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Die Falknerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Prag 1417
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  1. Stuttgart 1421
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  1. Grünwald 1421
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  1. München, Grünwald 1422
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  1. Epilog
  2. Nachwort
  3. Danksagung

Über das Buch

Eine junge Falknerin kämpft für ihre Liebe
Prag, 1417. Margarethe ist unsterblich in den Herzogssohn Albrecht verliebt. Auch Albrecht ist fasziniert von der schönen Hofdame, die als Einzige am Prager Hof die Kunst der Falknerei beherrscht. Aber dann zwingt Königin Sophie die junge Frau, einen einflussreichen Vogt zu ehelichen. Margarethe ist entsetzt, als man ihr den zukünftigen Gatten vorstellt: einen lüsternen Greis. Mit Albrechts Hilfe flieht sie schließlich nach München. Doch der alte Vogt hat Margarethe nicht vergessen und will sich holen, was ihm versprochen wurde …

Über die Autorin

Karolina Halbach wurde 1962 in Neustadt an der Waldnaab geboren und kennt Regensburg schon seit ihrer Kindheit. Bereits damals hat sie sich in das »bayrische Venedig« verliebt, das sie zu ihrem historischen Roman »Die Wandersängerin« inspiriert hat. Heute lebt die promovierte Naturwissenschaftlerin mit ihrer Familie, ihren zwei Hunden und drei Ponys in der Nähe von Passau.

PROLOG

Der Anblick der Frau mit den hohlen Wangen und der fiebrig feuchten Stirn trieb ihm die Tränen in die Augen. Er wusste, dass sich diese sentimentalen Gefühle für einen angehenden Ritter nicht gehörten, deshalb versuchte er, den Druck in seiner Brust, dieses Gefühl, nicht mehr atmen zu können, auf den Weihrauch zu schieben. In Schwaden, für die ein eilfertiger Burgkaplan mit weit schwingenden Bewegungen sorgte, waberte er durch das Zimmer. Fast ein wenig ärgerlich fuhr sich der Junge mit dem Handrücken übers Gesicht, während er sich ermahnte, bloß keine Schwäche zu zeigen, schon gar nicht vor diesem Kerl, den man seiner Mutter nach dem Tod des geliebten Vaters zum Gatten gegeben hatte. Der Sohn richtete sich auf und straffte die Schultern. Breitbeinig stand er da, die Hand am Gürtel – ganz so, wie es sich für einen Adelsherrn gehörte, der dazu ausersehen war, sein Glück im Kampf zu suchen.

Seine Mutter lächelte stolz, und er wartete geradezu darauf, dass sie sich aufrichtete und ihn in ihre Arme schloss. Stattdessen hob sie die Hand. Ihr zittriger Zeigefinger krümmte sich. Er trat näher, bis seine Knie den grob gezimmerten Holzrahmen ihres Lagers berührten. Sie tastete nach seiner Hand, fand sie und zog ihn zu sich herab. Ihr heißer Atem ließ ihn an den Feuerdrachen denken, der ihr Familienwappen zierte.

»Mein Sohn«, flüsterte sie. Ihre Stimme war schwach, aber voller Liebe. Für einen Moment schloss sie die Augen, um ihre Kräfte zu sammeln. Auf andere mochte es wirken, als wollte sie schlafen. Er jedoch kannte sie besser. Sie hatte etwas Bedeutsames zu sagen. Mit angehaltenem Atem wartete er auf ihre Worte.

Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. Ärgerlich fuhr er herum und sah direkt in die dunklen Augen seines Stiefvaters.

»Genug jetzt«, blaffte dieser barsch. »Sie muss dem Kind noch die Brust geben. Es braucht die erste Milch seiner Mutter, damit es überleben kann. Komm morgen wieder.«

Jans Hand fuhr unwillkürlich zum Gürtel, wo das stählerne Jagdmesser seinen Platz hatte. Der Kerl schaffte es sogar, ihn am Sterbebett seiner Mutter zu provozieren. Doch diesmal würde er sich zu nichts hinreißen lassen, und so zischte der Junge nur leise: »Es würde noch zahllose Morgen für sie geben, hättet Ihr nicht darauf bestanden, dass sie Euch einen Sohn schenkt, obwohl Ihr doch bereits zwei von Eurer ersten Frau habt. Jetzt siecht sie für diesen nutzlosen Spross dahin.«

»Das ist die Buße, die Gott der Herr den Töchtern Evas für ihre Sünde auferlegt hat.«

»Pah! Das da ist nicht der Wille Gottes, sondern das Resultat Eurer Wollust, Stiefvater. Warum habt Ihr Euch keine junge Magd gesucht, wenn es Euch in den Lenden juckt, so wie es mein Vater tat, nachdem er sah, wie sehr die Geburt eines Kindes sie quälte. Meine Mutter wird Euch für Eure Selbstsucht anklagen, wenn Ihr einst Eurem Schöpfer gegenübertretet. In der Hölle sollt Ihr schmoren!«

»Lästert dem Herrn nicht, Knabe«, mahnte der Burgkaplan.

Jan schnaufte verächtlich. Dann trat er wieder an das Lager seiner Mutter, beugte sich zu ihr herab und küsste sie auf die Stirn. Ihre Lider hoben sich, und einen Herzschlag lang fanden sich ihre Blicke in Zärtlichkeit.

Ihre Hand tastete nach seiner, und Jan spürte, wie sie seine Finger um einen glatten, runden Gegenstand schloss. »Ich habe dir nicht viel zu hinterlassen, mein Junge«, hauchte sie fast unhörbar. »Doch nimm diesen Ring. Ich habe ihn einst von deinem Vater in Liebe empfangen. Gib ihn weiter an die Eine, die Besondere.«

»Wie werde ich sie erkennen, Mutter?«, flüsterte er.

»Du wirst es wissen, Sohn, wenn du ihr begegnest, denn sie wird dein Herz berühren.«

Jan nickte leicht und ballte die Hand zur Faust.

»Geh jetzt, und überlasse mich meinem Schicksal.«

Ein letztes Mal küsste er ihre Hand, führte sie an seine Wangen und ließ sie dann sanft zurück aufs Lager gleiten. Als er sich zur Tür umdrehte, wartete dort bereits die Hebamme mit einem rotgesichtigen Säugling, der schwache, schmatzende Laute von sich gab.

PRAG 1417

KAPITEL 1

Die Märzsonne meinte es an diesem Tag besonders gut mit der Goldenen Stadt. Sanft vertrieb sie die letzten Schneereste von den Dächern und ließ sie als Wassertropfen wie funkelnde Sterntaler zu Boden fallen. Wer keinen nassen Kragen bekommen wollte, war gut beraten, sich von den Hauswänden fernzuhalten, was im Gedränge Prags kein einfaches Unterfangen war, vor allem, da man gleichzeitig den großen Pfützen ausweichen musste, die sich auf dem noch halb gefrorenen Boden gebildet hatten.

Königin Sophie, Gattin des vierten Wenzel, blickte aus dem Fenster ihres Stadtpalastes ins Freie, wo sich die Bewohner wie bunte Perlen auf den mit hellen Kieseln ausgelegten Wegen tummelten. Nach einem nasskalten Winter genossen auch ihre Untertanen den Duft des sich ankündigenden Frühlings. Der Königin entgingen die leisen Seufzer ihrer jungen Hofdamen nicht, die nichts lieber getan hätten, als ihr Stickzeug beiseitezulegen und hinaus in den Garten zu stürmen. Niemals jedoch hätte es eine von ihnen gewagt, diesen Wunsch laut auszusprechen. Königin Sophie führte ihren Hof mit strenger Hand, so wie sie es vom Haus Wittelsbach, dem sie entstammte, gewohnt war. Sie duldete keinen Müßiggang und brachte nur wenig Verständnis für jugendliche Albernheiten auf. Man lebte in unruhigen Zeiten. Nicht einmal sie als Königin wusste, ob ihr Titel und Stand im nächsten Jahr noch sicher waren.

Ihr Gatte Wenzel hatte sich bislang als in jeder Hinsicht unfähiger und schwacher Monarch gezeigt. Dazu kam sein launisches, unberechenbares Wesen. Des Königs Misstrauen und sein Jähzorn machten vor niemandem Halt. Sophie erinnerte sich mit Schrecken daran, wie er bei einer Jagdgesellschaft seine geifernden Hunde auf den alten Vogt von Weida gehetzt hatte, einen treuen Vasallen, nur weil er es gewagt hatte, unaufgefordert einem Eber den Fangschuss zu geben, den des Königs Speer lediglich verletzt hatte.

Dabei war der Vogt von Weida ein wichtiger Verbündeter, der über die Gefolgschaft zahlreicher niederadeliger Familien in der Grenzgegend wie zum Beispiel der von Dobenecks und der von Zedtwitz’ verfügte. Zwar war es der Königin gelungen, den Zorn des Vogts zu besänftigen, dennoch war ein stolzer Mann gekränkt worden. Mit Wenzels Entscheidung, den Vogt auch noch unter das Joch des Hauses Wettin zu zwingen, war weiteres Öl ins Feuer gegossen worden. Seither fürchtete Sophie, der Weida könnte sich Sigismund, dem Halbbruder und Erzrivalen des Königs, anschließen, dem es schon einmal beinahe geglückt war, ihren Gatten Wenzel vom Thron zu stoßen.

Der König hatte eine Menge Zugeständnisse machen müssen, um seine böhmischen Lehnsleute hinter sich zu bringen, damit ihm die böhmische Krone blieb. Doch die Böhmen nutzten des Königs Schwäche gnadenlos aus – ohne ihm eine ehrliche Gefolgsmannschaft zu sein. Privileg um Privileg rangen sie ihm ab. Wohin das führte, sah man an den Folgen des Kuttenberger Dekrets für die Prager Universität. Seit die Böhmen dort das Sagen hatten, vergraulten sie die deutschstämmigen Gelehrten. Einer nach dem anderen packte sein Bündel und zog nach Leipzig. Dann war auch noch Jan Hus Rektor geworden und hatte ungehindert seine ketzerischen Ideen verbreitet. Jetzt war der Hus tot, verbrannt im Konstanzer Feuer, doch Sophie kam es so vor, als wäre sein geistiges Erbe damit nur noch gefährlicher geworden.

Solch dunkle Gedanken trieben die Königin um, während sie aus dem Fenster schaute. Nun aber schüttelte sie kaum merklich den Kopf, trat einen Schritt zurück und wandte sich wieder ihren Damen zu. Die Mädchen beugten sich schweigend über ihre Handarbeiten. Klein war ihr Hofstaat geworden, nur noch fünf Mädchen zur Erziehung und ein enger Kreis von Vertrauten. Die Königin schritt die Reihe ihrer Hofdamen ab, begutachtete die Stickereien und sparte nicht mit Lob, wenn ihr eine Arbeit gelungen schien, aber auch nicht mit Kritik, wenn sich eines der Mädchen nicht genug anstrengte. Sophie hatte sich stets bemüht, jedermann mit gleicher Elle zu messen – egal ob böhmischer oder deutscher Herkunft. In letzter Zeit jedoch schien das selbst an ihrem Hof nicht mehr möglich zu sein. Der stete Konflikt zwischen böhmischen und deutschstämmigen Vasallen schwärte auch unter ihren Damen. Die Töchter der böhmischen Adelsherren empörten sich ständig über angebliche Ungerechtigkeiten und eine Bevorzugung der deutschen Mädchen durch die Königin. Waren die jungen Damen erst einmal in Rage, ließen sie sich kaum mehr besänftigen, beklagten sich bei ihren Vätern, die dann wiederum vor dem König Beschwerde führten. Gleichzeitig jedoch piesackten sie die deutschen Mädchen, wo sie nur konnten.

Königin Sophie hatte anfangs versucht, die Mädchen zur Ordnung zu rufen, aber das schien die Sache nur zu verschlimmern. Zudem war es die Königin leid, sich immer wieder von ihrem Gatten anhören zu müssen, sie solle gefälligst ihren Hof anständig führen und ihm nicht seine treuesten Vasallen verärgern. Diese würden der Königin ihre Töchter in der Hoffnung anvertrauen, dass sie bei Hof mit Achtung behandelt und eine standesgemäße Erziehung durchlaufen würden. So kam es, dass die Königin die Launen der böhmischen Sprösslinge ignorierte, soweit es ging. Trotzdem taten ihr Margarethe von Waldeck und Margot von Bischishausen oft leid, die derzeit einzigen deutschen Mädchen in ihrem Gefolge.

Die Königin schätzte die beiden: Margot war ein hübsches Kind aus bester württembergischer Familie, das mit großer Neugierde und Begeisterung bei der Sache war. Als Tochter des Truchsessen von Stuttgart würde sie später einmal eine glänzende Partie abgeben. Margarethe dagegen kam aus einfacheren Verhältnissen, war anstellig und bescheiden. Mit ihren nun sechzehn Lenzen kam sie ins heiratsfähige Alter. Die Königin nickte kurz, als sie Margarethes geübte, gleichmäßige Stiche auf dem Leintuch begutachtete. Das Herz wurde ihr fast ein wenig schwer, wenn sie daran dachte, wie wenig Interesse Margarethes Vater für seine Tochter aufbrachte. Kaum dass er sich nach ihrem Wohlergehen erkundigte oder gar Interesse am Fortgang ihrer Erziehung zeigte. Oft fragte sich die Monarchin, was wohl aus dem Mädchen werden würde. Vermutlich würde der alte Waldecker sie mit irgendeinem vierschrötigen Waffenbruder verkuppeln. Eine Schande wäre das. Liebend gerne hätte Sophie Margarethe bei sich behalten, doch angesichts ihrer eigenen unsicheren Zukunft war das ein schlechter Plan. Nein, für Margarethe musste es eine andere Lösung geben, eine, die ihren Vater zufriedenstellte und dem Mädchen zugleich eine Zukunft bot. Es war Zeit, sich endlich darum zu kümmern.

Sophie atmete tief durch, klatschte in die Hände und rief: »Lasst mich allein, meine Damen. Hinaus in den Garten mit euch!«

Das ließen sich die Mädchen nicht zweimal sagen. Wie aufgescheuchtes Federvieh flatterten sie aus dem mit prunkvollen Wandteppichen verzierten Saal. Dabei hatten sie es so eilig, dass die Hofknickse ein wenig ungelenk ausfielen und die Diener kaum rechtzeitig die hohe zweiflügelige Tür mit dem kunstvoll geschnitzten Wappen des Hauses Wittelsbach aufreißen konnten.

Erleichtert atmete Sophie auf. Zumindest diese Stunde war ohne Gezänk vergangen. Sie klingelte nach ihrem Schreiber.

Kurze Zeit später schwärmten die Mädchen durch das mächtige Eichenportal des Schlosses hinaus in den Garten. Sie hatten ihre höfische, mit modischen ornamentalen Mustern verzierte Kleidung gegen leichtere Gewänder aus hellem Leinen getauscht, die keine lästigen Schleppen besaßen. Ihre hellen Stimmen erfüllten den noch winterkahlen Schlossgarten mit überbordender Lebendigkeit, fast so, als würde er endlich wie aus einem langen Schlaf erwachen. Als Gruppe hatten sie das schmiedeeiserne Tor durchschritten, dessen goldene Spitzen in der hoch stehenden Sonne blinkten. Zuerst gingen die Mädchen artig hintereinander her, doch sobald es möglich war, strebten sie auseinander.

Drei Mädchen eilten vorneweg. Sie suchten nach den Bänken, die im Sommer in ausreichender Zahl im Garten gestanden hatten. Doch die hölzernen Sitzgelegenheiten stapelten sich noch in der Werkstatt der Zimmerleute und warteten darauf, gehobelt und mit Bienenwachs versiegelt zu werden. Lediglich zwei schmiedeeiserne Gartenbänke mit gewundenen Füßen hatten den Winter draußen verbracht und boten sich nun den Mädchen zum Verweilen. Die eine stand unter einer Trauerweide und glänzte von den Tropfen, die aus den Zweigen fielen. Die zweite Bank befand sich rechts neben den Rosenbeeten. Auch sie war ein wenig feucht, bot jedoch die einzig annehmbare Sitzgelegenheit weit und breit. Fast hastig strebten die drei Hofdamen an der Spitze darauf zu, breiteten eine Decke aus und nahmen die Bank in einer Weise in Beschlag, dass den beiden anderen nichts anderes übrig blieb, als weiterzugehen. Die Ältere, hoch aufgeschossen und mit kupferroter Lockenpracht, ignorierte das Verhalten der drei Mädchen. Der Jüngeren, die einen Kopf kleiner und kaum dem Kindesalter entwachsen war, schien der Sinn ohnehin nicht nach einer Ruhepause zu stehen. Sie stürmte mit wehendem Haar weiter in den Garten hinein.

Die drei Mädchen auf der Bank schüttelten ungnädig die Köpfe, giggelten und riefen der Rothaarigen hinterher: »He, Margarethe, pass bloß auf! Gleich fällt dein Schützling auf die Nase! Was für ein Benehmen! Der Königin würde es gewiss missfallen.«

Margarethe von Waldeck tat so, als habe sie die Bemerkung nicht gehört, und ließ sich auf einem Stein am Gartenteich nieder. Wie sie diese Sticheleien hasste, vor allem wenn sie sich gegen Margot richteten, die zu jung war, um sich wehren zu können. Am liebsten hätte die Rothaarige den dreien gesagt, was davon zu halten war, das Mütchen an Schwächeren zu kühlen, aber sie wusste, dass es nichts helfen würde. Die drei waren unverbesserliche Schandmäuler. Am besten war, sie mit Nichtachtung zu strafen. Also presste Margarethe die Lippen fest aufeinander und versuchte, an etwas anderes zu denken.

Ihr Blick folgte Margot durch den Garten. »Wenn es doch nur schon Sommer wäre!«, seufzte sie gedankenverloren.

Sobald der Duft der Rosen den Garten erfüllte, gab Königin Sophie ihr legendäres Sommerfest, zu dem selbstverständlich auch die jungen Herren aus dem Palast des Königs geladen waren. Dann glich der Stadtpalast einem Garten Eden mit heimeligen Plätzen, in denen es sich vertraulich plaudern ließ, während Wildrosen und Lavendel die Sinne betörten und bunte Falter zur Musik tanzten.

Die Rothaarige musste daran denken, wie sie sich mit Albrecht und Jan beim letzten Sommerfest heimlich aus dem Staub gemacht hatte und sie zum Schloss auf dem Hradschin, das vom König verschmäht wurde, hinaufgestiegen waren, um den Lauf der Sterne zu beobachten. Fast die ganze Nacht hatten sie auf dem Burgfried gehockt, geredet und Zukunftspläne geschmiedet. Albrecht hatte sich ausgemalt, wie er als Kronprinz des Herzogs von Bayern-München nach seiner anstehenden Schwertleite von Turnier zu Turnier ziehen würde und jeden Gegner in den Staub zwang, während ihm Margarethe von der Tribüne aus zujubelte. Jans größter Wunsch war es, irgendwann ein eigenes Lehen zu besitzen, am besten im Bayrischen und nicht allzu weit weg von Albrechts Residenz. Seitdem war kaum mehr als ein Winter vergangen. Die beiden Jungen waren inzwischen Ritter geworden, doch der Erfüllung ihrer Träume keinen Schritt näher.

Margarethe blickte versonnen auf die Wasseroberfläche. Sie berührte ihr Spiegelbild mit den Fingerspitzen, woraufhin es augenblicklich verzerrte. Spielerisch schöpfte die Hofdame ein wenig Wasser mit der hohlen Hand und ließ es zurück in den Teich tropfen.

»Margarethe, guck mal, wie weit ich springen kann!« Margots Stimme riss sie aus ihren Gedanken und ließ sie aufblicken. Einem frisch aus dem Stall gelassenen Zicklein gleich hüpfte die Kleine über eine breite Pfütze, während sie lachend mit den Fingern die Tropfen aus den triefenden Ästen der Johannisbeersträucher streifte. Dass sie dabei selbst nass wurde, bemerkte sie gar nicht. Dann aber hielt das Mädchen unvermutet inne, beugte sich über die kahlen Büsche und bog die Zweige auseinander. Mit geröteten Wangen und verzücktem Gesichtsausdruck rief es der Freundin zu: »Uih, schau nur, was hier ist!«

»Was gibt es denn?«, fragte Margarethe interessiert und warf einen letzten kritischen Blick auf ihr Spiegelbild. Ungnädig stopfte sie eine eigenwillige Haarsträhne unter ihren Schleier. Doch nun quoll die widerspenstige Haarpracht auf der anderen Seite hervor. Margarethe seufzte: rote Haare und dann auch noch diese grünen Katzenaugen. Als sie klein war, hatte sie sich einmal heimlich die Flechten abgeschnitten in der Hoffnung, das nachwachsende Haar möge eine andere Farbe annehmen. Natürlich hatte es nichts geholfen. Neidvoll blickte sie zu ihrem Schützling hinüber, der mit unglaublich wichtigem Gesichtsausdruck vor einem Johannisbeerbusch stand und wild gestikulierte. Margot von Bischishausen war noch ein halbes Kind, aber man musste schon blind sein, um ihre aufblühende Schönheit nicht zu bemerken. Bei ihr passte alles zusammen: die kleine Stupsnase, Augen so braun wie die Tiefen der Moldau, ebenholzfarbenes, glattes Haar und eine makellos seidige Haut. So sollte ein Edelfräulein aussehen.

»Komm endlich«, drängte die Kleine und deutete mit dem Finger unter die Sträucher.

Margarethe stand auf und ging zu ihrem Schützling hinüber, wobei sie dem Impuls nicht widerstehen konnte, zu den drei anderen Mädchen zu schauen. Diese zupften so offensichtlich und grinsend an ihren Gewändern herum, dass eigentlich kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie sich einmal mehr über Margarethes Garderobe ausgelassen hatten. Kein Wunder, ihr Kleid war eindeutig zu kurz, obwohl sie den Saum bereits ausgelassen hatte. Sie war über den Winter hochgeschossen wie eine Bohnenranke, und jetzt passte nichts mehr.

Margarethe hatte gehofft, es würde Königin Sophie auffallen und diese würde sich ihrer erbarmen. Doch bislang hatte sie vergeblich auf ein Geschenk der Monarchin gewartet. Nun schien Margarethe nichts anderes übrig zu bleiben, als nach Hause zu schreiben und um Geld zu bitten. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie sich das runde, fast kahlköpfige Haupt ihres Vaters beim Lesen des Briefes so rot verfärbte, dass es schließlich einem gut gegarten Krebs glich. Den donnernden Wutausbruch hätte ihre Mutter auszuhalten, deren einziges Vergehen es gewesen war, dem Herrn von Waldeck statt eines Sohnes ein nach Tand gierendes Mädchen in die Wiege gelegt zu haben. Gören zählten für den Burgherrn nicht. Mit ihnen konnte ein Ritter nicht mehr anfangen, als sie zu verheiraten, was wiederum Unsummen verschlang, die dann in der Kriegskasse fehlten.

Missmutig verdrängte Margarethe die Gedanken an ihr Elternhaus und schaute nach, was Margot so Wichtiges entdeckt hatte. Sie folgte deren ausgestrecktem Zeigefinger mit den Augen und sah ein paar weiße Blüten. »Oh, wie hübsch«, kommentierte Margarethe, während sie ihr Kinn auf Margots Schulter legte. »Schneeglöckchen.«

»Die ersten im Jahr und ausgerechnet heute, an deinem Geburtstag«, begeisterte sich die Dunkelhaarige. »Du musst unter einem ganz besonderen Stern stehen, wenn selbst Mutter Natur dir an deinem Festtag Blumen schenkt.«

Margarethe musste lächeln. Dieses Mädchen war einfach ein Sonnenschein. In Margots Augen war jedes Wesen ein göttliches Wunder und jedes Ding ein Geschenk des Himmels. Jede Minute, die Margarethe mit ihr zusammen sein konnte, machte Freude: Das Mädchen war freundlich und vertrauensselig. Zudem fehlte ihm jedweder Sinn für Intrigen, ganz im Gegensatz zu den drei Biestern dort drüben auf der Bank.

Am schlimmsten war Katerina von Wettin, eine blasierte Gans, die sich wer weiß was auf ihre Abstammung einbildete. Die Redensart »Mit vollen Hosen lässt sich gut stinken« ging Margarethe durch den Sinn. Sicher, die Wettiner gehörten zu den einflussreichsten Lehensleuten des Königs. Ihnen unterstanden umfangreiche Ländereien im Vogtland, darunter auch die der Väter von Katerinas Freundinnen Ludmilla und Agneta, links und rechts von ihr.

Margarethe hatte Katerina vom ersten Moment an nicht gemocht, und umgekehrt war es wohl genauso gewesen. Was genau die Wettinerin gegen sie hatte, wusste Margarethe nicht, doch sie hatte gehört, dass es ihrer Vorgängerin, einem Mädchen aus Landshut, nicht viel besser ergangen war. Nach nur einem Winter hatte es seinem Vater geschrieben, dass es sich eher von den Zinnen der Burg stürzen würde, als nur einen Tag länger in Prag zu bleiben. Auf diese Weise hatte sich zwar für Margarethe, deren Vater weder besonders reich an Ländereien noch an Einfluss war, die Gelegenheit ergeben, Hofdame an einem der besten Höfe Europas zu werden, doch wenn sie von diesen drei Schlangen gewusst hätte, hätte sie ihre Zustimmung vermutlich verweigert. Auch sie hatte mehr als einmal die Schreibfeder in die Hand genommen, um ihren Vater zu bitten, sie nach Hause zurückkehren zu lassen. Ob er ihrem Wunsch entsprochen hätte, wusste sie allerdings nicht.

Außerdem hätte sie dann nie Albrecht von Wittelsbach und Jan Sedlic kennengelernt. Schnell hatten sie sich miteinander angefreundet, was Katerina nur noch mehr gegen Margarethe aufgebracht hatte. Albrecht war der Neffe der Königin und einziger Sohn und Erbe von Bayernherzog Ernst. Es musste die Wettinerin schier zur Weißglut gebracht haben, dass Euer Hochwohlgeboren mit Margarethe herumlachte, während er ihr kaum zunickte. Die Rothaarige blickte verträumt auf die kleinen weißen Glöckchen zu ihren Füßen. Albrecht! Allein an ihn zu denken beschleunigte ihren Herzschlag. Heute würde sie endlich wieder mit ihm zusammen sein.

Königin Sophie hatte ihrer jungen Hofdame einen freien Nachmittag in Aussicht gestellt. Schließlich war heute ihr sechzehnter Geburtstag. Sie hatte keine Sekunde überlegen müssen, wie sie die kostbare Freizeit verbringen wollte: Sie sehnte sich nach einem Ausritt mit Albrecht und Jan zu den Moldauauen. Margarethe hob prüfend den Blick und kontrollierte den Stand der Sonne, die ihren Zenit fast überschritten hatte. Die junge Frau würde nicht mehr lange warten müssen, bis ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie glaubte bereits, den Wind in den Haaren zu spüren, den Frühling in den Bäumen zu riechen und Albrechts jungenhaftes Jauchzen zu hören, wenn ihre Pferde Seite an Seite die Moldauauen entlangsprengten.

»Margarethe, du träumst ja«, stellte Margot fest.

Die Ältere lächelte ertappt und kitzelte das dunkelhaarige Mädchen unter dem Kinn. »Kann schon sein, du Naseweis«, gab sie zu. »Was hattest du gerade gefragt?«

»Ob ich dir welche pflücken soll?«, wiederholte das Kind. »Die Blüten würden wunderbar zur Farbe deines Schapels passen.«

Margarethe blickte kurz über ihre Schulter. Der Gärtnermeister hatte sich ihnen unauffällig genähert, und seine pechschwarzen Augen funkelten, als schien er Margots Absicht zu ahnen. Jedenfalls baute er sich in ihrer Nähe auf wie eine Glucke, die ihre Küken bedroht sieht. Da er das Wohlwollen der Königin genoss, wollte Margarethe seinen Zorn besser nicht riskieren. Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Schneeglöckchen taugen nicht als Haarschmuck. Sie welken rasch, wenn man sie pflückt. Lass sie stehen. Freuen wir uns einfach, dass sie uns wärmere Tage versprechen.«

Margot machte ein enttäuschtes Gesicht. »Schade, ich dachte, ich könnte ein paar von ihnen als Tischschmuck verwenden.«

»Ist das heute deine Aufgabe?«, fragte Margarethe. »Kümmerst du dich um die Tischdekoration fürs Nachtmahl?«

Margot nickte und sah verzweifelt aus. Vermutlich mangelte es ihr an Ideen.

»Hm, lass mich nachdenken. Wir haben doch einen Küchenjungen, der es schafft, Eiklar so lange zu schlagen, bis es fest wie Schnee ist und sich formen lässt. Vielleicht könnte er Schneeglöckchen aus solchem Eischnee backen. Mit Honig gesüßt ergäbe sich ein Tischschmuck, der sich sogar aufessen lässt.«

Margot klatschte vor Begeisterung in die Hände und rief: »Die Königin wird erfreut sein! Ach Margarethe, wenn ich dich nicht hätte. Aber eigentlich ist es ja dein Vorschlag. Ich werd’s ihr sagen müssen.«

»Auf den ich aber nie gekommen wäre, wenn du mir nicht die Blumen gezeigt hättest. Insofern stammt er von uns beiden.«

Margot strahlte. Dann schaute sie sich verstohlen nach Katerina und ihren Freundinnen um. Als die drei kurz nicht hersahen, fasste sie Margarethe an der Hand und zog sie zu einer Stelle hinter einer Mauer, wo die anderen Mädchen sie nicht sehen konnten. Geheimnisvoll kramte Margot in ihrem Rock und holte schließlich ein Beutelchen hervor, verbarg es aber sofort wieder zwischen ihren kleinen Händen.

»Ich habe ein Geschenk für dich.« Die Augen des Mädchens strahlten. »Schon zum Christfest bat ich meinen Vater darum, aber dann brach der Winter so früh herein, und die Handelswege nach Florenz wurden unpassierbar. Jetzt bekommst du es eben zu deinem Geburtstag.«

Sehr langsam öffnete Margot die Hände. Das kleine Döschen war unscheinbar und kaum größer als das letzte Glied eines Daumens.

»Wie hübsch«, bedankte sich Margarethe gerührt. Von ihren Eltern hatte sie nicht mehr als Grüße bekommen, und die stammten vermutlich auch nur von ihrer Mutter.

Margot überreichte ihr andächtig das filigrane Behältnis. »Mach auf!«, gluckste die Kleine dann und scharrte wie ein Fohlen.

Margarethe tat ihr den Gefallen und öffnete den winzigen Verschluss. Der Deckel sprang auf und gab den Blick auf ein karminrotes Pulver frei. Margarethe hielt den Atem an, denn wenn es das war, was sie vermutete, hielt sie ein kleines Vermögen in den Händen.

»Das … das kann ich nicht annehmen, Margot«, hauchte sie. »Du kannst mir doch kein so wertvolles Geschenk machen«, fügte sie mit leise tadelndem Unterton hinzu. »Was würde dein Vater dazu sagen?« Margots Familie zählte zu den reichsten und einflussreichsten Württembergs, aber ein solches Geschenk würde er gewiss nicht gutheißen, da war sich Margarethe sicher.

»Er weiß Bescheid, und er möchte dir eine Freude machen, weil du immer für mich da bist, so wie eine echte Freundin. Du freust dich doch, Margarethe, oder? Schließlich hast du dich im Winter andauernd darüber beklagt, dass deine Wangen zu blass sind und sie nicht einmal ein großer Schluck Wein zum Leuchten bringen kann.«

Während sie sprach, tauchte Margot ihren Zeigefinger in das Döschen und tupfte ein wenig Farbe auf Margarethes Wange. Dann verrieb sie das rote Pulver andächtig. Dasselbe wiederholte sie auf der anderen Gesichtshälfte.

»Wie schön du jetzt bist, Margarethe!«, lobte sie ernsthaft. »Deine Wangen glühen, als stündest du unserem König gegenüber. Deinem Vater würde es vor Bewunderung die Sprache verschlagen.«

Die Rothaarige musste lächeln. Mit einer unbewussten Bewegung strich sie ihr Kleid glatt. Bevor ihr Vater auch nur einen Blick an ein geschminktes Frauengesicht verschwendete, müssten seine Augen schon so trübe sein, dass er es mit dem Visier eines Ritters verwechselte. Margarethe umarmte die Kleine und drückte sie fest an sich. »Ich danke dir von Herzen, Margot. Ich bin überwältigt, wirklich.«

»Heißt das, du nimmst mein Geschenk an?«

Erneut schüttelte die Rothaarige den Kopf. Ein Döschen Rotholzpulver gehörte zum Teuersten, was ein Frauenherz begehren konnte. So etwas von einem Kind anzunehmen, das den Wert nicht kannte, war unrecht. Sie klappte das Döschen zu und drückte es dem Mädchen wieder in die Hand. »Das kann ich nicht.«

In Margots Augen spiegelte sich Enttäuschung. Ihre Lippen zitterten. Dann aber nickte sie langsam, so als habe sie eine Erklärung für Margarethes Verhalten gefunden. »Es ist, weil der Bischof am letzten Sonntag so gegen das Wangenrot gewettert hat, nicht wahr?«

Das Schminken war in den vergangenen Jahren bei den Prager Hofdamen in Mode gekommen. Wer es sich leisten konnte, zog die Augen schwarz nach, unterstrich die noble Blässe mit pulverisierter Cyclamenwurzel und das Rot der Wangen mit Rotholzpulver. Das alles sorgte für Unmut beim Bischof, der die Verschönerungsversuche der Damen für schwere Sünde hielt. In seiner letzten Sonntagspredigt hatte er seinem Ärger Luft gemacht und sich ausführlich über die Eitelkeit der Frauen ereifert. Doch damit schien er nur erreicht zu haben, dass die Adeligen ihre sündhaft teure Schminke nun etwas dezenter auftrugen, wenn sie zur Messe gingen. Margot glaubte offenbar, ihre Freundin habe sich die Ermahnungen des geistlichen Oberhaupts des Hofes zu Herzen genommen.

Margarethe öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Margot ließ sie nicht zu Wort kommen. »Du befürchtest, man könnte dir Hoffart nachsagen. Ich weiß aber, dass selbst die Königin regelmäßig in ein Schminkkästchen greift. Sie bewahrt es in der verschlossenen Kommode neben ihrem Bett auf.«

»Du musst nicht immer alles glauben, was die Domestiken erzählen«, tadelte Margarethe sanft.

Margot plusterte sich triumphierend auf. »Von wegen! Mit eigenen Augen hab ich’s gesehen, als ich der edlen Dame vor dem letzten Bankett beim Ankleiden half.«

Margarethe hob mahnend den Zeigefinger. »Du bist zu neugierig. Das gehört sich nicht.«

Empört schüttelte die Kleine den Kopf. »Gar nicht! Die edle Dame hat ein Schriftstück hineingelegt, das sie studierte, bevor ich eintrat, und damit es Platz fand, musste sie die Schatulle herausnehmen. Dabei ist sie aufgegangen, und ich hab ganz genau gesehen, was darin war: Belladonna, Wangenrot und Cyclamenpulver.«

Die Erwähnung eines offenbar geheimen Dokuments weckte Margarethes Interesse. »Ein Schriftstück, sagst du?«

»Ein ganz besonderes Schriftstück.«

»Du hast es erkannt?«

»Das nicht, aber ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, der Hus hat’s verfasst. Eine Predigt, nehme ich an, und ich weiß auch …«

Erschrocken sah sich Margarethe um. Zum Glück hatte niemand gehört, was da aus ihrem Schützling heraussprudelte. »Pst, sei doch leise. Wenn dich jemand hört und dem Bischof zu Ohren bringt, dass die Königin ketzerische Dokumente besitzt.«

Mit einer wegwerfenden Handbewegung fuhr Margot fort: »Weiß doch eh ein jeder, dass unsere Herrin den Ideen der Hussiten …«

Energisch hielt Margarethe der Kleinen den Mund zu. »Wirst du jetzt wohl schweigen, törichtes Mädchen. Bringst uns noch alle vors Ketzergericht.« Ängstlich äugte sie um die Ecke. Doch die drei anderen schienen das Interesse an ihnen verloren zu haben und waren ins eigene Gespräch vertieft.

Mittlerweile hatte sich Margot aus Margarethes Griff befreit. »Was du nur immer hast. Seit sie den Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen hingerichtet haben, dreht hier jeder durch.«

»Du bist einfach noch zu jung, um das zu verstehen«, tadelte die Ältere und wandte sich zum Gehen. Erneut wurde sie festgehalten.

»Warte, wenn du dich so für den Hus interessierst. Ich hab noch etwas gehört«, meinte Margot.

»Behalt’s für dich!«, erwiderte Margarethe streng. »Das ist kein Spaß mehr. Und überhaupt müssen wir zurück. Es ist spät.« Albrecht und Jan warten bestimmt schon mit den Pferden, setzte sie in Gedanken hinzu.

»Aber er kommt hierher!«, rutschte es Margot heraus.

Margarethe horchte auf. Was reimte sich Margot denn jetzt schon wieder zusammen? Jan Hus war tot, zum Schweigen gebracht durch Verrat und Wortbruch.

»Wer …? Wer kommt hierher?«

Margot setzte erneut eine geheimnisvolle Miene auf. »Erst, wenn du mir versprichst, dass du mein Geschenk annimmst.«

»Ich dachte, das hätten wir geklärt, und erpressen lasse ich mich schon gar nicht.«

»Dann, dann …« Margot begann zu stammeln, als sie merkte, dass sie durchschaut worden war. »Dann verwahre das Döschen wenigstens für mich. Von Zeit zu Zeit könnten wir es vielleicht gemeinsam verwenden.«

Mit bittender Miene hielt Margot ihr die Hand mit dem Gefäß entgegen. Zögernd griff die Rothaarige danach. Im Grunde wollte die Kleine ihr ja nur eine Freude machen. Woher sollte sie auch wissen, dass ein so teures Geschenk nicht angemessen war. Bislang hatte sie nicht einen Gedanken an Geld verschwenden müssen. »Gut, aber ich bewahre es nur auf, verstanden?« Margarethe seufzte.

Begeistert klatschte Margot in die Hände. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte: »Jan Zelivsky.«

Erstaunt sah Margarethe das Mädchen an. »Der Zelivsky?«, hakte sie nach.

Der Prediger galt als der begabteste aller Hussitenschüler und als begnadeter Redner. Er wurde natürlich genau wie alle anderen Hussiten als Ketzer verfolgt, doch bislang hatte man seiner nicht habhaft werden können. Wenn er jetzt nach Prag, in die Hochburg der Anhänger des Hus kam, würde das für Unruhe im Volk sorgen.

Margot grinste breit, als sie Margarethes nachdenkliches Gesicht sah. Sie hatte also doch etwas Wichtiges aufgeschnappt.

»Weißt du, wann?«, hakte die Rothaarige nach und versuchte, nicht zu interessiert zu klingen.

»Schon bald«, meinte Margot ernsthaft. »Aber ich verrate es sonst niemandem, nur dir.«

»Das ist auch gut so! Und jetzt marsch an die Arbeit, sonst fangen wir uns noch Tadel ein. Schau, die anderen sind schon gegangen.«

»Du hast’s heute eh gut. Du hast frei! Was wirst du tun? Dich mit Albrecht und Jan treffen? Welcher von beiden ist denn dein Schatz? Nein, warte, du brauchst nichts zu sagen: Albrecht natürlich … Ach, den find ich auch so toll. Wenn er dich nicht mag, darf ich ihn dann haben?«

»Untersteh dich!«, schimpfte Margarethe und hob drohend den Zeigefinger. »Du bist noch viel zu jung für so etwas.«

»Aber du nicht!«, entgegnete Margot lachend und hüpfte über den mit Steinen ausgelegten Gartenweg, bevor Margarethe ihr eine Kopfnuss geben konnte.

Im Palas, dem Hauptgebäude des Schlosses, war es trotz der Pechfackeln dunkel und kalt. Margarethe zog ihr Tuch enger um die Schultern. Bevor sie endgültig freinehmen konnte, musste sie erst noch einmal im hinteren Flügel bei den Kindern nach dem Rechten sehen. Im letzten Sommer hatte die Königin ihr angetragen, sich um das Wohl der zahlreichen Sprösslinge der verheirateten Hofdamen ihres sowie Wenzels Haushalts zu kümmern. Margarethe hatte diese Aufgabe dankend übernommen, bot sie doch Gelegenheit, Katerinas scharfer Zunge zu entkommen. Zudem machte ihr die Arbeit Spaß, auch wenn die Kleinen sie ganz schön auf Trab hielten und ihr zuweilen noch nachts im Bett die Ohren von Kindergeschrei dröhnten. Aber dann gab es diese Augenblicke, in denen sich eines der Kleinen vertrauensvoll an sie schmiegte oder sie mit leuchtenden Augen anstrahlte. Dann war alle Mühe vergessen. Eines Tages, da war sich Margarethe ganz sicher, würde sie mit Albrecht eigene Kinder haben und dieses Glück in vollen Zügen genießen. Heute allerdings machte ihr die Kinderschar erst einmal einen dicken Strich durch die Rechnung. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, schoss einer der Domestiken auf Margarethe zu. Ohne sich viel Zeit für eine Verbeugung zu nehmen, keuchte er: »Herrin, der Kamin im Spielzimmer! Alles ist voller Qualm.«

Margarethe erschrak. Ein Brand!, dachte sie sofort, und fragte: »Die Kinder! Ist ihnen etwas geschehen?«

»Nein, nein«, beruhigte sie der Mann. »Wir haben sie in den Garten gebracht und das Feuer gelöscht.«

Margarethe atmete tief durch. Ihr Herz klopfte immer noch wie wild. Die Flammen waren gelöscht. Ihre Schützlinge waren in Sicherheit. Niemand war zu Schaden gekommen.

»Heilige Mutter Gottes hab Dank«, flüsterte sie.

Der Domestik scharrte ungeduldig mit den Füßen. »Herrin, der Kamin …«, begann er erneut.

Margarethe sah ihn an. »Hat er denn heute Morgen schon schlecht gezogen?«

»Nein, er funktionierte einwandfrei. Es geschah ganz plötzlich, nachdem ich Holz nachgelegt hatte.«

Margarethe nickte. Vermutlich war der Abzug verstopft. Vielleicht war ein großer Vogel hineingefallen und im Rauch erstickt. »Lauf los, und hol mir den Schmied. Er kennt sich am besten mit so etwas aus. Ich schaue mir inzwischen die Sache an.«

Nach einer kurzen Verbeugung hastete der junge Mann davon. Margarethe wandte sich um und begab sich eilig in das Spielzimmer am Ende des Ganges. Je näher sie ihm kam, umso beißender wurde der Gestank. Zäher Qualm quoll unter der Eichentür hervor. Die junge Adelige drückte gegen den massiven Riegel und stand augenblicklich in einer grauen Wolke. Zwar war das Feuer mit einem Eimer Wasser gelöscht worden, doch der Rauch hielt sich hartnäckig im Zimmer. Nach oben, wohin er gewöhnlich entschwand, konnte er nicht ziehen, und durch das offene Fenster schien er nicht hinaus zu wollen.

Margarethe bedeckte Mund und Nase mit ihrem Schal. Ihre Augen tränten bereits. Ihr Blick wanderte zurück zur Feuerstätte, in der es noch immer zischte. Dünner Qualm und Wasserdampf stiegen von dort empor, schoben sich unter der Kaminschürze hervor und verteilten sich im Zimmer. Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben: Irgendetwas verstopfte den Abzug. Da half nur nachschauen. Entschlossen rannte Margarethe auf den Flur, ergriff ein Talglicht und holte tief Luft, bevor sie ins Zimmer zurückkehrte, wo sie sich unter die Kaminschürze beugte. Alles war rabenschwarz. Ihre Finger ertasteten fettige Rußschichten und dann etwas Weiches. Wollstoff. Energisch riss Margarethe daran. Dann ging ihr die Luft aus. Erneut hastete sie auf den Flur, wo es mittlerweile vor debattierenden und gestikulierenden Burgbewohnern wimmelte. Schon rannte Margarethe zurück ins Zimmer. Schnell bekam sie das Stoffstück zu fassen. Ein energischer Ruck, und sie hielt einen Schal in der Hand, oder vielmehr das, was davon übrig geblieben war. Hitze und Qualm hatten ihm übel zugesetzt. Trotzdem glaubte Margarethe, das Kleidungsstück zu erkennen, und langsam bekam sie eine Ahnung, was geschehen sein musste. Mit hochrotem Kopf und zerzaustem Haar drängte sie sich durch die Menschen, die aufgeregt schnatterten und nicht wussten, wohin. Der Schmied, ein groß gewachsener Kerl mit Pranken wie ein Bär, hastete ihr entgegen.

»Ich glaube, ich habe das Problem bereits gelöst, aber überprüfe vorsichtshalber noch einmal, ob nun alles wieder einwandfrei funktioniert. Und ihr«, sie wandte sich an zwei Mägde, »beseitigt die Unordnung da drin.«

Ohne einen Gedanken an ihr Äußeres zu verschwenden, stürmte Margarethe in den Garten, wo sie hoffte, die Kinder zu finden. Tatsächlich gluckten sie dort wie aufgescheuchte Hühnchen in Gruppen zusammen und guckten verstört. Als sie Margarethe entdeckten, stürmten einige der Kleineren auf sie zu und klammerten sich schniefend an ihren verschmutzten Rock.

Sophia, eine entzückende Dreijährige, schluchzte unverständliche Worte. Sie schien völlig durcheinander. Die junge Frau hob das Mädchen auf ihre Hüfte, und weiche Kinderärmchen schlangen sich um ihren Hals. Sanft strich Margarethe mit der anderen Hand einem Vierjährigen über den Kopf, der sich zusammen mit seiner kleinen Schwester so fest an ihr Bein klammerte, dass sie keinen Schritt wagen konnte, ohne einen Sturz zu riskieren. »Friedemann, gib mir deine Hand, und fass mit der anderen die deiner Schwester«, bat sie den Jungen.

Vorsichtig löste sie seine Finger und behielt sie in ihrer Hand. Zögernd streckte er nun die andere Hand nach seiner Schwester aus, die sie artig nahm. Gemeinsam schritten sie in die Mitte der Kinder. Margarethe setzte sich auf eine Bank und erklärte: »Ihr braucht keine Angst mehr zu haben. Es ist nichts passiert. Der Abzug vom Kamin war verstopft. Deshalb konnte der Qualm nicht aus dem Raum entweichen.«

Die älteren Kinder nickten. Doch Mihai von Wettin und sein Freund Sepi, Sohn eines reichen Posener Fernhandelskaufmanns, feixten hinter vorgehaltener Hand und warfen schiefe Blicke zu Mihais Schwester Selina. Margarethe runzelte die Stirn. Das hätte sie sich denken können. Natürlich hatten die beiden Rabauken etwas mit der Sache zu tun. Was war sie froh, wenn die zwei demnächst zu den Knappen umzogen. Der Waffenmeister würde ihnen die Flausen schon austreiben. Sie gab den beiden Kindermädchen ein Zeichen, woraufhin diese ihre Zöglinge zum Spielen aufforderten. Auf den Gesichtern der Kleinen zeichnete sich rasch neue Begeisterung ab. Die Gefahr war vergessen. Margarethe lächelte. Kinder waren etwas Wunderbares. Ihr Lachen glich dem Sternenglanz des Nachthimmels, den selbst dunkle Wolken nur für eine gewisse Zeit verdecken konnten. Wie schade, dass sie nicht immer diese unschuldigen Wesen bleiben würden.

Doch nun wurde es Zeit, sich den beiden kleinen Teufeln zuzuwenden, die hinter der Sache steckten. Margarethe zog die Augenbrauen zusammen, stemmte die Hände in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme: »Mihai von Wettin!«

Sepi, Mihais etwas älterer Freund, versuchte, sich heimlich aus dem Staub zu machen, doch Margarethe hatte ihn längst ins Visier genommen: »Und du, Bürschlein, kommst auch her.«

Die beiden Knaben schlenderten zu Margarethe, wobei sie lässig ein paar Kiesel vor sich herkickten. Jedwede Milde war aus dem Blick der jungen Frau gewichen. Von Kopf bis Fuß mit Ruß und Asche bedeckt sah sie aus, als wäre sie geradewegs dem Schlund der Hölle entstiegen. Allerdings zeigten sich die beiden Knaben davon wenig beeindruckt und stellten ihre schönsten Unschuldsmienen zur Schau. Margarethe funkelte die Kinder nacheinander an. Dann faltete sie das Wolltuch auseinander.

»Kommt euch das vielleicht bekannt vor?«, knurrte sie. Selina, Mihais jüngere Schwester, die in der Nähe geblieben war, bekam große Augen und stürmte herbei.

»Mein Lieblingsschal!«, jammerte die Fünfjährige erschrocken, pflückte das Tuch aus Margarethes Händen und drückte es an sich. »Er ist ganz kaputt!« Dann drehte sie sich zu ihrem Bruder herum. Ohne darauf zu achten, dass der einen Kopf größer und viel stärker war, ging sie mit geballten Fäusten auf ihn los. »Das warst du, du gemeiner, hinterhältiger Mistkerl!«, schimpfte sie lautstark. »Das sag ich Katerina! Die macht dir Ärger. Du wirst schon sehen!«

Mihai hielt sich seine tobende Schwester mit ausgestreckten Armen vom Leib, wobei er noch breiter grinste. Damit hatte er bei Margarethe jedwedes Verständnis für seinen Bubenstreich verspielt. Wut kochte in ihr hoch. Der kleine Wettiner, zukünftiger Herr einer großen Burg und eines noch größeren Lehens, hatte offensichtlich Spaß daran, seine kleine Schwester bis aufs Blut zu ärgern, und genoss ihre Empörung in vollen Zügen. Margarethe beschloss, dem Rabauken einen Denkzettel zu verpassen.

»Beruhige dich, Selina!«, sagte sie mit fester Stimme. »Dein Bruder wird seine gerechte Strafe erhalten. Und du gehst jetzt zurück zu den anderen.«

Das Mädchen blinzelte erbost und konnte sich nicht zurückhalten, ihrem Bruder noch einen letzten Tritt zu versetzen. Statt seiner traf sie jedoch Sepi, der erschrocken aufjaulte. Margarethe winkte nach einem Kindermädchen. Diese Wettiner Sippe war allein nicht zu bändigen.

»Bring Selina zu den anderen, und sorg dafür, dass dieser Schal den Wäscherinnen übergeben wird«, ordnete sie an.

»Das wirst du mir büßen!«, zischte das Mädchen ihrem Bruder zu, während das Kindermädchen es hinter sich herzog. Der Junge kommentierte die Drohung mit einer eindeutigen Handbewegung. Das ging nun wirklich zu weit.

Margarethe hatte endgültig die Nase voll und baute sich vor den beiden Übeltätern auf. Sie wusste, dass Sepi nur ein Mitläufer war, deshalb richtete sie ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf Mihai. Sollte der Bursche ruhig ein wenig von seiner Selbstsicherheit verlieren. »Stimmt das?«, fragte sie mit grollender Stimme.

Mihai spielte weiter das Unschuldslamm und zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung, was sie meint«, behauptete er dreist, wobei er zu Sepi schielte.

»Hast du deiner Schwester den Schal stibitzt und damit den Kamin verstopft?«, insistierte Margarethe.

»Ich? Niemals!« Das Bürschlein deutete zu seinem Freund und meinte triumphierend: »Er kann’s bezeugen. Wir waren die ganze Zeit zusammen!«

»Stimmt das?«, fragte Margarethe und musterte nun Sepi eindringlich. Der senkte den Blick und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, dann murmelte er aber pflichtschuldig: »Genau wie Mihai sagt …«

Margarethe zog den Wettiner Sprössling und seinen Freund ungerührt an den Ohren und fauchte: »Es ist unehrenhaft zu lügen und verwerflich, einen anderen zum Lügen anzustiften. Dafür brät man hundert Jahre in der Hölle, wo einem kleine Teufel mit feurigen Spießen den Leib durchbohren.«

»Au! Lass mich sofort los. Du darfst mir gar nichts tun, sagt Katerina.«

Doch Margarethe dachte gar nicht daran, klein beizugeben. Vielmehr rief sie nun so laut, dass alle anderen es hören konnten: »Ei, da schaut her, wenn’s brenzlig wird, sucht der zukünftige Herr von Wettin Zuflucht unter dem Rock seiner großen Schwester.«

Schallendes Gelächter war die Folge. Mihai wurde purpurrot, sodass er Margarethe fast schon wieder leidtat. Der Spott seiner Spielkameraden würde den Übeltäter vermutlich die nächsten Tage über verfolgen. Das allein war eigentlich schon Strafe genug, schließlich war dem kleinen Burschen der Respekt seiner Kameraden ungemein wichtig.

»Du bleibst für den Rest des Tages in deiner Kammer, Mihai von Wettin. Und den morgigen werdet ihr beide dazu nutzen, in der Obhut unseres guten Pater Pius um Vergebung für eure Sünden zu bitten.«

Ohne ein weiteres Wort ließ sie den Bengel los, der sich kochend vor Scham und Wut trollte. Sein Freund Sepi schlich ebenfalls davon. Wenigstens er schien ein schlechtes Gewissen zu haben. Bei Mihai dagegen musste man davon ausgehen, dass er auf Rache sinnen würde. In den nächsten Tagen sollte sie die beiden besser im Auge behalten. Margarethe ging mit einem Kopfschütteln davon. Jetzt musste sie sich wirklich sputen. Bestimmt warteten Albrecht und Jan bereits. Bei dem Gedanken an den Herzogssohn beschleunigten sich ihre Schritte wie von selbst.

In ihrer Kammer angekommen, streifte sie behände das Kleid ab. Es war mit Rußflecken übersät, und die junge Frau seufzte. Hoffentlich ließen die sich wieder entfernen. Sie schnupperte an ihrem Hemd. Es stank kaum weniger als das Kleid und musste ebenfalls in die Wäsche. Margarethe griff nach dem halb erblindeten Handspiegel, einem Erbstück ihrer Mutter. Er enthüllte eine Katastrophe: Haaransatz und Gesicht waren rabenschwarz, sie sah aus wie die Fürstin der Hölle. Margarethe stieß einen Verzweiflungsruf aus.

Hastig griff sie nach der Seife und schrubbte sich, bis die Haut brannte. Binnen Sekunden verwandelte sich das klare Wasser in ihrer Waschschüssel in eine schmutzige Brühe. Wieder blickte sie in den Spiegel und in ein viel zu blasses Gesicht, das von strähnig-nassem Haar umgeben war. Es war ein Graus, und sie hatte keine Zeit mehr, irgendetwas daran zu ändern. Verzweiflung stieg in ihr auf. So sehr hatte sie sich auf den Ausflug mit den beiden Jungen gefreut. Hübsch wollte sie sein, damit Albrecht ihr dieses Lächeln schenkte, das ihr die Wangen auch ohne Schminke rötete und ein so angenehmes Kribbeln im Bauch verursachte. Und jetzt das!

Ungeduldig riss sie an ihrem dichten roten Haar und begann, einen Zopf zu flechten. Was sonst ließ sich in diesem Zustand schon daraus machen? Gleichzeitig wünschte sie Mihai die Krätze an den Hals. Diesem kleinen Tunichtgut war es gelungen, ihr den Tag restlos zu verderben. Missmutig steckte Margarethe den Zopf hoch und warf einen weiteren Blick in den Spiegel: Ihre Haut war rot vom Reiben, ihre Wangen blass vom Winter. Sie fühlte sich so hässlich! Unsicher ging ihr Blick zu dem Kleid, in dem sie das Döschen mit dem Rotholzpuder wusste. Ob sie vielleicht doch …? Nur ein ganz klein wenig?

Hastig zog sie das kleine Gefäß hervor, öffnete es und tupfte sich etwas Farbe auf die Wangen. Dann zog sie ihre Augenbrauen mit Holzkohle nach. Erneut blickte sie in den Spiegel. Das war schon besser. Rasch warf sie sich ihren Mantel über. Dann lief sie hinüber zu den Ställen. Sie bremste ihre Schritte erst kurz bevor sie in Sichtweite der Jünglinge kam. Ihre Hand fuhr unwillkürlich hoch zu ihrem Haar. Es war noch feucht, zumindest aber hielt der Zopf. Sie atmete tief durch und trat auf den Hof.

Albrecht und Jan standen neben den gesattelten Pferden und hielten nach ihr Ausschau. Der Herzogssohn hatte über den Winter einiges an Muskeln zugelegt, sodass sein Hemd an den Oberarmen spannte. Seine Gesichtszüge waren zwar noch weich und sinnlich, aber nicht mehr die eines Buben. Ein Jünglingsflaum zierte seine Oberlippe und sein Kinn. Als er Margarethe erblickte, hob er die Hand zum Gruß. Strahlend erwiderte die junge Frau die freundliche Geste und ging hinüber zu ihren Gefährten. Jan Sedlic trat an Albrechts Seite.

»Hallo ihr beiden!«, rief Margarethe fröhlich und neckte Albrechts Freund im gleichen Atemzug. »Na, Jan, du kannst dich von deiner Gugel wohl ebenso wenig trennen wie ich mich von meinem altgedienten Reitkleid, was?«

Diese Art von Kopfbedeckung war in letzter Zeit nicht mehr oft zu sehen. Die meisten Prager Höflinge und auch Albrecht hatten sich der Burgunder Mode angepasst und bevorzugten das Chaperon, eine Kapuze, deren lange Spitze elegant über die Schulter gelegt wurde. Jan errötete leicht, was irgendwie gar nicht zu ihm passte. Der junge Ritter mit seiner kräftigen Figur kam Margarethe stets wie der Inbegriff eines Landadeligen vor: bodenständig und stolz auf seiner Hände Arbeit, aber auch bereit, die Seinen mit Schwert und Muskete bis aufs Blut zu verteidigen.

Tatsächlich stammte Jan aus Mähren, das zum böhmischen Königreich gehörte. Er sprach nicht gerne über sich selbst, aber Margarethe wusste, dass Albrechts Freund der letzte männliche Nachkomme einer Reihe verarmter Sedlic-Sprösslinge war. Sein Vater war früh gestorben und hatte seiner Mutter eine überschuldete Burg hinterlassen, deren Ländereien längst einem anderen gehörten. Um nicht mit ihrem Sohn auf der Straße zu stehen, hatte Jans Mutter der Ehe mit dem Besitzer dieser Ländereien zugestimmt.

Das Verhältnis zwischen Jan und seinem Stiefvater war vom ersten Tag an katastrophal gewesen. Deshalb hatte Jan nach dessen Tod nichts zu erwarten gehabt. Das Lehen war an seinen Halbbruder Stefan gegangen. Jan hatte nichts bekommen. Wollte er jemals seine Sehnsucht nach einem eigenen Lehen erfüllt haben, würde er es sich mit Schwert und Verstand erkämpfen müssen. Margarethe traute ihm das durchaus zu, und sie wünschte es ihm von Herzen. Ihrer Meinung nach konnte niemand einen treueren Freund und Vasallen finden. Gerade jetzt allerdings machte Jan einen recht verlegenen Eindruck. Margarethes Worte schienen ihn aus dem Konzept gebracht zu haben. Unschlüssig stand er da. Seine Finger kneteten die Stiele eines kleinen Sträußchens Schneeglöckchen, bis Albrecht ihm einen Stoß in die Rippen versetzte und murmelte: »Wolltest du nicht etwas sagen?«

»Ähm, ja«, stotterte Jan. Sein Arm schnellte hoch, und er hielt Margarethe die Blumen unter die Nase. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Die sind für dich.«

Margarethe lachte. »Wenn die aus dem Schlossgarten stammen, hast du ja heute schon deine erste Heldentat vollbracht.«

Jan senkte den Blick, und Margarethe beschloss, dass er nun genug gelitten hatte. »Auch Margot wollte schon welche als Tischschmuck stibitzen«, erklärte sie. »Ihr Vorhaben wurde aber vom Gärtner bereits im Ansatz vereitelt. Ich glaube, er wünscht jedem die Pest an den Hals, der die Hand nach seinen Pflanzen ausstreckt.«

»Dann hat Jan also sein Leben für dich riskiert«, meinte Albrecht belustigt. »Wenn ihn der Gärtner erwischt hätte, hätte er ihm vermutlich den Kopf abgeschnitten und ihn statt der Blumen in die Beete gepflanzt – zur Abschreckung sozusagen.«

»Jan ist ein Ritter vom rechten Schrot und Korn, der hätte eher den Gärtner geköpft als umgekehrt«, widersprach Margarethe ihm neckend.

»Wie recht du hast, Margarethe.« Der Herzogssohn schlug seinem Freund kräftig auf die Schulter. Dann trat auch er zu ihr und gab ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. »Wurde Zeit, dass du kommst. Wir warten schon eine ganze Weile.« Seine tiefgründigen braunen Augen musterten aufmerksam ihr Gesicht. »Bist du unter die Kaminkehrer gegangen?«

Er deutete mit dem Finger auf ihre dunkel nachgezogenen Augenbrauen, während sich der Schalk in seinem Gesicht spiegelte. Margarethe wischte sich mit der Hand über die Augen, als Albrecht sie sanft ergriff.

»Warte, ich mach das.« Behutsam wischte er ihren Schminkversuch mit dem Zeigefinger weg und besah sich das Ergebnis. »Schon viel besser. Am Ende könnte man noch meinen, du hättest dich schminken wollen wie die Käuflichen.«

Margarethe schluckte, und ihre Ohren glühten. Am liebsten wäre sie in Grund und Boden versunken. Das hatte sie nun von ihren Verschönerungsversuchen. Verlegen erklärte sie: »Es ist wegen der Kinder. Dieser kleine Wettiner Bengel bringt mich zur Verzweiflung. Hat er doch den Schal seiner Schwester in den Kamin gestopft, und ich durfte das gute Stück dort wieder herausholen. Danach sah ich aus wie Beelzebub persönlich. Deshalb bin ich so spät dran.«

»Und ich dachte schon für einen Augenblick, du selbst hättest dich so beschmiert«, kommentierte Albrecht, der ihre kleine Lüge zweifellos durchschaut hatte. »Ist ja in letzter Zeit bei den Damen Mode geworden, sich anzumalen wie die Hofnarren.«

Margarethe schluckte. Das war ja wohl gründlich in die Hose gegangen.

Zum Glück wechselte Albrecht das Thema. »Der Mihai hat also für den Aufruhr vorhin gesorgt, soso. Hab ja schon von so manchem Bubenstreich gehört, aber das ist mal was Neues. Der halbe Hof rief nach Löscheimern. Die Schlosswache wollte schon die Feuerglocke läuten, doch dann hieß es, dass nur ein Kamin verstopft wäre.«

Verstohlen wischte sich Margarethe die letzten Reste Wangenrot aus dem Gesicht, während Albrecht und Jan über Mihais Streich amüsiert glucksten.

»Sei unbesorgt«, tröstete der Wittelsbacher sie schließlich. »Den kleinen Wettiner bist du bald los. Wie ich gehört habe, soll er nach dem Osterfest den Dienst als Knappe antreten. Ich werde den Waffenmeister vorsichtshalber warnen, dass ihm ein ganz besonderes Exemplar ins Haus steht.«

»Besser ist’s«, meinte Margarethe, froh, dass das Thema Schminken erledigt war. »Das Bürschlein braucht eine strenge Hand, will man sich nicht die Zähne an ihm ausbeißen.«

Albrechts Augen blitzten erneut belustigt auf. »Allzu viele hat er nicht mehr, unser guter Friedrich von Saalburg, aber die sind bissig genug.«

Die beiden jungen Männer schlugen sich gut gelaunt auf die Schultern, und Margarethes Verlegenheit verflüchtigte sich. Jan nutzte die Gelegenheit, um ihr nun endlich die Blumen zu überreichen.

»Wie nett«, lobte Margarethe artig, wusste aber nicht so recht, wohin mit den Schneeglöckchen, denn schließlich wollten sie ja ausreiten. »Sie sind wirklich hübsch.«

Der blonde Jan lächelte schief zu Margarethe hinüber, winkte dann einem Diener in der Nähe und wies ihn an, den Strauß auf die Kammer der edlen Dame zu bringen. Dann führte er ihr eigenhändig ihr Pferd vor, eine kleine fuchsfarbene Vollblutstute.

»Heute lässt man uns glücklicherweise ganz offiziell aus den Palastmauern, und ich denke, wir sollten endlich von hier verschwinden, bevor sie sich’s am Ende anders überlegen«, sagte er.

»Gibt es eigentlich noch diese verrostete Pforte hinter den Ställen, durch die wir uns immer weggeschlichen haben?«, erkundigte sich Margarethe, während sie den Fuß in den Steigbügel steckte.

Jan schüttelte bedauernd den Kopf. »Das geht nicht mehr. Sie haben sie repariert und mit einem Schloss versehen.«

»Wie schade.«

»Sei unbesorgt«, meinte Albrecht. »Sobald wir im Sommer wieder zur Jagd in den Moldauer Wald reiten können, hält uns kein Schloss der Welt davon ab, dich mitzunehmen. Ohne dich wäre der Spaß nur halb so groß.«

»Und der Jagderfolg auch!«, pflichtete Jan ihm bei.

Margarethe griff nach den Zügeln. Sie hatte sich noch nicht richtig im Sattel zurechtgesetzt, als das Ross bereits ungeduldig mit den Hufen scharrte. Es war begierig darauf, das Winterquartier zu verlassen. Wenige Minuten später galoppierten die drei jungen Leute Seite an Seite die Moldauauen entlang, und das war noch viel schöner, als Margarethe es sich erträumt hatte. Die Hufe ihres Pferdes wollten den Boden kaum mehr berühren. Der Wind pfiff ihr um die Ohren und trieb ihr die Tränen in die Augen. Der Vollblüter war den beiden schweren Streitrössern der jungen Adelsherren an Schnelligkeit weit überlegen, sodass Margarethe ein ganzes Stück vor ihnen das Ende der Wiese erreichte. Allein ihre Stimme genügte, damit das Pferd parierte, obwohl es aufgeregt tänzelte, bereit, den Wettlauf jederzeit fortzusetzen.

»Jetzt hast du es uns Männern aber gezeigt, Margarethe!« Albrecht, dem die Freude über den rasanten Ritt ins Gesicht geschrieben stand, lachte.

»Tja, ihr solltet das Getreide euren Rössern geben, statt Bier daraus zu brauen«, spöttelte das Mädchen. »Sonst setzt es bei euch an, statt bei den Pferden.«

»Über den Winter ganz schön frech geworden, das Edelfräulein«, wandte sich Albrecht an Jan.

»Ich schätze eher, wir beide hatten schon fast ihre flinke Zunge vergessen«, entgegnete der. »Margarethe bleibt nie eine Antwort schuldig.«

»Stimmt«, bestätigte der Wittelsbacher, »und ihr Verstand ist mindestens ebenso schnell wie ihr Pferd. Doch jetzt lasst uns weiterreiten. Margarethe, du sagst heute, wo’s langgeht. Schließlich hast du Geburtstag.«

»Dann reiten wir zu dem großen Felsen, wo wir im Sommer die Falken beobachtet haben.«

»Prima Idee!«, rief Albrecht. »Mal schauen, ob das Weibchen den Horst wieder besetzt hat.«

Während sie schwatzten und alte Erinnerungen auffrischten, folgten sie dem Uferpfad, bis sie schließlich die Biegung der Moldau erreichten, an deren Ufer sich ein mächtiger hellgrauer Felsen erhob. Fast gleichzeitig schwangen sie sich aus den Sätteln und banden die Pferde an die noch unbelaubten Erlen, die das Ufer säumten. Die Sonne ließ den Kies am Wasser golden schimmern. Dicht am Wasser ragte ein Findling auf, gerade so, als habe sich der König an diesem Ort einen geheimen Thron errichten lassen. Die drei sahen sich an. Dann zogen sie lachend Stiefel und Strümpfe aus und rannten kreischend in das glasklare Wasser, das sich eisig um ihre Knöchel schloss. Die Jungen begannen mit spielerischen Ringkämpfen, während Margarethe lachend einmal den einen, dann den anderen anspornte oder mit Wasser bespritzte. Als sie sich endlich atemlos auf dem Felsen niederließen und ihre gefühllosen Zehen in die Sonne reckten, schien kein Tag seit dem letzten Sommer vergangen zu sein. Margarethe machte es sich zwischen ihren Freunden bequem und knuffte sie abwechselnd in die Rippen, wenn ihre Bemerkungen allzu frech wurden.

Plötzlich horchte Jan auf und legte den Finger auf die Lippen. »Still. Hört ihr das?«

Margarethe spitzte die Ohren, und schließlich vernahm auch sie das langgezogene »Hiäh, hiäh«. Sie schirmte die Augen gegen die Sonne ab und suchte am Himmel nach der vertrauten Silhouette des Falkenweibchens.

Albrecht stieß sie an. »Dort drüben«, flüsterte er, während er mit dem Kinn die Moldau abwärts deutete. Und tatsächlich, im Aufwind segelnd, ohne auch nur einen Flügel zu bewegen, näherte sich ein kleiner, eleganter Greifvogel. Minutenlang schien er hoch über der Moldau zu schweben. Dann kreiste er zweimal oberhalb des Felsens und ließ sich endlich auf jenem vertrauten Vorsprung nieder, an dem er bereits im vergangenen Jahr seinen Horst angelegt hatte.

»Es ist das Männchen«, stellte Jan fest. »Das Weibchen brütet bereits. Er bringt ihr seine Beute.«

»Dann sind sie früh dran in diesem Jahr«, stellte Margarethe fest.

»Der Winter endet ja auch zeitiger als gewöhnlich. Sonst haben wir in diesem Monat immer noch eine geschlossene Schneedecke.«

»Stimmt!«, gab Albrecht seinem Freund recht. »Der Winter war milder als sonst, aber nicht weniger unangenehm. Meine Güte, hatte mich der Katarrh diesmal.«

»Hast ihn dir dann ordentlich von der hübschen schwarzhaarigen Reiberin vom Leib bürsten lassen«, frotzelte Jan. »Möchte nicht wissen, wie viel Geld du zwischen den Brüsten der Badmägde gelassen hast.«

»Du musst grad reden. Als würdest du die Annehmlichkeiten dort nicht zu schätzen wissen, du alter Schwerenöter …«, meinte Albrecht gut gelaunt, unterbrach sich aber abrupt, als er Margarethes gerötetes Gesicht bemerkte. »Brauchst nicht gleich sonst was zu denken, Margarethchen«, versuchte er abzuwiegeln. »Der Jan ist ein ganz Braver. Der hat nur aufgepasst, dass mir keine Badhur ins Becken schlüpft.«

»Ja, ja, wer’s glaubt«, entgegnete die junge Frau scheinbar gelassen, während sie dagegen ankämpfte, nicht noch mehr zu erröten.

Jan sah es und meinte: »Entschuldige, ich glaub, wir sind die Anwesenheit von Damen nicht mehr gewohnt.« Er warf Albrecht einen vielsagenden Blick zu. »Vielleicht sollten wir zurückreiten. Es wird frisch.«

Hastig klaubten sie ihre Sachen zusammen und banden die Pferde los. Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann brach Margarethe die unangenehme Stille: »Habt ihr eigentlich auch schon davon gehört, dass der Zelivsky nach Prag kommen soll?«

»Der Prämonstratenser-Mönch?«, hakte Albrecht nach. »Der Ketzerlehrling?«

»Für mich war der Hus kein Ketzer«, erwiderte Jan mit Nachdruck. »Ein aufrechter Mann war er, und ein gläubiger Christ.«

»Nenn es, wie du willst, Jan. Für mich schürt man Aufruhr, wenn man dem Volke rät, den Pilgerstab gegen das Schwert zu tauschen.«

»Was hat das mit Ketzerei zu tun?«, fragte Margarethe, die das Gefühl hatte, dass ihre beiden Begleiter das Thema bereits ausführlich diskutiert hatten. »Diese Worte stammen doch von den Kreuzrittern.«

»Aber die gaben ihr Leben für die Befreiung Israels und der heiligen Stätten«, belehrte sie Albrecht. »Die Hussiten wollen die Weltordnung auf den Kopf stellen. Sie wollen, dass jedermann vom Kelche Christi trinkt, und Hostien im Volk verteilen. Das ist gottlos. Das ist Ketzerei. Jan Hus wurde zu Recht verbrannt.«

»Der Hus hat lediglich angemahnt, dass sich die Priester wieder auf die wahren Tugenden besinnen sollen, statt Ablasshandel zu treiben«, widersprach Jan. »Hat Gott den Menschen nicht ein Zeichen gegeben, als er den Schwarzen Tod über sie brachte? Vielleicht ist die Apokalypse wirklich nah? Wir sollten unser Tun überdenken, bevor es zu spät ist.«

Albrecht winkte ab. »Siechtum und Seuchen hat es immer schon gegeben. Wir Wittelsbacher haben stets vor den ungesunden Entwicklungen in den Städten gewarnt. Und was das Übrige betrifft: Es gebe jeder, was er schuldig ist, seinem König und Gott, unserem allmächtigen Herrn!«

»Dagegen haben doch auch die Hussiten nichts. Sie sagen bloß, dass der Ablasshandel Unsinn ist, weil nur Gott die Sünden erlassen kann.«

»Wie wär’s, wenn wir uns selbst vom hussitischen Anliegen ein Bild machen?«, versuchte Margarethe zu schlichten. Die beiden Hitzköpfe sahen sie mit großen Augen an. »Ich meine, wir könnten ja hingehen und uns eine Predigt anhören?«

Jan runzelte die Stirn. »Was du dir immer ausdenkst, Margarethe. Der König gestattet uns ein solches Vorhaben nie und nimmer.«

Albrecht grinste. »Hat uns das je von irgendetwas abgehalten?«

»Aber der Besuch einer Hussitenpredigt? Wenn man uns dabei erwischt …«

»… bin ich immer noch der Neffe der Königin. Keiner wird es wagen, Hand an uns zu legen.«

»Dann ist es also ausgemacht?«, fragte Margarethe. Ein weiteres Abenteuer mit Albrecht stand ihr bevor. Wie aufregend das war. Und so bald schon. Die Tristesse des Winters war wie weggeblasen.

Albrecht nickte entschlossen. »Wir gehen dahin, und ihr werdet sehen, dass ich recht habe. Wir brauchen bloß noch einen guten Plan, wie wir das anstellen sollen. Den überlegst du dir, Jan.«

»Und eine gute Verkleidung«, ergänzte Margarethe. »Um die kümmere ich mich!«

Die Sonne stand bereits tief am Horizont und tauchte den Hradschin mit der alten Prager Burg in glutrotes Licht. Margarethe bedauerte es stets, nicht dort oben, hoch über der Moldau, wohnen zu können, aber König Wenzel hatte schon vor Jahren einige Häuser an der Altstadtmauer für sich und die Königin erworben und eine neue Residenz errichten lassen. Dort fühlte er sich wohler, auch weil das neue Haus mehr Komfort und wärmere Kamine bot.

Margarethe dagegen, aufgewachsen in einer Burg auf dem Lande, fand es eng in der Stadt. All die Menschen und dazugehörigen Tiere wurden in die Stadtmauern gezwängt, sodass es dort stets wie in einem Hühnerstall war. Ständig musste man aufpassen, nicht irgendjemanden anzurempeln oder selbst beiseitegestoßen zu werden. Oft hatte Margarethe den Eindruck, man würde sich gegenseitig die Luft zum Atmen nehmen. Und heute, nach diesem befreienden Ausflug, war das Gefühl besonders stark. Wie gerne wäre sie mit den jungen Rittern noch in den Wäldern geblieben. Margarethe wusste, den beiden ging es nicht viel anders. Schweren Herzens beobachtete sie, wie sich die Tore des Stadtpalastes hinter ihnen schlossen.

Wehmütig hielt sie auf den Wohntrakt der Hofdamen zu, während ihre Gedanken noch um den Falkenfelsen kreisten. So vor sich hin träumend prallte sie mit Katerina zusammen, die wichtigtuerisch den halben Gang für sich beanspruchte.

»Oh, tut mir leid«, entschuldigte sich Margarethe und hasste sich im selben Augenblick dafür. Sie hatte nicht weniger das Recht, hier entlangzugehen wie jeder andere.

»Pass doch auf«, schimpfte die Wettinerin, wobei sie angewidert die Nase rümpfte. »Du stinkst wie ein Rossknecht. Hast du dich etwa mit deinem Albrecht im Stall gewälzt? Zutrauen würde ich’s dir, so wie du ihn anbalzt.«

»Das stimmt doch gar nicht«, widersprach Margarethe heftig.

»Da müsste man schon blind sein, um das nicht zu bemerken. Aber mach dir keine falschen Hoffnungen. Den kriegst du nicht, selbst wenn du dich schwängern lässt. Das ist ein Wittelsbacher. Für so einen reicht deine Abstammung nicht.«

Margarethe stieg die Schamesröte ins Gesicht. Sie hob die Hand und hielt Katerina den gestreckten Zeigefinger entgegen. »Also erstens hatte ich die Erlaubnis der Königin zu diesem Ausflug, und zweitens würde sich Albrecht von Wittelsbach niemals einer Frau gegenüber unsittlich benehmen. Er ist ein Ehrenmann.«

Katerina reckte hochmütig das Kinn, wich aber dennoch vor Margarethes Zeigefinger zurück. »Phh«, gab sie mit wissender Miene zurück. »Bild dir bloß nichts ein. Der Albrecht kühlt sich schon sein Mütchen.«

»Was weißt du denn? Ich kenne ihn gewiss besser. Nach einem Ritter wie ihm muss man lange Ausschau halten.« Energisch drehte sich Margarethe um. Diese Unterhaltung war ihr zu dumm. Mochte die Wettinerin über sie lästern, wie sie wollte, aber auf Albrecht ließ sie nichts kommen.

Doch Katerina geiferte hinter ihr her: »Du glaubst, der Wittelsbacher ist ein Heiliger? Dass ich nicht lache. Frag mal die Hyronima, die Reiberin in der Kroner’schen Badstube, die weiß, was für ein wilder Hengst dein Bayer ist. Besser Herzog Ernst schaut sich bald nach einer passenden Zuchtstute für ihn um, bevor’s von seinen Bankerten nur so wimmelt.«

Dieses ordinäre Miststück. Margarethe blieb stocksteif stehen und kämpfte gegen ihre Empörung an. Dann fuhr sie herum, doch der Platz, an dem Katerina gerade noch gestanden hatte, war leer. Aufgewühlt riss die junge Adelige die Tür zu ihrer Kammer auf, wo ihre Zofe bereits wartete. Während sich Margarethe aus dem Kleid helfen und das Haar richten ließ, tobten die Gedanken in ihrem Kopf hin und her. Albrecht hatte die Prager Badstube selbst erwähnt, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang. Hatte er nicht gesagt, sie wären dahin gegangen, weil ihn ein übler Katarrh gequält hatte, und galten Bader nicht als genauso heilkundig wie die Kräuterfrauen?

Es war kein Geheimnis, dass man es im Badhaus manchmal mit Anstand und Moral nicht so genau nahm, und auch damit hatte der Wittelsbacher nicht hinterm Berg gehalten. Aber es war deshalb noch lange kein Hurenhaus, und Albrecht war auch nicht der einzige Ritter, der eine Badstube aufsuchte. Ganz im Gegenteil war es geradezu eine Mode geworden. Viele Adelsherren, junge wie alte, genossen die Annehmlichkeiten dieser Häuser. So schlimm konnte es also nicht sein. Trotzdem beschloss Margarethe, vorsichtig Erkundigungen einzuholen. Doch wen konnte sie fragen? Von den Hofdamen wohl keine. Ihr Blick fiel auf die Zofe, die gerade nach dem Kleid auf der Truhe griff.

»Marie«, fragte Margarethe vorsichtig, »kennst du eigentlich die Kroner’sche Badstube?«

Der Zofe fiel vor Schreck das Kleid aus den Händen. Hastig bückte sie sich und antwortete: »Die kennt doch jeder, Herrin.«

»Kann man da eventuell etwas gegen Halskratzen bekommen? Ich glaube, ich brauch dringend ein paar gute Heilkräuter.«

Die Zofe atmete erleichtert auf. »Aber dafür müsst Ihr doch nicht zum Bader. Die bekommt Ihr bei unserer Kräuterfrau genauso gut. Salbei soll am besten wirken. Ich besorg Euch welchen und lass Tee kochen.«

Margarethe biss sich auf die Lippen. Das war ein Fehlschlag gewesen. »Ich hab gehört, die Kräuter des Baders würden wahre Wunder wirken. Stimmt das etwa nicht?«

Marie ließ sich auf das Gespräch ein. »Bei den Männern vielleicht, aber ob’s da an den Kräutern liegt?«

»Wie meinst du das?«

»Die schützen ein Leiden vor, aber in Wirklichkeit wollen sie nur in die Zuber steigen.«

»Na ja, ist ja auch sehr angenehm so ein Bad und ganz nebenbei ein probates Mittel, Flöhe und Läuse loszuwerden«, meinte Margarethe mit unschuldigem Augenaufschlag.

Die Zofe stieß ein quiekendes Lachen aus, hielt sich aber sofort den Mund zu, denn so ein Benehmen war natürlich höchst ungebührlich. »Angenehm scheint es im Zuber tatsächlich zu sein …«, deutete das Mädchen an.

Nun war es mit Margarethes Zurückhaltung vorbei. Der Sache musste sie genauer auf den Grund gehen. »Willst du damit sagen, die Badstube sei nichts anderes als ein Hurenhaus und die Reiberinnen seien Käufliche? Ist es das, was du andeutest?«

»Na ja, wenn man schaut, wie die angezogen sind – nackt bis aufs Hemd …«

Margarethe errötete. Die Zofe bemerkte es wohl, mochte sich jetzt aber nicht mehr bremsen. »Entschuldigt, Herrin, aber wenn die Männer solche Weiber sehen, wer kann’s ihnen verdenken, dass ihnen die Brunst in die Lenden steigt. Dann ziehen sie sich eine Reiberin in den Bottich und kurieren sich davon.«

»Und der Bader? Hat der denn da kein Auge drauf?«, hakte Margarethe atemlos nach.

»Der?« Die Zofe lacht noch einmal. »Der kassiert bei solchen Sonderdiensten ordentlich ab.«

Margarethe schluckte. »Aber ein jeder Herr macht das nicht, oder? Es gibt doch auch solche, die einfach nur baden?«

Sie erntete einen vielsagenden Blick. »Ja, solche soll es geben, hin und wieder …«, meinte die Zofe mit süffisantem Grinsen.

Margarethe schüttelte den Kopf. Sie war gewiss nicht prüde, aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Albrecht so etwas machte. Nein, das war alles nur dummes Gerede. Sie sollte nichts darauf geben, ihn höchstens bei Gelegenheit einmal darauf hinweisen, dass seine Besuche in diesem Etablissement bei Hofe nicht unkommentiert blieben.

Margarethe schüttelte erneut den Kopf, was die Zofe offensichtlich für Ungläubigkeit hielt, denn es entlockte ihr ein mildes Lächeln. Ohne weitere Worte ließ sich Margarethe in ihr Kleid helfen und eilte dann zur großen Halle.

Ihr spätes Eintreffen fiel niemandem auf, denn das Herrscherpaar ließ wieder einmal auf sich warten. Margarethe reihte sich hinter Margot in die Schlange der Hofdamen ein, doch es würde noch eine Weile dauern, bis der Hofmarschall mit seinem Stab auf den Boden klopfte. Die Tür öffnete sich, und die Königin rauschte an ihnen vorbei – allein und mit hektischen roten Flecken auf den Wangen.

Margarethe runzelte die Stirn. »Ist der König wieder einmal unpässlich?«, raunte sie Margot zu.

»Du meinst, ob er zu betrunken ist, um sich auf den Beinen zu halten?«, erwiderte das Mädchen trocken. Margarethe blickte sie streng an. Jeder hier wusste, dass der vierte Wenzel seinen Durst auf Weinbrand nicht unter Kontrolle hatte, aber gewöhnlich ging man schweigend darüber hinweg.

»Soviel ich weiß, traf heute Morgen ein Bote seines Halbbruders Sigismund ein«, flüsterte Margot, die immer recht gut über die höfischen Angelegenheiten informiert war. »Danach hat sich der König in seinem Zimmer eingeschlossen und ist seither nicht wieder herausgekommen.«

Margarethe seufzte. Es war schon eine leidige Sache mit dem König. Er war ein schwacher Regent, der glaubte, Probleme dadurch lösen zu können, dass er entweder herumbrüllte oder die Tür hinter sich schloss. Albrecht war da anders. Er würde einmal ein großartiger Herzog werden: streng, aber gerecht. Er war seiner Tante ähnlich, die im Gegensatz zum Gatten großen Respekt bei ihren Untertanen genoss.

Die Königin hatte eben ihren Platz eingenommen, und nun wanderte der Hofstaat zur Tafel. Margots Tischdekoration aus essbaren Blumen wurde ausgiebig gelobt, und die Kleine lächelte glücklich zu Margarethe hinüber.

Die nickte anerkennend. »Das hast du hervorragend hinbekommen.«

»War gar nicht so schwer. Dieser Küchenjunge hat tatsächlich ein goldenes Händchen.« Margot beugte sich zu ihrer Freundin hinüber und senkte die Stimme. »Aber nun sag schon, wie war dein Ausflug? Habt ihr euch geküsst, du und Albrecht?«

Sofort senkte die Rothaarige verlegen die Augen. »Was du immer denkst, Margot. Selbstverständlich nicht.«

»Und wann seht ihr euch wieder?«

Margarethe zuckte mit den Schultern. »Vielleicht gehen wir zusammen zu der Predigt des Zelivsky.«

Das Mädchen bekam große Augen. »Das lasst besser bleiben. Ich hab heute einen Streit zwischen der Königin und dem König mitbekommen. Unser Herrscher ist neuerdings ziemlich schlecht auf die Hussiten zu sprechen. Ich hab ihn sagen hören, dass er seine Berittenen mit dem Schwert des Erzengels Gabriel auf die Menschen hetzen will, wenn Zelivsky es wagen sollte, dem Volk Wein und Brot auszuteilen.«

Margarethe winkte ab. Die Stimmungswechsel des Königs waren allseits bekannt. »Das hat er morgen wieder vergessen.«

»Ich wäre mir da nicht so sicher. Er war für seine Verhältnisse recht nüchtern, als er die Drohung aussprach.«

»Komisch«, meinte Margarethe nun, »früher war er ganz auf der Seite des Hus’. Ohne Wenzels Unterstützung hätte man den Reformator niemals zum Rektor der Prager Universität gewählt. Doch jetzt, da er tot ist, spuckt der König plötzlich ganz andere Töne.«

Margot zuckte mit den Schultern und rutschte auf ihrem Schemel hin und her. »Sei’s, wie es ist. Er ist der Regent. Ich jedenfalls würde mich an eurer Stelle nächste Woche nicht in der Nähe von St. Maria im Schnee blicken lassen. Man weiß nie.«

»Nächste Woche schon?«, fragte Margarethe aufgeregt und hatte Margots Bedenken bereits wieder vergessen. Sie plagten ganz andere Sorgen: Wo sollte sie so schnell eine passende Verkleidung herbekommen, und wie sollte Jan in der Kürze einen brauchbaren Plan für ihren Ausflug schmieden? Nervös stocherte die junge Frau in ihrem Stück Hasenfleisch, das ihr prompt vom Teller rutschte und ausgerechnet auf Margots Schoß landete.

KAPITEL 2

Schließlich ging es dann doch einfacher, als sie gedacht hatten. Jan entpuppte sich als ebenso dreist wie listig. Er stibitzte der Wache einfach den Schlüssel zu der kleinen Pforte und ließ ihn vom Schmied nachmachen. Mit einem Krug Branntwein sicherte er sich das Schweigen des Handwerkers. Währenddessen entwendete Margarethe aus einem Korb mit frisch gewaschener Wäsche Hemden und Beinkleider von Dienstboten in passenden Größen.

Aufgeregt trafen sich die drei vor einer kleinen hölzernen Hütte, in der Gartengeräte aufbewahrt wurden und die sie schon des Öfteren als Ausgangspunkt für ihre Abenteuer genommen hatten. Nachdem sie sich umgezogen hatten, schlüpften sie rasch durch die Pforte des königlichen Anwesens und mischten sich auf der Straße unter das Volk. In Sekunden hatte die pulsierende Stadt sie verschluckt. Unterwegs hörten sie, dass der Zelivsky heute nicht in St. Maria im Schnee, sondern auf dem Pferdemarkt, dem größten Platz in der Prager Neustadt, predigen wollte, weil die Menschenmenge, die gekommen war, um ihn zu hören, die Mauern des Gotteshauses gesprengt hätte.

»Umso besser«, flüsterte die junge Frau. »Je mehr Menschen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir erkannt werden.« Zudem war es auf einem offenen Platz viel leichter, sich notfalls unbemerkt davonzustehlen.

Als die drei den Platz erreichten, hatte die Predigt des Zelivsky bereits begonnen. Erhaben stand der schmale Mann auf einer provisorischen Bühne. Unheilvoll wogte der schwarze Talar um seinen asketischen Körper, während Zelivsky mit einer Leidenschaft predigte, die seine Zuhörer erzittern ließ. Er sagte, dass Gott am Tag des Jüngsten Gerichts alle Menschen, egal ob Fürst oder Fähnrich, Bischof oder Bauer, an der gleichen Richtschnur messe. Man könne der Hölle nur entgehen, wenn man sich am Leben Jesu Christi orientiere und ein Leben in Keuschheit und Armut führe.

»Was aber tun Mönche, Priester und Bischöfe, die doch eigentlich ein Ausbund an Frömmigkeit sein sollten?«, grollte Zelivsky. »Statt sich um die ihnen anvertrauten Seelen zu kümmern, pressen sie die Menschen bis zum letzten Blutstropfen aus, die demütig ihr Tagwerk verrichten und es trotzdem kaum schaffen, ihre Kinder über den Winter zu bekommen. Die Büttel der Vögte treiben mittlerweile statt dem Zehnten jeden vierten Scheffel Getreide ein. Das aber bringen sie nicht, wie es immer Brauch war, in die Speicher, um damit die Winternot zu mildern, sondern lassen es sich andernorts, wo man höhere Preise erzielen kann, versilbern. Sie füllen ihre Schatztruhen, während ihren Untertanen die Mägen knurren.«

Der Priester machte eine kurze Pause, um seine Worte nachklingen zu lassen. Dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort: »Ich frage euch. Sagt unser Herrgott nicht: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan?«

Ein ohrenbetäubender Jubel erhob sich, der von den hohen Fassaden der Handwerkshäuser, die rund um den Platz in den Himmel ragten, zurückgeworfen wurde. So jedenfalls wollte es Margarethe erscheinen.

Zelivsky brachte die Menge mit einer Handbewegung zur Ruhe und fuhr fort: »Christenmenschen. Es ist an der Zeit, den Pilgerstab beiseitezulegen und nach der Sense zu greifen, damit die Krankheit der fauligen Halme nicht weiter um sich greift.«

Margarethe erschauerte. Kein Wunder, dass der König schlecht auf die Hussiten zu sprechen war. Das hier war keine Predigt. Das war Anstiftung zum Aufruhr, und die Prager hingen an Zelivskys Lippen. Sie ballten die Fäuste und schienen nur allzu bereit, augenblicklich loszuschlagen. Unsicher schaute Margarethe zu Jan hoch, der an ihrer Seite stand. Doch er schien von der eindringlichen Rede nicht weniger in Bann gezogen als die anderen. Margarethe hielt sich die Ohren zu, um das pulsierende Geschrei der Massen nicht länger hören zu müssen. Sie wollte nur noch weg. Margot hatte recht gehabt: Es war dumm von ihnen gewesen, hierherzukommen. Was, wenn irgendwer sie erkannte? Unsicher tastete sie nach Albrecht. Ihre Hand berührte raue, zerfurchte Finger. Erstaunt sah sich die junge Frau um.

Der Platz, an dem sich der Herzogssohn eben noch befunden hatte, war von einem mächtigen Mann eingenommen worden. Ein beißender Gestank nach verbranntem Holz haftete ihm an. Seine ohnehin schon finstere Miene bekam durch die dicke Schicht Ruß und Schmiere etwas geradezu Dämonenhaftes. Offensichtlich war er ein Köhler, der den weiten Weg in die Stadt nicht gescheut hatte und nun jedes Wort des Hussiten in sich aufsaugte. Margarethe wich instinktiv zurück und stieß dabei gegen Jan, der nun wieder auf sie aufmerksam wurde.

Der junge Böhme, der gerade noch ganz im Bann des Redners gestanden hatte, verstand augenblicklich: Es waren mittlerweile derart viele Menschen auf den Rossmarkt geströmt, dass eine ausbrechende Panik unabsehbare Folgen gehabt hätte.

»Wir müssen hier raus!«, keuchte Margarethe, die das Gefühl hatte, kaum mehr atmen zu können.

Jan nickte. »Lass uns versuchen, vom Platz und zu den Häusern zu gelangen und dann übers Gallustor zurück zur Altstadt.«

Was so einfach klang, schien ein nahezu unmögliches Unterfangen zu sein, denn Jan und Margarethe mussten dazu gegen das Gedränge der Menge ankämpfen. Alle anderen wollten nach vorn zum Zelivsky, der gerade begann, Brot und Wein zu verteilen. Tausend Hände streckten sich dem Prediger entgegen, und ebenso viele Kehlen erhoben ihre Stimme zu einem ekstatischen Gesang.

Margarethe kämpfte sich weiter, aber es wurde immer schwieriger, denn je weiter hinten die Menschen standen, umso begieriger waren sie darauf, nach vorn zu kommen. Ellbogen wurden eingesetzt und Fingernägel ausgefahren. Die junge Hofdame fühlte, wie sie langsam die Kraft verließ, aber gerade als sie drohte, mitgerissen zu werden, legte Jan den Arm um sie und zog sie das letzte Stück mit sich. Erschöpft lehnte sie sich gegen die hell verputzte Wand einer zweistöckigen Schmiede.

»Wo ist Albrecht?«, fragte Jan.

Margarethe schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.«

Hektisch sahen sie sich um, bis sie endlich den Herzogssohn entdeckten, der auf einem Mauervorsprung hockte und konzentriert über die Köpfe der Menge spähte. Während sie sich dicht an den Fassaden der Häuser hielten, kämpften sich die beiden zu ihrem Freund durch, der ihnen hektisch zuwinkte.

»Was machst du da oben?«, fragte Jan und musterte den Wittelsbacher.

»Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden«, raunte dieser, ohne auf Jans Frage einzugehen. »Es wird brenzlig.«

Margarethe schloss kurz die Augen und musste an Margots Worte denken … Machte der König seine Drohung wahr? Schickte er seine Ritter aus, um Zelivsky Einhalt zu gebieten? Tatsächlich schien ein leises Beben den Boden zu erschüttern.

»Ich fürchte, durch das Gallustor können wir nicht mehr zurück«, stellte Albrecht fest, und Margarethe wunderte sich, wie gefasst er angesichts der Lage blieb. »Zu viele Menschen. Wenn ich nur wüsste, wo es am sichersten ist …?«

Margarethe streckte die Hände aus und versuchte, sich ebenfalls an dem Mauervorsprung hochzuziehen. Albrecht half ihr. Von hier hatte man tatsächlich eine viel bessere Sicht. Die ahnungslosen Menschen drängten weiter zu dem Prediger, hinter dem St. Maria im Schnee mit ihren strahlend weißen Mauern in den Himmel ragte. Dort war das Gedränge am größten. Durch die Korngasse und die Gerstengasse, die rechts und links vom Rossmarkt abgingen, strömten immer noch zahlreiche Menschen. Doch es schien, als ob sie es merkwürdig eilig hatten, den Platz zu erreichen. Sie sahen sich immer wieder um, und ihre Schritte wurden hastiger. Im selben Moment war es Margarethe, als würden spitze Schreie durch die Gassen dringen. Noch waren die Rufe weit entfernt. Margarethe versuchte festzustellen, woher sie kamen, als Jan nach ihrem Handgelenk fasste und sie von der Mauer zerren wollte.

»Wir versuchen es durchs Rosstor und schlagen uns außerhalb der Stadtmauern in Richtung Altstadt zurück«, bestimmte Albrecht und sprang ebenfalls von der Mauer.

Margarethe konnte sich vom Anblick der inzwischen rennenden Menschen nicht losreißen, die wie eine Flutwelle auf den Rossmarkt zuzurollen schienen. Was war es, das die Menschen derart erschreckte?

»Nun mach schon«, herrschte Jan und versuchte, Margarethe von dem Mauervorsprung zu ziehen. Unwirsch wehrte sie seine Hand ab, doch er hielt sie mit eisernem Griff und zwang sie zu sich herab.

Margarethe fiel mehr zu Boden, als dass sie sprang. »Au, du tust mir weh!«, schimpfte sie erbost.

Albrecht, der schon vorangegangen war, drehte sich um. Seine Nasenflügel blähten sich, und seine Augen flackerten hektisch. »Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren«, wies er die beiden zurecht. »Streitet euch nachher!«

Er hatte die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht gezogen und bahnte den dreien einen Weg zum Rosstor, durch das man am Markttag die Pferde hereinführte. Seitlich lief ein Bächlein, das den Tieren als Tränke diente, nun jedoch von einer Eisschicht bedeckt war. An diesem entlang kämpften sich die drei vorwärts. Albrecht nutzte jede noch so kleine Lücke in der Menge, und Margarethe hielt sich dicht hinter ihm, bis sie endlich das Tor erreichten.

Keine Sekunde zu früh, wie sie feststellen mussten. Margarethe hörte hinter sich Schreie und spähte kurz über ihre Schulter. Da sah sie Reiter, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten und die Menschen wie Vieh vor sich hertrieben. Allein der Anblick der Reiter ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Schwarz waren sie gekleidet, und ihre Pferde gebärdeten sich wie Ausgeburten der Hölle. Was ihren Weg kreuzte, wurde in den Staub getrampelt. Die Ritter mit den verhüllten Gesichtern hieben mit Stöcken auf die Menschen ein und versuchten, sie auseinanderzutreiben. Geifernde Hunde bissen ihnen den Weg frei. Wo eben noch Jubel geherrscht hatte, erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm aus ängstlichem Geschrei und Kampfgetümmel. Frauen duckten sich kreischend unter den grausamen Schlägen. Alles drängte auf den Marktplatz, der ohnehin überfüllt war von Menschen, die nun ihrerseits schubsten und schoben, um sich irgendwie Platz zu verschaffen.

Den einzigen Fluchtweg schien jenes Tor zu bieten, das Margarethe und ihre Begleiter eben erreicht hatten. Im nächsten Moment bereute die junge Adelige ihr Zögern, denn mit lautem Rumpeln wurden die mächtigen Holzflügel vor ihrer Nase zugeschlagen. Albrecht unterdrückte einen Fluch. Margarethe blickte ratsuchend zu ihm auf.

»Hinunter zum Vyŝehrad!«, befahl der Herzogssohn, ohne zu zögern. Die ehemalige Festung an der Moldau glich in diesen Tagen einer Priesterstadt. Dort würden sie vorerst in Sicherheit sein.

Entschlossen wandten sich die drei jungen Adeligen nach rechts. Gejagt vom panisch kreischenden Pöbel hasteten sie weiter. Der Boden unter ihnen war noch vom Winterfrost gefroren, doch die oberste Lehmschicht hatte die Frühjahrssonne bereits angetaut, was den Weg gefährlich glatt machte. Margarethe schlitterte und stolperte. Die kalte Luft brannte in ihrer Lunge. Wie gerne wäre sie stehen geblieben, um Atem zu holen, doch sie wagte es nicht. Tränen stiegen ihr in die Augen. Wenn sie hier heil herauskamen, mussten sie der Heiligen Jungfrau mehr als nur eine Kerze spenden.

»Vorsicht!«, rief Jan plötzlich, doch seine Warnung kam zu spät. Margarethes Rock verfing sich in einem aus dem Mauerwerk ragenden Metallstück, und die junge Frau, die weiterhasten wollte, verlor das Gleichgewicht. Flüchtende Menschen drängten sich an ihr vorbei. Margarethe wurde hin- und hergeworfen, versuchte aber trotzdem, den Stoff zu ergreifen und sich zu befreien. Im nächsten Moment rammte ihr jemand seinen Ellbogen in die Seite. Ein derber Ruck, und der Stoff gab ächzend nach. Margarethe wurde von der fliehenden Menge mitgerissen, und ein weiterer Stoß brachte sie endgültig zu Fall. Unsanft landete sie auf der Seite und rollte noch ein Stück weiter über die Straße. Einen Atemzug später trampelten Füße über ihren Körper. Ein Stiefel traf sie hart an der Hüfte, ein Mann stolperte fluchend über ihre Schulter. Margarethe schrie vor Schmerz auf. Schützend barg sie ihr Gesicht in den Armen und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, doch unter den Tritten der fliehenden Menschen war daran nicht zu denken. Orientierungslos kroch sie weiter.

Sie werden mich hier zu Tode trampeln, schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke zu sterben, das Gesicht im Unrat, ließ sie ihre ganze Kraft zusammennehmen. Ihre Finger tasteten nach der Mauer, fanden sie endlich und suchten nach einem Halt in den eisigen Steinen. Da packten sie starke Hände. Margarethe sah auf. Albrecht stand schützend über ihr und stemmte sich mit aller Macht gegen die fliehende Menge, während Jan sie auf die Füße zog.

»Danke!«, schluchzte das Mädchen.

»Weiter jetzt, weiter!«, forderte Albrecht mit ernster Miene. »Wir sind noch lange nicht in Sicherheit.«

Tatsächlich schien die Lage eher noch bedrohlicher zu werden. Margarethe war sich sicher, hinter sich das Klappern von Hufen zu hören. Die Menschen schossen ziellos umher und versuchten, sich in die Häuser zu retten, wobei sie mit bloßen Fäusten gegen verschlossene Holztüren und Fenster hämmerten. Doch die Anwohner hatten Tür und Tor ängstlich mit schweren Balken verrammelt. Voller Panik versuchten einige der Flüchtenden sogar, die Wände hochzuklettern. Jan hatte Margarethes Hand fest gepackt und zerrte sie weiter. Sie liefen an der Stadtmauer entlang, bis sie einen unbebauten Streifen Grün erreichten. Endlich ließ das Gedränge nach. Keuchend lehnte sich Margarethe an den rauen Stamm einer alten Eiche. Ein stechender Schmerz pochte in ihrer Seite. Jan sah sie besorgt an, während Albrecht mit der Hand am Messer die Umgebung im Auge behielt.

»Geht’s wieder?«, erkundigte sich der Blonde.

Margarethe nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Sie hatten erst die Hälfte des Weges nach Vyŝehrad geschafft, und das Metzeln in ihrem Rücken schien noch lange nicht zu Ende.

»Du kannst dich auf mich stützen«, bot Jan an. Dankbar schlang Margarethe den Arm um den jungen Ritter.

Albrecht bog in eine schmale Gasse ab, von der Margarethe zu wissen glaubte, dass sie hinunter zum Viehmarkt führte. Unwillkürlich fragte sie sich, ob das eine kluge Idee war, denn dort befanden sich auch das gerade fertiggestellte Rathaus der Neustadt sowie die Wohnsitze zahlreicher Mitglieder des Königshofes. Bestimmt wurde dort alles gut bewacht. Doch Albrecht schien den gleichen Gedanken zu haben, denn kurz bevor sie den Platz erreichte, bog er in ein kleines Gässchen ab. Auch hier liefen Menschen hin und her und pochten gegen Türen. Doch die meisten von ihnen schienen tatsächlich hier zu wohnen, denn die Häuser verschluckten sie nach und nach.

Die drei Jugendlichen hatten die Straße zur Hälfte hinter sich gelassen, als sich an ihrem Ende ein merkwürdiges Schauspiel abspielte. Zwei Vermummte trieben eine junge Frau, die ein Kind auf dem Arm hielt und verzweifelt zu flüchten versuchte, gegen die Hauswand. Die Männer ließen sich Zeit. Stumm, die Arme ausgebreitet und mit Stricken in den Händen näherten sie sich Schritt um Schritt ihrem einfach gekleideten Opfer, in dessen Gesicht sich Todesangst spiegelte. Nach all dem Geschrei und Getöse und der Hektik war es eine derart bizarre Szene, dass Margarethe zunächst glaubte, ihre überreizten Sinne spielten ihr einen Streich. Hastig setzte die Frau das Kind ab und verbarg es hinter ihren Röcken. Im nächsten Moment hielt sie ein Messer in der Hand. Mit gefletschten Zähnen stach sie nach den Angreifern, die ihr jedoch geschickt auswichen. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie ihr Opfer schließlich doch niederringen würden.

Margarethe schaute zu Albrecht hinüber, der ebenfalls stehen geblieben war. Noch hatten die Männer sie nicht entdeckt, und die drei Jugendlichen hätten sich ungesehen davonstehlen können. Doch damit wäre das Schicksal der jungen Frau besiegelt gewesen. Albrecht schien Margarethes Gedanken zu gelesen.

»He, ihr da!«, rief er mit gebieterischer Stimme. »Lasst augenblicklich von dem Weib ab!«

Die drei fuhren herum. Einen Augenblick lang schienen sie unschlüssig, dann jedoch machten sie kehrt und verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Margarethe wollte bereits Albrechts mutigen Einsatz loben, als ihr bewusst wurde, dass es nicht der Herzogssohn war, vor dem die Vermummten geflüchtet waren. Hufgetrampel und Kreischen erklang in ihrem Rücken. Margarethe drehte sich um. Eine neue Schar Flüchtender hastete genau auf sie zu. Hinter ihnen schwarze Ritter mit Streitäxten in der Hand, die sie ohne zu zögern gegen die wehrlosen Menschen einsetzten.

»Lauf!«, riefen Albrecht und Jan wie aus einem Mund und bauten sich, jeder das Jagdmesser in der Hand, schützend vor ihr auf. Ein Schreckensschrei löste sich von Margarethes Lippen. Eilig hastete sie weiter. Keine zehn Schritte später hatte sie die Stelle erreicht, an der die Frau gestanden hatte. Doch sie war verschwunden.

»Hier herunter!«, rief eine helle Stimme.

Hektisch schaute sich Margarethe um. Dann entdeckte sie einen Schacht, der ganz offensichtlich zu einem Rübenkeller führte. Eine Hand winkte ihr.

»In den Schacht, bevor Ihr verloren seid!«

»Jan, Albrecht!«, schrie Margarethe und deutete zu dem Loch.

Die Jungen verstanden augenblicklich und rannten hinter Margarethe her, die sich bereits rücklings in das Loch gleiten ließ. Es ging tiefer hinunter, als sie gedacht hatte. Albrecht landete halb auf ihr. Jan folgte als Letzter. Er verbarrikadierte das Loch mit dem Deckel, der am Boden lag. Das Trampeln von flüchtenden Füßen und das Stampfen der Hufe waren jetzt ganz nah. Die gellenden Schreie der Menschen hallten in der Dunkelheit ihres engen Verstecks wider.

»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder raus«, keuchte Jan atemlos.

Albrecht lachte gepresst. »So weit käm’s noch, dass wir in einem Kellerloch verschimmeln müssten. Stimmt’s Margarethe?«

Die junge Frau nickte, aber sie fühlte sich nur halb so mutig, wie sie tat. Am liebsten hätte sie sich in Albrechts Arme geflüchtet. Ängstlich lauschte sie nach draußen und wünschte sich gleichzeitig, nichts hören zu können. Die Reiter mussten wie die Berserker wüten. Das Geräusch der niedersausenden Streitäxte und das Brechen von Knochen würde sie ihr Lebtag nicht mehr vergessen. Ganz offensichtlich drangen Wenzels Schergen sogar in die Häuser ein, denn man vernahm das Bersten von splitterndem Holz und dumpf, wie aus weiter Entfernung, die um Gnade flehenden Stimmen der Bewohner.

Margarethe wünschte sich ein weiteres Mal, doch auf Margot gehört zu haben. Das hier war mit Abstand das Schrecklichste, was sie je erlebt hatte. Leise und am ganzen Körper zitternd schloss sie sich den Ave Marias der Magd an, während sie ihren Kopf an Jans Schulter barg, der seltsam starr den Arm um sie gelegt hatte. Vermutlich war auch ihm bewusst, dass sein Jagdmesser ihnen in diesem Fall nichts nutzen würde. Wenn jemand sie davor bewahren konnte, Schaden zu nehmen, dann höchstens die Heilige Jungfrau.

»Wenn ich nur mein Schwert zur Hand hätte«, flüsterte der junge Adelige mit zornbebender Stimme, »dann würde ich’s der Bagage zeigen. Sich an wehrlosen Menschen zu vergreifen. Das ist schändlich.«

Margarethe drückte sich noch fester an Jan. Sie wusste, dass der junge Böhme es bitter ernst meinte.

Irgendwann wurden die Todesschreie vom Wimmern der Verletzten abgelöst. Die drei Freunde halfen sich gegenseitig und auch der jungen Frau aus dem Kellerloch heraus. Sie klopften sich den Schmutz von der Kleidung, umgingen den Viehmarkt und hasteten, zwischen den leblosen Körpern hindurch, die Straße hinab zur Moldau. Das Weinen und Jammern derer, die einen geliebten Menschen in seinem Blute liegen sahen, begleitete sie den ganzen Weg über. Margarethe begann, neben den Schergen des Königs auch die Wut des Pöbels zu fürchten. Wenn sie jemand als Mitglieder des Hofes erkannte, war es gut möglich, dass man sich in aufschäumendem Zorn an ihnen vergriff, um am König Rache zu nehmen. Endlich hatten sie die Moldau erreicht, deren Ufer in der Neustadt unbefestigt geblieben waren. Hier war es ruhiger, und es waren kaum mehr Verletzte zu sehen. Die drei verlangsamten ihre Schritte und folgten dem Lauf des Stromes. Margarethe konnte nicht anders, als sich ständig umzudrehen. Der Weg bis zur Zeltnergasse schien sich eine Ewigkeit hinzuziehen. Die Rothaarige hätte vor Erleichterung jubeln mögen, als der Palast der Königin endlich in Sicht kam. Die Wachen waren verstärkt worden, doch erstaunlicherweise hatte dabei niemand an die kleine Gartenpforte gedacht.

Wie durch Zauberei war die Magd mit ihrem Kind plötzlich wieder hinter ihnen. Sie humpelte stark und drückte sich sofort gegen eine Hauswand, als sie sich entdeckt sah. Margarethe zupfte Albrecht am Ärmel und deutete auf die junge Frau. Dieser verstand sofort. Sie mussten die Verfolgerin abwimmeln, bevor sie den Palast der Königin betreten konnten. Er stupste Margarethe an, dass sie die Sache regeln sollte. Die Waldeckerin nickte und baute sich vor der jungen Mutter auf.

»Was rennst du uns nach?«, fragte Margarethe barsch. »Hast du keinen Ort, wo du hingehörst?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein, Herrin«, flüsterte sie leise, »ich bin derzeit nicht in Stellung.«

Margarethes Mundwinkel zuckten. Wie konnte es sein, dass diese einfache Frau ihre Tarnung so leicht durchschaut hatte?

»Wir können dir auch nicht helfen. Müssen selbst sehen, wo wir bleiben«, antwortete sie abweisend.

»I

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