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Die Entführung der Wochentage 1

Lena Kleine

Die Entführung der Wochentage 1

Sklavin Sonntag





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Kleine Lena

 

Die Entführung

der

Wochentage

 

Sklavin Sonntag

 

 

Teil 1

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage

 

Copyright © 2014 by Kleine Lena, München

Umschlaggestaltung: Kleine Lena

 

Wichtiges Vorwort

Das Buch enthält erotische Textstellen und ist voller düsterer, verstörender Romantik.

 

Die Story ist als reine Fantasie anzusehen und spiegelt nicht die realen Annahmen/Ansichten der Autoren wider, die außerhalb dieses Romans jegliche Gewalt ablehnen.

 

Bitte verzeiht uns eventuelle Rechtschreibfehler, die das Buch enthalten könnte. Wir möchten euch darauf hinweisen, dass es bestimmt nicht fehlerfrei ist. Aber wir haben unser Bestes gegeben.

 

So! Und jetzt allen Lesern, die das Buch trotzdem lesen wollen, viel Spaß damit.

 

Eure Lena & Kleine.

Das Treffen

Sofia zog den Mantel dichter um ihren zitternden Körper. Sie bibberte nicht wegen des Schneesturms, der über sie hinwegfegte und die letzten, trockenen Blätter von den Bäumen blies, sondern aufgrund der brisanten Informationen, die sie in einer unscheinbaren Plastiktüte bei sich trug, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Unsicher und nervös drückte sie die verpackten Dokumente, die einen skrupellosen, gefährlichen und eiskalten Mann in Bedrängnis bringen würden, dichter gegen ihren zitternden Leib, der zwar der Kälte, aber nicht ihrer Angst trotzen konnte. Nie in ihrem journalistischen Leben zuvor war sie so aufgeregt wie heute gewesen.

Mit scharfen und wachen Sinnen beobachtete sie ihre schneebedeckte Umgebung, soweit es der dicht fallende Schnee zuließ.

Dort! Sie seufzte erleichtert auf, als sie am Ende des Weges eine große Silhouette erkennen konnte, die Leons Körperbau und seiner Art zu gehen entsprach. Ein durchtrainierter Körper tänzelte in fließenden Bewegungen und beinahe mühelos durch die weißen Verwehungen. Sofia kannte niemanden, der einen so selbstsicheren und arroganten Gang wie Leon besaß.

Trotzdem blieb sie in Alarmbereitschaft. Ihr Job als Journalistin hatte ihr die nötige Vorsicht gelehrt und so entspannte sie sich erst, als der weiße Vorhang gelüftet wurde und unverkennbar das Gesicht des Polizeichefs vor ihr auftauchte.

Rasch wischte sie die Schneeflocken von ihren Wimpern und sah zu ihm hoch. Seine blauen, geheimnisvollen Augen musterten sie besorgt und er legte seinen Arm um ihren bebenden Körper.

»Alles in Ordnung?«, fragte er und in seiner rauen Stimme lag eine Fürsorge, die Sofias Herz erwärmte, während er sie an seinen Brustkorb heranzog. »Ich bin sofort gekommen, als du mich angerufen hast. Was ist denn passiert? Du klangst furchtbar aufgeregt!«

Leicht errötend schmiegte sie ihre Wange enger an seine Brust, die sich selbst durch den weichen, gefütterten Mantel stahlhart und muskulös anfühlte. Sie verharrte einen kurzen Augenblick in der Geborgenheit seiner Umarmung und in seiner beschützenden Sicherheit, die er ausstrahlte. Dann schälte sie ihren Körper unter seinen Armen hervor und hielt Leon die Plastiktüte entgegen. »Hier«, keuchte sie aufgeregt und kleine Atemwolken stiegen auf. »Ich habe die Beweise!«

Leon runzelte seine makellose Stirn und er blickte irritiert auf das rote Plastik hinab. »Von was redest du, Sofia?«

Anstatt ihm zu antworten, drückte sie ihm die Tüte auffordernd gegen die Brust.

»Öffne sie«, erwiderte sie bedeutungsvoll, »und du wirst es verstehen. Es ist unglaublich, was ich herausgefunden habe.«

Ein Bauwagen hielt vor dem menschenleeren Park, aber diesen Umstand nahm sie nur am Rande war, so aufgeregt war sie, als er endlich in die Tüte griff und die Dokumente vorsichtig hervorzog. Sie wagte es kaum, zu atmen.

Seine Hände durchblätterten beiläufig die unzähligen Fotos und Berichte, die Sofia akribisch gesammelt hatte.

Sie sah ihn enttäuscht an, irgendwie hatte sie eine heftigere Reaktion als dieses stillschweigende Stirnrunzeln von ihm erwartet. Schließlich präsentierte sie ihm gerade die besten Beweisstücke gegen Tom van Darkson und dessen verrottetes Imperium. Doch anstatt freudiger Erregung spiegelte sich lediglich eine undefinierbare Mischung aus Wut und Sorge auf seinem Antlitz wider. Als er beim letzten Beweisstück angekommen war, schaute er ernst auf Sofia hinab und steckte die Unterlagen in seine Manteltasche.

»Kleine Sofi«, sagte er sehr leise, aber umso deutlicher. »Ich habe dir doch gesagt, dass du dich nicht in meine Ermittlungen einmischen sollst. Das ist viel zu gefährlich! Hast du noch weitere, brisante Informationen, die dein Leben gefährden könnten?«

»Nein«, erwiderte sie gekränkt. Normalerweise mochte sie es, wenn er ihren Kosenamen ‚kleine Sofi‘ benutzte, aber in der jetzigen Situation war das völlig unangebracht. Sie wischte seine Angst mit einer ärgerlichen Geste beiseite. »Mach dir keine Sorgen. Sag mir lieber, ob die Beweise ausreichend sind, Tom van Darkson in Bedrängnis zu bringen?«

Ein Schatten huschte über sein markantes Gesicht. »Ja, sie sind ausreichend, um den Sicherheitsrat zu überzeugen, dass Tom van Darkson nicht nur eine Gefahr für seine eigene Bevölkerung darstellt, sondern auch für die Bewohner fremder Staaten.«

»Meinst du?«, fragte sie atemlos und rieb ihre Hände aneinander. »Das wäre so fantastisch! Wann werden wir die Beweise weiterleiten?«

Er schüttelte seinen Kopf und stemmte seine Handballen energisch in die Hüfte. »Wir? Es wird kein wir geben. Ich werde die Dokumente mit Rene zusammen auswerten und sie dann beim Rat abliefern.«

Sie wollte Einspruch erheben, aber er fuhr ihr über den Mund. »Du hingegen wirst dich in dieser Zeit versteckt halten und mit niemandem darüber sprechen, denn ich habe keine Lust, die nächste Leiche aus dem Fluss zu fischen, die auf das Konto von Darksons Auftragskillern geht. Haben wir uns soweit verstanden?«

»Aber«, setzte Sofia erneut an und wollte sich Gehör verschaffen, aber der Ermittler winkte ab. »Wir treffen uns in zwei Tagen in unserer Stammkneipe, bis dahin sollte ich alle Beweise gesichtet und ausgewertet haben. Aber solange verschwindest du in deiner Wohnung, okay?«

Sie kam sich wie ein kleines, gescholtenes Schuldmädchen vor und es erzürnte sie, wie er mit ihr umsprang.

»Mal sehen«, entgegnete sie ihm schnippisch und wollte sich zum Gehen abwenden, aber er hielt sie am Handgelenk fest. »Bitte«, mahnte er sie eindringlich. »Ich meine es ernst. Falls Spitzel herausfinden, was du weißt, bist du verloren. Du musst mir versprechen, wenigstens die zwei Tage in deiner Wohnung unterzutauchen und nirgends mit den Beweisen hausieren zu gehen. Ich will…«, er machte eine kleine Pause und seine Finger umschlangen fester ihr Gelenk, »dich nicht verlieren.«

Seine grauen Augen drangen tief in ihre Seele vor und verursachten ein ungeahntes Herzklopfen. Sie musste zugeben, sie hatte sich ein wenig in den Mann verliebt, der so verschlossen und undurchschaubar wirkte.

»Sofia«, hakte er ungeduldig nach, als sie nicht sofort reagierte, »hältst du dich an die Abmachung? Ansonsten lasse ich dich in Schutzhaft nehmen, ich schwöre es dir!«

Sie ließ sich von seiner Sorge und seiner Androhung breitschlagen. »Ja«, bestätigte sie missmutig seinen Wunsch. »Ich bleibe zu Hause. Wir sehen uns dann im Lokal.«

Erleichterung spiegelte sich auf seinem harten Ausdruck wider. »Danke«, raunte er und löste seinen Griff um ihr Handgelenk.

Sie nickte ihm zu und stapfte nach Hause. Obwohl sie nach außen gefasst wirkte, brodelte es in ihr. Wie konnte Leon es wagen, sie wie ein schutzloses Mädchen zu behandeln? Sie würde ihm in zwei Tagen ordentlich die Meinung geigen. Schließlich hatte sie die Informationen beschafft. Es war ihr Fall und er würde sie nicht einfach herausdrängen können.

Schimpfend bog sie in die Straße zu ihrem Wohnhaus ein, das direkt neben dem kleinen Park lag. Dass Leon ihr mit finsterer Miene nachsah und die Tüte in seinen Händen zusammenballte, bekam sie nicht mit.

Absprache

Leon schloss die Wohnungstür zu dem kleinen Apartment auf, das er zusammen mit seinem Kollegen angemietet hatte. Wütend pfefferte er den Mantel samt den Beweismitteln auf den Boden. Er musste die Dokumente kein zweites Mal durchsehen, um zu wissen, dass Sofia in Schwierigkeiten steckte. Aber die Gefahr kam aus einer Richtung, mit der sie sicherlich nicht rechnete.

Rene, der junge Ermittler, sprang vom Sofa auf, als er seinen Chef mit dieser Grabesmiene eintreten sah.

»Oha«, kommentierte er Leons Verfassung. »Schlechte Nachrichten?«

»Wie man’s nimmt und vor allem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.«

Rene zog fragend seine Augenbrauen hoch, aber der andere Mann hatte keine Lust, die Geschehnisse zusammenzufassen, und befahl daher nur seufzend: »Benachrichtige Tristan, ich habe einen Auftrag für ihn, er soll meinen Jet nehmen und hierher fliegen.«

Der Angesprochene sah verwirrt zu seinem Boss, der in dem Zimmer rastlos auf und ab tigerte.

»Tristan?«, überprüfte er das Gehörte und fing sich damit einen bitterbösen Blick des Ermittlers ein. »Muss ich denn alles wiederholen? Jetzt ruf ihn gefälligst an. Ich brauche ihn.«

Ein Verdacht schien Rene zu beschleichen, denn er fragte alarmiert nach: »Geht es um Sofia? Ist etwas passiert?«

»Ja«, kam die Antwort prompt und Leon stellte sich ans Fenster, wo er melancholisch die grauen Schneewolken musterte: »Sie hat rumgeschnüffelt.«

»Und was hat sie herausgefunden?«, wollte der Jüngere wissen.

Die dicken, weißen Flocken rieselten auf die Erde hinab und klebten sich an das Glas. Leon wandte seine Augen von der Landschaft ab und schnaubte: »Zu viel.«

»Okay«, antworte der Junge leise. »Wie sieht dein Plan aus?«

Leon murmelte müde: »Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie verschwinden zu lassen. Die Gefahr, dass sie Tom van Darkson verrät, ist zu groß.« Er lehnte seinen Oberkörper gegen das kalte Fenster. »Aber zuvor muss ich herausfinden, ob sie uns wirklich alle Informationen gegeben hat.«

Rene nickte mitfühlend. »Verstehe. Ich helfe dir.«

»Danke.«

Die Falle

Sofia wartete aufgeregt in ihrer gemeinsamen Stammkneipe auf Leon und Rene. Sie hatte die letzten Nächte miserabel geschlafen und blinzelte träge im schummrigen Licht der Spelunke. Trotz der inneren Anspannung konnte sie ein Gähnen nicht unterdrücken.

»Na, na«, kam es tadelnd hinter ihr und ein verschmitztes, jugendliches Gesicht tauchte neben ihr auf.

»Rene«, entfuhr es ihr freudig und sie umarmte den schlanken Mann.

»Mir sind ja ganz ungeheuerliche Sachen zu Ohren gekommen, Sofia. Ich habe gehört, du hättest dich in Lebensgefahr gebracht. Leon war alles andere als erfreut, das kann ich dir sagen.«

»Ach«, schnaufte Sofia, »der übertreibt.«

Rene lachte. »Er hätte mir gestern beinahe den Kopf abgerissen, nur, weil ich es gewagt habe, dich in Schutz zu nehmen.«

»Schön«, grinste Sofia und winkte dem Wirt. »Dann lade ich dich jetzt auf einen Drink ein. Ich mag es, wenn man Partei für mich ergreift.«

»Das nennt man nicht Partei ergreifen, sondern Sterbehilfe leisten«, knurrte es mürrisch hinter ihr und Leon trat mit einem weiteren, missbilligenden Grunzen an den kleinen Stehtisch heran. Er hatte sich, wie so oft, lautlos herangeschlichen.

Sie schenkte seiner Laune wenig Beachtung, sondern scherzte: »Ah, der Herr Griesgram ist auch endlich da. Mir hat schon dieses monotone Brummen gefehlt.« Amüsiert bestellte sie für den Ermittler ein Bier mit, aber er quittierte ihre Einladung nur mit einem abwehrenden Kopfschütteln.

Er war also immer noch sauer.

Sie kicherte. Er wirkte irgendwie niedlich, wenn er ihr zürnte.

»Also«, fragte sie leise. »Habt ihr euch die ganzen Unterlagen angeschaut und sie besprochen?«

»Ja«, erwiderte Leon und sein Tonfall klang in Sofias Ohren betrübt.

»Sei doch nicht so redeselig«, entfuhr es ihr sarkastisch. »Wie sieht der Plan aus?«

»Der Plan?«, wiederholte Leon gereizt. »Es gibt keinen Plan. Schon gar nicht für dich.«

Sie griff nach vorne und packte den Ermittler grob am Handgelenk. Er neigte bedächtig seinen Kopf und starrte auf ihre Hand, die ihn umklammert hielt.

Rene sog entsetzt die Luft ein, aber sie strafte ihn für seine Theatralik nur mit einem verächtlichen Schnauben. »Hört mir gut zu, ihr zwei, ich hab die Schnauze voll, entweder wir arbeiten zusammen oder ich mach es alleine. Habt ihr das kapiert?«

Etwas veränderte sich in Leons Blick. Er sah ihr jetzt direkt in die Augen. »Gut«, sagte er in einem Tonfall, der ohne jegliche Gefühlsregung war. Er entriss ihr sein Handgelenk und winkte den Wirt erneut heran. »Wir wollen gehen. Bitte stornieren sie die Bestellung. Danke.«

»Hä? Ich verstehe nicht«, fragte Sofia verständnislos, als die Bedienung hinter dem Tresen und somit aus ihrer Hörweite verschwand.

»Das ist nicht der richtige Ort für eine so gefährliche Konversation«, antwortete ihr Leon und schob sie zum Ausgang hin.

Rene folgte ihnen und legte seinen Arm um Sofia, die verdattert erst ihn und dann Leon anschaute. »Aber ich wollte etwas trinken.«

»Später«, beschwichtigte der Junge sie und sie traten auf die Straße hinaus. Vor dem Eingang wartete ein parkendes Taxi. Verwundert stellte sie fest, dass sie genau darauf zusteuerten und als sie näherkam, konnte sie keinen Fahrer im Inneren erkennen. Die Ermittler mussten es also angemietet haben.

»Wohin fahren wir?«, wollte sie überrascht wissen, als Rene ihr die Tür zur Rückbank des Taxis öffnete und sie regelrecht hineindrückte, ehe er neben ihr Platz nahm.

»An einen sicheren Ort«, brummte der Polizeichef von draußen. »Es gab nämlich Morddrohungen gegen uns und dich.«

»Ich will mich nicht verstecken«, maulte sie genervt und wollte die Türe auf ihrer Seite wieder öffnen, aber Rene zog sie sanft zurück und hielt sie fest. »Du willst doch mit uns zusammenarbeiten, oder?«

Sie nickte, denn er appellierte gekonnt an ihren journalistischen Stolz. Er lockerte seinen Griff. »Gut, dann stell dich nicht so an. Wir wollen nur in unser Geheimversteck. Dort können wir in Ruhe ausdiskutieren, wie unsere gemeinsame Kooperation aussehen soll.«

Sofia rollte bei seinen Worten mit den Augen, signalisierte ihm aber, dass sie sitzen bleiben würde, und er ließ sie vollends los.

Durch die Autoscheibe sah sie, wie Leon zum Fahrersitz ging und hineinstieg.

»Hab ich einen Nebenjob von euch verpasst?«, ätzte sie, als Leon das Auto startete.

Der Ermittler warf ihr einen despektierlichen Blick im Rückspiegel zu und erklärte: »Ein Taxi ist das beste Auto für Observationen. Es ist unauffällig, kann stundenlang irgendwo stehen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen und ...«

»Schon gut«, unterbrach sie ihn, denn auf eine Lehrstunde konnte sie getrost verzichten, »ich hab‘s verstanden.«

Der Wagen rollte los und sie starrte stumm aus dem Fenster. Gelangweilt verfolgte sie die vorbeiziehende Landschaft, die immer dunkler und einsamer wurde. Die Lichter der Häuser wurden kontinuierlich weniger, bis gar keine Siedlungen mehr den Weg säumten.

Als sie für ihren Geschmack schon ziemlich lange unterwegs waren, streckte sie ihren Arm aus und stieß den jungen Mann neben ihr unwirsch an: »Wann sind wir denn an diesem ominösen Ort?«

»Bald«, gab Rene wenig auskunftsfreudig zurück.

Übellaunig wandte Sofia sich wieder der Glasscheibe zu und betrachtete die Umgebung. Sie fuhren auf einer kleinen Landstraße, die bald darauf in einem Waldpfad mündete. Der Wagen ruckelte noch ein paar Meter über einen unbefestigten Weg, dann stoppte er.

Irritiert nirgends ein Gebäude oder Haus zu sehen, drehte sie sich Rene zu. »Das soll euer Versteck sein?«

Er schüttelte seinen Kopf. »Nein, aber hier sind wir ungestört.«

Plötzlich stieg Leon aus, umrundete das Auto und öffnete ihre Tür. »Rutsch in die Mitte«, befahl er freundlich und drängte sich neben sie auf die Rückbank. Jetzt saß sie eingekeilt zwischen den durchtrainierten Männern und fühlte sich ziemlich beengt.

»Übertreibt ihr es nicht mit eurer Vorsicht?«, motzte sie und versuchte, sich ein wenig mehr Raum zu verschaffen.

»Nein«, sagte Leon leise und seine Hand packte sie grob am Genick. Das ging jetzt eindeutig zu weit. Sofia wollte empört aufbegehren, als sie plötzlich begriff, dass es keine freundschaftliche Rangelei mehr war. Ihr Nacken schmerzte, als er ihren Kopf nach unten zwang. »Ich hatte dich wirklich gern, Sofia.«

Sie verstand nicht oder besser gesagt, sie wollte es nicht verstehen. »Was?«, stotterte sie, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie Rene Kabelbinder aus seiner Manteltasche hervorholte.

»Ihr … gehört zu denen?!«, wisperte sie und ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. »Das kann nicht sein«, schluchzte sie. »Ihr wollt mir nur Angst einjagen, nicht wahr? Das ist ein Scherz, oder?«

»Hörst du uns lachen, meine Liebe?« Leon schüttelte seinen Kopf. »Nein, das ist kein Scherz!«

»Bitte.« Tränen füllten Sofias Augen. »Wir sind doch Freunde.«

Sie hörte sein bitteres Aufseufzen. »Hättest du auf deine Freunde gehört, müssten wir das jetzt nicht tun. Aber du hast dich ja nicht abbringen lassen, deine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken.«

Sie zuckte zusammen. Seine Worte hatten mitleidslos und kalt geklungen.

»Ich …«, stammelte sie, aber seine Hand umschlang nur fester ihr Genick, sodass sie mitten im Satz abbrach und gepeinigt aufstöhnte.

»Rene«, hörte sie ihn sagen. »Fessel sie. Der andere Wagen ist da.«

Erst jetzt realisierte Sofia die hellen Scheinwerfer, die in das Wageninnere strahlten.

»Nein«, kreischte sie in Todesangst und zwängte sich an den Leibern der Männer vorbei, hinzu der Mittelkonsole, über die sie ihr Ziel, die Vordertür, erreichen wollte, aber kräftige Hände packten sie an der Taille und rissen sie zurück. Sie schlug wild - jedoch relativ unkoordiniert - um sich, aber Leon bekam ihre Handgelenke mit der rechten Hand zu fassen und hielt sie fest.

»Das bringt doch nichts, Sofia«, schnaufte er, bemüht sie im Zaum zu halten. »Halt still.«

Sie dachte nicht daran, ihre Gegenwehr einzustellen, sondern schlug ihre Zähne in Leons linken Arm, der ihren Körper umschlungen hielt. Zeitgleich trat sie nach Rene, der sich an ihren Beinen zu schaffen machen wollte.

Leon atmete schmerzerfüllt ein und zog mit einem harten Ruck seinen Arm nach oben und über ihre Kehle. Er drückte ihr mit seinem Unterarm die Luft ab. »Ich würg dich, solange bis du ohnmächtig wirst, wenn du nicht sofort aufhörst. Mir ist es egal, wie viele deiner Gehirnzellen dabei draufgehen, dir auch?«

Sie rang panisch nach Luft und löste so automatisch ihre Zähne aus seinem Fleisch. Tatsächlich ließ der atemraubende Druck auf ihrem Hals nach, als sie den Ermittler nicht mehr biss. Dafür spürte sie einen kalten Lufthauch und musste mit Entsetzen miterleben, wie Rene ausstieg und sie an den Fußgelenken aus dem Auto zerren wollte.

»Nein«, schrie sie schluchzend und bäumte ihren Leib mit aller Kraft auf. Sofort spannte Leon seinen Arm wieder fester um ihren Hals und seine Lippen waren plötzlich ganz dicht an ihrer Ohrmuschel, als er heiser flüsterte: »Ich verliere gleich die Geduld mit dir und dann tue ich dir richtig weh, also benimm dich jetzt gefälligst.«

Halb ohnmächtig vor Panik und Luftmangel bekam sie nur schemenhaft mit, wie sie aus dem Wagen geschleift wurde. Ihr Rücken rutschte über das Lederpolster und ihre Hüfte hing schon aus dem Auto heraus, da sammelte sie ihre verbliebene Energie und rammte Rene ihren Fuß in den Magen. Der junge Mann ließ die Kabelbinder fallen und hielt sich mit schmerzverzerrten Ausdruck seinen Bauch.

»Verdammt«, zischte er erbost auf, nachdem er ein paar Mal geschnauft hatte, dann packte er erneut zu und beförderte sie mit einem einzigen, brutalen Ruck nach draußen, als Leon sie wie auf ein geheimes Stichwort hin losgelassen hatten. Man merkte den Ermittlern an, dass sie ein eingespieltes Team waren – auch wenn Sofia es in diesem Fall zutiefst bedauerte.

Sie landete im eiskalten Schnee, der sofort auf ihrer Haut schmolz und sie klitschnass werden ließ, da ihre Jacke samt Pullover beim Kampf nach oben gerutscht waren. Halb entblößt, starrte sie für wenige Millisekunden atem- und fassungslos in den trüben Nachthimmel, dann verdunkelte sich ihr Blickfeld und Rene tauchte wie ein schwarzer Todesengel über ihr auf. Er stützte sich am Dach des Wagens ab und schaute keuchend zu ihr herunter. »Mensch Sofia, wer hätte gedacht, dass du eine solche Kratzbürste sein kannst.«

Sie sah, wie er hinterhältig grinste. »Du siehst so harmlos aus und dann bist du so eine Wildkatze. Interessant.«

Sofia wollte sich erheben, der Schnee brannte unerträglich kalt auf ihrer Haut, aber der junge Ermittler setzte rasch seinen Fuß auf ihren Brustkorb. »Nein, du bleibst schön dort liegen.« Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, trat er etwas fester zu.

»Pass auf, dass sie nicht abhaut.« Leon tauchte jetzt neben Rene auf. Doch er war nicht alleine. Ein maskierter Mann stand neben ihm und betrachtete Sofia von oben bis unten.

»Das ist sie?«, fragte der Mann mit der Sturmmaske so ruhig, als sei das, was er gerade miterlebte, für ihn nur Routine.

Leon nickte und ließ sich seitlich neben Sofia in die Hocke sinken. Er saß nur wenige Zentimeter neben ihrem Kopf und seine Hand wischte ihr das zerzauste, nasse Haar aus dem Gesicht.

»Ja«, sagte er leise und fing eine Träne von ihr mit dem Daumen auf. »Das ist sie.«

Der Fremde kniff seine Augen zusammen. »Muss ich irgendwas beachten?«

»Nein, alles so wie wir es besprochen haben.«

»Gut«, antwortete der Maskenmann und Rene nahm sein Bein von Sofias schmerzenden Oberkörper. Sie atmete ein. Endlich bekam sie wieder mehr Luft, aber es war ihr nicht lang vergönnt, Erleichterung zu empfinden, denn Leon griff ihr unter die Arme und zog sie im Aufstehen mit sich hoch.

»Bitte«, hauchte Sofia. »Lasst mich nicht lange leiden. Wenigstens das sei ihr mir als Freunde schuldig.«

Die Finger des Mannes, dem sie vertraut hatte, berührten ihren Hals und liebkosten ihn. »Du sollst denen nur ein paar Fragen beantworten, mehr nicht.«

»Denen?! Ich weiß nicht mehr, als das, was ich euch schon überreicht habe.«

»Ich bin mir sicher, kleine Sofi, dass du Informationen zurückgehalten hast. Ich kenne dich zu gut, um dir diese Lüge abzunehmen. Aber nun gut, es ist an der Zeit, dass wir uns von dir verabschieden.«

Sofia schluchzte und Tränen nahmen ihr die Sicht. »Bitte, Leon«, ihre Hände klammerten sich an seinen Ärmelsaum, »geh nicht. Lass mich nicht in den grausamen Händen von Darksons Killern zurück. Du weißt doch, was das Imperium mit unliebsamen Menschen macht. Sie werden mich foltern!«

Leon verharrte für einen Moment regungslos. Er wirkte traurig. »Ich kann dir nicht helfen, mach es gut, kleine Sofi.«

»Nein, nein«, winselte sie und ihre Hand glitt ins Leere hinab, als er seinen Arm unwirsch aus ihrer panischen Umklammerung riss. Rene trat hinter sie und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, dann verschwand auch er aus ihrem Sichtfeld.

Sie blieb mit dem Maskierten im dunklen Wald zurück. Alleingelassen, um langsam und qualvoll zu sterben. Der Kloß in ihrem Hals wollte auch nach mehrmaligen Schlucken nicht weichen.

»Mach keine Schwierigkeiten«, raunte der unbekannte Kerl und packte sie am Oberarm. Sie weinte, bittere Tränen rannen über ihre Wangen und verwischten das Make-up. Sie musste inzwischen relativ verheult aussehen. Im Moment war wirklich nicht mehr viel von der taffen Journalistin übrig, weder äußerlich noch innerlich, denn ihre Knie waren weich wie Butter und Übelkeit suchte sie in krampfartigen Wellen heim. Sie ließ es sogar zu, dass der Maskierte sie wie ein Opferlamm zur Schlachtbank führte. Erst als vor der Laderampe des Lieferwagens ankamen, erwachte sie aus ihrer Lethargie. Aber sie hatte zu lange gezögert, denn die Türen des Autos flogen auf und zwei dunkle Schemen grinsten von der Laderampe auf sie herab.

»Nein«, hauchte Sofia.

»Doch«, murmelte der Mann hinter ihr. »Das ist dein Schicksal.«

Entsetzt prallte sie zurück und gegen seinen harten Oberkörper. Sie wurde von hinten gepackt, sein rechter Arm umschlang ihren Brustkorb und mit dem Anspannen seiner Muskulatur presste er ihre Extremitäten gegen ihren eigenen Körper, während er mit seiner linken Hand ihren Mund verschlossen hielt. »Scht. Gegenwehr ist zwecklos«, ertönte seine raue Stimme beinahe tröstend.

Sie versuchte dennoch, zu schreien, aber seine Finger auf ihre Lippen erstickten jeden Schrei. Unsanft wurde sie nach vorne gedrückt, wo sie die zwei Männer im Auto in Empfang nahmen. Sie zerrten an ihren Armen, kugelten ihr beinahe die Schultergelenke aus, als sie ihren Körper nach oben hievten, sodass Sofia schmerzhaft aufstöhnte. Doch weder auf ihr seelisches noch körperliches Wohl wurde Rücksicht genommen.

Kaum, dass sie auf der Ladefläche stand, trat ihr jemand in die Kniekehlen, sie verlor den Halt und kippte nach vorne. Ihr Sturz wurde grob abgefangen, indem sie jemand am Kragen packte, sie röchelte als der Kragen ihrer Jacke sie strangulierte. Sie keuchte, strampelte und rang nach Luft. Sie drohte, zu ersticken, doch dann wurde sie unsanft auf dem Boden abgelegt. Man ließ sie komplett los und der Kragensaum der Jacke lockerte sich, aber bevor sie sich umdrehen oder reagieren konnte, fühlte sie einen schweren Körper auf ihrem Rücken. Sie brüllte auf, aber auf diesen Moment schien der Kerl nur gewartet zu haben, denn ein Knebel schob sich zwischen ihre Lippen und verschloss ihren Mund.

Sie warf ihren Kopf hin und her und versuchte, das Ding abzustreifen, aber das Band um ihren Kopf wurde festgezogen, sodass ihr keine Möglichkeit mehr blieb, gegen den Ball in ihrem Kiefer anzukämpfen.

Sie heulte und wollte sich aufbäumen, aber das Knie des Mannes fixierte sie schmerzhaft auf den Boden. Ihr Angreifer blieb unerbittlich auf ihr sitzen und schien nicht einmal besonders beeindruckt von ihrer Gegenwehr, sondern spulte routiniert sein Programm ab.

Er griff in ihre Haare und zog sie beim Schopf hoch. Sie stieß durch den Knebel einen gurgelnden Laut aus, als ihr Hals nach hinten gebogen und schmerzhaft überdehnt wurde. Mit Panik stellte sie fest, dass er im Begriff war, ihr eine Maske überzustülpen.

»Mhmmm.«

Aber alles Gejammer nutzte nichts, ihr Blickfeld wurde schwarz und sie war ihres Sehsinns beraubt.

Erst jetzt widmete man sich ihren Händen, mit einem harten Ruck wurden ihre Arme nach hinten gezogen. Ein Klicken erscholl und Sofia spürte, kaltes Metall um ihre Handgelenke schnappen. Jetzt war sie gefangen!

Sie weinte.

Endlich stieg der Mann von ihr herunter. Seit sie im Wagen waren, hatte er kein einziges Wort gesprochen und die Stille, die sich in dem Inneren des Laderaums ausbreitete, war unerträglich und wurde nur durch ihr eigenes Schluchzen unterbrochen. Genauso wortlos wurde ihr dann die Jacke vom Leib geschnitten, sie hörte das charakteristische Geräusch, als das Schneidewerkzeug durch den Stoff glitt. Sie stand Todesängste aus und zuckte jedes Mal unwillkürlich zusammen, wenn die Spitze der Schere ihre Bluse und ihren darunterliegenden, verletzlichen Körper streifte, doch noch blieben sowohl ihr Shirt als auch ihre Haut unversehrt.

Die Reste ihrer Jacke wurden von ihrem Oberkörper gezerrt und Sofia ging sofort in die Embryonalhaltung. Sie zog die Knie dicht an ihren Körper heran. Sie wusste, was ihr blühte, sie hatte als Journalistin all die grausigen Berichte zusammengetragen.

Nun, wo sie gefesselt und wehrlos gemacht worden war, schien sie keine Gefahr oder Bedeutung mehr darzustellen, denn man ließ sie auf dem Boden liegen. Keiner, der sie misshandelte oder bedrohte. Aber warum sollten die Männer sich auch die Hände schmutzig machen? Sie würden an einen ungestörten Ort fahren und dort würde man sie dann beseitigen. Bei dem grauenvollen Gedanken stiegen ihr wieder mehr Tränen in die Augen und befeuchteten ihre Haut unter der Maske.

Wenn sie wenigsten etwas sehen könnte. Eine erneute Weinattacke ließ ihren Körper unkontrolliert zucken und sie schnappte nach Luft. Der Knebel erzeugte Erstickungsgefühle und sie stand kurz vor einer Panikattacke. Sie atmete gegen den Stoff der Maske an, verschluckte ein paar Flusen und hustete qualvoll auf, da der Knebel ein befreiendes Husten erschwerte.

Sie zuckte heftig zusammen, als eine große Hand auf ihre Schulter landete und sie unsanft schüttelte. Dann wurde der Knebel für wenige Sekunden gelöst, bis sie wieder ausreichend Luft bekam.

»Pass besser auf, das nächste Mal lass ich dich verrecken!«

Sie erstarrte. Sie kannte die Stimme. Es war Leon gewesen, der sie so barsch angefahren hatte. Er war also auch im Wagen. Eher aus Überraschung als aus Gehorsam heraus, hörte sie für einen kurzen Moment wirklich auf, zu weinen und blieb ganz ruhig liegen.

Aber ihre Emotionen waren stärker und obsiegten über sie. Die Tränen flossen weiter und sie konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken, aber keiner bestrafte sie, wie sie anfänglich befürchtete. Leons Drohung hallte trotzdem unangenehm in ihren Ohren wider, während sie versuchte, nur noch leise zu wimmern und sich brav zu verhalten.

Die Fahrt zog sich für ihr Zeitempfinden sehr lange hin. Erst ging es zügig – über eine Autobahn? -, danach kurvig und holprig weiter.

Sofia wurde durchgerüttelt und ihr Körper rutschte auf der Ladefläche hin und her. Nur ihre Kleidung verhinderte notdürftig fiese Abschürfungen, die sie wohl ansonsten davongetragen hätte. Aber diese Blessuren waren im Moment ihr kleinstes Problem.

Sie lauschte. Der Motor ratterte gleichmäßig. Sie konnte nichts hören, was ihr Orientierung verschaffen könnte. Kein Wasser, keine Züge. Nichts, nur das Surren des Motors.

Ihre Hände schmerzten und sie drehte ihren Oberkörper vorsichtig in eine Schräglage, um ihre gefesselten Handgelenke zu entlasten.

Sie zerrte probeweise an den Handschellen, aber man hatte sie so fest angelegt, dass es illusorisch war, daraus zu entkommen. Sei denn in ihr schlummerte ein unentdecktes Entfesselungstalent. Menschen sollten ja in Extremlagen zu allem fähig sein.

Sie biss die Zähne zusammen und startete einen weiteren Befreiungsversuch, aber außer, dass ihre Daumen empfindlich gequetscht wurden, passierte nichts. Es steckte also kein Houdini in ihr. Sie seufzte innerlich auf und unterdrückte weitere Tränen, da ihre Haut unter der Maske schon genug aufgeweicht war und brannte.

Dann hielt der Wagen unvermittelt an. Ihr Herz machte einen gequälten Sprung und ihre Nackenhärchen stellten sich auf, als ein eisiger Lufthauch ihren Körper streifte.

Sie wurde – von Leon? – auf die Beine gezerrt und von der Ladefläche gehoben. Sie konnte den Schnee fühlen, der ihr über die Fußknöchel reichte. Es roch nach Hartz und Fichtennadeln.

Ihr Kehlkopf zog sich zusammen. Sie konnte sich vorstellen, warum man sie in ein verlassenes Wäldchen gebracht hatte, hier würden ihre Schreie ungehört verhallen. Der Griff um ihren Oberarm wurde stärker, als sie gegen die stahlharte Umklammerung rebellierte. Aber nichts geschah weiter. Keiner stieß sie auf den Boden und hielt ihr einen Pistolenlauf gegen den Hinterkopf, so wie sie es erwartet hatte. Im Gegenteil, sie hörte den Motor des Wagens aufheulen und mit quietschenden Reifen davonbrausen.

Blind und stumm stand sie neben ihrem Entführer. Ob noch andere Gestalten anwesend waren, vermochte sie nicht zu sagen. Sie hörte nur die leisen Atemzüge des Kerls, der sie festhielt.

Plötzlich tauchten neue Geräusche auf, es waren Motorengeräusche. War das Auto zurückgekehrt?

Türen schlugen auf und die Hand ihres Entführers drückte in ihr Rückgrat. Er zwang sie vorwärts. Erschrocken sog Sofia die Luft ein, als sie frontal gegen eine Kante stieß.

Sie wurde hochgehoben. Wieder eine Ladefläche, schoss es Sofia durch den Kopf, aber dieses Mal stand irgendetwas in der Mitte und in ihrem Weg, was ein Weiterkommen verhinderte.

Schwere Stiefel dröhnten auf den Wagenboden. Ihr Entführer war wohl ebenfalls in den Innenraum gesprungen. Wieder krachten Türen geräuschvoll ins Schloss und der eisige Wind erstarb. Sie hatten also das Auto gewechselt, was nicht untypisch für Entführungen war, wie Sofia aus ihrer Arbeit wusste.

Unsicher drehte Sofia sich um die eigene Achse, orientierungslos blieb sie stehen.

Finger berührten ihre Handgelenke und sie zuckte zusammen. Metall schlug auf den Boden und sie konnte ihre Arme wieder frei bewegen. Jemand hatte ihr die Handschellen aufgeschlossen. Ungläubig rieb sie über die wunden Stellen, die das Metall hinterlassen hatte.

Kräftige Fingerspitzen drückten sich gegen ihr Brustbein und raubten ihr das Gleichgewicht. Sie ruderte mit ihren Armen, verlor den Halt und landete auf einem Polster. Sie schlug in eine wage Richtung, in der sie ihren Angreifer vermutete, aber ihre Hände glitten ins Leere. Wütend startete sie eine weitere Attacke und bekam den Stoff ihrer eigenen Maske in die Finger.

»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun!«, sagte eine dunkle Stimme ruhig. »Sonst muss ich dich bestrafen.«

Sie hielt inne. Die Stimme war nicht die von Leon, es musste also der unheimliche Maskierte sein. Ein harter, weiterer Stoß brachte sie endgültig zum Umfallen. Sie landete nun mit dem gesamten Oberkörper rittlings auf der weichen, gepolsterten Fläche.

Es fühlte sich ein wenig wie eine Liege oder ein Stuhl an. Ihre Hände krallten sich an das weiche Etwas und sie lauschte, wo der Mann im Raum ungefähr stehen könnte. Dadurch, dass er sie angesprochen hatte, wusste sie, dass er irgendwo frontal vor ihr sein musste.

Sie ertastete das Ding, auf dem sie lag, genauer. Es musste wirklich eine Liege sein. Aber wozu sollte das gut sein?

Die Frage wurde ihr schneller beantwortet, als es ihr lieb war, denn jemand schwang sich auf sie und die Schenkel des Manns drückten sie nieder.

Wie wild schlug sie ihm ihre Hände entgegen und wollte ihn herunterwerfen, aber er angelte sich -stoisch und völlig unbeeindruckt von ihrer Gegenwehr - ihren linken Arm und zwang ihn nieder. Stabiles Leder legte sich über ihr Handgelenk und mit einem Ruck wurde es seitlich an der Liege fixiert, dann folgte ihr rechter Arm.

Sie begriff, was er vorhatte und sie war nicht gewillt, sich ihm hilflos ausliefern zu lassen. Hatte sie zuvor unter Schock gestanden, würde sie ihm jetzt das Leben schwermachen. Sie teilte kräftige Tritte aus, als er ihren rechten Arm ebenfalls mit seiner Körperkraft in die Fesseln zwingen wollte, aber er ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Sie hörte lediglich ein schmerzvolles Stöhnen, als sie ihm ihre Fingernägel in den Unterarm krallte. Mehr bewirkte sie nicht.

»Du willst sehen, wer von uns dem anderen mehr schaden kann?! Das kannst du haben«, zischte er über ihr und seine Beine quetschten ihren Oberkörper zusammen, sodass ihr das Atmen schwer fiel.

Jetzt war es Sofia, die gequält aufstöhnte. Sie löste ihre Nägel aus seinem Fleisch und augenblicklich ließ der Druck auf ihre Lungenflügel nach. Er hatte seine Umklammerung gelockert.

»Siehst du«, raunte er. »Alles hat Konsequenzen. Positive oder negative, je nachdem, wie du dich verhältst. Verstehst du diesen einfachen Grundsatz?«

Sie nickte.

»Braves Mädchen.«

Braves Mädchen. Dieser verfluchte Mistkerl, was erlaubte er sich? Sie begehrte gegen ihn auf, aber seine Knie bohrten sich erneut brutal in ihre Seiten und sie hörte ihn, gefährlich leise flüstern: »Willst du es wirklich drauf ankommen lassen, dass ich böse werde?«

Sie schluchzte, seine Warnung nahm sie in ihrer Angst kaum wahr, zu sehr war sie damit beschäftigt, ihm Paroli zu bieten, indem sie an den Fesseln riss und ihren noch freien Arm gegen seinen gewaltsamen Druck stemmte.

»Gut«, hörte sie ihn plötzlich abgeklärt und gelassen sagen. »Gehen wir zu Plan B über.«

Plan B? Für einen Moment verharrte sie ruhig auf der Liege. Ihr Herz pochte. Zu ihrer großen Überraschung stieß er ihr nicht wieder seine Beine in den Oberkörper, sondern stieg von ihr herunter.

Was hatte er vor? Egal. Sie musste die Chance nutzen. Sie wälzte sich auf die Seite und zerrte mit der rechten Hand an dem Gurt, den sie blind ertastet hatte. Sie fand den Mechanismus zum Öffnen nicht.

»Die Fessel ist mit einem Schloss versehen, meine Liebe. Die kriegst du nicht auf«, ertönte seine Stimme amüsiert direkt neben ihrem Ohr. »Jedenfalls nicht ohne Schlüssel.«

Ihre Hand wanderte augenblicklich wieder zu ihrer Maske. Sie konnte mit dem verdammten Ding nichts sehen, vielleicht war dort ein Schloss, vielleicht log sie ihr Entführer auch nur an. Gleichzeitig riss sie mit dem gefesselten Arm am Ledergurt, um ihn eventuell mit Gewalt lösen zu können.

Er fing ihren freien Arm ab, der sich zu ihrem Gesicht begeben hatte. Sein Griff war kompromisslos fest und hart, ihr Gelenk schmerzte höllisch und sie hatte das Gefühl, dass er ihr die Knochen brechen würde, wenn sie dem Druck nicht nachgab. Mit einem Ächzen entspannte sie augenblicklich ihre Muskeln und folgte schließlich seiner Bewegung.

Er nutzte ihre kurzzeitige Kapitulation und fixierte ihren Arm rasch mit der gleichen Fessel, wie an ihrem anderen Arm. »So«, schnaufte er. »Jetzt ist Zapfenstreich.«

Sofia, die sich ihrer letzten Chance beraubt sah, verfiel in heillose Panik. Sie wimmerte schrill und ohrenbetäubend laut durch den Knebel auf und zerrte wie ein Berserker an ihrer Fixierung, zeitgleich trat sie mit ihren Füßen in die Luft.  

»Du bist wirklich verrückt«, seufzte die männliche Stimme. »Zeit, dir Einhalt zu gebieten und Plan B umzusetzen.«

Sie vernahm ein leises Knistern, wie, wenn man Plastik aufriss. Dann wurde ihre Bluse hochgekrempelt und ein zusätzlicher Gurt um ihren rechten, gefesselten Arm gelegt. Er fühlte sich rauer und dünner an als die Ledermanschetten. Bevor sich Sofia wundern konnte, was für einen Sinn das Band haben mochte, wurde die Schlinge mit einem knappen Ruck festgezogen. Sie hatte das Gefühl, als würden sämtliche Blutgefäße in ihrem Oberarm abgequetscht und gestaut werden. Dann konnte sie seine Finger und eine kalte Flüssigkeit auf der Innenseite ihrer Armbeuge spüren, kurz darauf stach ein spitzer Gegenstand in ihre Vene.

Sofia heulte erneut durch den Knebel auf und versuchte irgendwie, ihren Arm von dem Schmerz fortzubewegen, aber er drückte ihren Unterarm brutal auf das Polster hinab und jagte die Nadel tiefer unter ihre Haut.

»Bitte«, sagte er mürrisch. »Das hast du jetzt davon.«

»Hmmiiii«, jammerte sie herzzerreißend durch den Knebel und wandte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen in den Fesseln, die sie niederzwangen.

»Hiiimmmii«, wiederholte sie schrill und leistete so viel Widerstand, wie es ihr möglich war – und das war relativ wenig.

Plötzlich erklang erneut seine Stimme, aber eine Spur freundlicher, wenn auch noch mit einem scharfen Unterton. »Bleib ruhig, Kleines. Es ist ja gleich vorbei.«

Seine Worte beruhigten sie in keiner Weise.

Der Druck des Strahls ließ nach und der Mann entfernte die Spritze. Sie merkte, wie ihr schwindelig wurde. Alles drehte sich vor ihrem geistigen Auge und ehe sie nur einen Mucks tun konnte, verlor sie das Bewusstsein.

Leises Motorgeräusch weckte sie. Ihr war unglaublich schlecht und ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Als sie mit ihrer Zunge über ihren ausgedörrten Gaumen strich, bemerkte sie mit Verwunderung, dass sie keinen Knebel mehr trug. Das helle Neonlicht, welches in ihre Augen stach, verriet ihr schmerzhaft, dass man ihr auch die Maske abgenommen hatte.

Ein probeweises Heben der Arme blieb jedoch unerfreulich, denn sie konnte sie nicht bewegen. Sie war also noch gefesselt und wie sie vermutet hatte, lag sie auf einer Krankenbare.

Sie drehte vorsichtig ihren Kopf, da dieser empfindlich auf Bewegungen reagierte und mit heftigen Schmerzimpulsen antwortete. Neben ihr saß ein Mann mit einer Batman-Maske und las Zeitung, während er sich kleine Croissant-Stücke in den Mund schob.

Sofia konnte es nicht fassen, da saß er und tat so, als wäre er hier beim gemütlichen Frühstück. Noch dazu mit dieser lächerlichen Faschingsverkleidung. Im dunklen Licht des Waldes war ihr zuvor gar nicht aufgefallen, dass es keine normale Skimaske war, die er trug. Dachte er, das wäre irgendwie cooler als eine Wollmaske?

»Wo … bin ich?« Jedes Wort musste sie sich über ihre trockenen Lippen quälen.

Er senkte die Zeitung ein paar Zentimeter ab und lugte sie über den Rand hinweg an. »In einem Krankenwagen.«

Ihr betäubter Geist konnte die Informationen kaum verarbeiten: »War … um?«

»Weil es das beste Transportmittel ist, niemand hält einen Krankenwagen auf und wenn doch, betäube ich dich und gebe vor, dass wir einen Notfall haben und schnell ins Krankenhaus müssen«, antwortete er lapidar und faltete die Zeitung geräuschvoll zusammen. Er wirkte dabei sichtlich genervt. »War’s das mit deinen gestammelten Fragen?!«

Sie schüttelte sachte den Kopf. »Wer sind sie?«

»Ich finde den Begriff Dienstleister für meine Art von Beruf ganz passend.«

»Dienst … leister.« Sie blinzelte mit den Augenlidern und verscheuchte den Nebel vor ihren Augen. Sie hatte Mühe den Sinn seiner Sätze zu verstehen, was teilweise auch an den Drogen liegen musste, die man ihr verabreicht hatte, um sie ruhigzustellen. »Was für ein Dienstleiser?«

Endlich war sie wieder fähiger, ganze Sätze zu sprechen.

Sie sah aus den Augenwinkeln, wie der Mann wieder zu einer Spritze griff. Panisch schüttelte sie den Kopf. »Bitte nicht.«

»Ich muss Gefahren minimieren. Und da ich dich nicht knebeln kann, ist es sicherer, wenn ich dich wieder betäube«, sagte er beinahe entschuldigend und legte erneut die Schlinge um ihren Oberarm. »Du wirst sehen, es geht ganz schnell und tut fast gar nicht weh.«

»Bitte, sagen Sie mir doch, was für ein Dienstleister Sie sind, ich werde mich auch ruhig verhalten und Sie werden keine Drogen brauchen.« Vielleicht konnte sie sein Vertrauen gewinnen, gleichzeitig hoffte sie, durch das Gespräch mit ihm einer weiteren Bewusstlosigkeit entgehen zu können. »Sie haben mich doch aus einem bestimmten Grund nicht geknebelt? Wollen Sie mit mir reden?«

Aber er zog ungeachtet ihrer Worte die Schlinge zu, bis das Blut in ihren Adern pulsierte und erläuterte sachlich: »Während oder kurz nach einer Narkose müssen die Atemwege frei sein, sonst ist das Risiko des Erstickungstods sehr hoch. Daher kann ich dir leider nichts in deinen Mund stopfen, auch wenn ich es gern würde. Aber es gibt ja noch andere Methoden, dich zum Schweigen zu bringen.«

Sie neigte vorsichtig ihren Kopf, sodass sie einen besseren Blick auf ihren Entführer hatte, der in aller Seelenruhe die Spritze aufzog.

Sofia fluchte innerlich. Sie hatte sich von ihren eigenen, absurden Schlussfolgerungen blenden lassen. Sie hatte wirklich angenommen, er hätte sie aus Gutmütigkeit von dem Knebel befreit, aber in Wahrheit steckte hinter seiner Freundlichkeit nur emotionsloses, professionelles Kalkül.

Er lachte leise, als sie ihn wieder ansprach: »Sind Sie ein Auftragsmörder?«

»Ja, aber … « Er klopfte auf ihre Vene und sah sie ein, zwei Atemzüge lang an, bevor er fortfuhr, »im Moment bist du sicher. Sonst würde ich mir ja keine Sorgen um den Knebel machen, nicht wahr?«

Das war wahrlich kein Trost. Sie konnte sich vorstellen, dass der einzige Grund, warum sie noch lebte, die Neugierde ihrer Entführer war. Diese Verbrecher wollte wissen, was sie noch alles herausgefunden und ob sie ihnen wirklich alle Materialien ausgehändigt hatte.

Sie spürte die Nadelspitze auf ihrer Haut.

»Warten Sie«, rief sie und er zögerte tatsächlich.

»Ja?«, fragte er.

»Wie viel wurde Ihnen gezahlt? Ich zahle das Doppelte.«

Hoffnung flammte in ihr auf, als die Nadel regungslos über ihrer Armbeuge verharrte. Mit Auftragskillern ließ es sich vielleicht verhandeln.

Interesse blitzte in seinen gräulich-blauen Augen auf. »So?«, hakte er nach. »Du willst mich also bestechen?«

»Nein, nur besser bezahlen. Viel besser.«

»Du verstehst mein Geschäft nicht, Süße. Schade, ich hatte dich für klüger gehalten. Leon hat mir viel von dir erzählt und deine Intelligenz gelobt, aber da scheint er sich geirrt zu haben.«

Die Spritze wanderte wieder zu ihrer Vene.

Panisch schnappte Sofia nach Luft. »Was muss ich bieten, damit Sie mich freilassen?«

Er schmunzelte. »Was kannst du mir denn anbieten?«

»Geld.«

Er schüttelte gelangweilt den Kopf und seine Maske verrutschte ein Stück, sodass er sie wieder geraderücken musste. »Ach komm schon! Hast du nichts Besseres?«

»Aktien?«

Er setzte an.

»Geld. Aktien. Meinen Körper. Alles zusammen.«

»Oh, das hört sich verlockend an«, murmelte er und ein belustigter Unterton schwang in seinen Worten mit. »Aber ich muss leider ablehnen.«

Die Nadel durchbrach die Haut, fand ihren Weg in ihre Ader und sie spürte den unangenehmen Druck der Flüssigkeit, die sich mit Gewalt in ihrem Gewebe verteilte.

Er zog die Nadel heraus, drückte einen Wattebausch auf die Wunde und schmiss die Spritze weg. »Weiß du, mit was ich bezahlen würde, wenn ich dich nicht abliefere? Mit meinem Leben! Und das ist wertvoller als all deine Besitztümer. Daher, es tut mir leid, aber hier wird nicht verhandelt.«

Seine Pranke legte sich um ihr Kinn und drehte ihren Kopf so, dass sie ihn anschauen musste, während ihr die Augen zufielen. »Du hast dich mit den falschen Leuten angelegt. So sieht’s aus.« Er ließ sie los. »Auch, wenn es ein interessanter Schachzug von dir war.«

Sie merkte, wie ihr die Sinne langsam schwanden, sie musste sich beeilen, wenn sie ihm noch etwas mittteilen wollte. »Ich habe Freunde, sie könnten Ihnen eine Geheimidentität verschaffen.«

Er strich über ihre Wange. »Du hast keinen einzig wahren Freund. Sie haben dich alle verraten.«

»Nein«, hauchte sie, eh sie den Kampf gegen das Schlafmittel verlor.

Als sie dieses Mal ihre verklebten Lider öffnete, war sie nicht mehr in dem Wagen. Im Gegenteil, sie lag auf einer Decke, die man achtlos auf den Fußboden geworfen hatte. Zäh drangen die Worte ihres Entführers zu ihr vor, aber sie begriff den Sinn nicht.

Hände griffen nach ihr und sie wurde grob nach oben gezogen. Sie wurde mehr geschleift, als das sie ging. Man brachte sie in einen anderen Raum, in dem es kalt und feucht war.

Man legte sie auf dem Boden ab. Sie wehrte sich nicht, denn ihr ganzer Körper war bleischwer. Sie konnte sich nicht rühren, ihr Verstand arbeitete im Schneckentempo.

»Komm endlich zu dir«, befahl der Mann. »Du hast lang genug geschlafen.«

Sie wollte ihm etwas erwidern, aber ihre Zunge lag regungslos in ihrem Mund und wollte sich nicht aufraffen, Worte zu formulieren.

»Wasser«, befahl die Stimme und augenblicklich ging ein kalter Wasserschwall auf sie nieder, der sie prustend hochfahren ließ. Trotz der eisigen Kälte und der Tatsache, dass ihre Zähne wild aufeinanderschlugen, kam sie nur langsam zu sich. Orientierungslos starrte sie den Mann an, der über sie gebeugt stand und auf sie herabblickte.

»Bist du endlich wach?«, fragte er übellaunig und zog sie am Arm hoch.

Sie nickte, aber ihre Knie waren so weich, dass sie sofort wieder einknickte.

Genervt hielt er sie fest, bis sie wieder Aufrecht stehen konnte, aber kaum lockerte er seine Umklammerung, sank sie auf den Boden zurück.

»Mehr Wasser für unseren Gast«, hörte sie ihn rufen, dann ergoss sich wieder ein fieser Eisstrahl über ihren Körper. Dieses Mal wirkte es besser. Ihre Sinne kehrten zurück.

Sie schüttelte sich, und als sie sich langsam auf alle Viere erhob, wurde sie sich plötzlich ihrer Nacktheit bewusst. Sie trug nur noch ihren blütenweißen Tanga und den Spitzen-BH. Beschämt ließ sie ihren Körper eilig in eine Position sinken, in der ihr Entführer nicht den vollen Einblick genoss.

»Na endlich, du Langschläferin!«, beschwerte sich der Mann doch tatsächlich und zog sie hoch. Durch den Ruck wurde ihr schlecht, aber er zwang sie, ihm zu folgen. »Komm mit. Sträub dich nicht.«

Sträuben? Er würde schon merken, wenn sie sich sträuben würde. Jetzt war sie einfach nur sehr wackelig auf den Beinen, sodass ihr das Gehen mühsam vorkam.

Sie folgte ihm und versuchte, zu ignorieren, dass sie gerade halbnackt von einem Mann mit einer Batman-Maske durch ein altes Haus gezogen wurde. Sie wollte sich ihre Umgebung einprägen, aber ihre Nervosität machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Ihr fiel es verdammt schwer, sich zu konzentrieren. Die Angst lähmte ihren Verstand und das Betäubungsmittel verursachte ein unangenehmes, alles verschlingendes Pochen in ihren Schläfen.

»Geh da rein«, befahl er. Es war ein schmuckloser Raum, nicht anders als der, in dem sie zuvor aufgewacht war.

Eine Decke auf dem Boden, eine Pritsche und eine Toilette, das war das ganze Inventar ihres Gefängnisses.

Sie folgte zögerlich seiner Anweisung und trat ein. Er wirkte mit ihrem Gehorsam zufrieden. »Ich werde dir jetzt die Regeln erklären.«

Sie schluckte. Regeln! Was für Regeln?

»Also«, begann er. »Es sind ganz einfache Regeln, an die du dich zu halten hast. Klar?«

Sie nickte.

»Gut«, kommentierte er ihre Bestätigung. »Die erste Regel lautet, dass du dich ruhig und kooperativ verhalten sollst, dann wird nichts passieren. Solltest du dich gegen mich wehren, wirst du bestraft. Unternimmst du einen Fluchtversuch oder verletzt dich selbst, wirst du bestraft. Hältst du dich nicht an die Anweisungen, die dir geben werden, wirst du bestraft.« Er lächelte. »Wie dir nicht entgangen sein sollte, haben alle Regeln den gleichen Tenor: Gehorche oder dir wird es schlecht ergehen.«

Sie starrte den Mann stumm an. Was hätte sie auch darauf erwidern sollen, trotzdem schien er auf eine Reaktion ihrerseits zu warten.

»Wenn du das zur Kenntnis genommen hast, würde ich mich freuen, wenn du dich zu einem Nicken durchringen könntest. Es ist nicht sehr nett, mich im Ungewissen zu lassen, ob du mir überhaupt zugehört hast.«

Sie wippte mit ihrem Kopf und er tätschelte ihr zufrieden die Wange. »Na, geht doch. Ich sehe schon, wir werden prima miteinander auskommen.«

Sie sah ihn finster an und er grinste: »Oh je, wenn Blicke töten könnten, dann wärst du eindeutig im Vorteil.«

»Was wollt ihr von mir?«, fragte sie schroff.

»Im Moment nur, dass du die Regeln befolgst.«

Mit diesen Worten ließ er sie alleine zurück und schloss die Tür hinter sich. Sie hörte, wie das Schloss rasselte. Man hatte sie eingesperrt.

Völlig fertig ließ sie sich auf die Pritsche sinken und stützte ihren Kopf in die Hände. Was sollte sie tun? Sie hob ihr Gesicht aus den Handflächen und untersuchte den Raum genauer, kein Fenster, kein Möbelstück, nur diese Stahltoilette. Nichts, woraus sie eine Waffe basteln könnte. Ihr Entführer hatte Recht, er war ein Profi und diese Bestätigung trug nicht zu ihrer Beruhigung bei.

Ihre Augen wanderten zur Decke. Neonröhren. Vielleicht ließen die Lampen sich zerschlagen und aus den Scherben Klingen herstellen?

Sie kletterte auf die Pritsche, stellte sich auf die Zehnspitzen und reckte ihre Arme empor. Beinahe konnte sie die Neonröhren berühren, es fehlten nur wenige Zentimeter. Sie keuchte verbissen auf. Ihre Zehen schmerzten unter dem Gewicht, welches sie tragen mussten, als sie sich der Lichtquelle entgegenreckte. Mit dem Zeigefinger konnte sie schon die Oberfläche der Lampe erfühlen, doch plötzlich zerriss eine metallische Stimme die Stille ihres Gefängnisses.

»Was soll denn das werden? Nennst du das kooperativ?!«

Verwirrt drehte Sofia den Kopf und entdeckte einen kleinen Lüftungsschacht an der Wand, aus dem es verdächtig knackste.

»Ja genau, hier ist die Überwachungskamera und der Lautsprecher.«

Sie hörte ihn lachen.

Sie warf dem vergitterten Schacht ein zorniges Stirnrunzeln zu und sprang von dem Bett. Sie bückte sich, hob die Decke auf und ging auf den Schacht zu.

»Bettelst du bereits jetzt um Strafe?«, mahnte er sie, als er bemerkte, was sie vorhatte.

Sie knüllte die Decke zusammen, sprang hoch und verhakte sie im Gitter.

»Bastard«, schrie sie. »Ich lass mich von dir nicht einschüchtern.« Sie hatte keine Lust mehr auf vorgetäuschte Höflichkeit. Sie würde ihren Entführer nicht mehr mit „Sie“ anreden. Er war es nicht wert, dass man ihm Achtung entgegenbrachte. Bastard war die einzig richtige Ansprache für einen solch miesen Typen.

Wenig später hörte sie Schritte, dann das Klicken des Schlosses und der Maskierte trat ein. Er lehnte sich gegen die Wand, die Arme verschränkt, den linken Fuß angewinkelt hinter sich an der Mauer abgestützt.

Er sah sie nicht an, sondern hatte seinen Blick auf die Wolldecke gerichtet, die dort an der Mauer baumelte, als er leise befahl: »Entferne die Decke und setz dich danach auf die Pritsche.«

»Nein«, erwiderte sie ihm trotzig.

Er lächelte matt. »Ich bin stärker als du. Muss ich dir das wirklich beweisen oder gehorchst du jetzt?«

Die Gelassenheit seiner Stimme erschreckte sie. Er war nicht böse, eher genervt. So als hätte er dieses Szenario schon hunderte Male durchgespielt.

Als sie nicht reagierte, drehte er nun doch seinen Kopf und seine Augen, die sie nun ins Visier genommen hatten, sprachen Bände. »Ich zähle bis drei. Wenn du bis dahin meiner Aufforderung nicht nachgekommen bist, muss ich das als Regelverletzung ansehen.«

Bockig blieb sie regungslos stehen.

»Eins.«

Sofias Wangen begannen vor Aufregung zu glühen. Ihr Entführer gehörte zu den Mitarbeitern von Marelando, Mitleid oder Gnade konnte sie nicht erwarten. Aber wenn sie jetzt nachgab, war dann ihr Wille nicht schon gebrochen, bevor es überhaupt angefangen hatte?

»Zwei.« Er sah sie fragend an.

Sie leckte sich über ihre spröden Lippen und ihre Hand streckte sich zitternd nach dem Stofftuch aus.

»Zwing mich nicht, die letzte Zahl auszusprechen.«

Ihre Finger schlangen sich um den Zipfel der verschlissenen Decke. Er beobachtete sie erwartungsvoll und raunte: »Denk daran, ich habe dir zwei Befehle gegeben. Bevor ich die drei ausgesprochen habe, möchte ich die Luke frei und dich auf der Pritsche haben.«

Sie zog die Decke heraus.

»Drei.«

Ungläubig hörte sie, wie er die finale Zahl aussprach. Das war gemein, sie hatte keine Chance gehabt, sich rechtzeitig auf die Pritsche zu setzen.

»Gib mir das Bettzeug«, forderte er sie auf. Sie ging mit langsamen Schritten auf ihn zu und drückte ihm den Stofffetzen in die Hand.

»Dreh dich um«, kam die nächste Anweisung.

»Aber … «

»Dreh dich um«, sagte er noch einmal eindringlicher. »Sonst machst du es nur noch schlimmer.«

Nur in Unterwäsche bekleidet, wandte sie sich um und blickte ihn ängstlich über ihre Schulter hinweg an. Ihr Rücken lag ungeschützt vor ihm und es behagte ihr nicht, ihn nicht sehen zu können, denn er war gekonnt aus ihrem Blickfeld entschwunden.

»Augen geradeaus.«

Sie biss nervös auf ihren Lippen herum. Was hatte er vor? Sie hatte eine Vorahnung, die ihr gar nicht gefiel. »Ich werde mich ab jetzt an die Regeln halten«, wimmerte sie.

»Mhm«, kam es gelangweilt hinter ihrem Rücken. »Das wirst du.«

»Ich werde ganz sicher … «

»Halt den Mund«, unterbrach er sie schroff. »Und beug dich vor.«

»Aber ich… « Weiter kam sie nicht, denn ein glühender Schmerz nahm ihr die Worte. Ein brennender Striemen zog sich von ihrem Nacken bis zu ihrem Po hin. Ein weiterer Schlag traf sie und sie stieß die Luft zischend zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen aus.

»Verflucht«, schrie sie, als der dritte Schlag zielsicher die geröteten Stellen traf. Sie kniff die Augen zusammen und wappnete sich für den nächsten Hieb, aber es folgte keiner mehr. Furchtsam schielte sie zu ihm. Er stand hinter ihr, die Peitsche baumelte in seine Hand, die er jedoch gesenkt hielt.

»Verflucht?«, fragte er konsterniert nach, man merkte ihm deutlich an, dass er eine andere Reaktion von seinen Opfern gewöhnt war als ein Fluchen.

»Ja«, knurrte sie, aber ihr Timbre zitterte dabei, sodass er merklich ruhiger wurde. Es schien ihm besser zu gefallen, wenn sie ängstlich war.

»Das war nur eine ganz kleine Demonstration der Schmerzen, die ich dir zufügen werde, wenn du dich weiterhin so ungehorsam verhältst«, tönte seine gelassene Stimme. »Ich kann dich auch länger und härter auspeitschen, als du es dir vorstellen kannst. Zwing mich nicht, deinen kümmerlichen Erfahrungsschatz, den du mit Bestrafungen hast, zu erweitern.«

Sie schniefte. Der Schmerz verebbte, aber die Schmach blieb in ihrem Herzen bestehen. Bastard! Bastard! Bastard!

»Hast du deine Lektion für heute gelernt?«

Bastard, dacht sie nur wieder erzürnt.

»Hast du?«, knurrte er.

»Bastard«, murmelte sie sehr leise, eigentlich nicht für seine Ohren bestimmt, aber sie hatte die Beschaffenheit des Raums unterschätzt, der jedes Wort klangvoll wiedergab. Bastard, hallte es durch das karge Zimmer.

»Bitte?!«

Uh! Was sie jetzt in seiner Mimik lesen konnte, war furchterregend. Nach Worten ringend, die einer Entschuldigung gleichkamen, haspelte sie: »Nicht du …«

Er machte eine bedeutungsvolle Geste und die Gesichtszüge, die unter der Maske zu erkennen waren, wirkten säuerlich: »Nicht ich? Ist hier noch jemand im Raum, den du gemeint haben könntest?«

Er zwang sie dazu. Er zwang sie mit seiner bedrohlichen Gelassenheit, die jeden Moment zerbersten würde, dazu, dass sie sich selbst verabscheute: »Ich … bin … es. Ich bin der Bastard.«

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem abfälligen Lächeln: »Du bist zu hart zu dir. Miststück ist völlig ausreichend.«

Sie flüsterte ein. »Ja.« Dabei glühten ihre Wangen in einem sanften Zornrot.

»Schön, dann setz dich jetzt auf dein Bett. Ich denke, dass du derzeit lieber nicht auf deinem Rücken liegen möchtest. Aber die Narkose, die ich dir verabreicht habe, wirkt noch nach und ich möchte nicht, dass du stürzt und dich ernsthaft verletzt. Also, wenn du bitte so freundlich wärst?«

Da sie seiner Aufforderung nicht sofort nachkam, drückte er ihr seine Fingerkuppen in die Schulterblätter und schob sie in Richtung Pritsche.

Widerstandlos trottete sie auf das Stahlbett und setzte sich auf dessen Kante.

Er sah auf sie hinab und seine Augen blitzten unter der Maske hervor. »Ich werde dich bald zu einer kleinen Unterhaltung holen, bis dahin bleibst du hier sitzen.« Er seufzte auf. »Ich hätte dir ja gerne die Decke gelassen, aber nach deiner Aktion verdienst du diesen Luxus nicht.«

Er machte schwungvoll kehrt und ging zum Ausgang, doch dann blieb er stehen und sagte, ohne sich umzudrehen: »Ach ja, ehe ich es vergesse, ich werde dich und dein Verhalten genau überwachen, also mach kein Blödsinn.«

Anweisung

Tristan streifte sich die Maske ab und wischte mit seinem Handrücken über sein verschwitztes Gesicht. Eigentlich brauchte er die Maskerade nicht, denn es gab kein Entkommen für das Mädchen, aber er war es gewohnt, sie zu tragen und außerdem reagierten die Opfer sensibler und empfänglicher, wenn sie nicht wussten, wer sich hinter dem Plastikteil verbarg.

Okay, Sofia reagierte nicht ganz so eingeschüchtert, wie er es erwartet hatte, aber sie würde bald kleinbeigeben. Im Moment war sie noch eine Raubkatze, die ihn anspringen und töten wollte, aber er würde aus ihr ein schnurrendes Kätzchen machen.

Sie war ein wirklich interessanter, aber anstrengender Auftrag, den man ihm erteilt hatte. Mit einem tiefen Seufzen ließ er sich auf den abgenutzten Ohrensessel fallen und starrte mit brennenden Augen auf die flimmernden Monitore.

In Zelle eins saß Christine. Sie war eine stille und unkomplizierte Frau. Eher die Fraktion Lämmchen. Eine Bestellung von Lord Garna, die er auch noch auszuliefern hatte. Aber um die sachgerechte und pünktliche Übergabe musste er sich bei Christine keine Sorgen machen. Ihren Willen hatte er schnell und effizient gebrochen. Sofia hingegen – er holte wieder tief Luft – war ein anderes Kaliber.

Sein Blick wanderte zu Bildschirm zwei, der Sofia abbildete. Sie hatte den Kopf in die Hände gelegt und weinte. Er konnte es anhand ihrer zuckenden Schultern erkennen, die verräterisch auf und ab wippten.

Er lehnte sich entspannt zurück. Das Raubkätzchen war also schon im Begriff, sich in eine Miezekatze zu verwandeln. Sehr schön.

Ihre Tränen konnten ihn nicht berühren. Emotionslos musterte er sie, wie er es mit einem Tier in einem Käfig tun würde. Er hatte aufgehört, die Frauen und Männer zu zählen, die er als Sklaven nach Marelando verfrachtet hatte. Er hatte ihre Furcht, ihren Widerstand und schlussendlich auch ihre Resignation unzählige Male miterlebt. Unter seiner Führung waren sie alle zu willenlosen Objekten degradiert worden.

Eine eigentümliche Melancholie überfiel ihn plötzlich. Er tastete, ohne den Blick von dem Bildschirm zu wenden, nach seinem Scotch-Glas und führte es zu seinem Mund. Die bittere, brennende Flüssigkeit füllte seinen Mund und vertrieb für einen kurzen Augenblick die Trauer, die über ihn hereingebrochen war.

Hinter ihm knarzte die Tür und er hörte federleichte Schritte. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer dort hinter ihm stand, denn er kannte nur wenige Person, die sich so geräuschlos bewegen konnten.

»Rene«, flüsterte und stellte das Glas ab.

»Du trinkst wieder?«, kam es mürrisch zurück und der schlanke, junge Mann tauchte in seinem Blickfeld auf.

»Nur ab und zu«, lächelte Tristan und schwenkte das Glas in seiner Hand. »Also es besteht kein Grund, es Tom van Darkson zu petzen.«

»Aha«, kommentierte der andere Mann die Aussage trocken, dann fiel sein Blick auf Sofia: »Hat sie sich schon eingelebt?«

Tristan zog die Augenbrauen hoch: »Sieht es danach aus?«

Rene ging näher zum Überwachungsgerät und starrte finster darauf. »Wann wirst du sie befragen?«

»Bald, wenn das Betäubungsmittel nachgelassen hat. Ich brauche sie in einem stabilen Zustand für das, was ich vorhabe.« Er machte eine Pause und wandte sein Gesicht Rene zu: »Sie soll nicht sterben, oder?«

Der Mann vor dem Schirm zuckte zusammen. »Nein.«

Tristan erhob sich, stellte das Glas beiseite und trat neben Rene, dessen Augen förmlich am Bildschirm klebten. »Sie wird mir alles erzählen, was sie weiß, jedes kleinste Detail, auch ob sie ihn erkannt hat.«

Die Miene des anderen Mannes wurde noch eine Spur dunkler. »Ich befürchte, daran besteht kein Zweifel. Sie hat ihn erkannt und weiß, wer er ist. Dieses verfluchte Gör!«

Tristan zuckte mit den Schultern. »Wozu dann der ganze Aufwand?«

Rene hob seinen Blick vom Bildschirm und sah Tristan direkt in die Augen. »Weil er es aus ihrem Mund hören will. Darum.«

»Und danach?«, wollte Tristan wissen. »Was passiert dann mit ihr?«

Der Gefragte neigte überrascht seinen Kopf zur Seite: »Hast du etwa Mitleid?«

»Nein«, brummte Tristan gereizt, obwohl er sich nicht sicher war. Mitleid? Hatte er je so etwas verspürt? »Ich wollte nur wissen, wie es danach weitergeht.«

Rene drehte sich um und ging zur Tür zurück. »Du wirst deine Anweisungen rechtzeitig erhalten. Keine Sorge.« Dann zeigte er auf das Glas in Tristans Hand. »Und schütte den Scheiß weg, ansonsten überlege ich es mir doch noch, zu petzen, wie du es so schön ausgedrückt hast. Darkson hat klare Regeln für dich, also halte dich gefälligst daran, du bist schließlich beruflich unterwegs.«

Tristan kniff seine Lippen zusammen, doch dann deutete er ein schwaches Nicken an.

»Prima«, kommentierte der Andere sein Einlenken, dann knallte er die Tür zu.

Verhör

Sofia fühlte sich ausgelaugt und verheult. Sie hatte sich schlussendlich auf den Bauch gelegt und starrte nun apathisch gegen die kahle Wand.

Klick. Die Tür sprang auf, aber sie reagierte nicht. Sie wollte ihren Entführer nicht ansehen.

»Steh bitte auf«, kam es sanft, aber mit einem mahnenden Unterton aus seiner Richtung.

Träge wälzte sie sich herum und sog scharf die Luft ein, als sie sich ihrer Striemen auf dem Rücken bewusst wurde.

Er stand vor ihr und blickte auf sie herab. In seiner rechten Hand hielt er eine Peitsche und hob sie drohend, als Sofia nicht spurte.

»Willst du noch einmal Bekanntschaft mit dem Leder machen?«, fragte er lauernd.

Resigniert schüttelte sie den Kopf und erhob sich. Er reichte ihr seine Hand und stützte sie, als sie kurz einsackte.

»Oh«, meinte er betroffen. »Das Mittel scheint dich ja ziemlich mitgenommen zu haben.«

Hatte sie wirklich etwas wie Sorge aus seinen gemurmelten Worten herausgehört? Nein, seine Mimik ließ nichts dergleichen ablesen. Keine Spur von Mitleid. Jedenfalls soweit sie das unter seiner Maske, die nur Mund und Augenpartie aussparte, beurteilen konnte.

»Es geht schon«, murmelte sie.

»Dann komm«, sagte er und zog sie aus ihrem Zimmer und durch einen schmalen Gang, der in einem Wohnzimmer endete.

Sie kamen zu einem Tisch und einem Stuhl. »Setz dich«, wies er sie scharf an und rückte ihr den Stuhl zu recht. Verdutzt sank sie auf das morsche Holz und er schob sie samt Sessel an den Tisch heran. »Möchtest du etwas essen?«

»Essen?«, wiederholte Sofia ungläubig. Mein Gott, sie saß entblößt und unter Drogeneinfluss an einem Tisch, in einem Haus, das sie nicht kannte, und er frage sie, ob sie hungrig war?

»Ähm«, erwiderte sie ihrem Entführer zögerlich und versuchte, die richtige Antwort zu erahnen. »Bist du denn auch hungrig?«

Seine Fingerspitzen trommelten auf dem abgenutzten Holztisch. »Es ist nicht höflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten.«

»Danke. Nein. Ich will nichts.« Sie musste sich zwingen, freundlich zu bleiben. Schließlich wollte sie ihn nicht verärgern.

Als sie sein Stirnrunzeln förmlich unter der Maske sehen konnte, fügte sie eilig hinzu: »Aber ich hätte gern etwas Wasser.«

»Hat dir das Wasser vorher nicht gereicht?«, brummte er, schob ihr aber ein Wasserglas hin, das bereits auf der Tischplatte gestanden hatte.

»Danke«, murmelte Sofia und trank das Glas leer. Tatsächlich war ihre Kehle immer noch trocken, nachdem sie das Glas geleert hatte.

Seine Hand griff nach dem leeren Glas. »Möchtest du mehr?«

Er stand immer noch neben ihr und musterte sie auf eine Art und Weise, die sie unruhig machte. Die Maske wirkte plötzlich gar nicht mehr so lächerlich, wie sie anfangs angenommen hatte.

»Ja, bitte.«

»Du lernst schnell«, lobte er sie. »Höfliche Mädchen mag ich gerne.«

Seine Worte klangen in ihren Ohren wie eine Drohung und sie senkte schnell ihren Kopf.

Sie hörte seine Schritte. Er entfernte sich. Unsicher warf sie ihm einen flüchtigen Blick zu. Er war in der angrenzenden Küche verschwunden. Fieberhaft rechnete sie sich die Chancen einer Flucht aus, aber sie schätzte den Erfolg als zu gering ein, als dass sie es wagen würde. Ehe sie aufgesprungen und den Ausgang gefunden hätte, wäre er schon längst bei ihr und sie konnte bei einem Auftragsmörder nicht auf Gnade hoffen. Daher verwarf sie den Gedanken an eine Flucht – sie musste auf eine bessere Gelegenheit warten.

Er kam zurück. Anerkennung lag in seinen stechenden Augen, die hinter der Maske hervorblitzten. »Viele lassen so eine Gelegenheit nicht verstreichen.«

Sie stellte sich dumm. »Was verstreichen?«

»Schon gut«, kommentierte er ihren Versuch, naiv und harmlos zu wirken, und stellte das Glas vor ihr ab.

Zu ihrer Enttäuschung war es nicht pures Wasser, sondern irgendeine Schorle. Als sie prüfend daran schnupperte, stieg ihr der Geruch von Mango entgegen. Sie konnte den Geschmack dieser Frucht nicht ausstehen. Aber es war bestimmt nicht die beste Idee, dem Entführer schlechten Geschmack vorzuwerfen. So zwang sie das eklige Zeug hinunter und lächelte dabei tapfer.

Endlich hatte sie das Glas soweit ausgetrunken, dass es nicht mehr unhöflich war, den Rest stehenzulassen.

»Möchtest du doch noch was essen? Letzte Chance.«

Ihr Blick wanderte zum Fenster. Vielleicht war dies wirklich eine Chance.

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