Logo weiterlesen.de
Die Erben des Imperiums

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Kapitel Eins
  8. Kapitel Zwei
  9. Kapitel Drei
  10. Kapitel Vier
  11. Kapitel Fünf
  12. Kapitel Sechs
  13. Kapitel Sieben
  14. Kapitel Acht
  15. Kapitel Neun
  16. Kapitel Zehn
  17. Kapitel Elf
  18. Kapitel Zwölf
  19. Kapitel Dreizehn
  20. Kapitel Vierzehn
  21. Kapitel Fünfzehn
  22. Kapitel Sechzehn
  23. Kapitel Siebzehn
  24. Kapitel Achtzehn
  25. Kapitel Neunzehn
  26. Kapitel Zwanzig
  27. Kapitel Einundzwanzig
  28. Kapitel Zweiundzwanzig
  29. Kapitel Dreiundzwanzig
  30. Kapitel Vierundzwanzig
  31. Kapitel Fünfundzwanzig
  32. Kapitel Sechsundzwanzig
  33. Kapitel Siebenundzwanzig
  34. Kapitel Achtundzwanzig
  35. Kapitel Neunundzwazig
  36. Kapitel Dreißig
  37. Kapitel Einunddreißig
  38. Kapitel Zweiunddreißig
  39. Kapitel Dreiunddreißig
  40. Kapitel Vierunddreißig
  41. Kapitel Fünfunddreißig
  42. Kapitel Sechsunddreißig
  43. Kapitel Siebenunddreißig
  44. Kapitel Achtunddreißig
  45. Kapitel Neununddreißig
  46. Kapitel Vierzig
  47. Kapitel Einundvierzig
  48. Kapitel Zweiundvierzig
  49. Kapitel Dreiundvierzig
  50. Kapitel Vierundvierzig

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

COLIN I. – auch unter den Beinamen ›der Große‹ und ›der Erneuerer‹ bekannt. Geboren als Colin Francis MacIntyre (s. dort) am 21. April 2004 (alter Zeitrechnung) in Colorado, USA, Erde: Lieutenant Commander der US Navy; NASA-Astronaut; Begründer der MacIntyre-Dynastie; Krönung am 07. Juli des Jahres Eins des Fünften Imperiums.

Die Thronbesteigung durch den Imperator beendete das Interregnum, das Folge der unbeabsichtigten Freisetzung der Umak-Waffe (s. dort, vgl. auch Umak, Direktor für Bioforschung) war, und leitete das Fünfte Imperium ein. Als Kriegsherr setzte er die reaktivierte Imperiale Wachflottille dazu ein, die erste Angriffswelle der Achuultani zu zerschlagen (s. Aku’Ultan, Das Nest von; und Zeta-Trianguli-Feldzug); es war das erste Mal, dass ein Angriff der Achuultani abgewehrt wurde.

Nach der Abwehr der Achuultani begann Seine Majestät mit dem zivilen Wiederaufbau und dem Ausbau des Militärs, um den endgültigen Sieg über die Achuultani zu ermöglichen. Als Imperator des Fünften Imperiums gingen er und seine Gemahlin, Imperatorin Jiltanith (s. dort) die sich ihnen stellenden Aufgaben an, ohne jedoch zu wissen, dass …

- Encyclopedia Galactica, Band 6,

12. Auflage, Verlag der Universität von Birhat, 598JFI.

Kapitel Eins

Sean MacIntyre stürzte aus dem Transitschacht heraus und stellte sein Gehör auf höhere Empfindlichkeit, während er den Gang hinunterhastete. Eigentlich sollte es momentan nicht notwendig sein, so gut zu hören, jedenfalls nicht, solange er sich nicht auf der anderen Seite der Luke befand. Doch aus irgendeinem Grund hatte er immer noch mehr Probleme mit der biotechnischen Leistungssteigerung seines Gehörs als mit der seiner Augen, und er zog es vor, seine Vorbereitungen rechtzeitig abzuschließen.

Die letzten einhundert Meter rannte er geduckt, kam schlitternd zum Stehen und presste sich rücklings an das Schott. Der breite, in völliger Lautlosigkeit daliegende Gang verschwand in beiden Richtungen in einem schimmernden Lichtpunkt in der Ferne. Sean fuhr sich mit der Hand durch das schweißnasse, schwarze Haar, während sein biotechnisch erweitertes Gehör das leise Pulsieren der Lebenserhaltungssysteme und das sanfte Summen des jetzt weit entfernten Transitschachts unter dem sich nun allmählich wieder normalisierenden Hämmern seines eigenen Herzschlags wahrnahm. Sean jagte die anderen jetzt schon seit mehr als einer Stunde, und er hatte inzwischen eigentlich schon längst einen Hinterhalt erwartet. Ich hätte es auf jeden Fall schon längst versucht, dachte er und zog geringschätzig die Nase hoch.

Er angelte nach seiner im Holster steckenden Pistole und wandte sich mit gezogener Waffe der Luke zu. Sie glitt zur Seite – leise für normale Ohren, doch dröhnend laut für die seinen –, und grelles Sonnenlicht strömte in den Gang.

Sean glitt durch die Luke und wählte für sein linkes Auge Teleskopwahrnehmung an. Für das rechte blieb er bei normaler Entfernungswahrnehmung (mit den Augen konnte er wirklich schon viel besser umgehen als mit seinem Gehör) und spähte dann in die von vereinzelten Lichtflecken durchsetzten Schatten unter den leise raschelnden Blättern der Laubbäume.

Eichen und Hickorybäume dösten im Schein der ›Sonne‹, während Sean sich über die Picknickwiese hinüber zu den grün glänzenden Rhododendren schlich, die das Ufer des Sees säumten. Er bewegte sich lautlos, hielt die Waffe mit beiden Händen in Brusthöhe, jederzeit bereit, mit der schlangenartigen Geschwindigkeit seiner gesteigerten Reflexe herumzuwirbeln, zu zielen und zu feuern. So gründlich Sean aber das Gelände auch absuchte: Er hörte und sah nichts außer Wind in den Blättern, zwitschernden Vögeln und dem Plätschern kleiner Wellen.

Sean bahnte sich seinen Weg bis zum Ufer des Sees, ohne ein Ziel zu finden, dann blieb er nachdenklich stehen. Das Landschaftsdeck, eines von zahlreichen an Bord des Raumschiffs Dahak, war etwas breiter als zwanzig Kilometer. Das war wirklich ein großes Areal, um darin Verstecken zu spielen, doch Harriet war ungeduldig, und sie hasste es, davonzulaufen. Sie musste hier irgendwo in der Nähe lauern, nur wenige hundert Meter von ihm entfernt, musste hoffen, ihn in einen Hinterhalt locken zu können, und das bedeutete …

Aus dem Augenwinkel sah er eine flackernde Bewegung und erstarrte, den Blick sofort mit der Zoom-Funktion auf das gerichtet, was diese Bewegung ausgelöst haben musste, egal, was das gewesen sein mochte. Er lächelte, als er langes, schwarzes Haar hinter einer Eiche aufblitzen sah, er rannte Harriet allerdings nicht hinterher. Jetzt, da er Harry gefunden hatte, hatte sie keine Chance mehr, sich von ihm unbemerkt davonzuschleichen, und so sondierte er mit seinem Blick die gesamte Umgebung, suchte immer weiter nach ihrer Komplizin. Sandy musste ebenfalls an diesem Hinterhalt beteiligt sein, also musste sie sich ganz in der Nähe aufhalten. Eigentlich müsste sie genau da …

Ein handtellergroßer, blauer Farbfleck fiel ihm ins Auge, zwischen zwei Lorbeerbäumen gerade eben noch zu erkennen. Im Gegensatz zu Harry war ihre Gefährtin geduldig, lag absolut still dort, doch jetzt hatte Sean sie beide, und er grinste und begann langsam und lautlos nach links zu gehen. Nur noch ein paar Meter, und …

Zaaaaaaaaaaa-ting!

Ungläubig zuckte Sean zusammen, dann hämmerte er mit der Faust auf den Boden und stieß ein Wort aus, das seine Mutter gewiss nicht gutgeheißen hätte. Das Klingeln verwandelte sich jetzt in ein heiseres Summen, das sein in seiner Leistungsfähigkeit gesteigertes Trommelfell zu zerreißen drohte, also stellte er die Ohren wieder auf normal und richtete sich resigniert auf.

Das Summen der Laser-Sensoren an seiner Panzerung hörte sofort auf, als er auf diese Weise seine Niederlage eingestand, und er drehte sich um und fragte sich, wie Harry es hatte schaffen können, hinter ihn zu kommen. Doch es war nicht Harry, und er knirschte frustriert mit den Zähnen, als eine zarte Gestalt platschend und spritzend ans Ufer kam. Ihre hellblaue Jacke hatte sie abgelegt (Sean wusste auch genau, wo). Sandy war klatschnass, doch ihre braunen Augen blitzten vor Vergnügen.

»Ich hab dich erwischt!«, kreischte sie. »Sean ist tot! Sean ist tot, Harry!«

Es gelang ihm, nicht noch weitere der verbotenen Ausdrücke zu benutzen, als diese acht Jahre alte Miniatur-Ninja spontan in einen improvisierten Kriegstanz verfiel, doch es fiel ihm wirklich schwer, vor allem, da seine Zwillingsschwester jetzt ebenfalls in den Kriegstanz ihrer halbwüchsigen Verbündeten einfiel. Es war schon schlimm genug, gegen Mädchen zu verlieren, aber von Sandy MacMahan aus dem Hinterhalt überfallen zu werden, das war unerträglich! Sie war zwei Jahre jünger als er, und sie hatte ihn mit ihrem ersten Schuss erledigt!

»Deine Hochstimmung angesichts von Seans Tod ist kaum schicklich, Sandra.« Die tiefe, sanfte Stimme, die aus dem Nichts ertönte, überraschte keinen von ihnen. Sie kannten Dahak schon ihr ganzes Leben, und der Körper des selbst-bewussten Computers, das Raumschiff selbst, war schließlich einer ihrer Lieblingsspielplätze.

»Wen interessiert das schon?«, wollte Sandy voller Schadenfreude wissen. »Ich hab ihn erwischt! Zapp!« Sie richtete ihre Pistole auf Sean und brach in heulendes Gelächter aus, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.

»Reines Glück!«, schoss er zurück und schob seine eigene Waffe mit einer Würde zurück, von der er selbst wusste, dass sie höchst fadenscheinig war. »Du hast bloß Glück gehabt, Sandy!«

»Das ist unzutreffend, Sean«, merkte Dahak mit dieser ihm eigenen leidenschaftslosen Fairness an, die Sean absolut hasste, wenn sie jemand anderem zugute kam. »Glück impliziert das zufallsbestimmte Eintreten von Ereignissen, und Sandras Entscheidung, sich im See zu verbergen – den du, wie ich festgestellt habe, nicht einmal überprüft hast –, zeugt von äußerst einfallsreichem Vorgehen. Und wie sie so stichhaltig, wenngleich unfreundlich, feststellte, hat sie dich ›erwischt‹.«

»Da hast du’s gehört!« Sandy streckte ihm die Zunge heraus, und Sean wandte sich zutiefst verletzt ab. Und er fühlte sich alles andere als gut, als nun auch noch Harriet ihn triumphierend angrinste.

»Ich hab dir ja gleich gesagt, dass Sandy alt genug ist!«, stellte sie fest.

Er hätte ihr so gerne widersprochen – vehement widersprochen! –, doch er war ein ehrlicher Junge, und so nickte er widerwillig und versuchte einen Schauer zu unterdrücken, als vor seinem geistigen Auge eine Zukunftsvision erschien. Sandy war Harrys beste Freundin, obwohl sie so viel jünger war, und jetzt würde dieses nervige Gör ihr wirklich überallhin folgen. Mehr als ein Jahr lang hatte er das noch verhindern können, indem er immer und immer wieder behauptet hatte, sie sei noch zu klein für dieses Spiel. Bis heute. In Algebra war sie ihm schon zwei Einheiten voraus, und jetzt auch noch dieses Desaster hier!

Das Universum, so stellte Sean Horus MacIntyre missmutig fest, war nicht gerade bereit, einen mit Gerechtigkeit zu verwöhnen.

Vor dem Eingang zum Kommandodeck der Dahak traten Amanda Tsien und ihr Ehemann aus dem Transitschacht. Ihr Sohn Tamman war ihnen zwar gehorsam in den Gang gefolgt, für jeden sichtbar aber platzte er beinahe vor Ungeduld. Mit einem Blinzeln schaute Amanda zu ihrem hochgewachsenen Ehemann hinauf. Die meisten hätten Tsien Tao-lings Gesicht als hart beschrieben. Während er Tamman beobachtete, umspielte indes ein Lächeln seine Lippen. Der Junge mochte ja im biologischen Sinne nicht sein Sohn sein; dennoch fühlte sich Tsien Tao-Ling als Tammans Vater, und er nickte, als Amanda fragend eine Augenbraue hob.

»Also gut, Tamman«, sagte sie. »Du darfst gehen.«

»Danke, Mom!« Mit der eigenartigen Mischung, die so charakteristisch für sein Alter war, sich nämlich gleichzeitig ebenso katzenhaft wie ungelenk und eckig zu bewegen, machte er auf dem Absatz kehrt und jagte wieder auf den Transitschacht zu. »Wo ist Sean, Dahak?«, fragte er im Laufen.

»Er ist auf Landschaftsdeck Neun, Tamman«, erwiderte eine sanfte Stimme.

»Danke! Bis später, Mom, Dad!« Um seinen Eltern zuwinken zu können, drehte sich Tamman im Laufen zu ihnen um, ohne dabei langsamer zu werden, ehe er sich mit einem Jubelschrei in den Schacht stürzte.

»Man könnte meinen, die beiden hätten einander seit Monaten nicht mehr gesehen«, seufzte Amanda.

»Eines weiß ich mit Sicherheit: Kinder denken nicht in denselben Zeitkategorien wie Erwachsene«, stellte Tsien mit seiner tiefen, sanften Stimme fest, während Amanda eine Hand auf seinen Unterarm legte.

»Na, das kannst du laut sagen!«

Sie kamen um die letzte Biegung und standen endlich vor der Luke, die zum Kommandodeck führte. Das Wappen der Dahak prangte auf dem gold- und bronzefarbenen Panzerstahl: ein dreiköpfiger Drache, flugbereit, der mit den klauenbewehrten Vorderbeinen das Emblem des Fünften Imperiums hielt. Es war wie im Vierten Imperium der explodierende Stern, nur erhob sich jetzt aus dieser Explosion ein Phönix, und auf dessen Kamm ruhte das Diadem des Imperiums. Die zwanzig Zentimeter dicke Luke – die erste von mehreren, jede geeignet, einem Kilotonnen-Gefechtskopf zu widerstehen – glitt lautlos zur Seite.

»Hallo, Dahak!«, grüßte Amanda, während sie und ihr Mann weitergingen und sich vor ihnen eine Luke nach der anderen öffnete.

»Guten Abend, Amanda. Willkommen an Bord, Sternenmarschall!«

»Ich danke dir«, erwiderte Tsien. »Sind die anderen schon eingetroffen?«

»Admiral Hatcher befindet sich auf dem Weg, doch die MacMahans und Herzog Horus haben sich bereits zu ihren Majestäten gesellt.«

»Eines Tages sollte Gerald endlich lernen, dass ein Birhat-Tag nur achtundzwanzig Stunden hat!«, seufzte Tsien.

»Ach, tatsächlich?« Wieder blickte Amanda zu ihm auf. »Und du hast diese Lektion schon gelernt, ja?«

»Vielleicht noch nicht so ganz«, gab er etwas kleinlaut zu und versuchte ein Lächeln. Amanda hingegen schnaubte spöttisch. Da öffnete sich allerdings gerade die letzte Luke und gab den Zugang zur sanft beleuchteten Riesenhaftigkeit von Kommando-Eins der Dahak frei.

Ein kugelförmiges Sternenfeld hüllte KommandoEins ein. Die diamantharten Stecknadelköpfe brannten in der ebenholzschwarzen Tiefe des Raumes, die jetzt von der wolkenverhangenen, grünblauen Kugel des Planeten Birhat dominiert wurde, und Amanda erschauerte. Nicht weil es hier so kalt gewesen wäre, sondern weil jedes Mal eine eisige Brise ihr Rückgrat hinabzuflüstern sich anschickte, wenn Amanda diese absolut perfekte holographische Darstellung betrat.

»Hi, Amanda! Tao-ling!« Seine Imperiale Majestät Colin MacIntyre I., Großherzog von Birhat, Prinz von Bia, Sol, Chamhar und Narhan, Kriegsherr und Prinzregent des Reiches, Verteidiger der Fünftausend Sonnen, Erster Krieger der Menschheit und Imperator der Menschheit von des Schöpfers Gnaden, schwenkte seinen Sessel herum, drehte ihnen auf diese Weise sein ihnen so vertrautes, nicht sonderlich attraktives Gesicht mit der Hakennase zu und grinste. »Ah, wie ich sehe, hat sich Tamman bereits aus dem Staub gemacht!«

»Ja, er wurde zuletzt gesehen, als er sich auf den Weg zum Landschaftsdeck gemacht hat«, bestätigte Tsien Colins Vermutung.

»Na, dann wird er ja gleich noch eine nette, kleine Überraschung erleben.« Leise lachte Colin in sich hinein. »Harry und Dahak haben Sean nämlich endlich dazu gebracht, Sandy jetzt endlich beim Laser-Fangenspielen mitmachen zu lassen.«

»Ach du meine Güte!« Amanda lachte. »Ich wette, das war eine ganz besondere Erfahrung.«

»Fürwahr!« Imperatorin Jiltanith, schlank wie ein Schwert und so spektakulär schön wie Colin unspektakulär in seinem Äußeren, erhob sich und schloss Amanda in die Arme. »Mich deucht, sein Unbill ob ihres Alters wird er von nun an nicht mehr lautstark künden! Von seinem hohen Ross ward er geholt – einstweilen zumindest hat ihn dies Bescheidenheit gelehrt.«

»Da ist er schnell drüber hinweg«, stellte Hector MacMahan fest. Der Kommandant des Imperialen Marine-Korps stützte sich auf die Konsole des Artillerieoffiziers, während seine Gemahlin in dem Sessel Platz genommen hatte, der vor dieser Konsole stand. Wie Amanda trug auch er die schwarz-silberne Uniform der Marine, doch Ninhursag MacMahan war in das Nachtblau und Gold der Raumflotte gekleidet. Sie lächelte.

»Nicht, wenn Sandy es verhindern kann! Eines Tages wird dieses Mädchen eine ausgezeichnete Spionin abgeben.«

»Niemand kann das besser beurteilen als du«, meinte Colin, und Ninhursag gelang das Kunststück, sich im Sitzen vor ihm zu verneigen. »In der Zwischenzeit würde ich …«

»Verzeihung, Colin«, sagte Dahak leise, »aber der Kutter von Admiral Hatcher hat soeben angedockt.«

»Gut. Sieht ganz so aus, als könnte die Show dann gleich losgehen!«

»Na, hoffentlich«, seufzte Horus. Der untersetzte Planetar-Herzog von Terra mit seinem schlohweißen Haar schüttelte den Kopf. »Jedes Mal, wenn ich es wage, meine Nase aus meiner Bürotür zu stecken, wartet nur irgendetwas darauf, in meinen Eingangskorb zu kriechen und mich zu beißen, sobald ich zurückkomme!«

Colin nickte seinem Schwiegervater wissend zu, ohne dabei die beiden Tsien auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Tao-ling schob Amanda den Sessel mit einer Aufmerksamkeit zurecht, derer er sich gar nicht bewusst schien … einer Aufmerksamkeit, die jedem sonderbar erscheinen mochte, der nur Sternenmarschall Tsiens Ruf kannte oder in General Amanda Tsien nichts als die eisenharte Kommandantin von Fort Hawter sah, dem Ausbildungslager für Eliteeinheiten auf Birhat. Colin andererseits verstand das alles bestens, und er war zutiefst dankbar, es miterleben zu können.

Kein Lebewesen im gesamten Universum vermochte Amanda Tsien in Angst und Schrecken zu versetzen, aber sie war eine Waise. Neun Jahre war sie erst alt, als ein unbarmherziges Universum sie lehrte, dass seine grausamste Waffe die Liebe sein konnte … und musste diese Lektion ein zweites Mal lernen, als Tamman, ihr erster Ehemann, bei Zeta Trianguli Australis gefallen war. Hilflos hatten Colin und Jiltanith mitansehen müssen, wie sie sich in ihre Arbeit vergraben hatte, wie sie sich in einen Schutzpanzer zurückgezogen und jegliche Emotionen, die sie sich noch gestattet hatte, einzig und allein Tammans Sohn gegenüber zuzulassen bereit gewesen war. Sie war zu einer Maschine geworden, und es gab niemanden, der etwas daran hätte ändern können, nicht einmal der Imperator selbst war dazu in der Lage. Tsien Tao-ling aber war es gelungen.

Viele der Männer und Frauen, die unter dem Marschall Dienst taten, fürchteten ihn. Und das war durchaus auch klug von diesen Untergebenen. Irgendetwas an Amanda hatte Tsien, den Mann, den die Medien das ›menschliche Großkampfschiff‹ getauft hatten, in ungewohnter Art und Weise angezogen, allen Schutzpanzern, die Amanda sich zugelegt hatte, zum Trotz; und er hatte sich ihr auf derart leise und liebenswürdige Art und Weise genähert, dass sie seine Annäherungsversuche als solche gar nicht wahrgenommen hatte, bis es zu spät war. Bis er ihren Panzer durchdrungen hatte und die Hand nach ihr ausstreckte, ihr sein Herz antrug, ein Organ, das zu besitzen ihm die meisten Menschen abzusprechen bereit waren … und sie hatte, unerwartet für ihre Umgebung, seinen Antrag angenommen.

Sie war dreißig Jahre jünger als er, was unter den biotechnisch Erweiterten ohne jegliche Bedeutung war. Schließlich war Colin mehr als vierzig Jahre jünger als Jiltanith, und sie sah dennoch jünger aus als er. Rein chronologisch betrachtet war sie natürlich mehr als einundfünfzigtausend Jahre alt, aber das zählte nicht: Abgesehen von etwas mehr als achtzig Jahren hatte sie die ganze Zeit in Stasis verbracht.

»Wie geht es Hsu-li und Collete?«, frage er Amanda, und sie lachte leise.

»Gut. Hsu-li hat ein bisschen Theater gemacht, weil wir ihn nicht mitnehmen wollten. Aber ich habe ihn davon überzeugen können, dass es besser sei, zu Hause zu bleiben und mit auf seine Schwester aufzupassen.«

Colin schüttelte den Kopf. »Bei Sean und Harry hätte das nie und nimmer funktioniert.«

»Das hat man davon, wenn man Zwillinge bekommt!«, gab Amanda mit einem Hauch von Spott in der Stimme zurück, dann warf sie Jiltanith einen kurzen Blick zu. »Oder davon, wenn man nicht noch ein paar mehr Kinder in die Welt setzt.«

»Wahrlich, erspare mir das, Amanda!« Jiltanith lächelte. »Magie scheint mir, wie du die Zeit für deine Pflichten und dazu noch all die Kinder findest! Bis ich mich dieser Prüfung erneut stellen mag, dürften viele Jahre, ja Jahrzehnte noch ins Land wohl gehen! Und unziemlich ist’s, in jener Weise deiner Imperatorin mit Spott zu begegnen! Die ganze Welt weiß doch darum, dass du eine Mutter bist, wie es eine bessere kaum gibt, während ich hingegen …« Mit einem schiefen Grinsen zuckte sie mit den Schultern, und ihre Freunde lachten.

Horus wollte gerade noch etwas hinzufügen, als die innere Luke sich öffnete und ein gepflegter, durchtrainierter Mann in der blauen Uniform der Raumflotte eintrat.

»Hallo, Gerald«, grüßte Colin den Neuankömmling, und Großadmiral Gerald Hatcher, Chef des Admiralstabes, verneigte sich schwungvoll.

»Guten Abend, Eure Majestät!«, erwiderte er so salbungsvoll, dass sein oberster Gebieter ihm spöttisch mit der Faust drohte. Großadmiral Hatcher hatte dreißig Jahre lang als Soldat des Heeres im Dienste der Vereinigten Staaten von Amerika gestanden, nicht bei der Marine. Doch der Chef des Admiralstabes der Raumflotte war stets auch der Ressortoffizier des Imperiums. Damit war es logisch, dass die Wahl auf einen Mann gefallen war, der während der Abwehrschlacht gegen die Achuultani als Stabschef der Menschheit fungiert hatte. Aber nicht einmal die Tatsache, auf so hohem Posten Verantwortung zu übernehmen, hatte Hatchers gut gelaunte Respektlosigkeit dämpfen können.

Er winkte Ninhursag zu, schüttelte Hector, Tsien und Horus die Hand und gab Amanda dann enthusiastisch einen Kuss auf die kaffeebraune Wange. Anmutig beugte er sich dann über Jiltaniths Hand, doch die Imperatorin zog spielerisch an dem gepflegten Bart, den er sich seit der Belagerung der Erde hatte wachsen lassen, und küsste ihn auf den Mund, bevor er etwas dagegen unternehmen konnte.

»Ein schamloser Geselle seid Ihr, Gerald Hatcher, fürwahr!«, schalt sie ihn. »Und womöglich wird Euch das Mores lehren – lasst einfach Euer Weib zurück!«

»Darf ich«, grinste er, »das als Drohung oder als Versprechen verstehen, Eure Majestät?«

»Und herunter mit dem Kopf!«, murmelte Colin, und der Großadmiral lachte.

»Tatsächlich besucht sie ihre Schwester auf der Erde. Die beiden wollen Babykleidung aussuchen.«

»Großer Gott, bekommen denn plötzlich alle auf einmal noch Babys?!«

»Mitnichten, teurer Colin, nur alle anderen«, beantwortete Jiltanith seine Frage.

»Das ist wahr«, bestätigte Hatcher. »Und diesmal wird’s ein Junge! Ich für meinen Teil bin ja voll auf zufrieden mit den Mädchen, aber Sharon ist ganz außer sich vor Freude.«

»Ich gratuliere!«, sagte Colin, dann deutete er auf einen freien Sessel. »Aber jetzt, wo ihr alle da seid, sollten wir uns an die Arbeit machen.«

»Wunderbar! Ich habe nämlich noch eine Konferenz an Bord von Mutter angesetzt, die in ein paar Stunden beginnt, und ich würde mich gern vorher wenigstens noch kurz ausruhen.«

»Okay.« Colin setzte sich ein wenig aufrechter in seinen Sessel, und seine bisherige Haltung entspannter Belustigung war wie weggeblasen. »Als ich euch alle hierher rief, habe ich bereits angedeutet, dass es mir um eine informelle Besprechung vor der nächsten Ratssitzung geht, die für die kommende Woche anberaumt ist. Der zehnte Jahrestag meiner ›Krönung‹ steht kurz bevor, und die Adelsversammlung möchte zu diesem Anlass eine Riesenparty steigen lassen. Das ist ja an sich keine schlechte Idee. Aber es bedeutet, dass der diesjährige ›Bericht zur Lage des Reiches‹ von besonderer Bedeutung sein wird. Deswegen möchte ich gern erst einmal die Meinung aus dem ›Inneren Kreis‹ hören, bevor ich mich daran mache, diesen Bericht abzufassen.«

Seine Gäste unterdrückten nur mit Mühe ein Lächeln. Während des Vierten Imperiums waren regelmäßige, förmliche Berichte der Imperatoren niemals erforderlich gewesen. Colin allerdings hatte den ›Bericht zur Lage des Reiches‹ in der Verfassung des Fünften Imperiums verankert, und diese selbst auferlegte jährliche Pflicht war etwas, was er zutiefst fürchtete. Deswegen hatte er seine Freunde auch auf dem Kommandodeck der Dahak versammelt. Anders als bei vielen anderen konnte er sich darauf verlassen, dass sie ihm wirklich sagten, was sie dachten, und nicht das, wovon sie glaubten, er wolle es hören.

»Fangen wir mit dir an, Gerald!«

»Okay.« Bedächtig strich sich Hatcher über den Bart. »Du könntest mit einer guten Nachricht anfangen. Laut Gebs jüngstem Bericht, den er vor seinem gemeinsamen Aufbruch mit Vlad zur Cheshir eingereicht hat, dürften sie die Cheshir-Flotte innerhalb von drei Monaten einsatzbereit haben. Außerdem haben sie neun weitere Asgards aufgetrieben. Bei denen werden sie ein paar Monate länger brauchen, um diese wieder zu reaktivieren. Leider sind wir sowieso schon wieder knapp, was die Besatzungen angeht – wie üblich, aber wir kriegen das schon hin, und damit kommen wir auf einhundertundzwölf Planetoiden.« Er machte eine Pause. »Es sei denn, wir hätten es wieder mit einem Sherkan zu tun.«

Colin legte die Stirn in Falten, als er hörte, wie verbittert die Stimme des Admirals plötzlich klang, doch er ging nicht weiter darauf ein. Alle Diagnosen hatten behauptet, der Planetoid Sherkan sei auch ohne ausgiebige Wartungsarbeiten einsatzbereit – nur war es Hatchers Expedition gewesen, die den Planetoiden damals entdeckt hatte, und Hatcher hatte die Entdeckung dann auch Vladimir Chernikov gemeldet.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Erkundungskommando gerade einmal zwei einst besiedelte Planeten des Vierten Imperiums entdeckt, auf denen noch Leben existierte – Birhat, der alte Regierungssitz des Imperiums, und Chamhar, und auf beiden hatten die Nachfahren einstiger menschlicher Siedler nicht überlebt. Doch ein Großteil der militärischen Ausrüstungen des Imperiums hatte den entsetzlichen Zwischenfall überstanden, einschließlich zahlreicher ihrer gewaltigen Raumschiffe. Und von diesen Raumschiffen konnten sie angesichts der Lage gar nicht genug in die Finger bekommen. Die Menschheit hatte den letzten Angriff der Achuultani gerade mal so eben aufgehalten – unter Aufbietung letzter Kraft. Den gefährlichen Feind allerdings erneut zu besiegen, diesmal auf dessen eigenem Territorium, wäre eine ganz andere Geschichte.

Bedauerlicherweise war die Aufgabe, einen verlassenen Planetoiden von viertausend Kilometern Durchmesser nach fünfundvierzig Jahrtausenden wieder in Betrieb zu nehmen, eine beängstigend gewaltige Aufgabe, und deswegen war Hatcher auch so erfreut darüber gewesen, dass die Sherkan in so ausgezeichneter Verfassung gewesen war. Doch die Tests hatten eine winzige Fehlfunktion in ihrem Energiekern übersehen: Ihre Leistungsregler waren im gleichen Augenblick durchgebrannt, als der leitende Techniker den Antrieb angeschlossen hatte, um die Energie für Überlicht-Geschwindigkeit aufzunehmen. Die nachfolgende Explosion war heftig genug gewesen, um einen ganzen Kontinent zu zerstören. Sechstausend Menschen hatten den Tod gefunden, und zu ihnen hatten auch Flottenadmiral Vassily Chernikov und seine Frau Valentina gehört.

»Allerdings«, fuhr Hatcher dann lebhafter fort, »kommen wir auch bei den anderen Projekten gut voran. Adrienne wird in wenigen Monaten die Abschlussprüfung in der ersten Klasse der Akademie abnehmen. Ich bin mit den bisherigen Ergebnissen voll und ganz zufrieden, auch wenn Tao-ling und Adrienne immer noch an einzelnen Feinheiten des Lehrplans feilen.

Was die Ausrüstung betrifft, so sieht es hier auf Bia gut aus, was wir vor allem Tao-ling zu verdanken haben. Er musste praktisch sämtliche noch bestehenden Werftanlagen aktivieren, um den Schutzschild ans Laufen zu bekommen …«, kurz warfen Hatcher und der Sternenmarschall einander ein schiefes Grinsen zu; die gewaltigen Schildgeneratoren zu reaktivieren, die Birhats Primärstern Bia in einen undurchdringlichen Schutzwall von achtzig Lichtminuten Durchmesser einhüllte, war eine gewaltige Aufgabe gewesen, »… also verfügen wir über reichlich Wartungskapazität. Tatsächlich können wir sogar mit der Entwicklung neuer Konstruktionen anfangen.«

»Wirklich?« Colin klang sehr zufrieden.

»Ja, tatsächlich«, antwortete Dahak anstelle des Admirals. »Es wird in etwa drei Komma fünf Standardjahre dauern …«, (das Fünfte Imperium arbeitete mit terranischer Zeitrechnung, nicht der von Birhat), »… bis Einheiten für die tatsächlichen Konstruktionsarbeiten von denen der Reaktivierungsprogramme abgezogen werden können. Aber Admiral Baltan und ich haben bereits vorbereitende Studien für neue Konstruktionen erarbeitet. Wir kombinieren mehrere Konzepte, die wir uns von den Achuultani ›ausgeliehen‹ haben, mit anderen, die aus dem Schiffsbauamt des Imperiums stammen, und ich glaube, wir werden für unsere neuen Einheiten beträchtliche Steigerungen der Leistungsfähigkeit erreichen können.«

»Das klingt sehr gut, aber wie sieht es mit Stiefmutter aus?«

»Ich fürchte, das wird beträchtlich länger in Anspruch nehmen, Colin«, erwiderte Dahak.

»›Beträchtlich‹ ist wahrscheinlich noch sehr optimistisch ausgedrückt«, seufzte Hatcher. »Wir holen uns immer noch blutige Nasen bei dem Versuch, die Feinheiten der imperialen Computer-Hardware zu begreifen, obwohl Dahak uns schon dabei hilft, und Mutter ist der komplexeste Computer, den das Imperium jemals konstruiert hat. Sie nachzubauen, wird eine Heidenarbeit werden – ganz zu schweigen davon, wie lange es dauert, einen Schiffsrumpf von fünftausend Kilometern Durchmesser zu bauen, in den wir den Nachbau werden einbauen können!«

Das gefiel Colin ganz und gar nicht, aber er verstand sofort das Problem. Das Imperium hatte Mutter (offiziell wurde sie als ›Zentraler Kommandocomputer der Raumflottenzentrale‹ bezeichnet) mit Kraftfeld-Schaltungen konstruiert, gegen die selbst noch Molekular-Schaltungen groß und klobig wirkten, und dennoch betrug der Durchmesser des Computers immer noch mehr als dreihundert Kilometer. Zudem befand er sich im Inneren des leistungsstärksten Bollwerks, das jemals von Menschenhand gebaut worden war, denn die Aufgabe dieses Computers bestand nicht nur darin, die Raumflotte zu leiten. Mutter war zugleich auch die Konservatorin des gesamten Imperiums – tatsächlich war es Mutter selbst gewesen, die Colin gekrönt und auch die Schiffe zur Verfügung gestellt hatte, mit denen es schließlich gelungen war, die Achuultani zu schlagen. Bedauerlicherweise (oder vielleicht doch eher glücklicherweise) war sie äußerst sorgsam konstruiert worden, ebenso wie alle Computer der späteren Jahre des Imperiums, damit sie nicht in der Lage wäre, jemals ein Selbst-Bewusstsein zu entwickeln. Das bedeutete allerdings, dass sie ihre unermesslich reichhaltige Schatztruhe voller Daten nur dann öffnete, wenn man ihr genau die richtigen Fragen stellte.

Doch Colin hatte lange Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was mit der Raumflotte geschähe, sollte Mutter jemals irgendetwas zustoßen, und er hatte die Absicht, die Erde mit Abwehrsystemen auszustatten, die mindestens ebenso leistungsfähig waren wie die von Birhat … und dazu gehörte ein Duplikat von Mutter. Wenn alles wie gewünscht liefe, dann müsste Stiefmutter (Hatcher hatte darauf bestanden, die geplante Anlage so zu nennen) niemals vollständig aktiviert werden. Doch falls Mutter zerstört würde, dann sollte Stiefmutter automatisch das Kommando übernehmen, damit die Raumflotte und das gesamte Imperium stets über eine voll einsatzbereite Kommandozentrale verfügten.

»Wie sieht denn nach den neuesten Schätzungen der erforderliche Zeitrahmen aus?«

»Nach sehr, sehr vagen Schätzungen und wenn wir davon ausgehen dürfen, dass wir in absehbarer Zeit die Computertechnologie selbst hinreichend beherrschen werden, um nicht andauernd Dahak mit Fragen belästigen zu müssen: sechs Jahre, bis wir mit dem Bau des Rumpfes anfangen können. Nach weiteren fünf Jahren sollten wir dann die Arbeiten abschließen können.«

»Verdammt! Ach, was soll’s! Wir werden in frühestens vier oder fünf Jahrhunderten wieder etwas von den Achuultani hören. Dennoch möchte ich, dass dieses Projekt so schnell wie möglich abgeschlossen wird, Ger!«

»Klar«, bestätigte Hatcher. »Aber wir sollten in der Lage sein, in der Zwischenzeit schon die ersten neuen Planetoiden in Dienst zu stellen, und das deutlich früher. Deren Computer sind ja kleiner und einfacher ausgestattet – ohne diese ganzen Mutter-Dateien, von denen kein Mensch weiß, was sich in ihnen alles verbirgt. Und die andere Hardware stellt auch kein großes Problem dar, selbst nicht, wenn wir die neuen Systemtest-Programme berücksichtigen.«

»Okay.« Nun wandte Colin sich Tsien zu. »Noch irgendwelche Anmerkungen dazu, Tao-ling?«

»Ich fürchte, Gerald hat mir ordentlich den Wind aus den Segeln genommen«, setzte Tsien an, und Hatcher grinste. Rein technisch gesehen unterstand alles, was nicht mobil war, Tsiens Kommando – von Verteidigungsanlagen und Werften bis zu Forschungs- und Entwicklungsprojekten und der Ausbildung der Flottenangehörigen. Aber nachdem derzeit die Wartung und Bemannung von Hatchers Planetoiden derartige Priorität genossen, überschnitten sich die Zuständigkeitsbereiche der beiden Männer immens.

»Wie Dahak und er bereits berichtet haben, ist inzwischen bei einem Großteil des Bia-Systems wieder vollständige Funktionsfähigkeit erreicht. Da sich derzeit weniger als vierhundert Millionen Mann im System befinden, ist unsere Mannschaftsstärke noch dünner als die von Gerald, aber wir kommen zurecht, und die Lage bessert sich. Mit viel Hilfe von Dahak leisten Baltan und Geran ausgezeichnete Arbeit auf dem Gebiet ›Forschung und Entwicklung‹, auch wenn sich die Forschung in absehbarer Zeit darauf beschränkt, die letzten Projekte des Imperiums nachzuvollziehen. Von besonderem Interesse ist es, dass das Imperium mit der Entwicklung völlig neuartiger Gravitonen-Gefechtsköpfe begonnen hat.«

»Ach?« Fragend hob Colin eine Augenbraue. »Davon höre ich gerade zum ersten Mal.«

»Ich auch«, warf Hatcher ein. »Was sind das für Gefechtsköpfe, Tao-ling?«

»Wir haben die Daten erst vor zwei Tagen gefunden«, erklärte Tsien und klang fast so, als wolle er sich entschuldigen, »aber das, was wir bisher gesehen haben, lässt auf eine Waffe schließen, deren Wirkung um mehrere Größenordnungen stärker ist als alles, was bisher gebaut wurde.«

»Beim Schöpfer!« In seinem Sessel richtete sich Horus auf, halb fasziniert, halb entsetzt. Vor einundfünfzigtausend Jahren war er ein Gefechtskopfspezialist im Vierten Imperium gewesen, und die entsetzliche Effizienz der Waffen, die das Imperium hervorgebracht hatte, war für ihn ein immenser Schock gewesen, als er zum ersten Mal mit diesen zu tun bekommen hatte.

»Allerdings«, war Tsien nüchterner Kommentar. »Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich vermute, dieser Gefechtskopf könnte deine Leistung bei Zeta Trianguli im Alleingang wiederholen, Colin.«

Diese Bemerkung brachte mehrere der Anwesenden dazu, hörbar zu schlucken, Colin eingeschlossen. Er hatte den Überlicht-Enchanach-Antrieb bei der Zweiten Schlacht von Zeta Trianguli Australis als Waffe eingesetzt. Dieser Antrieb erzeugte gewaltige Schwerkraftfelder – im Prinzip nichts anderes als konvergierende schwarze Löcher – und nutzte diese dazu, Schiffe über eine Reihe verzögerungsloser Übergänge im wahrsten Sinne des Wortes aus dem ›Real‹-Raum herauszupressen. Die Verweilzeit eines mit Enchanach-Antrieb ausgestatteten Schiffes im Normal-Raum war ausgesprochen kurz, geradezu minimal. Selbst wenn es dabei einem Stern, in interstellarem Maßstab gerechnet, recht nahe kam, hielt sich ein Schiff, das sich mit einer neunhundertfachen Lichtgeschwindigkeit bewegte, nicht lange genug in dessen Nähe auf, als dass es dadurch hätte Schaden nehmen können. Doch die Initial-Aktivierung und die abschließende Deaktivierung dauerte deutlich länger, und genau das hatte Colin dazu genutzt, eine Nova zu erzeugen, durch die mehr als eine Million Schiffe der Achuultani zerstört worden waren.

Doch für diese Glanzleistung hatte er ein halbes Dutzend Planetoiden gebraucht, und die Vorstellung, diese Wirkung mit einem einzigen Gefechtskopf zu erzielen, war zutiefst erschreckend.

»Kein Scherz?«, fragte er nach.

»Kein Scherz. Die Gesamtleistung dieses Gefechtskopfs ist deutlich geringer als die der Geschosse, die du bisher eingesetzt hast. Aber zugleich scheint sie deutlich fokussierter zu sein. Unserer vorsichtigsten Schätzung nach dürfen wir vermuten, dass diese Waffe in der Lage wäre, einen ganzen Planeten und alles in einem Umkreis von dreihundert- bis vierhunderttausend Kilometern zu zerstören.«

»Allmächtiger!« Jiltanith sprach so leise, dass sie kaum zu verstehen war, und sie streichelte den Knauf des Dolches aus dem fünfzehnten Jahrhundert, den sie stets bei sich trug. »Unvorstellbar, würd’ solch’ Höllenwerk durch Missgeschick eine unserer Welten ganz zerschmettern!«

»Na, da hast du Recht«, murmelte Colin und erschauerte. Wegen Zeta Trianguli hatte er immer noch Albträume, und auch wenn das unbeabsichtigte Zünden eines Gravitonen-Gefechtskopfes praktisch unmöglich war, hatte das Imperium doch das Gleiche über die unbeabsichtigte Freisetzung eines ihrer biologischen Kampfstoffe gedacht.

»Komm bloß nicht auf die Idee, so ein Ding zu bauen, Tao-ling!«, warnte er. »Mach bei der Nachforschung, was immer du für richtig hältst – ach verdammt, vielleicht werden wir so etwas gegen den Master-Computer der Achuultani ja tatsächlich brauchen! Aber bau keinerlei Hardware dazu, ohne dich vorher mit mir abzusprechen!«

»Sehr wohl, Euer Majestät!«

»Hast du sonst noch irgendwelche Überraschungen für uns auf Lager?«

»Nichts von vergleichbarer Größenordnung. Dahak und ich werden dir bis zum Ende der Woche einen vollständigen Bericht vorlegen, wenn du das wünschst.«

»Und ob ich das wünsche!« Colin wandte sich jetzt Hector MacMahan zu. »Gibt es irgendwelche Probleme mit dem Korps, Hector?«

»Nur wenige. Was die Mannschaftsstärke angeht, kommen wir besser hin als Gerald. Aber unsere Gesamt-Sollstärke ist ja auch geringer. Einige unserer leitenden Offiziere haben gewisse Schwierigkeiten, sich an die Möglichkeiten zu gewöhnen, die imperiale Ausrüstung bietet – die meisten von denen waren schon beim Korps lange vor der Zeit der Belagerung. Deswegen hatten wir ein paar kleinere Unannehmlichkeiten beim Training. Amanda korrigiert einen Großteil der auftretenden Fehler in Fort Hawter, und die neue Generation, die jetzt nachwächst, muss glücklicherweise nicht erst altes Erlerntes wieder vergessen. Ich kann, was meinen Aufgabenbereich angeht, nichts entdecken, über das man sich würde Sorgen machen müssen.«

»Fein!«, lobte Colin. Wenn Hector MacMahan keinen Anlass fand, sich Sorgen zu machen, dann gab es auch nichts, um das man sich sorgen musste. Daher richtete Colin seine Aufmerksamkeit jetzt auf Horus. »Wie läuft es auf der Erde, Horus?«

»Ich wünschte, ich könnte dir sagen, die Lage habe sich verändert, Colin, aber dem ist nicht so. Derart tief greifende Veränderungen führen immer zu Unruhen jeglicher Art. Die Umstellung auf die neue Währung ging reibungsloser, als wir eigentlich zu hoffen gewagt hatten. Aber von der gesamten Prä-Belagerungsökonomie ist nichts übrig geblieben. Was wir an Neuem haben schaffen können, hat sich noch nicht wirklich etabliert, und es gibt reichlich Leute, die bei diesem ganzen ökonomischen Umbau auf der Strecke bleiben und hochgradig verärgert sind.«

Der alte Mann lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Tatsächlich haben derzeit die Leute an beiden Enden des Spektrums darunter zu leiden. Alles, was zur Sicherung des Existenzminimums notwendig ist, läuft wunderbar – wenigstens besteht nicht mehr die Gefahr einer Hungersnot, und wir können eine vernünftige medizinische Grundversorgung für alle gewährleisten. Aber praktisch jedes zu erlernende Handwerk ist jetzt hoffnungslos veraltet, und das trifft die Dritte Welt natürlich besonders schlimm. Natürlich waren auch die Industrienationen vor der Belagerung nicht in der Lage, sich so etwas wie imperiale Technologie auch nur vorzustellen – trotzdem: Die dachten wenigstens schon in High-Tech-Begriffen. Nur macht das die Umschulungsprogramme auch nicht weniger aufwändig.

Und was noch schlimmer ist: Wir werden mindestens ein weiteres Jahrzehnt brauchen, um die moderne Technologie wirklich jedem zugänglich zu machen – was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie groß die Anstrengungen sind, die sämtliche Militärprogramme erfordern. Was den täglichen Lebensunterhalt angeht, sind wir immer noch weitestgehend auf prä-imperiale Industriemethoden angewiesen, und diejenigen, die in der Industrie Spitzenfunktionen haben, fühlen sich diskriminiert. Sie haben das Gefühl, in Jobs gelandet zu sein, bei denen sie keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten mehr haben. Die Tatsache aber, dass die zivilen biotechnischen Erweiterungen und die moderne Medizin ihnen zwei oder drei Jahrhunderte Zeit lassen, sich zu ihrem Besten weiterzuentwickeln, ist bei den meisten noch nicht wirklich angekommen.

Und dass es Versorgungsengpässe bei der biotechnischen Erweiterung der Bevölkerung gibt, ist dem Ganzen auch nicht gerade förderlich. Wie üblich kommt Isis viel besser voran, als ich gedacht hätte. Aber wieder einmal sind es die Leute in der Dritten Welt, die am meisten darunter zu leiden haben. Irgendwelche Prioritäten mussten wir ja setzen, und da gibt es einfach mehr Leute und einen weniger ausgeprägten technischen Hintergrund. Manche von denen glauben wirklich immer noch, Biotechnologie sei in Wirklichkeit Zauberei!«

»Ich bin wirklich froh, dass es dich gibt und ich dir diesen Job aufs Auge drücken konnte!«, meinte Colin, und es war seinem Tonfall anzumerken, dass er aus tiefstem Herzen sprach. »Gibt es irgendetwas, womit wir dir die Aufgabe erleichtern könnten?«

»Eigentlich nicht.« Horus seufzte. »Wir arbeiten jetzt schon so hart und so schnell, wie wir nur können. Wir haben einfach nicht genug Leute, die wir einsetzen können. Aber wir werden das Kind schon irgendwie schaukeln. Immerhin habe ich ein paar hochkarätige Helfer im Planetaren Rat. Wir haben eine ganze Menge lernen müssen, als wir uns auf die Belagerung vorbereiten mussten. Deswegen ist es uns jetzt gelungen, einige wirklich unschöne Fehler zu vermeiden.«

»Würde es dir helfen, wenn man dir die Verantwortung für Birhat abnehmen würde?«

»Nicht allzu viel, fürchte ich. Die meisten meiner Untergebenen hier sind sowieso direkt in Geralds oder Tao-lings Aufgabenbereiche involviert. Ich muss mich also nur um all die kümmern, die wiederum von denen abhängig sind. Natürlich …«, plötzlich grinste Horus breit, »… ist mein Vizegouverneur, da bin ich mir ganz sicher, ohnehin schon der Ansicht, ich sei viel zu oft von der Erde fort!«

»Dieser Meinung wird dein Vizegouverneur mit absoluter Sicherheit sein!« Leise lachte Colin in sich hinein. »Aber mein Vizegouverneur ist wahrscheinlich genau der gleichen Meinung.«

»Ja, das ist er tatsächlich!«, lachte Horus. »Und Lawrence war wirklich ein Geschenk des Himmels«, fügte er dann deutlich ernster hinzu. »Er hat mir wirklich einen gewaltigen Anteil meiner täglichen Pflichten abgenommen, und Isis und er bilden ein außerordentlich effizientes Team, was die biotechnischen Erweiterungen angeht.«

»Ich bin froh, dass du ihn hast.« Colin kannte Lawrence Jefferson nicht annähernd so gut, wie ihm lieb gewesen wäre. Doch das, was er über den Mann wusste, beeindruckte ihn zutiefst. Der Magna Charta gemäß wurden imperiale Planetar-Gouverneure vom Imperator persönlich ernannt, doch den Vizegouverneur bestimmte dessen unmittelbarer Vorgesetzter, basierend auf den Vorschlägen und der Billigung des Planetaren Rates. Nach so vielen Jahren, die Horus schon Bewohner (wenngleich im eigentlichen Sinne nicht Bürger) des nordamerikanischen Kontinents war, hatte er beschlossen, diese beratende und zustimmende Funktion in eine echte Wahl umzuwandeln, wobei er von seinen Ratgebern um Vorschläge gebeten hatte: Die Wahl war auf Jefferson gefallen. Während Colin die Enklave von Anu und seinen Gefährten gestürmt hatte, war Jefferson US-Senator gewesen. Während der Belagerung allerdings hatte er als Maat gedient und war anschließend während seiner dritten Amtszeit als Senator ausgeschieden, um seinen neuen Posten zu bekleiden. Schon recht bald war ihm der Ruf vorausgeeilt, er sei ein kompetenter Mann voller Charme und Esprit.

Nun wandte sich Colin Ninhursag zu. »Gibt es etwas Neues vom FND, ’Hursag?«

»Eigentlich nicht.« Wie Horus und Jiltanith war auch die untersetzte und auf eine angenehm unauffällige Art hübsche Frau an Bord der Dahak zur Erde gekommen. Wie Horus (doch anders als Jiltanith, die während dieser Ereignisse noch ein kleines Kind gewesen war) hatte sie sich der Meuterei um Flottenkapitän Anu angeschlossen, nur um dann entsetzt feststellen zu müssen, dass diese Meuterei lediglich den ersten Punkt auf dem Plan des Leitenden Ingenieurs der Dahak zum Sturz des Imperiums selbst darstellte. Doch während Horus sich von Anu abgewandt und einen Jahrtausende währenden Guerilla-Krieg gegen ihn geführt hatte, war Ninhursag in Stasis in Anus Enklave in der Antarktis gefangen gewesen. Als man sie schließlich geweckt hatte, war es ihr gelungen, Kontakt mit den Guerillas aufzunehmen und ihnen Informationen zukommen zu lassen, die den letzten, verzweifelten Ansturm gegen die Enklave erst möglich gemacht hatten. Jetzt, als Admiralin der Raumflotte, leitete sie den Flottennachrichtendienst und beschrieb sich gerne selbst als Colins ›OS‹, was die Abkürzung für ›Ober-Spionin‹ war. Colin bestätigte ihr immer wieder gern, dass diese selbst gewählte Abkürzung für ihren Tätigkeitsbereich in jeder Hinsicht passend sei.

»Wir haben immer noch Probleme«, fuhr sie fort, »aus dem selben Grund, den Horus bereits so treffend beschrieben hat: Wenn man eine ganze Welt auf den Kopf stellt, dann schürt man damit jede Menge Unmut. Andererseits hat die Erde eine halbe Milliarde Opfer des Achuultani-Angriffs zu beklagen – und jeder Mensch auf diesem Planeten weiß ganz genau, wer dem Rest den Hintern gerettet hat. Fast alle sind bereit, was dich und ’Tanni betrifft, nach dem Prinzip ›Im Zweifelsfalle für den Angeklagten‹ zu entscheiden, egal, was ihr tut oder was wir in eurem Namen tun. Die Unzufriedenen behalten Gus und ich dann schön im Auge. Aber die meisten aus dieser Gruppe konnten einander schon vor der Belagerung nicht ausstehen, und das erschwert natürlich jede Form der Zusammenarbeit. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, können die dennoch nicht das Ausmaß an Ehrfurcht ruinieren, das der Rest der Menschheit dir, Colin, entgegenbringt.«

Inzwischen errötete Colin nicht mehr, wenn jemand ihm derartige Dinge sagte, jetzt nickte er nur nachdenklich. Gustav van Gelder war Horus’ Sicherheitsminister, und auch wenn Ninhursag die Möglichkeiten, die imperiale Technologie bot, deutlich besser verstand als er, hatte Gus ihr doch sehr viel darüber beigebracht, wie Menschen funktionierten.

»Um ganz ehrlich zu sein«, fuhr Ninhursag fort, »wäre ich deutlich zufriedener, wenn ich irgendetwas finden könnte, was mir ernstlich Sorgen bereiten würde.«

»Wie ist das zu verstehen?«, wollte Colin genauer wissen.

»Ich schätze, ich bin ein wenig so wie Horus, der sich immer Sorgen darüber macht, was ihm als Nächstes in die Quere kommen könnte. Wir kommen so schnell voran, dass ich nicht einmal in der Lage bin, alle Mitspieler überhaupt kennen zu lernen, geschweige denn herauszufinden, was sie wohl im Schilde führen könnten. Und selbst die besten Sicherheitsvorkehrungen könnten löchrig sein wie ein Sieb. Ich habe zum Beispiel Stunden mit Dahak und einem ganzen Team meiner besten Jungs und Mädels darauf verwendet, eine Möglichkeit zu finden, wie wir die von Anus Verbündeten, die Terrageborene sind und überlebt haben, identifizieren könnten, und wir sind kläglich gescheitert.«

»Willst du mir damit sagen, wir hätten die noch nicht alle erwischt?!« Mit einem Mal saß Colin stocksteif da, und Jiltanith neben ihm spannte sich sichtlich an. Ninhursag schien von der Reaktionen der beiden überrascht.

»Hast du es ihnen nicht gesagt, Dahak?«, fragte sie.

»Ich bedaure …«, die Stimme klang ungewohnt peinlich berührt, »… aber das habe ich noch nicht getan. Zumindest nicht in aller Deutlichkeit.«

»Und was zum Teufel heißt das jetzt wieder?«, wollte Colin wissen.

»Das heißt, Colin, dass ich die Daten in einen deiner Implantat-Downloads eingefügt habe, aber ich habe verabsäumt, dich explizit darauf hinzuweisen.«

Colin legte die Stirn in Falten und gab geistig die Befehlssequenz ein, mit der er den Index seiner Implantat-Daten aufrufen konnte. Das Problem mit Informationen, die auf das Implantat heruntergeladen wurden, war, dass sie eben nur abgespeicherte Daten waren: Solange der Implantatsträger diese Informationen nicht abrief, fehlte ihm unter Umständen das Wissen, dass er über diese Daten bereits verfügte. Jetzt meldete sich der Bericht, den Dahak erwähnt hatte, in seinem Vorderhirn, und Colin verkniff sich gerade noch einen saftigen Fluch.

»Dahak«, begann er anklagend, »ich habe dir doch gesagt …«

»Das hast du.« Der Computer zögerte einen Augenblick, dann fuhr er fort. »Wie du weißt, sind meine Äquivalente zu den menschlichen Eigenschaften ›Intuition‹ und ›Fantasie‹ nach wie vor nur sehr eingeschränkt ausgeprägt. Ich habe begriffen – rein verstandesmäßig, würdest du vielleicht sagen –, dass das menschliche Gehirn nicht über meine eigenen Suchfunktionen verfügt. Doch gelegentlich berücksichtige ich diese Einschränkung nicht. Ich werde es nicht wieder vergessen.«

Der Computer klang tatsächlich, als sei ihm das Ganze peinlich, und Colin zuckte mit den Schultern.

»Vergiss es! Ist ja mehr meine Schuld als deine. Du hast zumindest mit Recht erwarten können, dass ich deine Berichte auch durchgehe.«

»Vielleicht. Dennoch obliegt es mir, dich mit den Daten zu versorgen, die du benötigst. Folglich hätte ich nachfragen müssen, um sicherzustellen, dass dir auch bewusst ist, dass sie dir vorliegen.«

»Jetzt versetz mal nicht gleich deine Dioden in Aufruhr!« Colin wandte sich wieder Ninhursag zu, während Dahak den Laut ausstieß, der einem leisen Lachen entsprach. »Okay, jetzt habe ich den Bericht. Aber ich finde da nichts darüber, wie wir Anu-Leute haben übersehen können … falls das überhaupt geschehen ist.«

»Das ›Wie‹ ist eigentlich sogar recht einfach. Anu und seine Spießgesellen haben Tausende von Jahren damit verbracht, die Bevölkerung der Erde zu manipulieren. Sie haben sich eine ungeheuer große Anzahl direkter Kontakte aufgebaut, darunter ganze Rudel von Leuten, die gar nicht wussten, für wen sie da arbeiteten. Einen Großteil ihrer hohen Tiere haben wir erwischt, als ihr die Enklave gestürmt habt. Aber es kann nicht sein, dass Anu alle dorthineingezwängt hat. Es ist uns gelungen, die wichtigeren Nebenfiguren anhand der Unterlagen zu identifizieren, die wir bei den Meuterern gefunden haben, aber wir müssen einfach jede Menge von den ganz kleinen Fischen übersehen haben.

Diese Leute machen mir auch gar keine Sorgen. Die werden schon wissen, was ihnen droht, wenn sie irgendwie Aufmerksamkeit erregen. Ich gehe davon aus, dass die meisten sich entschieden haben dürften, ganz besonders treue Untertanen des Imperiums zu werden. Aber das, was mir ein wenig Sorgen bereitet, ist, dass Kirinal mindestens zwei streng geheime Zellen unterhalten hat, von denen niemand etwas wusste. Als du und ’Tanni sie bei dem Angriff auf Cuernavaca getötet habt, da wussten nicht einmal Anu und Ganhar, wer diese Leute waren – deswegen wurden sie vor dem letzten Angriff auch nicht in die Enklave zurückgeholt.«

»Großer Gott, ’Hursag!« Hatcher klang zutiefst entsetzt. »Willst du damit sagen, dass immer noch hochrangige Anu-Anhänger frei herumlaufen?«

»Höchstens ein Dutzend«, erwiderte Ninhursag, »und die werden, genau wie die kleinen Fische auch, ganz gewiss nicht Aufmerksamkeit auf sich lenken. Ich will ja nicht vorschlagen, dass wir die einfach vergessen, Gerald, aber jetzt stell dir doch mal vor, in was für einem Schlamassel die stecken! Die haben, als Colin Anu erledigt hat, den Mann verloren, der die Hand schützend über sie gehalten hat, und wie Horus und ich schon erwähnt haben: Wir haben die gesamte Gesellschaft der Erde auf den Kopf gestellt. Anus Anhänger dürften wahrscheinlich reichlich von dem Einfluss verloren haben, den sie innerhalb der alten Machtstrukturen noch besessen haben. Selbst die, die jetzt nicht völlig im Regen stehen, können nur noch mit ihren eigenen Ressourcen arbeiten, und die werden ganz bestimmt nichts unternehmen, was uns irgendwie auf ihre früheren Beziehungen zu Anu schließen ließe.«

»Was Admiralin MacMahan sagt, ist zutreffend«, meldete sich jetzt Dahak wieder zu Wort. »Ich will damit nicht die Behauptung aufstellen, sie könnten nie wieder eine Bedrohung oder Belästigung darstellen – tatsächlich zeigt die Tatsache, dass sie wissentlich Anu gedient haben, dass sie nicht nur über kriminelle Energie in hohem Ausmaße verfügen, sondern auch über Ehrgeiz und fachliches Geschick. Aber sie befinden sich nicht mehr innerhalb einer sie stützenden Struktur. Ohne das Monopol auf imperiale Technologie, das in den letzten Jahrtausenden bei Anu gelegen hat, sind sie nur noch einfache Kriminelle. Während es töricht wäre, davon auszugehen, sie seien außerstande, erneut eine sie stützende Struktur zu etablieren, oder die Suche nach ihnen endgültig aufzugeben, stellen sie keine inhärent größere Bedrohung dar als jede andere Gruppe skrupelloser Individuen auch. Ferner sollte zur Kenntnis genommen werden, dass sie auf einer Aktivistenzellen-Basis organisiert waren, was vermuten lässt, dass die Angehörigen einer Zelle lediglich weitere Mitglieder der gleichen Zelle kennen dürften. Konzertiertes Handeln ihrerseits in größerer Zahl erscheint daher unwahrscheinlich.«

»Pah!« Hatcher stieß ein skeptisches Grunzen aus, dann zwang er sich dazu, sich wieder zu entspannen. »Also gut, was das angeht, hast du meines Erachtens Recht. Aber es macht mich dennoch nervös zu wissen, dass überhaupt noch welche von Anus Spießgesellen frei herumlaufen!«

»Mir geht’s genauso«, bemerkte Colin, und Jiltanith neben ihm nickte schweigend. »Andererseits klingt es für mich ganz so, als wären du, Dahak und Gus der Lage voll und ganz gewachsen, ’Hursag. Sorg dafür, dass es so bleibt, und sorg auch dafür, dass ich erfahre, sollte sich diesbezüglich irgendetwas – und ich meine hier wirklich irgendetwas! – ändern!«

»Selbstverständlich«, antwortete Ninhursag leise. »In der Zwischenzeit liegt, so scheint es mir, das größte Gefahrenpotenzial in drei Bereichen. Zum einen im Unmut der Dritten Welt, den Horus bereits erwähnt hat. Viele der dortigen Bewohner sehen im Imperium immer noch eine Spielart des westlichen Imperialismus. Selbst einige von denen, die tatsächlich glauben, dass wir hier unser Bestes geben, um alle fair zu behandeln, können nicht einfach darüber hinwegsehen, dass wir ihnen unsere Ideen und unsere Regierungsgewalt aufgezwungen haben. Ich gehe davon aus, dass sich dieses spezielle Problem mit der Zeit gibt, aber wir werden wohl noch viele, viele Jahre daran zu knabbern haben.

Zweitens haben wir da die Leute aus den Industrienationen, die miterlebt haben, wie ihre Positionen in den alten Machtgefügen einfach weggebrochen sind. Manche von denen sind schon zu einer richtigen Plage geworden, wie die alten Gewerkschaften, die immer noch gegen unsere ›Arbeitsplätze vernichtende neue Technologie‹ kämpfen. Aber auch hier glaube ich, dass die Masse der Individuen aus dieser Gruppe – zumindest in der nachfolgenden Generation – sich irgendwann daran gewöhnen wird.

Den dritten und in mancherlei Hinsicht unangenehmsten Faktor stellen die religiösen Fanatiker dar.« Unglücklich runzelte Ninhursag die Stirn. »Ich verstehe diese Anhänger-des-wahren-Glaubens-Mentalität nicht gut genug, um selbstbewusst damit umgehen zu können, und da draußen gibt es jede Menge Anhänger des Wahren Glaubens. Und nicht nur in den verschiedenen radikal-islamischen Blöcken. Im Augenblick sehe ich da noch keine klaren Anzeichen für eine Organisation – von dieser ›Kirche des Armageddon‹ mal abgesehen. Aber es ist verdammt schwer, mit jemandem zu diskutieren, der fest davon überzeugt ist, Gott sei auf seiner Seite. Diese Gruppe stellt allerdings immer noch keine echte Bedrohung dar, solange die nicht zu irgendetwas Größerem, deutlich Unschönerem fusionieren … und da die Magna Charta Religionsfreiheit garantiert, können wir nicht viel dagegen tun, solange die nicht etwas unternehmen, was unverkennbar Hochverrat gleichkommt oder anders das Gesetz bricht.«

Sie schwieg einen Augenblick, in dem sie über das nachdachte, was sie bisher gesagt hatte, und zuckte dann mit den Achseln.

»So ungefähr sieht es im Augenblick aus. Viel Radau, aber bisher keine deutlichen Anzeichen einer echten Gefahr. Wir halten die Augen offen, aber in den meisten Fällen wird es einfach nur eine Zeit lang dauern, bis sich die Spannungen abbauen.«

»Okay.« Colin lehnte sich zurück und blickte sich um. »Haben wir sonst noch etwas, was wir dringend besprechen müssten?« Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort, und er stand auf. »Wenn das so ist, sollten wir mal nachschauen, was die Kinder wieder angestellt haben!«

Mehr als achthundert Lichtjahre von Birhat entfernt drehte ein Mann seinen Sessel zum Fenster und schaute blicklos, aber doch konzentriert hinaus. Sein Blick galt nicht dem atemberaubenden Panorama, sondern etwas, das weit jenseits dieses Anblicks lag.

Unter leisem Knarren schaukelte er den altmodischen Drehstuhl vor und zurück und legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander, tippte sich mit den Zeigefingern immer wieder gegen das Kinn, während er über die Veränderungen nachdachte, die seine Welt durchgemacht hatte … und all die anderen Veränderungen, die er in deren Kielwasser noch in die Tat umzusetzen vorschlug. Es hatte fast zehn Jahre gedauert, den Posten zu bekommen, den er dafür bekleiden musste. Er hatte es jedoch erreicht, so weit aufzusteigen – allerdings nicht, das gab er unumwunden zu, ohne die Hilfe des Imperators persönlich in Anspruch genommen zu haben. Nun allerdings konnte das Spiel bald beginnen.

An sich war am Konzept eines Imperiums ja nichts Falsches, gab er zu, noch nicht einmal am Konzept eines Imperators für die gesamte Menschheit. Irgendjemand musste die Menschheit ja schließlich dazu bringen, endlich zusammenzuarbeiten, allen traditionellen Unterschieden zum Trotz, und er, der Mann, der hier in diesem Drehstuhl saß und die Aussicht zu bewundern schien, gab sich keinerlei Illusionen hin, was seine eigene Spezies betraf. Selbst wenn sie noch so sehr voller guter Absichten waren (angenommen, so etwas wie ›gute Absichten‹ gab es überhaupt – er fühlte sich nicht genötigt, solche der Menschheit überhaupt zuzugestehen), hatten doch nur die wenigsten dieser wimmelnden Milliarden von Erdbewohnern auch nur den Hauch einer Ahnung davon, wie man einen demokratischen Weltstaat von Grund auf errichtete. Und selbst wenn sie einen solchen demokratischen Weltstaat aus eigener Kraft bereits in die Tat umgesetzt hätten, standen Demokratien auf der Erde doch allgemein in dem wenig schmeichelhaften Ruf, Probleme, die keine unmittelbar erkennbare Tragweite besaßen, stets nur sehr kurzsichtig anzugehen: Und die Aufgabe, die Achuultani endgültig vernichtend zu schlagen, würde Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Nein, mit einer Demokratie würde das niemals funktionieren! Natürlich war der Mann im Drehstuhl dieser Regierungsform ohnehin niemals sonderlich zugeneigt gewesen, sonst hätte Kirinal ihn ja kaum angeheuert, oder nicht?

Nicht, dass seine eigene Meinung zu demokratischen Regierungen von irgendeiner Bedeutung gewesen wäre, denn eines war ganz deutlich: Colin I. hatte die Absicht, von seinem Vorrecht der Direktregierung Gebrauch zu machen und so die zentrale Autorität darzustellen, die die Menschheit im Moment dringend benötigte. Und, so sinnierte der Mann im Drehsessel, Seine Majestät leistete da ausgezeichnete Arbeit! Höchstwahrscheinlich war er der beliebteste Regent oder Staatschef in der Geschichte der Menschheit. Und dann durfte auf keinen Fall diese eine Kleinigkeit außer Acht gelassen werden, nämlich, dass die Streitkräfte des Fünften Imperiums ihrem Imperator und ihrer Imperatorin zutiefst loyal gegenüber waren – man könnte fast sagen: fanatisch loyal.

Und all das zusammen, gab der Mann in dem Sessel zu, machte die Lage recht kompliziert. Aber wenn das Spiel einfach gewesen wäre, dann hätte ja jeder mitspielen können, und wie unangenehm das dann geworden wäre, war kaum vorstellbar!

Leise lachte der Mann in sich hinein, schaukelte sanft vor und zurück und lauschte dem leisen, fast melodischen Knarren des Sessels. Eigentlich bewunderte er den Imperator. Wie viele Menschen wären schon in der Lage gewesen, ein Imperium wiederzuerwecken, das zusammen mit seiner gesamten Bevölkerung vor mehr als fünfundvierzigtausend Jahren den Tod gefunden hatte, und sich dann auch noch zu dessen Regenten krönen zu lassen? Das war wirklich eine Leistung stellaren Ausmaßes, welche Vorteile seine militärische Ausbildung Colin MacIntyre dabei auch gebracht haben mochten. Und davor hatte der Mann in dem Sessel tiefen Respekt.

Bedauerlicherweise konnte es nur einen Imperator geben. Wie tüchtig dieser auch sein mochte, wie entschlossen, wie geschickt, es konnte nur einen Imperator geben … und das war nicht der Mann, der hier in diesem Sessel saß.

Oder, so korrigierte eben jener Mann sich mit einem kleinen Lächeln, noch nicht.

Kapitel Zwei

»Bist du fertig, Horus?«

Der Planetar-Herzog von Terra blickte auf und verzog das Gesicht, als Lawrence Jefferson sein Büro betrat.

»Nein«, entgegnete er säuerlich und ließ einen Datenchip in das Sicherheitsfach seines Schreibtischs fallen. »Aber besser als jetzt wird es mit dem ›Fertigsein‹ im ganzen nächsten Jahrzehnt nicht mehr, also können wir genauso gut auch jetzt los! Schließlich feiern meine Enkelkinder nicht jeden Tag ihren zwölften Geburtstag, und der ist nun wirklich wichtiger als das hier.«

Jefferson lachte, während Horus sich erhob und seinem Schreibtisch-Computer die Anweisung erteilte, das Sicherheitsfach zu verriegeln, und ein Lächeln spielte um die Lippen des alten Mannes. Er warf einen Blick auf Jeffersons Aktentasche.

»Ich sehe schon, du vergisst deine Hausaufgaben nicht zu Hause.«

»Ich gehe ja auch nicht auf diese Party. Außerdem sind das gar nicht ›meine‹ Hausaufgaben – das ist die Kopie von Gus’ Bericht über diese Anti-Narhani-Demonstration, die ich an Admiral MacMahan weiterleiten muss.«

»Oh.« Horus klang exakt so angewidert, wie er sich fühlte. »Weißt du, ich habe es inzwischen gelernt, mit Vorurteilen umzugehen. Wir alle leiden darunter, zumindest in einem gewissen Ausmaß, aber diese Anti-Narhani-Sache, das ist doch schlichte, altmodische Bigotterie!«

»Das ist wohl wahr, aber der Unterschied zwischen Vorurteilen und Bigotterie liegt üblicherweise in der Dummheit. Die Lösung dazu heißt: Aufklärung. Die Narhani sind auf unserer Seite; das müssen wir diesen Idioten nur endlich klarmachen.«

»Ich habe das dumpfe Gefühl, sie wären nicht begeistert davon, mit welchen Namen du sie belegst.«

»Ich nenne sie so, wie ich es für angemessen halte.« Jefferson grinste. »Außerdem bist du der Einzige hier, der das gehört hat. Und wenn das irgendwie an die Presse gelangt, dann weiß ich ja, wem ich das zu verdanken habe.«

»Das werde ich mir merken.« Über seinen Neuralzugang fuhr Horus seinen Computer herunter, dann schlenderten die beiden gemeinsam aus seinem Büro, und zwei bewaffnete Marines, als Wachen zu ihrem Schutz abgestellt, nahmen sofort Haltung an. Ihre Anwesenheit hier war eine reine Formalität, doch die beiden Angehörigen des Marine-Korps, das unter dem Kommando von Hector MacMahan stand, nahmen ihre Pflichten äußerst ernst. Außerdem war Horus schließlich der Ur-ur-ur-usw.-Großvater ihres Kommandanten.

Mit dem altmodischen Fahrstuhl gelangten die beiden Männer ins Erdgeschoss. Der White Tower im alten Shepherd Center der NASA hatte die gesamte Belagerung über Horus als Hauptquartier gedient, und der Gouverneur hatte sich sämtlichen Versuchen gegenüber gesperrt, sein Hauptquartier aus Colorado weg woandershin zu verlegen. Argumentiert hatte er damit, das Shepherd Center habe noch nie irgendeiner Nation als Hauptstadt gedient, und diese Tatsache werde nationalistisch bedingte Eifersüchteleien entschärfen. Außerdem mochte er das Klima in Colorado.

Horus und Jefferson überquerten den großen, freien Platz, der vor dem White Tower lag, und gingen zum Mat-Trans-Terminal hinüber. Jefferson war dankbar, seine biotechnischen Erweiterungen erhalten zu haben, als er sah, dass sein Atem kleine Wölkchen vor seinen Lippen entstehen ließ. Er gehörte nicht dem Militär an; deswegen hatte er nicht den vollständigen Erweiterungssatz erhalten, der etwa Horus die zehnfache Stärke eines normalen Menschen verlieh. Aber die Erweiterungen, die er erhalten hatte, reichten aus, um Temperaturen, die unter dem Gefrierpunkt lagen, deutlich leichter überstehen zu können. Und das war recht praktisch, denn die Erde hatte sich noch nicht ganz von der Mini-Eiszeit erholt, die eine Folgeerscheinung der Bombardierung während der Belagerung gewesen war.

Während Horus und Jefferson zu ihrem Ziel hinüberspazierten, plauderten sie zwanglos miteinander, genossen diesen Augenblick echter Privatsphäre, und doch verwirrte es Jefferson immer noch ein wenig, dass sie nicht von Leibwächtern begleitet wurden. Er war auf einem Planeten aufgewachsen, auf dem Terrorismus die bevorzugte ›Protestform‹ der Habenichts-Nationen darstellte, und der Bericht, den er in seiner Aktentasche mit sich führte, war ein Beweis dafür, dass sein Heimatplanet vor Unmut geradezu überschäumte, während er auf technologischem Gebiet einen Quantensprung vollführte, der ihn neun oder zehn Jahrtausende vorantrieb. Und doch war gegen den Gouverneur der Erde gerichtete Gewalt praktisch unvorstellbar. Horus hatte die Völker der Erde nicht nur durch das Blutbad dieser Belagerung angeführt, er war auch noch der Vater ihrer geliebten Imperatorin, und nur ein ausgewählt dummer Verrückter würde versuchen, ausgerechnet ihn anzugreifen, um auf diese Weise irgendein obskures politisches Ziel zum Ausdruck bringen zu wollen.

Nicht, dass es, so sinnierte Jefferson, in der Geschichte nicht vor dummen Verrückten nur so gewimmelt hätte!

Sie betraten die Mat-Trans-Anlagen, und Jefferson spürte, wie er sich innerlich verspannte. Die Anlagen sahen nun wirklich nicht besonders beeindruckend aus – vor ihnen lag nur eine mit einem Geländer abgesicherte Plattform von zwanzig Metern Breite. Daran zu denken allerdings, was diese Anlage hier konnte, reichte aus, um dieses hell erleuchtete Podest in etwas zu verwandeln, was den primitiven Baumbewohner, der immer noch irgendwo tief im Innersten des Vizegouverneurs verborgen war, schaudern ließ.

Er verlangsamte seinen Schritt, und Horus grinste ihn an.

»Jetzt nimm es nicht so schwer! Und glaub bloß nicht, du wärst der Einzige, dem das hier Angst einjagt!«

Jefferson brachte ein Nicken zustande, als sie auf die Plattform traten, und die Bioscanner, deren Einbau in jede Mat-Trans-Station Colin MacIntyre angeordnet hatte, überprüften sie ausgiebig. Das Mat-Trans-System war zum Scharfrichter des Vierten Imperialats geworden: Es war zum Überträger geworden, durch den der außer Kontrolle geratene biologische Kampfstoff Welten hatte infizieren können, die Hunderte von Lichtjahren voneinander entfernt lagen, und Colin hatte nicht die Absicht, zuzulassen, dass dieser spezielle Ausschnitt der Geschichte sich jemals wiederholte.

Doch die Scanner ließen sie passieren, und Jefferson umklammerte mit einer schweißnassen Hand seine Aktentasche und versuchte nach Kräften unbekümmert zu wirken, als die schweren Kondensatoren aufheulten. Der Energieverbrauch des Mat-Trans-Systems war ungeheuerlich, selbst nach den Maßstäben des Imperiums, und es dauerte fast zwanzig Minuten, um die Spitzenlast zu erreichen. Dann blitzte ein Licht auf … und Horus und Lawrence Jefferson traten von einer anderen Plattform herunter – auf dem Planeten Birhat, achthundert Lichtjahre von der Erde entfernt.

Das, was das Ganze so verdammt erschreckend macht, dachte Jefferson, als er den Mat-Trans-Empfänger dankbar hinter sich ließ, ist, dass man gar nichts spürt. Überhaupt nichts. Das ist einfach widernatürlich … und wow, was für ein Gedanke bei einem, dessen Körper selbst mit Sensoren und Neuralboostern vollgestopft ist!

»Hallo, Grandpa!« Jefferson blickte auf, als General MacMahan Horus die Hand entgegenstreckte und sich dann zu Jefferson umwandte, um auch ihn zu begrüßen. »Colin hat mich gebeten, euch in Empfang zu nehmen. Er hat im Palast noch irgendwas zu erledigen.«

»Was denn?«, fragte Horus nach.

»Das weiß ich nicht genau, aber er klang ein bisschen gestresst. Ich glaube …«, Hector grinste spitzbübisch, »… dass es irgendetwas mit Cohanna zu tun hat.«

»Oh, beim Schöpfer! Was hat sie denn jetzt schon wieder angestellt?«

»Keine Ahnung. Kommt jetzt, der Transport wartet schon auf uns!«

»Verdammt noch mal, ’Hanna!« Vor seinem schlichten, zweckmäßigen Schreibtisch, von dem aus er ein ganzes Imperium regierte, ging Colin unruhig auf und ab und zupfte sich dabei an der Nasenspitze – eine Geste, die seine Untergebenen nur zu gut kannten. »Ich habe dir immer und immer wieder gesagt, du kannst nicht einfach jedem Gedanken hinterherjagen, bloß weil er dir gerade durch den Kopf schießt!«

»Aber Colin …«, setzte Cohanna an.

»Komm mir jetzt nicht mit ›Aber Colin‹! Habe ich dir gesagt, du sollst das nächste Gen-Experiment mit mir absprechen, bevor du damit anfängst, oder habe ich dir das nicht gesagt?!«

»Na, natürlich hast du das gemacht. Und ich habe es mit dir abgesprochen«, fügte Freifrau Cohanna, Imperiale Ministerin für Biowissenschaften, sanft hinzu.

»Du hast was?!« Ungläubig wirbelte Colin zu ihr herum.

»Ich habe es mit dir abgesprochen. Ich habe genau hier in diesem Büro gesessen, zusammen mit Brashieel, und habe dir erzählt, was ich als Nächstes tun werde.«

»Du …« Colin wandte sich an den saurierartig aussehenden, reitpferdgroßen Zentauroiden mit der lang gezogenen Schnauze, der mit untergeschlagenen Beinen auf einem Teppich saß, und der Nichtmensch erwiderte seinen Blick mit seinen großen, sanftmütig wirkenden, von doppelten Lidern geschützten Augen. »Brashieel, kannst du dich daran erinnern, dass sie irgendetwas in dieser Art getan hat?«

»Ja«, erwiderte Brashieel ruhig mit Hilfe des kleinen schwarzen Kästchens, das an einem Gurt seiner Panzerung befestigt war. Sein Stimmapparat war für die Sprache der Menschen nicht sonderlich gut ausgestattet, doch er hatte es gelernt, mit Hilfe der Bass-Stimme, die aus seinem über einen Neuralzugang gespeisten Sprachmodulator drang, nicht nur Worte, sondern sogar Emotionen zu übermitteln.

Colin atmete tief ein, dann setzte er sich auf die Kante seines Schreibtisches und verschränkte die Arme vor der Brust. Brashieel machte nur selten Fehler, und Cohannas triumphierender Gesichtsausdruck gab Colin das unangenehme Gefühl, dass sie es bestimmt erwähnt hatte. Oder zumindest irgendetwas dazu gesagt.

»Also gut«, seufzte er. »Was genau hat sie denn gesagt, als sie es mir erzählt hat?«

Brashieel schloss die inneren Augenlider, um sich besser konzentrieren zu können, und Colin wartete geduldig ab. Allein schon die Tatsache, dass dieses fremdartige Wesen sich hier aufhielt, reichte aus, um einige Angehörige der Menschheit in Schreikrämpfe ausbrechen zu lassen – was Colin durchaus nachzuempfinden vermochte, auch wenn er die Einstellung dieser Angehörigen seiner eigenen Spezies zu diesem Thema ablehnte. Denn Brashieel war nun einmal ein Achuultani. Und was noch schlimmer war: Er war der einzige Überlebende jener Flotte, die nur noch wenige Stunden davon entfernt gewesen war, den gesamten Planeten Erde zu zerstören. Allerdings war er auch das fremdartige Wesen‹, das sich als geborener Anführer für die Kriegsgefangenen herausgestellt hatte, die Colin gemacht hatte, nachdem der eigentliche Angriff der Achuultani abgewehrt war. Und die meisten dieser Gefangenen – nicht alle, aber die meisten – waren sogar noch begieriger darauf, den Rest der Achuultani vernichtend zu schlagen, als das bei der Menschheit der Fall war.

Achtundsiebzig Millionen Jahre hatte das Volk vom Nest der Aku’Ultan die Galaxis durchstöbert, hatte jede vernunftbegabte Spezies ausgerottet, die sie gefunden hatte. Von all ihren Opfern hatte nur die Menschheit überlebt – nicht nur einmal, sondern drei Mal, was ihnen bei den Achuultani den Namen ›dämonische Nestmörder‹ eingebracht hatte. Doch Brashieel und seine Gefährten wussten etwas, das dem Rest ihrer Spezies noch unbekannt war. Sie wussten nämlich, dass ihre gesamte Spezies von einem selbst-bewussten Computer versklavt worden war, der diese endlose Serie von Morden an Spezies, die den Achuultani nicht im Geringsten schaden wollten, nur dazu nutzte, weiterhin den ›Kriegszustand‹ aufrechtzuerhalten, der ausgerufen sein musste, um diese Tyrannei zu rechtfertigen.

Nicht alle Menschen waren bereit, den Aussagen der Achuultani Glauben zu schenken, und deswegen hatte Colin den Planeten Narhan denjenigen unter den Achuultani zur Verfügung gestellt, die imperiale Bürgerrechte erbeten hatten. Narhan war aus einem ganz einfachen Grund der furchtbaren Wirkung des außer Kontrolle geratenen Biokampfstoffes entgangen: Niemand lebte dort, denn das Schwerefeld des Planeten, immerhin 2.67 Standard-G, sorgte auf Meereshöhe für eine so dichte Atmosphäre, dass sie für nicht biotechnisch erweiterte Menschen tödlich war. Selbst für die Achuultani-Lungen war die Luft ein wenig arg dicht, und der Planet lag auch recht unpraktisch – er war weit genug von Birhat entfernt, dass Reisende, die über Mat-Trans den Regierungsplaneten erreichen wollten, erst Zwischenstation auf der Erde machen mussten. Doch die Siedler waren der rauen Schönheit des Planeten erlegen, als sie sich daran gemacht hatten, ihr neues Nest von Narhan zu bauen – als treue Untertanen ihres menschlichen Oberherrn, auf einer Welt, die weit genug von hysterischen Xenophobikern entfernt lag.

»Cohanna hatte über ihren Fortschritt bei dem Versuch berichtet, mit Hilfe von Gentechnik Narhani-Weibchen zu reproduzieren«, berichtete Brashieel schließlich. Der außer Kontrolle geratene Computer, der die Achuultani tyrannisierte, hatte jegliche sexuelle Reproduktion unterbunden, indem er sämtliche Achuultani-Weibchen vernichtet hatte. Alle existierenden Achuultani waren männlichen Geschlechts: Entweder handelte es sich um einen Klon oder um einen durch in-vitro-Befruchtung erzeugten Embryo. »Danach ist sie zu ihrer Überlegung übergegangen, man könne unsere Lebenszeit soweit ausdehnen, dass sie sich eher an die der Menschen anpasst.«

Colin nickte. Die Achuultani – die ›Narhani‹, verbesserte er sich in Gedanken – waren größer und sehr viel kräftiger als die Menschen. Sie wuchsen auch sehr viel schneller heran, doch ihre normale Lebenszeit lag bei kaum mehr als fünfzig Jahren. Biotechnische Erweiterungen, die sämtliche ausgewachsenen Narhani nach ihrem Treueeid erhalten hatten, nachdem Cohanna sich erst einmal mit deren fremdartiger Physiologie hatte vertraut machen können, hatte diese Lebensspanne auf fast dreihundert Jahre ausgedehnt. Das allerdings war immer noch sehr viel weniger als bei einem entsprechend erweiterten Menschen.

Die Lebensdauer der Narhani auszudehnen stellte natürlich eine Herausforderung dar, doch anders als die Menschen hatten die Narhani keinerlei Vorbehalte gegen die Biotechnologie. Sie sahen darin eine alltägliche Notwendigkeit angesichts ihrer eigenen Geschichte und auch angesichts der Tatsache, dass Jiltaniths auf Terra geborene Schwester Isis in den letzten Jahren mehrere geklonte Kinder zur Welt gebracht hatte. Die Möglichkeit, wieder Weibchen ihrer Spezies zu reproduzieren, festigte diese Einstellung nur noch.

»Wir haben über die praktischen Aspekte gesprochen«, fuhr Brashieel fort, »und ich habe Tinkerbell erwähnt.«

»Ich weiß, dass du das getan hast, aber ich habe dem doch sicherlich nicht zugestimmt.«

»Ich fürchte, ich muss widersprechen«, sagte Brashieel, und Colin legte die Stirn in Falten.

Hector MacMahans große, fröhliche Hündin Tinkerbell, halb Labrador, halb Rottweiler, war in die Narhani regelrecht vernarrt. Das amüsierte Colin immens, schließlich war es in jedem schlechten Science-Fiction-Film immer so, dass die Hunde die ›außerirdische Bedrohung‹ immer gleich auf den ersten Blick hassten. Für die Narhani war es noch viel amüsanter. Im Nest von Aku’Ultan gab es nichts, was auch nur ansatzweise mit der Hündin vergleichbar gewesen wäre – tatsächlich war einer der Aspekte des Nests, der es so besonders fremdartig machte, die Tatsache, dass es in keinerlei Form so etwas wie Haustiere gab –, und sie waren von Tinkerbell immens fasziniert. Fast jeder Narhani hatte sich in kürzester Zeit einen eigenen Hund angeschafft, doch ebenso wie alle anderen terrestrischen Tiere auch konnten Hunde auf Narhan nicht überleben, und die Narhani hingen doch sehr an ihren vierpfotigen Freunden.

»Also gut, hör zu: Ich weiß, dass ich eingeschränkte Bioerweiterungen gestattet hatte, damit ihr eure Hunde mitnehmen könnt. Aber ich habe nie an irgendetwas in dieser Größenordnung gedacht!«

»Ich kann natürlich nicht wissen, an was du zu diesem Zeitpunkt gedacht hast, aber das Thema wurde angesprochen.« Colin biss die Zähne zusammen. Die Narhani waren ebenso intelligent wie die Menschen, dabei aber weniger fantasiebegabt, und sie nahmen alles sehr viel wörtlicher. »Cohanna hat darauf hingewiesen, dass gentechnische Verfahren es ihr ermöglichen würden, Hunde zu züchten, die keine Erweiterungen benötigen würden, und dem hast du zugestimmt. Dann hat sie dich an Dahaks Erfolg beim Versuch, mit Tinkerbell zu kommunizieren, erinnert und vorgeschlagen, dass auch die Möglichkeit für deutlich komplexere Kommunikationen geboten werde.«

Colin öffnete den Mund, ließ ihn dann aber hörbar wieder zuschnappen, als er seine eigenen Erinnerungen an das betreffende Gespräch abrief. Sie hatte es erwähnt, und er hatte zugestimmt. Aber, verdammt noch mal, sie hätte doch wissen müssen, was er gemeint hatte!

Er schloss die Augen und zählte bis fünfhundert. Dahak hatte schon seit Jahren darauf beharrt, dass Tinkerbells Bellen, Knurren und Jaulen deutlich mehr Informationen enthielte, als die Menschen zu glauben bereit seien, und er hatte auf einer Analyse ihrer Laute bestanden, bis er seine Behauptung auch belegen könne. Hunde waren keine Geistesriesen. Ihre kognitiven Fähigkeiten waren sehr eingeschränkt, und eine Befähigung, mit Symbolen umzugehen, war praktisch nicht existent – doch sie hatten deutlich mehr zu sagen, als die Menschheit immer gedacht hatte.

»Also gut«, sagte Colin schließlich, öffnete wieder die Augen und blickte Cohanna finster an, die seinen Blick seelenruhig und unschuldig erwiderte. »Also gut. Ich gebe zu, dass das Thema angeschnitten wurde, aber du hast mir nicht gesagt, dass dir so etwas vorschwebte!«

»Bloß weil ich dachte, das verstünde sich von selbst«, erwiderte sie, und Colin verkniff sich eine äußerst scharfe Bemerkung. Manchmal wurde er das Gefühl nicht los, die Jahrtausende, die Cohanna in Stasis verbracht hatte, hätten irgendwie ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Jedoch kannte er auch Terrageborene, die genauso waren. Cohanna war brillant und in höchstem Maße neugierig, und Kleinigkeiten wie politische Umfeldbedingungen, Kriege und in nächster Nähe detonierende Supernovas waren völlig unbedeutend im Vergleich zu ihrem jeweils aktuellen Projekt – was immer das auch gerade sein mochte.

»Schau mal«, versuchte er es erneut. »Ich habe hier mehrere Millionen Terrageborene, die einfache Biotechnik zutiefst erschreckend finden, ’Hanna.« Angesichts derartig rückständiger Ignoranz rümpfte Cohanna die Nase, und Colin seufzte. »Also schön, die haben alle Unrecht. Aber das ändert auch nichts daran, wie sie zu solchen Dingen stehen und was sie fühlen. Und wenn das sie schon so aufregt, wie werden die dann wohl auf deinen Vorschlag reagieren, in die natürliche Abfolge der Evolution einzugreifen?«

»Die Evolution«, gab sie zurück, »ist ein völlig vernunftloser, rein statistisch ablaufender Prozess, der nichts anderes versinnbildlicht als den unbedingten Erhalt rein zufällig entstandener Lebensformen innerhalb einer ihr Überleben ermöglichenden Umgebung.«

»Bitte sag so etwas nicht!« Colin fuhr sich durch die Haare und mühte sich nach Kräften, nicht allzu gequält zu wirken. »Vielleicht hast du ja Recht, aber es gibt viel zu viele Terrageborene, die in der Evolution irgendwie Gottes Plan für das Universum sehen. Und selbst die, denen es vielleicht nicht so geht, wachen mitten in der Nacht schreiend auf, weil sie an den biologischen Kampfstoff denken!«

»Barbaren!«, schnaubte Cohanna verächtlich, und Colin seufzte.

»Ich sollte dir eigentlich den Befehl erteilen, sie zu vernichten«, murmelte er, doch er scheute sich davor, es noch einmal auszusprechen, als er sah, wie offene Rebellion in ihrem Blick zu lesen stand. »Also gut, das werd’ ich nicht machen. Nicht sofort zumindest. Aber bevor ich dir verspreche, dass ich das überhaupt nicht tun werde, möchte ich sie mit eigenen Augen sehen. Und du wirst keine weiteren Gentechnik-Experimente außerhalb von Petrischalen durchführen, ohne meine ausdrückliche – und schriftlich vorliegende! – Genehmigung. Hast du das verstanden?«

Die Wissenschaftlerin nickte kühl, und Colin trat um seinen Schreibtisch herum und ließ sich in seinen Sessel fallen. »Gut. In zehn Minuten habe ich jetzt eine Besprechung mit Horus und Vizegouverneur Jefferson, also werden wir hier zu einem Ende kommen müssen. Aber bevor das passiert: Gibt es noch irgendwelche Probleme – oder überraschende Entwicklungen – bei Projekt Genesis?«

»Nein.« Cohannas Rückgrat entspannte sich sichtlich. Das ist bei ihr wirklich bemerkenswert, sinnierte Colin: Sie konnte unglaublich unbeherrscht sein, wenn man ihr auf die Füße trat, aber sie erholte sich auch schnell wieder. »Aber«, fügte sie dann spitzzüngig hinzu, »ich bin ein wenig überrascht, dass du dich gar nicht gegen diesen Namen wehrst.«

»Ich wünschte, ich hätte darüber nachgedacht, als Isis ihn vorgeschlagen hat, aber das habe ich nicht. Und wir verwenden ihn ohnehin nur intern, und sämtliche Berichte dazu sind geheim, also rechne ich nicht damit, dass sich irgendjemand darüber aufregen wird.«

»Hmpf!«, schniefte Cohanna, dann grinste sie schief. »Naja, das ist ja sowieso eher ihr Projekt als meines, also sollte ich mich vielleicht nicht beschweren! Außerdem sollten wir sowieso innerhalb des nächsten Jahres bereit sein.«

»So früh schon?« Colin war beeindruckt, und nun reckte er den Hals, um Brashieel anschauen zu können. »Wie denken denn deine Leute darüber, Brashieel?«

»Sie sind neugierig«, gab der Nichtmensch zurück, »und vielleicht auch ein wenig verängstigt. Schließlich ist das gesamte Konzept von Frauen für uns immer noch neuartig und befremdlich, und die Vorstellung, Nestlinge mit einem Nestgefährten zu zeugen, ist … absonderlich. Aber die meisten von uns sind sehr begierig zu erfahren, wie sie wohl sein werden. Ich selbst erwarte das mit großem Interesse, auch wenn ich voll und ganz zufrieden bin, wie sich Brashan entwickelt hat.«

»Klar, da darfst du mit Recht behaupten, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt.« Brashieel, der einer Spezies entstammte, die in ihrer Sprache weder Sprichwörter noch Wortspielereien kannte, schaute ihn verständnislos an, doch Cohanna verzog das Gesicht, und Colin grinste. »Okay, das muss dann erst einmal reichen.« Seine Gäste erhoben sich, und er drohte Cohanna nur halb spielerisch mit dem Finger. »Aber das, was ich da über Experimente gesagt habe, das meine ich auch wirklich so, ’Hanna! Ich möchte sie persönlich sehen!«

»Verstanden«, bestätigte die Wissenschaftlerin. Gemeinsam mit Brashieel verließ sie das Büro, blieb vor dem Eingang nur kurz stehen, um beim Hinausgehen Horus, Hector und Jefferson zu grüßen, und Colin lehnte sich mit einem schweren Seufzer in seinem Sessel zurück. Großer Gott! Wenn man die fantasielose Nüchternheit der Narhani mit der unbezähmbaren Neugier einer Cohanna kombinierte, dann schrie das doch regelrecht nach Schwierigkeiten! Er musste sie unbedingt besser im Auge behalten.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie sein Schwiegervater angelegentlich den Teppich untersuchte. Mit einer gehobenen Augenbraue erbat Colin eine Erklärung, und Horus lachte leise.

»Ich wollte nur mal schauen, wie hoch das Blut hier steht.«

»Du hast ja keine Ahnung, wie Recht du hast«, grollte Colin. »Herrgott noch mal! Nachdem ich ihr schon so oft zu diesem Thema eine Predigt gehalten habe …!« Er stand auf, um Horus zu umarmen, dann streckte er Jefferson die Hand entgegen. »Es freut mich, Sie wiederzusehen, Mister Jefferson.«

»Ich danke Ihnen, Euer Majestät. Sie würden mich öfter zu Gesicht bekommen, wenn ich nicht mit Hilfe von Mat-Trans hierher würde reisen müssen.« Das Zittern, das seinen Körper durchlief, war offensichtlich nur halb gespielt, und Colin lachte.

»Ich weiß. Als ich zum ersten Mal einen Transitschacht benutzt habe, hätte ich mir fast in die Hose gemacht, und Mat-Trans ist schlimmer.«

»Dafür effizient«, erwiderte der untersetzte, braunhaarige Vizegouverneur und lächelte schwach. »Äußerst effizient – verdammt noch eins!«

»Verdammt richtig!«

»Sag mal, Colin, was hat ’Hanna denn jetzt schon wieder angestellt?«, fragte Horus nun.

»Sie …« Colin hielt inne, dann zuckte er mit den Schultern. »Selbstverständlich bleibt das alles unter uns, also kann ich es wohl auch erzählen. Ihr wisst, dass sie für Narhan Hunde gentechnisch modifizieren will?« Seine Gäste nickten. »Naja, sie ist da ein bisschen weiter gegangen, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Sie hat ein paar Welpen aus Tinkerbells Würfen dazu genutzt, denen fast menschliche Intelligenz zu geben.«

»Was?!« Horus blinzelte ihn erstaunt an. »Ich dachte, du hättest ihr gesagt, sie solle …«

»Habe ich auch. Bedauerlicherweise hat sie mir gesagt, sie wolle ›ihre Fähigkeit, mit den Narhani zu kommunizieren‹ steigern, und ich habe ihr gesagt, sie solle ruhig weitermachen.« Er verzog das Gesicht. »Ganz schön blöd von mir!«

»Oh, beim Schöpfer!«, stöhnte Horus. »Warum kann sie nicht wenigstens halb so viel gesunden Menschenverstand haben wie Intelligenz?«

»Weil sie dann nicht mehr Cohanna wäre«, grinste Colin, dann wurde er wieder ernst. »Das Schlimmste ist, dass der erste Wurf jetzt fast ausgewachsen ist, und sie hat sie mit Hilfe der ihnen eingesetzten Implantate ausgebildet«, fuhr er dann deutlich nüchterner fort. »Meine Gefühle haben noch Schwierigkeiten, mit meinem Verstand Schritt zu halten, aber wenn sie denen wirklich menschliche oder fast-menschliche Intelligenz gegeben hat, dann verschiebt das die ganze Gleichung. Ich meine, falls Cohanna wirklich aus Hunden intelligente Individuen gemacht hat, kann man die wohl kaum noch wie verhungernde Streuner einschläfern lassen, oder? Ob das jetzt Versuchstiere sind oder nicht: Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt rein rechtlich gesehen verlangen kann, dass sie getötet werden, von der moralischen Frage mal ganz zu schweigen, egal, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn man sie am Leben ließe!«

»Verzeihung, Euer Majestät«, schlug Jefferson scheu vor, »aber ich denke, Sie sollten vielleicht genau das tatsächlich in Erwägung ziehen.« Fragend hob Colin eine Augenbraue, und Jefferson zuckte mit den Achseln. »Wir haben jetzt schon genügend Anti-Narhan-Probleme, wir müssen dieses Feuer nicht noch zusätzlich schüren. Die letzte Demonstration ist ziemlich unschön abgelaufen, und das war jetzt noch nicht einmal in einer unserer reaktionäreren Gegenden. Die war in London.«

»London?« Sofort blickte Colin Horus scharf an, und Cohannas Experimente waren vorerst vergessen. »Wie schlimm war es denn?«

»Schlimm genug«, gab Horus zu. »Die fiel schon eher in die Kategorie ›Nur ein toter Achuultani ist ein guter Achuultani‹. Es gab ein paar Schlägereien, aber die haben erst angefangen, als die Demonstrationsteilnehmer in eine Gegenveranstaltung geraten sind. Also könnten die vielleicht sogar ein Zeichen für einen Hauch von Vernunft gewesen sein. Das hoffe ich zumindest.«

»Großer Gott!«, seufzte Colin. »Wisst ihr, irgendwie war es viel einfacher, gegen die Achuultani zu kämpfen. Naja, es war zumindest weniger kompliziert.«

»Das ist wahr. Dennoch denke ich, das die Zeit für uns arbeitet.« Colin verzog das Gesicht, und wieder lachte Horus leise. »Ich weiß. Ich bin es langsam ebenso leid, das immer und immer wieder zu sagen, wie du es bestimmt schon längst nicht mehr hören kannst, aber es stimmt nun einmal. Und Zeit ist etwas, das wir wirklich reichlich haben.«

»Vielleicht. Aber wenn wir schon bei diesem Thema sind: Wer hat diese Demonstration eigentlich organisiert?«

»Das wissen wir nicht genau«, erwiderte Jefferson. »Gus versucht das gerade herauszufinden, aber offiziell steckt dahinter eine Gruppe, die sich MIM nennt – ›Menschen für ein Menschen-Imperium‹. Oberflächlich betrachtet wirkt das Ganze wie ein Haufen von hauptberuflichen Schlägertypen, die von einer Gruppe unzufriedener Intellektueller gelenkt werden. Dabei reden wir hier von der Sorte Bildungsphilister, die sich darüber ärgern, dass alles, womit die ihr ganzes akademisches Leben verbracht haben, über Nacht völlig veraltet ist. Es sieht ganz so aus …«, er lächelte matt, »… dass ein paar unserer furchtlosen intellektuellen Vorkämpfer sich dann doch nicht ganz so weit in die Welten neuen Wissens vorwagen möchten, wie sie es immer von sich selbst geglaubt haben.«

»Man kann es ihnen auch kaum verdenken«, bemerkte Horus. »Sie stellen sich ja nicht wirklich gegen die Wahrheit. Vielmehr fühlen sie sich vom Lauf der Dinge irgendwie verraten. Und wie du schon sagtest, Lawrence: Sie haben ihr ganzes Leben darauf verbracht, sich als die intellektuellen Anführer unserer Kulturen zu etablieren, und jetzt werden sie einfach beiseite geschoben.«

»Ich weiß.« Einen Augenblick lang betrachtete Colin mit gerunzelter Stirn seine Handrücken, dann hob er den Blick wieder. »Dennoch klingt das Ganze für mich nach einer sehr sonderbaren Mischung. Hauptberufliche Schlägertypen und Professoren? Wie sind die denn überhaupt in einem Boot gelandet?«

»Man hat schon Pferde kotzen sehen, Euer Majestät, aber Gus und ich haben uns diese Frage auch schon gestellt, und er glaubt, die Antwort findet sich in der ›Kirche des Armageddon‹.«

»Ach du Scheiße!«, stieß Colin angewidert hervor.

»Nicht gerade elegant, aber doch treffend zusammengefasst«, merkte Horus an. »Das ist auch, was mir am meisten Sorgen macht: Die Kirche hat als einfacher Zusammenschluss von Fundamentalisten angefangen, die in den Achuultani die wahren Gegner aus dem Armageddon gesehen haben. Nur das jetzt ist auch neu für die. Hass gegen die Achuultani schlägt nun ganz offen in Rassismus um – wenn ich diesen Ausdruck jetzt einfach mal verwenden darf –, und zwar einen Rassismus der übelsten Sorte.«

»Jou. Sonst noch irgendetwas über deren Anführer, Mister Jefferson?«

»Eigentlich nicht, Euer Majestät. Die Mitglieder der Kirche haben nie versucht, ihre Zugehörigkeit zu den Armageddonisten zu verschleiern – warum hätten sie das auch tun sollen, wenn ihre Glaubensgemeinschaft doch im Rahmen der Religionsfreiheit toleriert wird? Aber jetzt haben die da ein derart unsauber organisiertes Konglomerat verschiedenartigster Splittergruppen gebildet, dass die hierarchischen Strukturen noch nicht deutlich erkennbar sind. Wir versuchen immer noch herauszufinden, wer bei denen eigentlich das Sagen hat. Offiziell scheint diese Bischöfin Hilgemann für sie zu sprechen, aber ich muss zugeben, dass ich nicht mit Gus einer Meinung bin, was ihre faktische Autorität betrifft. Ich halte sie eher für das Sprachrohr als für jemanden, der tatsächlich Politik macht. Aber was das angeht, können wir ja beide bisher nur raten.«

»Werden Sie das mit Ninhursag durchsprechen?«

»Selbstverständlich, Euer Majestät. Ich habe Gus’ Bericht mitgebracht und mache mich gleich nach dieser Besprechung zu Mutter auf. Admiral MacMahan und ich stecken da dann unsere Köpfe zusammen, und vielleicht kann uns auch Dahak dabei helfen, aus diesen Daten irgendetwas herauszulesen.«

»Na dann viel Glück! ’Hursag versucht jetzt schon seit mehr als einem Jahr, die irgendwie in den Griff zu kriegen. Na ja.« Colin schüttelte den Kopf, erhob sich und streckte dem Vizegouverneur erneut die Hand entgegen. »Unter diesen Umständen möchte ich Sie nicht weiter aufhalten, Mister Jefferson. Horus und ich müssen jetzt noch auf eine Geburtstagsparty, und es gibt da zwei vorpubertäre Rangen, die uns beiden das Leben zur Hölle machen werden, falls wir zu spät kommen sollten.«

»Selbstverständlich. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Majestät, der Imperatorin, und Ihren Kindern!«

»Das werde ich – irgendwo zwischen den Geschenken, den Torten, dem Punsch und dem allgemeinen Trubel. Viel Glück mit Ihrem Bericht!«

»Ich danke Ihnen, Euer Majestät.« Taktvoll zog Jefferson sich zurück, und Colin und Horus machten sich auf den Weg zu dem Flügel des Palastes, in dem die Imperiale Familie residierte.

Kapitel Drei

Colin MacIntyre warf sein Jackett in einen Sessel, und in seinen grünen Augen blitzte ein belustigtes Lachen, als ein Robo-Diener ein deutliches, indigniertes Schnalzen ausstieß und das Kleidungsstück dann wieder aufnahm. ’Tanni war ebenso ordentlich und sauber wie eine Katze, mit der sie so beträchtliche Ähnlichkeiten aufwies, und sie hatte die Haushaltsroboter so programmiert, dass sie seine Schlampigkeit an ihrer Stelle rügten, falls sie gerade anderweitig beschäftigt war.

Im Vorbeigehen warf er einen Blick in die Bibliothek und sah, dass zwei Köpfe mit pechschwarzen Haaren sich über ein Hologramm beugten. Dieses schien einen Primärkonverter der Hauptantriebseinheit eines Gravitonenförderers darzustellen, und die Zwillinge waren eifrig damit beschäftigt, das Display mit Hilfe ihrer Neuralzugänge so zu verändern, dass es sich in die Darstellung einer Explosion verwandelte, während sie über irgendeinen abstrusen Punkt stritten.

Ihr Vater schüttelte den Kopf und ging weiter. Es war schwer, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass sie erst zwölf Jahre alt waren – zumindest, wenn man sie beim Lernen beobachtete –, doch er wusste, das lag nur daran, dass er ohne Implantat-Ausbildung aufgewachsen war.

Mit Hilfe eines Neuralinterface gab es prinzipiell keinerlei Einschränkung dafür, wie viele Daten ein Individuum aufnehmen konnte – aber reine Daten waren nicht das Gleiche wie Wissen, und das erforderte eine ganz neue Reihe von Didaktik-Parametern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit war das Einzige, das von Bedeutung war, das, wovon die meisten Lehrer schon immer behauptet hatten, es sei das eigentliche Ziel der Erziehung: das Erkunden des Wissens selbst. Es war nicht mehr notwendig, dass Studierende endlose Stunden damit verbrachten, nur Daten aufzunehmen. Es ging nur noch darum, ihnen bewusst zu machen, was sie bereits ›wussten‹, und ihnen beizubringen, wie man dieses Wissen auch nutzbringend anwenden konnte – ihnen sozusagen das Denken an sich beizubringen. Das war natürlich für jeden guten Lehrer ein einziges Vergnügen. Bedauerlicherweise waren auf diese Weise auch sämtliche Kriterien bedeutungslos geworden, die traditionell dazu genutzt worden waren, die Arbeitsvorbereitungen der Lehrer und ihre Leistungen vor den Schülern zu bewerten. Zu viele Lehrer wussten ohne diese alten Regeln nicht weiter – und noch mehr Lehrer hatten sich unter der Führung der westlichen Gewerkschaften auf eine verbitterte Kampagne mit erkennbarer Politik der verbrannten Erde eingelassen, um das Neue nicht akzeptieren zu müssen. Im Allgemeinen schien die Menschheit zu glauben, der Imperator besitze eine Art Zauberstab, den er nur zu schwenken brauche … und in gewisser Weise hatten sie auch Recht. Colin konnte so ungefähr alles in die Tat umsetzen, wovon er der Ansicht war, es sei erforderlich … solange er bereit war, hinreichend schwere Artillerie aufzufahren, und dabei fest davon überzeugt blieb, dass diese Schlacht auch ihre Mühen und Kosten wert sei.

Colin hatte mehr als drei Jahre gebraucht, um zu diesem Schluss zu kommen, was die Lehranstalten der Erde betraf. Dreiundvierzig Monate lang hatte er sich ein Argument nach dem anderen angehört, warum dieser Wechsel unmöglich vorgenommen werden könne. Zu wenige Schulkinder auf der Erde würden über Neuralzugänge verfügen. Es wäre zu wenig Hardware verfügbar. Zu viele neue Konzepte in zu kurzer Zeit würden die Kinder verwirren, die sich bereits in dem Lernprozess befänden, und dabei werde nicht wiedergutzumachender Schaden entstehen. Die Liste wurde länger und länger und länger, bis Colin schließlich einfach genug gehabt hatte, die Auflösung sämtlicher Lehrergewerkschaften verkündet und weltweit sämtliche Lehrer entlassen hatte, die an mit öffentlichen Geldern geförderten Lehranstalten oder Instituten tätig gewesen waren.

Die Leute, die er entlassen hatte, versuchten gerichtlich gegen diesen Erlass vorzugehen, nur um dann festzustellen, dass die Magna Charta Colin das Recht gab, genau das zu tun, was er getan hatte, und als sie dann plötzlich den kalten Stahl erblickten, der normalerweise hinter seinem schlichten, meist gut gelaunten Gesicht verborgen war, hatte ihre immense Besorgnis über das Wohlergehen ihrer Studierenden plötzlich eine radikale Veränderung erfahren. Auf einmal waren sie nur noch darauf bedacht, so schnell und so reibungslos wie möglich diesen Wechsel vorzunehmen, und wenn der Imperator ihnen doch nur ihre alten Posten zurückgäbe, dann würden sie sich sofort daran begeben!

Und so war es dann auch geschehen. Natürlich hatte es viele gegeben, die gelegentlich bewusst langsam gearbeitet hatten, wenn sie dachten, dass es gerade niemand mitbekam. Sie hatten aber die ihnen gestellte Aufgabe in Angriff genommen. Natürlich hatte jeder einzelne ihrer Einwände durchaus auch ein Fünkchen Wahrheit enthalten, was die Einführung eines gänzlich neuen Lehrsystems tatsächlich schwierig und gelegentlich frustrierend langsam gemacht hatte. Nur sobald sie erst einmal begriffen hatten, dass Colin es wirklich ernst meinte, hatten sie sich tatsächlich richtig ins Zeug gelegt. Und währenddessen hatten diejenigen unter ihnen, die tatsächlich das Zeug zu guten Lehrern hatten und nicht nur leidlich talentierte Bürokraten waren, auch die Freude am Lehren wiederentdeckt. Diejenigen, denen diese Wiederentdeckung nicht zuteil wurde, zogen sich in immer größerer Zahl aus dem Beruf zurück. Doch ihre ursprüngliche Opposition und ihre schleppende Guerilla-Kriegsführung hatten die vollständige Umsetzung moderner Lehrmethoden auf der Erde mindestens um zehn Jahre zurückgeworfen.

Und das bedeutete natürlich, dass die Kinder auf Birhat denen gegenüber, die auf der Erde ausgebildet wurden, deutlich im Vorteil waren. Dahak verbrachte einen Großteil seiner Zeit im Orbit von Birhat, und während die Lehrkörper auf der Erde noch mit den Erziehungs- und Lehrmethoden des Imperiums haderten, beherrschte Dahak sie bereits bis zur Perfektion. Und dazu kam noch, dass er, im Gegensatz zu den Lehrern auf der Erde, keinerlei institutionelle oder persönliche Vorbehalte dagegen hatte, sie umzusetzen, und es erforderte nur einen winzigen Bruchteil seiner gewaltigen Kapazitäten, etwas zu etablieren, was letztendlich auf ein planetenweites System kleiner Studiengruppen hinauslief. Seine Schüler beantworteten seinen Einsatz mit einem unstillbaren Lernhunger, und soweit Colin das wusste, hatten die Zwillinge nicht ein einziges Mal die Schule geschwänzt – und das empfand er fast schon als erschreckend.

Er kam in das Studierzimmer, und Jiltanith lächelte ihm von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch aus zu. Er nahm sich die Zeit, sie ordentlich zu küssen, dann ließ er sich in seinen Sessel fallen und seufzte zufrieden, als er spürte, wie der Sitz sich an seine Körperkonturen anpasste.

»Du scheinest mir wahrlich zufrieden, dein Büro für diesen Tag verlassen zu haben, mein Liebster«, stellte Jiltanith fest und stellte ihren Computer in den Pause-Modus. Colin nickte.

»Vielleicht solltest du dich mal an diesem Job versuchen!«, gab er ein wenig spitz zurück, und sie lachte laut auf.

»Mitnichten, teurer Colin! An des Wahnsinns Rand würd’s mich treiben, hätte ich nichts, womit ich meiner Hände Unrast stillen könnte, und jenes hier …«, sie deutete auf die Ausdrucke und die Datenchips, die über ihren gesamten Schreibtisch verstreut lagen, »… ist wahrlich eine höchst interessante Studie.«

»Ach ja?«

»Fürwahr! Amanda scheute der Mühen nicht, darüber nachzudenken, wie wir wohl Tao-lings Mark-Zwanzig-Hyperwaffe optimiert bei Taktiken einzusetzen vermöchten, die sich auf kleinen Einheiten gründen.«

Mit einem schiefen Grinsen schüttelte Colin den Kopf. Jiltanith war nun wirklich niemand, der das Gefecht oder den Krieg an sich liebte – dafür hatte sie viel zu oft miterleben müssen, was ein solcher Krieg jeden, der ihn erleben musste, kostete. Und doch gab es in ihrer Seele dunkle und gefährliche Orte. Colin vermutete, dass niemals jemand, nicht einmal er, zu einigen dieser Orte vorgelassen werden würde. Aber ein ganzes Leben, das man mit dem erbittertsten Guerilla-Krieg verbracht hatte, hinterließ zweifelsohne seine Spuren, und anders als Colin sah Jiltanith Krieg nicht als letztmögliches Mittel, sondern vielmehr als praktische Option, die auch Ergebnisse zeitigte. Jiltanith war nicht gnadenlos, doch sie war weitaus schneller als Colin bereit, ein Blutbad anzurichten – und sehr viel weniger bereit, Pardon zu geben. Deswegen hatte er sie auch zu seiner Kriegsministerin ernannt. Als Kriegsherr war Colin der Oberbefehlshaber des Imperiums, doch es war ’Tanni, die sich täglich um das sich zunehmend etablierende Militär zu kümmern hatte.

»Also, wenn du dich davon würdest losreißen können: Wir bekommen gleich Besuch.«

»Ach?« Sie neigte den Kopf zur Seite und schaute ihn an.

»Isis, Cohanna und Cohannas … Projekt«, sagte er, deutlich weniger fröhlich. »Ich fürchte, Jefferson könnte Recht haben, dass die Logik gebietet, diese Tiere einzuschläfern. Aber ich muss gestehen, dass ich mich nicht darauf freue, diese Entscheidung fällen zu müssen.«

»Das solltest du auch nicht.« Seine Gemahlin erhob sich und ging nun um ihren Schreibtisch herum. »Logik ist, wie du unzählige Male zu betonen beliebtest, mein Liebster, gar häufig nur eine Möglichkeit, sich sehr zuversichtlich zu irren.«

»Damit hast du Recht, Süße«, seufzte er und schlang einen Arm um sie, als sie an ihm vorbeiging. Kurz blieb sie stehen und zerzauste ihm das sandfarbene Haar, dann ließ sie sich in ihren eigenen Sessel sinken. »Ich werde nur das dumme Gefühl nicht los, ich versuche mich selbst gerade dazu zu bringen, das Experiment abzulehnen, nur weil ich glaube, dass ich das tun müsste. Und irgendwie schäme ich mich dafür.«

»Der Tag, an welchem deine Selbstzweifel erlöschen, wird der Tag sein, an welchem du weniger als dein Bestes gibst und nicht mehr du selbst bist, Colin«, entgegnete sie ihm sanft.

Er lächelte, wechselte das Thema, sodass sie über etwas Angenehmeres sprachen, und ließ tröstlich ’Tannis Stimme über sich dahinplätschern. Er genoss diese Momente, in denen er das ganze Imperium und all seine Pflichten einfach vergessen konnte, vergessen durfte, der Notwendigkeit unterworfen zu sein, der Bedrohung durch die Achuultani ein für alle Mal ein Ende zu setzen. ’Tannis sanfte, immer noch archaische Sprechweise schlug ihn dabei in Bann und schien einen Zauber zu wirken, der all diese anderen Dinge einfach von ihm abperlen ließ, und wenn es auch immer nur für allzu kurze Zeit war. Sie hatte Englisch in der Zeit der Rosenkriege gelernt und weigerte sich rundheraus, die damals übliche Ausdrucksweise abzulegen. Außerdem, und das hatte sie bereits mehrmals betont, sprach sie wenigstens richtiges Englisch, nicht diesen pervertierten Dialekt, mit dem er aufgewachsen war.

»Entschuldige, Colin«, unterbrach eine sanfte Stimme ihr Gespräch, »aber Cohanna und Isis sind eingetroffen.«

»Danke.« Colin seufzte und schob beiseite, was ihn für einen Moment erlöst hatte, spürte, wie das Universum wieder in sein Leben eindrang. Diese kurze Flucht jedoch hatte ihn zumindest erfrischt. »Sag ihnen, wir sind im Studierzimmer!«

»Das habe ich bereits getan. Sie werden augenblicklich eintreffen.«

»Fein. Und bleib auch in der Nähe. Wir werden vielleicht deine Daten brauchen.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Dahak. Colin wusste, dass ein winziger Bruchteil der gewaltigen Kapazität des Computer ihm stets und überallhin folgte, jederzeit bereit, auf Fragen zu antworten oder ihn über Entwicklungen der jüngsten Zeit auf dem Laufenden zu halten. Dahak hatte jedoch eine spezielle Subroutine entwickelt, die es ihm ermöglichte, jederzeit den Aufenthaltsort seines Imperators zu überwachen und auf seine Bedürfnisse einzugehen, ohne ihm dabei seine gesamte Aufmerksamkeit widmen zu müssen – es sei denn, gewisse kritische Parameter wären erfüllt. Das war seine Art und Weise, Colin ein gewisses Maß an Privatsphäre zuzugestehen – Privatsphäre war zwar ein Konzept, das Dahak nicht vollends verstand. Er hatte allerdings sehr wohl begriffen, dass dieses Konzept für seine menschlichen Freunde von enormer Wichtigkeit war.

Die Tür zum Studierzimmer öffnete sich, und Cohanna kam hereinmarschiert wie ein Grenadier, gefolgt von einer zierlichen, weißhaarigen Frau, deren Augen denen von Jiltanith bemerkenswert ähnelten. Isis Tudor war mehr als neunzig Jahre alt, und als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte es für Terrageborene keine Biotechnik-Erweiterungen gegeben. Als sie dann schließlich zur Verfügung gestanden hatten, war ihr Körper bereits zu alt und zu gebrechlich gewesen, um ihr noch vollständige Erweiterungen zu implantieren, und das Alter nahm ihr von Jahr zu Jahr mehr Kraft. Doch mit ihrem Verstand war alles noch in bester Ordnung, und die Erweiterungen, die ihr Körper jetzt noch anzunehmen in der Lage war, verliehen ihr eine Energie, die ihren zunehmend gebrechlichen Leib Lügen zu strafen schien.

Jiltanith erhob sich und umarmte sie, während Cohanna Colins Blick geradezu herausfordernd erwiderte: Lohfarbene Hunde folgten ihr durch die Eingangstür. Sie bewegten sich absolut synchron, mit einer für Hunde völlig untypischen Präzision, und stellten sich dann feinsäuberlich in einer Reihe auf, bevor sie sich setzten.

Die sehen aus, dachte Colin, wie Hydranten auf Beinen. Der Vater von Tinkerbells Jungen war ein reinrassiger Rottweiler gewesen, und nun war der Labrador-Anteil ihrer Erbanlagen kaum noch zu bemerken. Sie wirkten stämmig, massiv, besaßen kräftige Schnauzen, und der größte von ihnen durfte an die sechzig Kilogramm wiegen.

Colin betrachtete sie genauer und suchte nach Anzeichen für die Veränderungen, die Cohanna an ihnen vorgenommen hatte. Viel war nicht zu sehen. Die massigen Rottweiler-Schädel mochten noch ein wenig breiter sein, und der Schädelwulst ein wenig ausgeprägter, doch Colin bezweifelte, dass ihm das aufgefallen wäre, hätte er nicht gezielt nach Anzeichen für eine Veränderung geschaut. Aber da war noch etwas anderes … Und dann begriff er es. Die Augen dieser Tiere fixierten ihn mit einer unerschütterlichen Neugier, die sofort die Intelligenz verriet, die sich hinter diesen verbarg.

»Also gut, Colin.« Cohannas Stimme brachte Colin dazu, seine Aufmerksamkeit nicht mehr nur diesen Hunden zu schenken. »Du wolltest sie sehen. Hier sind sie.«

Schnell blickte er auf, doch ihr Gesichtsausdruck ließ ihn innehalten. Er war an ihre Gereiztheit ja gewöhnt, doch an diesem Tag wirkten ihre dunklen Augen regelrecht wild. Das hier, begriff er mit einem äußerst mulmigen Gefühl im Magen, war nicht einfach nur ein weiteres ihrer Forschungsprojekte. Hier hatte sie Herzblut investiert.

»Setz dich, ’Hanna!«, sagte er leise und ging vor den Hunden in die Knie, während die Wissenschaftlerin sich in einen der freien Sessel sinken ließ. Alle Köpfe wandten sich ihm zu, und Colin fuhr mit der Hand über den breiten Rücken des größten dieser Tiere. Er hatte seine Sensorik-Booster auf maximale Leistungsfähigkeit gestellt, und er spürte die kräftigen Muskeln, die bei dieser Rasse üblich waren … und noch etwas mehr. Er blickte zu Cohanna hinüber, und sie zuckte mit den Schultern.

»’Hanna«, seufzte er, »ich muss dir sagen, dass ich mir in gewisser Weise weniger Sorgen wegen der genetischen Veränderungen mache als über den ganzen Rest. Hast du eine Ahnung, wie die Anti-Techniks auf vollständig erweiterte Hunde reagieren werden? Die Vorstellung, ein Hund könne diese Stärke und Ausdauer besitzen, wird diese Leute in Panik versetzen!«

»Dann sind das eben Idioten!« Cohanna blickte ihn finster an. Dann seufzte sie ebenfalls, und irgendetwas, das bemerkenswerte Ähnlichkeit mit ›Schuld‹ besaß, begann ihre Gereiztheit und Vehemenz zu mildern. Ein Teil von Colins innerer Anspannung löste sich sichtlich, als er das bemerkte. Erst in diesem Moment begriff er, wie viel von ihrem Ärger aus dem Bewusstsein geboren war, dass sie vielleicht tatsächlich zu weit gegangen sein konnte.

»Na gut«, sagte sie schließlich, »vielleicht bin ich hier die Idiotin. Ich glaube zwar …«, und wieder blitzten ihre Augen kampflustig auf, »… dass diese Anti-Techniks einfach nur abergläubische Wilde sind, aber, verdammt noch mal, Colin, ich verstehe einfach nicht, wie deren Gehirn funktioniert! Diese Hunde stellen ebenso wenig eine Gefahr für sie dar, wie dies bei einem beliebigen weiteren erweiterten Menschen der Fall wäre!«

»Ich weiß, dass du das glaubst, ’Hanna, aber …«

»Ich ›glaube‹ hier gar nichts, Colin – ich weiß das! Und du wirst das auch bald wissen, wenn du dir die Zeit nimmst, sie einfach mal kennen zu lernen!«

»Das«, gab er zu, »ist genau das, was ich befürchtet hatte.« Er wandte sich wieder den Hunden zu, und der große Rüde, dessen Rücken Colin bereits berührt hatte, erwiderte ruhig seinen Blick. »Das ist Galahad?«, fragte er Cohanna … doch jemand anders antwortete ihm.

»Ja«, erklang eine synthetische Stimme, und Colins Augen weiteten sich, als er sah, dass am Halsband des Hundes ein kleiner Sprachmodulator befestigt war. Ein Schauer lief Colin über den Rücken, als das ›dumme Tier‹ plötzlich sprach, doch das Unwohlsein verschwand sofort wieder, wich dem Erstaunen und auch einer sonderbaren Begeisterung, die er mit Mühe zu unterdrücken versuchte, und er holte tief Luft.

»Also, Galahad«, begann er leise, »hat Cohanna dir erklärt, warum ich euch kennen lernen wollte?«

»Ja«, erwiderte der Hund. Er bewegte die Ohren, und Colin begriff, dass es eine bewusst durchgeführte Bewegung gewesen war – eine Geste, die eine Bedeutung vermitteln sollte. »Aber wir verstehen nicht, warum andere uns fürchten.« Die Worte kamen langsam, aber ohne jegliches Zögern.

»Entschuldige mich einen Augenblick, Galahad!«, bat Colin und wähnte sich nur einen Moment lang in einer unwirklichen Welt gefangen, als ihm bewusst wurde, dass er gerade typisch menschliche Höflichkeitsformen einem Hund gegenüber an den Tag legte. Er schaute zu Cohanna hinüber. »Wie viel davon war jetzt durch Computer gesteigert?«

»Einige Steigerungen sind erfolgt«, gab die Wissenschaftlerin zu. »Sie neigen dazu, den bestimmen Artikel zu vergessen, und ihr Satzbau ist immer sehr einfach. Sie benutzen auch nie die Vergangenheitsform, aber die Wirkungsweise der Software beschränkt sich darauf, ›Löcher zu füllen‹. Sie erweitert niemals die Bedeutung dessen, was sie sagen.«

»Galahad«, wandte Colin sich jetzt wieder dem Hund zu, »mir machst du keine Angst, und auch sonst niemandem in diesem Raum, aber manche Leute werden dich … widernatürlich finden, und die Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht verstehen.«

»Warum?«, fragte Galahad.

»Wenn ich das so einfach erklären könnte!«, seufzte Colin.

»Gefahr ist ein Grund für Furcht«, sagte der Hund, »aber wir sind keine Gefahr. Wir wollen nur sein dürfen. Wir sind nicht böse.«

Erstaunt kniff Colin die Augen zusammen. Ein Wort wie ›böse‹ implizierte den Umgang mit Konzepten, die Lichtjahre von dem entfernt waren, was Tinkerbell jemals zustande gebracht hätte.

»Galahad«, wählte er seine Worte mit Bedacht, »was glaubst du, was ›böse‹ bedeutet?«

»Böse«, erwiderte die synthetisierte Stimme, »bedeutet Gefahr. Böse bedeutet Leiden zufügen, wenn man nicht leidet oder wenn es nicht notwendig ist, Leiden zuzufügen.«

Colin verzog das Gesicht, denn Galahad hatte damit so ziemlich genau die Definition von ›böse‹ gegeben, die Colin selbst als Antwort formuliert hätte. Und ob der Hund dies nun beabsichtigt hatte oder nicht, er hatte damit Colins Entscheidung über das Schicksal der Hunde aus Cohannas Experiment, über sein, Galahads, eigenes Schicksal ins rechte Licht gerückt.

Colin MacIntyre blickte tief in die eigene Seele, und das, was er sah, missfiel ihm. Wie sollte er erklären, dass ein so großer Teil der Menschheit außerstande war, das zu verstehen, was Galahad so deutlich sah, oder warum er sich so sehr dafür schämte, dass es so war?

»Colin-Mensch …«, Colin blickte auf, als Galahad ihn ansprach, »… ich möchte verstehen. Denn zu verstehen ist gut, aber ich kann es nicht. Wir wissen …«, mit einer leichten Bewegung seines Hundeschädels deutete er auf seine Wurfgeschwister, »… dass du vielleicht unser Ende herbeiführen wirst. Wir wollen nicht enden. Du willst uns nicht enden lassen. Wenn wir enden müssen, dann können wir dich nicht aufhalten. Aber es ist nicht richtig, Colin-Mensch.« Hundeaugen blickten ihn mit herzzerreißender Würde an. »Es ist nicht richtig«, wiederholte Galahad, »und das ist etwas, was du weißt.«

Colin biss sich auf die Unterlippe. Er wandte sich Jiltanith zu, und als er ihre Augen sah – die schwarzen, nur ganz geringfügig fremdartigen Augen einer echten Imperialen –, bemerkte er, dass in ihren Augen Tränen standen.

»Fürwahr, er spricht die Wahrheit, teurer Colin«, meinte sie leise. »Sollten wir nun ihren Tod befehlen, so wäre’s Furcht, die uns zu jenem Handeln brächte – Furcht, die uns tun lässt, wovon wir wissen, dass es falsch ist. Wahrlich, sogar mehr als falsch!« Sie kniete sich neben ihren Mann und berührte sanft und vorsichtig Galahads schweren Schädel. »Ganz wie Galahad sprach: ’s wäre böse, Leiden zuzufügen, wenn’s der Notwendigkeit gebricht!«

»Ich weiß.« Colins Stimme war ebenso ruhig wie die ihre, und dann schüttelte er sich. »Isis?«

»’Tanni hat Recht. Hätte ich gewusst, was ’Hanna da geplant hat, hätte ich dasselbe gesagt wie du! Aber nun sieh sie dir doch einmal an! Sie sind atemberaubend! Das sind Personen, Colin, Individuen – gute Individuen, die zufälligerweise eben vier Füße und keine Hände haben.«

»Ja.« Colin blickte auf die eigenen Hände hinab – die Hände, die Galahad eben nicht hatte – und spürte, wie die Entscheidung ganz von selbst kam. Er erhob sich und zupfte an seiner Nasenspitze. Dann dachte er angestrengt nach. »Von wie vielen reden wir hier, ’Hanna?«

»Zehn. Diese vier hier und zwei Würfe, die noch jünger sind.«

»Okay.« Er wandte sich wieder Galahad und seinen Geschwistern zu. »Jetzt hört mir mal zu, ihr alle! Ich weiß, dass ihr nicht versteht, warum die Menschen Angst vor euch haben, aber ihr alle akzeptiert, dass das dennoch so sein kann?« Vier Hundeschädel nickten in unverkennbarer Zustimmung, und Colin musste leise in sich hineinlachen, so ernst diese Lage an sich auch sein mochte. »Gut, denn die einzige Möglichkeit, wie wir wirklich sichergehen können, dass euch nichts passiert, wäre, dass die Menschen, die Angst vor euch haben können, niemals herausfinden, dass es euch überhaupt gibt, und das werden wir nicht ewig durchhalten können.

Also, so sieht mein Plan aus: Ab sofort werdet ihr vier hier bei uns leben – mit ’Tanni und mir –, und ihr werdet, außer wir sind alleine hier, immer so tun müssen, als wärt ihr nichts anderes als ganz gewöhnliche Hunde. Kriegt ihr das hin?«

»Ja, Colin-Mensch.« Diesmal hatte nicht Galahad, sondern eine etwas kleinere Hündin gesprochen, und sofort schwand ihr würdevoller Gesichtsausdruck. Sie sprang auf Colin zu, leckte ihm das Gesicht ab und wedelte enthusiastisch mit dem Schwanz, und dann rannte sie quer durch den Raum und bellte wie toll. Mit heraushängender Zunge kam sie zum Stehen, ließ sich einfach auf den Teppich fallen, drehte sich auf den Rücken und streckte alle viere von sich. Dann rollte sie sich wieder herum und setzte sich aufrecht; ihre Augen lachten ihn an.

»Ganz prima!« Colin wischte sich über das Gesicht und grinste, dann wurde er wieder ernst. »Ich weiß nicht, ob ihr das verstehen werdet, aber wir werden euch an viele Orte mitnehmen und euch vielen, vielen Leuten zeigen müssen, und ich möchte, dass ihr euch immer wie ganz normale Hunde verhaltet! Die Medien-Fritzen werden viele Aufnahmen von euch machen, und das ist auch gut so. Ich möchte, dass, wenn irgendwann einmal die Wahrheit über euch ans Licht kommt, die ganze Menschheit sich längst an euch gewöhnt hat. Ich möchte, dass die eine Chance haben, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr keine Bedrohung darstellt. Dass es euch schon seit langem gibt und dass ihr noch nie jemandem irgendetwas getan habt. Versteht ihr das?«

»Wenn wir beweisen, dass wir nicht böse sind, werden die Leute uns nicht fürchten?«, fragte Galahad nach.

»Ganz genau. Das ist nicht fair – eigentlich solltet ihr das genauso wenig beweisen müssen, wie die das tun –, aber so muss es nun einmal laufen. Könnt ihr das tun?«

»Das können wir, Colin-Mensch«, antwortete Galahad leise.

Kapitel Vier

Flottenadmiralin Baronin Adrienne Robbins, Freifrau von Nergal und Ritterin des Ordens der Goldenen Nova, presste sich mit einer Hast, die ihrem hohen Rang wenig angemessen schien, so flach sie nur irgend vermochte gegen die Wand des Korridors im Palast. Vier Menschenkinder, ein halb ausgewachsener Narhani und ein Rudel von vier umherspringenden Rottweilern hielten lautstark genau auf sie zu.

Die Admiralin konnte von Glück sagen, dass das langhaarige Mädchen, das diese Meute anführte, sie gerade noch rechtzeitig bemerkte, um den ganzen Trupp rutschend und schlitternd, wie nur Kinder es zu beherrschen schienen, in einem Gewirr aus Armen, Beinen, Hufen und Pfoten zum Halten zu bewegen.

»Hi, Tante Adrienne!«, rief Prinzessin Isis Harriet MacIntyre, und Admiralin Robbins trat einen Schritt von der Wand zurück. Sean und Harriet schien ihr tadelnder Blick nichts auszumachen; doch Sandy MacMahan wirkte zumindest ein wenig beschämt, und Tamman wandte den Blick plötzlich nicht mehr von seinen Fußspitzen ab. Brashan, Brashieels Klon-Kind, schien das Ganze immens peinlich zu sein, denn auch wenn er jünger war als jeder andere aus dieser Gruppe, war er, wenn man bedachte, wie schnell seine Spezies reifte, doch schon fast erwachsen. Die verschiedenen Hunde begnügten sich damit, auf und ab zu springen und Adrienne anzuhecheln. Die hündische Sorglosigkeit vermochte Adrienne allerdings nicht zu täuschen, denn sie gehörte zu der Hand voll von Leuten, die eingeweiht waren, was diese Hunde betraf.

»Ich frage mich ernsthaft«, meinte die Admiralin finster, »wie Ihre Imperialen Majestäten darüber dächten, wüssten sie, wie ihr Gören euch hier auf mich stürzt?!«

»Och, Dad wär’ das egal.« Sean grinste.

»Ich hatte auch mehr an Ihre Imperiale Majestät, die Imperatorin, gedacht«, präzisierte Adrienne, und plötzlich wirkte Sean deutlich nachdenklicher. »Genau das habe ich mir gedacht! Kannst du mir einen einzigen guten Grund nennen, warum ich ihr hiervon nichts erzählen sollte?«

»Weil du uns nicht auf dem Gewissen haben willst?«, schlug er vor. Sie verbiss sich ein Lachen und legte stattdessen die Stirn in Falten.

»Mein Gewissen ist ziemlich widerstandsfähig, Euer Hoheit.«

»Öhm, musst du das denn Mom und Dad gegenüber erwähnen?«, fragte Harriet, und Adrienne sah sie einen langen, entsetzlichen Moment schweigend und nachdenklich an. Unruhig trat Tamman von einem Fuß auf den anderen, zweifelsohne stellte er sich die Reaktion seiner Eltern vor. In diesem Augenblick gab Adrienne nach.

»Na, diesmal wohl nicht, denke ich. Aber …«, tadelnd reckte sie einen Zeigefinger, als sie die Kinder nun entspannter lächeln sah, »… das nächste Mal werde ich nicht so weichherzig sein!«

Ein mehrstimmiges, ernst gemeintes »Danke«, erklang, und Adrienne wedelte ungeduldig mit der Hand, als wolle sie die Kinder verscheuchen.

»Also los, ihr entsetzlichen Bälger!«, befahl sie, und die Kavalkade setzte sich wieder in Bewegung und stürmte erneut den Flur hinab, wenn auch diesmal deutlich weniger schwungvoll.

Lächelnd blickte Adrienne ihnen hinterher, dann setzte sie ihren eigenen unterbrochenen Weg fort. Sean, so sinnierte sie, ist wirklich die dunkelhaarige Ausgabe seines Vaters, mit der gleichen Hakennase und den Segelohren, die eigentlich wirklich niemand gut aussehend finden kann, und er verspricht jetzt schon, ein gutes Stück größer zu werden als seine Eltern.

Harriet andererseits war eine Miniaturausgabe ihrer Mutter – ein hübsches Kind, das später einmal eine atemberaubend schöne Frau werden würde. Beide Zwillinge hatten die Augen von Jiltanith, doch Harriets wirkten dabei sanfter. Eigentlich, dachte sie, ähnelt sie in ihrer Persönlichkeit eher Colin, während Sean die absolute Furchtlosigkeit seiner Mutter und den Humor seines Vaters zu einer völlig neuartigen Mischung verbindet. Die Admiralin war sich sicher, dass dieser Junge eines Tages ein echter Herzensbrecher werden würde.

Adrienne riss sich aus dieser Träumerei, als sie ihr Ziel erreichte und die Tür zur Seite glitt, um sie in Colins Büro vorzulassen. Der Imperator blickte von seiner Arbeit auf und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sich in einen der Sessel zu setzen.

»Nimm doch Platz, Adrienne! Ich bin gleich bei dir.«

Adrienne Robbins setzte sich, strich penibel den Ärmel ihrer Uniform zurecht und wartete geduldig darauf, dass Colin seine aktuelle Etappe des ewigen Wettkampfes gegen die Bürokratie beendete. Er gab die Daten – und seine Entscheidung – in den Computer ein, dann lehnte er sich zurück und schlug die Beine übereinander.

»Ich sehe, du bist der Wilden Horde entkommen«, bemerkte er, und sie blickte ihn erstaunt an. »Ich habe Überwachungssysteme in sämtlichen öffentlich zugänglichen Gängen, schon vergessen? ›Gören‹ trifft es ganz wunderbar!«

»Ach, die sind doch gar nicht so schlimm! Lebhaft, das natürlich, aber das macht mir nichts aus.«

»So geht es allen. Naja, ’Tanni vielleicht manchmal nicht. Die kleinen Teufel können unendlich süß sein, dann mag man ihnen überhaupt nichts übel nehmen, und das wissen sie ganz genau.« Er schüttelte den Kopf und seufzte. »Naja, was soll’s. Kommen wir zurück zur Arbeit. Übrigens danke, dass du so schnell gekommen bist.«

»So werden Imperien nun einmal geleitet, Euer Majestät. ›Ich sage zu diesem: Geh hin!, und er geht‹ und so weiter. Aber ich muss zugeben, dass du meine Neugier geweckt hast. Was ist denn so heikel, dass man nicht einmal über das Com darüber reden kann?«

»Ich bin wahrscheinlich bloß paranoid«, gab Colin, jetzt deutlich ernster, zurück, »aber diese Anti-Narhani-Demonstrationen werden schlimmer und nicht besser. Deswegen wollte ich keinesfalls das Risiko eingehen, dass das hier irgendwie an Dritte durchsickert. Das, was mir so vorschwebt, wird diese Demos entweder deutlich entschärfen … oder wirklich verdammt viel schlimmer machen.«

»Ich kann’s nicht ausstehen, wenn du so um den heißen Brei herumschleichst, Colin«, seufzte Adrienne.

»Tut mir Leid. Ich habe mir bloß schon seit Monaten den Kopf über das hier zerbrochen, bevor ich zu einer Entscheidung gekommen bin, und ich bin stinksauer auf mich selbst, so lange für etwas gebraucht zu haben, was ich schon längst hätte tun sollen. Ich öffne die Kadettenanstalt für die Narhani.«

»Großer Gott!« Adrienne verkrampfte die Finger in ihrem metallgrauen Haar und stöhnte gequält auf. »Warum immer ich? Hast du eine Ahnung, wie die Medien-Fritzen darauf reagieren werden? Die werden meinen ganzen Campus stürmen und alle Büsche zertrampeln!«

»Ach, jetzt mach aber mal halblang!« Colin lachte leise in sich hinein. »Die Erst-Generationsklone werden nicht ausbildungsbereit sein, bis Sean und Harry das auch sind – du hast doch noch genügend Zeit für die Feinarbeiten.«

»Feinarbeiten nennt er das! Für diese Feinarbeiten werde ich einen Bulldozer brauchen! Glücklicherweise«, sagte sie, und um ihre Lippen spielte ein recht selbstzufriedenes Grinsen, »rechne ich schon seit über einem Jahr damit, dass das auf mich zukommt. Seitdem arbeiten wir an entsprechenden Veränderungen des Lehrplans.«

»Wirklich?«

»Natürlich! Meine Güte, Colin, glaubst du nicht, dass ich dich inzwischen lange genug kenne, um zu wissen, wie du denkst? Manchmal brauchst du halt ein bisschen, aber normalerweise triffst du früher oder später genau die richtige Entscheidung.«

»Sie, Admiralin«, bemerkte Colin nüchtern, »zeigen nicht gerade die respektvollste Haltung aller Marineoffiziere der Galaxis!«

»Wenn ich im Dienst bin, schon. Willst du mal mein ›offizielles Kommandantengesicht‹ sehen?« Augenblicklich verschwand ihr Lächeln, verwandelte sich in einen strengen Gesichtsausdruck, und mit einem eiskalten, abschätzenden Blick durchbohrte sie ihn zehn Sekunden lang so fest, dass er glaubte, sich nicht mehr rühren zu können. Dann entspannte sie sich wieder und grinste breit. »Das habe ich immer in meinem Kleiderschrank liegen, damit es griffbereit ist, wenn ich’s brauche.«

»Du meine Güte, kein Wunder, dass die ganzen Kadetten solche Angst vor dir haben!«

»Besser vor mir als vor den Bösen da draußen!«

»Das stimmt. Aber eigentlich wollte ich von dir noch ein bisschen mehr, als nur Anpassungen im Curriculum. Ich möchte, dass du diesen Vorschlag unterstützt.«

»Naja, natürlich«, sagte sie und war sichtlich überrascht. »Warum sollte ich das nicht tun?«

»Ich meine, ich möchte, dass du damit an die Öffentlichkeit gehst und mit den Medien redest«, erklärte er, und sie verzog das Gesicht. Zu den Dingen, die sie von der Magna Charta am meisten schätzte, gehörte, dass sie zum einen zwar die Redefreiheit garantierte, dennoch die Medien in ihre Schranken verwies. Die Imperialen Gesetze zum Schutze des Persönlichkeitsrechts und – noch mehr – die Anti-Verleumdungsgesetze waren für die terranischen Journalisten natürlich ein Schock gewesen. Wenn es eine Lebensform gab, die Adrienne Robbins wirklich zutiefst verabscheute, dann waren das Medien-Fritzen. Die hatten ihr nach der Belagerung der Erde und dem Zeta-Trianguli-Feldzug das Leben zur Hölle gemacht.

»Oh, Scheiße, Colin! Muss ich?«

»Fürchte schon«, erwiderte er und fühlte sich tatsächlich ein wenig schuldig, denn ein ernst zu nehmender Anteil der Palastbediensteten hatte die Aufgabe, ihm die Presse so weit wie irgend möglich vom Leibe zu halten – was durch die Tatsache vereinfacht wurde, dass Jiltanith zum Glück ungleich photogener war als er, zugleich aber auch viel weniger Schwierigkeiten damit hatte, im Mittelpunkt zu stehen. Colin wusste, dass seine Untertanen ihn respektierten, aber ’Tanni liebten sie.

Was, so sinnierte er, darauf schließen lässt, dass die so genannte Öffentlichkeit einen deutlich höheren IQ besitzt, als ich früher für möglich gehalten habe.

»Schau mal«, fuhr er mit äußerst gewinnender Stimme fort, »du weißt doch, wie ich zu den Bürgerrechten der Narhani stehe! Sie sind Bürger dieses Imperiums, genauso wie alle anderen auch. Ihnen ihren eigenen Planeten zur Verfügung zu stellen, mag ja das Potenzial für unmittelbare Unerfreulichkeiten deutlich eingeschränkt haben, aber wir müssen sie in die Regierung und das Militär integrieren, oder genau diese Isolation, die ursprünglich einmal positiv war, wird langfristig dazu führen, dass alles nur noch schlimmer wird. Ich habe ja hier auf Birhat schon einige, die im Staatsdienst tätig sind, aber ich muss die Narhani auch in die Raumflotte integrieren.

Ich rechne nicht damit, dass mir das Militär Steine in den Weg legen wird, aber bei den Zivilisten kann das schon wieder ganz anders aussehen. Ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann, wenn es darum geht, diese Idee an den Mann zu bringen, und außer ’Tanni gibt es niemanden, der der Allgemeinheit da draußen irgendetwas besser würde verkaufen können als du.«

Adrienne schnitt eine Grimasse, doch sie wusste, dass er Recht hatte. Sie war die einzige Offizierin, die sowohl während der Belagerung als auch während des Zeta-Trianguli-Feldzugs ein Großkampfschiff kommandiert und überlebt hatte. Und dazu kam noch: Ihr Schiff hatte den Kampfverband angeführt, der beim letzten, verzweifelten Gegenschlag der Erde vollständig aufgerieben worden war, und ihr Schiff war das einzige gewesen, das diese Schlacht überstanden hatte. Adrienne war die höchstdekorierte Offizierin der Raumflotte, gehörte mehr terranischen Ritterorden an, als sie zählen konnte, und war die einzige Person in der Geschichte der Menschheit, die die höchsten Tapferkeitsorden sämtlicher Nationen der Erde erhalten hatte und dazu auch noch die Goldene Nova. Es war ihr zwar entsetzlich peinlich, aber es stimmte nun einmal.

Und das alles zusammen bedeutete, dass Colin Recht hatte. Wenn er jetzt tatsächlich die schweren Geschütze auffuhr, dann hatte sie wohl keine andere Wahl, als ihn in jeder Weise zu unterstützen.

»Also gut«, seufzte sie schließlich. »Ich mach’s.«

Francine Hilgemann ließ sich dabei Zeit, den Wagen abzuschließen, während sie ihre Umgebung genau betrachtete. Sie hatte auf der Auffahrt keinerlei Überwachungsgeräte bemerkt, aber Paranoia gehörte zu ihrer Überlebensstrategie, und diese Paranoia hatte ihr im Laufe der Jahre reichlich gute Dienste geleistet.

Sie schlenderte über den Parkplatz zu dem Fußgängersteig, der zu dem riesenhaften, hell erleuchteten Denkmalkomplex führte. Bei dem Gedanken daran, einen Treffpunkt mitten im Herzen von Shepherd Center anzusteuern, war ihr nicht ganz wohl, doch sie vermutete, dass diese Wahl durchaus sinnvoll sein konnte. Welcher auch nur halbwegs vernünftig denkende Mensch würde vermuten, dass sich ausgerechnet hier zwei Verräter träfen, um einen ersten Kontakt herzustellen?

Sie trat von dem Transportsteig herunter und drängte sich zwischen all die anderen Besucher, die an der fünfzig Meter hohen Obsidian-Nadel, dem ›Ehrenmal‹, vorbeiströmten und die endlose Namensliste betrachteten, die in den ansonsten schmucklosen Sockel aus Panzerstahl eingeprägt war. Es waren die Namen aller Personen, von denen bekannt war, dass sie in dem Jahrtausende währenden Kampf gegen Anu gefallen waren, und selbst Hilgemann blieb von der andächtigen Stille, die sie hier umfing, nicht unberührt. Aber die Zeit drängte, und sie arbeitete sich forsch durch die Menschenmenge, immer an deren Rand entlang.

Eine weitere, noch stillere Menschenmenge umringte den Achtzigtausend-Tonnen-Rumpf des Raumschiffes, das zusammen mit dem ›Ehrenmal‹ zu diesem Denkmalkomplex gehörte. Das Unterlicht-Kampfschiff Nergal lag immer noch genau dort, wo Flottenkapitän Robbins sie hatte landen lassen: Die Nergal ruhte auf ihrem Bauch und den geborstenen Landestützen, wurde in genau dem Zustand erhalten, in dem sie aus der letzten Schlacht entkommen war. Man hatte sie dekontaminiert; das war auch alles. Ruinierte Raketenabschussrampen und Energiewaffen hingen von ihren verborgenen Flanken herab wie geborstene Zähne. Wie man in dem Schiff hatte überleben können, war für Hilgemann immer noch ein Rätsel, und sie konnte sich noch nicht einmal ansatzweise vorstellen, welche Anstrengungen es gekostet haben musste, dieses Wrack wieder nach Hause zu bringen und dann noch unter eigenem Antrieb landen zu lassen.

Nach einem kurzen Moment wandte sie sich ab und ging zu dem Personalausgang, den man ihr genannt hatte. Er war nicht abgeschlossen, ganz wie versprochen, und sie glitt hindurch in den dahinter liegenden Lagerraum und schloss die Tür hinter sich wieder.

»Also«, sagte sie mit recht scharfem Ton, während sie sich umschaute und die ausgemusterten Maschinen betrachtete, »ich muss schon sagen, dass das hier wirklich genau die richtige Atmosphäre für eine ordentliche Verschwörung hat.«

»Vielleicht.« Der Mann, der sie hierher gerufen hatte, trat mit einem dünnen Lächeln aus dem Schatten. »Andererseits können wir es nicht riskieren, uns allzu oft zu treffen … und ganz gewiss nicht in der Öffentlichkeit, nicht wahr?«

»Ich komme mir vor wie eine Vollidiotin.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Erben des Imperiums" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen