Zentrum hektischen Treibens war.

Zane und Fulminacci ruhten sich nach dem anstrengenden Fußmarsch über unebene Ziegenpfade im Schatten aus, während der Hirte lange mit dem Schläfer sprach, der seine Ungehaltenheit über die Unterbrechung seines Nickerchens nicht verbarg.

Der Mann hörte mit gelangweilter, abweisender Miene zu und kratzte sich dabei wiederholt an der Brust und unter den Achseln, was darauf hindeutete, dass er seine nachmittäglichen Ruhestunden wohl in Gesellschaft vieler kleiner Freunde mit sechs Beinchen und Stacheln verbrachte.

Die wortreiche Rede des guten Hirten musste dann aber doch sein Interesse geweckt haben, denn er raffte sich schließlich dazu auf, die Fremden herbeizuwinken. Zane und Fulminacci beeilten sich, der Aufforderung Folge zu leisten.

»Seid ihr Piraten?«, fragte der Dicke.

»Wie könnt Ihr es wagen, Messere!«, rief der Maler, richtete sich zu voller Größe auf und schoss einen feurigen Blick auf sein Gegenüber ab. Doch dann bezähmte er sein aufbrausendes Gemüt und fuhr ruhiger fort: »Erlaubt mir, mich vorzustellen. Ich bin Giovanni Battista Sacchi, genannt Il Fulminacci, Maler, Bildhauer, Kupferstecher und Architekt, zu Euren Diensten. Mein Begleiter hier heißt Zane. Er ist stumm und kann Euch daher nicht selbst begrüßen, was ich zu entschuldigen bitte. Wir waren unterwegs zu der Insel Malta, wo ich im Auftrag des Großmeisters des Souveränen Ritterordens vom heiligen Johannes einige wichtige Werke ausführen soll. Vor Eurer Küste hier wurden wir von maurischen Korsaren angegriffen und geentert. Nach heftigem Gefecht ist sowohl unser Schiff als auch das ihre durch das Explodieren der Pulverkammer zerstört worden. In Begleitung von wenigen Entronnenen, darunter einige Frauen, waren wir dabei, uns hier auf die Insel zu retten, als plötzlich ein zweites Piratenschiff auftauchte und das Beiboot mit den Frauen kaperte. Unsere armen Kameraden sind in den Fluten umgekommen. Wir beide sind die einzigen überlebenden Männer des Überfalls. Wir müssen unbedingt mit irgendeinem Schiff nach Sizilien gelangen, um von dort eine Expedition zur Rettung der entführten Frauen auszurüsten.«

»So, so, und was glaubt Ihr, ausrichten zu können?«, fragte der Mann mit einem abfälligen Grinsen.

»Ist es auf dieser Insel denn nicht üblich, sich vorzustellen, wenn man mit einem Gentilhomme spricht?«, entgegnete Fulminacci kühl.

Die beiden Männer maßen sich mit Blicken.

»Mein Name ist Francisco Carrasco, Kommandant der Garnison von Linosa«, antwortete der Fettwanst endlich.

»Sehr erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Messere«, sagte der Maler höflich und mit einer angedeuteten Verbeugung. »Obwohl ich sagen muss, dass ich nirgends ein Anzeichen einer Garnison erkennen kann.«

Der Hieb schien zu sitzen, denn der Kommandant ging sofort in die Defensive.

»Meine Männer …«, begann er und räusperte sich mehrfach, »meine Männer sind auf Patrouille entlang der Küste.«

Fulminacci durchbohrte ihn mit diesem speziellen Blick, der auch die überheblichsten Aufschneider dazu brachte, die Augen zu senken, und gab ihm zu verstehen, dass er ihm kein Wort glaubte. Dann aber entschied er, seine Überlegenheit bereits genug demonstriert zu haben. Zane und er befanden sich nun mal in einer abhängigen Lage, weshalb es gewiss nicht angeraten war, den aufgeblasenen Spanier weiter zu provozieren. Gewöhnlich hätte er es sich zur Ehrensache gemacht, dem unverschämten Kerl eine Lektion zu erteilen, doch im Augenblick war es wichtiger, alles zu tun, um der armen Beatrice schnellstmöglich zu Hilfe zu eilen.

Der Kommandant merkte, dass Fulminacci bereit war nachzugeben, und reagierte mit sichtlicher Erleichterung und einer entgegenkommenderen Haltung auf das Nachlassen der Feindseligkeiten.

Das wiederum bestätigte dem Maler seinen ersten Eindruck: Der Mann war nicht nur aufgeblasen und anmaßend, sondern vor allem ein Feigling, dem allein die Vorstellung eines Zweikampfes Angst machte. Er merkte sich diese Erkenntnis, die ihnen womöglich noch nützlich sein würde, und legte seinerseits ein versöhnlicheres Gebaren an den Tag.

»Könnten wir vielleicht eine Mitfahrgelegenheit auf einem Schiff nach Sizilien bekommen?«, erkundigte er sich. »Wie ich Euch bereits sagte, dürfen wir keine Minute verlieren.«

»Ich bedauere sehr, meine Herren, aber derzeit gibt es keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen. Wie Ihr selbst seht, sind die einzigen Transportmittel, über die wir verfügen, die Fischerboote in der Bucht, leider vollkommen ungeeignet für eine lange Überfahrt. Aber das Schiff aus Palermo wird in Bälde erwartet.«

»Wie bald?«

»Oh, in Kürze. Höchstens zwei oder drei Wochen, so Gott will.«

Diese Antwort hatte dem Gespräch ein schnelles Ende bereitet.

Der dicke Spanier hatte sich rasch wieder in seinen Turm verzogen, den er in den folgenden Tagen nur verließ, wenn er sicher war, dass die beiden Schiffbrüchigen sich nicht in der Nähe aufhielten.

Zane und der Maler waren kreuz und quer über die Insel gelaufen und hatten jeden Einwohner, ob Schafhirte oder Fischer, mit ihren Fragen bedrängt und auch die Frauen und Kinder nicht verschont, doch alle hatten ausnahmslos die Auskunft des Spaniers bestätigt.

Es blieb ihnen tatsächlich nichts anderes übrig, als sich mit den Gegebenheiten abzufinden und zu warten.

Mit seinen finsteren Grübeleien beschäftigt, merkte der Maler zuerst nicht, dass Zane ihn an der Schulter rüttelte.

»Was hast du denn, zum Teufel?«, fragte er unwillig.

Der Slawe deutete auf den fernen Horizont.

Fulminacci sprang auf, schärfte den Blick und legte die Hand über die Augen. Weit draußen konnte er undeutlich etwas Weißes erkennen, das sich vom Blau des Himmels abhob.

Nach und nach gewann der weiße Fleck an Form, und er sah, worum es sich handelte: Rahsegel.

Christliche Segel.

Beatrices Überfahrt nach Algier wurde vor allem von zwei Empfindungen beherrscht: Langeweile und Hitze.

Die sechs Huren, mit denen sie sich den engen Laderaum teilen musste, waren keine anregende Gesellschaft. Von dem Augenblick an, als sie in dieses stickige Loch geworfen worden waren, hatten sie nichts anderes getan, als zu beten und zu jammern, zu jammern ...

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