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Die Elfe Hannah

Widmung

Für meine geliebte Mutter, die mich schon als kleines Kind mit in den Garten nahm und mir vieles über Pflanzen und Tiere beibrachte. Durch sie nahm ich die Schönheit der Natur wahr, aber auch ihre Fragilität. Und für meine Tochter Hanna, die die Affinität zu Pflanzen geerbt hat und mit Hingabe den Beruf der Floristin ausübt.

Prolog

Elsa sah das kleine Wesen liebevoll an. Die aufgeweckten, blaugrauen Augen fixierten jede ihrer Bewegungen. Die Kleine war wenigstens ein Lichtblick an diesem traurigen Tag. Heute Morgen hatte sie ein Brief erreicht, in dem stand, dass ihr Sohn verstorben war und man ihn vor einigen Tagen beerdigt hatte. Man hatte es noch nicht einmal geschafft, sie rechtzeitig in Kenntnis zu setzen.

Himmel, jetzt war Matthew unwiederbringlich aus ihrem Leben verschwunden. Sie hatte noch nicht einmal eine Ahnung, wie oder woran er gestorben war. Verzweifelt und unendlich traurig war sie zurück ins Bett gekrochen und wäre am liebsten nie wieder aufgestanden.

Sie zog sich die Bettdecke über den Kopf und weinte, weinte, weinte.

Als es dann an der Tür klingelte, überlegte sie, einfach liegen zu bleiben und nicht zu öffnen. Aber der schrille Klingelton ertönte immer wieder und ließ sie einfach nicht zur Ruhe kommen. Konnte man sie nicht wenigstens heute ungestört trauern lassen?

Mit dem Handrücken wischte sie sich halbherzig die Tränen aus dem Gesicht und warf sich den Bademantel über.

Sie musste ja völlig verquollen aussehen! Wer immer da vor ihrer Türe stand, sie hasste ihn jetzt schon.

Elsa huschte ins Bad, wischte sich mit dem Handtuch den Rest der Nässe aus dem Gesicht und striegelte mit der Bürste über ihre kurzen Haare. Vielleicht ließ sich der Besucher ja schnell wieder abwimmeln, wenn sie sagte, dass sie krank sei.

„Moment“, rief sie laut.

Endlich war sie an der Türe, entriegelte das Schloss und betätigte den Knauf.

Vor der alten, hölzernen Haustüre stand ein junger Mann.

„Ja bitte? Was kann ich für sie tun?“.

Der Fremde schaute sie mitfühlend an und reichte ihr die Hand.

„Mein Name ist Erik de Lagiere und ich bin…, war ein Freund ihres Sohnes. Darf ich bitte hereinkommen?“

Elsa zögerte kurz. Es ging also um Matthew, schlussfolgerte sie. Sie überlegte, ob sie den Fremden wirklich ins Haus lassen sollte, nickte dann aber und trat einen Schritt zur Seite. Zu ihrem Erstaunen drehte sich der junge Mann jedoch noch einmal um. Er hob vorsichtig einen Korb an, den er auf dem Boden abgestellt hatte. Unsicher ging er mit seiner Last an Elsa vorbei in den Flur und schaute sie fragend an.

„Geradeaus durch bitte, durch die Türe!“

Sie bot ihm einen Tee an. Nachdem sie ein paar Minuten in der Küche verschwunden war, kehrte sie mit einem Tablett mit zwei Tassen Tee und einem Teller Keksen zurück. Sie setzte sich ihm gegenüber in einen der zwei Ohrensessel, die schon über mehrere Generationen im Besitz ihrer Familie waren.

„Nun“, begann er, „ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll. Es tut mir unendlich leid, dass ich sie in ihrer Trauer stören muss, aber dies geschieht, weil Matthew mich im Falle seines Todes darum bat.“

Wieder schossen Elsa Tränen in die Augen. Sie nahm sich hastig eine Serviette vom Tablett, um sie abzuwischen. Als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, sah sie den jungen Mann erneut an.

„Es geht um ihre Enkeltochter“, sagte er stockend. „Ihr Sohn hat notariell verfügt, falls ihm und der Mutter des Kindes jemals etwas zustoßen sollte, solle man seine Tochter zu Ihnen nach Deutschland bringen. Er hat mich schon vor einiger Zeit darum gebeten, in diesem traurigen Fall dafür zu sorgen, dass Hannah zu Ihnen gebracht wird.“

Matthew hatte schon seit Jahren in Amerika gelebt und seine Mutter nur selten besucht. Sie wusste, dass er schon einige Zeit mit einer jungen Frau zusammen war, die vor ein paar Monaten ein kleines Mädchen zur Welt gebracht hatte. Zu gerne hätte sie ihr Enkelkind sofort nach der Geburt gesehen, aber für eine Stippvisite war die Entfernung einfach zu groß. Ihr Sohn hatte ihr schon etliche Fotos der kleinen Maus geschickt, und dieses Jahr zu Weihnachten wollte sie die kleine Familie endlich besuchen.

„Dann ist die Mutter meines Enkelkindes auch tot?“, schlussfolgerte Elsa.

„Ja, so ist es! Matthew und Liana sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Ich weiß erst seit heute morgen vom Tod meines Sohnes“, sagte Elsa traurig, „und über die genauen Umstände hat man mir überhaupt nichts mitgeteilt.“

„Ich habe in den letzten Tagen öfter versucht, Sie auf Ihrem Handy anzurufen. Leider sprang immer nur die Mailbox an. Eine E-Mail habe ich Ihnen ebenfalls geschrieben. Letztlich habe ich veranlasst, dass Ihnen der Totenschein zugestellt wird.“

„Und den habe ich dann heute morgen erhalten“, ergänzte Elsa traurig. „Sie wissen doch wie das ist, ältere Leute und Technik. Bei meinem Handy ist bestimmt der Akku leer, und nach meinen E-Mails sehe ich nur alle paar Tage.“

„So etwas in der Art habe ich mir schon gedacht“, sagte Erik leise. „Deshalb bin ich auch persönlich gekommen. Wie gesagt, es war ein Autounfall, und ihr Sohn war wohl auf der Stelle tot und hat nicht leiden müssen. Liana hat es noch bis ins Krankenhaus geschafft. Da man mich sofort verständigt hat, konnte ich noch kurz mit ihr reden. Auch sie bat mich noch einmal eindringlich darum, Hannah zu Ihnen zu bringen. Da Lianas Eltern vor Jahren gestorben sind, sind sie nun die nächste Verwandte des kleinen Mädchens.“

„Und wo ist meine Enkeltochter jetzt?“, fragte Elsa und sah verwirrt von ihrer Teetasse auf. Sie machte sich die größten Vorwürfe, dass sie sich so selten mit ihrem Telefon und dem Computer beschäftigt hatte.

Erst jetzt erinnerte sie sich an den hübschen Weidenkorb, den der junge Mann hereingetragen hatte. Erik stand auf und deutete auf eine Stelle hinter einem der Ohrensessel. Elsa erhob sich ebenfalls und ging auf den Korb zu. Sie schaute neugierig hinein, und zwischen liebevoll floral bestickten Kissen entdeckte sie einen hübschen, schlafenden Säugling. Elsa konnte den Blick gar nicht mehr abwenden.

„Alles, was sie in den nächsten Tagen brauchen und ein paar persönliche Gegenstände ihres Sohns habe ich im Wagen. Bei den Sachen befindet sich auch ein Brief von Matthew und ihrer Schwiegertochter. Sie hatten ihn für den Fall geschrieben, dass ihnen irgendwas passieren sollte und mir zur Aufbewahrung gegeben. Soweit ich weiß, soll von nun an die Kleine bei Ihnen bleiben mit der Auflage, dass sie das Kind nach Schottland schicken, falls sich das Huntingtower Internat jemals bei Ihnen melden sollte. Es war den Beiden wichtig, dass das Mädchen dort eine gezielte Ausbildung erhält. Ihre Enkeltochter ist etwas ganz Besonderes.“

Elsa sah nicht auf, viel zu groß war die Ähnlichkeit mit ihrem Matthew. Natürlich war ihre Enkeltochter etwas ganz Besonderes, sie war schließlich Matthews Kind. Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Von nun an würde sie sich mit ganzem Herzen um das kleine Mädchen kümmern.

1. Die Reise beginnt

Die Stimme des Kapitäns schepperte durch die Boxen, die überall auf dem Schiff verteilt hingen.

„Wir hoffen, sie hatten eine angenehme Überfahrt. Wir landen in wenigen Augenblicken im Hafen von Dover an.

Unsere Crew verabschiedet sich nun von Ihnen. Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag und eine gute Weiterreise.“

Hannah sah aus dem Fenster. Es regnete, und nur verschwommen konnte sie die Hafenanlagen, die Hotels und einzelne Häuser erkennen. Das Seitenruder der Fähre machte ein surrendes Geräusch.

Die 14-Jährige packte ihren Rucksack und erhob sich von ihrem Platz. Es war ihr sogar möglich gewesen, während der Überfahrt, ein wenig zu schlafen. Granny hatte ihr genug Proviant für die Reise mitgegeben, so dass sie sich darum nicht kümmern musste. Sie streifte ihre Jacke über und prüfte nochmals ihr Gepäck. Mit ihrem Rucksack und einem beigefarbenen Rollkoffer bewegte sie sich mit den anderen Passagieren Richtung Ausgang.

Es bildete sich eine kleine Schlange vor der Ausgangstüre, da die Reisenden nicht in den Regen laufen wollten. Bei schönem Wetter hätten jetzt wohl alle an der Reling gestanden. Ein kurzer Ruck ging durch das Schiff, und die Geräusche von draußen deuteten darauf hin, dass die Gangway ausgefahren wurde.

Langsam kam Bewegung in die Menschen als die Türe zum Deck sich öffnete. Vor ihr watschelte eine übergewichtige Frau mittleren Alters, die lautstark in ihr Handy trompetete.

Auf See hatte sie keinen Empfang gehabt. Offensichtlich funktionierte die Technik jetzt wieder.

Der Bahnhof von Dover war nicht weit vom Hafen entfernt, das hatte sie zu Hause schon recherchiert. Auf dem Kai zog sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die App mit der Karte.

Es waren höchstens 1500 Schritte bis zum Bahnhof von Dover, und da der Regen fast aufgehört hatte, entschied sie sich dazu, den Weg zu laufen. Hannah verstaute ihr Handy in ihrer Jackentasche und marschierte im Pulk der anderen Menschen vom Schiff Richtung Hafenausgang.

Sie bog rechts in die Yorkstreet ein, lief bis zum Kreisverkehr und wandte sich dann links in die Folkstone Road.

Nun hatte sie den Bahnhof fast erreicht. Kurze Zeit später saß sie in dem Zug, der erst London passieren würde und dann weiter Richtung Norden fuhr. Bis sie London erreichte, hatte es kaum einen freien Sitzplatz gegeben, aber nachdem der Zug den Hauptbahnhof verlassen hatte, gab es jede Menge freie Abteile.

Sie verstaute ihr Gepäck und machte es sich am Fenster gemütlich. Jetzt war sie also unterwegs zu einem Internat in Schottland.

Bis zum heutigen Tag hatte sie ein ganz normales Gymnasium besucht und ein Leben geführt, wie es die meisten Schüler ihres Alters auch taten. Sie hatte keine große Clique gehabt. Da war nur Tom, der in ihrer direkten Nachbarschaft gewohnt hatte und den sie schon ihr ganzes Leben kannte. Bevor sie auf eine höhere Schule ging, hatte sie fast jeden Nachmittag mit ihm verbracht. Sie hatten Fußball gespielt, sich Holzbuden gebaut und im Garten ihrer Großmutter Straßen für Spielzeugautos angelegt.

Mädchen hatte es in ihrer direkten Nachbarschaft nicht gegeben, und so kam es, dass sie erst eine beste Freundin hatte, als sie auf das Gymnasium ging. Mia war ganz anders als sie selbst, zumindest optisch. Sie hatte lange, blonde Haare und war nicht ganz so groß und zierlich wie Hannah.

Eigentlich hieß sie ja Mathilda, aber alle nannten sie Mia. Sie war so ein richtiges Mädchen, das mit Puppen spielte und viel Wert auf ihre Kleidung legte.

Ihre Freundin wäre nie auf die Idee gekommen, im Garten zu spielen und im Matsch zu wühlen. Ihre Eltern behandelten sie wie eine Prinzessin. Hannah fand das toll. Wenn sie sie besuchte, hatte sie selbst ein bisschen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Natürlich waren ihre Klamotten nicht so schick wie die ihrer Freundin, der von ihren Eltern fast jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde, aber das tat ihrer Freundschaft keinen Abbruch.

Allerdings fühlte sie sich in ihrer Gesellschaft immer etwas schäbig gekleidet. Mia hatte schöne Kleider, raffiniert geschnittene T-Shirts und topmodische Jeans. Sie besaß immer das neuste Handy.

Hannah konnte nicht leugnen, dass sie ein wenig neidisch war. Nicht, dass sie ihrer Freundin den ganzen Luxus nicht gegönnt hätte, aber es führte ihr vor Augen, wie schwer es ihre Großmutter und sie doch manchmal hatten. Mia war eine loyale Freundin, und das war schließlich das, worauf es ankam. Tom hatte nach der Grundschule eine andere weiterführende Schule besucht, und so hatten sie immer weniger Zeit zusammen verbracht. Außerdem fand Tom, Mia sei so ein typisches Schickimickimädchen. So sehr sich Hannah zu Anfang auch bemühte, etwas mit beiden gleichzeitig zu unternehmen, sie konnten einfach nichts miteinander anfangen. Da ihr Freund seinerseits neue Kontakte zu Jungen hatte, die überhaupt nicht verstehen konnten, wie man denn mit einem Mädchen befreundet sein konnte, wurden die Nachmittage mit Tom immer seltener. So kam es, dass Mia, einmal abgesehen von ihrer Oma, ihre wichtigste Bezugsperson wurde.

Ein bisschen stolz war sie ja schon gewesen, als der Brief eintraf, in dem man sie nach Schottland einlud. Von nun an sollte sie ein Internat in der Nähe von Perth besuchen.

Sie war sofort mit dem Fahrrad zu Mia gefahren und hatte es ihr erzählt. ‚Schottisches Internat‘ hörte sich ja auch echt cool an! Sie hatte sogar den Eindruck, dass Mia aufgrund dieses vermeintlichen Abenteuers etwas eifersüchtig auf sie war.

Dann war der Tag des Abschieds gekommen. Der war allerdings in keiner Weise cool! Hannah und Mia hielten sich an den Händen. Oma bemühte sich, ihre Vorbehalte gegen die bevorstehende Reise ihrer Enkelin zu verbergen. Als sie auf dem Bahnsteig waren, umarmten sie sich und standen so eine Weile zusammen. Dann gab sie ihrer Großmutter einen flüchtigen Abschiedskuss.

Mia zog die Jacke aus ihrer Umhängetasche, die Hannah immer so bewundert hatte.

Es war ein olivgrüner Seidenblouson mit einem schwarzen Kragen. Er hatte Mia immer gutgestanden, aber würde auch wundervoll zu Hannahs dunklen Locken passen.

„Ich will, dass du sie trägst und an mich denkst“, hatte sie gesagt.

Jetzt saß sie im Zug, irgendwo zwischen London und Perth, in Mias olivengrünem Seidenblouson, ohne die Menschen, die sie ein ganzes Leben lang kannte. Nach Abenteuer fühlte sich das gerade gar nicht an! Nun ja, Verwegenheit war nicht gerade eine ihrer Stärken. Was für eine Schule war das eigentlich? Ihre Großmutter hätte es sich mit Sicherheit nicht leisten können, sie auf ein Internat zu schicken. War das eine Art Stipendium? Klar, ihre Noten waren ganz gut, vor allem die Fremdsprachen, aber so gut nun auch wieder nicht. Auch hatte sie gewundert, warum Granny sie so einfach hatte reisen lassen. Gab es da irgendwas, was ihre Großmutter ihr verschwieg? Was ihre Enkeltochter anging, war Oma Elsa eher so etwas wie ein Kontrollfreak, und jetzt schickte sie sie alleine in die große weite Welt. Nein, das mulmige Gefühl in ihrem Magen fühlte sich sogar nicht nach Abenteuer an.

2. Das Elfeninternat

Gegen frühen Abend lief der Zug im Perth Hauptbahnhof ein. Es war ein langer Tag gewesen, und sie hatte ein Nickerchen im Zug gemacht. Sie hatte ihr Handy gestellt, um ihren Zielbahnhof nicht zu verpassen und aus Versehen zu weit zu fahren. Jetzt stand sie auf dem Bahnsteig und sah sich um.

Hatte ihre Großmutter nicht gesagt, dass man sie abholen würde? Die Menschen eilten an dem Mädchen vorbei, und keiner schien sich für sie zu interessieren. Na super, warum muss ausgerechnet bei ihr immer etwas schiefgehen, dachte sie. Was mache ich bloß, wenn niemand kommt, um mich abzuholen? Sie bewegte sich langsam Richtung Ausgang. Kurz vor der gläsernen Doppeltüre, die nach draußen führte, entdeckte sie einen großen roten Kreis mit einem Punkt in der Mitte.

,Meeting Point‘ stand an dem Pfeiler daneben. Sie schritt in den Kreis und beschloss, erst einmal hier zu warten.

„Hannah! Hannah aus Deutschland!“, hörte sie plötzlich eine Stimme.

Ein leicht untersetzter Mann mit grauen Haaren, Hut und einem olivgrünen Cordanzug bewegte sich japsend auf sie zu. „Ich bin Hannah!“, rief sie, um die Lautstärke in der Bahnhofshalle zu übertönen.

„Na Gott sei Dank, Kind … habe ich dich gefunden!“, prustete er, als er vor ihr stand.

„Sorry, ich bin ein paar Minuten zu spät, sonst hätte ich dich schon auf dem Bahnsteig abgefangen. Mein Name ist Alfred und ich bin der Hausmeister auf Huntingtower Castle. Kann ich dir etwas von deinem Gepäck abnehmen?“

„Das schaffe ich schon! Mein Koffer hat schließlich Rollen!“

Sie hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn sie dem älteren Herrn ihr Gepäck aufgehalst hätte.

„Dann wollen wir mal! Mein Wagen steht draußen auf dem Parkplatz.“

Sie verließen gemeinsam den Bahnhof, und Alfred steuerte auf dem Parkplatz einen schwarzen Oldtimer an. Alfred öffnete den Kofferraum, und Hannah verstaute ihr Gepäck. Wie ein Chauffeur hielt der Mann ihr die Tür zur Rückbank auf und ließ das Mädchen einsteigen. Danach nahm er schnaufend hinter dem Lenkrad Platz. Die vorderen Plätze waren von den hinteren durch eine Glasscheibe getrennt.

So mussten früher einmal die Londoner Taxis ausgesehen haben, dachte sie.

Na toll, jetzt kann ich mich noch nicht mal unterhalten. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, drehte er sich um und schob die eine Hälfte der Glasscheibe beiseite.

„Es ist nicht sehr weit, und wir werden es noch rechtzeitig zum Abendessen schaffen“, verkündete er. „Du hast bestimmt Hunger. Ich kann dir sagen, meine Frau ist eine ganz wunderbare Köchin.“

Er steuerte den Wagen souverän aus der Stadt heraus, und sie fuhren eine Weile auf der Landstraße. Hannah kramte ihr Handy aus ihrer Tasche, telefonierte mit Granny und erzählte von ihrer Reise. Oma Elsa wirkte zum Schluss des Telefonates beruhigt und erleichtert, dass sie gut angekommen war. Mia wurde auch noch mit einer längeren WhatsApp bedacht. Ihre Freundin würde sich bestimmt über eine Nachricht von ihr freuen.

Nachdem sie irgendwann von der Landstraße in eine unscheinbare Stichstraße abgebogen waren, erblickte sie die stattliche Burg am Ende der Straße.

„Ist ja der Wahnsinn“, staunte Hannah. „Genau so habe ich mir alte Burgen immer vorgestellt.“

Die Burg hatte drei Etagen und war aus Naturstein gearbeitet. Je näher sie an das Gebäude heranfuhren, um so verfallener kam es ihr vor. Das ist ja schon fast eine Ruine, dachte sie verwirrt. Darin soll ich von nun an leben?

Das verfallene Dach umgab eine steinerne Balustrade mit Zacken, die wie eine abgebrochene Zahnreihe in den Himmel ragte. Im Prinzip sah die Burg aus wie zwei überdimensionale Bauklötzchen, wobei eines längs zum anderen stand. Der Mittelteil mit einem schrägen Dach trennte die beiden rechteckigen Teile voneinander. Es gab zwei Eingänge, wobei einer etwas höher lag und über eine steinerne, schon mäßig zerfallene Treppe zu erreichen war. Das war wohl auch die Wetterseite.

Hier waren die Mauern bis obenhin mit Grünspan bewachsen. Etliche Fahrzeuge waren auf dem gepflasterten Hof geparkt.

Neben der holprigen Straße, die direkt zum Eingang der Burg führte, gab es eine kleine Hecke. Dahinter bog die Zufahrt zum Eingangsbereich ab. Alfred fuhr allerdings geradeaus über einen einfachen Feldweg an der Burg vorbei. Der englische Rasen, der den Weg säumte, war akkurat kurz geschnitten. Rechts und links des Weges standen zwei uralte, knorrige Eichen, die wie ein Tor aussahen, da ihre Kronen oben miteinander verwachsen waren. Es kribbelte leicht in ihrem Körper, als sie die Durchfahrt passierten.

„Ups, was war das denn? Das hat sich ja merkwürdig angefühlt!“, bemerkte Hannah, nachdem Alfred den Wagen abgestellt hatte und sie ihr Gepäck aus dem Kofferraum nahm. „Wir sind gerade durch das Portal gefahren. Daran gewöhnt man sich mit der Zeit“, grinste Alfred sie amüsiert an „Mit der Zeit! Das ist ein gutes Wortspiel!“ Er lachte kurz über seinen eigenen Witz, den Hannah nicht verstand.

„Was für ein Portal? Das sind doch nur zwei alte Bäume auf einer Wiese und einem Weg mittendurch!“

Wieder kicherte der Hausmeister amüsiert. Das ist ja vielleicht ein komischer Kauz, dachte Hannah verdrossen. Hoffentlich sind nicht alle Bewohner des Internates so merkwürdig drauf. Als sie die Burg zu Fuß umrundeten, um zum Vordereingang zu gelangen, sah sie sich die beiden Bäume noch einmal genauer an.

Der Weg, der durch das Portal führte, war auf beiden Seiten gleich. Die Wiese, die den Weg säumte, war recht hochgewachsen und wies unzählige Wildblumen auf. Moment! Wildblumen? War der Rasen nicht kurzgeschnitten gewesen, als sie auf die Bäume zugefahren war?

Das musste wohl eine optische Täuschung gewesen sein! Sie verscheuchte die Gedanken aus ihrem Kopf und folgte Alfred zu Fuß um die Burg.

So alt und verfallen kam ihr das Gebäude nun gar nicht mehr vor. Keine Spur von Grünspan und die Zinnen schienen auch intakt. Das Gebäude war rustikal, hatte aber einen guten Zustand. Hatten ihre Augen sie denn so betrogen, als sie auf die Burg zugefahren waren? Und wo waren die ganzen Autos geblieben, die auf dem Parkplatz gestanden hatten?

Verwirrt folgte sie Alfred, der den runden Eingang wählte, der ebenerdig in das Gebäude führte. Er bedeutete ihr, das Gepäck in einer Ecke neben dem Treppenaufgang abzustellen. Hinter der Stelle, wo sie ihren Koffer platzierte, war eine imposante Ritterrüstung postiert. Echt abgefahren, dachte sie! Und was war das für eine coole Treppe. Sie war aus edelem dunklen Holz geschnitzt und hatte sogar Intarsien. Überhaupt war das Innere genauso, wie sie sich eine Burghalle vorgestellt hatte. Auch hier waren die Wände aus groben Steinen gearbeitet, und an der hohen Decke hing ein schwerer Holzbalken mit einem riesigen Messingkronleuchter, der mit dicken Kerzen bestückt war.

„Könnte ich mir vielleicht noch irgendwo die Hände waschen, bevor es etwas zu essen gibt?“

Alfred zeigte ihr den Weg und wartete in der Halle, bis das Mädchen sich frisch gemacht hatte.

Als sie zurückkehrte, ging er auf eine große Türe am Ende des Raumes zu. Er öffnete die schwere Holztür und hielt sie für Hannah auf. Der Speisesaal sah zu ihrer Überraschung gänzlich anders aus, als sie es erwartet hätte. Falls es hier auch Steinwände gab, konnte man sie nicht sehen.

Die Mauern waren dicht mit Efeupflanzen und wildem Wein bewachsen. Auch hier gab es Kronleuchter, die allerdings nicht aus Metall, sondern aus Holz waren. Es war eine kunstvolle Konstruktion aus verschieden großen und langen Ästen, an denen unzählige Kerzen angebracht waren.

In der Mitte des Raumes befand sich ein rundes Podest, zu dessen Plattform ein paar Stufen hinaufführten und das wie ein riesiger Baumstumpf aussah. Auf diesem Podest stand ein halbrunder Tisch, an dem einige Erwachsene, wohl die Lehrer der Schule, Platz genommen hatten.

Wie die Sonnenstrahlen auf einem Kinderbild standen längliche Tafeln um die erhöhte Mitte. Wer hat sich so etwas nur einfallen lassen, dachte Hannah. Hier kam man sich eher vor, wie in einer Gartenlaube oder einer Waldlichtung und nicht wie im Inneren eines Gebäudes.

Die meisten Tische um das Podest waren recht gut mit Schülern unterschiedlichen Alters gefüllt, aber es gab auch einige, an denen noch Plätze frei waren. Es mussten wohl über fünfzig Kinder und Jugendliche sein, die hier gemeinschaftlich ihr Abendessen einnahmen. Die Schüler trugen grüne Kleidung, sodass Hannah in Mias Blouson kaum auffiel.

Die Geräuschkulisse war wirklich nicht zu verachten. Geschirr und Besteck schepperten und die Schüler unterhielten sich lautstark, wobei sie nebenbei ihre Teller befüllten.

Niemand achtete auf das Mädchen, als es den Raum betrat. Hannah folgte dem Hausmeister schüchtern zur Mitte des Speisesaales. Dann deutete er ihr an, sie möge vor der Treppe stehenbleiben. So nach und nach wurden doch einige der Schüler aufmerksam und betrachteten den Neuzugang interessiert. Hannah biss sich auf die Lippe und wickelte eine Locke um ihren Finger, wie sie es immer tat, wenn sie beobachtet wurde. Sie vermied es, jemanden direkt anzuschauen und sah wieder zu Alfred. Er war auf das Podest gestiegen und redete mit einer unglaublich attraktiven Frau von vielleicht dreißig Jahren in einem grünen, hauchzarten Kleid. Sie hatte die roten Haare streng zu einem Knoten gebunden, was ihr vollkommenes Gesicht noch mehr betonte. Alfred deutete in ihre Richtung und der Blick der schönen Frau folgte ihm. Hannah lächelte sie unsicher an. Nach ein paar Augenblicken stieg Alfred die Stufen hinab und kam auf sie zu.

„Die Direktorin sagt, du sollst dich da vorne zu den jungen Leuten an den Tisch setzen und mit ihnen essen. Außerdem wünscht sie, dass du morgen früh zu ihr ins Büro kommst.“

Hannah folgte Alfred zu einem Tisch, an dem vier junge Leute saßen und eifrig miteinander diskutierten. Als sie näher trat verstummten die Gespräche abrupt.

Alle starrten sie an.

Hannah war soviel Aufmerksamkeit eher unangenehm, und sie brachte nur ein schiefes Lächeln zustande. Sie schaute erneut zu Alfred, und als der sie aufmunternd anlächelte, nahm sie zögerlich an dem ihr zugewiesenen Tisch Platz.

Das Essen auf den Platten in der Mitte des Tisches verströmte einen appetitlichen Duft. Jetzt erst merkte sie, wie hungrig sie nach der langen Fahrt war. Es gab herrlich reifes Obst, frisch gebackenes Brot, Tomatensalat und einen wunderbar duftenden Linseneintopf.

Sie lud einige der Köstlichkeiten auf den Teller, der vor ihr stand und schaute sich beim Essen ihre Tischnachbarn genauer an. Es waren zwei Mädchen und zwei Jungen in ihrem Alter, die Hannah ihrerseits auch interessiert musterten.

„Hallo, mein Name ist Lisa, und das sind Sebastian, Elke und Guido. Willkommen auf Huntingtower Castle. Du bist spät dran! Wir anderen sind schon seit einigen Wochen hier. Da hast du ja einiges nachzuholen. Weißt du schon, in welche Klasse du kommst?“

„Jetzt lass sie doch erst mal in Ruhe essen, bevor du ihr Löcher in den Bauch fragst.“ Sebastian, ein Junge der vielleicht etwas älter war als sie selbst, sah Lisa ermahnend an.

„Pah…! Sag mir nicht immer, was ich machen soll!“

Lisa verschränkte trotzig die Arme und schaute in die Luft.

„Kein Problem“, sagte Hannah leise, „ich habe auch jede Menge Fragen. Vor ein paar Tagen hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals ein Internat betreten würde. Der Brief der Schulleiterin kam erst gestern bei mir zu Hause an. Somit war ich weder auf einen Schul-, noch auf einen Ortswechsel vorbereitet.“

„Echt jetzt? Meine Eltern haben mich schon mein ganzes Leben auf diese Schule vorbereitet.

Ich möchte alles über meine Fähigkeiten lernen und wie ich sie am besten einsetzen kann“, verkündete Lisa und machte einen verschwörerischen Gesichtsausdruck.

„Was hast du denn für Fähigkeiten? Bist du eher mathematisch oder fremdsprachlich begabt?“, wollte Hannah irritiert wissen. Das blonde Mädchen lachte schrill auf.

„Ha, du weißt ja echt noch gar nichts, oder? Auf dieser Schule geht es doch nicht um die, normalen‘ Schulfächer, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Hier geht es um besondere Fähigkeiten, die erlernt und ausgebaut werden müssen.“

„Was meinst du denn mit ‚besonderen Fähigkeiten‘? Ich wüsste nicht, dass ich welche hätte! Abgesehen davon war ich mit meiner alten Schule ganz zufrieden und es ist mir auch schwergefallen, meine Leute zurückzulassen.“

Sie dachte an Mia und ihre Oma und strich unbewusst über den Seidenblouson.

„Also nichts gegen euch, aber ich denke, ich bin mir nicht sicher, ob ich hierhin gehöre.“

Hannah hatte keine Ahnung, was auf dieser Schule auf sie zukam, und eigentlich hatte sie auch gar keine Lust, irgendwelche utopischen Erwartungen zu erfüllen. Und was war an ihr schon besonders? Sicher würde man bald herausfinden, dass sie über keine außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügte und sie dann rasch wieder nach Hause schicken. Sie gehörte eindeutig nicht auf ein Internat mit Wunderkindern! Da war sie sich ganz sicher!

„Und, woher kommt ihr? Seid ihr alle in Schottland geboren?“, fragte sie, da sie von ihrer Person ablenken wollte.

„Nein, wie kommst du denn darauf! Die wenigsten von uns kommen hier aus der Nähe. Ich bin Amerikanerin, und Sebastian kommt aus Frankreich. Wir kommen aus der ganzen Welt. Elke,“ Lisa deutete auf die hübsche Schwarzhaarige an ihrem Tisch, „kommt übrigens aus Spanien und Guido aus dem Iran. Er heißt auch nicht wirklich Guido, aber seinen richtigen Namen konnte hier keiner aussprechen.“ Lisa lachte kurz auf. „Die Asiatin“, sie zeigte auf ein zierliches, schwarzhaariges Mädchen an einem anderen Tisch, „kommt zum Beispiel aus Korea und hat auch einen langen, unaussprechlichen Namen. Wir nennen sie einfach Lee.“

„Ja, aber wenn ihr aus allen möglichen Ländern kommt, wie verständigt ihr euch dann? Habt ihr euch auf eine Sprache geeinigt? Sprecht ihr alle Englisch?“

„Das war gar nicht nötig. Du sprichst doch jetzt auch in deiner Muttersprache, oder?“

Jetzt, wo Lisa das sagte, fiel es ihr auch auf. Wie war das nur möglich? Sie sprach ganz passabel Englisch und Französisch, aber mit anderen Sprachen hatte sie sich nie beschäftigt. War das ihre außergewöhnliche Fähigkeit?

„Das das Gute an dieser Schule ist“, belehrte sie Lisa, „wir können hier alle miteinander reden und es ist egal, woher wir kommen und welche Sprache wir sprechen.“

Hannah war das Erlernen einer fremden Sprache schon immer sehr leichtgefallen. Selten musste sie Vokabeln lernen, und sie verstand doch sofort, was ihr Gegenüber ihr sagen wollte. Das Schreiben dieser Sprachen fiel ihr hingegen schwerer.

In Englisch und Französisch war sie sogar Klassenbeste. Die Naturwissenschaften hatten ihr auch gelegen, gerade die Biologie, aber mit der Mathematik haperte es ein wenig.

„Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, dass du keine Ahnung hast, was für ein Internat das hier ist! Haben deine Eltern nie mit dir darüber gesprochen?“

„An meine Eltern kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie starben bei einem Autounfall, als ich noch ein Baby war.“

„Oh, das ist schlimm, das tut mir leid.“ Lisa sah sie mitfühlend an. „Wer hat dich denn bis jetzt unterrichtet, wenn nicht deine Eltern?“

„Na meine Schule! Ich hatte ganz normalen Unterricht auf einer ganz normalen Schule! Ich denke, ich bin hier schnell wieder verschwunden und kann zurück zu meiner Oma.“

„Na ja, wir werden ja sehen, ob du zu deiner Großmutter zurückkehrst!“

Ohne, dass jemand es bemerkt hätte, war die schöne Direktorin an den Tisch herangetreten.

„Guten Abend Hannah! Mein Name ist Dorothea Greensleeves und ich bin die Schulleiterin von Huntingtower Castle. Hiermit möchte ich dich persönlich willkommen heißen! Ich hoffe, dass Alfred dir mitgeteilt hat, dass du morgen nach dem Frühstück zu mir ins Büro kommen sollst!“

Nach dem Hannah die Frage schüchtern bejaht hatte, wandte sie sich den beiden anderen Mädchen am Tisch zu.

„Ich möchte, dass ihr mit Hannah euer Zimmer teilt“, wandte sie sich an die Mädchen

„Ihr helft ihr, sich hier zurechtzufinden, damit sie keine Schwierigkeiten hat, sich auf der Burg einzuleben. Ich wünsche euch allen einen angenehmen Abend und eine gute Nacht. Hannah, wir sehen uns morgen.“

Mit diesen Worten wandte sich die Schulleiterin vom Tisch ab und verließ kurze Zeit später den Speisesaal.

Lisa und Elke erhoben sich und forderten Hannah auf, ihnen zu folgen.

Sie durchquerten den imposanten Eingangsbereich und stiegen, wie alle anderen Schüler, die dunkle Holztreppe hinauf. Ihr Gepäck hatte man wohl schon weggeräumt. Nachdem sie einen langen, mit Teppichböden ausgelegten Gang passiert hatten, der obendrein noch mit alten, zum Teil skurrilen Portraits geschmückt worden war, öffnete Lisa eine Tür auf der rechten Seite.

„So, da wären wir, junge Dame!“

Hannah fand die Anrede etwas merkwürdig, da Lisa ungefähr in ihrem Alter sein musste, aber irgendwie auch ganz lustig.

„Das hier ist mein Bett, und da vorne schläft Elke. Du kannst dir ja eines der beiden anderen Betten aussuchen!“

Lisa wies auf zwei Betten auf der linken Seite des Raumes. An der hinteren Wand befand sich ein Fenster, vor dem jemand ihr Gepäck abgestellt hatte. Hannah sah sich im Raum um.

Die Himmelbetten waren aus dunklem Holz, wobei jeder einzelne Pfosten wie der Stab eines Einhorns emporragte und sich nach oben hin verjüngte. Trotz der steinernen Wände erschien der Raum gemütlich und freundlich.

Hier würde sie sich bestimmt wohlfühlen können!

Ihr Blick schweifte weiter durch den Raum. Lisa schien etwas chaotisch zu sein. Ihr Bettzeug lag durchwühlt da, als wäre sie gerade erst aufgestanden.

Elkes Bett war hingegen glattgestrichen. Auf ihrem hölzernem Nachtischchen stand ein kleiner Strauß mit frischen Waldblumen.

„Wo sind denn eure Sachen, habt ihr hier keine Schränke?“ Hannah schaute sich verwundert um.

„Wir haben so etwas Ähnliches. Es gibt Nischen in den Wänden, die kannst du aber erst sehen, wenn du genau davorstehst.“

Zur Demonstration stellte sich Lisa nah an die Wand zwischen die beiden Betten auf ihrer Seite. Sofort erschien eine Nische, die mit Regalen ausgestattet war.

Hannah hatte sich für das Bett am Fenster entschieden und stellte sich nun auch in den Zwischenraum der beiden freien Betten. Sofort wurde auch bei ihr eine Nische sichtbar, in der schon einige grüne Kleidungsstücke lagen.

„Cool! Ich kann zaubern!“, verkündete Hannah überrascht.

„Wohl kaum,“ lachte Lisa, „das kannst du noch nicht. Es ist nur so, dass die Burg dich als Elfe erkennt und dir ihre kleinen Geheimnisse preisgibt. Das grüne Zeug da ist übrigens unsere Schuluniform.“

Das blonde Mädchen verzog missbilligend die Mundwinkel und deutete auf ein paar Kleidungsstücke, die ordentlich zusammengelegt in ihrem Regal lagen.

„Mir steht ja eigentlich blau besser, aber die grünen Klamotten sind hier Pflicht. Da dich die Burg eindeutig als Elfe erkennt, sieht es für mich nicht so aus, als müsstest du wieder nach Hause fahren, weil du hier nicht hingehörst.“

Was sollte das denn schon wieder heißen? Elfen gab es doch nur in den Geschichten, die ihre Oma ihr früher vorgelesen hatte. Sie hatte diese Erzählungen immer geliebt! Als kleines Kind hatte sie sich immer vorgestellt, wie es sei, wenn sie eine Elfe wäre. In diesen Büchern konnten Elfen zaubern und fliegen und waren wunderschön.

Elke hatte es sich in der Zwischenzeit auf ihrem Bett bequem gemacht und las ein Buch.

„Elke redet nicht soviel und sie ist eine kleine Streberin“, kicherte Lisa.

„Irgend womit muss man sich ja beschäftigen,“ wehrte sich Elke „Handyspiele funktionieren ja nicht, und der Fernseher ist noch nicht erfunden.“

„Was soll das denn heißen? Natürlich ist der Fernseher erfunden, aber ich kann mir vorstellen, dass es hier für die Schüler keinen gibt. Sie sollen ja schließlich lernen und sich nicht die ganze Zeit Cartoons ansehen. Das ist bestimmt eine reine Erziehungsmaßnahme! Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter!“

„Von wegen Erziehungsmaßnahme. Hier gibt es ja noch nicht einmal Strom! Ist ja auch kein Wunder, im Jahre 1728 gibt es keinen Strom und auch keine Geräte, die damit funktionieren würden. Hast du hier ein elektrisches Gerät gesehen oder zumindest eine Steckdose? Fehlanzeige!“

„Wie, 1728? Spinnt ihr? Und natürlich gibt es hier Strom!“

Hannah sah sich noch einmal genauer die Wände ihrer neuen Unterkunft an. Tatsächlich war nirgendwo eine Steckdose installiert worden. Nachdenklich nestelte sie an ihrer Jacke, um sie in ihr Fach zu legen. Sie ertastete ihr Handy und sah es sich verwundert an. Das Display sah eigentlich völlig normal aus. Uhrzeit und Datum stimmten. 20.7.2020! Aber wo war nur die Wlan-Verbindung? Und wo sollte sie jetzt ihr Handy aufladen? Na toll! Ihr Handy war noch zu 71 Prozent geladen.

„Aber wie soll ich jetzt meine Oma anrufen? Und was soll das heißen, der Fernseher ist noch nicht erfunden, und was soll das Geplapper von 1728?“

Elke sah von ihrem Buch auf.

„Hast du keinen Unterschied bemerkt, als du durch das Baumtor, oder besser gesagt durch das Portal gefahren bist? Wie du vielleicht bemerkt hast, gibt es hier keine gepflasterten Straßen mehr. Du hast mit dem Schritt durch das Baumtor nicht den Ort, sondern die Zeit verlassen. Laut unserer Direktorin befinden wir uns im Jahre 1728, und deine Oma ist noch gar nicht geboren. Ich denke mir, dass sie die Schule genau in diese Zeit gelegt haben, damit wir uns durch Technologie nicht ablenken lassen und uns nur auf unsere naturgegebenen Fähigkeiten konzentrieren können.“

Plötzlich fühlte sich Hannah alleine. Dass sie keine Eltern hatte, war ja nichts Neues. Dass sie sich mit ihrer Oma noch nicht einmal unterhalten konnte, weil Granny noch nicht geboren war, war ein beklemmendes Gefühl.

Lisa hatte sich mittlerweile auch aufs Bett gelegt und las ebenfalls.

„Was liest du da?“, fragte Hannah das blonde Mädchen.

„Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Es gibt hier zwar keine Technologie, aber eine Bibliothek und viele Bücher aus allen Epochen der Zeit, auch aus dem 20. Jahrhundert.

Die muss wohl irgendjemand durch das Zeitportal hierhergeschleppt haben.

Ich kann dir morgen zeigen, wo die Bibliothek ist. Da ist bestimmt etwas dabei, was dich interessieren könnte.“

Als Hannah ihre Sachen in der Nische verstaut, und auch ihren Koffer verräumt hatte, zog sie sich aus und legte sich auf ihr Bett. Die Mädchen erlaubten sich bestimmt einen Scherz mit ihr. Natürlich, sie war die Neue auf der Schule und mit ihr konnte man das ja machen.

Morgen würden sie bestimmt allen anderen erzählen, wie sie sie hereingelegt hatten. Aber jetzt fiel ihr wieder ein, dass auch sie gedacht hatte, die Burg habe sich verändert, nachdem sie durch die Bäume gefahren war. Auch sie hatte bemerkt, dass die Burg nicht mehr so verfallen wirkte, wie es der erste Eindruck vermittelt hatte. Sie beschloss, morgen der Direktorin ein paar gezielte Fragen zu stellen. Die Frau würde sie bestimmt nicht zum Narren halten! Alles würde sich aufklären. Es war ein langer Tag gewesen und trotz der fremden Umgebung schlief sie bald ein.

3. Die Rose von Jericho

„Guten Morgen, Schlafmütze! Beeil dich! Wir treffen uns unten beim Frühstück!“

Es war noch früh am Morgen, aber Lisa und Elke waren schon komplett angezogen und verließen kichernd das Zimmer.

Hannah beeilte sich, sich frisch zumachen und zog die grünen Kleidungsstücke an, die sie in ihrer Nische vorgefunden hatte und womit auch die beiden anderen Mädchen bekleidet waren. Das ist eine merkwürdige Farbzusammenstellung für eine Schuluniform, ging es ihr durch den Kopf. Verschiedene Olivgrüntöne!

Eine Leggings und eine Art Hängerchen, dass eine A-Form hatte und am unteren Saum mit langen und kürzeren Spitzen versehen war.

Zugegeben, die Kleidungsstücke waren äußerst bequem, ließen ihr viel Bewegungsspielraum und passten sogar zu ihren Sportschuhen, ohne albern auszusehen. Sie beeilte sich, um den Zimmergenossinnen zu folgen. Wo war eigentlich das Bad? Gab es hier so etwas überhaupt? Sie würde sich kurz in dem Raum frischmachen, den Alfred ihr bei ihrer Ankunft gezeigt hatte. Elke und Lisa saßen bestimmt schon unten mit Guido und Sebastian am Tisch und machten sich darüber lustig, dass sie Hannah gestern einen Bären aufgebunden hatten. Wartet nur ab, dachte sie, mir wird schon etwas einfallen, womit ich euch hereinlegen kann. Rache ist schließlich süß und wird kalt serviert.

Nach ein paar Minuten erreichte sie den Tisch im großen Saal, an dem sie auch gestern gesessen hatte.

Guido und Sebastian hatten auch schon Platz genommen. Es gab Porridge, eine Art Haferbrei mit frischen Früchten, der aber gar nicht so schlecht schmeckte, wie er aussah.

Hannah hatte den freien Platz neben Sebastian gewählt. Sebastian nickte ihr freundlich zu und machte überhaupt keinen schadenfrohen Eindruck. Zu ihrer Verwunderung wirkten die vier jungen Leute nicht so, als hätten sie sich gerade über sie lustig gemacht. Das sind ja auch noch spitzen Schauspieler, dachte sie leicht genervt.

„Und, wie kommst du klar?“, wollte Sebastian wissen.

„Ganz gut soweit.“

Hannah wollte sich nicht die Blöße geben und etwas über das Gespräch mit den beiden Mädchen vom Vorabend erzählen. Auch wenn Sebastian freundlich wirkte, konnte es doch sein, dass er sich hinter ihrem Rücken mit den Mädchen über sie lustig machte.

„Ich hoffe, dass ich nach dem Treffen mit der Direktorin schlauer bin!“

Sie löffelte den Rest aus ihrer Schüssel und beobachtete, wie sich die Schulleiterin erhob und den Saal verließ.

Nachdem Hannah sich erkundigt hatte, wo sie das Büro der Direktorin finden konnte, stand sie nun kurze Zeit später vor dem großen Schreibtisch von Dorothea Greensleeves.

Es war ein altes Möbelstück, und vor und hinter dem Tisch standen dunkle, aufwendig geschnitzte Armlehnstühle. Der Raum besaß hohe Fenster. Vor einem stand ein Tisch, auf dem sich eine merkwürdige Apparatur befand, die wie ein Solarmodul aussah. Daneben lag ein Laptop.

Also doch, dachte Hannah, die haben sich echt einen schönen Scherz mit mir erlaubt.

„Guten Morgen mein liebes Kind. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ich möchte dich noch einmal persönlich hier in unserem Internat willkommen heißen. Ich kann mir vorstellen, dass du dich ganz gut mit deinen Zimmergenossinnen verstehst, da es zwei wirklich nette Mädchen sind. Oder gibt es irgendwelche Probleme, von denen du mir berichten möchtest?“

„Tja, ich weiß nicht so recht“, begann Hannah unsicher. „Ich kann nicht beurteilen, ob Lisa und Elke mich mögen. Nicht, dass sie unfreundlich zu mir gewesen wären, aber sie haben schon versucht, mir einen Bären aufzubinden! Ich denke mal, sie haben das gemacht, weil ich neu hier bin. Ist es hier Tradition, dass man die Neuen erst mal ins Bockshorn jagt? Ein bisschen gemein fand ich es schon, mir solche Geschichten zu erzählen!“

„Was haben sie dir denn genau erzählt? So eine Tradition gibt es hier eigentlich nicht und so etwas hätte ich gerade von Elke nicht erwartet. Sie hat ein sehr pragmatisches Wesen. Zugegeben, bei Lisa bin ich mir da nicht so sicher! Sie hatte schon häufiger verrückte Ideen. Also, was waren das für Geschichten?“

„Sie haben mir erzählt, hier gäbe es keine Technik und dass wir uns im 18. Jahrhundert befänden.

Wie ich jetzt allerdings sehen kann, besitzen sie einen Computer. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich fast selbst über den Scherz lachen aber die beiden waren so überzeugend, dass ich es ihnen fast abgenommen hätte.“

„Erst einmal möchte ich dir sagen, wie ähnlich du deiner Mutter siehst und dass ich hocherfreut bin, dich persönlich kennenzulernen. Den letzten Kontakt zu Liana hatte ich kurz bevor sie starb, und sie hat mir damals schon erzählt, wie stolz sie auf dich ist und wie sehr sie dich liebt“, begann die Schulleiterin.

Hannah schaute sie erstaunt an. Das war ja mal eine abrupte Überleitung und die Schulleiterin ging in keiner Weise auf das Verhalten von Lisa und Elke ein.

„Sie kannten meine Mutter?“, wunderte sich Hannah erstaunt. Endlich gab es in ihrem Leben eine Person, die ihr einige brennende Fragen zu ihrer Mutter beantworten konnte.

„Aber natürlich! Vor langer Zeit war sie auch an dieser Schule! Wir waren gemeinsam in einer Klasse. Deine Mutter war unglaublich talentiert und hatte außergewöhnliche Fähigkeiten. Damals haben wir sogar konkurriert. Jede von uns wollte die Beste sein. Trotzdem waren wir auch sehr gute Freundinnen. Ach ja, ich besitze zwar einen Computer, wie du siehst, aber ich kann ihn hier natürlich nicht benutzen. Die Apparatur mit Solartechnik daneben lädt ihn, und ich brauche ihn, um mich in der Gegenwart, also im Jahre 2020, auf dem Laufenden zu halten. Er funktioniert einwandfrei, nachdem ich das Baumtor durchschritten habe.“

Hannah fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Hatte Mrs. Greensleeves gerade gesagt, dass sie sich wirklich im Jahre 1728 befand? Wenn sie der Geschichte von Mrs. Greensleeves Glauben schenkte, konnte sie ihr Handy im Internat nicht benutzen. Sie würde einen anderen Weg finden müssen, um mit ihrer Großmutter Kontakt aufzunehmen. Aber noch etwas anderes hatte ihr Interesse geweckt.

„Über meine Mutter würde ich gerne noch viel mehr wissen. Ich habe sie ja leider nicht wirklich kennengelernt. Im Moment interessiert es mich aber auch, etwas zu diesen geheimnisvollen Fähigkeiten zu erfahren! Lisa hat gestern beim Abendessen schon so etwas erwähnt. Ich bin mir nicht darüber bewusst, dass ich irgendwelche bemerkenswerten Fähigkeiten hätte.“

„Wenn du die Tochter deiner Mutter bist, müsstest du sehr begabt sein. Ich werde dir sehr gerne bei Gelegenheit noch mehr über deine Mutter erzählen, aber jetzt geht es erst einmal um deine Fähigkeiten. Warte bitte hier, ich bin gleich zurück.“

Mit diesen Worten erhob sich Mrs. Greensleeves anmutig und verließ den Raum.

Nach einer kurzen Weile kehrte sie mit einer kleinen Holzkiste zurück, die sie vor Hannah abstellte. Sie öffnete das winzige Scharnier und klappte den Deckel hoch. Hannah reckte sich und lugte neugierig in das Innere der Kiste. Sie sah auf eine Kugel, die aussah wie ein eingetrockneter Farn. Als hätte er versucht, sein Innerstes zu schützen, hatten sich die äußeren Blätter um den Kern zusammengerollt. Hannah blickte die Direktorin fragend an.

„Was ist das? Was soll ich damit tun?“

„Das hier nennt man Rose von Jericho. Man nennt sie auch Marienrose. Sie ist im Nahen Osten und in Teilen Nordafrikas beheimatet. Wenn du denkst, sie sei tot, kann ich dich beruhigen. Das ist sie nicht! Sie hält nur eine Art Trockenheitsschlaf. Würdest du sie eine Weile ins Wasser legen, würde sie sich innerhalb weniger Stunden zu einer wunderschönen Wüstenrose entfalten. Ich möchte von dir, dass du sie jetzt sofort und ohne einen Tropfen Wasser entfaltest.“

Hannah sah sich die Pflanze noch einmal genau an. Was sollte sie jetzt tun? Sie war weder Hermine noch Harry Potter, und zaubern konnte sie schon gar nicht.

Hilflos wanderte ihr Blick zur Direktorin zurück. Diese nickte ihr nochmals aufmunternd zu.

„Darf ich sie anfassen?“, fragte das Mädchen unsicher.

„Du darfst alles machen was du möchtest, nur Wasser holen ist verboten.“

Vorsichtig legte Hannah ihre Hände um den Farnball. Er fühlte sich trocken und hart an. Wie gerne hätte sie jetzt eine Schale mit Wasser gehabt, um ihn hineinzulegen. Sie spürte förmlich den Durst der Pflanze und stellte sich vor, wie es wäre, sie jetzt unter einen Wasserhahn zuhalten.

Mit einem Mal bewegte sich ein Blatt, dann ein zweites und die Farnkugel brach auf und gab den Blick auf die inneren Blättchen preis. Auch die Farbe veränderte sich. Das trostlose Graubraun verwandelte sich in ein sattes Grün.

Dorothea Greensleeves schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Habe ich das gemacht?“, fragte sie verwundert.

„Ja natürlich, ich war es jedenfalls nicht! Was hast du denn genau gemacht?“

„Eigentlich nichts! Das haben sie doch gesehen! Ich habe mir nur vorgestellt, wie durstig die Pflanze sein muss. In meinen Gedanken habe ich sie zu einem Wasserhahn getragen und sie mit kühlem, klarem Wasser benetzt.“

„Ich würde mal sagen, diesen Test hast du mit Bravour bestanden! Du scheinst wirklich etwas ganz Besonderes zu sein, da weder deine Mutter noch ich diese Aufgabe so schnell meistern konnten. Da du die Einzige deiner Art in diesem Internat bist, außer mir natürlich, werde ich dich in Zukunft unterrichten.“

„Was heißt denn hier ‚die Einzige meiner Art‘? Es tut mir leid, aber das ist schon wieder so eine Aussage, mit der ich nichts anfangen kann.“

Hannah hatte allmählich genug von diesen Geschichten, welche sie weder verstand, noch als Realität zulassen wollte. Würde ihr bitte irgendjemand mal erklären, was hier los war?

Sie entschied sich dazu, diesen Ort unverzüglich zu verlassen, wenn sie nicht augenblicklich Antworten auf ihre Fragen bekam.

„Entschuldige Hannah, ich vergesse immer, dass du als Waise aufgewachsen bist und dir somit jegliche Grundlagen und Informationen fehlen.

Alle anderen Schüler, die hierherkommen, wurden von ihren Eltern schon über Jahre vorbereitet. Deine Mutter war eine Waldelfe und dein Vater ein Mensch. Du hast glücklicherweise die Fähigkeiten deiner Mutter geerbt. Es ist nicht immer zutreffend, dass die Kinder aus solch einer Verbindung mit Fähigkeiten gesegnet sind, aber in deinem Fall trifft es offensichtlich zu, sonst wärest du an der Aufgabe gerade kläglich gescheitert.“

Jetzt hatte Hannah ihre Antwort bekommen, aber in ihren Augen war sie so unglaubwürdig, dass sie am liebsten sofort das Weite gesucht hätte.

„Mal angenommen, es gäbe wirklich so etwas wie Elfen“, begann Hannah nachzuhaken, „dann ergibt es natürlich auch einen Sinn, dass es eine Schule gibt, auf der Elfen und deren Nachkommen ihre Fähigkeiten erlernen und ausbauen können. Allerdings würde es mir immer noch nicht erklären, warum dieser sehr außergewöhnliche Unterricht im Jahre 1728 stattfinden muss, vorausgesetzt Lisa und Elke hätten mich in diesem Punkt nicht belogen.“

„Das haben sie nicht, mein Kind! Ich weiß, dass es dir schwerfällt, diese ganzen Informationen zu verdauen und ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass du misstrauisch bist. Ich kann auch fühlen, dass du diesen Ort lieber gestern als heute verlassen möchtest, aber ich bitte dich, dieser Schule eine Chance zu geben. Es wird auch für dich nicht ganz einfach sein, sich im Jahre 1728 zurechtzufinden, aber für unseren Unterricht ist das aus zwei Gründen unabdingbar. Natürlich sollen sich die Schüler auf ihre magischen Fähigkeiten konzentrieren und sich nicht durch Technologien wie Smartphones oder Computer ablenken lassen. Der wichtigere Grund, die Schule und alle ihre Bewohner im 18. Jahrhundert zu unterrichten ist aber der, uns zu schützen! Wir können uns so dem Zugriff möglicher Feinde entziehen.“

So sehr sich Hannah auch wehrte, die Antworten zu akzeptieren, desto mehr fiel ihr jetzt auf, dass vieles so einen Sinn machte. Natürlich nur, wenn man sich auf die Tatsache der Existenz von Elfen einließ!

Das Portal, die Nischen in der Wand, der Zustand der Burg und der Wiese bevor und nachdem sie das Portal passiert hatte, das alles würde zwar jeglicher Logik widersprechen, würde andererseits ihre Fragen beantworten, wenn sie den Gedanken an eine Existenz von Elfen zuließ. Konnte das sein? Gab es Elfen wirklich? Wenn sie das alles als Tatsache akzeptieren würde, stellte sie damit ihr gesamtes, bisheriges Leben infrage. Geschichten waren Geschichten und die Realität war die Realität! Sie hatte immer gerne Bücher gelesen, die mit Elfen, Riesen, Zwergen und Zauberern zu tun hatten. Aber das war ein Zeitvertreib, in den man sich flüchten konnte und für eine gewisse Zeit das normale, langweilige Leben vergaß. Träumte nicht jedes Kind von besonderen Fähigkeiten und Abenteuern? Da war sie mit Sicherheit keine Ausnahme.

Und nun sollte das alles Wirklichkeit sein? Sie beschloss, entgegen allem, was sie bis vor ein paar Minuten noch gedacht hatte, der neuen Lebenssituation eine Chance zu geben. Wenn sich herausstellte, dass man sie hier, aus welchem Grund auch immer, auf den Arm genommen hatte, könnte sie immer noch ihren Koffer packen und gehen.

„Vorausgesetzt, ich glaube Ihnen diese Geschichte, wie geht es denn jetzt weiter? Kämpfen wir zusammen gegen Zwerge und Trolle?“

„Das mit dem Kämpfen hat hoffentlich noch sehr viel Zeit“, sagte die Schulleiterin nachdenklich.

„Aber ja, ihr werdet natürlich unterrichtet, auch im Kampf. Da es hier keine weiteren Schüler aus deinem Elfengeschlecht gibt, werde ich dich höchstpersönlich unterrichten. Hier ist die erste Lektion! Es gibt vier Elfengeschlechter. Hochelfen, Grauelfen, Schneeelfen und Waldelfen. Du bist demnach eine Waldelfe, weil deine Mutter diesem Elfengeschlecht angehörte.

Waldelfen haben einen besonders engen Bezug zur Natur. In früheren Zeiten haben die anderen Elfengeschlechter sogar auf die Waldelfen herabgesehen, da sie sie nicht für besonders edel hielten. Die Waldelfen waren weder besonders groß, noch waren sie passionierte Kämpfer oder zeichneten sich durch Heldentaten aus. Außerdem waren sie damals sehr zahlreich, was sie unter dem Elfenvolk zu etwas eher Gewöhnlichem machte. Diese Tatsache gehört allerdings der Vergangenheit an, denn außer dir und mir gibt es auf dieser Schule keine weiteren Waldelfen. Wir sind zu etwas sehr Rarem und damit Wertvollem geworden! Wir Waldelfen sind das Bindeglied zwischen der Natur und allen anderen Elfen.

Jetzt muss ich noch ein paar Dinge erledigen, aber wir treffen uns in einer halben Stunde hinten am Gewächshaus. Der Garten mit dem Gewächshaus befindet sich hinter dem Kampfplatz der Burg. Wenn du magst, kannst du schon mal vorausgehen.“

Hannah verließ, immer noch verwirrt, das Büro der Schulleiterin und stand nach einigen Augenblicken im Freien. Sie umrundete die Burg und folgte einem Pfad an einer Hecke entlang. Hinter den Sträuchern erstreckte sich der Kampfübungsplatz.

Auf dem Gelände befanden sich eine Reihe Jungen und Mädchen verschiedenen Alters. Die jungen Leute waren in Zweiergruppen aufgeteilt, die sich in Statur und Alter ungefähr entsprachen.

Hannah entdeckte Sebastian mit einem Holzschwert bewaffnet, der mit einem anderen Jungen in einen gefährlich aussehenden Kampf vertieft war. Sebastian wirkte ruhig und ausgeglichen, während sein Gegenüber mit hochrotem Kopf versuchte, ihm Paroli zu bieten. Verdammt, dieser Sebastian sah wirklich gut aus, und nett schien er auch noch zu sein. Wie schön wäre es, jetzt jemanden in ihrer Nähe zu haben, dem sie vertrauen konnte. Ihr wurde schmerzlich bewusst, wie sehr Mia und Granny ihr fehlten. Mit ihrer Freundin hatte sie die letzten Jahre alle Geheimnisse geteilt, und wenn eine von ihnen ein Problem hatte, wusste die andere immer eine Lösung. Sie marschierte in Gedanken zum Ende der Hecke und sah noch einmal zum Kampfplatz. Der Lehrer der Gruppe ging von einer Paarung zur anderen, sah den Kämpfenden eine Weile zu und gab hier und da ein paar Anweisungen. Wieder fiel ihr Blick auf Sebastian, sie zwang sich dann aber, ihren Weg zum Gewächshaus fortzusetzen.

Hinter dem Kampfplatz gab es eine kleine Wiese, die mit Blumenbeeten gesäumt war. Die bunte Vielfalt der dort wachsenden Pflanzen erinnerte sie an den Garten ihrer Großmutter. Sie hatte den kleinen Bauerngarten ihrer Oma geliebt. Es gab immer etwas zu entdecken. Alle möglichen Arten von Blumen und Gräsern, Obst- und Zierbäumen und eine Vielzahl von Vögeln und Insekten gab es in Grannys Garten.

Hinter den Rabatten entdeckte sie ein geräumiges Gewächshaus, das mit seinen verschnörkelten Streben eher an eine Orangerie aus dem frühen 20. Jahrhundert erinnerte. Noch etwas, was nicht in diese Zeit passt, dachte sie verwundert.

Rechts neben dem Eingang stand eine kleine hölzerne Bank. Bevor die Direktorin kam, war es sicherlich erlaubt, sich noch einen Augenblick in die Sonne zu setzen.

Sie schloss die Augen und genoss die warmen Strahlen der Morgensonne.

„Da bist du ja, mein Kind!“

Dorothea Greensleeves hatte ihr mit Spitzen besetztes grünes Kleid gegen weitaus schlichtere Kleidung eingetauscht. Sie bedeutete Hannah, ihr in das Innere des Glashauses zu folgen.

Hannah sah sich erstaunt um. Hier gab es nicht nur einheimische Pflanzen wie Kräuter und Gemüsestauden, sondern auch Unmengen von Orchideen und anderer exotischer Gewächse.

„Ich sehe schon, dass dir gefällt, was du siehst! Ich sagte dir ja schon, dass wir Waldelfen von jeher unter den Elfen den engsten Bezug zur Natur haben. Dann wollen wir mal sehen, welche Pflanzen du schon kennst und was du über sie weißt.“ Zielstrebig steuerte sie auf ein Regal mit Heilpflanzen und Kräutern zu. Sie zeigte auf einige Gewächse, die Hannah aus der Küche und dem Garten ihrer Oma kannte.

„Ja, die habe ich schon mal gesehen. Granny verwendet sie zum Kochen und Braten.“

„Das sind Rosmarin und Thymian. Sie schmecken nicht nur gut, sondern helfen auch bei Husten und Atemwegserkrankungen.“

Nach und nach arbeiteten sie sich so durch den Bestand der einzelnen Kräuter. Hannah versuchte sich alle Namen einzuprägen und auch, wozu man sie benutzen konnte. Das machte ja richtig Spaß, und es war mal etwas anderes, als mathematische Formen zu büffeln. Es war überraschend, wie vielseitig man die Kräuter und Heilpflanzen verwenden konnte.

Die Zeit verging wie im Flug.

„So, liebe Hannah, das ist die letzte für heute. Hast du sie schon mal gesehen?“

Hannah hob die Schultern.

Die Pflanze, um die es ging, hatte einen mächtigen Strunk und dicke fleischige Blätter, die wie zufällig an unterschiedlichen Stellen aus dem Mittelteil herauswuchsen. An den Rändern besaß sie Dornen, die wie kleine Zähnchen aussahen.

„Das ist eine Aloe Vera. Sie heilt wunderbar kleine Schnitte und Verletzungen auf der Haut. Auch bei Insektenstichen und Sonnenbrand kann man sie gezielt anwenden, damit das Jucken aufhört.“

„Vielen Dank. Das war wirklich interessant und es ist bestimmt auch nützlich, solche Sachen zu wissen. Ich habe allerdings noch soviel andere Fragen…“

Plötzlich wurde die Türe zum Gewächshaus aufgerissen.

Völlig außer Atem erschien Alfred auf der Bildfläche.

„Entschuldigung Dorothea…“, keuchte er, „dass ich störe…, aber es gibt neue Entwicklungen, die möglicherweise mit den Dunkelelfen zu tun haben.“

Hannah wunderte sich. Das Geschlecht der Dunkelelfen hatte die Direktorin gar nicht erwähnt.

„Die Lektion ist für heute beendet Hannah, du darfst jetzt zu den anderen gehen.“

Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ mit Alfred das Glashaus. Hannah trat nach draußen und bemerkte, dass die Sonne ihren Zenit schon überschritten hatte. Sie bummelte an den Beeten vorbei und entdeckte Sebastian und ein paar andere Jungen an einer Mauer in der Nähe des Kampfplatzes. Als er sie sah, löste er sich von seinen Freunden und kam auf sie zu.

„Das hat heute echt Spaß gemacht. Ich glaube allerdings, ich habe noch viel zu lernen“, lächelte er sie schief an.

„Nicht nur Du! Aber so wie ich das gesehen habe, hattest du deinen Gegner doch ganz gut im Griff! Der ist echt ins Schwitzen gekommen.“

„Ach, du meinst Marcel! Der ist kein Maßstab. Er ist einer der schwächeren Kämpfer. Ich bin gespannt, was passiert, wenn ich auf die stärkeren Schüler treffe. Ich habe gehört, es gibt einmal im Jahr eine Art Traditionsturnier, bei dem alle Elfen des gleichen Elfengeschlechts gegeneinander antreten.“

„Das dürfte bei mir schwierig werden, da ich hier die einzige Waldelfe bin.

Weißt du eigentlich, was Dunkelelfen sind? Alfred sagte vorhin zur Direktorin, dass es wohl Probleme mit ihnen gäbe. Als sie mir vorhin die Elfengeschlechter erklärte, erwähnte sie die Dunkelelfen aber mit keinem Wort.“

„Ehrlich gesagt weiß ich darüber auch nicht Bescheid! Aber vielleicht finden wir ja etwas heraus, wenn du deine Mädels und ich Guido befrage. Wenn die auch nichts wissen, kann ich mich immer noch an meinen Vater wenden. Vielleicht rückt der zur Abwechslung mal ein paar Informationen raus.“

„Deinen Vater? Sind deine Eltern hier?“

„Mein Vater Erik unterrichtet die Klasse der Hochelfen im Kampf. Du hast ihn bestimmt vorhin gesehen. Meine Mutter ist leider gestorben.“

„Oh, das tut mir leid.“

Normalerweise war es immer Hannah gewesen, die die Beileidsbekundungen bekam.

Sie konnte sehr gut nachvollziehen, wie man sich dabei fühlte. „Schon o.k.! Das konntest du ja nicht wissen und es ist auch schon einige Jahre her. Jetzt gilt es erst mal herauszufinden, was es mit diesen Dunkelelfen auf sich hat.“

Offensichtlich war Sebastian das Thema mit seiner Mutter unangenehm und er versuchte, genau wie sie es immer tat, das Gespräch auf etwas anderes zu lenken.

„Ich werde gleich mal nachsehen, ob ich Lisa und Elke auf unserem Zimmer finde. Wir sehen uns dann!“

Als sie kurze Zeit später das Gemeinschaftszimmer betrat, lag Elke auf dem Bett und las.

„Hi, ist Lisa noch nicht da?“

„Hier ist sie jedenfalls nicht, wie du siehst!“, erklärte Elke, ohne von ihrem Buch aufzusehen. „Und, wie war dein erster Tag? Ich habe munkeln hören, du hattest Einzelunterricht bei Mrs. Greensleeves.“

„Ja, das stimmt, da ich hier offensichtlich die einzige Waldelfe an der Schule bin. Den Unterricht fand ich aber sehr interessant. Zu welchem Elfengeschlecht gehören du und Lisa eigentlich?“

Hannah durchquerte den Raum und setzte sich auf ihr Bett. Elke sah von ihrem Buch auf.

„Ich bin eine Grauelfe, und Lisa ist eine Schneeelfe!“

„Und was habt ihr für magische Fähigkeiten?“, fragte Hannah neugierig.

„Schneeelfen haben Einfluss auf die vier Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer! Außerdem können sie das Wetter beeinflussen. Grauelfen können leblose Dinge verändern und bewegen. Das nennt man Telekinese!“

Elke wollte sich wieder ihrer Lektüre widmen und nahm eine andere Leseposition ein.

„Ich hätte da noch eine Frage“, begann Hannah. Die Grauelfe sah erneut auf.

„Weißt du irgendetwas über Dunkelelfen?“

„Hmm! Den Begriff habe ich schon mal gehört. Aber ich glaube, ich bin noch nie einer begegnet, jedenfalls nicht wissentlich. Wie kommst du jetzt ausgerechnet auf Dunkelelfen? Haben sie herausgefunden, dass du eine Dunkelelfe bist?“

„Nein, ich stamme von den Waldelfen ab, das sagte ich doch gerade. Aber Alfred plapperte aufgeregt vorhin irgendetwas über Dunkelelfen. Also muss es sie auch geben.“

Deprimiert, dass sie keine Antwort bekommen hatte, schaute sie auf den Boden. Die Türe flog auf, und Lisas Anwesenheit füllte direkt den ganzen Raum.

„Hi Leute, alles klar bei euch?“

Sie wartete erst gar keine Antwort ab und redete sofort weiter. „Super Tag heute! Wir waren unten am See und haben ein wenig mit dem Wasser gespielt!“ Sie blickte verschwörerisch von einer zur anderen.

„Ich kann jetzt Wasser von unten nach oben regnen lassen. Ich war die Einzige, bei der das auf Anhieb geklappt hat. Mrs. Hugh war jedenfalls sehr zufrieden mit mir!“

Sie reckte sich und warf stolz ihren Kopf in den Nacken.

Danach sah sie strahlend von einem Mädchen zum anderen.

„Welche Laus ist euch denn über die Leber gelaufen? Ihr seht so aus, als wäre euer Tag nicht so toll gewesen!“

„Doch, eigentlich schon“, antwortete Hannah. „Wir haben uns nur gerade etwas gefragt und kommen in diesem Punkt nicht weiter. Hast du schon mal etwas von Dunkelelfen gehört?“

„Nicht wirklich! Ich glaube, ich habe den Begriff schon mal irgendwo aufgeschnappt, aber das ist auch alles. Vielleicht sind es ja sehr dunkelhäutige Grauelfen aus Afrika“, lachte sie übermütig. „Wir sollten einfach unsere Lehrer fragen oder in der Bibliothek nachsehen, ob wir irgendetwas über dieses Elfengeschlecht herausfinden.“

„Ich wollte sowieso noch in die Bibliothek und kann bei der Gelegenheit nachschauen, ob ich etwas zu diesem Thema finde“, meldete sich Elke zu Wort.

„Das ist doch eine gute Idee“, fand Hannah. „Ich habe vorhin mit Sebastian gesprochen und ihn gebeten, Guido und seinen Vater Erik nach diesem Elfengeschlecht auszuhorchen.

Vielleicht findet er ja auch etwas heraus. Ich hoffe, heute Abend wissen wir mehr.

4. Eine geheimnisvolle Karte

Als Hannah den grünen Speisesaal betrat, saßen die vier anderen jungen Leute schon an dem gewohnten Tisch. Sie ließ sich auf ihren Platz neben Sebastian sinken. Lisa berichtete allen, die es noch nicht gehört hatten, von ihren guten Leistungen am See und ließ dabei kein Detail aus. Auch Guido unterhielt sich ganz zwanglos mit Sebastian über allgemeine Kampftechniken. Hannah war enttäuscht! War das Thema Dunkelelfen denn so uninteressant?

Stumm wie ein Fisch stopfte sie ihr Gemüse in den Mund. Sebastian, der Hannahs Trübsal bemerkte, beugte sich näher an sie heran.

„Guido und ich kommen nach dem Abendessen zu euch aufs Zimmer“, raunte er leise. „Da können wir dann in Ruhe reden.“

Einigermaßen mit der Situation versöhnt, versuchte sie nun ihren Teller schnell zu leeren, da sie neugierig war, was die anderen wohl herausgefunden haben mochten. Vielleicht gab es ja interessante Neuigkeiten.

Nachdem das Abendessen beendet war, verließen die drei Mädchen zügig den Saal. Sie waren noch nicht lange auf ihrem Zimmer, da klopfte es an der Tür. Guido und Sebastian traten ein, sahen sich kurz im Raum um und nahmen auf dem offensichtlich unbenutzten Bett Platz.

Die Mädchen machten es sich auf Hannahs Bett gemütlich, sodass sich Jungen und Mädchen gegenübersaßen. „Jetzt mal heraus mit der Sprache, habt ihr irgendetwas herausgefunden?“

„Guido weiß auch nichts“, begann Sebastian und hob die Schultern. „Da ich also so nicht weiterkam, bin ich zu meinem Vater gegangen. Ich habe ihn dann konkret gefragt, ob er schon mal etwas von Dunkelelfen gehört hätte. Er wirkte verunsichert und hat mir ausweichend geantwortet. Er dürfe dazu nichts sagen! Man hätte ihn darum gebeten, zu diesem Thema keine Stellung zu beziehen.“

„Wenn dein Vater so um den heißen Brei herum lamentiert und sich wie ein Aal windet, birgt dieses Thema offensichtlich eine gewisse Brisanz.“

„Mein Gott Elke, musst du dich immer so hochgestochen ausdrücken?“, warf Lisa genervt ein. „Der wollte nichts darüber sagen hätte auch völlig ausgereicht.“

„Nein, das heißt es nicht!“, korrigierte das schwarzhaarige Mädchen. „Wenn er nichts dazu sagen darf, hat ihn jemand darum gebeten. Das heißt, jemand möchte nicht, dass er über die Dunkelelfen redet! Das ist etwas völlig anderes!“

„Apropos etwas völlig anderes“, schaltete Hannah sich ein.

„Elke, hast du vielleicht in der Bibliothek etwas entdeckt, was uns weiterbringen könnte?“

„Zum Thema Dunkelelfen habe ich leider nichts gefunden, aber ich habe etwas anderes entdeckt! Wartet, ich zeige es euch!“

Elke verließ ihren Platz und ging zu ihrer Nische. Sie nahm ein unscheinbares Buch heraus und kehrte zu ihren Mitschülern zurück. Nachdem sie kurz an dem Buch herumhantiert hatte, hielt sie ein zusammengefaltetes Schriftstück in ihren Händen. Sie breitete es so auf dem Boden aus, sodass es alle sehen konnten.

„Ich fand ein kleines Buch über unser Internat. Der Inhalt war allerdings nicht sonderlich spektakulär, hätte ich nicht durch Zufall ein verborgenes Fach im Buchdeckel mit einer Karte entdeckt. Hier!“

Elke deutete auf die Skizze der Etage, auf der die jungen Leute sich befanden. „Da ist unser Zimmer verzeichnet und wie ihr seht, sind sogar unsere Wandnischen dargestellt und mit einem roten ‚N‘ gekennzeichnet. Ich sah mir auch die anderen Geschosse einmal genauer an und stellte fest, dass im Erdgeschoss neben der Treppe auch ein Bereich mit ‚N‘ gekennzeichnet ist. Ich schließe daraus, dass es unten neben der Treppe hinter der Ritterrüstung auch solch eine Nische gibt. Sie ist uns wohl bis jetzt nicht aufgefallen, da man ja auch erst die Rüstung entfernen müsste, um sich genau davorstellen zu können. Ich beschloss, das Buch mitzunehmen und euch die Karte zu zeigen. Als ich sie zusammenklappte, fiel mir auf, dass es auf der Rückseite auch noch eine verblasste Skizze gab. Ich faltete sie wieder auseinander und betrachtete die Rückseite genauer. Sie war mit keinem der uns bekannten Stockwerke identisch.“

„Das könnte so etwas wie ein Keller sein“, mutmaßte Guido. „Seht ihr, hier gibt es eine Treppe, und es gibt vier Räume und einen Gang, der allerdings nirgendwo hinführt.“

Er drehte die Karte noch einmal um und schaute sich das Erdgeschoss genauer an. Dann wendete er das Papier erneut und deutete auf die Treppe.

„Hier, seht ihr das? Die eingezeichnete Treppe endet genau an der Stelle, an der sich oben die Nische mit der Ritterrüstung befindet. So wie ich das sehe, ist das der Durchgang in das Untergeschoss.“

„Seht euch das hier mal an!“ Sebastian zeigte aufgeregt auf einen Bereich der Karte. „Da sind drei Räume dargestellt, die auch Bezeichnungen haben.“

Hannah beugte sich über die Karte, um genauer sehen zu können.

„Stimmt, aber was bedeuten diese Buchstaben?“, wandte sie ein. „BK, WK und AK! Was könnte das wohl heißen?“

Ratlos sahen sich die fünf Elfen an.

„Wenn ‚N‘ die Abkürzung für geheime Nische ist, dann verbirgt sich hinter diesen drei Buchstabenkürzeln bestimmt auch etwas Geheimes, das mit Elfenmagie zu tun hat.“

„Und wie können wir herausfinden, was es bedeutet? Einen der Lehrer zu fragen halte ich für unklug“, gab Elke zu bedenken. „Da wir bis jetzt keine Informationen über den Keller hatten, gehe ich davon aus, dass es einen Grund hat, dass wir nichts darüber wissen. Entweder wissen die Erwachsenen selbst nichts von diesen Räumen oder sie wollen den Keller aus irgendeinem Grund vor uns geheim halten.“

„Ich wäre jedenfalls dafür herauszufinden, was da unten ist! Wer kommt mit?“, meldete sich Lisa zu Wort.

„Und was ist, wenn wir erwischt werden? Zu dieser Tageszeit können wir ja nicht zu fünft in der Halle herumschnüffeln und nach dem Eingang zum Keller suchen.“ Elke sah die anderen nacheinander an.

„Damit man uns nicht entdeckt, sollten wir dieses Vorhaben auf heute Nacht verschieben. Wie wäre es mit zwei Uhr? Da müssten doch alle, selbst die Lehrer, tief und fest schlafen? Also wer hat Lust mitzukommen?“

Hannah, Lisa und Sebastian nickten einander zu.

„Ich bleibe auf dem Zimmer und Elke sollte das auch tun“, wandte Guido ein. „Falls es nachts doch mal an der Türe klopfen sollte, aus welchem Grund auch immer, ist wenigstens jemand da, der antworten kann.“

Elkes Gesicht verriet, dass sie auch gerne auf die Erkundungstour gegangen wäre, beschwerte sich aber nicht.

„Dann ist das abgemacht. Wir treffen uns heute Nacht um zwei Uhr am Fuß der Treppe im Erdgeschoss“, sagte Sebastian und richtete sich danach an Guido. „Lass uns jetzt erst mal zurück auf unser Zimmer gehen, damit wir nicht jetzt schon Fragen beantworten müssen, warum wir uns auf dem Mädchenzimmer herumtreiben. Bis nachher Mädels!“

Er nickte Hannah und Lisa noch einmal verschwörerisch zu und verließ mit seinem Freund den Raum.

5. Der nächtliche Ausflug

Hannah hatte nur wenig geschlafen, doch jetzt erwachte sie, da Elke ihr ein paarmal an die Schulter tippte. Sie stand auf und zog sich rasch an. Lisa war auch schon fast angekleidet und saß auf ihrem Bett, um sich die Schuhe zuzubinden. Als beide Mädchen fertig waren, öffneten sie leise die Türe und schlossen sie auch wieder hinter sich, nachdem sie hindurch geschlüpft waren. Sie schlichen den Gang entlang und setzten vorsichtig auf der Holztreppe einen Schritt vor den anderen. Einige Stufen erzeugten Knarz Geräusche, aber das ließ sich wohl nicht vermeiden. Unten an der Treppe, vor der Ritterrüstung, entdeckten sie Sebastian.

„Da seid ihr ja! Wir müssen dieses sperrige Ding irgendwie zur Seite schieben ohne Krach zu machen“, flüsterte er.

Die Rüstung war nicht so schwer wie sie gedacht hatten, aber sie klapperte verdächtig, wenn man sie bewegte.

„Vorsichtig und ganz langsam“, wies Hannah die anderen beiden an. Nach einer Weile hatten sie das metallische Ungetüm von der hinteren Wand so weit weggeschoben, dass sie sich direkt vor die Mauer stellen konnten.

Kaum standen sie nah vor den Steinen, wurde ein Gang sichtbar, genau wie es bei ihren Kleidernischen der Fall war.

Die drei Elfen standen nun direkt an dem obersten Absatz einer Treppe, die nach unten führte.

„Verdammt, ist das dunkel hier “, beschwerte sich Sebastian.

„Wartet, das kann ich ändern!“, sagte Lisa.

Es hatte einen Moment gedauert, aber plötzlich erschien auf ihren Händen eine Lichtkugel, die immer heller wurde. So etwas wollte sie auch beherrschen, dachte Hannah und machte große Augen. Lisa reichte die Kugel Sebastian. Im nächsten Augenblick gab es eine weitere für Hannah, die zögerlich danach griff. Wie mochte sich dieses Ding wohl anfühlen? Konnte man sich daran die Finger verbrennen? Zu ihrer Verwunderung war das magische Lichtgebilde federleicht und strahlte überhaupt keine Wärme ab. Erst als Lisa sich selbst mit einer Lichtquelle ausgestattet hatte, traten die drei Schüler den Weg in die Tiefe an. Hannah klopfte ihr Herz bis zum Hals, als sie die ersten Stufen hinunterstiegen.

Wirklich sauber schien es hier unten nicht zu sein. Hoffentlich gab es hier keine Ratten oder Spinnen. Was passierte, wenn einer der Lehrer sie hier unten erwischte? Das Licht der Kugeln war außerdem nicht allzu hell, und Hannah beschlich ein mulmiges Gefühl.

Unten angekommen breitete Sebastian die Rückseite der Karte vor sich auf dem Boden aus und hielt die Leuchtkugel darüber. „Seht ihr, hier ist die Treppe verzeichnet, und da vorne liegen die drei Räume mit den Buchstabenabkürzungen.“ Er deutete auf eine Wand links von ihnen.

Die Elfen hoben ihre Kugeln. Nur unzureichend wurde eine alte, staubige Steinwand beleuchtet. Türen sahen sie keine, aber dieses Prinzip kannten sie ja schon von ihren Kleidernischen.

An der Stelle, an der Sebastian laut Karte den ersten Raum vermutete, stellte er sich dicht an die Wand. Augenblicklich wurde tatsächlich ein Durchgang sichtbar.

„Jetzt werden wir ja sehen, was BK heißt!“

Er schritt durch die Öffnung und beleuchtete den Raum. Es war ein Kellergewölbe mittlerer Größe, an dessen Wänden sich ein Regal an das andere reihte.

„Es sind Bücher! Eine riesige Menge an alten Büchern!“, verkündete er. „Dann ist BK wohl die Abkürzung für Bibliothek. Ladys, ihr seht eine geheime Bibliothek vor euch!“ Die Elfen verteilten sich im Raum.

„Das sind ja verdammt alte Schinken“, bemerkte Lisa. „Und dort hinten liegen auch noch jede Menge einzelne Papierrollen herum, die noch älter aussehen. Wenn wir uns das alles genau ansehen wollen, brauchen wir ja Monate!“

Hannah trat an das Bücherregal, das direkt vor ihr stand.

„Alle Buchtitel in diesem Regal beginnen mit R“, sagte Hannah, die weit hinten im Raum stand. „Das heißt, dass die Bücher zumindest schon einmal alphabetisch geordnet sind.“

„Dann probieren wir es doch mal mit dem Buchstaben D wie Dunkelelfen.“

Die drei Schüler bewegten sich wieder auf den Ausgang zu und blieben vor einem Regal auf der linken Seite stehen.

„Da oben“, quietschte Lisa aufgeregt. „Die Dunkelelfen!“

„Psst…!“ Hannah und Sebastian legten gleichzeitig einen Finger an die Lippen und sahen Lisa mahnend an.

Sie hob ihren Arm mit der Lichtkugel, und das Licht der Schülerin zitterte bedenklich vor Aufregung.

Lisa deutete auf ein neueres, in Leder eingebundenes Buch, auf dem noch nicht allzu viel Staub lag. Sebastian gab seine Lichtkugel Hannah und stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Buch zu erreichen. Er nahm das gewünschte Werk an sich. Danach sah er die beiden Mädchen an.

„Und was nun? Sollen wir das gute Stück hier unten lesen?“

„Natürlich nicht!“, bestimmte Lisa. „Wir nehmen es mit nach oben! Mich würde allerdings noch interessieren, was WK und AK heißt. Du sagtest doch vorhin, dass die Räume mit den Kürzeln alle nebeneinander liegen.“

Sie verließen die geheime Bibliothek und bewegten sich von außen dicht an der Wand entlang. Nach ein paar Metern wurde wieder ein Durchgang sichtbar.

„Hier muss WK sein!“, erklärte Sebastian.

Als sie durch den Durchgang schritten waren sie erstaunt. Der Raum wirkte vollkommen leer.

„Dieses Prinzip kennen wir schon“, vermutete Hannah.

Die jungen Leute verteilten sich im Raum und schritten die Wände ab. Tatsächlich gab es überall in den Wänden geheime Nischen. Sie entdeckten Schwerter, Pfeile, Bögen, Messer und noch viele andere Kampfutensilien.

„WK, das heißt Waffenkammer!“, verkündete Lisa. „Da bliebe jetzt nur noch herauszufinden, was AK bedeutet.“

Sie verließen die Waffenkammer und schritten weiter an der Wand entlang, auf der sie auch die anderen Durchgänge gefunden hatten.

„Hier ist die nächste Öffnung!“, meldete sie euphorisch.

Auch dieser Raum wirkte auf den ersten Blick leer. Die drei Elfen teilten sich sofort auf, und wieder wurden Nischen sichtbar.

„Hier“, sagte Sebastian „Ich habe ein großes Messer gefunden, das besonders außergewöhnlich aussieht. Es muss schon sehr alt sein und hat viele Edelsteine, die in den Griff eingearbeitet wurden.“

Er griff in die Nische und holte den reich verzierten Dolch heraus. Sobald er ihn berührte, begann die Klinge in einem blauen Licht zu leuchten. Jetzt konnte man auch sehen, dass auf der Klinge eine Vielzahl von verschnörkelten Zeichen und Buchstaben eingraviert waren. Sie leuchteten viel stärker als der Rest der Klinge und in einem warmen Licht.

„Cool!“ Sebastian war beeindruckt. „Das sind elfische Zeichen! Weiß einer von euch, was diese Runen bedeuten? Das ist ja echt abgefahren! Dann ist das hier wohl eine Kammer mit Elfenwaffen!“

Auf seine Frage bekam der Junge keine Antwort. Offensichtlich konnte Lisa auch kein Elfisch!

„Das glaube ich nicht“, berichtigte Hannah. Sie trat von der Nische zurück, vor der sie gerade gestanden hatte und hielt eine goldene Kette in der Hand, an der sich ein Anhänger mit einem grünen Edelstein befand. Der Anhänger hatte die Form eines langgezogenen Kegels. Auch der Edelstein hatte hell angefangen zu leuchten, als Hannah ihn in die Hände nahm. Sie schaute sich das Stück genauer an und bemerkte, dass in dem Stein etwas eingeschlossen war, wie sie es bei Bernsteinen schon einmal gesehen hatte.

„Das hier sieht nicht wie eine Waffe aus, es ist eher eine Art Schmuckstück. Hier in dem grünen Amulett ist etwas eingeschlossen“, sagte sie.

„Könnte eine große Mücke sein oder irgendein anderes Insekt.“

Lisa kam interessiert näher und schaute sich das Fundstück an.

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