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Die Farben des Glücks

1. KAPITEL

Als Nick erwachte, war er allein.

Was seltsam war, da er genau wusste, dass er vor ein paar Stunden nicht allein eingeschlafen war.

Da war irgendetwas mit einer Göttin gewesen …

Ach ja, Juno, die Göttin der Liebe.

Groß und schlank, mit einem langen schimmernden Vorhang aus silberblondem Haar und Augen, so hellbraun, dass sie fast golden wirkten. Seltsam geheimnisvolle Augen, die einen in ihren Bann schlugen.

Nicht, dass er sich für diese Geheimnisse interessiert hätte. Juno war nichts als eine Ablenkung für ihn gewesen, ein Weg, den Schmerz der Vergangenheit ebenso hinter sich zu lassen wie die Bedeutung des heutigen Tages. Er hatte vergessen wollen. Und dafür hatte Juno Johnson zweifellos gesorgt. Zumindest für ein paar Stunden war er vollkommen abgelenkt gewesen.

Doch wo war sie geblieben? Draußen war es immer noch dunkel, und die zerwühlten Laken neben ihm waren warm. Sie konnte also noch nicht lange weg sein.

Bei dem Gedanken, dass sie einfach ohne ein Wort verschwunden sein könnte, verfinsterte sich Nicks Gesicht. Das war normalerweise sein Privileg. Es sprach absolut nichts dagegen, mit einer Frau nett essen und hinterher ins Bett zu gehen – solange die Sache unverbindlich blieb. Deshalb hatte er es sich in den vergangenen zwei Jahren zum obersten Prinzip gemacht, sein Liebes- und sein Privatleben rigoros zu trennen.

Obwohl er sich in diesem Fall nicht ganz daran gehalten hatte, wie er sich jetzt eingestehen musste. Immerhin waren sie in seinem Bett gelandet – ein Fehler, den er sich sonst nicht gestattete.

Das Problem war schlicht gewesen, dass Juno nicht allein lebte. Sie hatte irgendetwas von einer Freundin gesagt, mit der sie sich die Wohnung teilte. Deshalb hatte er seinen eisernen Vorsatz ausnahmsweise über Bord geworfen und sie nach dem Essen noch auf einen Drink in seine Wohnung über der Galerie eingeladen.

Genauer gesagt, hatte er zwei eiserne Vorsätze über Bord geworfen. Er verzog unangenehm berührt den Mund, als er sich daran erinnerte, dass Juno eine seiner Angestellten war und unten in der Galerie im Erdgeschoss arbeitete.

Aber verzweifelte Situationen erforderten eben manchmal verzweifelte Mittel. Nick hatte Juno in seine Wohnung eingeladen, um sich an der geschmeidigen Schönheit ihres perfekten Körpers zu erfreuen. Und das hatte er nicht bereut. Betört von ihrer Schönheit und ihrer sanften, fast scheuen Art, hatte er sich in ihr verloren. Und zu seiner Überraschung festgestellt, dass sie nicht zu diesen kühlen, berechnenden Frauen gehörte, mit denen er normalerweise ins Bett zu gehen pflegte. Das hatte seine Erregung noch spürbar gesteigert. So weit, dass sein Schmerz betäubt worden oder vielleicht vorübergehend sogar ganz verschwunden war.

Bei der Erinnerung daran stöhnte Nick und setzte sich abrupt auf. Bloß raus hier aus diesem Bett! Er sprang auf, kehrte den zerwühlten Laken den Rücken und verließ das Schlafzimmer.

Und blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, dass er nicht allein war.

Juno, die Göttin der Liebe, trat eben mit einem Glas Wasser in der Hand aus der Küche und streckte den Arm nach dem Lichtschalter aus. Das Einzige, womit sie ihre Blöße bedeckte, war ihr silberblondes, knapp bis zur Taille reichendes Haar.

In Nick stieg sofort wieder Verlangen auf, als er diesen goldbraun getönten Körper sah – lange, wohlgeformte Beine mit straffer seidenweicher Haut, eine schlanke Taille, sanft geschwungene Hüften und hohe feste Brüste mit aufgerichteten rosa Knospen.

Sie war ihm bereits vor einigen Monaten in der Galerie aufgefallen, weil sie so schön war, dass man sie unmöglich übersehen konnte.

Und jetzt wollte er sie. Wieder.

„Was hast du vor?“, fragte er heiser, während er nackt und barfuß auf sie zuging.

Juno stockte bei seinem Anblick der Atem. Sie wusste immer noch nicht genau, wie sie in Nicks Wohnung gelandet war. In seinen Armen. Seinem Bett.

Sie war vom ersten Moment an fasziniert von ihm gewesen, vor Monaten schon. Genauer gesagt, hatte sie sich auf Anhieb in ihn verknallt. Und als Nick sie in die Arme genommen und berührt hatte, war sie verloren gewesen.

Aber vielleicht war sie ja schon vorher verloren gewesen.

Der charismatische Nick Cavendish, ein gebürtiger Amerikaner, war der Eigentümer der Londoner Kunstgalerie, in der sie arbeitete. Daneben besaß er noch zwei weitere Kunstgalerien in Paris und New York.

Juno hatte bereits mehrere Wochen in der Galerie gearbeitet, als sie ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatte.

Er war hochgewachsen und schlank, mit tiefschwarzem, leicht lockigem Haar, das ihm bis über den Hemdkragen reichte. Das intensive Blau seiner Augen wurde durch seinen dunklen Teint noch betont. Er strahlte dieselbe mühsam gebändigte Wildheit aus wie ein Tiger im Käfig. Mit einem ähnlichen Gefahrenpotenzial.

Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass er von einer jungen Nachwuchskraft wie ihr überhaupt Notiz nehmen könnte. Und doch hatte er es getan. Aber wer weiß, vielleicht war ihr ja auch nur der Zufall zu Hilfe gekommen? Wie dem auch sei, auf jeden Fall wäre sie heute Abend beim Verlassen der Galerie um ein Haar mit Nick zusammengestoßen – weil sie so in Gedanken versunken gewesen war. Sie hatte sich verlegen entschuldigt, aber er hatte nur gelacht und sie im selben Atemzug zum Essen eingeladen. Damit sie sich ein bisschen näher kennenlernen könnten, hatte er gesagt. Weil sie jetzt doch schon mehrere Monate in der Galerie arbeitete.

Nun, näher kennengelernt hatten sie sich dann tatsächlich. Wenn man das so nennen konnte.

Juno war überzeugt, dass kein Quadratzentimeter ihres Körpers von der intimen Berührung seiner Hände und Lippen verschont geblieben war.

Die Erinnerung an diese Intimitäten trieb ihr prompt die Röte in die Wangen.

Wie auch die Erinnerung an die Perfektion seines nackten Körpers. Groß, schlank und muskulös, mit einer breiten, leicht behaarten Brust, einem harten Waschbrettbauch und …

Als sie entdeckte, dass er schon wieder erregt war, wurde ihr schlagartig heiß.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen … ich war durstig“, sagte sie verlegen und hielt das Wasserglas hoch.

Nick dürstete es ebenfalls, allerdings nicht nach Wasser. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf dem Tisch ab. Während er Juno tief in die Augen schaute, senkte er den Kopf und begann mit der Zunge eine ihrer empfindsamen Knospen zu liebkosen. Er spürte, wie seine Erregung wuchs. Junos Kehle entrang sich ein leises Stöhnen, ihre Augen glänzten wie geschmolzenes Gold. Und während sich ihre mit dunklen Wimpern gesäumten Lider schlossen, bog sich ihm ihr Körper willig entgegen.

Sie war wirklich schön, diese Göttin der Liebe, atemberaubend schön. Er lechzte danach, sich ein weiteres Mal in ihr zu verlieren. Nicht um seinen Schmerz zu bannen, sondern weil er sie mit ungeahnter Heftigkeit begehrte. Einer Heftigkeit, die ihn zur Vorsicht mahnte, weil er versucht sein könnte, nicht besonders sanft mit ihr umzugehen.

Er ließ von ihren Brüsten ab und hob sie hoch, um sie wieder ins Bett zu tragen. Seine Zunge erforschte ihre warmen, feuchten Lippen, während Juno ihre Arme um seinen Hals legte und die Finger in sein Haar schob.

Sie zitterte am ganzen Leib, als er sie, ohne den Kuss zu beenden, auf den zerwühlten Laken ablegte. Spielerisch reizte er ihre überempfindlichen Knospen, was Juno zu einem erneuten Stöhnen veranlasste.

Sie fühlte sich, als würde heiß glühende Lava in ihren Adern fließen. Begierig streichelte sie Nicks muskulösen Rücken, bevor ihre Hände nach vorn zwischen seine Schenkel glitten und ihn dort berührten. Genussvoll kostete sie es aus, den harten Beweis seiner Männlichkeit in ihrer Hand zu spüren. Das laute Aufstöhnen, das sich ihm entrang, verriet ihr, dass sie ihm ebenso viel Lust bereitete wie er ihr.

Nick ließ sich in die Kissen zurücksinken, während Junos heiße Lippen seine Brust mit Küssen bedeckten, bis sie schließlich weiter abwärts wanderten, über seinen Bauch und tiefer. Ihm stockte der Atem. Im selben Moment wurde ihm klar, dass er viel zu erregt war. Sie sollte ihre langen Beine um seine Hüften schlingen, damit er sie wieder lieben konnte. Jetzt. Sofort.

Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung glitt er auf sie und schaute ihr in das erhitzte Gesicht, während er langsam in sie eindrang. Sie wölbte sich ihm verlangend entgegen und nahm ihn tief in sich auf. Gleich darauf begannen sie sich im vollkommenen Einklang rhythmisch zu bewegen.

Minuten später – oder waren es Stunden? – keuchte Juno, als sie spürte, wie die pulsierende Lust, die sich stetig in ihr aufgebaut hatte, ihren Siedepunkt erreichte. Sie erschauerte von Kopf bis Fuß und spürte, wie Nick im selben Moment den Höhepunkt erreichte.

Ohne sie loszulassen, drehte Nick sich zur Seite. Erschöpft und zufrieden kuschelte sich Juno an ihn und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

So etwas hatte sie noch nie erlebt. Ihre Körper waren in vollkommener Harmonie vereint gewesen, orchestriert von der Lust, so wie ein kunstvolles Ballett.

Sie lächelte in sich hinein, als sie merkte, wie glücklich sie war, wie entspannt und erfüllt sie sich fühlte. Diesen Mann könnte sie mit Leichtigkeit lieben. Wenn sie es nicht schon tat.

Was angesichts der rückhaltlosen Hingabe, die sie empfunden hatte, sehr gut möglich war.

Auf jeden Fall fühlte sie sich Nick so nahe wie noch keinem Menschen zuvor. Sie fragte sich, was die Zukunft wohl für sie bereithalten mochte. Würden sie vielleicht den kommenden Tag miteinander verbringen? Heute war Sonntag, da blieb die Galerie geschlossen, und Juno hatte frei. Vielleicht würden sie ja zusammen frühstücken. Und sich dann wieder lieben. Anschließend könnten sie im Park spazieren gehen. Und danach …

Bevor sie diesen überaus angenehmen Gedanken zu Ende denken konnte, war Juno auch schon eingeschlafen.

Nick lag neben ihr, befriedigt und erschöpft, aber hellwach.

Juno Johnson war schön und begehrenswert. Ihre völlig ungekünstelte Hingabe war so unwiderstehlich gewesen, dass er seine Grundsätze über Bord geworfen hatte. Und genau aus diesem Grund musste er in Zukunft die Finger von ihr lassen! Diese zarten Fesseln, die einem die Frauen anlegten, waren nichts für ihn. Frauen waren darauf getrimmt, einen Mann einzulullen, bis er keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Das hatte er schon einmal erlebt. Ein zweites Mal würde ihm das ganz gewiss nicht passieren. Dafür kannte er den Schmerz und die Verzweiflung viel zu gut, mit denen man für die wenigen lustvollen Stunden bezahlte.

Außerdem war Juno seine Angestellte. Und somit tabu. Obwohl er sich in diesem Fall leider nicht an seine eigenen Regeln gehalten hatte.

Seit seiner Scheidung vor zwei Jahren hatte es viele Frauen in Nicks Leben gegeben. Er lud sie zum Essen ein und ging anschließend mit ihnen ins Bett. Und am nächsten Morgen pflegte er sich ohne Reue auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden und seiner Wege zu gehen. Keine dieser Begegnungen hatte bei ihm irgendwelche Spuren hinterlassen. Aber bei einer Angestellten war es möglicherweise nicht ganz so leicht, sich aus der Affäre zu ziehen. Genau aus diesem Grund hatte Nick bisher auf eine solche Dummheit verzichtet.

Doch was passiert war, war passiert. Es ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Seiner Wege gehen würde er trotzdem.

Nur dass Juno weiterhin für ihn arbeitete, bereitete ihm Kopfzerbrechen. Sollte er ihr vielleicht dezent nahelegen, dass sie sich am besten einen neuen Job suchte? Natürlich bekäme sie vorher noch eine großzügige Abfindung. Andererseits war es natürlich nicht besonders fair, sie vor die Tür zu setzen, nur weil sie mit ihm geschlafen hatte. Normalerweise war ja eher das Gegenteil der Fall. Die meisten Frauen, die mit ihrem Chef ins Bett gingen, wollten auf diese Weise ihren Job sichern.

Er wandte den Kopf und schaute Juno nachdenklich an. Sie schlief immer noch in seinen Armen. War sie vielleicht deshalb so bereitwillig mitgekommen? Um in finanzieller Hinsicht ein für alle Mal ausgesorgt zu haben?

Falls es so war, konnte sie sich auf eine Überraschung gefasst machen.

Nick Cavendish war niemandem etwas schuldig – am wenigsten einer silberblonden Sirene mit goldenen Augen.

Juno fühlte sich fast schüchtern, als sie mehrere Stunden später Nick Cavendishs chromblitzende Küche betrat.

Nachdem sie in seinem riesigen Himmelbett allein aufgewacht war, hatte sie ihre am Boden verstreuten Kleider aufgesammelt und war ins Bad gegangen. Das heiße Wasser der Dusche half ihr dabei, sich zu entspannen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder aus dem Bad herausgekommen. Denn aus irgendeinem Grund fühlte sie sich seltsam bedrückt. Dabei war die letzte Nacht doch wundervoll für sie beide gewesen. Oder etwa nicht?

Als sie die geräumige Küche betrat, stand er mit dem Rücken zu ihr und machte Kaffee. Heute Morgen war er nicht nackt, sondern trug eine ausgewaschene Jeans und ein schwarzes T-Shirt.

Junos Blick landete auf seinem breiten Rücken, auf dem sich die Muskelstränge abzeichneten, und den fast schulterlangen glänzenden dunklen Haaren.

Er war achtunddreißig – zwölf Jahre älter als sie – und zweifellos der atemberaubendste Mann, der ihr je begegnet war. Und zwar von Kopf bis Fuß, jeder Zoll seines Körpers, wie sie sich erschauernd erinnerte. Nirgendwo hatte er auch nur ein einziges Gramm überschüssiges Fett, und seine Finger – diese einfühlsamen, geschickten Finger – waren lang und gepflegt. Er verstand es, einer Frau Lust zu bereiten … oh ja, das verstand er wirklich.

Nick lebte allein. Aber offensichtlich hatte es da vor einigen Jahren eine Ehefrau gegeben. Das zumindest behauptete Junos Kollegin Kate, die sich nur zu gern ein wenig über den Chef ausließ, sobald er ihr den Rücken kehrte. Im Grunde ihres Herzens verachtete Juno nichts mehr als Tratsch und Klatsch. Doch unwillkürlich hatte sie an Kates Geschichte denken müssen, als sie vor drei Monaten Nick zum ersten Mal begegnet war. Wie ein Tornado war er durch die Galerie gefegt und hatte ungnädig Befehle erteilt, bevor er endlich nach Paris entschwunden war, um seine dortigen Angestellten durch die Gegend zu scheuchen.

Laut Kate war Nick fünf Jahre lang verheiratet gewesen, bevor das Unglück über ihn hereinbrach. Von einem Tag auf den anderen war sein vierjähriger Sohn gestorben – und mit ihm Nicks Ehe, die dieser schrecklichen Belastung einfach nicht standhalten konnte. Inzwischen war Nick seit zwei Jahren geschieden, aber den Tod seines Sohnes hatte Nick Cavendish angeblich immer noch nicht verkraftet.

Was natürlich nicht überraschend war, denn für Eltern gab es wahrscheinlich nichts Tragischeres, als ihr Kind zu verlieren. Doch genau diese Tragik, die sein Leben überschattete, hatte Junos Interesse an Nick Cavendish noch weiter angefacht.

Von da an hatte sie ihn bei seinen kurzen Besuchen in der Galerie unauffällig beobachtet. Bei seinem zweiten Besuch war er schlecht gelaunt und nachdenklich gewesen, doch manchmal lächelte er auch. Und einmal hatte er sogar laut gelacht. Dieses Lachen hatte ihm ein richtig jungenhaftes Aussehen verliehen. Nur der tiefe Schmerz, der sich in diesen strahlend blauen Augen eingenistet hatte, verschwand nie.

Er kam in regelmäßigen Abständen in die Galerie, um sich davon zu überzeugen, dass alles in geordneten Bahnen lief. Fast immer brachte er neue Ideen mit und inspirierte die Belegschaft durch seine Kreativität. Juno war schlicht fasziniert von ihm.

Doch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie sich ausmalen können, dass er sie eines Tages zum Essen und anschließend auch noch in sein Bett einladen würde.

Nick hatte mehr gespürt als gehört, dass Juno hinter ihm auf der Schwelle stand. Während er vorgab, sich weiter mit dem Kaffee zu beschäftigen, stieß er innerlich einen tiefen Seufzer aus. Der Morgen danach war immer schwierig. Denn Nick hasste nichts mehr, als mit einer Frau irgendwelche Belanglosigkeiten auszutauschen, nur weil man die Nacht gemeinsam verbracht hatte. Doch diesmal war es besonders schlimm. Worüber sollte er mit Juno jetzt reden? Über das Wetter? Wer voraussichtlich die Tennismeisterschaften gewinnen würde? Oder das große amerikanische Golfturnier? Das waren wohl kaum Themen, die sie interessieren würden.

Obwohl es immer noch besser war, darüber zu reden als über das nächste Wiedersehen. Das kam nämlich erst recht nicht infrage. Besonders nicht in diesem Fall. Nick war längst klar geworden, dass es ein unverzeihlicher Fehler gewesen war, mit Juno Johnson ins Bett zu gehen. Deshalb würde er die Situation jetzt ganz bestimmt nicht auch noch verkomplizieren, indem er ihr Hoffnung auf eine Wiederholung machte.

Zeit, dem Problem ins Auge zu blicken, entschied Nick und drehte sich zu Juno um. Je schneller er es hinter sich brachte, desto besser.

Heute Morgen trug sie wieder die elegante Seidenbluse und die enge schwarze Hose, das weiche Haar fiel ihr seidig glänzend über die Schultern. Ihr Versuch, den rosa Schimmer, den seine Bartstoppeln beim Küssen auf ihrer zarten hellen Haut hinterlassen hatten, mit etwas Puder zu kaschieren, war nur teilweise geglückt.

Halt! Sofort aufhören! Diesen Weg würde er nicht weitergehen! Er würde sich jetzt nicht daran erinnern, wie leidenschaftlich und willig diese Frau in seinen Armen gewesen war. Sonst landete er womöglich gleich wieder mit ihr im Bett.

„Gehst du?“, fragte er daher so schroff wie möglich. „Nicht wenigstens noch einen Kaffee?“ Er hielt fragend einen Becher hoch.

Juno runzelte die Stirn. Sie war auf einiges gefasst gewesen. Aber seine Reaktion verletzte sie nun doch. Offenbar konnte Nick es kaum erwarten, sie endlich loszuwerden. So viel zu ihrer Hoffnung, dass sie den Tag miteinander verbringen, ein bisschen plaudern, lachen und zwischendurch immer wieder Liebe machen könnten …

„Ich … glaube nicht, danke“, erwiderte sie verunsichert, während sie immer noch überlegte, ob er sie gerade zum Gehen aufgefordert hatte.

Peinliches Schweigen machte sich breit.

Was will sie denn noch, dachte Nick ungeduldig. Er hatte ihr Kaffee angeboten, sie hatte abgelehnt. Und jetzt war es für sie beide besser, wenn sie einfach …

„Ich … vielleicht sollte ich jetzt gehen.“ Sie sprach zögernd, fragend. Als ob sie sich von ihm gedrängt fühlte, sich aber nicht ganz sicher war, ob er es auch wirklich so meinte. Und als würde sie hoffen, dass er sie doch noch bat zu bleiben.

Wie käme er dazu? Er hatte sie zum Essen eingeladen. Und war anschließend mit ihr ins Bett gegangen. Sie hatten beide ihren Spaß gehabt. Und jetzt war es vorbei. Was wollte sie noch von ihm? Er hatte nichts zu geben!

„Meine Mitbewohnerin wird sich wahrscheinlich schon fragen, wo ich abgeblieben bin“, fügte sie mit einem leichten Schulterzucken hinzu.

Aha, Mitbewohnerin, dachte Nick. Jetzt wusste er es. Gestern Abend hatte er sich nicht die Mühe gemacht nachzufragen, mit wem sie sich die Wohnung teilte. Und auch nicht, ob sie womöglich einen festen Freund hatte.

Himmel, wie peinlich, dachte Juno. Sie hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung, wie sie mit so einer Situation umgehen sollte. Und was Nick eigentlich von ihr erwartete, war ihr mindestens ebenso schleierhaft.

Nicht, dass sie völlig unerfahren gewesen wäre – auf der Universität hatte sie einen Freund gehabt, aber das war Jahre her. Hinzu kam, dass sie noch nie eine ganze Nacht in der Wohnung eines fremden Mannes verbracht hatte. Und dass der erste Mann, bei dem sie übernachtete, dann ausgerechnet ihr Chef sein musste, machte die Sache bestimmt nicht besser.

Offensichtlich war die Bemerkung, dass sie gehen wollte, die passende gewesen. Nick wirkte richtig erleichtert. „Wenn du sicher bist, dass du keinen Kaffee willst …“, sagte er abschließend, während er sich selbst einschenkte. Schwarz, ohne Zucker.

Als er sich an den Tresen setzte und einen Schluck trank, musste Juno zu ihrem Leidwesen erkennen, dass sein Angebot nur eine Höflichkeitsfloskel gewesen war.

Letzte Nacht war sie von diesem so atemberaubend gut aussehenden, charismatischen Mann schier überwältigt gewesen. Sie hatte es kaum glauben können, dass er ihr Interesse erwiderte, aber für einen kurzen Moment hatte es tatsächlich den Anschein gehabt. Im Licht des neuen Tages jedoch sah alles anders aus. Heute wirkte Nick, als ob er am liebsten alles ungeschehen machen würde.

Deshalb sollte sie das Ganze nicht auch noch in die Länge ziehen.

„Na dann, schönen Tag noch“, verkündete sie gespielt munter. „Ach, und … noch mal danke für die Einladung zum Abendessen“, fügte sie schon nicht mehr ganz so munter hinzu.

Und für alles andere, hätte sie fortfahren können, aber das verkniff sie sich. Nach all den Intimitäten von letzter Nacht war dieser Abschied durch und durch niederschmetternd. Ob sich der Morgen danach immer so anfühlte? Falls ja, konnte sie sehr gut darauf verzichten.

Nachdem Nick ihr einen Blick zugeworfen hatte, musste er sich eingestehen, dass sie ziemlich verunsichert wirkte. Ihre Augen wirkten groß und verstört in ihrem blassen Gesicht. Woran wohl seine mangelnde Begeisterung nicht ganz unschuldig war.

Aber was, um Himmels willen, hatte sie erwartet? Heiße Liebesschwüre?

Verdammt, das hier war keine Märchenstunde, sondern das Leben! Und sie waren keine romantischen Teenager, sondern zwei vernünftige Erwachsene.

Sie hatten ihren Spaß gehabt, und mehr war nicht drin.

„Ich fliege später nach New York“, erklärte er widerstrebend. „Ich melde mich, okay?“, fügte er hinzu, obwohl es das Letzte war, was er vorhatte.

Natürlich war es sein Fehler gewesen. Er hätte sich niemals mit einer Angestellten einlassen dürfen. Schon allein deshalb musste er dafür sorgen, dass sich seine und Juno Johnsons Wege nie wieder kreuzten.

Das nennt man dann wohl eine eiskalte Abfuhr, dachte Juno verletzt. Sie mochte vielleicht etwas unerfahren sein. Aber die Bedeutung von Ich melde mich war jeder Frau aus Zeitschriften und Büchern bestens bekannt. Ganz besonders, wenn der Mann nach einer gemeinsam verbrachten Nacht noch nicht einmal nach der Telefonnummer fragte. Damit drückte er ganz klar aus, dass er nicht die Absicht hatte, sich je wieder zu melden.

Natürlich verhielt es sich bei Nick eine Spur anders. Immerhin konnte er sie in der Galerie anrufen oder sich zumindest von der Personalabteilung ihre Privatnummer geben lassen. Aber nach dem heutigen Morgen machte sich Juno diesbezüglich keine allzu großen Hoffnungen.

So etwas Demütigendes hatte sie noch nie erlebt. Sie musste so schnell wie möglich hier weg.

Nick konnte ihr ansehen, dass sie drauf und dran war, die Flucht zu ergreifen. Gut so – das war es doch, was er gewollt hatte, oder? Nun, vielleicht nicht ganz. Ehrlicherweise musste er zugeben, dass es ihm nicht passte, derart beiläufig verabschiedet zu werden. Das war sein Part und nicht ihrer!

Er setzte ein leichtes Lächeln auf und ging auf sie zu. Bei ihr angelangt, legte er ihr einen Arm um die Taille, zog sie an sich und murmelte: „Dann mach’s mal gut, Juno!“ Hoffentlich hatte sie nicht mitbekommen, dass er schon wieder erregt war.

Goldene Augen musterten ihn irritiert. Heiliger Himmel, waren diese Augen schön! Nick stöhnte innerlich auf. Alles an ihr war schön, wenn er sich richtig erinnerte. Und er erinnerte sich nur allzu gut. Leider.

Vielleicht konnten sie sich ja doch wiedersehen …

Verdammt! Reiß dich zusammen, Nick, ermahnte er sich ungeduldig. Viel weiser war es, die Sache im Sand verlaufen zu lassen. Schließlich war am Ende doch alles noch ganz gut gegangen, oder etwa nicht?

Sie hatten beide einige unvergessliche Stunden verbracht. Mehr konnte man sich nicht wünschen. Und die schöne Juno würde mit der Zeit bestimmt vergessen, dass es diese Nacht je gegeben hatte …

Er jedenfalls war dazu fest entschlossen.

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