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Die Falken Gottes

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Nachwort

|7|Kapitel 1

Eiligen Schrittes kämpfte sich Anneke durch das sperrige Unterholz des Waldes, bis sie den Bachlauf erreichte, in dem die Sonnenstrahlen, die sich durch die Baumkronen zwängten, im dahinströmenden Wasser funkelten. In der Nähe hörte sie eine Amsel singen. Ein sanfter Windhauch streichelte an diesem Spätsommertag über ihr Gesicht. Anneke schaute sich um und befand, daß dies ein guter Ort war, um die freie Zeit zu nutzen, die ihr der Schankwirt Seybert Monsbach gewährt hatte.

Sie setzte sich an den Bach, streifte ihre Holzpantinen ab und tauchte die schmutzigen Füße in das kühle Wasser. Aus ihrer Schurztasche zog sie ein Büchlein mit abgegriffenem Ledereinband hervor. Es war das Gebetbuch ihrer Dienstherrin. Anneke bereitete es Unbehagen, sich vorzustellen, welche Strafe sie erwarten würde, wenn Lucia Monsbach erfahren sollte, daß ihre Magd das Buch aus der Eichentruhe in ihrer Schlafkammer entwendet hatte. Auch wenn die Seiten des Gebetbuches bereits vergilbt und zum Teil eingerissen waren und der speckige Ledereinband an mehreren Stellen so dünn schimmerte, daß man die dahinterliegende Pappe erkennen konnte, wachte die Monsbach-Wirtin über dieses Buch – das einzige, das sich im ganzen Haus befand – so gewissenhaft, als hinge ihr Seelenheil von den bedruckten Seiten ab.

Stockhiebe, Ohrfeigen oder eine ohrenbetäubende Strafpredigt, deren Tonlage in etwa dem Bellen eines Hundes entsprach – Anneke vermied es, sich weitere Konsequenzen für ihr Vergehen auszumalen. All diese Strafen hatte sie schon |8|für weit geringere Nachlässigkeiten über sich ergehen lassen müssen, und sie war nicht die einzige, die auf diese Weise unter den Launen der Monsbacherin litt. Sogar der Schankwirt Seybert bekam beizeiten den Jähzorn seines Eheweibes zu spüren. Es hieß, die Frau sei dem Manne untertan, weil Gott sie aus der Rippe Adams geschaffen habe. Nun, Anneke nahm an, daß dies für Lucia Monsbach nicht zutraf. Wenn Anneke die Monsbach-Wirtin und ihren Ehemann zusammen sah, kam ihr keine Rippe in den Sinn, sondern der Fuß, mit dem ihre Dienstherrin Seybert häufig in den Hintern trat.

Seybert war im Grunde ein gutmütiger Mensch. Er wirkte ein wenig grobschlächtig, und sein Gesichtsausdruck erinnerte Anneke an einen Ochsen. Sie war vor nunmehr fast zwei Jahren als Magd in die Dienste der Monsbachs getreten, und schon vom ersten Tag an war ihr nicht verborgen geblieben, wie oft er sie verstohlen anstarrte, wenn sein Weib sich nicht in der Nähe aufhielt. Dann und wann passierte es auch, daß er Anneke so nah kam, daß sie wie zufällig von seinem Oberarm oder seinem Knie gestreift wurde. Es hatte daher nicht lange gedauert, bis Anneke begriffen hatte, daß Seybert ihr so manchen Vorteil verschaffen würde, wenn sie nur ein wenig nett zu ihm war.

Obwohl Anneke die Nähe des rotwangigen und froschäugigen Schankwirtes anwiderte, spielte sie hin und wieder mit seiner allzu offensichtlichen Begierde. Sie zwinkerte ihm kokett zu oder lächelte scheu, was ihn schließlich ermunterte, sie stärker zu bedrängen.

Anneke hatte Seybert niemals zwischen ihren Beinen liegen lassen. Mit ihren siebzehn Jahren legte sie keinen Wert darauf, ihre Jungfräulichkeit an diesen plumpen Mann zu verlieren. Sie gestattete ihm auch nicht, sie zu küssen, selbst wenn er oftmals wie ein Kind darum bettelte. Doch sie trotzte ihm Gefälligkeiten ab, indem sie es zuließ, daß er sie berühren und an ihrer Haut riechen durfte.

|9|Zumeist bestanden diese Aufmerksamkeiten darin, daß Seybert ihr aus der Stadt Honiggebäck oder kandierte Früchte mitbrachte. Er hatte seine knauserige Frau sogar davon überzeugt, Anneke für den Kirchgang am Sonntag neu einzukleiden, damit sie an diesen Tagen das abgewetzte Wollhemd ablegen konnte, das sie für gewöhnlich ständig trug und dem schon seit Monaten allzu deutlich der muffige Geruch ihres Schweißes und der Stallarbeit anhing.

Selten kam es vor, daß Seybert es ihr erlaubte, ihre Arbeit für eine gewisse Zeit ruhen zu lassen. Natürlich war dies nur möglich, wenn Lucia die Schenke für mehrere Stunden verließ – so wie auch heute, als die Wirtin in der Früh aufgebrochen war, um ihre erkrankte Schwester im nahen Ort Hagen aufzusuchen.

Anneke küßte den Ledereinband des Buches und bat Gott um Vergebung für die Sünde, die sie begangen hatte, damit sie sich mit diesem Buch in den Wald zurückziehen konnte. Sie hoffte, der Allmächtige würde Verständnis dafür aufbringen, daß sie sich heute morgen auf Seyberts Schoß gesetzt und seine Berührungen ertragen hatte. Seyberts Hände hatten grob ihre Brüste gedrückt, waren auf ihrem Hemd bis zur Hüfte gewandert und hatten sich über ihren Schenkeln in den Stoff der Schürze gekrallt. Als sie seine feuchte Zunge an ihrem Hals gespürt hatte und sein Atem in ein heftiges Schnaufen übergegangen war, hatte sie ihn schnell von sich gedrängt und ihre Belohnung eingefordert. Seyberts Erregung ängstigte sie. Das meiste, was sie über die körperliche Vereinigung wußte, hatte sie auf den Wiesen beobachtet, wenn die Feldhasen sich besprangen und in einem schnellen Stakkato für ihre Nachkommenschaft sorgten. Zwar bezweifelte Anneke, daß der behäbige Seybert jemals so flink wie ein Hase gewesen war, doch sie mußte auch an die Worte ihrer Mutter denken, die |10|einmal zu ihr gesagt hatte, daß Männer sich in Tiere verwandelten, wenn sie von der Lust besessen waren.

Anneke schlug das Buch auf und fuhr mit einem Finger die Buchstabenreihen entlang. Mit lauter Stimme las sie den Text eines Psalms: »Ich … ha… be mir vor… ge… nom… men: Ich w… will mich hü… ten, daß ich n… nicht sün… di… ge mit mei… ner Zun… ge; ich will mei… nem Mund ei… nen Za… Zaum an… le… gen, solan… ge ich den Gott… lo… sen vor mir se… hen muß.«

Es ärgerte Anneke, daß sie die Buchstaben nur stockend zu Worten zusammenfügen konnte, und sie haderte einmal mehr mit dem bitteren Schicksal, das ihr früh den Vater genommen und ihr Leben in diese freudlose Richtung gelenkt hatte.

Anneke war davon überzeugt, daß sie ohne ihren Vater niemals den unablässigen Eifer entwickelt hätte, Lesen und Schreiben zu erlernen. Er hatte in Paderborn das Druckerhandwerk erlernt und war von den Wirren des Krieges nach Osnabrück verschlagen worden, wo er bald darauf geheiratet und als Geselle in die Dienste des einzigen in der Stadt ansässigen Buchdruckers Martin Mann getreten war.

Sie hatte sich oft in der Druckerei aufgehalten; sei es, weil ihre Mutter sie mit einem Auftrag zum Vater ausgeschickt hatte oder – was weitaus häufiger vorgekommen war – weil sie sich ganz einfach aus dem Haus davongestohlen hatte. Ihr Vater hatte sie dann zumeist nicht fortgeschickt, sondern sie auf eine Bank gesetzt und ihr erklärt, wie man eine Druckerpresse einrichtete und mit den lederüberzogenen Ballen die Farbe gleichmäßig auf die aus Bleilettern zusammengestellte Druckform auftrug. Wenn er anschließend die Abzüge auf die korrekte Ausrichtung der Absätze und Zeilen kontrolliert hatte und darauf, ob einzelne Lettern verdreht oder beschädigt waren, hatte er Anneke mit den Buchstaben des Alphabets vertraut gemacht. Wenn es ihr |11|gelungen war, aus ihnen Wörter zu bilden, hatte er ihr hin und wieder auch eines der kleinen, vierkantigen Bleistäbchen geschenkt, an deren Kopfende sich eine winzige Drucktype befand. Anneke bewahrte diese Bleilettern in einem Holzkästchen auf und holte sie auch heute noch oft hervor, um die spiegelverkehrten Buchstaben zu betrachten.

Damals hatte ihr Vater oft davon gesprochen, daß er eine eigene Druckerei gründen wolle. Wenn nicht in Osnabrück, wo die Arbeit kaum für zwei Meister ausreichen würde, dann in einer anderen Stadt, in der noch kein Drucker ansässig war.

Vielleicht hätte auch sie dort das Handwerk ihres Vaters erlernen können. Anneke war sein einziges Kind, und auch wenn ihre Mutter sich oft über die Flausen beklagte, die ihrer Tochter in den Kopf stiegen, hatte der Vater Anneke niemals das Gefühl gegeben, daß sie für ihn weniger wert war als ein Sohn.

»Du bist mir so gut wie ein Junge«, hatte er einmal zu ihr gesagt, was Anneke sehr stolz gemacht hatte. Doch alle Träume und Hoffnungen lösten sich schon bald darauf in Luft auf.

Anneke war noch keine acht Jahre alt, als ihr Vater starb. Er trat auf einen rostigen Nagel, der sich in seinen Fuß bohrte. Die Wunde entzündete sich und vergiftete sein Blut. Ein Bader entschloß sich, den faulenden Fuß zu amputieren, doch die Entzündung hatte sich schon in seinem Bein ausgebreitet. Ein zweiter zu Rat gezogener Medicus wickelte die Eingeweide eines Wolfes um den Stumpf, um das Gift aus dem Körper zu ziehen, doch auch diese Behandlung konnte Annekes Vater nicht das Leben retten. Er starb im Herbst des Jahres 1637, und auch heute noch, zehn Jahre später, grübelte Anneke oft darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihr Vater den Fuß nur eine Elle weiter zur Seite gesetzt und den Nagel verfehlt hätte.

|12|Nach Ablauf der Trauerzeit hatte Annekes Mutter einen Knecht aus der Ortschaft Gellenbeck geheiratet, und sie waren aus Osnabrück fortgezogen. Zwar wurde es Anneke erlaubt, an einem Nachmittag in der Woche die Dorfschule zu besuchen, doch sie lernte dort zu ihrem Verdruß kaum etwas hinzu.

»Gott liebt die Fleißigen unter den Menschen«, hatte ihr Lehrer, der magere, hohlwangige Pfarrer Scheffler, stets behauptet. Wenn das wirklich stimmte, mußte der Allmächtige Scheffler gewiß sehr gram sein, denn zumeist hatte der Unterricht darin bestanden, daß der Pfarrer seinen Schülern einige einfache Aufgaben zugeteilt und daraufhin die Augen zu einem Schläfchen geschlossen hatte. Obwohl es Anneke selbst im Vergleich mit den älteren Kindern keine große Mühe bereitete, mit Buchstaben, Wörtern und auch Zahlen umzugehen, erhielt sie nur selten ein Lob von ihrem Lehrer. Sie bemerkte, daß es Scheffler weitaus leichter fiel, die Leistung der Knaben hervorzuheben, während ihm ein ermunterndes Wort zu einem der Mädchen so schwer über die Lippen kam, als würde er gezwungen, der Heiligen Mutter Kirche abzuschwören. Wahrscheinlich befand er es schlicht als Zeitverschwendung, diese Mädchen und jungen Frauen zu unterrichten, deren Wert doch vor allem darin bestand, dem Mann zu dienen, den Haushalt zu versorgen und Kinder zu gebären.

Wie es schien, glaubte Annekes Mutter dafür Sorge tragen zu müssen, daß ihre Tochter nicht von diesem vorherbestimmten Weg abwich. Kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag wurde Anneke von ihr nach Lengerich geschickt, einem kleinen Ort zwischen Münster und Osnabrück, um dort in der Monsbach-Schenke als Magd zu arbeiten. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, die Schule zu besuchen. Da für gewöhnlich ihr gesamter Tagesablauf nur mehr aus Arbeit bestand, bedurfte es Seyberts Wohlwollen |13|und der passenden Gelegenheit, um sich für kurze Zeit mit einem Buch zu beschäftigen und den Erinnerungen an eine bessere Zeit nachzuhängen. Vielleicht war sie auch nur deshalb so versessen darauf, das Lesen und Schreiben zu beherrschen, weil sie nach dem Tod ihres Vaters zu oft gesagt bekommen hatte, daß es für ein Mädchen wie sie nur eine Zeitverschwendung sei, die Nase in Bücher zu stecken. Daher war genau das für Anneke eine Herausforderung. Auch wenn diese Fertigkeiten für ihre Arbeiten in der Küche und im Stall völlig unnötig waren, gab es ihr ein gutes Gefühl, wenn sie die gedruckten Wörter las oder sich mit dem Kohlestift, den sie in ihrer Kammer unter einem Dielenbrett versteckte, darin übte, Buchstaben auf Steine oder Bretter zu schreiben.

Anneke las den Psalm noch einmal über und erfaßte erst jetzt den Sinn der Wörter.

»Ich will meinem Mund einen Zaum anlegen«, wiederholte sie eine Passage und schmunzelte. Auch ihr fiel es schwer, ihre spitze Zunge zu zügeln. Lene, die Tochter der Monsbachs, hatte Anneke oft gewarnt, daß sie durch ihr loses Mundwerk eines Tages in arge Schwierigkeiten geraten würde.

Anneke blätterte einige Seiten um und konzentrierte sich auf einen weiteren Psalm.

»Aus Zi… Zion bri… bricht an d… der schö… ne Glanz Gottes. Un… ser Gott kommt u… und schwei… get nicht. Fes… seln … des Feu… er g… geht vor i… ihm her und um i… ihn her e… ein mäch… ti… ges Wet… ter.«

Ein dutzendfaches Flügelschlagen riß Anneke aus ihrer Konzentration. In der Nähe stieg mit viel Geschrei ein Vogelschwarm über den Baumkronen auf.

Nur einen Augenblick später ließ ein Knall Anneke zusammenzucken. Vor Schreck glitt ihr das Buch aus den Händen, und es fiel auf den Boden. Sie vernahm das Getrappel |14|von Hufen, ein Wiehern und Schnauben, dann war es plötzlich still.

Anneke langte nach dem Gebetbuch, drückte es in ihren Schoß und schaute um sich. Nun hörte sie erneut ein Wiehern. Die Straße nach Osnabrück zog sich nicht weit von hier durch den Wald. Wahrscheinlich hatte es einen oder mehrere Reiter in das Unterholz verschlagen.

Dieser Knall – jemand mußte eine Pistole abgefeuert haben. Vor einigen Wochen hatte ein betrunkener dänischer Offizier vor der Schankwirtschaft der Monsbachs übermütig mit seiner Pistole auf das Stalltor geschossen, und dieser Schuß hatte genauso wie das Getöse aus dem Wald geklungen.

Lauf einfach weg, ging es ihr durch den Kopf, doch gleichzeitig reizte es sie, einen Blick darauf zu werfen, was dort nahe der Straße vor sich gehen mochte.

Anneke horchte in Richtung des Schusses und glaubte, eine Stimme zu hören. Sie erhob sich und schlich geduckt darauf zu.

Sie hatte etwa zwanzig Schritte zurückgelegt, als sie eine Bewegung erhaschte. Anneke verbarg sich hinter dem Stamm einer Kiefer und konnte einen Steinwurf entfernt zwei Pferde und zwei Männer ausmachen. Einer der beiden war zu Boden gestürzt und kroch keuchend vorwärts. Von seinem Rücken stieg eine dünne Rauchfahne auf. Anneke stockte kurz der Atem, als sie die Blutspur bemerkte, die dieser Mann hinter sich ließ. Sie krallte vor Furcht die Finger in die Baumrinde, aber es war ihr nicht möglich, den Blick abzuwenden.

Der andere Kerl war von seinem Apfelschimmel heruntergestiegen und kam auf den Verwundeten zu. Er war mit einem abgewetzten Lederwams bekleidet, dessen Schnüre über der Brust zu Schluppen gebunden waren. Trotz seines breitkrempigen Filzhutes konnte Anneke das Gesicht des |15|Mannes sehen. Seine Augen standen eng zusammen. Er trug einen kurzgeschnittenen rötlichblonden Bart, doch ihr fiel vor allem seine Nase auf, die ihm so schief im Gesicht saß, als wäre sie schon häufig von Fäusten bearbeitet worden.

Mit ausdrucksloser Miene trat der Schiefnasige mit dem Stiefel gegen den vor ihm kauernden Mann. Der Verwundete stürzte ganz zu Boden, stöhnte laut und stieß einen kehligen Schrei aus, als der Schiefnasige seinen Stiefelabsatz in die Schußwunde bohrte. Ein weiterer Tritt drehte den Blutenden auf den Rücken. Der Mann beugte sich zu seinem Opfer herunter, entriß ihm eine Tasche, die der Verwundete an einem Ledergurt um den Körper trug, und rief ihm etwas zu. Anneke konnte die Worte von ihrem Versteck aus hören, aber sie verstand sie nicht. Es mußte sich um eine fremde Sprache handeln. Der Verwundete brachte mit der Verzweiflung eines Todgeweihten krächzend eine Erwiderung hervor, auf die der andere Mann mit einem Lachen reagierte und mit weiteren Worten, deren Tonfall keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß er sein Opfer verspottete. Schließlich richtete der Meuchler sich auf, zog einen Degen blank und trieb die Waffe dem am Boden liegenden Mann zuerst in die Brust und dann zweimal in den Bauch. Jeder Stich ließ den Sterbenden im Todeskampf zusammenzucken, und er jaulte auf wie ein Tier. Dann bewegte er sich nicht mehr.

Der Schiefnasige schleifte die Leiche in eine Senke, schob mit dem Stiefel Laub über den Körper und scheuchte das Pferd des Toten mit einem Schlag auf das Hinterteil davon. Er hängte sich die Tasche um und stieg auf seinen Apfelschimmel. Anneke hörte, wie sich der Hufschlag entfernte.

Sie atmete mehrmals tief ein und aus und wartete ab, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte. Niemals zuvor hatte sie gesehen, wie ein Mensch getötet wurde, und das elendige |16|Jaulen, das dieser Mann vor seinem Tod von sich gegeben hatte, klang ihr noch immer in den Ohren.

Erst als sie davon überzeugt war, daß sich der Mörder außer Sichtweite befand, wagte sie sich aus ihrem Versteck hervor. Ihre Finger, mit denen sie noch immer das Gebetbuch wie einen schützenden Schild vor die Brust preßte, zitterten, und auch ihre Knie fühlten sich so weich an, daß sie ihre Schritte schwankend setzte.

Sie näherte sich der Senke, in die der Mörder sein Opfer geschleppt hatte, und hockte sich neben die Leiche. Anneke konnte unter der Laubschicht die Stirn des Mannes erkennen und auch den blutbeschmierten dunkelblauen Mantelstoff.

Obwohl sie sich vor dem Toten fürchtete, wischte sie das Laub von seinem Gesicht. Ein hübsches Antlitz kam dort zum Vorschein. Die Miene des jungen Mannes wirkte so unschuldig, als hätte er sich nur kurz schlafen gelegt.

Vorsichtig hob Anneke den Mantel an und betrachtete das schlichte Stoffwams darunter. Er war wie ein einfacher Bürger gekleidet. Womöglich handelte es sich um einen Postreiter, der eine so wichtige und gefährliche Nachricht mit sich geführt hatte, daß sie ihm zum Verhängnis geworden war.

Sie streckte die Finger nach dem Wams aus, doch in diesem Moment schlug der vermeintlich Tote die Augen auf. Anneke erschrak und stieß einen spitzen Schrei aus, denn er hatte nach ihrem Handgelenk gegriffen.

»Nicht!« keuchte Anneke heiser. »Laß ab von mir!«

Seine Finger drückten fester zu, während er einige Worte hervorbrachte.

»Nein, nein«, rief Anneke und versuchte sich aus seinem Griff zu lösen. »Ich verstehe deine Sprache nicht.«

»Geh zu … Magnus Ohlin«, krächzte der Mann nun auf deutsch. Er hustete. Blutiger Speichel floß aus seinen Mundwinkeln. »Magnus Ohlin … sag ihm …«

|17|Die Finger erschlafften. Seine Augen flackerten. Der Körper spannte sich, und er ließ seufzend den Atem entweichen.

Anneke stolperte zwei Schritte zurück und fiel auf den Boden. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, brach sie einen dünnen Ast ab und strich damit über das Kinn und die Wange des Mannes, doch der rührte sich nicht mehr.

»Bist wohl nun wirklich gestorben«, sagte sie leise. Anneke schlug rasch ein Kreuz über ihrer Brust, dann rannte sie davon.

|19|Kapitel 2

Annekes hastige Flucht wurde jäh gestoppt, als sie über eine aus dem Boden ragende Baumwurzel stolperte und lang auf die Erde schlug. Stöhnend richtete sie sich auf und stellte mit Entsetzen fest, daß sie bei dem Sturz auf das Gebetbuch gefallen war und dabei die ohnehin schon lädierte Bindung so arg in Mitleidenschaft gezogen hatte, daß rings um sie herum lose Seiten verstreut lagen. Zudem war der Einband nun mit Erde und Dreck verschmiert. Wie, um Himmels willen, sollte sie jetzt Lucia Monsbach unter die Augen treten?

Sie wandte sich um und warf einen bangen Blick in die Richtung, in der sie den Toten zurückgelassen hatte. Die Stelle an ihrem Unterarm, an der dieser Mann sie festgehalten hatte, brannte so heftig, als hätte man sie mit Nesseln bestrichen. Womöglich war der Mann bereits tot gewesen, als er sich aus der Senke erhoben hatte. Ein Wiedergänger, dessen Blick sie verflucht hatte.

Anneke klaubte die Seiten zusammen und legte sie zwischen die Buchdeckel, dann rannte sie weiter. Ihre Füße schmerzten, als sie endlich den Gasthof erreichte, der am Rande der Lengericher Ortschaft direkt an der Straße von Osnabrück nach Münster lag. Die Monsbach-Schenke bestand aus einem Haupthaus und einer großen Stallung. Seybert Monsbach hatte das Fachwerkgebäude vor zehn Jahren errichten lassen. Seitdem war es an vielen Stellen erweitert und umgebaut worden. Da Osnabrück und Münster vor einigen Jahren zu den Schauplätzen eines wichtigen Friedenskongresses bestimmt worden waren, fanden sich |20|in Lengerich immer wieder Reisende aus aller Herren Länder ein, die auf ihrem Weg von einer Kongreßstadt zur anderen oftmals zu einer Rast oder zur Nachtruhe in die Monsbach-Schenke einkehrten. Hier erwartete sie nur wenig Komfort, aber ein kräftig gebrautes Bier, mit dem sich Seybert bis über die Osnabrücker Grenzen hinaus einen guten Ruf erworben hatte.

Seybert hatte Anneke gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, wie gut sich seine Geschäfte seit dem Beginn des Kongresses entwickelt hatten. Anneke indes wußte nur wenig über das Kongreßgeschehen. Sie hatte vor einiger Zeit beiläufig aufgeschnappt, daß die Altgläubigen und die Protestanten größtenteils getrennt voneinander die Gespräche führten und daß die katholischen Fürsten darum mit den Franzosen, Spaniern und den Vertretern der niederländischen Generalstaaten in Münster Quartier bezogen hatten, während die schwedische Delegation mit den evangelischen Reichsständen in Osnabrück untergebracht worden war. Auch in Lengerich, das auf der Mitte des Weges zwischen den beiden Kongreßstädten lag, waren die Gesandten schon des öfteren zu Verhandlungen zusammengetroffen.

Anneke hatte nie recht verstanden, warum sich der Kongreß über Jahre hinzog. Allem Anschein nach waren die Monsbachs aber davon überzeugt, daß die Diplomaten noch eine weitere lange Zeit in Münster und Osnabrück verweilten, denn nachdem Seybert und Lucia im vergangenen Jahr zwei neue Schlafräume zur Beherbergung eingerichtet hatten, planten sie nun bereits eine Erweiterung des engen und stickigen Schankraums.

Anneke lief am Brunnen und am großen Dunghaufen vorbei und blieb dann vor der Stallung abrupt stehen. Sie fluchte leise, denn dieser Tag hielt weiteres Ungemach für sie bereit.

Vor ihr führte der Knecht Wendel die gescheckte Stute |21|Charlotta in den Stall. Also war Lucia Monsbach früher von dem Besuch bei ihrer Schwester heimgekehrt, als Anneke es erwartet hatte. Das beschädigte Buch in ihrer Hand wurde plötzlich schwer wie ein Stein. Annekes Magen verkrampfte sich. Die Monsbach-Wirtin würde es gewiß bemerkt haben, daß ihre Magd sich von der Arbeit entfernt hatte.

Doch noch weit mehr flößte Anneke der Apfelschimmel, der an ein Gatter neben der Stallung angebunden worden war, Furcht ein. Sie ging auf das Pferd zu und streichelte über dessen Mähne. Es gab keinen Zweifel. Dies war das Pferd des Mörders aus dem Wald. Wahrscheinlich hielt er sich nun in der Schankstube auf.

»Wo bist du gewesen?«

Anneke drehte sich um und sah Lene auf sich zulaufen. Die vierzehnjährige Tochter der Monsbachs machte wie so oft ein ängstliches Gesicht. Anneke wußte nur zu gut, wie sehr das Mädchen unter den Launen ihrer Mutter litt.

Lene verschränkte die Arme vor der Brust und wiederholte ihre Frage. »Wo warst du?« Stirnrunzelnd betrachtete sie das verschmutzte Gebetbuch.

Anneke wußte ihr keine Antwort zu geben. Lene brauchte nicht zu erfahren, daß ihr Vater diese Gefälligkeit erlaubt hatte, weil sie sich auf seinen Schoß gesetzt und seine Berührungen ertragen hatte. Sie rang einen Moment nach Worten, dann entgegnete sie nur: »Fort.«

»Fort?« Lene zog die Stirn kraus. »Meine Mutter hat gemerkt, daß du nicht aufzufinden warst.« Sie deutete auf das Buch. »Sie ist wütend, und wenn sie sieht, was du mit ihrem Buch angestellt hast, wird sie dich grün und blau schlagen.«

Die Sorge um eine körperliche Züchtigung kümmerte Anneke im Moment kaum. Sie wandte ihren Kopf zum Stall, wo der Apfelschimmel schnaubte und den Kopf schüttelte.

»Wo ist der Mann, der mit diesem Pferd angekommen |22|ist?« wollte sie von Lene wissen, deren Aufmerksamkeit jedoch noch immer voll und ganz auf das lädierte Buch gerichtet war.

»Hast du es gestohlen? Was findest du nur daran, diese Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen, bis dir die Augen brennen? Mein Vater sagt, wir Frauen würden mit der Zeit erblinden, wenn wir zu oft in die Bücher schauen.«

»Dein Vater ist ein Idiot«, meinte Anneke. Sie faßte Lene an die Schultern. »Und der Mann, dem dieses Pferd gehört, ist ein Mörder. Ich habe gesehen, wie er im Wald einen Mann getötet hat.« Sie flüsterte. »Wo ist der Kerl? Hält er sich im Schankraum auf?«

Lene nickte.

»Ich will ihn sehen.« Anneke wandte sich um und lief auf den Eingang der Schenke zu, doch in diesem Moment tauchte der Schiefnasige unter dem Türbalken auf. Er maß Anneke mit einem mürrischen Blick und drängte sie unsanft zur Seite.

»Geh mir aus dem Weg, du Tölpel«, sagte er. Aus seinem Akzent war herauszuhören, daß das Deutsche nicht seine Muttersprache sein konnte. Er band sein Pferd los und stieg in den Sattel.

Anneke verfolgte jede Bewegung des Mannes und starrte vor allem auf die Ledertasche, die er dem Toten im Wald abgenommen hatte.

»Anneke!« Die keifende Stimme ließ sie zusammenzucken. Wütend trat die Wirtin auf sie zu und zog sie in die Schenke. Lucia Monsbachs Finger bohrten sich schmerzhaft in Annekes Oberarm. Das Gesicht unter der schwarzen Haube ließ Zornesröte erkennen. Wie immer, wenn die Monsbacherin sehr erregt war, blähten sich ihre Nasenlöcher wie die Nüstern eines schnaubenden Pferdes auf, und ihre ohnehin ausgeprägten Wangenknochen schienen noch stärker hervorzutreten.

|23|»Was lungerst du hier vor der Tür herum wie ein lahmer Köter?« schimpfte Lucia. »Kaum bin ich fort, schleichst du dich von der Arbeit davon. Dir werde ich helfen, du faules Stück.«

Auch Seybert Monsbach trat in den Schankraum. Er trug ein kleines Faß vom Speicher, hielt auf der Treppe inne und verfolgte das Gekeife. Erst da wurde Anneke sich darüber bewußt, daß sie noch immer das Gebetbuch in ihren Händen hielt. Wie dumm von ihr! Es wäre besser gewesen, das Buch einfach zu verstecken, doch durch die unerwartete Begegnung mit dem Schiefnasigen hatte sie nicht mehr daran gedacht.

»Und was ist das?« rief die Monsbacherin. Sie griff nach dem verschmutzten und beschädigten Gebetbuch und nahm es an sich. Seybert kam die Treppe hinuntergeeilt. Anneke wagte nicht zu hoffen, daß der Wirt sie in Schutz nehmen würde, denn damit hätte er vor seiner Frau eingestehen müssen, daß er es gebilligt hatte, daß Anneke ihren Pflichten nicht nachkam.

Obwohl sie also keine Hilfe von ihm zu erwarten hatte, traf sein Schlag sie überraschend. Die klatschende Ohrfeige, die er ihr verpaßte, schleuderte sie gegen die Wand.

»Und jetzt rauf mir dir! An die Arbeit!« sagte er scharf, faßte sie grob am Arm und zog sie mit sich die Treppe hinauf in die Braustube. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, beruhigte er sich und beendete das Schauspiel. Er schaute sie vorwurfsvoll an und raunte ihr zu: »Verdammt, du hättest nicht so weit von der Schenke fortlaufen dürfen. Wo hast du nur gesteckt?«

Anneke betastete ihre schmerzende Wange. Sie fühlte sich gedemütigt, doch sie war auch erleichtert, daß Seybert sie hier in die Braustube geschafft hatte – fort von seinem herrischen Weib, das Anneke gewiß mit dem Stock geprügelt hätte, wenn Seybert sie nicht mit sich genommen hätte. |24|Vielleicht, so machte sie sich Mut, würde die Wut der Monsbach-Wirtin in einigen Stunden bereits ein wenig verraucht sein.

Sie trat zu dem kleinen runden Fenster, von wo aus sie auf den Hof schauen konnte, und sah, wie der Schiefnasige auf der Straße davonritt.

»Wer war dieser Mann, dem ich auf dem Hof begegnet bin?« wollte sie wissen. Seybert antwortete nicht sofort, und so fragte sie noch einmal: »Wer war das?«

»Was fragst du mich?« meinte er. »Er hat nur einen Krug Bier getrunken. Ich habe ihn weder nach seinem Namen noch nach seinem Reiseziel oder seinem Familienstand ausgefragt. Nicht jeder ist so neugierig wie du.«

»Er hat im Wald einen Mann getötet.«

Seybert hob nur beifällig die Schultern. »So, hat er das?«

»Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Soll ich Euch zu der Leiche führen? Er hat sie in einer Senke im Wald zurückgelassen.«

»Halt bloß dein Maul«, fuhr Seybert sie an. »Im ganzen Land sterben die Menschen wie die Fliegen. Was schert mich da eine Leiche im Wald? Kein Wort mehr darüber, sonst bleibt es nicht bei der einen Ohrfeige. Soll meine Frau noch weiteren Verdacht schöpfen? Ich weiß doch schon nicht, wie ich es ihr erklären soll, warum du das Buch bei dir getragen hast.«

»Ihr findet gewiß die richtigen Worte«, meinte sie, wohlwissend, daß Seybert ohnehin alle Schuld auf sie schieben würde.

»Wir werden sehen.« Der Schankwirt legte eine Hand auf ihren Hintern, griente und zeigte dabei mehrere faule Zahnstümpfe. Anneke drängte seine Finger fort und machte sich mit einem abfälligen Schnaufen an die Arbeit.

|25|Kapitel 3

Die Finger schnappten nach Annekes Handgelenk und hielten es in einem festen Griff gefangen. Sie wurde nach unten gezogen, ihr Kopf sank zum Waldboden, dorthin, wo das wächserne Gesicht des Toten sich aus dem Laub erhob. Er starrte sie an. Seine Stimme drang an ihr Ohr, obwohl die blassen Lippen geschlossen blieben.

Magnus Ohlin, hallte es in ihrem Kopf.

Magnus Ohlin.

Magnus Ohlin.

Anneke spürte eine Hand an ihrer Schulter und schrak aus dem Schlaf auf.

Nur langsam wurde ihr bewußt, daß der Tote sie einmal mehr in ihren Träumen heimgesucht hatte und daß Lenes Gesicht, das sich über sie beugte, zu der wirklichen Welt gehörte.

Anneke atmete beherzt aus, erleichtert darüber, daß sie sich in ihrer Kammer befand, in der sie sich mit Lene ein Bett teilte. Sie zitterte. Lene beruhigte sie, indem sie ihr über das Haar strich. »Wieder dieser Mann?« fragte die Monsbach-Tochter.

»Der Tote aus dem Wald.« Anneke nickte matt. »Er kommt jede Nacht zu mir. Lene, ich fürchte, er hat mich verflucht.« Sie seufzte. Sieben Tage waren vergangen, seit sie den Mord beobachtet hatte, und seitdem war sie in jeder Nacht von den Alpträumen heimgesucht worden.

»Du hast im Schlaf gesprochen.«

Anneke richtete sich auf. »Wieder diesen Namen?«

»Magnus Ohlin.«

|26|Anneke rieb über ihr Gesicht und stieg aus der Bettstatt. Ein einzelnes Talglicht warf einen schalen Schimmer in die kleine Kammer. Sie schaute zum Fenster. Durch das Butzenglas konnte sie erkennen, daß es draußen noch stockdunkle Nacht war. Aus dem Nebenraum, den am gestrigen Abend drei Schweden bezogen hatten, drang das Geräusch eines dumpfen Hustens zu ihnen.

»Zum Teufel mit diesem Magnus Ohlin«, meinte Anneke. Im nächsten Moment zuckte sie zusammen, als eine Faust gegen die Tür hämmerte. Für einen Augenblick glaubte Anneke, der Tote wäre aus seinem Grab gestiegen und ihr bis zur Schenke gefolgt, doch die herrische Stimme der Monsbacherin erlöste sie von dieser Sorge.

»Raus mit euch, oder wollt ihr schlafen, bis die Sonne am Himmel steht? An die Arbeit! Rasch!«

Lene sprang aus dem Bett und kämmte eilig ihr Haar, während Anneke den Inhalt des Nachtgeschirrs aus dem Fenster schüttete.

»Glaubst du das wirklich?« wollte Lene wissen.

Anneke runzelte die Stirn. »Was?«

»Daß dieser Mann dich mit einem Fluch belegt hat.«

»Er hat mich im Moment seines Todes festgehalten.« Anneke rieb über ihren Unterarm. Bildete sie es sich nur ein, oder spürte sie dort auch jetzt noch ein leichtes Brennen auf der Haut? »Wer weiß, welche Kräfte er gegen mich angewandt hat?«

»Vielleicht war er ein Hexenmeister«, raunte Lene. Sie legte eine Hand vor den Mund und zog ein Gesicht, als wäre sie über diese Erkenntnis erschrocken. Anneke dachte über diese Vermutung nach. Ihr Vater hatte stets behauptet, die Furcht vor Hexen und Zauberern beruhe auf Aberglauben und Einbildung. Doch vor etwa zehn Jahren hatte man in Osnabrück eine umfassende Verschwörung von Zauberinnen aufgedeckt. Mehr als sechzig Frauen waren damals des |27|Verbrechens der Hexerei überführt und hingerichtet worden. Ein Nachbarsbursche hatte ihr damals so schauerliche Dinge über die heidnischen Zusammenkünfte der Teufelsbuhlen erzählt, daß Anneke sich eine Zeitlang vor jedem alten Weib gefürchtet hatte.

Auch wenn diese Ereignisse lange zurücklagen, war es nicht ausgeschlossen, daß der Mann im Wald, der für einen kurzen Augenblick von den Toten zurückgekehrt war, mit dem Teufel im Bunde gestanden hatte.

Der Nachbarsjunge hatte behauptet, daß jeder Diener Luzifers ein Mal an seinem Körper trug, das der Teufel als äußeres Zeichen für die Besiegelung des unseligen Paktes hinterlassen habe. Konnte es möglich sein, daß man in den Bann dieser Dämonen geriet, ohne wissentlich auf die Seite des Bösen zu treten?

Kurzentschlossen drückte Anneke Lene das Talglicht in die Hand und zog ihr Hemd aus. Nun stand sie nackt vor Lene und wies sie an: »Versuche mit dem Licht ein Stigma zu finden.«

Lene führte das Licht so nah an Annekes Haut entlang, daß sie ab und an vor der Flamme zurückzuckte. Nachdem Lene Annekes Bauch und die Schultern abgesucht hatte, stutzte sie und fragte: »Wie sieht denn so ein Stigma überhaupt aus?«

»Was weiß denn ich?« meinte Anneke. »Es könnte ein auffälliger roter Fleck sein. Eine Warze oder eine Narbe, die zuvor nicht da war.«

»Und woher soll ich wissen, welche dieser Warzen und Narben vorher nicht da waren?« murrte Lene. »Oft sehe ich dich nicht so nackt vor mir stehen.«

Anneke hob ihre Brüste an. »Schau vor allem an den Stellen nach, an denen man ein solches Mal nicht sofort erkennen würde. Hier unter meinen Brüsten, unter den Achseln oder zwischen den Hinterbacken.«

|28|Lene verzog angewidert das Gesicht. »Soll ich dort wirklich alles mit dem Talglicht ausleuchten?«

»Nun stell dich nicht so an«, erwiderte Anneke. »Das hier ist wichtig. Und eil dich, sonst überrascht uns noch deine Mutter.«

Lene schwieg und setzte die Suche fort. Nachdem sie Annekes gesamten Körper in Augenschein genommen hatte, reichte sie ihr das Hemd und sagte: »Du hast drei Leberflecken auf dem Rücken, eine kleine Warze am Hals und einen übelriechenden Anus.« Sie drückte mit zwei Fingern ihre Nase zu. »Also nichts Ungewöhnliches für einen Menschen.«

Anneke kleidete sich an und kämmte sich. »Vielleicht war es also doch kein Hexenmeister«, sagte sie. »Aber es ist möglich, daß die Seele dieses Mannes keine Ruhe findet, weil seine Leiche nicht begraben wurde.« Niemand hatte sich um den Toten gekümmert. Seybert Monsbach und auch dessen Frau hatten Anneke verboten, jemandem von dem Mord zu erzählen. Sie wollten nichts mit diesem Vorfall zu schaffen haben, und so hatte Anneke einzig mit Lene darüber gesprochen und fortan einen großen Bogen um den Ort gemacht, an dem der Mann gestorben war. Lucia Monsbach hatte sich ohnehin weitaus mehr darüber aufgeregt, daß Anneke das Gebetbuch an sich genommen hatte. Diese Verfehlung war mit zwanzig Stockhieben auf Annekes Finger abgestraft worden. Die Monsbach-Wirtin hatte so fest zugeschlagen, daß Annekes Hände auch nach fünf Tagen noch schmerzten.

»Ich glaube, er findet keine Ruhe und sucht dich in deinen Träumen heim, weil er dir einen Auftrag erteilt hat, um den du dich aber nicht kümmerst«, vermutete Lene.

»Du meinst, daß ich Magnus Ohlin aufsuchen soll?« Anneke zog die Stirn kraus. Gewiß – der Mann hatte ihr gesagt, sie solle zu diesem Magnus Ohlin gehen, doch er war gestorben, |29|bevor er ihr verraten hatte, wo sie Ohlin finden konnte. Warum also sollte sie sich die Mühe machen, nach dieser Person zu suchen, wo es ihr doch nicht erlaubt war, sich von der Schenke zu entfernen.

»Du mußt ihn finden, Anneke.« Lene zog eine ernste Miene. »Ansonsten wird dich dieser Geist so lange im Schlaf heimsuchen, bis du dem Wahnsinn anheimfällst.«

Anneke schob sie zur Tür. »Laß uns endlich nach unten gehen, sonst wird mich deine Mutter heimsuchen, und ich frage mich, welche Plage schlimmer wäre.«

Sie verließen die Kammer und eilten die Treppe hinab. In der Küche nahmen sie mit den Wirtsleuten und dem Knecht Wendel die Morgensuppe zu sich, dann wurden Anneke und Lene in den Stall zu den Kühen geschickt. Anneke fühlte sich müde und erschlagen. Noch immer schwirrten die düsteren Traumbilder wie in einem wilden Reigen durch ihren Kopf. Sie schloß die Augen, massierte das Euter, legte dann Daumen und Zeigefinger an die Zitzen und ließ die Milch in den Holzeimer strullen.

»Ich habe es satt«, murrte Anneke.

»Was meinst du?« wollte Lene wissen, deren Kopf hinter dem massigen Hinterteil der Kuh verschwand.

Anneke seufzte. »Jeder Tag ist wie der andere. Wir stehen in der Frühe auf, verrichten die Arbeit im Stall, dann helfen wir deinem Vater in der Braustube oder gehen deiner Mutter in der Küche zur Hand. Arbeit, Arbeit, Arbeit, bis der Abend hereinbricht.«

Sie hörte Lene glucksen. »Was erwartest du? Du bist eine Dienstmagd. Und ich bin die Tochter eines Schankwirtes. Wenn Gott uns gewogen ist, werden wir irgendwann einen Mann heiraten, der es gut mit uns meint, und eine eigene Familie haben.«

»Das ist mir nicht genug«, erwiderte Anneke.

»Du bist seltsam.«

|30|Mag sein, überlegte Anneke. Aber was war eigentlich so seltsam daran, mehr vom Leben zu erhoffen als ständige Mühsal und einen Ehemann, den man vielleicht nur deshalb liebgewann, weil er recht selten die Hand gegen einen erhob. Lag es denn nicht in der Natur des Menschen, darauf zu hoffen, ein wahrlich erfülltes Leben zu bestreiten?

Das monotone Plätschern machte sie schläfrig. Ihr Kopf sackte gegen das Hinterteil der Kuh, und hätte sie nicht von draußen die Männerstimmen vernommen, wäre sie wohl eingeschlafen. Sie spitzte die Ohren, ließ die Hände ruhen und hörte den Schweden zu, die sich laut schwatzend am Brunnen aufhielten. In den vergangenen Monaten hatte Anneke es gelernt, die verschiedenen Sprachen der Gäste zu unterscheiden. Da die Friedensverhandlungen in zwei Städten abgehalten wurden, reisten die Gesandten oder deren Boten oft von Münster nach Osnabrück oder in die andere Richtung. Dieser rege Verkehr zwischen den Kongreßstädten brachte es mit sich, daß Spanier, Franzosen, Schweden, Dänen oder Italiener häufig die Monsbach-Schenke aufsuchten und hier nicht selten auch die Nacht verbrachten. Anneke verstand natürlich nicht, worüber diese Fremden miteinander redeten, aber am Klang weniger Worte konnte sie mittlerweile bestimmen, aus welchem Land sie stammten.

Die Kerle dort am Brunnen sprachen schwedisch, und als Anneke ihnen zuhörte, war sie sich plötzlich gewiß, daß auch der Mörder im Wald in dieser Sprache geredet hatte.

»Warum machst du nicht weiter?« fragte Lene. »Was ist mit dir?«

»Nur eine Idee, die mir durch den Kopf geht«, raunte Anneke und wandte sich wieder der Arbeit zu.

In die Tat umsetzen konnte Anneke diese Idee erst, als sie |31|sich nach dem Melken in den Schankraum begab. Wie sie es erwartet hatte, saßen die Schweden mittlerweile an einem der Tische und nahmen vor ihrer Abreise noch eine Morgenmahlzeit ein. Ein Duft nach Möhreneintopf und geräuchertem Speck hing unter der niedrigen Decke. Anneke stieß mit dem Fuß einige Hühner davon, die auf dem Bretterboden nach Brotkrümeln pickten, und trat in die angrenzende Küche.

Der Monsbach-Wirtin lief sie nicht über den Weg. Wahrscheinlich schaute die in der Speisekammer nach dem rechten. Anneke blickte durch die Tür zu den Schweden, die geräuschvoll den Eintopf schlürften. Sie zögerte kurz, dann nahm sie eine Flasche vom Regal, entkorkte diese und ging zum Tisch der Schweden. Die drei Männer hielten in ihrer Mahlzeit inne, kauten aber weiter und musterten sie neugierig.

Ohne ein Wort füllte Anneke ihre Becher mit dem Birnenschnaps, der im Grunde nur zu besonderen Gelegenheiten ausgeschenkt wurde. Die Schweden grienten, hoben die Becher zum Mund und tranken sie in einem Zug leer. Der älteste unter ihnen, ein grauhaariger, spitzbärtiger Kerl, wischte sich die Lippen ab und sagte in einem gut verständlichen Deutsch: »Welch herrliches Gesöff, Mädchen! Warum gibst du uns nicht die ganze Flasche mit auf den Weg? Wir haben einen anstrengenden Ritt vor uns.«

Anneke stellte die Flasche in die Mitte des Tisches. Der Schwede, der dem Grauhaarigen gegenübersaß, wollte danach greifen, doch Anneke schob seine Finger zurück.

»Ich verlange etwas dafür.«

Der Grauhaarige nestelte an seinem Spitzenkragen. »Und was könnte das sein?«

»Eine Auskunft.«

»Du willst uns eine Frage stellen? Nur heraus damit.«

»Ist Euch ein Mann namens Magnus Ohlin bekannt?«

|32|Anneke hatte kaum zu hoffen gewagt, daß die Schweden ihr helfen könnten, doch die Antwort des Grauhaarigen überraschte sie.

»Magnus Ohlin?« meinte er. »Solltest dich vor dem Kerl in acht nehmen. Du bist jung und schön rund an den richtigen Stellen.«

Sie ignorierte es, daß er auf ihre Brüste starrte, und wollte wissen: »Wo hält sich dieser Ohlin auf? In Osnabrück?«

Der Schwede nickte. »Er steht als juristischer Berater in den Diensten der Hauptgesandten Salvius und Oxenstierna. Diese Namen sind dir gewiß bekannt.«

Anneke schüttelte den Kopf.

»Johan Adler Salvius und Graf Johan Oxenstierna vertreten die Interessen des schwedischen Staates bei den Friedensverhandlungen in Osnabrück. Ohlin ist ein naher Verwandter von Salvius, und nur diesem Umstand verdankt er wohl seine Teilnahme an diesem Kongreß. In letzter Zeit soll es aber zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden gekommen sein, und es heißt, Ohlin lecke nun Oxenstierna den Arsch, damit dieser seine schützende Hand über ihn hält.«

Anneke wurde von einem Klappern abgelenkt. Die Monsbacherin kehrte zurück. Es wurde Zeit, das Gespräch zu beenden.

»Und wo kann ich diesen Magnus Ohlin nun finden?« drängte Anneke.

Der Schwede runzelte die Stirn. »Wenn ich mich nicht irre, hat Ohlin ein Haus in der Lohstraße in Osnabrück bezogen. Du willst ihn aufsuchen? Dann laß dir nicht den Kopf von ihm verdrehen. Der Taugenichts hat schon nach vielen hübschen Mädchen die Finger ausgestreckt. Man sagt, daß er sogar die Königin von Schweden mit seinen Schmeicheleien um den Finger gewickelt hat.«

Nun meldete sich auch dessen Nebenmann zu Wort. |33|»Die einzige Frau, die er nicht anrührt, ist angeblich sein Eheweib.«

Die Männer lachten auf. Anneke drückte dem Grauhaarigen rasch die Flasche in die Hand und bedeutete ihm, sie unter dem Tisch verschwinden zu lassen, denn sie hatte Schritte in der Tür vernommen. Im nächsten Moment zerrte Lucia Monsbach sie auch schon rüde vom Tisch fort.

»Was palaverst du hier mit den Gästen herum?« zischte die Wirtin und schickte Anneke hinaus. »Mach, daß du in die Braustube kommst!«

Die Zurechtweisung durch die Wirtin schien die Männer zu amüsieren, denn Anneke konnte noch auf der Treppe das Gelächter der Kerle hören. Sie kümmerte sich nicht weiter darum und stieg in die Braustube, die sich über der Küche befand. Hier gab es einen großen Raum, in dem die Braukessel standen und auch mehrere Bottiche, in denen das Korn geweicht wurde. Neben den Gefäßen hockte Lene und schrubbte mit einer Bürste die Wannen und Zuber sauber, während Seybert sich am anderen Ende des Raumes darangemacht hatte, einen Sack Malz zu schroten.

Anneke erschnupperte den würzigen Geruch der Grut, einer Kräutermischung, die für den Geschmack des Bieres sorgte und nach Wacholder, Schlehen, Schafgarbe und Rosmarin duftete. Seybert Monsbach war dafür bekannt, ein besonders kräftiges Bier zu brauen. Er stellte weitaus mehr davon her, als er in seiner Taverne ausschenken konnte, und verkaufte aus diesem Grund einige Fässer auf dem Osnabrücker Markt. Obwohl in Osnabrück, anders als in vielen norddeutschen Städten, das Brauen als freies Gewerbe galt und Dutzende Bürger in den heimischen Stuben ihr eigenes Bier herstellten, fand Seyberts schmackhaftes Gebräu auf dem Markt dennoch einen reißenden Absatz.

»Da bist du ja endlich«, sagte Seybert, als er sich zu |34|Anneke umdrehte. »Geh Lene zur Hand! Ich werde die Zuber bald brauchen.«

»Was hat dich aufgehalten?« flüsterte Lene, nachdem Anneke sich neben sie gehockt hatte.

»Ich weiß, wer dieser Magnus Ohlin ist«, raunte Anneke im Tonfall eines Verschwörers. »Er lebt in Osnabrück und steht in den Diensten eines Mannes namens Ochsenstern.«

»Ochsenstern?«

»So oder ähnlich.« Anneke machte sich daran, eine besonders hartnäckige Maischekruste von einem der Zuber abzuschrubben.

Lene hielt inne. »Ich sehe es deinem Gesicht an, daß du dir wieder irgendeinen unsinnigen Plan überlegt hast.«

»Ich will mit ihm sprechen«, flüsterte Anneke.

»Mit diesem Ochsenstern?«

»Nein, du Dummkopf. Mit Magnus Ohlin. Wahrscheinlich hast du recht, Lene. Der Tote wird mich verfolgen, bis ich diesen Ohlin aufgesucht und ihm von dem Mord berichtet habe.«

Lene schaute skeptisch drein. »Schön und gut, aber wie, um Himmels willen, willst du nach Osnabrück kommen? Zu Fuß würdest du einen ganzen Tag unterwegs sein, und meine Eltern lassen dich ohnehin nicht gehen.«

»Das stimmt.« Anneke schaute zu Seybert. Ihr war nicht verborgen geblieben, daß er sie die ganze Zeit über beobachtete, und es fiel ihr nicht schwer, seine Gedanken zu erraten. »Aber bald ist Markttag, und dein Vater wird sein Bier in die Stadt schaffen. Vielleicht kann er eine helfende Hand gebrauchen«, sagte sie so leise, daß Seybert es nicht hören konnte, und zwinkerte ihm kokett zu.

|35|Kapitel 4

Der einsetzende Nieselregen machte die holprige Fahrt nach Osnabrück zu einer Strapaze. Anneke zog die Leinendecke enger um die Schultern und betrachtete die langsam hinter dem Regenschleier hervortretende Silhouette der Stadt.

Seybert Monsbach, der die Zügel des Wagens führte, trieb die beiden Ochsen mit der Gerte schneller voran. Seitdem es regnete schimpfte er über die widrige Witterung, doch die Nässe hatte ihn nicht davon abgehalten, auf der Hälfte der Strecke von Anneke die versprochene Gefälligkeit einzufordern.

Der Preis dafür, daß sie ihn zum Markttag nach Osnabrück begleiten durfte, war hoch gewesen. Widerwillig hatte sie ihm einen Kuß zugestanden, und als er sie an sich gezogen und seine Zunge in ihren Mund gedrängt hatte, waren ihr plötzlich Zweifel gekommen, ob es dieser Magnus Ohlin wirklich wert war, daß sie eine solche Bürde auf sich nahm. Wäre sie sich bewußt gewesen, welch Ekel sie in diesem Moment überkam, hätte sie wohl darauf verzichtet, Seybert diesen Kuhhandel anzubieten. Aus seinem Maul hatte es scharf nach Zwiebeln gerochen. Er hatte erregt gekeucht, während seine Zunge wie ein Fisch in ihrem Mund zuckte. Ihr war übel geworden, doch sie hatte ihn gewähren lassen. Erst als sich seine Finger zwischen ihre Beine gedrängt hatten, hatte sie ihn von sich gedrückt. Der lüsterne Ausdruck in seinen Augen hatte sie erschreckt, und einen bangen Augenblick lang befürchtete sie, daß sie den Bogen überspannt hatte und er nun wie ein Tier über sie herfallen |36|würde. Doch schließlich hatte Seybert von ihr abgelassen und die Fahrt wieder aufgenommen.

Während der Wagen auf die dem Stadttor vorgelagerte Bastion zurumpelte, schaute Anneke gebannt auf den hohen Steinwall, der die Stadt umgab. Hinter den Mauern lugten die Dächer der Bürgerhäuser und der Stadtkirchen hervor. Es waren fast zehn Jahre vergangen, seit sie Osnabrück verlassen hatte, und in all dieser Zeit war sie nicht ein einziges Mal zurückgekehrt. Schon jetzt, bevor sie das Stadttor hinter sich gebracht hatte, machte ihr die Erinnerung an den Vater das Herz schwer.

Der Wagen polterte heftig durch ein Schlagloch und schüttelte sie durch. Anneke fragte sich, warum niemand auf die Idee gekommen war, die Unebenheiten der Zufahrtswege mit Steinen oder Erde auszubessern. Immerhin wurde doch ein so wichtiger Kongreß in der Stadt abgehalten, und sie überlegte, ob wohl auch die edlen Herren mit schmerzendem Rücken und wundem Hinterteil in Osnabrück angekommen waren.

Sie erreichten die Heger Pforte. Seybert grüßte den Torwächter und hielt an, um den Warenzoll zu entrichten. Anneke betrachtete die engen Gassen. Zwar boten die hochragenden Hausgiebel einen gewissen Schutz vor der Nässe, doch nach der langen Zeit, die sie in einem Dorf gelebt hatte, kam es ihr so vor, als wollten die Wände sie schier erdrücken. Auch der Dunst der zahlreichen Misthaufen und der Gestank des Kotes, den die streunenden Hunde und Schweine hinterließen, schienen zwischen den Häusern kaum entweichen zu können und stiegen ihr säuerlich und schwer in die Nase.

Anneke wunderte sich darüber, daß ihr nur wenige Menschen auf der Straße entgegenkamen. Sie hatte erwartet, daß eine Stadt, die Schauplatz eines solchen Kongresses war, nach den ...

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