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Die Fänger des Himmels

Über das Buch

Für Fantasy-Leser: Alissa ist die Tochter eines Wissen­schaftlers und lebt in der Stadt Metronas, im Zentrum der Nigrana – auch Schwarzes Land genannt. Der blinde, obdachlose Tiras ist ihr Freund. Als Alissas Vater entführt wird, machen sie sich auf die Suche. Während sie durch die Geheimnisse der Nigrana reisen, müssen sie sich gegen den Schwarzen Lord wehren, der mit »Memoporting« Macht über das Bewusstsein der Menschen erlangen und ganz Nigrana versklaven will …

Über den Autor

Thomas Krüger, geboren 1962 in Ostwestfalen, war Jour-nalist für Tageszeitungen und Magazine; heute ist er Au-tor und Verleger von Hörbüchern undKinderbüchern, auch be-kannt unter dem Pseudonym »Pinkus Tulim«. Er lebt mit seiner Familie in Bergisch Gladbach. »Die Fänger des Himmels«,sein erster Fantasyroman,hatihneinige Jahre beschäftigt; hier bringt erseinganzes erzählerisches Können für junge Leser und Erwachsene zur Geltung.

BASTEI ENTERTAINMENT

In meinem Hirn geht, als wär es ihre Wohnung, eine schöne Katze spazieren, kraftvoll, sanft und reizend. Wenn sie miaut, hört man es kaum, so zärtlich und verstohlen ist der Klang; ob aber ihre Stimme sich sänftigt oder grollt, stets tönt sie reich und tief. Das ist ihr Zauber und ihr Geheimnis.

Charles Baudelaire

Es waren oft nur Worte, die uns verbanden in den Zeiten der Flucht. Niemand hatte sie aufgeschrieben. Sie hätten uns verraten können.

Baba Faah

Ich habe überlebt. Ich, Alissa. Die Kämpferin. Aber wer bin ich? Was ist geblieben von mir? Und was wird werden?

Worte sind so schwer – und so leicht. Sie fließen dahin und sie stehen doch fest. Ich wollte dir dies schreiben, Tiras. Ich wollte, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe, denn die Tage sind oft so dunkel. In allem, was zerbrochen ist, sind wir geblieben, haben uns gefunden – auf diesem langen Weg.

Manchmal scheint mir, dass die Welt um uns herum zerfallen ist, weil sie uns … Wie soll ich es sagen? Weil sie uns freigeben wollte – uns aus sich herauslassen, freilassen. Dich und mich.

Tiras und Alissa. Alissa und Tiras.

Aber wäre das nicht schrecklich?

Erinnerst du dich noch an den Abend, als alles begann? Dein Lager unter der Brücke? Wir kannten uns schon so lange, und wir wussten nichts – nichts voneinander und nichts von der Stadt, der Nigrana, der Geschichte der Berber, der kommenden Katastrophe. Alles erschien uns so friedlich. Doch der Krieg hatte längst begonnen. Wir waren noch wie Kinder, damals – vor wenigen Wochen. Ich jedenfalls war ein Kind, die Tochter eines Wissenschaftlers, der das Dunkel am Himmel erkannt hatte, ohne es mir zu zeigen, geschweige denn zu erklären. Und du warst ein Freund – und ein Fremder.

Dann mussten wir kämpfen. Du und ich.

Ist der Kampf nun vorüber?

Werden wir es schaffen, die Welt – unsere Welt – aus den Trümmern neu zu errichten? Manchmal erwarte ich eine Antwort von dir, der du nie Antworten geben wolltest. Und manchmal wüte ich gegen das Dunkel um eine Antwort, schreie meine Wut hinaus in das Dunkel, das diejenigen hinterlassen haben, die gestorben sind.

Ich weiß, dass auch du auf Antworten wartest. Auf meine Antworten. Auf die des Dunkels. Und ich hoffe, dass wir zusammen eines Tages eine Stimme hören, die sprechen wird über das, was geschehen ist.

Tiras, ich wollte dir mit diesem Brief so vieles sagen – dir und auch mir. Doch jetzt, während ich schreibe, weiß ich, dass du diese Zeilen nie lesen darfst. Ich werde sie bei mir tragen. So wie ich dich in meinem Herzen trage, Tiras. Für immer …

Es sind Worte, die mir helfen, die kommenden Zeiten zu verstehen. Worte, die mir ein Spiegel sein werden, in dem ich mich wieder und wieder betrachten muss.

Woher komme ich?

Wer werde ich sein?

Wer werden wir sein?

Alissa

JENSEITS DER LICHTER

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Sie saßen gespannt da und warteten. Noch ein oder zwei Minuten, dann würden sie es sehen. Es war jeden Abend dasselbe Schauspiel. Und doch war es jedes Mal wieder verstörend und berauschend, unglaublich und beängstigend: ein Wunder.

Alissa betrachtete den Himmel. Es war der Abend des 4. September im 21. Jahr der Statthalterschaft Zanja Patrias’. Die Sonne verschwand am Horizont. Tief im Westen, am Fuß der Schwarzen Berge, sank sie wie eine riesige, flirrende rote Scheibe in die Ebene der Tenebersümpfe. Das Blau des Himmels nahm ein eigentümliches Glühen an.

»Alles leuchtet«, sagte Alissa. Tiras nickte.

Sein Gesicht war regungslos. Er hatte die Augen geschlossen, konnte das Glühen spüren. Bilder stiegen in ihm auf. Die Bilder hatten sich verändert in den vergangenen Wochen. Immer waren sie verstörend gewesen. Jetzt wurden sie beklemmend, ja bedrohlich.

Alissa fühlte eine merkwürdige Spannung. Sie horchte und lauschte der Stadt, den immergleichen Geräuschen von Metronas zu dieser Stunde.

Die schwere, dunkle Zeltplane in ihrem Rücken schien die Wärme des Tages wieder abzugeben. Die Träger der stählernen Brückenkonstruktion über ihnen summten vom Strom der Waggons, die Richtung Mahnfeld rollten.

Das Zelt am Fuß des Brückenpfeilers zwischen dem Flusslauf des Teneber und dem Kanal nach Bagun öffnete sich wie eine Muschel zur Stadt hin. Tiras hatte sich hier eingerichtet in seinem Nomadenleben. Eine Matte zum Schlafen. Ein paar Decken, Kleider. Eine Holzkiste als Tisch. Eine geschwärzte Feuerstelle vor den dunkelroten Ziegeln des Pfeilersockels. Er hätte seine Habseligkeiten in wenigen Minuten zusammensuchen, in ein Bündel schnüren, über die Schulter werfen und zu einem anderen Ort hin mitnehmen können. Aber das Zelt auf der Anhöhe des Brückendamms hatte ihm immer das Gefühl gegeben, die Stadt in sicherer Distanz zu wissen, ihre Bewegungen und Regungen vorausahnen zu können. Diese Sicherheit wollte er nicht aufgeben.

Alissa erhob sich und trat neben den Pfeiler. Hinter ihnen, im Nordwesten, wo der Fluss aus der Stadt strich und vor den Schwarzen Bergen ins Sumpfland abbog, flackerte das ferne Felsmassiv, als würden die Erze des Gebirgsrückens durchs Gestein schimmern. Aber diese Erscheinungen gehörten nur zum üblichen Lichtspiel des Abends.

Es steuerte auf den Höhepunkt zu – und nun war es so weit.

»Jetzt«, sagte Alissa.

Tiras hatte die Augen noch immer geschlossen. Er lauschte. Er betrachtete seine eigenen Bilder. Seine Gesichtszüge verhärteten sich. Der Schmerz nahm zu.

Das fein verteilte Glühen am Himmel zog sich in einer atemberaubenden Bewegung zusammen. Es verdichtete sich zu schmalen, deutlich konturierten Bahnen, orangeroten Wülsten, Schlangen, die in miteinander verwobenen Spiralen wie ein Netz über der Stadt hingen.

»Die Botenstromschneisen«, sagte Alissa und starrte gebannt nach oben. Das Schauspiel dauerte nur wenige Minuten. Es begann, kurz nachdem die Sonne endgültig unter den Horizont getaucht war. Dann lösten sich die Schneisen auch schon wieder auf. Sie zerfielen wie ein Netz flüchtiger Kondensstreifen. Die Botenstromschneisen waren glühende Himmelsgebilde, mit denen das Kontinuum in der Morgen- und Abenddämmerung seine Existenz verriet. Tag für Tag.

An diesem Abend schien das Glühen intensiver als sonst. Irgendwo über der Nigrana grollte der Himmel wie in einem fernen Gewitter. Ein merkwürdiges, heulendes Grollen, das Alissa nie zuvor gehört hatte. Minutenlang hielt es an, und sie hatte plötzlich das beklemmende Gefühl, es würde nie wieder enden.

Tiras rührte sich nicht. Ein Flimmern lief über seine Augenlider.

»Was siehst du?«, fragte Alissa nach einer Weile. Er saß noch immer da wie ein Mönch in angespannter Meditation.

»Die … die schwarze Burg«, sagte er. Seine Stirn glänzte. Seine Hände zitterten. »Die schwarze Burg über der Stadt. Sie ist viel größer als die Zitadelle und so düster … so unglaublich düster. Wie der Schatten eines Ungeheuers über der Ebene. Das habe ich noch nie gesehen. Der Schatten fällt auf die Häuser. Und das schwarze Heer …«

Sein Mund zuckte. Er saß starr wie in tiefer Trance. Alissa wurde nervös:

»Aber das Innere der Burg, was kannst du erkennen? Hat es sich verändert?«

»Das Bild, es … es schmerzt. Der Schwarze Lord. Er steht nur da und er blickt … in mich hinein. In der Mitte eines großen, hohen Raums. Ich sehe einen schwarzen Tisch. Mehrere Gestalten stehen um den Tisch herum. Sie tragen dunkle Uniformen … Vielleicht sind es Generäle. Ich kann es nicht erkennen. Sie haben keine Gesichter. An den Türen des Raums stehen Wachsoldaten … mit Hellebarden und Helmen. Die Visiere sind heruntergeklappt. Die Körper der Soldaten sind irgendwie … verschwommen.«

Tiras atmete schwer. Die Starre, die ihn befallen hatte, ließ nur langsam nach. Die Bilder, die er seit Monaten sah, meist zum abendlichen Aufglühen der Botenstromschneisen, waren intensiver als je zuvor. In den vergangenen Wochen war manches Detail hinzugekommen und manches hatte sich verändert. An diesem Abend hatte sich vieles verändert. Nie hatte er die Bilder so nah erlebt. Nie hatte er dem Schwarzen Lord so direkt gegenübergestanden, seinen Blick so sehr gespürt. Alissa betrachtete Tiras, wie er versunken dasaß, den Blick in die Ferne gerichtet, wo die Dunkelheit begonnen hatte, die Ebene von Porta Cresta zu verhüllen.

Ein Brummen war zu hören. Ein Geräusch, das sich aus den Geräuschen von Metronas löste und anschwoll. Alissa wandte den Kopf und sah jenseits des Hafens von Mahnfeld ein riesiges Wasserflugzeug herannahen. Es war der weiße Leib einer sehr alten, ehrwürdigen Propellermaschine. Ein Hochdecker wie aus einem Museum.

Das Flugzeug verlor langsam an Höhe und drehte schwerfällig nach Osten. Es kam von den Tenebersümpfen her und steuerte im Sinkflug nun scheinbar direkt auf Tiras und Alissa zu.

Es dauerte nur eine knappe Minute, dann rauschte die Maschine mit blinkenden Flügelspitzen über sie hinweg: im dröhnenden Bass ihrer Motoren. Im Osten, wo im Stadtteil Porta Cresta mehr und mehr Lichter aufflammten, hoben sich wie leuchtende Edelsteine zwei eng beieinanderliegende glitzernde Punkte aus dem Dämmer: der Palast von Natragur und die Implement-Klinik der Stadt.

Das Flugzeug sank beim Landeanflug auf den See von Porta Cresta genau auf diese Punkte zu. Das Gewässer war nur noch eine fahle Zunge hinter den Häusern der äußeren Stadt. Vom Brückendamm aus wirkte der See auch an Sommerabenden bleich und verwunschen.

Die Landung des Wasserflugzeugs gehörte zu den abendlichen Ritualen von Metronas. »Die Weiße Taube«, eine für Rundflüge restaurierte und modernisierte Maschine der Firma Posisco, zog ihre Schleifen über der Nigrana und kehrte zurück. Vermutlich waren Geschäftsfreunde Skanda Borlunds an Bord – des Mannes, dem Posisco gehörte. Vermutlich hatte er täglich zahlreiche Gäste, denn Posisco war wichtig für Metronas. Und vermutlich hatten diese Gäste das Schauspiel der aufglühenden Botenstromschneisen aus nächster Nähe betrachtet. Nun würden sie den Abend im Palast von Natragur verbringen, von ihren Eindrücken schwärmen und Geschäfte abschließen.

Alissa sah dem Flugzeug gedankenverloren nach, beobachtete, wie der düster-weiße Leib jenseits von Porta Cresta auf den See niederging, bis er nur noch ein blinkender Punkt war in der verschwommenen Ferne.

Tiras hatte sich dem Flugzeug nicht ein einziges Mal zugewandt. Der Schmerz hatte nachgelassen. Jetzt kreisten seine Gedanken um Alissa.

»Wirst du dich anmelden?«, fragte er. »Du bist schon sechzehn. Die meisten melden sich an, sobald sie fünfzehn sind. Das neue Gesetz erlaubt es ja nun sogar schon früher.«

Alissa antwortete nicht. Und er fragte nicht nach. Sie wusste, wie empfindlich er bei diesem Thema reagieren konnte. Sie drehte sich zu ihm, jedoch ohne ihn anzusehen. Ihr Blick schweifte wieder in die Ferne, nach Westen. Unterhalb des Hafens erhob sich die Zitadelleninsel wie der schimmernde, gebäudebewachsene Rücken eines uralten, gigantischen Wals.

Alissa fiel wieder auf, wie alt die Stadt war. Sie betrachtete das Cabanisviertel, das stolze Viertel der Erzhändler und Kaufleute. Dahinter erstreckte sich der Ferrobotanische Garten. Die grotesken Gestalten alter Fördertürme, Hochöfen und Kokereigebäude waren mit Bäumen und Büschen zu einem düster-diffusen Grün verschmolzen.

Unweit des Gartens erhob sich ein schwaches orangefarbenes Leuchten. Es verharrte dort wie eine Halbkugel oder ein durchsichtiger Dom, eine Aureole. Aus der Entfernung wirkte diese Halbkugel nicht größer als eine aufgesetzte Seifenblase, um die sich die winzigen Patrizierhäuser mit ihren geschmückten Fassaden gruppierten.

Fünf weitere dieser Aureolen zählte Alissa. Schmarotzer, die sich an der alten Substanz von Metronas festgesaugt hatten. So hatte ihr Vater es einmal beschrieben.

Tiras lauschte, prüfte, ob er aus den Geräuschen der Stadt Musik heraushören konnte.

»Wo findet es statt?«, fragte er. »Lass mich raten. Im Ferrobotanischen Garten?«

»Erstaunlich«, sagte Alissa. »Es ist tatsächlich nicht weit von der Hauptwache. Noch auf dem Gelände des Gartens, wenn ich das richtig sehe. Gehört wohl neuerdings dazu. Zum Kontinuum meine ich. Auch am Teneberpark leuchtet es. Die anderen Orte, Moment … Irgendwo bei Murna oder San Mintra. Ist zu weit weg. Und natürlich gleich drei Mal in Porta Cresta. Wie immer. Ich glaube, die Shows haben grad begonnen.«

»Und? Willst du sie sehen? Willst du … dabei sein?«

»Kein Bedarf«, sagte sie lachend. »In der letzten Woche war ich plötzlich mittendrin, als einer von diesen Memoporter-Showstars, Drago Bliss, in der Schule auftauchte. Kurz vor Ferienanfang. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, weil die Schulen doch außerhalb des Kontinuums liegen. Vermutlich haben sie das mit dem neuen Gesetz auch gleich geändert. Oder es hat mit der Verhüllung zu tun. Eine Werbeshow, eine von vielen. Jedenfalls kam er auf mich zu und tanzte und sprach mich an und redete und redete. Dauerte ziemlich lange, bis er merkte, dass ich seinen Charme nervtötend fand. Als ich verschwunden war, hat er, glaube ich, immer noch versucht, uns die Vorzüge des neuesten Implements zu verkaufen. Na ja, die anderen haben ihm ja zugehört. Und dann erschien auch noch seine zweite Hälfte, Dragona, das blonde Lächeln ohne Kopf.«

Nun stand sie wieder im Raum: die Frage nach dem Implement.

»Du wirst es also nicht machen?«

Tiras’ Stimme verriet, wie nervös er war. »Du meldest dich nicht an?«

Alissa verzog den Mund und zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß nicht. Ich hab ein dummes Gefühl. Und Bendar ist auch dagegen. Es ist immerhin eine Operation … Aber ich würde schon gern mal ausprobieren, wie es ist, wenn man ein Implement trägt. Die neuen sollen ja richtig gut sein …«

»Vielleicht bist du nicht mehr dieselbe danach«, sagte Tiras schnell. »Vielleicht verändert es dich, und du kannst es nicht kontrollieren.«

Der Gefühlsausbruch war ihm sofort peinlich. Sein leerer Blick ging an Alissa vorbei, doch die Regungen in seinem Gesicht verrieten eine tiefe Verunsicherung.

»Das ist doch Quatsch«, meinte Alissa genervt. Sie hatte befürchtet, dass diese Diskussion wieder aufflammen würde. »Du weißt doch selbst, dass es alle machen. So schlimm kann es dann ja wohl nicht sein, oder?«

Tiras schwieg. Alissa wartete herausfordernd auf seine Antwort. Natürlich, jetzt schwieg er. Lieber schwieg er, weil er sie damit besser unter Druck setzen konnte. Je näher das Fest rückte, desto schwieriger und häufiger wurden die Auseinandersetzungen mit Tiras. Und wenn sie ihn auf seine Launen ansprach, zog er sich zurück.

Sie starrten aneinander vorbei wie ein Paar, das sich gestritten hatte und nun überlegte, wie es am besten über den Vorfall hinweggehen konnte. So, als hätte es den Streit nie gegeben. Alissas Herz schlug schnell. Ihre Gedanken gingen durcheinander. Ja, alle machten es, dachte sie. Alle. Bloß weil Tiras die fixe Idee hatte, dass er selbst nie ein Verhüller sein und ein Implement tragen konnte, sperrte er sich dagegen. Längst hatte Alissa den Ruf eines Sonderlings, weil sie …

Sie stoppte den Gedanken und holte tief Luft. Es war unfair. Sie wusste, dass es unfair war. Tiras musste vermutlich so reagieren. Solange Alissa ihn kannte, hatte er den Kontakt zu den Menschen der Stadt gescheut. Und Bendar? Na ja. Wer wusste mehr über memotechnische Dinge als ihr Vater? Er hätte einer der reichsten Unternehmer der Stadt werden können mit seinen Kenntnissen über Memoportale, Kenton-Relaisstationen und Transpersonalisations-Implemente und wie diese komplizierten Dinge hießen. Aber seine Vorsicht, seine Skepsis, seine Zögerlichkeit hatten immer wieder über seinen Fortschrittsdrang gesiegt. Wahrscheinlich war das Haus ihres Vaters der einzige Ort innerhalb von Metronas, an dem ein Memoportal niemals Empfang haben würde. Auch nicht, wenn die ganze Stadt in ein Durando-Kontinuum verwandelt war – und das konnte ja nicht mehr lange dauern.

Zugleich waren ihr Vater, der preisgekrönte Wissenschaftler Bendar Kamladis, seine Assistentin Stella van Vesperen und sein Geschäftspartner Lando Dandihla die gefragtesten Experten der Stadt, wenn es um das Durando-Kontinuum und die Botenstromschneisen ging. Selbst die Wissenschaftler, die für Posisco arbeiteten, hatten keinen solchen Ruf wie Bendar. Und Posisco war immerhin für das Netz der Memoportale von Metronas verantwortlich. Posisco war ein Konzern. Ein gigantischer, mächtiger Konzern. Posisco war die Zukunft von Metronas und der Nigrana, so hieß es. Posisco war beinahe mächtiger als die Zitadelle, der Sitz des Großen Rates unter dem Statthalter Zanja Patrias.

Alissa dachte nicht zum ersten Mal über diese Dinge nach. Und nicht zum ersten Mal überkam sie Frustration, fühlte sie sich in einer Sackgasse.

Selbst wenn sie auf Tiras und seine Eifersüchteleien keine Rücksicht nehmen wollte: Bendars Skepsis gegenüber Implementen und Memoporting verunsicherte sie. Sie geriet immer wieder in Konflikt mit ihrem Wunsch nach neuen, abenteuerlichen Erfahrungen. Dieser Wunsch vernebelte jeden Ansatz eines klaren Gedankens. Und es ärgerte sie umso mehr, wenn auch die Argumente ihres Vaters im Nebel blieben – wie bei den Implementen, die er ablehnte, ohne es wirklich zu begründen. Manchmal fragte sie sich, ob er anders reagieren würde, wenn ihre Mutter noch lebte.

Alissa hatte ihre Mutter nicht kennengelernt. Sie war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Der Tod seiner Frau hatte Bendar zu einem besonders vorsichtigen Menschen gemacht – insbesondere, wenn es um Alissa ging. Ihre Mutter war krank gewesen. Unheilbar krank. Bendar hatte ihr nicht helfen können. Er gab sich die Schuld an ihrem Tod. Bendar war Wissenschaftler. Die Wissenschaft hatte versagt und also auch er. Bendar war kein Arzt, doch der Tod seiner Frau ließ dieses Argument nicht gelten.

Er wird es sich nie verzeihen, dachte Alissa.

War es ein schlechtes Gewissen gegenüber Bendar, das sie zögern ließ?

Sie kam nicht weiter. Sie wurde den Verdacht nicht los, etwas Einzigartiges zu versäumen. »Du kannst es dir nicht vorstellen«, hatten sie gesagt. »Du musst es erleben! Du fühlst dich, als hätte die ganze Welt in dir Platz! Es ist wie eine Explosion deiner Gedanken, deiner Gefühle. Wahnsinn!«

Seit Monaten schon redeten sie auf sie ein. In der Schule. Vor allem in der Schule – und allen voran ihre Freundin Daila: »Was ist bloß los mit dir, Alissa? Weshalb zierst du dich so?« Immer wieder diese Fragen. Dann kam der Streit mit Daila. Und jetzt schienen Daila und die anderen Alissa aufgegeben zu haben. Den Sonderling Alissa, der mit diesem Typen rumhängt … War Daila überhaupt noch ihre Freundin?

Zum Glück hatten die Ferien begonnen. Spät im Jahr diesmal. Wegen der Verhüllung …

»Träumst du?«

Tiras war unsicher geworden, weil Alissa so lange schwieg. Aber die Formulierung »Träumst du?« traf bei ihr genau den richtigen – das heißt den falschen – Nerv.

»Träumen? Ich dachte, das sei deine Abteilung!«, giftete sie, und Tiras zuckte zusammen. Er wusste genau, was in ihr vorging. Er konnte ihre Gedanken jetzt beinahe sehen.

»Entschuldigung«, sagte er. »Ich mache mir einfach Sorgen.«

»Du bist nicht mein Vater!«

»Nein.«

»Ich weiß, was ich tue. Ich erlaube mir nur, ein wenig länger über manche Dinge nachzudenken, okay?«

»Okay.«

Alissa öffnete den Mund. Sie wollte noch eine giftige Bemerkung hinterherschleudern. Aber dann verrauchte ihre Wut. Sie betrachtete Tiras, seine langen, wirren blonden Haare, die in ungeordneten Strähnen um sein schmales Gesicht fielen. Dieses Gesicht, das so wunderbar verträumt aussehen konnte. Tiras war immer irgendwo anders. Und immer hatte Alissa das Gefühl, ihn zurückholen zu müssen.

Tiras, von dem sie so wenig – und doch so viel – wusste.

Tiras, der eines Tages einfach in ihr Leben getreten war – als der Graf Bendar besuchte und Tiras ihn begleitete.

Also hatte sie ihn irgendwie ihrem Vater zu verdanken …

Alissa lächelte.

Nach einer Weile meinte sie:

»Was hältst du davon, wenn wir uns morgen die Columbastatue ansehen?«

»Die Verhüllung?« Tiras wirkte augenblicklich alarmiert, er wollte diesmal aber vorsichtiger sein. »Kannst du von hier aus was erkennen?«

Die Dämmerung war mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Schwarzen Berge mit dem Himmel im Hintergrund verschmolzen. Alissa blickte angestrengt nach Norden, wo sich auf der Columbahöhe der schwache Umriss eines Turms abzeichnete. Doch es war kein Turm. Dort oben stand der Freiheitskoloss, wie das Monument in Metronas genannt wurde: eine hundert Meter hohe Statue, deren hundertster Geburtstag zusammen mit dem zehnten Jahrestag der Inbetriebnahme des Durando-Kontinuums gefeiert werden sollte. Die Memoporting-Technologie hatte der Stadt unglaubliche Impulse gegeben. Vor wenigen Jahrzehnten waren Porta Cresta und Santo Belo noch reine Badeorte gewesen am Rande von Metronas. Dann war Posisco immens gewachsen. Die Stadt war gewachsen. Die Zukunft sah glänzend aus.

»Es ist zu dunkel«, sagte Alissa. »Lass uns morgen nachsehen, was sie da oben so treiben.«

Tiras seufzte. »Der Graf meint, es gibt schon Tausende freiwillige Helfer«, sagte er zögernd.

»Kann schon sein.«

Der Graf war Tiras’ Vater. Alissa hatte sich längst daran gewöhnt, dass Tiras ihn immer der Graf nannte anstatt Vater. Es war Ausdruck seines schier unbändigen Drangs zur Selbstständigkeit.

Alissa bewunderte ihn insgeheim für diesen Drang, aber in den Augen ihrer Freunde war Tiras ein Sonderling.

Sie überlegte, wie es nach den Ferien weitergehen würde – mit Daila und den anderen. Sie musste an die Uniformierten denken, die seit Wochen in Metronas umherstreiften: Menschen im Königsblau der Verhüller. Tausende, die im Bewusstsein ihrer Aufgabe durch die Straßen zogen. Sie hatten geholfen, ein gigantisches Gerüst um die Statue hochzuziehen. Dann war die Statue mit silberweißen Stoffbahnen verhängt worden und wurde nun renoviert. Am 15. September, dem Jahrestag ihrer Einweihung, würde man den Freiheitskoloss zur Mittagsstunde der Öffentlichkeit präsentieren. Dann würde er in neuem Glanz über Metronas erstrahlen, und niemand wusste bisher, welche Einfälle den Planern von Posisco gekommen waren, um die ehrwürdige Statue mit dem Geist der neuen Zeit zu vereinen.

Bis zum Fest waren es nur noch knapp zwei Wochen – genauer: elf Tage. Fast alle, die noch nicht fünfzehn Jahre alt waren, hatten sich als freiwillige Helfer, als Verhüller, gemeldet. Scharen von ihnen harrten als ständige Wache auf der Columbahöhe aus. Sie sangen, freuten sich auf den großen Tag und veranstalteten von Zeit zu Zeit Fackelzüge durch die Stadt.

»Was ist?«, fragte Tiras. Er spürte, dass Alissas Gedanken abschweiften.

»Ach, nichts. Mir fiel nur grade ein, wie sehr sich die Stimmung an der Schule verändert hat, seit die Uniformen dort in der Überzahl sind.«

»So viele sind es schon? Das ging schnell.«

Alissa nickte.

»Um ehrlich zu sein: Seit der letzten Woche bin ich in der absoluten Minderheit. Wir sind zwar schon zu alt, um noch Verhüller zu werden. Aber alle anderen tragen jetzt ein Implement, und ich muss mir dauernd anhören, dass ich dumm bin, weil ich mir das entgehen lasse. Das neueste Modell gibt es für die, die an der Verhüllung teilnehmen, sogar umsonst. Mitsamt Operation. Und du weißt, wie teuer das sonst ist.«

Tiras wusste es nicht, aber er schwieg. Alissa war in den vergangenen Wochen bei jeder Gelegenheit auf die Geschehnisse an der Statue zu sprechen gekommen. Das Jubiläum hatte zu einem Ansturm auf die Implement-Klinik geführt. Irgendwie hatte die Gesetzesänderung, die es nun auch Jüngeren erlaubte, sich ein Implement einsetzen zu lassen, zusammen mit dem unermüdlichen Werben Posiscos wie ein Dammbruch gewirkt. Täglich ließen sich nun Hunderte operieren.

Plötzlich schrie Tiras:

»Die Katze!«

Er sprang auf, strauchelte, rannte aus der Zeltmuschel geradewegs auf die Straße zu, die unterhalb des Pfeilersockels verlief.

»Tiras, bist du wahnsinnig? Bleib stehen!«

Panik erfasste Alissa. Nach einer Schrecksekunde jagte sie dem stolpernden, sich immer wieder aufrappelnden Tiras nach.

»Tiras, die Straße! Bleib doch stehen!«

Die Lichter von Fahrzeugen zackten vorbei. Um diese Zeit schwoll der Verkehr noch einmal an. Doch Tiras hielt weiter auf die Straße zu, auf die Rampe der Brücke über den Teneber. Weder der Verkehrslärm noch Alissas Schreien brachten ihn zur Besinnung. Der schwarze Schatten des schmächtigen Körpers tanzte in gespenstischen Bewegungen. Die flackernden Lichter im Hintergrund erschienen Alissa wie Feuer.

»Tiras! Bleib stehen!«

Alissas Herz hämmerte. Sie spürte einen stechenden Schmerz im Gesicht und rollte zur Seite. Abgase drangen in ihre Lungen. Sie atmete in schnellen, pulsenden Stößen, schnappte nach Luft. Sie hatte die Augen geschlossen, als das brüllende Hupen erklang und der Lärm sie fast taub machte. Ihre Faust umklammerte das Stoffstück, den Zipfel der Jacke, den sie hatte fassen können, um Tiras zu Fall zu bringen. Am Rand der Straße.

»Du Irrer! Du verdammter Irrer!«, schrie sie. Sie hustete und richtete sich auf. Tiras saß neben ihr. Ein Schmutzstreifen zog sich von seiner linken Schläfe quer über Wange und Mund.

Er wirkte völlig abwesend. »Ich habe sie gesehen«, sagte er. »Die schwarze Katze. Plötzlich war das Bild da. So deutlich …«

Hören konnte Alissa das nicht. Seine Worte verloren sich im Lärm der Straße. Sie sah den Mund, der sich mechanisch bewegte. Die Augen, die auf sie gerichtet waren, ohne sie wahrzunehmen. Den Glanz auf diesem entrückten Gesicht.

»Es gibt diese schwarze Katze nicht, hörst du? Du träumst! Du bist ein verrückter Träumer! Es passiert alles nur in deinem Kopf! Diese Katze, von der du dauernd sprichst, ist nichts als ein Produkt deiner Fantasie!«

Tränen traten ihr in die Augen, als sie Tiras schüttelte. Die Worte, die Schreie: Sie erreichten ihn nicht. Seine Augen ruhten im Zentrum eines Universums, das mit dem Lärm und den Lichtern der Straße nichts zu tun hatte.

»Du bist blind!«, schrie Alissa. »Blind, blind, blind!« Dann konnte sie die Tränen nicht mehr halten, und sie drückte Tiras an sich.

BESUCHE IN DER NACHT

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Es war kurz nach 22 Uhr an diesem 4. September, als Alissa über die Columbabrücken zurück in die Stadt ging. Die Lichter der Nacht spiegelten sich im Teneber. Reste der Tageswärme hingen über dem Fluss und zwischen den Häusern des nahen Cabanisviertels.

Alissas Gedanken lösten sich nur langsam von Tiras. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, ihn beschützen zu müssen, und dem Wunsch, ihn auf den Irrfahrten seiner Fantasie zu begleiten.

Was bedeutete er ihr? Und was sah Tiras in ihr? Tiras, der nicht sehen konnte und doch voller Bilder steckte und Hellsichtigkeit.

»Du bist ich, und ich bin du«, sagte er manchmal – und lachte. In solchen Momenten strahlten seine schwarzen Augen, diese Augen eines Blinden, und betrachteten Alissa mit unheimlicher Kraft.

Mit einem Blick weit stärker als der Blick eines Sehenden.

Hin und wieder rauschte ein Transporter an Alissa vorbei, aber der Verkehr hatte um diese Stunde schon wieder nachgelassen. Alissa überlegte, ob die Stadt eine völlig andere sein würde, wenn Memoporting erst einmal überall möglich war. Würde es dann noch Fahrzeuge auf den Straßen geben? Würde Metronas aus einer einzigen Aureole bestehen, in der es vor künstlichem Leben nur so wimmelte?

Aber war das Leben im Kontinuum denn künstlich?

Beim Gedanken an das Leuchten der Shows fiel Alissa wieder ein, dass Memoporting längst einen technischen Stand erreicht hatte, der fast ohne jede Form von Lichterscheinungen auskam. Des Effekts wegen wollte man bei den Shows jedoch nicht auf die Aureolen verzichten.

Als sie die Mitte der Brücke erreicht hatte, sah sie sich um. Hoch über der Stadt, wo die Dunkelheit der Schwarzen Berge auf die Dunkelheit der Nacht traf, stand die in Stoffbahnen gekleidete Statue des Freiheitskolosses, angestrahlt von zahlreichen Scheinwerfern. Vermutlich arbeitete im Inneren des Monuments auch zu dieser späten Stunde noch immer ein Trupp von Technikern. Die Arbeiten schritten voran. Unermüdlich und enthusiastisch unterstützt von den Verhüllern. Nun bewachten sie die Statue. Offiziell, so hieß es, damit niemand die Renovierung störte oder heimlich herauszufinden versuchte, wie der Koloss nach der Schönheitskur aussehen würde.

Was für ein Zirkus, dachte Alissa. Und doch fühlte sie sich von der Statue und ihrem Geheimnis angezogen.

Werbebotschaften mit hypnotisierenden Klängen mischten sich in Alissas Gedanken, als sie im Schein der Brückenlaternen das Gesicht Skanda Borlunds erkannte: die hohe Stirn, das heroische und gewinnende Lächeln, mit dem er für »die Sache« warb. Skanda Borlund war allgegenwärtig. Die fein geschwungenen Geheimratsecken gaben seinem schwarzen Haar das nötige Profil, um aus einem Playboy den nachdenklichen, gleichwohl jugendlichen Direktor der Posisco-Werke zu machen. Einen Mann, der bei allem Charme wusste, was er wollte. Einen Wirtschaftsführer, der zugleich populär war wie ein Schauspieler. Plakatwände mit seinem Bild und seiner Botschaft säumten sogar das Strebewerk des Brückenbogens: »Mach AUCH DU mit – dann gehört die Zukunft AUCH DIR«. Wie schaffte es dieses Gesicht nur, bei solch einer penetranten Aussage glaubwürdig zu bleiben? Alissa wunderte sich darüber, denn auch sie konnte sich dem Blick Borlunds kaum entziehen.

Und dann sah sie ihn. Wie eine grelle, künstliche Erscheinung betrat er die Brücke von der Stadtseite her. Sein Lächeln wirkte verklemmt. Noch war er Dutzende Meter entfernt, aber Alissa vermutete, dass er zwei oder drei Jahre älter war als sie. Und sein brennendes, suchendes Schauen galt ihr. Er taxierte sie.

Doch da war noch etwas anderes …

Alissa sah geradeaus, ließ den kurzen Blickkontakt abreißen, als könnte das noch helfen. Die Art, wie dieser Typ sie ansah, hatte etwas Körperliches. Er trug ein Jackett. Seine Kleidung war leger und zugleich förmlich, steif, unpassend. Ein Jackett in dieser Abendwärme. Und was trug er da am Revers? Eine Blume?

Nein, keine Blume, dachte Alissa, und sie merkte, wie sich ihr Körper versteifte. Das war keine Blume … Wenige Meter vor ihr blieb er stehen. Sein dunkler Wuschelkopf machte ihn jünger, als er tatsächlich war. Ein Lausbubengesicht und der Körper eines kräftigen jungen Mannes. Wie nannte man diese Hormone, die Typen in seinem Alter verströmten?

Der Gedanke heiterte Alissa nicht grade auf.

»Hey, Eisprinzessin!«, rief er plötzlich. Sein Kopf ruckte hoch. Sein Adamsapfel kollerte auf und ab. Jetzt wirkte auch er nervös. Das Grinsen war lauernd geworden. Er leckte sich über die Lippen, unbewusst. Alissa blieb stehen. Sie spürte ihren rasenden Herzschlag …

»Was machst du hier so allein? Wollen wir nicht zusammen was trinken gehen?«

Er war noch näher gekommen. Und je näher er kam, desto unwirklicher erschien ihr seine Gestalt. Alissa sah ihm in die Augen. Sein brennender Blick flackerte auf wie ein Feuer, in das ein Windstoß hineinfuhr.

Sie wurde ruhiger.

Eine Kopie.

Der Typ war eine Kopie, ein memoportierter Körper, der die Unsicherheit seines Originators – so nannten sie das in der Sprache Posiscos – widerspiegelte.

»Ich kenne eine schicke Bar hier ganz in der Nähe!«

Seine Stimme überschlug sich fast. Ein Krächzton, viel zu hoch – was ihm selbst auffiel und ihn noch nervöser machte. Die Eisprinzessin, die er angesprochen hatte, wurde ihrem Bild gerecht. Alissa konnte seine Gedanken nun beinahe lesen. Das machte sie stark. Und die Rolle der Eisprinzessin hatte sie ja üben können in den vergangenen Monaten.

Alissa, die sich so gar nicht mitreißen ließ, die immer so kühl blieb und abweisend.

Sie sah ihn an, ausdruckslos. Jetzt war er es, der den Blickkontakt abreißen ließ.

Aber er hatte ja die Kamera am Revers. Er trug am Revers tatsächlich eine kleine, getarnte Kamera, die aussah wie eine Blume. Alissa hatte von solchen Fällen gehört. Gestörte Typen, die …

»Guckt noch jemand zu?«, fragte sie und zeigte auf das Jackett. »Wenn ihr zu zweit seid, dann sollte ich vielleicht eine Freundin mitbringen, oder?«

Ein nur leicht spöttischer Ton, eher gelangweilt. Aber er tat seine Wirkung. Alissa wusste, dass sie diese Erscheinung eines Verklemmten der nahen Transmetronas-Station am Columbaufer zu verdanken hatte. Der Typ hatte, weil das Kontinuum von Metronas noch immer sehr begrenzt war, kaum Bewegungsfreiheit. Im Cabanisviertel würde er sich auflösen.

Ein Wagen fuhr langsamer als gewöhnlich über die benachbarte Brücke, kam vermutlich direkt von der Hauptwache. Ein Wagen der Vigilanz, dem die zwei Jugendlichen auf der anderen Fahrbahn vielleicht aufgefallen waren. Der Typ jedenfalls verlor nun vollends die Kontrolle. Er sah sich hektisch um, sein verschwitzter Blick zuckte noch einmal zu Alissa und dann …

Es war nur ein kurzes Flirren und ein Zischen. Das Zischeln einer Schlange oder ein pfeifendes, verpuffendes Geräusch. Nie war der Körper einer Transpersonalisation so dicht neben ihr verschwunden. Es hatte etwas von Sekundentod, von totaler Vernichtung. Es erschreckte Alissa – und erleichterte sie zugleich. Auf dem trockenen Pflaster der Brücke blieb ein feuchter, dunkler Fleck, der sich nur verzögert auflöste. Er verblasste, während sich die organischen Bauteile des künstlichen Körpers bis ins Flüchtige zertrümmerten. Alles verlief nach einem chemischen Programm mit seltsamem Effekt: Im Davonschweben und weiteren Zerbrechen ließen diese flüchtigen Teile die Luft an sich kondensieren und zauberten ein feines, geisterhaftes Nebelgespinst, das schnell verwehte.

Irgendwie erschien Alissa auch das Bild des feuchten Flecks passend, und sie fragte sich, wie die Schmähung zu Hause bei dem Typen ankam. Der hatte vielleicht irgendwo in einer dunklen Kammer gesessen, um sich ihr mit seinem Kamera tragenden, memotechnisch erzeugten Kompagnon zu nähern. Hatte man je auf die Auswirkungen von schlimmen Erfahrungen beim Rückfluss der Persönlichkeit hingewiesen? War wirklich alles so rosig beim Memoporting?

Zu welch bizarren Verhaltensweisen würde die Technik noch führen?

Vielleicht war dies einer der Gründe, weshalb Bendar skeptisch blieb beim Thema Implemente …

»Alles in Ordnung bei Ihnen?!«

Die Vigilanz. Die Ordnungshüter hatten angehalten und das Fenster heruntergelassen. Alissa sah kurz auf und versuchte zu lächeln. »Ja, alles in Ordnung, danke!«, gab sie zurück – und ging weiter. Der Wagen nahm wieder Fahrt auf. Alissa bog von der Brückenauffahrt ins Cabanisviertel ab und verdrängte die Gedanken an den Typen. Sie erreichte den ihr vertrauten Teil der Stadt.

In alten Zeiten war Metronas von einer Mauer umgeben gewesen, um die sich wie ein weiterer Schutz der Ring des Teneber legte. Aber diese Mauer mit ihren Wehrtürmen und Toren gab es schon lange nicht mehr. Das Selgestertor am südwestlichen Ende des Viertels war ein einsames Relikt. Metronas wirkte wie das freigelegte Museum der goldenen Zeit, in der die Stadt den mittelalterlichen Handel im Schwarzen Land dominiert hatte.

Alissa betrat diesen Boden der Vergangenheit über eine schmale Gasse, die von der quer durch die Stadt verlaufenden Hauptverkehrsstraße abzweigte. Eine Gasse, eingesponnen in ein Netz weiterer Gassen. Das Kopfsteinpflaster hier hatte sich im Lauf der Jahrhunderte gesenkt. Das gesamte Viertel lag etwa einen halben Meter tiefer als die umgebenden Bezirke und die Uferstraße am Teneber. Häuser, Gärten und Wege schienen – mal mehr, mal weniger – in den Boden gesackt. Gusseiserne Laternen, über 100 Jahre alt, tauchten das Viertel in ein warmes Licht, und die Patrizierhäuser stellten ihre aus vielen Epochen zusammengesetzte Architektur heraus. Im Cabanisviertel offenbarte sich die Geschichte von Metronas kunstvoller als anderswo in der Stadt.

Alissa verließ die Gasse und bog am Nordende des Viertels zum Fluss ab, wo sie den Uferwiesen in einem weiten Bogen folgte. An diesen Rändern der Altstadt spielte sich das Nachtleben ab. Bars und Restaurants strahlten und wetteiferten mit ihren Lichtreklamen um die Gunst der Nachtschwärmer. Immer wenn Alissa in den späten Stunden des Tages von Tiras kam und auf dem Heimweg war, wählte sie diese Route anstatt einen der verwinkelten Gänge durch das Innere des Viertels.

Eine Gruppe blau Uniformierter kam in diesem Moment die Uferstraße heraufgezogen. Alissa vermied es, sie direkt anzublicken. Aus dem Augenwinkel nahm sie Gesichter wahr, in denen etwas Entrücktes und zugleich Ernstes lag. Einige jedoch wirkten seltsam abwesend. Sie mussten ungefähr in Alissas Alter sein. Ihren Uniformen fehlte das gelbe Halstuch. Es waren also keine offiziellen Verhüller. Sie gehörten zu den zahlreichen Menschen, die in der Stadt Unterstützung für das Projekt demonstrierten.

Oder waren Transpersonalisationen darunter?

Der Gedanke verunsicherte Alissa. War das Kontinuum bereits erweitert worden? Auf die Uferzone? Der verklemmte Typ, der sie in eine Bar hatte abschleppen wollen: Das Bild seines Gesichts kehrte zurück. War das Cabanisviertel schon stärker, als sie gedacht hatte, unter den Einfluss des Kontinuums geraten?

Die Mitglieder der Gruppe sprachen jetzt miteinander und lachten, aber das alles wirkte gesteuert, wie Teil eines Programms. Die ungezwungene Stimmung, die in früheren Jahren in den Sommermonaten geherrscht hatte, schien Metronas verlassen zu haben.

Auch die Zahl der Schwarzen Wächter hatte dramatisch zugenommen. Immer wieder begegnete man auf den Straßen von Metronas nicht mehr allein den grau-grün uniformierten Stadtwachen der Vigilanz: Posisco hatte ein eigenes Wächterkommando aufgestellt. Angeblich, weil es in der Vergangenheit zu schweren Fällen von Betriebsspionage gekommen war und weil die Sicherheitslage wegen der bevorstehenden Feierlichkeiten prekär war. Vor allem die Berber der Nigrana, so betonte Skanda Borlund immer wieder, stellten ein besonderes Risiko dar.

Da Posisco für die Stadt immens wichtig war, hatte Zanja Patrias, der Statthalter der Nigrana, diesen Truppen schießlich zugestimmt. Pero Nurta, Kommandant der Vigilanz, hatte zwar den Oberbefehl über die Schwarzen Wächter, aber in der Praxis hatte sich das nicht durchgesetzt.

Das Rumpeln eines Güterzuges von der gegenüberliegenden Flussseite schreckte Alissa aus ihren Gedanken. Sie nahm eine huschende Bewegung wahr. Im Vordergrund lag die schimmernde schwarze Wasserfläche des alten Kanals, der die inneren Stadtviertel durchschnitt. Eine Katze sprang von der Kaimauer über den Aufbau eines verrottenden Langbootes, das neben anderen Holzbooten vertäut am Kanalrand lag. Viele dieser Boote wurden nicht mehr genutzt. Sie leckten irgendwann und liefen voll. Dann hingen sie in den Tauen, bis die Taue ebenfalls verrottet waren oder, von Ratten zerfressen, rissen.

Unmittelbar hinter der nächsten Brücke – einem der zahllosen schmalen Eisenstege, die den Kanal im Cabanisviertel überspannten – lag die Stadtvilla, in der Alissa mit ihrem Vater lebte. Rosensträucher wucherten im Garten vor dem Haus und um die dunklen Mauern. Das Haus lag nicht direkt an der Gasse, sondern zurückgesetzt, am Kanal.

Alissa wunderte sich nicht über das offen stehende Gartentor. Vermutlich hatte Bendar mal wieder einen Termin vergessen und war Hals über Kopf losgestürzt, um einen Vortrag zu halten oder ein Interview zu geben und vor den Augen der Öffentlichkeit den warnenden Finger zu heben. Und natürlich hatte ihr ach so vorsichtiger Vater die Haustür nicht abgeschlossen. Aber wenn es jemanden gereizt hätte, im Viertel auf Raubzug zu gehen, dann hätten die altehrwürdigen Häuser in den Nachbargassen sehr viel einladender gewirkt. Schon allein weil sie mehr Prunk zeigten als die Glas- und Ziegelstein-Fassade, hinter der Bendar Kamladis seine Forschungen und seine Firma betrieb.

Allerdings ging im Viertel niemand auf Raubzug.

Alissa trat ein. Im Haus war es still. Sie machte das Licht an und schloss die Tür.

»Bendar? Ich bin’s!«

Keine Antwort.

»Bendar?«

Wie sie vermutet hatte. Er war nicht da. Ausgeflogen. Sie überlegte, ob er sich mit Lando Dandihla, seinem Geschäftspartner, oder mit seiner Assistentin und Mitarbeiterin Stella van Vesperen verabredet hatte. Aber im Grunde interessierte sie das gar nicht. Sie verriegelte die Haustür und ging die Treppe hoch in ihr Zimmer im ersten Stock.

Sie wollte sich gleich hinlegen und schlafen, aber dann, als sie sich fertig machte für die Nacht, sah sie, dass Bendar ihr einen Brief auf den Tisch gelegt hatte.

Ein Brief von Daila, die sie in den Ferien sicher gesehen hätte, hätte es da nicht diese Spannungen und Streitigkeiten gegeben …

Alissa legte sich hin, nahm den Brief und öffnete ihn.

Sie seufzte, als sie die ersten Sätze las:

Alissa, du bist echt langweilig. Es ist ein winziger Eingriff. Ein halber Tag Ruhe in der Klinik, und du könntest glatt vergessen, dass sie dir ein Implement in den Kopf gepflanzt haben. Weshalb ist dein Vater also so sehr dagegen? Weshalb lässt du dich behandeln wie ein Kind? Es ist so fantastisch, Alissa! Weißt du, was ich getan hab, als ich das erste Mal in einem Memoportal war? Ich hab dem Typen, der da die Einstellungen und so vornahm, auf die Frage, wo im Kontinuum ich denn hin will, gesagt: hierhin, direkt neben mich will ich. Der hat nur gegrinst, weil es nämlich fast alle so machen. Fast alle, die sich das erste Mal in einem Memoportal verdoppeln, lassen ihr zweites Bewusstsein in einem Körper direkt neben sich entstehen. Irre, oder? Aber ich wollte sehen, wie es ist, wenn ich mir selbst gegenüberstehe. Und es war so leicht! Ich war so frei, und ich hab genau gesehen, dass SIE – also, dass ICH, mein anderes Ich, dass es genau weiß, was ich wollte. Es hat gelächelt, und dieses Lächeln war voller Wärme. Ich hätte heulen können! Es klingt alles so verrückt, Alissa, aber ich stand mir selbst gegenüber, und alles zwischen dir und dem anderen, der du auch bist, ist eine warme, fließende Verbindung! Und dann hat sie, diese zweite Daila, wieder gelächelt, und ist los. Und ich wusste, was SIE wollte. ICH hatte es ja auch gewollt! Ich war so leicht, so frei, so glücklich in den nächsten Stunden! Ich habe gar nichts von dem mitbekommen, was sie erlebt hat. Du weißt ja, die Körper, die im Memoportal entstehen und dein Bewusstsein tragen, handeln völlig losgelöst von dir. Aber du wirst dieses Gefühl nicht los – dieses Gefühl, dass du immer weißt, was du, dieses andere Du, dass du jetzt bist, grade tut. Du wirst dich nie hintergehen! Im Gegenteil, du wirst tun, was du immer schon tun wolltest, und dich einfach nicht getraut hast. Dieses zweite Ich ist für dich da! Du bist viel mutiger! Ach Alissa. Und dann kam der Moment der Rückkehr. Wenn der andere Körper sich wieder auflöst und dein verdoppeltes Bewusstsein zu dir zurückkehrt. Diese Wärme! Diese unglaubliche Wärme! Es war so fantastisch! Sie hatte es tatsächlich getan! Sie hat ihn geküsst!!! Und alle ihre Gefühle hat sie mir hinterlassen, als ich wieder eins wurde mit mir selbst. Du verpasst wirklich was, Alissa, wenn du dieses Gefühl nie spürst! Aber was schreibe ich dir lange Briefe. Du wirst vermutlich die ganzen Ferien über mit diesem Typen rumhängen. Weißt du, dass Suna gedacht hat, er ist dein Bruder? Deinem Vater traut man ziemlich was zu, merkst du’s? Vermutlich wirst du mir eines Tages erzählen, dass er es echt wert ist, auf ein Implement zu verzichten. Und vermutlich kann ich mir auch abschminken, dich auf der Enthüllungsfeier zu sehen? Du hast dich verändert, Alissa, und unser Streit tut mir weh. Du wirst eine Grüblerin, und ich bin vermutlich die Letzte, die dir noch Signale aus der alten Welt sendet. Ich will jetzt nicht sentimental klingen, aber es gab mal eine Zeit, da warst du wie mein zweites Ich. Da war dieses Band zwischen uns …

Okay, ich werde tatsächlich melancholisch … Ich würde mich riesig freuen, wenn wir uns am Festtag sehen! Und wenn du diesen Typen mitbringst, dann weiß ich wenigstens den Grund, weshalb du dich dem wirklich Großartigen entziehst (ich verstehe einfach nicht, was du an dem findest …) Oh Mann, wie blöd ist das denn? Wir hatten grade Streit, und ich mäkel schon wieder an dir rum. Lass dich umarmen! Ich freu mich auf das FEST!! Bitte komm und lass alles wieder gut sein, ja???

Daila

Alissa lächelte und legte den Brief mit den vielen Ausrufungszeichen beiseite. Sie fragte sich, was geschehen wäre, wenn Dailas Transpersonalisation einem Eisprinzen begegnet wäre. Irgendwo in ihrem tiefsten Inneren spürte sie, dass sie diesen Gedanken so ernsthaft verfolgen sollte, wie es ihr Vater tun würde. Aber jetzt war sie müde, und die Gedanken an Daila mischten Wehmut in ihre Müdigkeit. Sie würde ihr zurückschreiben, gleich morgen. Sie würde über so vieles nachdenken müssen: morgen, übermorgen, in den nächsten Wochen – und dann fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.

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Zunächst war da nur ein Geräusch. Ein Knistern. Eine knisternde Melodie, die sich im Dunkeln versteckte. Etwas, das Vorsicht walten ließ, aber ebenso neugierig schien wie ein kleines Tier. Dann wurde es hell. Das Licht entzündete die Ebene am Rand der Schwarzen Berge. Alissa sah sich auf einer Anhöhe. Morgenkühle strich ihr ums Gesicht. Es musste eine Anhöhe sein weit vor der Stadt, die unten, in der Ferne, wie eine zusammengerollte Katze in einem Meer von Dunstschleiern lag. Im Griff der Helligkeit begannen die Schleier zu leuchten und das Licht löste sie auf.

Sie sah die Ameisen. Den Zug der Ameisen in langsamer Bewegung. Ein schwarzer Keil, der sich seitlich in die Ebene schob und bald seine Form verlor. Er begann ziellos zu mäandrieren, als suchten die Tiere etwas. Nach einer Weile schwenkten die Ameisen und bewegten sich auf sie zu. Die Insekten wurden größer. Sie wuchsen mit rasender Geschwindigkeit, obwohl sie sich ihr nur langsam näherten.

Das Bild glitt vollends ins Groteske. Die Ameisen waren noch weit entfernt, doch unmittelbar vor ihren Augen wuchsen schwarze Reiter aus der Masse. Und jeder Reiter trug einen Helm mit heruntergelassenem Visier, hielt in der Rechten die Lanze mit der gezipfelten Kriegsfahne, der wehenden Oriflamme des schwarzen Landes …

Das Geräusch spaltete sich in den Klangbrei der trommelnden Pferdehufe und den Gesang der Reiter. Die Ebene verschwand hinter dem Brodeln des so nahen, so fernen Heeres. Und dann erhob sich jenseits der Schwarzen Berge der Kopf einer Katze aus der Schwärze des Weltalls, wie eine gleißende, zweiäugige Sonne.

Und wieder hörte sie das Geräusch. Dieses Geräusch. Dieses …

Alissa erwachte mitten in der Nacht. Sie war sehr weit fort gewesen. Ihr Herz raste, hämmerte gegen die Dunkelheit des Zimmers. Ihre Gedanken taumelten zurück in die Wirklichkeit. Wieder dieser Traum, dachte sie. Dieser verstörende Traum, als würde Tiras im Schlaf ihre Gedanken dirigieren. Er hatte ihr schon oft von seinen Visionen erzählt.

Aber was hatten diese Bilder zu bedeuten?

Die Bilder waren ihr nah – und zugleich so fern. In den vergangenen Nächten war sie immer wieder hochgeschreckt, weil sie sich in dieser fremden Traumwelt verlor:

Aber jetzt …

Was war das? Ein Donnern?

Draußen grummelte es: ein abklingendes Gewitter. Aber da waren doch Stimmen. 0 Uhr 30 zeigte der Wecker an ihrem Bett. Ihr erster Gedanke: Bendar war zurück. Mit wem konnte er sich um diese Zeit noch so laut unterhalten?

Während sie lauschte, beruhigte sich ihr Puls. Die Wirklichkeit verdrängte die Bilder des Traums, und Müdigkeit kehrte zurück. Alissa drehte sich in ihr Kissen und versuchte weiterzuschlafen. Sie ärgerte sich über die Rücksichtslosigkeit, die Bendar an den Tag legte, wenn er, in Gespräche über seine Forschungen vertieft, alles um sich herum vergaß. Ein gutes Thema für den Streit am Frühstückstisch.

Mit einem Mal schreckte sie hoch. Ein lautes Klirren drang von unten herauf. Gefolgt von einem kurzen, heftigen Wortwechsel, von dem Alissa kaum etwas verstehen konnte, der ihr aber schlagartig die Gewissheit gab, dass …

»Bendar?!«

Sie unterdrückte den Ruf. Fremde waren im Haus. In den Räumen der Firma. In Bendars Heiligtum. Was war mit ihrem Vater? Ein starkes Gefühl wallte durch ihre Panik: die plötzliche Ahnung, dass es sich nicht um gewöhnliche Einbrecher handelte …

DIE RUINE DER VILLA

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Jolo hatte sich angewöhnt, eine Melodie zu pfeifen, wenn er sich der Eisenbahnbrücke näherte. Tiras hatte ihn schon vor Tagen erwartet und war nun beinahe überrascht, als er ihn kommen hörte, kaum eine halbe Stunde nachdem Alissa gegangen war. Er war noch immer erschrocken darüber, wie sehr ihn das Bild der Katze aus der Wirklichkeit gerissen hatte. So weit war es noch nie gekommen.

»Wo bist du gewesen?«, fragte er, als sie sich begrüßt hatten. »Und wo ist der Graf?«

Jolo antwortete nicht sogleich. Er lächelte schräg und fragte vieldeutig, ob er nicht störe.

Tiras lachte nervös. Er wollte das Thema lieber vermeiden. Seine Freundschaft zu Alissa ging niemanden etwas an. Auch Jolo nicht.

Sie hockten sich neben das Lagerfeuer, das Tiras für die Nacht angezündet hatte und dessen Glut bis in den frühen Morgen Wärme abgeben würde. Ein Orientierungspunkt in den Nachtstunden.

Jolo beobachtete die Flammen. Sie spiegelten sich in Tiras’ reglosen Augen. Er überlegte, wie lange er ihn nun kannte. Seit sechs Jahren? Ganz sicher so lange. Aber kannte er ihn wirklich? Irgendwann war er an einen Punkt gekommen, an dem jede weitere Annäherung ins Leere lief. Sie wurden Freunde. Doch es gelang Jolo nicht, in den Schutzwall einzudringen, mit dem Tiras sich umgab. Nicht einmal dem Grafen gelang es, der … Nein, das war so nicht richtig, denn auch der Graf machte ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Es gab einfach keine Möglichkeit, mit ihm oder Tiras über diese Vergangenheit zu sprechen.

Sie hatten jahrelang zusammen im Park nahe der Kentonbrücke gelebt. Seit Tiras neun oder zehn gewesen war – in dem Jahr, als Jolo sie kennenlernte. Sofort hatte er das Gefühl gehabt, Tiras beschützen zu müssen. Ihn und den Grafen, diesen wunderbaren, so vornehm freundlichen Menschen. Der Graf liebte seinen Sohn abgöttisch: den Jungen mit dem bleichen Gesicht, dem wirren strohblonden Engelshaar und den schwarzen, starren Augen, die blind waren und dennoch alles durchdrangen.

Irgendwann wurde der Park Teil des Kontinuums und »gesäubert«, wie es im Jargon der Schwarzen Wächter hieß. Doch im täglichen Trubel von memoportierten Besuchern und Shows war der Park so oder so für sie verloren gewesen. Die Nomaden, die Berber, die hier ihr Stadtquartier gefunden hatten, waren wieder zu Nomaden geworden. Sie suchten sich andere Plätze in Metronas oder verließen die Stadt.

Jolo mochte Tiras – und Tiras mochte Jolo. Wenn Jolo allerdings glaubte, dass nur Tiras einen Schutzwall um sein Leben gezogen hatte, dann verdrängte er, dass er selbst nicht weniger verschlossen war, wenn es um seine eigene Vergangenheit ging.

Daran dachte Tiras jetzt, als er sagte:

»Fliegen, das wär’s, oder? Die Weiße Taube ist heute Abend wieder tief über der Brücke reingeschwebt, hast du sie gesehen?«

Wie selbstverständlich sprach Tiras vom Sehen. Jolo nickte, sagte aber nichts. Geschichten vom Fliegen hatte er schon viele erzählt. Und Tiras hatte ihm gern zugehört. Aber heute brannte Jolo etwas anderes auf der Seele:

»Das Umherziehen könnt jetzt erst mal vorbei sein für uns«, sagte er mit unterdrückter Nervosität. »Wir haben ’ne schicke Villa gefunden, der Graf und ich. ’Ne Ruine am Rand der Domstadt. Der Graf ist dageblieben. ’N richtiger Palast ist das. Also, war das mal!«

Er grinste so breit, dass sich das Büschel Haare auf der Stirn seines kugeligen Kopfes aufrichtete. Tiras wirkte auf gewisse Weise sehr viel älter als Jolo, obwohl Jolo mindestens doppelt so alt war wie er.

Wann immer er bei Tiras war, spürte er die Energie, die Tiras ausstrahlte. Und es erstaunte ihn, dass Tiras so vieles wahrnahm. Er bewegte sich mühelos in einer Welt, die manchen Sehenden überforderte. Jedes Auftauchen der Vigilanz oder der brutalen Schergen von Posisco sah er voraus. Wie oft hatte er sie in der Nacht vor den Launen der Stadtwache bewahrt, vor betrunkenen Milizen, die gern ihr Spielchen trieben mit den Berbern in Metronas. Es gab unter den Schwarzen Wächtern ein paar finstere Typen, denen es Vergnügen bereitete, den Grafen zu demütigen. Jolo machte es nicht viel aus, wenn man sie stundenlang in der Hauptwache schmoren ließ. Er konnte sich ducken, konnte ausweichen, erriet sadistische Gedanken und wusste zu reagieren. Der Graf aber verstand in diesen Momenten die Welt nicht mehr und klammerte sich an eine Würde, die sie ihm mit Wonne zertraten.

Der Graf war der feinste Mensch, den Jolo kannte.

Tiras dachte ebenso. Und er machte sich Sorgen.

»Er ist allein in dieser Ruine geblieben?«, fragte er beunruhigt.

Jolo wiegelte ab. Tiras schien immer noch nicht begriffen zu haben: Sie hatten etwas entdeckt, etwas Großartiges. Seine Stimme wurde drängender:

»In der Domstadt«, sagte er. »Zwischen der Domstadt und dem Fischerviertel. Da passiert nichts. War doch immer ’ne friedliche Gegend. Auch für uns. Ich hab gedacht, ich muss dir das sofort erzählen. Der Graf weiß gar nicht, dass ich hier bin.«

Er warf einen halb verkohlten Ast ins Feuer und Funken wirbelten in die Luft.

»Das muss ein tolles Haus gewesen sein«, fuhr er fort. »Nicht mal im Cabanisviertel findste so was. Nirgendwo in der Stadt. Liegt aber trotzdem versteckt. Wir sind in diesen Garten geschlichen, und dann standen wir davor. Von Feuer zerstört, aber immer noch schön.«

Die Stadt war für Tiras eine Landschaft aus imaginierten Bildern. Er erinnerte sich nicht bewusst an Gesehenes, aber seine Vorstellungswelt war in einem Maße ausgeprägt, dass er sich ziemlich sicher war, nicht immer blind gewesen zu sein. Als er jetzt versuchte, das Bild einer Ruine aufzurufen, sperrte sich etwas dagegen. Das knisternde Feuer holte ihn immer wieder zurück an den Platz unter der Brücke. Jolo saß da, zusammengekauert, die Arme verschränkt, und wippte nervös vor und zurück. Ein angespanntes, unsicheres Lächeln lag auf seinen Zügen.

Eine Weile schwieg Tiras, dann sagte er:

»Erzähl mir von der Ruine.«

Sein Tonfall hatte etwas gezwungen Sachliches.

»Erzähl mir von diesem unbekannten Haus.«

»Unbekannt ist vielleicht nicht richtig«, entgegnete Jolo. »Es ist … Der Graf, glaube ich, er kennt es. Der Garten. Das riesige Grundstück in ’nem Straßen-Kreis. Nicht weit vom Kanal. Da im Südzipfel der Stadt. Weißt du?«

Tiras legte die Stirn in Falten. Aber die Bilder blieben aus.

»Es ist mittlerweile total zugewachsen. Ich glaub, nicht mal im Ferrobotanischen Garten gibt’s so viel Gewucher. Und wir sind da auch nur rein, weil wir uns verstecken mussten.«

»Du hast doch gesagt, die Gegend ist sicher?«

»Ja doch. Aber … Spinner gibt’s ja immer. Da war ’ne Lücke in der Mauer …«

»Eine Mauer?«

»Ja, ’ne hohe Mauer. So aus Bruchsteinen. Die Bäume hängen überall drüber. Wie ein Wald sieht das da aus. Aber es gibt eine Lücke in der Mauer. Da sind wir also rein. Und dann dieses Haus, hinter all dem Grün, den Bäumen und dem Gestrüpp. Ein Palast, sag ich dir. War bestimmt mal so schön wie der Palast von Natragur. Nur kleiner.«

Der Palast von Natragur lag im Nordosten, außerhalb der Inneren Viertel von Metronas. In den alten Zeiten beherbergte er den Stadtsitz des Patronars der Nigrana. Der Patronar herrschte über das Land und die Stadt. Seine Burg war die Burg auf dem Ardenfels, bei den Wasserfällen von Nicobra. Mit dem Aufstieg von Metronas zur Metropole und dem Machtzuwachs des Statthalters aber war das Amt des Patronars irgendwann abgeschafft worden. Die Burg verfiel und der Palast hatte lange leer gestanden. Seit einigen Jahren gehörte er nun zum Besitz von Skanda Borlund. Der hatte ihn zu seinem Wohnsitz gemacht, und nun war er vermutlich pompöser als zu den glorreichsten Zeiten des Patronars.

Wann immer Tiras an den Palast dachte, trat ihm das Bild der schwarzen Burg aus seinen Träumen vor Augen. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

Jolo sprach weiter:

»Die Villa ist ’ne Ruine, ’n richtiges Trümmerfeld. Säulen und Dachziegel liegen da rum. Und vieles ist schwarz. Muss ziemlich heftig gebrannt haben. Nur die Treppen sind kaum beschädigt. Vier Treppen. Von jeder Seite eine. Und unter einer davon gibt es ’ne Kammer. Haben wir zufällig gefunden, und …«

Er verstummte, blickte hinauf zu den Sternen. Er wollte Tiras bitten, mit ihm zu kommen und den Grafen zu überreden, in dieser Villa zu bleiben. Die Ruine war ein ideales Quartier. Die Kammer unter der Treppe lag so gut versteckt, dass sie niemand finden würde. Der Eingang war perfekt getarnt. Dort wären sie sicher vor Nachstellungen. Was Jolo viel wichtiger war: Der Graf wäre sicher. Aber Jolo hatte das unbestimmte Gefühl, dass der Graf schnell weiterziehen wollte. Vielleicht konnte Tiras helfen. Jolo hatte die fixe Idee, dass Tiras den Grafen von den Vorzügen der Villa überzeugen konnte. Nur wusste er nicht, wie er dabei vorgehen sollte.

Er sah wieder zu Tiras:

»Der Graf sagt, vielleicht finden wir da sogar einen Schatz!«

Nun musste Tiras lachen: »Wie spannend«, sagte er. »Das hört sich ja alles ziemlich märchenhaft an.«

»Du glaubst mir nicht?«

Jolo sprang auf.

»So was hast du noch nicht gesehen«, rief er, und die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus:

»Das muss alles mal ziemlich prächtig gewesen sein, groß und eindrucksvoll. Wie ’n Tempel. Vieles ist da eingestürzt jetzt. Das Feuer hat die Säulen und den Marmor geschwärzt. Und überall findste Gestrüpp. Der Garten ist völlig zugewachsen. Drum herum mein ich. Brennnesseln und Dornengestrüpp und jede Menge Gebüsch und so. Und die Villa, die Ruine … Das Feuer hat die Villa zerstört, aber vieles steht noch. Und der Garten ist ’n wildes Königreich. Wirst schon sehen. Komm mit. Hier draußen vor der Stadt, das is’ doch nichts!«

Erschrocken über die eigenen Worte hielt er inne. Er trieb ein falsches Spiel, versuchte Tiras zu manipulieren. Er war längst zu weit gegangen, hätte offen sagen sollen, worum er ihn bitten wollte.

Doch bevor Jolo dies tun konnte, schüttelte Tiras schon den Kopf. Er hatte ja längst begriffen. Der Gedanke, in die Stadt zu gehen, in der Stadt zu leben, bedrückte ihn. Es gab dort etwas, das belauerte ihn. Er wollte es in sicherer Distanz wissen.

»Nein«, sagte er. »Ich bleibe hier. Dein ausgebranntes Märchenschloss, das ist nichts für mich. Bestimmt nicht.«

Jolo seufzte. Er konnte hartnäckig sein, aber er kannte Tiras. Einen einzigen Trumpf hatte er allerdings noch.

»In der Nähe der Villa hab ich sie übrigens gesehn.«

»Was hast du gesehen?«

»Die Katze.«

Tiras wirkte mit einem Mal verunsichert. Er hielt den Kopf, als blicke er irritiert über das Feuer hinweg, nach der Stimme suchend, die mit ihm sprach.

»Was meinst du damit: die Katze?«

»Du hast sie doch beschrieben. Die Katze. Die Katze, von der du immer sprichst. Ich hab so eine gesehen. Auf dem Grundstück. Sie schlich durch die Ruine. ’Ne schwarze Katze, schwarz wie Kohle. Mit glühenden Augen. Und einem gelben Fleck auf der Stirn. So sieht sie doch aus, oder?«

»Ja, aber … Das ist völlig unmöglich!«

Tiras erhob sich, hielt die Augen fixiert auf einen imaginären Punkt in der Stadt.

»Das kann nicht sein«, sagte er nachdrücklich. Doch Jolo setzte nach:

»Ehrlich, ich hab sie gesehn! Wenn du mir nicht glaubst, komm einfach mit.«

Mit diesen Worten sprang er auf, strich sich die Weste zurecht, die sich über seinen Bauch spannte, und wiederholte: »Komm mit. Vielleicht schleicht sie da noch irgendwo rum.«

Es war spät, sehr spät geworden. In dem Moment, als Jolo sich zum Gehen wandte, donnerte es. Wolken waren aufgezogen. Ein nächtliches Gewitter entlud sich über Metronas. Der Regen rauschte durchs Strebewerk der Eisenbahnbrücke, und Windstöße griffen nach den Flammen des Lagerfeuers. Jolo verdrängte den Gedanken, dass er sein manipulatives Spiel nun doch noch zu Ende gespielt hatte, denn kaum dass der Regen etwas nachließ, folgte ihm Tiras willig in die Stadt.

ENTFÜHRUNG

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Das Licht fiel durch einen Schlitz. Da war nichts als ein weißer Strich, in dem alles zusammenfand, was draußen geschah. Die Helligkeit verschluckte die Details. Alissa hielt den Atem an und zog den Kopf zurück, als wollte sie gar nichts sehen. Die Stimmen waren jetzt nur noch wenige Meter entfernt. Und diejenigen, die dort sprachen, suchten etwas.

»Hier ist niemand. Ich sag doch, die ist nicht im Haus.«

»Vielleicht hat sie sich versteckt.« Die Stimme wurde lauter: »Chess, Kilmer, behaltet die Türen im Auge. Es gibt nur zwei Ausgänge. Passt auf!«

»Das Bett ist unberührt. Sie ist nicht hier. Akten und so was gibt’s hier auch nicht. Ist vermutlich alles unten.«

»Vielleicht hat sie uns gehört und hat sich irgendwo verkrochen.«

»Wenn sie im Haus ist, hätte sie um diese Zeit im Bett gelegen. Wer weiß, wo die sich rumtreibt. In diesem Alter sind die nie zu Haus.«

»Dann suchen wir unten weiter. Wenn wir sie nicht finden, kümmern sich andere um sie. Wir haben noch einen wichtigeren Auftrag.«

Es dauerte eine knappe Minute. Alissa rechnete damit, dass die Tür ihres Verstecks plötzlich aufgerissen wurde. Wie froh sie jetzt war, in letzter Sekunde daran gedacht zu haben, die Bettdecke wieder zurechtzuziehen. Und wie gut, dass diese Typen nicht auf die Idee gekommen waren, das Bett auf Körperwärme zu untersuchen.

Es blieb hell im Zimmer und die Geräusche verzogen sich. Die Männer waren jetzt im Erdgeschoss und sprachen lauter als zuvor. Vermutlich waren sie nun tatsächlich davon überzeugt, dass sie sich allein im Haus befanden. Aber sie würden ganz sicher wieder hochkommen. Das Licht brannte ja noch. Sie verstand das als Signal.

Was wollten sie?

Je länger Alissa in ihrem Kleiderschrank blieb, desto fragwürdiger erschien er ihr als Versteck. Sie musste schnellstens hier raus.

Vorsichtig schob sie die Schranktür auf. Dann drückte sie den Kleiderberg, unter dem sie sich verborgen hatte, beiseite und kroch zurück ins Zimmer. Sie horchte einen Moment lang, ob die Geräusche aus dem Erdgeschoss wieder anschwollen. Sie hörte Stimmen, Türen, die geöffnet und geschlossen wurden, Schubladen, das metallene Rasseln von Aktenschränken, wieder Stimmen, das Klatschen eines Papierstoßes, der zu Boden fiel – aber keine Treppengeräusche. Alissa postierte sich an der Zimmertür und sah durch den Spalt hinaus auf den Galeriegang des oberen Stockwerks. Wohin sollte sie? Sie wollte näher heran, beobachten, was dort unten geschah. Gleichzeitig wollte sie weg, sich in Sicherheit bringen. Ihr Herz schlug schnell. Sie reagierte auf jedes Signal. Ihr Inneres tänzelte in höchster Anspannung.

Die Zimmer des oberen Stockwerks lagen an einem umlaufenden Galeriegang, von dem aus zwei gegenüberliegende Wendeltreppen nach unten führten. So beherrschte das Erdgeschoss den gesamten Kern des Hauses, erstreckte sich bis zum gläsernen Dach. Dieses Dach ruhte auf zwei etwa zehn Meter voneinander entfernten Marmorpfeilern. Es war eine kühne, luftige Konstruktion, aber nichts, worin es Nischen, Fluchträume, Plätze gab, um sich zu verstecken. Und es gab auch keinen Schlupfweg, den Alissa nehmen konnte, um unbemerkt das Haus zu verlassen. Sie würde abwarten müssen.

Die Stimmen und Geräusche aus dem Erdgeschoss waren laut und deutlich zu hören. Alissa hatte die Tür noch ein Stück weiter aufgeschoben und lauschte. Sehen konnte sie kaum etwas, nur dann und wann einen Schatten, der durch den schmalen Ausschnitt glitt, den sie von der unteren Etage wahrnahm. Aber sie konnte hören. Was sie nachts oft störte, kam ihr nun wie ein Glücksfall vor: Die offene Bauweise des Hauses verstärkte den Lärm, trug ihn direkt zu ihr. Sie hatte das Gefühl, dass die Einbrecher neben ihr standen und flüsterten – verärgert, aufgebracht, voller Ungeduld. Doch Alissa konnte sich kaum auf die Stimmen konzentrieren. Zwei Fragen gingen ihr wie Alarmsignale durch den Kopf: Wo war Bendar? Was war mit ihm geschehen?

Die Arbeitsräume im Erdgeschoss und der große, zentrale Raum waren ein einziges Chaos von Stell-Regalen, Aktenschränken, Schreibtischen, Zeichentischen, aufgerissenen Kartons mit teils noch verpackten Elektronik-Bauteilen, Sketchboards, Pinwänden und Wandtafeln, auf denen täglich ein Mix von Formeln wechselte. Die Firma führte ein Eigenleben, das dem Chaos von Bendars Denken entsprach und das die Geduld und die Aufnahmefähigkeit seiner engsten Mitarbeiter bisweilen ziemlich strapazierte. Lando Dandihla hatte schon mehrere Versuche unternommen, die Firma mit modernen Managementstrukturen zu versehen. Stella van Vesperen unterstützte Landos Versuche eher halbherzig, mehr aus Resignation denn aus Überzeugung. Im Grunde war sie genauso verrückt wie Bendar und liebte das kreative Chaos, dem die Firma so manche wichtige Entdeckung verdankte. Die »Kamdihla Cybercom AG« hatte sich unter den Spezialfirmen der Memo-Tech-Branche einen besonderen Namen gemacht. Allerdings war Bendar nicht allein durch bahnbrechende Entdeckungen, sondern auch durch Warnungen ins Rampenlicht getreten. Vor allem in letzter Zeit.

Waren die Typen deshalb hier? Hatte er Feinde?

»Verdammt, müssen wir diesen ganzen Mist durchwühlen? Da blickt doch keiner durch!«

Langsam schienen sie ungeduldig zu werden. Der Ton ihrer Unterhaltung wurde gereizter. Alissa vermutete, dass es vier Leute waren, die sich dort unten zu schaffen machten. Der Anführer sprach mit einer Stimme, die unvermittelt zwischen säuselnder Ironie und Eiseskälte wechselte. Ein paarmal hatte sie einen der Männer für einen kurzen Moment sehen können, wie zufällig eingefroren in dem schmalen Sichtschlitz, auf den sie sich konzentrierte.

Sie waren hochgefährlich.

»Achtet auf alles, was irgendwie mit Durando-Kontinuum, Posisco, Memoporting oder Implementen zu tun hat. Und jeder Fetzen Papier ist interessant, auf dem ihr die Worte Konglomerations-Effekt oder Transpersonalisation findet. Ganz besonders: Amplifikation. Verstanden? Amplifikations-Modul heißt das Zauberwort. Wenn es euch irgendwo auffällt, sofort melden. Strikte Anweisung von oben. Alles Gefundene in die Kisten.«

Dann, lauter: »Targo, schon was zu sehen?«

Etwas gedämpfter, anscheinend von der Haustür her, antwortete eine rauhe Stimme:

»Noch nicht. Der Wagen ist unterwegs. Barklas hat sich gemeldet. Zehn Minuten noch.«

»Und sonst?«

»Alles friedlich.«

Ein Rumpeln war zu hören. Dann schnarrte jemand lachend:

»Wir sollten das hier abfackeln, wenn wir abziehen. Schreckt ab. Und zu befürchten hätten wir nichts. Wir sind ja eigentlich eine Abteilung der Vigilanz, was?«

»Nichts da«, zischte der Anführer. Seine Stimme hatte nun jegliche Ironie verloren. »Kümmer dich um die Akten, Chess, und überlass das Denken mir! Wenn wir jetzt nichts finden, heißt das noch lange nicht, dass nichts zu finden ist. Brenn das Ding hier ab und ich möchte nicht in deiner Haut stecken. Verstanden? Außerdem kann er uns nicht mehr gefährlich werden.«

Gemurre war die Antwort. Die Autorität des Anführers stand außer Zweifel.

Wieder kam gedämpft die raue Stimme des Typen an der Haustür:

»He, Zoran. Er kommt. Soll ich raus?«

»Nein. Er soll direkt vor dem Gartentor parken und den Wagen abstellen. Sobald alles ruhig ist, mach Meldung!«

»Okay. Ist mistnass da draußen. Und es nieselt noch. Hält die Leute zurück.«

»Na, wunderbar. Wie viele Kisten sind es?«

»Acht.«

»Acht? Verdammt! Habt ihr jede Milchtüten-Quittung eingesammelt?!«

Die Worte klangen schneidend. Zoran, der Anführer, schien ein Typ zu sein, mit dem nicht zu spaßen war. Würden sie bald abziehen? Oder würden sie die Zimmer im ersten Stockwerk doch noch durchsuchen?

Alissa wurde wieder nervös. Sie konnte ihnen nicht entkommen. Und was hatte dieser Satz zu bedeuten? Er kann uns nicht mehr gefährlich werden. War Bendar gemeint?

»Die Luft ist rein!«, kam es von der Tür.

»Dann los. Kilmer, Chess, Targo: die Kisten zum Wagen. Und wenn ihr so weit seid, noch mal hoch. Vielleicht sind da oben doch noch irgendwelche Sachen gelagert. Beeilt euch. Borlund erwartet uns bald zurück.«

Skanda Borlund? Alissa begann zu zittern. Sollte sie zurück in den Schrank? Sobald sie die Galerie betrat, würde man sie entdecken. Das knarrende Holz würde sie verraten. Und die einzigen zwei Wege von der Galerie führten hinunter – direkt in die Arme der Typen.

»Los, schneller. Diese beiden Kisten hier auch noch. – Was zu sehen?«

»Ich weiß nicht. An der Brücke steht so ein Typ.«

»Was?! Auch das noch. Was tut er? Hat er was bemerkt?«

»Keine Ahnung. Er steht da rum und rührt sich nicht.«

»Was soll das heißen? Sag Barklas, er soll mal rüber. Zu Fuß. Ganz locker. Vielleicht verschwindet er. Targo, sieh oben nach. Es wird Zeit zu verschwinden!«

Alissa hörte einen unterdrückten Fluch. Und dann war da das Stapfen schwerer Schritte auf den hölzernen Treppenstufen. Sie huschte ungeachtet aller Risisken zum Schrank, verkroch sich unter den Kleiderhaufen und zog dabei die Tür zu. Die Schritte waren immer noch zu hören. Die Zimmertür wurde nun weit aufgestoßen und die Geräusche aus dem Erdgeschoss schwollen wieder an. Plötzlich kam ein Ruf:

»Mist! He, Zoran, da sind noch zwei andere. Jetzt sind es drei Typen. Einer von ihnen kommt näher. Barklas fragt, was er tun soll?

»Kommando zurück! Raus! Wir kommen später wieder. Targo, los. Wir verschwinden! Bloß nicht auffallen jetzt. Zurück in den Wagen, starten und ab!«

Targo gab die Anweisung über sein Funkgerät weiter. Innerhalb weniger Sekunden war es still im Haus. Die Haustür schlug zu, und in ihren aufgepeitschten Gedanken hörte Alissa den startenden Wagen, obwohl die Geräusche von der engen Straße gar nicht bis zu ihrem Schrankversteck vordrangen. Minutenlang lag sie vollkommen reglos und versuchte, die Angst zu verdrängen, den bohrenden Gedanken, dass dies alles nur geschehen war, um sie zu täuschen und den Einbrechern in die Arme zu treiben. Aber es blieb ruhig.

Als sie nach unten kam, hatte sie das Gefühl, durch die Zerstörungen eines Wirbelsturms zu schreiten. Blätter, Papiere, aus Schränken, Schubladen, Registerkladden gerissen, lagen am Boden verstreut. Ebenso Ordner, Aktenmappen, Bücher. Dies alles wieder in Ordnung zu bringen, schien ihr unmöglich. Aber das war jetzt ein eher unbedeutendes Problem. Sie musste Lando Dandihla anrufen und ihn warnen. Und Stella van Vesperen. Wahrscheinlich befanden sie sich in größter Gefahr.

Doch was war mit Bendar? Drängender als zuvor meldete sich diese Frage.

1 Uhr 30 war es mittlerweile. Alissa griff zum Telefon und suchte im Speicher nach Landos Nummer. Als sie auf die Ruftaste drücken wollte, klopfte es plötzlich an der Tür. Ein kraftvolles, schnelles Klopfen. Und dann schellte es – mit der Lautstärke eines Alarmsignals. Alissa hastete, ohne nachzudenken, zum Hinterausgang, verharrte dann jedoch. Langsam drang die Frage, weshalb sich die zurückkehrenden Einbrecher anmelden sollten, in das Chaos ihrer Gedanken vor.

»Alissa!«

Die Stimme kam von der vorderen Tür.

»Alissa, bist du okay?«

»Tiras?«

»Mach auf. Die Typen sind weg. Bist du okay? Ist alles in Ordnung bei dir?«

Es war Tiras. Ein Gefühl der Erleichterung erfasste sie. Sie lief zurück, öffnete die Haustür, und da standen, bis auf die Knochen durchnässt, Tiras, Jolo und der Graf. Ihre Gesichter spiegelten Verwirrung.

»Bendar ist verschwunden!«, rief Alissa. »Ich vermute, sie haben ihn entführt. Sie haben alles durchwühlt … Ich … Lando und Stella: Ich muss sie warnen! Sie haben gesagt, die Vigilanz ist auf ihrer Seite!«

Ihre Blicke blitzten hinaus in die Nacht, vorbei an Tiras, der in diesem Moment wie erstarrt dastand, als müsste er alles erst begreifen. Jolo schob die Gruppe energisch ins Haus und schloss die Tür. Womöglich wurde der Eingang beobachtet. Sie würden kaum Zeit haben, sich hier auszuruhen. Jolo fluchte leise vor sich hin. Er schaute nervös durch den Raum, von Fenster zu Fenster. Er schritt umher, ein wenig gebückt, wie es seine Art war. Der Graf verharrte bleich und stumm im Hintergrund. Er wirkte verloren in dieser Nacht.

Nachdem Alissa die Lage geschildert hatte, fiel die Starre langsam von Tiras ab, und er verriet, weshalb sie so unvermittelt aufgetaucht waren.

»Ich hatte befürchtet, sie haben dich gefunden und verschleppt«, sagte er. »Wir sind Wächtern begegnet, die davon sprachen, Kamdihla Cybercom auf den Kopf zu stellen. Jolo und der Graf haben eine zerstörte Villa entdeckt, eine Ruine im Süden der Stadt …«

Er brach ab, als er Alissas fragenden Blick sah. Dann erzählte er ihr, wie Jolo am späten Abend zu ihm gekommen war und wie sie später zusammen in die Stadt gegangen waren, zu der mysteriösen Ruine. Aber er verschwieg zunächst, dass er das Grundstück schnell wieder verlassen musste, weil er plötzlich von seltsamen Visionen heimgesucht wurde – was Alissa möglicherweise gerettet hatte.

»’Ne alte, abgebrannte Villa«, sagte Jolo. Er konnte seine Unruhe kaum verbergen. »Und dann kamen sie und drangen da ein. Schwarze Wächter. Ich glaube, da waren auch Leute von der Vigilanz dabei!«

»Ich bin Jolo in diese Villa gefolgt, obwohl ich ein … ein ungutes Gefühl hatte«, ergänzte Tiras. »Die Villa muss mal ein wichtiges Gebäude gewesen sein. Ein richtiges Prunkstück zu ihrer Zeit. Liegt versteckt zwischen Bäumen und Gebüsch. Als ich die Trümmer berührte, da hab ich …« Er schüttelte den Kopf und schwieg.

»Da leben wir jetzt. In einer Kammer. Die ist heil geblieben. Unter einer der Treppen.« Jolo versuchte zu lachen. Aber seine Stimme klang heiser. »Sie kamen wie aus dem Nichts. Sprachen dauernd von Kamdihla. Und haben alles durchwühlt. Wir waren grade dabei, das Grundstück zu verlassen …«

Alissa bemühte sich, die Geschehnisse der vergangenen Stunden und die verworrene Geschichte, der sie nun lauschte, zusammenzubringen. Es ergab keinen Sinn. Und es beantwortete keine ihrer drängenden Fragen.

»Wer kam? Und wann? Die Typen, die hier waren? Das passt doch nicht! Und Bendar? Haben sie was über Bendar gesagt? Verdammt, wir müssen Lando und Stella anrufen. Sofort! Und …«

»Nein. Wir müssen schnell von hier verschwinden«, unterbrach Tiras sie. »Das Telefon zu benutzen, ist viel zu gefährlich! Wenn die Vigilanz hier alles überwacht!?«

Er griff nach Alissas Hand, als wollte er sicherstellen, dass sie jetzt genau das tat, was er für richtig hielt.

»Müssen ziemlich viele gewesen sein. Mit Transportern sind sie gekommen. Wir hatten Glück, dass wir so gut versteckt waren«, sagte Jolo. »Würd mich nicht wundern, wenn die den gesamten Schutt der Ruine durchsuchen. Wir konnten uns grad noch wegschleichen.«

Tiras wirkte plötzlich sehr nachdenklich. »Ich musste da raus«, flüsterte er, »ich bekam keine Luft mehr in diesen Trümmern …«

Er hielt inne, drängte die Bilder zurück und konzentrierte sich:

»Wir haben mitbekommen, dass sie auch euer Haus durchsuchen wollten«, fuhr er fort. »Zwei von den Wächtern sprachen von Kamdihla Cybercom. Sie erwähnten Bendars Unterlagen und seine Forschungen. Sie sprachen von Durando-Akten. Sie sagten, dass die Firma jeden Fehler vermeiden will und dass …, dass Kamladis ihnen jetzt nicht mehr in die Quere kommen kann!«

Alissa starrte ihn fassungslos an.

»Der Lord!«, rief plötzlich Jolo.

Sein Blick flog zum Grafen, dann zu Tiras und Alissa, als erinnerte er sich erst jetzt an diese Worte: »Sie haben gesagt, der Lord duldet keinen Aufschub. Er will das Modul sofort. Ja. Der Lord wird sich Kamladis vorknöpfen. Wegen dem Modul. So hab ich’s gehört …«

»Aber was …? Was soll das bedeuten!?«, rief Alissa. »Das Modul? Was hat das mit meinem Vater zu tun? Und was heißt, er will sich Bendar vorknöpfen? Du hast vorhin gesagt, er kann ihnen nicht mehr in die Quere kommen?!«

Der Graf, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, gab Jolo nervös ein Zeichen. Sie mussten aufbrechen. Wenn die Unbekannten das Haus umstellten, saßen sie in der Falle.

»Deinem Vater ist sicher nichts passiert«, versuchte Tiras zu beschwichtigen. »Weshalb sonst diese Suchaktionen? Sie haben seine Forschungsergebnisse mitgenommen. Kistenweise. Sie verstehen doch nichts davon. Wenn sie auf seine Forschungen aus sind, dann … dann brauchen sie ihn. Sie tun ihm nichts. Hörst Du? Vielleicht hat Bendar sich versteckt, und sie suchen ihn immer noch!«

Alissa schloss die Augen. Sie versuchte, sich taub zu stellen für das, was in ihr tobte. Sie musste es zurückdrängen.

Sie musste die Lage analysieren.

Als sie die Augen wieder öffnete, wandte sie sich an Jolo.

»Du hast von einem Lord gesprochen. Der Lord duldet keinen Aufschub, hast du gesagt.«

Jolo nickte.

»Ja, der Lord«, stammelte er. »Das … das hab ich gehört. So haben’s die Typen gesagt.«

Es gab in Metronas und in der Nigrana nur einen einzigen Menschen, den man Lord nannte. Zanja Patrias, Statthalter der Nigrana und Vorsitzender des Großen Rates, der in der Zitadelle westlich der Stadt residierte: Zanja Patrias oder auch Lord Patrias. Aber der Statthalter war kein Verbrecher. Mochten manche Abteilungen der Vigilanz zwielichtig erscheinen, die Herrschaft der Zitadelle war über den Verdacht, ein kriminelles Netzwerk zu betreiben, erhaben. Es gab auch die Gestalt in den Visionen, die Tiras heimsuchten. Doch das, was Tiras sah, waren Traumbilder, nichts weiter.

Tiras schwieg. Er war bleich geworden.

Plötzlich räusperte sich der Graf.

»Man spricht in der Stadt tatsächlich von einem … Lord«, sagte er leise. »Es gibt Gerüchte. Ja. Seit den Vorbereitungen zur Verhüllung brodelt es. Besonders unter den Berbern, die das erhöhte Aufkommen von Wächtern und Patrouillen mit Sorge verfolgen. Wächter bedeuten für die Berber nichts Gutes. Und man darf nicht vergessen: Die Berber sind das Gedächtnis der Stadt.«

»Das Gedächtnis der Stadt?« Alissa sah ihn erstaunt an. »Was heißt das? Was hat das mit diesem Lord zu tun?«

»Es sind nur Geschichten«, meinte der Graf, »alte Geschichten und Sagen, die immer schon unter den Berbern kursieren. Geschichten aus dem Schwarzen Land, die sie sich an den Feuern erzählen, von Kämpfen zwischen der Stadt und der Nigrana. Geschichten von Heeren und Abenteuern, von den Schlachten im Hochland. Da wird manchmal ein Lord erwähnt, ein Schwarzer Lord, der …«

»Nein!«, rief Alissa. »Es geht doch nicht um Geschichten oder um die Vergangenheit. Der Lord muss jemand sein, der sich jetzt, in diesem Moment, in der Stadt befindet. Hier. In Metronas. Und er hat irgendwie mit Posisco zu tun. Er ist jemand mit Macht, der seine Leute losschickt, um in Häuser einzudringen und sie zu durchsuchen. Ein Verbrecher, der es auf meinen Vater abgesehen hat. Der mit Skanda Borlund gemeinsame Sache macht. Borlund erwartet uns bald zurück – ich hab’s genau so hier im Haus gehört. Vielleicht ist Skanda Borlund dieser Lord. Jemand, mit dem Bendar aneinandergeraten ist. Der sehr viel Macht hat und dem Bendar ein Dorn im Auge ist. Jolo hat gesagt: Er wird sich Bendar vorknöpfen, der Lord. Wer auch immer es ist, ich fürchte, er hat es schon getan!«

Alissa war immer lauter geworden und die Wut in ihrer Stimme immer deutlicher. Der Graf machte ein gequältes Gesicht und wiegelte ab: »Alissa, beruhige dich doch! Ich habe ja auch gehört, was da gesprochen wurde. Es war alles sehr hektisch. Vieles ging durcheinander. Wir müssen besonnen bleiben …«

Er sah Alissa und Tiras an, sah die Ungeduld in Alissas Augen und den Zweifel. Tiras wirkte verstört, in sich gekehrt. Und auch Jolo blieb stumm.

Schließlich machte der Graf einen Vorschlag:

»Vielleicht ist es das Beste, wenn wir zu den Berbern gehen und sie um Hilfe bitten«, sagte er. »Baba Faah ist in der Stadt. Sie kampieren in einem Schlupfwinkel am alten Kanal, wo sie zusammengekommen sind, um sich zu beraten in diesen unruhigen Tagen. Baba Faah kennt die alten Geschichten. Und …«

Er rieb sich resigniert die müden Augen:

»Die alten Geschichten füllen sich mit neuem Leben. Die Berber sind alarmiert. Sie befürchten Schlimmes. Es geschehen seltsame Dinge in der Stadt und in der Nigrana.«

Er sah auf. Aber er wich Alissas Blick aus.

»Lasst uns aufbrechen«, fuhr er fort. »Wir gehen zu den Berbern. Ich kenne ihren Schlupfwinkel. Wir ruhen uns aus, bis der Tag anbricht. Dann sprechen wir mit Baba Faah und seinem Clan. Vielleicht wissen die Berber Rat.«

BABA FAAH

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Die Dämmerung kam früh, nur wenige Stunden, nachdem sie sich zur Ruhe gelegt hatten. Die Botenstromschneisen leuchteten, traten als glühendes Netz von Spiralen aus dem Himmel. Dann verschwammen die Konturen, verblassten – und verloren sich. Und es begannen die Geräusche des Morgens.

Sie sahen und hörten nichts davon.

Tiras und Alissa schliefen noch. Der Graf hatte lange vor Sonnenaufgang begonnen, über die Ereignisse der vergangenen Stunden nachzudenken. Der Anbruch des neuen Tages drang kaum vor bis zu ihrem Platz im unterirdischen Abschnitt des alten Kanals. Diese Strecke von knapp zwei Kilometern führte von der Hauptwache bis zum Rand des Cabanisviertels. Trübes Licht stand geisterhaft unter den steinernen Luftschächten, die man fast zweihundert Jahre zuvor angelegt hatte. Damals, als der Kanal gebaut wurde. Oben, in den Straßen der Stadt, endeten die Schächte in durchbrochenen glockenförmigen Kuppeln, um das Rautenmuster der Luftlöcher verziert mit den Schwärzungen der Jahrhunderte.

Die Belüftung des unterirdischen Kanalabschnitts hatte gute Gründe gehabt. In früheren Tagen nahm der Kanal einen Teil der städtischen Abwässer auf. Der Faulgestank des Dreckwassers hätte die Arbeit im Tunnel unerträglich gemacht. Täglich wurden Dutzende Kohle- und Erzschuten durch den Kanal gezogen.

Aber diese Zeiten waren längst Geschichte. Der Kanal hatte viele seiner Funktionen verloren. Das Kanalstück unter der Erde, der Treidelpfad am Ufer, die Kammern, die den Tunnelrand säumten, die Lagerräume für Erze und Zuggeschirre, Ruderboote, Pferdefutter – sie spielten im Leben der Stadt keine Rolle mehr.

Der Duft von Kaffee und geröstetem Brot und der scharfe Geruch eines Holzfeuers kitzelten Tiras in der Nase. Er vernahm den dumpfen Hall der Kammer. Da waren Stimmen. Man redete leise miteinander, nahm Rücksicht auf die Schlafenden. Tiras hörte Jolo und den Grafen aus dem Gemurmel heraus – und Baba Faah: den Mann, den die Berber der Nigrana als ihren Vater betrachteten, als ihren König und Richter.

Baba Faah war über achtzig Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann, an dem drei Dinge unveränderlich schienen: die schwarze Lederkappe auf dem Kopf, der weiße Haarkranz, der die Kappe umrahmte, und der weiße Bart, der wie ein Bausch aus Watte um Kinn und Hals quoll. Diese Attribute verliehen ihm das Aussehen eines Weisen, und als Weiser wurde er verehrt.

Der Graf gehörte zu den Vertrauten Baba Faahs. Sie schätzten sich sehr, auch wenn sie sich selten trafen. Der Graf und Jolo stießen nur sporadisch zu den Gruppen von Berbern, die durch die Nigrana zogen. Wenn diese sich aber in Metronas aufhielten, kamen Baba Faah und der Graf zusammen.

Nun erwachte auch Alissa. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Die Träume der kurzen Nacht hatten sie in Abenteuer gestürzt, die an allen möglichen Orten spielten. Nur nicht im Kanaltunnel unter der Stadt.

Nargo, der jüngste Sohn Baba Faahs, brachte Kaffee zu ihrem Schlafplatz. Sein kluger, freundlicher Blick, die schwarzen Augen unter den pechschwarzen Locken, gaben Alissa wenigstens für den Moment ein Stück der Zuversicht zurück, die ihr beim Erwachen im düsteren Tunnel entglitten war – als sich die Erinnerungen an die Schrecken des vergangenen Tages wieder einstellten.

Tiras strich ihr über den Arm. Alissa versuchte zu lächeln.

Baba Faah und der Graf waren in ein Gespräch vertieft. Sie saßen auf Würfeln aus zusammengeschnürten Fellstücken. Neben ihnen hockten Jolo und Gil Pandra, der älteste Sohn Baba Faahs, sowie drei weitere Berber: Männer, deren Gesichter im Feuerschein angespannt wirkten. Als sich Tiras und Alissa zu ihnen gesellten, verstummten die Gespräche. Alissa sah in den klugen Augen des alten Mannes, dass er sich große Sorgen machte:

»Der Graf hat berichtet mir, was ihr erlebet habt, in der Nacht«, sagte er mit tönender Stimme, in eigenwilligen Wendungen. Baba Faahs Sprechen war eine Melodie, die sich um die Gruppe am Lagerfeuer legte. Wenn man ihm lauschte, verriet allein der Klang seiner Worte etwas vom Wissen der Berber, vom Leben in Grenzräumen, von Gesetzen, die nur für die Nomaden der Nigrana galten. Vor allem, wenn er auf die alte Sprache seines Volkes zurückgriff: auf eine Sprache, die der Geschichte der Berber, ihren geheimsten Anliegen, vorbehalten war.

»Ich habe gehört, ja. Ich habe gehört von deinem Vater«, sagte er. »Und ich hoffe. Ich hoffe sehr. Ein guter Mann er ist, dein Vater!«

Alissa, die sich in stummer Übereinkunft mit Tiras vorgenommen hatte, allem und jedem zu misstrauen und sich vorsichtig zu verhalten, machte unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu.

»Wo ist er?«, fragte sie leise. »Wissen Sie, wo er ist?«

Baba Faah machte eine undeutbare Kopfbewegung.

»Menschen. Viele Menschen. Viele Menschen gehen fort in Schwarzes Land. Sie gehen und doch – sie bleiben! Retour da milia, tantra milia da nigra …«

Er starrte auf einen unbestimmten Punkt in der Dämmerung des Tunnels, während er sprach. Er sah durch Alissa hindurch.

»Menschen sind verschwunden. Viele Menschen sind verschwunden. Die Stadt ist ein großes Heer von Menschen. Sie alle sind verschwunden. Und niemand, niemand, der sie vermisst. Die Nigrana, sie haben nicht gefunden. Viele. So viele. Marina hat gesehen alle. Marina hat gekannt sie alle. Ein Heer. Ein mächtiges Heer. Retour da nigra patrona!«

Seine Worte waren voller Rätsel. Heere von verschwundenen Menschen? Was sollte das bedeuten? Den Namen Marina hatte Alissa nie gehört. Doch sie lauschte gebannt. Da war dieser Sog der Sprache. Baba Faah nahm die Hand des Grafen, als brauchte er Zustimmung oder als suchte er Verständnis. Der Graf saß nur da und schwieg. Und Baba Faah sprach wie in Trance:

»Der Lord. Er wird kommen und suchen. Und es wird groß und größer, sein Heer. Groß und größer. Und Tiras, dein Name. Schwarz und so groß. Es spricht deinen Namen. Es spricht auch Alissa. Viele. Es sind viele Geschichten. Und Nachrichten kommen. Aus den Sümpfen. Aus den Schwarzen Bergen. Viele Geschichten und Nachrichten. Kahfis und Balda Ssahn und Mol Pathuk: Sie haben gesehen Tiamandras, haben gesehen Feuerdrachen. Tiamandras ultra monta arason transmonta magentra. Retour! Auch Marina. Der Schwarze Lord, er kommet zurück. Alles hat Marina gesehen.«

Baba Faah schloss die Augen. Sein schwerer Körper wiegte langsam vor und zurück. Seine seltsamen, dunkel tönenden Aussagen verwirrten Alissa. Sie brannte darauf, ihrem Vater zu helfen, von seinem Schicksal zu erfahren. Und als ob Baba Faah diesen unausgesprochenen Wunsch hören konnte, gab er ihr Antwort:

»Dein Vater. Er ist gefangen. Wir kennen Verstecke in der Stadt. Viele Verstecke. Aber dein Vater ist verschwunden. Ratlos sind wir. Er ist ein guter Freund. Ein guter Freund. Er lebt. Wir wissen, er lebt. Aber sein Versteck, wir kennen es nicht. Kahfis und Danias Bargu und Raina Tabra, Siliva Aduun. Alle sagen sie, er lebt. Viele Berber, die jetzt in der Stadt sind, sagen, er ist gefangen hier. Es ist alles ein Rätsel. Ein Rätsel.«

Als er diese Worte sprach, glitt sein Blick vom Grafen zu Gil Pandra, dann zu den drei Berbern, die mit im engeren Kreis um das Feuer saßen: Kahfis, Balda Ssahn und Mol Pathuk: Anführer der Clans. Ihre Familien hatten sich vor vielen Jahren der Gruppe um Baba Faah angeschlossen. Wenn wichtige Entscheidungen anstanden, trafen sie diese in gemeinsamer Abstimmung.

Mol Pathuk, vielleicht der jüngste von ihnen, war ein Mann mit bulligem Gesicht und breiten Wülsten über den Augen. Balda Ssahn wirkte hager und sah übermüdet aus. In seinen Augen entdeckte Alissa etwas, das ihn mit dem Grafen verband: einen Blick voller Güte. Kahfis schließlich schien der nachdenklichste der drei zu sein. Der Bartschatten und das weit in die Stirn zurückweichende Haar mochten zu diesem Eindruck beitragen – und die Tatsache, dass Alissa sich kaum vorstellen konnte, ihn lachen zu sehen.

Die Berber lebten die meiste Zeit des Jahres in den Weiten der Tenebersümpfe, jenseits des Mühlenlands oder im Hochland von Arden. Manche bewohnten den Palustrinawald, der sich Hunderte von Kilometer östlich des Sees von Porta Cresta erstreckte. Es gab Clans, die den Wald nie verließen.

Gerüchte besagten, dass die Berber eine Art Hauptstadt in der versunkenen Stadt Kartas, mitten im Sumpfland, errichtet hatten. Metronas jedenfalls war für sie ein Ort, den sie nur selten aufsuchten, obwohl sie die Stadt und ihre Verstecke vermutlich besser kannten als die Bewohner selbst. Es gab einige wenige Handelsbeziehungen zwischen Berbern und Kaufleuten der Stadt. Doch Metronas, vor allem die herrschende Klasse, hatte die Berber stets abgewiesen. Man empfand sie als Fremdkörper, und von Zeit zu Zeit erlebte die Nigrana Gewaltexzesse gegen die Clans.

Kahfis meldete sich zu Wort:

»Centras da milia inunda nigrana, da nigra patrona.«

Baba Faah und die Clanführer nickten. Nun wandte sich Balda Ssahn der Runde zu: »Centras da milia da monta nigrana, da nigra patrona.«

Wieder gab es Zustimmung.

Schließlich sprach Mol Pathuk:

»Stirra da monta umbra a nigra patrona! Da montas nigra as nigra patrona! Stirra da milia tantras. Tiamandras!«

Tief und raunend klang das – eindringlicher noch als die Worte seiner Vorredner. Sie alle hatten ihre Botschaften mit heiligem Ernst vorgebracht.

Alissa konnte nur vermuten, dass es um Ereignisse im Schwarzen Land ging. Doch die Aussagen zu übersetzen verstieß gegen ein ungeschriebenes Gebot. Es blieb bei den dunklen Wortmelodien in der fremden Sprache, bei Andeutungen. Dann antwortete Baba Faah, und nannte mehrfach deutlich den Namen »Marina«. Diese Frau schien mit den unerklärlichen Vorgängen in der Nigrana auf rätselhafte Weise verbunden.

Wer aber war Marina?

Baba Faah fuhr fort:

»Die Geschichten«, sagte er. »Die Geschichten von Macht aus den Schwarzen Bergen und den Sümpfen des Teneber. Es stimmt alles. Es wiederholt sich. Der Schwarze Lord! Retour da nigra patrona tantra milia. Tantra milia! Gebet acht!«

Nun richtete er seine Worte an den Grafen:

»Gebet acht,« wiederholte er. »Tiras und Alissa. Sie sind in Gefahr. Retour da nigra patrona tantra da tantra milia.«

Der Graf musterte Baba Faah nachdenklich.

»Die Macht des Schwarzen Lords kehrt zurück. So deutet ihr die Ereignisse?«

Baba Faah nickte. Der Graf wirkte verunsichert.

»Die alten Geschichten«, murmelte er. »Ihr haltet sie für wahr. Ich weiß. Und ich sehe ja selbst, dass … Dinge geschehen …«

Es waren Feststellungen, und sie klangen doch wie Fragen.

Tiras und Alissa verfolgten das zögerlich verlaufende Gespräch mit seinen versteckten Gesten. Der Herrscher, den Tiras in seinen Träumen so oft gesehen hatte, nahm erneut Gestalt an. Tiras kämpfte mit sich. Die Bilder waren mächtig.

Gil Pandra bemerkte, wie schwer sich der Graf mit den Erzählungen der Berber tat. Er hatte auch Alissa und Tiras beobachtet. Jetzt erhob er sich:

»Ihr müsst wissen«, sagte er, »dass der Schwarze Lord in den alten Geschichten der Nigrana nicht unbekannt ist. Es war der heimliche Titel des Patronars der Nigrana. Das einfache Volk nannte ihn Schwarzer Lord. Wie auch die Berber. Aus Ehrfurcht. Aus Angst. Er war ein strenger Herrscher und sein Heer war gefürchtet. Aber seine Macht war nicht unumschränkt. Zu seiner besten Zeit regierte er die Stadt Metronas und die Nigrana mit harter Hand, und niemand konnte ihm gefährlich werden. Dann aber begann der Aufstieg der Stadt, und unter den Bürgern von Metronas bildete sich eine eigene Elite heraus. Der Statthalter von Metronas, der ein Vasall des Patronars gewesen war, wurde mächtiger und mächtiger. Er verstand es meisterlich, sich mit den Bürgern, den Erzhändlern, den Minenbesitzern, den Kaufleuten zu arrangieren. Sie akzeptierten ihn als ihren Herrn, und zusammen mit dem Kommandanten der Vigilanz bildete er bald eine Macht, die der des Patronars gleichwertig war. Anfangs gehörten sämtliche Burgen und Türme auf den Bergen der Nigrana zum Besitz des Patronars. Zum Schluss residierte er nur noch auf dem Ardenfels. Seine Gefolgsleute hatten sich nach und nach dem Statthalter von Metronas angeschlossen: Politik war schon immer ein reines Machtspiel. Und als sich der Statthalter von Metronas plötzlich Statthalter der Nigrana nannte, kam es zum offenen Kampf. Der Patronar, der einmal der absolute Herrscher des Schwarzen Landes gewesen war, musste sich am Ende einer blutigen Schlacht nahe dem Ardenfels geschlagen geben. Er zog sich mit den Resten seines Heeres ins Hochland zurück. In manchen Erzählungen wird behauptet, er sei im Kampf gefallen. Es kursierten viele Gerüchte über seinen Verbleib. Und seine Anhänger setzten die Sage von seiner Wiederkehr in Umlauf.«

»Und das soll der Hintergrund sein für alles, was jetzt geschieht?«, fragte Alissa irritiert und voller Ungeduld.

»Nein, die Sache ist komplizierter«, erwiderte Gil Pandra. »Die Erzählungen vom Schwarzen Lord sind alt und unter uns Berbern noch immer sehr lebendig. Kahfis, Balda Ssahn und Mol Pathuk haben aber wohl Dinge gesehen, die sich kaum mit den Legenden erklären lassen. Da draußen in der Nigrana geht etwas vor, das mit heutigen Kräften zu tun hat …«

»Stirra da monta umbra a nigra patrona! Tiamandras!«, fuhr plötzlich Mol Pathuk mit harschem Ton dazwischen.

Gil Pandra brach ab. Die Berber reagierten geradezu feindselig auf seine Worte. Baba Faah warf seinem ältesten Sohn einen warnenden Blick zu. Da nutzte der Graf die Gelegenheit, sich zu erheben.

Als er das Wort ergriff, fiel Alissa wieder auf, wie sehr er auf seine Formulierungen achtete. Aber er schien einen Entschluss gefasst zu haben. Womöglich wusste er etwas, das er auch den Berbern verschwieg. Hatte das vielleicht mit Tiras zu tun? Bendar hatte immer dafür gesorgt, dass Alissa von Schwierigkeiten, in denen er steckte, nichts erfuhr. Verhielt sich der Graf ebenso?

Unvermittelt kam er auf die Frau namens Marina zu sprechen

»A

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