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Die Ehre der Mackenzies

Linda Howard

Die Ehre der Mackenzies

Roman

 

 

Aus dem Amerikanischen von

SAS

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PROLOG

W olf Mackenzie stieg leise aus dem Bett und ging zum Fenster hinüber. Dort stand er und sah hinaus auf sein Land, das still im silbrigen Mondschein dalag. Ein schneller Blick über seine bloße Schulter zeigte ihm, dass Mary ruhig weiterschlief, auch wenn er wusste, es würde nicht lange dauern, bis sie seine Abwesenheit spüren und nach ihm tasten würde. Wenn ihre Hand seine Wärme nicht fühlte, würde Mary unweigerlich wach werden, sich aufsetzen und sich verschlafen das seidige Haar aus dem Gesicht streichen. Sie würde ihn beim Fenster stehen sehen und zu ihm kommen, um sich an seinen nackten Körper zu schmiegen und ihren Kopf an seine Brust zu legen.

Ein Lächeln umspielte seinen Mund. Wenn er lange genug hier stehen blieb und sie wach wurde, dann würden sie gemeinsam ins Bett zurückkehren. Nicht um zu schlafen, sondern um sich zu lieben. Maris war bei einer solchen Gelegenheit empfangen worden, das wusste er. Damals war er ebenso rastlos gewesen, weil Joes Geschwader zu seinem ersten Einsatz geschickt worden war, zu irgendeinem Krisenherd auf der Welt. Wolf war so angespannt gewesen wie während seiner eigenen Zeit in Vietnam.

Glücklicherweise lagen diese Tage hinter ihm und Mary. Heute bekamen sie keine eigenen Kinder mehr, sondern Enkel. Zehn waren es jetzt, um genau zu sein.

Dennoch …, er war rastlos, und er kannte den Grund. Wolf schlief nur gut, wenn er wusste, wo seine Jungs waren. Dass sie mittlerweile alle erwachsen waren und selbst Kinder hatten, war unerheblich. Unwichtig war auch, dass sie alle bestens auf sich selbst aufpassen konnten. Es waren seine Jungs, und er war immer für sie da, wenn sie ihn brauchten. Wolf wollte wissen, zumindest ungefähr, wo sie sich aufhielten. Gar nicht mal so genau, manchmal war es besser, wenn Eltern nicht über alles informiert waren, aber er wüsste wenigstens gern, in welchem Staat auf der Welt sich seine Kinder befanden.

Um Joe machte sich Wolf dieses Mal keine Sorgen. Der saß mit vier Sternen auf der Epaulette im Pentagon, am runden Tisch mit den anderen Generälen. Dabei würde er sich immer noch lieber in ein Cockpit zwängen und mit Überschallgeschwindigkeit über den Himmel jagen. Aber diese Zeit lag hinter ihm. Jetzt war der Schreibtisch sein Revier, und auch in diesem Job im Büro war er kaum zu schlagen. Außerdem, so hatte Joe selbst einmal gesagt, war die Ehe mit Caroline eine größere Herausforderung als ein Kampf mit einer Straßengang, bei dem einer gegen fünf antrat.

Wolf musste grinsen, als er an seine Schwiegertochter dachte. Ein Genie mit Doktortiteln in Physik und Informatik, ein wenig arrogant, höchst eigen und kapriziös. Caroline hatte ihren Pilotenschein gemacht, kurz nach der Geburt des ersten Sohnes. Sie meinte, die Frau eines Kampfpiloten müsse wenigstens die Grundlagen der Fliegerei beherrschen. Die Lizenz, einen Privatjet zu fliegen, hatte sie nach der Geburt des dritten Sohnes erworben. Nach dem fünften Sohn hatte sie Joe entschieden davon in Kenntnis gesetzt, dass sie nicht mehr schwanger würde, schließlich habe sie ihm fünf Chancen gegeben, aber anscheinend sei er eben nicht in der Lage, eine Tochter zu zeugen.

Irgendwann einmal hatte jemand Joe vorsichtig angeraten, Caroline solle vielleicht besser ihren Job aufgeben. Die Firma, für die sie arbeitete, erhielt zahlreiche Regierungsaufträge, und auch nur der Anschein von Begünstigung könne Joes Karriere schaden. Joe hatte nur mit eisblauen Augen den kühlen Blick auf seine Vorgesetzten gerichtet und erwidert: „Gentlemen, wenn ich zwischen meiner Frau und meiner Karriere wählen muss, so können Sie gleich hier mein Rücktrittsgesuch entgegennehmen.“ Damit hatte niemand gerechnet, und es wurde nie wie der auch nur ein Ster bens wört chen von Caro lines Arbeit in Forschung und Technik gesagt.

Um Michael machte Wolf sich keine Sorgen. Michael war der solideste seiner Sprösslinge und ebenso entschlossen wie der Rest. Michael hatte sich schon früh entschieden, Rancher zu werden. Und genau das war eingetreten. Ihm gehörte ein ansehnliches Stück Land in der Nähe von Laramie, er und seine Frau verbrachten ihre Zeit glücklich damit, Rinder und zwei Söhne großzuziehen.

Der einzige Aufruhr, den Michael je verursacht hatte, war seine Heirat mit Shea Colvin gewesen. Wolf und Mary hatten dem Paar ihren Segen gegeben, das Problem war nur … Shea war Pam Hearst Colvins Tochter, und Pam wiederum war eine alte Freundin von Joe. Pams Vater, Ralph Hearst, hatte sich vehement gegen die Heirat seiner geliebten Enkelin mit Michael Mackenzie gewehrt, so wie er damals die Freundschaft zwischen Pam und Joe missbilligt hatte.

Michael, mit dem ihm eigenen Fokus, hatte das ganze Drama ignoriert. Ihm ging es nur darum, Shea zu heiraten, und zur Hölle mit dem Drum und Dran in der Hearst-Familie. Die stille, sanfte Shea saß zwischen zwei Stühlen, aber sie wollte Michael und weigerte sich, die Hochzeit abzusagen, wie ihr Großvater es kategorisch verlangte. Pam war schließlich diejenige, die dem Unfug ein Ende setzte und sich wieder einmal mit ihrem Vater mitten in seinem Laden anlegte.

„Shea wird Michael heiraten“, hatte sie gefaucht, als Ralph drohte, Shea zu enterben, wenn sie einen von diesen „verdammten halbblütigen Mackenzies“ ehelichte. „Mir hast du verboten, mit Joe auszugehen, obwohl er der anständigste Junge war, den ich je kennengelernt hatte. Jetzt will Shea Michael, und sie wird ihn bekommen. Dann mach schon, ändere dein Testament! Du kannst dich dann ja an deinem Hass wärmen, denn deine Enkelin wirst du nicht mehr in den Armen halten, und deine Urenkel erst recht nicht. Überlege dir also genau, was du tust!“ So heiratete Michael seine Shea. Und trotz Griesgrämigkeit und allen Murrens war der alte Hearst völlig vernarrt in seine beiden Urenkel. Sheas zweite Schwangerschaft war schwer verlaufen, bei der Geburt bestand Lebensgefahr für Mutter und Kind. Die Ärzte hatten dringend von einer weiteren Schwangerschaft abgeraten, aber die Eheleute wollten so oder so nur zwei Kinder haben. Die beiden Jungen wuchsen sicher und wohlbehütet auf der Ranch auf. Es amüsierte Wolf, dass ausgerechnet Ralph Hearsts Enkel den Namen Mackenzie trugen. Wer hätte das je ahnen können?

Josh, der dritte Sohn, lebte mit seiner Frau Loren und drei Söhnen in Seattle. Josh war ebenso vom Fliegen besessen wie Joe, aber er hatte sich für die Navy entschieden, nicht für die Air Force. Vielleicht, weil er seinen eigenen Weg gehen und seinen Erfolg nicht darauf gründen wollte, dass sein ältester Bruder General bei der Air Force war.

Josh war der herzlichste und offenste der Mackenzie-Truppe, aber auch in ihm lag eine eiserne Entschlossenheit. Er hatte nur knapp einen Unfall überlebt, der seine Karriere bei der Marine beendet und ihn mit einem steifen Knie zurückgelassen hatte. In der ihm eigenen Art hatte er das hinter sich gelassen und sich auf das konzentriert, was vor ihm lag. Zu jenem Zeitpunkt war das die behandelnde Ärztin gewesen – Dr. Loren Page. Ein Blick auf die große hübsche Loren, und Josh hatte noch vom Krankenbett aus um sie geworben. Geheiratet hatten sie, als Josh noch an Krücken ging. Mittlerweile arbeitete er für einen Flugzeugbauer, der neue Jets entwickelte, und Loren praktizierte als Orthopädin in einer Klinik in Seattle.

Wo Maris war, wusste Wolf auch. Seine einzige Tochter arbeitete momentan in Montana als Trainerin auf einer Pferderanch. Sie hatte ein Angebot, nach Kentucky zu gehen, um sich ausschließlich Vollblütern zu widmen. Von dem Moment an, da sie allein auf einem Pferd sitzen konnte, war sie fasziniert von den eleganten Tieren gewesen. Sie hatte eine Fertigkeit, mit den großen Tieren umzugehen, die an Magie grenzte. Insgeheim war Wolf überzeugt, dass Maris noch besser war als er selbst.

Die Züge um seinen Mund wurden weich, als Wolf an Maris dachte. Sie hatte ihn um den kleinen Finger gewickelt, kaum dass sie ein paar Minuten alt gewesen war und in seinen Armen gelegen hatte. Mit diesen verschlafenen dunklen Augen hatte sie ihren Vater angesehen, und es war um ihn geschehen. Maris war die Einzige, die seine dunklen Augen hatte. Alle seine Söhne sahen aus wie er, bis auf die blauen Augen, doch Maris, die sonst eher ihrer Mutter glich, hatte die Augen des Vaters geerbt. Seine Tochter hatte das hellbraune Haar, die fast durchsichtige Haut und die absolute Entschlossenheit ihrer Mutter. Dass sie so grazil war und kaum fünfzig Kilo wog, störte sie nicht. Wenn Maris sich etwas vornahm, würde sie mit sturem Durchhaltevermögen so lange weitermachen, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Mit ihren älteren, viel größeren und oft dominanten Brüdern konnte sie ohne Probleme mithalten.

Sie hatte beruflich keine einfache Laufbahn eingeschlagen. Die Leute dachten vor allem zwei Dinge: dass Maris sich den Namen Mackenzie zunutze machte und dass sie rein körperlich nicht für den Job geeignet war. Doch das war ein Kampf, den Maris von Anfang an und immer wieder ausfechten musste, und schon bald fanden die anderen heraus, wie sehr sie sich irrten. Mittlerweile hatte Maris sich Respekt und einen hervorragenden Ruf erarbeitet.

An alle seine Kinder zu denken brachte Wolf schließlich zu Chance. Er wusste sogar, wo Chance sich aufhielt, und das sollte etwas heißen. Chance war ständig unterwegs, er reiste durch die ganze Welt. Trotzdem kam er immer wieder nach Wyoming zurück, zu dem Berg, der sein einziges Zuhause war. Chance hatte heute aus Belize angerufen. Zu Mary hatte er gesagt, er würde sich ein paar Tage ausruhen, bevor er sich wieder auf den Weg mache. Als Wolf den Hörer von Mary übernommen hatte, hatte er sich außer Hörweite gestellt und seinen Sohn nach den Verletzungen gefragt.

„Nicht so schlimm“, hatte Chance lakonisch geantwortet. „Ein paar Stiche und zwei gebrochene Rippen. Der letzte Job ist nicht ganz so glattgelaufen wie geplant.“

Nach Details zu diesem letzten Job hatte Wolf gar nicht erst gefragt. Sein Glücksritter-Sohn erledigte des Öfteren höchst delikate Regierungsaufträge. Deshalb bestand zwischen den beiden Männern die stille Vereinbarung, Mary über die Risiken, die Chance einging, im Dunkeln zu lassen. Nicht nur, weil Mary sich keine Sorgen machen sollte, sie würde auch in den nächsten Flieger steigen und ihren Sohn nach Hause holen, wenn sie erfuhr, dass er verletzt war.

Als Wolf nach dem Gespräch mit Chance den Hörer eingehängt hatte, lag Marys durchdringender Blick auf ihm. „Wie schwer ist er diesmal verletzt?“, hatte sie mit in die Hüften gestemmten Fäusten zu wissen verlangt.

Wolf wusste Besseres, als sie anzulügen. Er kam durch den Raum und nahm sie in die Arme, strich über ihr seidiges Haar und hielt sie fest an sich gedrückt. Manchmal zwang die Liebe für diese Frau ihn regelrecht in die Knie. Vor der Sorge konnte er sie nicht bewahren, aber er konnte ihr Respekt zollen und ehrlich zu ihr sein. „Nicht so schlimm, das waren seine eigenen Worte.“

Ihre Antwort kam prompt. „Ich will ihn hier haben.“ „Ich weiß, Liebling. Aber es geht ihm gut. Er lügt uns nicht an. Außerdem … du kennst doch Chance.“

Sie nickte seufzend und drückte ihre Lippen auf seine Brust. Chance war wie ein Panther, wild und ungezähmt. Sie hatten ihn in ihr Heim geholt und mit Liebe an die Familie gebunden. Nie hatte Chance sich ganz zähmen lassen. Er akzeptierte gewisse Einschränkungen der sogenannten Zivilisation, mehr nicht. Er war ständig unterwegs, überall und nirgends, und doch kam er immer wieder zu ihnen zurück.

Gegen Mary hatte er jedoch von Anfang an keine Chance gehabt. Sie hatte ihn mit so viel Liebe und Fürsorge umhegt, dass er ihr unmöglich widersprechen konnte, auch wenn in seinen bernsteinfarbenen Augen deutlich seine Frustration und Verlegenheit über so viel Aufmerksamkeit gestanden hatten. Jedes Mal, wenn Mary Chance geholt hatte, war er ohne Protest mitgegangen. Aber er würde das Haus mit diesem leicht panischen Ausdruck auf dem Gesicht betreten – „Hilfe, ich will hier raus“. Und dann würde er sich von Mary umsorgen lassen, würde sich von ihr die Wunden verbinden lassen und sich ihrer Liebe ergeben.

Mary zu beobachten, wie sie um Chance herumflatterte, amüsierte Wolf immer wieder. Um jedes ihrer Kinder machte sie so viel Aufhebens, aber die eigenen Kinder waren von Anfang an daran gewöhnt gewesen. Chance dagegen … vierzehn Jahre alt und praktisch komplett verwildert, so hatte Mary ihn gefunden. Falls er je ein Heim gehabt hatte, so erinnerte er sich nicht daran. Wenn er einen Namen gehabt hatte, so kannte er ihn nicht mehr. Den wohlmeinenden Sozialbehörden wich er damals aus, indem er ständig in Bewegung blieb. Er stahl und organisierte, was immer zum Überleben nötig war – Essen, Kleidung, Geld. Er war hochintelligent und brachte sich mit fortgeworfenen Zeitungen selbst das Lesen bei. Büchereien wurden zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort, manchmal verbrachte er sogar die Nacht dort, wenn es sich irgendwie arrangieren ließ. Aber niemals zwei Nächte hintereinander. Von dem Gelesenen und dem wenigen Fernsehen, das er irgendwo erhaschte, war ihm das Konzept Familie bekannt. Mehr war es nicht für ihn – ein Konzept. Chance vertraute niemandem, nur sich selbst.

Wahrscheinlich wäre er weiter so herangewachsen, wenn ihn nicht eine schwere Grippe niedergestreckt hätte. Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit hatte Mary ihn gefunden, im Straßengraben, bewusstlos und mit hohem Fieber. Obwohl er einen guten Kopf größer und mindestens zwanzig Kilo schwerer als sie war, hatte sie ihn in ihren Wagen bugsiert und zum Arzt gefahren, der sofort eine schwere Lungenentzündung diagnostizierte. Chance wurde ins achtzig Meilen entfernte Kranken haus eingeliefert. Und Mary fuhr nach Hau se und bestand darauf, dass Wolf sie dorthin brachte …, sofort.

Als sie ankamen, lag Chance auf der Intensivstation. Zuerst wollten die Schwestern Mary und Wolf nicht zu dem Jungen lassen, schließlich waren sie keine Familienangehörigen. Niemand wusste etwas über den Jungen. Das Jugendamt war benachrichtigt worden. Jemand sei schon auf dem Weg, um den nötigen Papierkram zu erledigen, hieß es. Alle waren sehr vernünftig, ja sogar nett, aber niemand rechnete mit Marys Entschlossenheit. Sie blieb absolut unnachgiebig. Sie wollte zu dem Jungen, und keine zehn Pferde hätten sie wegbringen können, bevor sie ihn nicht sah. Irgendwann gaben die Schwestern, überarbeitet und entnervt, auf und ließen Wolf und Mary in das winzige Krankenzimmer.

Ein Blick auf den Jungen, und Wolf wusste, warum Mary so um ihn besorgt war. Es lag nicht nur daran, dass er todkrank war, der Junge war offensichtlich zum Teil Indianer. Er musste Mary an ihre eigenen Kinder erinnern, sie hätte ihn genauso wenig aufgeben können, wie sie ihre Kinder hätte im Stich lassen können.

Wolf musterte den Kranken, wie er still, mit geschlossenen Augen und hochrotem, fiebrigem Gesicht im Bett lag. Vier Nadeln steckten in dem muskulösen rechten Arm, der ans Bett fixiert war. Kein Halbblut, dachte Wolf, ein Viertel indianisches Blut vielleicht, trotzdem konnte kein Zweifel an der Abstammung bestehen. Das dichte dunkelbraune Haar fiel glatt bis auf die Schultern, der Junge hatte hohe Wangenknochen und scharf konturierte Lippen. Er war der hübscheste Junge, den Wolf je gesehen hatte.

Mary ging zum Bett, ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Jungen gerichtet, der so hilflos und unbeweglich in den weißen Laken lag. Sie strich über seine heiße Stirn und murmelte: „Es wird alles wieder gut. Dafür werde ich sorgen.“

Nur mit Mühe hob er die schweren Lider, und zum ersten Mal fielen Wolf die hellen Augen auf, bernsteinfarben, mit einem dunklen Ring um die Iris, nahezu schwarz. Verwirrt richtete der Junge den Blick auf Mary, dann flackerte Panik in den Augen auf, als er zu Wolf sah. Er wollte sich aufrichten, doch die Anstrengung war zu groß.

Wolf trat an die andere Seite des Bettes. „Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er leise. „Du hast eine Lungenentzündung und liegst im Krankenhaus.“ Dann, als er den Grund für die plötzliche Panik ahnte, fügte er hinzu: „Wir werden nicht zulassen, dass sie dich mitnehmen.“

Der Blick des Jungen lag lange auf Wolf, und etwas in dem Gesicht schien den Jungen zu beruhigen. Wie ein wildes Tier entspannte er sich langsam und sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Der Zustand des Jungen verbesserte sich in der nächsten Woche. Jetzt trat Mary in Aktion, fest entschlossen, den Jungen, dessen Namen sie nicht einmal kannten, keinen einzigen Tag in staatlicher Obhut verbringen zu lassen. Mary nutzte alle Kontakte, belagerte Ämter und Beamte und berief sich sogar auf Joe, damit der seinen Einfluss geltend machte. Ihre Hartnäckigkeit zeigte Wirkung. Als der Junge aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte, ging er mit Wolf und Mary nach Hause.

Er gewöhnte sich an sie, aber von Freundlichkeit oder gar Zutrauen konnte keine Rede sein. Er beantwortete Fragen meist einsilbig, aber er redete nicht mit ihnen. Mary ließ sich nicht entmutigen. Sie behandelte ihn vom ersten Augenblick an, als gehöre er zu ihr. Und das tat er dann irgendwann auch.

Der Junge, der immer allein gewesen war, lebte plötzlich inmitten einer großen lebhaften Familie. Zum ersten Mal hatte er ein sicheres Dach über dem Kopf, ein eigenes Zimmer, jeden Abend einen vollen Bauch. Er hatte Kleidung im Schrank und neue Stiefel an den Füßen. Noch war er zu schwach, um sich an den Pflichten zu beteiligen, die jeder im Haushalt übernahm, aber Mary machte sich sofort daran, ihn zu unterrichten, um ihn auf Zanes akademisches Level zu bringen. Die beiden Jungen waren ungefähr gleich alt. Chance verschlang die Bücher regelrecht, seine Wissbegier war kaum zu befriedigen. Trotzdem hielt er sorgfältig Distanz. Seinen eindringlichen, wachsamen Augen entging nichts, jede Nuance des Familienlebens, das sich vor ihm abspielte, verglich er mit dem, was er bisher in seinem Leben erfahren hatte.

Irgendwann ließ er sich dazu herab, ihnen mitzuteilen, er hieße Sooner. Einen richtigen Namen habe er nicht.

Maris hatte ihn fragend angeblickt. „Sooner?“

Ein hartes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, und er sah viel älter aus, als es für einen Jungen seines Alters normal war. „Ja, wie ein Straßenköter.“

„Nein.“ Für Wolf war der Name ein Hinweis. „Du bist zum Teil Indianer. Wahrscheinlich kommst du ursprünglich aus Oklahoma, in dir fließt also vermutlich Cherokee-Blut.“

Der Junge sah Wolf nur stumm an, aber in seinem Blick lag die Andeutung von Erleichterung – Erleichterung, dass er vielleicht doch mehr wert war als ein herrenloser Hund.

Seine Beziehung zu den einzelnen Familienmitgliedern war kompliziert. Sooner war fest entschlossen, Abstand zu Mary zu halten, aber das war schlicht und einfach unmöglich. Sie bemutterte ihn ebenso wie den Rest der Familie. Einerseits ängstigte ihn das halb zu Tode, anderseits saugte er ihre Zuneigung wie ein Schwamm in sich auf. Vor Wolf war er auf der Hut, so als könne der große Mann jederzeit mit Fäusten und Tritten auf ihn losgehen. Wolf, erfahren im Umgang mit wilden Tieren, besiegte die Angst des Jungen auf die gleiche Art, wie er das Zutrauen der Pferde gewann. Er ließ ihn von allein auf sich zukommen und herausfinden, dass die Angst unbegründet und unnötig war, bot Respekt und Freundschaft und schließlich Liebe an.

Michael war zu jener Zeit bereits am College. Als er nach Hause kam, machte er ganz selbstverständlich Platz für den Neuankömmling. In Michaels Gesellschaft war Sooner völlig entspannt, er spürte die automatische Akzeptanz.

Mit Josh kam er ebenfalls zurecht, aber bei dessen sonnigem Gemüt wäre alles andere auch sehr ungewöhnlich. Josh war es, der Sooner in die vielen verschiedenen Dinge einführte, die auf einer Pferderanch zu erledigen waren. Josh brachte Sooner das Reiten bei, auch wenn er eindeutig der schlechteste Reiter in der Familie war. Nicht dass er nicht gut war, aber die anderen waren besser, vor allem Maris. Josh war das gleich, sein Herz gehörte den Flugzeugen, so wie es bei Joe gewesen war. Vermutlich hatte er deshalb auch mehr Geduld für Sooners Fehler als jeder andere.

Maris war wie Mary. Ein Blick auf den Jungen, und sie hatte ihn unter ihre schützenden Fittiche genommen, unabhängig davon, dass Sooner fast zweimal so groß und schwer war wie sie. Sooner gehörte ihr, so wie ihre älteren Brüder ihr gehörten. Sie plapperte unablässig auf ihn ein, spielte ihm Streiche, ärgerte ihn, so wie es typisch für eine kleine Schwester war. Sooner hatte nicht die geringste Ahnung, wie er mit ihr umgehen sollte. Manchmal betrachtete er Maris argwöhnisch, als sei sie eine wandelnde Zeitbombe, die jederzeit losgehen konnte, aber es war Maris, die ihm das erste echte Lächeln entlockte. Es war Maris, die ihn dazu brachte, sich an der Familienunterhaltung zu beteiligen, langsam zuerst, bis er gelernt hatte, wie so etwas ablief, wie Geben und Nehmen eine Familie festigte. Mit ihren Streichen konnte Maris ihn immer noch in Sekundenschnelle auf die Palme bringen, ebenso wie sie ihm ein lautes Lachen entlocken konnte. Eine Zeit lang fragte sich Wolf, ob zwischen den beiden wohl ein romantisches Verhältnis entstehen würde, wenn sie älter wären, aber das passierte nicht. Ein Beweis, wie fest Sooner in die Familie integriert wurde. Die beiden waren Bruder und Schwester, mehr nicht.

Was Zane anging, war die Sache jedoch sehr viel komplizierter gewesen.

Zane war auf seine Art ebenso auf der Hut wie Sooner. Wolf erkannte Krieger, er selbst war immer einer gewesen. Was er in seinem jüngsten Sohn sah, erschreckte ihn manchmal. Zane war still, eindringlich und immer wachsam. Er bewegte sich geschmeidig wie eine Raubkatze, völlig geräuschlos. Wolf hatte alle seine Kinder in Selbstverteidigung unterrichtet, auch Maris, aber bei Zane war es etwas anderes gewesen. Der Junge hatte die Techniken verinnerlicht, als hätte er sich ein paar Handschuhe übergezogen, die allein für ihn gemacht worden waren. Er besaß das scharfe Auge eines Scharfschützen – und die tödliche Geduld.

Der vorherrschende Instinkt in Zane: beschützen. Er war sofort misstrauisch gegen den Eindringling, der sich auf dem familiären Territorium eingenistet hatte. Gemein war er nicht zu Sooner, er verspottete ihn nicht, war auch nicht unfreundlich. So etwas lag nicht in Zanes Natur. Er hielt sich einfach nur zurück, nicht ablehnend, aber auch nicht willkommen heißend. Doch da die beiden ungefähr gleich alt waren, war Zanes Akzeptanz für Sooner die wichtigste, und so reagierte er auf Zanes Zurückhaltung mit der gleichen Taktik – sie ignorierten sich gegenseitig.

Während die Kinder ihre Verhältnisse miteinander klärten, setzten Wolf und Mary alle Hebel zur Adoption in Bewegung. Sie hatten Sooner nach seinem Einverständnis gefragt, und er hatte mit einem gleichgültigen Schulterzucken und einem tonlosen „Von-mir-aus“ geantwortet. Mary ließ sich davon nicht täuschen und verdoppelte ihre Anstrengungen.

Wie es sich ergab, wurde die Adoption am gleichen Tag rechtskräftig, da auch Zane und Sooner ihre Beziehung zueinander bereinigten.

Es war der Staub, der Wolfs Aufmerksamkeit erregte. Zuerst dachte er sich nichts dabei, denn als er zum Korral hinübersah, saß Maris ruhig auf der obersten Zaunlatte und schaute zu. Wahrscheinlich ein Pferd, das sich auf der Erde wälzt, dachte Wolf, und ging weiter seiner Arbeit nach. Zwei Sekunden später jedoch nahmen seine scharfen Ohren eindeutige Geräusche wahr und etwas, das sich verdächtig nach fliegenden Fäusten anhörte.

Wolf ging über den Hof zum Korral. Zane und Sooner hatten sich in eine Ecke zurückgezogen, in der man sie vom Haus aus nicht sehen konnte, und steckten mitten in einer handfesten Prügelei. Wolf sah sofort, dass, obwohl er den Jungen auch Straßenkampf beigebracht hatte, sie sich zurücknahmen und sich auf das konventionelle Boxen beschränkten. Wolf lehnte sich neben Maris an den Zaun.

„Worum geht es da?“

„Sie kämpfen es aus“, kam die nüchterne Antwort.

Maris nahm den Blick nicht von den Streithähnen.

Josh gesellte sich bald darauf ebenfalls dazu. Zane und Sooner waren beide groß und kräftig für ihr Alter. Sie standen voreinander und schlugen sich die Fäuste ins Gesicht. Wenn einer von ihnen wankte und in die Knie ging, wartete der andere, bis er wieder aufgestanden war und sich gefangen hatte. Die beiden kämpften verbissen und waren geradezu unheimlich still, bis auf die unwillkürlich ausgestoßenen Laute, wenn ein Faustschlag landete.

Mary sah die Gruppe am Zaun stehen und kam dazu, um herauszufinden, was los war. Sie stellte sich neben Wolf und legte ihre schmale Hand in seine große. Er konnte fühlen, wie sie bei jedem Schlag zusammenzuckte, aber als er sie ansah, erkannte er den schulmeisterlichen Lehrerinnenausdruck auf ihrem Gesicht. Er wusste, Mary Elizabeth Mackenzie stand kurz davor, die Klasse zur Ordnung zu rufen.

Fünf Minuten ließ sie ihnen. Es hätte Stunden so weitergehen können, beide Jungen waren zu stur, um aufzugeben. Also musste sie die Sache beenden. „Na schön, Jungs, das reicht jetzt. In zehn Minuten ist das Abendessen fertig. Ich erwarte euch sauber und ordentlich am Tisch.“ Damit ging sie zum Haus zurück, absolut sicher, für Ruhe gesorgt zu haben.

Hatte sie. Der Kampf war zu einer zu erledigenden Aufgabe mit Zeitrahmen reduziert worden.

Beide Jungen hatten der zierlichen Gestalt mit dem streng gereckten Rücken nachgesehen. Dann hatte Zane sich wieder Sooner zugewandt, den blauen Blick trübe aus den geschwollenen Augen. „Einen noch“, hatte er grimmig ausgestoßen und seine Faust in Sooners Gesicht gesetzt.

Sooner war in die Knie gegangen, wieder aufgestanden, hatte sich den Staub von der Hose geklopft und den Schlag erwidert.

Danach hatten sie sich die Hände geschüttelt, auch wenn beide vor Schmerz das Gesicht verzogen, als sie an ihre aufgeschlagenen Fingerknöchel kamen. Man betrachtete sich jetzt als gleichgestellt, auf der gleichen Ebene. Dann waren sie zusammen ins Haus gegangen, um sich zu waschen. Schließlich war es Zeit zum Abendessen.

Bei Tisch teilte Mary Sooner mit, dass sie grünes Licht für die Adoption bekommen hatten. Seine hellen Augen blitzten kurz auf, aber er sagte nichts.

„Du bist jetzt ein Mackenzie“, hatte Mary stolz verkündet. „Du brauchst einen richtigen Namen, also suche dir einen aus.“

Ihr war gar nicht der Gedanke gekommen, dass Sooner dafür Zeit zum Überlegen brauchen könnte. Aber Sooner hatte nur in die Runde geblickt, in die Gesichter der Familie, in der er durch pures Glück gelandet war, und ein trockenes Grinsen hatte sich um seine aufgeplatzten Lippen gelegt. „Chance“, hatte er gesagt, und so wurde aus dem unbekannten Jungen ohne Namen Chance Mackenzie.

Beste Freunde wurden Zane und Chance nach dem Kampf nicht, aber sie respektierten sich, und mit den Jahren wurde aus diesem Respekt eine tiefe Freundschaft. Die beiden standen einander schließlich so nah, dass man sie für Zwillinge hätte halten können. Natürlich flammte immer wieder auch Streit zwischen ihnen auf, doch jeder in ganz Ruth wusste, legte man sich mit dem einen an, musste man automatisch mit dem anderen rechnen. Sie konnten einander in Grund und Boden prügeln, aber niemand anders fasste einen von ihnen an.

Sie gingen zusammen zur Navy, Zane als SEAL, Chance zur Aufklärung. Chance hatte den Dienst mittlerweile quittiert, während Zane inzwischen ein SEAL-Team anführte.

Und das brachte Wolf jetzt zurück in die Gegenwart.

Zane.

Man konnte nie so genau wissen, wo Zane sich gerade aufhielt oder bei welchem Auftrag er eingesetzt war, das lag in der Natur seines Berufs. Aber Wolf schlief dann trotzdem nie besonders gut. Er wusste zu viel über die SEALs – er hatte sie in seiner eigenen Zeit in Vietnam oft genug erlebt. Sie waren eine Elitetruppe, trainiert für gefährlichste Einsätze, an denen die meisten Männer zerbrachen. Zane gehörte zu den Besten, dennoch …, auch SEALs waren Menschen. Und Menschen konnten getötet werden.

Das SEAL-Training hatte Zanes natürliche Anlagen perfektioniert. Ein Krieger in körperlicher Topform, der jedoch lieber seinen Verstand einsetzte, als seine Muskeln zu benutzen. Er war jetzt noch besser und noch gefährlicher für seine Feinde, aber Zane hatte gelernt, es mit einem lässigen Wesen zu kaschieren. Kaum jemand, der Kontakt zu ihm hatte, ahnte, dass Zane einen Menschen in Sekundenbruchteilen mit bloßen Händen umbringen konnte. Das Wissen um seine Fähigkeiten ständig vor Augen, hatte Zane eine ruhige Selbstbeherrschung angenommen, die ihm die absolute Kontrolle über sich selbst verlieh. Von Wolfs Kindern war Zane derjenige, der am besten auf sich aufpassen konnte, aber er war auch derjenige, der sich ständig in Gefahr befand.

Wo zum Teufel steckte er nur?

Als Wolf ein Geräusch vom Bett hörte, drehte er sich um. Mary schlüpfte unter der Decke hervor und kam zu ihm, schlang die Arme um seine Hüften und legte ihre Wange an seine Brust.

„Zane?“, fragte sie leise in die Dunkelheit.

„Ja.“ Er brauchte nicht mehr zu erklären.

„Ihm geht es gut.“ Sie sagte es mit der unverbrüchlichen Sicherheit einer Mutter. „Ich würde es spüren, wäre es anders.“

Wolf hob ihren Kopf leicht an und küsste sie, zärtlich zuerst, dann langsam fordernder. Er presste sie enger an sich und fühlte ihr Erschauern, als sie sich an ihn schmiegte. Seit ihrer ersten Begegnung hatte es hitzige Leidenschaft zwischen ihnen gegeben, die die langen Jahre überdauert hatte.

Wolf hob Mary auf seine Arme und trug sie zum Bett zurück, verlor sich in der Wärme und Sanftheit ihres Körpers. Danach drehte er sich auf die Seite und sah zum Fenster in die Nacht hinaus. Bevor der Schlaf ihn übermannte, kehrte ein letztes Mal der Gedanke zurück.

Wo war Zane?

1. KAPITEL

Zane Mackenzie war alles andere als glücklich. Niemand war glücklich auf dem Flugzeugträger USS Montgomery. Nun, die Köche vielleicht, aber selbst das war fraglich. Schließlich verköstigten sie Männer, die alle lange, verschlossene Gesichter zeigten. Matrosen, Radarleute, Schützen, Piloten, Marines, Offiziere, Oberstleutnants …, überall nur freudlose Mienen. Und Captain Udaka war mit Sicherheit auch nicht glücklich.

Aber der Unmut von fünftausend Besatzungsmitgliedern auf dem Flugzeugträger reichte nicht aus, um Lieutenant-Commander Mackenzies Groll auch nur annähernd zu entsprechen.

Der Captain war ranghöher, ebenso der Executive Officer. Lieutenant-Commander Mackenzie richtete sich mit dem nötigen Respekt an die ranghöheren Offiziere, aber beide Männer waren sich sehr bewusst, dass sie sich in einer höchst prekären Lage befanden und ihre Karrieren auf dem Spiel standen. Nein, eher waren die beruflichen Laufbahnen wohl bereits am Ende. Vors Kriegsgericht würde man niemanden aus dem Team stellen, aber Beförderungen waren ab jetzt hinfällig. Man würde sie bis zur Pension zu unpopulären Einsätzen abkommandieren, wenn sie nicht vorher von sich aus den Dienst quittierten.

Captain Udakas breites Gesicht zeigte tiefe Furchen, als er dem eisigen Blick des Lieutenant-Commanders begegnete. SEALs machten den Captain im Allgemeinen nervös, er traute ihnen nie recht über den Weg, weil sie meist jenseits der Regeln operierten. Dieser SEAL hier im Besonderen …, bei dem wünschte er sich, er wäre ganz woanders.

Udaka hatte Mackenzie früher schon getroffen, als er und Boyd, der Executive Officer, über die Sicherheitsübung gebrieft worden waren. Das SEAL-Team unter Mackenzies Kommando sollte versuchen, die Sicherheit des Trägers zu sabotieren, um Schwachstellen herauszufinden, die sich verschiedene Terroristengruppen zunutze machen könnten. Eine Übung, die einst von dem SEAL-Team „Six Red Cell“ übernommen worden war, einer Truppe, die sich so weit außerhalb der Regeln bewegte, dass sie nach sieben Jahren aufgelöst wurde. Das Konzept als solches lebte jedoch weiter. SEAL-Team „Six“ war eine verdeckt arbeitende Antiterroreinheit. Prävention war die Maßgabe. Mit diesem Ziel wurden Schiffs anlagen und Mannschaften von den SEALs überprüft, die dann nach Auswertung ihre Verbesserungsvorschläge für gefundene Schwachstellen abgaben. Und Schwachstellen fanden sie immer, selbst wenn die Kommandeure und Kapitäne vorab über die Prüfung informiert worden waren.

Bei der ersten Einsatzbesprechung hatte Mackenzie sich zurückhaltend, aber freundlich gegeben. Sehr beherrscht. Kontrolliert. Die meisten SEALs hatten etwas Wildes, Unbeherrschtes an sich, nicht so Mackenzie. Er schien eher der normale Navy-Offizier zu sein, mit seiner weißen Uniform und den eleganten Umgangsformen perfekt geeignet für ein Rekrutierungsposter. Captain Udaka war überzeugt gewesen, gut mit ihm zurechtzukommen, und sicher, dass Lieutenant-Commander Mackenzie eher der administrative Typ sei, statt einer von vielen ungebärdigen und unberechenbaren Draufgängern.

Er hatte sich gründlich geirrt.

Die Höflichkeit blieb, ebenso die Selbstbeherrschung. Die weiße Uniform war makellos wie eh und je. Doch in der tiefen Stimme lag nichts Angenehmes mehr, auch in den hellblauen Augen nicht, in denen die Wut glitzerte wie kaltes Mondlicht auf einem Messer. Eine Aura von tödlicher Bedrohung und Gefahr umgab Mackenzie. Captain Udaka wurde klar, wie sehr er sich bei seiner Einschätzung geirrt hatte. Dieser Mann war kein Schreibtischtäter, sondern jemand, in dessen Gegenwart man jeden seiner Schritte sehr genau abwägen sollte. Dem Captain kam es vor, als würde ihm unter dem eisigen Blick Mackenzies die Haut vom Körper gezogen. Nie hatte er sich seinem Ende näher gefühlt als in dem Moment, da Mackenzie zu ihm kam, nachdem er erfahren hatte, was passiert war.

„Captain, Sie waren über die Übung in Kenntnis gesetzt worden“, sagte Zane kalt. „Jeder auf diesem Schiff wusste Bescheid, dass meine Männer keine Waffen tragen. Erklären Sie mir, warum zur Hölle zwei meiner Männer angeschossen wurden!“

Der Executive Officer, Mr. Boyd, starrte stumm auf seine Hände. Captain Udaka wurde die Kehle eng, doch sein Hemdkragen stand bereits offen.

„Dafür gibt es keine Entschuldigung“, sagte er heiser. „Vielleicht wurden die Wachen überrascht und schossen, ohne nachzudenken. Vielleicht war es auch dummes Machogehabe, um den SEALs zu zeigen, dass die Sicherheit steht. Wie auch immer … es gibt keine Entschuldigung.“ Alles, was auf diesem Träger passierte, lag letztendlich in seiner Verantwortung. Die Wachen mit dem überschnellen Finger am Abzug würden für ihren Fehler zahlen müssen – und er selbst auch.

„Meine Leute hatten die Sicherheit bereits durchbrochen.“

Bei Zanes leise gesprochenem Satz richteten sich dem Captain die Nackenhärchen auf. „Dessen bin ich mir bewusst.“

Dass es so einfach gewesen war, streute Salz in die Wunden des Captains, war aber nichts im Vergleich zu dem schwerwiegenden Fehler. Die Männer unter seinem Kommando hatten das Feuer auf unbewaffnete SEALs eröffnet. Seine Männer, seine Verantwortung. Es half seinem Selbstwertgefühl auch nicht, dass die SEALs innerhalb von Sekunden, nachdem zwei ihrer Leute niedergeschossen worden waren, die Kontrolle übernommen und das Areal abgesichert hatten. Im Klartext hieß das, die Wachen waren zusammengeschlagen worden und lagen jetzt gemeinsam mit den angeschossenen SEALs auf der Krankenstation.

Lieutenant Higgins hatte ein Schuss in die Brust getroffen, er würde nach Deutsch land gebracht wer den, sobald sein Zustand den Transport zuließ. Dem zweiten SEAL, Warrant Officer Odessa, hatte eine Kugel den Oberschenkelknochen durchschlagen. Auch ihn würde man nach Deutschland ausfliegen. Sein Zustand war stabil, sein Temperament genau das Gegenteil. Der Schiffsarzt hatte ihn mit Betäubungsmitteln beruhigen müssen, um ihn davon abzuhalten, über die noch immer bewusstlosen Wachen herzufallen.

Die fünf restlichen Mitglieder des SEAL-Teams hielten sich im Kommandoraum auf, auf Befehl von Mackenzie. Wie Tiger im Käfig warteten sie nur darauf, an irgendjemandem ihre Wut auslassen zu können. Die Mannschaft machte wohlweislich einen großen Bogen um die Männer. Captain Udaka wünschte, er könnte es mit Mackenzie ebenso halten. Die kalte Wut, die unter der eisernen Selbstkontrolle dieses Mannes schwelte, verursachte ihm mehr als nur Unwohlsein. Für das heutige Fiasko würde er einen sehr hohen Preis zahlen müssen.

Das Telefon auf dem Schreibtisch schrillte. Auch wenn er dankbar für die Unterbrechung war, riss Captain Udaka den Hörer hoch und brüllte in die Muschel: „Ich habe Befehl gegeben, dass ich nicht gestört …“ Er brach ab, und seine Miene änderte sich, als er zu Mackenzie sah. „Wir sind sofort da“, sagte er und legte auf.

„Da ist ein Funkspruch für Sie reingekommen.“ Captain Udaka erhob sich. „Dringend.“ Wie immer die Nachricht lauten mochte, der Captain konnte die Verschnaufpause brauchen.

Zane hörte der abgesicherten Satellitenübertragung zu, während er stumm bereits Pläne für die Logistik der Mission aufstellte. „Mir fehlen momentan zwei Männer aus dem Team, Sir“, antwortete er. „Higgins und Odessa wurden bei der Sicherheitsübung verletzt.“ Er sagte nicht, wie sie verletzt wurden. Dieser Vorfall würde auf anderer Ebene verhandelt werden.

„Das ist nicht gut.“ Admiral Lindley saß in einem Büro der amerikanischen Botschaft in Athen und schaute die anderen Anwesenden im Zimmer an: Botschafter Lovejoy, hochgewachsen und mit der eleganten Ausstrahlung eines Menschen, der sein ganzes Leben Reichtum und Privilegien kannte, hatte einen panischen, gehetzten Ausdruck in den Augen; dann der CIA-Chef vor Ort, Art Sandefer, ein unauffälliger Mann mit kurzem grauen Haar und flinken, intelligenten Augen; schließlich Mack Prewett, der in der hiesigen CIA-Hierarchie nur einem Ranghöheren unterstand. In bestimmten Kreisen war Mack als Mackie Messer bekannt. Admiral Lindley wusste, dass Mack ein Mann war, der seine Aufträge erledigte und dem man besser nicht in die Quere kam. Trotzdem war er alles andere als ein Hitzkopf, der Menschenleben in Gefahr brachte, weil er unüberlegt wie eine Bombe losschlug. Prewett war so gründlich, wie er entschlossen war. Und es war seinen Kontakten zu verdanken, dass sie die Informationen zu diesem Fall prompt hatten einholen können.

Der Admiral hatte das Gespräch auf den Lautsprecher gestellt, sodass die anderen im Raum mithören konnten. Bei der schlechten Nachricht über das SEAL-Team, auf das alle ihre Hoffnungen setzten, wirkte Botschafter Lovejoys Gesicht noch hagerer.

„Dann müssen wir ein anderes Team einsetzen“, meldete sich Art Sandefer.

„Das dauert zu lange“, presste der Botschafter hervor. „Mein Gott, sie könnte schon …“

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