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Die Ermittlung

 

Torkel S Wächter

 

 

 

 

Die Ermittlung

Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen

Familie aus Hamburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Gustav und Minna sowie ihre Urenkel

 

 

Die Auszüge aus den Tagebüchern Victor Klemperers werden zitiert nach: Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1941. Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer. Berlin: Aufbau Verlag 1995.

Die Tagebücher und Memoiren Walter Wächters befinden sich noch heute im Besitz der Familie Wächter.

Die angeführten Quellen stammen aus dem Staatsarchiv Hamburg. Die Übertragung der Quellen wurde von der Sütterlinstube Hamburg angefertigt. Die Schreibweise der Abkürzungen kann je nach Verfasser variieren.

 

 

Mehr Informationen finden Sie auf der Internetseite des Buches unter

www.onthisday80yearsago.com

 

Montag, der 30. Januar 1933

 

Am Montag, dem 30. Januar 1933, sitzt Gustav Wächter am Schreibtisch seines Büros im Finanzamt Baumeisterstraße 8. Er hat soeben einige Dokumente unterzeichnet, blickt auf und betrachtet durch sein Fenster die Frauenstatue, die das siebzehn Meter hohe Denkmal auf dem Hansaplatz krönt. Sie stellt nicht Hammonia dar, die Schutzpatronin Hamburgs, wie viele glauben, sondern bildet eine allegorische Darstellung der Hanse in Frauengestalt, eine norddeutsche Marianne. Ihre rechte Hand ist in einer beschützenden Geste über den Platz erhoben und in der linken trägt sie einen Dreispitz, an dessen Fuß eine Hansekogge aus dem Stein gemeißelt wurde, auf deren Heck das Hamburger Stadtwappen in Gold abgebildet ist. Das Denkmal wurde aus belgischem Granit und Sandstein errichtet, es steht auf einem kreisförmigen Treppensockel, der zu dem quadratischen, halbhoch mit Wasser gefüllten Becken führt. Wasser, das aus vier Löwenmäulern spritzt und in muschelförmige Becken hinunter gespuckt wird. Über den Löwenköpfen steht in vier Nischen eine zusammengewürfelte Ansammlung von Statuetten – der römische Kaiser Konstatin, Karl der Große, Erzbischof Ansgar und Adolf der III. von Schauenburg. Darüber thronen die Stadtwappen der norddeutschen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck sowie das deutsche Reichswappen. Es ist nicht ganz einfach zu durchschauen, warum diese Figuren und Symbole um den Brunnen auf dem Hansaplatz versammelt wurden, aber man ahnt, dass dieses Denkmal von der Macht der Hanse und Hamburgs Platz als natürlicher Bestandteil des Deutschen Reichs erzählen will. Gleichzeitig erzählen die vier Statuetten im Sockel des Denkmals etwas über die Christianisierung Europas und vor allem Norddeutschlands.

Rund um den Hansebrunnen neigt sich der Markthandel für diesen Tag dem Ende zu. Einige der fahrenden Händler haben ihre Waren bereits weggepackt und Gustav lauscht dem charakteristischen Geräusch der metallbeschlagenen Räder ihrer Wagen auf dem Pflaster, als plötzlich einer der ihm unterstellten Mitarbeiter ohne anzuklopfen in sein Büro stürmt. So etwas ist noch nie vorgekommen. Einmal im Raum erzählt der Kollege mit einer Mischung aus Euphorie und kaum verhohlener Schadenfreude, dass Adolf Hitler nun Reichskanzler ist. Der hereinstürmende Kollege, dessen Name Georg Herrel ist, erkennt plötzlich, dass er etwas Ungehöriges getan hat, und entschuldigt sein Verhalten damit, dass er Geburtstag hat. „Ich werde heute fünfundvierzig“, erklärt er verlegen und man sieht ihm an, dass er dies als ein Omen betrachtet.

 

Ein anderer Mann, der an diesem Tag Geburtstag feiert, ist Franklin Delano Roosevelt, der frisch gewählte, aber noch nicht in sein Amt eingeführte, zweiunddreißigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der zu einem würdigen Gegner Hitlers werden und den Führer schließlich gemeinsam mit anderen besiegen wird. Georg Herrel ist sich dieses Zusammentreffens nicht bewusst, als er sich zurückzieht, um seinen Geburtstag zu feiern, und seinen Chef verlässt, der alleine den Platz betrachtet.

 

In Gustav Wächters Augen ist der Hansaplatz immer einer der schönsten Plätze der Stadt gewesen und er hat seinen Arbeitstag häufig damit beendet, bei den Händlern auf dem Platz oder in einem der kleinen Geschäfte, die ihn umsäumen, einzukaufen. Er überlegt, ob er in Herrn Simmons Drogerie an der Ecke Hansaplatz 7 vorbeischauen und dort einige stärkende Hustenbonbons kaufen soll, ehe er zum Hauptbahnhof weitergeht, um dort die Hochbahn zu seiner Wohnung im Eppendorfer Weg zu nehmen, als ihm plötzlich auffällt, dass die Frauenstatue, die den Hansebund symbolisieren soll, ihm den Rücken zukehrt. Er hat bisher nie darüber nachgedacht, aber sie blickt nach Südosten, zum Steindamm und dahinter in Richtung Heiliges Land. Und zum ersten Mal sieht Gustav Wächter, dass ihre Hand nicht beschützend über die Stadt erhoben ist, sondern vor ihrem Körper zum Hitlergruß ausgestreckt wird.

 

Dienstag, der 31. Januar 1933

 

Der 31. Januar 1933 ist ein Dienstag, was bedeutet, dass Gustav Wächters jüngster Sohn Walter in dem Heim für „schwer erziehbare“ Kinder, in dem er ein Praktikum absolviert, Morgendienst hat. Er hat die Nacht im Bereitschaftsdienst verbracht und wird seine Schicht um zwölf Uhr beenden. Punkt zwölf wird Walter von einem Kollegen abgelöst und eilt zu seinem Zimmer, um etwas zu essen, sich zu waschen und umzuziehen. Einer der Jungen hat für ihn bereits das Essen aus der Küche geholt und auf den Tisch gestellt. Dies ist eine sehr begehrte Aufgabe, da es die stillschweigende Übereinkunft gibt, dass der Dienstwillige sich mit Walter die Mahlzeit teilen darf. Außerdem kann er das Zimmer des Praktikanten benutzen, wenn dieser nicht da ist. Walter isst schnell, wäscht sich, zieht einen Knickerbocker-Anzug an und tritt auf die Averhoffstraße hinaus. Es ist einer dieser kalten, klaren Wintertage, wie sie für seine Heimatstadt so typisch sind. Die Luft ist frisch und die Sonne wärmt angenehm, was einem eine Vorahnung vom kommenden Frühling beschert. Walter ist glänzend gelaunt, denn er ist auf dem Weg zu seiner Freundin, Liesbeth. Er summt eine Melodie und pfeift Teile des Refrains, als er in eine Querstraße zum Mühlenkamp einbiegt, die ihn schneller zu Liesbeth bringen soll. Dort, an der Straßenkreuzung, brüllt jemand „Heil Hitler“ und streckt provozierend den Arm in Walters Richtung aus, der mit dem Zeigefinger an seine Schläfe tippt, um zu zeigen, was er davon hält. Dann setzt er, scheinbar unbeeindruckt, seinen Weg Richtung Krohnskamp fort. Der Schreihals, ein junger Mann in Walters Alter, ruft etwas, was Walter nicht richtig versteht, auch wenn ihm die Bedeutung klar sein dürfte. Es passiert von Zeit zu Zeit, dass er auf der Straße belästigt wird. Walter betrachtet dies jedoch nicht als sein Problem. Er weiß, dass es viele gibt, die in ihm ein fremdes Element sehen, jemanden, der in Deutschland nicht zu Hause ist. Und was bedeutet das? Wer von all diesen Menschen weiß mehr über deutsche Geschichte als Walter, wer beherrscht die deutsche Sprache besser als er, wer ist inniger mit der deutschen Kultur verbunden als er? Goethe, Schiller, die Weimarer Klassik und die deutsche Romantik waren Walters Lieblingsthemen auf dem Gymnasium. Was schert es ihn, wenn diese Menschen, die sich „deutsch-nationale“ nennen, ihn nicht als einen von ihnen betrachten. Er ist keiner von ihnen. Er ist ein Teil der radikalen Intelligenz und solidarisiert sich mit dem deutschen Arbeiter, denkt er. Dies verleiht ihm einen undurchdringlichen Panzer gegen antisemitische Angriffe. Sie berühren ihn nicht. Die Vorurteile sind nicht sein Problem, sondern das der Antisemiten.

 

Als Walter Liesbeths Haus erreicht, hat er den Zwischenfall mit dem jungen Nazi schon wieder vergessen. Liesbeth winkt ihm vom Fenster aus zu und Walter läuft die Treppe hinauf. Sie öffnet die Tür und küsst ihn flüchtig, was bedeutet, dass sich kein Familienmitglied in ihrer unmittelbaren Nähe aufhält.

„Weißt du es schon?“, fragt sie.

Er will wissen, was sie meint, und sie erzählt ihm, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hat, was Walter mit einem Schulterzucken quittiert. Der letzte Reichskanzler, Kurt von Schleicher, hielt sich gerade einmal einen guten Monat und sein Vorgänger, der Dilettant und Rittmeister Franz von Papen blieb ganze fünf Monate. Was soll dafür sprechen, dass Hitler länger an der Macht bleiben wird als Schleicher oder Papen? Letzterer ist im Übrigen jetzt Vizekanzler in Hitlers Kabinett, informiert ihn Liesbeth.

„Dann ist der braune Spuk sicher bald vorbei“, sagt Walter mit leiser Stimme und steckt anschließend den Kopf zur Küche hinein, um Liesbeths Vater zu grüßen, der in Feierlaune ist und sich gerade seine braune Uniform anzieht, um seine Kameraden aus der Blaskapelle zu treffen, in der er Posaune spielt.

 

Mittwoch, der 1. Februar 1933

 

Am Mittwoch, dem 1. Februar, treffen sich die Kollegen vom Finanzamt Baumeisterstraße bei Steuerassistent Baltscheid, der in der Lohnsteuerstelle arbeitet und zu Hause einen Empfang gibt, weil er fünfundsechzig wird und in Rente geht. Im Laufe des Abends werden viele Reden gehalten, unter anderem vom Bürgersteuerangestellten Carl Fraude, der nicht nur zu Ehren Baltscheids spricht, sondern auch die Gelegenheit nutzt, seine beiden Vorgesetzten, Obersteuersekretär Willy Mett und Obersteuerinspektor Gustav Wächter zu ehren sowie die gute Stimmung zu preisen, die an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz Finanzamt Baumeisterstraße herrscht.

Wächter und Mett stehen plaudernd nebeneinander, während Fraude spricht. Sie sind seit vielen Jahren Kollegen und eine von Gustav Wächters Lieblingsanekdoten von seiner Arbeit im Finanzamt Baumeisterstraße handelt von Willy Mett, oder vielmehr von einem Klienten, der mit einer Entscheidung unzufrieden war, die Willy Mett in einer Steuerangelegenheit getroffen hatte. Deshalb kam er zu Gustav Wächter, um gegen diesen Bescheid Einspruch zu erheben. Im Gespräch mit Wächter konnte der Klient es sich nicht verkneifen, Willy Mett in seiner Wut „diesen Juden“ zu nennen. Als er dies sagte, wusste der Klient allerdings nicht, dass Willy Mett kein Jude ist, Gustav Wächter dagegen schon.

 

Zu früherer Stunde an diesem Tag ist Adolf Hitler zu Präsident Paul von Hindenburg gegangen und hat ihn gebeten, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzuberaumen, da sich die Bildung einer arbeitsfähigen Mehrheit als nicht möglich herausstelle. Hindenburg ist Hitlers Wunsch nachgekommen und hat gemäß Artikel 25 in der Verfassung der Weimarer Republik den Reichstag aufgelöst. Wahltermin ist der 5. März.

Um zehn Uhr abends am 1. Februar 1933 spricht Hitler zum ersten Mal im Rundfunk zum deutschen Volk. Die Kollegen vom Finanzamt Baumeisterstraße versammeln sich um Baltscheids Detektorempfänger. Einige von ihnen stimmen kopfnickend und brummend zu, als Hitler von den vierzehn Jahren Marxismus spricht, die Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg durchlitten hat, und von der Notwendigkeit einer nationalen Einheit. Nach der Rede werden die Gläser zu einem Toast erhoben. Wächter und Mett, die beide überzeugte Demokraten sind, wechseln einen finsteren Blick.

 

Donnerstag, der 2. Februar 1933

 

Am Donnerstag, dem 2. Februar 1933, begegnen sich Obersteuersekretär Georg Herrel und Obersteuerinspektor Gustav Wächter im Treppenhaus des Finanzamts Baumeisterstraße. Sie grüßen sich mit „Guten Tag“, aber ohne Händedruck, und wechseln ein paar Worte über den Empfang am Vortag bei Steuerassistent Baltscheid. Anschließend gehen beide weiter, Wächter treppabwärts. Er ist auf dem Weg zu Familie Bostelmanns Geschäft am Hansaplatz 2, wo ausschließlich Eier und Honig verkauft werden. Eier in allen denkbaren Farben und Größen, nicht nur Hühnereier, sondern auch Eier von Enten, Gänsen und Wachteln. Ja, sogar Möweneier. Die verschiedenen Honigsorten werden nach Gewicht verkauft und in Steingutkrügen gelagert; jedes Gefäß hat einen eigenen Holzlöffel. Herr oder Frau Bostelmann löffeln die zähflüssige, klebrige Flüssigkeit in die von ihren Kunden mitgebrachten Gläser, die vor und nach dem Füllen gewogen werden. Gustav Wächter und Georg Herrel sind soeben aneinander vorbeigegangen, Wächter auf dem Weg nach unten, Herrel auf dem Weg nach oben, als der letztgenannte „Herr Wächter“ sagt und Gustav Wächter sich umdreht. Georg Herrel steht nun eine Treppenstufe über Gustav Wächter. Soweit ist das Geschehen eindeutig, aber von dem, was sich im Anschluss abspielt, existieren zwei Versionen.

 

Nach der Version, die Georg Herrel später vertreten wird, sagt er zu seinem Vorgesetzten Folgendes: Sie wissen, daß Sie wiederholt politische Äußerungen über mich hinter meinem Rücken getan haben. Ich möchte das alles begraben, bitte Sie aber, derartiges in Zukunft zu unterlassen. Darauf antwortet Wächter in Herrels Version, indem er ihm schweigend die Hand gibt, was Herrel so deutet, dass Wächter gesteht.

Laut Gustav Wächter beginnt das Gespräch im Treppenhaus jedoch damit, dass Georg Herrel zu ihm sagt, Herr Wächter, wir wollen uns doch wieder vertragen, woraufhin Wächter ein wenig erstaunt erwidert, Wir haben uns ja gar nicht erzürnt. Daraufhin sagt Herrel, Sie haben gesagt, ich sei ein Nazi, was Wächter verneint und erklärt, dies sei etwas, was er andere habe sagen hören. Anschließend geben sich die beiden Beamten die Hand und trennen sich Wächters Version zufolge im besten Einvernehmen.

 

Samstag, der 4. Februar 1933

 

Am Samstag, dem 4. Februar 1933, versammelt sich Familie Wächter in ihrer Wohnung im Eppendorfer Weg 40, die ein so genannter Hamburger Knochen ist. Gemeint ist eine gutbürgerliche Wohnung mit drei Wohnräumen hintereinander zur Straßenseite und Schlafzimmern mit Fenstern zum Hof. Die drei Schlafzimmer der Wohnung haben Fußböden aus dicken Kieferdielen, die knarren, wenn man über sie geht. In einem der Zimmer schlafen Gustav und Minna, in einem anderen sind ihre drei Söhne aufgewachsen und in dem dritten wohnten Walters Großeltern bis zum Tod des Großvaters 1919. Diesen Raum nutzt Gustav inzwischen als Arbeitszimmer, weshalb Walter sich ein Zimmer mit seiner Großmutter Lea Wächter teilt. Die beiden älteren Brüder, John und Max, sind bereits verheiratet und längst ausgezogen.

Die Wohnräume an der Straßenseite der Wohnung haben blankpolierte Eichenparkettböden statt Kiefernholzböden und das Esszimmer ist über große Schiebetüren mit der Bibliothek und dem Rauchersalon verbunden. Am Flur liegen Küche, Badezimmer und Abstellkammern. Damit ist die Wohnung in der Mitte am schmalsten und der Grundriss erinnert an einen Knochen, daher der Name Hamburger Knochen.

 

Das Gespräch am Essenstisch im Eppendorfer Weg dreht sich an diesem Samstagabend um die überall kursierenden Gerüchte über einen kurz bevorstehenden Militärputsch. Die nationalsozialistische Gewalt auf den Straßen hat markant zugenommen seit Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde und die Kommunisten drohen mit einem Generalstreik.

„Das Maß ist voll“, sagt Walter, „die Soldaten und Arbeiter werden mit den Studenten gemeinsame Sache machen. Das deutsche Volk wird Hitler und seine Lakaien hinwegfegen.“

„Das deutsche Volk kann seinen Willen in den anstehenden Wahlen zum Ausdruck bringen“, entgegnet Gustav.

„Gemeinsam machen wir eine Revolution!“, kontert Walter.

„Unsinn“, widerspricht Gustav mit Nachdruck. „Wir haben eine Verfassung.“

 

Hitler hat an diesem Tag Reichspräsident Paul von Hindenburg gebeten, Artikel 48 in der Verfassung der Weimarer Republik zu nutzen, um eine Notverordnung zum Schutze des deutschen Volkes zu erlassen. Die Verordnung liegt bereits fertiggeschrieben und zur Umsetzung bereit, da Vizekanzler Papen sie in seiner fünfmonatigen Amtszeit als Reichskanzler vorbereitet hat. Sie schränkt die Presse- und Versammlungsfreiheit für politische Gegner ein, vor allem für die Kommunisten.

 

Dienstag, der 7. Februar 1933

 

Eine von Walters frühesten Kindheitserinnerungen stammt von dem geräumigen Balkon der Wohnung im Eppendorfer Weg. Er liegt über Souterrain und Erdgeschoss mit Flächenrustika-Putz, in der neoklassizistischen Fassade, die mit Pilastern, Gesimsen und Randleisten reich verziert ist, zwei Stockwerke über Gemüsehändler Bahresel und Schönens Feinwäscherei. Dort, auf dem zum piano nobile gehörenden Balkon hinter den vier Urnen, mit denen die Steinbalustrade geschmückt ist, neben der Nische mit einer Statue, die eine leicht bekleidete Hammonia darstellt, spielt sich Walters erste Kindheitserinnerung ab. Er sitzt auf dem Arm seiner Mutter und die gesamte Familie hat sich auf dem Balkon versammelt. Schweigend und mit verängstigten Blicken verfolgt die übrige Familie einige Flugzeuge, die über der Stadt kreisen. Dies geschieht während des Ersten Weltkriegs und die feindlichen Flugzeuge werfen einfache Bomben ab. Natürlich ist es kein Bombenangriff im modernen Sinne, nichts, was sich mit dem vergleichen ließe, was Hamburg später widerfahren wird. Aber es sind britische Flugzeuge in der Luft und sie werfen Bomben ab. Walter kann sich jederzeit, auch viele Jahre später noch, diese Erinnerung vergegenwärtigen und von Neuem die Geborgenheit erleben, die er in den Armen seiner Mutter empfindet.

Eine andere frühe Erinnerung sind die Hamsterzüge seiner Mutter, um Essen für die Familie zu beschaffen. Dies geschieht in der Endphase des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Wie andere Frauen auch unternahm Minna Wächter damals Ausflüge aufs Land, um mit den Bauern Tauschhandel zu treiben. Manchmal kehrte sie erst spätnachts zurück, aber sie hatte immer etwas Essbares dabei und es gelang ihr stets, den Gendarmen aus dem Weg zu gehen, die unterwegs waren, um Hamsterer zu erwischen. Walter erinnert sich auch, wie er mitten im kältesten Winter mit seiner Mutter an einem von Hamburgs vielen Kanälen stand und darauf wartete, dass ein mit Kohle beladener Prahm dort eintreffen würde. Sein ältester Bruder war am frühen Morgen vor Schulbeginn dorthin geschickt worden, um ihnen einen Platz in der Schlange zu sichern. Danach wurde er von der Mutter der Brüder abgelöst, die ihr jüngstes Kind zu der Entladestelle mitnahm. Walter kann vor seinem inneren Auge die langen, gewundenen Schlangen und die schwarzen Prähme sehen. Er riecht den Geruch von Kohle und den der Kälte, die in den Nasenflügeln beißt, während er dort steht und die Hand seiner Mutter hält.

 

Freitag, der 10. Februar 1933

 

Am Freitag, dem 10. Februar 1933, beginnen die Nationalsozialisten ihren Wahlkampf mit einer großen Veranstaltung im Berliner Sportpalast. Lautsprecher sind vor dem Gebäude aufgestellt worden und das Ereignis wird im Rundfunk übertragen. Im Eppendorfer Weg in Hamburg lauscht man erstaunt und unangenehm berührt der Rundfunksendung in der Regie von Josef Goebbels. Er spricht von der verlogenen jüdischen Presse und dem kurz bevorstehenden Ende des roten Terrors.

„Aber, mein Gott!“, platzt Walter heraus. „Es weiß doch jeder, wer hier für den Terror verantwortlich ist. Jeder …“

„Psst“, flüstert Gustav, „psst – lass den Mann reden.“

Die Hauptattraktion, die Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler, ist ein Zwischending aus Regierungserklärung und Wahlrede. Deutsche Volksgenossen und -genossinnen, beginnt Hitler. Er spricht leise, fast nachdenklich, steigert sich jedoch rasch in eine brüllende und gestikulierende Ekstase. Er verspricht, mit den Parteien des Verfalls abzurechnen, die Deutschland in den vergangenen vierzehn Jahren regiert haben, womit er nur die Vertreter der drei Parteien meinen kann, die gemeinsam die so genannte Weimarer Koalition bildeten: die SPD, die katholische Zentrumspartei (Zentrum) und die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP), die in unterschiedlichen Konstellationen seit Gründung der Republik regiert haben. Hitler erklärt, dass die nationale Wiederauferstehung Zeit in Anspruch nehmen und harte Arbeit erfordern werde, um aufzubauen, was in vierzehn Jahren zerstört wurde. Aber er verspricht, Deutschland wieder aufzurichten und bittet die Wähler, ihm vier Jahre zu geben und erst danach zu beurteilen, was er erreicht hat. Deutsches Volk, gib uns vier Jahre Zeit, dann richte und urteile über uns! Deutsches Volk, gib uns vier Jahre, und ich schwöre dir: So wie wir und so wie ich in dieses Amt eintrat, so will ich dann gehen. Als Hitler dies sagt, verlässt Walters Großmutter, Lea Wächter, den Raum. Sie, die sich sonst nie für Politik interessiert, steht von der Couch auf und geht.

 

Samstag, der 11. Februar 1933

 

Lea Wächter ist in Kopenhagen geboren und aufgewachsen. Ihre Geschwister in Dänemark schicken ihr regelmäßig die Tageszeitung Politiken und manchmal kommen einige ihrer dänischen Verwandten zu Besuch. Besonders häufig geschah dies in den Inflationsjahren kurz nach dem Krieg, als die schwache Währung dafür sorgte, dass in Deutschland alles billiger war. Lea ist ausgebildete Herrschaftsköchin und wird von den vornehmeren Familien der Stadt häufig für Feste und Veranstaltungen engagiert.

Als Walter klein war, begleitete er seine Großmutter häufig zur Arbeit und sie steckte ihm immer ein paar Kindli oder Hamantaschen (verschiedene Arten von jüdischen Marmeladenplätzchen) zu und sagte, diese Plätzchen seien genau wie Walter – außen trocken, aber süß und gefüllt mit etwas Wunderbarem.

 

Lea Wächter ist nicht Walters biologische Großmutter. Diese hieß Sara und starb lange vor Walters Geburt, so dass er ihr nie begegnet ist. Er weiß nur, dass sie bereits in dem Grab lag, in dem sein Großvater kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beerdigt wurde. Walter war sechs Jahre alt, als sein Großvater starb, so dass ihm von dem alten Mann nur wenig in Erinnerung geblieben ist, bloß, dass er einen großen weißen Bart hatte und immer im besten Sessel saß, in dem sonst nur die Katze sitzen durfte – und der zärtliche Blick, mit dem er seine Ehefrau Lea ansah.

Für Walter ist Lea seine Großmutter.

 

Montag, der 13. Februar 1933

 

Lea Wächter ist ganz begeistert von ihrem Nachnamen. Als Mädchen hieß sie Samson und danach war sie viele Jahre als Frau Cohn verheiratet und später geschieden, ehe sie einen sanften jüdischen Mann mit einem großen weißen Bart und dem durch und durch deutschen Namen Hermann Wächter kennenlernte.

Der Name Wächter stammt allerdings nicht aus dem Teutoburger Wald, sondern aus dem frühen 19. Jahrhundert, als die deutschen Juden feste Familiennamen annahmen. Bis dahin war es Tradition gewesen, dass der Vorname des Vaters in der nächsten Generation als Nachname der Kinder weitergeführt wurde. Gustav Wächters Urgroßvater, Tobias Elias, hatte seinen Nachnamen in Übereinstimmung mit dem alten Brauch von seinem Vater Elias Jacob übernommen. Tobias Elias war Musiker und Mitglied in der jüdischen Bestattungsgesellschaft Chewra Kadischa. Er war es, der in der Nacht vor der Beerdigung bei dem Toten wachte, was als eine der feinsten mitzvot, guten Taten, betrachtet wird, die ein Jude tun kann, da der Tote ja keine Möglichkeit hat, ihm die gute Tat zu vergelten. Auf Jiddisch wurde Tobias Elias deshalb Tobias Wacherle genannt, der Wachende, was im Hochdeutschen dann zu Tobias Wächter wurde.

 

Mittwoch, der 15. Februar 1933

 

Am Mittwoch, dem 15. Februar 1933, tritt Gustav Wächter nach nur zwei Jahren Mitgliedschaft aus der SPD aus. Er tut es, weil er erkennt, dass die Mitgliedschaft nicht mehr vereinbar ist mit seiner Position als deutscher Beamter und weil seine politische Heimat im Grunde ohnehin bei den Liberalen liegt.

Zwischen 1913 und 1930 war Gustav zahlendes Mitglied der DDP und abonnierte eine der bürgerlichen Zeitungen Hamburgs, das Hamburger Fremdenblatt, aber als die DDP im Sommer 1930 mit der konservativen und antisemitischen Volksnationalen Reichsvereinigung verschmolz, verließ Gustav die Partei. Ein halbes Jahr später trat er in die SPD ein, weil [er] als Jude bei einer größeren Partei Schutz suchen musste, und als die antisemitischen Töne auch im Fremdenblatt immer auffälliger wurden, abonnierte er stattdessen die sozialdemokratische Zeitung Hamburger Echo, aber da die Kollegen im Finanzamt Baumeisterstraße gerne untereinander Zeitungen tauschen, hat Gustav weiterhin das Fremdenblatt lesen können, ohne die Zeitung finanziell unterstützen zu müssen.

 

Gustav ist stolz darauf, dass er als einer von wenigen Juden schon unter Kaiser Wilhelm II. Beamter war, und gleichzeitig ist er überzeugter Republikaner. Darin liegt für ihn kein Widerspruch, da er sich in erster Linie als Beamter sieht, als jemand, der seinen Mitbürgern dient, indem er dem Staat dient. Unabhängig davon, unter welcher Staatsform die Deutschen leben und welche Regierung sie wählen, ist es seine Aufgabe, stets nach bestem Wissen und Gewissen die herrschenden Gesetze zu wahren.

 

In Miami, in den USA, wird auf den noch nicht in sein Amt eingeführten Präsidenten Franklin D. Roosevelt an diesem Mittwoch ein Attentat verübt. Der arbeitslose Maurer Giuseppe Zangara schießt auf den offenen Wagen, aus dem Roosevelt gerade eine improvisierte Rede gehalten hat. Der Täter ist so klein, dass er sich auf einen wackeligen Klappstuhl stellen muss, als er schießt. Fünf Menschen werden von den Kugeln getroffen, ehe Zangara übermannt werden kann. Unter ihnen ist auch der Bürgermeister Chicagos, Anton Cermak, der ins Krankenhaus gebracht wird, während Roosevelt unverletzt bleibt.

 

Donnerstag, der 16. Februar 1933

 

Am Donnerstag, dem 16. Februar 1933, bleibt Walter Wächter bis spät in die Nacht auf und schreibt in seinem Arbeitsbuch für literarische Projekte. Er sitzt am Küchentisch, hat das Fenster geöffnet, damit die kalte Nachtluft ihn wachhält, und schreibt einige Betrachtungen über die Natur des Menschen und den Sinn des Lebens. Erst wenn der Mensch das Bewußtsein seiner Freiheit erlangt hat, beginnt das Suchen nach dem Objektiven, der Wille zum Absoluten, hält Walter über die Natur des Menschen fest.

Er ist ein sehr ehrgeiziger und intellektuell frühreifer junger Mann, der über Träume schreibt, die gerade dabei sind, in Erfüllung zu gehen. Fast ein Jahr lang hat Gustavs jüngster Sohn ein Praktikum bei der Hamburger Jugendbehörde gemacht – zunächst in einem Heim für elternlose Jungen in Besenhorst, danach in dem Heim für „schwer erziehbare“ Kinder in der Averhoffstraße in Hamburg –, weil sein Vater angesichts der herrschenden Wirtschaftskrise nicht bereit gewesen war, das Studium seines Sohns in einem so unsicheren Fach wie Psychologie zu finanzieren. Um seinen Vater zu erweichen und zu zeigen, dass er es mit seiner Berufswahl ernst meint, hat Walter sich für Praktika beworben, die ihm in seinem Studium und seinem zukünftigen Berufsleben von Nutzen sein können. Nun ist es ihm endlich gelungen, Gustav davon zu überzeugen, ihn finanziell zu unterstützen. Er ist nun an der Universität eingeschrieben und wird nach Ostern sein Studium aufnehmen. Walter beendet seine Betrachtung über den Sinn des Lebens mit den Worten: Ich weiß nur eins, ich will Sein. Ich will Sein, ich will notwendig sein, ich will bestätigt sein.

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