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Die Einsamkeit der Dohlen

Du darfst

Sie müsste endlich lernen, großartig egoistisch zu sein. Wie kann eine Autorin bedeutende Werke schaffen, wenn sie immerzu Dienstleistungen im Kopf hat, eine Art Helfersyndrom. Wenn sie meint, so oft wie möglich so etwas wie Nächstenliebe üben zu müssen. Schon fällt der Stift aufs Papier. Das Telefon.

Kannst du mal? Natürlich kann sie. Wie könnte sie leben, wenn sie der Frau am anderen Ende der Stadt eine Absage erteilte? Egoistisch würde sie sich selbst beschimpfen und das Höllenfeuer schon im Nacken spüren.

Ach was, Höllenfeuer! Daran glaubte sie nicht. Mit dem Gartenschlauch würde sie das Feuer zum Erlöschen bringen, mit dem Teufel rasch einen Tanz durch den Park drehen, damit er sie in Ruhe lässt. Ruhe, in der sie schreiben will. Sie ist doch Autorin. Sie kann sich nicht hinsetzen und dösen. Sie kann das wirklich nicht. Wenn sie sich zurücklehnt, dann schwingt die Luft. Worte kommen angerauscht. Lachend reichen sich Buchstaben die Hände und rufen: Du darfst!

Nein, nicht die magere Butter ruft das, sondern genau dieser Bezirk im Gehirn, der vorher gemeldet hat: Du bist ein Egoist, wenn du dich weigerst, der Frau am andern Ende der Stadt einen Gefallen zu tun. Jetzt behaupten diese Gehirnströme, die Flüssen in Afrika gleichen, nämlich manchmal austrocknen: Du darfst!

Darfst Nein sagen?

Darfst schreiben. Behaupten sogar:

Du sollst!!

Was nun?

Mein Ich – zerzaust

So wollte ich eines Tages meine Biografie nennen.

Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, was das Leben so mit uns macht.

Der Mensch, hin- und hergeworfen zwischen Freude, Angst, Trauer, Schmerz, Sehnsucht, Glück, Fernweh, Zuneigung und Liebe.

Haare, zerzaust von kalten Stürmen oder berührt von leisem Windhauch. Haare hängen kreuz und quer am Kopf. Manche stehen ab oder fallen aus, kräuseln sich.

Nun, man nimmt einen Kamm, bringt alles wieder in Ordnung.

Aber einen Kamm für die Seele, wo ist ein Kamm für die Seele?

Brüchig

Sie hatte geglaubt, über eine blühende Wiese zu gehen, auf festem Grund mit liebreichen Pflanzen.

Jetzt hörte sie Geräusche, die nicht in dieses Bild passten, die Farben verzogen sich ins Grau, das große Licht am Himmel deckte sich mit Wolken zu. Kälte kroch an ihren Beinen empor. Als sie einen Augenblick still stand, um alles genau wahrnehmen zu können, wusste sie plötzlich, sie ging auf Eis. Sie war die ganze Zeit über eine Eisdecke gegangen, die zugedeckt und eingefärbt war.

Es knackte schon wieder. Der Boden unter der Wiese war brüchig.

Die Frau, die neben ihr ging, lachte, sie hatte nichts gehört, schwärmte von Blumengebinden und vom kommenden Urlaub.

Als sie um die Ecke bogen, brach die Sonne schräg durch die Häuserflucht und blendete sie. Dieser Moment blieb in der Erinnerung der Frau, die meinte bedroht zu sein, als ein Stück ewiger Herrlichkeit.

Die Frau, die neben ihr ging, hielt sich erschrocken die Augen zu.

Oktoberabend

Die Frau kam am Abend. Ich kannte sie nur flüchtig. Sie betrat mein Haus, weil ich die Tür offen hielt, um den lauen Wind hereinzulassen.

Sie kuschelte sich in meinen Sessel, strich mit beiden Händen ihr helles Haar hinter die Ohren und sagte, dass sie bleiben wolle. Wo sonst soll ich hin. Der, den ich mag, den verstehe ich nicht mehr.

Verstehst du nicht? Ich hatte gerade die Kaffeetasse in die Hand genommen und setzte sie wieder zurück auf den Tisch.

Ich verstehe auch mich nicht, antwortete die Frau, die zu mir ins Haus gekommen war. Ich verstehe nicht, dass ich den nicht verstehe, den ich mag.

Klingt kompliziert, wehrte ich ab und nahm meine Kaffeetasse wieder auf. Wenn du ihn nicht verstehst und er gewiss auch dich nicht versteht, warum seid ihr dann zusammen?

Weil ich ihn trotzdem mag.

Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht magst du ihn gar nicht.

Ich wollte, du hättest Recht. Aber alles spricht dagegen. Deshalb habe ich zugeschlagen. Ehe ich fortlief.

Ich spiele

Ich spiele mit. Ich bin mit Würfeln dran. Nein, so ist es nicht gemeint. Ich spiele dieses Leben.

Ich spiele mit. Eine Weile noch bin ich spielbereit. Ihr seid es gewohnt, weil ich immer mitgespielt habe. Und wenn nicht, so habe ich geschwiegen. Du sagst ja nichts, war die Reaktion der anderen. Ein Vorwurf. Da sprach ich erst recht nicht.

Ich? Wer ist Ich? Worte fallen mir ein: Ich ist auch Nicht-Ich. So fängt ein Gedicht von mir an.

Ich – allein – wer ist das? Zähle ich denn? Statt auf eine Antwort zu warten, spiele ich lieber weiter mit. Ich werfe den Würfel, setze die Figuren, so fällt überhaupt nicht auf, dass ich eigentlich nicht vorhanden bin. Wenn ich allerdings meine eigenen Gedanken ausspreche, wundern sich die anderen Spieler. Manchmal zerreden sie dann mein Thema, falls sie es nicht kaputt schweigen. Wer will schon über Gott reden, noch nicht mal ein Theologe, falls der mit am Tisch sitzt. Also nehme ich wieder die Würfel, wenn ich dran bin, und führe eine Figur ins Ziel, das nennen sie Glück. Ich schweige vor mich hin.

Vom Lachen

Wir haben gelacht. Oma und Kinder und Enkel. Wir saßen in der Sofaecke und schüttelten uns vor Lachen. Wir waren nicht zu bremsen, es floss aus uns heraus, überrumpelte uns, hatte uns gepackt, einfach so. Warum? Wer weiß noch warum? Wer weiß überhaupt, dass es dieses Lachen gab? Ein befreiendes, unumgängliches Lachen.

Ich habe es in Erinnerung, weil eine Besucherin in unserer Runde saß, die nicht mitlachen konnte. Was habt ihr bloß?, fragte sie total nüchtern mitten in unser Lachen hinein. Doch statt eine Erklärung zu bekommen, löste sie eine besonders starke Lachsalve aus. Meine Augen tränten. Meine Enkelin hielt sich die Hände überm Bauch fest.

Wäre die Besucherin mit ihrer vorwurfsvollen Frage nicht zwischen uns gewesen, ich hätte uns in der Erinnerung für eine fast zu ernsthafte Familie gehalten. Ich wüsste nicht mehr, dass wir gemeinsam so hinreißend lustig sein konnten.

Besuch am Morgen

Als ich am Morgen ins Zimmer trat, in dem ich ihr ein Bett zurecht gemacht hatte, fand ich es leer vor. Ich stand wie gelähmt, obwohl doch von einem leeren Zimmer keine Bedrohung ausgeht.

Später fiel mir ein, dass sie einmal gesagt hat, man müsse mit allem allein fertig werden. Das hatte wie bittere Medizin geklungen, aber auch königlich stolz.

Ich hätte gern ihr Vertrauen besessen. Aber ich durfte nichts von ihr besitzen. Sie hatte auch jetzt alle ihre Sachen mitgenommen, als sie ging. Und ich hörte in mir ihre Stimme vom letzten Sommer. Damals am Strandplatz hatte sie Hans vorgeworfen: Ihr wollt alle nur mein Lachen.

Hans hatte sie an sich gezogen, aber nicht widersprochen.

Jetzt war sie weggegangen, weil sie ihr Lachen verloren hatte. Vielleicht suchte sie es irgendwo in der Welt und käme dann zurück. Wenn sie es aber nicht fand, würde sie lange wegbleiben.

Licht

Ein Lichtstrahl trifft den taukalten Rasen. Ein kleiner Flecken strahlt hell auf, die restliche Wiese hält sich gräulich bedeckt.

Doch wo Sonne einfällt, glitzern Lichtpunkte, Tropfen, wie hingetupft. Rot. Grünblau. In unterschiedlichsten Farben. Als hätte jemand Diamanten verstreut. Oder als wären Sterne gefallen. Eine Amsel setzt sich daneben, betritt nicht das Wunder.

Es wird vergehen, schon verblassen die Farben. Beinah hätte ich es nicht wahrgenommen. Dieses Stück Herrlichkeit.

Was soll’s auch? Sinnbild von Vergänglichkeit.

Ich kann zusehen, wie es schwindet, in mir ist Schmerz. Den Dank muss ich mir erst hervorholen, der kommt nicht von allein. Schon ist das Ereignis vorbei. Vorbei.

Vorbei. Das große Wort über unser aller Leben. Vielleicht aber leuchtet die Kostbarkeit nun an anderer Stelle.

Für meinen Garten ist erst mal das Wunder verloren. Vorbei.

Hinter Worten her

Ich laufe hinter Worten her, sie springen von Mund zu Ohr, tasten sich von Ohr zu Mund, weiter, immer weiter. Ich sehe sie nicht, höre zu langsam, hole sie nicht ein.

Ich laufe schneller, schneller als ich kann, falle. Jemand legt ein Kissen unter meinen Kopf. Ich habe die Augen geschlossen, alles ist hart. Höre zu!

Jemand hat mir erzählt, dass es Trostworte gibt. Trostworte? Das weiß ich nicht.

Jemand hat gemeint, dass sein Vater und seine Mutter Worte wussten, die trösten.

Ich weiß nicht, womit ich je getröstet wurde. Mit Allgemeinplätzen vielleicht. Heile Segen. Geht alles vorbei. Die Zeit heilt auch blutende Wunden. Abwarten.

Heilen. Heil werden. Ich laufe hinter Worten her. Erzählt mir, wie ich heil werde.

Ich bin doch allein. Es gibt keine Worte. Aber da ist eine Hand, die legte sich wohltuend mitten auf mein Gesicht. Die ist nicht von Vater oder Mutter.

Alle bleiben sprachlos. Münder schweigen. Die Worte sind fort gelaufen.

Aber damals, da hat jemand gesprochen. Nur, die Worte sind nicht mehr bekannt.

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