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Die Ehre der Lady Elizabeth

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Mit energischen Schritten und hochgerecktem Kinn durchmaß Elizabeth of Bredon den großen Burgsaal. Schwungvoll wehten ihr die schweren Röcke um die langen Beine, während der dünne Goldreif ihr widerspenstiges rotes Haar kaum zu bändigen vermochte. Nein, sie war alles andere als gastfreundlich gestimmt. Prince Williams Gefolgsmannen gebärdeten sich nämlich noch widerwärtiger, als es die Vertreter des tumben Männergeschlechtes ohnehin zu tun pflegten. Elizabeth hatte bereits zwei Dienstmägde sowie einen Küchenjungen vor den handfesten lüsternen Nachstellungen ihrer Gäste schützen müssen. Dabei war sie dem allseits berüchtigten Königsspross selbst nicht einmal persönlich begegnet! Vermutlich fiel er irgendwo über die Melkerinnen ihres Vaters her. Oder gar über die Kühe!

Nur eine Nacht noch, rief sie sich in Erinnerung. Danach würde sie nicht länger für die Sicherheit ihres Gesindes verantwortlich sein. Die Reise zum Schrein von Saint Anne dauerte glücklicherweise nicht sehr lang. Sie mussten unterwegs nur zwei Mal nächtigen, bevor sie die Herren der Schöpfung samt ihren abscheulichen Gelüsten für den Rest ihrer Tage los sein würde.

Nun, vielleicht auch nicht! mahnte sie sich mit einem Blick auf die Mönche, die sich in einer Saalecke drängten. Die frommen Brüder gaben sich nur wenig besser als Prince Williams lästerliche Rittermeute, obwohl sie bis jetzt die Dienstmägde und das Vieh in Ruhe gelassen hatten. Insgesamt waren es ihrer sechs in unterschiedlichsten Altersstufen, angefangen von einem milchgesichtigen, bartlosen Jüngling bis hin zu einem Greis, welcher sich derart lahm und gichtig bewegte, dass Elizabeth am liebsten umgehend eine ihrer Kräutertinkturen an ihm erprobt hätte. Bei Gertrude, der ältlichen Wäscherin, hatte das Mittelchen nämlich gegen diverse Zipperlein geholfen. Sicherlich würde es auch beim dem greisen Klosterbruder seine Wirkung nicht verfehlen. Allerdings bestand wenig Aussicht, dass er aus ihren Händen dergleichen entgegennehmen würde. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer sich von ihr nichts sagen ließen.

Die übrigen vier Mönche fielen nicht weiter auf. Zwei wirkten blässlich, schlaff und unauffällig. Einer erschien jung und kräftig. Dass der heilige Stand und die dadurch auferlegten Beschränkungen neu für ihn waren, ließ sich nicht übersehen. Allein der sechste mit den demütig niedergeschlagenen blauen Augen, den glänzenden blonden Locken und dem weichen, beinahe weiblichen Mund kam einem wie ein Inbild stiller, keuscher Brüderlichkeit vor. Zuvor hatte er Elizabeth einmal zugelächelt – ein unfassbar liebes Lächeln. Wenn es mehr Männer wie ihn gäbe, solche, die nicht bereits anderen Frauen oder der Kirche versprochen waren, dann hätte sie ihr schon lange geplantes Vorhaben möglicherweise doch noch aufgegeben.

Doch ach, das wäre ein Fehler gewesen! Einerlei, wie artig, wie hübsch ein Lächeln oder wie sanft ein Blick war – wurde der Mann erst zum Gemahl, dann behandelte er sein Weib wie eine Leibeigene. So war der Lauf der Welt von alters her, und Elizabeth hielt sich für zu klug, als dass sie ihre Energie damit vergeudet hätte, lauthals gegen das ihr vorherbestimmte Los zu lamentieren. Deshalb hatte sie beschlossen, ebendiesem Schicksal schlicht aus dem Wege zu gehen. Sie hatte keineswegs die Absicht, sich in ein kurzes Dasein des Kindergebärens zu fügen, um schließlich den Strapazen ständiger Geburten zu erliegen wie einst ihre Mutter. Sie suchte Abgeschiedenheit, innere Kraft und Stärke, und genau das bot ein Konvent einer zum Eheleben ungeeigneten Frau.

Sei’s drum – ein sehr hübsches Lächeln hatte dieser Bruder Matthew alle Mal, eines, bei dem sie trotz ihrer Entscheidung beinahe ins Schwanken geraten wäre. Sie sehnte sich zwar nicht nach einem Mann, doch Kinder waren etwas anderes. Und Kinder mit jenem lieben Gesichtsausdruck wie bei Bruder Matthew – die mussten fürwahr etwas Wunderbares sein!

“Tochter!”, polterte Baron Osbert von der anderen Seite des Burgsaals her, so dass Elizabeth aus alter Gewohnheit automatisch ihren Schritt verlangsamte. Die Kräutertinktur, die sie selbst gemischt und dem Vater heimlich in den Wein gemengt hatte, mochte zwar seine fleischlichen Gelüste etwas dämpfen, gegen seine cholerischen Ausbrüche indes war kein Kraut gewachsen. Als einzige Gegenmaßnahme blieb ihr nur, sich reichlich Zeit zu lassen. Das trug dazu bei, ihren Vater noch mehr von der Dummheit der Frauen im Allgemeinen und seiner einzigen Tochter im Besonderen zu überzeugen.

Sie stieg über einen am Boden liegenden Schnarcher, wand sich an einem flohgeplagten Köter vorbei und durchquerte die Halle, wobei sie beim Gehen bewusst umständlich über die Binsenmatten schlurfte. Ihre Füße waren zu groß – jedenfalls hatte das alle Welt immer behauptet –, aber sie passten zu ihrer hoch aufgeschossenen Figur und eigneten sich hervorragend zum Treten, wie ihre fünf jüngeren Brüder und deren diverse Spielkumpane rasch festgestellt hatten.

Ihr Vater saß nicht an seinem angestammten Ehrenplatz an der Tafel, sondern seitlich, worüber er nicht eben begeistert wirkte. “He, du zu groß geratener Tölpel!”, rief er mit väterlichem Stolz. “Wo hast du gesteckt?”

“Ich habe mich um das Wohl Eurer hochwohlgeborenen Gäste gekümmert, Vater”, erwiderte sie in jenem duldsamen Ton, den sie sich für ihren Erzeuger aufsparte. An diesem Punkt ihres Lebens war er der Einzige, der es wagte, sie zu schlagen, und seine fleischigen Pranken waren ihr beileibe nicht in bester Erinnerung. Deshalb ging sie ihm nach Möglichkeit aus dem Weg, und wenn sich eine Begegnung doch nicht vermeiden ließ, versteckte sie sich hinter der Maske des simplen, unbedarften Frauenzimmers. Etwas anderes erwartete er ohnehin nicht, und es war auch weitaus einfacher so.

Zeitweilig indes kamen ihr die eigenen Täuschungsmanöver auch amüsant vor. Ihr Vater war fest davon überzeugt, dass es sich bei seiner Tochter sowie sämtlichen anderen Angehörigen des weiblichen Geschlechtes um Schwachköpfe handelte. Sie selbst hingegen war vom Gegenteil überzeugt. Wenn sie sich ihre eigene Familie ansah, waren die Mannsbilder nämlich schwer von Begriff, verhätschelt und beschränkt.

“Ach, um deren Wohl?”, schnaubte ihr Vater abschätzig. “Was könnte so ein Knochengerippe wie du denen schon bieten!”

“Wäre es Euch lieber, Sire, ich würde unsere Gäste auf eine persönlichere Art erfreuen?”

“Keiner würde dich wollen. Außerdem bist du bereits dem Kloster versprochen. Da bist du sowieso am besten aufgehoben, selbst wenn’s mich ein kleines Vermögen kostet, was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann. Deine Mutter zu ehelichen war der schlimmste Fehler, den ich je machte. Spindeldürr und gescheiter, als es gut für sie war, zum Henker. Schickt sich nicht für ein Weibsbild, klug zu sein. Na, diese Bürde ist dir wenigstens erspart geblieben.”

Elizabeth lächelte süß. “Gottlob!”, murmelte sie leise. “In der Hinsicht schlage ich nach Euch!”

Baron Osbert verstand diesen Seitenhieb gar nicht, aber der Mann zu seiner Rechten lachte kurz auf. Er saß auf dem Ehrenplatz, der gewöhnlich dem Burgherrn vorbehalten war. Elizabeth hatte sich alle Mühe gegeben, ihn nicht zu beachten. Nun aber blieb ihr keine Wahl. Leicht zur Seite gewandt, sah sie sich den berüchtigten Prince William zum ersten Mal eingehend an.

Natürlich hatte sie die einschlägigen Geschichten gehört. Sein Titel war zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts weiter als eine bloße Höflichkeitsgeste. William Fitzroy war zwar der älteste Sohn von King John, seine Geburt allerdings nicht durch Heirat legitimiert. Die erste Ehe von König Johann Ohneland hatte lediglich eine Scheidung, aber keine Kinder hervorgebracht. Nun aber besaß er eine neue Gemahlin, ein französisches Kind, das er geheiratet hatte, als die Kleine zwölf Jahre alt war. Drei Jahre danach hatte sich immer noch kein Nachwuchs eingestellt, und allmählich begann man sich zu fragen, ob William nicht doch irgendwann zum Thronerben ernannt werden würde.

Es wäre ein unglückseliger Tag für England, falls dies geschehen würde. Was man sich über William Fitzroy erzählte, war so legendär wie beängstigend. Ein verhätschelter Lüstling sei er, ein Hurenbock, und sein gegenwärtiger Bußgang die Folge des unglücklichen Todesfalls eines jungen Mädchens, das in seinem Bett eigentlich nichts zu suchen gehabt hätte. Zumindest hätte Elizabeth das dem Mädchen vorgehalten, wäre sie seinerzeit zufällig zugegen gewesen. Nicht, dass Elizabeth sich selbst auch nur in die Nähe eines hochherrschaftlichen Schlafgemachs gewagt hätte, doch was sie sagen würde, durfte sie sich ja trotzdem einmal ausmalen.

Es war nicht der erste fatale Vorfall, in den der Prinz mitsamt seinen unappetitlichen Gepflogenheiten verwickelt war. Diesmal allerdings entstammte die besagte Maid dem Adel, und ihr Vater, ein Anhänger von König John, war nicht so leicht zu besänftigen. Aus diesem Grunde also befand Prince William sich auf Wallfahrt zum Schrein von Saint Anne, um Buße zu tun, begleitet von einer bewaffneten Eskorte zum Schutze seiner Königlichen Hoheit sowie von einer Schar Mönche, damit er auch wirklich von seinen Sünden geläutert werden würde. Lady Elizabeth wurde nunmehr das zweifelhafte Vergnügen zuteil, sich der Reisegruppe anschließen zu dürfen, damit sie unversehrt in die Obhut der ehrwürdigen Mutter Oberin gelangte.

Sie hatte recht daran getan, dem Prinzen tunlichst aus dem Wege zu gehen, denn auf den ersten Blick konnte sie sehen, dass er nichts Gutes verhieß. Kein Wunder, schließlich war es ihm gelungen, landauf, landab eine Art Schneise der Lüsternheit zu hinterlassen. Welche Frau hätte schon Nein zu ihm gesagt? Einige aber hatten es getan und auf brutale Weise die Folgen zu spüren bekommen. Und genau da lag das Problem.

Wie er sich da leger im Sessel ihres Vaters rekelte, entsprach der dunkle Prinz Zoll für Zoll einer Person von königlichem Rang. Langgliedrig war er, das jedenfalls konnte sie erkennen, und sein dunkles Haar war kürzer, als es der Mode entsprach, obgleich es sein Gesicht lockig umschmeichelte. Seine Augen waren glanzlos, dunkel, beinahe schwarz, und die Haut war von einer goldenen Bräune, ganz wie bei einem Mann, der die meiste Zeit der Sonne ausgesetzt war. Vielleicht hat er bei helllichtem Tage Jungfern entehrt, überlegte Elizabeth kritisch.

Seine prunkvolle Kleidung wirkte fast schon protzig, mit güldenen Litzen an Tunika und Lederstiefeln, einem riesigen Rubinring an der Linken und Goldketten um den Hals – und zwar so vielen, dass es einen weniger starken Mann wohl unter der Last niedergebeugt hätte. Nicht so Prince William!

Den Mund eines Lüstlings hatte er nicht. Keine wulstigen, rosafarbenen Lippen, kein schlüpfriges Lächeln. Nein, es war ein kräftiger, nahezu strenger Mund in einem glatt rasierten Gesicht, und sie hätte gern gewusst, ob der verzogene Prinz wohl jemals lächelte. Er wirkte älter, als er in Wirklichkeit war. Vielleicht hatten seine Sünden ihn altern lassen. Vermutlich lächelte er nur, wenn er unschuldige Jungfrauen belästigte.

“Das hier ist meine Tochter”, stellte Baron Osbert Elizabeth formlos vor. “Viel macht sie nicht her, aber sie ist still und fügsam und wird Euch während der Pilgerfahrt nicht im Wege sein. Sag seiner Hoheit, welch große Ehre es ist, dass du die Reise zum Konvent unter seinem Schutz und Schirm antreten darfst!”

“Es ist eine große Ehre, Mylord”, wiederholte Elizabeth artig.

Prince William indes musterte sie mit viel zu großem Interesse. “Still und fügsam, soso!”, murmelte er, wobei Elizabeth ein unangenehmer Schauer über den Rücken kroch. Die Stimme des Prinzen klang tief und etwas rau, so dass Elizabeths Haut beinahe kribbelte. “So mag ich ein Weib am liebsten!”, setzte er hinzu.

Baron Osbert brach in schallendes Gelächter aus. “Aber doch nicht dieses, Mylord! Es lohnt nicht Eure Zeit und Aufmerksamkeit!”

“Alle Damen sind meine Zeit und Aufmerksamkeit wert!”, unterstrich der Prinz mit leiser, gedehnter Stimme. “Euer Name, Mylady?”

Bei allen vermaledeiten Heiligen der Christenheit! Sie wollte den Blick dieser dunklen, beklemmenden Augen nicht auf sich spüren, und erst recht wollte sie nicht mit ihrem bloßen Dasein den Anlass dafür geben, dass das Gleichmaß im selbstgefälligen Leben des Prinzen aus der Balance geriet.

Ihr Vater antwortete an ihrer Stelle. “Elizabeth. Tritt gefälligst auf den Prinzen zu, du Tollpatsch, und mache einen Knicks!”

Elizabeth blieb nichts weiter übrig, als zu gehorchen, während sie ihren Kopf untertänig neigte. Bückling und Hofknicks hatte sie bis zur Perfektion einstudiert, und zwar aus mancherlei Gründen. Senkte sie nämlich das Haupt, wirkte sie nicht ganz so hoch aufgeschossen und vermied obendrein, dass man den Ausdruck in ihren Augen lesen konnte. Selbst der einfältigste ihrer Brüder wäre bestürzt gewesen, wenn er gesehen hätte, was genau sie in einem bestimmten Moment dachte.

“Ihr sollt also eine fromme Schwester werden, Lady Elizabeth?”, fragte der Prinz mit seiner bemerkenswerten Stimme. “Seid Ihr auch sicher, dass die Vorsehung Euch dazu bestimmt hat?”

Bei dieser Bemerkung schaute sie auf, so dass sich ihre Blicke trafen. Ihr Heiligen, steht mir bei! Er hatte die rätselhaftesten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Man konnte glatt in ihnen ertrinken – vorausgesetzt, man war als Frau empfänglich dafür, was bei ihr beileibe nicht der Fall war. Wie vom Donner gerührt starrte sie zu ihm herüber. In seinen Augen war weder Freude noch Arg. Aber es lag etwas Geisterhaftes darin.

“In dieser Hinsicht bleibt ihr nicht viel übrig”, antwortete ihr Vater abermals für sie. “Um als Eheweib zu taugen, ist sie zu schwer von Begriff und zu groß geraten.”

“Ich habe nie gehört, dass Verstand ein wünschenswerter Zug bei einer Frau wäre”, brummte der Prinz, wobei er sie weiterhin musterte.

Baron Osbert brüllte vor Lachen. “Fürwahr! Wer aber würde sich an einem so knochigen Wesen wie ihr wärmen wollen? Da lobe ich mir die Fülligen! Eine mit Kurven! Da hat ein Mann doch etwas in der Hand!”

“Wohingegen ich nicht ganz so eingeschränkt denke. Unerhörte Freuden tun sich an Orten auf, wo man am allerwenigsten damit rechnet – vorausgesetzt, man ist klug genug, richtig hinzuschauen.”

Jetzt reicht es! durchzuckte es Elizabeth. Mit gerecktem Kinn hielt sie dem beklemmenden Blick des Prinzen stand. “Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt, Vater? Ich habe noch einiges zu erledigen und möchte meinen Brüdern Lebewohl sagen. Gott weiß, wann wir uns wiedersehen! Ich gehe nicht davon aus, dass sie in nächster Zukunft nach Saint Anne reisen, um mir einen Besuch abzustatten.”

“Es sei denn, sie werden dazu gezwungen. Und sie sind zu schlau, um sich bei irgendetwas erwischen zu lassen”, meinte Osbert wegwerfend und ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass der mächtige Mann neben ihm ja genau den Preis dafür bezahlte, dass er sich hatte ertappen lassen. “Ich bezweifle, dass du sie aufspürst. Es sind springlebendige junge Hüpfer, und der heutige Abend ist zum Feiern da. Zweifellos treiben sie sich herum und vergnügen sich. Dabei würden sie sich nur ungern von ihrer Schwester stören lassen. Ich werde ihnen deinen Abschiedsgruß bestellen.”

“Feiern?”, murmelte Prince William.

“Zu Ehren Eures Besuches in unserem Hause”, schmeichelte Osbert mit unerwarteter Geschmeidigkeit. “Und anlässlich der Abreise meiner Tochter.”

“Treibt sie es denn gar so arg?” Die tiefe Stimme verriet einen belustigten Unterton, der Elizabeth zusammenzucken ließ. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Männer gehabt, die lachten – allerdings nicht auf ihre Kosten!

“Der Kirche sein Kind zu schenken”, ließ sie sich vernehmen, “bietet stets Grund zur Freude.”

“Namentlich dann, wenn’s zu nichts anderem taugt”, fügte ihr ach so treu sorgender Vater hinzu.

“Davon bin ich nicht überzeugt”, warf der Prinz ein, worauf Elizabeth abermals ein Schauer über den Rücken rann. Seine Stimme war fast noch gefährlicher als der durchdringende Blick seiner dunklen Augen. Man mochte sich regelrecht winden in seiner Gegenwart und am liebsten davonlaufen – oder zerschmelzen!

Davonzulaufen empfahl sich am ehesten. “Dann ziehe ich mich also zurück und schaue nach den Brüdern …”

“Nach welchen? Nach deinen leiblichen oder nach den Mönchen?”

“Ihr habt mir ja bereits zu verstehen gegeben, Vater, dass meine Herren Brüder nirgends zu finden sein werden”, gab sie zurück. “Da habt Ihr natürlich Recht. Ich möchte mich bloß überzeugen, dass es den Fratres an nichts mangelt.”

“Haltet Euch fern von ihnen!”

Prince Williams Bass hatte den faszinierenden Ton verloren und klang nun wie die an Gehorsam gewöhnte Stimme eines Mitglieds der Königsfamilie. Und ganz gleich, ob man sie nun für einen Tölpel hielt oder nicht: Sich einem solchen Befehl zu widersetzen traute Elizabeth sich denn doch nicht.

Folglich verneigte sie sich ein zweites Mal in einem vollendeten Hofknicks. “Wie Eure Hoheit wünschen”, erwiderte sie untertänig, um dann einen Blick über die Schulter zu werfen, hinüber zu dem Grüppchen Mönche in der Ecke des Burgsaals. Einige hatten sich bereits auf den Binsenmatten ausgestreckt und schliefen tief und fest. Bruder Matthew indes, der mit dem holden Lächeln und den betörenden blauen Augen, war noch wach. Und beobachtete sie!

“Vielleicht eignet Ihr Euch doch nicht so recht fürs klösterliche Dasein, Mylady”, nörgelte der Prinz gedehnt. “Anscheinend lenken Euch gewisse Herren viel zu sehr ab!”

Überrascht ließ sie den Kopf zurückzucken. In seiner Bemerkung lag fast eine Spur von Missbilligung, als nähme er Anstoß daran, dass sie den sanften Mönch so nachhaltig anstarrte. Sollte das etwa heißen, dass sämtliche Frauen vor Prince William ständig katzbuckeln mussten? Das hatte er doch gewiss nicht nötig!

Offenbar doch. “Begleitet mich zu meinem Gemach, Lady Elizabeth”, befahl er unvermutet. “Ich fühle mich plötzlich gänzlich erschöpft. Nach all dem edlen Wein, den Euer Vater kredenzte, fürchte ich, dass ich den Weg nicht allein finden werde.”

“Ich lasse Euch gern eine hübsche Dienstmagd kommen, Mylord”, bot sie an. In Wirklichkeit hätte sie das alles andere als gern getan. Es war lebensgefährlich, sich in das Bett des Prinzen zu begeben. Elizabeth hatte nicht die Absicht, eine der Frauen, die wahrscheinlich seinen Appetit zu stillen vermochten, zu opfern, nicht einmal um ihrer eigenen Sicherheit willen. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie mochte nicht recht glauben, dass sie in Gefahr schwebte. Prince William war ein allseits bekannter Wüstling, ein Feinschmecker, was schöne Damen anging. Sie, Elizabeth, zählte kaum zu den weiblichen Wesen, an denen ein Mann wie er gemeinhin Gefallen fand.

Es blieb auch keine Zeit mehr, um ihm die gleiche Kräutermixtur wie ihrem Vater zu verabreichen. Die Wirkung stellte sich nämlich erst nach einigen Tagen ein. Nur gut, dass sie vor etwaigen lüsternen Anwandlungen des Königssohns sicher war!

“Weilt ein Prinz zu Besuch, so hat ihm niemand Geringeres als die Tochter des Hauses Gesellschaft zu leisten”, mahnte er, indem er sich erhob.

Sie hatte sich nicht geirrt: Er war in der Tat von hohem Wuchs, wenngleich nicht so hünenhaft wie manche der kampferprobten Recken ihres Vaters, auch nicht so muskulös. Eher drahtig und schlank, bewegte er sich mit geschmeidiger Eleganz, und als er um den Tisch herum kam und ihre Hand nahm, konnte sie nichts dagegen tun.

“Wohlan denn, Mylady!”, bekundete er in einem Ton, der keine Widerrede duldete. “Leistet mir Gesellschaft. Ihr könnt mir von den Hochgenüssen berichten, die hier in der finstersten Provinz zu finden sind.”

Noch immer völlig verdattert, saß Baron Osbert an seinem Platz. Er hatte nicht einmal die Geistesgegenwart besessen, zusammen mit seinem hohen Gast aufzustehen. Mit offenem Mund hockte er wie betäubt da.

Die Hand des Prinzen fühlte sich überraschend rau in der ihren an. Dabei hatte sie eher angenommen, er hätte weiche Haut gehabt, wie etwa bei einem Säugling. Andererseits ging das Gerücht, dass Prince William gleichermaßen Kämpfer war wie Galan. Wahrscheinlich hatte so manche Stunde der Waffenübung ihn abgehärtet.

An Kraft jedenfalls schien es ihm nicht zu mangeln. Ehe ihr Vater auch nur ein Wort des Protestes äußern konnte oder vielmehr die Mahnung, sie möge den Gast auch gefälligst verwöhnen, hatte William sie bereits aus der verräucherten, überhitzten, hell erleuchteten Halle heraus und hinein in den abgedunkelten Korridor entführt, wo niemand sie sehen konnte.

“In welche Richtung?”, fragte er gelassen.

“Wohin darf ich Euch führen?” Ihre eigene Stimme schwankte nicht, was einem kleinen Wunder gleichkam. Doch in Wirklichkeit stand Elizabeth kurz davor, in Panik zu geraten, was ihr normalerweise nie passierte. Der Mann neben ihr war größer und stärker als sie. Obendrein war er wegen seiner Neigung berüchtigt, brutal und unberechenbar zu sein. Hatte sie schon kein Interesse daran, einen zärtlichen Liebsten in ihr Bett zu lassen, so galt das erst recht für einen Unhold.

“Zu meinen Gemächern. Wo Ihr Euch dann verabschieden werdet, damit Ihr noch eine Nacht in züchtiger Keuschheit unter dem Dach Eures Vaters verbringen möget, bevor Ihr Euer Leben bei den frommen Schwestern vergeudet. Ich will Euch nichts Böses, Lady Elizabeth.” Wäre da nicht jener ironische Unterton gewesen, hätte sie seinen Worten Glauben geschenkt.

Im Lichte der Fackeln, die ihren flackernden Schein durch den dunklen Flur warfen, schaute sie zu ihm auf, während sie seine Miene zu ergründen versuchte. Das Spiel der Schatten auf seinem Gesicht ließ ihn so gefährlich erscheinen, wie es den Gerüchten entsprach, was nicht sonderlich beruhigend auf Elizabeth wirkte. Im Augenblick aber konnte sie nichts tun. Der Griff, mit dem er ihre Hand hielt, war zwar nicht schmerzhaft, aber zupackend. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn zu seinem Quartier zu führen und darauf zu vertrauen, dass er unterwegs von etwas abgelenkt wurde.

“Gewiss, Mylord”, versicherte sie unterwürfig und marschierte los, wobei sie vor lauter Aufregung vergaß, in jene Trippelschritte zu verfallen, wie sie sich eigentlich für weibliche Wesen geziemten. Dementsprechend zügig strebte sie voran, während der Prinz ihrem Tempo mühelos folgte.

Sie zweifelte nicht daran, dass er die besten Räumlichkeiten der Burg für sich beanspruchte, nämlich die warme und behaglich eingerichtete Kemenate im Südturm. Im Handumdrehen hatten sie die langen Gänge der Burg hinter sich gelassen. Nicht eine Menschenseele kreuzte den Weg – keine schöne Dienstmagd, keiner von Elizabeths flegelhaften Brüdern, kein missbilligend dreinschauender Mönch. Unbeobachtet und ohne Aufsehen zu erregen, bewegten sie sich durch die Flure. Kein Retter weit und breit, so dass sie sich nur noch auf ihren Verstand verlassen konnte. Falls ihr denn überhaupt Gefahr drohte, was ihr recht unwahrscheinlich vorkam.

Die Tür zum Wohnraum war geschlossen, damit die Wärme nicht entweichen konnte. Elizabeth blieb stehen und zerbrach sich fieberhaft den Kopf. Sie konnte sich zu Boden sinken lassen, um einen Ohnmachtsanfall vorzutäuschen. Ungeachtet seiner Körpergröße hätte William dann seine liebe Mühe und Not gehabt, ihren schlaffen Körper ins Zimmer zu wuchten. Aber kein Zweifel, es würde ihm nicht schwerfallen, einen Helfer aufzutreiben. Immerhin war er Prinz, wenn auch mehr ehrenhalber als nach dem Gesetz.

Weiterhin konnte sie ihm überfallartig vors Schienbein treten, so dass er überrascht ihre Hand loslassen musste. Dann hätte sie ihr Heil in der Flucht suchen können. Vermutlich würde er schneller sein als sie. Aber sie genoss den Vorteil, sich besser im Gebäude auszukennen, und in einer Burg, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, boten sich zahlreiche Verstecke.

Zu guter Letzt blieb ihr noch die Möglichkeit, sich in ihr Schicksal zu fügen. Es war schließlich nicht schlimmer als das, was die Mehrzahl der Frauen schon seit Jahrhunderten über sich ergehen ließen, darunter zahllose Märtyrerinnen, geschändet und hingemordet! Vielleicht, so ging es ihr durch den Kopf, falle ich ebenfalls dem dunklen Prinzen zum Opfer, werde danach schnurstracks heiliggesprochen und kann mir das Kloster ganz und gar sparen.

Aus einem ihr unerfindlichen Grund wollte ihr diese Vorstellung nicht behagen. Immer noch grübelte sie über eine Fluchtmöglichkeit nach, als er plötzlich und unerwartet ihre Hand losließ.

“Wie ich bereits sagte, Lady Elizabeth, Ihr habt von mir nichts zu befürchten”, raunte er mit jenem tiefen Bass, bei dem ihre Haut kribbelte. “Mir liegt nichts daran, Euch Gewalt anzutun.”

Sie spürte zwar, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Allerdings war sie keineswegs so erleichtert, wie sie erwartet hätte. Wie abgrundtief töricht, jemandem wie Prince William zu unterstellen, er könne für eine spindeldürre rothaarige Bohnenstange mit messerscharfem Mundwerk eine Gefahr darstellen! Als Frau wirkte sie nicht einmal auf die wollüstigsten Männer in ihres Vaters Gesinde! Warum in aller Welt sollte ein eingefleischter Lüstling ausgerechnet sie begehren, wenn ringsum viel üppigere Genüsse winkten? Und wie kam es, dass sie sich weniger freute als ärgerte, mit knapper Not davongekommen zu sein?

Vielleicht deshalb, weil es gar nicht so knapp gewesen war. Es gelang ihr zwar nicht ganz, jene ausdruckslose Miene aufzusetzen, mit der sie gewöhnlich aufdringliche Männer bedachte, aber sie nickte. “Solltet Ihr noch einen Wunsch haben, so braucht Ihr Euch bloß an die Dienerschaft zu wenden”, bekundete sie, schon drauf und dran, sich davonzumachen, ehe er es sich vielleicht noch anders überlegte, was wenig wahrscheinlich war.

Zu ihrem Schrecken jedoch streckte er den Arm aus und legte ihr die Hand auf die Schulter, so dass an Flucht nicht mehr zu denken war. Merkwürdig: Zuvor schon war ihr bei dem Gefühl, das seine Hand an der ihren hervorrief, ganz sonderbar geworden. Diesmal kam ihr die durch den festen Kleiderstoff fühlbare Last seiner Finger regelrecht beängstigend vor. Den ganzen Tag über drückte man Hände; dass man anderswo angefasst wurde, dazu noch von stattlichen, schönen Mannsbildern, kam selten vor. Und dass dieser Prince William zu jenen gehörte, ließ sich nicht abstreiten.

“Ich werde nichts benötigen. Wie Ihr zweifellos mitbekommen habt, handelt es sich bei meiner Reise um einen Bußgang.” Ein Anflug von Widerwillen spiegelte sich in seinem Lächeln, wenngleich es Elizabeth ein Rätsel war, wem er wohl gelten sollte – ihm selbst oder den Mächten, die ihm diese Sühne auferlegt hatten. “Ihr tätet gut daran, Euch gleichfalls zur Nachtruhe zu betten, Mylady. Wir brechen in aller Herrgottsfrühe auf. Meine Eskorte neigt zur Ungeduld.”

“Sehr wohl, Mylord.”

“Die frommen Brüder finden sich durchaus allein zurecht. Bedenkt, sie haben ein Armutsgelübde abgelegt. Sie sind es voll und ganz gewohnt, sich selbst um ihr Wohl zu kümmern. Es erübrigt sich, dass Ihr sie bemuttert.”

“Ich bemuttere sie doch nicht!”

“Den Eindruck habe ich aber durchaus gewonnen”, stellte er fest. Er hatte die Hand noch nicht von ihrer Schulter genommen. Nach wie vor ruhte sie dort warm und schwer – ein Empfinden, das auf höchst alarmierende Weise ihren Körper durchströmte.

“Als Burgherrin muss ich dafür sorgen, dass es den Gästen meines Vaters an nichts mangelt”, konterte sie.

“Dann ist es nur gut, dass Eure Begabung bald nützlicheren Dingen dient”, befand er. “Habe ich Euer Versprechen?”

Ihr Kopf zuckte herum, bevor sie völlig überrascht zu William hochschaute. “Versprechen, Hoheit?”

“Dass Ihr dem Burgsaal fern bleibt?”, fragte er geduldig. “Dass Ihr Eure Kemenate aufsucht und dort bis zum Morgengrauen verbleibt? Den Burschen aus meinem Gefolge ist im Bezug auf Damen nicht zu trauen.”

Dir hingegen schon, wie? hätte sie gerne gefragt, mahnte sich indes, dass sie ihr Glück ohnehin bereits überstrapaziert hatte. Immerhin ließ er sie unbehelligt ziehen. Da hätte es ihr wohl angestanden, ihm ein wenig an Dankbarkeit zu demonstrieren.

Sich ihm zu fügen war ein Leichtes, hatte sie doch ohnehin nichts anderes beabsichtigt. “Ich verspreche es. Wenngleich ich einwenden muss, dass Ihr über meine Wirkung auf männliche Wesen im Irrtum seid. Ich habe festgestellt, dass ich in dieser Hinsicht absolut nichts zu befürchten habe.”

Sein Grinsen wirkte behäbig, tückisch, das genaue Gegenteil des lammfrommen Lächelns eines Bruder Matthew. Und erheblich gefährlicher obendrein. “Ich meinerseits fürchte, Ihr unterschätzt, wie empfänglich Männer sind. Täte ich nicht gerade Buße für meine Sünden, so wäre ich durchaus versucht, Euch in dies Gemach hier zu zerren und mich noch lustig weiter zu versündigen.” Die Hand nach wie vor auf ihrer Schulter, zog er Elizabeth zu sich heran. Sie ließ es geschehen, schaute ihm in die dunklen Augen, während sie sich fragte, ob er sie nun wohl küssen werde. Gegen einen letzten Kuss vor dem Ablegen der heiligen Gelübde hätte sie nichts einzuwenden gehabt, obwohl es ihr besser gefallen hätte, sich von Bruder Matthew küssen zu lassen, statt vom verschriensten und verdorbensten Lustmolch im gesamten Königreich.

Allein, es wollte sie ja sonst niemand, also war’s einerlei. Unfähig, sich zu rühren, schloss sie die Augen, als er sie an sich zog und seine Lippen auf ihre Stirn senkte. Wie eine kurze Segnung war’s, und schon ließ er sie los.

Nicht einmal solch einem brünstigen Lüstling bist du gut genug! dachte sie. Dem gnädigen Himmel sei Dank! Sie wich zurück, und hätte sie es nicht besser gewusst, so hätte sie glatt annehmen mögen, dass er sie nur widerstrebend freigab.

“Schlaft wohl, Mylord!”, sagte sie und wandte sich um, um ihre deutlich spürbare und gänzlich absurde Verstimmung zu verbergen. “Ich bin zum Aufbruch bereit, wann immer Ihr es wünscht. Möget Ihr friedliche Träume haben.”

“Wohl kaum”, brummte er. Kurz darauf hatte er die Tür der Kemenate hinter sich zugeschlagen. Elizabeth stand allein im Gang, auf der Stirn noch den Druck seiner Lippen. Dieses Gefühl würde sie noch lange verfolgen.

Als er sich einige Zeit später bequem in einem Sessel in der Kemenate räkelte und ins Feuer starrte, vernahm er das leise Schaben der Tür und das Knarren der Lederscharniere. Schon hegte er die vage Hoffnung, es sei vielleicht eine bestimmte hagere Rothaarige von hohem Wuchs, die nicht annähernd so servil und einfältig war, wie sie es alle Welt glauben machte. Aber es war einer der Mönche, der verstohlen ins Zimmer huschte und die Tür hinter sich schloss.

“Hat Euch jemand gesehen?”

Bruder Adrian schüttelte den Kopf. “Keine Menschenseele. Ich hatte ohnehin eine Ausrede parat: dass Ihr geistigen Beistandes bedürft und es meine Christenpflicht ist, Euch zu helfen.”

“Und da wende ich mich ausgerechnet an den jüngsten Mönch in meinem Gefolge? Klingt nicht gerade sonderlich überzeugend.”

Adrian errötete. “Daran hatte ich nicht gedacht …”

“Schon gut, Bruder Adrian. Man würde schlicht davon ausgehen, dass ich meine unzüchtigen Begierden nun auf das eigene Geschlecht ausweite. Es wäre nicht das erste Mal.”

Der Mönch runzelte die Stirn. “Aber Ihr würdet doch nicht …” Er brach ab.

“Ich nicht”, entgegnete sein Gegenüber. “Wohl aber Prince William. Ist er für die Nacht sicher untergebracht?”

“Allerdings.”

“Und kein weibliches Wesen weit und breit?”

“Nicht eines.”

Der im Sessel Sitzende seufzte. “Die Sache ist schwieriger als erwartet. Gebt gut auf ihn acht, Adrian! Mit Buße und Reue hat der nichts im Sinn!”

“Ihr dagegen zu viel”, stellte Adrian freimütig fest.

2. KAPITEL

Schon früh am Morgen war Elizabeth auf den Beinen. Zum langen Ausschlafen hatte ihr immer schon die Geduld gefehlt. Und heute konnte sie den Tag kaum abwarten, an dem ihr neues Leben beginnen würde. Ein Gefühl gespannter Vorfreude durchströmte ihre Adern. Wenngleich ihre spärlichen Habseligkeiten bereits gepackt und sämtliche Abschiedsgrüße entboten waren, stand sie schon vor der ersten Morgenröte auf, streifte das wallende, erdbraune Gewand über ihr Nachthemd und schnürte es eigenhändig zu. Danach setzte sie sich ans Fenster, während die Sonne über den Hügeln im Osten aufging. Dies war wohl das letzte Mal, dass sie von diesem Fenster den Sonnenaufgang beobachtete. Sie verspürte nicht den leisesten Anflug von Traurigkeit, wie sie verwundert feststellte. Aber es würden ja weitere folgen, und sei es auch woanders. Diesen hier hatte sie oft genug erlebt.

Den Kopf gegen die kühle Steinmauer gelehnt, schaute sie zu, wie der Haushalt allmählich zum Leben erwachte. Als Erste kamen die Melkerinnen aus unterschiedlichen Ecken gekrochen. Selbst auf die Entfernung sah man ihnen an, dass die Gäste des Hauses sich offenbar ihrer angenehmen Gesellschaft erfreut hatten. Ihnen folgte der Stallbursche und dann der Rest des Gesindes. Einer nach dem anderen nahm sein Tagwerk in Angriff. Von den Besuchern hingegen war keine Spur zu sehen, weder von den Mönchen noch von den Rittern – selbst dann noch nicht, als sich der helllichte Morgen über den Wohnturm breitete.

Trotz Osberts Hang zum Schlendrian wirkte der Haushalt gepflegt und gut geführt, was allein Elizabeth zu verdanken war. Der Allmächtige allein mochte wissen, in welchem Zustand alles beim nächsten Wiedersehen sein würde. Selbst eine kleine Burg wie Bredon benötigte einen durchsetzungsstarken Kastellan, welcher die Aufsicht über die vielen unerlässlichen Dienstboten führte. In den wenigen Jahren, seit ihr Vater gemerkt hatte, dass Töchter, selbst unscheinbare, doch zu etwas nutze waren, war sie ständig auf Trab gewesen und hatte sich selbst um die kleinsten Einzelheiten eines Haushalts gekümmert, für dessen Führung eigentlich ein kleines Heer notwendig gewesen wäre. Nur selten hatte sie sich ihren eigenen Interessen widmen können – dem Studium der Gestirne sowie der Heilwirkung von Kräutern und Wurzeln. Sei’s drum: Sie hatte nichtsdestotrotz eine gewisse Meisterschaft darin entwickelt, das gut fünfzig Häupter zählende Gesinde ihres Vaters zu versorgen und zu ernähren.

Wer würde sich ab heute wohl darum kümmern? Ohne eine Frau, die Ordnung und Disziplin überwachte und aufrecht erhielt, würde die Burg vermutlich verlottern und verfallen.

Freilich, wer mochte schon behaupten, dass nicht doch eines Tages eine Dame auftauchen würde? War der Vater erst der mäßigenden Wirkung von Elizabeths Essenzen entronnen, würde er zweifellos wieder heiraten, und die jüngeren Brüder würden dem Beispiel sicherlich folgen. Fürwahr, wahrscheinlich würde es eher zu viele Frauen denn zu wenige geben – für Elizabeth umso mehr Anlass, sich abzusetzen. Es hätte ihr nicht gelegen, das bisschen Macht, das sie besaß, widerstandslos aufzugeben.

In Zukunft brauchte sie sich darüber nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Möglicherweise würde sie niemals zurückkehren und die Ihren wiedersehen. Gewiss würden ihr die jüngeren Brüder fehlen, doch Heimweh nach den kleinen Galgenvögeln? Mitnichten. Im Kloster würde sie ein neues Zuhause finden. Eine neue Familie, einen neuen Namen, eine neue Berufung. Bereuen würde sie nichts.

Als der erste Gast den Burghof betrat, bemerkte Elizabeth erstaunt, dass es Prince William höchstpersönlich war, der dem Stall in voller Montur zustrebte. Die goldenen Tressen glitzerten im Licht der Morgensonne. Allerdings schritt er barhäuptig einher. Amüsiert stellte sie fest, dass er offenbar zu vorzeitiger Kahlköpfigkeit neigte. Die dunklen Strähnen waren zwar sorgsam über den Schädel gekämmt, reichten indes gerade bis über den breiten Scheitel. Ansonsten war er beinahe so glatzköpfig wie ein Mönch. Ein Glück für ihn, dass er von solch hoher Gestalt war! Den meisten Sterblichen bot sich ja nicht die Aussicht, wie Elizabeth sie von ihrer Warte hoch droben genoss.

Andererseits war es vermutlich einerlei, ob er fett und hässlich und obendrein kahl war. Als einziger Sohn des Königs war er mächtig und privilegiert, und kein Mensch hätte sich je erdreistet, ihm etwas abzuschlagen. Elizabeth konnte sich nicht vorstellen, warum er eine Frau umgebracht haben sollte – oder mehrere gar, falls man entsprechenden Gerüchten Glauben schenken durfte. Welche, und wäre sie auch von hohem Stande, hätte es schon gewagt, ihn abzuweisen?

Im Schutz der trutzigen Burgmauern beobachtete Elizabeth ihn in aller Ruhe. Für einen so groß gewachsenen Mann bewegte er sich mit einer erstaunlichen Geschmeidigkeit. Die langen Beine durchmaßen den ausgedehnten Burghof im Handumdrehen. Entweder hatte er bis in die frühen Morgenstunden dermaßen der Unzucht gefrönt, dass er gar nicht erst zum Schlafen gekommen war, oder aber im Gegensatz zu seinen Mitreisenden die Nacht enthaltsam verbracht und sich in seiner Unterkunft ordentlich ausgeruht. Sonderlich keusch wirkte er eigentlich nicht. Dafür verrieten seine Augen zu viel. Glücklicherweise hatte Elizabeth nächtens keine Hilfeschreie gehört. Man durfte wohl davon ausgehen, dass alle die Nacht heil überstanden hatten.

Sogar Prince William, der nun an den Stallungen vorbei direkt auf die kleine Burgkapelle zumarschierte, in der er bald darauf verschwand.

Verblüfft lehnte Elizabeth sich zurück. Dem Prinzen war die Bußwallfahrt aufgezwungen worden, und selbst wenn die Gerüchte bloß zur Hälfte der Wahrheit entsprachen, war er doch ein grausamer, bedenkenloser Wüterich, der auf den Nächsten oder den Herrgott nur wenig Rücksicht nahm.

Vergangene Nacht hatte er allerdings nicht sonderlich barbarisch gewirkt. Und außerdem küssten grausame Rohlinge keine unscheinbaren Frauenzimmer auf die Stirn! Oder?

Das Ganze leuchtete ihr nicht ein. Sie fand es zwar ärgerlich, wenn etwas keinen Sinn ergab, aber schließlich war das nun ihre geringste Sorge. Inzwischen war der Haushalt voll erwacht. Weitere Mitglieder aus dem Gefolge des Prinzen tauchten auf, die allerdings erheblich weniger munter wirkten als ihr Gebieter. Die Stunde des Aufbruchs war nun gekommen.

Außer der Dienerschaft war von ihrer Familie niemand zum Abschied erschienen. Gertrude, die ältliche Wäscherin, weinte unverhohlen, und sogar Wat, der Stalljunge, schluchzte zum Steinerweichen. Während sie selbst den Tränen nahe war, schloss Elizabeth jeden in die Arme, um dann nicht ohne Angst und Bangen auf die klapprige Mähre zuzutreten, die der Vater ihr widerwillig für die Reise zur Verfügung gestellt hatte.

Die Männer saßen bereits auf ihren Pferden, die Mönche dabei auf besonders schönen Exemplaren – erstaunlicherweise, denn für gewöhnlich ritten fromme Brüder auf Eseln und nicht auf hoch gezüchteten Schlachtrössern. Die arme alte Melange würde ihre liebe Mühe und Not haben, auch nur mit dem langsamsten dieser edlen Vierbeiner mitzuhalten. Es blieb also nichts weiter übrig, als das Beste zu hoffen. Wat zerrte ihr noch den Aufsitzbock heran, doch ehe Elizabeth nur einen Mucks machen konnte, meldete sich der dunkle Prinz zu Wort. Sie hatte ihn gar nicht so nahe gewähnt und fuhr deshalb regelrecht zusammen.

“Auf diesem erbärmlichen alten Klepper reitet Ihr nicht!”, entschied er tonlos.

Sie hatte vergessen, wie seine Stimme klang. Als sie zu ihm aufsah, rief sie sich mahnend in Erinnerung, dass er ein ruchloser, kahlköpfiger Bösewicht war, ungeachtet seiner Augen. “Ein anderes Reittier besitze ich nicht.”

“Ich habe mich in den Stallungen Eures Vaters umgesehen. Der behandelt sein Vieh ja besser als seine Damen!”

“Ist das nicht bei den meisten Männern so?”, konterte sie, biss sich dann aber auf die Lippen. Ein loses Mundwerk zog nur Nachteile nach sich, und sie wollte sich nicht länger als unbedingt nötig vom lästigen Blick seiner dunklen Augen zermürben lassen.

“Bruder Adrian!”, rief er dröhnend über die Schulter, ohne Elizabeth dabei aus den Augen zu lassen. Zu ihrer Verblüffung sah sie, wie der jüngste der Mönche, jener mit dem bartlosen Milchgesicht, spornstreichs aus dem Sattel glitt und angerannt kam.

“Ja, Mylord?”

“Seht zu, dass die junge Herrin ein besseres Pferd erhält! Auf dieser Jammerkreatur verliert sie im Handumdrehen den Anschluss an uns!”

“Ich weiß nicht, ob Baron Osbert damit einverstanden wäre …”

“Der wird nicht lange gefragt! Er würde doch seinem Prinzen wohl kaum Unannehmlichkeiten bereiten wollen, was? Zwar mangelt es ihm auf beispiellose Weise an Weitsicht, doch selbst einer wie er wird nicht so kurzsichtig sein und seine Oberen brüskieren!”

“Allerdings”, räumte Bruder Adrian ein und trat auf Wat zu, der schlotternd in seinen mistbeschmierten Stiefeln wartete.

“Ich weiß nicht recht, was ich Euch anbieten soll”, stammelte der Stallbursche mit zitternder Stimme. “Der Baron hat Mylady nicht oft in den Sattel gelassen. Sie reitet nämlich so hoffnungslos schlecht, dass er Angst hatte, sie könnte ihm einen seiner guten Gäule zu Schanden reiten.”

Nach wie vor musterte der Prinz Elizabeth. “Es ist wohl wirklich ein Jammer mit Euch, wie?”, raunte er halblaut.

“Zumindest bekomme ich das des Öfteren zu hören.” Sie hatte nicht die Absicht, sich zu rechtfertigen. Sie wollte sich gern auf alles setzen, was man ihr hinstellte, vorausgesetzt, es beförderte sie zu ihrem neuen Leben.

“Gebt ihr Anthonys Pferd. Er wird es nicht benötigen.”

Bevor sie antwortete, dachte Elizabeth voller Sorge an das Schicksal dieses besagten Anthony. “Melange wird das schon schaffen, da bin ich gewiss”, versicherte sie dann.

“Und ich bin vom Gegenteil überzeugt. Wollt Ihr Euch etwa mit mir streiten?”

Genau das hätte sie zwar am liebsten getan, aber sie besann sich schließlich eines Besseren. Einem Königssohn gab man keine Widerworte, zumal dann nicht, wenn er in dem Ruf stand, unberechenbar zu sein. “Wie Ihr wünscht, Hoheit.”

Er nickte. “Eine vernünftige Entscheidung. Ich wusste, dass Ihr gescheiter seid als Euer Herr Vater. Wir sind ohnehin in Verzug.” Er war bereits auf dem Sprung; sein gewaltiger Rappe tänzelte nervös und schnaubte heftig in der frühmorgendlichen Luft, drauf und dran loszupreschen. Der Reiter indes beherrschte das edle Tier anscheinend mühelos, während Bruder Adrian mit einer frisch gesattelten rotbraunen Stute am Zügel zurückkehrte.

Misstrauisch beäugte Elizabeth das Tier. Es war größer als Melange und erheblich lebhafter. Allerdings wusste sie, dass jede Diskussion pure Zeitverschwendung gewesen wäre. Wählerisch durfte man im Leben nicht sein; es galt vielmehr, aus einer Zwangslage das Beste zu machen.

Es war schlimm genug, auf einem fremden Pferd zu reiten. Die Prozedur des Aufsitzens jedoch, erst recht unter den dunklen Augen des Prinzen, empfand sie als dermaßen peinlich, dass es eigentlich einen Wortwechsel rechtfertigte. Doch als sie einen Blick auf William warf, begriff sie, dass er sich nicht erweichen ließ.

Während Elizabeth sich mühselig auf den Pferderücken hievte, hielt die Stute mit erstaunlicher Geduld still – ein gutes Zeichen. Trotz ihrer Lethargie war die gute Melange nie so brav. Elizabeth schickte ein stummes Dankgebet gen Himmel. Wäre das Aufsitzen nicht gelungen, dann hätte der Prinz sie bestimmt aufs Neue angefasst, und zwar vor aller Augen. Das aber wollte sie unbedingt vermeiden.

Nun ging es los. Mit majestätischer Würde zog die Kavalkade durch den Morgendunst dahin. Ein letztes Mal schaute Elizabeth zurück zum angetretenen Gesinde und zur vertrauten Silhouette von Bredon Castle, wo sie ihre gesamten siebzehn Lebensjahre verbracht hatte. Dann aber wandte sie allem den Rücken zu und richtete den Blick auf ihr neues Leben.

Elizabeth war immer zu stolz gewesen, um jemals zu weinen. Wenn sie vom Vater eine Ohrfeige bekam oder von den Brüdern als Bohnenstange verspottet wurde, vergoss sie nicht eine Träne. Sie weinte nicht einmal, als sie zufällig mithörte, wie zwei Mägde sich über ihren völligen Mangel an weiblichen Reizen ausließen, und selbst dann nicht, als ihre einzige Chance auf ein Leben als Ehegattin vereitelt wurde, bevor es recht begann, weil nämlich der Mann, mit dem sie verlobt war, eine andere auserkor. Schaute sie in den Spiegel, erkannte sie sich nur zu gut, auch im trügerischen Widerschein der Scheibe. Rotes Haar – ein Zeichen des Teufels. Blasse, sommersprossige Haut, anfällig für Sonnenbrand. Erheblich zu groß geraten, überragte Elizabeth die meisten Männer. Viel zu mager dazu; die Hüften zu schmal und zum Gebären nicht geschaffen. Zu was also sollte sie taugen? Freilich, Busen hatte sie schon, doch dessen verhältnismäßig üppige Fülle war eher Last denn Segen. Er war ihr bloß ständig im Wege oder erregte gelegentlich die Aufmerksamkeit irgendeines Blödians. Im Kloster jedenfalls würde ihr Busen nicht weiter auffallen.

Nein, das Weinen verkniff sie sich. Normalerweise war sie stolz auf ihre Energie und unverwüstliche Robustheit. Als aber später die Sonne hoch am Himmel stand, war Elizabeth kurz davor, in Tränen auszubrechen – vor lauter Schmerzen und Verzagtheit. In ihren siebzehn Jahren hatte sie sich nie weiter als einen Tagesritt von der elterlichen Burg entfernt, und auch das nur ein einziges Mal, zu ihrer fehlgeschlagenen Hochzeit nämlich. Ihre Mutter hatte keinerlei Verwandte hinterlassen, die man hätte besuchen können, und ihr Vater legte bei seinen gelegentlichen Reisen keinen Wert auf die Gesellschaft der Tochter. Nunmehr jedoch saß sie schon länger im Sattel als je zuvor im Leben, und bei jedem Schritt des Pferdes schrie ihr Körper vor Schmerzen förmlich auf.

“Mylady?” Die leise Stimme durchdrang Elizabeths Selbstmitleid, und als sie den Kopf hob, schaute sie in die blassblauen Augen von Bruder Matthew. “Ist Euch nicht wohl?”

Sie warf einen nervösen Blick zur Spitze der Kolonne hin, doch Prince William ritt ein gutes Stück vor der Karawane her, nahezu außer Sichtweite. Folglich bedachte sie den freundlichen Mönch mit einem knappen Lächeln. “Ich bin nur ein wenig erschöpft”, bekannte sie, was zumindest ein Gran Ehrlichkeit enthielt. In Wahrheit fühlte sie sich dermaßen hundeelend, dass sie am liebsten aufgeschrien hätte. Das aber hätte ihr wenig genützt. “Sehr gütig von Euch, dass Ihr Euch sorgt”, setzte sie hinzu. “Sobald wir halten und rasten, wird es mir schon besser gehen.”

Jammerschade, dass ein so hübsches Gesicht an ein Kloster verloren geht! grübelte sie geistesabwesend, als er ihr Lächeln erwiderte. Ein paar Männer mehr von solch liebenswürdiger Art, und das Leben draußen in der weltlichen Wirklichkeit würde gewiss erträglicher sein! Doch in der Mehrzahl waren Ehekandidaten tyrannische Scheusale, während sich die Rücksichtsvollen und Freundlichen dem Zölibat verschrieben. Genauso wie ich! ermahnte sie sich eilends.

“Ich bin nicht sicher, ob der Prinz noch vor Einbruch der Dunkelheit eine Rast einzulegen gedenkt”, bemerkte Bruder Matthew hintersinnig.

Elizabeth konnte sich ein verzweifeltes, wenn auch nur leises Stöhnen nicht verkneifen.

“Ich könnte ihn aber dazu veranlassen”, ergänzte der Mönch, wobei er sie äußerst mitfühlend musterte. “Ein Wort in sein Ohr genügt, schon wird er gewiss haltmachen lassen. Schließlich war kaum zu erwarten, dass eine schwache Frau ein solches Tempo mithält.”

“Ich bin keine schwache Frau!”, knirschte Elizabeth mit zusammengebissenen Zähnen. Dabei hatte es durchaus eine Zeit in ihrem Leben gegeben, in der sie alles dafür geopfert hätte, ganz die schwache, hilflose Blüte der Weiblichkeit sein zu dürfen. Aber Gott hatte es anders gefügt, deshalb blieb ihr nur der Stolz auf ihre Körperkraft und Ausdauer – auch wenn es so aussah, als habe dieser Stolz sie in der Stunde der Not im Stich gelassen. “Es wird schon gehen. Ich bin eben Ritte über solch lange Distanzen nicht gewohnt.”

“Die Reise hat gerade erst begonnen. Dass er ein solches Tempo vorlegt, ist völlig unnötig!”

“Vielleicht will er die Bußwallfahrt möglichst rasch hinter sich bringen”, vermutete sie, wobei sie im Sattel herumrutschte, um eine bequemere Sitzhaltung einzunehmen. Ihr Pferd ertrug das ständige Hin und Her relativ gutmütig. Melange hätte einer solch zappeligen Reiterin längst das Leben zur Hölle gemacht.

“Das will ich meinen”, unterstrich Bruder Matthew. “Einem wie Prince William fällt der Verzicht auf die holde Weiblichkeit sehr schwer. Seid auf der Hut vor ihm, Mylady! Ich bedaure es, dass Euer Vater nicht einmal eine Küchenmagd zu Eurer Gesellschaft entbehren konnte. Als einziges weibliches Wesen unter all diesen Männern seid Ihr gewissen Gefahren ausgesetzt.”

“Mich dünkt, sie werden sich im Zaume halten können”, befand sie, während sie sich eine widerspenstige Strähne ihres roten Haars aus dem Gesicht strich.

“Ich befürchte, Ihr seid zu vertrauensselig. Ihr müsst mir versprechen, Euch an mich zu wenden, sobald Ihr Euch in Gefahr wähnt. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Euch zu beschützen.”

Als sie ihm in die blassen, bekümmerten Augen sah, hätte sie schier hinschmelzen mögen. Warum gab es nicht mehr solcher Männer wie ihn? Friedfertige, gefühlvolle, gut aussehende Gesellen mit sanften, leisen Stimmen, die einen nicht bange machten, sondern aufrichteten? Warum musste ein solches Musterexemplar der männlichen Schöpfung sein Dasein hinter Klostermauern fristen?

Gotteslästerliche Gedanken, gewiss, aber immerhin war sie so klug gewesen, sie nicht laut auszusprechen. Wer sonst, wenn nicht die Heilige Mutter Kirche, verdiente solche Männer? Du ergreifst ja schließlich ebenfalls die einzige Chance, welche dir bleibt! Gott zu dienen war eine Ehre!

Bruder Matthew beugte sich zu ihr herüber und bedeckte ihre Hand mit der seinen. Weich und wunderschön war sie, mit einem schweren goldenen Siegelring an einem Finger. “Versprecht, dass Ihr zu mir kommt!”, bat er eindringlich.

Aber erstaunlicherweise war seine Hand kalt, obwohl die Sonne hell vom Himmel strahlte. Elizabeth selbst war eher heißblütig; an sich ein Vorteil in einer zugigen, schlecht beheizten Burg, wenngleich sie wusste, dass es ungewöhnlich war. Es leuchtete daher ein, dass ein frommer Bruder kühle Haut haben musste. Vielleicht würde ihr hitziges Temperament, das ihr sonst so zusetzte, zur Ruhe kommen und ebenfalls etwas abkühlen, sobald sie erst dem Orden der heiligen Schwestern beigetreten war.

Er hatte ihre Hand genommen und hielt sie fest, wodurch beide gezwungen waren, dicht nebeneinander zu reiten. Das Reittier des Mönchs war erheblich temperamentvoller, und Elizabeth spürte, wie sehr ihr eigenes Pferd unter der Nähe des anderen litt – eine Nervosität, die ihre eigene wiederspiegelte, obwohl sie den Grund dafür nicht recht erkannte. Ihr fiel keine Ausrede ein, mit der sie dem wohlmeinenden Bruder ihre Hand hätte entziehen können. Abermals wand sie sich schmerzhaft im Sattel.

“Bruder Matthew!” Der eindringliche Ruf stammte von dem blutjungen Mönch, der in diesem Moment auf sie zugesprengt kam.

Langsam und widerstrebend ließ Matthew Elizabeths Hand los, bevor er sich mit nahezu provozierender Langsamkeit umwandte. “Ja, Bruder Adrian?”

“Prince William wünscht Euch zu sprechen!”

“Sobald wir Halt machen, werden wir genug Zeit zu einem Gespräch haben”, entgegnete Matthew, der sich unverändert an Elizabeths Seite hielt. “Beim Mittagsmahl können wir ausführlich über Schuld und Sühne debattieren.”

“Er meint aber sofort!”

Bruder Matthews Lächeln war von ausgesuchtem Liebreiz. “Der Prinz wird wohl einsehen müssen, dass er sich auf einer Bußwallfahrt befindet, nicht auf einer Vergnügungsreise. Seine Wünsche stehen nicht mehr obenan. Ich werde mich später zu ihm gesellen.”

Offenkundig verärgert, rauschte der junge Bote davon, während Bruder Matthew glucksend lachte.

“War das eine weise Entscheidung?”, fragte Elizabeth. Nur weil sein liebenswürdiges Lächeln sie verzaubert hatte, bedeutete das noch lange nicht, dass sie nicht mehr bei klarem Verstand war. “Einem wie Prince William sollte man sich nicht widersetzen, auch wenn er den reumütigen Sünder spielt. Ist er nicht ursprünglich gerade deswegen zu der Pilgerfahrt verdonnert worden?”

“Allerdings. Und ein Teil der auferlegten Buße besteht darin, dass er jeden Tag das Wort ‘Nein’ hört und sich darein schickt.”

Plötzlich horchte Elizabeth neugierig auf. “Obliegt es denn Euch, dass er ordentlich Buße tut?”

“Das überrascht Euch? Mich nicht minder! Einem Erbprinzen sollte man allerwenigstens einen Erzbischof stellen, der sich seines Seelenheils annimmt – kein schlichtes Mönchlein aus einem kleinen Kloster.” Wider Erwarten schwang so etwas wie Groll in seiner Stimme mit.

“Sicher fühlt Ihr Euch sehr geehrt!”

Er musterte sie von Kopf bis Fuß mit seinen glanzlos blauen Augen, und sein Lächeln war geradezu engelsgleich. “Eine Ehre, auf dich ich getrost verzichten kann”, bemerkte er, wobei er aufs Neue ihre Hand ergriff.

Sie war eine bessere Reiterin als allseits angenommen, und es war deshalb ein Leichtes, die Stute seitlich ausbrechen zu lassen, so als säße eine blutige Anfängerin im Sattel, die ihr Tier nicht in der Gewalt hatte. Nur damit sie sich dem Griff seiner kalten, weichen Hände und seinem herzerweichenden Lächeln entziehen konnte!

Und im nächsten Moment bemerkte sie, dass die Reisegruppe angehalten hatte und alles ringsum absaß. Vermutlich hatte der berüchtigte Prinz nun doch beschlossen, dass auch er nur ein Mensch war und eine Rast benötigte.

Ein Holzbock zum Absitzen stand diesmal nicht zur Verfügung. Unter normalen Umständen wäre sie gelenkig genug gewesen, sich vom Pferderücken gleiten zu lassen. Das Pferd indes, auf dem sie saß, war höher gebaut als Melange. Außerdem hatten ihre Rockschöße sich um den Sattel gewunden, und ihre Muskeln schrien beim bloßen Gedanken an die Prozedur. Sie überlegte, einfach an Ort und Stelle auszuharren. War sie erst abgesessen, musste sie irgendwann wieder auf dieses Folterinstrument hinauf, und sie war sich beileibe nicht sicher, ob ihr das gelingen würde.

Vielleicht konnte Bruder Matthew ihr helfen. Doch als sie sich umwandte, war er nicht mehr in ihrer Nähe. Wer da statt seiner nun auf sie zukam, hoch zu Ross und sonnengebräunt und merkwürdig bedrohlich, war nicht zu übersehen.

Nein, korrigierte sie sich, dass er bedrohlich wirkte, war ganz und gar nicht merkwürdig. Prince William stellte eine Gefahr für alle weiblichen Wesen dar. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er in aller Herrgottsfrühe die Burgkapelle aufsuchte und sich nun auf Bußwallfahrt befand. Man brauchte ihm nur in die Augen zu schauen.

Er kam in Begleitung von Bruder Adrian. Nachdem er geschmeidig und elegant aus dem Sattel geglitten war, warf er dem jungen Mönch die Zügel zu und schritt Elizabeth entgegen. Ihre Stute, die genau spürte, wie nervös die Reiterin war, scheute und wollte nach hinten ausbrechen.

Der Prinz ergriff das Halfter, tätschelte dem Tier mit der flachen Hand den Hals und beruhigte es allein durch die Berührung – ein wortloses Zwiegespräch, welches Elizabeth nur umso nervöser machte. Er musste in der Tat ein Werkzeug des Teufels sein! Sie glaubte fest daran, dass Tiere bessere Instinkte besaßen als Menschen, aber ihr Pferd schien ihm zu vertrauen. Wenn er schon Vierbeiner täuschen konnte, dann Menschen erst recht.

“Zeit zum Absitzen, Lady Elizabeth”, verkündete er. “Wenn Ihr zu lange im Sattel bleibt, werden Eure Muskeln steif.”

Zu spät! durchzuckte es sie. “Es geht schon, seid bedankt”, erwiderte sie kläglich, um hastig hinzuzufügen: “Mylord!”

Ihre Röcke streiften das feinwollene Tuch seines Umhangs. Durch die zahlreichen Schichten aus Stoff konnte sie seine Körperwärme spüren. Eigentlich hätte sie sich stärker, selbstbewusster geben und von ihrer hohen Warte auf ihn herabsehen müssen, was ihr aber nicht gelingen wollte.

“Runter mit Euch, Elizabeth!” Das war ein Befehl. Niemand befand sich in der Nähe außer Bruder Adrian, und der gab sich alle Mühe, so zu tun, als bekomme er ihren Wortwechsel nicht mit.

Wagte sie den Versuch, dann würde sie, so ihre Befürchtung, dem Prinzen direkt vor die Füße fallen, und so etwas gönnte sie den Männern grundsätzlich nicht. Also guckte sie auf ihn herunter und zerbrach sich den Kopf darüber, ob ein schlichtes “Nein” wohl etwas nützen würde. Sie hatte arge Zweifel.

“Ich will aber nicht!”

“Runter vom Gaul!”

“Ich kann nicht!”, gestand sie endlich. “Wenn ich versuche, von dieser Mähre herunterzuklettern, falle ich auf die Nase, und dann kriegt Ihr mich nie und nimmer wieder hinauf. Daher empfiehlt es sich, dass ich gleich oben sitzen bleibe, bis wir das Nachtlager aufschlagen …” Der Satz verhallte unvollendet im Nichts, denn der Prinz legte ihr die Hände um die Hüften und hob sie einfach aus dem Sattel.

In ihren Beinen steckte kein bisschen Kraft mehr, aber der Prinz hielt sie mit seinen starken Händen aufrecht. Langsam ließ das Zittern in ihren Knien nach, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen konnte. Ach, hätte sie nur verhindern können, dass sie auch sonst am ganzen Leibe zitterte!

“Das ist keine Mähre, sondern ein ausgezeichnetes Pferd. Das wisst Ihr ebenso gut wie ich”, rügte er mit jener milden Stimme, die eigentlich beruhigend auf Elizabeth hätte wirken müssen.

“Ihr könnt mich nun loslassen.”

“Ich will aber nicht.”

Sie war nicht sicher, ob sie ihn deutlich verstanden hatte, denn noch während er sprach, gab er sie frei und trat einen Schritt zurück. Vorsichtshalber klammerte sie sich an den Zügeln fest und strich der Stute wie zur Entschuldigung mit der Hand über den Hals, ehe sie plötzlich merkte, dass sie das Pferd auf dieselbe Weise berührte wie zuvor der Prinz. Hastig riss sie die Hand zurück.

“Nein, eine Mähre ist sie wahrhaftig nicht”, beteuerte sie. “Ich … ich bin es einfach nicht gewohnt, so lange zu reiten.”

“Aha.” Mit dem Kopf deutete er auf ein Waldstück. “Ihr könnt Euch dorthin begeben.”

“Wozu?”

“Um Euch zu erleichtern”, bekundete er freimütig. “Nach dem langen Ritt müsstet Ihr eigentlich ein dringendes Bedürfnis verspüren. Und zu den Männern wollt Ihr Euch doch gewiss nicht gesellen!”

Sie fühlte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Nun, da er es erwähnt hatte, verspürte sie in der Tat, dass es sie drückte. “Das hättet Ihr auch etwas vornehmer ausdrücken können”, fauchte sie – bis sie sich etwas verspätet an das “Hoheit” erinnerte, das sie kleinlaut hinzufügte.

“Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr besonders zart besaitet seid, Lady Elizabeth.” Er nahm ihr die Zügel aus der Hand. “Auf, macht schon!”

Sie hatte ihre Kraft überschätzt. Solange sie sich nicht rühren musste, ging alles gut. Aber als sie einen Schritt rückwärts tun wollte, gaben die Knie unter ihr nach. Und genau in dem Augenblick legte sich seine Hand stützend unter ihren Arm und bewahrte sie vor einem Sturz.

Inzwischen war er ihr näher gekommen, viel zu nah, ähnlich wie am Abend zuvor. “Verzeiht!”, schnaufte sie keuchend. “Es geht gleich wieder.”

“Soll ich Euch tragen?”

“Nein!” Die Vorstellung, der dunkle Prinz könne sie in den abgelegenen Hain entführen, war mehr als erschreckend. “Es geht schon!” Zum Beweis entzog sie sich ihm und machte einen Schritt.

Diesmal versagte ihr Körper ihr nicht den Dienst. Sie rang sich ein kühles Lächeln ab und strebte dem dunklen, für sie ausersehenen Waldstreifen zu, wobei sie sich so hoheitsvoll bewegte, wie es nur eben ging – bis sie außer Sicht war. Im Eiltempo schlug sie sich unter Ächzen und Stöhnen in die Büsche.

Am liebsten hätte sie sich im Unterholz versteckt. Aber das kam unter keinen Umständen infrage. Versuchte sie es, würde er sie von seinem Gefolge suchen lassen – oder gar schlimmer noch: Womöglich würde er sie höchstpersönlich aufstöbern!

Ihr blieb keine Wahl. Gott sei Dank war der Tag schon zur Hälfte vergangen. Wenn sie es nur ein Mal noch zurück auf den Pferderücken schaffte, hätte sie den ersten Tag der Reise immerhin mit knapper Not überlebt!

Als sie wieder aus dem Buschwerk auftauchte, warteten alle bereits abmarschbereit und schauten zu, wie sie mit langsamen Schritten zurück auf die Lichtung kam. Das Kreuz durchgedrückt, trat sie auf ihre Stute zu. Wieder kein Aufsitzbock, und zudem saß der Prinz bereits auf seinem eigenen Vollblut und beobachtete sie, die Zügel in der Hand.

Sie weinte nie, und auf keinen Fall wollte sie jetzt damit anfangen. Wenn du vielleicht den Fuß in den Steigbügel kriegst, kannst du dich eventuell hochstemmen …

“Reicht mir die Hand!” Williams Stimme klang herrisch. Sein Rappe stand gleich neben ihrer Stute, und Elizabeth begriff nicht recht, wie der Prinz sie von seiner hohen Warte aus in den Sattel hieven wollte. Dessen ungeachtet streckte sie in blindem Gehorsam den Arm aus.

Es war ein schwerwiegender Fehler. Mühelos zog er sie hoch und setzte sie kurzerhand vor sich ab. Das Pferd zuckte unter der zusätzlichen Last nervös zusammen, aber der dunkle Prinz war fraglos ein exzellenter Reiter und hielt seinen Rappenhengst mit Leichtigkeit unter Kontrolle.

Und sie selbst ebenfalls, wie Elizabeth zu ihrem Unbehagen bemerkte. Ehe sie sich ihm entwinden, Einspruch erheben oder herunterrutschen konnte, hatte er sein Pferd bereits in Gang gesetzt, so dass es vor lauter unterdrückter Energie regelrecht vorwärts preschte. Der Rest schloss sich an. Die Proteste, welche Elizabeth eventuell hätte äußern können, gingen unter im dumpfen Stampfen der Hufe auf der trockenen Landstraße.

Und im Pochen ihres wie panisch rasenden Herzens.

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