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Die Erbin der Teufelsbibel

RICHARD DÜBELL

DIE ERBIN DER
TEUFELSBIBEL

HISTORISCHER ROMAN

Ornament

BASTEI ENTERTAINMENT

Für die vier Millionen Toten des Dreißig jährigen Krieges
und die neunhundert aus Würzburg

Jeder Tod beraubt uns einer einzigartigen Seele,
und sie kehrt nie wieder zurück.

Wer Hoffnung besitzt, besitzt alles.
Arabisches Sprichwort

DRAMATIS PERSONAE
(ein Ausschnitt)

CYPRIAN KHLESL
Ein alter Hund lernt vielleicht keine neuen Tricks, aber er hat seine alten auch nicht verlernt

AGNES KHLESL
Cyprians Frau erkennt, dass das Ende und der Anfang manchmal dasselbe sind

ALEXANDRA RYTÍŘ, GEB. KHLESL
Sie hat viele Jahre lang gelernt, wie man dem Tod ein Schnippchen schlägt, aber der Tod ist zuweilen schneller

KARINA KHLESL
Alexandras Schwägerin verschließt eine verzweifelte Liebe in ihrem Herzen

ANDREJ VON LANGENFELS
Agnes’ Bruder hat alle Geheimnisse mit ihr geteilt, nur eines nicht

PATER GIUFFRIDO SILVICOLA S.J.
Er will ein Versprechen einlösen, das er als Kind gegeben hat: die Welt zu retten

WENZEL VON LANGENFELS
Er hat das Erbe von Kardinal Khlesl angetreten, doch der Preis dafür ist hoch

MELCHIOR KHLESL
Cyprians und Agnes’ jüngster Sohn muss sich entscheiden, wo sein Platz ist

ANDREAS KHLESL
Cyprians und Agnes’ älterer Sohn ist sein Leben lang davongelaufen

RITTMEISTER SAMUEL BRAHE
Ein Elitesoldat hat alles verloren, doch eines will er sich zurückholen: seine Ehre

WACHTMEISTER ALFRED ALFREDSSON
Was ihn betrifft, ist sein Platz an Samuel Brahes Seite; einer muss ja den Überblick behalten

SEBASTIAN WILFING
Agnes’ ehemaliger Verlobter hat einen neuen Platz im Leben gefunden; einen neuen, keinen besseren!

BRUDER BONIFÁC, BRUDER ČESTMÍR, BRUDER DANIEL, BRUDER ROBERT, BRUDER TADEÁŠ
Wer sich ihnen in den Weg stellt, sollte das Elfte Gebot kennen

CORPORAL GERD BRANDESTEIN, REITER BJÖRN SPIRGER, REITER MAGNUS KARLSSON
Sie haben den halben Krieg in der Hölle zugebracht; warum sollten sie nicht am Ende versuchen, den Teufel bei den Hörnern zu packen?

BRUDER BUH
Ein Riese, ein Mörder, ein reiner Tor – und ein Mann, an dem die Schrecken der Vergangenheit kleben wie das Blut an seinen Händen

HISTORISCHE PERSÖNLICHKEITEN
(ein Ausschnitt)

EBBA SPARRE
Die junge schwedische Gräfin begibt sich in die Hölle – auf einer Mission der Liebe

GENERAL HANS CHRISTOPHER GRAF KÖNIGSMARCK
Später wird er einen Blumennamen tragen; jetzt nennt man ihn nur den Teufel

KRISTINA WASA, KÖNIGIN VON SCHWEDEN
Die Tochter des legendären Königs Gustav Adolf hat eine große Liebe und einen noch größeren Plan

LEGAT FABIO CHIGI
Der päpstliche Unterhändler bei den Friedensverhandlungen versucht stets herauszufinden, wo sich der nächste Abort befindet

PATER JIŘÍ PLACHÝ S.J.
Der »Schwarze Pope« verteidigt seine Heimat

GENERAL RUDOLF COLLOREDO
Der Stadtkommandant von Prag hat mehr Tapferkeit als Verstand; in der Regel eine gute Voraussetzung für einen Soldaten, nur diesmal nicht

ERZBISCHOF ERNST GRAF VON HARRACH, BÜRGERMEISTER MIKULÁŠ TUREK VON ROSENTHAL, STADTRICHTER VÁCLAV AUGUSTIN KAVKA, VÁCLAV OBYTECKÝ VON OBITETZ
Einige der Verteidiger von Prag; nicht alle von ihnen werden den Frieden erleben

VINCENZO CARAFA S.J.
Der Pater Generalis der Societas Jesu hat ein Problem

ANNA MORGIN
Das Schicksal einer Hexe überdauert die Zeit; stellvertretend für alle anderen, die ebenso unschuldig waren wie sie

»Und ich sah ein fahles Ross, und der auf ihm saß, des Name ist der Tod, und die Unterwelt war sein Gefolge.

Es wurde ihnen Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten durch Schwert, Hunger und Pest.«

Offenbarung 6,8

PROLOG

April 1632

1.

DER TOD KAM im Frühling, und er glänzte wie Gold.

Der Junge, der die Schafe hütete, hörte die Reiter nicht gleich. Sie sprengten in einem unordentlichen Haufen aus dem Wald und auf die sattgrünen Weiden, aus dem blauen, lang gezogenen Schatten der Bäume hinaus in das rote Licht. Doch der Junge hatte den Blick abgewandt; er widmete sich ganz seiner Sackpfeife und der Melodie, die er aus ihr herausquälte. Er blickte erst auf, als das Donnern der Hufe seine Eingeweide zum Erzittern brachte. Die Schafe blökten und drängten sich zusammen.

Der Junge kam auf die Beine. Das Anblasrohr glitt aus seinem Mund, und als er unwillkürlich den Luftsack an sich presste, gab die Sackpfeife einen kläglichen Ton von sich. Das Hufgetrommel versetzte seinen Leib in Schwingungen und brachte seine Augen zum Tränen.

Die Reiter waren Kürassiere mit den üblichen, bis zu den Knien reichenden Trabharnischen und Sturmhauben auf den Köpfen, aber das wusste der Junge nicht. Was er sah, waren gesichtslose Wesen, die im Abendrot wie aus purem Gold gemacht schienen und deren blankgezogene Klingen Lichtreflexe schleuderten. Die Kürassiere schwärmten in einer langen, zerrissenen Reihe aus und formten einen Bogen wie eine riesige Hand, die nach der Schafherde und ihrem einsamen Hirten griff. Der Hund stürzte hinter der Herde hervor und warf sich den Reitern entgegen, das Donnern verschluckte sein Bellen, dann verschluckte ein Wirbel aus galoppierenden Beinen, hochgeschleuderten Grassoden und Dreck seinen Körper, als wäre er nie da gewesen. Die Schafe drehten sich wie auf Kommando um und flohen, eine hüfthohe Woge aus schmutzig weißem, krausem Fell, panisch glotzenden Augen und aufgerissenen Mäulern, die sich um die schmächtige, wie angewurzelt dastehende Gestalt mit der Sackpfeife im Arm teilte. Der Goldschimmer der Panzer und die tanzenden Lichtblitze waren so schön, dass es einem den Atem verschlug. Der Junge blinzelte.

Einer der Reiter schwenkte herum, lehnte sich halb aus dem Sattel, und irgendetwas im Hirn des Jungen, das von Überraschung und Staunen vollkommen überwältigt war, löste den Befehl aus, die Arme hochzuheben und dem Reiter entgegenzustrecken. Er fühlte den Anprall aus Pferdegeruch und Donnern, einen Augenblick bevor der Reiter heran war, fühlte sich emporgerissen und quer über einen Sattel geworfen, die Sackpfeife ging verloren und wurde in den Boden gestampft, er wurde durchgeschüttelt und auf- und abgeworfen, die Luft wurde aus seinen Lungen getrieben und sein Magen gequetscht, dass er sich hätte übergeben müssen, wenn er nur etwas im Bauch gehabt hätte. Er hatte das Gefühl zu fliegen. Eine gepanzerte Hand drückte ihn grob gegen einen gepanzerten Körper, doch er fühlte keinen Schmerz. Er flog! Die Pferdebeine waren ein Wirbel aus Muskeln, Sehnen und glänzendem Fell, der Dreck spritzte ihm ins Gesicht. Er renkte sich den Hals aus, um nach oben zu sehen, und starrte in ein bärtiges, schmutziges Gesicht unter dem Goldglanz der Sturmhaube. Ein Schwenk, der ihn beinahe heruntergeschleudert hätte, und die Sonne war im Rücken des Reiters, warf Reflexe um ihn herum und blendete den Jungen. Er sah, dass sich der Mund im Gesicht unter dem Helm öffnete, sah ein braunes Gebiss mit vielen Lücken. Der Mund verzog sich, und der Mann lachte laut.

Der Junge lachte mit.

Als sie den Hof erreichten, auf dem der Junge lebte, brachte der Reiter sein Pferd zum Stehen und ließ seine Beute von dessen Rücken gleiten. Die Knie waren dem Jungen so weich, dass er in sich zusammensackte, doch als er nach oben sah, lachte er erneut. Der Hof lag bereits im Schatten, das Gold verwandelte sich in Eisenglanz und den matten Schimmer der bronzierten Helme. Die Schafe wimmelten zwischen den Gebäuden herum. Der Bauer hatte nie erlaubt, dass sie frei auf dem Hof herumliefen; selbst zum Scheren waren sie in einen Pferch getrieben worden. Ihre Bocksprünge brachten den Jungen erneut zum Lachen.

Ein zweiter Reiter kam zu dem heran, auf dessen Pferd er hierhergelangt war.

»Das is’ ja ’n lustiger Vogel«, sagte der zweite Reiter. »Gehört der Flick hierher?«

»Wo soll er sonst hingehören. Gibt doch weit und breit nix außer dem Hof hier.«

Der erste Reiter musterte den Jungen, der inzwischen wieder auf die Beine gekommen war und erwartungsvoll zu den Männern nach oben blinzelte. Ein breites Grinsen lag immer noch auf seinem Gesicht.

»Das is’n Idiot, wenn ich je einen gesehen hab«, sagte der zweite Reiter.

»Das is’n Bauernbalg.«

»Wo is der Unterschied?«

Beide Reiter lachten. Der Junge hörte das Krachen, mit dem Türen, die ohnehin offen waren, von Stiefeln eingetreten wurden. Er erwartete, dass der Bauer und seine Familie im nächsten Moment herauskommen würden, doch nichts tat sich. Nicht einmal die Knechte, die sich sonst mit Sensen und Dreschflegeln im Hintergrund herumzudrücken pflegten, voller Hoffnung, jemand möge einen Streit vom Zaun brechen, waren zu sehen. Er dachte an Leupold, der mit einem gebrochenen Bein im Stall lag, doch dann nahm etwas anderes seine Aufmerksamkeit gefangen: Einer der Reiter, der abgestiegen war, zog sich den Helm vom Kopf, riss an Lederbändern, die an seinem eisernen Leib herabhingen, und wand sich aus seinem Harnisch. Darunter war er nichts weiter als ein dünner Mann mit verschwitztem Hemd, zotteligem Bart und verfilztem Haar. Der Junge starrte ihn weniger enttäuscht als erstaunt an, dass eine solche Wandlung mit dem Eisenreiter vorgegangen war. Der dünne Mann schüttelte sich, bückte sich um das Rapier, dessen Klinge er in den Boden gesteckt hatte, zog es heraus und durchbohrte mit einem langen Vorwärtsschritt das ihm am nächsten stehende Schaf.

Das Blöken des Schafs hörte sich an wie ein überraschtes Husten. Es brach vorne auf die Knie, dann versuchte es wieder aufzustehen. Die anderen Schafe drängten von ihm weg. Der Mann mit dem Rapier zog die Klinge heraus und stach erneut zu. Das Schaf zuckte und fiel auf die Seite, seine Beine begannen zu schlagen.

»Kannst du nich’ mal so’n blödes Vieh auf einen Streich totmachen?«, schrie einer der anderen Reiter. »Wie auf’m Schlachtfeld!«

»Leck mich«, sagte der Mann mit dem Rapier und sah sich nach seinen Sachen um.

»Keine Pistolen«, sagte der Reiter, der den Jungen mitgenommen hatte. »Spart euch das Pulver für morgen.«

»Das geht so nich’«, hörte sich der Junge sagen. Die Reiter starrten ihn an. Das Schaf auf dem Boden röchelte.

»Du musst ihm die Gurgel durchschneiden«, sagte der Junge.

»Na so was, ein Fachmann. Zeig’s uns, du Hosenscheißer.«

Der Junge lief zu dem auf dem Boden liegenden Schaf hinüber, kauerte sich bei ihm nieder und packte seine Schnauze mit beiden Fäusten. Dann zog er den Kopf nach hinten und entblößte die Kehle. Er schaute den Mann mit dem Rapier aufmunternd an. Dieser stach zu. Der Körper des Schafs versteifte sich, es begann zu zittern. Blut pumpte in einzelnen Stößen hervor und prasselte hörbar auf den Boden. Der Mann hob sein Rapier erneut, diesmal zeigte die Spitze auf den Leib des Jungen.

»Lass den Buben in Ruh, Vollidiot«, schnauzte der Anführer der Reiter. Er stieg ächzend vom Pferd, reckte sich und deutete dann zu den Hühnerställen und auf die Schafe. »Holt euch die Holderkäuze und ihre Eier und stecht so viele von den Schafen ab, wie wir auf die Pferde kriegen. Wenn ihr Hornböcke findet, lasst sie leben. Die nehmen wir mit – wir können die Milch brauchen. Das hier weidet aus und richtet es her; heut Abend feiern wir das Osterfest nach!« Er blinzelte dem Jungen zu und machte eine Kopf bewegung. »Komm mal mit.«

Der Junge folgte ihm ins Haus. Mehrere Reiter waren in der Stube, und das Gepolter von oben sagte ihm, dass weitere sich in den Schlafzimmern umsahen. Er wunderte sich, dass niemand von der Familie hier war. Es sah dem Bauern gar nicht ähnlich, den Hof allein zu lassen, schon gar nicht, wenn Fremde eingetroffen waren. Die Reiter hatten Tücher, Decken und Kleidung zusammengerafft und schleuderten wahllos Kochutensilien und Werkzeug in die behelfsmäßigen Säcke. Aus dem Obergeschoss drang der Krach von zerberstender Töpferware und Federngestöber, als Zudecken und Kissen aufgeschlitzt und in Tragetaschen verwandelt wurden. Einer der Männer starrte die brennende Osterkerze im Herrgottswinkel an, als wecke sie eine verschüttete Erinnerung in ihm, von der er nicht wusste, ob er sich ihr ergeben oder sie verachten sollte; dann schlug er die Flamme mit der flachen Hand aus und steckte die teure Wachskerze in einen Sack. Aus dem Mund quollen ihm zerquetschtes Eigelb und zerbissene rote Schalen. In der Räucherkammer wurde lautes Jubelgeschrei vernehmbar – die Reiter hatten den Speck und die Würste entdeckt, die vom Osterfest vor ein paar Tagen übrig geblieben waren.

»Wer lebt hier?«, fragte der Anführer der Reiter den Jungen.

»Der Bauer und seine Leute«, antwortete dieser.

»Ist der Bauer dein Alter?«

Der Junge erinnerte sich daran, dass der Bauer ihn deutlich gröber zu behandeln pflegte als seine beiden Söhne und seine Tochter, jedoch sanfter als die Knechte oder den Gänsejungen. Er war sich nicht sicher.

»Die Christel ist meine Mutter«, sagte er. Das wenigstens stand fest.

»Das is’ die Bäuerin?«

»Nö«, sagte der Junge stolz. Die Bäuerin pflegte in der Stube zu sitzen und den ganzen Tag die Hände zu ringen. Seine Mutter hingegen packte zu. »Die Magd.«

»Na, du Bastard«, grinste der Reiter. »Und wo sind sie alle hin?«

Der Junge zuckte mit den Schultern. Er sah zu, wie die Männer das Kupfer- und Zinngeschirr zerschlugen und die Bruchstücke einpackten. Andere rissen die Fenster heraus und warfen sie nach draußen und die Bänke und die Bettladen hinterher. Es roch nach Rauch; jemand vor dem Haus versuchte, ein Feuer in Gang zu bekommen.

»Wir ham Holz in der Scheune«, sagte er.

Die Reiter waren merkwürdig. Wenn sie das Schaf, das sie geschlachtet hatten, braten wollten, sollten sie lieber das gehackte Feuerholz nehmen; mit dem Hausrat würden sie nur eine hoch lodernde Flamme erzeugen, in der das Fleisch verbrannte. Er fand es erheiternd, dass diese Männer, die die Fähigkeit hatten, auf den Pferden förmlich über den Boden zu fliegen und sich in Eisen zu gewanden, zu dumm zum Feuermachen waren.

»Was is’ so lustig, du Rauling?«

»Nix«, sagte der Junge und kicherte.

»Wachtmeister!«, rief eine Stimme von draußen. »Wachtmeister, wir haben was gefunden.«

Der Anführer der Reiter packte den Jungen am Arm und zog ihn hinter sich her. Leupold, der Knecht, lag zwischen drei Reitern auf dem Boden; er stöhnte und keuchte und hielt sich das Bein. Seine Nase war blutig. Einer der Reiter trat Leupold nachlässig gegen das gebrochene Gelenk, und Leupold schrie auf.

»Is’ der Iltis allein?«

»Nee, ’ne Moß hat ihm das Händchen gehalten.« Der Reiter machte eine Kopf bewegung zur Scheune. Gedämpfte Geräusche drangen daraus hervor, als wenn jemand zu schreien versuchte.

Der Wachtmeister beugte sich zu Leupold hinunter. Leupolds Augen wurden weit, als er den Jungen erblickte.

»Wo sind alle?«, fragte der Wachtmeister.

»Ich sag nix«, keuchte Leupold. »Ihr Teufelsbrut.«

Ein neuerlicher Tritt gegen sein verletztes Bein ließ ihn brüllen.

»Wie war das?«, fragte der Wachtmeister.

»Lasst den Bengel laufen, er hat euch nix getan.«

»Du hast uns auch nix getan, und glaubst du, wir lassen dich laufen?«

»Bei der Liebe Gottes, ich bin nur der Knecht!«, stöhnte Leupold.

»Gebt ihm was zu trinken«, sagte der Wachtmeister.

Leupold schrie und wand sich, aber sie banden ihm Hände und Füße zusammen. Einer holte etwas aus einer Satteltasche, das wie zwei handtellergroße Brettstücke aussah, mit einer Zwinge verbunden. Sie packten Leupolds Unterkiefer und zwangen ihm den Mund auf, dann rammten sie das Holz hinein und drehten an der Zwinge. Leupold ächzte und lallte. Die Bretter öffneten sich. Sie waren ein Sperrholz, wie man es auch den Schafen ins Maul rammte, wenn man ihnen etwas einflößen musste. Ein Reiter schleppte einen Kübel herbei, und unter allgemeinem Gejohle schüttete er den Inhalt des Eimers in Leupolds Mund. Der Junge verzog das Gesicht. Jauche.

Leupold bäumte sich auf und gurgelte und spuckte die Jauche und alles aus, was er sonst noch im Magen hatte. Sie drehten ihn auf die Seite und rissen ihm das Sperrholz aus dem Mund. Leupold lag in seinem Erbrochenen und krümmte sich.

»Is’ dir jetzt eingefallen, wo alle sind?«, fragte der Wachtmeister.

Leupold winselte und nickte. Der Wachtmeister kauerte sich neben ihn. »Erleichtere dich, du Sünder«, sagte er grinsend.

Der Junge blickte zum Eingang der Scheune hinüber. Mehrere Reiter standen dort dicht an dicht und betrachteten etwas, das offenbar in der Scheune vor sich ging. Sie johlten und pfiffen, dazwischen war rhythmisches Gegrunze und Klatschen zu hören. Er trat über Leupolds sich krümmenden Leib und machte sich auf den Weg zur Scheune, um ebenfalls zu schauen. Ein Reiter fing ihn ab.

»Richte das Schaf her, du Nichtsnutz«, sagte er und stieß ihn in Richtung auf den Kadaver.

Der Junge bedauerte, dass er nicht zur Scheune gelassen wurde, aber er war barsche Anweisungen gewohnt und vor allem die Folgen, wenn er nicht darauf hörte. Er machte sich an dem Schaf zu schaffen. Als bestiefelte Beine neben ihn traten, blickte er blinzelnd auf. Es war der Wachtmeister. »Wir holen die Familie zusammen.«

Der Junge zuckte mit den Schultern. Er hielt es für keine gute Idee, den Bauern zu holen. Wenn dieser die Bescherung im Haus und das tote Schaf sah, würde er zu brüllen anfangen. Der Bauer konnte sehr laut brüllen.

»Wie heißt du?«

»Bub«, sagte der Junge stolz.

Der Wachtmeister verdrehte die Augen. »Das seh ich selber. Wie ruft dein Alter dich?«

Der Junge legte den Kopf schief.

»Der Bauer«, stieß der Wachtmeister hervor. »Wie nennt der dich, in drei Teufels Namen?«

»Taugenichts. Dumme Sau. Drecksbengel.«

»Und deine Mutter? Die Magd?«

»Bub«, sagte der Junge und wusste nicht, ob er wegen der Begriffsstutzigkeit des Wachtmeisters erneut lachen sollte.

»Bist du zu blöd, um deinen Namen zu wissen?«

»Wieso, du weißt ihn ja auch nicht.«

»Scheiße, du Frosch, werd bloß nich’ frech. Was bist du, ’n Weißhulm? Kannst du den Himmelssteig aufsagen?«

Der Junge blinzelte verständnislos.

»Das Paternoster, verdammt!«

»Kann ich«, sagte der Junge.

»Sag’s mir vor.«

»Unser lieber Vater, der du bist Himmel, heiliget werde dein Nam, zu kommes dein Reich, dein Will schehe Himmel ad Erden, gib uns Schuld, als wir unsern Schuldigern geba, führ uns nicht in kein bös Versucha, sondern erlös uns von dem Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Ama.«

»Heilige Scheiße«, staunte der Wachtmeister.

Ein anderer Reiter war herzugekommen.

»Der Bursche is’ so blöd, ich krieg nich mal aus ihm raus, wie er heißt, geschweige denn, ob seine Herrschaft Dofelmänner oder Grillen sind«, erklärte der Wachtmeister.

»Is’ doch eh egal«, erwiderte der Reiter.

»Ich würd mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, dass es Ketzer sind.«

»Ich würd mich wohler fühlen, wenn ich was zu fressen und zu saufen hätte und um die nächste Courasche Schlange stehen könnte«, sagte der Reiter und fügte hinzu: »Und wenn ich wüsste, dass der Schwed’ nich’ kommt. Wir sin’ auf deren Seite des Flusses, Wachtmeister.«

»Scheiß auf den Schwed’. Der Schwed’ schanzt irgendwo bei Rain am Lech und holt sich dort einen runter.« Der Wachtmeister richtete sich auf. »Na schön«, seufzte er. »Mal sehen, ob die anderen die Vögel einfangen können.«

Der Junge wurde allein gelassen. Nach einigen Sekunden des Nachdenkens kümmerte er sich wieder um das Schaf. Es schien ihm, dass sie das von ihm wollten.

Das Schaf war bereits geschoren und ausgenommen, als der Bauer mit seiner Familie und den Knechten kam. Die Reiter führten sie ins Haus. Da andere Männer ihm das Schaf wegnahmen und sich bemühten, es auf einen Spieß zu stecken, folgte der Junge ins Haus. Der Bauer, seine Frau, die Tochter und die beiden Söhne saßen auf dem Boden, die Knechte wurden von den Soldaten festgehalten. Der Bauer blinzelte vor Angst.

»Zwei Fragen«, sagte der Wachtmeister und hob behandschuhte Finger. »Erstens: Protestant oder Katholik?«

Das Kinn des Bauern bebte. Niemand konnte erkennen, ob er protestantische oder katholische Truppen vor sich hatte, wenn er auf Marodeure wie diese hier stieß. Im Kampf trugen die kaiserlichen Soldaten schwarz-rote und die schwedischen weiß-blaue Tuchfetzen oder Hutfedern, um von den eigenen Truppen erkannt zu werden. Abseits des Schlachtfelds war dies nicht nötig. Abseits des Schlachtfeldes war es taktisch klüger, unerkannt zu morden. Was immer der Bauer sagte, er hatte eine gute Chance, das Falsche zu sagen. Er schluckte und schwieg.

»Zweitens«, sagte der Wachtmeister. »Wo hast du deine Wertsachen versteckt?«

Der Junge sah zu, wie das Kinn des Bauern noch stärker bebte und seine Lippen weiß wurden, so fest presste er sie zusammen. Man konnte seinen Atem in der Kehle wimmern hören.

Die Reiter zwangen einen der Knechte auf die Knie, wickelten ihm blitzschnell einen Strick um den Kopf und drehten ihn dann mit einem Holzstück zusammen. Der Knecht begann zu schreien. Blut lief ihm aus Ohren, Nase und Mund. Seine Hände rissen sich los und zerrten an den Stricken, aber sie saßen zu stramm. Seine Augen traten aus den Höhlen, groß und weiß wie Hühnereier. Der Knecht heulte. Etwas knackte. Mit einem dumpfen Keuchen sackte der Unglückliche in sich zusammen. Der Junge starrte ihn an und schluckte. Leupold die Jauche in die Kehle zu schütten war irgendwie lustig gewesen, ein grober Streich, wie ihn die Knechte sich gegenseitig immer wieder spielten – aber das viele Blut hier … und die Augen … Irgendwo in seinem Innern verkümmerte das Lachen. Er versuchte ein hilfloses Lächeln und sah zu dem Wachtmeister auf, doch dieser beachtete ihn nicht.

»Fällt’s dir noch nich’ ein?«, fragte der Wachtmeister. »Na gut, schauen wir, was die Weiber davon halten.«

Die Tochter versuchte sich an der Bäuerin und diese am Bauern festzuhalten, als die Soldaten sie davonzerrten. Sie scharten sich in einer Ecke um sie, direkt unter dem Herrgottswinkel. Der Junge versuchte erneut zu erspähen, was sie mit ihnen trieben. Der Wachtmeister wurde auf ihn aufmerksam.

»Alch dich«, sagte er. »Kümmer dich um den Braten.«

Zögernd schlenderte der Junge zur Tür, verfolgt von Anfeuerungsrufen und panischem Kreischen aus dem Herrgottswinkel, das abrupt in abgehacktes Schmerzgeheul überging. Er blickte über die Schulter zurück. Der Wachtmeister stand über den Bauern gebeugt. Reiter zogen dem Bauern die Schuhe von den Füßen. In einer Hand des Wachtmeisters war ein langes Messer, mit der anderen griff er, ohne hinzusehen, in das Salzfass. Die bloßen Füße des Bauern zuckten. Der Junge sah, dass auch den Söhnen des Bauern die Schuhe ausgezogen wurden.

»Die Weiber wissen’s nich’«, sagte der Wachtmeister. »Oder sie ham den Mund zu voll, um was sagen zu können. Wir müssen uns wohl an die Männer in der Familie halten. Wolltet ihr in der nächsten Zeit viel zu Fuß gehen?« Ohne zu dem Jungen hinzusehen, fügte der Wachtmeister hinzu: »Bist du noch nich’ draußen, Nichtsnutz? Soll’n wir dich auch fragen?«

Der Junge stolperte hinaus. Über die Geräusche aus dem Herrgottswinkel hinweg hörte er einen der Knaben erschreckt aufschreien und den Bauern keuchen: »Also gut, ich sag’s euch!«, und den Wachtmeister sagen: »Schön, schön, aber lass uns dir zeigen, was los is’, wenn du uns Scheiß erzählst!«, und daraufhin eine gellende Knabenstimme, die schrie und schrie …

Er stürzte davon, zu der Feuerstelle hinüber, an lachenden oder gelangweilt aussehenden Soldaten vorbei, die ihm einen Tritt gaben, wenn er sie anrempelte. Zitternd griff er nach dem Spieß und versuchte, das Schaf herumzudrehen, das an der Unterseite schon schwarz wurde. Plötzlich fehlte ihm die Kraft.

Jemand langte an ihm vorbei und drehte den Spieß mit einem Ruck um. Eine Handfläche klatschte gegen seinen Hinterkopf.

»Hier, bring den Cavallen was zu saufen, wenn du zu dumm zum Bratendrehen bist.«

Der Junge schnappte sich blindlings einen Eimer, füllte ihn am Brunnen und torkelte mit seiner Last in die Scheune. Die Soldaten, die sich zuvor noch im Eingang gedrängt hatten, waren verschwunden, die Scheune eine schwarze Höhle in der Dämmerung. Auf einmal fühlte er die Kühle des Aprilabends und erkannte, dass sein Körper mit Schweiß überzogen war. Undeutlich nahm er zwei Gestalten unweit des Eingangs wahr, die auf dem Boden lagen. Eine richtete sich schwach auf. Sein Blick glitt zu der anderen. Der Eimer fiel aus seiner Hand.

»Lauf, Bub«, flüsterte eine heisere, von Schmerz zerrissene Stimme, die er kaum als die seiner Mutter erkannte. »Lauf, sonst tun sie mit dir das Gleiche!«

2.

RITTMEISTER SAMUEL BRAHE von den Småländischen Reitern wartete nervös auf die Rückkehr des Spähers. Die Gegenwart des Königs, der umringt von Brahes Männern auf seinem Pferd saß und ein Gesicht zog, als wäre jeder Tag ein köstliches Abenteuer, machte ihn unruhig. Es war nicht die Person Gustav Adolfs an sich, dazu hatte er sich zu lange in der unmittelbaren Nähe seines Souveräns aufgehalten und mit ihm Essen, Trinken, Latrine und das Fieber des Kampfes geteilt. Was dem Rittmeister Sorgen machte, war, dass er nicht genau wusste, ob sie sich noch in dem Areal aufhielten, das vom schwedischen Heer kontrolliert wurde.

Heute Morgen waren sie bei Rain am Lech angekommen und hatten festgestellt, dass die andere Flussseite von den Kaiserlichen unter Tilly gehalten wurde. Es sah aus, als sei Tillys Heer zahlenmäßig unterlegen, aber sie hatten Kanonen in ausreichender Anzahl in Stellung gebracht. Während sich die schwedische Artillerie eingrub, hatte Gustav Adolf Erkundungsritte auf ihrer Seite des Lechs befohlen; die Taktik war, soweit Rittmeister Brahe es mitbekommen hatte, die Kaiserlichen mit dem morgigen Tagesbeginn mit Dauerfeuer zu belegen, als ob man hier den Flussübergang erzwingen wolle, und gleichzeitig zu versuchen, an anderer, besser geeigneter Stelle überzusetzen. Diese geeignete Stelle zu finden, waren mehrere Spähtrupps unterwegs. Der König hatte es sich nicht nehmen lassen, die Gegend persönlich in Augenschein zu nehmen.

Alles, was Brahe sicher wusste, war, dass sie immer noch auf der Westseite des Lechs waren. Er hatte keine Zeit gehabt, sich genauer zu orientieren. Der König war einfach davongeprescht, und sie hatten nichts tun können, als ihm zu folgen.

Die Stellung Tillys am Ostufer des Lechs hatte den Marsch des schwedischen Heers auf Ingolstadt aufgehalten. Samuel Brahe kannte seinen König; er hasste es, aufgehalten zu werden, besonders wenn die Chance bestand, den Feind nach den Siegen vor Nürnberg und Donauwörth vor sich herzutreiben wie eine Viehherde. Wenn Gustav Adolf über den Verlauf des Feldzuges unzufrieden war, neigte er zu Leichtsinn – nicht in seiner Taktik, sondern in Bezug auf seine eigene Person. Selbst für eine Elitetruppe wie die Småländischen Reiter, die ihren König in- und auswendig kannten, war es schwer, ihm dann auf den Fersen zu bleiben. Der beleibte Monarch war ein überraschend guter Reiter und ein Draufgänger, wie es selbst in Brahes kleiner Truppe nur wenige gab.

Der Rauchgeruch war mittlerweile nicht mehr zu leugnen. König Gustav Adolf hatte ihn zuerst wahrgenommen, wie immer. Brahe hatte daraufhin den Späher losgeschickt. Der Mann war überfällig. Brahe hielt ihren Feind, den Brabanter Johan Tserclaes Graf von Tilly, für einen fähigen Feldherrn. Er würde seinen Abschnitt der Front sichern; vielleicht waren sie auf feindliches Gebiet geraten, und der Späher lag längst mit durchschnittener Kehle neben einem Baum, während sich kaiserliche Musketiere langsam näherschlichen.

Überrascht erkannte er, dass Gustav Adolf ihm zublinzelte. Das lange Gesicht mit dem üppigen blonden Knebelbart und den feisten Backen verzog sich zu einem Grinsen. Brahe wurde klar, dass der König all seine Gedanken gelesen hatte. Er räusperte sich unwillig. Gustav Adolfs junger Page August von Leublfing und sein Leibknecht Anders Jönsson sahen zu Boden; Leublfings Wangen brannten vor unterdrücktem Eifer.

»Bereithalten, Männer«, flüsterte Brahe und lockerte die zweite Sattelpistole. Er gab das breiter werdende Lächeln des Königs mit einem stoischen Kopfnicken zurück.

Ein Hakengimpel begann in einem Gebüsch ein paar Mannslängen entfernt zu rufen. Brahe entspannte sich. Es hatte eine Weile gedauert, bis er erkannt hatte, dass es das Tier zwar in seiner Heimat, aber nicht hier im Reich zu geben schien. Sein Gesang unterschied sich nicht sehr von dem anderer Finken, aber doch genug, dass es einem Småländer auffiel. Einem Kaiserlichen wäre der Unterschied nicht klar gewesen, was den Ruf des gedrungenen roten Vogels zu einem idealen Erkennungszeichen machte. Brahe warf einen Seitenblick zu Wachtmeister Alfredsson und sah diesen lächeln. Der Wachtmeister spitzte die Lippen und antwortete auf das Zeichen. Augenblicke später kam Torsten Stenbock auf bloßen Füßen aus dem Gebüsch und baute sich vor Brahe auf.

»Meldung, Kornett«, flüsterte Brahe. Er ließ sich seine Erleichterung nicht anmerken, dass der junge Offizier wohlbehalten zurückgekehrt war. Torsten Stenbock war der Neffe von Oberst Fredrik Stenbock, dem Oberbefehlshaber des Småländischen Reiterregiments. Brahes Befehle lauteten, den Kornett nicht anders zu behandeln als alle seine Männer, doch der Rittmeister hatte in den Augen des Obersten lesen können und erkannt, welche Angst dieser um den Sohn seines Bruders hatte.

Der junge Mann schluckte.

»Kaiserliche Kürassiere«, sagte er leise. Brahe spürte, wie sich König Gustav Adolf im Sattel aufrichtete.

»Späher?«

»Marodeure. Sie haben einen Bauernhof überfallen.«

»Die Bauersleute?«

»Niemand zu sehen, aber …« Der junge Offizier schluckte erneut.

»Aber?«

»… zu hören, Rittmeister.«

Brahe nickte. Niemand brauchte ihm zu erklären, was Stenbock gehört hatte.

»Stiefel anziehen, aufsitzen«, sagte er. Er fing einen Blick seines Wachtmeisters auf. »Gut gemacht, Kornett.«

»Vielleicht können wir den Leuten helfen?«, fragte Stenbock kläglich.

Brahe schüttelte grimmig den Kopf. »Viel zu …«

»Er hat recht, Kornett«, unterbrach ihn die Stimme des Königs. »Hat Er gezählt, wie viele Kürassiere es sind?«

»Ein Dutzend, Majestät.«

»Genau so viele wie wir.«

»Majestät …«, begann Brahe.

»Die Kerle müssen irgendwo über den Fluss gekommen sein, Rittmeister«, sagte der König. »Meint Er nicht, wir sollten sie befragen, an welcher Stelle?«

»Natürlich, Majestät, aber doch nicht mit Majestät erlauchter Person als …«

»Als Retter sind wir ins Reich gekommen, nicht als Zuschauer«, sagte Gustav Adolf. »Kornett Stenbock, reite Er voran. Rittmeister Brahe… mir nach!«

Der König sprengte aus dem Ring seiner Bewacher heraus, hinter dem Pferd Torsten Stenbocks her. Leublfing und Jönsson setzten ihm nach. Die Småländer warfen sich und ihrem Rittmeister unsichere Blicke zu. Brahe sah Wachtmeister Alfredsson den Kopf schütteln. Er selbst hätte am liebsten laut geflucht.

»Worauf wartet ihr?«, zischte er. »Angriff!«

Sie stoben über eine Weide, die jetzt, in der beginnenden Dunkelheit, wie eine graue Fläche vor ihnen lag. Über der nächsten Hügelkuppe stand eine Rauchsäule, von unten rot beleuchtet, dick und schwer. Der Geruch war beißend. Brahe schloss zu König Gustav Adolf auf, der Leublfing und Jönsson abgehängt hatte, und jagte neben ihm her. Er hütete sich, den König zu überholen; er hatte es einmal getan, um Kugeln, die auf seinen Herrn gezielt waren, mit seinem Körper abfangen zu können. Gustav Adolf hatte ihn mitten im Kampfgetümmel in die hinterste Reihe geschickt. Der König, ein Koloss in einem gelben Lederkoller, den Hut im Nacken, eine Spur ausgerissener Hutfedern durch die Dämmerung ziehend, als fiele in seinem Kielwasser bunter Schnee, grinste und nickte ihm zu. Seite an Seite galoppierten sie über die Hügelkuppe, eingehüllt vom Rauch, dem Schweißgeruch der Pferde und dem lauten Donnern der Hufe.

Brahe sah eine Anzahl von Gebäuden, zwischen denen Schafe hin und her liefen, halb irr vor Panik wegen des Feuers. Die Flammen schlugen aus dem größten Bau, vermutlich dem Wohnhaus, und sandten die dicke Rauchsäule in den Himmel. Soldaten standen um das Feuer herum; sie drehten sich nicht um, obwohl das Getrommel der Pferdehufe überlaut war. Das Prasseln des Feuers musste den Lärm schlucken. Brahe glaubte zu sehen, dass einer der Männer eine lange Stange in der Hand hielt und etwas in das Feuer zurückstieß, etwas, das offenbar versuchte, daraus zu entkommen, etwas, das ein Mensch sein musste …

Wut schäumte in ihm hoch, und er ließ die Zügel fahren und ergriff die zweite Sattelpistole, stand im Sattel auf und sprengte vorwärts, beide Arme mit den Pistolen ausgestreckt, feuerbereit. Er erkannte aus dem Augenwinkel, wie seine Männer sich auffächerten, sah Wachtmeister Alfredsson an der anderen Seite des Königs auftauchen, seinen nägelbespickten Knüppel schwingend, mit dem er tödlicher war als mit jedem Rapier.

An einer zweiten Feuerstelle, über der ein geschlachtetes Tier gedreht wurde, fuhren Männer in die Höhe und starrten ihnen bestürzt entgegen. Die Ersten griffen zu ihren Musketen. Brahe sah die Bewegungen der kaiserlichen Soldaten, als handelten diese im Traum, langsam und träge. Er wünschte sich, bereits näher heran zu sein, damit er seine Pistolen abfeuern und Zeuge werden könnte, wie zwei der Mörder tot zu Boden geschleudert wurden. Das Pferd unter ihm war wie ein Teil seines eigenen Körpers, der über den Boden flog. Er federte die Stöße ab, ohne darüber nachzudenken; seine Hände waren so ruhig, als stünde er in einem Schießstand.

Ein Schatten kam ihnen entgegengerannt. Brahes Hände zuckten von allein herum, die Pistolenläufe senkten sich, er krümmte die Finger, während ein Teil von ihm schrie: Das ist ein Kind!, und ein anderer antwortete: Schütze den König, was immer es kostet!

Der Schatten fiel zu Boden und krümmte sich dort zusammen. Brahes Pferd setzte mit einem Sprung über den kleinen Körper hinweg, der Rittmeister schwang die Pistolen wieder herum und zielte auf die Soldaten, die jetzt allesamt den Angriff gehört hatten und auf der Suche nach ihren Waffen planlos herumliefen. Nirgendwo waren Pferde zu sehen; die Narren mussten sie in der Scheune untergebracht haben. Er hatte jemanden sagen hören: Wenn ein Dragoner vom Pferd fällt, steht er als Musketier wieder auf. Doch die Kaiserlichen dort vorn in dem Schlachthaus, in das sie den friedlichen Bauernhof verwandelt hatten, waren keine Dragoner, sondern Kürassiere, mit dem Kampf auf den eigenen Beinen nicht vertraut – sie hätten dem Angriff nicht einmal dann ernsthaft etwas entgegensetzen können, wenn sie darauf vorbereitet gewesen wären.

Brahe sah einen Soldaten hektisch seine Muskete laden und nahm ihn ins Visier. Gut! Er wollte nichts so sehr, als diese Männer töten. Gleich würden er und seine Reiter heran sein, gleich würde er feuern können. Die Wut war so groß, dass das Kind, auf das er im letzten Augenblick doch nicht geschossen hatte, bereits aus seinen Gedanken verdrängt war. Er brüllte laut und hörte das Kriegsgeschrei der Männer links und rechts von ihm – »Magdeburger Pardon!« –, aber die Erinnerung an die grausame Zerstörung Magdeburgs vor elf Monaten durch die tillyschen Soldaten war nur ein Name für all die Gräuel, die sie gesehen hatten, von den zu Tode geschändeten Frauen und Mädchen links und rechts der kaiserlichen Heerstraßen bis zu den Feuern von Würzburg, in denen die Kinder gebrannt hatten. Jeder der Småländer wünschte sich den Tod der Kürassiere ebenso sehr wie ihr Anführer.

Ein Dutzend apokalyptischer Reiter, die direkt in die Hölle galoppierten, um die Teufel darin abzuschlachten.

3.

DER JUNGE TAUMELTE in den Schutz des Waldsaums und fiel hinter den ersten Bäumen zu Boden. Sein Körper verkrampfte sich im Schüttelfrost. Er versuchte sich das Gesicht seiner Mutter vorzustellen, aber es gelang ihm nicht – weder das rotwangige, augenzwinkernde Lächeln aus besseren Tagen noch die blutverschmierte, zerschlagene, zur Unkenntlichkeit aufgeschwollene Fratze, die ihn aus dem Dunkel der Scheune heraus angesehen hatte. Der Anblick von Leupold schob sich davor, splitternackt, auf den Boden geworfen wie totes Schlachtvieh, die grässliche Wunde zwischen den Schenkeln, das von den Tritten und Schlägen aufgeplatzte Fleisch seines Oberkörpers, die aus den Höhlen gequollenen Augen – und das unsägliche Teil, das man ihm in den Mund gestopft hatte und woran er erstickt war. Der Junge rollte sich zusammen und wimmerte.

Aus der Richtung, in der der Bauernhof lag, drang das trockene Peitschen von Schüssen, Gebrüll, Pferdewiehern, das Donnern der galoppierenden Bestien, wütende Befehle und panisches Gewimmer. Das Feuer toste und röhrte dazwischen. Er presste sich die Hände auf die Ohren, doch es nützte nichts. Er kniff die Augen zusammen, aber der Anblick des toten Leupold ließ sich nicht vertreiben. Er begann zu schreien. Als er erst damit angefangen hatte, konnte er nicht mehr aufhören.

Schließlich verstummte er doch, wenn auch nur aus purer Erschöpfung. Es war stiller geworden hinter dem Hügel, selbst das Prasseln des Feuers schien schwächer geworden zu sein. Er hörte Rufe und ein sich ständig wiederholendes Geschrei einer einzelnen, schrillen Stimme: »Quartier! Quartier!« Ein Schuss dröhnte, und die schrille Stimme war verstummt. Langsam richtete er sich auf und versuchte, durch das Gestrüpp hindurch nach draußen zu sehen. Von einer Seite näherte sich das grollende Donnern, das er nun kannte: heranstürmende Kavallerie. Er erstarrte vor Entsetzen. Er sah die Reiter, denen er auf der Flucht begegnet war, vollständig wieder über den Hügel kommen, ein dichter Pulk diesmal, der sich um einen dicken Mann mit gelbem Gewand scharte und ein halbes Dutzend zusätzlicher, reiterloser Pferde hinter sich herzog. Sie galoppierten an seinem Versteck vorbei. Wenn sie die Pferde an der Stelle in den Wald getrieben hätten, an der er lag, hätten sie ihn über den Haufen geritten, denn er war nicht fähig, sich zu bewegen. Etliche qualvoll trommelnde Herzschläge später galoppierte eine andere Gruppe Reiter den Hügel herauf, hielt aber vor dem Waldrand an. Die Pferde tänzelten und drehten sich um sich selbst, ihre gepanzerten Reiter fluchten und schwenkten die Waffen.

»Wenn wir da hineinreiten und der Schwed’ steckt noch drin, knallt er uns alle ab!«, schrie jemand.

»Sollen wir die Schweinerei drunten ungesühnt lassen, du Schmalkachel?«

»Sühnen wir sie auf dem Schlachtfeld, morgen! Für jeden unserer Kameraden ein toter Schwed’ und noch einer als Dreingabe!«

»Zwei als Dreingabe!«

»Und der fette Arsch von Gustav Adolf!«

Die Männer brüllten vor Lachen. Dann rissen sie die Pferde herum und stürmten den Hügel wieder hinunter.

Der Junge ließ den Atem langsam entweichen. Seine Hände hatten sich so um die Zweige gekrampft, die er vorsichtig beiseitegeschoben hatte, dass er sie nur mit Mühe lösen konnte. Er sah an sich herunter und erkannte, dass er sich vor Angst beschmutzt hatte. Ein Schluchzen stieg in seiner Kehle auf.

Dann packte ihn etwas von hinten, eine Pranke legte sich über seinen Mund, er wurde gegen etwas Raues, nach hundert Jahren Schweiß und Dreck Stinkendes gedrückt und davongeschleppt, und seine von neuerlichem Entsetzen rotierenden Sinne hörten ein Stammeln: »Teufel … Teufel … T…t…teufel …!«

4.

AM DRITTEN ABEND ergriff der Einsiedler zum ersten Mal das Wort. Bis dahin war der Junge ihm auf seiner scheinbar ziellosen Wanderung durch den Wald hinterhergestolpert, weniger aus dem Bewusstsein heraus, dass der hünenhafte Alte ihn gerettet hatte und es möglicherweise gut mit ihm meinte, sondern eher aus der Ratlosigkeit, wohin er sich sonst hätte wenden sollen.

»N… N… gnnnnn! … N…name?«, fragte der alte Mann. Sein Gesicht war wettergegerbt und von einem dichten Bart überwuchert, eine Ansammlung wuchtiger Kanten und Kliffe. Das Lachen sah eher wie Zähnefletschen aus, aber der Junge fürchtete sich nach zwei Tagen schweigsamen Zusammenseins nicht mehr genug, um davon in die Flucht geschlagen zu werden.

Er zuckte mit den Schultern.

Der Einsiedler deutete auf sich. Sein Mund arbeitete. »P… P…«

»Was?«, fragte der Junge unwillkürlich.

Der Einsiedler verdrehte die Augen und deutete erneut auf sich. »P… P…« Plötzlich brach er ab und machte eine wegwerfende Bewegung. Er beugte sich zu dem Jungen und fasste ihn am Handgelenk. Der Junge wollte sich losreißen, doch der Einsiedler legte nur dessen Faust auf seine eigene Brust. »Petr!«, sagte er halbwegs deutlich.

»Petr? Soll das dein Name sein?«

Der Einsiedler nickte. Der Junge musste lachen. Das Geräusch schien dem Einsiedler fremd vorzukommen; er legte den Kopf schief und lauschte ihm hinterher. Dann deutete er erneut auf den Jungen. »Name?«

Der Junge seufzte und ließ den Kopf hängen. Er antwortete nicht.

Diesmal zuckte der Einsiedler mit den Schultern. Dann legte er sich wortlos auf die Seite und begann nach ein paar Augenblicken zu schnarchen. Der Junge starrte den dunklen Wald um sich herum an. Falls Tiere in der näheren Umgebung herumschlichen, wurden sie jedenfalls durch das Schnarchen vertrieben. Das Gesäge hatte etwas Tröstliches, so wie der muffige Geruch des Einsiedlers und seine Struppigkeit – es erinnerte ihn an den Hütehund, wenn sie sich in einem Regenschauer aneinandergedrängt und gegenseitig gewärmt hatten. Nach einer Weile kroch er zu dem Alten hinüber und rollte sich neben ihm zusammen.

5.

WENN MAN DIE Gesten, die Mimik der klobigen Gesichtszüge und das Gestammel des Einsiedlers zusammennahm und sich durch nichts ablenken ließ, war fast so etwas wie eine Unterhaltung möglich. Nicht dass der Alte viel Wert darauf gelegt hätte, eine Diskussion zu führen. Wenn er sprach, dann sprach er allein. Was er zu sagen hatte, benötigte Tage, um sich im Geist des Jungen zu formen, aber dann hatte er es verstanden. Es war eine Geschichte.

»Es ist, weil wir gesündigt haben«, sagte Petr. »Das ist schon sehr lange her, aber Sünden gehen nicht einfach weg. Man muss dafür Buße tun, und solange man nicht genug Buße getan hat, bleibt die Sünde in der Welt und vergiftet alles.«

»Was für ein Gift?«

»Das, was draußen passiert. In den Städten. In den Dörfern. Der Krieg. Dass so viele Menschen erschlagen werden. Dass keiner mehr weiß, was der wahre Glaube ist, und dass die Hoffnung stirbt. Es ist unsere Sünde. Wir haben darin versagt, die Welt vor ihr zu beschützen. Wir haben … schreckliche Dinge getan!«

Dem Jungen wurde stets unheimlich zumute, wenn der Einsiedler zu weinen begann. Er hatte den Bauern nie weinen sehen, und auch die Knechte nicht. Weinen war den Weibern und den Kindern vorbehalten. Er fühlte sich schutzlos, sobald der Alte das Gesicht in seinen Pranken vergrub und schluchzte.

Die Geschichte, in mühsamen Wochen dem Geist des Alten entrungen, war diese:

Einst hatte der Teufel ein Buch geschrieben. Ein sündiger Mönch hatte ihn um seine Hilfe gebeten, damit er seine Buße vollenden konnte, und hatte dem Teufel seine Seele dafür versprochen. Das Buch hatte eine Sammlung all des Wissens sein sollen, das der Mönch im Laufe seines Lebens erworben hatte; doch der Teufel hatte sich einen Spaß daraus gemacht, stattdessen seine eigene Weisheit darin festzuhalten. Es war eine Weisheit ohne Erbarmen, eine Klugheit ohne Liebe, ein Wissen, das nicht zur Erleuchtung, sondern zum Erwerb der Macht diente, es war des Teufels stärkste Waffe in seinem Plan, die Menschen zu verderben, weil die Menschen stets nach Erkenntnissen gierten, um Gott ähnlicher zu werden. Wenn man einem Narren eine Fackel in die Hand drückte, würde er das Haus abbrennen; wenn man sie einem Gelehrten gab, würde er die ganze Welt in Flammen setzen. Niemand wusste das so gut wie der Teufel.

Sieben schwarze Mönche hatten dieses Buch bewacht. Es mussten immer sieben sein, damit der Zirkel vollkommen war. Jahrhundertelang hatte dies gegolten. Doch eines Tages war ein Unwürdiger in diesen Zirkel geraten, einer, der schwach war, einer, der statt Verstand nur Vertrauen besaß, einer, der nicht misstraute, sondern liebte … einer, der an seiner Aufgabe zerbrach.

»Ich«, schluchzte der alte Einsiedler. »Ich war dieser Mann.«

Petr – Bruder Petr, die Reste der Mönchskutte hingen immer noch an dem ausgemergelten Leib –, hatte sich auf die Jagd nach einer unschuldigen Seele hetzen lassen, hatte gemordet im Namen des Buches … und das Buch hatte ihm alles genommen, was er geliebt hatte. Die Sünde des Mönchs, der damals den Teufel um Hilfe gebeten hatte, war durch die Jahrhunderte auf Petr gekommen; der Erschaffer des Buches hatte damals auch gemordet. Petr hatte das Buch bewacht, und es hatte ihn berührt … beschmutzt.

»Es beschmutzt alles, was einmal rein war«, flüsterte er.

Durch Petrs Schuld war der Zirkel zerbrochen. Er war geflohen. Er hatte zugelassen, dass die Bosheit des Buches in die Welt dringen konnte, und das war das Ergebnis: ein Krieg, in dem sich das ganze Reich zerfleischte, in dem Christen gegen Christen standen, ein Armageddon auf Raten, ein langes, grässliches Sterben, nicht begleitet von den Posaunen des Jüngsten Gerichts, sondern vom Trommelschlag der marschierenden Heere und vom Flehen der Gemarterten um Barmherzigkeit.

»Warum hast du das Buch nicht verbrannt?«, fragte der Junge.

»Man kann nicht gegen das Vermächtnis des Teufels kämpfen«, erwiderte Petr. Er brauchte viele Anläufe dafür, es endlich herauszubringen.

»Man kann auch nicht immer wegrennen«, sagte der Junge. »Irgendwann geht dir die Luft aus, und dann holt es dich ein. Wenn du eine Maus in der Scheune findest und in eine Ecke jagst, dreht selbst sie sich um und kämpft.«

Petr schüttelte den Kopf.

»Wo ist das Buch?«

Petr schüttelte erneut den Kopf.

Der Junge betrachtete ihn eine lange Weile. Ein überraschendes Gefühl stieg in ihm auf. Es war Zuneigung. Es war der Wunsch, den riesenhaft gebauten alten Mann zu beschützen. Er, der kleine Kerl, wollte den alten Einsiedler behüten, der mehr als doppelt so groß war wie er? Aber hatte er es nicht auch immer geschafft, die Schafe zu beschützen, wenigstens bis die goldenen Reiter gekommen waren, und die waren ein paar Dutzend gewesen und er ganz allein?

»Ich finde das Buch«, hörte er sich sagen. »Ich finde es, und dann zerstöre ich es. Dann musst du dich nicht mehr ängstigen, Väterchen!«

»Niemand kann es zerstören. Es wird stattdessen ein Opfer verlangen.«

»Dann werde ich das Opfer bringen.«

»Es wird dich vernichten.«

»Wer sagt denn, dass ich das Opfer sein muss?«, fragte der Junge und lachte. »Sorg dich nicht, Väterchen. Sag mir nur, wo das Buch ist und wie es heißt.«

Der Einsiedler schüttelte den Kopf. »W… w… gnnnnh … w… wir … müssen schlafen«, krächzte er und legte sich neben dem Feuer auf den Boden.

Auch in dieser Nacht schlief der Junge schlecht, doch es waren keine Angstträume, die ihn wach hielten. Der alte Mann stöhnte und ächzte im Schlaf. Er schien an der Grenze zwischen Schlaf und Wachen dahinzutaumeln. Seine riesigen Pranken zuckten. Der Junge brachte seinen Mund ganz vorsichtig an das Ohr des Alten.

»Wie heißt das Buch?«, flüsterte er.

Er nickte, als der Name sich den zitternden Lippen entrang. Er würde den Namen nicht vergessen. Und wenn er vor dem Scheiterhaufen stand, in dessen Flammen das Buch verzehrt wurde, würde er sagen: »Siehst du, Väterchen, jetzt ist alle Angst vorbei. Ich habe die Teufelsbibel verbrannt.«

Er schlief ein, zum ersten Mal seit seiner Flucht aus dem Bauernhof mit dem Gefühl, dass die Welt sich weiterdrehte; und zum ersten Mal in seinem Leben mit der Ahnung, dass auch eine Existenz wie die seine einen Sinn hatte.

Ein paar Tage später starben seine Träume unter den Knüppeln der Soldaten.

1. BUCH
GÖTTERDÄMMERUNG

Dezember 1647

Wir müssen uns mit aller Kraft bemühen,
uns selbst heilen zu können.

Marcus Tullius Cicero, Tuskulanische Gespräche

1.

ER HATTE GESÜNDIGT … o Gott im Himmel, er hatte gesündigt. Er hatte gedacht, seine Tat diene einem guten Zweck, aber am Ende des Tages war sie doch nur eines gewesen: eine schreckliche, widerliche, ganz und gar unverzeihliche Sünde.

Confiteor Deo omnipotenti …

Vor Dir, allmächtiger Gott, bekenne ich …

Er erinnerte sich an das Feuer; an die Schreie; an das Hämmern an der verschlossenen Tür; an das Flehen um Gnade, das leiser und leiser wurde, weil es sich hinter ihm entfernte, weil er davonrannte, weil er sie ihrem Schicksal überließ: der Hölle, die sie fürchteten, der sie um jeden Preis hatten entgehen wollen … der Hölle, die sie jetzt bei lebendigem Leib verschlang.

Confiteor Deo omnipotenti,

Quia peccavi nimis …

… dass ich gesündigt habe …

Aber das war es wert, oder nicht? Als sie vom Aufruf zu einem neuen Pilgerzug in das Heilige Land gehört hatten, zu dem der König von Frankreich und der Herr von Venedig aufgerufen hatten (es schien, als sei es erst gestern gewesen, und dabei war er damals ein Jüngling gewesen und jetzt ein Mann jenseits der Lebensmitte), hatten sie diskutiert. War es der Glaube wert, dafür zu sterben? Die Antwort war »Ja!« gewesen, gegeben mit blitzenden Augen und glühenden Wangen. Die Narren, die sie damals gewesen waren, er ebenso wie die anderen. Nichts hatten sie gewusst, gar nichts!

Confiteor Deo omnipotenti,

Quia peccavi nimis,

Cogitatione …

… in Gedanken …

Und es war die falsche Frage. Für den Glauben zu sterben war einfach. Wer glaubte, war überzeugt, dass nach dem Leben auf Erden ein besseres Leben im Himmel auf ihn wartete – warum den Eintritt darein verzögern? Nein, die wahre Frage musste lauten: War es der Glaube wert, dafür zu töten?

Confiteor Deo omnipotenti,

Quia peccavi nimis,

Cogitatione,

Verbo et opere.

… in Worten und Werken.

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! Kyrie eleison! Kyrie eleison …

Er blätterte … blätterte in seinem Hirn, weil er seit Langem die Schriftwerke nicht mehr benötigte, um das Wissen abzurufen. Das Streben des Daseins lag nicht in der Ordnung und erst recht nicht in der Seligkeit, sondern im Gleichgewicht der Dinge. Wenn man das akzeptiert hatte, verstand man das Leben; vor allem, dass jeglicher Anspruch auf Macht und Unterwerfung und alle Lieder vom weißen König auf dem weißen Ross völliger Unfug waren. Es ging nicht darum, zu siegen; es ging darum, ins Gleichgewicht zu kommen. Leben gab es nicht ohne Tod …

Die Worte hallten in seinem Kopf: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Das war die wahre Dreifaltigkeit, und sie hatte ihre dunkle Entsprechung. Er hörte die gleiche Stimme in seinem Kopf wispern: Nun aber bleiben Misstrauen, Verzweiflung, Hass …

Gleichgewicht. Es kam nur auf das Gleichgewicht an. Das war das Herz aller Dinge.

Kyrie eleison, denn ich habe vom Baum der Erkenntnis genossen, und ich sehe die Welt, wie Du sie geschaffen hast.

Kyrie eleison, denn ich habe gesündigt.

Kyrie eleison, kyrie eleison … denn Du hast es so gewollt, weil ich ein winziger Stein in den Waagschalen von Gut und Böse bin, und Du, o Herr, hast mich in die Schale des Zorns gelegt.

Er hörte die Schreie hinter sich und das Prasseln der Flammen, roch den Rauch …

… es war ein Traum gewesen! Nur ein Traum …

Doch die Schreie blieben, und die Kampfgeräusche. Sie drangen bis hierher – Klingen, die aufeinanderprallten, das Peitschen der Schüsse, die verzweifelten Befehle, Pferdewiehern … das Flattern eines Geschosses, das in hohem Bogen über die Mauern flog, der Einschlag, das Beben des Bodens und das Krachen, mit dem eine Hauswand in sich zusammenstürzte … Hufgetrappel, wilde Flüche, lang gezogene Schmerzensschreie und dazwischen das schrille Gebet eines Menschen, der sich seiner Angst ergeben hatte: Heilige Maria Mutter Gottes, voll der Gnaden …! Heilige Maria Mutter Gottes …! Etwas prasselte, als stünde alles in Flammen, aber reines Mauerwerk konnte doch nicht brennen! Oder doch? Vielleicht brannten heute sogar Steine, vielleicht brannte die ganze Welt, vielleicht starb die Hoffnung hier und heute, nachdem der Glaube schon so lange tot war und zuletzt auch die Liebe gestorben war.

Dies war kein Traum. Oh, wollte Gott, es wäre einer gewesen!

2.

ALEXANDRA RYTÍŘ BLIEB an der Schwelle der Ägidius-Kirche stehen und holte Luft. Der Geruch, der aus dem weiten, nüchternen Kirchenschiff drang, war einladend – Kerzenwachs und Unschlitt, Reste von Weihrauch, Ölfarbe, Staub und Alter: der ewige Kirchenduft. Für sie würde er nie mehr etwas anderes bedeuten als Abschied, Schmerz und Leere. Ein schneeiger Windstoß ließ sie erschauern; wie passend, dachte sie unzusammenhängend, dass dieser nachdrückliche Beweis der angebrochenen Adventszeit ihr Gänsehaut verursachte. Advent war seit Jahren etwas, das durchlitten werden musste. Keine Kerzen, kein Gebäck mehr … keine warme kleine Hand, die sich in die ihre schmiegte, um der Kälte zu entgehen. Sie straffte sich und trat ein.

Die Zeit nach dem Mittagsläuten war die beste Zeit, um die Kirche zu besuchen. Meistens war sie dort allein. Es war einfacher, die Fassung zu bewahren, wenn man sie nicht bewahren musste, um neugieriges Mitleid zu verhindern. Wenn man weinen und mit den Zähnen knirschen und Gott beschuldigen durfte, dass er einem das Beste weggenommen hatte, dann war es irgendwie einfacher, es nicht zu tun … dann konnte man sich still niederknien und eine Kerze anzünden, hoffen, dass die kleine Flamme die noch kleinere Seele wärmte, die für so kurze Zeit das Dasein mit einem geteilt hatte und die jetzt irgendwo war, erreichbar nur in Träumen.

Und man konnte hoffen, dass man irgendwann am Morgen aufstehen und den Schmerz nicht mehr so übermächtig empfinden würde, dass jede Stunde des Tages ein Kampf gegen die Verzweiflung war. Sie hoffte seit so vielen Jahren …

Sie holte die Kerze aus ihrem Mantel, hielt den Docht an die Flamme einer der anderen Kerzen, die in der Seitenkapelle brannten, und klebte sie auf dem Steinboden fest. Anfangs hatte sie große, wuchtige Kerzen genommen und nach ihren Besuchen stehen gelassen, doch dann hatte sie festgestellt, dass es Menschen gab, die solche teuren Kerzen stahlen, löschten und dann in einer anderen Seitenkapelle neu entzündeten, um ihre eigenen Bitten an das Emporzüngeln der Flamme zu heften. Im Gegensatz zu früher war sie nicht mehr sicher, ob Gott solche Gebete nicht genauso erhörte wie alle anderen, weil es ihm ohnehin egal war, was die Menschen taten, ob sie lebten – oder starben. Jedenfalls war sie dazu übergegangen, kleine Kerzen zu verwenden und so lange bei ihnen zu verharren, bis sie heruntergebrannt waren.

Sie blickte nach oben, in das nachgedunkelte bärtige Gesicht auf dem Gemälde.

»Behüte deinen Schützling, heiliger Mikuláš«, flüsterte sie. »Behüte ihn im Tod, wenn du ihn schon im Leben nicht schützen konntest.«

Der Heilige antwortete nicht. Die Kerzenflamme brannte stetig. Alexandra schluckte den Schmerz hinunter, der sich in ihre Kehle krallte.

»Hallo, Miku«, wisperte sie heiser. »Hier ist deine Mutter. Geht es dir gut?«

Sie konnte nicht weitersprechen. Während der Anblick der vielen Dutzend Kerzenflammen vor ihrem Gesicht verschwamm, sagte sie sich, dass sie nicht hätte kommen sollen. Immer am Namenstag ihres einzigen Kindes fand sie sich in der Kapelle vor dem Bild von Mikus Namenspatron ein und versuchte, so zu tun, als könne man mit Gott, den Heiligen und den Toten Verbindung aufnehmen. Mühsam kam sie auf die Beine und trat in das Kirchenschiff hinaus.

»Keine Mutter sollte jemals ihr Kind zu Grabe tragen müssen«, hörte sie eine Stimme sagen. Die Stimme war in ihrem Kopf, und sie gehörte Wenzel von Langenfels. Sie hatte die Bemerkung abgeschmackt empfunden und gleichzeitig gewusst, dass es ein ehrlicher Versuch von seiner Seite gewesen war, Mitgefühl auszudrücken.

Wenn du wüsstest, hatte sie damals gedacht und dachte es auch heute. Wenn du wüsstest …

Die kleine Kerze in der Kapelle brannte zügig herunter. Alexandra starrte sie an. Ihr beim Verlöschen zuzusehen war fast genauso, wie Zeuge von Mikuláš’ Verlöschen zu werden, zu beobachten, wie sein schmaler Körper immer schmaler und sein Gesicht immer blasser wurde und seine Augen begannen, an ihr vorbei und durch sie hindurch an einen Ort zu schauen, zu dem sie ihm nicht folgen konnte. Panik befiel sie, sodass sie glaubte, nicht mehr atmen zu können. Sie bückte sich nach der Kerze, doch dann zuckte sie zurück. Wenn sie sie auslöschte, wäre das nicht, als ob sie Mikus Leben …? Aber das Kind war tot, es konnte nicht mehr schlimmer werden, und einfach zu gehen und dann später darüber nachzudenken, ob jemand anderes die kleine Kerze ausblasen und für seine eigenen Zwecke stehlen würde, war fast genauso unerträglich, wie zuzusehen, wie ihr Licht erlosch. Sie löste die Kerze vom Boden, hielt sie dicht vor ihr Gesicht und blies sie aus mit einem Hauch, der wie ein Kuss war. Der Rauch des erloschenen Flämmchens stieg in die Höhe und verging mit einem letzten Flackern, und auf einmal dachte sie, dass sie dieses Flackern auch als das Winken der kleinen Seele ihre Sohns nehmen konnte, die sich bei ihr meldete.

Absurd, dachte sie. Gedanken wie diese waren der letzte Strohhalm, bevor einen der Wasserfall des Schicksals in die Tiefe riss.

Dennoch fühlte sie sich auf eine seltsame Art und Weise getröstet, als sie die Kirche verließ.

Das Licht draußen war trüb. Die Schönheit der Stadt schimmerte durch die Dämmerung und berührte das Herz, auch wenn der Winter sie in ein Mosaik aus grauen und schwarzen Flächen verwandelte, über denen die Rauchsäulen aus den Kaminen hingen und der beißende Hausbrandgeruch in die Gassen sank. Alexandra tastete nach der Kerze in ihrer Tasche. Sie bedauerte es auf einmal so sehr, sie nicht bis zu Ende brennen gelassen zu haben, dass sie fast wieder umgekehrt wäre. Dann erkannte sie die Gestalt, die allein vor der Kirche auf dem Pflaster stand.

»Mama?«

Von Weitem sah Agnes Khlesl immer noch wie eine Frau in mittleren Jahren aus. Ihr langes Haar, das sich zu einem schimmernden Grau gefärbt hatte, trug sie hochgesteckt unter einem Kopftuch; ihre schlanke, hochgewachsene Statur tat ein Übriges, um den Eindruck zu verstärken, dass sie nicht Alexandras Mutter, sondern höchstens ihre ältere Schwester war.

Bestürzt erkannte Alexandra, dass Agnes geweint hatte, und die harsche Frage, ob ihre Mutter ihr gefolgt sei, weil sie ihr noch immer nicht zutraute, allein mit ihrer Trauer fertig zu werden, starb auf ihrer Zunge, zusammen mit dem leisen Gefühl des Trostes, das ihr der Kirchenbesuch geschenkt hatte.

»Was ist passiert?«

Agnes räusperte sich. »Es geht um Lýdie«, sagte sie schließlich.

»Was ist mit der Kleinen? Andreas und seine Familie sind doch auf der Rückreise aus Münster … um Gottes willen, ist ihnen etwas zugestoßen? Der Krieg ist doch vorbei …«

»Nein, sie sind wohlauf. Außer Lýdie.«

Alexandra starrte ihrer Mutter ins Gesicht. »Schlimm?«

»Schlimm.« Agnes’ Augen begannen zu schwimmen.

»Wie schlimm?«

Agnes kämpfte damit, es ihr zu sagen. Eine Ahnung stieg in Alexandra hoch, und sie schnürte ihr beinahe die Stimme ab. »Nervenfieber?«

Agnes nickte und senkte den Blick.

»Sie ist die Einzige, die sich damals nicht angesteckt hat«, murmelte Alexandra. In Gedanken forderte sie ihre Mutter heraus, es zu sagen, aber Agnes schwieg, und so sprach Alexandra es aus: »So wie Miku der Einzige war, der damals daran gestorben ist.«

»Kryštof ist auch gestorben«, sagte Agnes.

Alexandra schluckte. Sie antwortete nicht. Auch heute hatte sie wieder vergessen, eine Kerze für ihren verstorbenen Ehemann zu entzünden. Sie fragte sich im Stillen, ob es wohl daran lag, dass sie ihm nicht verzeihen konnte, die Krankheit von einer Reise mit nach Hause gebracht zu haben. Es war nicht seine Schuld gewesen. Wenn einer Schuld trug, dann Gott, und selbst von ihm konnte man nicht erwarten, dass er über jedes einzelne Leben wachte. Nein, es war zu viel verlangt von Gott. Er hatte in den letzten dreißig Jahren genug damit zu tun gehabt, die Seelen derer zu wiegen, die von den Soldaten aller Lager erschossen, erstochen, erschlagen, ertränkt, erdrosselt, zu Tode gefoltert und geschändet worden waren. Wie aber sollte man Gott die Schuld geben und danach einem neuen Tag ins Auge sehen können? Es gab Situationen, da mussten Menschen die Bürde auf sich nehmen, die der Herr der Schöpfung eigentlich zu tragen hätte.

»Er hat es nicht verdient, weißt du«, sagte Agnes leise.

Natürlich hatte er es nicht verdient. Tatsächlich war Alexandra nicht nur Miku genommen worden, sondern auch Kryštof, der Mann, dessen Namen sie trug, der Mann, den sie geheiratet hatte. Kryštof Rytíř war zwei Tage vor Miku gestorben, verzweifelt darüber, dass die Krankheit, mit der er sich angesteckt hatte, nun auch seinen Sohn dahinraffen sollte, und hoffnungslos, weil er seiner Frau ansah, dass sie ihm deswegen nicht verzeihen konnte. Wahrlich, Kryštof hatte das alles nicht verdient gehabt; nicht verdient zu sterben, nicht verdient, sich selbst dafür zu verfluchen, nicht verdient, von seiner Frau verflucht und bei den Kirchenbesuchen ein ums andere Mal vergessen zu werden. Schon gar nicht hatte er verdient gehabt, mit der Lüge zu leben und mit ihr zu sterben, dass Miku sein Kind gewesen war.

»Ich kann das nicht«, sagte Alexandra.

»Ich habe nichts von dir verlangt«, sagte Agnes.

»Du wärest nicht hierhergekommen, wenn du mich nicht darum bitten wolltest, Lýdie zu retten.«

Agnes hob den Blick und sah ihrer Tochter in die Augen. Alexandra hatte das Gefühl, durch die Jahre rückwärtszustürzen, bis sie wieder die junge Frau war, die in ihr eigenes Verderben gerannt und nur mit dem Leben davongekommen war, weil es Menschen gegeben hatte, die sich dem größten Schrecken ihres Lebens gestellt hatten in dem festen Glauben, sie, Alexandra, dadurch retten zu können. Ihre Mutter Agnes war einer dieser Menschen gewesen.

»Ich …«, begann Alexandra.

»Du kannst deinem Bruder Andreas nicht verzeihen, dass er und seine Familie mit dem Leben davongekommen sind, während deine Familie zerstört wurde. Du kannst ihm so wenig verzeihen wie Kryštof.«

Es hatte nicht wie ein Vorwurf geklungen. Agnes’ Augen waren sanft. Der Kloß in Alexandras Kehle schmerzte dennoch unerträglich.

»Das stimmt doch gar nicht …«

»Aber das ist nicht der springende Punkt. Das Hauptproblem ist, dass du dir selbst nicht verzeihen kannst, Miku nicht gerettet zu haben.«

»Wie hätte ich denn …? Ich habe doch erst danach …«

»Mir brauchst du das nicht zu erklären. Erklär es dir selbst.«

Ein Schluchzen stieg in Alexandras Kehle auf, aber sie unterdrückte es.

»Alexandra, es hat keinen Sinn, dass du dir selbst Vorwürfe machst, dich nicht eher für die Heilkunde interessiert zu haben. Manche finden ihren Weg im Leben früher, manche später. Es ist nicht dein Fehler, dass du ihn erst erkannt hast, als Miku nicht mehr bei uns war. Und selbst wenn – woher nimmst du die Gewissheit, dass du ihn hättest heilen können?«

»Du glaubst doch fest daran, dass ich Lýdie helfen kann!«

»Weil du die Beste bist. Weil es die Aufgabe einer Heilerin ist, zu heilen. Sich selbst zu heilen, ganz nebenbei, aber das sage ich dir ebenso wie alles, was ich vorhin gesagt habe, seit zehn Jahren.«

»Vielleicht musst du es mir noch mal zehn Jahre lang sagen, dumm, wie ich bin.«

Agnes lächelte mit neuen Tränen in den Augen. »Du bist nicht dumm, Liebes. Nur so tief verletzt … so tief …«

»Hör auf damit, Mutter!«

»Warum stellst du deinen Schmerz über den der anderen? Du kannst heilen! Talente wie dieses sind ein Geschenk für die Menschheit. Du darfst es nicht für dich behalten.«

»Sag das all den Frauen, die in den ersten Kriegsjahren verbrannt worden sind, weil sie heilen wollten und die anderen sie als Hexen verleumdet haben.«

»Wir befinden uns nicht mehr in diesen Zeiten.«

»Neunhundert waren es in Würzburg«, sagte Alexandra. »Neunhundert. Welch ein Wahnsinn! Es waren kleine Kinder darunter! Sie haben sie gefoltert und bei lebendigem Leib verbrannt, während ihre Mütter und Väter vor den Scheiterhaufen stehen und zuschauen mussten!«

»Alexandra …«

»Neunhundert, Mutter! Und wie viele Tausend mögen es im ganzen Reich gewesen sein? Was soll das für ein Geschenk an die Menschheit sein, wenn diese hergeht und die Überbringer des Geschenks ermordet?«

»Darum geht es doch gar nicht, Alexandra.«

»Nicht, Mutter?« Alexandra atmete schwer. Sie hatte ihre eigene Stimme gellen gehört. Was rede ich da?, fragte sie sich selbst, aber etwas in ihrem Inneren hatte die Kontrolle übernommen, etwas, das sich brüllend vor Wut und Verzweiflung bei der Zumutung wand, dass sie etwas zur Rettung ihrer kleinen Nichte unternehmen sollte, während jede Hoffnung, die Alexandra geblieben war, nur noch in Gebeten an einen tauben Gott bestand.

»Nein. Es geht darum, dass Andreas’ und Karinas Tochter sterben wird, wenn du ihr nicht hilfst.«

»Was, wenn ich doch schon früher damit angefangen hätte, mich für die Heilkunde zu interessieren, und auch verbrannt worden wäre? Dann wäre ich heute nicht da, um der Kleinen zu helfen. Ich kann mich nicht erinnern, dass Andreas damals nach Würzburg gegangen wäre und versucht hätte, das Morden zu beenden. Und wir hatten sogar einen Handelsagenten in Würzburg und gute Beziehungen!«

»Das ist doch lächerlich, Alexandra. Du weißt genau, dass dein Vater, Andrej und Andreas unseren Partner dort samt seiner Familie gerettet haben und dass uns das so viel Bestechungsgelder kostete, wie das gesamte Geschäft im Bistum uns die Jahre zuvor eingebracht hatte.«

»Und wenn ich ihr nicht helfen kann?«

Alexandra erinnerte sich an ihre eigene Verzweiflung, mit der sie den behäbigen Arzt bestürmt hatte, damals, vor zehn Jahren: Die Medizin wird doch helfen, nicht wahr? Er wird doch wieder gesund werden, oder nicht? Gott kann ihn doch nicht sterben lassen, er ist doch ein unschuldiges Kind? Sie war sicher, dass sie es nicht durchstehen würde, auf dieselbe Art von ihrem Bruder und ihrer Schwägerin bestürmt zu werden und die Verantwortung zu tragen für das Leben, das so unvermittelt in ihrer Hand lag. Einen Augenblick lang war sie überzeugt, dass ihre eigene Tragödie sich an der Familie ihres Bruders wiederholen würde. Wer sollte sich schon im Namen der kleinen Lýdie zwischen das Leben und den Tod stellen? Ein gütiger Gott? Ha!

»Du hast selbst einmal gesagt, dass es die Aufgabe einer Heilerin ist, zwischen dem Tod und der Hoffnung zu stehen. Gott stellt sich nicht dazwischen. Er hat stattdessen Menschen wie dir die Fähigkeit verliehen, es zu tun.«

Ich habe keine Hoffnung, wollte Alexandra entgegnen. Schon gar nicht an einem Tag wie diesem. Heilen zu wollen bedeutet, die Hoffnung niemals aufzugeben. Ich habe nicht die Kraft zu hoffen.

»Alexandra, sosehr ich deinen Schmerz respektiere – du musst helfen. Wenn du dich heraushältst, und Lýdie wird durch ein Wunder gesund, dann wird das noch schlimmer sein, als wenn du Andreas und Karina sagen musst, dass du die Kleine nicht retten kannst.«

Alexandra schnaubte. Sie erinnerte sich daran, was ihre Lehrerin gesagt hatte, die alte Hebamme Barbora, die nun längst selbst jenseits allen Hoffens und Bangens und – wollte man den Ansichten glauben, die böse alte Männer vom Schlag des Fürstbischofs von Würzburgs vertraten – im tiefsten Kreis der Hölle war: Das Schlimmste ist nicht, dass du sie sterben siehst, sondern den Dank in ihren Augen, wenn du ihnen sagst, dass sie es schaffen werden – obwohl du ahnst, dass es nicht der Fall sein wird. Alexandra hatte auch Miku ständig versichert, dass er wieder gesund würde. Sie hatte in seinen Augen lesen können, dass er es besser gewusst hatte, aber er hatte stets dazu genickt und gelächelt. Das todkranke Kind hatte versucht, seiner untröstlichen Mutter Hoffnung zu geben.

»Wein nicht«, sagte Agnes und begann selbst zu weinen. »Ich weiß, woran du denkst.«

Ich habe meinen Weg nach dem Abschied von meinem Kind eingeschlagen, weil ich diesem einen Tod so viele Leben wie möglich entgegensetzen wollte; weil ich dem Sensenmann ein erbittertes Gefecht um jede weitere Seele liefern wollte, dachte Alexandra. Nicht, damit jemand die Narben auf meiner Seele aufkratzt und den Wunden, die darunterliegen und niemals verheilt sind, neue hinzufügt!

»Wo sind Andreas und seine Familie überhaupt?«, fragte sie.

Agnes senkte den Blick erneut. »In Würzburg«, sagte sie. »Es liegt auf dem Weg von Münster nach …«

»O mein Gott«, stieß Alexandra hervor. »Wie kannst du das von mir verlangen? O mein Gott!«

»Ich hatte unrecht«, sagte Agnes; ihre Stimme klang entmutigt. »Verzeih mir. Ich hätte es wirklich nicht von dir verlangen dürfen.« Sie zog ihren Mantel fest um ihre Schultern zusammen und wandte sich ab. Ein letztes Mal drehte sie sich zu Alexandra um. »Ich liebe dich so sehr«, sagte sie. »Ich habe damals zu Gott gebetet, dass er Cyprian und mich nehmen soll, wenn er Miku und Kryštof dafür verschont. Aber wie wir alle wissen: Handeln kann man nur mit dem Teufel.«

Alexandra nickte unter Tränen. Auch mit ihm nicht, schrie es in ihr. Ich habe ihm meine Seele versprochen, wenn er Miku rettet, aber er hat mir ebenso wenig geantwortet wie Gott dir.

Agnes schritt über den Schnee in die Düsternis der nächstgelegenen Gasse davon. Von irgendwoher kam ein Duft von Bratäpfeln und süßem Gebäck und verwehte sofort. Eine Faust krallte sich um Alexandras Herz und presste es gnadenlos zusammen. Der beständig durch die Gassen wehende Schneewind ließ sie zittern. Wie noch nie in den vergangenen Jahren wünschte sie sich, jemanden um Rat fragen zu können, jemanden, der nicht eine Freundin oder einer ihrer Brüder oder ihre Mutter war, sondern jemand, mit dem man seinen Körper und seine Seele geteilt hatte und der einen kannte wie sonst kein anderer Mensch.

Langsam, als trüge sie eine tonnenschwere Last, stapfte sie zurück in die Kirche und zündete eine weitere Kerze an, diesmal für Kryštof.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Es tut mir leid, dass dies die erste Kerze seit vielen Jahren ist, die ich für dich entzündet habe. Es tut mir leid, dass ich nicht die Kraft hatte, dir die Liebe zu schenken, die du mir gegeben hast.« Sie sah sich um. Sie war allein in der Kirche, und doch konnte sie es nicht aussprechen. Es tut mir leid, dass ich dir zehn Jahre lang vorgelogen habe, Miku wäre dein Sohn, fügte sie dann in Gedanken an. Ihr war so kalt, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Beinahe schmerzhaft sehnte sie sich danach, mit dem Vater ihres einzigen Kindes sprechen zu können.

Agnes hatte ihr einmal erzählt, was ihre Magd ihr für einen Rat gegeben hatte, als es für Agnes darum gegangen war, sich ihrer Liebe zu Cyprian zu stellen oder für immer vor ihr fortzulaufen.

Vielleicht habt ihr nur eine einzige Stunde miteinander. Manchmal kann man sich an einer einzigen Stunde ein Leben lang festhalten.

Statt für ihre Mutter war diese Weisheit für Alexandra zur Wirklichkeit geworden. Ihr war klar, dass sie sich immer noch an dieser Stunde festhielt.

Sie sehnte sich danach, mit Wenzel von Langenfels zu sprechen und ihm die Wahrheit über ihr gemeinsames Kind zu verraten, und wusste gleichzeitig, dass sie es nie würde tun dürfen.

3.

ALS WENZEL VON Langenfels durch das Tor trat und in den weiten Innenhof schritt, umfing ihn die Würde des Orts, wie sie es stets tat, und wie stets erfüllte sie ihn mit einer verwirrenden Mischung aus Frieden und Sehnsucht. Frieden, weil er hier seinen Platz gefunden hatte, und Sehnsucht, weil er das Gefühl hatte, dass es einen Platz auf der Welt gab, an den er noch besser passte. Er atmete tief ein und aus, dann marschierte er durch die lückenhafte Allee der Steinfiguren hindurch zum Hauptportal. Die Knechte am Tor hatten auf seine Weisung hin seine Rückkehr nicht angekündigt. Er liebte es, für eine Weile mit sich und den Gefühlen allein zu sein, die ihn stets überwältigten, wenn er hierherkam. Meistens gelang es ihm nicht; man war wachsam in Raigern, und man hatte allen Grund dazu.

Er verdrehte resigniert die Augen, als das Kirchenportal aufschwang, noch bevor er es hatte erreichen können, und einer der Mönche herauskam. Der Mönch verbeugte sich strahlend. »Willkommen zurück, ehrwürdiger Vater.«

Wenzel von Langenfels, seit vier Jahren Probst von Raigern, nickte. »Danke«, sagte er.

»Willst du dich erfrischen, ehrwürdiger Vater? Die beamteten Brüder stehen bereit, wenn du so weit bist, dass du ihnen berichten kannst.«

Natürlich standen die beamteten Brüder bereit. Sie standen immer bereit, wenn er zurückkehrte. Er war selbst schuld daran, dass sie so gut Bescheid wussten, wer sich im Umkreis von ein paar Meilen dem Kloster näherte; er hatte ihnen beigebracht, dass es unter den Vögeln, die Gott der Herr erschaffen hatte, auch Brieftauben gab und wie man mit ihnen eine ganze Postenkette auf bauen konnte.

»Etwas heiße Brühe vielleicht? Ich bin ganz durchgefroren.«

»In deiner Zelle, ehrwürdiger Vater?«

»Ins Refektorium, bitte.«

Seine Antwort enthielt die ungesagte Botschaft, dass er Neuigkeiten hatte, die alle betrafen. Während er sich mit den beamteten Brüdern beriet, würden nach und nach mindestens drei Viertel der Mönche unter irgendeinem Vorwand im Refektorium auftauchen und in Hörweite dort herumlungern. Wenzel hatte nichts dagegen, weil auf diese Weise die Informationen, die er brachte, allen sofort zugänglich wurden und weil es gleichzeitig die Autorität der beamteten Brüder unterstrich, die als Einzige mit ihm am Tisch saßen. Außerdem sorgte es dafür, dass die Neugier der anderen Brüder gestillt war und die Versuchung geringer wurde, das Ohr an die Tür seiner Zelle zu pressen, wenn er den Klosterbeamten etwas mitteilte, das nicht für alle bestimmt war.

»Betet zum Herrn«, sagte er, als die dampfende Brühe vor ihm stand und die ersten Mönche betont harmlos ins Refektorium schlenderten, um sich am Lesepult zu schaffen zu machen, die Bodenplatten zu fegen oder sonst etwas zu tun. Das Refektorium pflegte stets der sauberste Raum im ganzen Kloster zu sein, das ohnehin nicht unbedingt ein Opfer der Vernachlässigung war.

»Der Frieden ist so nahe wie nie zuvor – ebenso wie Armageddon.«

Die meisten der am Tisch Sitzenden bekreuzigten sich. Aus einer Ecke, aus der imaginäre Spinnweben entfernt wurden, ertönte ein unterdrückter Schreckensschrei.

»Bist du sicher, ehrwürdiger Vater?«

Wenzel seufzte. »Dieser Krieg war die schlimmste Katastrophe, die der Christenheit jemals zugestoßen ist«, sagte er. »Dreißig Jahre Tod und Verderben. Ein paar von euch waren noch nicht mal geboren, als er ausbrach.« Zwei der Bodenplattenfeger räusperten sich. »Und ich … ich war ein junger Kerl, der über gar nichts Bescheid wusste, nur dass er Angst vor der Zukunft hatte. Doch selbst in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht vorgestellt, dass der Krieg ein halbes Menschenalter dauern würde.«

Er betrachtete nachdenklich seine Hand. Die Erinnerung war immer gegenwärtig, und mit ihr das Gefühl, Alexandra Khlesls Hand in der seinen zu halten. Der Himmel war blau gewesen über Prag, das Gras im verwilderten Garten unterhalb der Burg warm vom Sonnenschein, und Alexandra hatte seinen Händedruck erwidert. Sie hatte ihn um Zeit gebeten. Er hatte gewusst, dass Zeit das Einzige war, das sie nicht hatten. Dennoch war der Augenblick vollkommen gewesen – und ein Augenblick geblieben. Er war verweht wie alle Hoffnungen damals, der Krieg möge doch nicht ausbrechen oder er möge kurz sein oder er möge nicht so schlimm werden.

Nein, korrigierte er sich. Es hatte noch einen zweiten Augenblick gegeben. Er hatte eine Nacht gedauert. Er hatte in ihm die unauslöschliche Sehnsucht geweckt, dass die Nähe, die zwischen ihnen in dieser Nacht geherrscht hatte, für immer andauern möge.

»Fast alle, die damals den Krieg gewollt haben, sind mittlerweile tot«, sagte er. »Gott sei ihren Seelen gnädig, wenn sie aus dem Fegefeuer herausschauen und sehen, was sie angerichtet haben: Kaiser Ferdinand, der damals noch König von Böhmen war; Kurfürst Friedrich von der Pfalz, den die protestantischen Stände zum böhmischen Gegenkönig zu Ferdinand gewählt haben und der dann der Winterkönig genannt wurde, weil er nur einen Winter lang die Krone trug; Colonna von Fels, Matthias von Thurn, Albrecht Smiřický, der noch im Herbst 1618 an einer Lungenentzündung starb, Graf Andreas von Schlick, der nach der Schlacht am Weißen Berg hingerichtet wurde, und die allesamt am Fenstersturz der königlichen Statthalter beteiligt waren … ist es nicht eine Ironie, dass die Männer, die sie damals töten wollten, Graf Martinitz, Wilhelm Slavata und Philipp Fabricius, dagegen noch leben …?«

»Gott hat die Protestanten bestraft. Sie haben den Krieg begonnen!«, meldete sich jemand.

Wenzel schüttelte den Kopf. »Begonnen? Wer will sagen, wer diesen Krieg begonnen hat? Martin Luther, weil er seine Thesen an die Kirche in Wittenberg schlug? Oder Papst Leo X., weil er mit dem Ablasshandel eine Perversion aus dem heiligsten christlichen Sakrament gemacht hat, nämlich der Buße, und Luther dagegen auf begehrte?«

»Das ist über hundert Jahre her, ehrwürdiger Vater!«

»Manchmal braucht ein Krieg hundert Jahre, um wirklich auszubrechen. So gesehen sollten wir froh sein, dass er nach dreißig Jahren schon zu Ende ist, oder nicht, Brüder?«

»Glaubst du denn wirklich, dass es vorbei ist?«

»Die Vertreter aller Krieg führenden Mächte haben seit dem Spätherbst 1644 in Münster und Osnabrück verhandelt. Nachdem die Franzosen, allen voran ihr Kardinal Richelieu, die Friedensbemühungen von 1636 hintertrieben haben, sind sie jetzt diejenigen gewesen, die sich für die neuen Verhandlungen eingesetzt haben.«

»Ist das wirklich wahr, ehrwürdiger Vater?«, fragte einer der jungen Mönche aus der vorgeblichen Putzkolonne. »Die Gräueltaten sind doch nicht weniger geworden in den letzten Jahren, nach dem, was man so gehört hat. Das kann doch nicht sein, dass die Herren am Verhandlungstisch sitzen, und ihre Heere verwüsten weiterhin das Land!«

»Na ja«, Wenzel räusperte sich, »die Herren sind die Herren, nicht wahr? Kennst du nicht die Geschichte von den Bauern, die Wurzeln und alte Knollen und die Eicheln vom Vorjahr aus der Erde gruben, um ihre Kinder vorm Verhungern zu bewahren, als eine Jagdgesellschaft ihres Herzogs vorbeikam und sich dort zum Essen niederließ, wo die Bauern mit den bloßen Händen das Feld umpflügten?«

Der junge Mönch schüttelte den Kopf.

»Die Herzogin und die Hofdamen baten die Lakaien, die Bauern zu verjagen, weil ihr Anblick die Gemüter beleidigte.«

»Mögen sie alle in der Hölle braten!«, sagte der junge Mönch.

»Nein, möge Gott ihnen verzeihen und ihnen die Sünde vor Augen führen, die sie begangen haben.«

Der junge Mann schlug die Augen nieder. Keinem von ihnen waren die Kriegshandlungen und deren Begleiterscheinungen fremd. Das Kloster von Raigern lag vor den Toren Brünns. 1643 und nochmals 1645 hatten schwedische Truppen die Stadt belagert, letztlich erfolglos; doch noch heute zeugten leere Bauernhöfe, verbrannte Dörfer und abgeholzte Wälder in der weiteren Umgebung Brünns ebenso davon wie die ruinierte Sankt-Peters-Kirche auf dem Petershügel in der Stadt, die ausgebrannt und deren Türme von den Kanonen der Schweden zum Einsturz gebracht worden waren. Nicht wenige Novizen des Klosters waren Waisen, deren Eltern während der Belagerungen ermordet worden waren. Wenzel hatte die barmherzige Aufnahmepolitik seines Vorgängers Georg von Hornstein fortgesetzt, mit dem Ergebnis, dass ein großer Teil seiner Mönche die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren hatte und entschlossen war, weitere Schandtaten nicht mehr zuzulassen. Für Wenzels Ziele war es von Vorteil, dass man in halb Mähren überzeugt war, die Mönche von Raigern seien Charaktere, die sich nichts gefallen ließen.

Wenzel hatte die Politik Georg von Hornsteins auch noch in einem anderen Zusammenhang fortgesetzt, so wie dieser wiederum von seinem Vorgänger, Daniel Kavka, eine Aufgabe geerbt hatte. Vor Daniel Kavka war das jahrhundertealte Benediktinerkloster aufgelassen gewesen und seine Güter verkauft – die protestantischen Stände hatten nach 1618 auch im bislang halbwegs neutralen Mähren die Macht übernommen und sich an den katholischen Einrichtungen gerächt. Die Niederlage am Weißen Berg hatte diese kurzlebige Vorherrschaft gebrochen, und auch Raigern war wiederauferstanden; aber mit einer Aufgabe, die es bisher noch nicht innegehabt hatte. Wenzel holte Luft. Gleich nach seiner nie erloschenen Liebe zu Alexandra und seiner Loyalität seiner Familie gegenüber besaß ein ganz besonderer Trakt des Klosters sein Herz.

»Und denk bloß mal an Jankau«, sagte einer der beamteten Mönche. »Ich meine, wenn du schon fragen musst, wie es möglich sein kann, dass die Herren Friedensverhandlungen führen und der Krieg trotzdem weitergeht. Die kaiserlichen Truppen haben vor Jankau eine Schlacht geführt, um die Schweden unter General Torstenson aufzuhalten. Über zehntausend Tote, mein Freund. Torstenson hat seine Soldaten nach dem Sieg drei volle Stunden auf dem Schlachtfeld herumlaufen und die Verwundeten und die kaiserlichen Soldaten, die sich ergeben hatten, erschlagen lassen. Auf diese Weise wollte er vermeiden, dass sie jemals wieder gegen ihn kämpfen würden. Allein auf kaiserlicher Seite gab es achttausend Tote.«

»Wann war das?«, fragte der junge Mönch.

»Anfang 1645, ein paar Wochen bevor General Torstenson vor Brünn aufzog«, sagte Wenzel.

»Also nachdem die Verhandlungen in Münster schon begonnen hatten«, erwiderte der junge Mönch und verzog den Mund. Seine Augen waren schmal.

»Und zwar in Saus und Braus«, bestätigte der beamtete Bruder. »Während man gleichzeitig aus Pommern, Franken und der Pfalz hörte, dass die Menschen Hunde und Katzen aßen und dass, wer nicht an der Pest starb, verhungerte.«

»Ich habe sogar gehört«, erklärte einer, »dass man Reisende erschlug und kochte und dass man die Toten aus den Gräbern holte und verzehrte.«

»Das ist ein Gerücht«, erklärten mehrere Stimmen gleichzeitig.

»Es gibt einen Brief des Rats der Stadt Coburg an den schwedischen Oberst Wrangel«, sagte Wenzel, nachdem die Zwischenrufe verstummt waren. »In dem heißt es, dass die Zustände in der Gegend so schlimm seien, dass Hunde, Katzen, Mäuse, Ratten, jegliches Aas, Bucheckern, Eicheln, sogar Gras verzehrt würden – und dass Mütter ihre todgeweihten Neugeborenen schlachteten und ihren Familien zu essen gäben. Ich habe das von unseren Brüdern in benedicto in Münsterschwarzach gehört.«

Sie sahen ihn mit großen Augen an. Im Hintergrund würgte jemand.

»In der Pfalz«, fuhr Wenzel unbarmherzig fort, »holen sie die verurteilten Verbrecher vom Galgen oder vom Rad, um sie zu verspeisen. Bei Worms wurde eine riesige Bande von Wegelagerern aufgestöbert; in ihren Kesseln fand man die Überreste von gekochten menschlichen Gliedmaßen.«

»O Herr, schenke ihnen allen den Frieden und deine Barmherzigkeit …!«

»Amen«, sagte Wenzel. »Ich habe das nur erzählt, um euch allen bewusst zu machen, dass in diesem Krieg Gott auf keiner Seite steht. Wenn die Friedensverhandlungen erneut scheitern, ist dies das Ende von allem, was wir kennen. Seit die Verhandlungen begonnen haben, sind die Franzosen in Württemberg und Schwaben eingefallen und haben die Schweden hier bei uns und in Bayern gewütet wie Teufel in Menschengestalt, dass sogar Kurfürst Maximilian von Bayern die Seite von Kaiser Ferdinand verließ und mit den Schweden separate Friedensverhandlungen führte. Er hat den Waffenstillstand zwar sofort wieder gebrochen, als die Schweden sich zurückzogen, und sein Bündnis mit dem Kaiser erneuert, aber ihr seht, dass die Herren mittlerweile so weit sind, dass alle Loyalität und alle Konfession ihnen nichts mehr bedeuten.«

»Aber das ist doch gut, ehrwürdiger Vater, oder nicht? Wenn sie mit ihren Kräften am Ende sind …«

»Das habe ich nicht gesagt. Es steht eher zu befürchten, dass zuletzt alle gegeneinander kämpfen und dass alles, was jetzt noch verschont geblieben ist, in Flammen aufgeht. Sogar Kaiser Ferdinand, von allen Seiten bedrängt, hat noch versucht zu taktieren und sich zu winden und hat die Verhandlungen mit sinnlosen Forderungen verzögert …«

»Herr, gib ihm Erleuchtung!«

»Wie ich gesagt habe – der Frieden ist zum Greifen nahe. Aber ihr seht, dass es gar nichts bedeutet, wenn die Herren miteinander verhandeln; das Sterben geht weiter. Kaiser Ferdinand will das Reich unbedingt erhalten und die Stellung seiner Dynastie sichern. Fast alles ist jetzt so weit, dass die Friedensverträge unterzeichnet werden können. Doch wenn etwas geschieht, das den Kaiser und seine Verbündeten fürchten lässt, dass man ihre Schwäche ausnutzen will, dass man vielleicht im letzten Moment noch versucht, dem Reich Ländereien abzujagen oder dass einer der Feldherren sich entschließt, noch Beute zu machen, bevor der Krieg vorüber ist und er seinen Schnitt noch nicht gemacht hat – dann flammen die Kämpfe erneut auf; und das wird dann der letzte Krieg sein, den die Menschen hier in Europa gegeneinander führen, weil danach niemand mehr übrig sein wird, der die Hand gegen seinen Nachbarn erheben kann.«

Sie starrten ihn erneut an. Wenzel stand auf und schob die halbgegessene Suppe beiseite.

»So sieht es aus«, sagte er abschließend. Er hob beide Hände und drehte sie mit den Handflächen nach oben. »Hier – Erlösung und Frieden. Hier – totale Vernichtung. Beten wir zum Herrn, dass nichts Unvorhergesehenes geschieht.«

Auf dem Weg nach draußen nahm Wenzel den Torhüter und den Kellermeister beiseite. »Wie lange habt ihr schon vor meiner Ankunft gewusst, dass ich zurückkomme?«

Der Torhüter lächelte verlegen. »Einen ganzen Tag, ehrwürdiger Vater.«

»Soso«, sagte Wenzel.

»Es wären eineinhalb Tage gewesen, ehrwürdiger Vater, wenn du nicht die halbe Nacht durchmarschiert wärst«, sagte der Torhüter, bevor ihn ein Rippenstoß des Kellermeisters zum Schweigen bringen konnte.

»Soso«, sagte Wenzel erneut. »Dann wisst ihr ja, was ihr zu tun habt.«

»Was, ehrwürdiger Vater?«

»Dass die Vorwarnung demnächst zwei Tage beträgt.«

Sie sahen Wenzel mit einem Schafslächeln an, das eine ganze Portion Stolz enthielt. Wenzel grinste zurück. Unwillkürlich dachte er an den alten Kardinal Melchior Khlesl, seinen Mentor. Der Kardinal war vor fast zwanzig Jahren gestorben. Wenzel war sicher, er hätte an diesen Halunken seine Freude gehabt.

»Übrigens«, sagte der Torhüter, »nähert sich noch jemand unserem Kloster. Ein einzelner Reiter. Er ist dir gefolgt, seit wir von ihm gehört haben.«

»Seinem Tempo nach müsste er in den nächsten Minuten hier eintreffen, wenn er nicht noch vorher angehalten hat, was wir aber nicht glauben, weil er es eilig zu haben scheint«, setzte der Kellermeister hinzu.

»Soso«, sagte Wenzel zum dritten Mal, ehrlich beeindruckt. »Freund oder Feind?«

»Das ließ sich leider nicht feststellen, ehrwürdiger Vater.«

»Und was wäre gewesen, wenn er mich eingeholt und über den Haufen geritten hätte?«

»Dann hätten wir mit eineinhalb Tagen Vorsprung darüber Bescheid gewusst, ehrwürdiger Vater.«

Ein Mönch kam mit schlappenden Sandalen in das Refektorium gerannt. »Ein Ankömmling, ehrwürdiger Vater!«, meldete er schnaufend.

Die beiden beamteten Brüder sahen sich an und strahlten vor Stolz.

»Wer?«, fragte Wenzel.

»Keine Ahnung«, sagte der Mönch. »Es ist ein Pferd ohne Reiter.«

»WAAS?«, bellte der Torhüter.

Wenzel zupfte seine Kutte zurecht. »Gehen wir nachsehen«, sagte er.

Wenzel trat beiseite, als die Brüder die Flügel des Eingangsportals aufdrückten und ins Freie hinausliefen, in Richtung auf die Klosterpforte. Sie merkten nicht, dass er zurückblieb. Als sich nach ein paar Augenblicken der eine Flügel des Portals langsam wieder nach vorn bewegte, hob er einen Fuß, an dem sich immer noch der Stiefel befand, mit dem zu marschieren es leichter fiel als mit den Sandalen, und trat mit voller Wucht zu. Der Türflügel schnappte auf und kollidierte mit etwas, das sich mit einem überraschten »Autsch!« auf den Hosenboden setzte. Wenzel war um den Türflügel herum, bevor dieser Zeit hatte, ihm erneut entgegenzukommen.

»Du hast beinahe das Talent deines Vaters geerbt«, sagte er zu dem Mann, der vor ihm auf dem Boden saß und sich eine beginnende Beule an der Stirn rieb. Sein breitkrempiger Hut lag eindellt neben ihm auf dem Boden.

Melchior Khlesl, der jüngste Sohn von Cyprian und Agnes Khlesl, blickte auf und spähte dann über die Schulter zu den beiden Brüdern, die gemerkt hatten, dass etwas nicht stimmte, und sich beim Zurückrennen gegenseitig zu überholen versuchten.

»Ich dachte, eine kleine Überraschung würde euch und eurem friedlichen Klostertrott nur guttun«, sagte er.

»Hier gibt es keinen friedlichen Klostertrott«, entgegnete Wenzel und streckte Melchior die Hand hin, der sich daran in die Höhe zog. Wenzel ging um ihn herum und hob seinen Hut auf. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er zu den anderen. »Eine Prüfung für eure Wachsamkeit.«

»Wie haben wir abgeschnitten?«, fragte der Torhüter eifrig.

»Hervorragend«, brummte Melchior und rieb sich die Stirn. Wenzel betrachtete ihn aus dem Augenwinkel und lächelte. Melchior mit dem schlanken Wuchs, den langen Gliedern, dem hübschen Gesicht und dem kecken Kinnbart sah seinem Vater Cyprian in nichts ähnlich, und dennoch musste Wenzel manchmal blinzeln, wenn er ihn ansah, weil sich ständig Cyprians Anblick vor Melchiors schob. Er besaß die anscheinend ruhige Nachdenklichkeit seines Vaters, von der man sich täuschen lassen konnte, wenn man nicht in seine Augen sah und das lebhafte Blitzen darin erkannte. Vor allem aber war Cyprians Loyalität gegenüber seinem Onkel Kardinal Khlesl in Melchior wiedergeboren – als hätte die Namensgebung gar nichts anderes zugelassen. Nur dass das Gespann, in dem einer sich auf den anderen verließ, diesmal aus Probst Wenzel von Langenfels und Melchior Khlesl dem Jüngeren bestand.

»Du hättest mich ruhig einholen können, zu zweit marschiert es sich besser«, sagte Wenzel.

»Du hast mich abgehängt, als du beschlossen hattest, durch die halbe Nacht weiterzulaufen.«

»Gibt es Neuigkeiten?«

»Es gibt ein Gerücht, dass schwarze Mönche das Land unsicher machen … finstere Männer, völlig rücksichtslos, die jedem den Garaus machen, der sich ihnen in den Weg stellt, und die einen Menschen mit einem Blick und einem Fingerstupser töten können. Angeblich versteckt sich der Teufel selbst unter der Kutte des Anführers.«

»Davon habe ich noch nichts gehört«, erklärte Wenzel.

»Na, jetzt weißt du’s«, sagte Melchior mit unbewegtem Gesicht.

»Ich werde den Burschen aus dem Weg gehen. Was gibt es aus Prag zu berichten?«

»Nichts Gutes«, sagte Melchior.

Wenzel und Melchior wechselten Blicke. »Gehen wir in die Bibliothek«, sagte Wenzel und entließ seine Mönche mit einem freundlichen Kopfnicken.

Der Raum war riesig, eine Kathedrale der Bücher, ein Dom des Wissens, ein Tempel des geschriebenen Wortes. Säulenreihen stemmten eine Decke in die Höhe, die in einem weit ausgreifenden Bogengewölbe mindestens fünf Mannslängen hoch über dem Boden hing. Es gab die üblichen Tonröhren, die eingerollte Pergamentdokumente schützten, Stöße gelochten und mit Schnüren zusammengebundenen Papiers, die oben und unten von Holzdeckeln gehalten wurden, dicke, unförmige Lederbündel, in die zerfallende Codices eingehüllt waren. Es waren Tausende. Sie lehnten zu Stapeln geschichtet an den Wänden und bildeten kleine Gebirgslandschaften aus Gelehrsamkeit, die sich vom Steinboden der Bibliothek erhoben.

»Weit seid ihr noch nicht gekommen«, sagte Melchior.

»Wir katalogisieren noch. Anfangs dachte ich, dass meine Vorgänger nicht genug Energie in die Bibliothek gesteckt hätten, weil sie immer noch so unordentlich aussah wie nach der Schlacht am Weißen Berg, als der König das Kloster an den Benediktinerorden zurückgab. Heute habe ich das Gefühl, dass sie sogar noch unordentlicher ist als damals vor fast dreißig Jahren.«

»Dein Gefühl täuscht dich nicht«, sagte Melchior.

»Na, vielen Dank.«

Es war dieser Klostertrakt, der Wenzels Herz erobert hatte; er und die Aufgabe, welche die Pröbste von Raigern übernommen hatten, seit Daniel Kavka das von protestantischen Eiferern verwüstete Kloster unter seine Obhut genommen hatte. Probst Daniel hatte damit angefangen, die Abtei zu einem Hort der Bücher zu machen, zu einer gewaltigen Bibliothek, für die das Benediktinerkloster nur die Hülle war. Ora et labora – für die Mönche von Raigern galt eher: Lies und arbeite! Daniel Kavka hatte seine Gemeinschaft durch Böhmen und Mähren gesandt und hatte sie Bestände aus Burgen retten lassen, die belagert wurden, aus Klöstern, die brannten, sogar aus kleinen Gutshöfen und Weilern, wo es nur ein einziges Buch gab, aus dem die Soldaten die meisten Seiten herausgerissen hatten, um sich die Hintern zu putzen, und wo dieses Buch zwischen den Erschlagenen lag, denen es einst gehört hatte – den Bewohnern der Höfe und Weiler. Kardinal Melchior Khlesl war notgedrungen auf diese Aktivitäten aufmerksam geworden. Er hatte damals mehr oder weniger schon im Sterben gelegen, aber er hatte Wenzel dazu überredet, in den Benediktinerorden einzutreten. Es war an dem Tag gewesen, an dem die Familien Khlesl und Langenfels die Hochzeit von Alexandra Khlesl mit Kryštof Rytíř gefeiert hatten. Wenzel hatte sich in die stille Kapelle des Hauses verkrochen, noch immer betäubt davon, dass er Alexandra nun endgültig verloren hatte, sein Herz entzweigerissen von der Tatsache, dass sie nicht einmal mit ihm gesprochen, sondern ihn einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, seine Seele blutend, weil er nach jener einen Nacht gedacht hatte, sie hätten nun endlich zusammengefunden, und nun, keine zwei Monate später, stand sie mit dem Oberbuchhalter der Firma vor dem Altar, Kryštof Rytíř, der kein schlechter Kerl war, aber Alexandra gehörte doch ihm, Wenzel …

Kardinal Khlesl war auf einmal in der kleinen Kapelle gestanden, gestützt auf zwei Stöcke, sein Körper so fragil wie ein Gebilde aus Spinnweben, aber seine Augen so lebendig wie eh und je.

Willst du immer noch auf sie warten?, hatte der Kardinal gefragt.

Ich werde mein ganzes Leben auf sie warten, hatte Wenzel geantwortet.

Na gut, hatte der Kardinal gesagt. Dann habe ich in der Zwischenzeit etwas für dich zu tun.

Wenzel blinzelte. Melchior war an eines der Bücher herangetreten, hob es hoch, blies den Staub weg und ließ es wieder auf den Stapel fallen. Es gab ein dumpfes Geräusch.

»Es werden immer mehr«, sagte Wenzel. »Je mehr Häuser, Klöster und Schlösser verwüstet werden, desto mehr haben wir zu retten. Raigern ist eine Insel in der Barbarei geworden, Melchior, aber zu mehr als zum Sammeln und vor allem zum Beten, dass wir hier nicht auch noch Opfer des Krieges werden, reicht die Zeit nicht.«

»Du weißt natürlich, warum der alte Kardinal wollte, dass du hier irgendwann das Ruder in der Hand hältst.«

Meine zweite Aufgabe, dachte Wenzel. Die, von der kaum jemand hier weiß. In den letzten Jahren war die Bürde leicht zu tragen. Wird sie nun plötzlich ein Gewicht bekommen, das mich zerquetscht? Die Freude, Melchior zu sehen, verkümmerte endgültig angesichts der Beklemmung, die sich in Wenzel ausbreitete.

»Es ging ihm stets darum, dass sie sicher sei – und die Menschheit vor ihr.«

Melchior schenkte ihm einen Seitenblick. »Und? Ist sie sicher?«

»Nichts ist sicher in diesen Zeiten. Warum bist du hier?«

»Wolltest du den Advent hier in Raigern verbringen?«

»Soll das eine Einladung nach Prag sein?«

»Mama und Alexandra haben Prag vor drei Tagen verlassen.«

»Ich glaube, die beiden sind alt genug, um zu wissen, was sie tun«, sagte Wenzel und versuchte zu verbergen, dass sein Körper sich plötzlich angespannt hatte.

»Mama hat Alexandra dazu überredet, Lýdie zu helfen.«

»Was ist mit der Kleinen?«

»Nervenfieber. Karina fürchtet, dass sie sterben wird. Alexandra ist ihre letzte Hoffnung.«

»Aber … weshalb haben Agnes und Alexandra dann Prag verlassen …?«

»Karina und die Kleine sind bei der Rückreise aus Münster aufgehalten worden. Sie sind noch gar nicht in Prag eingetroffen.«

»Karina und die Kleine? Ist Andreas denn vorab zurückgereist?«

Melchiors Gesicht war demonstrativ unbewegt. »Nein, nein, der ist schon auch mit dabei.«

Wenzel ließ einige Sekunden verstreichen, doch Melchior schwieg. Cyprians ältestes und jüngstes Kind, Alexandra und Melchior, hatten beide seine Angewohnheit geerbt, bedeutsame Dinge eher durch Schweigen als durch Reden zu kommunizieren und einen dabei so lange anzusehen, bis einem die Augen tränten und man sich abwenden musste. Was Cyprian anging, konnte dieser ein Blickduell mit einem steinernen Wasserspeier gewinnen. Andreas hingegen, das mittlere Kind … manchmal fühlte Wenzel eine sonderbare Verbundenheit mit ihm, die weniger mit Zuneigung als mit der Tatsache zu tun hatte, dass Andreas so aus der Art geschlagen war, als sei er ein Fremder. Und dieser Gedanke schlug notgedrungen eine Saite in Wenzel an … Wenzel von Langenfels, das ewige Findelkind …

Die erbitterte Rivalität zwischen Andreas und Melchior erklärte sich jedoch nicht allein daraus, dass in Andreas eine Seite der Familie Khlesl wiedergeboren schien, die Gestalten hervorgebracht hatte wie Cyprians Vater, dessen Engherzigkeit den Sohn noch als Halbwüchsigen aus seinem Haus getrieben hatte, oder Cyprians älteren Bruder, der es geschafft hatte, die geerbte Bäckerei in Wien im Lauf seines Lebens zu ruinieren, nicht aus Faulheit, sondern aus dem völligen Unvermögen, auf andere Menschen einzugehen und schon gar nicht auf die Wünsche seiner Kunden. Wenzel hatte seine Vermutungen, was den Grund der Feindschaft betraf, umso mehr, da sie stets von dem ansonsten fröhlichen und gutmütigen Melchior ausging. Aber es hätte Daumenschrauben und spanischer Stiefel bedurft, um Wenzel auch nur erwägen zu lassen, sie jemals auszusprechen.

»Und wo sind sie?«, fragte Wenzel schließlich.

»In Würzburg.«

Wenzel hatte das Gefühl, dass die Kälte des Fußbodens in sein Herz stieg. »Ausgerechnet …«

Melchior nickte. »Im Herzen des Reichs, im Herzen der schlimmsten Verwüstungen des ganzen Kriegs, im Herzen eines Gerichtsverfahrens, das herausbekommen soll, ob neunhundert Menschen unschuldig auf den Scheiterhaufen gewandert sind oder ob es nicht etwa doch stimmt, dass alle Frauen, die mysteriöse Heilungen zuwege bringen, Hexen sind.«

»Verdammt«, sagte Wenzel und vergaß, sich dafür zu bekreuzigen.

»Du hast Einfluss – für den Fall, dass etwas schiefgehen sollte«, meinte Melchior.

»Ich habe überhaupt keinen Einfluss.«

Melchior deutete auf die Kutte, die Wenzel auf seiner Reise getragen hatte, die Kutte, die so schwarz war, dass der normale dunkle Benediktinerhabit geradezu bunt daneben wirkte, die Kutte, für die es ein paar Jahrhunderte lang nur jeweils sieben Vorbilder gegeben hatte. »Doch, du hast.«

»Vade retro, satanas«, sagte Wenzel, doch es gelang ihm nicht, dabei zu lächeln.

4.

LIEUTENANT ERIK WRANGEL sah auf, als der kaiserliche Offizier ins Zelt trat und ihm mit einer Kopf bewegung bedeutete, mit nach draußen zu kommen. Erik sah, dass der Offizier Eriks Rapier samt Gürtel und Gehänge in der Hand trug, und seine Hoffnung stieg.

»Ist die Antwort endlich eingetroffen?«, fragte er auf Französisch. »Löst meine Familie mich aus?«

»Wir brauchen Sie als Übersetzer«, erwiderte der Offizier ebenfalls auf Französisch. »Kommen Sie mit.«

Der Lieutenant stand auf und zerrte sein blaues Koller glatt. Er seufzte enttäuscht. Es war schon erstaunlich, wie sich der Mensch an Dinge gewöhnte. Vor sechs Wochen war er noch Teil des schwedischen Heeres seines Onkels gewesen, des Feldmarschalls Carl Gustav Wrangel, und hatte mitsamt seinen Männern die Menschen in der Gegend um Bamberg dafür bestraft, dass der bayerische Kurfürst den ein halbes Jahr zuvor ausgehandelten Waffenstillstand mit Frankreich und Schweden gebrochen und sich erneut an die Seite des Kaisers gestellt hatte. Als das Heer nach Thüringen abgezogen war und Lieutenant Wrangel mit seinem Kornett die Nachhut gesichert hatte, waren er und seine Kameraden in einen Hinterhalt der nachrückenden bayerischen Truppen geraten. Da war die Realität des Krieges dem jungen Kavallerieoffizier zum ersten Mal bewusst geworden – Musketen hatten geknallt, Pferde hatten gewiehert und waren durchgegangen, Männer hatten geschrien … nicht dass er dies nicht schon vorher erlebt hätte, aber erstmalig waren er und seine Reiter am empfangenden Ende der Gewalt gewesen. Ihr Rittmeister hatte sich am Boden gewälzt, ein grauenhafter Anblick: Eine Kugel hatte seinen Unterkiefer abgerissen. Pferde waren zusammengebrochen und hatten ihre Herren unter sich eingeklemmt, hatten ausgeschlagen und geschrien, während die Därme aus ihren von Kugeln und Piken aufgerissenen Bäuchen gequollen waren, sich um ihre zappelnden Beine gewickelt hatten und ihre wehrlosen Reiter mit Knüppeln erschlagen worden waren. Kugeln hatten Männer aus den Sätteln gerissen, und als sie blutend wieder auf die Beine zu kommen versucht hatten, waren sie von den feindlichen Soldaten zu Tode getreten worden. Er selbst, Lieutenant Erik Wrangel, nach dem Ausfall des Rittmeisters der Anführer des Kornetts, hatte sich heiser geplärrt auf einem wild im Kreis tanzenden Gaul und hatte keinen vernünftigen Befehl herausgebracht. Man hatte ihn vom Pferd gezerrt und auf den Boden geworfen, direkt neben den Rittmeister, der noch immer am Leben gewesen war, aus dessen grässlicher Wunde Blut herausgespritzt war und dessen weit aufgerissene Augen Erik ins Gesicht gestarrt hatten; er hatte einen Strick um den Hals gefühlt und sich zu befreien versucht, während Fäuste auf ihn eingedroschen hatten, hatte gesehen, wie das andere Ende des Seils am Sattel seines eigenen Pferdes festgemacht worden war, und gewusst, dass man es im nächsten Moment mit einem Stich in die Hinterhand zum Durchgehen bringen würde, seinen ehemaligen Herrn hinter sich herzerrend und ihn gleichzeitig zu Tode schleifend und erdrosselnd … Dann hatte jemand die Prozedur unterbrochen und sich über ihn gebeugt und ihn auf Französisch gefragt, ob er tatsächlich Offizier sei. Ihm war bewusst geworden, dass er in den vergangenen Momenten ebenfalls Französisch geredet hatte und dass sein Unterbewusstsein offenbar eine Lektion eines befreundeten schwedischen Offiziers hervorgeholt hatte. Die Lektion hatte im Wesentlichen daraus bestanden, so laut wie möglich in französischer Sprache zu schreien, wenn man in Gefangenschaft geraten war, weil die adligen kaiserlichen Offiziere auf der Gegenseite meistens ebenfalls Französisch sprachen und dann zumindest den sofortigen Tod verhinderten, weil sie festzustellen versuchten, ob man entweder ein entfernter Verwandter oder ob man seiner eigenen Familie Lösegeld wert war.

Erik erinnerte sich immer noch voller Scham daran, wie die Namen seines Großvaters, seines Vaters und seines Onkels aus ihm hervorgesprudelt waren, bekannte Namen, bedeutende Namen … Namen, deren Trägern es vermutlich peinlich gewesen wäre, hätten sie gehört, wie er sie im Munde führte und dabei um sein Leben flehte. Und nun, nachdem er verschont geblieben war, nachdem er gesehen hatte, wie die Überlebenden unter seinen Männern aufgehängt worden waren und der kaiserliche Offizier dem Rittmeister die erlösende Kugel in den Schädel gejagt hatte, nachdem er tagelang vor Angst schlotternd mit den feindlichen Soldaten mitgestolpert war, bis ihm klar geworden war, dass sein Bezwinger tatsächlich eine Lösegeldforderung ans schwedische Heer gesandt hatte … nachdem all dies und noch mehr geschehen war, das in der Nacht in seinen Träumen widerhallte, empfand er es schon beinahe als Routine, Gefangener der Bayern zu sein. Sie waren Dragoner. Ein echter Kavallerist verachtete einen Dragoner, aber zumindest hatte man die Nähe zu Pferden gemeinsam. Erik kannte sogar die Gegend, in die man ihn verschleppt hatte: die Umgebung von Eger. Im Sommer war hier noch das Heer seines Onkels gelegen. Er fragte sich, ob in diesem Landstrich überhaupt noch Menschen lebten, nach allem, was er schwedische und nun bayerische Soldaten hatte tun sehen.

»Was ist geschehen?«, fragte Erik. Der Offizier, dessen Gefangener er war, schritt durch die unordentliche Reihe der Zelte zu einem einzeln stehenden Baum am Rand des Lagers.

»Wir haben was gefangen.« Der Offizier blieb plötzlich stehen. »Ach ja.« Er hob Eriks Rapier hoch und hielt es ihm hin. »Ehrenwort?«

»Ehrenwort«, sagte Erik verwirrt und schnallte sich das Rapier um. Er erwartete halb, dass man die Klinge abgebrochen hätte und nur noch der Korb in der Scheide steckte, aber es war unversehrt.

»Ein Offizier tritt nicht ohne seine Waffe auf«, sagte der Dragoneroffizier. »Nachher kriege ich’s wieder zurück, damit das klar ist.«

»Ich habe mein Ehrenwort gegeben«, erklärte Erik steif.

Zu seiner Überraschung standen bei dem einzelnen Baum ein paar der bayerischen Dragoner um eine kleine Gruppe Zivilisten herum; zwei Frauen und zwei Männer. Einer der Männer kniete auf dem Boden und flehte mit hoch erhobenen Händen um Gnade. Eriks Gesicht zuckte, als ihm klar wurde, dass der Mann Schwedisch sprach. Der Dragoneroffizier deutete auf ihn.

»Wir wollten kurzen Prozess mit ihm machen, aber er erwies sich als so wortreich, dass ich beschloss, Sie zu holen, um rauszufinden, was er zu sagen hat.«

»Das ist kein Schwede«, sagte Erik. »Er spricht meine Sprache, aber er hat einen Akzent, dass sich einem die Haare aufstellen.«

»Ein Trottel«, erklärte der Dragoneroffizier, dessen Französisch einen Akzent hatte, dass Erik manchmal überlegte, ob er sein Bayerisch nicht besser verstehen würde.

Erik trat an den knienden Mann heran. »Jag er en Svensk officeren«, sagte er. »Vad har skedd?«

»O min herre, o min herre, hjälp oss!«, schluchzte der Mann und umklammerte Eriks Knie.

»Der kann nicht von hier sein, wenn er einen Schweden um Hilfe bittet«, sagte der Dragoneroffizier gemütlich.

»Und ich dachte, er sei doch von hier, weil er eine Todesangst vor den Kaiserlichen hat«, erwiderte Erik über die Schulter hinweg.

»Ja, ja«, sagte der Dragoneroffizier, »wir verschaffen uns eben Respekt.«

Der Mann blubberte etwas, das Erik kaum verstand. Er fing den Blick einer der beiden Frauen auf. Ihre Augen waren schmal, und sie musterte abwechselnd ihn und den Dragoneroffizier. Sie war schmutzig wie von einer längeren Reise und wirkte besorgt, aber ihr Ärger schien noch größer. Sie war eine Schönheit. Verblüfft erkannte Erik beim zweiten Blick, dass sie vom Alter her seine Mutter hätte sein können. Bei Kerzenschein wäre es nicht aufgefallen.

»O min herre, o min herre …«, stöhnte der Mann, der noch immer die Arme um Eriks Knie geschlungen hatte.

Die Frau verständigte sich mit ihrer Begleiterin durch einen Seitenblick. Erik erkannte, dass die beiden entweder Schwestern oder Mutter und Tochter sein mussten.

»Was spricht der Sack?«, fragte der Dragoneroffizier und schickte sich an, dem Verängstigten einen aufmunternden Tritt zu versetzen.

»Es reicht jetzt«, erklärte die jüngere der beiden Frauen, die Erik vorhin so eingehend gemustert hatte. Ihr Französisch war nicht schlechter als das des Dragoneroffiziers. »Sind Sie beide die Offiziere dieses Haufens?«

Der Dragoneroffizier überwand seine Überraschung schneller als Erik. Er zog den Hut und verbeugte sich. »Womit kann ich dienen, meine Dame?« Während er sich aufrichtete und den Hut auf den Kopf stülpte, ließ er den Blick ungeniert über die Frau gleiten. Es war nicht anders, als hätte er sich über die Lippen geleckt.

»Junger Mann«, seufzte die Frau, »wenn Sie sich nicht mal so weit beherrschen können, dass Ihnen das Gemächt nicht aus den Augen heraushängt, wenn Sie eine Frau vor sich haben, dann sollten Sie Ihr Offizierspatent abgeben und sich bei den Soldaten anstellen, die ein Astloch in einem Baum mit Fett eingeschmiert haben und es der Reihe nach begatten.«

Erik prustete los. Dem Dragoneroffizier klappte der Mund auf. Einer der Soldaten, der anscheinend ein wenig Französisch verstand, lachte und pfiff durch die Zähne, bis er den mörderischen Blick seines Vorgesetzten auffing und erschrocken verstummte.

Die Frau schnappte etwas in einer Sprache, die Erik nicht verstand, und der Mann vor ihm auf dem Boden hörte zu winseln auf und ließ Erik los. Unbeholfen kam er auf die Beine und stellte sich hinter die Frau. Diese richtete ihre Aufmerksamkeit auf Erik.

»Sie sind schwedischer Offizier? Was tun Sie bei den Dragonern von Kurfürst Maximilian von Bayern? Haben Sie die Seiten gewechselt?«

»Nein … äh … äh … ich bin ein Gefangener …«

»Aha! Und weshalb laufen Sie dann mit Ihrem Degen herum, anstatt gefesselt auf dem Boden zu liegen?«

»Äh … das ist ein Rapier … und … äh …«

»Schnickschnack! Warum glauben Sie, dass mich das interessiert? Kann man damit Brot herunterschneiden? Kann man damit eine eitrige Wunde öffnen, damit das Gift abfließt? Na also. Nutzloser Kinderkram, sonst nichts.«

Der Dragoneroffizier und Erik wechselten einen hilflosen Blick. Der Dragoneroffizier wollte etwas erwidern, doch die andere Frau kam ihm zuvor.

»Verzeihen Sie meiner Tochter«, bat sie in ebenfalls schadhaftem, aber verständlichem Französisch. »Sie ist ungeduldig, weil wir es eilig haben.«

Erik und der bayerische Offizier sagten das Erste, was ihnen einfiel. »Das tut uns leid«, stotterten sie im Chor.

»Wenn Sie Gefangener sind«, fragte die jüngere der beiden Frauen, »was stehen Sie dann hier herum?«

»Ich wurde geholt, um zu übersetzen … äh …« Erik deutete auf den Mann, der vorhin um Gnade gefleht hatte. »Er spricht Schwedisch, aber er ist gar kein …«

»Nein. Das ist einer unserer Buchhalter. Wir haben ihn mitgenommen, weil er Schwedisch beherrscht. Wir dachten, wir würden auf der Reise hauptsächlich mit dem Heer der schwedischen Königin zu tun haben, aber wie es scheint, sind Ihre Feldherren bereits anderswo hingezogen, um dort das Land kahl zu fressen. Und die Knaben haben sie hiergelassen.«

Erik fühlte, wie er errötete. »Ich bin Lieutenant Erik Wrangel von der Königlich Schwedischen …«

»Ja, ja. Ich bin Alexandra Rytíř aus Prag. Das ist meine Mutter. Nett, Sie beide kennengelernt zu haben. Nun müssen wir weiter.«

»Äh …«, machte Erik erneut und hatte den Eindruck, dass er in den letzten Minuten öfter »äh« gesagt hatte als in seinem ganzen vorherigen Leben.

Der Dragoneroffizier deutete auf den anderen Mann. »Und was ist der für ein Vogel?«

»Ein Einheimischer, der uns den Weg nach Bayreuth zeigt. Nicht dass Sie und Ihresgleichen viele Einheimische übrig gelassen hätten.«

»Es ist Krieg, Mademoiselle …«, begann der Dragoneroffizier.

»Es heißt nicht Mademoiselle, sondern Madame. Versuchen Sie bloß nicht, sich bei mir einzuschmeicheln, Junge. Wenn Ihre Männer uns nicht aufgehalten hätten, wären wir schon vier Meilen weiter, und das ist bei diesem Wetter eine ganze Menge. Glauben Sie, wir haben nichts Besseres zu tun, als Ihnen die Zeit zu vertreiben?«

»Aber …«

»Sie können das jedoch wiedergutmachen.« Die Frau zog ein nachdenkliches Gesicht, als befände sie sich in einem Bäckerladen und würde einen Auftrag für den nächsten Tag erteilen. »Wir brauchen Proviant und Trinken für zwei Tage, dann können wir eine Rast ausfallen lassen und die verlorene Zeit wieder aufholen. Und da Ihre Männer uns die Pferde weggenommen haben, gehe ich davon aus, dass Sie sie entweder gegen bessere austauschen oder Ihren Schmied nachsehen lassen wollten, ob die Eisen noch gut sitzen.«

Später dachte Erik Wrangel oft daran, dass es beinahe geklappt hätte. Vielleicht war der Dragoneroffizier doch zu abgebrüht und hatte seine Fassung schneller wiedergefunden als erwartet. Oder es lag an dem einen jämmerlichen, nervösen Schluchzer, der sich dem Buchhalter mit dem schlechten Schwedisch entrungen hatte …

»Immer langsam«, sagte der Dragoneroffizier gedehnt. »Sie wollen weiter, Madame? Sie wollen Proviant, Madame? Was glauben Sie, wo Sie hier sind? Wenn Sie weiterwollen, müssen Sie bezahlen, und wenn Sie nicht genügend Geld bei sich tragen, dann sind Sie sicher geneigt, mir und meinen Männern eine kleine Abwechslung zu dem eingefetteten Astloch zu bieten, n’est-ce pas

Ein kleiner Schatten fiel über das Gesicht der Frau. Einen winzigen Moment lang konnte Erik in ihren Augen eine Erkenntnis lesen, die auch ihm nicht fremd war. Es war die Erkenntnis, dass man sich im Herzen einer Katastrophe befand und es keine Rettung gab. Er selbst hatte diese Erkenntnis gehabt, als er den Rittmeister sich auf dem Boden hatte winden sehen und rings um ihn die Männer aus den Sätteln geschossen wurden. Sie hatte ihn in blinde Panik versetzt. Die Frau ihm gegenüber machte jedoch nur ein entschlossenes Gesicht. »So dumm sind Sie nicht«, sagte sie leise.

»Dumm?«, echote der Dragoneroffizier. »Was hat das mit Dummheit zu tun? Dumm wäre es, ein Hühnchen wie dich laufen zu lassen, Süße. Deine Alte für meine Männer und du für mich, und hol mich der Teufel, wenn du nachher nicht um einen Nachschlag bittest.« Erik fühlte sich in die Seite gestoßen. »Nicht zu reden davon, dass Offiziere brüderlich teilen, nicht wahr, mein feindlicher Kamerad?«

Alexandra Rytíř hatte plötzlich etwas Blitzendes in der Hand. Musketenläufe und Piken schnappten nach oben. Es war eine kurze, gebogene Klinge.

»Hast du Männer, die verwundet sind, Jüngelchen?«, fragte sie und verzog verächtlich den Mund. »Hast du Kranke und Sieche dabei? Das ist ein Skalpell, und ich biete dir an, dass ich mir deine Männer ansehe und denen zu helfen versuche, denen ich helfen kann, wofür wir als Gegenleistung freies Geleit und die vorher erwähnten Dinge erhalten.«

»Dazu kann ich dich ganz einfach zwingen. Jungs, schnappt euch die Alte und zeigt ihr …«

»Moment«, sagte Alexandra. »Ich habe noch ein zweites Angebot.«

»Ach ja?«

»Ja. Das Skalpell wird dem Ersten, der es wagt, meine Mutter oder mich anzurühren, im Auge stecken.«

»Du hast nur eines davon.«

»Ich habe ein halbes Dutzend. Und ich kriege sie schneller zu fassen, als du es dir vorstellen kannst.« Sie blickte herausfordernd in die Runde. »Wer sind die sechs, die drei Tage lang im Sterben liegen wollen mit einer Klinge in der Augenhöhle?«

Die Soldaten zögerten. Der Dragoneroffizier verzog vor Wut den Mund. Erik stellte fest, dass seine Rechte sich dem Griff seines Rapiers näherte, und hörte eine Stimme in sich, die ungläubig fragte: Was, willst du für die beiden Weiber Partei ergreifen? Die sind totes Fleisch, mein Lieber, und wenn wir ehrlich sein wollen, würdest du nachher, wenn die Soldaten sie zu Tode geschändet haben, nicht behaupten können, du hättest so etwas noch nie gesehen – oder nicht selbst schon zugelassen. Willst du für die beiden sterben oder dein Ehrenwort als Offizier brechen? Krieg ist die Hölle, mein Lieber.

»Das ist ’ne Hexe, Rittmeister«, sagte einer der Dragoner zögernd.

»Scheiße, dann verbrennen wir sie halt nachher, anstatt sie zu erschlagen. Los, Männer, packt …«

Im selben Moment hörte Erik neben sich ein klatschendes Geräusch und spürte einen warmen Schauer, der über seine linke Gesichtshälfte sprühte.

5.

»BALD IST DAS CHRISTFEST DA«, murmelte Fabio Chigi und versuchte, den Drang zu urinieren noch ein wenig länger zu unterdrücken. Als Kind hatte er stets gedacht, er könnte seine Blase darin üben, das Wasser länger zu halten. Doch sie hatte sich jeglicher Ertüchtigung gegenüber als resistent erwiesen. Auf seinem Stuhl hin- und herwetzend, spähte er auf den Brief bogen, der vor ihm lag. Das Papier wellte sich in der Feuchtigkeit seiner Unterkunft und rollte sich an einem Ende auf. Er hatte sein Siegel daraufgelegt, um die Seite niederzuhalten – das Siegel eines päpstlichen Gesandten. Was immer das hier bedeutete: Ihm bedeutete es schon lange nichts mehr. Päpstlicher Nuntius – pah! Wie hatte er so hirnverbrannt sein können, den warmen, ortsgebundenen Stuhl des Großinquisitors von Malta gegen den wackligen Sitz im Innern einer zugigen Kutsche einzutauschen, selbst wenn es die eines päpstlichen Botschafters war? Sein Amtssitz war von Rechts wegen Köln, und das seit fast neun Jahren – doch wie viele Monate hatte er dort verbracht, abgesehen von der Tatsache, dass er Köln genauso hasste wie jeden anderen Ort nördlich der Alpen? Na also. Ein päpstlicher Nuntius war ständig auf Achse. Und was das für einen Mann bedeutete, dessen angeboren schwache Blase ihn alle Viertelstunde auf den Abritt pilgern ließ, konnte man sich denken. Aber das war alles noch nicht das Schlimmste, nicht wahr? Merda, nein (der Nuntius bekreuzigte sich für den Fluch), das war es nicht.

Der Papst hasste ihn, so viel stand fest. Wer vom Heiligen Vater damit beauftragt wurde, bei den Friedensverhandlungen zwischen den Katholiken und den Protestanten, zwischen Spanien, den Niederlanden, Frankreich, den deutschen Fürstentümern, Schweden, Böhmen und dem, was Kaiser Ferdinand noch vom Heiligen Römischen Reich in der Hand hielt, den Vermittler zu spielen, der musste ein gehasster Mann sein. Nun, er hasste Papst Innozenz X. auch, aber er hatte eigentlich gedacht, dass er es sich nicht hatte anmerken lassen. Scheinbar war er da falsch gelegen. Papst Innozenz X. war eine willfährige Marionette in den Händen seiner machtgierigen Schwägerin Olimpia Maidalchini, die von den meisten Angehörigen des Vatikans als die eigentliche Päpstin angesehen wurde. Daran war er, Fabio Chigi, wahrscheinlich gescheitert. Es war immer leichter, einen Mann im Unklaren über die wahren Gefühle zu lassen, die man hegte, als eine Frau. Einige andere hatten neidisch geschaut, als Fabio die Bürde des Mediators auferlegt worden war – diese Narren. Ein paar hatten ihm aufrichtig gratuliert und gefunden, dass es keinen Besseren für diese Aufgabe geben könne als ihn – noch größere Narren! Jedenfalls war die Berufung als Vertreter des Papstes zu den Friedensverhandlungen das Schlimmste, was Fabio Chigi jemals zugestoßen war, und sein Leben war gewiss nicht arm an Misshelligkeiten.

Er überflog, was er geschrieben hatte. »… blablabla … dicker Schmutz liegt meist an beiden Seiten der Straße. Ja, häufig sieht man sogar dampfende Haufen von Mist. Unter einem gemeinsamen Dach wohnen Bürger und trächtige Kühe. Und mit stinkenden Böcken auch noch die borstige Sau …« Hmm, das war die Beschreibung von Münster, die er an den Kämmerer des Heiligen Kardinalskollegiums zu senden beabsichtigte. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass er fast denselben Text schon einmal geschrieben hatte. Ein Mann war am Ende, wenn er begann, sich in seiner Korrespondenz zu wiederholen. Er rutschte auf seinem Stuhl herum; die Blase zwickte ihn schon wieder. Jemand hatte ihm empfohlen, viel trockenes Brot zu essen, damit die Feuchtigkeit in seinem Inneren aufgesogen werde, aber was es hier in Münster (oder sonstwo im Deutschen Reich, verflucht seien seine Bäcker!) an Brot gab, konnte man eigentlich nur als Kriegserklärung auffassen. Er griff nach der Feder und diktierte sich selbst murmelnd: »Das Brot hier nennen sie Pumpernickel – ein scheußlicher Fraß, den man selbst Bettlern und Bauern nicht vorwerfen kann.« Als die Worte geschrieben waren, schien es ihm, dass er auch sie schon einmal in einem Brief an den Kardinal erwähnt hatte. Er blickte zum Fenster hinaus. In der Nacht war Schnee gefallen, dann hatte ein morgendlicher Regen ihn aufgezehrt; vor dem Mittag hatte ein nasskalter Wind zu wehen begonnen, und jetzt, zur Non, drei Stunden nach dem Mittag, schien es, als setze der Frost ein. Darüber könnte er schreiben – aber wer würde ihm im sonnigen Italien schon glauben, dass er das Wetter nur eines einzigen Tages beschrieb? Münster, Heimatland der Regenwolken … er überlegte, ob er zu seiner Freundin in der Seelennot, der Poesie, flüchten sollte, aber dann fiel ihm ein, dass er sich noch Notizen für die morgigen Verhandlungen machen musste, und die Lust auf die Dichtkunst verging. Die dicken Scheiben des Fensters waren voller Tropfen, die langsam daran herunterliefen. Seine Blase fühlte sich von diesem Anblick durchaus angespornt.

Seit 1644 war er hier, teilte seine Zeit zwischen den Verhandlungsstätten Münster und Osnabrück und seinem Amtssitz in Köln auf und seine geistige Gesundheit zwischen Gestalten wie Johan Oxenstierna, dem Sohn des schwedischen Kanzlers und Hauptvertreter der Interessen der Schweden (ein blöder, arroganter Saufkopf, der sich für so wichtig hielt, dass er Tag für Tag sein Aufstehen und Zubettgehen durch Posaunenbläser und Trommler verkünden ließ), ferner Henri de Bourbon-Orléans, dem Verhandlungsführer der Franzosen (ein Popanz mit unbeschränktem Reichtum, der in seiner zweihundert Mann starken Entourage allein vierzig Küchenhelfer mitführte), sowie Maximilian Graf von Trauttmansdorff, dem Emissär des Kaisers (der, das musste man ihm lassen, ein geduldiger und erfahrener Mann war, aber dessen Verhandlungsführung daran litt, dass es ständig Entzifferungsschwierigkeiten mit den chiffrierten Eilmeldungen aus Wien gab). Und das waren nur drei von dem Haufen an Diplomaten, an denen Fabio Chigi sich aufrieb.

Stöhnend warf er die Feder neben das Papier. Er hatte keine Lust mehr, diesen Brief noch weiter zu vermurksen. Die meisten der Verhandlungsführer hielt er für Seelenkrüppel, aber das hieß nicht, dass sie dumm waren (außer Oxenstierna, aber der wurde von seinem Vater im fernen Stockholm gelenkt). Man musste höllisch aufpassen, damit die Belange der katholischen Kirche nicht in dem Klein-Klein aus Eifersüchteleien, minimalen Landgewinnen und schon seit Karl dem Großen schwelenden Animositäten untergingen, die das tägliche Taktieren bestimmten. So hatte Fabio überrascht aufgehorcht, als erst vor wenigen Wochen plötzlich der Vorschlag gekommen war, dass die katholische Kirche auf die den protestantischen Fürsten weggenommenen Güter verzichten sollte, deren Schenkung an den Vatikan seinerzeit noch Kaiser Ferdinand II. in seinem Restitutionsedikt festgelegt hatte. Natürlich waren die Protestanten darauf eingegangen, und Fabio war nichts anderes übrig geblieben, als reichlich undiplomatisch die katholischen Verhandlungsführer dazu zu überreden, alle schon gemachten Zusagen zurückzuziehen. Seitdem war er mit dem Makel des Blockierers behaftet, ausgerechnet er, dem das erfolgreiche Ende der Verhandlungen schon deshalb am Herzen lag, weil er damit endlich dem nasskalten deutschen Wetter und dieser täglichen Barbarei würde entkommen können. Graf Trauttmansdorff übrigens hatte dieser letzte in einer unrühmlichen Reihe von Eklats endgültig gereicht; er hatte die Verhandlungsführung abgegeben und war nach Hause gereist. Fabio bedauerte diesen Verlust aus menschlichen Gründen zutiefst, umso mehr, da Trauttmansdorff ihm, dem päpstlichen Unterhändler, die Alleinschuld daran in die Schuhe geschoben hatte und ein zartes Pflänzchen von gegenseitiger Sympathie damit zum Tod verurteilt worden war. Trauttmannsdorffs Nachfolge hatte der Rechtsgelehrte Isaak Volmar übernommen, der ein Choleriker war, zudem überzeugt davon, dass alle anderen Vollidioten waren und Fabio Chigi der größte von ihnen, und der sich von Anfang an allen Seiten gegenüber so unparteiisch bestechlich gezeigt hatte, dass kein Einziger einen Vorteil von den Geldern genossen hatte, die man Volmar in diskreten Umschlägen überreicht hatte.

Und draußen, in der Welt, plünderten Franzosen, Schweden und Kaiserliche ihnen verbündete und verfeindete Fürstentümer gleichermaßen, starben die Menschen unter den Händen der Soldaten, verhungerten, verendeten an der Pest und der Cholera oder brachten sich selbst um, weil das Elend zu groß war. Ein ganzes Reich versank im Grauen eines Krieges, der nicht enden konnte, und es war, als ob es niemals etwas anderes gegeben hätte als diesen Krieg und auch niemals so etwas wie die Hoffnung auf den Frieden.

Fabio stand auf, um sich auf den ungeliebten Weg in den Hinterhof seines Logis zu machen, wo ein klappriger Abort sich an die Pferdeställe lehnte und vergeblich versuchte, von der dumpfen Wärme der Pferdeleiber zu profitieren, als einer seiner Helfer sich zur Tür hereinschob.

»Monsignore, empfangen Sie heute noch?«

Fabio kniff die Beine zusammen und fragte: »Warum, wer hat sich angesagt?«

»Ein Mitglied der Societas Jesu aus Rom, Monsignore. Er heißt Pater Nobili.«

»Kennen wir den Mann?«

Der Assistent schüttelte den Kopf.

»Soll warten«, sagte Fabio. »Ich muss mal.«

»Entschuldigen Sie, Monsignore«, sagte eine heisere Stimme aus dem Flur vor seinem Arbeitsraum, »aber meine Botschaft hat Priorität.«

Priorität vor dem Entleeren meiner Blase?, dachte Fabio. Das wollen wir doch mal sehen …

Doch bevor er es noch aussprechen konnte, drängte sich der ungebetene Besucher zur Tür herein. Der Helfer machte eine knappe Verbeugung und verschwand.

Entsprechend dem jesuitischen Brauch trug der Mann keinen Ordenshabit, sondern einen langen schwarzen Mantel, der in fein gelegten Falten um seinen Körper wallte und davon erzählte, dass sein Träger sich viele Längen Stoff leisten konnte. Außerdem hatte er einen halbhohen, ebenso schwarzen, dreispitzigen Hut ohne Krempe aufgesetzt – und da neunzig von hundert Angehörigen der Societas Jesu, die man traf, ebenso gekleidet waren, konnte man durchaus von einem Ordenshabit sprechen, wenn auch nicht offiziell.

Der Jesuit nahm den Hut ab, schüttelte die Nässe aus seinem Mantel und blickte Fabio finster ins Gesicht. Dann verzerrten sich seine Züge plötzlich, und eine gewaltige Niesattacke fügte dem theatralischen Auftritt reichlich Schaden zu.

»Was für ein scheußliches Wetter«, krächzte der Jesuit, nachdem er sich die Nase geputzt und sich ausgiebig geräuspert hatte.

»Wem sagen Sie das?«, seufzte Fabio und machte Anstalten, um den Mann herumzugehen. »Sie entschuldigen mich, Pater Nobili.«

»Warten Sie, warten Sie!«

»Das kann doch wohl ein paar Augenblicke …«

»Nein, ich muss sofort weiter. Es ist dringend.«

»Das ist mein Anliegen auch, glauben Sie mir!«

»Ich bin in direktem Auftrag des Pater Generalis unterwegs!«

Fabio, der ahnte, dass er den Mann erst loswürde, wenn dieser seine Angelegenheit erledigt hatte, nickte resigniert. Während der erkältete Jesuit erneut ein riesiges Taschentuch bemühte (es war schwarz, bei allen Heiligen!), versuchte Fabio, sowohl den Schmerz in seinem Unterleib als auch das plötzliche Klopfen seines Herzens zu unterdrücken. Er hatte Mitglieder des Ordens der Gesellschaft Jesu noch nie anders als würdevoll, gemessen und vor allem als vorgebliche Herren jeglicher Situation erlebt. Pater Nobili jedoch war, was das betraf, ein ungewöhnlicher Vertreter der Societas Jesu. Bei näherem Hinsehen war sein Mantel schmutzig, der Hut wirkte, als hätten ihn nervöse Hände mehr als einmal zerknautscht, die Wangen des Mannes waren unrasiert, das kurz geschnittene Haar ungewaschen und struppig.

»Lange unterwegs gewesen?«, fragte Fabio beinahe mitleidig.

»Durchgeritten«, sagte Pater Nobili nach einem letzten Fanfarenstoß in sein Taschentuch.

»Geritten!? Aus Rom?«

»Ein Wagen wäre zu langsam gewesen. Monsignore, was ich Ihnen nun sage …« Pater Nobili sah sich um, als wolle er die Schatten mit den Augen durchdringen.

»Wir sind allein«, sagte Fabio und fragte sich zum ersten Mal, ob es wirklich stimmte. Immerhin war er das ranghöchste Mitglied der päpstlichen Delegation, und vielleicht bespitzelte man ihn ja schon seit Jahren …? Er bemühte sich, den Gedanken abzuschütteln. Pater Nobilis Nervosität schien ansteckend zu sein – so wie es sein verdammter Schnupfen wahrscheinlich auch war. Fabio glaubte beim Missklang der erkälteten Stimme seines Besuchers schon das erste Kratzen im Hals zu spüren.

Pater Nobili schüttelte den Kopf und wrang den Hut. »Das darf wirklich niemand …«, begann er erneut. Sein Blick fiel auf die leicht dampfende Weinkaraffe auf Fabios Tisch. »Ist das heißer Würzwein? Oh, mein Hals! Darf ich, Monsignore?«

»Bitte …« Fabios Gesicht zuckte, als er das Geräusch hörte, mit dem der Wein in den Becher gluckerte und dann in die Kehle des Jesuiten. Sein Besucher fischte einen Ring aus seinem Mantel und legte ihn auf den Tisch.

»Das ist der Siegelring von Pater Generalis Vincenzo Carafa. Dass ich ihn dabeihabe, soll die Wahrhaftigkeit und Dringlichkeit meiner Botschaft bezeugen.«

»Na gut«, sagte Fabio heroisch.

»Es geht um … einen Abtrünnigen«, sagte Pater Nobili.

»Einen Abtrünnigen aus der Societas Jesu?«

»Ja.« Der Pater räusperte sich ausgiebig. »Wir wissen nicht, ob er nicht etwa … eine Gefolgschaft hat.«

»Es gibt eine ganze Bewegung innerhalb des Ordens!?«, fragte Fabio ungläubig. Ihm war, als hätte Pater Nobili behauptet, dass sich inmitten eines Ameisenhaufens einige der Insekten plötzlich entschieden hatten, eigene Ziele zu verfolgen. »Sie nehmen mich auf den Arm.«

»Daran ist nichts lustig«, sagte Pater Nobili steif. »Und es ist nicht eine Bewegung, sondern eine einzelne irregeleitete Seele. Ich sagte, wir wissen nicht, ob …«

»Eine einzelne Seele, die so ›unwichtig‹ ist, dass der Pater Generalis seinen Botschafter mit seinem persönlichen Siegel legitimiert.«

Pater Nobili räusperte sich erneut.

»Weshalb kommen Sie damit zu mir, Pater Nobili?«

»Wir möchten, dass Sie uns helfen, den Abweichler zu fangen und nach Rom zu bringen.«

»Wie stellen Sie sich das vor? Wer sagt Ihnen überhaupt, dass er in der Nähe ist?«

»Er ist nicht in der Nähe. Nach allem, was wir wissen, dürfte er noch in Würzburg sein.«

»Dann reiten Sie doch nach Würzburg und …« Fabios Stimme erstarb.

Pater Nobili nickte. »Genau.«

Fabio schnippte mit den Fingern und vergaß für einen Augenblick den Druck in seinem Unterleib. »Die Kommission zur Untersuchung der Hexenverbrennungen vor zwanzig Jahren!«, murmelte er.

»Es ist die bisher größte Anstrengung unseres Ordens, die Verfehlungen der Vergangenheit wiedergutzumachen«, sagte Pater Nobili. »Der damalige Fürstbischof von Würzburg, Adolf von Ehrenberg, hatte in seinem Wahn Hilfe auch aus unserem Orden. Neunhundert Menschen sind verbrannt worden, Monsignore, darunter Dutzende von Kindern. Wir wissen jetzt, dass das falsch war. Und wir hoffen, uns von dieser Sünde zu befreien, indem wir die Verbrechen untersuchen, alles ans Licht bringen und diejenigen bestrafen, die vielleicht noch am Leben sind.«

»Weswegen der Kommission auch nur die brillantesten Mitglieder der Societas Jesu angehören«, ergänzte Fabio. »Und weswegen es einen Heidenskandal hervorrufen würde, wenn Sie einen von Ihren Unfehlbaren mit einer derartigen Beschuldigung abzögen.«

»Verstehen Sie, Monsignore – wir wünschen, dass die Verfehlungen von vor zwanzig Jahren bestraft werden, und wir wollen dafür sorgen, dass die Societas Jesu daraus lernt und so etwas kein zweites Mal geschieht. Aber wir wollen diese ganze Geschichte auch nicht an die große Glocke hängen. Selbstreinigung hat nichts mit öffentlicher Selbstverbrennung zu tun! Das ist nicht unser Weg.«

»Und außerdem ist die Societas Jesu schon genügend schlecht angesehen, auch ohne einen Skandal um die Prozesse in Würzburg.«

»Außerdem«, sagte Pater Nobili, dem es schwerzufallen schien, dies zuzugeben.

»Und was soll ich jetzt tun?«

»Sie sind die oberste Autorität des Heiligen Stuhls in den deutschen Fürstentümern. Sie könnten den Mann festsetzen. Wir würden ein wenig dagegen protestieren, der Heilige Stuhl könnte es nach ein paar Tagen als Irrtum eingestehen, und wir alle tun dann so, als wäre danach die Ordnung wiederhergestellt. Kein Abtrünniger … kein Skandal … keine langfristige Störung der Prozesse …«

»Aber euren … Abtrünnigen … gibt es doch nach wie vor!«

Pater Nobili schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war eine Maske.

Fabio atmete langsam ein. »Da ist mehr dahinter«, flüsterte er. »Nur weil jemand die Ordensregeln nicht zu hundert Prozent befolgt, lässt der Pater Generalis ihn nicht in den Kellern der Chiesa del Gesù verschwinden.«

»Die Kirche des Heiligen Namens Christi hat keine Keller!«

»Was hat der Mann angestellt?«, fragte Fabio beinahe gegen seinen Willen. Der Drang zu urinieren war nun so stark, dass seine Zähne wehtaten, doch die Faszination des Schreckens hielt ihn gefangen. Sein Herz hatte erneut angefangen, heftig zu pochen. Ein abtrünniger Jesuit, über den der Ordensgeneral das Todesurteil gesprochen hatte? Es schien, als wären die Schatten im Zimmer auf einmal dunkler geworden. Die Jesuiten waren nicht beliebt; sie waren päpstlich loyal, intelligent, eine Bewegung, die weniger ihrer Frömmigkeit als ihrer geballten Intelligenz wegen mächtig geworden war. Wenn die Dominikaner als die Bluthunde des Papstes galten und als solche verhasst waren, dann wurden die Jesuiten als Schlangen angesehen: elegant, schlau, tödlich. Eine Erinnerung streifte Fabios Gedanken. In Rom hatte er einmal ein Rätsel erzählen gehört: Ein Schiff mit einem Franziskaner, einem Benediktiner und einem Jesuiten an Bord ging unter, und während die drei Ordensmänner um ihr Leben schwammen, kamen Haie und fraßen den Franziskaner und den Benediktiner auf. Der Jesuit aber wurde von den Haien verschont. Warum? Der Rätselerzähler hatte dröhnend gelacht. Respekt unter Kollegen!, hatte er dann gebrüllt.

Niemand hielt die Gefolgsmänner des Ignatius von Loyola für Heilige; doch zu hören, dass sich einer von ihnen auf Abwegen befand, war nicht anders, als zu erfahren, dass erneut ein Engel gegen Gott den Herrn aufgestanden war.

»Wissen Sie, was der Teufel Adam und Eva anbot, um sie zu verführen?«, fragte Pater Nobili.

»Die Frucht vom Baum der Erkenntnis.«

»Wissen«, sagte der Jesuit. »Nichts anderes als das: Wissen um die Zusammenhänge, die Gott nicht für uns Menschen vorgesehen hat. Man könnte auch sagen: das Wissen des Teufels.«

»Und Ihr Abtrünniger …?«

»Ist hinter diesem Wissen her.«

»Er sucht den Baum der Erkenntnis? Und der soll ausgerechnet in Würzburg stehen?«

»Der Baum der Erkenntnis«, erklärte Pater Nobili kühl, »ist ein Symbol. Wo wird Wissen in der Regel festgehalten, Monsignore?«

»In Büchern …«

»Der Abtrünnige sucht das gefährlichste Buch der Welt. Das Buch, in dem Luzifer all das festgehalten hat, was Gott uns Menschen niemals zumuten wollte. Es ist das Testament des Bösen, sein Vermächtnis …«

»Die Bibel des Teufels«, sagte Fabio und glaubte aus dem Augenwinkel zu sehen, dass die Schatten zuckten.

»Sie wissen davon?«

»Ich weiß wovon?« Die Schatten schienen immer noch zu zucken, als atmeten sie und blähten sich dem Klang der Wörter entgegen: die Bibel des Teufels …

»Von der Teufelsbibel!«

»Es gibt dieses Buch wirklich?«

Pater Nobili schien diese Frage keiner Antwort für würdig zu befinden.

»Was will ein abtrünniger Jesuit damit anfangen?«

»Sehen Sie sich um, Monsignore. Sie sind seit vier Jahren hier.«

»Vernichtung? Tod? Ein Krieg, der niemals aufhört? Mir scheint, die Menschen brauchen den Teufel nicht, um das fertigzubringen.«

»Monsignore, Sie verkennen die Lage, fürchte ich. Der Krieg steht vor seinem endgültigen Ende. Die Verhandlungen hier sind eine Chance für den Frieden. Sie, Monsignore, sind ein Teil der Hoffnung, dass es diesen Frieden geben möge.«

»Du meine Güte«, sagte Fabio. »Das kann nur jemand sagen, der nicht Tag für Tag in diesem Irrsinn gefangen ist.«

»Das ist vollkommen egal. Die Hoffnung besteht. Und wenn es eines gibt, was der Teufel noch mehr fürchtet als den festen Glauben an Gott, dann ist es die Hoffnung. Wissen Sie, was die Hölle ist, Monsignore? Es sind nicht Teufel, die die armen Seelen in heißem Öl kochen oder sie bei lebendigem Leib auffressen. Es ist die absolute Dunkelheit, wenn alle Hoffnung vergebens ist.«

»Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!«, sagte Fabio und starrte direkt in die Schatten hinein. Er hatte das Gefühl, dass sie nach ihm griffen, wenn er ihnen den Rücken zuwandte.

Pater Nobili nickte.

»Vielleicht will Ihr Ordensbruder ja versuchen, mithilfe der Teufelsbibel den Krieg endgültig zu beenden? Wissen kann man in zwei Richtungen einsetzen.«

»Die Teufelsbibel dient nur dazu, das Böse in die Welt zu holen.«

»Wie heißt der Mann?«

Pater Nobili holte lang und tief Atem und kniff dann die Lippen zusammen.

»Na, kommen Sie schon. Wie soll ich denn …?«

»Silvicola. Giuffrido Silvicola.«

Fabio schüttelte den Kopf. Er tat einen Schritt auf seinen Arbeitstisch zu. Der Schmerz fuhr ihm wie eine Messerklinge in den Leib – er hatte tatsächlich ein paar Augenblicke vergessen, dass seine Blase zu platzen drohte. Ächzend fischte er nach einem Bogen Papier. »Ich schreibe Ihnen eine Empfehlung für Bischof Johann Philipp von Schönborn aus«, sagte er und begann hastig zu kritzeln. »Er ist der Bischof von Würzburg und hat eine ständige Delegation hier in Münster, die sich in die Verhandlungen einmischt. Wärmen Sie schon mal das Siegellack auf, Pater … Hmmm … der Bischof und ich sind nicht die besten Freunde, weil er meines Erachtens zu schnell zu Kompromissen gegenüber den Schweden bereit ist, aber gerade das macht ihn für diese Situation zu einem idealen Verbündeten …« Ein erneuter Stich schoss durch Fabios Leib, und er wusste, dass er nur noch wenige Augenblicke hatte, um entweder den Abtritt zu erreichen oder hier in seine Soutane zu pissen. »Die Sicherung des Friedens geht ihm über alles. Er wird nicht zulassen, dass er gefährdet wird, noch nicht einmal durch den Teufel persönlich.«

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