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Die Eistoten

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

TEIL EINS – Böse Zeichen

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

TEIL ZWEI – Die 11

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

TEIL DREI – Jagd

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

TEIL VIER – Letzte Dinge

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

Über die »Eistoten« – ein Interview

Nachwort

Danksagung

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

TEIL EINS
Böse Zeichen

1.

Die eisige Luft stach in ihren Lungen. Ihre Schritte verlangsamten sich, als der Schnee tiefer wurde. Der Schnee lag schwer auf den geduckten Fichten. Ihre Augen brannten von der eisigen Kälte. Sie konnte ihn nicht sehen. Doch er kam näher. Äste brachen unter der Schneedecke. Sie peitschten zurück, und der Schnee auf den Ästen fiel dumpf auf den Boden. Ein Schatten bewegte sich. Wo sie sich auch versteckte, ihre Spuren verrieten sie. Geh nicht allein in den Wald!, hat ihre Mutter ihr immer gesagt. Aber es war nicht ihre Schuld. Geh mit niemandem mit! Gib keinem Fremden die Hand! Keinem Fremden … »Mama, ich kann nichts dafür. Er war es, er ganz allein.«

Warum hatte sie nicht auf ihre Mutter gehört?

Jetzt war er um sie – der Wald, er hielt ihre Beine fest, erstickte ihre Schreie. Sie kämpfte sich durch den schweren Schnee. Hinter ihr hörte sie schon seinen Atem. Sie ruderte mit den Armen und fiel nach vorn in den Schnee. Zwei, drei, vier Schritte konnte sie den Abstand vergrößern, dann brach sie bis zum Schenkel ein. Eine Latschenkiefer unter dem Schnee. Die Äste verhakten sich an ihren Beinen. Fuß für Fuß zog sie aus dem Schnee. Der Wald hielt sie fest. Sie drückte sich mit den Händen ab, doch ihre Füße klemmten in unsichtbaren Schlingen unter dem Schnee. Die Kälte hatte ihre Finger gefühllos gemacht. Sie schrie. Ihre Stimme steckte im Schnee wie ihre Beine. Er war hinter ihr. Sie drehte sich nicht um. Sie wollte sein Gesicht nicht sehen. Es war bleich und weiß gewesen. Dann diese Augen, die noch schrecklicher waren als der Wald.

Dich gibt es gar nicht!

Dich gibt es gar nicht!

Und der Schnee hielt sie fest, als er seine Hände nach ihr ausstreckte. Ihre Beine gaben nach. Sie fiel kopfüber in den Pulverschnee. Sie hatte seinen metallischen Geschmack auf den Lippen. Sie kämpfte sich auf und verlor wieder das Gleichgewicht. Sie spürte die Kälte des Schnees auf ihren Wangen. Für einen Moment lag sie regungslos da und dachte, dass alles nur ein Traum war. Sie lag zu Hause in ihrem Bett, die Hello-Kitty-Decke bis zur Nase hochgezogen, die ersten Lichtstrahlen kitzelten auf ihrer Nase. Morgen war Weihnachten. Der schönste Tag im Jahr. Unter dem Christbaum lagen schon die Geschenke. Im Haus duftete es nach Zimtsternen und Vanillekipferln. Es war warm unter ihrem Bett. Sie hatte schlecht geträumt. Sie träumte, dass sie durch den Wald rannte. Etwas jagte sie. Sie konnte es nicht sehen. Der Wald hielt sie fest. Es war so schrecklich. Sie öffnete die Augen, dass der Traum verschwand. Als der Traum verschwand, kam der Geruch des Schnees und des Waldes zurück. Hinter ihr knirschte der Schnee. Er war da.

Sie presste ihre Augen zusammen, als sie aus dem Schnee gerissen wurde. Das Wesen war über ihr. Solange sie es nicht ansah, so lange war es in ihrem Traum, so lange war der Wald nicht, so lange war die Kälte nicht, so lange waren diese schrecklichen Augen nicht …

Er stand jetzt genau über ihr. Sein Fuß drückte auf ihre Brust, sie wollte schreien, doch ihre Lungen waren zusammengepresst. In ihrem Brustkorb knackte es. Das Goldkettchen mit dem heiligen Christoph an ihrem Hals riss. An ihren Schenkeln lief es warm nach unten. Ihre Hose war nass. Dann blickte sie in diese toten Augen. Sie lag auf dem Rücken. Um ihren Hals legten sich eisige Finger. Sie wehrte sich nicht mehr. Alles war still um sie. Die Stimmen in den Wipfeln flüsterten ihr zu: Du gehörst uns. Du kehrst nie wieder zurück. An ihrem Hals fühlte sie die Finger, dann einen Stich. Ihre Arme und Beine gehorchten ihr nicht mehr. Sie waren eins mit dem Waldboden. Über ihr der Himmel, dunkel mit Wolkenfetzen.

Die Kirchenglocke drang von weit her durch den Wald. Sie rang nach Atem, doch etwas verstopfte ihre Kehle, warm und klebrig. Sie hustete, je mehr sie aber hustete, desto tiefer floss die Flüssigkeit in ihre Lungen, und dann kam die Kälte. Die Melodie der Glocken verstummte. Er stand über ihr. Sie schloss ihre Augen. Das weiße Licht durchdrang ihre Lider. Der weiße Schmerz kroch in ihr hoch. Er würde ihr wehtun, schrecklich weh. Sie folgte seinen Bewegungen, und dann wusste sie, was kam. Doch da war noch etwas anderes. Und es half auch nichts, die Augen zu schließen.

2.

Soweit Alice denken konnte, gab es sie schon immer, und sie war schon immer in Hintereck.

Die 682 Bewohner von Hintereck hatten sich nie über die Geschichte ihres Dorfes Gedanken gemacht. Daran änderte sich auch nichts mit dem aufkommenden Alpentourismus, dem Hotel »Alpblick« und den Liftanlagen, die den Berghängen ein Aussehen gaben, als hätte ein Chirurg sie notdürftig zusammengeflickt. Auch in den Archiven in Sonthofen oder Hindelang wurde das Dorf nicht erwähnt. Es war so, als wäre es einfach durch die Geschichte gefallen. So suchte man in Hintereck vergeblich nach Tafeln mit historischen Daten, die dem Fremden das Bewusstsein einflüsterten, dass er sich an einem Ort befand, der auch schon vor ein paar hundert Jahren ein Ort gewesen war.

Alice war erstaunt, dass die Menschen in Hintereck nie darüber nachdachten, ob ihr Leben anders aussähe, wenn sie nicht in Hintereck geboren wären. Andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, wie die Hintereckler wären, wenn sie nicht in Hintereck, sondern in Paris oder Chicago leben würden. Als sie zehn Jahre alt war, las Alice Gullivers Reisen und fand, dass es ungesund war, immer im selben Ort zu leben. Der Himmel ist überall blau, und die Menschen sind überall abscheulich, meinte ihr Vater, wenn sie mit ihren Reise- und Umzugsplänen kam. Alice hatte eine Nacht über der Antwort ihres Vaters geschlafen und ihm dann am Frühstückstisch ihre Gedanken eröffnet. Ihr Vater schlürfte seinen Kaffee und hielt seinen Kopf in der Allgäuer Zeitung versenkt.

»Kann ich etwas fragen?«

Ihr Vater blickte hinter seiner Zeitung hervor. Ihre Frage war völlig unnütz. Klar, aber sie diente auch nur dazu, um die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu haben. Er hatte sein müdes Lächeln aufgesetzt, das er jeden Morgen zeigte und das erst nach der zweiten Tasse verschwand.

»Es ist nicht richtig, dass der Himmel überall blau ist.«

»Das ist keine Frage.«

»Das stimmt. Ich stelle in Frage, was du mir gesagt hast.«

»Was habe ich denn gesagt?«

»Na, dass der Himmel überall blau ist und die Menschen überall abscheulich sind.«

»Das sagt man halt so. Verdammt, Sonthofen steigt dieses Jahr wieder nicht auf. Diese Grantler.« Er wollte sich wieder der Zeitung widmen. Die Sportseite war ihm vor Dienstantritt wichtiger.

»Heißt das, dass es nicht stimmt?«

»Nein, nur dass man dies so sagt, wenn jemand glaubt, dass es woanders immer besser ist.«

»Wenn man aber nie woanders war, wie konnte man dann sicher sein, dass es nicht stimmt?«

»Was nicht stimmt?« Ihr Vater klang genervt und schenkte sich Kaffee nach.

»Na, dass es eben woanders wirklich besser ist.«

»Fräulein Schlaumeier, das musst du erst einmal beweisen.«

»Dazu muss ich aber erst woanders leben, um es beweisen zu können.«

»Musst du eigentlich immer widersprechen? Das ist anstrengend.«

»Ich weiß, ich bin anstrengend, und Amalia ist die brave Tochter.«

»Ihr seid beide brav. Ich liebe euch beide. Nur Amalia quält mich nicht dauernd mit sinnlosen Fragen.«

»Sie hat auch gar keine Zeit«, schrie Alice gereizt über so viel Missachtung. Wie konnte ihr Vater nur den Sportteil dieses lausigen Alpenblattes ihren Überlegungen vorziehen? »Sie ist ja von früh bis spät damit beschäftigt, ihre Wimpern anzumalen und ihre Pickel zuzukleistern.«

»Hör auf, über deine Schwester zu lästern. Wenn du sechzehn bist, dann machst du das auch.«

»Woher willst du wissen, was ich mit sechzehn mache. Außerdem …«

»Was außerdem?« Ihr Vater hatte sein überlegenes Grinsen aufgesetzt – über die heimliche Freude, Alice auf die Palme gebracht zu haben.

»Außerdem ist die Analogie mit dem Himmel völlig idiotisch.« Das Wort »Analogie« hatte sie extra in Großvaters vierzigbändiger Brockhaus-Enzyklopädie nachgeschlagen.

»Analogie … Da wirft jemand mit Fremdwörtern um sich. Es ist aber nicht bestreitbar, dass der Himmel überall blau ist, oder?«

»Schon, aber du könntest genauso sagen, dass Wasser bei 100 Grad kocht oder der menschliche Körper normalerweise 36,8 Grad Temperatur hat. All das stimmt, hat aber nichts damit zu tun, dass die Bewohner in einem anderen Land Kühe anbeten, anstatt sie zu essen, oder dass Menschen sich gegenseitig aufessen. Dein Vergleich ist … völlig daneben.«

Ihr Vater hatte seine Uniform schon angezogen. Er legte den Gürtel mit seiner Dienstwaffe an und trank – wie jeden Morgen – den letzten Schluck Kaffee im Stehen.

»Viel Spaß in der Schule.«

»Viel Spaß beim Verbrecher-Jagen.«

»Ich jage keine Verbrecher, sondern Parksünder, die vor Weihnachten im Parkverbot stehen.«

»Letzter Schultag«, rief Amalia aus dem Bad, das sie seit gut einer halben Stunde besetzt hielt.

Alice warf sich ihren warmen Mantel um die Schultern. Heute gab es keinen Unterricht mehr. In den ersten zwei Stunden schauten sie einen Film an. Wahrscheinlich wieder einer dieser langweiligen Filme mit Jugendfreigabe, die ihr Lehrer ausgesucht hatte. Sie machte sich auf den Weg. Danach das Weihnachtssingen mit dem Pfarrer, der auch gleichzeitig Religionslehrer war.

Durch Hintereck führte eine Straße, die Talstraße hieß. Von dieser zweigten sich antennenartig Wege ab, die alle am Berghang endeten oder wieder auf die Talstraße führten. Der einzige Platz im Dorf war der Kirchplatz. Auf ihm stand das einzige Denkmal. Ein vermooster Stein mit eingravierten Namen der Kriegstoten. Den Toten zur Erinnerung, den Lebenden zur Mahnung. Jedes Jahr legte dort der Hindelanger Verein zur Kriegsdenkmalpflege einen Kranz nieder, der dann ein Jahr Zeit hatte zu verrotten. Ebenso wie die Blumen vor dem hölzernen Straßenkreuz, das in der letzten Kurve vor Hintereck verwitterte. Jedes Jahr lagen dort Rosen unter dem namenlosen Kreuz. So wie keiner sich mehr an die Bedeutung des Kreuzes in Hintereck erinnerte, so wenig interessierte es auch, wer dort die welken Blumen austauschte.

Die Kirche war neben dem Wirtshaus »Der Schwarze Bichl« der meistbesuchte Ort im Dorf. Das Hotel hatte zwar mehr Gäste im Monat als das Dorf Einwohner, doch zählten die Bewohner das Hotel nicht zum Dorf.

Die Dorfschule hatte zwei Klassenzimmer, in denen ungefähr vierzig Schüler unterrichtet wurden. Das Schulgebäude glich einer Lagerhalle mit hohen schmalen Fenstern, die nur gekippt werden konnten. Am letzten Schultag im Dezember vor den Weihnachtsferien sangen die Schüler in drei Gruppen vor der Schule. Stille Nacht, heilige Nacht und O du fröhliche. Einige Eltern waren gekommen und hörten ihren Kindern zu. Der Kindergesang, den nicht der Lehrer, sondern Pfarrer Bez anstimmte, hallte über den Kirchhof und verlor sich in den dunklen Fichtenwäldern am Fuß des Berghanges. Weihnachtsstimmung in den Fenstern. Rote gefaltete Sterne, leuchtende Engel. In den Gärten glitzerten Tannenbäume, die mit Lametta und LED-Leuchten vollgehängt wurden.

Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, was wenige Stunden vor dem 24. Dezember geschehen würde. Während die Bewohner sich auf die Geburt des Heilands vorbereiteten und die letzten Geschenke unter den Christbaum legten, griff etwas Böses nach ihnen. So würde es später der Pfarrer benennen, doch das Böse hatte viele Namen, und es tauchte da auf, wo man es am wenigsten vermutete. Nur Alice hatte eine Veränderung bemerkt.

Alles begann, schrieb sie in ihr Notizbuch, als plötzlich die Hunde im Dorf verstummten.

3.

23. Dezember

Der Wetterbericht hatte für Heiligabend Schnee vorausgesagt. Nur war nicht viel davon zu sehen. Die Gipfel des Breitenbergs und der Mittagsspitze waren schneebedeckt und glichen in der Mittagssonne Zuckerhüten. Der Mann im Radio sprach von einem milden Jahrhundertwinter. Klimawandel. Der Sprecher des Alpenvereins befürchtete Einbußen beim Tourismus, wenn es nicht bald kälter werden würde. Alice hatte dem Bericht nur halb zugehört und ihren Schulranzen auf ihr Bett geworfen, um zu ihrem jährlichen Spaziergang aufzubrechen. Weihnachten konnte man auch ohne Schnee feiern, dachte sie.

Die matschige Wiese gluckste unter ihren Schritten. Es war sogar unwahrscheinlich, dass die Geburt von Jesus in einer weißen Winterlandschaft stattgefunden hatte. Sonst hätten die Grippenfiguren in der Kirche Pelzmäntel an, und die Heiligen Drei Könige wären mit Schlitten gekommen. Der Weihnachtsbaum war eher eine Weihnachtspalme. Also war der Klimawandel für den Heiligen Abend gar nicht so schlimm.

Auf der anderen Seite der Wiese blieb Alice stehen und blickte sich um. Normalerweise sammelte sich um diese Tageszeit das Gebell von Hunden im Tal. Das Gekläffe vermischte sich mit dem Echo der steilen Felsen und wurde zu einem infernalischen Chor. Nur heute nicht. Es war still, viel zu still.

Die Dächer Hinterecks lagen bereits unter ihr und warteten geduckt auf den Schnee. Alice orientierte sich kurz an dem Fichtenwald und der Wegkreuzung. Ihr Haus lag höher als die anderen. Deutlich konnte sie die grauen Holzschindeln erkennen, das gestapelte Holz an der Südseite, den Hackstock, den Brunnen, in dem sich im Sommer das Bergwasser staute, und die geschlossenen Fensterläden im ersten Stock. Das Fenster, das ihr Vater nicht mehr öffnete seit jener Nacht. Ein Zimmer, in dem ewige Dunkelheit herrschte, im dem es noch nach ihrer Mama roch, ihren Kleidern, in dem noch die Geschenke lagen, die Alice nie ausgepackt hatte.

Sie setzte sich auf eine abgestorbene Wurzel einer Latschenkiefer. An dieser Stelle hatten sie ihre Mutter noch in der Nacht gefunden. Ihr Vater hatte sie erst allein im Dorf gesucht. Als Letzte hatte die Lebensmittelhändlerin Emma Kuhl sie gesehen. Sie konnte nur aussagen, dass ihre Mutter es eilig hatte. Nach zwei Stunden vergeblicher Suche alarmierte ihr Vater die Bereitschaft seiner Dienststelle in Hindelang. Er hatte an Weihnachten frei. Sein jüngerer Kollege Franz Bimke hatte Dienst. Nach drei Stunden Suche fand ein Hund ihre Mutter.

»Du musst jetzt stark sein«, hatte ihr Vater zu ihr gesagt. Er hatte noch mehr gesagt, aber daran konnte sich Alice nicht mehr erinnern. Sie begriff auch nicht, dass ihre Mutter nie wieder zurückkehren würde. Doch Alice gab sich nicht mit der Erklärung zufrieden, dass ihre Mutter tot war. Sie lernte, dass es nicht einfach war, die Wahrheit von den Erwachsenen zu erfahren. »Etwas Schlimmes ist ihr zugestoßen« oder »Sie ist bei den Engeln …«, hörte sie immer wieder. Erst ihr Großvater sagte das Wort, das keiner zu ihr sagte: »Deine Mutter ist tot.«

Menschen starben nicht einfach so. Und Alice begriff, dass es einen Unterschied zwischen Sterben und Tod gab. Der Tod war für alle gleich, doch das Sterben war immer anders. Manche alte Menschen wie ihre Großmutter starben, weil sie alt und krank waren. Sie gingen aus wie eine niedergebrannte Kerze. Andere hatten einen Unfall wie die zwei Wanderer aus Ulm, die letztes Jahr im Sommer am Imberger Horn abgestürzt waren. Sie hatten sich mit Selbstauslöser auf einem Felsvorsprung fotografiert, doch als es klick machte, hatte die Kamera nur den blauen Himmel fotografiert. Dann gab es Menschen, die starben, weil andere Menschen sie töteten. Das schlimmste Verbrechen: Mord. Doch das schlimme Wort wollte keiner zu ihr sagen. Sie redeten von einem schlimmen Unfall. So als könnte Alice dadurch in einer Welt ohne Mord aufwachsen. So als gäbe es das Zimmer mit dem ewig verschlossenen Fensterladen nicht. Keiner wollte die Wahrheit sagen. Vielleicht auch, weil keiner sie kannte.

Alice folgte dem Weg durch das Fichtenwäldchen. Einige Stellen waren glitschig, und auf dem Felsen rutschte sie öfters aus. Kein passender Zeitpunkt vor den Ferien, sich den Fuß zu brechen. Der Weg machte eine Schleife. Der spröde Sockel mit der steinernen Schwarzen war noch hundert Meter vor ihr. Seit sie mit Tom diesen Ort entdeckt hatte, war es ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass die Schwarze eine Marienfigur war. Verkohlt von dem Brand, der die alte Gruberhütte bis auf die Grundmauern zerstört hatte. Nur die steinerne Marienfigur hatte den Brand überstanden. Sie stand zum Schutz der Berghütte an einer Ecke des Hauses. Die Metallhalterungen für die Kerzen waren in der Hitze geschmolzen. Zurück blieb die Schwarze. An manchen Tagen verabredete sie sich mit Tom auch nur am Kohlstein oder bei der Kohlmaria. Von dort hatte man einen herrlichen Ausblick auf das Dorf und auf die Kirche mit ihrem Friedhof.

Der weiße Stein nahe der Kirchmauer war das Grab ihrer Mutter. Der einzig weiße Grabstein. Ihr Vater sagte, dass über die Jahre alle Grabsteine grau wurden, wie die Erinnerungen an die Toten. Aber Alice hatte zu wenige Erinnerungen an ihre Mutter, als dass sie sie einfach vergessen konnte. Seit vier Jahren fror ihre Mutter jeden Winter in der Erde. Wenn die Toten überhaupt froren. Ihr Großvater meinte, dass die Toten nichts mehr spürten, aber mit Sicherheit konnte er das auch nicht sagen. Es bleibe von den Toten nichts mehr übrig, was frieren könne, war seine Erklärung, mit der er Alices Frage für beantwortet erklärte. Und die Seele friere nicht. Auch darüber konnte Großvater keine exakte Auskunft geben.

Der Himmel zog sich zwischen den Bergen zusammen. Wolken verschanzten sich knapp unterhalb der Gipfel, so als planten sie einen Angriff auf das Dorf. Vielleicht hatte der Wetterbericht doch recht, und es schneite Heiligabend. Wie am Heiligen Abend, als ihre Mutter nicht mehr zurückgekommen war. Nein, Alice würde ihre Mama niemals vergessen. Grabsteine verblassen, nicht jedoch die Erinnerungen, die sie gern gehabt hätte.

»Wir müssen uns damit abfinden«, tröstete sie ihr Vater. Doch das Wort »abfinden« war ihr so suspekt wie das Wort »Tod«. Ihr Vater konnte auch nicht näher erklären, was es hieß, sich damit abzufinden. Das gehörte zu den Standardsätzen von »Das sagt man halt so …«. Ihre Mutter war tot. Sie lag drei Meter tief im Boden, und im Sommer wuchs Löwenzahn zu ihr hinunter. »Ausgerutscht … mit dem Kopf auf einen Felsen … bewusstlos … und die Eiseskälte. Kein Mord.« Ihr Vater, die junge Frau von seiner Dienststelle, die sich als Psychologin ausgab, und auch die Nachbarn erzählten Alice, dass ihre Mutter gestorben war, weil sie ausgerutscht und dann erfroren war. Hätte sie nicht den Umweg über das obere Feld genommen, hätte man sie früher gefunden. Jeder versuchte, sie zu beruhigen, damals … Doch Alice war überzeugt, dass ihre Mutter keinen Unfall gehabt hatte. Die Polizei hatte den Mörder nie gefunden, weil sie ihn nie gesucht hatte. Nur ihr Großvater schwieg. Und er schwieg auch, als ihr Vater ihn bat, seiner Enkelin gut zuzureden. Doch da kannte der Vater den eigenen Vater schlecht. Großvater redete, was er dachte. Sein Schweigen hatte eine Bedeutung.

Im Dorf kamen bald Gerüchte auf, dass Alices Mutter einen Liebhaber gehabt hatte und dass sie gar nicht ausgerutscht war. Die Leute redeten viel. Der Stammtisch half ihnen wieder beim Vergessen. Was dann als Erinnerung weiterbestand, hatte mit der Wahrheit nichts mehr zu tun. Doch wer kannte sie schon? Alice hatte sich nur eines eingeprägt: das Schweigen des Großvaters.

Mit sieben Jahren, an ihrem ersten Schultag, hatte sie ihrem Großvater ihre Hypothese unterbreitet. Und sie gebrauchte das Wort »Hypothese«, weil sie es aus den Krimis im Fernsehen kannte. Sie hatte sich jedes Wort überlegt. Nach dem ersten Satz hatte ihr Großvater seine Pfeife aus dem Mund genommen. Beide schauten sie über die Wiese, auf der die letzten Sonnenstrahlen von Wolken vertrieben wurden. Es war mit einem Schlag kalt geworden.

»Mama ist ermordet worden.«

Ihr Großvater schwieg.

»Jemand aus dem Dorf hat sie ermordet.«

Seine Pfeife ging aus, und mit den letzten Sonnenstrahlen verschwand auch der entspannte Gesichtsausdruck ihres Großvaters.

»Denn zu dieser Zeit waren die Zugangsstraßen gesperrt gewesen. Und am Heiligabend war in Hintereck kein Tourist unterwegs. Erst recht nicht nachts.«

Warum wollte ihr Vater ihr nicht glauben, dass es kein Unfall war? Es war auch kein Fremder gewesen. Der Mörder ihrer Mutter kam aus dem Dorf. Er lebte mitten unter ihnen.

4.

23. Dezember. 18 Uhr

Wolkenfetzen trieben über den dunklen Tannen. Es gab kaum noch Licht im Tal. In den Gärten gingen die ersten beleuchteten Christbäume an. Es war kalt, erster Schnee fiel. Alice hatte sich dicke Handschuhe angezogen und eine Fellmütze mit Ohrenschützern. Ihr Vater hatte noch Dienst. Auf dem Tisch lag eine Liste mit Anweisungen.

Nichts im Kühlschrank anrühren. Ist für morgen. Weihnachtsessen.

Opa erinnern. Weihnachtsmarkt.

Fensterläden schließen.

Kellertür verriegeln.

Mimi füttern. Katzenfutter auf dem Tisch.

Kies vor dem Eingang streuen.

Licht aus.

Viel Spaß mit Opa auf dem Weihnachtsmarkt. (Sag ihm, dass du keinen Glühwein trinken darfst und dass er fährt.)

Papa

Alice steckte die Liste ein und folgte dem schmalen Trampelpfad, der zu Großvaters Hütte führte. Auf der befestigten Straße lief man fast zehn Minuten. Über den Murmelsteig, wie Alice den Weg nannte, weil sie dort einmal ein Murmeltier gesehen hatte, waren es keine fünf Minuten. Die feuchte Erde begann zu gefrieren. Die Berge verschwanden hinter einem weißlichen Schleier. Alice kannte den Weg auswendig, dennoch lief sie vorsichtig, um nicht zu stolpern.

Wenigstens war es schon kalt genug, dass keine feuchte Erde an ihren Schuhen klebte. Geduckt wie eine Eidechse, saß Pepone auf dem Kopf einer Marienfigur. Pepone war eine der Katzen, die Hintereck bevölkerten. Der Vorteil an Dörfern war, dass man nicht nur die Einwohner, sondern auch die Katzen beim Namen kannte. Den namenlosen Katzen hatte sie kurzerhand Namen gegeben. So war auch Pepone von Alice getauft worden. Jede Namensgebung war ein schwieriger Moment. Alice hatte dabei nicht mit dem Widerspruch der Katzen zu tun, sondern mit den Namen selbst. Welcher Name passte zu einer bestimmten Katze? Der Name bekam plötzlich etwas Willkürliches. Wie alle Namen. So als würden die Katzen dadurch ein Stück menschlicher. Aber das war völliger Quatsch, dachte sie. Die Katzen führten ihr Leben zwischen den sonnengewärmten Mauern, den Häusern ihrer angeblichen Besitzer und den Feldern jenseits der Namen. Auch war es ihnen egal, ob sie von jemandem besessen wurden. Für die Katzen waren ihre Besitzer nur Personal. Zufällige Quellen der Nahrungsbeschaffung. So dachte Alice zuerst, den Katzen keine Namen zu geben. Sie entschied sich dann jedoch für die Taufe, um sie besser unterscheiden zu können.

Jeder bekam seinen Namen nach Charakter und Gewohnheiten. Pepone war ein hitziger Kater. Wie der italienische kommunistische Bürgermeister in dem Film »Don Camillo«. Al Capone war eine schwarz-weiße Katze mit dem Hang, andere Katzen gefügig zu machen. Alice hatte bisher noch nicht herausgefunden, wie es die Katze schaffte, dass selbst die alteingesessenen Bauernkatzen vor Al Capone duckten und sich vor ihm auf den Rücken warfen. Selbst kräftigere Katzen, die sonst dominant jeden Gartenzaun verteidigten, lagen vor Al Capone im Staub. Keine der Katzen fragte sich, warum Al Capone so mächtig war. Für Alice gab es darauf auch keine befriedigende Antwort. Die einzige Erklärung war eben, dass keiner sich diese Frage stellte. Auf die Welt der Menschen in Hintereck übertragen, kam Alice zu der Schlussfolgerung, dass niemand so mächtig war wie Al Capone. Der Herr der Gartenzäune.

Ähnlich lag der Fall beim Bürgermeister Egon Hofwanger. Er war seit Jahrzehnten Bürgermeister von Hindelang. Hintereck gehörte offiziell zur Gemeinde Hindelang. »Im Hindelanger Gemeinderat hockten nur Deppen«, sagte der Gruber am Stammtisch. »Europaaaa, pah, mit der Bagasch kriegen wir noch eine Moschee auf den Kirchplatz.« Die Wahlkampfparole Hofwangers war seit Jahrzehnten: »Mit mir net.« Obwohl keiner genau wusste, was er damit meinte, wählten ihn die Hinterecker immer wieder, und dies, obwohl Hofwanger bei den Gemeinderatssitzungen nur schlief und geistig in der Vorkriegszeit gefangen war. Ihr Großvater meinte, dass Hofwanger gerade deshalb gewählt wurde. Er sei ungefährlich und verhindere, dass ein Schlimmerer nachkomme. Hofwangers Macht bestand darin, dass er harmlos war. Vielleicht war es ja bei den Katzen genauso.

Alice schaute, ob ihre Schuhe schmutzig waren, obwohl das im Auto ihres Großvaters nichts ausmachte. Es roch immer nach Wald und Matsch. Auf dem Rücksitz lagen Säge, Hackbeile und Rindenmesser. In dem alten japanischen Jeep hatte sich über Jahre der Geruch von Harz und Tannennadeln eingenistet. Es war das einzige Auto, in dem es Alice nicht schlecht wurde. Die letzten Meter rannte sie, um ihren Großvater nicht zu verpassen. Schließlich sollte er sie am Haus abholen. Schon sah sie das Schindelhaus, das von Holz umschichtet war. Die Lampe am Eingang brannte. Im Hof werkelte Großvater. Er schlug mit einem Hammer auf die Dachrinne. Als er Alice aus dem Wäldchen treten sah, griff er sich an den Kopf.

Mit dem Schnee kam auch die Kälte. Wo am Nachmittag noch Pfützen in der Sonne glitzerten, waren jetzt glatte Eisspiegel. Hintereck erstarrte. Die Ostrach rauschte und brach in die Stille der unbewegten Fichten, die ihre Arme unter dem ersten Schnee senkten. Der Geländewagen rutschte kurz am Hang.

»Dein Vater hat gesagt, dass es heute später wird. Die Polizei hat alle Hände voll zu tun, Besoffene aus dem Verkehr zu ziehen. Glühweinopfer. Dein Vater kommt nicht vor zehn Uhr abends, hat er mir gesagt. Wir können uns also Zeit lassen.«

Weihnachtsmarkt – das hieß für Alice Lebkuchen, Zuckeräpfel, Magenbrot, der Duft von Zimtsternen und gebrannten Mandeln. Kinder mit ihren Eltern, mit ihren Müttern … Der schwarze Weihnachtsstern lag halb ausgeschnitten noch immer im ewig dunklen Zimmer, dort, wo Mama ihn angefangen hatte.

Der Weihnachtsmarkt konnte ihr gestohlen bleiben.

Auf der Talstraße zogen zwei Männer einen Christbaum in Richtung Kirche. Im Scheinwerferlicht tauchten ihre Anoraks und Skimützen plötzlich aus dem Schneegestöber auf.

»Verdammt«, fluchte Alices Großvater und riss das Steuer herum. Alice dachte, dass er die beiden Männer meinte, die ihm beinahe unter die Räder gekommen wären. Doch Großvater starrte zur Kirche. Seine Lippen bewegten sich so, als fluche er in Gedanken weiter. Alice schaute angestrengt in die Richtung, in die ihr Großvater gebannt starrte. Es dauerte eine Weile, bis sie es auch sah.

An der Kirchenpforte stand Pfarrer Bez. Verzweifelt rieb er an der schweren Holztür. Als er sich bückte, um den Lappen in einem dampfenden Eimer auszuwringen, erkannte Alice, was der Pfarrer abzuwaschen versuchte. Über die gesamte Breite der Pforte war eine blutrote 11 gemalt. Die Farbe war schon getrocknet, so dass die Anstrengungen des Pfarrers vergeblich waren.

»Jemand hat etwas auf die Kirchentür geschmiert.«

»So ist es wohl«, grummelte der Großvater.

»Warum schmiert jemand an Weihnachten eine 11 auf die Kirchenpforte? Was hat die 11 mit Weihnachten zu tun?«

Ihr Großvater gab Gas und schwieg. Die Lichter verschwanden. Nur noch die Scheinwerfer stachen durch die weißen Schleier. Alice dachte, dass sie nie in Hindelang ankommen würden. Ihr Großvater sagte die ganze Fahrt kein Wort mehr. Etwas Dunkles lag in seinem Blick.

Das Gedränge zwischen den Holzbuden war so groß, dass Alice ihren Großvater mehrmals aus den Augen verlor. Der Weihnachtsbaum war noch größer als im vorigen Jahr. Er überragte die Laternen und die Häuser um den Platz. Ein Nikolaus mit Rupfensack auf dem Rücken bahnte sich seinen Weg durch die Ansammlung von Wintermänteln. Hohohoho … Alice stieg auf einen Betonpfosten, um über die Köpfe sehen zu können. Die Atemwolken der Besucher sammelten sich im Schein der Laternen und elektrischen Weihnachtskerzen. Ein eisiger Hauch aus Hunderten Lungen, der über dem Markt hing. Von ihrem Großvater war weit und breit nichts zu sehen. Der Nikolaus bimmelte, und Alice fragte sich, warum der Mann im roten Kostüm mit dem weißen Wattebart die Glocke vor sein Gesicht hielt, so als wollte er damit Fliegen verscheuchen. Der Geruch von Mandelbrot und Lakritze stieg in ihre Nase. Lang aufgerollte Lakritze, die auf den Tischen der Händler in allen Farben leuchteten. Und sie sah ihre Mutter, wie sie eine Rolle Bärendreck mit den Zähnen festhielt. Es war das erste Mal, dass Alice Lakritze gekostet hatte. Die einzige Süßigkeit, die ihr schmeckte … die ihr damals schmeckte.

Die Lakritze kann nichts dafür, dass ich tot bin.

5.

Alice war froh, als sie das Klimbim des Weihnachtsmarktes hinter sich ließen. Die Weihnachtsbeleuchtung nahm ab. Bald war die Straße menschenleer, und die Spuren im Schnee waren nur noch vereinzelte Fußabdrücke. Ihr Großvater hatte Mühe, ihr zu folgen. Sie kannte den Weg auswendig.

Das Antiquariat »Teifi« war der einzige Fleck in Hindelang, der es verdiente, aus der Nähe betrachtet zu werden. Es gehörte einem Israeli, der seit fünfzig Jahren in Hindelang wohnte. Ihr Großvater verbrachte Stunden auf dem Sofa vor dem Kachelofen.

»Nein, Großvater, ich will kein Kinderbuch.« Alice hatte schon den überhitzten und von Zigarettenqualm stinkenden Raum betreten, als ihr Großvater die Stufen hochstieg und sich auf dem Metallrost den Schnee von den Schuhen klopfte.

Alice hatte ein Buch von einem amerikanischen Profiler aus dem Regal gezogen. »Das Aufspüren eines Serienmörders« von 1974. Der Profiler hieß Lee Hatman. Aufgrund seiner Analysen konnten vier Serienmörder in Chicago und Boston verhaftet werden. Ein Kapitel interessierte Alice besonders: »Aus der Sicht des Serienmörders – die Normalität einer Tötungsmaschine«.

Das Antiquariat glich einem langen Schlauch. Bücherregale bis zur Decke an jeder Seite, davor Rollhocker, um an die oberen Reihen zu kommen. Alte Bücher rochen anders als neue. So als hätte sich ein allmählicher Verwesungsprozess breitgemacht. Auch Bücher starben, dachte Alice, nur viel langsamer. Und selbst sterbend hatten sie noch viel zu erzählen. Der Bücherschlauch verzweigte sich in andere Räume, die noch enger und vollgestopfter waren. Neben einem Korbstuhl, den die Krallen einer Katze über längere Zeit bearbeitet haben mussten, glotzte eine Büste in das trübe Licht der fensterlosen Bücherreihen. Die Büste war aus Gips und auf Alt gemacht. Das fehlende Ohr konnte einfach nur abgebrochen sein oder eine beabsichtigte Beschädigung. Wie eine echte Antike. Alice hatte nie verstanden, was manche Menschen an altem Zeugs so begeistern konnte, dass sie sogar Nachbildungen kauften, die künstlich beschädigt waren. »Kruscht« nannte ihr Vater das. Darunter fiel bei ihrem Vater allerdings viel mehr als nur altes und auf Alt gemachtes Gerümpel. Großvaters Haus bestünde, so Vater, zu 99 % aus Kruscht. Das 1 % war der Rasenmäher und das Fahrrad. An seinem Kruscht erkennst du den Menschen, sagte ihr Vater. Umso mehr ein Grund, um ihn zu behalten, dachte Alice. Die Buchstaben auf dem Sockel der Büste waren kaum mehr leserlich: Πλάτων.

»Platon«, sagte ihr Großvater, beiläufig wie der Audioguide im Museum. »Kennst du ihn?«

»Ich bin ihm bisher nur einmal begegnet«, antwortete Alice.

»Ach, du bist ihm begegnet …«

»Ein- oder zweimal, auf einem Schulausflug nach Neuschwanstein. Er stand in einer Touristengruppe, die man in einer Viertelstunde durch das Schloss führt. Er meinte, ich solle sein Buch über die Weltentstehung lesen.« Sie nickte und berührte die Büste. »Gutes Buch. Geschrieben wie das Gerede am Stammtisch. Lauter Dialoge. Nur dass damals der Stammtisch nicht so stumpfsinnig war. Die unterhielten sich über die Entstehung der Welt und über das Verschwinden von Atlantis. Platon dachte, dass es zwei Welten gab. Eine perfekte Welt der Ideen. Der Plan. Und die sichtbare Welt war der mehr oder weniger verpfuschte Entwurf.«

»Dann gab es auch ein perfektes Hintereck«, witzelte ihr Großvater.

»Ein perfektes Hintereck wäre kein Hintereck mehr.«

Sie lachten beide. Teifi stand daneben und war über ihre Heiterkeit sichtlich genervt. In einem Antiquariat galten schließlich dieselben Regeln wie in einer Bibliothek oder einer Kirche.

»Wenn Platon heute so aussehen würde, dann hielte man ihn für einen Taliban. In die USA dürfte er nicht einreisen. Bestenfalls im Allgäu würde er nicht auffallen. Der Bart vom Wirt des ›Schwarzen Bichl‹ sah auch so aus.«

»Dieses Buch will ich auch noch.«

Der Antiquar nahm es in die Hand. »›Spuren lesen. Aus dem Alltag der Spurensicherung von Norman Pepper‹. Bist du dafür nicht noch zu klein?«

Warum müssen Kinder sich immer rechtfertigen, wenn sie sich für etwas interessieren? Er hat es nicht einmal gelesen … alter Klugscheißer. Warum Leute, die Bücher verkaufen, auch noch so tun, als wüssten sie, was drinsteht? Für sein Alter konnte man genauso wenig wie für seine Körpergröße oder seine Augenfarbe. Wie dieser Mann der Bücher nur so viel Schmarrn reden konnte!

»Und was lesen elfjährige Mädchen in der Regel so?«

»Na, Pippi Langstrumpf oder Herr der Ringe …« Der Antiquar grinste.

»Dann können Sie ab heute sagen«, sagte Alice überdeutlich, »dass elfjährige Mädchen Bücher über Serienmörder lesen. So, und das kommt noch obendrauf.«

Sie nahm ein ledergebundenes Buch von dem Tisch am Eingang. Es war schwer. Der Einband war vergilbt. Die Schrift des Titels war verblasst, aber noch lesbar.

»›Philosophische Untersuchungen, von Ludwig Wittgenstein‹ … Was willst du denn damit?«

»Geben Sie es mir, wenn ich Ihnen die erste Seite auswendig zitiere?«

»Das ist eine Goldrandausgabe aus dem Jahre 1953, ledergebunden. Die kostet 180 Euro.«

»Sie kneifen.«

»Ich verwette keine teuren Sammlerstücke. Für 100 Euro …«

»Ich will es gar nicht.«

»Hast du nicht gesagt, dass du es willst?«, meinte ihr Großvater.

»Ja, aber das habe ich nur gesagt, damit dieser Herr Wittgenstein auf die Liste der Bücher für elfjährige Mädchen gesetzt wird. Außerdem …«

Das überhebliche Grinsen des Antiquars erlosch, als Alice das Buch wie einen toten Vogel aufspreizte und die Blätter nach unten hingen.

»Was zum Teufel machst du …«

»Wenn dies eine Originalausgabe von 1953 wäre, dann hätte sie keine Klebebindung, sondern eine Fadenheftung. Das ist eine billige Ausgabe.«

Der Antiquar riss ihr das Buch aus der Hand. »Wenn dieser Wittgenstein wüsste, wie du mit seinem Buch umgehst, dann würde er sich …«

»Es würde ihn nicht die Bohne interessieren«, sagte Alice und blickte zu dem hageren Mann, der unter der Laterne vor dem Laden stand. Ludwig Wittgenstein hatte sich noch nie für materielle Dinge interessiert. Auf der Rückseite ihrer Taschenbuchausgabe war ein Bild des jungen Wittgenstein. Der Mann unter der Laterne hatte dieselben nach innen blickenden Augen, dasselbe lange kantige Gesicht, doch es war gezeichnet.

Als seine Spuren eines Tages wie aus dem Nichts im Schnee neben ihr waren, hatte da eine traurige Gestalt gestanden. Ludwig Wittgenstein tauchte an den unpraktischsten Orten auf. In der Schule, beim Abendessen oder in einer Talkshow im Fernsehen, unsichtbar für Millionen von Fernsehzuschauern.

Als er ihr erzählte, dass er alle Probleme in der Philosophie gelöst und daraufhin sein ganzes Vermögen verschenkt habe, glaubte sie ihm zunächst nicht. Dann hielt sie ihn für bekloppt und schließlich für genial. Nur gab es niemanden sonst, der tote Philosophen sehen konnte. Und Alices erster Gedanke war, dass es sich so anfühlen musste, wenn man verrückt wurde. Dann überlegte sie, dass man Fledermäuse ja auch nicht für verrückt erklärte, nur weil sie Ultraschall hören konnten. Allein auf die wichtigste Frage hatte ihr Wittgenstein noch keine Antwort gegeben: Warum konnte nur sie ihn sehen und mit ihm sprechen?

Bücher waren Zimmer, in die man ging, und dann stand man plötzlich auf einer Wiese vor einem Bergpanorama. Es gab normale Bücher, wo die Wörter ausgelöscht wurden, wenn man sie las. Und dann gab es noch die Bücher von Philosophen. Gedanken, die Tausende von Jahren alt waren. Alice konnte sich nicht erinnern, wann es das erste Mal geschehen war. Doch so richtig bewusst wurde es ihr erst mit Wittgenstein. Sie hatte den ersten Teil seines Tractatus gelesen. Unverdaulicher Stil. Wie konnte man nur so grauenhaftes Zeugs zusammenschreiben? Schlimmer als die Blaskapelle in Hintereck oder die verbrannten Hendl im »Schwarzen Bichl«. Sie hatte es laut gesagt oder nur gedacht, als er plötzlich neben ihr schritt. Seine Spuren im Schnee fingen einfach neben Alices Spuren an, als wäre er vom Himmel gefallen. Ein mageres Gesicht, ein Anzug, der aus der Altkleidersammlung stammte, die Ärmel waren abgewetzt und mit Kreide verschmiert. So wie bei einem Lehrer. Der hagere Mann stellte sich als Ludwig Wittgenstein vor. »Ich habe dieses Zeugs geschrieben.«

Seit jenem Tag hatte Wittgenstein sie nicht mehr verlassen. Er war ihr ewiger Nachbar geworden. Wittgenstein zeigte sich manchmal, wenn er mit ihr sprach. Manchmal auch nicht. Da redete er nur in Träumen zu ihr, oder er ging mitten im Fernsehkrimi durch das Bild oder schaute aus dem Fenster, als ein Reporter aus dem zerbombten Beirut berichtete. Wittgenstein war überall, und er war es auch, wenn ihn Alice nicht sah. Es hatte sie nie gestört, dass Wittgenstein bereits seit 1951 tot war.

Von da an wusste Alice, dass sie tote Philosophen erwecken konnte. Sie waren um sie. Bisher hatte sich nur Wittgenstein zu erkennen gegeben. Die anderen waren da irgendwo unter den Touristen und Bergwanderern. Platon mit Holzstock oder Herakles in der Seilbahn. Ob die anderen Menschen sie sehen konnten, wusste Alice nicht. Warum nur Wittgenstein sie ansprach, war ihr noch ein Rätsel. Vielleicht um ihr zu sagen, dass sie nicht verrückt war. Dass jeder Philosoph über Jahrtausende mit anderen reden konnte. Sie waren eine große Familie. Nur was Alice in dieser Familie zu suchen hatte, war ihr unklar. Wittgenstein beruhigte sie: »Das Verstehen kommt mit dem Denken und nicht mit dem Wissen.«

»Und wozu Philosophie?«, fragte Alice.

»Licht in ein oder das andere Gehirn zu werfen ist nicht unmöglich, aber freilich nicht wahrscheinlich.«

Was aber noch nicht erklärte, warum er gerade sie ausgewählt hatte. Sie war zwar schon elf, hatte aber noch nichts Weltbewegendes gedacht und geschrieben. Irgendeinen Grund musste es jedoch geben. Es gab immer einen Grund, und jeder Mensch handelte nach Gründen, selbst tote Philosophen. Ihre Verwirrung amüsierte Wittgenstein, der ansonsten der humorloseste Mensch war, den Alice je getroffen hatte.

Großvater hatte Teifis Antiquariat schon verlassen und zog an seiner Pfeife. Alice nahm ihre Bücher unter den Arm und ging wortlos an dem Antiquar vorbei. Sie zog ihre Mütze auf, als etwas sie zurückriss. Sie hatte keine Zeit zu reagieren und wäre nach hinten gefallen, wenn Teifi seinen Griff gelockert hätte.

»Sie tun mir weh!«

Die schwarzen Knopfaugen des Antiquars starrten sie aus einem weißen Gesicht an. Er drehte ihr Handgelenk nach oben, so dass sie sich unter ihm wand und seinen Atem riechen musste. Eine Mischung aus Mundwasser und Rotwein.

»Ich rate dir, dass du deinen vorlauten Mund nicht zu weit aufmachst.«

»Lassen Sie mich …«

Teifi ließ sie los. »Wenn du dich in die Angelegenheiten von Erwachsenen einmischst, dann wirst du wie eine Erwachsene behandelt. Und glaube mir, das willst du nicht …«

»Ich lasse mir nichts verbieten.«

»Dann trage die Konsequenzen … und jetzt verschwinde.«

Was hatte den Antiquar so erschreckt? Die Tatsache, dass er sie mit dem Buch über den Tisch ziehen wollte? Teifi hatte gewartet, bis Großvater außer Sichtweite war, um ihr den Arm zu verdrehen. Von welchen Angelegenheiten redete er? Alices Bemerkung hatte Teifi kurz die Kontrolle verlieren lassen wie jemand, der Angst hatte und diese Angst mit großer Mühe verbarg, wie jemand, der etwas zu verheimlichen hatte und Fragen verabscheute.

6.

Auf dem Rückweg war die Straße nach Hintereck von einer dichten Schneedecke bedeckt. Als der Wagen in die vereiste Hofeinfahrt zu ihrem Haus einbog, sah Alice die geduckte Gestalt auf der Treppe. Es war Tom. Eingepackt in seinem blauen Polaranorak und seinen roten Moonboots, glich er dem Michelin-Männchen. Er hatte auf sie gewartet und gefroren.

»Jingle Bells. Aus den über dreihundert Lautsprechern im Hotel. Das ist Gehirnwäsche«, sagte Tom. »Dasselbe Geschwätz, dieselben Lieder, dieselben roten Gesichter und der Pfarrer, der so viel Wein intus hat, dass er kaum mehr stehen kann.«

»Brauchtum, hat mein Vater heute gesagt. Das ist uraltes Brauchtum. In Wirklichkeit immer derselbe Mist«, ergänzte Alice.

»Wäre besser, wenn man jedes Jahr die Geburt eines anderen Menschen feierte. Es gibt ja genug davon.«

»Fällt dir einer ein?«

»Tim Berners-Lee …«

»Wer?«

»Erfinder des World-Wide-Web … oder Léon Bollée, der Erfinder der Rechenmaschine.«

»Jedes Weihnachten ein anderer Erfinder … gute Idee. Statt einem Christbaum gäbe es dann jedes Jahr riesige Pappcomputer, die blinken …«

»Ja, oder U-Boote oder ein Riesenmonopoly, das Charles Brace Darrow erfunden hatte.«

»Dein Gedächtnis möchte ich haben.«

»Lauter nutzloses Wissen.«

»Man weiß heute doch nie, was morgen von Nutzen ist. Lass uns ins Dorf gehen. Der ›Schwarze Bichl‹ schließt bald.«

Der »Schwarze Bichl« war die einzige Dorfkneipe in Hintereck, die, seit Alice denken konnte, Josef Tanneis gehörte, einem Wirt, der Worte hasste und hinter seiner Theke Gläser spülte und Bier einschenkte. Seinen Mund machte er nur dann auf, wenn jemand randalierte oder nicht zahlen wollte.

Die Kneipe hatte Josef Tanneis von seinem Vater geerbt, einem gebürtigen Tiroler. Obwohl Josef Tanneis in Hintereck geboren wurde, galt er immer noch als Zugereister. Alices Großvater beschrieb den »Schwarzen Bichl« als Endstation des Lebens. »Wer dort mehr als einmal im Monat sitzt, geht nirgendwo mehr hin. Der wöchentliche Stammtisch ist eine Schachpartie, die von keiner Seite mehr gewonnen werden kann, mit dem Unterschied, dass die Spieler noch irgendwie glauben, dass es vorangeht. Hier spielt sich die Tragik des Lebens ab«, sagte ihr Großvater.

Im Sommer setzte sich Alice mit Tom in die Nähe des Stammtisches, der unter den alten Kastanien stand, und lauschte den Gesprächen der Alten. Ihr fiel auf, dass mindestens einmal im Monat einer der Stammtischältesten einen Streit vom Zaun brach. Am streitsüchtigsten waren Karl Oberschrat und Anton Haas, die beiden Ältesten, nachdem Georg Zugl, ihr früherer Lehrer und Vorgänger von Dr. Lehmko, überraschend nach einem Unfall an der Kreissäge gestorben war. Alice hatte erst nicht verstanden, warum es unter den Männern zum Streit gekommen war. Sie stellte fest, dass der Grund niemals nachvollziehbar war. Auch Wittgenstein musste hier passen. Oberschrat und Haas waren die Wortführer, was auch daran liegen konnte, dass sie das lauteste Sprechorgan hatten.

Die meisten Gespräche hatten kein Ziel. Jemand redete von den Benzinpreisen, wobei das Wort »Mineralölkonzerne« fiel. Von da an spannte sich der Bogen zur Politik und von der Politik zum korrupten Bauamt, das dafür sorgte, dass die Blumenkästen in den Häusern die gleiche Farbe hatten, es aber zuließen, dass die Alpenlandschaft zunehmend betoniert wurde, und am Ende landete das Gespräch wie ein weggeworfenes Guzlepapier beim Faschingsverein oder der Hinterecker Blaskapelle. Sie erzählten dieselben Geschichten in unterschiedlichen Versionen, und doch lief die Welt wieder in Hintereck zusammen.

»Niemand kann mich zwingen, einen Schwulen als Kanzler zu wählen«, rief Haas, »oder mir verbieten, eine Zigarre zu rauchen, nur weil die Deppen in Berlin das Klima retten wollen. Und der Präsident der Amerikaner raucht täglich drei Zigarren. Die scheren sich einen Dreck ums Klima.«

Sie redeten, um nicht vergessen zu werden, und hofften, dass sie durch die Erzählungen am Stammtisch auch nach ihrem Tod noch am Leben blieben. Mehr aus Furcht als aus Respekt setzte sich daher auch keiner auf den leeren Stuhl, auf dem Georg Zugl zu Lebzeiten gesessen hatte. Sie bestellten ihm ein Hefeweizen, das nach jeder Runde ausgetrunken wurde, meistens von Karl Oberschrat.

Tom drückte die Tür zum Schankraum auf. Es war erst halb neun Uhr. Der Wirt warf Tom und Alice einen missbilligenden Blick zu. Eine Kneipe war nichts für Kinder. Werdet nicht so wie diese da … Tom bestellte eine Cola. Der »Schwarze Bichl« war selten voll, aber praktisch nie leer. Es gab immer jemanden, der an der Theke stand oder seine Zwiebelsuppe am Fenster schlürfte.

Alice wusste, was am Stammtisch geplaudert wurde. Als sie Tom sahen, war plötzlich das Hotel Gesprächsthema. Die Männer redeten davon, dass ihre Fremdenzimmer leer waren und dass das Wasser schmutziger sei, seit das Hotel in den Hang gebaut worden war. Am Stammtisch des »Schwarzen Bichl« wurde über alles gesprochen, was irgendwie in Hintereck einmal erwähnt wurde. So als wäre der Stammtisch ein Echo, das die Stimmen erst nach Tagen wieder freigab. Nur über eines redeten sie nicht: über den Tod von Alices Mutter.

»Auf wen setzt du?«, fragte Alice.

Tom hob die Schultern. »Schwierig heute. Die scheinen noch ganz ruhig zu sein.«

»Ich tippe auf den Oberschrat.«

»Warum den Oberschrat?«

»Das erfährst du nachher … sonst wäre es ja keine Wette.«

»Gut, dann setze ich auf den Georg Zugl.«

»Der ist tot. Eine unmögliche Wette kann ich nicht annehmen. Zugl kann nicht mehr mit dem Streit beginnen.«

»Das sagst du, aber die Toten können wohl einen Streit verursachen.«

»Nein, es zählen nur die Lebenden.«

»Gut, dann tippe ich auf den Haas.«

Eine Weile vergaßen sie den Stammtisch.

»Weißt du, wer die Kirchentür vollgeschmiert hat?« Alice trank ihre Cola aus.

Tom schüttelte den Kopf. »Nein. Der Pfarrer hat den ganzen Abend gewischt und hat doch noch nicht alle Zeichen entfernt. Überall eine riesige 11.«

»Habe ich gesehen, als wir auf den Weihnachtsmarkt gefahren sind.«

»Sicher ein Streich von diesen Drecksäcken, Atze und Matze.«

»Warum sollten die Oberschrat-Brüder die Kirche vollschmieren? Wenn ihr Vater das erfährt, dann schlägt er sie windelweich. Nein, das ist etwas anderes. Hier ist etwas im Gange.«

»Du siehst wieder irgendwelche Symbole, und am Ende waren es doch nur die Oberschrat-Brüder.«

»Nein, das ist kein Streich.«

»Der Pfarrer hat jedenfalls Glück gehabt. Die Zeichen wurden nicht mit wasserfester Farbe hingeschrieben, sondern mit Blut.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe gehört, wie der Pfarrer es einer Frau erzählt hat, die aus der Kirche gekommen ist. ›Es schmiert wie Schweineblut.‹«

Von der Tür kam eisige Luft. Sogar am Stammtisch unterbrach man kurz das Gerede und nutzte die Gelegenheit, die Gläser zu leeren. Oberschrat trank das Glas des toten Zugl aus. Tanneis blickte zur Tür. Alice hörte nur Toms Seufzer. Herrje.

In der Tür stand ihr Klassenlehrer. Dr. Adibert Lehmko oder einfach K. O., wie die Schüler ihn nannten, und schüttelte sich den Schnee von den Schultern. Er ließ den Blick kurz durch die Schankstube wandern und setzte sich ans Fenster. Tanneis ging wortlos zu ihm, nahm wortlos die Bestellung auf und brachte ebenso wortlos einen Grog.

Doch es war Zeit für die Wette, einen Zeitvertreib, den Alice im letzten Sommer begonnen hatte, als am Stammtisch erst heftig debattiert, dann geschrien worden war, bevor sich zwei betrunkene alte Männer an den Haaren zogen. Die Besonderheit dieses Stammtisches war, dass jedes Mal Streit ausbrach. Die Themen änderten sich, nur der Streit blieb.

Tom verschränkte die Arme und flüsterte zu Alice: »Heute passiert gar nichts. Ihnen sind die Themen ausgegangen.«

»Ein Grund für einen Streit findet sich immer«, sagte Alice und wunderte sich ebenfalls über die anhaltende konzentrierte Ruhe am Stammtisch. Sie hatte gerade darüber nachgedacht, wie die Wette zu werten sei, wenn überhaupt nicht gestritten wurde, als es am Tisch lauter wurde. Entscheidend war, wer den Streit begann und wer zuerst handgreiflich wurde. Bisher war Haas führend. Als jeder von ihnen zu seinem Weizenglas griff, machte sich eine unangenehme Stille breit. Alice zählte die Sekunden. Sechs Sekunden herrschte Stille im »Schwarzen Bichl«.

»Jemand hat mir den Hund vergiftet«, murmelte Oberschrat.

»Der ist dir halt verreckt«, erwiderte Haas und grinste spöttisch über den Tisch.

»Der ist nicht verreckt, sondern vergiftet worden. Von irgendeinem Drecksack, der keine Viecher mag.«

»Du hast deinen Hund nicht anders behandelt wie deine Frau. Kein Wunder, dass …«

»Halt dein blödes Maul, sonst …«

»Sonst was?«

Haas streckte seinen Kopf angriffslustig über sein Bierglas. »Bis dass der Tod euch scheidet … Das musst du dir mal hinter die Ohren schreiben.«

»Halt dein blödes Maul!«

Oberschrat winkte nur ab. Rüttli versuchte vergebens, Haas zu beruhigen, und Wegener lehnte sich zurück. »Wir wissen doch, was du machst mit die Weiber. Nicht einmal an ihrem Geburtstag warst bei ihr, nicht einmal da.«

»Halt jetzt das Maul.«

»Das Maul lass ich mir nicht …«

Oberschrat sprang auf und zog Haas über den Tisch. Wegener konnte sein Glas retten, ein leeres Weizenglas schwankte und fiel auf den Boden.

Tom seufzte.

Alice streckte ihm ihre offene Hand hin. »Ich wusste es doch …«

»Du hast geraten«, sagte Tom.

Sie zogen ihre Mützen und Mäntel an. Die eisige Luft schnitt in ihre Gesichter. Sie schlugen den Weg nach Hause ein, doch Alice zögerte.

»Lass uns zur Kirche gehen.«

»Die ist schon zu … fast halb zehn.«

»Sei kein Spielverderber, los.«

Tom trottete Alice hinterher. An einigen Stellen schlitterten sie über festgefrorene Pfützen.

»Gib zu, dass du vorher geraten hast.«

»Hab ich nicht.«

»Du konntest nicht wissen, dass der Oberschrat auf den Haas losgeht. Wahrscheinlich wusste Oberschrat selbst nicht, dass er heute am Stammtisch auf den Haas losgeht.«

»Menschen wissen selbst oft nicht, warum sie etwas tun …«

»Der Oberschrat war sauer, weil der Haas ihn provozierte, und weil er sauer war, hat er ihn über den Tisch gezogen.«

»Aber es ist jedes Mal etwas anderes. Beim letzten Mal haben sie sich wegen dem Maibaum in die Haare gekriegt …«

Karl Oberschrat hatte die Schwester von Anton Haas geheiratet. Vor zehn Jahren hatte ihre Hand zu zittern begonnen, zwei Jahre später ließ Karl Oberschrat sie in ein Pflegeheim einweisen. Parkinson. Für Karl Oberschrat war damit seine Aufgabe erledigt. »Was kann ich dafür, wenn sie verrückt wird?«, rechtfertigte er die Tatsache, dass er seine Frau nicht besuchte. Seine Frau hatte den Verstand verloren. Sie war nicht mehr seine Frau, sie war nicht mehr diejenige, die er geheiratet hatte. Auch wenn Haas das Gegenteil behauptete.

»Es ist Weihnachten«, erklärte Alice, »und Oberschrat hat seine Frau nicht besucht wie jedes Jahr. Das bringt Haas auf die Palme. Manche Menschen sind berechenbar.«

Vor dem Haupteingang der Kirche hatte das Wasser, mit dem der Pfarrer die Schmierereien abgewaschen hatte, den Schnee rot gefärbt. Ganz hatte er die 11 nicht entfernen können. Das Blut war tief in die Poren der Holzpforte eingedrungen.

Derjenige, der die Pforte beschmiert hatte, hatte es eilig gehabt. Alice suchte die Ränder ab. Überall Spritzer. Er musste mit einem Behälter zur Kirche gekommen sein. Es musste jemand gewesen sein, der nicht auffiel.

»Alice …«

Sie drehte sich um. Tom stand fünf oder sechs Meter entfernt an der Längsseite der Kirche. Sein rechter Arm zeigte auf die Mauer. Eine andere 11.

»Das heißt nichts Gutes …«, murmelte Alice vor sich hin.

»Wer schmiert die Kirche voll einen Tag vor Weihnachten, wenn alle im Dorf in der Kirche sein werden?«

»Vielleicht gerade deshalb.«

Tom hatte sich verabschiedet und verschwand auf dem dunklen Pfad, der steil hinter den Fichten anstieg. Die Straße zum Hotel war zwar geräumt, schlängelte sich aber in unendlichen Mäandern nach oben. Der Pfad zur verbrannten Mutter Gottes war erheblich kürzer.

Als Alice am Haus war, stand ihr Großvater schon in der Tür. Die Kirchturmglocke schlug zehn Uhr.

»Dein Vater hat angerufen«, sagte er. »Ich habe ihm gesagt, dass du vor dem Haus im Schnee spielst.«

Alice klopfte den Schnee von ihren Schuhen. Durch die offene Tür drangen Licht und Wärme. Sie schenkte ihrem Großvater ein verschwörerisches Lächeln. Sie hatte die Schuhe noch nicht ausgezogen, als sie sich umdrehte und in die Dunkelheit blickte.

»Hast du das gehört, Opa?«

»Ich höre gar nichts.«

»Genau das meine ich ja. Es fehlt etwas. Die Glocke schlug zehn und danach nichts …«

»Wenn sie danach noch einmal schlägt, dann ist es elf«, spöttelte ihr Großvater, »oder es brennt im Dorf.«

»Nein, ich meine die Hunde. Kein Gekläffe, nichts. Schon den ganzen Tag habe ich nicht einen Hund bellen gehört. Das ist doch seltsam, oder?«

»Ich empfinde es als eine Wohltat.«

Die Wärme im Haus ließ Alice die Dunkelheit draußen vergessen. Amalia hing wie immer am Telefon. Sie gab sich solche Mühe, so zu tun, als wäre es ein Anruf, den sie nur nebenbei annahm. Doch sogar ihr Vater konnte nicht übersehen, wie Amalia praktisch danach gierte, den Hörer in die Hand zu bekommen und mit dem tragbaren Telefon in ihr Zimmer zu verschwinden. Die Gelegenheit für einen passenden Kommentar, die Alice nicht verstreichen lassen wollte.

»Warum schminkst du dich eigentlich, bevor du telefonierst? Dein Schatzi kann dich eh nicht sehen.«

»Halt bloß …«, zischte Amalia und biss sich auf die Lippen.

Alice hörte noch den letzten Halbsatz: »… meine Schwester, ja, sie ist wirklich eine Pest.«

Die letzte Nacht vor Heiligabend.

Am Fenster hatten sich Eisblumen gebildet. Die Dunkelheit draußen wirkte jetzt noch dichter. Die eisige Kälte und die Dunkelheit waren in Wahrheit die Welt. Die Wärme, der Ofen, ihr Großvater, ihr Vater, das waren nur kleine Inseln. Es war ein ständiger Kampf gegen die eisige Dunkelheit, gegen die einzige Wirklichkeit. Und schließlich verlor jeder diesen Kampf. Wie ihre Mutter.

Alice spürte, wie der Schlaf nach ihr griff, aus der Dunkelheit, die von draußen hereindrang, jenseits der Eisblumen. Sie sank in einen Schlaf, von dem ihr nur ein Traum am nächsten Tag bleiben sollte. Eine Horde Hunde rannte durch die leeren Straßen von Hintereck, dann quer über den Friedhof. Alice wusste nicht, ob die Hunde etwas jagten oder vor etwas flohen. Sie wusste nur, dass sie Angst hatten.

7.

24. Dezember

»Sie ist elf Jahre alt, verstehst du, elfffff.«

Die Stimme ihres Vaters. Alice zog sich an und trottete über die alten Bohlen zur Treppe, die ins Untergeschoss führte. An ihren Füßen huschte ein Schatten vorüber. Hobbes, der zwölf Jahre alte Kater. Ihre Mutter hatte ihn auf einem Rastplatz gefunden. Er war ausgehungert und krank.

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