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Ein Millionär und Gentleman

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Schwungvoll stieg Rico Mandretti in seinen roten Ferrari, fuhr aber nicht etwa zur Pferderennbahn in Randwick, sondern zum Haus seiner Eltern in einem der ländlich angehauchten Vororte Sydneys. Dass sich seine Pläne für diesen Samstag geändert hatten, lag am vergangenen Abend.

Nicht heute! sagte er sich, während er sich durch den Samstagmorgenverkehr schlängelte und an einer roten Ampel halten musste. Die Frauen in den Wagen neben ihm warfen ihm interessierte Blicke zu. Aber ihn interessierte in letzter Zeit nur eine: Renée Selinsky. Dabei wünschte er sich sehnlichst, dass sie in ihm endlich den Mann sah und nicht den seichten TV-Playboy und Vorzeigekoch.

Seit mehr als fünf Jahren ertrug er nun jeden Freitag beim Pokern und jeden Samstag beim Pferderennen ihre spitzen Bemerkungen. Fünf Jahre waren eine lange Zeit – eine zu lange Zeit.

Allerdings musste er zugeben, dass er ihre verbalen Auseinandersetzungen bisher irgendwie genossen hatte, obwohl Renée fast immer siegreich daraus hervorging. Als sie ihm vor einigen Monaten vorübergehend die kalte Schulter gezeigt hatte, war ihm klar geworden, dass es ihm lieber war, wenn sie ihn auf die Palme brachte, als wenn sie ihn ignorierte.

Aber am Abend zuvor war sie einfach zu weit gegangen. Da ließ er sich nicht auch noch heute auf der Rennbahn zum Gespött der Leute machen. Genug war genug!

Die Ampel wurde grün, und Rico trat aufs Gaspedal, nur um gleich darauf an der nächsten Ampel wieder abzubremsen. Jetzt war Renée bestimmt schon da, saß wahrscheinlich in der Mitglieder-Lounge und nippte kühl und selbstbewusst wie immer an einem Glas Champagner, während er seine Entscheidung bereits bereute, nicht hingegangen zu sein. Was sie mit Sicherheit überhaupt nicht kümmerte. Dabei ging er so gern auf die Rennbahn. Pferderennen waren seine große Leidenschaft, genau wie Renées.

Dadurch hatten sie sich auch kennengelernt. Vor gut fünf Jahren waren sie zusammen mit seinem Freund Charles Anteilseigner des viel versprechenden Jungpferdes Flame of Gold geworden. Renées Namen kannte Rico lediglich von den Verträgen und wusste nicht, dass es sich bei ihr um die gleichnamige Renée handelte, die eine Modelagenturkette besaß und außerdem noch Witwe des superreichen Bankiers Joseph Selinskys war. Am ersten Renntag der Stute sahen sie sich dann zum ersten Mal.

Selinskys Witwe hatte sich Rico eigentlich anders vorgestellt: vierzig Jahre älter, äußerst matronenhaft und mit einem Hang zum Glücksspiel. Auf die elegante, weltgewandte und superintelligente Dreißigjährige war er damals nicht gefasst gewesen und auch nicht auf ihre abweisende Reaktion ihm gegenüber. Normalerweise lagen ihm die Frauen zu Füßen.

Dabei fühlte er sich von Anfang an zu ihr hingezogen, obwohl zu jener Zeit eine andere schöne Frau bei ihm gewesen war: seine Verlobte Jasmine, die er einen Monat später aus Liebe – wie er glaubte – geheiratet hatte. Aber ihre Ehe war von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Wenn er sich rechtzeitig von dieser Abzockerin getrennt und stattdessen die rätselhafte und umwerfende Renée umgarnt hätte …

Er seufzte. Wäre er damals Single gewesen und nicht über beide Ohren in eine Frau vernarrt, die es ganz offensichtlich nur auf sein Geld abgesehen hatte, hätte Renée womöglich ganz anders auf ihn reagiert. Immerhin war er Rico Mandretti, Produzent und Star der erfolgreichen Kochsendung Pasta-Leidenschaft. Die “lustige Witwe” – wie er Renée bald nannte – kannte den Wert des Geldes und hatte auch schon einmal deswegen geheiratet. Dass eine Frau ihres Alters und ihrer Schönheit einem Mittsechziger aus Liebe ihr Jawort gab, konnte sich Rico einfach nicht vorstellen.

Natürlich war sein Bankkonto nicht ganz so gut bestückt wie das von Renées verstorbenem Ehemann, aber Rico hatte auch damals schon gut dagestanden und Aussichten auf ein weitaus größeres Einkommen gehabt. Diese Einschätzung hatte sich inzwischen bewahrheitet. Seine “kleine Kochsendung”, wie Renée sie immer scherzhaft nannte, wurde inzwischen in mehr als zwanzig Ländern ausgestrahlt, und die Tantiemen flossen in Strömen. Außerdem taten sich ständig neue Geldquellen auf – von Kochbüchern über Werbeunterstützungen für Küchenartikel bis hin zu seinem neuesten Einfall: der Restaurantkette Pasta-Leidenschaft, die inzwischen in jeder größeren australischen Stadt durch einen Franchising-Partner vertreten war.

Von seinen Verdienstaussichten einmal abgesehen, war Rico damals mit neunundzwanzig Jahren auf dem Höhepunkt seiner sexuellen Leistungsfähigkeit gewesen. Da hätte Renée doch allen Grund gehabt, sich in ihn zu verlieben. Aber wahrscheinlich machte er sich da nur etwas vor. Inzwischen lebte er seit zwei Jahren von Jasmine getrennt, und seit einem Jahr waren die Scheidungspapiere unterzeichnet, aber Renées Einstellung zu ihm hatte sich nicht verbessert, eher verschlechtert. Während er sich immer mehr nach ihr verzehrte, war sie ihm gegenüber noch feindseliger geworden, und ihn schmerzte die Vorstellung, dass sie nichts an ihm attraktiv fand.

Ganz im Gegenteil, offensichtlich verabscheute sie ihn. Aber warum? Hatte er ihr jemals Grund dazu gegeben? Oder lag es an seiner italienischen Herkunft? Manchmal ließ sie sich darüber aus, dass er ganz der Latin-Lover-Typ sei – ganz hormongesteuert und mit zu wenig Hirn. Dabei hatte er viel mehr zu bieten. Leider nur nicht, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt. Darunter litt in letzter Zeit sogar sein Pokerspiel. Ach, zum Teufel, eigentlich litt alles unter Renées Gegenwart. Da verließ ihn nicht nur sein Charme, sondern auch sein Denkvermögen. Doch selbst wenn er über eine ihrer Bemerkungen aufgebracht war, brannte das Feuer für sie lichterloh. Deshalb ging er an diesem Wochenende auch nicht auf die Rennbahn. Wer wusste schon, was er das nächste Mal sagen würde, wenn sie ihn wieder so auf die Palme brachte wie am Abend zuvor?

Charles hatte verkündet, dass seine Frau ein Kind erwartete, und er, Rico, hatte festgestellt, wie sehr er ihn beneiden würde. Daraufhin meinte Renée: “Hättest du jemanden wie Dominique geheiratet, hättest du jetzt auch schon ein, zwei Kinder. Wenn du wirklich so scharf auf eine Familie bist, dann hör endlich auf, den Leannes dieser Welt nachzusteigen, und such dir ein nettes Mädchen, mit dem du deinen angeblichen Wunsch verwirklich kannst.”

Rico musste sich buchstäblich auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten, dass er mit Frauen wie Leanne ins Bett ging, weil er damit sein Verlangen nach ihr, Renée, zu stillen versuchte – doch vergeblich. Aber wie lange würde er sich noch am Riemen reißen können, ihr nicht die Wahrheit zu sagen? Was, wenn er plötzlich aus der Haut fuhr? In Sydney geboren und aufgewachsen, war er vom Temperament her durch und durch Italiener. Einen Bauern, hatte Renée ihn einmal genannt und damit ziemlich ins Schwarze getroffen. Er kam tatsächlich vom Land und war stolz darauf.

Seine beiden anderen Pokerfreunde Charles und Ali dagegen waren absolute Gentlemen. Bei Charles handelte es sich um den Eigentümer von Brandon Beer, Australiens bekanntester Schankbierbrauerei. Ali war der jüngste Sohn des Scheichs von Dubar und vor zehn Jahren nach Australien geschickt worden, damit er sich um das Vollblutgestüt der Familie kümmerte. Beide waren reich geboren, aber keiner war deswegen faul oder eingebildet. Charles hatte die Familienbrauerei nach dem Tod seines Vaters erst einmal wieder aus den roten Zahlen führen müssen. Und auch Ali war kein verwöhnter Prinz und arbeitete hart, um das riesige Gestüt im “Hunter Valley” zu führen. Dabei war er sich nicht zu schade, selbst mit anzupacken.

Er war es auch gewesen, der ihre Pokerrunde begründet hatte. Flame of Gold stammte aus seiner Zucht. Nachdem die Stute Siegerin des “Silver Slipper Stakes” geworden war, hatte Ali die drei Anteilseigner zu einem gemeinsamen Essen eingeladen, um das Ereignis gebührend zu feiern. Dabei stellten sie fest, dass sie nicht nur ihre Schwäche für Rennpferde, sondern auch fürs Pokern teilten. Das erste gemeinsame Spiel wagten sie gleich am selben Abend und beschlossen, sich in Zukunft jeden Freitag um zwanzig Uhr zum Pokern im “Regency Hotel” zu treffen, wo Ali regelmäßig das Wochenende verbrachte. Nur bei Krankheit oder Aufenthalt in Übersee war man entschuldigt.

Lächelnd dachte Rico daran, wie er einmal mit gebrochenem Bein im Krankenhaus gelegen und darauf bestanden hatte, dass die anderen zum Pokern zu ihm kamen. Der Abend war allerdings kein rechter Erfolg geworden, da sich alle wegen Alis Leibwächtern unwohl fühlten. Rückblickend musste sich Rico eingestehen, dass er nur auf den Pokerabend bestanden hatte, um Renée zu sehen. Und jetzt?

Inzwischen war er nicht sicher, ob er sie überhaupt noch einmal sehen wollte. Bald wäre er mit seiner Geduld am Ende. Es musste einfach etwas geschehen.

Nachdem Rico den Innenstadtverkehr hinter sich gelassen hatte und durch die weniger dicht besiedelten Vororte fuhr, entspannte er sich ein wenig. Auch die Luft war hier besser, und er atmete mehrmals tief durch. Schon bald kam er in die Gegend, in der er seine Kindheit verbracht hatte. Da waren die Grundschule, die er vier Jahre besucht hatte, das Flüsschen, in dem sie als Kinder schwimmen gegangen waren, und die alte Gemeindehalle, in der er zum Ärger seines Vaters die ersten Tanzstunden genommen hatte.

So lange wie Rico zurückdenken konnte, war er immer wild entschlossen gewesen, eines Tages ein Star zu werden. Mit zwölf träumte er von einer Karriere als Musicalheld à la John Travolta. Doch leider sang er nicht gut genug und wurde bald zu groß, um beim Tanzen noch elegant zu wirken. Daraufhin wandte er sich der Schauspielerei zu, ohne jedoch von einer der Eliteakademien aufgenommen zu werden. Aber er bekam einige Sprechrollen in Vorabendserien, Werbesendungen und sogar eine kleine Rolle in einem Fernsehfilm. Bei Castings für größere Engagements erteilte man ihm meistens Absagen, weil er zu italienisch aussehen würde, für den typischen “Latin Lover” aber zu groß sei.

Auch wenn er davon nicht überzeugt war, kümmerte sich Rico bald mehr um eine Karriere hinter der Kamera und machte eine Ausbildung als Kameramann bei “Fortune Productions”, einer Filmgesellschaft, die damals zahlreiche Fernsehshows in Australien produzierte. Nach der Ausbildung wurde er übernommen und sammelte so lange Erfahrungen, bis er der Meinung war, eine eigene Show auf die Beine stellen zu können.

Mit Unterstützung seiner großen Familie – Rico hatte drei nachsichtige ältere Brüder und fünf völlig in ihn vernarrte ältere Schwestern – begann er die Produktion von Pasta-Leidenschaft, nachdem er festgestellt hatte, dass Koch- und Life-Style-Sendungen im Kommen waren. Aber der italo-australische Küchenchef, den er für die ersten Folgen engagiert hatte, erwies sich vor der Kamera als reines Nervenbündel, sodass Rico ständig selbst mit anpacken und den Gastgeber der Show mimen musste.

Obwohl er keinerlei Kochausbildung besaß, wurde bald offensichtlich, dass es sich bei ihm um ein Naturtalent handelte. Damit hatte er seinen Nischenplatz gefunden. Plötzlich war seine Größe unerheblich, sein italienisches Aussehen ein Plus, und der Akzent, den er bei Bedarf vortäuschen konnte, ließ das Ganze noch echter wirken. Natürlich war auch von Vorteil, dass es sich beim ihm um einen leidenschaftlichen Hobbykoch handelte, der die meisten Kniffe seiner “Mamma” verdankte. So gingen Idee und Inhalte der Show letztlich auf Signora Mandrettis Pasta-Leidenschaft und ihren Einfallsreichtum zurück: Schließlich war es nicht so einfach, mit einem knappen Haushaltsbudget jeden Tag eine elfköpfige Familie satt zu bekommen.

Sobald Rico eine Fernsehanstalt gefunden hatte, die bereit war, Pasta-Leidenschaft zu senden, wurde die Show zum Publikumsrenner, und er hatte seine Entscheidung nie bereut, sich von der Schauspielerei zu verabschieden. Doch Renée beeindruckten seine Erfolge nicht, Jasmine dagegen umso mehr. Bei dem Gedanken an die Abzockerin, die er auch noch geheiratet hatte, schnitt er ein Gesicht. Nach wie vor war er betroffen, wie viel ihr der Familienrichter für die drei Jahre Eheleben im Luxus zugesprochen hatte.

Sogar sein schwarzes Porsche-Cabriolet hatte sie mitgenommen! Doch am Ende hätte er jeden Preis bezahlt, um Jasmine loszuwerden.

Schwarz war immer seine Lieblingsfarbe gewesen, sowohl was Kleidung als auch Fortbewegungsmittel betraf. Den roten Ferrari hatte er nur gekauft, weil er dachte, ein “Tapetenwechsel” könnte nicht schaden. Dafür hatte er allerdings sofort eine spitze Bemerkung von Renée kassiert, die ihn auf dem Parkplatz vor der Rennbahn einsteigen sah.

“Dass der rote Ferrari dir gehört, hätte ich mir ja denken können!” Naserümpfend fuhr sie fort: “Was sollte ein italienischer Playboy auch sonst fahren?”

Dummerweise fiel ihm wie so oft in letzter Zeit keine passende Retourkutsche ein, und Renée glitt spöttisch lächelnd in ihrer eleganten Limousine davon. Jetzt schnitt er unwillkürlich ein Gesicht. Eigentlich wollte er heute mal nicht an diese Hexe denken. Das hatte er in der Vergangenheit schon viel zu oft getan.

Sobald der ihm nur allzu vertraute Briefkasten seiner Eltern in Sicht kam, hellte sich seine Miene auf. Haus und Grundstück waren nichts Besonderes. Das schlichte zweistöckige Backsteinhaus stand inmitten eines Gemüsegartens. Trotzdem ging Rico jedes Mal das Herz auf, wenn er nach Hause kam, und auch heute musste er unwillkürlich lächeln.

Es ging doch nichts über einen Besuch bei den Eltern! Da wusste man, dass man um seiner selbst willen geliebt wurde und nicht, weil man ein bekannter TV-Star war und viel Geld besaß.

2. KAPITEL

Teresa Mandretti hielt sich im Garten auf, als sie aus den Augenwinkeln jemanden auf sich zukommen sah.

“Enrico!”, rief sie überrascht und erfreut zugleich, sobald sie ihr jüngstes Kind erkannte. “Du hast mich erschreckt! Ich habe dich erst morgen erwartet.”

Der erste Sonntag im Monat war traditionell Familientrefftag bei den Mandrettis, wobei ihr Jüngster fast immer kam und seine älteren Geschwister mit ihren Familien erschienen, soweit sie es einrichten konnten.

“Mum!” Rico nahm seine Mutter in die Arme. Mit seinen ein Meter achtzig und den breiten Schultern vereinnahmte er ihre kleine, gedrungene Gestalt völlig.

Teresa Mandretti konnte nur mutmaßen, wieso ihr Jüngster so groß geraten war. Von seinem Vater hatte er die Körpergröße jedenfalls nicht geerbt. Als die Verwandten in Italien Bilder von Enricos einundzwanzigstem Geburtstag sahen, erinnerte er sie an seinen Großvater Frederico I., der ein wahrer Riese gewesen sein sollte. Teresa hatte ihren Schwiegervater nie kennengelernt. Mit fünfunddreißig war er bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen, nachdem der Gegner Fredericos Frau “ungebührende” Blicke zugeworfen hatte. Von diesem Großvater väterlicherseits rührte wohl auch Enricos Temperament.

“Hast du schon etwas zu Mittag gegessen?”, fragte Teresa Mandretti, als ihr Sohn die Umarmung lockerte und sie wieder zu Atem kommen ließ. Wie alle Mandrettis war Enrico ein Schmuser. Sie selbst war da viel zurückhaltender. Deshalb hatte sie sich auch so zu ihrem Frederico hingezogen gefühlt. Er überging ihre Schüchternheit und trug sie zum Bett, ehe sie noch ein Nein hätte hauchen können. Wenige Wochen später fand die Heirat statt. Da war Teresa bereits schwanger gewesen. Einige Monate danach wanderten sie nach Australien aus. Gerade noch rechtzeitig, damit Frederico III. in der neuen Heimat zur Welt kommen konnte.

“Nein, ich bin nicht hungrig”, sagte ihr Jüngster nun, und Teresa runzelte überrascht die Stirn.

Enrico und nicht hungrig? Da stimmte etwas nicht. “Was ist denn los, mein Junge?”, fragte sie besorgt.

“Nichts, Mum, ehrlich, ich habe nur ziemlich ausgiebig gefrühstückt, und das ist noch nicht so lange her. Wo ist Dad?”

“Beim Hunderennen. Onkel Guiseppe hat heute einige seiner Tiere am Start.”

“Dad sollte sich selbst ein oder zwei Hunde zulegen. Regelmäßige Spaziergänge würden ihm guttun. Ich glaube, er hat einfach zu viel von deiner Pasta gegessen.”

“Willst du damit sagen, dein Papa sei fett?”, fragte Teresa Mandretti aufgebracht.

“Aber nein, Mum, nur gut genährt.”

Teresa mutmaßte schon, dass Enrico mit dem Hinweis auf die Leibesfülle seines Vaters von den eigenen Problemen ablenken wollte. Sie kannte all ihre Kinder gut, aber Enrico noch am besten. Er war unterwegs gewesen, als sie längst nicht mehr mit einem bambino gerechnet hatte. Nachdem sie beinah jährlich einmal niedergekommen war – drei Jungen gefolgt von fünf Mädchen – riet ihr der Arzt, keine weiteren Kinder zu bekommen, weil ihr Körper ausgezehrt sei. Mit Erlaubnis ihres Pfarrers nahm sie die Pille und brauchte sich neun Jahre keine Gedanken mehr über eine eventuelle Schwangerschaft zu machen.

Allerdings war auch diese Verhütungsmethode nicht perfekt, denn schließlich hatte Teresa doch wieder empfangen. Ein Abbruch kam nicht infrage, aber glücklicherweise verlief die Schwangerschaft problemlos, und die Geburt war erstaunlich leicht. Dabei empfand es Teresa als zusätzlichen Vorteil, dass nach den fünf Mädchen wieder ein Junge dabei herausgekommen war. Natürlich wurde Enrico von allen verwöhnt, aber ganz besonders von seinen Schwestern. Auch wenn er seinem Temperament freien Lauf ließ, sobald es einmal nicht nach seinem Kopf ging, war er ein süßes Kind, aus dem ein liebenswerter Mann wurde.

Alle Familienmitglieder mochten ihn, und am meisten war sie ihm wohl selbst zugetan. Natürlich hätte Teresa es den anderen gegenüber nie zugegeben, aber Enrico nahm einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen ein – wahrscheinlich, weil er ihr Jüngster war. Mit den zehn Jahren Altersunterschied zu seiner jüngsten Schwester hatte ihm Teresa viel Zeit widmen können. Als kleiner Junge folgte er ihr wie ein Hündchen, und Mutter und Sohn bauten einen besonders innigen Kontakt auf.

Enrico konnte ihr auch heute nichts vormachen. Abgesehen von seiner schon verdächtigen Appetitlosigkeit, stimmte etwas nicht, wenn er samstagnachmittags nicht auf die Rennbahn ging. Die Intuition sagte ihr, dass es mit einer Frau zu tun haben müsse. Wahrscheinlich mit dieser Renée, von der er so oft redete, die er ihr aber noch nie vorgestellt hatte. Dabei war ihr aufgefallen, dass Enricos Stimme immer einen ganz merkwürdigen Klang bekam, wenn er von ihr sprach. Ansonsten wusste Teresa nur, dass die Frau jeden Freitagabend mit ihm pokerte und zu ihrer Eigentümergemeinschaft gehörte.

Direkt nach Renée zu fragen hielt Teresa für Zeitverschwendung. Mit seinen vierunddreißig Jahren war ihr jüngster Sohn längst zu alt, um sich in Herzensangelegenheiten seiner Mutter anzuvertrauen – was sie bedauerlich fand. Hätte er sie nur um Rat gefragt, ehe er sich auf diese Jasmine eingelassen hatte, wäre ihm viel Herzschmerz erspart geblieben.

Die Frau war vielleicht ein Miststück gewesen! Aber clever, das musste Teresa ihr lassen. Bis zur Hochzeit verhielt sie sich, als könnte sie kein Wässerchen trüben, und war bei den Familientreffen ganz liebreizend gewesen. Danach kam sie zunehmend seltener und ließ sich dafür immer fadenscheinigere Ausreden einfallen, bis sie schließlich unentschuldigt wegblieb.

Glücklicherweise war sie inzwischen Geschichte. Auch wenn Teresa im Allgemeinen nichts von Scheidung hielt, war dieser Schritt manchmal einfach unumgänglich. Trotzdem wollte sie nicht, dass Enrico den gleichen Fehler zweimal beging und sich wieder mit einer Frau einließ, die nicht zu ihm passte.

“Hast du gestern Abend Karten gespielt?”, fragte sie nun, während sie sich bückte, um Minzeblätter zu zupfen.

“Natürlich!”, antwortete er, ohne dass sie daraus schlauer geworden wäre.

“Und Charles geht’s gut?” Charles war der einzige von Enricos Pokerfreunden, den Teresa persönlich kannte, obwohl sie die drei schon mehrmals eingeladen hatte. Diese Renée war ein bisschen wie Jasmine und ließ sich immer eine Entschuldigung einfallen. Der andere Mann, ein arabischer Scheichsohn, hatte ihre Einladung ebenfalls jedes Mal ausgeschlagen – wobei sie dessen Beweggründe verstand.

Enrico hatte ihr erklärt, Prinz Ali lebe sehr zurückgezogen, weil er so reich war. Anscheinend konnte der arme Mann nirgends ohne seine Leibwächter hingehen. Was für ein schreckliches Leben!

Auch ihr Sohn wurde häufig von Journalisten oder Fotografen belästigt, aber er konnte immer noch tun und lassen, was er wollte, ohne um sein Leben fürchten zu müssen.

“Charles geht es sehr gut”, antwortete Enrico nun. “Seine Frau erwartet ein Baby. In sechs Monaten ist es so weit.”

“Wie schön für die beiden!”, rief Teresa und kam zu dem Schluss, dass sie zu alt war und zu sehr Italienerin, um noch lange um den heißen Brei herumzureden. “Und wann hörst du endlich mit deinen Dummheiten auf und heiratest, mein Junge?”

Er lachte. “Tu dir bloß keinen Zwang an, Mum, und sprich aus, was du auf dem Herzen hast.”

“Ich will dir nicht zu nahe treten, Enrico, aber du bist jetzt vierunddreißig Jahre alt und wirst nicht jünger. Du brauchst eine Frau, die gern zu Hause bleibt und dir Kinder schenkt. Ein Mann mit deinem Aussehen und deinem Erfolg sollte doch in der Lage sein, eine passende junge Frau zu finden. Wenn du willst, höre ich mich bei unseren Verwandten in Italien nach einer geeigneten Kandidatin um.”

Teresa hielt eigentlich nicht viel von arrangierten Ehen und glaubte zumindest bis zu einem gewissen Grad an eine Liebesheirat. Aber das sagte sie ihrem Jüngsten besser nicht.

“Jetzt fang bloß nicht mit dem altmodischen Quatsch an, Mum! Wenn ich überhaupt wieder heirate, dann eine Frau meiner Wahl und aus Liebe.”

Er mochte ja italienisches Blut in den Adern haben, aber in mancher Hinsicht war er doch ganz Australier. So nannte er seine Eltern zum Beispiel immer Mum und Dad im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern, die als Anrede Mamma und Papa verwendeten.

“Das hast du beim ersten Mal auch gesagt, aber du siehst ja, wohin es dich geführt hat.”

“Nicht jede Frau ist wie Jasmine.”

“Ich verstehe sowieso nicht, was du an ihr gefunden hast.”

Er lachte. “Weil du kein Mann bist.”

Teresa schüttelte den Kopf. Glaubte ihr Sohn etwa, sie wisse nicht mehr, wie sich sexuelle Anziehung auswirkte? Sie war erst dreiundsiebzig und nicht hundertunddrei! “Jasmine hatte vielleicht ein hübsches Gesicht und einen schönen Körper, aber sie ist auch eingebildet und egoistisch gewesen. Nur ein Narr hätte das nicht erkannt.”

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