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Die Flügel der Sphinx

Über den Autor

Andrea Camilleri ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Andrea Camilleri

DIE FLÜGEL
DER SPHINX

Commissario Montalbanos elfter Fall

Aus dem Italienischen von Moshe Kahn

BASTEI ENTERTAINMENT

Eins

Wohin nur waren die frühen Morgenstunden entflohen, in denen er sich schon beim Aufwachen wie von einem reinen, grundlosen Glück durchströmt fühlte?

Dabei ging es gar nicht darum, dass der Tag sich wolkenlos, windstill und nur voll Sonnenschein zeigte, nein, es war ein völlig anderes Empfinden, das nichts mit seiner Neigung zur Wetterfühligkeit zu tun hatte; wenn man es erklären wollte, war es, als hätte er sich in Einklang mit der gesamten Schöpfung befunden, in vollkommener Übereinstimmung mit der großen Sternenuhr, die genau in der Mitte des Weltenraums angebracht war, just an dem Punkt, der vom Augenblick seiner Geburt an für ihn bestimmt war. Blödsinn? Fantastereien? Möglicherweise.

Doch was sich nicht wegdiskutieren ließ, war, dass er dieses Gefühl früher häufig hatte, während es jetzt schon seit einigen Jahren einfach weg war. Verschwunden. Ausgelöscht. Genauer gesagt, riefen die ersten Morgenstunden jetzt oft Unbehagen in ihm hervor, einen instinktiven Widerwillen gegenüber dem, was ihn erwartete, wenn er sich denn mit der Aussicht auf den neuen Tag abgefunden hatte, auch wenn ihm im Lauf des Tages gar nichts Schlimmes begegnete. Und die Bestätigung dafür lieferte sein Befinden unmittelbar nach dem Aufwachen.

Jetzt öffnete er die Augenlider nur kurz und schloss sie gleich wieder und verharrte so noch ein paar Sekunden im Dunkeln, wohingegen er früher, sobald er die Augen aufschlug, sie auch offen hielt, ja, sie sogar beinahe aufriss, um gierig das Licht des Tages einzufangen.

Das, dachte er, hat ganz sicher etwas mit dem Alter zu tun.

Doch gegen diese Feststellung rebellierte auf der Stelle Montalbano Nummer zwei.

Denn schon seit ein paar Jahren lebten im Commissario zwei Montalbanos, die unentwegt im Clinch miteinander lagen. Sobald der eine etwas sagte, behauptete der andere das Gegenteil. Und so war es auch jetzt.

»Was soll denn das mit dem Alter?«, sagte Montalbano Nummer zwei. »Wie kann es denn sein, dass du dich mit sechsundfünfzig alt fühlst? Willst du die wahre Wahrheit hören?«

»Nein«, sagte Montalbano Nummer eins.

»Ich sag sie dir aber trotzdem. Du willst dich alt fühlen, weil es dir in den Kram passt. Und weil du deiner selbst überdrüssig geworden bist, zimmerst du dir jetzt dieses Alibi mit dem Alter zurecht. Aber wenn du dich so fühlst, warum reichst du dann nicht als Allererstes eine schöne schriftliche Kündigung ein und schaffst dir alles vom Hals?«

»Und was mache ich dann?«

»Du spielst den Alten, schaffst dir einen Hund an, der dir Gesellschaft leistet, gehst morgens raus, kaufst die Zeitung, setzt dich auf eine Bank, lässt den Hund von der Leine und fängst an zu lesen, am besten zuerst die Todesanzeigen.«

»Wieso denn die Todesanzeigen?«

»Weil es dir gleich ein bisschen besser geht, wenn du liest, dass irgendeiner in deinem Alter gestorben ist, während du noch einigermaßen lebendig bist. Das hilft dir schon mal über die nächsten vierundzwanzig Stunden hinweg. Nach einem Stündchen …«

»Nach einem Stündchen geht dir das ungeheuer auf den Sack, dir samt deinem Hündchen«, sagte Montalbano Nummer eins, ganz gelähmt von dieser Aussicht.

»Na, dann steh auf, geh zur Arbeit und trample einem nicht auf den Eiern rum«, sagte Montalbano Nummer zwei resolut.

Während er unter der Dusche stand, klingelte das Telefon. So, wie er war, ging er an den Apparat und hinterließ eine nasse Spur von Fußabdrücken. Später würde ja Adelina kommen und sauber machen.

»Dottori, ich hab Sie doch nicht geweckt?«

»Nein, Catarè, ich war schon wach.«

»Ist das auch ganz wirklich wahr, Dottori? Sie sagen das nicht nur aus Höflichkeit?«

»Nein, mach dir keine Sorgen. Was gibt’s denn?«

»Was soll’s schon geben, Dottori, wenn ich Sie so früh am Morgen anrufe?«

»Ist dir eigentlich klar, Catarè, dass du nie gute Nachrichten für mich hast, wenn du mich anrufst?«

Augenblicklich schlug Catarellas Tonfall ins Weinerliche um.

»Ah, Dottori, Dottori! Warum sagen Sie so was zu mir? Wollen Sie auf mir herumhacken? Wenn’s nach mir gehen täte, würde ich Sie jeden Morgen mit einer guten Nachricht aufwecken, was weiß ich, dass Sie drei Milliarden im Lotto gewonnen haben, dass man Sie zum Questore ernannt hat, dass …«

Montalbano hatte gar nicht gehört, dass die Tür aufgegangen war, und sah sich plötzlich Adelina gegenüber, die ihn anstarrte, die Schlüssel noch in der Hand. Wieso war sie so früh gekommen? Er dreht sich beinahe instinktiv und etwas verschämt zum Telefon, und zwar so, dass seine Genitalien nicht mehr sichtbar waren. Anscheinend gibt die Rückenansicht eines Mannes weniger Anlass zur Scham als die Vorderansicht. Adelina ging unverzüglich in die Küche.

»Catarè, wollen wir wetten, dass ich weiß, weshalb du mich anrufst? Man hat einen Toten gefunden. Hab ich recht?«

»Ja und nein, Dottori.«

»Wo habe ich unrecht?«

»Es handelt sich um eine Tote.«

»Ist denn Dottor Augello nicht da?«

»Der ist schon am Tatort, Dottori. Doch grad eben hat Dottori Augello mich angerufen, damit ich Sie anrufe, Dottori, weil ich Ihnen nämlich sagen soll, dass es besser ist, wenn Sie, Dottori, persönlich selbst auch dahin kommen.«

»Wo hat man sie gefunden?«

»Im Salsetto, Dottori, ganz nahe bei der amerikanischen Brücke.«

Der Ort war weit entfernt, an der Straße nach Montelusa. Und er hatte überhaupt keine Lust, sich hinters Steuer zu setzen.

»Schick mir ein Auto rüber.«

»Die Autos sind zwar in der Garage, können aber nicht losfahren, Dottori.«

»Haben sie denn alle gleichzeitig den Geist aufgegeben?« »Nicht doch, Dottori, funktionieren tun sie schon. Aber es ist kein Geld mehr da, um sie aufzutanken. Fazio hat Montelusa angerufen, aber da hat man ihm gesagt, er soll sich gedulden, in ’n paar Tagen würde es ankommen, allerdings wenig … Und deshalb können im Moment nur die Streifenwagen fahren und die Begleitfahrzeuge für den Abgeordneten Garruso.«

»Der heißt Garrufo, Catarè.«

»Soll er doch heißen, wie er heißt. Wichtig ist nur, dass Sie verstehen, wen ich meine, Dottori.«

Montalbano fluchte. Die Kommissariate hatten kein Benzin, die Gerichte kein Papier, die Krankenhäuser keine Fieberthermometer, und unterdessen plante die in den letzten Zügen liegende Regierung eine Brücke über die Meerenge von Messina. Aber am Benzin für die sinnlosen Begleitfahrzeuge der Minister, der Vizeminister, der Staatssekretäre, der Fraktionsvorsitzenden, der Senatoren, der Abgeordneten, der Regionalparlamentarier, der Kabinettschefs, der Aktentaschenträger, an diesem Benzin fehlte es nie.

»Hast du den Ermittlungsrichter, die Spurensicherung und Dottor Pasquano benachrichtigt?«

»Sissi. Allerdings hat Dottor Guaspano Gift und Galle gespuckt.«

»Wieso?«

»Er sagte, da er nicht die Gabe der Bibität besitzt, kann er nicht vor ein bis zwei Stunden zur Stelle sein. Dottori, können Sie mir das erklären?«

»Was?«

»Was diese Bibität ist.«

»Das bedeutet, dass jemand gleichzeitig an zwei verschiedenen und weit auseinanderliegenden Orten sein kann. Sag Augello, dass ich komme.«

Er ging ins Bad und zog sich an.

»Der Espresso ist fertig«, sagte Adelina.

Als er in die Küche kam, sah Adelina ihn an und sagte:

»Wissen Sie eigentlich, dass Sie noch ein attraktiver Mann sind?«

Noch? Was sollte dieses Noch? Seine Laune verdüsterte sich. Doch Montalbano Nummer zwei meldete sich auf der Stelle:

»Also wirklich! Jetzt reg dich bloß nicht auf! Wo du dich doch vor einer Stunde noch alt und abgewrackt gefühlt hast!«

Besser war’s, das Thema zu wechseln.

»Wieso bist du heute so früh gekommen?«

»Weil ich noch mit dem Bus nach Montelusa muss, um mit Richter Sommatino zu sprechen.«

Dem Aufsichtsrichter über das Gefängnis, in dem Pasquale eingebuchtet war, der jüngere Sohn seiner Haushälterin, ein Gewohnheitsverbrecher, den Montalbano selbst zweimal verhaftet hatte und bei dessen Erstgeborenem er Taufpate war.

»Sieht so aus, als würde der Richter ein gutes Wort für die Umwandlung der Gefängnisstrafe in Hausarrest einlegen.«

Der Espresso war gut.

»Gib mir noch eine Tasse, Adelì.«

Angesichts der Tatsache, dass Dottor Pasquano erst später eintreffen würde, konnte er es ruhig angehen lassen.

Zur Zeit der Griechen war der Salsetto ein Fluss, danach, zur Zeit der Römer, war er zu einem Sturzbach geworden, bei der Einigung Italiens zu einem Bach, zur Zeit des Faschismus schließlich ein stinkendes Rinnsal und am Ende, als die Demokratie kam, eine wilde Müllkippe. Während der Landung der Alliierten im Jahr 1943 hatten die Amerikaner über das längst ausgetrocknete Flussbett eine Eisenbrücke gebaut, die ein paar Jahre später über Nacht verschwunden war, von Eisendieben in lauter Einzelteile zerlegt. Doch der Name war dem Ort geblieben.

Er kam an einen Parkplatz, auf dem bereits fünf Polizeifahrzeuge standen, zwei Privatautos und der Karren, der die Leichen ins Leichenschauhaus transportierte. Die Polizeiwagen gehörten allesamt der Questura von Montelusa, von den Privatautos gehörte eines Mimì Augello und das andere Fazio.

Wie kommt es, dass die in Montelusa Benzin im Überfluss haben, während wir hier auf dem Trockenen sitzen?, fragte sich Commissario Montalbano verdrossen.

Er zog es vor, die Frage unbeantwortet zu lassen.

Sobald Augello ihn aus dem Auto hatte steigen sehen, kam er ihm entgegen.

»Konntest du dir denn die Eier nicht selber kratzen, Mimì?«

»Salvo, auf dich fall ich nicht mehr rein.«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine damit, dass du mich, wenn ich dich nicht hergerufen hätte, später mit deinem Wieso-hast-du-mir-dies-nicht-gesagt und Warum-hast-du-mir-das-nicht-gesagt gelöchert hättest …«

»Wie ist die Tote?«

»Tot«, sagte Augello.

»Mimì, so ein Satz ist schlimmer als ein Revolverschuss aus dem Hinterhalt. Noch so einer, und ich erschieß dich aus Notwehr. Ich frage dich noch einmal: Wie ist die Tote?« »Jung. Knapp über zwanzig. Und sie muss wohl ziemlich hübsch gewesen sein.«

»Habt ihr sie identifiziert?«

»Wohl kaum! Sie ist nackt, die Kleider fehlen und es gibt auch keine Handtasche oder sonst was in der Art.«

Sie waren am Rand des Platzes angelangt.

Eine Art Ziegenpfad führte zu der Müllkippe, die sich rund zehn Meter weiter unten befand. Genau am Ende des Pfads stand eine Gruppe von Menschen, unter denen er Fazio erkannte, Arquà, den Chef der Spurensicherung, und Dottor Pasquano. Sie standen gebeugt über etwas, das wie eine Schaufensterpuppe aussah. Ermittlungsrichter Tommaseo dagegen befand sich noch auf halber Wegstrecke, als er den Commissario erblickte.

»Warten Sie, Montalbano, ich bin gleich bei Ihnen.«

»Was denn? Pasquano ist doch da?«, sagte Montalbano.

Mimì sah ihn verdattert an.

»Warum sollte er denn nicht da sein? Er ist vor einer halben Stunde eingetroffen.«

Also war der Wutanfall gegenüber dem armen Catarella reines Theater gewesen.

Pasquano war für seine Schrulligkeit bekannt, und er hielt sich viel darauf zugute, als unberechenbar zu gelten. Daher bereitete es ihm manchmal ungeheueres Vergnügen, eine große Show zu veranstalten, um seinen Ruf zu wahren.

»Kommen Sie nicht runter?«, fragte Tommaseo, als er außer Atem bei ihm angelangt war.

»Wozu soll ich da runter? Sie haben sie doch schon gesehen.«

»Sie muss sehr schön gewesen sein. Ein wunderbarer Körper«, sagte der Ermittlungsrichter, und seine Augen glänzten vor Erregung.

»Wie hat man sie umgebracht?«

»Ein Schuss aus einem großkalibrigen Revolver, mitten ins Gesicht. Es ist vollkommen unkenntlich.«

»Wieso denken Sie an einen Revolver?«

»Weil die von der Spurensicherung die Hülse nicht gefunden haben.«

»Wie hat sich die Sache Ihrer Meinung nach abgespielt?« »Das ist doch ganz klar, mein Guter! Liegt sozusagen auf der Hand! Also, das Paar kommt zu diesem Platz, steigt aus dem Auto, geht den Weg hinunter zum Flussbett, um nicht gesehen zu werden. Das Mädchen zieht sich splitternackt aus, und nach der fleischlichen Vereinigung …« Er hielt inne, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schluckte beim Gedanken an die Vereinigung.

»… schießt ihr der Mann ins Gesicht.«

»Und warum?«

»Nun, das werden wir noch herausfinden.«

»Sagen Sie, schien denn der Mond?«

Tommaseo sah ihn verdutzt an.

»Sehen Sie, das war kein romantisches Stelldichein, da brauchte man keinen Mond, es handelte sich lediglich um …«

»Schon verstanden, um was es sich gehandelt hat, Dottor Tommaseo. Ich wollte nur sagen, dass wir angesichts der Tatsache, dass diese Nächte mondlos waren, eigentlich zwei Leichen hätten finden müssen.«

Tommaseo war völlig verdattert.

»Wieso denn zwei?«

»Na, wenn sie diesen Pfad bei völliger Dunkelheit runtergegangen wären, hätten sie sich doch mit Sicherheit beide das Genick gebrochen.«

»Aber was erzählen Sie mir denn da, Montalbano! Sie werden eine Taschenlampe dabeigehabt haben! Ich bitte Sie, die werden doch entsprechend vorgesorgt haben! Nun gut, ich muss jetzt leider gehen. Wir hören voneinander. Buongiorno.«

»Glaubst du, dass es so war?«, fragte Montalbano Mimì, nachdem Tommaseo gegangen war.

»Für mich ist das eine von Tommaseos üblichen sexuellen Zwangsvorstellungen! Warum sollten sie denn zu dem Müllhaufen da runtergehen und vögeln? Da unten herrscht doch ein Gestank, dass einem der Atem stockt. Außerdem gibt es dort Ratten, die einen bei lebendigem Leib auffressen! Sie hätten es doch auch hier tun können, auf diesem Platz, der ist immerhin bekannt dafür, dass die Leute nachts zum Vögeln herkommen! Hast du mal auf den Boden geschaut? Ein Meer von Kondomen!«

»Hast du Tommaseo darauf aufmerksam gemacht?«

»Klar habe ich das. Aber weißt du, was er mir gesagt hat?« »Ich kann’s mir denken.«

»Er hat mir gesagt, dass die beiden doch zu dem Müllhaufen gegangen sein könnten, weil es ihnen dort mehr Spaß gemacht hat. Das ist seine Vorliebe für Perversitäten, verstehst du? Auf so was kann nur einer wie Tommaseo kommen!«

»Wie auch immer. Wenn die Kleine aber keine professionelle Hure war, dann ist es doch möglich, dass an diesem Parkplatz mit all den Autos und Lastwagen, die hier vorbeikommen …«

»Die Lastwagen, die zur Müllhalde fahren, kommen nicht hierher, Salvo. Sie kippen ihre Ladung auf der anderen Seite ab, da gibt es eine speziell für Schwertransporter angelegte Straße nach unten.«

Am anderen Ende des Pfades tauchte Fazios Kopf auf.

»Buongiorno, Dottore.«

»Haben die da noch lange zu tun?«

»Nicht doch, Dottore, noch ungefähr eine halbe Stunde.« Montalbano hatte keine Lust, mit Vanni Arquà von der Spurensicherung zusammenzutreffen. Dieser Mensch weckte bei ihm eine tief innen sitzende Antipathie, die aufs Herzlichste erwidert wurde.

»Sie kommen gerade an«, sagte Mimì.

»Wer?«

»Sieh mal da rüber«, antwortete Augello und deutete in Richtung Montelusa.

Von der Schotterstraße, die von der Provinzialstraße zur Müllkippe führte, stieg eine Staubwolke auf wie bei einem Tornado.

»Heilige Jungfrau, die Journalisten!«, rief Montalbano.

Ganz sicher hatte jemand in der Questura einen Tipp gegeben.

»Wir sehen uns im Büro«, sagte Montalbano und brach hastig zu seinem Auto auf.

»Ich geh wieder runter«, sagte Augello.

Dass er nicht zu der Müllkippe hinuntergestiegen war, hatte einen einzigen Grund: Er hatte sich nicht ansehen wollen, was er sich hätte ansehen müssen, nachdem Augello ihm gesagt hatte, dass es sich um die Leiche eines knapp zwanzigjährigen Mädchens handelte. Früher hatte er Angst vor Sterbenden gehabt, wohingegen Tote keinen sonderlichen Eindruck auf ihn machten. Aber seit ein paar Jahren kam es immer wieder vor, dass er den Anblick von noch jugendlichen Mordopfern nicht mehr aushalten konnte. Alles in ihm rebellierte aufs Entschiedenste angesichts dessen, was er als widernatürlich, als so etwas wie ein höchstes Sakrileg betrachtete, auch wenn der junge Tote bereits ein Verbrecher und selbst schon ein Mörder war. Ganz zu schweigen von den Kindern! Sobald eine Nachrichtensendung Körper von Kindern zeigte, die durch Kriege, Hunger oder Krankheit gepeinigt worden waren, schaltete er den Fernseher sofort aus. »Das ist deine enttäuschte Vaterschaft«, war Livias mit ziemlicher Boshaftigkeit ausgesprochene Schlussfolgerung, als er ihr dies einmal anvertraut hatte.

»Nie von enttäuschter Vaterschaft gehört, immer nur von enttäuschter Mutterschaft«, hatte er erwidert.

»Wenn es keine enttäuschte Vaterschaft ist«, hatte Livia beharrt, »bedeutet es möglicherweise, dass du einen Großvaterkomplex hast.«

»Wie kann ich denn einen Großvaterkomplex bekommen, wo ich doch niemals Vater gewesen bin?«

»Was hat das denn damit zu tun? Weißt du, was eine Scheinschwangerschaft ist?«

»Wenn eine Frau alle Anzeichen einer Schwangerschaft aufweist, ohne schwanger zu sein.«

»Genau. Was du hast, ist eine Scheingroßvaterschaft.«

Und natürlich war die Diskussion in einen handfesten Streit ausgeartet.

Von der Eingangstür des Kommissariats her hörte er Catarella ganz aufgeregt sprechen.

»Nein, Signori Questori, der Dottori kann nicht ans Telefon kommen, weil er nicht die Gabe der Bibität besitzt. Er befindet sich am Salsetto, weil er … Hallo? Hallo? Was denn? Hat der einfach aufgelegt? Hallo?«

Jetzt sah er Montalbano.

»Ah, Dottori, Dottori! Der Signori Questori war das!«

»Was wollte er?«

»Das hat er mir nicht gesagt, Dottori. Er hat mir nur gesagt, dass er dringend mit Ihnen sprechen wollte.«

»Schon gut, ich ruf ihn gleich an.«

Auf seinem Schreibtisch: ein Berg von Papieren, die unterschrieben werden mussten. Ihr Anblick entmutigte ihn. Dieser Vormittag war gar nicht nach seinem Geschmack. Er kehrte wieder um und ging an Catarellas Pförtnerloge vorbei.

»Bin gleich wieder da. Ich geh nur einen Espresso trinken.«

Nach dem Espresso rauchte er eine Zigarette und machte einen kurzen Spaziergang. Dann kehrte er wieder ins Kommissariat zurück und rief den Polizeipräsidenten an. »Montalbano hier. Zu Ihren Diensten.«

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen!«

»Wieso? Was hab ich gemacht?«

»Sie haben gesagt: zu Ihren Diensten.«

»Was hätte ich sonst sagen sollen?«

»Es geht nicht ums Sagen, sondern ums Tun. Selbstverständlich ist es Ihre Pflicht, mir zu Diensten zu sein, aber ich wage nicht einmal daran zu denken, auf welche Art und Weise Sie diese Dienste für mich ausführen!«

»Signor Questore, ich würde mir niemals erlauben, sie in der Art und Weise auszuführen, die Sie vermuten.«

»Na, lassen wir das besser, Montalbano. Welchen Abschluss hat die Sache mit diesem Piccolo gefunden?«

Montalbano war völlig verdattert. Piccolo? Was denn für ein Kleiner? Über welchen Jungen redete der?

»Hören Sie, Signor Questore, über diesen Jungen weiß ich …«

»Herrgott noch mal, Montalbano! Was heißt denn hier Junge! Giulio Piccolo ist mindestens sechzig Jahre alt! Hören Sie mir jetzt aufmerksam zu, Montalbano, und betrachten Sie meine Worte als ein Ultimatum: Ich verlange eine ausführliche, schriftlich abgefasste Antwort, und zwar bis morgen früh.«

Er legte wieder auf. Mit Sicherheit war die Akte, die diesen Giulio Piccolo betraf, an den er sich weniger als gar nicht erinnern konnte, unter diesem Berg von Papieren vor ihm begraben. Hatte er den Mut, daran zu rühren? Ganz langsam streckte er einen Arm aus, um dann mit einem blitzschnellen finalen Zugriff nach der obersten Akte zu fassen, so wie man ein giftiges Tier gepackt hätte, das einen womöglich beißen könnte. Er öffnete sie und war sprachlos. Es war der Vorgang Giulio Piccolo. Er hatte Lust, sich auf die Knie zu werfen und dem heiligen Antonius zu danken, der ganz fraglos dieses Wunder vollbracht hatte. Er öffnete die Akte und fing an zu lesen. Signor Piccolos Tuchgeschäft war abgefackelt worden. Die Feuerwehrleute waren zu dem Schluss gekommen, dass es sich um Brandstiftung handelte. Signor Piccolo hatte erklärt, dass das Geschäft in Brand gesetzt worden sei, weil er das Schutzgeld nicht bezahlen wollte. Die Polizei dagegen war der Meinung, dass Piccolo selbst das Geschäft angezündet habe, und zwar wegen der Versicherung. Und dann gab es da noch etwas, das nicht stimmig war. Giulio Piccolo war in Licata geboren, hatte seinen Wohnsitz in Licata, das Geschäft lag in der Hauptstraße von Licata. Wieso wandten sie sich denn dann nicht an das Kommissariat in Licata statt an seins? Die Antwort war einfach: weil sie in der Questura von Montelusa Licata mit Vigàta verwechselt hatten. Er nahm den Kugelschreiber und schrieb auf ein Blatt Papier mit Briefkopf: »Hochwerter Signor Questore, Vigàta ist Licata nicht und Licata nicht Vigàta, der Irrtum für sich selber spricht. Diesen Dienst habe ich nicht wider besseres Wissen nicht ausgeführt, sondern aus Hochachtung vor der Geografie.«

Er unterschrieb und setzte einen Stempel darunter. Die Bürokratie hatte in ihm eine tief verborgene poetische Ader zum Vorschein gebracht. Die Verse holperten zwar, das stimmte, aber Bonetti-Alderighi würde die Reimform ja ohnehin nicht bemerken. Er rief Catarella, übergab ihm die Akte Piccolo und den Brief und sagte ihm, er solle beides an den Questore weiterleiten, nachdem er es ordnungsgemäß registriert habe.

Zwei

Kurz nachdem Catarella gegangen war, erschien in der Tür Mimì Augello, der von der Müllkippe zurück war. Er war nervös.

»Komm rein. Habt ihr alles geschafft?«

»Ja.«

Er setzte sich auf die vordere Stuhlkante.

»Was ist mit dir, Mimì?«

»Ich muss dringend nach Hause, auf dem Weg hierher hat Beba angerufen, sie braucht mich, weil Salvuzzo weint, er hat Bauchweh, und sie kriegt ihn nicht beruhigt.«

»Hat er das oft?«

»Oft genug, um einem die Eier zum Dampfen zu bringen.«

»Hört sich nicht gerade nach einem besorgten Vater an.« »Wenn du so einen Quälgeist hättest wie meinen, würdest du ihn im hohen Bogen aus dem Fenster werfen.«

»Aber wäre es nicht besser, wenn Beba statt dir einen Arzt kommen lassen würde?«

»Sicherlich. Aber wenn Beba mich nicht an ihrer Seite hat, tut sie keinen Schritt, sie ist unfähig, irgendetwas allein zu entscheiden.«

»Na gut. Sag mir, was du mir zu sagen hast, und dann ab nach Hause.«

»Es ist mir gelungen, ein bisschen mit Pasquano zu plaudern.«

»Hat er dir irgendwas gesagt?«

»Du weißt doch, wie er ist. Man hat immer das Gefühl, er nimmt jeden Mord ganz persönlich. So als hätte ihn jemand beleidigt oder sich ihm gegenüber unhöflich benommen. Und mit jedem Jahr, das vergeht, wird es schlimmer. Heilige Maria, was für ein mieser Charakter!«

Tief im Inneren dachte Montalbano, dass er Pasquano sehr gut verstand.

»Vielleicht ist er es einfach leid, Leichen auseinanderzunehmen. Jetzt sag schon.«

»Zwischen zwei Flüchen brachte ich ihn dazu, mir zu erzählen, dass das Mädchen seiner Meinung nach nicht da ermordet wurde, wo man sie gefunden hat.«

»Entschuldige mal eben, aber wer hat sie eigentlich gefunden?«

»Einer, der Aricò Salvatore heißt.«

»Und was hatte der so frühmorgens in dieser Gegend zu suchen?«

»Dieser Mann geht jeden Tag bei Morgengrauen zur Müllkippe und sucht nach Dingen, die er wieder herrichten und dann verkaufen kann. Er hat mir erzählt, dass er mittlerweile fast neuwertige Sachen findet, kaum benutzt.«

»Hast du noch nie was von Konsumrausch gehört, Mimì?« »Aricò war gerade angekommen, da entdeckte er die Leiche und rief uns von seinem Handy aus an. Während ich ihn befragte, wurde mir klar, dass er nicht mehr wusste als das, was er uns schon gesagt hatte. Da habe ich mir seine Adresse und seine Handynummer notiert und ihn gehen lassen. Er stand nämlich ziemlich unter Schock und musste sich andauernd übergeben.«

»Du hast mir erzählt, dass Pasquano glaubt, das Mädchen sei woanders umgebracht worden.«

»Genau. Es gab praktisch keine Spuren von Blut in unmittelbarer Nähe der Leiche. Die hätte es aber geben müssen, und zwar reichlich. Außerdem hat Pasquano auf dem Körper Verletzungen und Hautabschürfungen entdeckt, die darauf hindeuten, dass die Leiche ein paarmal gegen den Hang geprallt sein muss, als sie vom Parkplatz aus da runtergeworfen wurde.«

»Und diese Verletzungen könnten nicht bei Handgreiflichkeiten entstanden sein, die dem Mord möglicherweise vorausgingen?«

»Momentan schließt Pasquano das aus.«

»Und er irrt sich nur selten. Auf dem Platz, wo die Autos parken, hat man da Blutspuren entdeckt?«

»Auch da nicht.«

»Das bestätigt nur Pasquanos These, dass sie dahin gebracht wurde, nachdem sie bereits tot war. Möglicherweise im Kofferraum. Hat Dottor Pasquano feststellen können, wie lange sie schon tot war?«

»Das ist eben das Dumme. Er sagt, dass er das erst nach der Obduktion sagen kann, aber so über den Daumen gepeilt muss sie mindestens vierundzwanzig Stunden vor ihrem Auffinden ermordet worden sein.«

Und das war ziemlich eigenartig.

»Aber weshalb sollte man die Leiche noch einen ganzen Tag lang versteckt halten?«

Mimì breitete fatalistisch die Arme aus.

»Das kann ich dir auch nicht sagen, aber so sieht es aus. Und da ist noch etwas, das wichtig sein könnte, ich sage: könnte. Die Leiche lag auf dem Rücken, doch irgendwann drehte Pasquano sie herum.«

»Ja, und?«

»Auf der linken Schulter, gleich neben dem Schulterblatt, ist ein Tattoo, das einen Schmetterling darstellt.«

»Na gut, das kann für die Identifizierung nützlich sein. Haben die von der Spurensicherung das Tattoo fotografiert?«

»Ja. Und ich habe ihnen gesagt, sie sollen uns die Fotos zuschicken. Allerdings mache ich mir da keine großen Hoffnungen.«

»Wieso?«

»Du weißt doch, Salvo, dass ich vor meiner Ehe alle zwei Tage eine andere hatte?«

»Sicher, Don Juan wäre vor Neid erblasst. Und weiter?« »Tattoos mit Schmetterlingen sind ziemlich beliebt bei den Mädchen. Sie lassen sie sich überall auf den Körper tätowieren. Stell dir vor, einmal hab ich so einen Schmetterling sogar zwischen …«

»Erspar mir die Einzelheiten«, flehte der Commissario ihn an. »Grüß Beba von mir und schick mir Catarella herein.«

Der dann zehn Minuten später erschien.

»Sie wollen mich entschuldigen, Dottori, aber Cuzzaniti hat so viel Zeit für die Registrierung gebraucht. Er war sich nicht klar darüber, ob die Akte die Nummer 3705 oder die Nummer 3706 haben sollte. Aber dann haben Cuzzaniti und ich die Lösung gefunden.«

»Was für eine Nummer habt ihr ihr gegeben?«

»Wir haben ihr alle beide gegeben, Dottori. 3756.«

Mit Sicherheit würde dieser Vorgang nie wiedergefunden werden, selbst wenn man hundert Jahre nach ihm suchte.

»Hör zu, Catarè. Such doch mal im Computer nach verschwundenen Personen und schau nach, ob es eine Vermisstenanzeige für eine Zwanzigjährige mit einem Schmetterlingstattoo am linken Schulterblatt gibt.«

»Was für ein Schmetterling?«

»Was weiß denn ich, Catarè? ’n Schmetterling eben.«

»Bin gleich wieder da, Dottori.«

Fazio kam. Er trat ein und setzte sich.

»Und, was gibt’s Neues?«

»Dottor Pasquano ist der Überzeugung, dass das Mädchen …«

»… an einem anderen Ort umgebracht worden ist, ich weiß, Augello hat’s mir schon gesagt. Und was hältst du davon?«

»Ich bin der gleichen Ansicht. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass das Mädchen erst nackt ausgezogen wurde, nachdem man es umgebracht hatte.«

»Wie bist du darauf gekommen?«

»Wenn sie in nacktem Zustand ermordet worden wäre, hätte das Blut ihr den Brustkorb verschmiert, wie auch die Schultern und die Brüste. Aber alles war sauber. Und bedenken Sie, dass es seit einer Woche nicht regnet.«

»Verstehe. Das Blut gelangte auf die Kleider, die sie in diesem Augenblick trug, und nicht auf die Haut.«

»Genau, Dottore. Und ihr Körper hatte Hautabschürfungen, Blutergüsse und Platzwunden. Die rühren daher, dass sie nackt hinuntergeworfen wurde. Wäre sie bekleidet gewesen, hätte sie weniger Verletzungen davongetragen. Außerdem ist sie gebissen worden.«

Montalbano sprang von seinem Stuhl auf. Er fühlte, wie sein Magen sich vor Ekel zusammenzog.

»Was heißt gebissen?! Und wo?«

»Sie hat drei Bisswunden am rechten Schenkel. Doch Dottor Pasquano wollte mir darüber noch nichts sagen, er will sie erst gründlich untersuchen. Er weiß nicht, ob die Bisse von einem Menschen stammen oder von einem Tier.«

»Hoffen wir, dass sie von einem Tier sind.«

Ein Mörder, der zugleich ein Werwolf war, hatte gerade noch gefehlt! Eine Bestie in Menschengestalt!

»Hat er dir gesagt, wann er die Obduktion durchführt?« »Morgen, in aller Frühe.«

Mit einem Blatt in der Hand und völlig außer Atem kam Catarella herein.

»Nur eine einzige Zwanzigjährige habe ich in der Liste gefunden. Das Foto habe ich ausgedruckt. In der Vermisstenanzeige steht aber nichts von Schmetterlingen.«

»Gib’s Fazio.«

Fazio nahm das Blatt, betrachtete es und gab es Catarella zurück.

»Das ist nicht die Tote.«

»Wieso bist du dir da so sicher?«, fragte der Commissario. »Die hier ist braunhaarig, die andere war blond.«

»Kann die Dunkelhaarige sich nicht die Haare gebleicht haben?«

»Also wirklich, Dottore.«

Catarella ging enttäuscht hinaus.

»Ich weiß nicht, wieso, aber ich glaube nicht, dass das Mädchen eine Hure war«, sagte Fazio.

»Heutzutage ist es ziemlich schwierig zu sagen, wer eine Hure ist«, sagte Montalbano.

Fazio sah ihn verblüfft an.

»Nicht nur heutzutage, Dottore, sondern von jeher ist eine Hure eine Frau gewesen, die ihren Körper gegen Geld verkauft.«

»Viel zu einfach, Fazio.«

»Dann erklären Sie das mal genauer.«

»Ich nenne dir ein Beispiel. Stell dir eine Zwanzigjährige vor, sehr hübsch, aus ärmlichen Verhältnissen. Man bietet ihr an, in Filmen mitzuspielen, doch sie lehnt das ab, weil sie ehrlich und anständig ist und Angst hat, dass dieses Umfeld sie verderben könnte. Irgendwann begegnet sie einem fünfzigjährigen, ziemlich unattraktiven Industriellen, der sie heiraten möchte. Das Mädchen willigt ein. Sie liebt diesen Mann nicht, er gefällt ihr nicht und der Altersunterschied ist zu groß, doch sie denkt, dass sie ihn mit der Zeit lieb gewinnen könnte. Die beiden heiraten, und sie ist ihm eine untadelige Gattin. Was besagt das nun nach deiner Definition? Hat das Mädchen, als es dem Industriellen sein Jawort gab, nicht auch seinen Körper gegen Geld verkauft? Sicherlich. Aber würdest du sie deshalb gleich als Hure bezeichnen?«

»Heilige Madonna, Dottore! Da traut man sich mal, einen Gedanken zum Ausdruck zu bringen, und Sie machen gleich einen ganzen Roman daraus!«

»Schon gut, lassen wir das. Wieso glaubst du, dass sie keine Professionelle war?«

»Na ja. Sie hatte keine rot geschminkten Lippen. Sie trug kein Make-up. Sie war zwar gepflegt und sauber, das schon, aber nicht übertrieben … Keine Ahnung, was soll ich Ihnen sagen, ich hatte eben diesen Eindruck. Und jetzt tun Sie mir den Gefallen und machen Sie aus diesem Eindruck nicht noch einen Roman.«

»Weißt du, wann die Spurensicherung uns die Fotos schickt?«

»Heute, nach dem Mittagessen.«

»Dann kann ich ja jetzt gehen. Bis später.«

Als er zur Trattoria kam, waren die Rollläden zur Hälfte heruntergelassen. Er bückte sich und ging hinein. Die Tische waren zwar alle gedeckt, aber keine Menschenseele war da. Aus der Küche duftete es nicht. Enzo, der Wirt und Besitzer, saß vor dem Fernsehapparat.

»Wieso ist denn keiner hier?«

»Dottore! Erstens ist heute Montag, unser Ruhetag. Aber das haben Sie sicher vergessen. Und zweitens wäre es auch noch zu früh, wir haben ja noch nicht mal halb eins.«

»Na, dann geh ich wieder.«

»Aber nicht doch! Setzen Sie sich!«

Wenn es noch nicht mal halb eins war, wieso hatte er dann bloß diesen unbändigen Appetit? Da fiel ihm wieder ein, dass er am Abend zuvor nichts gegessen hatte.

Wegen eines langen, streitlustigen Anrufs von Livia, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, eine verheerende, mit Vorwürfen und Ausreden gespickte Abschlussbilanz ihres Zusammenlebens zu ziehen, hatte er gar nicht mehr an die Pfanne auf dem Herd gedacht, in der er aufwärmen wollte, was Adelina ihm vorbereitet hatte. Und dann war er durch das Gespräch so aufgewühlt gewesen, dass er nicht einmal mehr Lust gehabt hatte, ein bisschen Käse und ein paar Oliven auf den Tisch zu stellen, die er mit Sicherheit im Kühlschrank gefunden hätte.

»Dottore, heute habe ich Langusten bekommen, die sind die reinste Wonne.«

»Große oder kleine?«

»Ganz wie Sie wollen.«

»Bring mir eine große. Aber nur gekocht, ohne alles. Und als Erstes bring mir, wenn es nicht zu viele Umstände macht, einen ordentlichen Teller Spaghetti mit Venusmuscheln, aber nur in Olivenöl.«

Auf diese Weise würde er, ohne den Geschmack von Soßen im Mund, die Languste besser genießen können, die nur mit Olivenöl und Zitrone zubereitet sein würde.

Und genau in dem Augenblick, als er sich über die Languste hermachen wollte, kamen im Fernsehen die Bilder von der Müllkippe. Der Kameramann hatte von oben, vom Parkplatz aus, einen mit einem Betttuch bedeckten Körper aufgenommen.

»Ein furchtbares Verbrechen …«, begann die Stimme aus dem Off ihren Kommentar.

»Schalt das sofort aus!«, rief Commissario Montalbano.

Enzo schaltete das Fernsehgerät aus und sah ihn verwundert an.

»Was war denn los, Dottore?«

»Entschuldige«, sagte Montalbano. »Es ist nur, dass ich …« Wie schnell die Leute doch zu Kannibalen geworden waren!

Seit das Fernsehen Einzug in die Wohnungen hielt, hatten sich alle daran gewöhnt, Brot und Leichen zu essen. Von zwölf bis eins mittags und von sieben bis halb neun abends, also genau die Zeit, zu der man bei Tisch saß, gab es keinen Fernsehkanal, der nicht Bilder von zerfetzten, verstümmelten, verbrannten, geschundenen Körpern von Männern, Frauen, Alten und Kindern zeigte, die ebenso einfallsreich wie effektivin irgendwelchen Teilen der Welt umgebracht worden waren.

Denn es verging kein Tag, an dem es nicht irgendwo auf der Erde einen Krieg gab, der urbi et orbi vorgeführt werden musste. Und da sah man Menschen, die dem Hungertod nahe waren, die keinen Cent besaßen, um sich einen Bissen Brot zu kaufen, die auf andere, die gleichermaßen hungerten, mit Bazookas, Kalaschnikows, Raketen oder Bomben schossen, lauter ultramoderne Waffen, die um ein Vielfaches mehr kosteten als Medikamente und Essen für alle.

Er stellte sich ein Gespräch zwischen einem Ehemann, der am Esstisch Platz nimmt, und seiner Frau vor.

»Was hast du mir Schönes zubereitet, Catarì?«

»A

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