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Die Farben der See: Oder von der Lust, ein Meeresforscher zu sein

Ausfahrt

Der Frühnebel lichtet sich,
Du machst die Leinen los,
erst Bug dann Heck.

Du fährst in die Kieler Förde raus,
am Seefischmarkt vorbei, dann Düsternbrook.

Am Kanal sammeln sich die Schiffe,
ein Lotsenboot kommt von der Arbeit.

Du passierst Friedrichsort Leuchtturm
und winkst den Anglern zu.

Dann weitet sich die Bucht,
die ersten Wellen ziehen heran, der Wind frischt auf.
Möwen folgen dem Schiff.

Der erste Sonnenstrahl.
Du fährst nach Norden.
Volle Kraft voraus, 10 Knoten.

Die Jungs machen ihre Arbeit,
Du hast die Fahrtleitung.

Und Du weißt, Du bist ein Meeresforscher.
Gibt’s was Besseres auf der Welt?

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie ich auf das Meer kam

Fünf Wochen im Fisch

Ein Sturm

Wale, Haie und anderes Getier

Dünung

Merkwürdiges und Misslungenes

Kongressromanze

Die Farben des Meeres

Verzauberte Stunde

Das Schweigen der See

Afrikanische Hafentage

Der Säulengarten

Tränentage

Lappaloma

Im Eis

Forscherglück, Forscherskepsis

Das Meer und ich

Der blaue Edelstein

Vorwort

Die meereskundliche oder ozeanographische Forschungsfahrt ist eine Seefahrt von sehr eigenem Gepräge, verbunden mit einem sehr intensiven See-Erleben. Es gibt die unterschiedlichsten Arten zur See zu fahren: Als Tourist auf einem Kreuzfahrtschiff zum Beispiel, als Segler oder als Seemann auf einem Handelsschiff. Bei keiner dieser Tätigkeiten geht es aber um das Meer an sich, um sein Inneres. Für den Kreuzfahrttouristen ist das Meer eine Erholungsstätte, für den Segler vornehmlich eine Sportarena, wenngleich eine wunderschöne, dem Seemann ist sie Verkehrsweg. Kennzeichnend ist, dass die Aktivitäten auf die Oberfläche des Meeres begrenzt bleiben.

Nicht so dem Meeresforscher, denn die Oberfläche des Ozeans ist für ihn der Eingang zu einer andern Welt, zu einem anderen Universum wie Frank Schätzig eines seiner Bücher betitelte. Ihn interessiert gerade das, was unter der Oberfläche liegt. Ihn Interessiert das Meer an sich.

Der Meeresforscher will die Geheimnisse der Tiefe ergründen, verstehen, was da unten vorgeht, das Leben und Weben studieren. So gesehen besteht eine enge Verwandtschaft zur Fischerei, denn beide wollen aus den Tiefen der See dass für Sie Wesentliche heraufholen. Der eine den Fisch, der andere Zahlen, Daten, Zusammenhänge. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die Anfänge der Meeresforschung eng mit Fragen der Fischerei verbunden waren.

Dies hat aber zur Folge, dass sich auch in anderer Hinsicht die Forschungsreisen von den üblichen Seefahrten unterscheiden. Im Zentrum der „normalen“ Seefahrt steht das Überwinden von Strecken und die Verbindung zweier Punkte auf der Weltkugel, es sind distanzbetonte Reisen. Demgegenüber werden bei wissenschaftlichen Meeresreisen nur bestimmte Regionen aufgesucht und es wird sehr lange auf einem vergleichsweise engen Raum gearbeitet.

So habe ich beispielsweise im Frühsommer 1993 an einer Untersuchung im Nordatlantik auf bzw. in der Nähe von 47° N 20° W teilgenommen. Mehr als zwei Wochen haben wir in einem Gebiet gearbeitet, dass nur ca. 100 x 100 Seemeilen umfasste. Im Jahre 1983 legte ich 4000 Seemeilen vor der westafrikanischen Küste zwischen dem weißen und dem grünen Kap in etwas mehr als vierzig Tagen zurück. Wie wenig das ist, mag man darin erkennen, dass ein Frachtschiff in diesem Zeitraum 18 000 Seemeilen oder mehr „gemacht“ hätte. Forschungsreisen sind zeitbetonte Reisen in ein vgl. eng umschriebenes Seegebiet. Sie sind „Kreuzfahrten“ oder besser „Kreuz- und Querfahrten“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Das ultimative Ziel des Kauffahrteischiffes ist der Hafen, das ultimative Ziel des Forschungsschiffes das Meer.

Von dieser Art der Seefahrt möchte ich hier berichten. Nicht Ergebnisse stehen im Vordergrund, sondern Erlebnisse, also das, was in den Forschungsberichten eben meist nicht vermittelt wird. Das ist selbstverständlich subjektiv und viele Episoden würde von anderen Fahrtteilnehmern anders berichtet werden.

Sollte ich diesen Aufzeichnungen ein charakterisierendes Wort beifügen, so würde ich „Faszination“ oder vielleicht besser noch „Begeisterung“ wählen. Um diese geht es mehr oder weniger in dem ganzen Buch und sie vermittelt sich hoffentlich direkt oder indirekt in allen Kapiteln. Ich habe aber davon abgesehen, eine Reihe von systematischen Fahrtbeschreibungen zu geben, also eine Reise nach der anderen darzustellen. Dafür gleichen sich die meisten Reisen doch zu sehr.

Das Buch ist eine Collage, die verschiedene Facetten des Erlebten vorstellt, dabei auch gelegentlich von der Forschung spricht, aber sich nicht ausschließlich darauf konzentriert. Da stehen Fahrtbeschreibungen neben Tiererlebnissen oder Beschreibungen bestimmter Seephänomene wie ein Sturm oder die Dünung neben sehr persönlichen Reflektionen.

Kurz: Das Buch mag als eine Art Ergänzung zu den sonst faktenorientierten Forschungsberichten verstanden werden, als eine Art Zusammenfassung eines Biologischen Ozeanografen, der knapp 20 Jahre lang immer wieder auf dem Meer war und der meint, dass es noch über andere Erfahrungswelten zu schreiben gibt als über die wissenschaftlichen Fakten, denn wir haben ja nicht nur ein wissenschaftliches Gehirn, sondern auch Gefühle, Ängste, Freuden. Die „Farben“ im Titel des Buches sind daher ein Synonym für die verschiedenen Eindrücke.

Eine Anmerkung noch zuvor: Alle Personen sind in der Regel nur mit Vornamen gegeben, egal ob Student oder Professor. In einigen Fällen, die ggf. ein zweifelhaftes Licht auf eine Person werfen könnten, wurden die Namen geändert.

Wie ich auf das Meer kam

Wenn jemand ein Buch über seine Erlebnisse als Meeresforscher schreibt, so stellt sich die Frage, wie denn der Autor überhaupt zu seiner Profession gekommen ist. Zumal dann, wenn der Leser erfährt, dass der Erzähler aus dem tiefen Binnenland, genauer, aus dem Sauerland etwas südlich von Paderborn stammt. In der Tat, als ich mich vor bald 50 Jahren für das Meer und seine Bewohner zu interessieren begann, war das aus der Familiengeschichte nicht vorhersehbar.

Niemand in meiner unmittelbaren Vorfahrenreihe ist jemals zur See gefahren. Die väterliche Linie war erdgebunden. Der Urgroßvater Steinsetzer, der Großvater Ingenieur, der Vater Ingenieur. Das Erdgebundene überwog auch bei den mütterlichen Vorfahren, die aus Ostpreußen stammten. Kein Drang zur See also.

Oder doch? Immerhin hatte mein Großvater väterlicherseits ein sehr starkes Interesse an der klassischen Seefahrt. Eine kleine, aber wohlsortierte Bibliothek führte in die Welt der alten Großsegler. Verwegene Kap-Hoorn-Umrundungen, die rasanten Törns der Teeklipper, die Erfolge der „Flying-P-Liner“ und das Leben von Kapitänen wie Hilgendorf gehörten bald zu den Heldengeschichten meiner Kindheit. Daneben baute er Modelle von Segelschiffen, verfügte über eine Reihe entsprechender Pläne, ist aber selbst nie über Helgoland hinausgekommen und streifte im Wohnzimmersessel bei einem Glas Rotwein durch die Ozeane.

Es gab auch noch andere Bücher in der Familie. Hans Hass berichtete in „Drei Jäger auf dem Meeresgrund“ und „Manta – Teufel im Roten Meer“ über seine Tauchgänge in der Karibik bzw. im Roten Meer. Gerade das letzte Buch – Anfang der 50er Jahre gekauft und daher eine Kleinigkeit älter als ich – liegt mir besonders am Herzen, denn viele Jahre später habe ich z. T. an den gleichen Stellen gestanden wie dieser Pionier der Unterwasserreportagen.

Zusätzlich formten vielleicht gewisse Schallplatten im elterlichen Haushalt mein kindliches Gemüt. So erfuhr ich von Hans Albers, dass nachts um halb eins auf der Reeperbahn ordentlich was los sei, Käpt’n Bye-Bye aus Schanghai eine Lumpenstrump wäre und er immer wieder irgendeinen mir bis heute unbekannten Schiffsführer bat, ihn in die Ferne mitzunehmen.

Als Besonderheit ist mir noch der Weihnachtsabend 1962, mein achter, in Erinnerung. An diesem Tage hatte ein so genanntes „Kofferradio“ Einzug in unser Haus gehalten. Mein Vater trieb eine Sendung auf, die Weihnachtsgrüße an Seeleute auf allen Meeren ausstrahlte. Da hieß es dann sinngemäß: „Tante Karla wünscht ihrem Neffen auf FS Blankenfels im Seegebiet vor Brasilien ein schönes Weihnachtsfest. Oma Liselotte schließt sich den Grüßen aus der Heimat an“. Der nächste Gruß ging ins Mittelmeer, dann auf einen Fischdampfer im Nordatlantik, es folgten Ostasien, Australien, Afrika, Rotes Meer… Sollte ich mich tatsächlich richtig erinnern, so haben wir den ganzen Weihnachtsabend den Grüßen in alle Welt gelauscht. Jedenfalls hat mich die Sache ungeheuer beeindruckt. So weit verstreut fahren Menschen auf dem Meer und alle grüßen sie!

Es wäre aber völlig verfehlt, in diesen kleinen Mosaiksteinchen eine wesentliche Basis für meine späteren Interessen entdecken zu wollen. Die Familie war bereits 1956 nach Köln umgezogen und alles ging seinen normalen Gang. Arbeit, Schule, Haushalt. Gutbürgerlich halt. Die Seefahrt war für mich genau so interessant wie die durchaus achtbare und vielleicht später zu wählende Laufbahn als Cowboy. Auch ein Urlaub an der See wurde nicht zu einem Schlüsselerlebnis.

Aber die heile Welt zerbrach! Mein Vater war als Ingenieur mit Aufsichtsarbeiten bei dem Bau von Sodawerken häufig im osteuropäischen Ausland beschäftigt. Während einer dieser Einsätze in Polen kam er durch einen Arbeitsunfall ums Leben. Ich war gerade 11 geworden. Damit setzte eine Entwicklung ein, die viele Jahre später auf Forschungsschiffen ihren vorläufigen Abschluss finden sollte.

Etwa ein Jahr nach diesem familiären Desaster beschloss meine Mutter, meine weitere Erziehung und Schul“karriere“ in die Hände von Internatslehrern zu legen. Wahrscheinlich fürchtete sie, dem auf die Pubertät zuschreitenden Söhnchen nicht die Führung angedeihen lassen zu können, die sie für nötig hielt. Der nun vaterlose Knabe kam also zwecks besserer Erziehungsmöglichkeiten in ein Internat. Erst nach Aachen, dann nach Langeoog und letztendlich nach St. Peter-Ording.

Meine Mutter nahm wohl an, dass sie nicht hinreichend in der Lage wäre, das zu geben, was ein Vater einem heranwachsenden Jungen vermitteln muss. Damit hatte sie Recht. Nicht Recht hatte sie hingegen mit der Vermutung, ein Internat könne so etwas leisten. Aber ich will nicht schlecht reden, denn vor allem die drei Jahre auf Langeoog und das weitere in St. Peter – Ording wurden für mich die wahrscheinlich wichtigsten in meinem Leben. Zumindest mit Bezug auf meine Berufswahl.

So saß nun ein Stadtkind aus Köln mitten in einer dörflichen Struktur im Meer. Der Leser mag vielleicht einen „negativen“ Kulturschock vermuten, aber mit 14 ist es damit noch nicht so weit her. Wichtiger war, dass die erwachende Persönlichkeit eine innere Heimat fand. Seit diesen Jahren fühle und bezeichne ich mich als Norddeutscher, mag die Kultur, die Landschaft und die Menschen. Zu dem Rheinland im Allgemeinen und Köln im Besonderen hatte ich in den Kinderjahren keine innere Bindung aufgebaut und als mich das Leben viele Jahre später wieder an den Rhein zurückspülte, war dies keine Heimkehr, sondern bedurfte einer vorsichtigen Annäherung.

Es konnte in meiner Zeit auf Langeoog naturgemäß nicht ausbleiben, mit der Nordsee in Kontakt zu kommen. Im Süden geht die Insel vornehmlich als Grünland in die Wattenregion der ostfriesischen Inselwelt über, im Westen und Norden dagegen zieht sich ein endlos scheinender Strand rund um die Insel, jenseits dessen sich die offene Nordsee bis zum Horizont erstreckt. Von dem Internat waren es vielleicht 15 Gehminuten bis in die Dünen- und Strandregion und so verbrachten wir dort viel von unserer Freizeit.

Das noch kindlich – jugendhafte Herumtollen im Sand, die Inspektion des Strandanwurfes, Baden und was sonst noch an Freizeitaktivitäten möglich ist, eröffneten mir die Überreste der Meeresfauna und – flora. Seien es nun die unvermeidlichen Muscheln und Schnecken, Seeigelgehäuse, Algen und Tange oder die ebenfalls unvermeidlichen Quallen, die Möwen in der Luft und der eine oder andere an Land geworfene und verendete Fisch. Gelegentlich fanden wir auf unseren Streifzügen auch einen toten Seehund. Mit großem Einschussloch irgendwo im Körper, denn zu dieser Zeit war die Jagd auf Seehunde noch erlaubt.

Auf irgendeine Weise kam ich an das Buch „Der Strandwanderer“ von Paul Kuckuck. Das war ein seit Ende des 19. Jahrhunderts ständig neu aufgelegter Führer zur Lebenswelt der Nord- und Ostsee. Voll mit Informationen über die Biologie der jeweiligen Tiere, hat er sich über die Jahrzehnte (natürlich mit Einarbeitung der notwendigen Korrekturen und Ergänzungen) auf dem Buchmarkt gehalten. Mit diesem Strandwanderer erfuhr ich mehr über das Leben meiner Funde und begann, mich für mehr zu interessieren als nur für den äußeren Reiz.

Auf diese Weise erfuhren wir auch, dass es in der Nordsee Haie gibt. Das war etwas für unsere jugendliche Abenteuerstimmung. Sofort besorgten wir uns Angelmaterialien. Haken, Leine, irgendjemand hatte erfahren, dass man einen Stahlvorfach benötigt, damit der Hai die Leine nicht durchbeißen kann, und weitere Utensilien. Uns war klar, dass die Monsterjagd nicht vom Strand zu bewerkstelligen ist. Es musste schon tieferes und offeneres Wasser sein. Wir wählten die äußere Hafenumgrenzung als geeigneten Ort für unsere zukünftigen Heldentaten und sofort flogen die hakenbewährten Leinen ins Wasser. Mit finster entschlossenem Gesicht, motiviert bis in die Haarspitzen und mit angespannten Muskeln erwarteten wir den ersten Kampf mit irgendeinem Ungetüm.

Es passierte aber nichts. Natürlich, ohne Köder kann das ja nichts werden. Also durchstöberten wir die kleinen, auch bei Ebbe mit Wasser gefüllten Teiche nach geeigneten Köderorganismen. Zu Ihrem persönlichen Pech ließen sich einige Aalmuttern – etwa 10 – 20 cm lange Fische, deren Brut aussieht wie kleine Aale – fangen. Sie kamen an die Haken und warteten bald darauf, von einem Hai gefressen zu werden. Aber es passierte wieder nichts. Es passierte nie etwas, die einzigen Opfer waren gequälte Aalmuttern. So steckten wir die Sache auf, die Begeisterung war genauso schnell dahin, wie sie gekommen war. Zum Glück für die überlebenden Köderfische.

Eine völlig anders gestaltete Stätte für biologische Studien lag direkt vor der Haustür. Zwischen dem Internat und dem eigentlichen Schulgebäude lag ein kleiner Bach – Ringschloot genannt -, den wir auf den Weg zur Schule mittels Brücke überqueren mussten. Die Ufer senkten sich vergleichsweise steil ca. 1 m unter das allgemeine Bodenniveau, die Hänge waren dick bewachsen und das Rinnsal selbst quälte sich durch dieses Dickicht. Der ca. 75 cm breite Bach war leider keine Schönheit, da er z. T. als Müllkippe benutzt wurde, ökologisch war er aber wohl noch einigermaßen in Ordnung. Jedenfalls beherbergte er größere Mengen an Stichlingen, im Frühjahr schwärmten die Kaulquappen durch die Uferregionen. Erdkröten siedelten in der Nähe, diverse Insekten und Insektenlarven lebten im Wasser und Libellen umschwirrten die Uferregion.

Hier gab es immer etwas zu entdecken. Eine Erdkröte zog in unsere Stube ein, wurde aber nach zwei Tagen, als sie morgens um fünf Uhr zu „singen“ begann, großzügig wieder in die Freiheit entlassen. Meine erste ernsthaftere Studie, die wenigstens etwas in die wissenschaftliche Richtung ging, war die Aufnahme von Wachstumskurven von Kaulquappen. Ich hatte mir ein breites und flaches Gefäß als Aquarium besorgt, Wasserpflanzen hineingelegt und mit etlichen Kaulquappen ausgestattet. Jeden Tag holte ich ordentlich alle nacheinander heraus, vermaß sie mit Hilfe eines Lineals und notierte penibel die Ergebnisse in einer Tabelle. Ich begann mich nun in der Tat für Biologie zu interessieren.

Dieses aufkeimende Interesse wurde in vorzüglicher Weise von Frau W., meiner Biologielehrerin, unaufdringlich und geschickt gelenkt und gesteigert. Letztendlich war sie die Schlüsselperson auf dem Weg in einen für die Familientradition neuen Beruf. Wahrscheinlich wären meine Interessen irgendwann im Sande verlaufen, hätte sie nicht meine überschüssigen Kräfte in sinnvolle Aufgaben eingebunden, Anerkennung und Ansporn vermittelt und mich in allen Belangen dieses Geschäftes unterstützt. Sie tat genau das, was einen guten Lehrer ausmacht: Begeisterung wecken, Schüler so lenken, dass sie Talente und Aktivitäten entfalten können ohne sich unter Druck zu fühlen und in den Fachfragen als gern konsultierte Person bereit zu stehen.

In irgendeinem der drei Sommer auf Langeoog fand ich am Strand kleine, durchsichtige Gallertkugeln von ca. 1 cm Durchmesser. Unwissend brachte ich die noch leidlich lebenden Exemplare zu Frau W., die mir erklärte, dass es sich um Rippenquallen und in diesem Falle um die in der Nordsee häufige „Seestachelbeere“ handele. Diese Gruppe stellt einen eigenen Tierstamm dar, besteht wie alle Quallen zu etwa 95 – 98 % aus Wasser, ist aber mit den eigentlichen Quallen nicht verwandt. Interessant ist ihre Fortbewegung. Am Körper ziehen acht Reihen von kleinen Plättchen über den ganzen Körper, die wie eine Unzahl kleiner Ruder das Tier schwimmend vorantreiben. Aber ich könne mir doch am Strand neue besorgen, diese in ein Gefäß mit Seewasser geben und die Art und Weise der Fortbewegung am lebenden Objekt studieren.

Gesagt, getan und nur wenige Tage später schwammen drei oder vier Exemplare dieser durchsichtigen, grazilen Tiere in einem Gefäß. Die nun folgenden Beobachtungen waren recht aufschlussreich. Die acht Plättchenreihen, die namengebenden Rippen, waren in ständiger Bewegung, das Tier drehte sich, wendete, schwamm elegante Schleifen, legte den Rückwärtsgang ein wenn es an den Becherrand stieß und schwamm in anderer Richtung weiter. Es war nicht ganz einfach, das Antriebsprinzip genau zu durchschauen, aber ich gewann allmählich Klarheit. Die Plättchen schlagen wie eine Welle nacheinander von oben nach unten. Wie ein Ruderboot mit 10 Riemen, wo der vordere zuerst durchzieht, dann der zweite, der dritte usw. In der Fachsprache nennt man das metachron (Im Gegensatz zu synchron). Dieser metachrone Schlag der Plättchen, die aus zusammengeklebten Härchen bestehen, treibt das Tier vorwärts. Ich machte Aufzeichnungen und Skizzen so gut es ging. Was aber, wenn das Tier zu Seite wollte? Es war nicht schwer herauszukriegen, dass das Tier völlig nach dem Ruderbootprinzip arbeitet. Soll die Richtung gewechselt werden, stoppen einige „Rippen“ ihre Aktivität und während die anderen weiterschlagen, kommt eine elegant geschwommene Kurve zustande. Dann werden alle anderen „dazugeschaltet“ und es geht mit voller Kraft auf neuem Kurs weiter.

Diese Arbeit katapultierte mich in Biologie auf einen vorderen Zensurenplatz. Wollte man philosophieren, so könnte man in dieser Arbeit eine Vorahnung späterer Ereignisse sehen, denn ich hatte das erste Mal mit einem Planktonorganismus „gearbeitet“ und rund 10 Jahre später schrieb ich über exakt die gleichen Tiere meine Diplomarbeit.

Es war sowieso eine Zeit der „ersten Male“. Die erste Zigarette, der erste Alkohol, das erste Mal die Feststellung, wie angenehm sich Mädchen anfassen (Klammerblues bei „Hey Jude“, ich denke die Älteren erinnern sich). Und das erste Rauschgift auf der Insel!

Was sich in der bisherigen Schilderung nach ländlicher Idylle und Lausbubengeschichten ausnahm, war nur eine Facette des Internatslebens. Die andere bestand aus Auflehnung. Wir waren glühende Kommunisten, verachteten die bürgerliche Gesellschaft und gründeten die „RotZLang“, die Rote Zelle Langeoog. Selbstverständlich lehnten wir die bürgerliche Kleidung ab und bestanden auf unbedingte Individualität.

Also besorgten sich ca. 200 Mädchen und Jungens alte grüne Parka, möglichst aus Vietnam-Beständen, und – der absolut letzte Schrei – wenn möglich mit Einschussloch. Die Haare wuchsen, die Bärte sprossen, man rauchte Rothhändle aus Verbundenheit mit der Arbeiterschaft, vor allem aber weil es zu jener Zeit in der Packung noch 12 Stück für eine Mark gab, während die anderen Firmen schon auf 11 Zigaretten pro Schachtel umgestellt hatten. Die Zeit von Beatles, Beach Boys etc. ging langsam zur Neige und Jimmy Hendrix und Janis Joplin dröhnten durch die Internatsgänge, das „Woodstock-Konzert“ war eine der häufigsten Platten, dicht gefolgt vom Soundtrack aus „Easy Rider“.

Die Autorität der Lehrer ging vor allem aus Gründen innerer Führungsschwäche den Bach ab. Ein Lehrer flog aus dem Schuldienst weil er sich mit einer Schülerin eingelassen hatte, einen erwischten wir mal nachts beim Küssen mit der Kollegenfrau und einige andere Vorfälle waren nicht geeignet, in diesen kritischen Zeiten einen festen Kurs zu steuern. Einen einzigen gab es da, der als Steuermann geeignet gewesen wäre, wieder Ordnung zu schaffen. Er hieß im Internatsjargon nur „Urk“, nannte sich im wahren Leben Herr W. und war der Mann der schon erwähnten Biologielehrerin.

Rauhbeinig, einäugig (Kriegsschaden) und absolut unbestechlich war er meist ein Schrecken für uns, aber konsequent, gerade und nicht nachtragend. Je nach Situation konnte er uns „zusammenfalten“ aber genauso gut sich rührend um einen kümmern. Leider erkennt man erst in späteren Jahren, wie viel Positives uns ein so gerader, wenn auch gelegentlich unbequemer Mensch gibt.

Er unterrichtete Physik und Chemie und bestand hier wie im alltäglichen Leben auf absolute Klarheit. Ein Beispiel aus dem Chemieunterricht: Er hatte dies und das zusammengemengt und in der Flüssigkeitsphase stiegen Blasen auf. Urk fragte: „Was seht ihr?“ und ich antwortete vorwitzig und gut unterrichtet „Es steigt Wasserstoff auf“. Das war zu viel. Ob ich denn Röntgenaugen hätte, raunzte er mich an, oder wie ich denn bitte schön den Wasserstoff erkennen könne? Bescheidenheit bei mir: „Es steigen Blasen auf“. „Aha“. Dann kam die Erklärung, die endlich in der Feststellung gipfelte, dass es sich dabei um Wasserstoff handele. Immer erst schön die Beobachtung machen, dann nachdenken über die Zusammenhänge, dann Erklärungen abgeben. Nicht umgekehrt.

Originell war auch das morgendliche Wecken. Die Tür flog auf, Urk betrat die Arena und verkündete ziemlich laut „Auf, auf, der Tag ist schon zu Ende“. Den üblichen Kommentar unsererseits, dass wir dann ja liegen bleiben könnten, hörte er schon nicht mehr, weil er bereits im nächsten Zimmer war. Er hatte es nicht leicht, die häufig berauschten oder übermüdeten und wenig schulinteressierten Schüler aus dem Bett zu bekommen. Aber bei ihm standen wir doch schon in der Rekordzeit von 5 – 7 Minuten, was sonst kein Lehrer fertig bekam. Auf Grund seines Charakters hat er die verschiedenen Zusammenbrüche des Internats als einziger „überlebt“ hat und ist – wenn ich recht informiert bin – bis in die 80er Jahre seinem Beruf nachgegangen.

Irgendwann wurde der Direktor in die Wüste geschickt und nun begann ein innerer Machtkampf um die Direktorenstelle, Einfluss im Lehrerkollegium und was weiß ich noch. Die Herren und Damen Lehrer waren so sehr mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, dass eine ordentliche Erziehung – oder vielleicht besser Lenkung – der Schülerschaft nicht mehr möglich war. Allein Urk hielt die Fahne hoch und sich nach meiner Kenntnis aus allen Intrigen raus. Er hatte sein Ansehen bei uns, die meisten anderen sind als „Wischiwaschi“ mit Recht in Vergessenheit geraten.

Doch halt, der Mathelehrer ist mir noch in Erinnerung. Nicht wegen besonders pädagogischer Fähigkeiten, die er vielleicht gehabt hat, an die ich mich aber nach weit über 40 Jahren nicht mehr so recht erinnere, sondern weil ich durch ihn das erste Mal etwas von dem deutschen Forschungsschiff „Meteor“ erfuhr. Als Student hatte er eine große Reise mitgemacht und erzählte uns davon. Allerdings hinterließ dies nicht so einen tiefen Eindruck auf mich, dass es mir besonders im Gedächtnis blieb. Erst als ich 13 Jahr später auf derselben „Meteor“ fahren sollte und in die Vorbereitungen zu der Reise eingebunden war, erinnerte ich mich an Herrn D. und seine Erzählungen.

Beeindruckender waren für mich ganz andere Dinge. Es war im Nordseegymnasium üblich, jedes Jahr einen Schulausflug per Schiff nach Helgoland zu machen. Am besagten Tag lag morgens die „Atlantis“, später die „Seute Deern“, völlig leer im Langeooger Hafen, die Schüler- und Lehrerbande strömte an Bord und dann ging es los. Insgesamt habe ich drei dieser Ausflüge mitgemacht, wobei der zweite als praktische Berufsvorbereitung angesehen werden kann. Kurz nach dem Ablegen passierten wir das Accumer Ee, das Seegatt zwischen Baltrum und Langeoog, und erreichten die an diesem Tag höchst bewegte offene Nordsee.

Sofort begann das Schiff unangenehm und stark zu arbeiten. Bei schönem Sonnenschein hatten wir kräftigen Wind, weiße Schaumkronen zierten die See, Sprühkaskaden flogen durch die Luft und krachend landete „Atlantis“ immer wieder in Wellentälern, schob sich auf neue Wasserberge, raste wieder in die Tiefe. Die Bugwelle wälzte sich bis auf Schanzkleidhöhe vom Schiff weg, die Schüler taumelten über die Decks und die Gänge. Eine richtig angenehme Seefahrt also.

Aber so weit war ich da noch nicht, denn nach nur 20 Minuten in diesem Chaos begann die Seekrankheit. Meine Güte, ging es mir schlecht. Ich glaube, ich habe alles von mir gegeben was ich hatte. Den anderen ging es nicht viel besser. Braune Fetzen flogen durch die Luft, landeten an Deck, an den Scheiben, dem einen oder anderen an die Kleidung. Eine richtige ekelige Schweinerei. Allerdings nahm ich das alles nur noch wie durch Nebel wahr und eigentlich fand ich es auch höchst uninteressant.

Der einzige Anblick, der mir noch richtig klar in Erinnerung blieb, ist das Bild unseres kurz vor der Pensionierung stehenden Deutschlehrers. Hans-Otto saß kerzengerade mit der Zeitung und einer Tasse Kaffee im Inneren des Schiffes und ließ sich durch das ganze Drama überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Keine Spur von Seekrankheit, ich hatte das Gefühl, er nähme von dem „Unwetter“ überhaupt keine Notiz. Hätte mir einer prophezeit, dass ich später auch so etwas zustande bringen würde, ich hätte ihn schlicht für verrückt gehalten. Mir ging es doch so schlecht!

Als dann allerdings die Insel vor uns auftauchte, begann es schon etwas besser zu werden und nach 10 Minuten auf festem, aber doch irgendwie schwankendem Boden war die Seekrankheit vorbei. Sie hat mich nie wieder heimgesucht, ich war nach zweieinhalb üblen Stunden seefest geworden. Heute kann ich es mir eigentlich nicht vorstellen, dass das gereicht haben soll, aber da ich nie wieder eine Seekrankheit hatte, muss es wohl so gewesen sein.

Auf Langeoog spitzten sich die Verhältnisse langsam zu. Das Rauschgiftdezernat war des häufigeren auf der Insel. Haschisch und LSD gab es nahezu in jedem Zimmer, wobei die Versorgung mit „Stoff“ ein wichtiges Thema war, denn eine „Szene“ hatte Langeoog nun nicht zu bieten. Also musste Nachschub besorgt werden wenn einer von uns auf das Festland fuhr.

Machten sich z. B. Paule oder Holly aus Ostfriesland nach Hamburg auf, so hatten sie eine Menge Geld in der Tasche und einen großen Auftragszettel. Nicht selten kam dann Paule mit einem Stück Haschisch auf die Insel, das die Größe einer Tafel Schokolade hatte. In einer verschwiegenen Minute wurde dann mittels Silberpapier und Briefwaage dieser Barren entsprechend der finanziellen Einlage der Auftraggeber verteilt. Insgesamt gesehen jedoch, kehrten die einzelnen Schüler nach einer Experimentalphase mit Cannabis entweder in die Reihen der „Alkoholiker“ zurück oder entschieden sich für LSD und härtere Sachen. Völlig ohne Rauschmittelkonsum war fast keiner unserer Kollegen und die wenigen, die nichts konsumierten, wurden von uns nicht gut behandelt.

Ich schloss mich nach einem viertel Jahr intensiven und durchaus lustigen und angenehmen Haschisch- und Marihuanakonsums der Ethanol-Gruppe an. Da ich weder „psychedelische Musik“ mochte noch den Worten von Timothy Leary glaubte, fiel mir das nicht schwer. Ich denke, dem Leser mögen diese Andeutungen über die Zustände in dem Internat Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre genügen.

Was mir jedoch lieber in Erinnerung ist, sind die Nächte am Meer. Bei dem geschilderten Erziehungschaos wird der Leser sicherlich nicht ernsthaft erwarten, dass wir die Abende und Nächte wohlerzogen in unseren Buden bzw. Betten zubrachten. Besonders während des Sommers entwichen viele gegen 22 oder 23 Uhr durch die Fenster, wobei wir, die im Erdgeschoss wohnten, denen aus dem 1. Stock freizügig unsere Fenster zu Verfügung stellten. Wenn wir zurück waren, ließen wir immer die Fenster einen Spalt breit für noch abwesende Kumpel offen. Es konnte daher passieren, dass nachts um drei sich eine Gestalt durch das Fenster zwängte und auf leisen Sohlen durch das Zimmer und aus der Tür herausschlich.

Vor allem während des Sommers führten mich die nächtlichen Ausflüge oft alleine in die Dünen, eine bei Dunkelheit merkwürdig geheimnisvolle Landschaft. Den Wanderer umgab eine ungewohnte Stille und nur die Schritte knirschten im Sand oder beim Marsch über die Vegetation. Gelegentlich unterbrach der scharfe Pfiff des Austernfischers die Ruhe. Bei Annäherung an das Meer wurde das Donnern der Brandung hörbar und mit Erreichen des letzten Hügelkammes wurde der Blick frei auf die schwarze Wasserfläche und die hellen Brandungsstreifen. Der Himmel zeigte im Norden noch eine deutliche Aufhellung. So etwas kannte ich noch nicht, begriff aber, dass es die nach Norden zunehmende Sommerhelligkeit war. Irgendwo da oben war es jetzt taghell obwohl die mitternächtliche Ruhe auch dort eingekehrt war.

Ich konnte stundenlang im weichen Sand auf dem letzten Dünenvorposten liegen und aufs Meer starren. Mal bei Brandung, mal bei ruhiger See und leisem Geplätscher. Sehr selten war auch schwaches Meeresleuchten zu beobachten. Am Strand hinterließen die Schritte kurzzeitig leuchtende Spuren und ein durch den Sand gezogener Stock erzeugte eine leuchtende Linie. Das waren verzauberte und „romantische“ Stunden, die manch einer meiner Kollegen durch die benebelten Köpfe nicht erlebt hat. Dafür habe ich aus Müdigkeitsgründen am nächsten Morgen den Ausführungen der Lehrer nicht recht folgen können.

Überhaupt erzeugten die Jahreszeiten sehr unterschiedliche Stimmungen und Landschaften, die mich sehr bald in ihren Bann zogen. Auf Langeoog lernte ich das Gespür für die Natur, die See sowie das Wesen und die „Seele“ einer Landschaft. Mein Inneres begann die äußeren Eindrücke durch Stimmungen zu reflektieren und mit heiteren, schwermütigen, einsamen, gespannten, traurigen Emotionen zu beantworten. Wenn im Herbst die Nebel über das Meer und die Insel zogen, verschwand die Insel in gräulichem Nichts. Von der See war nichts zu erkennen und der Strand verlor sich in grau-weißer Watte. Das gleiche galt für die restliche Insel und monoton röhrten die Nebelhörner durch das Nichts. Strandwanderungen waren in der Regel einsame Spaziergänge und nicht ganz ohne Risiko.

Die fehlende Orientierung kann einen vor allem bei Ebbe in unangenehme Situationen bringen. Folgt der Wanderer z. B. dem entblößten Strand zu weit seewärts, besteht die Gefahr durch leere Rinnen zu laufen. Bei aufkommender Flut füllen sich aber diese Rinnen zuerst und können den Strandläufer von der Insel abschneiden. Ganz davon abgesehen, dass man ohne Kompass bei Nebel nicht weiß, in welche Richtung man wirklich geht. Tatsächlich auf die Insel zu oder womöglich im Kreis?

Ein Kamerad und ich haben das einmal erlebt. Es war wieder einer dieser nebligen Herbsttage. Wir hatten uns zu einem Strandspaziergang entschlossen und wanderten parallel zum Dünenverlauf nach Westen. Wie es so bei Gequatsche geht, wir achteten nicht auf den Weg und entfernten uns immer weiter von den Dünen bis sie nicht mehr zu sehen waren. Das fiel uns aber nicht auf. Plötzlich erschien an unserer rechten Seite eine dunkle Wand im Nebel. Wir waren verblüfft. In dieser Richtung lag die See, da konnte nichts sein. Nur Meer und die nächste Insel, Baltrum. War bei dieser Ebbe so viel Wasser abgelaufen, dass wir trockenen Fußes nach Baltrum gelangt waren? Unwahrscheinlich. Was war das?

Wir marschierten einfach mal darauf los und staunten nicht schlecht, als wir die uns in allen Einzelheiten vertraute Langeooger Dünenlandschaft wiedererkannten. Wir waren ganz offensichtlich im Kreis gelaufen. Weg von den Dünen zur Linken, dann einen großen Kreisbogen bis wir die Dünen wieder auf unserer Rechten hatten. Hätten wir uns vor Erscheinen dieser geisterhaften Wand zur Rückkehr entschlossen, wären wir völlig in die falsche Richtung, nämlich zum Meer, gelaufen, mit möglicherweise unangenehmen Folgeerscheinungen.

Ganz anders waren die Eindrücke bei herbstlichen Stürmen und Orkan. Die grauen Wolken jagten über den Himmel, die Möwen schossen ohne Flügelschlag mit Höchstgeschwindigkeit über die Insel. Von überall war ein Rasen und Pfeifen zu hören, ein Vorwärtskommen gegen den Wind war nur mit Mühe möglich. Ein Gehen mit dem Wind war fast noch gefährlicher. Wir wurde geschoben und gedrückt und hätten wir zu laufen begonnen, wir hätten nicht wieder aufhören können, bis wir auf die Nase gefallen wären. Der Regen kam nahezu waagerecht und klatschte gegen die Fensterscheiben. Wer draußen zu tun hatte, sah zu, dass er sein Geschäft schleunigst erledigte, um wieder in die warme Stube zu kommen.

Eine Inspektion des aufgewühlten Meeres war für mich aber immer alle Anstrengungen wert. Gut eingepackt wanderte ich durch die Dünen. Der Flugsand kroch durch alle Löcher in der Kleidung und schmirgelte mir das Gesicht. Die Augen nahezu geschlossen, quälte ich mich über die Hügel und reinigte meine Augen in den windarmen Tälern. Erklomm ich den nächsten Dünenhügel packte der Wind zuerst den Kopf, dann den ganzen Körper und drohte mich auf die Seite zu werfen. Es war eine anstrengende Plackerei in diesem Sturmgetöse unterwegs zu sein. Aber lohnend. Schon aus weiterer Entfernung drang das Gedröhn der Brandung durch den Aufruhr und der letztendliche Blick auf das Meer entschädigte für die Anstrengungen. Graue, weißgesträhnte Wasserberge wanderten auf die Insel zu, verwandelten sich in dunkle, bedrohlich wirkende Wände, brachen sich und brandeten als gewaltige Gischtwälle donnernd auf den Sand. Dabei ging dieser ganze Vorgang relativ langsam vor sich. Dem sehr gemächlichen Aufsteilen der Wellen folgte ein nahezu zeitlupenhaftes Überschlagen. Dann aber ging es sehr schnell. Sobald die Woge sich gebrochen hatte, raste der entstehende Wasserschwall, gelegentlich schätzungsweise mehr als einen Meter hoch, über den Strand, knallte gegen die Dünen, sprengte Teile aus diesem Schutzwall heraus und verlief sich. Dann kam aber auch schon der nächste Schwall. Der uns bekannte Strand war nicht mehr vorhanden, es raste nur eine wilde Wasserfläche an der Stelle, auf der wir vielleicht ein paar Tage vorher noch spazieren gegangen waren.

Der Winter ist für den wahren Kenner die schönste Zeit auf den Inseln. Das Heer der Touristen ist auf ein Minimum reduziert, viele Läden haben geschlossen und eine erholsame Ruhe tritt auf den Eilanden ein. Besonders bei schönem Wetter, bei knackigem Frost, klarer, reiner Luft und wunderbarem Sonnenschein kann man – gut verpackt in Troyer, Parka, Handschuhen und Mütze – stundenlang über den Strand wandern. Unter den Schuhen kracht der Sand, dessen Oberfläche vielleicht einen halben bis einen Zentimeter gefroren ist, und durch den man bei jedem Schritt durchbricht. Das Meer liegt als ruhiger Spiegel vor einem und nur die unvermeidlichen Möwen zanken sich um angespülte Nahrungsbrocken. Der Spaziergänger ist weitgehend allein und kann seinen Gedanken und Spinnereien freien Lauf lassen.

Allerdings kann der Winter auch Überraschungen bereithalten. In Erinnerung sind mir dabei zwei Episoden in dem sehr kalten Winter 69/70. Ab Anfang Dezember bis in den März hinein lagen die Tiefsttemperaturen fast immer unter dem Gefrierpunkt mit „Spitzenwerten“ um – 8° C, während die Höchsttemperaturen nur wenige Plusgrade erreichten, sehr häufig aber auch bei – 4 bis – 2 ° C „hängen blieben“. In jenen Monaten bildete sich Eis auf der Nordsee und große Stapel an Eisschollen trieben an den Strand und wurden zu abstrakten Kunstwerken zusammengeschoben. Das Meer machte einen eher arktischen Eindruck und einer meiner Spaziergänge endete etwas abrupt, als ich noch 20 bis 30 Meter vom Wasser entfernt war. Es krachte nämlich unter meinen Füßen und ich stand bis an die Waden in eiskaltem Wasser. Das war tatsächlich eine unangenehme Überraschung und es war nicht leicht wieder auf festen Boden zu gelangen, da mir der Boden immer unter den Füßen zerbrach. Was war passiert? Die letzten Tage waren nahezu windstill gewesen, aber eine leichte Brise trieb von der Insel auf das Meer. Die ruhige Wasserfläche hatte sich vom Strand her mit einer Eiskruste überzogen, die durch Flugsand getarnt worden war, so dass kein Unterschied zwischen dem eigentlichen Strand und der Eisfläche erkennbar war. Ich marschierte also über das am Rand gefrorene Meer und bin an den dünnen Stellen in der Nähe des offenen Wassers eingebrochen.

Im gleichen Winter erlebte die ganze Insel eine Ausnahmesituation. Irgendwann zerriss eine treibende Eisscholle das im Watt liegende Versorgungskabel. Damit gab es auf der ganzen Insel kein Licht, kein Fernsehen, kein Kochen und – keine Heizung! In dem kalten Wetter hatten sich sämtliche Bäume und Sträucher mit einer Eisschicht überzogen, die der Vegetation ein völlig erstarrtes Aussehen gab. Das begann sich nun nach wenigen Stunden auch an den Häusern zu wiederholen. Die Räume kühlten langsam aber unaufhaltsam aus. Ein alter Ofen in einem der Gruppenräume wurde reanimiert, dem Verlust von warmen Mahlzeiten, versuchten einige Lehrer durch das Erhitzen von Würstchen über dem Bunsenbrenner zu begegnen. Der wärmste Ort war das Bett – mit Hose und Pullover natürlich.

Unter den Schülern herrschte eine gespannte Aufgeregtheit, denn so etwas hatten wir noch nicht erlebt. In reiferen Jahren hätte ich darüber resümiert, wie abhängig wir mittlerweile vom Strom und den Errungenschaften der Zivilisation sind - das mit dem Anfeuern des Ofens wurde nämlich nichts Richtiges -, so aber beschäftigte mich die vermehrte Freizeit, denn der Unterricht war bis auf weiteres ausgesetzt. Fast zwei Tage konnten wir zusehen, wie sich unsere Heimstatt allmählich in einen Eispanzer verwandelte. Dann aber gab es wieder etwas Warmes zu essen, denn mit großen Hubschraubern war die Bundeswehr gekommen und hatte tatsächlich „Gulaschkanonen“ und viele, sehr viele dicke Decken mitgebracht. Auch an anderer Stelle wurde an unserer „Rettung“ gearbeitet, denn das zerbrochene Kabel wurde in der Nacht repariert oder ausgetauscht und am nächsten Morgen zog wieder die Wärme in die Langeooger Häuser ein.

Nach drei Jahren auf der Insel war das Vergnügen vorbei und ich wanderte nach St. Peter-Ording und später nach Hannover weiter. Aber da hatte mich das Meer schon gefangen genommen und bis heute nicht mehr aus seinen Klauen gelassen. Für mich stand jedenfalls nach der Zeit in Langeoog fest: Du wirst Meeresbiologe! Und so wurde es gemacht, denn nach dem Abitur (das ich allerdings zwischenzeitlich für eine Seemannkarriere an den Nagel hängen wollte) zog ich zwecks Studiums nach Kiel, meiner Heimat für die nachfolgenden 22 Jahre.

Fünf Wochen im Fisch

Auf die Minute um 12:30 Uhr legte das Fischereiforschungsschiff „Anton Dohrn“ am 13. März 1980 zu seiner 98. Fahrt ab, durchquerte bei unsichtigem Wetter die Bremerhavener Schleusen und machte sich mit Kurs auf die Nordostecke Schottlands auf den Weg. Der Auftrag: Erkundung der Nutzfischbestände und der Fischbrut in den westbritischen Gewässern. Die Fahrtzeit: 33 Tage. Geschätzte Gesamtdistanz: 4000 Seemeilen. Wissenschaftliches Personal: 3 Frauen, 8 Männer.

Diese erste Ozeanreise hat für mich eine besondere Bedeutung. Zunächst erschloss sie mir sowohl im sprichwörtlichen als auch im übertragenen Sinne neue Horizonte jenseits von Nord- und Ostsee sowie Mittelmeer. Darüber hinaus führte sie mich aber auch in die Gedankenwelt und die handwerklichen Grundbegriffe der Hochseefischerei ein, mit der ich mich vorher nicht beschäftigt hatte. Das änderte sich mit dieser Reise grundlegend, denn ich entwickelte Interesse an diesem Gewerbezweig, dessen große Ära zu Zeit meiner Reise bereits dem Ende nahe war. Einen Hauch davon habe ich glücklicherweise noch „life“ miterlebt, denn alle Besatzungsmitglieder entstammten der Hochseefischerei und sie haben mir manches gezeigt und erklärt, was ich mir sonst theoretisch hätte anlesen müssen.

In geradezu lächerlichem Gegensatz zu der Bedeutung, die ich dieser Reise persönlich zumesse, steht die Art und Weise, wie ich auf die Fahrt gekommen bin. Die Studienordnung sieht für Adepten des Faches Biologische Meereskunde vor dem Diplom eine zusammenhängende, mindestens einwöchige Seereise vor. Vor meinem letzten Semester stehend, brachte mich daher ein Zettel am Schwarzen Brett des Instituts mit etwa folgender Aufschrift auf Trab: „Studentische Hilfskraft für fünfwöchige Fischereiforschungsfahrt in die westbritischen Gewässer gesucht. Telefon soundso.“ Nach ein paar Telefonaten und einem persönlichen Gespräch hatte ich meine „Heuer“. So entstehen aus kleinen unscheinbaren Samenkörnern wunderbare Blumen.

Die Nordsee durchquerten wir schnell und ohne besondere Vorkommnisse, passierten den Pentland Firth, die Seestraße zwischen der Nordküste Schottlands und den Orkney Inseln, gelangten in den Atlantik und gingen in das Seegebiet westlich der Hebriden. Dort begrüßte uns eine ausgewachsene Windstärke 9. Eigentlich sollten am Morgen des dritten Seetages die fischereibiologischen Arbeiten mit dem Grundschleppnetz beginnen, aber als es hell wurde, hatten wir bereits seit Stunden „Kopf auf See“, dampften also mit kleiner Fahrt gegen die raue See an und hatten keine Netze außenbords. Das Meer war ein graues Chaos mit Wellen von etwa 4 m Höhe. Das war jedenfalls die Schätzung der Schiffsleitung. Überall waren Schaumstreifen auf dem Wasser, hin und wieder trieben weggerissene Gischtschwaden über das Meer und gelegentlich legte sich das Schiff bedenklich auf die Seite oder stieß hart mit dem Bug in die See.

Auf Forschungsfahrten ist es nicht sinnvoll, so schweres Gerät wie ein Grundschleppnetz bei solch einem Wetter auszubringen. Ein herumrutschendes oder bei den Schiffsbewegungen um sich schlagendes Teil kann schnell jemanden verletzen und nicht zuletzt kann auch das Gerät selbst Schaden nehmen. Dies zu riskieren war bei unserem Dienstauftrag nicht nötig. Sicherlich hätten wir uns anders entschieden, wenn wir in der kommerziellen Fischerei tätig gewesen wären, denn hier bedeutet jeder ausgefallene Hol einen möglichen hohen Geldverlust. Aber kein noch so schönes Forschungsergebnis rechtfertigt den leichtfertigen Einsatz der Gesundheit von Mannschaft und Wissenschaftler.

Wir „Frischlinge“ konnten natürlich nicht umhin, Fotos zu machen, wobei von der Brückennock die beste Übersicht herrschte. Es stellte sich aber später eine gewisse Enttäuschung ein, denn die Bilder wirkten flach und die eigentliche Wellenhöhe war nicht realistisch wiedergegeben. Es ist sehr schwer, von Seegang vernünftige Fotos zu machen, da je nach Standort unterschiedliche Effekte ins Spiel kommen. Generell wirken die Wellen auf den meisten Fotos niedriger als sie sind, da man nicht, oder zumindest nicht vollständig, in die Täler hineinschauen kann.

Ich habe später Bilder aus der Fischerei zu Gesicht bekommen, die eine nahezu ruhige See zeigen. Einige aus der Wasserfläche ragende Mastspitzen oder das hoch aufgerichtete Heck eines Fischdampfers zeigen offensichtlich ein Wrack an. Nichts dergleichen, die Schiffe waren voll funktionsfähig und in Ordnung, wohl aber in gewaltigen Wellentälern einer äußerst schweren See teilweise verborgen. Von diesen Tälern war aber auf dem Foto nichts zu sehen, da der Blick der Kamera nur die hintereinander liegenden Wellenkämme aufgezeichnet hat, die durch die perspektivische Verkürzung wie eine einzige Wasserfläche erscheinen.

Andererseits lässt sich unter günstigen Umständen, nämlich Sekundenbruchteile bevor die heranwandernde Woge das Schiff zu heben beginnt, auf dem Bauch liegend und durch ein Speigatt fotografierend, eine ordinäre Welle zur Wasserwand hochstilisieren. So wird aus Sturm ruhige See und aus gemächlichem Gewoge Weltuntergang. Nichts kann besser lügen als ein Foto – und es wird noch nicht einmal rot dabei.

Etwas unerwartet ließ der Sturm am späteren Vormittag plötzlich nach, der Seegang beruhigte sich, blauer Himmel und Sonnenschein wandelten das düstere Geschehen der Nacht und des Vormittages in heitere Arbeitsstimmung. Die Mannschaft begann sich an den Netzen zu schaffen zu machen und schon bald versank der Riesensack des Grundschleppnetzes in den Fluten. Schwimmer und Bodenroller, ein für uns nicht leicht zu durchschauendes Leinengewirr und die großen Scherbretter folgten nach. Die Trossen waren straff gespannt, in langsamen Umdrehungen liefen die Winschtrommeln und zeigten immer neue sauber aufgewickelte Lagen der Kurrleinen, während achteraus gerade noch der riesige bräunliche Netzsack unter der Wasseroberfläche erkannt werden konnte. Dann war er weg.

Das Meer glitzerte jetzt aus allen Richtungen, da die Wellen das Sonnenlicht aus allen möglichen Positionen zurückwarfen. Immer mehr „Leine“ lief von den beiden Winschen, die sehr schön synchron drehten, ein großer Schwarm von Vögeln hatte sich eingefunden und erfüllte die Luft mit erwartendem Gekreisch und Gekrächze. Sie wussten, was bald geschehen würde, denn hier in der Ecke wird viel gefischt. Dann folgte die Schleppphase, die bei Forschungsfischereien in der Regel auf 30 Minuten beschränkt ist und endlich begannen sich die beiden Trommeln rückwärts zu drehen, die Trossen kamen binnenbords und standen wie Saiten eines Musikinstrumentes unter Spannung. Bei kleinen ruckartigen Bewegungen schwang die gespannte Trosse und sprühte Wassertropfen in alle Richtungen. Aber sonst verlief alles sehr ruhig, routiniert und mit vorsichtiger, aber klarer Bestimmtheit.

Die Männer standen auf ihren Posten und erinnerten mit den roten Helmen und dem gleichfarbigen Nackenschutz an Feuerwehrleute. Dann wurde wieder der riesige Sack direkt unter der Wasseroberfläche sichtbar und nur wenige Minuten später war alles an Deck. Das Ende des Netzes – der Steert, häufig auch Cod-end genannt, - wurde hochgehievt und so erkannten wir die insgesamt doch eher magere Fangmenge. Wie durch Geisterhand bewegt, öffnete sich eine breite Deckluke direkt unterhalb des Netzes, ein Mann sprang hinzu, öffnete die so genannte Codleine und sofort ergoss sich der Fang durch das zuvor zugebundene Ende des Netzes in die Luke. Die Fische fielen auf eine Rutsche und landeten in einem durch die Schiffswände und eine Balkenkonstruktion gebildeten Auffangraum.

Nun hieß es „Gummistiefel an“ und rein in den Fisch. Einer von uns stieg in den Auffangraum, schuf sich mit dem Fuß etwas Platz und begann die Fische aus dem Raum zu werfen. Die anderen sortierten die Tiere entsprechend der Arten in verschiedene Körbe, wobei vor allem die typischen Marktfische also z. B. Dorsche, Schellfische, Seelachs (Köhler), Rotbarsche und Plattfische fein säuberlich getrennt wurden, während „uninteressante“ Arten wie Knurrhähne, Seeskorpione und dergleichen gemeinsam in einem Korb landeten.

Jeder Korb wurde mit einer starken Federwaage gewogen, so dass wir den Gesamtfang der verschiedenen Arten ermittelten. Die Körbe mit den Marktfischen wanderten dann in das Labor. Dort wurde jeder Fisch auf einem speziellen, an einen überdimensionalen Zollstock erinnernden Brett vermessen und die jeweils festgestellte Länge notiert. Sollte bis zu diesem Zeitpunkt noch irgendein Vertreter aus der Dorschfamilie überlebt haben, schlug jetzt seine letzte Minute, denn allen diesen Tieren wurden mit großen Messern die Köpfe an einer bestimmten Stelle abgetrennt. Anschließend entnahm einer der Spezialisten die Gehörsteinchen oder Otolithen aus dem Gleichgewichtsorgan der Fische und gab es für die späteren Analysen in ein entsprechend beschriftetes Papiertütchen.

Warum das Ganze, wozu diese Anstrengungen? Wir leben ja in der Zeit stark überfischter Bestände und stehen gelegentlich kurz davor, bestimmte Fischsorten auszurotten. Die Fischflotten aller Nationen entnehmen etwa 90 Millionen Tonnen pro Jahr. Das sind 10 – 20 Millionen Tonnen mehr als alle Seevögel der Welt fressen. In den letzten 40 Jahren haben nach einer Auswertung von Fangzahlen die Fischbestände in allen Meeresregionen um ca. 80 % abgenommen. Da jedoch bereits vor dem erfassten Zeitraum gefischt wurde, schätzen Experten, dass in den Meeren – egal ob tropisch, gemäßigt oder kalt – nur noch etwa 10 % der ehemaligen Bestände leben.

Historische Berichte zeugen von ungeheuren Fischmengen. Nehmen wir z. B. Makrelen. Das Auftauchen der Schwärme wurde in England von den Steilküsten beobachtet, wobei es durch die dicht gedrängten Fischleiber zu Verfärbungen des Seegebietes kam und – wenn die Makrelen auf der Jagd waren – zu einem Aufruhr führte, der an siedendes Wasser erinnerte. Ähnliches wird aus den amerikanischen Gewässern berichtet. Für die Kieler Förde gibt der Altmeister der deutschen Fischereibiologie, Friedrich Heincke, folgende Beobachtung wider: „Dr. Claudius, damals Prorektor an der Kieler Anatomie, sah sie am 10. August [1851] bei dem Fischerdorf Möltenort gegenüber der Festung Friedrichsort in dichten Scharen unter der Oberfläche nach Nordost ziehen. Wo sie schwammen, sah die Meeresoberfläche so aus, als wenn eine schwache Brise darüberführe. Zahllose Makrelen sprangen aus dem Wasser“.

Ich kenne die Kieler Förde wie meine Westentasche, bin aber nie auch nur ansatzweise einem solchen Phänomen begegnet. Die reichen Fischbestände existieren nicht mehr. Gerade zum Zeitpunkt dieser Fahrt bestand ein striktes Fangverbot auf Hering in der Nordsee. Nach dem Krieg stiegen die Fangerträge für Nordseehering innerhalb weniger Jahre drastisch an und erreichten Entnahmeraten von 70 % der vorhandenen Bestände pro Jahr. Das hält keine Population längere Zeit durch und so brachen die Heringsbestände völlig zusammen. Aus ähnlichen Gründen wurden Anfang der 90er Jahre die Grand Banks vor der kanadisch / amerikanischen Ostküste für die Fischerei geschlossen. Ein Fanal, galt diese Gegend doch seit dem 16 Jahrhundert als das Füllhorn für Fischersleut. Im Grunde leben wir in einer deprimierenden Situation.

Die Verantwortlichen versuchen daher einen Schlingerkurs zwischen maximaler Ausbeute und möglichst großem Schutz einzuhalten. Das Zauberwort ist dabei die Fangquote, also die Menge Fisch, die von einer Nation pro Jahr in bestimmten Gewässern gefangen werden darf. Die Ermittlung der Fangquoten stützt sich zu einem erheblichen Teil auf solche Populationserhebungen, wie ich sie hier beschreibe, ist aber auch ein Politikum und manche wissenschaftliche Empfehlung ist in den entsprechenden Verhandlungen genauso über Bord gegangen wie bei uns die Fischabfälle.

Wissenschaftlich gesehen mussten wir ermitteln, welche Mengen an Nutzfischen im betrachteten Seegebiet vorhanden waren, wie die Größenverteilung und wie die Altersstruktur der Population aufgebaut war. Leider mögen uns die Fische nicht sagen wie alt sie sind und so mussten wir versuchen, es auf andere Weise herauszubekommen. Dabei kann die Länge einen ersten Hinweis geben. Fische wachsen nämlich im Gegensatz zu fast allen anderen Wirbeltieren ihr Leben lang, d. h. je größer ein Fisch ist, desto älter ist er auch. Da wir in etwa die Größe der Fische in einem bestimmten Alter aus verschiedenen früheren Forschungen kennen, lässt sich umgekehrt aus der Größe auf das etwaige Alter schließen.

Allerdings funktioniert das Verfahren nur bei jüngeren Fischen einigermaßen genau, da sie schnell wachsen. Alte Fische wachsen nur noch so langsam, dass eine sichere Abgrenzung der Altersstufen nicht mehr möglich ist. Dabei kommt auch die individuelle Lebensgeschichte der Tiere störend ins Spiel. Ein Fisch der z. B. nie unter sonderlich guten Futterbedingungen gelebt hat, ist gegebenenfalls genau so groß wie ein jüngeres Tier, das aber einen reichen Tisch hatte. Auch das Leben in unterschiedlichen Wassertemperaturen kann sich bei dieser Methode störend auswirken. Außerdem gibt es wie beim Menschen auch bei Fischen von Natur aus, also genetisch bedingt, besonders großwüchsige und besonders kleinwüchsige Tiere. Die Längenmethode ist daher etwa nur bis zu einem Alter von fünf Jahren erfolgreich, danach verschwimmen die Wachstumssignale und eine klare Abgrenzung ist nicht mehr möglich. Da wir aber wissen, dass z. B. Kabeljau über 20 Jahre und einige Plattfische sogar bis an die fünfzig Jahre alt werden können, reicht die Längenmethode nicht aus.

Deshalb bedient man sich zusätzlich einer anderen Methode. Im Gleichgewichtsorgan der Fische, also in jener anatomischen Struktur, die es dem Fisch erlaubt, sich im Raum zu orientieren, gibt es so genannte „Gehörsteine“ oder Otolithen. Es handelt sich dabei um Kalkklümpchen, die je nach Orientierung des Fisches unterschiedlich auf die Sinneszellen einwirken und so dem Fisch ermöglichen, festzustellen, wie es um ihn bestellt ist. Die Otolithen werden mit zunehmendem Alter größer, wachsen also. Bricht man nun eines dieser Gehörsteinchen durch, so kann man mit einer starken Lupe konzentrische kreisförmige Wachstumszonen erkennen, die Wachstumsringen bei Bäumen ähneln und auf gleiche Weise, nämlich durch verlangsamtes Wachstum im Winter, zu Stande kommen. Man braucht also nur noch die Wachstumszonen der Otolithen durchzuzählen und kennt das Alter der Fische.

Mit Hilfe dieser Daten und mit komplizierten mathematischen Methoden lässt sich in etwa ausrechnen, wie viel Fische einem Bestand entnommen werden dürfen, ohne ihn zu gefährden. Dies ist die Basis für die festzulegende Fangquote, die für jede Art und jedes Seegebiet jährlich neu ermittelt wird. Zusätzlich wird die Maschenweite der fangenden Netze festgeschrieben, um so ein Entkommen der Jungfische, die sich ja noch vermehren sollen, zu gewährleisten. Letzteres hat aber, wie neuere Forschungen zeigen, einen unangenehmen Nebenaspekt. Es entkommen nicht nur die Jungfische, sondern auch ältere, aber von Natur aus kleinwüchsigere Exemplare. Diese haben dadurch eine höhere Überlebenschance und so züchten wir möglicherweise ungewollt zwergenwüchsige Fischbestände, was sich wiederum negativ auf den Markt auswirken und zudem ökologische Folgen haben könnte, die wir heute noch nicht überblicken.

Nach diesem Ausflug kehren wir nun aber wieder zu den Basiserhebungen auf der „Anton Dohrn“ und unsere Fahrt im Frühjahr 1980 zurück. Nachdem die oben beschriebenen Fang- und Laborarbeiten durchgeführt waren, hatten wir die erste Station erledigt. Die erste Schlacht war somit geschlagen, Hände und Gummikleidung mit einer Mischung aus Blut, Schleim, Eingeweideresten und Schuppen verschmutzt, die Akteure waren etwas abgekämpft und die Fische tot.

Die kläglichen Reste wurden per Hand oder mittels eines Förderbandes außenbords gegeben, wo die ständig hungrige Seevogelschar auf sie wartete und sich mit ohrenbetäubendem Lärm auf die Fischabfälle stürzte. Allerdings bekamen die Vögel durchaus nicht alles, denn nicht geringe Mengen wanderten in die Schiffskombüse und landeten bei Zeiten auf unserem Tisch, während ein anderer Teil als so genannter „Heimatfisch“ eingefroren wurde.

Jeder der dazu Lust hatte, schnitt sich ein Filet oder entweidete einen ganzen Fisch, verpackte alles in separate und mit Namen beschriftete Tüten und brachte es in die Tiefkühlung. Nach Ende der Reise wurden dann die jeweiligen Tüten von ihren Besitzern mit nach Hause genommen und stellten eine nette Ergänzung der Mahlzeiten dar. Leider starb diese angenehme Sitte einige Jahre später aus, da einige Kollegen meinten, mit dem Heimatfisch zuhause ein großes Geschäft landen zu können. Es erfolgte ein Verbot des Anlandens dieser Deputate und die Sache war dahin.

Nach dieser ersten von insgesamt 87 Fischereistationen begannen wir das Routinegeschäft: Etwa alle 20 Seemeilen war eine Untersuchung geplant, wobei wir in einem gewissen Abstand der Küste nach Süden folgten, mal weiter westlich, dann wieder etwas östlicher ausscherten, aber niemals den Bereich mit Wassertiefen unter 200 m verließen. Diese Region ist der so genannte Kontinentalschelf, gewissermaßen nichts anderes als ein untergetauchtes oder überschwemmtes Stück Kontinent. Die uns bekannten Landmassen setzen sich in der Regel unter Wasser noch ein wenig fort, erreichen irgendwann eine Tiefe von 200 oder 250 m und fallen dann sehr steil zum eigentlichen Ozeanboden ab, der im Mittel bei 3500 m unter der Meeresoberfläche liegt.

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