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Die Drangsale eines Chinesen in China

Vorwort.

Kein Roman des berühmten Franzosen ist für die Gegenwart lesenswerter als der vorliegende, der ein so interessantes Gemälde von dem Reiche der Mitte giebt, wie wohl kaum ein zweites Werk solcher Gattung. Gelehrte Werke über China sind vorhanden oder erschienen in Menge, aber den Nutzen, den sie für den deutschen Leser stiften sollen, welchen die neuesten politischen Ereignisse vor die Notwendigkeit gestellt haben, sich mit den Verhältnissen, Gebräuchen und Sitten dieses eigentümlichsten aller Völker vertraut zu machen, können sie um deswillen nicht stiften, weil bei ihnen die trockne Behandlung der Materie zu rasch ermüdet. In dem vorliegenden Werke aber – einem Roman im eigentlichen Sinne des Wortes – bietet sich dem Leser in wunderbarer Fülle ein schier unerschöpfliches Material zur Belehrung über China und die Chinesen im Rahmen einer sehr geschickt angelegten Fabel, deren Kernpunkt die alte weise Lehre bildet: Das Glück des Lebens lehrt man erst schätzen, wenn man Unglück im Leben erfährt.

Ein steinreicher Chinese – in einer goldenen Wiege geboren, blasiert, des Lebens überdrüssig – wird von seinem Erzieher und Lehrer, dem Philosophen Wang, aus seinem Glück herausgerissen und durch eine mit echt Verne'scher Phantasie zusammengefügte Kette von Unglücksfällen geführt, deren Unwahrscheinlichkeit sich von Stufe zu Stufe überbietet. Zu Beginn des Romans im Begriff, sich mit einer der schönsten Landsmänninnen zu vermählen, wird er von einer Tantalusqual in die andre gestürzt, ehe er am Schlusse des Werkes der liebenden Gattin in die Arme geführt wird.

Erhöht wird die Spannung der Handlung dadurch, daß der steinreiche Chinese, als er seinen Reichtum über Nacht einbüßt, seinen Plan, sich selbst aus dem Leben zu schaffen, dadurch fördert, daß er mit einer Lebensversicherungs-Gesellschaft eine außerordentlich hohe Prämie zu gunsten seiner Braut und Wangs abschließt. Infolgedessen heftet ihm der Generalagent dieser Gesellschaft zwei Agenten als Wächter an die Fersen, die ihn auf allen seinen Unglücksfahrten begleiten und die Situationen dadurch verschärfen, daß sie ihn vorm Tode und ihre Gesellschaft vor dem Riesenverluste zu schützen versuchen. Das durch diese beiden Agenten vertretene komische Element wird durch eine dritte Figur verstärkt, den bei Verne unvermeidlichen Lakaien Sun – einen bezopften Chinesen, wie er schnurriger wohl nirgends geschildert worden ist – der für alle Dummheiten, die er begeht, mit seinem Zopfe zu büßen hat. – – –

Durch die Zeitungen läuft die folgende Notiz:

Unter den Kandidaten für die französische Akademie wurde dieser Tage auch der bekannte Schriftsteller Jules Verne genannt. Dieser schreibt aber aus Amiens an Pierre Giffard, der ihn im »Vélo« warm empfiehlt:

»Amiens, 5. Februar 1901.

Ich möchte Ihnen ohne Verzug für den Artikel danken den Sie im »Vélo« veröffentlicht haben, und der im »Matin« wiedergegeben worden ist. Ich werde bald mein dreiundsiebzigstes Lebensjahr vollenden, und in einem solchen Alter habe ich wirklich nicht mehr den Ehrgeiz, in die Akademie zu kommen. Vor achtundzwanzig Jahren stellten Alexandre Dumas fils und einige Freunde meine Kandidatur auf, aber ich begriff bald, daß das ein unkluges Wagnis war, und ich habe mich in meine »Klause von Amiens«, wie Sie sagen, zurückgezogen, um nie wieder daraus hervorzukommen.

Seit jener Zeit sind neunundfünfzig Akademiker in jene andere Welt hinübergegangen, wo sie ohne Zweifel keine Kuppel des Instituts finden, die ihnen eine ewige Zufluchtsstätte bieten würde. Das soll heißen, daß, wenn die Akademie auch die Unsterblichkeit verleiht, sie doch nicht unsterblich macht.

Ich bin sehr gerührt durch die Anteilnahme, welche Sie, geehrter, Herr mir bezeigen, und indem ich Ihnen von ganzem Herzen danke, bitte ich Sie, einen Händedruck von dem alten Geschichtenerzähler anzunehmen.

Jules Verne.«

Wenn eines von seinen vielen Werken Jules Verne den Ehrenplatz in der französischen Akademie zu sichern angethan sein dürfte, so ist es der hier zum erstenmal in vollständiger und sachlich richtiger Verdeutschung vorliegende Roman:

»Die Drangsale eines Chinesen in China«.

P. H.

Erstes Kapitel: in welchem sich Persönlichkeit und Nationalität der Personen zu entwickeln anfangen.

»Daß das Leben sein Gutes hat, muß man doch gelten lassen!« rief einer der Tischgäste, der sich auf den Arm seines Sessels mit marmorner Lehne stützte und an einer gezuckerten Seerosenwurzel knaupelte.

»Und Schlechtes auch!« versetzte, vor und nach den paar Worten hustend, ein anderer, der am Stachel einer delikaten Haifisch-Floßfeder beinahe erstickt wäre.

»Lasset uns Philosophen sein!« bemerkte hierzu eine ältere Persönlichkeit, auf deren Nase ein Riesending von Brille, mit mächtigen, in hölzernen Reifen gefaßten Gläsern saß. »Heute schwebt man in Gefahr zu ersticken, und morgen läuft alles wie geschmiert, glatt und süß wie ein Schluck von diesem Nektar! So geht's nun mal im lieben Leben!«

Nach diesen Worten leerte dieser Epikuräer von glücklichem Temperamente ein Glas lauen vorzüglichen Weines, dessen Blume in Gestalt leichter Wölkchen langsam aus einer metallenen Theekanne aufstieg.

»Mir persönlich,« nahm nun ein vierter Tischgast das Wort, »erscheint das Dasein ganz annehmbar von dem Moment an, wo man müßig geht und seine Mittel einem den Müßiggang erlauben!«

»Verkehrt!« versetzte der Fünfte. »Im Studium und in der Arbeit liegt das Glück. Die größte Summe von Kenntnis und Wissen erreichen, heißt das Glück zu erlangen suchen!«

»Und hinter das Facit kommen, daß man, alles in allem, doch eben nichts weiß!«

»Und ist das nicht der Anfang zur Weisheit?«

»Wo aber steckt der Weisheit Ende?«

»Die Weisheit hat kein Ende!« antwortete philosophisch der Mann mit der Brille auf der Nase, »Ueber gesunden Menschenverstand verfügen, dürfte das höchste Maß von Befriedigung bieten!«

Nunmehr wendete sich der erste Tischgast direkt zu dem Gastgeber, der am oberen Ende der Tafel, also auf dem schlechtesten Platze saß, wie es die Höflichkeitsgesetze erforderten. Gleichgiltig und zerstreut hörte dieser Herr, ohne sich in das Gespräch zu mischen, »hinter seinem Becher« zu.

»Ei! und was meint unser Amphitryo über diese Abschweifungen nach einem guten Trunk? Erscheint ihm das heutige Dasein gut oder schlecht? Ist er pro oder contra?«

Der Amphitryo knackte behaglich ein paar Wassermelonenkerne. Statt aller Antwort begnügte er sich, geringschätzig die Lippen vorzuschieben, wie jemand, der an nichts Interesse zu fassen scheint.

»Bah!« machte er.

Dies »Bah« ist so recht das Leib- und Magenwort für den Indifferentismus. Es sagt alles und sagt doch nichts. Es hat in allen Sprachen Heimatsrecht und muß in allen Wörterbüchern des Erdballes stehen. Ein »zum Laut gewordenes Maulspitzen« könnte man's nennen.

Die fünf Tischgäste, die von diesem blasierten Herrn bewirtet wurden, bestürmten ihn nun mit Gründen und Beweisen, natürlich jeder zu gunsten seiner Ansicht. Man wollte nun einmal seine Meinung hören. Zuerst verhielt er sich ablehnend gegen jede Antwort, dann stellte er die Behauptung auf, das Leben hätte weder Gutes noch Schlechtes. So wie er es verstünde, wäre es eine »Erfindung« von ziemlich geringer Bedeutung und in Summa eine »Erfindung«, die wenig Freude mache!

»Unser Freund, wie er leibt und lebt!«

»Kann der so reden, wenn noch kein Rosenspalt ihm je die Ruhe gestört hat!«

»Und wenn er so jung noch ist!«

»So jung noch und so reich schon!«

»So reich und so gesund!«

»Steinreich!«

»Reicher als steinreich!«

»Zu reich vielleicht!«

Diese Zwischenrufe hatten sich wie die Raketen eines Feuerwerks gekreuzt, ohne auf dem teilnahmlosen Angesicht des Gastgebers auch nur ein Lächeln zu bewirken.

Er hatte sich begnügt, leicht mit den Achseln zu zucken wie jemand, der niemals, und wär's auch nur eine kurze Stunde lang, im Buch des eignen Lebens hat blättern wollen – der nicht einmal die ersten Seiten aufgeschnitten hat!

Und doch zählte dieser indifferente Mensch höchstens 31 Jahre, war gesund wie ein Fisch im Wasser, war im Besitz eines großen Vermögens; sein Geist war nicht ohne Bildung und seine Intelligenz erhob sich über das Durchschnittsmaß – kurz, er hatte alles, was so vielen anderen fehlt, um als einer der Glücklichsten hienieden zu gelten! Und warum war er es nicht?

Warum?

Des Philosophen ernste Stimme wurde jetzt vernehmlich – gleich der eines Chorführers im Altertum erklang sie!

»Freund,« sprach der Philosoph, »bist Du hienieden nicht glücklich, so darum nicht, weil Dein Glück bis zur Stunde nur negativ gewesen! Mit dem Glücke verhält es sich wie mit der Gesundheit. Um rechten Genuß an ihm zu haben, muß man es zuweilen entbehrt haben. Du bist nun aber nie in Deinem Leben krank gewesen, – ich meine, Du bist niemals unglücklich gewesen! Das aber ist's, was Deinem Leben fehlt. Wer kann das Glück schätzen, den niemals, wenn auch nur auf einen Augenblick, Unglück getroffen!«

Nach dieser weisheitsvollen Bemerkung erhob der Philosoph sein mit Champagner edelster Marke gefülltes Glas und sprach:

»Ein bißchen Schatten wünsche ich der Sonne unseres Freundes und seinem Leben ein paar Schmerzen!«

Sobald er ausgeredet, leerte er sein Glas auf einen Zug. Der Amphitryo machte eine Gebärde, die erkennen ließ, daß er die Rede billige – dann versank er wieder in seine gewöhnliche Apathie.

Wo spann sich diese Unterhaltung ab? In einem Speisesaal Europas etwa? in Paris oder London? in Wien oder Petersburg? Plauderte dies halbe Dutzend Tischgäste im Saal einer Gastwirtschaft der Alten oder der Neuen Welt? Was für Leutchen waren es, die mitten beim Essen, ohne über den Strich getrunken zu haben, über solche Fragen debattierten? Franzosen waren es auf alle Fälle nicht, da sie von Politik kein Wort sprachen!

Die sechs Tischgäste saßen in einem Saale von mittlerer Größe, der verschwenderisch ausgestattet war. Durch das Netz der blauen oder orangefarbenen Fenster glitten zu dieser Stunde die letzten Strahlen der Sonne. Draußen in der Fensteröffnung schaukelten im leisen Abendwinde Gehänge von natürlichen oder künstlichen Blumen, und buntfarbige Laternen gesellten ihr bleiches Licht zu dem ersterbenden Schimmer des Tages. Droben, am Rande der Fensteröffnungen, spielten künstliche Arabesken, reich mit allerhand Skulpturen durchsetzt, Darstellungen von Himmels- und Erdenschönheiten, von Tier- oder Pflanzenexemplaren aus phantastischer Fauna und Flora, in entzückendem Farbenspiel.

An den mit seidenen Tapeten behangenen Wänden des Saals warfen mächtige Spiegel, zweifach gerautet, ihren magischen Widerschein. Oben an der Decke sorgte eine »Punka« durch den Schlag ihrer bunten Glanzkattun-Flügel für eine angenehme Zimmerwärme.

Die Tafel stellte ein großes Viereck aus schwarzem Gummilack dar. Kein Tischtuch über seiner Fläche, in deren Glanze sich die zahlreichen Silber- und Porzellan-Geschirre spiegelten, heller und schöner als auf der reinsten Kristallfläche. Keine Servietten, sondern bloße Papierstücke viereckigen Formats, mit Sprüchen geziert, von denen jeder Gast einen reichlichen Vorrat neben sich liegen hatte. Um den Tisch herum standen hohe Sessel mit marmorner Lehne, die unter dem Breitengrade, wo sie standen, vor den Rückenpolstern neumodischen Mobiliars ganz sicher den Vorzug verdienten.

Was die Bedienung anbetrifft, so geschah sie durch junge Mädchen von berückender Schönheit, in deren schwarzem Haar Lilien und Chrysanthemen prangten, deren Arme mit Spangen aus Gold oder Elfenbein in koketter Weise geziert waren. Lachend und lächelnd, trugen sie auf oder deckten sie ab mit der einen Hand, während sie mit der anderen graziös einen großen Fächer bewegten, um durch seine Schwingungen die von der Punka oben an der Decke in Bewegung gesetzten Luftströmungen auszugleichen.

Das Mahl war über jeden Wunsch erhaben. Was läßt sich Köstlicheres denken als jene zugleich saubere und schmackhafte Küche, deren Meister sehr wohl wußte, daß er es mit Kennern zu thun hatte und der sich deshalb in der Zubereitung der 150 Speisen, aus denen sich das Menu zusammensetzte, selbst übertroffen hatte!

Als Eröffnung der Tafel und gleichsam als Vorspiel erschienen Zuckerkuchen, Kaviar, gebackene Heuschrecken, getrocknete Früchte und Austern von Ning-Po. In kurzen Zwischenpausen folgten sodann aufeinander Enten-, Tauben- und Kiebitz-Setzeier, Schwalbennester mit Rührei, Frikassee von »Gin-seng«, Störkiemen in Kompott. Walfischsehnen mit Zuckersauce, Süßwasser-Kaulköpfe, Krabbendotter in Ragout, Sperlingsmagen und Schöpsaugen in Knoblauchstippe, Blumenkohl mit Aprikosenmandel-Milch, Holothurien-Gericht nach Matrosenart, junge Bambustriebe in Gallerte, gezuckerter Würzelchensalat u. s. w., Singapur-Ananas, gebrannte Erdnußmandeln, eingesalzene Mandeln, schmackhafte Mangofrüchte, weißfleischiges »Long-Hen«-Obst und gelbfleischige »Litschi«, Wasserkastanien, eingemachte Kanton-Orangen bildeten die letzten Gänge eines Mahles von dreistündiger Dauer, das mit Bier, Champagner, »Chao-Chigne«-Wein reichlich begossen wurde, während der unvermeidliche Reis, den die Gäste mittels kleiner Stäbchen zwischen die Lippen führten, auf dem mit großer Sachkenntnis zusammengestellten Speisezettel als Nachtisch erschien.

Endlich nahte der Augenblick, wo die jugendlichen Aufwärterinnen, statt der in Europa üblichen Schalen mit duftender Flüssigkeit, mit lauem Wasser getränkte Servietten brachten, die jeder Gast mit einer Empfindung höchster Befriedigung über das Gesicht führte.

Eine Stunde süßen far niente's, von der Musik ausgefüllt, folgte nun, aber nur als eine Ruhepause oder ein Zwischenakt im Mahle.

Eine Sängerinnen- und Musikertruppe erschien nun im Saale. Die Sängerinnen waren jung, hübsch, von bescheidener, decenter Haltung. Aber was für eine Musik war das und was für eine Methode! Miauen und Glucksen und Glucksen und Miauen ohne Takt und ohne Tonfall, in grellen Tönen hinauf bis zu den äußersten Grenzen der Fassungsfähigkeit des menschlichen Gehörs! Und die Instrumente, Geigen, deren Saiten sich in den Roßhaarfäden des Bogens verhedderten, Guitarren mit Schlangenhaut als Resonanzboden, kreischende Klarinetten, Harmonika-Exemplare, die an tragbare kleine Klaviere erinnerten, waren dieser Sängerinnen, die sie mit Lärm und Spektakel begleiteten, und ihres Singsangs würdig.

Der Dirigent dieses Charivaris von Orchester hatte das Programm der Aufführung, als er eintrat, verteilt. Auf ein Zeichen des Amphitryos, der ihm freie Hand ließ, trugen die Musiker den »Strauß aus zehn Blumen« vor, ein Potpourri, das damals sehr in Mode war und das Entzücken der feinen Welt bildete. Hierauf zog sich die Sang- und Tanz-Gesellschaft, die ihren reichen Obolus schon im voraus eingeheimst hatte, zurück, nicht ohne auch reichlichen Beifall zu ernten – wovon sie übrigens auch in den Nachbarsälen noch eine stattliche Ernte hielt.

Die sechs Tischgäste verließen nun ihren Tisch, aber bloß, um sich an einen anderen zu setzen – was sie nicht ohne große Zeremonien und Komplimente von allen Seiten thaten.

An dieser zweiten Tafel fand jeder eine kleine Tasse mit Deckel, geschmückt mit dem Bilde des berühmten Buddhisten-Mönches Bôdhidharama, der auf seinem sagenhaften Flosse stand. Jeder Tischgast erhielt auch ein paar Prisen Thee, die er ohne Zucker in das in seiner Tasse siedende Wasser warf und ziehen ließ, um den Aufguß dann sofort zu trinken.

War dies ein Thee! Daß ihn das Haus Gibb-Gibb & Co., das ihn geliefert hatte, durch unredliche Mischung mit fremden Blättern verfälscht hätte, oder daß er schon einen Aufguß erfahren hätte und bloß noch gut sei, zum Abkehren der Teppiche gebraucht zu werden, oder daß ihn ein gewissenloser Präparator mit Kurkuma-Gelb oder mit Preußisch-Blau-Grün gefärbt hätte – solches alles stand hier wahrlich nicht zu befürchten! Es war kaiserlicher Thee in seiner edelsten Reinheit. Es waren jene kostbaren Blätter, die der Blüte selbst glichen, jene Blätter der ersten Lese im Monat März, die so selten vorgenommen wird, weil die Pflanze selbst dann eingeht – jene Blätter endlich, die nur kleine Kinder, fürsorglich mit Handschuhen angethan, pflücken dürfen und zu pflücken berechtigt sind!

Ein Europäer würde der lobenden Ausrufungen nicht genug gefunden haben zum Ruhme dieses Getränks, das die sechs Tischgenossen als Kenner, die an seinen Genuß gewöhnt waren, in kleinen Zügen schlürften, ohne sich wesentlich dadurch begeistern zu lassen.

Nichtsdestoweniger verstanden, wie hier ausdrücklich gesagt sein soll, diese sechs Tischgenossen die hohen Feinheiten dieses vorzüglichen Getränkes sattsam zu würdigen. Als Herren aus der guten Gesellschaft, in der reichen Gewandung, die sich aus dem mit »Han-chaol« bezeichneten leichten Oberhemd, aus der »Ma-kual« genannten kurzen Tunika, aus der »Ha-ol« genannten langen Robe, die seitlich geknöpft wird, zusammensetzte: über den Füßen durchbrochene Strümpfe und gelbe Babuschen tragend, über den Beinen seidene Pantalons, die an den Hüften durch eine Schärpe mit eichelförmigen Troddeln gehalten wurden, über der Brust den feingestickten seidenen Brustlatz, und am Gürtel den Fächer – waren diese liebenswürdigen Persönlichkeiten gebürtig in dem Lande selbst, wo der Theestrauch einmal im Jahre seine Ernte an wohlriechenden Blättern liefert. Diese Mahlzeit, bei welcher Schwalbennester, Holothurien oder Spritzwürmer, Walfischsehnen, Haifischflossen eine Rolle spielten, hatten sie sich schmecken lassen, wie es die Vorzüglichkeit seiner Zubereitung verdiente. Aber das Menu selbst, das jeden Fremden in Staunen gesetzt hätte, war kaum dazu angethan, ihnen besonders zu imponieren.

Jedenfalls war, was nun kam, dasjenige, was alle zusammen am allerwenigsten erwartet hätten, die Mitteilung nämlich, die ihnen der Amphitryo in dem Augenblick machte, als sie sich endlich anschickten, von der Festtafel aufzustehen. Warum sie derselbe heute bewirtet hatte, vernahmen sie nunmehr.

Die Tassen waren noch voll. In dem Augenblick, als der auffällige Vertreter des Indifferentismus seine Tasse zum letztenmal an die Lippen setzte, stützte er sich auf den Tisch und sprach, mit den Augen im leeren Raume irrend, die folgenden Sätze:

»Freunde! höret mich an, ohne zu lachen! Des Schicksals Würfel sind gefallen. Ich will ein neues Element in mein Dasein einführen, das ihm vielleicht seine Eintönigkeit nehmen wird! Ob es ein Segen sein wird oder ein Uebel, das wird die Zukunft mich lehren. Dieses Mahl, zu dem ich Euch geladen, ist mein Henkersmahl – als Junggeselle. Ehe vierzehn Tage herum sind, werde ich ein Ehemann sein, und –«

»Und wirst der glücklichste der Männer sein!« rief der Optimist. »Da, sieh! alle Zeichen sprechen Dir zum guten!«

Und wirklich! Während die Lampen knisternd ein mattes Licht warfen, hüpften die Elstern auf den Fenster-Arabesken und die kleinen Theeblättchen schwammen lotrecht in den Tassen. Der glücklichen Anzeichen, die nicht irre führen konnten, so viele! Darum beeilte sich auch das ganze halbe Dutzend von Zechbrüdern, dem freigebigen Wirte Glückwünsche zu Füßen zu legen, der sie mit einem Superlativ von Kälte entgegen nahm. Da er aber die Person nicht nannte, die von ihm erwählt und dazu ausersehen war, die Rolle des »neuen Elements« in seinem Dasein zu spielen, beging kein einziger die Taktlosigkeit, ihm eine diesbezügliche Frage zu stellen.

Der Philosoph jedoch hatte nicht mit in das allgemeine Beglückwünschungs-Konzert eingestimmt. Die Arme übereinander geschlagen, die Augen halb geschlossen, auf den Lippen ein ironisches Lächeln, sah es ganz so aus, als ob er mit denen, die hier Glückwünsche darbrachten, ebensowenig einverstanden sei wie mit dem, der sie hinnahm. Dieser stand nun auf, legte dem Philosophen die Hand auf die Schulter und fragte mit einer Stimme, die um einige Grade weniger Ruhe aufzuweisen schien als gewöhnlich:

»Bin ich denn zum Heiraten zu alt?«

»Nein.«

»Zu jung?«

»Auch nicht.«

»Meinst Du, ich thue unrecht?«

»Vielleicht!«

»Die ich erwählt habe und die Du kennst, besitzt alles, was dazu gehört, um mich glücklich zu machen.«

»Ich weiß es.«

»Nun – dann –?«

»Du besitzest nicht alles was dazu gehört, um es zu werden! Sich allein langweilen im Leben, ist eine böse Sache! Sich zu zweit langweilen, eine bösere Sache!«

»Also werde ich niemals glücklich werden?«

»So lange Du nicht das Unglück kennen gelernt haben wirst, nein!«

»Mich kann das Unglück nicht erreichen!«

»Desto schlimmer für Dich, denn Du bist dann unheilbar!«

»Ha! dies Philosophen-Pack!« rief der jüngste der Tischgenossen. »Auf sie darf man nicht hören! Was sind sie sonst als Maschinen der Theorie? Theorien fabrizieren sie von allerhand Art! Aber wert, sich damit zu befassen, sind sie nicht! Heirate, Freund! heirate! Ich machte es ebenso, wenn ich mich nicht verschworen hätte, es nie zu thun! Heirate! Freund! und mögen Dir, wie unsere Poeten sagen, die beiden Phönixe immer in süßer Umschlingung erscheinen! Freunde! ich trinke auf unseres Amphitryo Eheglück!«

»Und ich,« erwiderte der Philosoph, »ich trinke auf die baldige Einmischung einer göttlichen Schutzfee, die ihn durch die Schule des Unglücks führe, damit er des Glückes teilhaftig werde!«

Nach diesem ziemlich absonderlichen Trinkspruche erhoben sich die Tischgenossen, hielten die geballten Fäuste aneinander, wie Boxer, die zum Kampfe schreiten wollen. Nachdem sie die Fäuste dann nacheinander gesenkt und wieder erhoben und den Kopf dabei geneigt hatten, nahmen sie voneinander Abschied.

An der Beschreibung des Saales, in welchem dieses festliche Mahl veranstaltet worden, an dem fremdartigen Menü, woraus sich dasselbe zusammensetzte, an der Kleidung der Personen, die daran teilnahmen, an ihrer Art und Weise, sich auszudrücken, vielleicht auch an der absonderlichen Beschaffenheit ihrer Anschauungen hat der Leser zweifelsohne erraten, daß es sich um Chinesen handelt, nicht um jene »Himmelssöhne«, die von einem Wand- oder Bettschirm sich abgelöst zu haben scheinen, oder als Porzellan in Scherben zu gehen drohen, sondern um jene modernen Bürger des Himmlischen Reiches, die schon von europäischer Kultur beleckt sind zufolge ihrer Studien, ihrer Reisen, ihres häufigen Verkehrs mit den Kulturmenschen des Abendlandes.

Im Saale eines der Blumenschiffe auf dem Perlenflusse in Canton war es gewesen, wo die eben erzählte Handlung sich abspielte. Dort hatte der reiche Kin-Fo, in Gesellschaft des von ihm unzertrennlichen Wang, des Philosophen, vier seiner besten Jugendfreunde bewirtet. Pao-Shen, einen Mandarinen vierter Klasse mit dem blauen Knopfe, Yin-Pang, einen reichen Seiden-Großhändler aus der Drogisten-Straße, Tim, den Lebemann und Hu-al, den Gelehrten.

Und solches trug sich zu am 27. Tage des 4. Mondes, während der ersten jener fünf Wachen, in die sich die Stunden der chinesischen Nacht auf so poetische Weise teilen.

Zweites Kapitel: worin Kin-Fo und der Philosoph Wang deutlicher vor Augen gerückt werden.

Wenn Kin-Fo diese Henkersmahlzeit seinen Cantoner Freunden gegeben hatte, so kam dies daher, weil er in dieser Hauptstadt der Provinz Kuang-Ton einen Teil seiner Jugend verlebt hatte. Von den zahlreichen Kameraden, die einem reichen und noblen Jünglinge niemals fehlen dürften, waren die vier Tischgenossen im Blumenkahn die einzigen, über die er damals gebot. All die anderen hatten die Schicksale des Lebens verstreut, und es wäre vergebliche Mühe gewesen, wenn er sie hätte zusammentrommeln wollen.

Kin-Fo wohnte damals in Schang-hai, und war, um sich die Langeweile ein bißchen zu vertreiben, ein paar Tage nach Canton gefahren. Noch an demselben Abend aber gedachte er auf dem Dampfer, der die Hauptküstenplätze anläuft, ruhig wieder nach seinem Yamen zurückzukehren.

Wenn sich Wang in Kin-Fo's Begleitung befand, so hat das seinen Grund in dem Umstande, daß der Philosoph niemals von seinem Zögling wich, sondern denselben nach wie vor seiner Weisheit teilhaftig zu machen suchte. Im Grunde genommen, riß sich dieser aber nicht sonderlich darum. Der Lebensregeln und Weisheitssprüche gingen, ach wie viele! verloren; aber die »Maschine der Theorieen«, wie ihn jener Lebemann von Tim genannt hatte, wurde nicht müde, ihrer zum besten zu geben.

Kin-Fo war so recht der Typus jener Chinesen des Nordens, deren Rasse der Umwandlung zuneigt, die sich aber mit den Tataren niemals vermischt haben. In den Provinzen des Südens, wo sich die hohen und niedrigen Klassen enger mit der Mandschu-Rasse vermischt haben, hätte man keinen Menschen seinesgleichen getroffen. Kin-Fo hatte weder von väterlicher, noch von mütterlicher Seite, denn beide Familien hielten sich seit der Eroberungs-Aera streng für sich, einen Tropfen tatarisches Blut in seinen Adern. Er war groß, wohlgebaut, eher weiß, als gelb; seine Brauen standen in gerader Linie, seine Augen liefen wagerecht und erhoben sich kaum nach den Schläfen zu; er hatte eine große Nase, kein plattes Gesicht, und so hätte er sich neben den schönsten Erscheinungen der Völkerschaften des Abendlandes ruhig sehen lassen können.

Wenn Kin-Fo wirklich noch als Chinese angesehen wurde, so war dies bloß auf seinen sorgfältig rasierten Schädel zurückzuführen, auf seine, von aller Behaarung freie Stirn, auf den dieselbe Eigenschaft aufweisenden Hals und auf seinen prachtvollen Zopf, der sich vom Hinterkopf aus wie eine Gagatschlange über seinen Rücken herab rollte. Sehr peinlich in seinem Aeußern, trug er einen eleganten Schnurrbart, der sich um seine Oberlippe in halber Bogenform zog, und eine »Fliege«, die, haarscharf in der Mitte unter dem Halbbogen, zusammen mit ihm das Bild des als »Orgelpause« bezeichneten Zeichens in der Notenschrift darstellte. Seine Nägel wiesen eine Länge von über einem Centimeter auf – ein Beweis dafür, daß er zu jener Kategorie reicher Leute zählte, die leben können, ohne zu arbeiten. Vielleicht trug auch die Ungezwungenheit seiner Haltung, ein gewisses »von oben herab« in seinem Benehmen zu jenem » comme il faut« bei, das sich in seiner ganzen Erscheinung zeigte.

Uebrigens war Kin-Fo in Peking geboren, ein Vorzug, auf den der Chinese außerordentlich stolz ist. Wer ihn fragte, dem konnte er selbstbewußt antworten: »ich bin von hoch oben her!«

In Peking hatte, zur Zeit von Kin-Fo's Geburt, sein Vater Tschung-He-u thatsächlich gewohnt und erst im sechsten Jahre seines Lebens war er mit dem Vater nach Schang-hai gezogen.

Dieser würdige Chinese entstammte einer sehr angesehenen Familie des Nordens und besaß, wie seine Landsleute im allgemeinen, ein hervorragendes Handelstalent. In den ersten Jahren seiner geschäftlichen Laufbahn war alles, was dieses reiche und dichtbevölkerte Land produzierte, Papiersorten aus Swa-tau, Seidenwaren aus Su-Tscheu, Kandiszucker von Formosa, Theesorten von Han-kau und Fu-tschau, Eisen von Ho-nan, rotes oder gelbes Kupfer aus der Provinz Yün-nan – kurz, alles mögliche, Handelsware und Export-Artikel für Tschung-He-u. Sein Haupt-Handelshaus, sein »Hong«, befand sich in Schang-hai, aber er hielt Kontore in Nan-king, Tien-tsin, Macao, Hong-kong. Eng vertraut mit europäischem Leben und Treiben, ließ er seine Waren auf englischen Dampfern verfrachten, und das elektrische Kabel unterrichtete ihn über den Marktpreis für Seide in Lyon und für Opium in Calcutta. Keiner jener Diener und Förderer des Fortschritts wie Dampf oder Elektrizität, fand in ihm einen Widersacher, wie es bei der Mehrzahl der Chinesen der Fall ist, zufolge des Einflusses der Mandarinen und der kaiserlichen Regierung, deren Ansehen und Vorrechte durch diesen Fortschritt sich allmählich verringern.

Kurz, Tschung-He-u manövrierte so geschickt, sowohl in seinem Handel mit dem Innern des Kaiserreichs, als auch in seinen überseeischen Abschlüssen mit den portugiesischen französischen, englischen oder amerikanischen Handelsfirmen von Schang-hai, Macao und Hong-kong, daß er zur Zeit, als Kin-Fo zur Welt kam, schon ein Vermögen von über 400 000 Dollars besaß.

Während der nun folgenden Jahre sollte sich dieser Sparpfennig, zufolge der Schöpfung eines neuen Exporthandels, den man den »Kulihandel der Neuen Welt« nennen könnte, mehr als verdoppeln.

Bekanntlich ist China in hohem Maße übervölkert; die Zahl seiner Einwohnerschaft steht ausser allem Verhältnis zur Ausdehnung seines mächtigen Landgebietes, das man verschiedentlich, aber poetisch, als »Himmlisches Reich«, als »Reich der Mitte«, als »Reich« oder »Land der Blumen« bezeichnet hat.

Man schätzt die Einwohnerzahl Chinas auf nicht weniger als 360 Millionen. Also fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Erde! So wenig nun aber der arme Chinese auch ißt, so ißt er doch, und China, trotz seiner zahllosen Reisfelder, trotz seiner unermeßlichen Hirse- und Kornäcker, produziert nicht genug, um ihn zu ernähren. Daher ein Ueberschuß, der nur darauf wartet, um durch jene Breschen zu entweichen, die von englischen und französischen Kanonen in die Kalk- und Kulturmauern des Himmlischen Reiches geschossen worden sind.

Nach Nordamerika und hauptsächlich nach dem Staate Californien hat sich dieser Ueberschuß ergossen. Das geschah aber mit solcher Gewalt, daß der Kongreß Prohibitiv-Maßregeln gegen diese Invasion, die mit ziemlich starker Unhöflichkeit als »gelbe Pest« bezeichnet wurde, ergreifen mußte. Wie man nämlich wahrnahm, würde eine Einwanderung von 50 Millionen Chinesen nach den Vereinigten Staaten kaum eine merkliche Verringerung für China bedeutet haben; für die Vereinigten Staaten hätte es die Aufsaugung der angelsächsischen Rasse zu gunsten der mongolischen Rasse bedeutet!

Wie dem nun sei, der »Exodus« vollzog sich in einem gewaltigen Maßstabe. Diese Kuli, die von einer Hand voll Reis, von einer Tasse Thee und einer Pfeife Tabak lebten, die geschickt für jedes Gewerbe waren, gewannen am Salzsee, in Virginien, in Oregon und vor allem in Californien, wo sie den Tagelohn bedeutend herunterdrückten, rasch Oberwasser.

Gesellschaften bildeten sich demzufolge für den Transport dieser so wenig kostspieligen Auswanderer. Man zählte solcher Gesellschaften fünf, die in fünf Provinzen des Himmlischen Reiches für Anwerbung von Kulis arbeiteten, und eine sechste mit dem Sitz in San Francisco. Die ersteren verfrachteten die Handelsware, die letztere nahm sie in Empfang. Eine Sub-Agentur, die als »Ting-Tong« firmierte, verfrachtete sie wieder nach China zurück.

Diese letztere Manipulation erheischt eine Erklärung.

Die Chinesen sind wohl damit einverstanden, außer Landes zu gehen und Geld bei den »Melikanern« – wie sie die Bevölkerung der Vereinigten Staaten nennen – zu machen, aber unter der Bedingung nur, daß ihre Leichen wieder treu und ehrlich nach der Heimat geschafft werden, wo sie begraben sein wollen. Das bildet eine der Hauptbedingungen des Vertrages, eine Klausel, gegen die »nichts zu wollen« ist, die den Gesellschaften eine Verpflichtung dem Auswanderer gegenüber auferlegt, die unter allen Umständen erfüllt werden muß.

Dieser Sub-Agentur, »Ting-Tong«, sonst auch »Leichen-Agentur« genannt, fällt also auf Grund besonderer Fonds die Verpflichtung zu, die »Totenschiffe« auszurüsten, die mit voller Ladung von San Francisco nach Schang-hai, Hong-kong oder Tien-tsin zurückfahren. Ein neuer Handelszweig! Eine neue Einnahmequelle!

Der geschickte und unternehmende Tschung-He-u witterte das. Zur Zeit, als er starb, anno 1866, amtierte er als Direktor der Gesellschaft von Khuang-ton in der Provinz dieses Namens und als Subdirektor der Leichen-Verschiffungskasse in San-Francisco.

Am Tage vor seines Vaters Tode erbte Kin-Fo, der nun weder Vater noch Mutter mehr hatte, ein Vermögen in Höhe von vier Millionen Dollars, angelegt in Aktien der Californischen Centralbank, und er war klug genug, es zu erhalten.

Zur Zeit, als der junge, kaum 19 Jahre alte Erbe, den Vater verlor, würde er allein dagestanden sein, wenn er nicht Wang, den unzertrennlichen Wang, gehabt hätte, der ihm Mentor sowohl als Freund war.

Wer war nun aber dieser Wang? Seit 17 Jahren lebte er nun schon im Yamen von Schang-hai. Er war des Vaters steter Begleiter gewesen, ehe er des Sohnes Begleiter wurde. Wo aber war Wang her? Mit welcher Vergangenheit hatte man bei ihm zu rechnen? Wieviel dunkle, mehr als dunkle Fragen, auf die allein Tschung-He-u und Kin-Fo Antwort zu geben vermocht hätten!

Und wenn sie es für angemessen gehalten hätten, solches zu thun – was nicht eben wahrscheinlich war – so hätte man das Folgende vernommen:

Es ist niemand unbekannt, daß China vorzugsweise das Reich ist, wo Aufstände viele Jahre hindurch dauern und Hunderttausende von Menschen in Bewegung setzen können. Im 17. Jahrhundert nun herrschte die berühmte Dynastie der Ming, chinesischer Herkunft, schon dreihundert Jahre über China, als anno 1644 das Haupt dieser Dynastie sich der die Hauptstadt bedrohenden Rebellen nicht zu erwehren wußte, und einen tatarischen König um Hilfe anging.

Der Tatarenkönig ließ sich nicht bitten, eilte herbei, verjagte die Rebellen, benützte die Sachlage aber, um den Herrscher zu stürzen, der ihn um Hilfe angegangen war, und rief seinen eigenen Sohn Chun-Tsche zum Herrscher aus.

Von dieser Epoche an trat die tatarische Hoheit an die Stelle der chinesischen Hoheit und der Thron wurde von der Mandschu-Dynastie bestiegen.

Allmählich vermischten sich die beiden Rassen, und zwar vornehmlich in den niederen Bevölkerungsschichten. Bei den reichen Familien des Nordens aber hielt sich die Scheidung zwischen Chinesen und Tataren schärfer und strenger. Der Typus ist heute noch zu unterscheiden, und ganz besonders im Innern der nördlichen Provinzen des Reiches. Dort zogen sich die »Unversöhnlichen« zusammen, die der gestürzten Dynastie die Treue bewahrten.

Kin-Fo's Vater gehörte zu diesen letzteren, und er machte auch nie ein Hehl aus den Ueberlieferungen seiner Familie, die von einem Patt mit den Tataren nichts hatte wissen wollen. Eine Revolution gegen die fremde Herrschaft, selbst im vierten Jahrhundert ihres Bestehens, würde ihn kaum unthätig gefunden haben. Daß sein Sohn Kin-Fo die politischen Ansichten des Vaters teilte, braucht wohl nicht hinzugesetzt zu werden.

Nun herrschte anno 1860 jener Kaiser S'Hien-Fong, der England und Frankreich den Krieg erklärte – am 25. Oktober des genannten Jahres fand derselbe durch den Frieden von Peking sein Ende –, aber schon vor dieser Zeit bedrohte ein furchtbarer Aufstand die herrschende Dynastie. Die Tschang-Mao oder Tai-ping, die »Rebellen mit langen Haaren« hatten sich 1853 Nan-kings und 1855 Schang-hais bemächtigt. Als S'Hien-Fong starb, war sein jugendlicher Sohn kaum imstande, sich der Tai-ping zu erwehren. Ohne den Vizekönig Li, ohne den Prinzen Kong und vor allem ohne den englischen Oberst Gordon würde er vielleicht nicht imstande gewesen sein, seinen Thron zu retten.

Die sogenannten Tai-ping sind geschworene Feinde der Tataren und besaßen für eine Verschwörerbande eine äußerst kräftige Organisation. Sie verfolgten auch den Zweck, die Dynastie der Tsing durch eine Dynastie der Wang zu verdrängen. Sie bildeten vier verschiedene Korps: Das erste führte ein schwarzes Banner, seine Aufgabe war Mord und Totschlag; das zweite ein rotes Banner mit der Aufgabe, zu sengen und zu brennen; das dritte Korps mit gelbem Banner sollte plündern und rauben, und dem vierten endlich, mit weißem Banner, fiel die Versorgung der anderen drei Korps mit Proviant zu.

Wichtige militärische Operationen fanden in der Provinz Kiang-Su statt. Su-Tscheu und Kia-hing, fünf Meilen von Schang-hai entfernt, fielen in die Gewalt der Empörer und wurden von den kaiserlichen Truppen erst nach Aufwendung großer Anstrengungen zurück erobert. Auch Schang-hai war äußerst stark bedroht und wurde sogar am 18. August 1860 angegriffen, gerade, als die Generale Grant und Montauban, die Oberbefehlshaber der englisch-französischen Armee, die Forts von Pei-Ho kanonierten.

Zu jener Zeit hatte Tschung-He-u, Kin-Fo's Vater, eine Wohnung in der Nähe von Schang-hai inne, unweit der prächtigen Brücke, die von chinesischen Ingenieuren über den Su-Tscheu-Strom geführt worden ist. Dem Taiping-Aufstande stand Tschung-He-u insofern nicht ohne Wohlwollen gegenüber, als er sich in der Hauptsache ja gegen die tatarische Dynastie richtete.

So standen die Dinge, als am Abend des 18. August, nach Vertreibung der Rebellen aus Schang-hai, die Thür von Tschung-He-u's Wohnung aufgerissen wurde, und ein Flüchtling, dem es gelungen war, seine Verfolger von der Spur abzubringen, sich Tschung-He-u zu Füßen warf.

Der unglückliche Mensch besaß keine Waffe mehr zur Verteidigung. Ueberlieferte ihn der Mann, den er um ein Asyl bat, der kaiserlichen Soldateska, so war es um ihn geschehen. Kin-Fo's Vater war nun aber nicht der Mann danach, zum Verräter an einem Tai-ping zu werden, der Zuflucht in seinem Hause gesucht hatte. Er schloß die Thür ab und sagte:

»Ich will nicht wissen, mag niemals hören, wer Du bist, was Du gethan hast, von wannen Du kommst! Du bist mein Gast und als solcher bist Du in Sicherheit bei mir!«

Der Flüchtling wollte sprechen, um seinem Wohlthäter zu danken – er fand kaum Kraft dazu.

»Dein Name?« fragte ihn Tschung-He-u.

»Wang.«

Wang war es wirklich, dem damals Tschung-He-u's Edelmut das Leben rettete, – eine That, die Tschung-He-u selbst das Leben gekostet haben würde, wenn der leiseste Argwohn aufgekommen wäre, daß er einem Rebellen Zuflucht gewährt hätte. Tschung-He-u gehörte aber zu jenen edlen Charakteren des Altertums, in deren Augen jeder Gast als geheiligt galt.

Einige Jahre nachher wurde der Aufstand der Rebellen gänzlich unterdrückt und anno 1864 nahm Kaiser Tai-ping in Nan-king, wo er belagert wurde, Gift, um nicht in die Hände der Mandschu-Truppen zu fallen.

Von diesem Tage an blieb Wang im Hause seines Wohlthäters. Niemals brauchte er Rede über seine Vergangenheit zu stehen. Niemand stellte hierüber Fragen an ihn. Wer weiß, ob nicht aus Furcht, daß man zu viel erfahren möchte! Die von den Rebellen begangenen Greuel waren, wie erzählt wurde, entsetzlicher Art. Unter welchem Banner hatte Wang gestanden? Unter dem gelben, roten, schwarzen oder weißen? Besser schon, man wußte überhaupt nichts und konnte die Illusion wahren, er habe nur unter dem weißen Banner gestanden, also nur in der Proviant-Kolonne gedient.

Wang war übrigens mit dem ihm zu teil gewordenen Geschick mehr als zufrieden und wurde nunmehr Bürger dieses gastlichen Hauses. Nach Tschung-He-u's Tode hielt Kin-Fo darauf, daß Wang ihm blieb, was er dem Vater gewesen war, denn auch er hatte sich an die Gesellschaft dieses liebenswürdigen Menschen so sehr gewöhnt, daß er sich nicht von ihm trennen mochte.

Wahrlich! wer hätte aber auch zu der Zeit, wo diese Geschichte einsetzt, in diesem Philosophen mit fünfundfünfzig Jahren, in diesem Sittenprediger mit der großen Brille, in diesem Hyper-Chinesen mit den schiefen Augen und dem herkömmlichen Schnurrbart einen ehemaligen Taiping, einen Räuber und Mordbrenner, vermutet? Sah er denn nicht in seinem langen Ueberkleid von wenig auffälliger Farbe mit dem zufolge eines beginnenden Fettansatzes bis zur Brust hinaufgerutschten Gürtel, in der nach kaiserlichem Erlaß gehaltenen Haar- und Kopftracht, also unter dem Pelzhut mit aufgekippten Krempen, der über einem Käppchen saß, unter dem Büschel von roten Fädchen hervordrangen – sah er in diesem Aufputze nicht ganz so aus wie ein biederer Professor der Philosophie, wie einer von jenen gelahrten Herren, die die 80 000 Charaktere der chinesischen Schrift an den Fingern ablesen? Wie ein Magister der höhern Grade? Wie ein Streber, der »seinen Doktor« summa cum laude »gemacht« und der nun den Fuß nach Peking durch das Große Thor setzen darf, das dem »Sohne des Himmels« vorbehalten ist!?

Mag sein, daß schließlich der Rebell seine Vergangenheit voll Graus und Schrecken vergaß, daß er durch den Umgang mit dem ehrlichen Tschung-He-u mildern Sinnes wurde und langsam auf die Bahn beschaulicher Philosophie hinüber gelenkt wurde. Und darum traf es sich denn auch, daß Kin-Fo und Wang, die niemals voneinander wichen, zusammen in Canton weilten – darum traf es sich ferner, daß sie beide nach jenem lukullischen Henkersmahle zusammen die Quais absuchten nach jenem Dampfer, der sie rasch wieder nach Schang-hai zurückführen sollte.

Kin-Fo ging schweigend, vielleicht sogar nicht ganz unbekümmert, einher. Wang, bald rechts, bald links blickend, Mond und Sternen vorphilosophierend, schritt lächelnd durch das »Thor der ewigen Reinheit«, das ihm nicht zu hoch für sein eigenes Streben bedünkte, schritt durch das »

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