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Die Familie ohne Namen

Erster Theil.

Erstes Capitel.
Einige Thatsachen und einige Daten.

»Man beklagt das arme Menschengeschlecht, das sich um einiger Acker Eisfeld willen abschlachtet,« sagten die Philosophen gegen Ende des 18 Jahrhunderts; sie haben damit aber den besten Ausspruch nicht gethan, so weit er Canada betraf, um dessen Besitz die Franzosen damals mit den Soldaten Englands kämpften.

Zweihundert Jahre früher hatte Franz I. bezüglich dieser, von den Königen von Spanien und Portugal für sich beanspruchten amerikanischen Gebiete ausgerufen: »Ich möchte wohl den Abschnitt in dem Testamente Adams sehen, der jenen diese ungeheure Erbschaft zuspräche!« Der König war übrigens um so mehr berechtigt, auch seine Ansprüche geltend zu machen, als ein Theil dieser Landstrecken bald darauf sogar den Namen Neu-Frankreich erhielt.

Wohl haben die Franzosen diesen herrlichen amerikanischen Colonialbesitz nicht zu behaupten vermocht; dessen Bevölkerung blieb aber nichtsdestoweniger französisch und fühlte sich verbunden mit dem alten Gallien ebenso durch die Bande des Blutes und die Identität der Race, wie durch natürliche Instincte, welche keine internationale Politik auszulöschen vermag.

In der That bilden jene wenigen, so wegwerfend qualificirten »Acker Eisfeld« ein Reich, dessen Bodenfläche der Europas gleichkommt.

Ein Franzose hatte von diesen ausgedehnten Gebieten im Jahre 1534 Besitz ergriffen.

In das Herz dieses Landes richtete Jacques Cartier, gebürtig aus St. Malo, damals seinen kühnen Marsch, indem er dem Laufe des Stromes folgte, der später den Namen St. Lorenzo erhielt. Ein Jahr später gelangte der unerschrockene Malouin, beim noch weiteren Vordringen nach Westen, zu einer Gruppe von Hütten – »Canada« in der Indianersprache – aus der später Quebec hervorgegangen ist, und erreichte von hier aus die Ortschaft Hochelaga, aus der in der Folgezeit Montreal wurde. Zwei Jahrhunderte später legten sich diese beiden Städte im Wettbewerb mit Kingston und Toronto die Bezeichnung als Hauptstadt zu, bis die Stadt Ottawa, um diesen Reibereien ein Ende zu machen, zum Sitze der Regierung dieser amerikanischen Colonie erhoben wurde, welche England heute Dominion of Canada nennt.

Einige Thatsachen und Daten werden genügen zur Kennzeichnung der Fortschritte dieses bedeutsamen Staates von seiner Gründung bis zu der Periode von 1830 bis 1840, während der die mit nachfolgender Erzählung in Verbindung stehenden Ereignisse sich abspielten.

Unter Heinrich IV. kehrt Champlain, ein hervorragender Seemann seiner Zeit, nach Europa zurück von einer ersten Reise, während er den Platz ausgesucht hat, auf dem Quebec gegründet werden sollte. Er betheiligte sich später an der Expedition des Herrn de Mons, Inhaber von Patentbriefen für den ausschließlichen Handel mit Pelzwaaren, die ihm gleichzeitig das Recht zu Landconcessionen in Canada verliehen. Champlain, dessen abenteuerlicher Charakter sich mit einfachen Handelsgeschäften weniger verträgt, zieht allein seines Weges am St. Lorenzo wieder stromaufwärts, und erbaut Quebec im Jahre 1606. Schon zwei Jahre vorher hatten die Engländer den Grundstein zu ihrer ersten Niederlassung in Amerika am Ufer des Virginiaflusses gelegt.

Hieraus entsprossen die Keime nationaler Eifersucht und aus dieser Zeit her stammen die ersten Vorzeichen jener Kämpfe, welche England und Frankreich sich auf dem Boden der Neuen Welt liefern sollten.

Zu Anfange werden die Eingebornen nothwendiger Weise in die verschiedenen Phasen dieses Antagonismus hineingezogen. Algonguins und Huronen erklären sich für Champlain und gegen die Irokesen, welche den Truppen des Vereinigten Königreichs zu Hilfe kommen. Im Jahre 1609 unterliegen Letztere an den Ufern jenes Sees, der noch immer den Namen des französischen Seemannes trägt.

Zwei andere Reisen – 1613 und 1615 – führen Champlain bis in die fast unbekannten Gebiete des Westens an die Ufer des Huronsees. Dann verläßt er Amerika und kehrt noch ein drittes Mal nach Canada zurück. Nachdem er mit Händen und Füßen gegen viele Intriguen angekämpft, erhält er 1620 den Titel eines Gouverneurs von Neu-Frankreich.

Unter diesem Namen tritt nun eine Gesellschaft zusammen, deren Statut von Ludwig XIII. 1628 genehmigt wird. Diese Gesellschaft verpflichtet sich, in einem Zeitraume von fünf Jahren viertausend katholische Franzosen nach Canada überzuführen. Von einigen über den Ocean entsendeten Schiffen fallen die ersten den Engländern in die Hände, welche durch das Thal des St. Lorenzo vordringen und Champlain zur Ergebung auffordern. Der muthige Seemann schlägt das ab, muß aber aus Mangel an Unterstützung und Hilfsquellen bald darauf eine – übrigens ganz ehrenvolle – Capitulation abschließen, welche Quebec in die Gewalt der Engländer bringt. Im Jahre 1632 segelt Champlain mit drei Schiffen von Dieppe ab und erobert wieder Canada, das Frankreich durch den Vertrag vom 13. Juli desselben Jahres zurückgegeben wird; er legt den Grund zu neuen Städten, errichtet das erste canadische Colleg unter Leitung der Jesuiten und stirbt am Weihnachtstage 1635 in dem Lande, welches er durch Willenskraft und Kühnheit erworben hat.

Eine Zeit lang entwickeln sich nun erfreuliche Handelsverbindungen zwischen den französischen Colonisten und denen von Neu-England. Die Ersteren haben jedoch gegen die durch ihre Anzahl gefährlichen Irokesen zu kämpfen, denen eine europäische Bevölkerung von nur zweitausend Seelen gegenübersteht. Die Gesellschaft, deren Verhältnisse eine mißliche Wendung nehmen, wendet sich deshalb selbst an Colbert, der den Marquis de Tracy an der Spitze eines Geschwaders sendet. Die zurückgeworfenen Irokesen gehen doch bald wieder zum Angriff über, da sie sich der Unterstützung der Engländer sicher wissen, und in der Umgegend von Montreal kommt es zu einem entsetzlichen Gemetzel.

Wenn die Bevölkerung sich im Jahre 1665 auch ebenso wie das Gebiet der Colonie verdoppelt hatte, so befanden sich doch nicht mehr als dreizehntausend Franzosen in Canada, während die Engländer in Neu-England schon zweihundertfünfzigtausend Bewohner angelsächsischer Race zählten. Der Krieg beginnt von Neuem. Er wüthet auf dem Boden Acadiens, welches heutzutage Neu-Schottland bildet, und verbreitet sich dann bis Quebec, aus dem die Engländer 1690 vertrieben werden. Endlich sichert der Frieden von Ryswick – 1697 – Frankreich den Besitz aller Gebiete, welche die Kühnheit ihrer Entdecker, der Muth seiner Kinder ihm in Nord-Amerika erworben hatte. Zu gleicher Zeit unterwerfen sich die besiegten Stämme, Irokesen, Huronen u.a. der Oberhoheit Frankreichs durch den Vertrag von Montreal.

Im Jahre 1703 wird der Marquis de Vaudreuil, Sohn eines früheren Gouverneurs dieses Namens, zum General-Gouverneur von Canada ernannt, das jetzt durch die Neutralität der Irokesen leichter in der Lage ist, sich gegen die Angriffe der Colonisten Großbritanniens zu wehren. Der Kampf lodert wieder auf in den Niederlassungen von Neu-Fundland, welche englisch sind, und in Acadien, das 1711 den Händen des Marquis de Vaudreuil entrissen wird. Dieser Umstand gestattet den anglo-amerikanischen Streitkräften, sich zur Eroberung des canadischen Gebietes zu concentriren, wo die im Geheimen bearbeiteten Irokesen wieder zu gefährlichen Feinden werden. Der Vertrag von Utrecht – 1713 – vollendet den Verlust von Acadien, nachdem er dreißig Jahre über den Frieden mit England gesichert hatte.

Die Wahlen veranlaßten sehr ernste Zusammenstöße.

Während dieser Zeit der Ruhe macht die Colonie erhebliche Fortschritte. Die Franzosen errichten einige Forts, um den Besitz ihren Nachkommen zu sichern. 1721 beläuft sich die Bevölkerung auf fünfundzwanzigtausend und 1744 auf fünfzigtausend Seelen. Man konnte glauben, daß die schweren Zeiten überwunden wären.

Dem ist nicht so. In Folge des österreichischen Erbfolgekrieges gerathen England und Frankreich in Europa wieder in Zwist, der sich in Amerika weiterspinnt. Erfolge wechseln mit Unfällen. Endlich kommt der Friede von Aix-la-Chapelle zu Stande – 1747 – der dieselben Verhältnisse wie der Vertrag von Utrecht festsetzt.

Wenn Acadien nun für die spätere Zeit britisch ist, so ist es in den Gefühlen und Neigungen seiner Bewohner doch französisch geblieben. Das Vereinigte Königreich begünstigt die angelsächsische Einwanderung, um das Uebergewicht der Race in den eroberten Provinzen zu gewinnen. Frankreich beabsichtigt dasselbe in Bezug auf Canada. Es hat damit schlechten Erfolg, und inzwischen bringt die Besetzung der Gebiete von Ohio die Rivalen wieder in Streit.

Da erscheint vor dem, erst unlängst von den Landsleuten des Marquis Vaudreuil errichteten Fort Duquesne Washington an der Spitze einer starken anglo-amerikanischen Colonne. Franklin hatte ja kurz vorher erklärt, daß Canada den Franzosen nicht gehören dürfe. Zwei Geschwader segeln aus Europa ab – eines von der Küste Frankreichs, das andere von der Englands. Nach furchtbaren Metzeleien, welche Acadien und die Gebiete von Ohio mit Blut überschwemmen, erfolgt seitens Großbritanniens am 18. Mai 1756 die officielle Kriegserklärung.

In demselben Monat übernimmt, nach einer dringlichen Bitte um Verstärkung durch Herrn von Vaudreuil, der Marquis de Montcalm den Oberbefehl über die regulären Truppen von Canada – im Ganzen viertausend Mann. Der Minister hatte eine größere Truppenmacht nicht aufbieten können, denn der Kampf in Amerika war in Frankreich nicht populär, und im Vereinigten Königreiche selbst nur in geringem Maße.

Zu Anfang des Feldzuges trug Montcalm einige Erfolge davon. Hierher gehört die Einnahme des Fort William Henry im Süden des Georgsees, der eine Verlängerung des Champlainsees bildet. Trotz dieser glänzenden Waffenthaten kam es doch zur Aufgabe des Fort Duquesne seitens der Franzosen, zum Verluste des von einer zu schwachen Besatzung übergebenen Fort Niagara, dem wegen der Verrätherei der Indianer nicht rechtzeitig genug Hilfe gebracht werden konnte; endlich erfolgte die Einnahme von Quebec, im September 1759 durch General Wolfe an der Spitze von achttausend Mann, welche ausgeschifft worden waren. Trotz einer Schlacht, welche die Franzosen bei Montmorency gewannen, müssen sie schließlich doch unterliegen. Montcalm ist getödtet, Wolfe ist getödtet. Die Engländer sind zum Theil die Herren der Provinzen.

Im nächsten Jahre wird ein Versuch gemacht, Quebec, diesen Schlüssel des St. Lorenzo, wieder zu nehmen. Derselbe schlägt fehl, und bald nachher ist auch Montreal gezwungen zu capituliren.

Endlich am 10. Februar 1763 kommt es zu einem Vertrage. Ludwig XV. verzichtet auf seine Ansprüche auf Acadien zu Gunsten Englands. Er tritt ihm Canada, nebst Allem was dazu gehört, als Eigenthum ab. Neu-Frankreich existirt nur noch in den Herzen seiner Kinder. Die Engländer haben es aber niemals vermocht, sich unterjochte Völker zu assimiliren, sie verstehen nur dieselben zu vernichten. Man vernichtet aber keine Nationalität, wenn die Mehrzahl der Bewohner die Liebe zu dem alten Vaterlande und seine Anhänglichkeit von ehedem bewahrte. Vergeblich errichtet England drei Gouvernements, Quebec, Montreal und Dreiströme; vergeblich versucht es den Canadiern das englische Gesetz aufzuzwängen und sie durch einen Eid der Treue zu fesseln. Zufolge energischen Widerspruches wird im Jahre 1774 eine Bill angenommen, welche die Colonie wieder unter französisches Gesetz stellt.

Wenn England auch ferner nichts mehr von Frankreich zu fürchten hatte, so stand es doch bald den Amerikanern feindlich gegenüber. Nach Ueberschreitung des Champlainsees nehmen diese Carilon, das Fort St. John und Frederik und marschieren mit dem General Montgomery auf Montreal, dessen sie sich bemächtigen, nachher auf Quebec, das sie nicht zu erstürmen vermögen.

Im folgenden Jahre – 4. Juli 1776 – erfolgt die Unabhängigkeitserklärung von Amerika.

Nun kommt eine traurige Zeit für die französischen Canadier; die Engländer sind von einer Befürchtung beherrscht: daß ihnen diese Colonie durch Eintritt in den Staatenbund entgehen und sich unter das Sternenbanner flüchten könnte, welches die Amerikaner am Horizonte entrollen. Das geschieht jedoch nicht – gewiß zum Leidwesen aller Patrioten.

Im Jahre 1791 theilt eine neue Verfassung das Land in zwei Provinzen: Ober-Canada im Westen, Unter-Canada im Osten, mit Quebec als Hauptstadt. Jede Provinz erhält einen von der Krone ernannten gesetzgebenden Körper und eine Volksvertretung, welche von den Freisassen der Städte auf vier Jahre erwählt wird. Die Bevölkerung zählt jetzt hundertfünfunddreißigtausend Köpfe, unter diesen aber nicht mehr als fünfzehntausend englischer Abkunft.

Was die Colonisten zumeist wünschten, als sie von Großbritannien unterjocht waren, findet sich zusammengefaßt in dem zu Quebec 1806 begründeten Journal »Der Canadier«, unter der Ueberschrift: »Unsere Einrichtungen, unsere Sprache und unsere Gesetze«. Sie scheuen nicht den Kampf, um dieses dreifache Verlangen durchzusetzen, und der zu Gent 1814 unterzeichnete Friede beendigt diesen Krieg, in dem Erfolge und Fehlschläge sich auf beiden Seiten etwa aufheben.

Der Kampf beginnt wieder zwischen den beiden Racen, welche Canada zu so ungleichen Theilen bewohnen. Zuerst hält er sich noch auf rein politischem Boden. Die Reformer-Abgeordneten hören, in Gefolgschaft ihres Collegen, des heldenmüthigen Papineau, niemals auf, die Autorität der Hauptstadt nach allen Seiten anzugreifen – in der Frage der Wahlen, in der der Ländereien, welche englischen Colonisten in ungeheurer Ausdehnung zugetheilt werden u.s.w. Die Gouverneure mögen nun die Kammer vertagen oder auflösen – Alles wirkt so gut wie nichts. Die Opponenten lassen sich nicht einen Augenblick entmuthigen.

Die Königlichen – die Loyalisten, wie sie sich nennen – haben den Vorsatz, die Verfassung von 1791 abzuschaffen, Canada wieder zu einer Provinz zu vereinigen, um dem englischen Elemente mehr Einfluß zu sichern, und den Gebrauch der französischen Sprache zu verbieten, obwohl diese bisher die Parlaments- und Gerichtssprache geblieben war. Papineau und seine Freunde widersetzen sich aber mit solcher Energie, daß die Krone darauf verzichtet, das abscheuliche Project auszuführen.

Inzwischen wird der Streit immer hitziger. Die Wahlen veranlaßten sehr ernste Zusammenstöße.

Im Mai 1831 bricht in Montreal ein Aufstand aus, der drei französischen Canadiern das Leben kostet. In vielen Meetings versammelt sich die Bevölkerung der Städte und des platten Landes, und in der ganzen Provinz entwickelt sich eine lebhafte Propaganda. Schließlich zählt ein Manifest in vierundzwanzig Resolutionen die Beschwerden der canadischen Race gegen die englische auf, und fordert die Versetzung des Generalgouverneurs Lord Aylmer in Anklagezustand. Das Manifest wird trotz des Widerspruches einiger Reformer, welche es für unzulänglich erklären, von der Kammer angenommen. Im Jahre 1834 werden Neuwahlen nothwendig. Papineau und seine Parteigänger werden wiedergewählt. Getreu den Forderungen der vorhergehenden Volksvertretung, bestehen sie darauf, den Generalgouverneur anzuklagen. Da wird die Kammer im März 1835 vertagt, und das Ministerium ersetzt den Lord Aylmer durch den königlichen Commissär, Lord Gosford, dem noch zwei Commissäre beigegeben sind, mit dem Auftrage, die Ursache der herrschenden Aufregung zu ergründen. Lord Gosford sichert die friedfertigsten Maßnahmen seitens der Krone gegen ihre Unterthanen jenseits des Weltmeeres zu, ohne etwas anderes zu erreichen, als daß die Abgeordneten sich zur Anerkennung der Vollmachten der Untersuchungscommissionen bereit finden lassen.

Im Laufe der Zeit hat sich nun in Folge von Einwanderungen die englische Partei allmählich verstärkt – sogar in Unter-Canada. In Montreal und Quebec bilden sich constitutionelle Vereinigungen, um die Reformer niederzudrücken. Sieht sich der Gouverneur auch genöthigt, diese Vereinigungen aufzulösen, da sie im Widerspruche gegen das Gesetz zusammengetreten sind, so bleiben dieselben doch jeden Augenblick zu thätigem Eingreifen bereit. Auf beiden Seiten empfindet man es, daß der Angriff ein sehr lebhafter werden wird. Das anglo-amerikanische Element ist herausfordernder als je. Es handelt sich ja darum, Unter-Canada durch alle Mittel und Wege völlig zu englisiren. Die Patrioten sind entschlossen, auf gesetzlichem und ungesetzlichem Wege Widerstand zu leisten. Bei dieser so gespannten Sachlage konnten furchtbare Zusammenstöße nicht ausbleiben. Das Blut beider Racen fließt in Strömen auf dem, einst durch die Kühnheit französischer Entdecker eroberten Boden.

So sah es in Canada im Jahre 1837 zu Anfang die ser Erzählung aus. Es erschien uns wichtig genug, den Antagonismus der Abstammung der französischen und der englischen Elemente zu beleuchten, und ebenso die Lebensfähigkeit der Einen, wie die Zähigkeit der Anderen.

War übrigens dieses Neu-Frankreich nicht ebenso ein Stück des Vaterlandes, wie Elsaß-Lothringen, das uns durch übermächtigen Einfall dreißig Jahre später entrissen werden sollte? Und geben die Anstrengungen der französischen Canadier, jenem mindestens seine Autonomie zurückzuerwerben, nicht ein Beispiel, welches die Franzosen von Elsaß und Lothringen niemals vergessen sollten?

Um ihre Maßnahmen gegenüber einer voraussichtlichen Empörung zu berathen, waren der Gouverneur Lord Gosford, der Oberbefehlshaber Sir John Colborne, der Oberst Gore und der Polizeiminister Gilbert Argall am Abend des 23. August zusammengetroffen.

Die Indianer bezeichnen mit dem Worte »Kebec« jede Verengerung eines Flusses, die durch die plötzliche Annäherung der Ufer eines solchen entsteht. Hiervon ist der Name der Hauptstadt abzuleiten, welche auf einem Vorgebirge, einer Art Gibraltar, flußaufwärts an der Stelle, wo der St. Lorenzo sich gleich einem Meeresarme ausbreitet, erbaut ist. Quebec besteht aus der oberen Stadt auf einem steilen Abhange, der den Lauf des Stromes beherrscht, und aus der längs des Ufers sich hinziehenden unteren Stadt, wo die Magazine und die Docks errichtet sind, mit engen Straßen und hölzernen Fußwegen, meist hölzernen Häusern, den Gebäuden der Post und der Marine, mit wenigen Palästen in großartigerem Style, wie dem Palaste des Gouverneurs, der englischen und französischen Hauptkirche, einer von Spaziergängern sehr belebten Esplanade und einer Citadelle mit ziemlich zahlreicher Besatzung – so sah damals die alte Stadt Champlain aus, die übrigens eine weit malerischere Lage hat, als die neueren Städte Nordamerikas.

Von des Gouverneurs Garten aus erstreckte sich die Aussicht weit hin über den herrlichen Strom, dessen Fluthen sich thalabwärts bei der Insel Orleans gabelförmig theilen. Der Abend war prächtig, die stille Atmosphäre wurde heute nicht durch den rauhen Hauch des Nordwestwindes gestört, der zu jeder Jahreszeit so verderblich ist, wenn er längs des St. Lorenzothales dahinstreicht. Im Schatten eines grünen viereckigen Platzes, dessen eine Seite vom Lichte des Mondes erhellt war, erhob sich die vierseitige Pyramide, die zum Andenken an Wolfe und Montcalm, beide an einem Tage im Tode vereint, errichtet war.

Schon seit einer Stunde unterhielten sich der Gouverneur und die drei anderen hohen Persönlichkeiten von dem Ernste der Lage, der sie nöthigte, unausgesetzt auf der Hut zu sein. Allzu deutlich machten sich bereits die Vorzeichen eines bald ausbrechenden Aufstandes bemerkbar; es erschien also angezeigt, jeder Eventualität gegenüber gerüstet zu sein.

»Ueber wie viel Mann können Sie verfügen? fragte Lord Gosford den Commandanten John Colborne.

– Leider nur über eine sehr beschränkte Anzahl, antwortete dieser, und dazu muß ich immer noch zum Theile die Grafschaft von den Besatzungstruppen entblößen.

– Geben Sie bestimmte Zahlen an, Herr Commandant.

– Ich könnte nur drei Bataillone und sieben Compagnien Infanterie aufstellen, denn es ist unmöglich, die Garnison der Citadellen von Quebec und Montreal zu vermindern.

– Was haben Sie an Artillerie?

– Drei oder vier Feldstücke.

– Und an Reitern?

– Nicht mehr als einen Zug.

– Wenn es nothwendig würde, diese Truppenstärke in den angrenzenden Grafschaften zu zerstreuen, bemerkte Oberst Gore, so ist sie völlig unzureichend. Vielleicht ist es doch zu bedauern, Herr Gouverneur, daß Eure Herrlichkeit die von den Loyalisten gebildeten constitutionellen Vereinigungen aufgelöst haben! Wir hätten da mehrere Hundert freiwillige Schützen, deren Hilfe gar nicht zu verachten wäre.

– Ich durfte diese Verbände sich nicht organisiren lassen, erwiderte Lord Gosford, ihre Berührung mit der Bevölkerung hätte unzweifelhaft täglich Reibereien herbeigeführt, und wir müssen uns vor Allem hüten, was eine Explosion beschleunigen könnte. Wir befinden uns in einer Pulverkammer und dürfen nur in Filzschuhen gehen!«

Der General-Gouverneur übertrieb wirklich nicht. Er war ein Mann von scharfem Verstande und versöhnlichem Gemüthe. Seit seinem Eintreffen in der Colonie hatte er den französischen Ansiedlern gegenüber ziemlich viel Wohlwollen an den Tag gelegt – wie der Geschichtsschreiber Garneau berichtet – ebenso eine leichte Heiterkeit, welche mit dem canadischen Frohsinn gut übereinstimmte.

Wenn der Aufruhr noch nicht ausgebrochen war, so verdankte man das der Umsicht, der Milde und dem Gerechtigkeitssinne, den Lord Gosford in allen Beziehungen zu den Einwohnern des Landes niemals verleugnete. Seiner Natur und seinem Verstande nach war er entschiedener Feind gewaltsamer Maßregeln.

»Die Gewalt, wiederholte er öfter, unterdrückt zwar auf Zeit, doch nicht auf die Dauer. In England vergißt man gänzlich, daß Canada der Nachbar der Vereinigten Staaten ist, und daß diese es durchgesetzt haben, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Ich durchschaue es vollständig, daß das Ministerium in London eine streitbare Politik haben will. Auf Antrag der Commissäre hat auch das Haus der Lords ebenso wie das der Gemeinen mit größerer Stimmenmehrheit einen Vorschlag angenommen, der darauf hinausläuft, die Abgeordneten der Opposition in Anklagezustand zu setzen, die öffentlichen Einkünfte ohne Controle zu verwenden, und die Verfassung dahin abzuändern, daß die Districte eine doppelte Anzahl Wähler englischen Ursprungs aufweisen. Ich halte das nicht eben für staatsklug – es würde auf beiden Seiten Blut kosten.«

Sir John Colborne. Gilbert Argall. Colonel Gore. Lord Gosford.

Sir John Colborne. Gilbert Argall. Colonel Gore. Lord Gosford.

Das war wirklich zu befürchten. Die letzten vom englischen Parlamente angenommenen Maßnahmen hatten eine Aufregung erweckt, welche nur auf die Gelegenheit wartete, unverhüllt hervorzutreten. Geheime Zusammenkünfte, öffentliche Meetings, erhitzten die Köpfe noch weiter. Von Worten mußte man bald zu Thaten übergehen. Zwischen den Reformern und den Parteigängern der angelsächsischen Herrschaft in Montreal wie in Quebec kam es schon zu aufreizenden Herausforderungen; vorzüglich die Mitglieder der constitutionellen Vereinigungen traten dabei mehr hervor. Der Polizei war es wohl bekannt, daß ein Aufruf zu den Waffen in allen Districten, Grafschaften und Kirchspielen verbreitet worden war. Ja, es ging bereits so weit, daß man den General-Gouverneur in effigie henkte. Es galt also Gegenmaßregeln zu treffen.

»Ist Herr de Vaudreuil in Montreal gesehen worden? fragte Lord Gosford.

– Er scheint seine Wohnung in Montreal verlassen zu haben, antwortete Gilbert Argall. Seine Freunde Farran, Clerc und Vincent Hodge besuchen ihn dagegen häufig und stehen in täglicher Verbindung mit den liberalen Abgeordneten und vorzüglich mit dem Rechtsanwalte Gramont in Quebec.

– Wenn es zu einer Bewegung kommt, meinte Sir John Colborne, so unterliegt es keinem Zweifel, daß diese von den Genannten vorbereitet ist.

– Wenn man sie nun verhaften ließe, ließ sich Oberst Gore vernehmen, vielleicht würden Eure Herrlichkeit damit die Empörung im ersten Keime ersticken?...

– Wenn sie dadurch nicht noch früher zum Ausbruche käme!« antwortete der General-Gouverneur.

Ja, es ging bereits so weit, daß man den General-Gouverneur in effigie henkte.

Ja, es ging bereits so weit, daß man den General-Gouverneur in effigie henkte.

Er wandte sich hierauf an den Polizeiminister.

»Wenn ich nicht irre, fragte er, haben Herr de Vaudreuil und seine Freunde schon bei den Aufständen von 1832 und 1835 eine Rolle gespielt?

– Gewiß, bestätigte Sir Gilbert Argall, wenigstens hat man alle Ursache, das zu vermuthen. Freilich fehlt es dafür an directen Beweisen, so daß es unmöglich wurde, jene gerichtlich zu verfolgen, wie das gelegentlich des Complots von 1825 geschehen war.

– Dennoch gilt es, sich diese Beweise um jeden Preis zu beschaffen, sagte Sir John Colborne, und um ein für allemal mit den Schlichen der Reformer fertig zu werden, lassen wir sie erst ein Stück weiter vorwärts gehen. Es gibt nichts schlechteres als einen Bürgerkrieg, das weiß ich recht gut; doch wenn es zu einem solchen kommt, dann werde er auch ohne Schonung geführt und es möge der Kampf zu Gunsten Englands ausgehen!«

In dieser Weise zu sprechen, lag ja ganz in der Rolle des Oberbefehlshabers der englischen Streitkräfte in Canada. Wenn Sir John Colborne der Mann dazu war, eine Empörung mit eiserner Strenge zu unterdrücken, so hätte es doch seinem soldatischen Geiste widersprochen, sich auf geheime Ueberwachungen einzulassen, welche das besondere Gebiet der Polizei sind. Es folgt daraus, daß es schon seit mehreren Monaten ausschließlich den Beamten Gilbert Argall's zufiel, ohne Aufsehen die geheime Thätigkeit der fran co-canadischen Partei zu überwachen.

Die Städte, die Kirchspiele des St. Lorenzothales und vor Allem diejenigen der Grafschaften Verchères, Chambly, Laprairie, Acadien, Terrebonne und Deux Montagnes wurden unaufhörlich von zahlreichen Geheimpolizisten des Ministeriums durchstreift.

In Montreal machte es sich wegen Mangels der constitutionellen Vereinigungen, deren Auflösung der Oberst Gore bedauerte, der Doric-Club – seine Mitglieder zählten zu den waschechtesten Loyalisten – zur besonderen Aufgabe, die Aufständischen auf jede mögliche Weise zu beschränken und zu unterdrücken. Lord Gosford mußte auch wirklich fürchten, daß es in jeder Stunde des Tages oder der Nacht zu einem Ausbruche kommen könnte.

Es erscheint begreiflich, daß die Umgebung des General-Gouverneurs diesen trotz seiner versöhnlichen Neigungen drängte, die Bureaukraten – so nannte man die Anhänger der Autorität der Krone – zu unterstützen gegen die Parteigänger der nationalen Sache. Uebrigens war Sir John Colborne kein Freund von halben Maßregeln, wie er das später bewies, als er Lord Gosford in der Verwaltung der Colonie folgte. Was den Oberst Gore, einen alten, bei Waterloo decorirten Soldaten anging, so verlangte dieser militärische Maßregeln, und zwar ohne Aufschub.

Am 7. Mai des laufenden Jahres hatte eine Versammlung zu St. Ques, einem kleinen Flecken in der Grafschaft Richelieu, die Führer der Reformer vereinigt. Hier berieth man die Beschlüsse, welche das politische Programm der franco-canadischen Opposition bilden sollten.

Unter Anderem verdient davon der folgende Satz hervorgehoben zu werden:

»Canada muß sich wie Irland um einen Mann schaaren, der ebenso von Haß gegen jede Unterdrückung, wie von Liebe zu seinem Vaterlande erfüllt ist, und den nichts, weder Versprechungen noch Drohungen, jemals in seinen Entschlüssen schwankend machen kann.«

Dieser Mann war kein anderer als der Abgeordnete Papineau, dem die öffentliche Meinung mit Recht den Titel eines O'Connell beilegte.

Gleichzeitig beschloß die Versammlung, sich »so viel wie möglich von der Benützung eingeführter Waaren fern zu halten und nur Erzeugnisse des eigenen Landes zu gebrauchen, um der Regierung die Einkünfte aus den, auf die fremden Waaren gelegten Eingangszöllen zu entziehen.«

Auf diese Erklärung mußte Lord Gosford am 15. Juli durch eine Proclamation antworten, welche jede aufreizende Vereinigung verbot und den Behörden und Officiellen der Miliz den Befehl ertheilte, dieselbe unverzüglich aufzulösen.

Die Polizei arbeitete nun mit einem Eifer, der sich kaum zügeln ließ; sie verwendete ihre geriebensten Agenten und schreckte sogar nicht davor zurück, Verräthereien – wie das schon vorgekommen war – durch die Lockspeise beträchtlicher Geldsummen zu provociren.

Doch wenn Papineau der Mann war, der offen hervortrat, so gab es noch einen anderen, der im Dunkeln und so geheimnißvoll wirkte, daß selbst die bedeutendsten Reformer ihn nur bei den seltensten Gelegenheiten von Auge zu Auge kennen gelernt hatten. Um diese Persönlichkeit hatte sich schon eine wirkliche Legende gewoben, die dem Manne einen ganz außergewöhnlichen Erfolg auf den Geist der Massen sicherte: Johann ohne Namen – man kannte ihn eben nur unter dieser räthselhaften Bezeichnung. Es konnte also nicht Wunder nehmen, daß auch von ihm in dem Gespräche des General-Gouverneurs und seiner Gäste die Rede war.

»Und von diesem Johann ohne Namen, fragte Sir John Colborne,... hat man seine Spuren aufgefunden?

– Noch nicht, erwiderte der Polizeiminister; ich habe jedoch alle Ursache zu glauben, daß er in den Grafschaften von Unter-Canada aufgetaucht und neuerdings selbst nach Quebec gekommen ist.

– Wie, und Ihre Leute haben ihn nicht anhalten können? rief Oberst Gore.

– Das ist nicht so leicht, Herr General.

– Besitzt dieser Mann denn wirklich den Einfluß, den man ihm zuschreibt? warf Lord Gosford ein.

– Gewiß, versicherte der Minister, und ich kann Eurer Herrlichkeit nur sagen, daß dieser Einfluß ein sehr großer ist.

– Wer ist überhaupt dieser Mann?

– Darüber hat man eben niemals klar werden können, sagte Sir John Colborne, nicht wahr, lieber Argall?

– Gewiß, Herr General. Man weiß nicht, wer diese Persönlichkeit ist, woher er kommt oder wohin er geht. So hat er, fast unsichtbar, bei den letzten Aufständen die Hand im Spiele gehabt. Es ist auch gar nicht zweifelhaft, daß Leute wie Papineau, Viger, Lacoste, Vaudreuil, Farran, Gramont, überhaupt alle Führer, im gegebenen Augenblicke auf sein Eingreifen rechnen. Dieser Johann ohne Namen ist schon mehr zum übernatürlichen Wesen geworden, vorzüglich in den Landschaften des St. Lorenzo stromaufwärts von Montreal, wie stromabwärts von Quebec. Kann man der Legende Glauben schenken, so hat er völlig das Zeug dazu, um Stadt und Land mit sich fortzureißen: eine außergewöhnliche Kühnheit, einen beispiellosen Muth. Dazu kommt, wie schon erwähnt, das Geheimniß, der Reiz des Unbekannten.

– Sie meinen also, daß er in letzter Zeit einmal nach Quebec gekommen sei? fragte Lord Gosford.

– Die amtlichen Berichte der Polizei lassen das wenigstens vermuthen, antwortete Gilbert Argall. Ich habe übrigens auch einen Mann, und zwar einen der tüchtigsten und feinsten, aufgeboten, jenen Rip, der in der Geschichte mit Simon Morgaz so viel Intelligenz entwickelt hatte.

– Simon Morgaz, wiederholte Sir John Colborne, derselbe, der 1825 zu so gelegener Zeit um Geld seine Genossen der Verschwörung von Chambly verrathen hatte?....

– Derselbe.

– Und weiß man, wo dieser ist?

– Man weiß nur das Eine, erklärte Gilbert Argall, daß er, von allen Genossen seiner Race, von den durch ihn verrathenen französischen Canadiern in die Acht erklärt, völlig verschwunden ist. Vielleicht hat er die Neue Welt ganz verlassen; vielleicht ist er todt...

– Nun, könnte man das Mittel, das sich bei Simon Morgaz wirksam erwies, fragte Sir John Colborne, nicht auch bei einem der Führer jener Reformer in Anwendung bringen?

– Rechnen Sie darauf nicht, General, antwortete Lord Gosford. Solche Patrioten – diese Anerkennung kann ihnen Niemand versagen – sind über jede Bestechung erhaben. Daß sie sich als Feinde der englischen Macht hinstellen und für Canada dieselbe Unabhängigkeit erträumen, welche die Vereinigten Staaten sich England abgerungen, ist leider nur zu wahr; dabei aber zu hoffen, daß man sie erkaufen, sie durch Zusicherungen von Gold oder Ehren bestimmen könnte, einen Verrath zu begehen – niemals. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß Sie keinen Verräther unter ihnen finden werden!

– Dasselbe sagte man von Simon Morgaz, warf dagegen Sir John Colborne ironisch ein, und er hat seine Genossen dennoch ausgeliefert. Und gerade dieser Johann Namenlos, von dem Sie sprechen, wer weiß, ob dieser nicht käuflich ist...

– Ich glaub' es nicht, erwiderte lebhaft der Polizeiminister.

– Jedenfalls, fügte Oberst Gore hinzu, ist, ob es sich nun darum handelt, ihn zu kaufen oder ihn zu henken, die erste Bedingung, daß man ihn auch hat, und da seine Anwesenheit in Quebec gemeldet worden ist...«

In diesem Augenblick erschien an einer der Biegungen der Allee des Gartens ein Mann, der auf zehn Schritte Entfernung stehen blieb.

Der Minister erkannte einen Geheimpolizisten oder vielmehr den »Unternehmer der Polizei«, eine Bezeichnung, die er in jeder Hinsicht verdiente.

Dieser Mann gehörte nämlich nicht zur regulären Brigade Comeau's, des Chefs der anglo-canadischen Agenten.

Gilbert Argall lud ihn durch ein Zeichen ein, näher zu treten.

»Es ist Rip, vom Hause Rip & Compagnie, sagte er, sich an Lord Gosford wendend. Wollen Eure Herrlichkeit erlauben, uns hier seinen Bericht zu erstatten?«

Lord Gosford stimmte durch eine Bewegung des Kopfes zu. Rip näherte sich respectvoll und wartete, bis es Gilbert Argall beliebte, ihn zu fragen, was dieser mit den Worten that:

»Haben Sie darüber Gewißheit erhalten, daß Johann ohne Namen in Quebec gesehen worden ist?

– Ich glaube das Euer Ehren versichern zu können.

– Und wie kam es, daß er da nicht dingfest gemacht wurde? fragte Lord Gosford.

– Eure Herrlichkeit wollen meine Leute und mich gütig entschuldigen, antwortete Rip, wir erhielten aber selbst zu spät Nachricht. Vorgestern war gemeldet worden, daß Johann ohne Namen eines der Häuser der kleinen Champlainstraße besucht haben sollte, und zwar das, welches neben dem Laden des Schneiders Emotand zur Linken liegt, wenn man die Stufen genannter Straße hinaufsteigt. Ich habe das Haus sofort einschließen lassen. Dasselbe bewohnt ein Herr Sebastian Gramont, ein Rechtsanwalt und Abgeordneter, der in der Reformpartei eine hervorragende Stellung einnimmt. Johann ohne Namen hatte sich daselbst aber nicht gezeigt, obwohl der Abgeordnete Gramont unzweifelhaft mit ihm in Verbindung steht. Unsere Haussuchung ist vergeblich gewesen.

– Glauben Sie, daß jener Mann sich noch in Quebec aufhält? fragte Sir John Colborne.

– Das könnte ich Euer Excellenz nicht mit Bestimmtheit sagen, erwiderte Rip.

– Sie kennen ihn nicht?

– Ich habe ihn in der That niemals gesehen, und es gibt überhaupt nur wenige Leute, welche ihn kennen.

– Mag sein, doch welche Richtung dürfte er von Quebec aus eingeschlagen haben?

– Das weiß ich nicht, gestand Rip.

– Und was ist Ihre Meinung? fragte der Polizeiminister.

– Meine Ansicht ist, daß der Mann sich nach der Grafschaft Montreal hingewendet haben dürfte, wo die Agitatoren mit Vorliebe ihr Wesen treiben. Wenn ein Aufstand vorbereitet ist, so wird er wahrscheinlich in diesem Theile Canadas zum Ausbruch kommen. Ich schließe daraus, daß Johann ohne Namen in einem Dorfe nahe den Ufern des St. Lorenzo versteckt sein wird...

– Ganz recht, fiel Gilbert Argall ein, und nach dieser Seite hin werden sich die weiteren Nachforschungen zu bewegen haben.

– So erlassen Sie die betreffenden Befehle, sagte der General-Gouverneur.

– Eure Herrlichkeit wird zufrieden gestellt werden. Sie, Rip, verlassen morgen schon Quebec mit den besten Beamten Ihrer Agentur. Ich selbst werde die Ueberwachung des Herrn de Vaudreuil und seiner Freunde übernehmen, welch' Letztere unzweifelhaft viele Zusammenkünfte mit Johann ohne Namen haben. Suchen Sie seine Spuren wiederzufinden, gleichviel durch welches Mittel. Der Herr General-Gouverneur betraut Sie speciell mit dieser Aufgabe.

– Sie wird treulich erfüllt werden, versicherte der Chef des Hauses Rip & Compagnie. Ich reife morgen ab.

– Wir genehmigen im Voraus, fuhr Gilbert Argall fort, Alles, was Sie zwecks der Gefangennahme des gefährlichen Parteigängers für nothwendig halten. Todt oder lebendig – wir müssen ihn haben, bevor er die französisch-canadische Bevölkerung durch seine Gegenwart zu Gewaltschritten hinzureißen vermag. Sie sind intelligent und geschäftseifrig, Rip, Sie haben das ja vor zwölf Jahren bei dem Falle Morgaz hinlänglich bewiesen. Wir zählen auch hierbei auf Ihren Eifer und Ihren Scharfsinn. Treten Sie ab.«

Rip wollte fortgehen und hatte schon einige Schritte gemacht, als er sich umdrehte.

»Darf ich eine Frage an Euer Ehren richten? sagte er an den Minister gewendet.

– Eine Frage?...

– Ja, Euer Ehren, und deren Entscheidung ist nöthig wegen der wünschenswerthen Richtigkeit der Buchführung des Hauses Rip & Compagnie.

– So sprechen Sie, sagte Gilbert Argall.

Rip, vom Hause Rip & Compagnie.

Rip, vom Hause Rip & Compagnie.

– Ist auf den Kopf Johanns ohne Namen schon ein Preis gesetzt?

– Noch nicht.

– Das darf aber nicht unterlassen werden, bemerkte Sir John Colborne.

– Es ist hiermit geschehen, ließ sich Lord Gosford vernehmen.

– Und welcher? fragte Rip.

– Viertausend Piaster.[1]

– Er ist aber seine sechstausend werth, antwortete Rip. Ich werde Reise spesen, Auslagen für Specialberichterstatter haben...

– Nun wohl, es sei, sagte Lord Gosford.

– Dieses Geld werden Eure Herrlichkeit nicht zu beklagen haben....

– Wenn es erst verdient ist... warf der Minister dazwischen.

– Das ist so gut wie geschehen, Euer Ehren.«

Und mit dieser, vielleicht etwas gewagten Versicherung zog der Chef der Hauses Rip & Cie. sich zurück.

»Ein Mann, der seiner Sache gewiß zu sein scheint, dieser Rip, bemerkte Oberst Gore.

– Und der unser volles Vertrauen verdient, setzte Gilbert Argall hinzu. Uebrigens ist dieser Preis von sechstausend Piaster ganz geeignet, seine Schlauheit und seinen Eifer anzuregen. Schon der Fall mit der Verschwörung von Chambly hat ihm eine hübsche Summe eingebracht, und wenn er sein Geschäft liebt, so liebt er nicht minder das Geld, welches es ihm abwirft. Man muß dieses Original eben nehmen wie es einmal ist, und ich kenne keinen Mann, der mehr geeignet wäre, sich Johanns ohne Namen zu bemächtigen, wenn Johann ohne Namen überhaupt der Mann dazu ist, sich fangen zu lassen.«

Herr de Vaudreuil.

Herr de Vaudreuil.

Der General, der Minister und der Oberst verabschiedeten sich nun von Lord Gosford. Dann ertheilte Sir John Colborne dem Oberst Gore Befehl, unverzüglich nach Montreal aufzubrechen, wo sein College, der Oberst Witherall, ihn erwartete, der beauftragt war, in den Kirchspielen der Grafschaft jede aufrührerische Bewegung im Keime zu verhindern und zu unterdrücken.

Zweites Capitel.
Zwölf Jahre vorher.

Simon Morgaz! Ein verabscheuter Name bis hinab in die dürftigsten Hütten der canadischen Provinzen! Ein Mann, auf dem seit langen Jahren der Fluch des Volkes lastet! Ein Simon Morgaz, das ist der Verräther, der seine Brüder ausgeliefert und sein Vaterland verkauft hat!

Vor Allem wird man das in Frankreich verstehen, das »jetzt nicht mehr weiß, wie unversöhnlich der Haß ist, den der Verrath am Vaterland verdient.«

Im Jahre 1825 – zwölf Jahre vor dem Aufstande von 1837 – hatten einige französische Canadier den Grund gelegt zu einer Verschwörung mit dem Endziel, Canada der englischen Herrschaft zu entreißen, die so schwer auf ihm lastete. Unerschrockene, thätige, energische Männer mit weitem Blick, zum größten Theil Abkömmlinge der ersten Einwanderer, welche Neu-Frankreich gegründet hatten, konnten sie sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen, daß der Verlust ihrer Colonie zu Gunsten Englands ein endgiltiger sein sollte. Selbst zugegeben, daß das Land nicht mehr an die Enkel eines Cartier und eines Champlain, die es im 16. Jahrhundert entdeckt hatten, kommen sollte, hatte es nicht wenigstens das Recht, unabhängig zu sein? Ganz gewiß; und um ihm diese Unabhängigkeit zu erwerben, setzten jene Patrioten ihren Kopf auf's Spiel.

Unter ihnen befand sich Herr de Vaudreuil, ein Nachkomme des früheren Gouverneurs von Canada unter Ludwig XIV. – aus einer jener Familien, deren französische Namen zum großen Theil zu geographischen Namen in der canadischen Karthographie geworden sind.

Jener Zeit zählte Vaudreuil fünfunddreißig Jahre, denn er erblickte das Licht der Welt 1790 in der Grafschaft Vaudreuil, zwischen dem St. Lorenzo im Süden und dem Ottawa im Norden, an der Grenze der Provinz Ontario.

Die Freunde des Herrn Vaudreuil waren gleich ihm französischer Abstammung, obwohl vielfache Verbindungen mit anglo-amerikanischen Familien die allmähliche Veränderung ihrer ursprünglichen Namen herbeigeführt hatten. Hierzu gehörten der Professor Robert Farran in Montreal, François Clerc, ein reicher Grundbesitzer von Châteaugay, und einige andere, denen Geburt und Reichthum einen fühlbaren Einfluß auf die Bewohnerschaft der Flecken und Dörfer verlieh.

Der eigentliche Anführer der Verschwörung war Walter Hodge, von amerikanischer Herkunft. Obwohl er schon sechzig Jahre zählte, hatte das Alter die Wärme seines Blutes doch noch nicht zu vermindern vermocht. Während des Unabhängigkeitskrieges gehörte er zu jenen kühnen Freiwilligen, jenen »Skinners« deren etwas zu wilde Gewaltthaten Washington wohl oder übel tadeln mußte, denn ihre Compagnien waren sonst stets bei der Hand, die königliche Armee zu beunruhigen. Bekanntlich haben seit Ende des 18. Jahrhunderts die Vereinigten Staaten Canada mehrfach aufgefordert, sich der amerikanischen Föderation anzuschließen. Damit erklärt es sich, daß ein Amerikaner, wie Walter Hodge, sich an dieser Verschwörung betheiligt hatte und sogar deren Leiter geworden war. Er gehörte zu jenen Männern, welche als Wahlspruch die drei Worte angenommen hatten, welche die ganze Monroe-Doctrin enthalten: »Amerika den Amerikanern!«

Walter Hodge und seine Genossen hatten niemals aufgehört, gegen die Bedrückungen der englischen Verwaltung, welche allmählich unerträglich wurden, Einspruch zu erheben. Im Jahre 1822 fanden sich ihre Namen in dem Proteste gegen die Vereinigung von Ober- und Unter-Canada mit dem der beiden Brüder Sanguinet, welche achtzehn Jahre später neben so vielen anderen Opfern ihren Anschluß an die nationale Partei mit dem Leben büßen sollten. Sie führten den Kampf schriftlich und mündlich, als es sich darum handelte, gegen die ungerechte Vertheilung von Ländereien aufzutreten, welche ausschließlich Bureaukraten zugesprochen worden, um das englische Element zu verstärken. Persönlich kämpften sie ferner gegen die Gouverneure Sherbrooke, Richmond, Monk und Maitland, betheiligten sich an der Verwaltung der Colonie und schlossen sich allen Handlungen der oppositionellen Abgeordneten an.

Uebrigens war die Verschwörung von 1825, welche ganz bestimmte Ziele im Auge hatte, ohne Mitwirkung der Liberalen der canadischen Kammer organisirt worden. Wenn Papineau und seine Collegen Cuvillier, Bédard, Viger, Quesnel und andere auch nichts davon wußten, so konnte Walter Hodge doch auf Jene zählen, um die Erfolge derselben, wenn solche errungen wurden, zu sichern. Vor Allem handelte es sich nämlich darum, sich der Person des Lord Dalhousie zu versichern, der 1820 für das Amt des General-Gouverneurs der canadischen Colonien Amerikas berufen worden war.

Bei seinem Antritt schien Lord Dalhousie eine nachgiebige Politik einhalten zu wollen. Ohne Zweifel verdankte man nur ihm die officielle Anerkennung des römischen Bischofs von Quebec, und Montreal, Rose, Regiopolis wurden bald darauf die Sitze der Bischöfe. Das britische Cabinet verweigerte aber Canada hartnäckig, sich selbst zu regieren. Die von der Krone auf Lebenszeit ernannten Mitglieder des gesetzgebenden Körpers waren alle Engländer von Geburt und legten die vom Volk erwählte Vertretung desselben vollständig lahm. In einer Bevölkerung von sechshunderttausend Seelen, welche damals fünfhundertfünfundzwanzigtausend französische Canadier zählte, wurden Dreiviertel aller Aemter allein von Leuten angelsächsischer Herkunft verwaltet. Endlich war auch von Neuem davon die Rede, den gesetzlichen Gebrauch der französischen Sprache in der ganzen Colonie ein- für allemal zu verbieten.

Um diese Anordnungen zu hintertreiben, bedurfte es nichts geringeren als eines Gewaltactes, und der Plan Walter Hodge's, Robert Farran's, François Clerc's und Vaudreuil's ging denn auch dahin, sich des Lord Dalhousie und der hauptsächlichsten Mitglieder des gesetzgebenden Körpers zu bemächtigen, darauf, wenn dieser Staatsstreich gelungen wäre, eine Volksbewegung in den Grafschaften des St. Lorenzo hervorzurufen, eine provisorische Regierung einzusetzen, bis durch allgemeine Wahlen eine Nationalregierung errichtet wäre, und endlich die canadischen Milizen der regulären Armee entgegenzuwerfen.

Die Verschwörung hätte auch vielleicht Erfolg gehabt, wenn nicht der Verrath eines der Theilnehmer sie zum Scheitern brachte.

Dem Walter Hodge und seinen franco-canadischen Parteigängern hatte sich ein gewisser Simon Morgaz angeschlossen, dessen Lebensverhältnisse und Abkunft wir hier kurz mittheilen müssen.

Im Jahre 1825 zählte Simon Morgaz fünfundvierzig Jahre. Rechtsanwalt in einem Lande, wo es mehr Rechtsanwälte als Klienten gibt, ebenso wie weit mehr Aerzte als Patienten, lebte er in ziemlich dürftigen Verhältnissen zu Chambly, einem kleinen Flecken am rechten Ufer des Richelieu, etwa zehn Lieues (fünf deutsche Meilen) von Montreal, an der anderen Seite des St. Lorenzo.

Simon Morgaz war ein entschlossener Mann, dessen Energie besonders bemerkt wurde, als die Reformer gegen die Handelsweise des englischen Cabinets protestirten. Sein offenes Benehmen, sein ansprechendes Gesicht machten ihn Allen sympathisch. Niemals hätte Jemand geargwohnt, daß die Person eines Verräthers sich dereinst aus diesem verführerischen Aeußern entpuppen sollte.

Simon Morgaz war verheiratet. Seine um acht Jahre jüngere Frau zählte damals achtunddreißig Jahre. Bridget Morgaz, von amerikanischer Herkunft, war die Tochter des Major Allen, dessen Muth man im Unabhängigkeitskriege, wo er zu den persönlichen Adjutanten Washington's gehörte, schätzen gelernt hatte. Der vollendetste Typus der Loyalität in ihrer reinsten Gestalt, hätte er für ein gegebenes Wort mit der Ruhe eines Regulus das Leben geopfert.

In Albani, Staat New-York, war es, wo Simon Morgaz und Bridget sich begegneten und kennen lernten. Der junge Advocat war von franco-canadischer Abstammung, ein Umstand, der bei Major Allen ins Gewicht fiel, da dieser seine Tochter niemals einem Manne von englicher Abkunft gegeben hätte. Obwohl Simon Morgaz kein eigenes Vermögen besaß, war dem jungen Haushalt durch das, was Bridget als mütterliches Erbtheil zukam, wenn auch kein Reichthum, so doch eine gewisse Wohlhabenheit gesichert. Die Ehe wurde in Albany im Jahre 1806 geschlossen.

Das Leben der beiden Neuvermählten hätte ein recht glückliches sein können, war das aber keineswegs. Nicht daß Simon Morgaz die Rücksichten gegen seine Gattin aus den Augen gesetzt hätte, im Gegentheil, er bewahrte für sie eine innige Zuneigung – so verzehrte ihn doch eine Leidenschaft – die Spielwuth. Das Erbtheil Bridgets verschwand binnen wenigen Jahren, und obgleich Simon Morgaz den Ruf eines geschickten Advocaten besaß, reichte seine Thätigkeit als solcher doch nicht hin, um die Lücken in seinem Vermögen wieder auszufüllen. Litt seine Gattin nun zwar nicht geradezu Noth, so ertrug sie doch, und zwar mit einer gewissen Würde, so manche Qualen. Bridget machte ihrem Manne keinerlei Vorwürfe. Da ihre Ermahnungen fruchtlos geblieben waren, nahm sie die ihr zugefallene Prüfung mit Resignation, ja mit rühmenswerthem Muthe hin, wenn die Zukunft auch schwer bewölkt vor ihr lag.

Bridget hatte diese wirklich nicht für sich allein zu fürchten. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte sie zwei Kindern das Leben gegeben, welche in der Taufe denselben, nur wenig veränderten Vornamen erhielten, was an ihre gleichzeitig französische und amerikanische Abstammung erinnerte. Der Aeltere, Joann, war 1807 geboren; der Jüngere, Johann, 1808. Bridget widmete sich ausschließlich der Erziehung ihrer Söhne; Joann war von sehr sanftem Charakter Johann sehr lebhaften Temperamentes, Beide aber energisch unter ihrer Sanftmuth und ihrer Lebhaftigkeit. Sie hielten sich sichtlich mehr an ihre Mutter, welche ernsten Sinnes und arbeitsfreudig war und eine liebenswürdige Art und Weise hatte, die Umstände und Verhältnisse anzuschauen, welche Simon Morgaz vollständig abging. Ihrem Vater gegenüber bewahrten die Söhne deshalb wohl einen gewissen Respect, zeigten aber nichts von der natürlichen Hingebung, von jenem unbegrenzten Vertrauen, welches sonst ein Ausfluß der nächsten Blutsverwandtschaft ist. Ihrer Mutter hingegen bewiesen sie eine Hingebung ohne Grenzen, eine Liebe, die aus dem Kinderherzen nur überquoll, um das ihrige zu erfüllen. Bridget und ihre Söhne waren verbunden durch das doppelte Band der kindlichen Liebe und der mütterlichen Zärtlichkeit, welches nichts zu zerreißen vermag.

Nach der ersten Periode ihrer Kindheit, traten Joann und Johann in das Colleg zu Chambly ein, in welchem sie mit einer Classe Unterschied einander folgten. Man zählte sie mit Recht zu den ersten Schülern der oberen Abtheilungen. Als sie dann zwölf und dreizehn Jahre alt geworden waren, besuchten sie das Colleg zu Montreal, wo sie sich ebenfalls rühmlich auszeichneten. Noch zwei Jahre, und sie sollten ihre Studien vollendet haben, als die Ereignisse von 1825 eintraten.

Wohnten Simon Morgaz und seine Frau auch nicht in Montreal, wo das Bureau des Advocaten mehr und mehr zurückging, so hatten sie sich doch noch ein kleines Haus in Chambly bewahrt. Dort trafen sich Walter Hodge und seine Freunde, als Simon Morgaz dieser Verschwörung beigetreten war, deren erste Handlung, wenn die Verhaftung des General-Gouverneurs geglückt wäre, in der Errichtung einer provisorischen Regierung zu Quebec bestehen sollte.

In dem Flecken Chambly und unter dem Schutze dieser bescheidenen Wohnung konnten sich die Verschwörer für sicherer halten als in Montreal, wo die Polizei mit äußerster Strenge Alles überwachte. Trotzdem gingen sie stets mit größter Klugheit vor, um jeden Versuch einer Spionage auf falsche Fährte zu leiten.

Sie hatten auch Waffen und Schießbedarf bei Simon Morgaz untergebracht, ohne daß deren Transport je den geringsten Verdacht erregt hätte. In dem Hause zu Chambly also war es, wo die Fäden des Complots zusammenliefen und von wo das Signal zur Erhebung ausgehen sollte.

Indessen hatten der Gouverneur und seine Umgebung doch von dem gegen die Krone geplanten Staatsstreich Wind bekommen, und sie ließen vorzüglich diejenigen Abgeordneten scharf überwachen, welche sich durch ihre anhaltende Opposition gekennzeichnet hatten.

Es muß hier jedoch wiederholt darauf hingewiesen werden, daß Papineau und seine Collegen von dem Plane Walter Hodge's und seiner Parteigänger nichts wußten. Diese hatten den 26. August zur Ergreifung der Waffen bestimmt, welche ebenso ihre Freunde wie ihre Feinde überraschen sollte.

Am Vorabend des Tages wurde das Haus Simon Morgaz' plötzlich von den Agenten der Polizei, letztere unter der Leitung Rip's, gerade in dem Augenblicke gestürmt, wo die Verschworenen darin versammelt waren. Diese fanden nicht mehr Zeit, ihre geheimen Schriftstücke zu vernichten oder die Listen ihrer Anhänger zu verbrennen. Die Beamten bemächtigten sich auch der in den Kellern des Hauses versteckten Waffen. Das Complot war entdeckt; Walter Hodge, Robert Farran, François Clerc, Simon Morgaz, Vaudreuil und noch ein Dutzend anderer Patrioten wurden unter sicherer Bedeckung ins Gefängniß nach Montreal abgeführt.

Die Erklärung hierfür bietet Folgendes:

Die Patrioten, in das Gefängniß von Montreal abgeführt.

Die Patrioten, in das Gefängniß von Montreal abgeführt.

In Quebec befand sich jener Zeit ein gewisser Rip, von anglo-canadischem Herkommen, der ein Auskunfts- und Nachforschungsbureau für Private leitete, dessen sich aber auch die Regierung zu wiederholten Malen und nicht ohne Nutzen bedient hatte. Sein Geschäft arbeitete unter der Firma Rip & Cie. Eine polizeiliche Angelegenheit war für ihn nichts weiter als eine Geldangelegenheit und er trug dieselbe in die Bücher ein, wie ein Kaufmann, der Geschäfte in Pausch und Bogen abzuschließen pflegt – so viel für eine Auskunft, so viel für eine Verhaftung und so viel für eine Spionage u.s.w. Er war ein sehr verschlagener und daneben unerschrockener Mann und zu Allem zu gebrauchen, der die Hand oder vielmehr die Nase in unendlich vielen Privatangelegenheiten stecken hatte. Ganz frei von jedem Scrupel, besaß er auch nicht einen Schatten von moralischer Empfindung.

Als Rip im Jahre 1825 seine Agentur begründete, zählte er dreißig Jahre. Schon hatte ihm seine bewegliche Physiognomie, sein Geschick sich zu verkleiden, Gelegenheit verschafft, in verschiedenen Verhältnissen unter wechselndem Namen aufzutreten. Seit einigen Jahren kannte er Simon Morgaz, mit dem er in einigen vor Gericht anhängigen Sachen zusammengetroffen war. Gewisse Eigenthümlichkeiten, die jedem Anderen ganz bedeutungslos gewesen wären, erweckten in ihm den Gedanken, daß der Advocat bei der Verschwörung von Chambly betheiligt sein müsse.

Walter Hodge stürzte sich auf Simon Morgaz.

Walter Hodge stürzte sich auf Simon Morgaz.

Er drängte sich nun an jenen mehr heran, suchte seine geheimsten Privatangelegenheiten auszukundschaften und stellte sich wiederholt in seinem Hause ein, obwohl Bridget Morgaz den Widerwillen kaum verbarg, den er ihr einflößte.

Ein auf der Post aufgefangener Brief bewies bald die Betheiligung des Advocaten fast mit aller Bestimmtheit. Der Polizeiminister, der von Rip über das Ergebniß seiner Schritte unterrichtet worden war, empfahl ihm, recht geschickt bezüglich dieses Simon Morgaz vorzugehen, von dem man wußte, daß er immer in drückender Geldverlegenheit schwebte. Da stellte ihm Rip eines Tages diese zwei Alternativen: entweder wegen Landesverraths in Untersuchung genommen zu werden, oder die ungeheuere Summe von hunderttausend Piaster zu erhalten, wenn er sich dazu verstand, seine Genossen zu nennen und die Einzelheiten des Complots von Chambly darzulegen.

Der Advocat schien wie vom Donner gerührt... Seine Gefährten verrathen!... Sie um Geld zu verkaufen!... Sie aufs Schaffot zu bringen!... Und doch, er unterlag, er nahm den Preis für den Verrath an, entschleierte die Geheimnisse der Verschwörung, nachdem ihm die Zusicherung geworden, daß sein gewissenloses Verhalten niemals bekannt würde. Gleichzeitig wurde verabredet, daß die Beamten ihn selbst mit Walter Hodge und seinen Freunden verhaften sollten, daß er von den nämlichen Richtern abgeurtheilt werden und das Urtheil, welches diese träfe – es konnte kein anderes als ein Todesurtheil sein – auch ihn treffen würde. Dann sollte ihm vor Vollstreckung desselben Gelegenheit zur Flucht geboten werden.

Diese verabscheuungswerthe Abmachung sollte also das Geheimniß des Polizeiministers, des Chefs vom Hause Rip & Cie. und des Simon Morgaz bleiben. Alles verlief zunächst wie besprochen. An dem von dem Verräther bezeichneten Tage wurden die Verschwörer ahnungslos in dem Hause von Chambly überrascht. Walter Hodge, Robert Farran, François Clerc, Vaudreuil nebst einigen ihrer Genossen ebenso wie Simon Morgaz selbst erschienen am 25. September 1825 auf der Anklagebank des Gerichtshofes.

Auf die Anschuldigungen, welche der Kronadvocat – der Richteradvocat, wie man ihn damals nannte – gegen sie vorbrachte, antworteten die Angeklagten nur mit ganz gerechten und directen Angriffen gegen das britische Cabinet. Den gesetzlichen Argumenten wollten sie nur Argumente, die ihrem Vaterlandsgefühle entstammten, entgegensetzen. Sie wußten ja, daß sie im Voraus verurtheilt waren und daß Nichts sie zu retten vermochte.

Schon währten die Verhandlungen mehrere Stunden und nahmen bisher ihren regelmäßigen Verlauf, als ein Zwischenfall unerwartetes Licht über das Verhalten Simon Morgaz' verbreitete.

Einer der geladenen Zeugen, ein Herr Turner aus Chambly, erklärte, daß der Advocat mehrmals mit dem Chef des Hauses Rip & Cie. verhandelnd gesehen worden sei. Das wirkte wie ein erlösender Blitz. Walter Hodge und Vaudreuil, welche schon eine Zeit lang aus dem merkwürdigen Benehmen Simon Morgaz' Verdacht geschöpft hatten, sahen diesen jetzt durch die Aussagen des Zeugen Turner bestätigt. Um die mit so vorsichtiger Geheimhaltung vorbereitete Verschwörung so kurzer Hand zu entdecken, mußte ein Verräther die Uebrigen denuncirt haben. Rip wurde nun mit Fragen bestürmt, welche er nicht ohne Verlegenheit beantworten konnte. Simon Morgaz seinerseits sachte sich zu vertheidigen, verwickelte sich aber dermaßen in Widersprüche und gab so eigenthümliche Erklärungen ab, daß die Ansicht der Verschworenen ebenso wie der Richter bald vollkommen feststand. Ein Elender hatte seine Genossen verrathen, und dieser Verräther war Simon Morgaz.

Da entstand eine nicht einzudämmende Bewegung auf der Bank der Angeklagten und verbreitete sich unter die Zuhörer, welche sich im Sitzungssaale drängten.

»Herr Präsident, sagte Walter Hodge, wir verlangen, daß Simon Morgaz von dieser Bank, die durch unsere Gegenwart geehrt, durch die seinige verunglimpft wird, entfernt werde! Wir wollen nicht länger durch die Berührung mit diesem Menschen beschmutzt werden.«

Vaudreuil, Clerc, Farran, wie die Uebrigen schlossen sich Walter Hodge an, der sich nicht zu halten vermocht und sich auf Simon Morgaz gestürzt hatte, welchen die Wachtposten vor seiner Wuth schützen mußten. Die Beisitzer nahmen ebenfalls Partei gegen den Verräther und verlangten entschieden, daß man den Reclamationen der Angeklagten Folge gebe. Der Gerichtspräsident mußte Befehl geben, Simon Morgaz zu entfernen und ihn ins Gefängniß zurückzuführen. Die Flüche, welche ihn begleiteten, die Drohungen, welche so Viele auf ihn schleuderten, bewiesen, daß man ihn für einen Elenden hielt, dessen Verrath den begeistertsten Verfechtern der canadischen Unabhängigkeit das Leben kosten sollte.

Wirklich wurden auch Walter Hodge, François Clerc, Robert Farran, welche man als die Hauptführer oder Leiter der Verschwörer von Chambly erkannte, zum Tode verurtheilt.

Am zweitfolgenden Tage, am 27. September, starben sie nach einem letzten Appell an den Patriotismus ihrer Brüder auf dem Schaffot.

Was die anderen Angeklagten betraf, unter denen sich auch Herr de Vaudreuil befand, so schenkte man diesen, ob sie nun minder belastet erschienen oder die Regierung nur die hervorragendsten Anführer mit der Todesstrafe treffen wollte, noch das Leben. Zu ewiger Kerkerhaft verurtheilt, erhielten sie die Freiheit erst 1829 zurück, als eine Amnestie für alle politischen Verbrecher erlassen wurde.

Was aus Simon Morgaz nach der Urtheilsvollstreckung geworden war? Nachdem ihm ein Freilassungsbefehl gestattet, dem Gefängnisse in Montreal den Rücken zu kehren, beeilte er sich von der Bildfläche zu verschwinden.

Der Fluch der Allgemeinheit lastete aber auf seinem Namen und traf dabei auch die armen Wesen, welche an seiner Verrätherei doch völlig unschuldig waren. Bridget Morgaz wurde mit roher Gewalt aus dem Hause gejagt, das sie in Montreal bewohnte, ebenso aus dem in Chambly, wohin sie sich während der Untersuchung der Angelegenheit zurückgezogen hatte. Sie mußte auch ihre beiden Söhne wieder aufnehmen, welche aus dem Colleg ebenso verdrängt worden waren, wie ihr Vater von der Bank der Angeklagten im Gerichtssaale.

Als seine Frau mit den Kindern wieder mit ihm zusammengetroffen war, suchte Simon Morgaz seine ehrlose Existenz erst in einem entfernten Flecken, dann aber ganz außerhalb des Districts von Montreal zu verbergen.

Bridget hatte jedoch an das Verbrechen ihres Gatten gleichwenig glauben wollen, wie die Söhne an das ihres Vaters. Alle Vier hatten sich nach dem Dorfe Verchères in der Grafschaft dieses Namens am rechten Ufer des St. Lorenzo zurückgezogen. Sie hofften, daß kein Verdacht sie der öffentlichen Mißfälligkeit überliefern werde. Die Unglücklichen lebten hinfort von den letzten Hilfsmitteln, welche ihnen geblieben waren; denn obwohl Simon Morgaz durch Vermittlung des Hauses Rip den ihm für den Verrath zugesicherten Betrag empfangen hatte, hütete er sich doch, davon gegen seine Frau und seine Söhne etwas merken zu lassen. Ihnen gegenüber behauptete er fortwährend seine Unschuld und verdammte die Ungerechtigkeit der Menschen, welche ihn und seine Familie ins Elend gebracht habe. Mußte er denn nicht, wenn er Verrath geübt hatte, beträchtliche Summen zur Verfügung haben, oder würde er es mit angesehen haben, so weit herunterzukommen, wo das schlimmste Elend sich ihm raschen Schrittes näherte?

Bridget Morgaz hielt an dem Glauben fest, daß ihr Mann unschuldig sei. Sie freute sich fast ihrer Armuth, welche seinen Anklägern doch offenbar Unrecht gab. Der Schein war wohl gegen ihn gewesen... Man hatte ihm aber nicht gestattet sich auszusprechen... Er fiel nur einem schrecklichen Zusammentreffen äußerer Umstände zum Opfer... Eines Tages wird er sich schon rechtfertigen... Er war ja schuldlos!

Die beiden Söhne angehend, so hätte man in ihrem Benehmen gegen das Haupt der Familie wohl gewisse Unterschiede wahrnehmen können. Der Aeltere, Joann, hielt sich meist sehr zurück und wagte gar nicht an den Schandfleck zu denken, der in Zukunft auf dem Namen Morgaz haften würde. Die für und wider sprechenden Umstände, welche sich seinem Geiste zuweilen aufdrängten, suchte er möglichst zu verscheuchen, um sie gar nicht mehr abwägen zu müssen. Er wollte über seinen Vater nicht zu Gericht sitzen, so sehr fürchtete er, daß sein Urtheil gegen ihn ausfallen könnte. Er schloß die Augen, schwieg und schlich von dannen, wenn seine Mutter und sein Bruder zu Jenes Gunsten sprachen... Offenbar befürchtete das bedauernswerthe Kind, den Mann, dessen Sohn er war, schuldig zu finden.

Johann dagegen nahm eine ganz abweichende Stellung ein. Er glaubte wirklich an die Unschuld des Genossen eines Walter Hodge, Farran und de Clerc, soviel Momente denselben auch zu belasten schienen. Erregbarer als Joann und minder Herr des eigenen Urtheiles, ließ er sich von den Instincten der Kindesliebe willenlos hinreißen. Er blieb eben gefesselt durch jene Bande des Blutes, welche die Natur so schwer löslich gemacht hat. Er wollte seinen Vater öffentlich vertheidigen. Als er die über Simon Morgaz geführten üblen Nachreden vernahm, drohte ihm das Herz zu zerspringen, und seine Mutter mußte ihn zurückhalten, um einen Scandal zu verhüten. So lebte die unglückliche Familie unter einem angenommenen Namen in Verchères – aber in tiefem moralischen und materiellen Elende, und man weiß nicht, zu welchen Excessen sich die Einwohnerschaft des Fleckens hätte hinreißen lassen, wenn ihre Vergangenheit zufällig entschleiert worden wäre.

So war in ganz Canada, in den Städten wie in den erbärmlichsten Dörfern, der Name Simon Morgaz zum entehrenden Schimpfworte geworden. Man stellte ihn ohne Bedenken mit dem eines Judas zusammen oder speciell mit den Namen Black's und Deins' de Vitré, welche in der Sprache der französischen Canadier schon längst mit der Bezeichnung Verräther gleichbedeutend waren.

Im Jahre 1759 nämlich hatte dieser Deins de Vitré, ein Franzose, die Infamie begangen, der englischen Flotte nach Quebec hinein als Lootse zu dienen und Frankreich dadurch diese Hauptstadt zu entreißen, und 1757 hatte jener Black, ein Engländer, den proscribirten Amerikaner Mac Long, der sich ihm anvertraut und der an der Bewegung der Canadier theilgenommen hatte, seinen Feinden ausgeliefert. Der edle Patriot war gehenkt worden, und dann schnitt man ihm noch den Kopf ab und verbrannte seine Eingeweide, die aus dem Cadaver gerissen worden waren.

Wie man nun früher Black und Vitré gesagt hatte, so sagte man jetzt auch Simon Morgaz – drei Namen, welche dem öffentlichen Fluche verfallen waren.

In Verchères fingen die Bewohner jedoch bald an, sich über die Anwesenheit dieser Familie, deren Herkunft Niemand kannte, über deren geheimnißvolles Leben, über das Incognito, welches sie zu bewahren liebte, ernsthafter zu beunruhigen. Allmählich häufte sich gegen dieselbe ein gewisser Verdacht an, und eines Nachts wurde der Name Black an die Hausthüre Simon Morgaz' geschrieben.

Am folgenden Tage hatten seine Frau, die beiden Söhne und er Verchères verlassen. Nach Ueberschreitung des St. Lorenzo ließen sie sich einige Tage in einem der Dörfer des linken Stromufers nieder; dann als die Aufmerksamkeit der Leute sich mehr auf sie lenkte, vertauschten sie dieses mit einem anderen. Es war nur noch eine umherirrende Familie, an deren Sohlen sich die allgemeine Verwünschung heftete. Man hätte sagen können, daß die Göttin der Rache, eine lodernde Flamme in der Hand, sie ebenso verfolgte, wie in der biblischen Legende den Mörder Abel's. Da Simon Morgaz und die Seinigen nirgends festen Fuß zu fassen vermochten, durchzogen sie nacheinander die Grafschaften Assomption, Terrebonne, Deux Montagnes und Vaudreuil und gelangten so immer weiter nach Westen, in dünner bevölkerte Gegenden, wo ihnen endlich aber doch der wahre Name ins Gesicht geschleudert wurde.

Zwei Monate nach dem Urtheilsspruche vom 25. September hatten der Vater, die Mutter, Joann und Johann bis in die Gebiete von Ontario flüchten müssen. Von Kingston, wo sie in dem Gasthause, das ihnen Unterkunft gewährt hatte, erkannt wurden, mußten sie auf der Stelle weiter wandern. Simon Morgaz gewann kaum Zeit, unter dem Schutze der Nacht zu flüchten. Vergebens hatten Bridget und Johann sich bemüht, ihn zu vertheidigen. Sogar sie selbst konnten sich nur mit Mühe einer schlechten Behandlung entziehen, und Joann, der ihren Rückzug deckte, wäre dabei fast noch getödtet worden.

Alle Vier fanden sich am Rande des Sees, einige Meilen von Kingston, wieder zusammen. Sie beschlossen hier, dem Nordrande desselben zu folgen, um die Vereinigten Staaten zu erreichen, da sie selbst in Ober-Canada, welches eigentlich außerhalb des Einflusses der Reformer lag, keinen Schlupfwinkel mehr fanden. Und doch erwartete sie jenseits der Grenze wahrscheinlich der nämliche Empfang, in einem Lande, wo man dem Verrathe eines Black gegen einen Bürger der amerikanischen Föderation nach immer fluchte.

Am besten wäre es also gewesen, ein unbekanntes Land zu finden, sich selbst inmitten eines Indianerstammes niederzulassen, bis wohin der Name eines Simon Morgaz jedenfalls noch nicht gedrungen war. Vergeblich. Der Elende wurde überall zurückgestoßen. Ueberall kannte man ihn, als ob er ein Kainszeichen an der Stirn trüge, das ihn der allgemeinen Verachtung bezeichnete.

Inzwischen nahte sich der November seinem Ende. Welch' mühselige Wanderschaft, wenn es nun galt, der schlechten Witterung, dem eisigen Winde, der schrecklichen Kälte Trotz zu bieten, welche den Winter in diesem Lande der Seen begleiten! Beim Durchzuge durch die Dörfer kauften die Söhne dann einige Lebensmittel, während der Vater sich außerhalb jener aufhielt. Sie schliefen, wenn es möglich war, im Grunde verlassener Hütten, sonst aber in Aushöhlungen von Felsen oder unter den Bäumen jener grenzenlosen Wälder, welche das Land bedecken.

Simon Morgaz wurde mit der Zeit immer düsterer und menschenscheuer; er hörte nicht auf, sich vor den Seinigen zu entschuldigen, als ob ein unsichtbarer Verfolger sich an seine Fersen geheftet und immer gerufen hätte: Verräther!... Verräther! Bald schien es, als wagte er gar nicht mehr seiner Frau und seinen Kindern ins Gesicht zu sehen. Bridget tröstete ihn wohl mit zärtlichen Worten, und wenn Joann noch immer Stillschweigen bewahrte, so hörte doch Johann nicht auf, sich auszusprechen.

»Vater!... Vater!... rief er wiederholt, lass' Dich nicht niederdrücken! Die Zeit wird die Verleumder noch entlarven!... Man wird erkennen, daß man sich geirrt... daß gegen Dich weiter nichts als der Schein spricht. Du, Vater, Du sollst Deine Freunde, Deine Heimat verrathen haben!...

– Nein!... Nein!... antwortete Simon Morgaz«, doch mit so schwacher Stimme, daß man ihn kaum verstehen konnte.

Von Dorf zu Dorf irrend, gelangte die Familie so bis zum nördlichen Ende des Sees, einige Meilen vom Fort Toronto. Folgte sie von hier aus dem Ufer weiter, so galt es nur bis zum Niagaraflusse hinunter zu gehen und diesen an der Stelle, wo er sich in den See ergießt, zu überschreiten, um endlich am amerikanischen Ufer zu sein.

Wollte Simon Morgaz hier wohl Halt machen oder schien es nicht rathsamer, weit tiefer nach Westen hinaus zu ziehen, um eine so entfernte Gegend zu erreichen, daß das Gerücht von seiner Infamie noch nicht bis dahin gedrungen sein konnte? Doch welchen Ort würde er dann wählen? Seine Frau und seine Kinder wußten darüber nichts, da er immer schweigend vor sich hinwanderte und sie ihm nur zu folgen hatten.

Am 3. December gegen Abend machten die Unglücklichen von Hunger und Anstrengung erschöpft in einer Höhle Halt, welche von Buschwerk und Dornen halb verdeckt war – wahrscheinlich ein zur Zeit verlassener Schlupfwinkel eines Raubthieres. Die wenigen ihnen noch verbliebenen Nahrungsmittel waren auf dem Sande ausgebreitet worden. Bridget brach unter der Bürde der physischen und moralischen Anstrengungen fast zusammen. Jedenfalls war es unumgänglich, daß die Familie Morgaz im nächsten Dorfe einige Tage die Gastfreundschaft eines Indianerstammes genießen mußte – ein Wunsch, den auch die Canadier jenen niemals abschlugen.

Vom Hunger zernagt, genossen Joann und Johann ein wenig kaltes Wild. An diesem Abend aber wollten oder konnten Simon Morgaz und Bridget nichts zu sich nehmen.

»Vater, Du mußt Deine Kräfte erhalten!« bat Johann.

Simon Morgaz antwortete nicht.

»Mein Vater, sagte da Joann – und das war das erste und einzige Mal, daß er seit dem Fortgange aus Cambly das Wort an ihn richtete – mein Vater, wir können nicht mehr weiter... Unsere Mutter würde jeder ferneren Anstrengung unterliegen. Jetzt befinden wir uns ja nahe der amerikanischen Grenze; willst Du auch noch über diese hinausgehen?«

Simon Morgaz blickte seinen älteren Sohn an und seine Augen senkten sich fast sogleich wieder. Joann fuhr fort:

»Sieh doch, in welchem Zustand unsere Mutter sich befindet! Sie kann kaum noch eine Bewegung machen! Diese Erschöpfung raubt ihr auch noch den letzten Rest von Willenskraft, der ihr vielleicht geblieben... Morgen wird es ihr unmöglich sein, sich zu erheben. Mein Bruder und ich, wir werden sie natürlich tragen... Doch müssen wir nun wissen, wohin Du ziehen willst, und das darf auch nicht allzufern sein. Hast Du darüber einen Entschluß gefaßt, Vater?«

Die Straße Petit-Champlain in Quebec.

Die Straße Petit-Champlain in Quebec.

Simon Morgaz antwortete nicht; er beugte den Kopf herab und zog sich in den Hintergrund der Höhle zurück.

Die Nacht war hereingebrochen. Kein Geräusch störte die Einsamkeit, dicke Wolken bedeckten den Himmel und drohten sich in einen gleichmäßigen Nebel umzuwandeln. Kein Windhauch strich durch die Luft, nur dann und wann unterbrach ein entferntes Geräusch das Todesschweigen dieser Einöde. Bald begann ein dichter Schnee zu fallen.

Da es ziemlich kalt war, sammelte Johann etwas dürres Holz, das er in einer Ecke nahe dem Eingang in Brand setzte, so daß der Rauch einen Abzug nach außen finden konnte.

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