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Die Elfling Saga

INHALT

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 1 TOD EINES KÖNIGS

 2 DER ELFENGEBORENE

 3 DIE WALKÜRE

 4 THANE ALNOTH

 5 ATHELINGSGOLD

 6 EBBAS PROPHEZEIUNG

 7 EIN GEIST STEHT WIEDER AUF

 8 JARNSEAXAS LEHREN

 9 REISE IN DIE ANDERSWELT

10 WODENS VERSPRECHEN

11 DAS WEBEN

12 DER AUSERKORENE KÖNIG

13 AM SCHREIENDEN STEIN

14 DAS WEBEN GEHT WEITER

ERSTES KAPITEL
TOD EINES KÖNIGS

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In der Mitte des Raums, wo das Licht der Kerzen und Lampen am hellsten erstrahlte, stand ein breites Bett, dessen Pfosten mit geschnitzten Drachen und ineinander verschlungenen Greiftieren verziert waren. Im Bett, von Kissen gestützt und unter einer mit glitzernden Goldfäden bestickten Decke, lag der sterbende König. Sein Atem ging schwer und langsam, als laste ein schweres Gewicht auf seiner Brust, welches die Rippen bei jedem Atemzug stemmen mussten.

Um das Bett herum war die Königssippe versammelt, die führenden Mitglieder der Zwölfhundert. Ihre Schatten zeichneten sich lang und verzerrt auf Wänden und Decke ab.

An der einen Seite des Betts stand Athelric, allein, der einzige überlebende Bruder des Königs. Die starken Schatten ließen das kantige Kinn und die Falten in seinem Gesicht noch schärfer erscheinen, als sie waren. Obgleich schon in die Jahre gekommen, war er bei Tageslicht immer noch ein gut aussehender Mann; sein helles Haar und der helle Bart waren eher verblasst als ergraut. Wie der Dichter sagt: Erreicht ein Mann die vierzig, verändert der Klang jedes eingeschlagenen Sargnagels sein Gesicht. Athelric war über vierzig, doch wenn sich die Ältesten des Rates versammelten, um den nächsten König aus der Königssippe zu wählen, würde die Wahl auf ihn fallen. Das war so gut wie sicher. Immer noch war er ein starker, kraftvoller Mann, der sich im Kampf und im Rat bewährt hatte. Auch die Tatsache, dass er als Bruder des gegenwärtigen Königs bis zum heutigen Tag überlebt hatte, sprach für sein politisches Geschick. Könige wurden leicht nervös und eifersüchtig, und weniger talentierte Brüder als Athelric starben häufig jung. Seine starke Ähnlichkeit mit dem sterbenden König würde bei den sentimentaleren Mitgliedern des Rates gleichfalls zu seinen Gunsten sprechen – ebenso wie die Tatsache, dass er nach dem Tode seines Bruders der einzige Heide in der Königssippe sein würde. Unter den Ratsältesten gab es nicht viele, die dem neuen Christus-Glauben folgten.

Auf der anderen Bettseite hatten sich die Christus-Anhänger versammelt – die Athelinge, ihre Mutter, die Königin, und der Christus-Priester aus fernen Landen, Vater Fillan.

Königin Ealdfrith saß auf ihrem vergoldeten Sessel mit so viel Würde, wie man von einer edlen Frau, die schon so lange tot war, erwarten konnte. Im Kerzenschein schimmerten ihre Gewänder aus golddurchwirktem Stoff, und auf den schwarz gewordenen knochigen Fingern glänzten Juwelen. Ihr immer noch volles Haar war unter einem leinenen Kopfputz zusammengebunden, der durch einen juwelenbesetzten Stirnreif gehalten wurde. Unter dem weißen Linnen war ihr Gesicht schwarz und runzlig geworden, und sie bleckte gegen ihren Gemahl und die Söhne die Zähne. Von ihr ging ein starker Geruch aus, welchen Vater Fillan den Duft der Heiligkeit nannte, doch für nicht so Gläubige oder gar Heiden stank es wie Verwesung.

Zu Lebzeiten war Königin Ealdfrith für ihre Güte und Gelehrsamkeit berühmt gewesen. Als sie von dem Christus-Glauben gehört hatte, sandte sie Boten in die fremden Königreiche im Norden und bat, man möge einen Priester schicken, der sie mehr darüber lehre. Vater Fillan war zu ihr gekommen, und seine Lehre hatte sie mit Eifer für Christus erfüllt. Etliche – darunter auch Athelric – hegten allerdings den Verdacht, dass ihre Begeisterung mehr mit Vater Fillans glatt rasiertem Gesicht und seinen dunklen Augen als mit seinen Predigten zu tun hatte. Doch musste man mit derartigen Bemerkungen von Heiden – und Männern – rechnen. Aber wie dem auch sei, es hatte schließlich dazu geführt, dass Ealdfrith den alten Göttern abgeschworen und ihr Leben der Buße dafür gewidmet hatte, dass sie ihnen je Opfer dargebracht hatte, und noch weitere Buße für die Sünden ihrer unbekehrten Landsleute. Von dem Tag an, als Fillan sie taufte, nahm sie nie mehr als eine Mahlzeit am Tag zu sich, und diese bestand aus Brot und Wasser. Sommers wie winters trug sie nur ein Gewand aus rauer Wolle, und ihre Gemächer wurden nie von einem Feuer erwärmt oder nach Einbruch der Dunkelheit von Kerzen erhellt. Vater Fillan zufolge war sie eine Heilige. Nur eine Heilige konnte die Kraft haben, so fromm, so gläubig zu leben. Doch vielleicht machte gerade das Übermaß ihrer Frömmigkeit es anderen so schwer, ihrem Beispiel zu folgen. Kälte, Hunger und Dunkelheit mochten für die Königssippe ganz neue Erfahrungen sein, doch für die meisten Untertanen der Königin waren sie zu alltäglich, um eine besondere Anziehung auszuüben, und so blieb die Zahl der Christus-Anhänger im Lande klein. Der Königin war es nicht einmal gelungen, den eigenen Gemahl zu bekehren. König Eadmund hatte ihr die Erlaubnis gegeben, eine kleine Kapelle zu errichten und dort zu beten, wann immer sie wollte, doch er blieb seinem Ahnherrn, Woden, und auch dem Glauben an Thunor, Ing und Freyja treu. Als Königin Ealdfrith starb, verlor Vater Fillan mehr als nur eine Freundin. Er verlor seine größte Fürsprecherin und das bedeutendste Mitglied seiner Gemeinde und – falls gewisse Gerüchte der Wahrheit entsprachen – auch eine Geliebte.

Daher hatte er sie bei sich behalten. Er behauptete, es sei der Wunsch der sterbenden Königin gewesen. König Eadmund, der mit seiner Gemahlin seit Jahren kaum ein Wort gewechselt hatte, war verblüfft über Vater Fillans Ansuchen gewesen, aber Vater Fillan hatte ihn in vielerlei Hinsicht verblüfft – das bartlose Gesicht, der kahl geschorene Schädel, das Gekrieche und Geflehe vor seinem einzigen Gott. Aber schließlich kam Fillan aus der Fremde und hatte fremdartige Sitten. Und so war es gekommen, dass Königin Ealdfrith, als halb mumifizierter Leichnam, in Prachtgewänder gekleidet, die erste und einzige christliche Heilige des Königreichs geworden war – und was für eine Heilige! Sehr viel eindrucksvoller, als man sie in Fillans christlichem Land im Norden fand. Sogar beeindruckender als viele Reliquien in den großen Kathedralen auf dem Festland. Fillan war stolz auf seine königliche Heilige und stellte sie bei jeder Gelegenheit zur Schau.

Ealdfriths jüngster Sohn, der Atheling Wulfweard, konnte nicht umhin, immer wieder einen Blick auf sie zu werfen. Er gab sich zwar Mühe, seinem sterbenden Vater die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, sah aber immer wieder unvermittelt zu der Heiligen hin, als erwarte er bang, sie könne sich plötzlich vom Sessel erheben und ihn in die Arme schließen. Er hatte sich in Gegenwart seiner Mutter nie recht wohl gefühlt. Unwin, der Älteste der Athelinge, legte den Arm um die Schultern des Jungen und drückte ihn mit seiner großen schwieligen Waffenhand beruhigend an sich. Alle Athelinge besaßen das gute Aussehen ihres Vaters und Vatersbruders, doch Unwin, ein Mann von achtundzwanzig, wenngleich groß und stark an Gestalt, hatte das Familiengesicht in der schroffsten Form geerbt. Das Kerzenlicht betonte die vorspringenden Wangenknochen und die vollen Lippen, die sich wie schmollend über den Pferdezähnen schlossen. Die buschigen Brauen hüllten die Augen in tiefe Schatten. Wo sein Haar das Licht auffing, glänzte es in einem dunklen Kupferrot. Er trug es aus dem Gesicht gekämmt und zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihm über den Rücken fiel. Auf diese Weise war es ihm nicht im Weg, was seiner Natur entsprach, doch diese strenge Haartracht machte seine harten Gesichtszüge nicht weicher.

Obgleich Wulfweard so groß war wie sein Bruder, war er erst sechzehn und wirkte neben dem massigen Unwin schlank und biegsam wie eine Gerte. Er trug das Haar modisch offen, und es reichte ihm fast bis zum Gürtel. Offenbar war ihm unbehaglich, denn er konnte nicht still stehen, wodurch sein Haar im Licht bei jeder Bewegung wie Rotgold schimmerte. Die Brosche an der Schulter, der Reif um seinen Hals und die Schnalle am Gürtel glänzten hell.

Hunting, der dritte Atheling, stand hinter seinen Brüdern, halb im Schatten. Er stand ruhig mit verschränkten Armen da, den Blick ständig auf das Bett geheftet.

Als der König wieder einen rasselnden Atemzug tat, blickte Unwin zu Vater Fillan am Fuß des Betts. Er machte eine auffordernde Kopfbewegung. Der Priester nahm die Hände aus den Ärmeln und trat näher. Er hielt eine kleine Flasche.

Athelric sah sie und fragte: »Was ist das?«

Niemand antwortete ihm. Der Priester trat ans Kopfende des Betts und beugte sich über den König. Er murmelte etwas und zog den Stöpsel aus dem Fläschchen.

Athelric packte den Priester am Handgelenk. »Was tust du?«

»Nichts, Vatersbruder«, erklärte Unwin, aber Athelric runzelte die Stirn und zog den Priester vom Lager des Königs weg.

Vater Fillan, der viel kleiner und schmächtiger war als Athelric, erklärte: »Ich werde den König jetzt taufen.«

»Das wirst du nicht!«, sagte Athelric.

»Damit er gerettet wird und in das himmlische Königreich eingeht«, fuhr Fillan fort. Er blickte in Athelrics zorniges Gesicht und versuchte, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen, welche der Hüne ihm zufügte, indem er ihm den Arm verbog.

Unwin nahm den Arm von Wulfweards Schulter, trat vor und beugte sich über das Bett, um die Hand seines Vatersbruders vom Handgelenk des Priesters zu lösen.

»Es ist unser Wunsch«, erklärte er und schloss mit einer Kopfbewegung seine Brüder ein, »dass unser Vater durch die Taufe in unseren Glauben aufgenommen wird.«

»Ich spucke auf eure Wünsche«, sagte Athelric. »Sein Wunsch war das nicht!«

Unwin blickte von seinem Vatersbruder zum Priester und sagte: »Mach weiter mit der Taufe.«

Vater Fillan, sorgsam darauf bedacht, sich außerhalb von Athelrics Reichweite zu halten, trat mit seinem Fläschchen erneut ans Bett heran.

»Das ist nicht recht!«, erklärte Athelric. Unwin sagte nichts, nickte nur dem Priester zu. Wieder trat Wulfweard zu seinem ältesten Bruder, wobei er aus dem Augenwinkel den stocksteifen Leichnam seiner Mutter im Sessel beobachtete.

Der Priester beugte sich über das Bett, murmelte fremdartige Worte und hielt das Fläschchen hoch, um das heilige Wasser auszugießen.

Athelric streckte die geballte Faust über das Bett. Der Schein einer Lampe warf den Schatten der Faust, das Zeichen von Thunors Hammer, riesengroß über die Decke und den ganzen Raum.

Das Wasser rann über die Stirn des Sterbenden.

Einen Augenblick lang stockte der Atem des Königs. Dann öffnete er die Augen, die im schwachen Licht durchdringend blau leuchteten, und starrte blind ins Leere. Wieder holte er tief und rasselnd Luft und gab einen Laut von sich.

Vater Fillan richtete sich auf und wich erstaunt zurück. Hatte das geweihte Wasser dem König Heilung gebracht? Schnell umringten die anderen im Raum das Bett und beugten sich darüber.

Athelric fragte: »Eadmund?«

Der starrende Blick des Königs richtete sich auf ihn. Vielleicht sah er ihn. Womöglich erkannte er auch nur die Stimme. Jedenfalls sagte er: »Athelric –«

Unwin beugte sich von der anderen Seite vor und versuchte, seinen Vatersbruder beiseitezudrängen. »Vater!«, sagte er.

Athelric stieß ihn weg und sagte: »Still!« Der König wollte etwas sagen.

Alle schwiegen und verhielten sich so still, dass nicht einmal die Gewänder raschelten. Sie hielten den Atem an, damit die halb erstickte, schwache Stimme sich Gehör verschaffen konnte.

»König … nach mir«, brachte Athelric mühsam hervor. »Elfling. Nach mir. König. Elfling.« Seine Hand suchte unter der Bettdecke, fand Athelrics Hand und umschloss sie schwach. Er starrte in das vom Kerzenrauch erfüllte Dunkel über ihm. Vielleicht sah er das Gesicht des Bruders, vielleicht aber auch nicht, aber er wiederholte noch einmal: »Elfling!« Dann senkten sich die Lider, und die Kraft wich aus der Hand, die Athelrics hielt. Nur das qualvolle rasselnde Atmen zeigte an, dass noch ein wenig Leben in ihm verblieben war.

Unwin richtete sich auf und starrte über das Bett hinweg seinen Vatersbruder an, der ebenso entgeistert dastand. Dann lachte Unwin und sagte: »Elfling, Vatersbruder! Er hat den Bastard zu seinem Nachfolger erkoren.«

»Darüber muss der Rat entscheiden«, erklärte Athelric.

»Aber das Wort des Königs hat Gewicht. Vielleicht wirst du doch nicht unser nächster König.«

»Ein Gutes hätte es«, meinte Athelric. »Der König wäre wenigstens kein Christus-Anhänger!«

»Das wäre grauenvoll«, warf Vater Fillan ein. »Was für eine große Sünde, sollte dieses – Geschöpf – König werden.«

Athelric fuhr ihn aufgebracht an. »Was weißt du schon! Der erste König unseres Geschlechts war ein Sohn der Anderswelt – der Sohn Wodens!«

»Aber es geht hier um den nächsten König«, meinte Unwin und lachte, als Athelric ihn verblüfft anschaute.

König Eadmund hatte viele Beischläferinnen gehabt und viele Bastarde gezeugt – die genaue Zahl war nicht bekannt. Waren die Mütter verheiratet oder unter den Zwölfhundert, den Adligen, gewesen, trugen die Kinder den Namen des Gatten ihrer Mutter, selbst wenn wohl bekannt war, wer ihr wahrer Vater war. War die Mutter von hoher Geburt, aber unverheiratet, war es nie schwierig gewesen, einen Ehemann für sie zu finden, bevor das Kind geboren wurde. Bauersfrauen und Bauernbastarde konnte man vergessen oder allenfalls mit einem kleinen Stück Land bedenken oder sogar mit der Freilassung aus der Leibeigenschaft. Unter dem Landvolk waren viele uneheliche Kinder, und niemand hatte etwas gegen ein weiteres Balg einzuwenden, das man zur Arbeit schicken konnte.

Königin Ealdfrith hatte nie an den Geliebten ihres Gemahls Anstoß genommen. Die beiden hatten eine politische Ehe geführt, und sie hatte weder Liebe noch Treue von ihrem Gatten erwartet. Und nachdem Vater Fillan Christus an ihren Hof gebracht hatte, war sie ihren eigenen Interessen gefolgt: Beten und Fasten. Aber dieses Ding. Das Ding war nicht einmal eine Frau gewesen.

Es war eines der Geschöpfe gewesen, welche der Teufel in die Welt schickte, ein Dämon, dessen ganzes Streben darauf ausgerichtet war, Menschen zum Lügen und Stehlen, zu Mord und Gier, zu Lust und Neid und zu allen anderen Sünden zu verleiten, welche das Leben auf Erden so elendig machten. Der Dämon war in Gestalt einer Frau aus dem Wald gekommen, diesem wilden, unheiligen Ort – doch nur in der äußeren Gestalt –, und weil das nicht seine wahre Gestalt war, war er imstande gewesen, eine Erscheinung von unirdischer Schönheit vorzugaukeln. Er hatte den König in Bann geschlagen. Als die Geschichten an den Hof der Königin gelangten – von den Erzählern romantisch ausgeschmückt, versteht sich –, wie der König die Schöne auf einer Jagd im Wald gefunden und sie vor sich hoch zu Ross heimgeführt hatte, hatte die Königin vor Empörung laut aufgeschrien. Das war eine Beleidigung nicht nur für sie, sondern auch für ihren neuen Glauben. Der Teufel, der sich durch die Wiederkunft Christi bedroht fühlte, versuchte den neuen Glauben zu vernichten, solange dieser noch schwach war.

»Die Elfenfrau war wunderschön«, sagte Athelric und blickte auf das Gesicht seines sterbenden Bruders hinab. »So schön – geradezu unheimlich schön. Wenn man sie anblickte, lief es einem kalt über den Rücken.«

»Hast du je ihren Rücken gesehen?«, fragte Unwin, und Hunting lachte. Die Waldgeister – man behauptete das jedenfalls, ganz gleich, ob man sie Elfen oder Teufel nannte – vermochten sich nie ganz als Menschen zu verkleiden. Deshalb wandten sie einem nie den Rücken zu, denn, wie schön sie auch zu sein schienen, von hinten sahen sie wie gespaltene, verfaulte, ausgehöhlte Bäume aus.

»Was weißt du schon!«, sagte Athelric. »Du hast sie nie gesehen. Du hast ja ständig mit deiner Mutter auf den Knien gelegen.« Höhnisch lächelnd winkte er ab und deutete auf Vater Fillan und den mit Juwelen geschmückten Leichnam.

Unwins großer Mund schmollte noch mehr, als er die vollen Lippen fest zusammenpresste und sich eine Antwort verbiss. Er verstand die Schmähung. Laut Athelrics Meinung war jeder Mann, der zu einem Friedensfürsten betete, welcher seine Anhänger aufforderte, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn jemand sie schlug, ein Feigling und ein Schwächling.

»Das Geschöpf war eine Teufelin«, erklärte Vater Fillan mit fester Stimme. »Beweis ist, dass sie bei der Geburt des Sohns des Königs starb. Sie vermochte nicht den Funken von Gottes Schöpfung zu ertragen, nicht einmal in einem halbsterblichen Kind.«

Athelric wollte gerade fragen, ob jede Frau, die im Kindbett starb, demnach eine Teufelin sei, als der König hustete und erneut die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. »Ich muss ihm die Letzte Ölung verabreichen«, sagte Vater Fillan.

Athelric hielt mit ausgestrecktem Arm den Priester zurück. »Du bleibst fern von ihm! Solltest du dich nähern und auch nur ein einziges Wort deiner üblen Zaubersprüche von dir geben, schlag ich dich nieder!« Dann beugte Athelric sich über den König und küsste ihn auf die Stirn. »Geh, mein Bruder! Geh deinen Weg sicher zu Wodens Halle.«

Leise begann Vater Fillan ein Totengebet zu sprechen. Der rasselnde Atem des Königs verstummte. Man hörte nur das geflüsterte Gebet. Wulfweard rang hörbar nach Luft, ansonsten herrschte Schweigen. Unwin drückte den Jungen an die Brust. Das Kerzenlicht waberte über dem Leichnam, der so zerbrechlich war, dass er sich kaum unter der Bettdecke abzeichnete.

Das Gebet war zu Ende. Tiefe Stille herrschte im Gemach. Unwin räusperte sich, ehe er sprach. »Der Rat darf nie und nimmer den Bastard wählen.« Er hustete abermals. »Es gibt keinen Grund zu erwähnen, dass unser Vater je –«

»Ich werde den Ältesten seine letzten Worte vortragen«, unterbrach ihn Athelric. Er und Unwin wechselten Blicke über das Bett. Als Antwort auf Unwins unausgesprochene Frage fuhr Athelric fort: »Mein Bruder, der König, hat Elfling zum Nachfolger benannt. Es ist meine Pflicht, seinen Namen vor dem Rat bekannt zu geben, und das werde ich tun.« Er trat ans Fußende des Betts, machte eine Pause und blickte den Priester an. »Mein Bruder wird geziemend bestattet. In einem Schiff, mit den kostbaren Beigaben für einen König.« Mit diesen Worten verließ Athelric den Raum.

Wieder breitete sich Schweigen aus. Wulfweard lehnte den Kopf an Unwins Schulter, welcher die Arme um den Bruder geschlungen hatte. Hunting, der geringfügig größer war als Unwin, stellte sich Schulter an Schulter mit ihm. »Das Halb-Ding ist womöglich gar nicht mehr am Leben«, sagte Hunting.

»Ich fürchte doch, edle Herren«, erklärte Vater Fillan. Hunting und Unwin blickten ihn an. Wie viele Christus-Priester konnte auch Vater Fillan lesen und schreiben und wusste oft verblüffende Dinge. »Als es geboren wurde und die Teufelin starb, übergab euer Vater das Ding einer Amme – einer Frau von niederer Geburt. Aber er übereignete ihr ein Stück Land, um dem Ding den Lebensunterhalt zu sichern. Ich habe die Urkunde gesehen. Das Land war in Hornsdale.«

»Das bedeutet aber nicht, dass es noch lebt«, meinte Hunting.

»Nein, Herr, aber vor einiger Zeit – vielleicht vor einem Jahr oder länger – hörte ich Gerüchte über einen Heiler in Hornsdale. Und dieser Heiler sei angeblich – nun ja – unheimlich. Nicht ganz menschlich. Das hat mir zu denken gegeben.«

»Der Teufel ist Heiler geworden?«, fragte Unwin.

»Der Teufel scheint oft Gutes zu tun, um uns hinters Licht zu führen und zur Sünde zu verleiten. Seine Berührung vermag vielleicht die Schmerzen des Körpers zu lindern, doch verdammt und vernichtet sie die Seele.«

»Hornsdale«, wiederholte Unwin, und der Priester nickte.

Die Tür öffnete sich. Dienerinnen kamen herein. Die Frauen brachten Leintücher und Schüsseln mit Wasser, um den Leichnam des Königs zu waschen und ihn für die Aufbahrung vorzubereiten. Vater Fillan sah, wie Unwin Hunting anblickte und ihm mit den Augen das Zeichen gab, ihm zu folgen. Unwin führte Wulfweard mit sich und verließ das Gemach. Hunting folgte ihnen.

Fillan nahm seinen Platz hinter dem Sessel seiner toten heiligen Königin ein und stimmte Gebete für den toten König an. Er hatte den Mann getauft und fühlte sich daher für seine Seele verantwortlich. Und falls es ihm gelänge, würde der König auch ein christliches Begräbnis bekommen.

Unwin hatte seine eigenen Gemächer innerhalb der Gebäude, aus denen die Königsburg bestand, doch führte er die Brüder nicht dorthin, auch nicht zu deren Gemächern. Er führte sie in den Teil der Burg, wo die königlichen Schweinekoben, Hühnerställe und Schafpferche waren. Selbst hier hielt er großen Abstand zu den Stallungen, wo Schweinehirten oder Hühnerfrauen wach sein konnten. Einen ungestörten Ort zu finden, wo man nicht belauscht wurde, war in einer Königsburg sehr schwierig. Selbst in den Privatgemächern, wo man sich allein wähnte, war man nie sicher, wer draußen unter dem niedrigen Ried der Dachvorsprünge stand und lauschte.

Unwin legte die Arme um seine Brüder und zog sie an sich, sodass er sich flüsternd mit ihnen verständigen konnte. »Hunting, ich will, dass du eine Schar Männer zusammenstellst. Zehn dürften mehr als genug sein. Bei Tagesanbruch macht ihr euch auf nach –«

»Hornsdale«, unterbrach ihn Hunting.

In der Dunkelheit konnte man Unwins Gesicht kaum sehen, als er nickte.

Wulfweard fragte: »Warum?« Da die Bestattung ihres Vaters so kurz bevorstand, hielt er es nicht für richtig, dass Hunting mit einem Auftrag davonritt.

Beide Brüder lachten. Hunting beugte sich hinüber und küsste ihm die Wange. »Deshalb hat er nicht dich gebeten loszureiten, sondern mich.«

Unwin schüttelte den Umhang aus und warf ihn halb um Wulfweard. Eng beisammen standen sie in der Wärme, unter einem Umhang als Schutz gegen die feuchte Kühle der Nacht.

»Denk mal nach!«, befahl Unwin.

»Dieser Elfling ist für euch keine Gefahr«, sagte Wulfweard. »Er ist doch nur ein Bastard – er zählt nicht einmal zu den Zwölfhundert. Er kann nicht zum König gewählt werden.«

»Aber unser Vater hat ihn als Nachfolger benannt«, erklärte Unwin. »Und Athelric wird für ihn vor dem Rat sprechen.«

»Aber das spielt doch keine Rolle. Der Rat entscheidet, und der Rat –« Wulfweard brach ab, als er spürte, wie Unwins Arm ihn enger umschloss.

»Warum?«, fragte Unwin. »Warum spricht Athelric für diesen Bastard, diesen hergelaufenen Elfenbalg? Athelric will König werden. Warum bringt er den Namen dieses Bastards vor den Rat?«

Unwin neigte den Kopf und schaute Wulfweard an, als erwarte er eine Antwort. Hunting stand mit verschränkten Armen daneben.

»Ich weiß es nicht«, sagte der Junge.

Unwin schüttelte ihn sanft. »Denk mal genau nach. Athelrics Sohn ist tot. Er hat nur Töchter. Er ist ein alter Mann. Er kann nicht hoffen, lange zu herrschen. Wen wird der Rat nach ihm erwählen?«

»Dich«, flüsterte Wulfweard.

»Und ich bin für Christus. Ich erkläre dir, was Athelric plant. Er will dem Rat sagen, dass unser Vater Elfling als Nachfolger benannt hat, und er wird das Ding vor die Zwölfhundert bringen. Sie werden ihn trotzdem zum König machen. Da ist er sicher. Er wird eine seiner Töchter mit dem Ding verheiraten. Und dann, wenn die Zeit gekommen ist, dass er stirbt, wird er alle so bearbeitet haben, dass sie nach ihm den Bastard zum König wählen – einen heidnischen König. Aus einem heidnischen Geschlecht.« Aus der Ferne hörten sie plötzlich von den Mauern des Königssitzes wie eine Wache laut in der Dunkelheit husten.

»Und lange vor Athelrics Tod liegen wir alle in unseren Gräbern«, fügte Hunting hinzu.

»Du brichst dir auf einer Jagd den Hals, Hunting«, sagte Unwin.

»Du wirst etwas Verdorbenes essen und dich zu Tode kotzen.«

»Und unser kleiner Wolf«, sagte Unwin und drückte den jüngeren Bruder, »wird vielleicht von einem tollwütigen Hund gebissen.«

»Was für eine Schande – nicht ein christlicher Atheling bleibt übrig«, sagte Hunting.

»Niemand, den man wählen kann – außer Elfling.«

Verstört sagte Wulfweard: »Das würde Vatersbruder Athelric niemals tun!«

Hunting stieß ein kurzes Lachen aus. »Dummkopf!«

»Nein«, widersprach Unwin, der den Unterschied zwischen Dummheit und Unschuld kannte. Er drückte Wulfweard noch fester an sich und blickte Hunting über den Kopf des Knaben an. »Viel Glück bei deiner Jagd in Hornsdale – dann währen unsere Leben noch ein Weilchen länger.«

Er sah trotz der Dunkelheit, wie Hunting nickte. Dann verschwand die Gestalt des Bruders schnell in der Nacht. Er küsste Wulfweard auf den Kopf und ging mit ihm zurück zu ihren Gemächern. Er ging davon aus, dass er seinen Brüdern noch trauen konnte, solange es unwahrscheinlich war, dass der Rat einen von ihnen zum König wählte. Es würde ihm furchtbar, ja, ganz furchtbar leidtun, falls Wulfweard für ihn je zu einer Bedrohung werden sollte … Aber er wäre ein Schwachkopf, diese Möglichkeit auf Dauer auszuschließen.

ZWEITES KAPITEL
DER ELFENGEBORENE

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Jeden Tag gab es Brot zu backen. Getreide wurde zu grobem Mehl zermahlen, mit Wasser und einer Prise Salz gemischt und zu ungesäuertem Brotteig geknetet. Der Teig wurde zu flachen, dünnen Fladen geformt, damit er die Hitze schneller aufnahm, und auf einem heißen Stein am Feuer gebacken. Man brauchte viel davon, um den Hunger von allen zu stillen, und es war eine zeitraubende, langweilige Arbeit. Man musste das Getreide aus dem Vorratsspeicher auf der anderen Seite des Hofes holen und die schwere Last zum Haus schleppen. Die Steinmühle war im Haupthaus hinter der Tür. Hild sagte stets, sie hätten Glück, eine solche Drehmühle zu haben: zwei große Mahlsteine, einer auf dem anderen, mit einem starken Holzgriff, um den oberen zu drehen. Aber Hild musste die Mühle auch nie bedienen.

Mit der hohlen Hand wurde das Getreide aus dem Korb in das Loch in der Mitte des oberen Steins geschüttet. Danach packte man den hölzernen senkrechten Griff mit beiden Händen und drehte – mit viel Kraftaufwand – den Stein, was ein schabendes Geräusch verursachte. Stein- und Mehlstaub stiegen auf. Das zermalmte und zu Pulver gemahlene Getreide, das zwischen den Steinen als Mehl herausdrang, fiel auf eine glatte Lederplane unter der Mühle. Das Knien und die Anstrengung, den schweren Stein zu bewegen, verursachte Krämpfe in den Beinen und Schmerzen in Schultern, Armen und im Rücken. Hin und wieder gab es eine Pause, ein kurzes Ausruhen, wenn das Mehl von der Plane in eine Schüssel geschaufelt wurde.

Die Arbeit hatte kein Ende. Mehl hielt sich nicht so gut wie Getreide, daher musste man jeden Tag mühsam aufs Neue mahlen. Tag für Tag der gleiche langweilige Gang zum Vorratsspeicher, denselben schweren Korb über den Hof schleppen, die gleiche eintönige Schufterei an der Mühle, bei der die Beine verkrampften und der Rücken schmerzte. Und da es so eine ermüdende und langweilige Arbeit war, oblag sie dem Mitglied des Haushalts, das auf der untersten Stufe der Rangleiter stand, der blonden Leibeigenen Ebba. Tagtäglich die Mühle zu drehen war ihr gesamter Lebenszweck.

Ebba war nicht so verwegen zu glauben, sie könne je dieser Arbeit entrinnen. Hätte sie sich geweigert, eine ihrer täglichen Arbeiten zu verrichten, wäre ihre Herrin Hild so verblüfft gewesen, als hätte der Türpfosten gesprochen – und danach wäre sie furchtbar zornig geworden. Ebba hatte Angst vor Hilds Wutausbrüchen. Daher erduldete sie die tägliche Schinderei und bemühte sich, während der Arbeit an andere Dinge zu denken. Sie konzentrierte sich auf die Bilder in ihrem Kopf und bemühte sich, nicht darauf zu achten, was sie gerade tat, nicht das monotone Geräusch der Mahlsteine zu hören und die Schmerzen im Rücken nicht zu fühlen. Zuweilen erzählte sie sich Geschichten oder sang leise Lieder, doch meistens dachte sie an Elfling, da sie ohnehin eigentlich immer an ihn dachte. Gedanken an ihn tauchten in ihrem Kopf auch dann auf, wenn sie gerade beschlossen hatte, dass er ihr nichts mehr bedeutete. Sie liebte ihn. Beim Mahlen hatte sie ihn so oft angeschaut, dass sie seine Gestalt mit offenen Augen deutlich vor sich sehen konnte. Sie sah, wie der Schein des Feuers und die Schatten seine schönen Gesichtszüge betonten. Sie sah sein dichtes Haar, braun im Schatten, aber wie goldene Bronze leuchtend, wenn er vom Haus in den hellen Hof trat. Runde um Runde drehte sich der schwere Mühlstein, während Elfling vor ihrem inneren Auge dahinschritt und lächelte. Er war größer als alle anderen und breitschultrig, doch wenn er sich zur Seite drehte, glich er einem schlanken Jagdhund. Und sein Lächeln!

»Schwachsinnige Träumerin!«, würde Hild sagen, die wusste, woran Ebba dachte. »Vergeudest deine Zeit mit sinnlosen Gedanken an ihn. Warum sollte er dich dürres, komisch aussehendes Ding mögen? Warum sollte überhaupt ein Mann dich begehren, wenn ich mir’s recht überlege. Kein Fleisch an dir, keine Rundung. Er würdigt dich nicht mal eines Blickes.«

Aber da irrst du dich gewaltig, dachte Ebba und drehte mit aller Kraft am Mahlstein. Elfling hatte mehr getan, als sie nur anzuschauen – und das drei Mal! Einmal hatte er einfach ihre Hand ergriffen, als sie alle ums Feuer saßen, sie auf die Beine gezogen und auf den Hof geführt. Von dort aus waren sie in das kleine Haus gegangen, das er allein für sich gebaut hatte und wo er zuweilen allein aß und schlief. Aber nicht in jener Nacht! Beim zweiten Mal hatte er sie zu sich gerufen und ihr gewunken, als sie über den Hof ging, und sie war zu ihm gegangen. Beim dritten Mal hatte er einen der Knechte geschickt, um ihr auszurichten, sie solle in sein kleines Haus kommen. Sie war gerannt! Jedes Mal hatte sie gedacht: Jetzt wird er sagen, dass er mich liebt. Jetzt wird mein Glück beginnen. Er wird mich heiraten, und ich werde seine Frau sein und keine Leibeigene mehr. Dann müssten alle mich ganz anders behandeln als jetzt.

Doch nichts von alledem war geschehen. Er hatte nicht gesagt, dass er sie liebte – er hatte überhaupt nicht viel mit ihr gesprochen. Er hatte ihr nicht wehgetan und war auch nicht unfreundlich zu ihr gewesen – aber freundlich auch nicht. Sie hatte ihn so sehr geliebt, war so begierig gewesen, ihm zu gefallen, dass es schmerzte – aber er hatte ihr nicht mehr und nicht weniger Beachtung geschenkt als zuvor. Sie war und blieb Ebba, die Magd, die das Mehl mahlte und all die schmutzigen und schweren Arbeiten verrichtete, zu der Hild keine Lust hatte. Gelegentlich lächelte er sie an, aber für gewöhnlich schritt er an ihr vorbei, als sähe er sie überhaupt nicht. Wochen und Monate waren vergangen, ehe er sich zum zweiten und zum dritten Mal an sie erinnerte. Es war besonders hart zu ertragen gewesen, weil sie genau wusste, wie tief sich ihre Hand in sein Haar vergraben konnte und wie dicht und weich es war. Sie wusste, wie samten die Haut auf seinem Rücken und seiner Brust war – doch nie konnte sie die Hand ausstrecken und sein Haar oder seine Haut berühren. Sie konnte sich nur danach verzehren, ihn zu berühren. Wenn sie die Tränen zurückhielt, schwoll ihr Hals an und schmerzte, doch sie konnte nicht weinen, sonst hätte Hild das bemerkt. Außerdem musste sich der Mahlstein ständig drehen.

In Augenblicken klarer Einsicht war sie sich bewusst, dass sie unmöglich für Elfling irgendeine Bedeutung haben konnte. Er war frei geboren, und der Hof und alles, was dazugehörte, war sein. Owen, der Großknecht, und alle Männer, die auf den Feldern arbeiteten und das Vieh versorgten, auch die beiden anderen Frauen auf dem Hof – alle waren sie seine Leibeigenen. Sogar Hild, die ihn von Kindesbeinen an aufgezogen hatte und sich seine Mutter nannte, war in Wirklichkeit nur eine seiner Leibeigenen, und wenn sie ihn verärgerte, konnte er sie das spüren lassen. Ebba erinnerte sich an etliche Gelegenheiten, wenn Hilds Gesicht hochrot angelaufen war, weil Elfling ihre Nörgelei nicht mehr ertragen konnte und sie vor allen anderen scharf zurechtgewiesen hatte. Einmal hatte er sogar gefragt, ob sie Prügel wolle, wozu er als ihr Besitzer das Recht hatte. Es war eine furchtbare Erniedrigung für Hild, die gern wie eine Königin über den Haushalt herrschte. Insgeheim war Ebba entzückt gewesen, obgleich ihr unwillkürlich die arme Hild auch ein wenig leidgetan hatte. Zudem hatte es ihr Angst eingeflößt. Wenn Elfling Hild so übel behandeln konnte, was hatte sie dann zu erwarten als das wertloseste und unwichtigste seiner Besitztümer?

Aber sie würde ihn zwingen, sie zu lieben. Das musste sie; denn wenn sie das nicht tat, gab es keinen Grund zu leben. Dann wäre ihr Leben ebenso eintönig wie das tägliche Mahlen des Getreides. Sie hielt das Schluchzen zurück, doch Tränen fielen auf den Mahlstein, und ihr Hals schmerzte noch mehr. Drei Mal hatte er mit ihr das Lager geteilt, also musste er sie doch ein klein bisschen mögen. Das war ein Anfang. Sie würde ihm zeigen, wie sehr sie ihn liebte. Bei den Mahlzeiten würde sie ihm alles reichen, was er begehrte, noch ehe er danach fragte. Sollte das Mahl kärglich sein, würde sie ihm ihren Anteil geben. Sie würde – sie würde – alles für ihn tun. Irgendwann würde er sehen, dass sie ihn wahrhaftig liebte, und dann würde er sie lieben, und es würde ihm gleichgültig sein, dass sie dürr war und komisch aussah. Er würde sie lieben. Wenn er sah, wie sehr sie ihn liebte, dann musste er sie lieben.

»Liebe!«, sagte Hild. »Du denkst zu viel an die Liebe – und er weiß nicht, was Liebe ist! Er liebt nicht einmal mich, und sieh, was ich für ihn getan habe seit der Zeit, als er noch ein Säugling war. Das Volk seiner Mutter kennt keine …«

Das war es: Elflings Mutter war eine Elfenfrau aus dem Wald. Von ihr hatte er seine große Schönheit und seine Gabe zu heilen, außerdem das Talent, etwas zu wissen, was geschehen würde, noch ehe dies Ereignis geschah. Aber von ihr kam auch seine besondere Art. An einem Tag pflegte er das kranke Kind einer Bettlerin hingebungsvoll, welche ihn weder mit Gütern noch Gunst bezahlen konnte, und dann wies er einen reichen Landbesitzer schroff ab, der nur eine Warze entfernt haben wollte – was er locker hätte tun können. Zuweilen sagte er armen Leuten, die ihn um Hilfe baten, weil sie gehört hatten, dass er anderen geholfen hatte, sie sollten sich fortscheren, ehe er seine Männer auf sie hetze. Ihn schien weder Mitleid noch Besitzstreben oder Angst vor Missbilligung zu leiten.

Manchmal fütterte er eine der Hofkatzen mit Leckerbissen, streichelte ihren Kopf und kraulte sie hinter den Ohren und auf dem Rücken, bis das Tier den Kopf an ihn lehnte und so laut schnurrte, dass man es im ganzen Haus hören konnte. Es kam aber auch vor, dass er das Tier, wenn es beim nächsten Mal in seine Nähe kam, verärgert beiseitestieß oder schlichtweg übersah. Ebenso behandelte er Ebba. Wenn er zärtlich war, war er sehr zärtlich, und sie reagierte ebenso prompt wie die gestreichelte Katze. Doch wenn seine Laune sich änderte, änderte seine Haltung sich vollkommen, und dann hatte er keine Verwendung mehr für sie.

»Oder wenn er Liebe empfindet«, fuhr Hild fort, »ist es nicht, was wir unter Liebe verstehen. Sei froh, dass er dich nicht liebt. Das wäre nicht gut für dich. Ihn zu lieben bringt kein Glück.«

Aber Hild war eifersüchtig auf Elfling und wollte nicht, dass er eine Frau liebte oder heiratete; denn dann würde sie ihren Platz als Haushaltsvorstand auf dem Hof einbüßen. Trotzdem wird er mich heiraten, dachte Ebba und zerrte so hart am Mühlstein, dass ihr Rücken schmerzte. Dann werde ich keine Leibeigene mehr sein und über Hild stehen. Dann kann ich ihr einen Tritt geben, wenn ich dazu Lust habe. Doch insgeheim wusste sie, dass sie nie den Mut aufbringen würde, Hild zu treten, selbst wenn sie Elflings Frau wäre.

Sie hörte Hilds laute Stimme im Hof. Der Klang ihrer Stimme ließ sie aufhorchen. Hilds Stimme klang zornig und dringlich. Etwas Ungewöhnliches musste draußen vor sich gehen. Ebba merkte immer sehr schnell, wenn sich etwas außer der Reihe ereignete.

Hild stampfte ins Haus, wobei sie den Kopf unter dem niedrigen Türsturz einziehen musste.

»Diese verdammten Leute!«, schimpfte sie. »Ständig kommen sie her, schnüffeln herum und belästigen uns. Keiner hat sie hergebeten!«

Ebba ließ den Kopf wieder sinken und drehte weiter den Mühlstein, ohne nachzufragen. Wenn man Hild Fragen stellte, wurde sie sauer. Sagte man nichts, rückte sie früher oder später mit allem heraus, was es zu erfahren gab.

Hild schaute sich in dem düsteren Haus um. Es war trocken, warm und gemütlich, aber keineswegs schön oder ordentlich aufgeräumt. Zum Schlafen gab es Strohschütten auf Bänken mit darübergeworfenen Decken, dazwischen lagen verstreut Teller und Schüsseln. »Ja, das wird wohl reichen müssen«, sagte sie. »Wenn Leute ohne Voranmeldung kommen, müssen sie damit vorliebnehmen, wie es ist.« Ebba sagte immer noch nichts, sondern drehte weiter den Mühlstein. »Owen wird nicht begeistert sein«, fuhr Hild fort, »wenn man ihn um diese Tageszeit von der Arbeit wegholt. Ich schätze, Elfling wird überhaupt nicht kommen. Und das ist seine Schuld.« Danach ging Hild wieder hinaus auf den Hof.

Ebba wusste alles, was sie wissen wollte, und arbeitete mit frischer Kraft und besserer Laune weiter. Bald würde es eine Pause geben. Bald würde Owen kommen, dann die Besucher, und niemand würde von ihr erwarten, dass sie weitermahlte, nicht einmal Hild.

Seit die Gerüchte über Elfling sich im Land verbreitet hatten, waren immer mehr Besucher zum Hof gekommen, ohne Ankündigung oder Einladung. Immer waren die Menschen wegen Elfling neugierig gewesen, vor allem wegen der Geschichten, die man sich über seine Eltern erzählte. Die Leute fanden irgendwelche Vorwände, um herüberzukommen und sich ihn anzuschauen. Doch oft waren sie enttäuscht, weil er keine grünen Haare oder Pferdeohren oder Ziegenaugen oder Hörner auf dem Kopf hatte. Sie zogen von dannen und berichteten, dass er ungewöhnlich gut aussah, und so tauchte immer wieder jemand mit einer fadenscheinigen Ausrede auf und lungerte herum, in der klaren Erwartung, einen Blick auf Elfling werfen zu können. Das war nicht leicht, weil Elfling es nicht mochte, wenn man ihn begaffte.

Die Besucher waren noch schlimmer geworden, als sich die Nachricht verbreitet hatte, dass Elfling heilen konnte. Zuerst waren es nur die ärmeren Menschen aus den Tälern und Bergen der Umgebung. Sie tauchten nach dem langen Marsch erschöpft auf, brachten ein krankes Kind oder eines, das ins Feuer gefallen oder mit einer Missbildung geboren worden war. Manchmal hatten sie auch eine kranke Frau in einer Decke herangeschleppt oder jemanden mit einer tiefen Schnittwunde oder einen, der sich bei einer Schlägerei oder einem Sturz den Kopf verletzt hatte. Was dann geschah, hing einzig und allein von Elfling ab. Gewöhnlich warf er zumindest einen Blick auf den Kranken. Manchmal linderte oder heilte er mit großer Sanftmut und Freundlichkeit, ja sogar liebevoller Güte. Was immer er tat, stets nahmen die Besucher eine gute Geschichte mit nach Hause, was dazu führte, dass noch mehr Menschen kamen – sogar von noch weiter weg. Es schien keine Rolle zu spielen, dass er manchen Menschen die Heilung verweigert oder ihnen brüsk gesagt hatte, dass sie in wenigen Tagen sterben würden. Manche brachten sogar kranke Tiere. Elfling heilte diese ebenso wie die Menschen.

»Am liebsten wär mir, er würde sie alle wegschicken«, sagte Hild. »Wenn sich das erst herumspricht, würde das Gerenne bald aufhören. Aber solange er einigen hilft – und ich so blöd bin, sie durchzufüttern, und wir alle zusammenrücken, um ihnen einen Platz am Feuer zu gewähren –, ja, so lange kommen sie natürlich weiter her. Eine Plage!«

Die von weiter her kamen, waren in der Regel wohlhabender als die aus der näheren Umgebung. Sonst hätten sie sich die Reise nicht leisten können. Hild hasste sie, weil sie sich so offensichtlich für etwas Besseres als sie hielten und weil sie erwarteten, dass alle auf dem Hof die Arbeit stehen und liegen ließen und sich um sie kümmerten. Jedenfalls behauptete das Hild stets. Ebba fand einige ganz nett. Und wenn Elfling ihnen half, ließen sie für gewöhnlich ein Geschenk zurück. »Sie kommen her«, klagte Hild, »bringen ein ganzes Rudel mit, fressen unsere Vorräte auf, verbrennen unsere Kerzen und halten uns von der Arbeit ab – und dann geben sie dir irgendeinen nutzlosen Tand und tun dabei so, als würden sie dir das ganze Land und den Himmel darüber schenken! Diese Reichen sind längst nicht so großzügig, wie sie glauben.«

Aufgrund von Hilds Verärgerung vermutete Ebba, dass eine Gruppe von reichen Reisenden auf den Hof kam. Hild hatte einen Bauernjungen losgeschickt, um die Männer vom Feld zu holen. Nun los, mach schon, dachte Ebba und drehte die Mühle schneller als zuvor. Schnell, schnell! Sie wollte die Ankömmlinge sehen. Vielleicht trugen sie prächtige Kleidung. Vielleicht brachten sie etwas Gutes zu essen mit, um es mit ihnen zu teilen. So sehr war sie von der Aussicht, die Reisenden zu sehen, begeistert, dass sie ein paar Minuten fast Elfling vergaß. Aber nicht ganz. Gewiss brachte die Reisegruppe jemanden mit, der krank war – wahrscheinlich ein kleines Kind. Und Elfling würde diesmal freundlich sein und das Kind heilen. Dann würden die Eltern furchtbar dankbar sein. Und sie, Ebba, würde stolz auf Elfling sein. Sie genoss es immer, wenn andere Menschen ihn bewunderten. Und wenn alle in so guter Stimmung waren, würde Elfling sich ihr zuwenden und erklären: »Und ich werde Ebba heiraten …«

Sie hielt in der Arbeit inne, als sie eine andere Stimme im Hof hörte. Es war Owen. Er beklagte sich, dass man ihn von der Arbeit geholt hatte: Die Äcker mussten gepflügt, eingesät und gedüngt werden.

»Kommt er?«, fragte Hild. »Die sind gleich hier.«

Owen lachte, und Ebba erriet durch den Tonfall seines Lachens, dass Elfling nicht kommen würde, um die Gäste zu begrüßen. Nur wenige Augenblicke später brach der Lärm der Ankunft herein: Pferdehufe trappelten, die Zuggeschirre klirrten, Wagen quietschten, Menschen schrien – ein gewaltiger, aufregender Lärm. Das mussten in der Tat reiche Leute sein. Ebba sprang auf, wischte sich den Mehlstaub von ihrem schlichten grauen Kittel und lief in den Hof. Niemand beachtete sie. Sie war klein und unwichtig, und die Aufmerksamkeit aller war auf anderes gerichtet.

Vor allem auf die Pferde mit den Männern in Rüstung, die durch die schnatternden, auseinanderlaufenden Gänse in den schlammigen Hof trabten. Jeder Mann trug ein mit Metallringen benähtes Lederwams und eine lederne Kappe. Einer der Männer hatte einen Speer, ein anderer einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen über den Rücken geschlungen. Außerhalb der Dornenhecke um das Gehöft war ein Wagen vorgefahren, auf dem Wagen saßen noch weitere Bewaffnete. Das war wirklich eine reiche Gruppe, möglicherweise die reichste, die je hierhergekommen war. Ebba war begeistert. Was sie nicht alles sehen würde!

Ein weiteres Pferd kam durchs Hoftor, und ein Mann schwang sich aus dem Sattel. Er trug einen Umhang aus feinem blauem Tuch über einem Untergewand mit grau-grünem Karomuster. An den Handgelenken und Fingern glänzten goldene Ringe. Was für ein Reichtum war allein der Stoff! Wochen und Monate mussten Frauen dafür arbeiten, spinnen und weben. Der Mann musterte die Hofgebäude, die Vorratsspeicher, die kleinen Hütten für das Geflügel, die Kuhställe und Schweinekoben und auch das kleine Haupthaus. Offensichtlich hielt er nicht viel davon. Auch Hild und Owen schienen ihn nicht zu beeindrucken. Ebba freute sich, dass er Hild verachtete, zugleich ärgerte es sie aber auch ein wenig. Schließlich gehörte der gesamte Hof, Hild und alles andere, Elfling, und niemand hatte das Recht, irgendetwas zu verachten, das Elfling gehörte.

»Ist das das Haus des Heilers?«, fragte der reiche Fremde. »Des Elfengeborenen?«

Hild und Owen versicherten ihm, dass dem so sei, und wollten ihm eben erklären, dass Elfling gerade nicht zu Hause sei, als der Fremde sie rüde unterbrach.

»Ich werde eine Zeitlang hierbleiben, bis der Heiler meinem Weib geholfen hat. Ich bin Morcar Sweynssen, ein Händler aus dem Danelaw –« Während er sprach, drehte er sich um und blickte zu dem Wagen, wo einer der Bewaffneten seiner zierlichen Frau beim Heruntersteigen half. Ihr Haar war von einem schmucken weißen Leinenkopfputz bedeckt, und dazu trug sie einen leuchtend roten Umhang. Ebba schlich ein Stückchen weiter vom Haus weg, um alles besser sehen zu können. Der Umhang hatte Armschlitze, und als die Frau zu ihrem Mann geführt wurde, sah man, dass er vorn mit kleinen Silberknöpfen geschlossen war. Ebbas Neid war ebenso groß wie ihre Bewunderung. Sie wollte auch so einen schönen warmen Umhang haben, wünschte sich ihn so sehr, dass es wehtat – aber sie wusste, dass sie nie und nimmer einen besitzen würde.

»Meine Frau, Aldgytha«, sagte Morcar und nahm sie bei der Hand. Wieder schaute er umher. »Ich hoffe, es gibt hier einen Ort, wo wir bleiben können.«

Owen trat einen halben Schritt zurück und sank in sich zusammen, um klarzumachen, dass er nichts zu sagen hatte. Das ließ Hild das Sagen, aber selbst sie war vom Reichtum der Leute eingeschüchtert. Sie zeigte aufs Haus und setzte sich gleichzeitig in Bewegung. »Bitte«, sagte sie, »tretet ein!« Aldgytha lüpfte den Umhang und den Rock, damit sie nicht schmutzig wurden, und trippelte mit kleinen Schritten los, um den schlimmsten Schlamm und Dreck zu vermeiden. Morcar legte den Arm um sie, um ihr zu helfen.

Ebba war in Panik und rannte schnell vor ihnen ins Haus. Dann huschte sie über die Decken und Strohmatratzen bis ans andere Ende. So sah sie sie hereinkommen. Sie zogen den Kopf tiefer ein, als es nötig gewesen wäre, und blickten dann um sich. Auf ihren Gesichtern mischten sich in gleichem Maß Höflichkeit und Abscheu.

Auch Ebba blickte sich um. Keines der Hofgebäude war viel höher, nämlich so, dass man aufrecht stehen konnte, und alle hatten niedrige Türen, weil es einfacher war, sie so zu bauen. Aber alle waren daran gewöhnt. Erst als Ebba sah, wie diese reichen Leute sich so tief duckten und beim Aufrichten so überrascht waren, kam ihr der Gedanke, dass es vielleicht bequemer wäre, höhere Häuser mit höheren Türen zu haben.

Auch hatte bisher immer ein Raum für alle ausgereicht, bis sie sah, wie Morcar und Aldgytha alles mit so ausdruckslos höflichen Mienen musterten. Da fiel auch ihr der grobe Verputz an den niedrigen Wänden auf und wie Rauch und Ruß im Laufe der Jahre die Wände, die dürren Dachsparren und das Stroh darauf geschwärzt hatten, sodass jede Berührung einen schwarzen Schmierfleck hinterließ. Aldgythas schöner Leinenkopfputz und der scharlachrote Umhang würden allein davon schmutzig werden, dass sie in diesem Haus Platz nahm. Kein Wunder, dass sie so bestürzt dreinschaute.

Die Gäste standen im Mittelgang, der sich durchs gesamte Haus zog. Vor ihnen war der Raum, wo alle lebten, aßen und schliefen. Hinter ihnen auf der anderen Seite war ein Stall, in dem man nachts Tiere unterbringen konnte. Von dort drang der starke Geruch nach Dung und Schweiß herein. Morcar blickte über die Schulter zu dem Stall und sagte zu Hild: »Habt ihr nichts Besseres als das hier?«

Genau das hasste Hild an solchen Leuten am meisten. Und auch Ebba war aufgebracht, obgleich sie es üblicherweise genoss, wenn Hild in Verlegenheit war; denn es war Elflings Haus, das diese Menschen kritisierten.

»Tut mir leid, Herr«, sagte Hild. »Das ist unser Haus. So leben wir nun einmal.«

Morcar nickte. Dann führte er seine Frau über die auf dem Boden verstreuten Decken und Strohsäcke und fand für sie ein warmes Plätzchen beim Feuer. »Hast du Hunger?«, fragte er sie. »Oder Durst?« Sie antwortete irgendwas. »Hab einen Augenblick Geduld«, sagte er. »Ich sorge dafür, dass alles ausgepackt wird.«

Ohne Hild einen weiteren Blick zu gönnen – Ebba hatte er überhaupt noch nicht bemerkt –, ging Morcar in den Hof und erteilte seinen Leuten barsch Befehle. Dinge wurden vom Wagen abgeladen und ins Haus gebracht. Felle, Kissen, Becher, Teller, Lederbeutel mit Getränken und kleine Päckchen mit Essbarem. Mit Kissen machte man es Aldgytha bequem, und einer von Morcars Männern bereitete ein kleines Mahl für sie zu. Ebba versuchte von ihrem Versteck hinten im Haus zu sehen, was Aldgytha aß, doch ohne Erfolg. Sie hatte aber Angst, diesen Platz zu verlassen, weil sie dachte, dass Morcar böse werden würde, wenn er sie sah.

Morcar wandte sich an Hild, die immer noch außer sich vor Zorn im Mittelgang stand, und sagte zu ihr ganz freundlich: »Ich habe gesehen, dass in den Außengebäuden noch viel Platz ist.«

Hild funkelte ihn an. »Du meinst in den Ställen, Herr?«

»Für deine Leute«, erklärte er und deutete auf seine Frau am Feuer. »Wir nehmen diesen Raum. Deine Leute können eine oder zwei Nächte in den Ställen schlafen. Nur bis wir mit dem Heiler gesprochen haben.«

Hild stand der Mund offen. Sie starrte ihn sprachlos an.

»Also, wo ist der Heiler?«, fragte Morcar.

»Draußen, Herr«, brachte Hild hervor.

»Draußen?« wiederholte er, als sei das für ihn eine Überraschung.

»Auf den Feldern, Herr«, fuhr Hild fort. »Um diese Jahreszeit wird gepflügt. Und gesät und gedüngt. Es gibt viel zu tun, Herr.« Und ihr haltet uns von der Arbeit ab, ließ ihr Tonfall verstehen.

»Natürlich«, meinte er. »Nun, je früher wir ihn sehen, desto besser.« Er schaute sie an und schien auf etwas zu warten. »Nun?«

»Was, Herr?«, fragte Hild.

»Lass den Heiler herholen.«

Mit gewisser Befriedigung erklärte Hild: »Er weiß, dass ihr hier seid, Herr. Das haben wir ihm schon gesagt. Aber er kommt nicht.«

Morcar traute seinen Ohren nicht. »Er kommt nicht?« Vielleicht erinnerte er sich jetzt daran, dass der Heiler frei geboren war, und sagte: »Zeig mir, wo er ist. Dann kann ich zu ihm gehen und mit ihm sprechen.«

Hild ging in den Hof, und Morcar folgte ihr. Da Ebba Hild sehr gut kannte, sah sie an der Art, wie diese sich bewegte, dass sie entzückt war, dem Mann Anweisungen zu geben, wo er Elfling finden konnte. Sie wusste, was für eine Antwort er erhalten würde, sobald er von Elfling forderte, alles stehen und liegen zu lassen und zum Haus zurückzugehen, welches er dann für die Besucher räumen und in den Stallungen schlafen sollte.

Von draußen rief Hild Ebbas Namen. Diese vergaß jede Angst und stürzte zurück zur Mühle. Aldgytha sah überrascht von ihrem Mahl, einem kleinen Bier und einem Stück Weißbrot, auf, als das Mädchen aus dem Nichts auftauchte und weiter den knirschenden Mühlstein drehte.

Hild kam zurück ins Haus und meinte: »Ach, da bist du. Wann ist das Mehl fertig? Es ist dir doch recht, wenn das Mädchen weitermahlt, Herrin? Wir müssen Brot backen, und die Mühlsteine sind zu schwer, um sie nach draußen in einen Stall zu tragen.«

»Oh nein, nein!« antwortete Aldgytha leise.

Ebba hielt den Kopf gesenkt und mahlte weiter, während Hild übellaunig eine Suppe aus gekochtem Hafer und Gemüse in einem eisernen Topf anrührte. Auf diesen Topf war Hild stolz. Aber Ebba sah aus dem Augenwinkel den schockierten Blick, den Aldgytha auf die alten, am Rande angetrockneten Essensreste warf. Aldgytha hatte den roten Umhang nicht abgelegt. Ebba betrachtete voller Bewunderung die mit Stickerei gesäumten Armschlitze und die kleinen Silberknöpfe. Ihr entging auch nicht, wie Aldgytha dasaß, mit angelegten Armen, als wolle sie von der Umgebung so wenig wie möglich berühren.

Morcar kam zurück, als Ebba das Mehl, das schließlich fertig gemahlen war, mit Wasser vermengte, um Brot daraus zu bereiten. Er beachtete das Mädchen nicht, sondern setzte sich neben seine Frau und nahm von ihr eine Scheibe Weißbrot entgegen, das sie mitgebracht hatten. Es war nicht richtig weiß, aber das hellste Braun, das Ebba je gesehen hatte. »Er kommt«, teilte er seiner Frau mit. »Ich habe mit ihm geredet, und er kommt.«

Ja, dachte Ebba, er wird kommen, aber zusammen mit den anderen Männern am Ende des Tages, um zu essen, wie immer – nicht vorher. Sie wartete noch sehnlicher auf seine Rückkehr als sonst.

Die Männer kamen spät nach Hause, als es bereits dunkelte. Sie traten geduckt ins Haus; im Feuerschein sah man sie wie Schattengestalten. Sie trugen Kittel aus grauem, ungefärbtem grobem Wollstoff, die so alt waren, dass sie wie Säcke herabhingen. Sie brachten einen Geruch mit, der schnell das Haus füllte: ein starker salziger Geruch von Schweiß, der sich in ihrer Kleidung festgesetzt hatte, ein Geruch von Erde und Dung. Aldgytha hielt sich ihre zarte Hand vor die Nase.

»Was?«, fragte Morcar. »Warum kommt ihr herein? Hat mein Diener euch nicht Bescheid gegeben?«

Die Männer blieben an der Tür stehen und beäugten scheu die Neuankömmlinge. Hinter ihnen trat Elfling ein. Er war größer als alle anderen und konnte nur direkt unter dem Dachfirst aufrecht stehen. Das letzte Licht, das durch die Tür hereinschien, ließ sein Haar rotgolden aufleuchten. Er schob sich durch seine Knechte, beugte sich hinab und ergriff eines von Morcas Kissen. Dann schleuderte er dieses durchs ganze Haus. Es traf einen Diener des Dänen, der aufschrie. Doch da hatte Elfling bereits ein Fell ergriffen und warf es hinterher – es folgten noch ein Fell und ein Kissen.

Morcar hatte es die Sprache verschlagen. Dann schrie Hild: »Elf! Das Feuer!« Sie hatte ständig Angst, dass etwas ins Feuer fallen könnte. Im nächsten Augenblick würde das ganze Haus in Flammen stehen, und alle müssten in den Außengebäuden schlafen.

Elfling kümmerte sich nicht um sie. Weitere Kissen und Felle flogen durch die Luft. Eines traf das dünne Dach und fiel auf Aldgytha. Sie quietschte. Morcar stand mühsam auf, was in dem engen Haus mit den vielen Fellen und Kissen auf dem Boden nicht einfach war.

Elfling schaute ihn an. Als Morcar etwas sagen wollte, schnitt er ihm das Wort ab. »Dies ist mein Haus. Meine Leute schlafen hier, wo sie immer schlafen. Aber ich bin großzügig; sie können den Raum mit euch teilen.« Danach wandte Elfling Morcar den Rücken zu und verließ mit eingezogenem Kopf das Haus.

Morcar wollte ihm folgen, doch Owen stellte sich ihm in den Weg. »Ich würde ihn in Ruhe lassen, Herr.« Morcar versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen, aber Owen fuhr fort: »Heiler können ebenso verwunden wie heilen, Herr.« Morcar zeigte Einsicht und ging zurück zu seiner Frau. Er befahl seinen Dienern, ihre Sachen in den hinteren Teil des Hauses zu schaffen, um für Elflings Leute Platz an der Tür zu machen. Er setzte sich neben Aldgytha, legte den Arm um sie und sagte ihr, sie brauche keine Angst zu haben. Ebba bot ihnen von dem noch warmen Brot an. Da hörte sie, wie er sagte: »Schau, der Mann ist schlichtweg ein Flegel und weiß nicht, wie man sich benimmt. Aber ich werde ihn schon überreden. Du wirst schon sehen.«

Ebba ging zu Hild zurück und sagte: »Ich werde Elfling sein Essen bringen.«

Hild blickte sie scheel an. »Du lässt auch keine Gelegenheit aus, was?« Aber sie füllte eine Schale mit dem Eintopf, fügte ein paar Stücke Brot hinzu und gab alles Ebba, die es nach draußen trug.

Hinter dem Haupthaus war Elflings kleines Haus, das eigentlich nur eine Hütte war. Ebba stapfte durch den Schlamm und hielt Schüssel und Brot dabei krampfhaft fest. Bei der Hütte klemmte sie beides in die Armbeuge und klopfte mit der anderen Hand an die Tür. Dann hob sie den Riegel und stieß die Tür auf.

Drinnen war es dunkel, sodass sie kaum etwas sah. Es brannte kein Feuer.

»Ich habe dir etwas zu essen gebracht, Herr.« Die kleine Hütte hatte eine Schlafbank aus festgestampfter Erde. Sie stellte die Schüssel an ein Ende und legte das Brot daneben.

Sie wartete auf eine Aufforderung, doch erst nach geraumer Zeit ertönte Elflings Stimme aus der Dunkelheit. »Danke, Ebba! Das ist sehr freundlich von dir.«

Ebba errötete und sehnte sich danach, noch mehr Lob zu hören. »Es ist kalt, Herr. Ich könnte dir Feuer aus dem Haus holen. Soll ich?«

»Geh jetzt, Ebba.«

»Soll ich nun Feuer holen, Herr?«

»Ebba. Geh!«

Ebba zog die Tür zu und ging über den Hof zurück ins Haus, aber sie beschloss, ihm Feuer zu bringen, ob er es wollte oder nicht. Das würde ihm zeigen, wie sehr sie ihn liebte, selbst wenn er zornig wurde.

Im Haus sagte sie zu Hild, Elfling wolle Feuer.

»Und warum hat er keines mitgenommen, verflucht noch mal?«, meinte Hild. Aber sie sammelte aus der Feuerstelle Glut ein und ein paar brennende Scheite, legte alles in einen Topf und schickte Ebba damit über den Hof.

Draußen zitterte Ebba im kalten Wind und klopfte wieder an die Tür der Hütte. »Ich bringe dir Feuer, Herr.«

Von drinnen war ein Geräusch zu hören, dann öffnete sich die Tür. Ebba konnte Elfling nicht sehen, weil es zu dunkel war. Sie ging mit dem Feuertopf hinein. Elfling schloss die Tür hinter ihr. Im Herd war bereits Holz aufgeschichtet – wie immer –, und sie kniete nieder und entzündete es mit der Glut aus ihrem Topf. Als das Feuer brannte und den kleinen Raum erhellte, wollte sie gehen; aber Elfling lehnte, von einem goldenen Lichtschein umgeben, am Türrahmen.

»Soll ich bleiben?«, fragte sie und lächelte ein wenig einfältig. Sie sollte bleiben. Das war alles, was sie in der Welt wollte. Ebba war glücklich.

Drüben im Haupthaus schliefen die Knechte und Mägde, satt und nach einem langen Tag erschöpft, schnell ein. Sie hatten sich unter den Decken aneinandergedrängt und schnarchten seelenruhig vor sich hin.

Für Morcar, Aldgytha und Begleitung war die Nacht nicht so gut. Das elende kleine Haus war nicht das, was sie gewohnt waren, und ihr Besitzer schien ein jähzorniges Gemüt zu haben. Kein Wunder, dass sie sich in ihrer Haut nicht wohlfühlten. Außerdem waren die Flöhe im Haus des Heilers viel aktiver als ihre eigenen und schienen den Geschmack neuen Bluts ausgesprochen zu mögen.

Morcar schwor sich, morgen den Heiler dazu zu zwingen, seine Frau zu heilen. Danach würden sie diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Heute hatte ihn der Heiler überrumpelt, doch morgen würde er darauf gefasst sein und wissen, wie man mit einem solchen Kerl umzugehen hatte.

Erst in den kühlen Morgenstunden schliefen auch Morcar und Aldgytha ein und waren deshalb keineswegs ausgeschlafen, als sie der Lärm weckte, den die Hausbewohner beim Aufstehen machten. Durch die offene Tür kam ein eisiger Windzug herein und klärte den Dunst der Nacht. Ringsum wurde gehustet, gefurzt und sich mit langen Nägeln der Schorf am Grind gekratzt. Mit Rufen und Pfeifen trieb man die laut trampelnden Tiere hinaus. Im Hof herrschte auch viel unnötiger Lärm.

Drinnen kümmerte sich Hild derweilen ums Feuer, entfachte es neu. Bei jeder Bewegung stöhnte sie laut und seufzte tief. Sie stapfte zwischen Feuer und Hof hin und her und begann, den Eisentopf zu füllen. Dann setzte auch das teuflische Quietschen der Steinmühle wieder ein.

Morcars Diener erhoben sich schließlich und fingen mit Hild einen Streit darüber an, wie und wo sie für ihre Herrschaft das Frühstück auftischen sollten. Herr und Herrin konnten bei all dem Lärm nicht weiterschlafen.

Morcar setzte sich mit verquollenen Augen auf, und Aldgytha lugte unter ihrer Decke hervor und kratzte sich heftig.

»Wo ist der Heiler?«, fragte Morcar barsch. »Er muss sich heute noch meine Frau anschauen.«

Die alte Frau am Feuer musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen durch den Rauch, der eine weitere Rußschicht auf Wände und Dach legte. »Du hast ihn verpasst, Herr. Er ist bereits aufs Feld gegangen.« Das Mädchen, das hinter der Tür kniete und den Mahlstein drehte, warf Morcar über die Schulter einen Blick zu, den er schlichtweg als unverschämt empfand. Was ging diesen Trampel sein Gespräch an?

»Aber gewiss kommt er zum Frühstück zurück. Dann kann ich mit ihm sprechen.«

»Wie du meinst, Herr«, sagte Hild und bereitete weiter den Brei zu, der mit dem von gestern übrig gebliebenen Brot das Frühstück darstellte.

Morcar und Aldgytha aßen ihr eigenes Frühstück: helles braunes Brot, Käse und ein wenig Bier. Nachdem sie etliche Stunden gewartet hatten und es heller Tag war, kamen die Leute von der Arbeit zum Frühstück. Als Letzter trat der Elfengeborene ein und blieb unter dem Dachfirst stehen, während sich die anderen die Schüsseln füllen ließen. Jeder Mann und jede Frau holte sich den eigenen Löffel aus einem Gestell an der Wand und suchte sich auf dem Boden einen Sitzplatz. Nach dem Essen leckten sie die Löffel sauber und steckten sie zurück ins Gestell.

Der Heiler drehte mit absichtlicher Unhöflichkeit den Gästen den Rücken zu. Trotzdem war Aldgytha von seiner Größe, seinen breiten Schultern und dem langen Hals beeindruckt. Sein dichtes Haar war mit einem Messer auf Schulterlänge gestutzt und leuchtete golden im Türrahmen. Aldgytha senkte ihren Blick in den Schoß und widmete sich ausschließlich ihrem Frühstück.

Das Mädchen, das die Mühle betätigt hatte, sammelte das letzte Mehl von der Lederplane ein und holte sich von Hild eine Schüssel mit Brei, welche sie zum Heiler hintrug. Der Heiler nahm sie und ging, sich unter dem Türsturz hindurchduckend, hinaus auf den Hof.

Morcar machte eine unwirsche Bemerkung, kam mühsam auf die Beine und ging ihm nach, wobei er das Mädchen auf dem Gang grob aus dem Weg stieß.

Der Heiler stand mit dem Rücken zum Haus auf dem Hof und löffelte sein Frühstück aus der Schüssel. Morcar trat hinter ihn und sagte laut:« Meine Frau braucht deine Hilfe.« Der Heiler drehte sich nicht einmal um. Morcar trat vor ihn. »Du bist doch der Heiler, oder?«

Der junge Mann – eigentlich war er noch ein Junge, was seine Unhöflichkeit noch aufreizender machte – drehte den Kopf zur Seite.

»Zehn Jahre und kein Anzeichen für ein Kind«, erklärte Morcar. »Du bist ein Heiler. Du kannst ihr helfen.«

Einen Augenblick lang blickte der Heiler zum Haus. Morcar glaubte, das zeige ein gewisses Interesse, und er sagte eindringlich: »Es macht sie unglücklich. Ich gebe dir Gold, wenn du ihr hilfst.«

Der Heiler aß weiter, trat aber einige Schritte von Morcar weg und sagte dabei: »Du machst sie unglücklich.«

Diese unverschämten Worte versetzten Morcar in Wut. »Was fällt dir ein, so mit mir zu sprechen! Ich bin nicht hergekommen, um deine Meinung zu hören, wie ich meine Frau behandele, sondern um Hilfe für sie zu bekommen. Was ist mit dir los, Elfengeborener? Behandelst du nur Wesen, die wie du sind?«

Elfling, der bisher die Schultern hochgezogen hatte, wandte den Kopf und blickte Morcar ins Gesicht. Ebba, die vom Haus aus zuschaute, sah, wie Morcar verblüfft vor der Kraft dieses Blickes zurückwich, als hätte man ihm einen Stoß gegen die Brust versetzt. Sie bedeckte den Mund mit einer Hand und lächelte. Sie kannte die Kraft dieses Blickes.

Morcar trat einen Schritt vor, doch dann hatte er sich wieder im Griff und blieb stehen. Er vermochte es nicht zu begreifen, was ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Aber eigentlich kannte er den Grund genau. Als sich der junge Mann umdrehte, sich aufrichtete und Morcar mit den Augen fixierte, war dieser ob so viel Schönheit geschockt gewesen. Aber das allein konnte es nicht sein … Nie im ganzen Leben hatte Morcar bei einem Mann nach Schönheit gesucht, das entsprach nicht seiner Neigung. Nein, es musste noch etwas anderes sein … Aber für jetzt wusste er lediglich, dass diese Schönheit ihn so getroffen hatte.

Der Kopf des Elfengeborenen saß auf einem langen, schlanken Hals. Sein Anblick glich dem eines prächtigen Rehs. Die Züge des Gesichts waren perfekt angeordnet und ausgeprägt. Das schlecht geschnittene Haar leuchtete hell an den Rändern, wo das Licht hindurchschien. Ansonsten glänzte es mit der warmen Farbe rötlichen Bernsteins.

Doch am auffälligsten waren die Augen. Sie waren schöner als die Augen irgendeiner Frau, die Morcar je gesehen hatte. Laut aufstöhnend trat er noch einen Schritt zurück, als er sich dies eingestand. Die Augen waren klar wie Glas, wechselten jedoch die Farbe, je nachdem wie das Licht sie traf. Aber nie war es eine Farbe, die man eindeutig hätte benennen können. Zu viel Blau oder sogar Violett, um sie grau zu nennen, aber zu viel Grün, um sie als blau zu bezeichnen, und zu viel Grau, um grün zu sein. Als Morcar nach festem Halt suchte und Elfling ihn nicht aus seinem zwingenden Blick entließ, traf das Licht aus einem anderen Winkel darauf und entzündete gelbe Fünkchen wie bei ockerfarbenen Flechten auf Felsen.

Der böse Blick, dachte Morcar und fühlte, wie sein Herz schneller schlug und hämmerte. Und der böse Blick bedeutet, dass er mich damit töten will. Er wird mein Herz zerbersten lassen …

Doch da entließ ihn Elfling unvermittelt aus dem Bann seines Blicks und ging zurück zum Haus. Er schob Ebba am Eingang beiseite und ging hinein. Morcar hatte Angst um seine Frau, rang nach Luft und eilte ihm hinterher.

Der Innenraum lag im Dunkeln, nur teilweise erhellt durch das Herdfeuer und die wenigen Lichtstrahlen, die, vorbei an den Leuten, die dort im Weg standen, durch die offene Tür drangen. Doch vermochte das Licht kaum die dichten Rauchschwaden zu durchdringen, sodass man nur undeutlich sah, was vor sich ging. Elfling stand aufrecht unter dem Dachfirst. Sein Haar glänzte in einem Lichtstrahl, als Aldgytha die Arme ausbreitete, sie ihm entgegenstreckte und lächelte.

Ehe Morcar ein Wort herausbrachte oder sich durch die Knechte einen Weg bahnen konnte, erhob sich Aldgytha schon und ging zu dem Elfengeborenen – und in seine Arme –, schneller, als es Morcar gefiel. Und alle schauten zu, nicht nur die Knechte und Mägde vom Hof, sondern auch Morcars eigene Dienerschaft. Er spürte, wie sein Gesicht vor Wut und Angst weiß wurde und sich versteinerte.

Elfling schloss Aldgytha in die Arme, legte sein Kinn auf ihre Schulter und grinste Morcar an. Dann wiegte er sich hin und her, wobei er Aldgytha wie ein Kind in den Armen hielt. In Morcar stieg eine stille Wut auf, welche nur durch das laute Hämmern seines Herzens unterbrochen wurde. Elfling stimmte ein lautes, fröhliches Gelächter an, so natürlich, als habe er soeben einen sehr lustigen Witz erzählt. Er hob Aldgytha in die Luft. »Morcar! Nicht deine Frau braucht meine Hilfe!«

Morcar verschlug es die Sprache.

Elfling stellte Aldgytha auf die Füße und ließ sie los. Mit völlig verdutztem Gesicht schaute sie ihren Mann an. »Zumindest weißt du, dass sie dir treu gewesen ist«, sagte Elfling. Einige der Knechte lachten, und – Morcar glaubte es jedenfalls – sogar seine Diener kicherten leise.

»Zehn Jahre?«, fuhr Elfling fort. »Mit jedem anderen Ehemann hätte sie inzwischen zehn Kinder!«

Elflings unirdische Schönheit und seine Verachtung trafen Morcar tief. Mit Abscheu in der Stimme sagte er: »Du solltest tot sein!« Während er dies sagte, zog er sein Messer aus dem Gürtel, um die Worte in die Tat umzusetzen.

Im Haus gab es wenig Platz, weder für Verteidigung noch für Angriff. Morcar prallte gegen die Leute, die sich am Feuer versammelt hatten. Schreiend schlugen sie auf ihn ein. Elfling war gleichermaßen behindert, dem Messer auszuweichen. Aldgytha schrie, und Hild übertönte alle: »Das Feuer! Das Feuer!«

Morcar packte den Stoff von Elflings Kittel und versuchte, Elfling in Richtung seiner Messerklinge zu ziehen, doch hatte er nicht so viel Bewegungsfreiheit, wie er es sich gewünscht hätte. Ebba drängelte sich durch die Menschen, drückte sich an der Mauer vorbei – wodurch sie eine Lawine aus Schlammverputz auslöste –, packte Morcars Messerhand und hängte sich mit ihrem gesamten Gewicht daran.

Jetzt waren noch mehr Leute auf den Beinen und brüllten und schrien wegen des Feuers. Morcar ließ Elfling los, um sich mit Ebba zu befassen. Sie war schwer genug, seine Messerhand zu behindern, aber sobald er beide Arme benutzen konnte, machte ihm ihr dürres Gestell keine Mühe. Während sie noch an seinem Arm hing, hob er diesen und schleuderte sie in die Mitte des Raums. Fast gleichzeitig drängte Elfling nach vorn, um sich auf Morcar zu stürzen. Einige Männer hielten ihn zurück. Ebbas Griff löste sich, sie segelte durch die Luft – und landete direkt im Feuer.

Innerhalb von Sekunden krabbelte sie heraus, aber ihr Kleid brannte schon lichterloh, und ihre Haut war voller Brandwunden. Ihre Schreie, aus Angst und Schmerz geboren, waren entsetzlich, aber sie beendeten den Kampf. Morcar stand fassungslos da, mit offenem Mund. Aldgytha verbarg ihr Gesicht. Andere schienen ebenfalls noch nicht begriffen zu haben, was geschehen war, oder schrien, während sie Flammen austrampelten, die durch die herausgeschleuderte Glut vom Herd entkommen waren. Hild schließlich warf Ebba zu Boden und schlug mit bloßen Händen auf deren brennendes Kleid ein. Dabei rief sie: »Elf! Elf!«

Elfling lief zu den beiden Frauen, seiner alten Amme und der jungen Leibeigenen. Mit seiner Kraft fiel es ihm leicht, Ebba auf dem Boden zu rollen, bis sämtliche Flammen erloschen waren. Dann nahm er ihren kleinen verbrannten Körper auf die Arme. Als sie vor Schmerzen aufschrie, flüsterte er ihr tröstend zu: »Liebling, Liebling!«, und drückte seinen Kopf gegen ihren.

Alle im Haus sahen staunend zu, selbst Aldgytha wagte den Blick zu heben, als er Ebba, deren Kleid verbrannt war und deren bloße Haut tiefrote Brandwunden zeigte, hochhob, was ihr mit Sicherheit große Schmerzen bereitete. Schnell ebbten Ebbas Schreie zu Schluchzen und Wimmern ab, bis sie schließlich ganz still war. Alle hielten den Atem an, als sie sahen, wie Elfling mit geschlossenen Augen das Mädchen hielt, als konzentrierte er sich angespannt. Eine Ewigkeit schien vergangen, in der Ebba still in seinen Armen lag, als er die Augen wieder öffnete und begann, behutsam über die Wunden des Mädchens an der Hüfte und im Rücken zu streichen. Dabei flüsterte er ohne Unterlass unverständliche Worte, immer noch äußerst konzentriert.

Ebba war sich kaum bewusst, was mit ihr geschehen war. Erst die Angst um Elfling, dann der Kampf mit Morcar und die freudige Erregung, dass sie kämpfte, um ihren Geliebten zu retten – und dann plötzlich die schrecklichen Schmerzen, unerträglich, Hitze und Flammen ringsum. Ihre Panik war durch Hilds Schreie und Schläge noch gesteigert worden. Sie hatte geglaubt, Hild wolle sie bestrafen. Als Elfling sie hochgehoben hatte, waren die Schmerzen entsetzlich gewesen. Es war ihr gleich gewesen, dass es Elfling war; ja, sie hatte nicht einmal gewusst, dass er es war – nur, dass es unsäglich wehtat. Doch dann hatten die Schmerzen sehr schnell nachgelassen. Kühle hatte sich auf die Brandwunden gelegt, als hätte jemand kaltes Wasser darübergegossen. Und dann hörte sie Elfling sagen: »Liebling, Liebling …« Das hatte die größte Linderung gebracht. Eine wohlige Wärme hatte sie eingehüllt, nicht die sengende, brennende, schmerzliche Hitze der Feuerzungen, sondern eine sanfte Wärme, welche sie an Elflings Schulter friedvoll einlullte.

Morcar stand an der Hausmauer, den Kopf unter den mit Stroh gedeckten Dachvorsprung geduckt. Eine Magd kümmerte sich schweigend um das Feuer und sammelte die verstreute Glut ein. Sie bemühte sich, die Konzentration des Elfengeborenen nicht zu stören. Als Morcar sich umschaute, sah er, dass das Gesinde über die Handlungen seines Herrn nicht übermäßig erstaunt war. Seinen eigenen Dienern hing die Kinnlade herab. Er blickte zu Elfling, der immer noch das junge Mädchen hielt, aber auch die Hände der alten Frau, welche sie sich verbrannt hatte, als sie die Flammen ausschlug. Elfling zog die alte Frau an sich, küsste ihre Hände, richtete sie gerade und strich sanft darüber. Schließlich schloss er sie in die Umarmung mit dem Mädchen ein.

Morcar spürte, wie sein eigener Zorn verflog. Er schämte sich sogar und steckte das Messer zurück in die Scheide. Der Heiler hatte ihn beleidigt – das war wahr, aber was konnte ein Mann gegen eine solche Macht ausrichten? Er musste die Beleidigung herunterschlucken und demütig um Hilfe bitten.

Elfling ließ Hild los und legte Ebba behutsam auf eine der unordentlichen Schlafstellen im Haus. Er deckte sie zu, kniete neben ihr nieder und betrachtete sie. Das Mädchen schien zu schlafen.

Hild zeigte Owen ihre Hände, schloss und öffnete sie, um ihm vorzuführen, wie mühelos die Finger sich bewegten. Keine Spur mehr von den schweren Brandwunden. Ein Wunder, dachte Morcar.

Als Elfling aufstand, trat Morcar vor. Auch die Knechte bewegten sich nach vorn, doch Morcar hielt die Hand hoch, um seine friedlichen Absichten kundzutun. »Herr«, sagte er zu Elfling. »Ich gestehe offen, dass mir alles leidtut, was ich gesagt und getan habe, das dich kränken musste. Ich habe mich schwer geirrt und falsch gehandelt. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.«

Die Entschuldigung war überaus höflich und hätte eine ebenso höfliche Antwort verdient, mit der Elfling die Verzeihung und Freundschaft annahm. Der Elfengeborene blickte ihn jedoch nur mit diesem durchdringenden Blick seiner sich farblich stets verändernden Augen an, mit denen er jegliche Macht hätte ausüben können, wenn er gewollt hätte.

»Ich gebe meinen Fehler zu«, fuhr Morcar fort. »Und ich bitte dich als Heiler um Hilfe für mich, sollte ich diese brauchen, nicht für meine Frau.«

Elfling griff zu den dünnen Dachsparren aus Zweigen hinauf, welche das Stroh stützten, und holte einen Langbogen und ein Bündel Pfeile heraus. Dann erklärte er: »Ich gehe auf die Jagd. Pack deine Sachen und verschwinde von meinem Land. Ich möchte dich hier nicht mehr sehen, wenn ich zurückkomme. Scher dich weg und suche anderswo nach Heilung.« Er steckte die Pfeile in den Gürtel und ging zur Tür. Morcar starrte ihn sprachlos an. Elfling schwankte ein wenig, als sei ihm schwindlig. Sofort packte ihn einer seiner Knechte, um ihm Halt zu geben. »Wenn irgendjemand kommt und um Heilung bittet, sagt ihm – sagt ihm, ich sei mit den Elfen unterwegs«, sagte er zu dem Mann.

Nachdem er fort war, blickten die beiden Parteien – auf der einen Seite das Gesinde des Hofs, auf der anderen die Dienerschaft Morcars – einander unsicher an.

»Er ändert seine Meinung nicht«, erklärte Hild nach einer Weile. »Hat er mal gegen jemanden eine Abneigung gefasst, ändert sich das nie.«

»Wir werden morgen aufbrechen«, sagte Morcar. »Ich danke dir für deine Gastfreundschaft, Herrin.«

Hild nickte.

»Es gibt noch ein paar andere Sachen, die du ausprobieren kannst«, sagte sie. »Brennnesseln. Mit Brennnesseln schlagen soll gut sein, habe ich gehört.«

Danach trennten sich die beiden Gruppen. Morcar befahl seinen Leuten, alles zu packen, und die Knechte und Mägde gingen wieder aufs Feld. Hild fragte sich, ob sie selbst mit dem Mahlen beginnen oder Ebba wecken sollte. Sie beschloss, das Mädchen für den Rest des Tages schlafen zu lassen.

Als Morcars Männer den Wagen beluden, sichteten sie als Erste die Schar Bewaffneter, die auf den Hof zugeritten kam. Schnell holten sie Morcar, und dieser zögerte nicht, Hild und die Knechte zu alarmieren. Die Bewaffneten glitzerten im Sonnenschein, als sie näher ritten. Sie trugen nicht nur lederne Wämser. Offenbar waren sie keine Schutztruppe für einen Handelsreisenden. Morcars Erfahrung nach bedeuteten Männer wie diese Ärger.

DRITTES KAPITEL
DIE WALKÜRE

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Die bewaffneten Reiter näherten sich in leichtem Trab. Ihre Rosse waren groß, wertvolle Tiere, und jeder Mann trug einen Helm mit Metallplatten, Nasenschiene und Wangenschutz. Keine einfachen Lederkappen. An jeder Schulter hing ein Schild, und die Hälfte der Männer hatte einen Speer in der Hand, welche nicht den Zügel hielt. Alle trugen Wämser aus dickem Leder, auf das Metallringe aufgenäht waren, dazu ein besticktes Wehrgehänge, an dem ein Schwert hing. Die Brosche auf der Schulter eines jeden Umhangs glänzte in der Sonne.

Was ist denn das?, wunderte sich Morcar. Mit Sicherheit ritt ein Reicher mit seiner Garde, aber … Obgleich er noch nie einen König gesehen hatte, kam ihm der Gedanke, dass diese so vortrefflich berittene und bewaffnete Leibgarde einem König gehören musste.

Aber was wollten sie hier? Bei diesem Gedanken lief es ihm kalt über den Rücken. Nein, gewiss machte er sich unnötig Sorgen, versuchte er sich einzureden. Es war sicher nur jemand, der herkam, um sich heilen zu lassen – wie auch er –, ein reicher Mann oder eine reiche Edelfrau, sicherheitshalber von einer starken Leibgarde begleitet. Aber es beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Die Art, wie diese Männer ritten und wie sie aus dem Schatten unter dem Helm umherblickten, machte ihm Angst. Die Knechte waren eilends vom Feld hergekommen, nachdem er sie hatte rufen lassen. Sie hatten Werkzeuge als Waffen: Äxte und Sicheln. Seine Männer waren etwas besser bewaffnet. Aber diese Reiter, die näher kamen … Es bedurfte mehr als ein paar großer Kerle mit unhandlichen Schwertern und ein paar Knechten mit Werkzeug, um mit denen fertig zu werden. Seine Gedanken gingen zu Aldgytha … Wie konnte er sie in Sicherheit bringen?

Als die Reiter näher kamen, konnten sie über die Hecke in den Hof hineinschauen. Das Pferd an der Spitze stieß Morcar beiseite und trabte in den Hof. Das Gesinde lief sofort auseinander, um ihm Platz zu machen. Einige duckten sich in den fragwürdigen Schutz der niedrigen Außengebäude. Morcar erblickte Aldgytha in der Tür des Hauses und gab ihr ein Zeichen wegzulaufen, damit man sie nicht mehr sah.

Der Führer der Reiterschar trug einen Helm, welcher seinen Kopf vollständig mit glänzendem Metall bedeckte. Eine brünierte Maske verbarg das Gesicht bis auf den Kinnbart. Dicke silberne Brauen überschatteten die Augen, ein goldener Schnurrbart hing über einem goldenen, grimmigen Mund. Ein zähnefletschender Drache mit gekrümmtem Rücken und Rubinaugen zierte den Helmkamm. In den tiefen Schatten der Augenhöhlen sah man gelegentlich das Glitzern der Augen, ansonsten blieb das Gesicht des Mannes verborgen. Es war unmöglich festzustellen, ob er einen anschaute oder welchen Gesichtsausdruck er trug. Die Kälte, die Morcar über den Rücken gelaufen war, verwandelte sich in einen Magenkrampf.

Hunting, hoch zu Ross, blickte durch die Helmschlitze auf den Haufen schmuddeliger kleiner Hütten, in denen er nicht einmal seine Hunde halten würde. Und das Wesen, das hier lebte, behauptete, sein Halbbruder zu sein? Die niedrige Dornenhecke war für Hunting fast eine Beleidigung, da sie für ihn den Anschein erweckte, man würde ihm zutrauen, diesen Misthaufen ernsthaft angreifen, wollen, oder dass sie ihn vom Eindringen abhalten könnte.

Neben dem Eingangstor stand ein Mann, der sich von den Menschen, die im Hof auseinandergelaufen waren, unterschied. Ein großer Mann mit Kleidung aus gutem, glattem Tuch, wenngleich ein wenig in Unordnung. Der Mann trug eine Goldkette um den Hals und Ringe an den Fingern.

Die Maske wandte sich an ihn. »Wie heißt du?« Die Stimme hinter den goldenen Lippen klang unmenschlich und eisig.

»Morcar Sweynssen, Jarl.«

Die Augen hinter der Maske funkelten. Nach kurzer Pause sprach die hallende Stimme wieder. »Ein Däne.«

»Aus Northanhymbre, Jarl. Ich treibe Handel – in diesem Lande genieße ich den Schutz des Lehnsherrn Alnoth, Jarl.«

Die Maske schwieg längere Zeit und schien ihn nur anzustarren, doch genau wusste er das nicht. Das glatte Gold des Gesichtes schimmerte, die Silberbrauen waren zusammengezogen, der Drache mit den Rubinaugen fletschte die Zähne. Hinter der Maske überlegte Hunting. »Treibst du hier Handel?«

»Nein, Jarl, nein! Ich bin mit meiner Frau hergekommen, wegen ihrer Krankheit. Hier lebt ein Heiler.« Es war so frustrierend, so untertänig sein zu müssen und diese gleißende Maske anzustarren, die keinerlei Hinweis auf das Gesicht dahinter gab.

Hunting erwog, den Mann zu töten. Niemand würde sich einen Dreck darum scheren, wenn er das ganze Volk auf dem Hof über die Klinge springen ließ. Doch dieser Mann könnte Probleme bereiten, auch wenn er ein ausländischer Händler war. Wenn seine Verwandten erfuhren, wie er gestorben war, könnten sie sich bei diesem Lehnsherrn Alnoth beschweren, und dieser beim Ältestenrat und dem König … Doch wie sollten die Verwandten des Fremden je etwas erfahren, wenn er an diesem verlassenen Ort starb? Besser, keinen am Leben zu lassen.

»Wo ist der Elfengeborene?«, fragte Hunting.

Morcar blickte umher, ob jemand die Frage beantworten würde, doch die meisten der Knechte und Mägde hatten sich außer Sicht versteckt. Nur ein Mann stand auf dem Hof, der älteste, der Owen hieß, aber außer Hörweite. Wieder blickte Morcar zu dem berittenen Jarl empor, der von oben auf ihn herabsah, und überlegte, was er am besten antworten sollte. Der Jarl wollte den Heiler. Würde er fortreiten, wenn er ihm sagte, dass der Elfengeborene nicht hier sei? Beinahe musste Morcar lachen. Ein Mann kam nicht mit einer solchen Reiterschar her, um wieder abzuziehen. Aber würde er –? Morcar gestand sich ein, dass er genau das befürchtete. Würde der Jarl alle sofort umbringen, sobald er hörte, dass der Heiler nicht hier war, oder –?

»Antworte!« herrschte Hunting ihn an.

Nein. Er würde abwarten. Und wie jeder Jäger wollte er seine Beute nicht alarmieren. Er wünschte nicht, dass der armselige Hof anders als immer aussah.

»Der Heiler ist nicht hier, Jarl.

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