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Die Feinde der Hansetochter

Über die Autorin

Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem vier weitere folgten. Sie liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen und direkt an den Schauplätzen zu recherchieren, wobei sie, wie schon bei Hansetochter und Das Geheimnis von Stralsund, auch diesmal wieder mit Begeisterung in die Geschichte ihrer norddeutschen Heimat eintauchte. Sie lebt in der Nordheide bei Hamburg.

Sabine Weiß

Die Feinde der
Hansetochter

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Meiner Mutter, in Liebe und Dankbarkeit

Personenverzeichnis

LÜBECK

Henrike und Adrian Vanderen, Kaufleute aus Lübeck

Simon Vresdorp, Henrikes Bruder

Cord, Liv und Claas, Kaufgehilfen

Margarete, genannt Grete, Henrikes alte Amme, Köchin

Windele, Magd

Bosse Matys, Schiffer auf Adrians Kogge Cruceborch


Nikolas und Telse Vresdorp, Henrikes Vetter und Base

Jost, Kaufmann, Telses Geliebter

Hinrich von Coesfeld*, Kaufmann

Oda, seine Tochter und Henrikes Freundin

Tale von Bardewich, Kauffrau

Goswin Klingenberg*, Kaufmann

Ubbo Abdena, ostfriesischer Adelsspross

Detmar*, Franziskaner, Lesemeister und Beichtvater des Katharinenklosters in Lübeck

Bürgermeister und Ratsherren

Hermanus von Osenbrügghe*

Jacob Plescow*

Symon Swerting*

Gerhard Dartzow*

Hermann Dartzow*

Albert Rodenborch*, Ratsschreiber

GOTLAND, DÄNEMARK

Asta, Henrikes Tante und Gutsherrin

Katrine, ihre Tochter

Sasse, ihr Knecht

Erik, Kaufmann

Gunda, seine Frau

BERGEN, NORWEGEN

Ellin, Krämerin

Tymmo, Ellins Mann

Henk, ihr Sohn

GAUTAVIK, ISLAND

Alvar, früherer Falkner

Runa, seine Tochter

Dagur, Schiffer

Jón, sein Bruder

Einar, Steuermann

BRÜGGE, FLANDERN

Lambert, Adrians Bruder

Martine, seine Frau

Joris, Cornelius, Agniete und Gossin, ihre Kinder

Rosina, Lisebette und Lucie, Adrians und Lamberts
Schwestern

Ricardo, Kaufmann aus dem italienischen Lucca und Adrians bester Freund, lebt mit seiner Frau Cecilia in Brügge

DEUTSCHORDENSSTAAT

Winrich von Kniprode*, Hochmeister

Konrad von Jungingen*, Ordensritter

Willem von Ghent, Falkenmeister

Frans, Falkenknecht

Graf Adolf I. von Kleve*

Graf Engelbert III. von der Mark*

Sylvestre Clerbaut*, Ritter

Herr von Mastaing*, Ritter

John Russel*, Ritter

Janis, Sklave

* Historisch verbürgte Persönlichkeiten

1379

Juni bis Dezember

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1

Schonen, Anfang Juni

Der Mann hastet über den Strand. Er bemerkt weder, dass Sand in seine Lederschuhe dringt und sie ausbeult, noch, dass der Strandhafer seine Seidenstrümpfe zerreißt. Die finsteren Blicke seiner Schuldner treiben ihn weiter, genau wie deren Verwünschungen. Würde man es wirklich wagen, ihn anzugreifen? Verfolgte man ihn bereits? Er will lauschen, doch sein eigenes Keuchen übertönt alle Geräusche. Eilig erklimmt er die Düne. Niemand zu sehen. Schnell auf der anderen Seite hinab! Strauchelnd fällt er in den klammen Sand. Jetzt könnte sich jemand auf ihn stürzen! Er rappelt sich auf. Weiter, nur weiter, obgleich die Flanken schmerzen. Eine Düne noch, dann durch das Buchenwäldchen, und er hätte es geschafft.

Deutlich spürt er die schweren Geldbeutel an seiner Hüfte. Die Schonische Messe fängt erst in einigen Wochen an, aber er hat schon ein kleines Vermögen verdient. Am Strand um Falsterbo und Skanör tummeln sich bereits unzählige Menschen. Kaufleute konkurrieren um die besten Lagen für ihre Buden und feilschen mit den Fischern um ein Vorkaufsrecht auf ihren Fang. Alle treffen Vorbereitungen für die bedeutendste Handelsmesse der nordischen Welt. Nicht nur die Lage am wichtigsten Schifffahrtsweg der südlichen Ostsee macht Schonen so begehrt. Ein schlanker Fisch, der in den Sommermonaten hier dicht an dicht im flachen Wasser schwimmt, hat die dänische Halbinsel zu ihrer Bedeutung gebracht: »König Hering« ist die wichtigste Speise der Christenmenschen zur Fastenzeit – und die macht insgesamt immerhin etwa ein Drittel eines Jahres aus. Kein Kaufmann kann es sich leisten, die Schonischen Messen auszulassen, und so finden sich Tausende ein und bringen Waren aus aller Herren Länder mit. Im Moment arbeiten neben den Fischern und Fischweibern vor allem Zimmerleute hier, um die von den Winterstürmen weggefegten Holzschuppen wieder aufzubauen. Die Kaufleute haben, nach Städten geordnet, eigene Vitten, um Handel zu treiben und Salz, Bier, Tuche und andere Güter zu lagern. In einigen Buden wird der Fisch verarbeitet, in anderen der Grum, die Fischabfälle, zu Tran gekocht. Und natürlich können auch die Huren ihrem Gewerbe nicht im Freien nachgehen.

Er rennt über die letzte Düne in die Senke, in der kühle Schatten zwischen den jungen Buchen hängen. Der Kaufmann fröstelt und zieht sein samtenes Wams zusammen, damit der Kragen aus weichem Marderfell seinen Hals umschließt. Er braucht seine Stimme. Sie ist sein wichtigstes Handwerkszeug.

Seine Gedanken wandern zu seinen letzten Geschäften zurück. Er hatte Stangeneisen und Holz geliefert, beides zu einem hohen Preis. Die Nachfrage war so groß, dass er noch heute sein Schiff klarmachen und zurückreisen würde. Vielleicht würde es ihm gelingen, ein weiteres Mal vor seinen Konkurrenten in Schonen einzutreffen und ebenso viel Gewinn zu machen.

Der Waldrand ist erreicht. Endlich ist die Kirche in Sicht! So hell leuchtet die weiße Fassade des Gotteshauses gegen das Blau, dass er die Augen zusammenkneifen muss. Er spürt den Himmel über sich. Gott scheint ihm nah, zu nah. Jeden Winkel seiner Seele prüft der Allmächtige, und was er erblickt, dürfte ihm nicht gefallen …

Denn der Handel ist nicht das Einzige, mit dem er Geld verdient. Oft wird er als Wucherer geschmäht. Und in einem sind sich alle einig, ob Adelige oder Tagelöhner: Geld wollen sie borgen, aber ihre Schulden nicht bezahlen. Wie der Zimmerer, der ihn vorhin mordlustig beschimpft hat. Aber warum soll er keine Entschädigung erhalten, wenn er Geld verleiht? Schließlich haben seine Kunden auch nur ihren Vorteil im Sinn.

Doch allmählich wird ihm bang um sein Schicksal. Erst letzte Nacht war er wieder aus dem Schlaf geschreckt. Ihm träumte, der Erzengel Michael habe seine Seele gewogen und für zu leicht befunden, weil er angeblich einen unrechten Zins verlangt hatte. Im Traum hatte er versucht, sich zu verteidigen, doch seine Stimme hatte versagt. Auch hatte der Engel die winzigen Teufel nicht gesehen, die sich keckernd und feixend an die andere Seite der Waage krallten und mit ihren Hufen ausschlugen. Sie wollten ihn zu sich in die Hölle reißen, wo er die Qualen der Wucherer erleiden würde. Noch immer meint er ihr Lachen zu hören. Um die Teufel auf Abstand zu halten und eine sichere Schiffsreise zu erflehen, muss er in die Kirche. Gott muss gnädig gestimmt werden.

Eine Böe peitscht Sand in seinen Nacken. Der metallische Geruch des Fischbluts hängt ihm in den Kleidern. Wie gleißend das Licht ist! Als würde er direkt vor den himmlischen Heerscharen stehen …

Erleichterung durchflutet ihn, als er durch die offene Kirchentür tritt. In Sicherheit! Hier würde ihm niemand etwas antun. Wenn er erst gebeichtet hatte, würden auch die Teufelsstimmen in seinen Ohren verstummen.

Die Kirche scheint leer. Nervös nestelt der Kaufmann das Perlenpaternoster aus seiner Tasche. Die schimmernden Kugeln des Rosenkranzes fliegen über seine Fingerkuppen. Erst als sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnen, bemerkt er den Mönch, der bäuchlings mit ausgebreiteten Armen vor dem Altar liegt.

»Bruder Thomas?«, fragt der Kaufmann heiser. Bei ihm hatte er in den letzten Tagen gebeichtet. Der Priester hatte sich als gutwillig erwiesen und ihn nach großzügigen Spenden gerne von seinen Sünden freigesprochen. Er bevorzugt verständige Seelenhirten und meidet jene, die ihn maßregeln.

Der Priester erhebt sich. Er ist ihm unbekannt. Im Zwielicht im Gesicht des Geistlichen zu lesen, fällt ihm schwer.

»Ich will beichten. Ist Bruder Thomas nicht da?«

»Bruder Thomas hat sich zurückgezogen, um zu Gott zu sprechen. Zögert nicht, wenn Ihr Eure Seele erleichtern wollt. Wisst Ihr denn nicht: Wir sind nur Diener unseres Herrn. Jeder von uns dient ihm so gut wie der andere«, antwortet der Priester mit samtener Stimme.

Er weist auf den Stuhl, der seitlich des Altares steht. Worte und Tonfall beruhigen den Kaufmann etwas. Zögernd folgt er dem Gottesmann und lässt sich zu seinen Füßen auf die Steinplatten sinken. Wie kalt ihm ist! Aber von dem Geld, das er verdient, würde er sich etliche neue Pelze leisten können und einige Huren noch dazu, die ihm des Nachts das Bett wärmten. Noch etwas, das er beichten muss …

Die Hand legt sich auf seinen Kopf, überraschend schwer. Der Priester murmelt die lateinischen Sätze, die die Beichte einleiten. Die Anspannung des Kaufmanns lässt nach. Gleich wird er sich besser fühlen.

»Oh allerliebster Herr und allergerechtigster Gott. Meine Schuld ist groß, meiner Sünden sind viele. Meine Zeit ist kurz, und ich bin ein armer Mensch. Diese Sünden habe ich getan seit meiner letzten Beichte«, beginnt er. Zügig führt er die Vergehen auf, derer er schuldig geworden ist. Unkeusche Gedanken und unzüchtige Taten einzugestehen, fällt ihm leicht. Aber seine Geschäfte umschreibt er lieber nur. Es ist vertrackt, als Kaufmann steht man immer mit einem Bein im Fegefeuer! Der Priester ist jedoch einer von der Sorte, die es genau wissen will. Unbarmherzig bohrt er nach. Wie diejenigen Beichtiger, die sich in allen Einzelheiten den Ablauf einer Liebesnacht schildern lassen, um danach mit erhitzten Wangen die Bußsumme festzulegen.

»Ihr sprecht also von schändlichem Gewinn und Wucher, deren Ihr Euch schuldig gemacht habt?«, fragt der Priester streng.

Vielleicht hätte er doch auf Bruder Thomas warten sollen. Aber dann hätte er seine Abreise verschieben müssen. Und ohne Beichte loszusegeln, wagt er nicht …

»Ich bin ein Geschäftsmann, Bruder. Auch ich muss von etwas leben, muss meine Knechte und Mägde bezahlen«, versucht er sich herauszuwinden. Er zwinkert mit den Lidern, um Tränen herauszuquetschen. Zeichen der Reue, die von jedem Büßer bei der Beichte erwartet werden.

»Es heißt bei Mose: Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volke, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen.«

»Wucher ist ein hartes Wort.«

»Windet Euch nicht: Ihr seid ein Wucherer!«

»Ich möchte eine Altarkerze spenden, um meine Sünden abzumildern. Großzügige Almosen geben. Ablass erwerben. Und für Euch …«

Der Priester fällt ihm ins Wort: »Wollt Ihr mit Gott feilschen?«, donnert er.

»Natürlich nicht. Verzeiht, Bruder.« Zerknirscht tastet der Kaufmann nach seinem Rosenkranz. Warum erlegt der Priester ihm nicht endlich die Buße auf und spricht ihn frei?

Der Priester beugt sich vor. Bevor der Kaufmann weiß, wie ihm geschieht, packt der vermeintliche Gottesmann seinen Schopf und spricht: »Gott mag dir vielleicht vergeben. Aber mein Auftraggeber tut es nicht. Jetzt zahlt er dir seine Schulden zurück.«

Der Kaufmann will aufspringen, um sich schlagen. Sich wehren. Fliehen. Aber die Angst lähmt ihn, bis es zu spät ist. Ein Ruck, und es ist vorbei. Sein letzter Blick gilt dem Gesicht, das die Schatten nun freigegeben haben. Es ist ein Allerweltsgesicht, in dem er einen beinahe amüsierten Ausdruck von Gleichgültigkeit liest. Leises, höhnisches Lachen perlt in seinen Ohren. Des Teufels Spießgesellen – da sind sie wieder. Springen an den Rand der Waagschale, in der seine Seele liegt. Reißen sie hinunter, unaufhaltsam, der Hölle entgegen …

Der Mörder zieht die Kutte über seinen Kopf und stopft sie in die Nische hinter dem Altar. Das Perlenpaternoster und den Geldbeutel des Kaufmanns steckt er ein. Er ist kein Dieb – warum aber diese Schätze zurücklassen? Der Priester würde sie sich später auch nur unter den Nagel reißen.

Er sieht nicht in das Kirchenschiff zurück, wo er den Kaufmann, einem Kreuz gleich, auf den Boden gelegt hat. Wenn die Hure mit Bruder Thomas fertig ist, wird dieser in der Kirche einen verzweifelten Sünder finden, den Gott während des Gebets zu sich gerufen hat.

Sein Schritt ist federnd. Weder Mitleid verspürt er noch Reue oder Furcht vor göttlicher Strafe. Mit Gott hat er ohnehin noch eine Rechnung offen. Er hat nichts für Wucherer übrig, für diesen schon gar nicht. Viele werden sich über seinen Tod freuen. Nicht nur sein Auftraggeber – ein Pelzhändler, den der Wucherer beinahe in den Ruin getrieben hätte –, sondern auch sein eigener Vater. Er wird natürlich nicht verraten, dass er den Wucherer mit eigenen Händen getötet, sondern lediglich, dass er für dessen Verschwinden gesorgt hat. Endlich muss der Alte anerkennen, dass er nützlich war. Er, der Bastard.

Er läuft durch die Dünen und mischt sich unter die Fischer und Zimmerleute. Von da aus macht er sich gemessenen Schrittes auf den Weg in den Ort. Nach wenigen Minuten hat er die Herberge im Landesinneren erreicht.

»Sind meine Waren ausgeliefert?«, fragt er den Knecht. Einige Kleinigkeiten hatte er an einen örtlichen Händler verkauft, damit seine Anwesenheit nicht auffällt. Für die Leute hier ist er ein einfacher Kaufmannsgehilfe, nicht mehr.

»Ganz wie Ihr wünschtet, Herr.« Er gibt dem Knecht eine Münze. Nicht zu groß, damit er sich nicht seiner Großzügigkeit erinnert, und nicht zu klein, damit er ihn nicht als Geizhals im Gedächtnis behält. Das Mittelmaß ist alles, wonach er strebt. Unscheinbar, unauffällig zu sein, einer von vielen. Unsichtbar. Im Moment zumindest. Aber eines Tages würde es anders sein. Er würde einzigartig sein, wichtig, besonders. Jeder würde ihn kennen. Jeder würde sich seine Gunst wünschen. Und jeder würde ihn fürchten.

Den Schlüssel zu seiner Kammer in der Hand – da die Handelsmesse noch nicht begonnen hat, muss er sie nicht teilen –, hält er inne. Ist da nicht ein neuer Geruch? Noch bevor er sich darüber klar wird, öffnet sich die Tür. Seine Dolchhand schnellt vor und richtet sich auf das Brustbein eines Fremden, der ihm aus seiner Kammer entgegenlächelt.

»Kommt herein, ich habe Euch schon erwartet. So hat der arme Kaufmann das Zeitliche gesegnet. Und Bruder Thomas? Lässt er es sich wohl besorgen, oder bleibt er keusch?«

Er verstärkt den Druck der Messerspitze. Jetzt zuzustechen wäre leicht. Aber woher weiß der Bärtige …? Und wer zur Hölle ist er? Er muss bei diesem Mann zweimal hinsehen: feine Kleidung und ein silberbeschlagener Stock, aber auch eine so buckelige Nase, als habe er viele Faustkämpfe ausgetragen. Von diesem Zinken kann nicht einmal der wuchernde Vollbart ablenken. Ein Haudegen im feinen Zwirn? Und dann dieser Gestank nach Heilkräutern, der von ihm ausgeht!

»Ich habe keine Ahnung, wovon Ihr sprecht. Macht, dass Ihr mein Zimmer verlasst, sonst muss ich davon ausgehen, dass Ihr mich bestehlen wollt, und Euch diesen Dolch in die Brust rammen.«

»Das wäre doch ein Jammer, edler Herr …«

Er stößt den Bärtigen in die Kammer, bevor dieser den verhassten Namen aussprechen kann. Den Namen, der ihm zusteht und den er doch nicht tragen darf. Sein Vater hat ihm nie erlaubt, den Namen von Bernevur zu tragen, ihm, dem Bastard. Aber er wird ihn sich erkämpfen. Eines Tages wird ihn jeder als Wigger von Bernevur kennen – und fürchten.

Der Bärtige stolpert rückwärts, fängt sich aber ab und stützt sich wieder lässig auf seinen Stock. »… wo ich Euch ein so lukratives Geschäft anzubieten habe. Und ich spreche nicht von der läppischen Ware, die Ihr mitgeführt habt.«

Mit dem Fuß schlägt Wigger die Tür zu. Dass er den Eindringling töten wird, ist klar. Aber erst muss er herausfinden, was dieser über ihn weiß.

»Ich bin nicht auf Geschäfte aus«, sagt er und spielt die Möglichkeiten durch, wie er den ungebetenen Besucher vom Leben zum Tod befördern kann.

Gelassen mustert der Bärtige ihn. »Bei anderen seid Ihr nicht so wählerisch.«

»Wer immer Euch das erzählt hat, lügt. Ich bin ein einfacher Kaufmannsgehilfe.«

Sein Gegenüber streicht gelangweilt über den Silberstock. Die Gravur eines Adlers ziert den Knauf. Ein schönes Stück …

»Ach bitte, müssen wir dieses Spiel wirklich spielen? Nein, lassen wir das. Wenn jemand gut ist in dem, was er tut, dann spricht sich das herum. Und Ihr seid gut im Töten.«

»Das ist Verleumdung!« Sein Dolch schießt in Richtung des Bärtigen und stoppt erst, als er auf den Brustkorb trifft. Was erlaubt er sich! Am liebsten würde er ihm die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht prügeln. Aber das hat wohl schon jemand vor ihm versucht. Er hat nie vorgehabt, zum Mörder zu werden. Hätte sein Vater nicht …

»Ich würde Euch abraten, mir etwas anzutun, mein Diener wartet vor der Tür«, sagt der andere ruhig.

»Ich habe niemanden bemerkt.«

»Nun, Ihr habt auch mich nicht bemerkt. Oder irre ich mich?«

Statt einer Antwort schnaubt Wigger unwillig. Genug geredet. Er will dem Eindringling den Stock wegtreten, dann die Kehle aufschlitzen. Doch als er dazu ansetzt, holt dieser blitzschnell mit dem Gehstock aus und trifft seinen Dolcharm. Ein Zweikampf entbrennt, bei dem der Bärtige trotz seines offenkundig verletzten Beines mithalten kann. Gerade als Wigger den Bärtigen endlich niederringen kann, wird die Tür aufgerissen. Ein Schrank von einem Mann steht auf der Schwelle, das Schwert erhoben. Doch als der Handlanger sieht, dass die Messerspitze des Mörders bereits den Hals seines Herrn ritzt, hält er inne.

»Verratet mir Euren Informanten«, verlangt Wigger zu wissen.

»Sicher nicht. Aber ich kann Euch etwas anderes verraten.«

Ruhig, als bemerke er das Messer nicht, gibt der Bärtige seinem Begleiter einen Wink. Ein Samtbeutel landet auf dem Boden. Er klimpert satt, die heitere Melodie vieler Goldmünzen. »Nämlich, wie viel Gold meinem Herrn Eure Dienste wert sind. Noch einmal so viel, wenn Ihr den Auftrag erledigt habt.«

»Öffnet den Beutel«, fordert Wigger. Der Diener zieht die Schnur, und unzählige Gulden kullern über die ausgetretenen Bohlen. Unwillkürlich hält Wigger den Atem an. Es ist eine größere Summe, als er erwartet hat. Damit wäre er schon bald am Ziel seiner Wünsche, sehr bald. Er lässt den Bärtigen los. Vielleicht lohnt es sich doch, zu reden …

»Was soll ich tun?«

Der Bärtige schickt seinen Diener vor die Tür und spricht erst, als dessen Schritte verklungen sind.

»Eine Familie ruinieren, auslöschen, vom Erdboden tilgen.«

Schon mit diesem Satz gewinnt Wigger seine Kaltblütigkeit zurück. Ruhig, die Lider halb geschlossen, lauscht er. Als der Bärtige endet, lässt er die Worte lange nachklingen. Eine ganze Familie töten. Eine angesehene Lübecker Kaufmannsfamilie noch dazu. Das ist beinahe unmöglich, und auch für ihn lebensgefährlich, denn das Risiko, ertappt zu werden, ist groß. Zudem bräuchte er vermutlich Helfer. Aber mit dem Blutgeld wäre er am Ziel. Seine Zukunft und die seiner Familie würde endlich so glorreich werden, wie es ihnen zustand. Niemand würde dann mehr wagen, ihn Bastard oder Mörder zu nennen. Sein Vater müsste ihn achten. Man würde ihn endlich anerkennen. Und sein eigener Sohn würde zu den einflussreichsten Familien des Landes gehören. Außerdem liebt er Herausforderungen. Die Entscheidung fällt ihm nicht schwer.

2

Gotland, Sommer 1379

Komm heraus, Katrine, es ist wunderbar hier!«

Kaum hatte Sasse das Pferd gezügelt, sprang Asta schon vom Kutschbock. Ihre bloßen Füße landeten in den Polstern aus weißen und lila Blüten, und ein betörender Duft, in den sich die herben Noten von Thymian und Kiefer mischten, stieg zu ihr auf. Asta ging immer barfuß, sogar im Winter. Erst war es ihr schwergefallen, ohne ihre Samtschuhe und die hölzernen Trippen gegen den Schmutz der Straße auszukommen. Inzwischen genoss sie das Kitzeln der Grashalme zwischen ihren Zehen, und selbst das Piksen der Kiefernzapfen unter ihren Fußsohlen machte ihr nichts mehr aus. Ihr gefiel es, sich zu spüren. Besitz lenkte nur ab vom Wesentlichen.

Den Landstrich hatte Asta sofort wiedererkannt. Vor beinahe zwanzig Jahren war sie zuletzt über diese Wiese zwischen dem lichten Haselhain und dem Nadelwald gelaufen. Damals war sie jung verheiratet gewesen und voller Träume. Ein reiches Haus hatte sie sich gewünscht und eine große Familie. Nichts davon war wahr geworden. Ein hartes Schicksal hatte sie zurechtgestutzt. Es hatte sie gelehrt, nichts mehr zu erstreben. Erst nachdem sie zum zweiten Mal dem Tod ins Auge gesehen hatte, war wieder ein Wunsch in ihr aufgekeimt. In den letzten Jahren war er gediehen, stark geworden. Er hatte sie hierhergeführt.

Wie froh sie war, dass sie sich entschlossen hatte, nach Gotland zurückzukehren! Das Gesinde auf ihrem Hof in Travemünde kam eine Weile ohne sie aus. Längst hatte sie für ihre Nachfolge gesorgt. Für Asta war es eine Reise in die Vergangenheit und der Versöhnung. Auf Gotland waren sie und ihre Schwester Clara geboren worden, hier waren sie glücklich gewesen … bis zu dem Überfall und ihrer Flucht. Als sie vor zwei Wochen den weiß leuchtenden Küstensaum der Insel wiedergesehen hatte, hatte die Erinnerung sie von den Füßen gerissen wie eine Brandungswoge. Es hatte sie niedergeschmettert, wieder vor Wisbys Mauern zu stehen, an denen so viele Hoffnungen zerschellt waren. Ihr Elternhaus zu betreten, in dem sie so viele frohe Stunden verbracht hatte. Das Schlachtfeld zu sehen, das 1361 von dem Blut des Bauernheeres und ihrer Familie getränkt gewesen war. Aber Stück für Stück hatte sie erkannt, dass sie ihren Frieden mit dem machen konnte, was geschehen war. Dass sie Neues entdeckte.

Gotland war eine Insel voller Traditionen und Geheimnisse. Ein Eiland, auf dem überall die Kraft der Natur zu spüren war. Die zahllosen Steinkreise, Hügelgräber und die hohen Bildsteine mit ihren Spiralen und Wirbeln, mit ihren Seeungeheuern und Schiffen bewiesen, wie sehr die Altvorderen mit dieser Kraft verbunden gewesen waren. Es war verständlich, dass christliche Missionare viele dieser Orte zerstört hatten. Wie mussten sie die alten Götter gefürchtet haben! Manchen Bildstein, den Asta als Kind bewundert hatte, hatte sie zerbrochen im Mauerwerk einer Kirche wiederentdeckt. Gotland hatte nur aus einem Grund mehr Kirchen als jede andere Insel: um die Macht der heidnischen Götter zu bannen. Doch Asta konnte diese Kraft noch spüren, und sie hoffte, dass es ihrer Tochter Katrine und ihrem Gefährten Sasse ebenso ging. Schade nur, dass ihre Nichte Henrike sie nicht begleitet hatte, sie wäre sicher auch empfänglich dafür. Aber die junge Kauffrau war in Lübeck unabkömmlich.

»Katrine?«

»Gleich, Mutter!«

Erneut huschte ein Lächeln über Astas Gesicht. Sie war glücklich, dass sie Katrine hatte. Ihre Tochter war eine liebenswerte, geschickte junge Frau. Nur dass sie so ängstlich war, betrübte sie. Katrine hatte ungern ihren Hof bei Travemünde verlassen. Auch jetzt blieb sie am liebsten in dem großen Kaufmannshaus in Wisbys Altstadt. Einzig die Wandmalereien in den Kirchen und die Bildsteine hatten es Katrine angetan. Stets fertigte sie in ihrem Wachstafelbüchlein Zeichnungen der Symbole an, um sie später auf ihre Stickereien übertragen zu können. Am Anfang hatte sie nur Gürtel bestickt, aber inzwischen waren manche ihrer Arbeiten ebenso kunstvoll wie groß. Sie konnte mit ihren Stickereien ganze Welten erschaffen.

Noch immer war von Katrine nichts zu sehen. Asta wurde ungeduldig. Ihre Tochter sollte heraus aus dem Wagen! Sollte etwas sehen von der Welt, die sie umgab. Nicht immer nur Sticken und Beten! Asta hatte schon über fünfzig Sommer erlebt und würde bald ihre letzten Jahre vor dem Ofen verbringen. Ihre Tochter jedoch sollte das Leben auskosten!

»Nun komm schon!«, forderte sie und schlug die Leinwand des Planwagens beiseite.

Katrine saß auf der Bank und hielt ihr Wachstafelbüchlein umklammert. Aufmunternd und unmissverständlich hielt Asta ihrer Tochter die Hand hin. Katrine war achtzehn Jahre alt, wirkte aber mit ihren langen blonden Zöpfen, der zarten Figur und den Sommersprossen auf der Nase manchmal noch wie ein Kind. Endlich erhob sie sich. Sie schob Wachstafel und Griffel in ihre Buchtasche, rückte ihren Gürtel zurecht und zupfte an ihrem Schultertuch. Es war heiß, und doch hüllte Katrine sich ein, als müsse sie ihren Körper verbergen. Asta drängte ihre Missbilligung zurück. Sie hoffte, dass Katrine irgendwann die Furcht überwinden würde, die die schrecklichen Ereignisse vor beinahe vier Jahren bei ihr hinterlassen hatten. Zwei Männer hatten Katrine Gewalt angetan. Die Kerle, die ihre Tochter geschändet hatten, waren von ihrem Gefährten Sasse bestraft worden. Ihre Tat aber würde Katrine für immer verfolgen. Wenig später war auch noch Astas Hof überfallen worden. Überall hatte es gebrannt. Als Gutsherrin hatte sie versucht, möglichst viele Menschen und Tiere zu retten. Dabei war sie selbst beinahe gestorben. Aber eben nur beinahe …

Die junge Frau nahm die Hand ihrer Mutter und kam heraus. Asta gab Sasse, der gerade ihr Pferd an einen Baum band, ein Zeichen. Nichts hielt sie jetzt mehr. Er nickte ihr in seiner ruhigen und selbstsicheren Art zu. Sasse würde nicht nur ihr Leben mit seinem eigenen verteidigen, sondern auch das ihrer Tochter schützen.

»Wollen wir nicht auf Sasse warten?«, fragte Katrine zögernd.

Asta strahlte sie an. »Sieh dich um! Was soll uns hier schon geschehen?« Tatsächlich war kein Mensch zu sehen. Nicht in jedem Wäldchen trieben sich Unholde herum!

Sie lief zum Waldsaum und zog Katrine mit sich. Wie wunderbar die Zweige unter ihren Füßen knackten! Hier war es irgendwo, sie wusste es noch genau. Nicht zu weit entfernt von Wisby und doch weit genug. Hier war der Hof ihrer Eltern gewesen. Hier mussten die Bildsteine sein. Und die verborgene Höhle. Ein verstecktes Labyrinth. Manches Liebespaar hatte es als Treffpunkt genutzt … Auch sie. Asta lächelte bei dem Gedanken daran. Ob Sasse ahnte, was sie mit diesen Orten verband?

Doch schon strich ein Schatten über ihr Gemüt. In Zeiten der Not hatten sich die Altvorderen in den Höhlen verborgen. Ob auch ihre Mutter und ihr Vater vor dem Angriff in die Höhle geflohen waren? Asta hatte es nie herausfinden können. Während sie selbst sich in der nahe gelegenen Stadt Wisby aufgehalten hatte, war der Hof ihrer Eltern von dänischen Söldnern überfallen, geplündert und niedergebrannt worden. Bei dem Kampf waren viele Bewohner ums Leben gekommen – auch ihre Eltern. Der Hof war so gründlich zerstört worden, dass kaum noch etwas von dem Mauerwerk übrig geblieben war.

Bedrückt lief Asta jetzt die Wiese ab. Erst als sie das Fundament des hohen Ringkreuzes unter Grasbüscheln fand, konnte sie sich wieder orientieren. An diesem Hofheiligtum hatten sich allmorgendlich die Hofbewohner zur Andachtsstunde versammelt, unter ihm war gefeiert und getrauert worden. Vom Ringkreuz aus waren es fünfzehn, vielleicht zwanzig Schritte zur Kammer gewesen, die sie mit ihrer Schwester Clara geteilt hatte. Noch einmal ging sie auf gut Glück über die Wiese und entdeckte schließlich tatsächlich das rußgeschwärzte Fundament, doch es waren nur noch vereinzelte Mauerstücke zu sehen. Ihr Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken an das Grauen, das sich hier zugetragen hatte. Wenn diese Steinbrocken doch sprechen könnten! Wenn sie ihr berichten könnten, was damals geschehen war!

In der Nähe waren andere Höfe entstanden, deren Bewohner die fruchtbare Erde dieser Gegend nutzten. Asta hatte die Bauern zu dem damaligen Überfall befragt, doch keiner hatte sich an ihre Eltern erinnert. Sie hatte sich nie verziehen, dass sie selbst sich zum Zeitpunkt des Überfalles in Wisby versteckt hatte, überzeugt, dass die Stadtmauern sie schützen würden. Sie war eines Besseren belehrt worden.

Die feinen Bürger und Räte Wisbys hatten damals die Stadttore geschlossen, ohne die flüchtenden Bauern einzulassen. Eine Unmenschlichkeit, die sie noch immer aufwühlte. Den Bauern war nichts anderes übrig geblieben, als sich dem Kampf gegen das dänische Heer zu stellen. Nur mit Holzforken bewaffnet, ohne Harnische und Schilde, zogen sie gegen gut ausgerüstete Soldaten ins Feld. Die Dänen metzelten alle nieder, ob alt oder jung. Verzweifelt hatte Astas Ehemann mit einigen anderen Bürgern versucht, Wisbys Räte zu überzeugen, den Flüchtenden die Stadttore zu öffnen. Erst als das Schlachtfeld von den Leibern der Bauern bereits übersät war, hatten sich die Wisbyer entschlossen, ihnen zu Hilfe zu eilen. Ihr Mann war auch darunter gewesen. Doch es war zu spät. König Waldemar wollte Wisby bereits einnehmen, als die Stadträte sich ergaben. Sie schenkten dem Dänenkönig Wisbys gesamtes Gold, und dennoch fielen einige seiner Truppen in die Stadt ein. Sie plünderten, prügelten und nahmen Frauen mit Gewalt, auch sie …

Die Erinnerung daran war eine offene Wunde in ihrer Seele. Aber Asta hatte gelernt, damit zu leben. Nach der Eroberung hatte sie Gotland Hals über Kopf verlassen. Verwirrt und geschändet, dem Tode nahe. Plötzlich verwaist, ohne Eltern und ohne ihren Ehemann, der in der Schlacht um Wisby gefallen war. Nur ihre Schwester Clara hatte sie noch gehabt. Doch auch Clara hatte sie kurz darauf verloren, denn sie erlag den schweren Verletzungen, die sie sich bei ihrer Flucht aus Gotland zugezogen hatte. Jetzt ruhten Astas Hoffnungen auf Katrine und Claras Tochter Henrike, die bei Claras Tod gerade einmal ein Jahr alt gewesen war. Die beiden Mädchen und Henrikes Halbbruder Simon sollten glücklicher sein, als sie es gewesen waren! Wenn es göttliche Gerechtigkeit gab, musste es einfach so sein …

Asta schob einige Zweige beiseite. Dort war die Lichtung! Hoch ragten die Bildsteine vor ihr auf. Katrine, die sie die ganze Zeit hinter sich hergezogen hatte, beschleunigte den Schritt. Nicht schnell genug konnten sie den schlanken Felsbrocken erreichen. Dort angekommen, blieben sie beinahe andächtig stehen. Jemand hatte die Ritzungen im Stein nachgezeichnet. Die Kohlestriche waren teilweise verwaschen, doch die Schattenwürfe des hellen Sonnenlichts ließen die Kerben hervortreten. Ein vergoldetes Heiligenbild in einer Kirche könnte nicht schöner sein, fand Asta. Wie viele Hundert Jahre es wohl her war, dass ein Steinmetz die Bilder hineingearbeitet hatte! Wie genau er seine Motive vor Augen gehabt haben musste! Eine Geschichte von Leben, Kampf und Tod hatte er auf diesem hoch aufragenden Stein erzählt. Beinahe wie ihre eigene Geschichte …

Ihre Fingerkuppen strichen über die raue Oberfläche des Bildsteins und zogen die Umrisse der in den Stein gehauenen Männer und Frauen nach. Der Schiffe und des Adlers. Und da, das Pferd … Oft hatte sie bei der Erinnerung an ihren Ehemann, der so tragisch im Kampf gefallen war, an dieses Ross denken müssen. So gebannt war Asta, dass sie die Schritte hinter sich kaum hörte.

»Ein ungewöhnliches Pferd!«, sagte Sasse, der ihnen gefolgt war.

Sie ließ die Finger auf der Figur ruhen. »Das ist Sleipnir, das achtbeinige Ross Odins. Es bringt die toten Krieger im Sturmeswind in die Wohnung der Gefallenen nach Walhall«, erzählte sie. Auf Gott allein zu vertrauen, war ihr schon immer zu unsicher erschienen. Auch flößte ihr das Fegefeuer Schrecken ein. Odin hingegen sorgte für seine Krieger, er hatte es seit Jahrtausenden getan.

Katrine ging um den Stein herum. »Wer hat diese Steine wohl aufgestellt? Und wie? Sie müssen doch sehr schwer sein. Oder standen sie schon immer hier? Und wer ist Odin?«, fragte sie staunend.

Asta ließ sich neben einem violetten Thymianpolster ins Gras sinken. Schon bei der leichtesten Berührung sandten die Blüten ihren Duft aus. Sie löste ihr Kopftuch und strich über die gelben Rosen darauf, die Katrine für sie aufgestickt hatte. Und während Sasse ihren Proviant auspackte und Katrine auf ihrer Wachstafel die Motive des Bildsteins einritzte, begann sie von den nordischen Göttern zu erzählen.

Nach einer Weile unterbrach ihre Tochter sie. »Aber es heißt doch in den Geboten Gottes, dass wir keine Götter neben ihm haben sollen! Und dass wir uns kein Gottesbild machen sollen!« Katrine ließ die stumpfe Seite ihres Bronzegriffels, mit der man das Wachs glättete, über der Tafel schweben. Würde sie ihre Zeichnung wegwischen, um nicht weiter gegen die Gottesgebote zu verstoßen? Es war nicht der erste Bildstein, den sie sahen, aber bislang hatte sich Asta mit Erklärungen zurückgehalten. Sie wusste, wie tiefgläubig ihre Tochter war und wie genau sie sich an die Gebote hielt. Der Glaube hatte Katrine in schweren Stunden Halt gegeben. Er hatte sie getröstet, als ihre Mutter nicht für sie da gewesen war. Reue überfiel Asta, wie so oft. Sie hatte ihre Tochter gleich nach der Geburt weggegeben, weil sie ihren Anblick nicht ertragen hatte. Zu sehr hatte Katrine sie an die Gräueltaten von Wisby und an die Schändung durch den Söldner erinnert. Erst vor drei Jahren hatte Katrine erfahren, dass Asta ihre leibliche Mutter war. Seitdem hatte Asta sich bemüht, die verlorenen Jahre wiedergutzumachen. Sie wollte Katrine nicht verunsichern. Andererseits gab es in der Welt mehr, als in der Bibel stand und die Priester predigten.

»Diese Steine gab es auf Gotland schon lange, bevor die ersten Kirchen gebaut wurden. Wir wissen nicht, ob die Menschen damals hier beteten. Ich glaube aber, dass sie hier zusammenkamen, um sich Geschichten zu erzählen. Und ihre wichtigsten Geschichten drehten sich nun mal um den Göttervater Odin.« Unschlüssig drehte Katrine den Griffel zwischen den Fingern. »Du siehst ja, wie verlassen dieser Ort ist. Die Kirchen aber sind voll. Der heilige Olaf brachte den ›Guten‹, also den Menschen von Gotland, den rechten Glauben. Odin hingegen ist heute kaum mehr als eine Sage. Zeichne also weiter, damit machst du nichts falsch«, ermunterte sie ihre Tochter. Das würden die Priester sicherlich anders sehen. Aber die Gottesmänner mussten ja nichts davon wissen.

Noch einen Augenblick überlegte Katrine, dann setzte sie ihre Griffelspitze wieder auf die Tafel. Astas Worte hatten gewirkt. Außerdem schienen sie die Bilder mehr zu faszinieren, als das Verbot sie schreckte.

Noch lange saßen sie vor dem Stein zusammen, redend, schweigend und lachend. Erst als die Sonne ein weites Stück gewandert war, brachen sie in Richtung Wisby auf. Sie wollten nicht außerhalb der Stadtmauern übernachten.

Gegen Ende des friedlichen Nachmittags war Asta nachdenklich geworden. Sie könnten auf dem Rückweg an der Höhle haltmachen. Sollten sie wirklich …? »Ich möchte, dass wir noch zur Steilküste fahren, von hier aus ist das nicht weit. Da gibt es eine Höhle«, sagte sie.

Sasse blinzelte in die Sonne und wandte sich ihr vom Kutschbock aus zu. »Es wird Zeit, dass wir nach Wisby zurückkehren, Herrin.«

Die zärtliche Besorgnis in seinem Blick rührte sie an. Schon lange waren sie mehr als nur Herrin und Knecht. Aber niemand durfte von ihrer Liebe wissen. Der Standesunterschied war zu groß. Asta spürte einen Wunsch in sich aufkeimen. Konnten sie beide nicht einfach hierbleiben, auf Gotland, wo sie niemand kannte? Einen kleinen Hof kaufen? Was würde Katrine dazu sagen? Ahnte sie ihre Verbindung nicht ohnehin schon längst? Außerdem würde auch ihre Tochter irgendwann heiraten und eine eigene Familie gründen …

»Wir werden bald nach Hause zurückreisen. Ich glaube kaum, dass uns Zeit bleibt, noch einmal hierherzukommen«, beharrte sie.

»Sasse meint, dass es bald dunkel wird, Mutter!«, mischte Katrine sich aus dem hinteren Teil des Wagens ein.

Asta wandte sich zu ihr um. »Diese Höhle … sie war ein wichtiger Ort für alle Menschen, die hier lebten. Auch für unsere Familie.«

»Aber Mutter …«

»Ich beeile mich auch!«

Nach einem kurzen Blickwechsel ließ Sasse die Zügel schnalzen, und das Pferd trabte schneller. Als sie angekommen waren, kletterte Asta vom Kutschbock und sah die Steilküste hinunter, die an dieser Stelle recht hoch war. Unter ihr fraß das Meer am grauweißen, zu Buckeln und Beulen aufgeworfenen Gestein. Manche Felsen schienen Gesichter zu haben und aufs Meer hinauszublicken. Sie sahen aus, als ob sie, wie Asta und Clara als Kinder, den Horizont absuchten. Da dieser Küstenabschnitt dem Hof ihrer Eltern am nächsten lag, hatten sie bei einer Senke mit ihren Booten an- und abgelegt. Ganze Tage hatten sie mit dem Gesinde hier verbracht. Wenn sie und die anderen Kinder nicht beim Fischen helfen mussten, hatten sie die Felsen erklommen – und die Höhle entdeckt. Später hatten auch die Erwachsenen die Höhle zu nutzen gewusst. Asta hatte das oft zum Grübeln gebracht. Ihr damaliger Knecht hatte nach dem Angriff auf ihren Hof gesagt, dass die dänischen Krieger zornig gewesen waren, weil es auf dem Landgut kaum etwas zu plündern gegeben hatte. Hatten ihre Eltern ihr Silber vielleicht vorher in die Höhle gebracht? Aber warum waren sie dann zum Hof zurückgekehrt und nicht zu Clara und ihr nach Wisby geflohen?

Asta setzte den ersten Fuß auf die scharfen Felskanten. Sie kraxelte hinunter, noch immer in Gedanken bei den letzten Stunden ihrer Eltern. Letztlich wusste sie genau, warum Vater und Mutter zurückgekehrt waren: Weil sie die Menschen schützen wollten, die ihnen anvertraut waren. So wie sie es an ihrer Stelle ebenfalls getan hätte.

Asta rutschte ab, die Erinnerung war einfach zu viel für sie. Ein Felsgrat ratschte ihr Knie auf. Schmerzerfüllt sog sie die Luft ein. Sie war so aufgewühlt! Vielleicht sollte sie auf Sasse warten. Andererseits war es ihr Weg, und sie musste ihn alleine gehen. Sie würde bald sein Ende erreichen. Dass sie jetzt die Höhle aufsuchte, war der letzte Schritt ihrer Reise in die Vergangenheit. Sie wollte wissen, was damals geschehen war. Verstehen. Ihren Geist reinigen, wie es Priester bei einer Teufelsaustreibung taten. Und dann nach vorne schauen, nur noch nach vorne. Was wohl Sasse zu ihrem Gedanken sagen würde, hier einen Hof zu übernehmen?

Sie griff in eine Spalte und tastete sich Fuß um Fuß hinunter. Neben sich hörte sie Steine kollern. Waren das Sasse und Katrine? Vorsichtig wandte sie den Kopf. Nichts zu sehen. Ein Stück noch. Da war schon der Felsvorsprung auf halber Höhe der Steilküste, hinter dem sich der Eingang der Höhle befand. Ihre Arme und Beine zitterten, als sie sich das letzte Stück hinunterließ. Endlich geschafft. Hinter Felssäulen befand sich der Eingang. Er war so gut versteckt, dass man ihn nur fand, wenn man wusste, dass er da war. Sie sah auf das Meer hinaus. Sanft glitzerte es im Sonnenlicht. Goldener Schimmer hatte sich auf die Felsen gelegt. Ein herrlicher Anblick! Da ließ ein Knirschen sie herumfahren. Hatten ihre Gefährten sie eingeholt?

Doch was sie sah, ließ sie erstarren. Entsetzt musste Asta feststellen, dass nicht alle Geister der Vergangenheit gebannt waren.

3

Lübeck, Sommer 1379

Henrike horchte auf. Leise perlte die Flötenmelodie der Spielleute durch das offene Fenster. Lachen und Reden hallten durch die Mengstraße. Der Gesang des Wächters trieb die letzten Nachtschwärmer heim. War da ein weiteres Geräusch gewesen? Im Haus? Ein hölzernes Kratzen? Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie lauschte. Henrike war gerade erst zwanzig Jahre alt, hatte in der Vergangenheit aber schon lernen müssen, auf das Schlimmste gefasst zu sein. Jetzt war alles still. Verdächtig still.

Sie legte die Feder ab, mit der sie gerade einen Brief geschrieben hatte, und tastete nach ihrem Dolch. Da war er, griffbereit, in einem Fach ihres Tisches. Fahrig wedelte sie die Mücke weg, die sie, angelockt vom Schein ihrer Kerze und dem Duft ihres Blutes, umsirrte. Sie hatte es tagsüber nicht ausgehalten, in der stickigen Schreibkammer zu sitzen. Doch selbst jetzt, zu dieser nachtschlafenden Zeit, war es in der Dornse noch heiß. Wie sollte erst der nächste Tag werden?

Normalerweise genoss Henrike es, in den vielen Stunden, in denen ihr Ehemann unterwegs war, Briefe zu schreiben und die Geschäftsbücher auf Vordermann zu bringen. Ihr gefiel die Ordnung, die in den Aufzeichnungen steckte. Wie sich eines zum anderen fügte. Wie manches festgehalten wurde und anderes durchgestrichen und vergessen werden konnte. Klar und übersichtlich. Ohne Wenn und Aber. Nicht wie in ihrem Inneren, wo manche Erinnerungen unvermittelt auftauchten und sie des Nachts hochschrecken ließen. Unaustilgbar eingeprägt in ihre Seele.

Da – ein Tapsen! Hatten ihre Gehilfen und Knechte nichts gehört? Doch der Flügelanbau mit ihren Schlafkammern war wohl zu fern. Kam Adrian etwa früher von seiner Reise zurück? Die Stadttore waren doch geschlossen! Außerdem hätte sie den Klang seiner Schritte sofort erkannt, sie hatte schon oft genug sehnsüchtig auf ihn gewartet. Aber warum schlug Laurin nicht an? Ihr Wolfshund müsste doch die Tür bewachen. Das war kein gutes Zeichen. Sie musste an ihren ersten Hund Griseus denken, den ihr Vetter Nikolas kaltblütig getötet hatte.

Henrike umklammerte den Dolch und schlich zur Tür. Wie dunkel es in der hohen Diele war! Wer sich alles in den Schatten verbergen konnte! Nur nicht darüber nachdenken. Flugs die Treppe hinunter. Nichts zu sehen. Das Klappern einer Tür zum Hinterhof. Nutzten Diebe vielleicht den Trubel, der wegen der bevorstehenden Eröffnung des Hansetages in der Stadt herrschte, um sie zu bestehlen? So viele Fremde waren in Lübeck. Jede Gesandtschaft hatte Diener bei sich, manche mehr, manche weniger. In allen Herbergen und Gaststätten waren zusätzliche Helfer angeheuert worden.

Cord hatte das Geräusch offenbar nicht gehört. Der Gehilfe ihres Mannes schlief zwar direkt am Haupthaus, aber er hatte einen gesegneten Schlaf. Wie er überhaupt alles gemächlich angehen ließ. Je älter er wurde, desto langsamer wurde er. Sie konnte ihn gut leiden, aber manchmal trieb sie seine Behäbigkeit zur Weißglut.

Auf Zehenspitzen lief sie weiter, und plötzlich schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Henrike reckte den Dolch vor. Ihre Hand bebte. Trotz der Hitze war ihr auf einmal eiskalt. Ein Schrei.

»God helppe und beware my!« Die kleine Gestalt taumelte zurück.

»Grete, was machst du denn hier?!«

Henrike ließ den Dolch fallen und konnte die alte Frau gerade noch auffangen. Sie legte den Arm um sie und führte sie zu einem Schemel, der neben den Warenfässern in der Diele stand. Ihre Köchin Margarete, Grete genannt, bekreuzigte sich und stammelte ein Gebet, als sie sich niedersinken ließ. Das Haar klebte feucht an ihrem Gesicht; es wirkte klein und schrumpelig wie eine Walnuss. Henrike hockte sich neben sie und umfasste beruhigend ihre Hand. Mitleid und ein schlechtes Gewissen erfüllten sie. Die Greisin hätte der Schlag treffen können! Und sie wäre schuld daran gewesen! Dabei war Grete nach dem Tod ihrer Mutter ihre Amme gewesen und hatte sie aufgezogen. Inzwischen war sie sehr alt. Oft schon hatte Henrike ihr gesagt, dass sie für sie sorgen würde, wenn sie nicht mehr arbeiten könne. Dass Grete ihren Lebensabend in einem Beginenhaus verbringen könnte, wie sie es sich einmal gewünscht hatte. Aber Grete überhörte ihre Worte geflissentlich. Wenn Henrike ehrlich war, freute sie sich darüber. Grete war ein Teil ihrer Familie, sie mochte sie nicht missen.

»Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich habe dich für einen Dieb gehalten!« Plötzlich brach Henrikes Anspannung sich Bahn, und sie musste lachen.

Grete kniff entrüstet die Augen zusammen, aber dann zupfte doch ein Lächeln an ihren Mundwinkeln. »Mik? Ene olde vrouwen persone?«

»Ich hab dich ja nicht einmal gesehen«, entschuldigte sich Henrike.

»Aber erst mal zustechen?«, fragte Grete ernst.

Das Lächeln verkümmerte auf Henrikes Gesicht. »Ich habe nicht … Ich wollte nicht … Aber seit …«, versuchte sie sich zu entschuldigen.

Grete drückte verständnisvoll Henrikes Hand. »Ick wet wol.«

Jetzt kam auch Laurin angelaufen. Schwanzwedelnd umkreiste er sie. Kein Wunder, dass er nicht angeschlagen hatte, kannte er Grete doch gut. Henrike kraulte ihren zottigen, weißgrauen Gefährten zur Begrüßung hinter dem Ohr.

Ein wenig schämte sie sich ihrer Überreaktion, aber sie konnte ihre Ängste manchmal nicht im Zaum halten. Sie wusste nicht, ob auch Grete die Erinnerungen an die Ereignisse vor knapp vier Jahren noch plagten, sie sprachen nie darüber. Damals, nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters, hatte ihr Onkel Hartwig die Vormundschaft für Henrike und ihren Bruder Simon übernommen. Stück für Stück hatte er ihr Erbe verschleudert. Als Henrike sich dagegen wehrte, hatte er sie hart bestraft – und alle, die ihr lieb waren, Grete eingeschlossen. Wenn Adrian ihnen nicht zu Hilfe gekommen wäre, hätten sie nicht überlebt. Sie drängte die Erinnerung zurück. Warum war Grete eigentlich im Haus unterwegs? Einen Nachttopf müsste sie doch haben. Ging es ihr nicht gut? Besorgt fragte sie die alte Frau nach ihrem Befinden.

Grete lächelte müde. »Die Hitze, Kind. Nicht auszuhalten. Hab wohl schlechtes Wasser getrunken. Wollte in den Hof …« Sie brach ab.

Henrike sprang auf. Laurin tänzelte um sie herum. Glaubte er etwa, sie ginge jetzt mit ihm hinaus?

»Brauchst du etwas? Ein Stück Brot vielleicht? Einen Schluck Bier?«

Schnell lief sie in die Küche und brachte beides mit. Grete nagte an dem Brot, trank einen Schluck. Dann erhob sie sich, schwankte. Henrike hakte sie unter, um sie in den Flügelanbau des Hauses zu bringen.

Im gleichen Moment hörte sie, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Laurin sprang zum Eingang und japste aufgeregt. So freudig würde er wohl keinen Einbrecher empfangen. Die Tür ging auf – es war Adrian! Auch im dritten Jahr ihrer Ehe schlug Henrikes Herz noch schneller, wenn sie ihren Ehemann sah. Seine kräftige und hohe Gestalt. Die feinen Gesichtszüge, die durch seine schulterlangen schwarzen Haare noch hervorgehoben wurden. Das Grübchen im Kinn. Und seine Lippen, die nicht zu voll und nicht zu schmal waren. Zum Küssen genau richtig …

Henrike wollte ihm entgegeneilen, aber war Grete schon wieder sicher auf den Beinen? Adrian bemerkte sie sogleich. Er ließ seinen Seesack neben der Tür fallen und stürzte zu ihnen.

»Was ist denn hier los? Ich dachte, alle schlafen schon. Ist etwas mit dir, Liebste? Oder mit Grete? Braucht ihr Hilfe?«, fragte er, als wäre er nur kurz weg gewesen.

Die alte Frau winkte ab und versuchte sich loszumachen. Sie wollte sich vor ihrem Herrn keine Schwäche anmerken lassen, doch Henrike hielt sie fest.

»Die Hitze lässt uns nicht schlafen. Ich begleite Grete schnell, dann komme ich nach. Wie schön, dass du da bist!«, rief Henrike strahlend.

Adrian schien zu verstehen, dass er nicht weiter fragen sollte. Auf dem Weg in die Schreibkammer warf er den mit hellblauem Taft gefütterten Tappert ab und öffnete das Hemd. Zu dieser Jahreszeit konnte die angemessene Kaufmannstracht eine Qual sein.

Noch einmal drehte er sich zu ihnen um. Sein Lächeln war verheißungsvoll. »Lasst euch nur Zeit. Ich warte …«

Als Henrike in die Dornse kam, saß Adrian am Schreibtisch und war in die Unterlagen vertieft. Rührung übermannte Henrike. Wie müde er aussah! Unermüdlich arbeitete er zum Wohl seiner Familie. Allein der viele Schreibkram! Mit über hundert Geschäftspartnern von Brügge bis Nowgorod, von Bergen bis Florenz korrespondierten sie. In diesen Briefen wurden Geschäfte ausgehandelt, aktuelle Preise mitgeteilt, aber auch Neuigkeiten ausgetauscht. Sie staunte oft darüber, wie detailliert und folgenreich diese Nachrichten waren. Seeräuber schlugen besonders heftig an der Küste Frankreichs zu? Dann wurde wenig französisches Baiensalz in den Norden geliefert, und die Nachfrage nach Lüneburger Salz würde zunehmen. Auch in Schonen würde man zum Haltbarmachen der Fische auf das bessere und teurere Salz ausweichen müssen. Der Preis für Hering würde steigen. Wenn aber die Hauptspeise der unzähligen Fastentage teurer wurde, blieb den Menschen weniger Geld für andere Waren. Darauf musste ein Kaufmann sich einstellen und beispielsweise günstigere Stoffsorten bestellen.

In den letzten Jahren war es in Europa zu einigen Veränderungen gekommen, die die Lage allgemein unsicher machten. In Rom konkurrierten seit dem Tode Gregor xi. im Frühjahr 1378 zwei Päpste um die Herrschaft über die Kirche. Manche lübischen Gottesmänner sprachen sich für den gewählten Italiener, andere für den französischen Gegenpapst aus – und viele Bürger wussten nicht mehr, wem sie überhaupt noch glauben sollten. Der römisch-deutsche Kaiser Karl IV. war im letzten Jahr verstorben. Er hatte zwar bereits zu Lebzeiten seinen Sohn zum Rex Romanorum, zum römisch-deutschen König, ernannt, doch der gerade einmal achtzehnjährige König Wenzel schien sich nicht für die Reichsangelegenheiten zu interessieren. Die abseits des kaiserlichen Dunstkreises gelegene Stadt Lübeck wurde zwar gemeinhin in Ruhe gelassen, hing jedoch von manchen Entscheidungen des Kaisers ab.

Und das war noch nicht alles. Zwischen Frankreich und England tobte nach wie vor ein Krieg und erschwerte den Handel. Keine Einigung war in Sicht, was auch nicht erstaunlich war, wenn man bedachte, dass zwei Jahre zuvor ein Zehnjähriger, König Richard II., den englischen Thron bestiegen hatte. Zudem war in diesem Frühjahr Herzog Albrecht II., der Herrscher des an Lübeck angrenzenden Herzogtums Mecklenburg, gestorben. Noch wusste niemand, ob sein Nachfolger den Kampf um den dänischen Thron – und damit den Kaperkrieg, der die Ostsee unsicher machte – fortsetzen würde, weshalb Henrike Nachrichten aus dem Mecklenburgischen besonders aufmerksam las.

Auch wenn Adrian inzwischen viele Handelsreisen ihrem Bruder Simon oder seinen Gehilfen überließ, gab es doch Geschäfte, die er am liebsten persönlich erledigte. Wie jetzt, wo er in Schweden gewesen war. Wie erleichtert sie war, ihn gesund wiederzusehen! Dabei war auch ihr Vater Kaufmann gewesen. Sie sollte sich damit abgefunden haben, dass die Kaufleute jedes Jahr von Februar bis November die meiste Zeit unterwegs waren. Aber bei ihrem eigenen Mann fiel es ihr schwer, ihn ziehen zu lassen. Zu gefährlich waren die Kauffahrten. Seeräuber, Strauchdiebe, Stürme – der Tod lauerte überall.

Adrian bemerkte sie jetzt. Ohne seine Korrespondenz eines weiteren Blickes zu würdigen, kam er auf sie zu. Stürmisch fielen sie sich in die Arme und küssten sich. Es machte Henrike glücklich, dass auch er ihrem Wiedersehen entgegengefiebert hatte. Doch Adrian beendete den Kuss schneller, als ihr lieb war. Er löste sich sanft von ihr und fragte, ob es Grete besser ginge.

»Ich denke, dass sie morgen wieder wohlauf sein wird. Ihr Alter macht sich bemerkbar. An Tagen wie diesen ist ihr die Arbeit einfach zu viel«, sagte Henrike, doch dann brach sich ihre Neugier Bahn, und sie sprudelte los: »Aber lieber zu dir! Ich freue mich so, dass du wieder da bist! Ich hatte erst in ein paar Tagen mit dir gerechnet! So sind die Geschäfte gut gelaufen? Ihr hattet eine gute Fahrt? Wie hast du es geschafft, an den Stadtwachen vorbeizukommen – die Tore sind doch geschlossen! Wenn du da bist, können wir ja morgen Abend das Johannisfest zusammen feiern – wie herrlich!«

Adrian lachte, und die bernsteinfarbenen Sprenkel in seinen blauen Augen schienen zu strahlen. »Genau damit habe ich die Wache am Stadttor erweicht: dass ich es nicht erwarten kann, zu meiner neugierigen Frau zu kommen!«

»Und dann haben sie für dich die Tore geöffnet?«, fragte sie errötend, fügte aber hinzu: »Etwas Geld hat es doch sicher auch gebraucht.«

Adrian strich die honigblonden Locken von ihrer Schulter. Langsam wanderten seine Lippen über ihre Halsbeuge. Henrike erschauerte wohlig und sah glücklich in die Nacht hinaus. Die Musik und das Stimmengewirr waren verstummt, die Lichter erloschen. Nur die Sterne funkelten noch über den Backsteingiebeln Lübecks. Sie spürte ihren Mann neben sich und nahm seinen Duft und seine Wärme in sich auf.

»Was bedeutet schon Geld, wenn ich früher bei meiner Liebsten sein kann?«

Bei diesen Worten hätte sie platzen mögen vor Glück. Sie zog ihn in Richtung Kammer, doch er zögerte. Sein Blick flackerte zum Tisch. Die Schatten unter seinen Augen waren im Kerzenlicht deutlich zu sehen. Er war lange unterwegs gewesen, und doch mochte er sich keine Ruhe gönnen.

»Die Briefe …«

Henrike umfasste ihn zärtlich und hauchte in sein Ohr: »Die können warten! Ich nicht! Ich habe dich schon zu lange entbehrt …«

Das Bett war neben ihr leer, als Henrike vor dem Morgengrauen aufwachte. Etwas enttäuscht stand sie auf. Wie gerne wäre sie mal wieder neben ihrem Mann aufgewacht! Aber Adrian hatte eben viel zu tun. Henrike schob die Vorhänge beiseite, die wie der Baldachin des Bettes aus bemaltem Leinen waren, und schlüpfte hinaus. Kaum stand sie nackt vor der Waschschüssel, da hörte sie das Tapsen bloßer Füße auf dem Holzboden. Warme Hände legten sich auf ihre Schultern, tanzten ihre Seiten hinab, brachten ihre Haut zum Prickeln. Henrike wandte sich zu Adrian um und wölbte sich ihm entgegen. Seine Bartstoppeln piksten sanft, als ihr Kuss leidenschaftlicher wurde und sie ihn mit sich auf das Bett zog. Ihre Hände strichen über seinen kräftigen Körper, der so gar nicht wie der eines Kaufmanns wirkte. Vor allem die Narbe auf seiner Brust, die von einem Kampf mit Piraten herrührte …

»Ich musste schnell meinen Hudevat holen«, murmelte Adrian etwas atemlos und griff nach seinem Reisesack aus Seehundfell, der auf dem Boden lag. Deshalb hatte er sie also allein gelassen! Henrike war neugierig, was er wohl daraus hervorholen würde.

»Schließ die Augen«, bat er sie und bedeckte mit der feinen Leinendecke ihre Blöße.

Es klackerte leise, und Henrike hielt es kaum aus, die Lider geschlossen zu halten. Sie liebte Überraschungen! Oft brachte Adrian ihr etwas von seinen Reisen mit, zuletzt war es eine herrliche Kette aus weißem Bernstein gewesen. Die Berührung seiner Lippen erlöste sie, und sie schlug die Augen auf. Adrian kniete vor ihr auf dem Bett, eine kleine, fein polierte Holzschachtel in den Händen.

»In diesem Sommer habe ich das Glück, drei Jahre mit dir verheiratet zu sein. Du weißt, mein Herz gehört dir. Du bist eine wunderbare Frau, und du führst unser Haus besser, als ich es könnte«, sagte er ungewohnt förmlich.

Henrike beugte sich vor. Am liebsten würde sie ihn wieder an sich ziehen – aber sie war auch so gespannt! Was hatte er nur für sie?

»Es gibt nur eines, das dir fehlt.« Er lächelte geheimnisvoll. Was meinte er nur? Adrian reichte ihr endlich die Schachtel. »Wir hatten einen einfallsreichen Schiffszimmerer an Bord. Ich ließ ihn etwas für dich anfertigen.«

Vorsichtig öffnete Henrike die Schachtel. Sie war verwirrt. Kein Schmuck war darin, sondern mehrere kleine Holzstückchen. Henrike nahm eines heraus und betrachtete die Einritzungen darauf. Es war ein Kaufmannszeichen, wie sie Waren beigelegt wurden, um den Eigentümer zu kennzeichnen. Auf dem Holzstück war Adrians Merke zu sehen: Ein Kreuz mit Pfeil – der Glaube und das Ziel, Bewegung und Halt. Aber das Zeichen war erweitert worden: Über dem Motiv prangten zwei Bögen wie die Schwingen eines Vogels.

»Dir fehlt deine eigene Kaufmannsmerke … Oder sollte ich sagen Kauffrauenmerke? Wie auch immer: Ich finde sie sehr gelungen. Die Schwingen bringen deine Leichtigkeit in mein Zeichen ein.« Sein Lächeln war etwas unsicher und dadurch besonders hinreißend. »Was meinst du?«

Was sie meinte?! Sie fand es großartig! Noch nie hatte sie gehört, dass eine Frau ihre eigene Handelsmerke besaß. Sie müsste ihre Freundin Tale mal danach fragen. Dass ihm das eingefallen war! Henrike flog Adrian in die Arme. Nun brauchte sie nichts mehr zu sagen …

Als sie wieder aufwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Sie musste nach ihrem Liebesspiel noch einmal eingeschlafen sein. Hatte sie etwa die Morgenmesse verpasst? Was würde das Gesinde von ihr denken! Beim Anziehen warf sie noch einmal einen Blick auf die Holzschachtel mit dem Geschenk. Sie freute sich schon darauf, die nächste Warensendung zusammenzustellen und die Merken beizulegen. Was für eine wunderbare Idee!

Adrian war erneut in der Scrivekamer. Mit seiner Feder übertrug er Ein- und Verkäufe aus dem kleinen Reisebuch in den dicken Folioband. Er wirkte ausgeruht und glücklich.

»Ich staune darüber, was du alles erreicht hast, während ich fort war. Ein beachtliches Geschäft mit dem Kaufmann aus Riga! Alle Achtung! Manchmal fürchte ich, du brauchst mich gar nicht«, sagte er lächelnd.

»Wie kannst du das sagen! Wer sollte mir sonst Handelsmerken verehren? Oder mit mir ausreiten? Ganz zu schweigen vom Schachspiel! Niemand außer dir könnte so elegant meine Fehlzüge übersehen.« Sie legte die Arme um seinen Hals.

»Deine sogenannten Fehlzüge fordern mich heraus. Ich bin sicher, in Wirklichkeit handelt es sich um durchdachte Fallen, um mich mattzusetzen.« Er klappte den Pergamenteinband des Geschäftsbuches zu und verschloss es mit der Lederlasche. »Komm, wir gehen hinunter. Ich habe mit dem Mahl auf dich gewartet. Dann kannst du mir berichten, was hier vorgefallen ist. Die Morgenmesse haben wir ohnehin verpasst …«

Das Sonnenlicht gleißte durch die Fenster in die hohe Diele. Henrike sah nach Grete, der es besser zu gehen schien, denn sie werkelte eifrig in der Küche, und bat die Magd, das Essen in den Hinterhof zu bringen.

Als Adrian das Haus in der Mengstraße gekauft hatte, war es baufällig gewesen. Er hatte Mauern erneuern, wurmstichige Balken austauschen und die Wände frisch verputzen lassen. Da die Steuer anhand der Hausfront berechnet wurde, war diese, wie bei den meisten der Lübecker Giebelhäuser, schmal und hoch wie ein Laken. Dahinter aber zogen sich die Grundstücke weit hin. Ein Großteil ihres mehrstöckigen Gebäudes wurde für Lagerräume und Speicherböden benötigt, deshalb gab es zum Wohnen einen Flügelanbau im Hinterhof, an den sich die Ställe und der Garten anschlossen. Henrike hatte das Haus liebevoll und praktisch eingerichtet, aber auch darauf geachtet, dass es etwas hermachte, schließlich bekamen sie oft Besuch. Zuletzt hatte sie angefangen, sich um den Garten zu kümmern. Während viele Familien ihr Wasser aus einem der städtischen Brunnen heranschleppen mussten oder über hölzerne Wasserleitungen versorgt wurden, hatten sie das Glück, einen eigenen Brunnen zu besitzen, was es ihr leichter machen würde, verschiedenste Gewächse anzupflanzen. Einen Kräutergarten und einige Obstbäume gab es schon. Vor den Mauern schossen die robusten und wunderschönen Stockrosen in die Höhe. Weitere Beete sollten angelegt werden, aber noch hatte sie nicht die Zeit dafür gefunden, sie zu planen.

In einiger Entfernung von den Ställen standen unter der weiten Krone eines alten Apfelbaumes Tisch und Bänke, wo Henrike und Adrian sich in den Schatten setzten. Während ihre Magd Windele, ein junges Mädchen, das Henrike von der Straße aufgelesen und wegen ihrer scheuen Freundlichkeit bei sich aufgenommen hatte, das Essen auftrug, begann Henrike mit der Nachricht, die sie besonders erfreute: »Denk dir nur, Oda wird heiraten!«

Ihre Freundin Oda war etwas älter als sie, aber noch immer ledig. Odas Vater, ein Kaufmann, machte sich und seiner Familie durch langes Taktieren nicht nur im Geschäftlichen das Leben schwer.

»So hat Hinrich endlich einen jungen Mann gefunden, der seinen Vorstellungen entspricht?«

»Ja, und Oda gefällt er auch gut. Ich helfe ihr beim Zusammenstellen der Aussteuer!«

Es machte ihr besonderen Spaß, anderen eine Freude zu bereiten. Im reichen Lübeck waren oft nur die schönsten Stoffe und Schleier für Eheschließungen gut genug. Laken, geschnitzte Brauttruhen und alles andere, was ein neuer Haushalt brauchte, gaben Henrike und Adrian ebenfalls in Auftrag. Henrike hatte bereits ein paar Mal Brautausstattungen zusammengestellt, und die vielbeschäftigten Lübecker Bürger waren dankbar dafür gewesen, dass jemand ihnen die Arbeit abgenommen hatte.

»Was gibt es sonst noch?« Odas Heiratspläne schienen Adrian im Moment nicht so brennend zu interessieren.

Henrike kam auf einen Brief, den er bestimmt noch nicht gelesen hatte. »Der Tuchhändler aus Braunschweig hat angefragt, ob wir ihm lübisches Grauwerk liefern können«, berichtete sie. Lübeck war für diesen robusten Stoff bekannt. Sie und Adrian ließen auf ihrem Hof bei Travemünde das Grauwerk herstellen. Die Gutsherrin, Henrikes Tante Asta, achtete auf hohe Qualität. Einer ihrer besten Kunden war der Braunschweiger gewesen, der sie nun wieder um Nachschub gebeten hatte. Doch vor einigen Jahren hatte es in der Stadt einen Aufstand gegeben. Die einfachen Leute hatten gegen die Politik der Patrizier und die hohe Verschuldung protestiert, die zu immer neuen Steuern führte. Sie hatten den Rat besetzt und acht Ratsleute getötet. Daraufhin war Braunschweig – bis dahin eine der bedeutendsten Städte der Hanse – aus dem Handelsbund ausgeschlossen worden, und damit durften sie dem Tuchhändler keine Stoffe mehr verkaufen.

»Ich werde mich mal umhören. Die Verhansung Braunschweigs wird eines der Themen auf dem Hansetag sein. Du weißt ja, dass ich der Meinung bin, dass es damit ein Ende haben muss. Die Braunschweiger Kaufleute haben lange genug gebüßt!«, sagte Adrian überzeugt.

»Genützt hat der Aufstand nichts, im Gegenteil. Unser Geschäftsfreund schreibt, dass noch mehr Bewohner in Not geraten sind, seit die Hansekaufleute weder Waren liefern noch den Braunschweigern abkaufen dürfen«, fügte Henrike hinzu.

Ihr Hund trottete heran. Laurin blickte Henrike sehnsüchtig an, aber als sie keinen Leckerbissen vom Tisch fallen ließ, rollte er sich zu Adrians Füßen ein und ließ seine Schnauze auf dessen Füße sinken.

Henrike fuhr fort: »Die meisten Gesandten des Hansetages sind bereits angekommen. Über zwanzig Städte haben Männer nach Lübeck entsandt. Es scheint eine wichtige Tagfahrt zu sein.«

»Ja, Cord hat mir von der Versammlung erzählt. Ich habe ihn zum Hafen geschickt, um das Abladen der Waren zu beaufsichtigen«, sagte Adrian und aß gedankenverloren weiter. Vermutlich ging er schon die Pläne für den Tag durch.

Sie strich über seinen Unterarm. »Du hast noch gar nichts von deiner Reise erzählt.«

Ihr Mann schob den Teller von sich. »In Schweden ist alles sehr gut gelaufen. Ich habe endlich den Verwalter des Kupferbergwerks in Falun treffen können. Ich soll ihm einige Stoffe zur Probe schicken. Wenn er zufrieden ist, könnten wir ins Geschäft kommen«, berichtete er. Die Arbeiter des Bergwerks im schwedischen Dalarna erhielten ihren Lohn nicht nur in Münzen, sondern zum Teil in Form von Stoffen. Adrian hoffte, diese Stoffe liefern zu können und im Gegenzug die gefragten Handelsgüter Osmund und Kupfer günstiger zu bekommen. »Einige Last Stangeneisen und Kupfer habe ich schon mitgebracht. Gute Qualität, du wirst sehen. Auch mit dem Gehilfen des schwedischen Reichsrates habe ich sprechen können. Es sieht aus, als ob es einen Waffenstillstand zwischen Schweden und Dänemark geben könnte«, verriet er.

»Dann wird die See endlich wieder sicher!«, rief Henrike erleichtert.

»Hoffen wir es«, murmelte Adrian.

Nach dem Tod König Waldemars von Dänemark hatte es einen erbitterten Streit um den dänischen Thron gegeben. Der noch unmündige Prinz Olaf war von seinen Eltern, dem norwegischen König Håkon und der Waldemarstochter Margarethe, als Thronfolger durchgesetzt worden. Doch auch der Sohn der älteren Königstochter Ingeborg, die nach Mecklenburg verheiratet war, war erbberechtigt gewesen. Um den neuen dänischen König zu schwächen, war das mecklenburgische Herzogshaus auf einen Kaperkrieg verfallen. Die Hansen hatten versucht, sich aus den Streitigkeiten herauszuhalten, waren aber dennoch die Leidtragenden, weil ihre Schiffe ständig ausgeraubt wurden.

»Hast du Nachricht von Simon?«, fragte Adrian jetzt. »Wenn es ihm tatsächlich gelingt, in Bergen isländische Falken zu kaufen, wird sich unsere Position noch verbessern. Der Hochmeister des Ordens erkundigt sich überall nach Jagdfalken.«

Für den Deutschen Orden waren Falken nicht nur ein Handelsgut, sondern auch ein wichtiges Geschenk für Adelshäuser. Gerade die weißen Gerfalken von Island waren begehrt. Adrian hatte in den vergangenen Jahren einen isländischen Händler gefunden, der ihm gegen beste flämische Stoffe einige Tiere verkaufte. Leider war der Isländer unzuverlässig. Wenn der Handel aber gelang, lohnte es sich: Im Gegenzug für Falken und Salz erleichterten ihm die Ritter den Kauf von Waren aus dem Ordensland wie Bernstein.

»Hermanus’ Schiff ist vor ein paar Tagen aus Norwegen gekommen. Simon war gerade mit der Cruceborch in Bergen eingelaufen, als er dort ablegte«, sagte Henrike. Hermanus von Osenbrügghe war ein geachtetes Mitglied des Lübecker Rates, ein gefragter Unterhändler und ihr Freund. Es hatte sie beruhigt, zu hören, dass ihr Bruder gut in Bergen angekommen war. Obgleich Simon schon sechzehn und mit einem Gehilfen unterwegs war, sorgte sie sich noch immer um ihn.

Adrian erhob sich. »Ich will zum Hafen. Wenn die Waren in unser Lager verbracht sind, werde ich Hermanus aufsuchen. Ich habe ihm einiges zu berichten.«

Henrike dachte daran, dass heute Johannistag war. Schon seit Tagen war sie mit den Vorbereitungen für das große Fest beschäftigt. Bisher hatten sie ihre Freunde und ihr Gesinde immer zum Feiern in ihren Garten eingeladen. Doch dieses Mal schwebte Henrike etwas anderes vor: Vor einiger Zeit hatten sie ein Stück Land vor den Toren der Stadt gepachtet, auf dem sie Hopfen zum Bierbrauen anbauten und das sich herrlich zum Feiern eignen würde.

»Ist es dir recht, wenn wir heute Nacht zum Johannisfeuer in unseren Hopfengarten laden? Das wäre so schön! Ich hoffe, du kannst überhaupt dabei sein – oder bist du heute Abend bei den Ratsleuten?«, fragte sie.

»Ein wunderbarer Vorschlag – im Hopfengarten haben wir viel mehr Platz zum Tanzen! Ich freue mich schon darauf!«, meinte Adrian. »Die Räte werden unter sich sein wollen. Und ich bin froh, unsere Freunde mal wieder zu sehen.«

*

Adrian stellte befriedigt fest, dass Cord schon mit dem Zollschreiber einig geworden war, denn die ersten Säcke lagen bereits in der Diele. Dort begrüßte ihn sein Lehrjunge Claas ehrerbietig und ruckte dann an dem Seil des Lastenrades.

Claas war vor drei Jahren auf dem gleichen Schiff wie Henrikes Bruder nach Bergen gereist, wo die beiden Jungen sich angefreundet hatten. Doch dann hatte Claas die Schikanen seines Herrn und die Prügelstrafen im Hansekontor nicht mehr ausgehalten und war geflohen. Ein halbes Jahr später hatte er Simon besucht, und Adrian hatte beschlossen, ihn als Lehrjungen anzunehmen. Claas war wieselflink und wissbegierig und war in der freundlichen und geschäftigen Atmosphäre ihres Hauses aufgeblüht.

Unter dem Dach setzte nun sein Knecht knarrend das Windenrad in Gang, und der Sack hob sich schwankend. Ein süßer Duft stieg in die Diele. Adrian konnte nicht widerstehen, es zog ihn in die Küche. Er liebte es, nach längerer Abwesenheit in alle Räume seines Hauses zu schauen, und erfreute sich daran, wie wohleingerichtet und sauber alles war. Wenn man, wie er, einen guten Teil des Jahres in flohverseuchten Gasthöfen verbrachte, wusste man ein gepflegtes Haus umso mehr zu schätzen.

Er schnupperte. Himbeeren, und was war das noch? Eine Prise Zimt? Die Magd wirkte erstaunt, ihren Herrn in der Küche zu sehen, aber Grete lächelte munter.

»Ik hebbe auf dem Markt en Hintbeerekorf kopen können«, sagte die Köchin stolz und hielt ihm den Löffel hin. »Für Himbeerkrapfen. Honnichsot mit Kanelpuder, ganz wie Ihr es mögt. Wollt Ihr kosten, Herr?«

Adrian, der eine Vorliebe für Früchte hatte, zögerte kurz. »Später gerne. Geht es dir besser?«

»Naturlik, Herr!«, sagte Grete pikiert und wies jeden Zweifel an ihrer Gesundheit von sich.

»Freut mich, das zu hören.« Er klaubte ein paar Himbeeren vom Tisch, durchquerte die Diele und stieg die Treppe zum Warenkeller hinunter. Das hohe Tor zur Straße stand offen. Gerade lud ein Karrenknecht ein Fass ab. Cord machte ein Zeichen in sein Wachstafelbüchlein. Der kahle Mann war früher Schiffskoch gewesen und arbeitete als Adrians Gehilfe, seit er von einem Gefecht mit Piraten ein steifes Bein davongetragen hatte.

»Anscheinend hat beim Zoll alles gut geklappt?«, stellte Adrian fest und steckte eine Himbeere in den Mund. Sie war klein, aber aromatisch.

»Schon, Herr. Es dauert aber immer lange, wenn viel los ist! So viel Zeit hätte ich mir in meinen Tagen als Schiffskoch nicht lassen können! Da hätte das Schiffsvolk mich kielgeholt! Aber ja, die Schiffe haben nicht nur die Gesandten nach Lübeck gebracht, auch die Laderäume waren voll. Bis die Zöllner geklärt haben, welche Ladung Bürgern gehört und welche Gästen, ist es Abend! Gut, dass ich weiß, wen man ansprechen kann.«

Es war ein andauerndes Problem: was wann und wie verzollt werden musste. Lübecker Bürger mussten bei der Anlandung keinen Zoll zahlen, aber meist versuchten auch fremde Kaufleute, die unter das Gastrecht fielen, die Zahlung durch den Verweis auf Ausnahmeregelungen zu umgehen. Das führte dazu, dass jeder Fall genau geprüft wurde.

Cords Blick war auf die Himbeeren in Adrians Hand gerichtet. »Grete macht Himbeerkrapfen, wie?«

»Die besten!« Adrian teilte seine letzten Früchte mit Cord. »Ich muss los. Aber meine Frau ist ja da, falls etwas sein sollte.«

»Aye, Herr. Wir kommen schon klar.«

Adrian hatte sich schon zum Gehen gewandt, als Cord ihn noch einmal ansprach. »Fast hätt ich’s vergessen, Herr. Der Bote der Brügger Gesandtschaft hat einen Brief für Euch abgegeben. Er ist von eurem Bruder Lambert.«

Er zog ein Papier aus seiner Weste und reichte es seinem Herrn. Es war mehrfach gefaltet und mit einem Siegel versehen. Wie alle Kaufleute hatte auch Lambert sich sicher nach Reisenden umgehört, die nach Lübeck fuhren, um ihnen den Brief mitzugeben. Da die Überbringer vom Empfänger entlohnt wurden, fanden sich viele, die diese Botendienste gern übernahmen. Bei einer Gesandtschaft, die meist vor Straßenräubern sicher war, konnte man davon ausgehen, dass der Brief ankam; wichtige Nachrichten wurden ohnehin mehrfach ausgefertigt und verschiedenen Boten mitgegeben, aus Sorge, sie könnten ihr Ziel nicht erreichen.

Adrian erbrach das Siegel. Der Brief war kurz, hatte es aber in sich.

Brüderliche Liebe vorweg!

Ich muss dir mitteilen, dass unsere jüngste Lieferung venezianischer Tuche am Zoll vor Brügge beschlagnahmt wurde. Auf andere Lieferungen wurde ein neuer, zusätzlicher Zoll erhoben. Die Älterleute scheinen machtlos gegen die Willkür der Zöllner. Auch werden die Weber aus Saint Omer erst später liefern. Dennoch benötige ich dringend die vereinbarten Pelze. Sende sie oder einen Wechselbrief so schnell wie möglich!

Grüße Henrike und Simon von uns.

Geschrieben am Tag des heiligen Vitus

von deinem Bruder Lambert

Adrian ging den Brief noch einmal durch und versuchte, zwischen den Zeilen weitere Informationen herauszulesen. Lambert war offenkundig in Eile gewesen. Seine Briefe waren immer knapp gehalten, aber so kurz wie dieser waren sie nur selten. Er hatte ja nicht einmal etwas über das Befinden seiner Familie geschrieben. Und seine Nachrichten waren beunruhigend. Für eine Beschlagnahmung gab es keinen Grund. Die Zölle waren mit den Hansen ausgehandelt. Der Bailli des Grafen durfte keine neuen erheben. Beides war also reine Willkür. Die Älterleute des Hansekontors in Brügge konnten sich derzeit anscheinend nicht gegen die Dienstmänner des Landesherrn wehren. Seit Jahren schon war es ein zähes Ringen um Macht und Geld. Dass die Weber später lieferten, kam in dieser Lage besonders ungelegen. Ihr Handelskreislauf könnte ins Stocken geraten. Jeden Tag könnten Pelze aus dem Hansekontor in Nowgorod ankommen, und sein Geschäftspartner würde zum Austausch flandrische Stoffe erwarten. Dann wäre Adrians Warenlager bald leer …

Es wurde wirklich Zeit, dass die Räte etwas gegen die Handelshemmnisse in Brügge taten! Er sollte Hermanus davon berichten. Sein Freund könnte diese Probleme an den richtigen Stellen ansprechen. Ein Grund mehr, ihn schnell aufzusuchen.

Auf der Straße ließ Adrian trotz der Eile seinen Blick schweifen. Wie die Finger einer Hand führten die Kaufmannsstraßen von Lübecks Stadthügeln mit dem Rathaus, den Märkten und den imposanten Kirchen zu seiner Linken zum Hafen. Am Fuß der Mengstraße zu seiner Rechten wippten hinter der Stadtmauer die Mastspitzen der Schiffe im gemächlichen Takt des Flusses. Allein ihre Menge sprach beredt von der Wichtigkeit dieses Handelsplatzes. Aber auch die Backsteinhäuser, deren glasierte Ziegel im Sonnenlicht glänzten, kündeten von Lübecks Größe und Reichtum. Er konnte sich glücklich schätzen, in einer der schönsten Straßen Lübecks zu wohnen. Die Nachbarschaft mit Bürgermeistern, Stadträten und Kaufleuten machte manche Geschäfte leichter. Beim Überqueren der Straße musste er große Schritte über die Pferdeäpfel machen – das Pflaster war heute besonders besudelt!

Adrian betätigte den Messingklopfer an der Tür seines Freundes Hermanus von Osenbrügghe. Ein Handelsgehilfe öffnete.

»Wir haben schon gehört, dass Ihr wieder da seid, Herr Vanderen. Mein Herr erwartet Euch«, begrüßte der Gehilfe ihn. Merkwürdigerweise führte er Adrian nicht in die Scrivekamer, sondern zum Flügelanbau des Hauses. Der Geruch von verbrannten Kräutern lag in der Luft. Aber da war noch etwas. Etwas Stechendes …

Mit jedem Schritt besorgter werdend, folgte Adrian dem Gehilfen in die Schlafkammer des Ratsherrn. Hermanus von Osenbrügghe war bis zum Kinn in Decken gehüllt und schwitzte heftig. Um ihn herum glommen in Metallschälchen Kräuter. Sein Freund war ein rüstiger, feiner Herr, doch heute war sein Gesicht hellrot verschwitzt, die Augen waren glasig, und sein silbergraues Haar war fettig. Adrian wollte zu ihm stürzen, aber der Kranke hob die Hand.

»Da bist du ja. Ich wollte schon nach dir schicken lassen. Aber halte besser Abstand«, presste er hervor.

Adrian versuchte seine Besorgnis zu überspielen: »Nicht, dass ich etwas tun könnte. Ich könnte dir zur Not einen Pfeil aus dem Leib ziehen oder eine Wunde ausbrennen, aber Krankheiten … Soll ich den Ratsmedicus holen lassen?«

Hermanus zog seinen Arm unter der Decke hervor und öffnete die Hand. Bernsteine und ein Goldkreuz lagen darin. Also war es das alte Leiden. Oft klagte sein Freund über stechende Schmerzen in Unterleib und Rücken. Schnell hüllte Hermanus sich wieder ein.

»Ich habe alles, was ich brauche. Wenn die Schmerzen unerträglich werden, bete ich ein Pater Noster und ein Ave Maria zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit und trinke Bernsteinsud. Es dauert etwas, bis die Gebete und der Sud helfen. Ärgerlich nur, dass ich ausgerechnet jetzt darniederliege.« Seine Rede war schleppend, und nach jedem Satz wurden die Pausen länger.

»Es ist die größte Tagfahrt seit Langem, heißt es.«

»Eben deshalb brauche ich deine Hilfe. Fünfundzwanzig Städte haben ihre Gesandten geschickt. Vierzig Bürgermeister werden da sein. Dazu kommen die anderen Unterhändler. Die Liste der Tagungsthemen ist lang.« Er atmete tief ein. »Der Handel in Flandern bleibt unsicher.«

»Das habe ich auch gehört. Lambert hat aus Brügge geschrieben«, sagte Adrian und berichtete knapp von den Neuigkeiten.

Wieder war Hermanus’ Gesicht schmerzverzerrt, der Besuch strengte ihn offenbar sehr an. Dennoch zwang er sich, zu sprechen: »Es gibt Streit mit Gotland, England und … Schonen. Darum der Brief.« Er reckte das Kinn in Richtung des Tisches.

Adrian nahm das Papier auf, das zwischen Messingkanne, Nuppenglas und Pulverfläschchen lag.

»Mein Handelspartner hat geschrieben. Der Brief enthält vertrauliche Informationen über meine Geschäfte. Den Bericht über neue Schikanen in Schonen und die … Pläne von König Håkon … müssen die Räte aber schnell erhalten.« Hermanus hatte schon verschiedentlich im Auftrag des Rates mit den nordischen Königen und Herzögen verhandelt und war bestens über deren Angelegenheiten informiert. Er kniff die Augen zusammen. Es dauerte etwas, bis er seine Lider wieder öffnete. »Dir … vertraue ich. Trage den Bericht in meinem Namen dem Rat vor … Aber gib den Brief nicht aus der Hand … ich bitte dich.«

»Das werde ich nicht«, antwortete Adrian und las den Brief. Zwischen ausführlichen Klagen über Handelshemmnisse in Schonen und Gerüchte über einen Waffenstillstand zwischen Dänemark und Mecklenburg hatte der Kaufmann ausgehandelte Preise und auch detaillierte Angaben über Geldgeschäfte eingestreut; kein Wunder, dass Hermanus Vertraulichkeit wünschte.

Adrian verbarg das Papier in seinem Wams und schloss sorgfältig die Silberknöpfe. »Du kannst dich auf mich verlassen. Ich bringe den Brief nachher zu dir zurück.«

Hermanus ließ den Kopf auf sein Kissen sinken. »Hab Dank, mein Freund. Und sag Symon, dass ich zur Eröffnung wieder bei Kräften sein werde«, stöhnte er.

Adrian hoffte für Hermanus, dass sich dieser Wunsch erfüllen würde, auch wenn es derzeit nicht so aussah. Leise zog er sich zurück und machte sich auf den Weg zum Rathaus.

Über den Straßen flatterten Wimpel in den rot-weißen Stadtfarben. Auch das Rathaus war mit zahlreichen Fähnchen geschmückt. An den Wänden der Eingangshalle lehnten die gemalten Holzwappen der verschiedenen Gesandtschaften, die für den Ratssaal im ersten Stock bestimmt waren. Adrian wollte sich an den Arbeitern vorbeischieben, wurde jedoch von einem reitenden Boten beiseitegedrängt, der auf seinem Ross die Rampe emporpreschte.

»Muss man im Rathaus wirklich Rampen für die Pferde haben?«, hörte er eine tiefe Stimme neben sich murren. »Ich werde mich dafür einsetzen, dass sie abgeschafft werden … Wir haben hier schon eine Menge Esel, das reicht.«

Symon Swerting war kurz nach ihm in die Halle getreten und blinzelte Adrian zu. Swerting war einer der Bürgermeister der Stadt, aber auch Heerführer und mit einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstandes ausgestattet. Er war mit Henrikes Vater befreundet gewesen und auch mit Adrian vertraut, seit sie gemeinsam vor zwei Jahren in der Schlacht um Dannenberg gekämpft hatten. Kaiser Karl iv. hatte die Lübecker aufgefordert, in den Erbfolgekrieg um das Fürstentum Lüneburg einzugreifen. Lübeck hatte bei dem Kampf jedoch auch eigene Ziele verfolgt: Raubritter machten den Elbweg für Kaufleute und andere Reisende unsicher. Also hatte Swerting eine Truppe aus wehrfähigen Bürgern und Handwerkern zusammengestellt. Seite an Seite hatten Ratsmitglieder mit Gerbern oder Knochenhauern gefochten. Es war eine harte Schlacht gewesen, aber schließlich hatten sie Burg Dannenberg geschleift. In den Heerlagern lernte man sich gut kennen, und die beiden Männer waren sich einig, dass manches Ratsmitglied seinen Sitz nicht unbedingt seiner Klugheit zu verdanken hatte.

»Wie war es in Schweden?«, wollte Swerting jetzt wissen.

Wieder berichtete Adrian von seiner Reise. »Noch immer liegen Hunderte Piraten vor Fünen, hörte ich. Viele Kaufleute sind nervös. Werden wir weitere Friedeschiffe gegen die Seeräuber entsenden, bis der Waffenstillstand tatsächlich geschlossen ist und greift?«, wollte er von dem Bürgermeister wissen.

»Wir werden darüber sprechen. Allerdings gehen wir davon aus, dass sich nach Herzog Albrechts Tod die See befrieden wird. Er war es schließlich, der den Kaperkrieg vorangetrieben hat, um seinen Enkel Albrecht den Jüngeren auf den dänischen Thron zu bringen.«

»Solange nichts entschieden ist, werden die Piraten weitermachen. Friedeschiffe sind die einzige Möglichkeit, den Handel sicher zu gestalten«, sagte Adrian überzeugt.

Symon Swerting nickte bedächtig. »Da stimme ich dir zu. Aber die Ordensritter wollen sich nicht mehr an den Kosten beteiligen. Ich fürchte, es wird schwierig, sie umzustimmen.«

Sie waren im Obergeschoss angekommen. Gleich würde ihr vertrauliches Gespräch sicher enden, denn Bürgermeister waren immer gefragt, ob von Gleichgesinnten oder von Bittstellern.

»Ich habe außerdem Nachrichten von Hermanus dabei«, beeilte sich Adrian daher zu sagen. »Er ist krank und hat mir einen Brief mitgegeben. Ich soll dir aber versichern, dass er zur Eröffnung wieder bei Kräften sein wird.«

»So Gott will!«, gab Swerting zurück. »Wir brauchen ihn bei dieser Tagfahrt. Gib mir den Brief. Ich kann ihn verlesen«, bot er an.

»Das würde ich gerne. Allerdings musste ich Hermanus versprechen, ihn nicht aus der Hand zu geben.«

Swerting lachte. »Der Gute! Als ob er Geheimnisse vor uns haben müsste!«

Adrian hob entschuldigend die Schultern.

»Also gut. Wir ziehen uns mit einigen Räten später zurück. Du kommst dann mit.«

Genau darauf hatte Adrian gehofft. Es gab einiges, das er bei den Räten ansprechen wollte.

Im großen Ratssaal herrschte eine ungewohnte Unordnung. Knechte rückten die Tische zu einer hufeisenförmigen Tafel zusammen, andere schleppten Stühle heran. Wappen wurden aufgestellt, Ratssilber poliert. Dazwischen standen Ratsmitglieder in Grüppchen beieinander.

»Ah, die Herren Swerting und Vanderen!«, begrüßte Bürgermeister Plescow sie, den Brief eines Boten in der Hand. Der Reiter schickte sich gerade an, den Saal zu verlassen, kam nun aber noch einmal zurück.

»Adrian Vanderen?«, fragte er. Adrian nickte. »Das bin ich.«

»Das trifft sich gut! Für Euch habe ich auch einen Brief, Herr. Direkt aus Wisby.«

Der Kaufmann betrachtete das Schriftbild, es kam ihm jedoch unbekannt vor. Er gab dem Boten seinen Lohn und steckte den Brief zu dem anderen; er würde ihn später lesen.

Währenddessen hatten sich die beiden Bürgermeister besprochen. Nun wandte sich Symon Swerting an die Ratsdiener: »Die gotländische Gesandtschaft ist eingetroffen. Setzt sie ganz ans Ende der Tafel, ihre Angelegenheiten müssen warten. Neben uns werden die Bremer Gesandten platziert.«

Ein Bürger, der, wie Adrian wusste, schon lange die Nähe zum Rat suchte, mischte sich ein. »Müssten neben Lübeck nicht die Hamburger Bürgermeister sitzen? Soll ich die Schilder umstellen lassen?«, bot er eifrig an, wobei seine helle Stirn feucht schimmerte. Jetzt fiel Adrian auch sein Name wieder ein: Es war Goswin Klingenberg, Kaufmann und Sproß einer Ratsherrenfamilie.

Als Adrian nach Lübeck gekommen war, war auch er entschlossen gewesen, baldmöglichst ein wichtiges politisches Amt zu übernehmen. Zu viele Entscheidungen der Räte und Älterleute waren ihm damals sauer aufgestiegen. Er wollte es besser machen als sie. Auch gefiel es ihm, Verantwortung zu übernehmen. Wer wollte nicht über das Geschick einer ganzen Stadt, wenn nicht gar der Hanse bestimmen? Doch schnell war klar geworden, dass er Geduld brauchen würde. Immer hieß es, mit Ende zwanzig sei er für einen Ratssitz noch zu jung. Dabei wäre es für den Stadtrat nicht schlecht, wenn dort frischer Wind wehen würde. Zu viele Räte waren verknöchert und nur an der Mehrung ihres eigenen Vermögens interessiert. Die Hanse brauchte eine klare Führung und neue Ideen, um ihre Macht zu sichern. Allerdings wurden nur selten Sitze frei, und wenn, dann gab es Altgediente oder Verwandte, die gewählt wurden.

Inzwischen hatte Adrian erkannt, dass es auch andere Wege gab, um Einfluss zu nehmen. Überzeugungskraft und Geld konnten viel ausrichten, wenn man beides zu nutzen wusste. Außerdem hatte ein Ratssitz auch Nachteile. Solch ein Amt zu übernehmen bedeutete, seine Arbeit zu vernachlässigen, wenn nicht ganz aufzugeben. Die Lübecker Ratsherren wurden nicht entlohnt, waren aber so beschäftigt, dass ihre Geschäfte völlig zum Erliegen kamen. Das Ruhejahr nach zweijähriger Amtsführung reichte nicht aus, um den Handel am Laufen zu halten. Das konnte und wollte Adrian sich nicht leisten. Die Vorstellung, ganze Tage in Sitzungen zu verbringen, schreckte ihn ebenfalls ab. Wenn er ehrlich war, genoss er das Reisen und die Geschäfte. Darüber hinaus trug er auch die Verantwortung für seine Schwestern, und Rosina und Lisebette gut zu verheiraten, hatte viel Geld gekostet. Die Dritte, das Nesthäkchen Lucie, lebte nach wie vor bei seinem Bruder Lambert in Brügge. Auch ihr Brautschatz würde eines Tages fällig sein. Wenn Adrian seinen familiären Verpflichtungen nachgekommen war und er sein Geschäft weiter ausgebaut hatte, würde er weitersehen. Ratsmann oder gar Bürgermeister konnte er schließlich auch im gesetzten Alter von vierzig noch werden.

Swerting würdigte Goswin Klingenberg keines Blickes, sagte aber: »Da Köln nicht vertreten ist, gebührt der zweitgrößten Bischofsstadt der Vorrang, und das ist Bremen.«

Adrian, der die Wappentischler bei ihrer Arbeit beobachtet hatte, merkte nun an: »Die Gesandten des Herzogs von Flandern sitzen neben den Gesandten der Stadt Brügge? Die Herren sind sich nicht eben grün, heißt es.«

Swerting sah die Tafel hinunter. »Selbstverständlich sitzen sie nicht zusammen! Jede Brügger Gesandtschaft an einen anderen Flügel des Tisches, aber beide auf die gleiche Höhe!«, rief er aus und befahl die Umgruppierung. Kopfschüttelnd zischte er: »Die Sitzordnung für einen Hansetag ist komplizierter als ein Schlachtplan!«

Adrian lächelte verständnisvoll. Es schien Symon Swerting mehr Freude zu bereiten, einen Kampf zu planen, als Verhandlungen zu führen. Die Aufgabe des Verhandlungsführers übernahm hingegen Bürgermeister Plescow gern, die beiden ergänzten sich also gut. Darüber hinaus waren sie verwandtschaftlich verbunden, was auf einen Gutteil des dreißigköpfigen Rates zutraf. Jacob Plescow war durch seine Heirat und die Ehen seiner Kinder mit den Lübecker Ratsfamilien Crispin, Dartzow, Schepenstede, Travelmann, Warendorp und van Alen verwandt. Auch zu Räten aus Wisby hatte Plescow familiäre Verbindungen. Symon Swerting, sein Neffe, war über seine Ehe mit der einflussreichen Lübecker Ratsfamilie von Attendorn verbunden und hatte einen Bruder, der Ratsherr in Stralsund war. Adrian hatte sich in seinen ersten Monaten in Lübeck oft von Henrike über die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse aufklären lassen, denn er wollte genau wissen, wer wie mit wem verbunden war.

Bürgermeister Plescow ließ nun die Ratsglocke läuten. »Ich bitte alle Räte, sich zur Besprechung in den Ratskeller zurückzuziehen. Hier kann man ja sein eigenes Wort nicht verstehen«, forderte er die Männer auf. Der Bürgermeister strahlte trotz seiner zarten Gestalt eine natürliche Autorität aus.

Goswin Klingenberg wollte folgen, wurde aber abgewiesen.

»Nur die Räte! Und Herr Vanderen«, wies Swerting ihn zurück.

Adrian spürte Klingenbergs Blick im Nacken, als er selbst den Räten folgte.

Der Ratskeller war einer der beliebtesten Treffpunkte der Stadt. Hier gab es den besten Wein, und man konnte zudem sicher sein, den einen oder anderen Stadtrat hier anzutreffen, dem man in vertraulicher Atmosphäre sein Anliegen vortragen konnte. Um diese Tageszeit lag der lang gezogene Gewölbekeller jedoch beinahe still da. Keine Gespräche waren zu hören, auch nicht die Musik der Ratsspielleute, sondern nur das leise Kratzen eines Besens. Über allem lag der Geruch von abgestandenem Wein und schalem Bier.

»Gib der Ratskuchenbäckerin Bescheid, dass wir hier sind«, wies Bürgermeister Plescow einen Ratsdiener an.

Die Männer nahmen in einer Nische Platz. Schon wenig später wurden frisches Gebäck und Rheinwein aufgetragen. Angeregt unterhielten sich die Männer über ihre Geschäfte und die Themen der Tagfahrt, und Adrian lauschte ihnen aufmerksam.

»Ich hörte von Beschlagnahmungen und neuen Zöllen in Brügge. Die Älterleute des Kontors scheinen nichts dagegen tun zu können. Wird der Rat sich für Maßnahmen gegen diese Willkür einsetzen?«, warf er in einer Gesprächspause ein.

Bürgermeister Plescow war es, der seine Frage beantwortete. »Wir werden uns nach der Eröffnung der Tagfahrt zunächst von beiden Seiten die Lage schildern lassen und dann unsere Haltung dazu bestimmen«, sagte er vage.

»Aber müsste unsere Haltung nicht klar sein? Die Regeln des Handels sind festgelegt und dürfen nicht nach Lust und Laune verändert werden! Die Hansekaufleute sind wichtig für Brügge. Die Stadt sollte es sich nicht mit uns verscherzen.«

Zustimmende Rufe wurden laut, doch Plescow wich aus. »Das ist richtig. In der Vergangenheit hat die Hanse bereits ihre Macht bewiesen. Schon 1358 haben wir das Brügger Kontor aufgegeben und den Handel verlagert. Aber ich fürchte, jetzt ist die Lage komplizierter. Als unsere Kaufleute im letzten Jahr Brügge aus Protest verlassen wollten, ließ Flanderns Graf Ludwig von Male sie einkerkern und ihre Waren beschlagnahmen.«

Adrian wollte gerade weitere Argumente vorbringen und Hilfe gegen die Beschlagnahmung seiner Waren fordern, als sich Gerhard Dartzow einmischte: »Seid Ihr in den Rat gewählt worden, Vanderen? So wie Ihr Euch einmischt, scheint es fast so. Das muss ich wohl verpasst haben!«

»Ich hatte noch nicht die Ehre, in Euren erlauchten Kreis aufzusteigen«, gab Adrian verbindlich zurück.

»Wenn Ihr kein Rat seid, was tut Ihr dann hier?«, erkundigte sich Dartzow maliziös lächelnd. Seine Familie war vor einigen Jahrzehnten aus dem Mecklenburgischen zugewandert und hatte sich erst in den letzten Jahren einen hohen Stand erarbeitet. Ihr Reichtum und ihre guten Verbindungen hatten jedoch dazu geführt, dass Gerhard Dartzow vor vier Jahren die Ehre zugekommen war, den Kaiser in seinem Haus zu beherbergen; kurz danach war er in den Rat gewählt worden. Er und seine Brüder führten einen prunkvollen Haushalt und nutzten jede Gelegenheit, ihren Stand herauszustellen. Doch während Hermann Dartzow sich hauptsächlich um die Kaufmannsgeschäfte der Familie kümmerte und recht umgänglich war, pflegte Gerhard oft einen für einen Ratsherrn erstaunlich schroffen Ton.

Adrian setzte zu einer Antwort an, doch der vorsitzende Bürgermeister kam ihm zuvor.

»Er wird eine Nachricht verlesen, die Hermanus von Osenbrügghe erhalten hat«, sagte Plescow, der offenbar bereits von Symon Swerting ins Bild gesetzt worden war.

»Na, denn man tau«, wurde Adrian von einem greisen Ratsherrn volkstümlich aufgefordert.

Adrian las Hermanus’ Brief über den Waffenstillstand zwischen Mecklenburg und Dänemark sowie die Probleme in Schonen vor. Nachdem er geendet hatte, brannte eine vielstimmige Diskussion auf. Schließlich waren Einfluss und Besitz der Hanse bedroht! Der Konflikt um Schonen ging auf die Zeit des Krieges gegen König Waldemar von Dänemark zurück. Im Frieden von Stralsund hatte die Hanse 1370 den Einfluss über das dänische Schonen erlangt. Die Verwaltung der schonischen Schlösser Helsingborg, Malmö, Skanör und Falsterbo, die Einnahme des Sundzolls sowie die Kontrolle des Heringsmarktes brachten viel Geld ein. Deshalb versuchten die Dänen, die Hansen wieder zurückzudrängen, aber so offensichtlich wie jetzt war es noch nie gewesen. Und was war von den Waffenstillstandsverhandlungen zu halten?

Adrian sah aus dem Augenwinkel, dass ein Ratsdiener hinter ihn getreten war. Er sollte nun wohl gehen. Die Vorgänge in Brügge müsste er bei einer anderen Gelegenheit ansprechen, aber das war ja nicht alles, was ihn bewegte …

»Erlaubt mir zu fragen, wie Ihr Herren im Falle von Braunschweig vorgehen wollt. Wird die Verhansung endlich aufgehoben werden?«, fragte er im Aufstehen.

Sofort kamen Reaktionen aus den Reihen der Räte.

»Solange die Stadt sich nicht öffentlich reuig zeigt, bin ich dagegen.«

»Wir müssen jeglichen Aufstand gegen die Stadträte dauerhaft unterbinden.«

Beides hatte Adrian schon häufiger gehört. Und doch schadete der Ausschluss Braunschweigs aus der Hanse seiner Ansicht nach mehr, als er nützte. »Viele Bürger Braunschweigs sind durch die Verhansung in Not geraten. Es würde unseren Handel befördern, wenn wir Braunschweig wieder zuließen«, wandte er ein.

Ein bissiger Zwischenruf: »Euren vor allem, was?!«

»Nicht unbedingt. Aber ich halte Handelshemmnisse grundsätzlich für falsch.« Adrian ließ sich nicht provozieren.

Jacob Plescow lächelte fein. »Auch diese Entscheidung kann erst nach der Diskussion des Hansetags gefällt werden.«

Gerhard Dartzow blickte Adrian prüfend an. »Seid ehrlich, Vanderen, denkt Ihr darüber nach, Euer Wissen in den Rat einzubringen?«

Adrian zögerte nicht: »Wenn ich meiner Stadt dienen könnte, wäre ich selbstverständlich dazu bereit.«

Der Ratsherr griff sich ein Mandeltörtchen vom Silbertablett und lehnte sich zurück. »Ihr seid nicht der Einzige, der auf einen Ratssitz schielt. Es wird interessant sein zu sehen, wer in den nächsten Jahren die meisten Räte für sich einnehmen kann«, grinste er.

Einige seiner Ratsfreunde lachten, als ginge es um einen spaßigen Wettbewerb.

Als Adrian an die Luft trat, merkte er, dass er seine Hand zur Faust verkrampft hatte. Die Arroganz mancher Ratsherren war unerträglich! Der Rat war oft genug zerstritten, aber in einem waren sich fast alle Räte einig: Sie alle hielten sich für etwas Besseres. Deshalb blieben sie auch am liebsten unter sich. Wenn Sitze frei wurden, wurde Verwandtschaft bevorzugt. Dieser Klüngel stieß manchem sauer auf, und doch konnte man nichts dagegen machen. Familiäre Verbindungen waren eben alles. Nicht umsonst verheirateten Lübecker Kaufleute ihre Kinder am liebsten in Städte, in denen sie Handel treiben wollten – nach Reval, Dorpat oder Wisby. Das war schon immer so gewesen. Auch er selbst war zunächst an der Heirat mit Henrike interessiert gewesen, weil ihr Vater nicht nur ein Freund, sondern auch ein wohlhabender Kaufmann und Lübecker Ratsherr war. Doch dann hatte er sich in Henrike verliebt, und selbst nach Vresdorps Tod und damit einer mehr als ungewissen Zukunft, was Vresdorps Geschäftsbeziehungen anging, hatte er sie unter allen Umständen heiraten wollen. Und er würde nie bedauern, sein Herz über seinen Kopf gesetzt zu haben.

Nun fiel ihm der Brief aus Gotland wieder ein, den ihm vorhin der Bote zugesteckt hatte. Vor dem Eingang des Ratskellers wollte er ihn öffnen, traf jedoch auf Hermann Dartzow, der sich mit einem anderen Bürger unterhielt, aber sofort Adrian zuwandte.

»Hier stehen wir also. Ihr seid zu jung, und ich darf wegen meines Bruders nicht in den Rat! Was für eine Verschwendung von Talenten! Wir homines novi haben es nicht leicht«, scherzte er und fügte hinzu: »Wenn wenigstens der Hansetag von Bällen begleitet würde! Ich bin der Ansicht, dass es Vergnügungen geben sollte, wenn die wichtigsten Männer zusammenkommen!«

Adrian wollte das Gespräch kurz halten, denn der Brief brannte ihm förmlich in der Tasche. Was für eine Nachricht kam wohl aus Wisby? Henrikes Tante Asta und ihre Tochter Katrine waren dort. War ihnen vielleicht etwas zugestoßen? Oder war der Brief von einem Geschäftspartner oder einem Interessenten für das Haus? In Wisby befand sich Henrikes Elternhaus, das seit Jahrzehnten verpachtet war. Kürzlich war jedoch der Pächter verschwunden. Sie wollten es wieder verpachten, doch Asta hatte sich gewünscht, zunächst einige Zeit dort zu verbringen. Adrian fand diesen Wunsch merkwürdig, wenn man bedachte, was Asta auf Gotland durchgemacht hatte. Nicht nur, dass ihr Mann und ihre Eltern beim Angriff der Dänen getötet worden waren, man hatte auch ihr Gewalt angetan. Asta hatte ein Kind zur Welt gebracht, Katrine, es jedoch gleich nach der Geburt weggegeben. Jahrzehntelang hatte sie darüber geschwiegen, war aus Kummer hart und unnahbar geworden. Erst Henrike hatte ihren Panzer durchbrechen können.

»Ich glaube kaum, dass Zeit für Vergnügungen bleibt. Es gibt zu viel zu besprechen, scheint es«, sagte er.

Hermann Dartzow winkte entnervt ab. »Reden, immer nur reden! Warum soll nur der Adel seine Bälle und Turniere haben? Geselliges Zusammentreffen kann geschäftliche Verbindungen vertiefen. Wir sollten selbst dafür sorgen.«

»Es gibt doch die Schonenfahrerkompanie«, merkte Adrian an, der sich nun endgültig auf den Weg machen wollte. Schon seit Jahren trafen sich die Kaufleute und Schiffer, die nach Schonen fuhren, regelmäßig, um Neuigkeiten auszutauschen oder des Öfteren auch um zu feiern.

»Ich habe etwas Feineres im Sinn. Wartet nur ab …«

Adrian lächelte höflich. Schon seit Jahren hatte er von Plänen für eine neue Patriziergesellschaft gehört, geschehen war seines Wissens jedoch noch nichts.

Sorge und eine düstere Vorahnung ergriffen ihn, als er wenig später endlich den Brief las. Was war von der Nachricht zu halten? Was steckte dahinter? Und vor allem: Wann sollte er Henrike davon erzählen, wo sie sich doch so auf das Johannisfest freute?

Grübelnd machte er sich auf zu dem Gasthof, in dem eine der Gesandtschaften aus Brügge untergebracht war. Er musste die Unterhändler dazu bringen, sich bei ihren Mitbürgern dafür einzusetzen, dass ihre Tuche wieder vom Zoll freigegeben wurden. Er fürchtete jedoch, dass gute Argumente nicht ausreichen würden, damit sie einen entsprechenden Brief nach Brügge schickten …

*

»Alle Spielleute haben kurzfristig abgesagt. Sie sind beim Rat verpflichtet«, berichtete Claas etwas kurzatmig. Seine abstehenden Ohren spitzten gerötet aus seinen Haarsträhnen heraus, auch die Wangen leuchteten. Er hatte sich offenbar beeilt, um schnell wieder zurück zu sein.

Henrike kratzte ärgerlich einige Striche in ihre Wachstafel. Das war typisch: Sobald sich ein lukrativerer Auftrag fand, ließen die Spielleute einen sitzen. Das fehlte ihr gerade noch! Ihr Tag war auch so schon hektisch gewesen. Wäsche waschen lassen, die Mahlzeiten planen, Tuche in die Tuchhalle senden, die Kupferschmiede und Messingschläger benachrichtigen, dass eine Lieferung ihrer Werkstoffe angekommen war, Briefe schreiben. Erst jetzt war sie dazu gekommen, beim Versorgen der neuen Waren zu helfen. Gerade zählte sie die Fässer mit schwedischer Butter. Aber sie würden sich das Fest nicht durch die Absagen verderben lassen.

»Dann müssen wir uns eben selbst behelfen. Ich spiele Flöte, Cord kann die Trommel schlagen, und …«

»Ich bin gut an der Maultrommel, Herrin«, warf Claas ein.

»Sehr schön, dann kommen wir ja auch ohne Spielleute aus! Stell bitte später im Keller ein Fässchen Rotwein bereit, das nehmen wir dann auf dem Wagen mit in den Hopfengarten.«

Claas nickte eifrig. Henrike überlegte, was noch vorbereitet werden müsse, als aus dem Kaufkeller ein erboster Ausruf zu hören war.

»Wo bleibst du denn, Lausekerl? Mach schon!«

Schnell reichte sie dem Lehrjungen Wachstafel und Griffel. Da unten lief etwas nicht gut.

»Kontrolliere die Butterfässer weiter, und dann mache dich an die Getreidesäcke für das Armenhaus«, forderte sie ihn auf.

»Aber …«

Wieder schallte aus dem Keller ein Rufen: »Gibt es hier keine richtigen Kaufleute?! Sauladen!«

Henrike eilte zur Treppe. »Das schaffst du schon. Ich kontrolliere es nachher noch einmal, dann kann nichts schiefgehen«, rief sie dem Lehrjungen zu, ehe sie die Steige hinunterlief.

Vor dem Tisch im Kaufkeller stand ein massiger Mann. Als er sie bemerkte, fuhr er sie sogleich an: »Schaff mir endlich den nichtsnutzigen Gehilfen mit den Pelzen her!«

Henrike schoss die Hitze in die Wangen. Er musste sie wohl für eine Magd halten, dass er es wagte, so mit ihr zu sprechen! Mit einem kurzen Blick verschaffte sie sich einen Eindruck von ihm. Die Kleidung war aus teuren Stoffen, wenn sie auch durch große Schweißflecken unter den Achseln befleckt war. Sein Wams war mit kostbaren Knöpfen besetzt, und etliche seiner Finger wurden von Ringen eingeschnürt. Wenn er Pelze wollte, hatte er vermutlich auch das Geld, sie zu bezahlen.

»Ihr wollt Pelze sehen, mein Herr? Seid versichert, dass unser Gehilfe sie sogleich bringen wird. Sie werden sicherlich zu Eurer Zufriedenheit sein. Das Warten lohnt sich«, sagte sie höflich.

Der Mann rieb sich ungeduldig die Schweißperlen vom Gesicht. »Wie kannst du dir anmaßen, wissen zu wollen, was sich für mich lohnt?«, fauchte er.

Henrike ließ sich ihre Verärgerung nicht anmerken. »Ich weiß zumindest, welche Pelze wir am Lager haben. Schließlich gehört meinem Gatten und mir dieser Handel.«

Die Tür zum Gewölbekeller ging auf, und Cord schob sich hindurch. Auf den Armen hielt er Biberfelle. Kaum lagen die Felle auf dem Tisch, wühlte der Mann auch schon darin herum. Waren seine Hände noch feucht vom Schweiß? Henrike nahm ihm ein Fell ab und hielt es ihm hin. Es schimmerte schwarzbraun und hatte besonders dichtes Unterhaar. Der Wasserhund musste ein schönes, kräftiges Tier gewesen sein, dachte sie. Neben ihr starrte Cord auf seine Füße. Er war sonst die Geduld in Person, doch dieser unfreundliche Kunde ging ihm sichtlich auf die Nerven.

»Seht, wie dicht es ist! Bestes Biberfell aus den östlichen Wäldern. Selten und kostbar. Selbst die Ordensbrüder haben keine prächtigeren Exemplare«, pries sie die Pelze an.

Während sie sprach, betrat ein weiterer Mann mit seinem Gehilfen den Kaufkeller. Auf den ersten Blick erkannte sie in ihm einen fremdländischen Kaufmann. Er hatte dunkles Haar, das in weichen Wellen auf seine Schultern fiel, hellbraune Haut und war mit feinster Kleidung und Schmuck angetan. Ein leichter Rosenduft umfing ihn. Besonders auffällig war die Schecke: Das Wams war so kurz, dass es die Beine ganz freigab, und sehr eng geschnitten, wobei die Schultern ausgepolstert wirkten. Ein Ziergürtel hielt die anliegenden Hosen. Mancher Priester würde diesen figurbetonten Aufzug mit der entrüsteten Forderung nach einer strengeren Kleiderordnung quittieren.

Sogleich wandte Cord sich dem neuen Kunden zu und fragte nach dessen Begehr. Gerne würde sie mit ihm tauschen! Andererseits war es nur recht, dass sie sich als Kauffrau der unangenehmen Kunden annahm. Und zu dieser Sorte zählte der Fremde vor ihr zweifelsohne.

Er packte ein weiteres Fell und drückte es an sein glänzendes Gesicht. Henrike hätte es ihm am liebsten aus den Händen gerissen. Es sollte verboten sein, mit fremden Waren so umzugehen! Wenn das Fell später nach Schweiß stinken würde, sollte sie es ihm auf jeden Fall berechnen!

Achtlos ließ er es fallen. »Pah! Was erzählt Ihr da! Mindere Qualität! Das würde ich nicht einmal meiner Großmutter als Fußdecke mitbringen! Ich gebe Euch sieben Mark für einen Timmer.«

Um den Preis zu feilschen, war üblich. Aber das war mehr als Handel, das war eine Unverschämtheit! Er dachte wohl, er könne sie über den Tisch ziehen, weil sie eine Frau war!

»Sieben Mark lübisch für vierzig Stück? Ihr beliebt zu scherzen. Diese Biber haben noch im letzten Winter die Flüsse durchschwommen! Ihr wisst sicher, dass die Ordensbrüder das Jagdrecht auf Biber in weiten Gebieten für sich beanspruchen. In dieser Güte findet ihr diese Pelze nirgendwo sonst in Lübeck. Dass wir sie am Lager haben, ist nur unseren besonderen Verbindungen zu verdanken. Der Preis beträgt elf Mark je Timmer.«

»Ha! Das Weib glaubt, sie sei ein Kaufmann! Aber was für ein mieser!« Der Mann rieb grob den Ärmel über die Stirn.

Henrike spürte, wie ihre Ohrmuscheln vor Wut glühten. Sie ließ sich von niemandem beschimpfen, auch nicht für ein gutes Geschäft.

Unwillkürlich warf sie dem zweiten Kunden einen Blick zu, dessen Gesicht ihnen zugewandt war. Er wartete offenbar auf Cord, der gerade Waren aus dem Lager holte. Seine Augenbrauen waren hochgezogen, und er lächelte mitleidig, als gefiele ihm der Tonfall auch nicht.

Henrike blinzelte verwirrt. »Dann werden wir uns nicht einig«, sagte sie und rollte die Felle auf. Als sie sich anschickte, sie zurück ins Lager zu bringen, begriff der Kunde, dass es ihr ernst war.

»Das könnt Ihr nicht machen!«, rief er ihr nach.

Sie hatte die Kellertür bereits erreicht. Cord kam ihr entgegen, kleine Fässer auf einem Karren vor sich herschiebend. Ein weiterer Ruf: »Bringt die Felle zurück!« Das Klimpern von Metall auf Holz verriet ihr, dass der Kunde Münzen auf den Tisch geworfen hatte; der Tonlage nach hörte es sich nach schweren Geldstücken an. Ein Lächeln umspielte Henrikes Mundwinkel, doch sie verkniff es sich. Ernst brachte sie die Pelze zurück zum Tisch, auf dem einige Gold- und Silbermünzen lagen. Sie hatte sich nicht getäuscht, er hatte tatsächlich Geld genug. Doch was war das? Ihr Blick blieb an den Schweißflecken am Ärmel des Mannes hängen. Das Wams war nicht, wie sie erst gedacht hatte, von guter Qualität, sondern die Stoffart war nachgemacht. Kein Tuch aus Saint Omer, sondern minderwertig gefälschtes aus dem benachbarten Arques, was sie an der geringeren Anzahl der Kettenfäden erkannte. Tuchballen wurden oft mit gefälschten Tuchplomben versehen, worauf die Strafe der Verbannung stand. Sie sollte wachsam sein …

»Also gut, ich gebe Euch acht je Timmer für die Biberfelle«, sagte er gönnerhaft.

»Zehneinhalb, darunter geht nichts. Biberfelle sind schwer zu bekommen, das wisst Ihr so gut wie ich.«

»Neun.« Sie schüttelte den Kopf.

Er schnaubte. Dann neigte er sich zu ihr: »Wenn Ihr so gute Verbindungen habt, seid Ihr doch sicher auch im Besitz von Bibergeil? Dann würde ich eventuell etwas mehr springen lassen«, wisperte er.

Das Sekret aus den Drüsen des Bibers war ebenso begehrt wie dessen dichtes Fell. Zahllose Salben und Tinkturen wurden aus dem Bibergeil hergestellt, die vor allem die Manneskraft stärken und Frauenleiden lindern sollten. Auch galt der Biberschwanz als besonderer Leckerbissen. Biber wurden wegen dieser Kostbarkeiten so stark bejagt, dass die Tiere in manchen Ländern kaum noch zu finden waren. Adrians Schwester Rosina, die mit einem englischen Kaufmann verheiratet war, bestellte im Namen ihres Mannes immer wieder Biberfelle und Bibergeil; sie sagte, in England sei schon lange keiner dieser Nager mehr gesichtet worden.

Der Kunde sah sich verstohlen um. Sein Atem schlug ihr entgegen, als er flüsterte: »Ihr wisst schon, für die …«

Henrike wollte nicht hören, wofür er das Drüsensekret brauchte. Ihr Widerwille siegte über ihren Geschäftssinn.

»Nein, das haben wir im Moment nicht«, fiel sie ihm ins Wort. Sie hatten zwar ein wenig am Lager, aber das war für besonders gute Kunden reserviert. »Also, habt Ihr es Euch noch mal überlegt? Ihr kennt meinen Preis.«

Er begann die Geldstücke zu stapeln. »Wir hatten uns auf Neun geeinigt«, behauptete er.

Henrike ging die Geduld aus, dennoch mahnte sie sich zur Freundlichkeit. »Zehn Mark lübisch für einen Timmer.«

Der andere Kunde beobachtete sie noch immer. Dass er sie so unverhohlen betrachtete, verunsicherte sie. Auch schien er sich nicht mit Cord einig zu sein.

»Neuneinhalb?«

»Ihr verschwendet meine Zeit.« Wieder schickte sie sich zum Gehen an.

»Also gut, also gut! Zehn!« Sichtlich ungehalten zählte er die Münzen zusammen und schob sie ihr hin.

Das war ein gutes Geschäft. Aber sie sollte besser sichergehen. Henrike nahm die Goldmünzen genauer in Augenschein. Es waren rheinische Gulden. Sie waren weit verbreitet, waren aber weniger wert als Venezianer Dukaten oder der Brüsseler Peter. Mit so vielen Währungen wurde in Lübeck gehandelt, dass den Wechslern die Arbeit nie ausging. Allerdings hieß es, dass der wendische Städtebund, zu dem neben Lübeck auch Kiel, Lüneburg, Wismar, Rostock und Stralsund gehörten, für einheitliche Münzen sorgen wollte, was Henrike begrüßte.

»Der Bursche soll die Biberfelle in meinen Gasthof schaffen«, trieb der Mann sie an.

»Das werde ich veranlassen. Wenn Ihr noch einen Augenblick warten würdet? Es dauert nicht lange.«

Sie ging zu einem Schrank an der hinteren Seite des Kaufkellers. Noch immer stand der fremdländische Kunde neben Cord. Ihr Kaufgehilfe sprach mit ihm, aber der Kunde machte eine vage Handbewegung in Richtung Henrike. Wollte er mit ihr sprechen? Was könnte er von ihr wollen? Kannte sie ihn von irgendwoher?

Mit einem Lederetui kam sie zurück. Als sie ihren Goldprobierstein und die dazugehörigen Nadeln auf den Tisch legte, brauste der Käufer sofort auf.

»Ihr wollt mir doch nicht etwa Betrug unterstellen? Lasst die Felle verpacken und wegschaffen, der Handel ist geschlossen!«

Entschuldigend sah Henrike auf. »Mein Mann würde mich schelten, wenn ich Goldmünzen ungeprüft ließe. Ihr habt ja nichts zu befürchten, also geduldet Euch bitte etwas. Mein Gehilfe kann die Felle schon mal bereit machen.« Sie gab Cord einen Wink, der sogleich an die Arbeit ging.

Für Adrian war es selbstverständlich, dass Henrike im Handelskontor schaltete und waltete, wie sie wollte, er vertraute ihr vorbehaltlos. Es gab jedoch Kunden, die glaubten, sich im Umgang mit einer Kauffrau gewisse Freiheiten erlauben zu dürfen und die sie durch den Hinweis auf ihren Mann erst an die geltenden Regeln erinnern musste. Ihr Kunde verstummte.

Henrike rieb die Kante einer Goldmünze über ihren Probierstein. Auf dem schwarzen Kieselschiefer zeigte sich ein goldfarbener Strich. Nun nahm sie den Silberreif, auf den ihre Probiernadeln gefädelt waren. Für die verschiedenen gängigen Metallmischungen gab es eine entsprechende Nadel. Sie suchte die Probiernadel mit dem passenden Metallgehalt und strich sie ebenfalls über den Schiefer. Anschließend wiederholte sie den Vorgang mit der nächsten Münze. Sie bemerkte, wie der Mann neben ihr immer unruhiger wurde; sie selbst war eher durch die neugierigen Blicke des Fremden verunsichert.

Es war, wie sie vermutet hatte: die Streifen waren unterschiedlich. Das bedeutete, dass der Goldgehalt der Münzen zu niedrig war. Sie drückte den Rücken durch, derartige Situationen waren unangenehm und riefen oft heftige Reaktionen hervor.

»Es tut mir sehr leid, aber wir können den Handel so nicht abschließen.«

Kaum hatte sie es ausgesprochen, knallte der Mann die flache Hand so hart auf den Tisch, dass Henrike zusammenzuckte und die Geldstapel auseinanderfielen.

»Was soll dieser Unsinn!«, schimpfte er.

Cord sah alarmiert auf, aber Henrike gab ihm zu verstehen, dass sie zurechtkommen würde, vorerst zumindest. Dabei raste ihr Herz schon jetzt …

»Ich bedaure, aber ich kann es leider nicht ändern. Die Münzen enthalten zu wenig Gold«, sagte sie fest und erhob sich.

Der Schweiß lief dem Mann jetzt das Doppelkinn hinunter. Dabei brannte zwar draußen die Sonne, im Kaufkeller war es jedoch angenehm kühl. »Ihr werdet jetzt das Geld nehmen und mir die Felle einpacken lassen …« Seine Stimme klang gepresst.

Henrike hielt seinem Blick stand, obgleich der Mann in seiner Wut einschüchternd war. Cord trat einen Schritt näher, und der andere Kunde flüsterte seinem Diener etwas zu.

»Ich werde Euch höchstens einen Teil der Felle einpacken lassen. Mehr kann ich Euch für das Geld nicht verkaufen.« Sie senkte die Stimme. »Oder Ihr nehmt Euer Geld und riskiert beim nächsten Mal, wegen Münzbetrugs verhaftet zu werden.«

Der Mann stieß hart gegen den Tisch. Für einen Moment fürchtete sie, er würde sie packen. Doch dann drehte er sich um. »Gasthaus Zum Adler. Aber zackig, Bursche!«, befahl er, bevor er hinausstürzte.

Eilig machte Cord sich an die Arbeit. Je schneller dieser Handel beendet war, umso besser.

Henrike stützte sich am Tisch ab. Ihre Knie zitterten. Wie sie solche Auseinandersetzungen hasste! Aber es kam immer wieder vor, dass Käufer oder Verkäufer in Rage gerieten, wenn ihre Betrügereien aufflogen – ob sie nun geplant waren oder sie selbst unwissentlich Betrügern aufgesessen waren. Jeder unachtsame Kaufmann konnte an gefälschte Waren, zu kurze Tuchballen oder eben an gestrecktes Gold und Silber geraten.

»Bravo! Diesem grässlichen Kerl habt Ihr auf bewundernswerte Weise die Stirn geboten! Splendido!«

Der Fremde kam näher, und Henrike konnte nun deutlich die Rosennote riechen, die ihn umgab. Er war von Kopf bis Fuß eine gepflegte Erscheinung. Sein Akzent und die Wortwahl ließen vermuten, dass er aus Italien kam. Verlegen strich Henrike ein kitzelndes Haar von ihren heißen Wangen.

»Habt Dank für die freundlichen Worte, Herr. Aber eigentlich habe ich nichts getan, was ein Kaufmann nicht auch getan hätte.«

»Dabei sollte dieser Grobian froh sein, dass er von so einer reizenden Dame bedient wird«, sagte er schmeichelnd.

Henrike senkte den Blick. Wo blieb Cord? Oder Adrian? Bevor sie auf das Kompliment reagieren konnte, fuhr der Mann fort.

»So lässt Euer Mann Euch dieses Geschäft allein führen? Fürchtet er nicht um seine Frau? All diese wilden Männer in der Nähe der Mutter seiner Kinder – ci mancherebbe, Gott behüte!«, rief er aus und warf die Hand mit großer Geste in die Luft. »Ihr habt doch Kinder?«

Henrike traf der letzte Satz unvorbereitet. Oft wurde sie nach Kindern gefragt, aber zu ihrem Kummer hatte sie noch keine bekommen. Sie müsste längst an dieses Thema gewöhnt sein. Müsste eine Antwort auf die Frage nach Kindern parat haben, die jeden Neugierigen befriedigte, ohne dass es sie jedes Mal aufwühlte. Aber noch hatte sie diese Antwort nicht gefunden.

»War mein Gehilfe Euch dienlich, oder habt Ihr noch Wünsche?«, versuchte sie die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken.

Er neigte lächelnd sein Haupt. »Was sollte ich mir wünschen, wenn ich in so einer wunderbaren Gesellschaft sein darf?«

Henrike ärgerte sich, dass sie sich so verfänglich ausgedrückt hatte. Zumal es dem Fremden zu gefallen schien, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie verstaute, um ihre Unsicherheit zu überspielen, ihr Goldprobierbesteck wieder. Da zeigte sich ein Schatten im Eingang.

»Ricardo! Immer noch der gleiche Charmeur wie eh und je!«

Adrian stürmte in den Kaufkeller und schloss den Kunden in die Arme. Die Männer klopften sich ausdauernd auf die Schultern. Überrascht beobachtete Henrike die herzliche Begrüßungsszene.

»Das ist mein alter Freund Ricardo. Aber ihr habt euch ja schon miteinander bekannt gemacht«, stellte Adrian ihn lachend vor.

Wenn er ein Freund von Adrian war, fragte sie sich irritiert, warum hatte er sich nicht gleich vorgestellt?

»Ich war gerade dabei, mich deiner liebreizenden Frau bekannt zu machen, als du kamst, amico mio. Ehrlich gesagt, musste ich ihr erst mal meine Komplimente aussprechen. Auch wenn ich nicht verstehe, dass du so ein Schmuckstück in diesem düsteren Keller versteckst. Eine so schöne und kluge Frau hat doch hier nichts zu suchen!«

Henrike spürte, wie sie bis an die Haarwurzeln errötete. War es richtig, dass dieser Ricardo ihr derart schmeichelte? Aber Adrian schien sich nicht daran zu stören. Er schmunzelte gutwillig.

»So war er schon immer! Als wir noch Lehrjungen waren und für unseren Herrn Tuche verkauften, ist es ihm immer gelungen, die hübschen Damen zu bedienen, ...

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