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Die Entführung der falschen Braut

1. KAPITEL

London, 1589

Die Leute sagen, sie ist eine Jungfrau, rein wie frisch gefallener Schnee.“

„Ach wirklich?“ Das Theater war von lautem Stimmengewirr erfüllt, sodass Lord Edward Hartley die geflüsterten Worte seines Freundes Robert Alden kaum verstehen konnte. Was er ihm damit sagen wollte, war jedoch unmissverständlich.

Dies war seine Chance, endlich Rache zu nehmen. Die angeblich reine und unberührte Jungfrau mit ihren blonden Locken und den großen blauen Augen, die von der Tribüne ihm gegenüber das Schauspiel verfolgte, würde ihm dabei helfen, seinem Leiden endlich ein Ende zu setzen.

Wenn er nur den Widerwillen unterdrücken könnte, der ihn bei diesem Gedanken überfiel. Grauste es ihn mehr vor dem Scheusal, das ihn zu dieser Verzweiflungstat trieb, oder vor ihm selbst, weil er eine derartige Niedertracht überhaupt in Erwägung zog?

Edward kämpfte gegen hartnäckige Gewissensbisse. Sir Thomas Sheldon war jedoch damals ohne Gnade seinem Bruder gegenüber gewesen. Und Edward war dazu ebenso imstande.

„Eben diese Reinheit ist es, die Sir Thomas an ihr schätzt“, sagte er.

„So heißt es im Allgemeinen“, antwortete Robert. Ihre Freundschaft war außergewöhnlich, lebten sie doch in zwei verschiedenen Welten. Edward diente Königin Elisabeth bei Hofe, wo er versuchte, die Position seiner Familie durch sein Geschick im Schwertkampf, eleganten Tanz und seine Erfolge bei Turnieren zu verbessern. Rob hingegen war Schriftsteller und Schauspieler, er war bestens vertraut mit Londons Halbwelt.

Doch Tavernen, Freudenhäuser und Spielhöllen scherten sich nicht darum, woher ihre Einnahmen stammten, und so verkehrten sie in denselben Kaschemmen. Sie sammelten und teilten auch wertvolle Informationen miteinander, die sie von Bekannten aus allen Gesellschaftsschichten bekamen. Auf diesem Wege hatte Rob herausgefunden, dass Sir Thomas Sheldon vorhatte, die sechzehnjährige Jungfer Jane Courtwright zu seiner strahlenden Braut zu machen.

Jane war normalerweise an den herrschaftlichen Sitz ihrer Familie am Ufer der Themse gebunden, nur selten sah man sie bei Hofe. Ihr Theaterbesuch an diesem Abend war ein glücklicher Zufall.

Sie war wirklich ein hübsches Mädchen, dessen war Edward sich wohl bewusst. In ihrem feinen Gewand aus blauem Samt erinnerte sie ihn an eine prächtig herausgeputzte Puppe. Ihre runden, sanften Wangen leuchteten rot vor Freude darüber, dass sie sich hier endlich einmal frei bewegen durfte, dass sie das Treiben auf der Bühne und die farbenprächtige Menge davor betrachten konnte. Das arme Lämmchen war ganz offensichtlich reif, von Sheldon zur Schlachtbank geführt zu werden. Damit wäre sie nur eines unter vielen Opfern seiner Gier.

„Was denken sich ihre Eltern nur dabei?“, sagte Rob. „Sheldon muss gut dreißig Jahre älter sein als sie und zweihundert Pfund schwerer. Sie wird in der Hochzeitsnacht zerquetscht werden.“

„Oder schon vorher. Sheldon zerstört Unschuld, wo immer sie ihm begegnet – das ist sein Metier“, antwortete Edward. Er dachte dabei nicht nur an die unglückliche Jane Courtwright, sondern auch an seinen Bruder Jamie, der der Welt genauso jung und naiv gegenübergestanden hatte wie sie, begierig darauf, sich ins Leben zu stürzen, ohne etwas von der Welt zu wissen. Bis Sheldon sein Leben zerstört hatte.

Edward musste genau das im Kopf behalten: seinen Bruder und die Vergeltung, die er Jamie schuldete. Er konnte sich kein Mitleid mit einem Mädchen erlauben. Sie würde die Grausamkeit der Welt in aller Härte kennenlernen, genau wie Edward.

„Ich kann mir vorstellen, was ihre Eltern bewegt“, fuhr er fort. „Es geht um Geld. Ich habe bei Hofe gehört, dass ihre Familie bankrott ist. Die Gastfreundschaft, mit der sie die Königin im letzten Sommer auf ihrem Landsitz unterhalten haben, hat sie den letzten Heller gekostet. Sheldon wird sich die Jungfräulichkeit ihrer Tochter eine hübsche Summe kosten lassen.“

Rob klopfte mit seinen von Tinte geschwärzten Fingern auf die hölzerne Balustrade ihrer Loge. „Er wäre sehr ungehalten, wenn die Gerüchte über ihre Unschuld … übertrieben wären. Mutter Nan, der das Freudenhaus am anderen Ende der Gasse gehört, meinte, er will nur junge, unschuldige Huren – oder zumindest solche, die Jungfräulichkeit gut spielen können. Dafür lässt er einiges springen.“

„Und was wäre ihm die Jungfräulichkeit einer Ehefrau wert?“

„Ich verstehe, worauf du hinauswillst“, sagte Rob. Er betrachtete das Mädchen prüfend. „Bringst du das übers Herz, mein Freund? Ich weiß, dass du auf eine solche Gelegenheit lange und geduldig gewartet hast, aber ich kenne dich. Du bist nicht wie Sheldon.“

Edward lachte verächtlich. „Das stimmt, ich habe nicht seine Vorliebe für frische Jungfräulichkeit. Sie ist ein überschätztes Gut. Aber Sheldon ist genauso bereit, für den Anschein von Unschuld zu bezahlen wie für ihre tatsächliche Unberührtheit. Ihm geht es vor allem um seinen guten Ruf. Ich werde dem Mädchen kein Haar krümmen, Rob. Ich will Sheldon nur einen Grund geben, sich mir endlich zu stellen. Das Mädchen wird ihn dann los sein.“

„Und dann wirst du ihn vor aller Welt demütigen, wirst ihm alles nehmen, was ihm lieb und teuer ist.“

„Genau“, sagte Edward nur. Allein dafür hatte er seit Jamies Tod gelebt – um sich endlich an Sheldon zu rächen. Im Vergleich damit war alles andere in seinem Leben bedeutungslos.

Rob schüttelte den Kopf. „Es ist dein gutes Recht, Sheldon bloßzustellen. Niemand, der die wahren Umstände kennt, würde versuchen, dich davon abzuhalten.“

Wenn es Sheldon nur nicht schon so lange gelungen wäre, seine schändlichen Machenschaften unter dem Deckmantel der Ehrbarkeit zu verbergen. Edward musste sichergehen, dass er Sheldons Ehre vollständig zerstören konnte. „Dann wird die Welt ihn endlich so sehen, wie er wirklich ist.“

„Hier in Southwark ist allgemein bekannt, dass er ein Betrüger ist. Er würde in einem Duell ebenso betrügen, wenn es dazu kommt. Wenn er dich tötet …“

„Auch dann wäre die Sache endlich ausgestanden. Ich wäre vom Angesicht der Erde verschwunden, und die Königin wäre untröstlich über den Verlust ihres Lieblingshöflings.“

„Ihres bevorzugten Anblicks meinst du.“

Edward lachte. „Er wird mich nicht töten. Ich bin jünger und stärker als er, und ich bereite mich seit Ewigkeiten auf diesen Tag vor. Wenn er bei Hofe einmal in Ungnade gefallen ist, wird er niemandem von uns mehr zu nahe kommen.“

Rob nickte, aber Edward konnte sehen, dass es ihm nicht gelungen war, seine Zweifel zu zerstreuen. Rob bevorzugte die direkte Konfrontation – ein Degen in einer dunklen Gasse, eine Schlägerei im Wirtshaus. Aber Edward musste sichergehen, dass Sheldon vor aller Welt als der Schurke dastand, der er war. Und der Weg zu diesem Ziel führte über Jane Courtwright.

Plötzlich schlug Rob mit der Faust auf die Balustrade. „Zum Teufel!“, rief er. „Der Dummkopf ruiniert schon wieder mein Stück.“

Ethan Camp, der Narr der Theatertruppe, wirbelte unter ihnen über die Bühne, dabei hielt er eine improvisierte Ansprache, anstatt den Text zu sprechen, den Rob für ihn geschrieben hatte. Rob sprang auf und hastete aus der Loge. Die Tür schlug er hinter sich zu. Edward war mit seinen düsteren Gedanken allein.

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