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Die Drachenfliegeralm

Die Drachenfliegeralm

Die Drachenfliegeralm 

 

 

Mysterythriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

Die Drachenfliegeralm

VORWORT

 

 

Wir sind in guter Ausflugslaune. Über Garmisch-Partenkirchen fahren wir, von München kommend, Richtung Österreich. Es ist ein herrlicher Tag - sonnig und heiß - und das Wettersteingebirge liegt direkt vor unseren Augen. Wir erreichen Unterdorf und fahren die Gebirgsstrasse hoch Richtung Hochplatte. Ein kleines Schild weist auf diese winzige Ortschaft hin. Zwölf Kilometer geht es die Serpentine hinauf, und wir erreichen endlich besagtes Dörfchen. Thea deutet auf ein kleines, verwittertes Schildchen am Straßenrand, auf dem lediglich das Wort...

 

... Drachenfliegeralm

 

steht.

 

„Peter, Schau dir diese alte, verwitterte Drachen-fliegeralm an!“, jauchzt sie begeistert.

 

Ich biege ab.

 

Ich parke unseren Van auf dem Gipfel des Bergs Hochspitze und wundere mich, dass wir die einzigen Leute weit und breit sind. Ein leichter Wind, der von Westen über den Berg zieht, macht die Temperatur etwas erträglicher.

 

 

Der südliche Rand der winzigen Ortschaft Hochplatte liegt keine hundert Meter von unserem Punkt, vielleicht zehn bis fünfzehn Meter tiefer liegend, entfernt. Sicherlich leben hier oben in luftiger Höhe nur absolute Frischluftfanatiker, überlege ich. Von unserem Platz kann man die paar Häuser gut überblicken, die abgerissen wirken. Es sind höchstens fünfzehn, zwanzig verwitterte Häuschen, die dort, geschützt an dem steilen Hang, kleben. Direkt gegenüber steht die Felswand, von der offensichtlich in früheren Zeiten mutige Drachenflieger gesprungen waren. Kein Mensch ist auf der schmalen Straße zu sehen. Aber dass hier niemand ist, liegt sicherlich an der großen Hitze.

 

Wir steigen aus und laufen langsam Richtung Drachenfliegeralm. Sie sieht heruntergekommen aus, diese ehemals sicherlich wunderschöne Alm. Das sehen wir schon von auf den ersten Blick. Und auf dem schiefen Schildchen, das über dem ehemaligen Eingang zur Terrasse hängt, steht kaum lesbar:

 

Geschlossen.

 

„Was heißt hier geschlossen, Peter?“, fragt Thea, und sie fährt fort: „Wissen die Leute denn nicht, was für eine Goldgrube diese kleine Station sein könnte?“

„Ja, Thea, das ist mir auch nicht ganz verständlich. Schau dir da vorne das Plateau an. Von dort sprangen wohl die Drachenflieger in die Tiefe.“

 

Wir gehen gemächlich um die Alm herum. Das gesamte Anwesen ist verwildert. Bizarre Gebüsche prägen das Bild. Sicherlich ist die Alm schon Jahre geschlossen, wie es scheint. Die Wände des Steinbaus sind vollkommen herunter, und das Schindeldach ist von den Windböen und starken Stürmen, die hier oben sicherlich herrschen, zum Großteil abgetragen. Der kleine Kamin ragt jämmerlich aus dem Dach. Kaputte Schindeln liegen um das Anwesen herum, und hier und dort sieht man defekte Stühle mit zwei oder drei Beinen, sowie eine umgestürzte Holzbank. Ja, und natürlich ist alles voller Schmutz.

 

„Ich möchte hier nicht aufräumen.“

„Ja, Thea, das wäre sicherlich eine Arbeit ohne Ende.“

„Ich verstehe nicht, dass man solch ein wunderbares Anwesen dermaßen herunterkommen lässt.“

„Ja, es ist eine Schande. Die Strasse ist soweit in Ordnung, zumindest bis zur Alm, und von dem göttlichen Ausblick von hier oben möchte ich gar nicht sprechen.“

 

Wir befinden uns nun auf besagtem Plateau. Auf dem obersten Punkt der Hochspitze. Besser gesagt, der...

 

... Hochspitzwand.

 

Diese steinerne Platte, die auf den ersten Blick absolut waagrecht erscheint, zieht sich etwa dreißig Meter an der Alm entlang. Sie ist gut zehn Meter breit. Ein aus dicken Eisenstäben gefertigter Zaun, der in den Stein eingelassen ist, verhindert ein versehentliches Abstürzen von Kindern oder Leuten, die sich zu nahe heranwagen. Und sie, diese Platte, endet im...

 

... Nichts.

 

Ja, so könnte man es wohl benennen. Die Anlaufstelle für die Segler, die hier früher sprangen, ist ebenfalls in den Boden eingearbeitet. Sie ist etwa drei Meter breit, und der Rand links und rechts erhebt sich ungefähr zwanzig Zentimeter von der restlichen Platte. Als wir an den Rand des Plateaus herantreten, besser gesagt, an die schützenden Eisenstäbe, sehen wir, dass es senkrecht abwärts geht. Fast ohne Ende. Eine Gänsehaut jagt über meinen Rücken. Das riesige Massiv, das sich unter uns befindet, endet in einem fast unsichtbaren, schwarzen Tal.

 

In einem großen, finsteren Loch.

 

Unser Blick wandert wieder nach oben. Der Ausblick ist wirklich atemberaubend. Unter uns befinden sich weitere Berge, die aber niedriger sind.

 

„Wahnsinn, Peter. Wir sind direkt über den Wolken.“

„... über den Wolken, Thea.“

„Und diese Felswand dort links ist ja geradezu unglaublich! Sie ist genauso senkrecht, wie diese Wand hier, auf der wir stehen, und sicherlich einen Kilometer breit.“

„Ja, und eineinhalbtausend Meter tief.“

„Mindestens, Peter. Sie steht genau im rechten Winkel zu dieser Wand.“

 

Wir gehen vorsichtshalber ein paar Meter vom Rand des Plateaus zurück und setzen uns auf einen heißen Stein:

 

„Peter, was hältst du von meiner Idee...“

 

Und genau hier, auf diesem alten, heißen Stein, entwickelt sich unsere gemeinsame Zukunft...

 

xxx

 

Seit diesem besagten Tag - es war der 07.07.2003 - ist inzwischen exakt ein Jahr vergangen. Wir kauften die Drachenfliegeralm zu einem verdächtig günstigen Preis. Aber wir waren natürlich froh darüber, dieses ehemalige Prunkstück so günstig gekriegt zu haben. Man beglückwünschte uns in der Gemeindeverwaltung in Unterdorf, und so stand einer kompletten Renovierung nichts mehr im Wege. Über die Vorbesitzer wurde lediglich erwähnt, dass sie irgendwann - bei Nacht und Nebel - die Alm verlassen hatten. Irgendwer erwähnte am Rande, dass der Name des Ehepaares Schneider war. Anneliese und Max Schneider. Nun gut. Wir fragten auch nicht weiter nach den Gründen ihres Verschwindens, denn es interessierte uns nicht.

 

Das Meiste machten Thea und ich selbst. Natürlich half uns auch Bettina, Theas Tochter aus erster Ehe, dabei, wenn sie Zeit hatte. Zwei professionelle Handwerker erledigten das Schwierigste: Die groben, schweren Arbeiten, die ich nicht ausführen konnte. Unsere finanziellen Rücklagen schwanden dahin...

 

„Thea, morgen ist die Eröffnungsfeier.“, sage ich, und lege meinen Arm, um ihre schmale Schulter. Sie klatscht vor Freude in die Hände. Sie kann sich wie ein kleines Kind freuen, und genau das gefällt mir so sehr an ihr.

„Die Prospekte sind alle draußen, Paps.“

„Danke, Bettina. Wann hast du sie denn eueren Reisebüro-Broschüren beigelegt?“

„Schon Ende letzter Woche. Frau Huber hatte nichts dagegen. Ich bin ja gespannt, wie die Resonanz sein wird.“

„Ja, jetzt können wir nur hoffen, dass auch genügend Drachenflieger kommen werden.“

„Ich denke, dass wir das Hauptgeschäft mit den Gästen machen, die nur auf einen Sprung vorbeikommen - Leute, die den Ausblick genießen wollen.“, antwortet Bettina. Sie fährt fort: „Versteift euch also nicht zu sehr auf die Drachenflieger.“

„Es ist doch letztendlich völlig egal, Bettina, wer das Geld bringt. Hauptsache, es kommt jemand.“

„Ja, Mutti.“

„Sind die Zimmer fertig?“

„Ja, Peter.“, lacht Thea. „Genau, wie ich.“ Sie atmet tief durch. Man sieht ihr die Strapazen der letzten Monate an.

„Es war eine Menge Arbeit.“, bestätige ich stirnrunzelnd.

 

Unsere Drachenfliegeralm sieht aus, wie aus dem Ei gepellt. Das Dach ist komplett erneuert. Die alten Dachschindeln mussten stabilen Ziegeln weichen. Das gesamte Gebäude, inklusive dem kleinen, separat stehenden Nebengebäude, (man könnte es auch als Hütte bezeichnen) in dem unter anderem die Drachen der zukünftigen Gäste deponiert werden sollen, ist außen neu verputzt und heruntergeweißt. Auch die Türen sind neu. In diesem kleinen Häuschen haben wir vorerst unsere Getränkevorräte untergestellt.

 

„Wenn das Häuschen mit den Drachen gefüllt ist, Thea, dann bringen wir die Getränke eben ins große Haus. Wir werden dafür schon noch einen geeigneten Platz finden.“

„Ja, ja. Das machen wir.“

 

Aber am schönsten ist der Aufenthalts- bzw. Gäste- und Speiseraum geworden: Michael, ein Jäger, der seit längerer Zeit zu unseren Freunden gehört, verkaufte uns ein Dutzend Hirschgeweihe, die im Gästeraum ihren Platz fanden. Die Einrichtung ist aus stabilem Eichenholz. Die Atmosphäre ist einzigartig, könnte man wohl sagen.

 

An der neu geteerten Zufahrt zu unserer Alm, an der etwa zwanzig Autoparkplätze errichtet wurden, steht ein brandneues, auffallendes Schild mit der Aufschrift:

 

DRACHENFLIEGERALM

Inh.: Familie Mooshammer.

 

Sogar die Anlaufstelle für die Flieger haben wir neu betoniert. Nun ist der Boden völlig glatt, aber nicht rutschig. Er ist grob gekörnt. Die Sicherungstüre, die drei Meter breit ist und einen Schiebemechanismus besitzt, schützt vor unfreiwilligen Abstürzen. Sie wird nur geöffnet, wenn jemand springt. Die zuständigen Ämter gaben für die komplette Anlage ihren Segen, und jetzt fehlen zu unserem vollkommenen Glück nur noch...

 

... die Gäste.

 

Wir Drei sitzen vor der Alm auf einer äußerst stabilen und witterungsfesten Holzbank. Es ist bestialisch heiß und der Ausblick ist phänomenal. Wir sind aufgeregt, denn wir wissen nicht, wie sich unsere „Neuinstandsetzung“ in Österreich, Deutschland und der Schweiz herumsprechen wird. Werden wir alleine hier sitzen, und uns die Köpfe zerbrechen, wie wir die Unkosten decken können? Nein. Daran glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass überall bekannt wird, dass die Drachenfliegeralm am 07.07.2004 neu eröffnet wird. Ich sage mir: „Wenn man von einer Sache nicht überzeugt ist, sollte man sie erst gar nicht anpacken.“ Aber wir waren von Anfang an davon überzeugt, und sind es heute noch.

 

Plötzlich sagt Bettina, ihre Mutter am Arm zupfend: „Ich glaube, wir kriegen unseren ersten Gast.“

„Tatsächlich. Er kommt direkt auf uns zu.“, flüstert Thea.

„Warum flüstert du denn?“, frage ich sie.

„Weil ich so aufgeregt bin.“

 

Wie gesagt: Ein alter, gebückt gehender Mann kommt die kleine Anfahrt hoch. Er stützt sich beim Gehen auf einen dicken, gedrechselten Spazierstock, der einen silbernen Knauf hat. Als er die Terrasse erreicht, betrachtet er zuerst uns, und dann die Alm. Dann wandert sein Blick über die phantastische Aussicht. Er nickt uns kurz zu, und läuft langsam zu der Absprungschanze der Drachenflieger. Er betritt sie und geht bis zum äußersten Rand des Felsens. An der Sicherungstüre hält er sich fest.

 

Und er starrt nach links.

 

Direkt auf die riesige, senkrechte Wand, die in der Sonne wie geschliffen aussieht. Er bewegt sich nicht, und man könnte fast annehmen, dass er irgendetwas sucht...

 

„Was hat er denn vor?“, fragt Bettina ängstlich.

 

Hat sie etwa Angst, dass er die Türe öffnet und sich fallen lässt? Hinunter in diese wahnsinnige, tödliche Tiefe?

 

„Nichts. Er schaut nur.“, beruhige ich sie.

 

Nach etwa einer Minute dreht er sich um und kommt direkt zu uns. Er brummt: „Habt ihr ein Bier für mich?“ Er setzt sich mit zu uns auf die Holzbank und stützt seine dürren Arme auf den schweren Holztisch. Er schaut uns der Reihe nach an, und er wirkt etwas müde.

„Welches wollen Sie denn? Ein Helles, ein Weizen oder ein Pils?“, fragt ihn Thea höflich, wie es sich für eine gute Wirtin gehört.

„Ein Dunkles.“

Thea schaut mich an: „Haben wir auch dunkles Bier?“

„Ja, Thea. Bleib sitzen. Ich hole es ihm.“

„Aber bitte eiskalt, ja?“ Das Gesicht des Mannes ist ungeheuer faltig. Seine Haut sieht aus wie gegerbtes Leder. Er hat langes, wirres Haar und er trägt einen weißen Vollbart. Seine Kleidung ist typisch für diese Gegend: Windjacke, Lederhose und Bergstiefel. Er wirkt auf mich trotz seines hohen Alters sehr gesund.

 

Wer ist der Alte? Wieso hatten wir ihn im Laufe des letzten Jahres noch nicht gesehen? Er muss hier oben leben, denn er kam ohne Fahrzeug. Wahrscheinlich, so überlege ich, gehört ihm eines dieser Häuschen direkt unter uns. Ein alter Bewohner des Gebirgsdörfchens Hochplatte...

 

Als ich zurückkomme und ihm das Bier bringe, unterhält er sich gerade mit Thea. Sie fragt ihn:

 

„Wir kennen uns ja noch gar nicht. Wohnen sie hier oben in Hochplatte?“

„Ja, das letzte Häuschen auf der rechten Seite ist meines.“

„Waren Sie denn immer in Ihrem Häuschen?“, bohrt sie neugierig.

„Wie - immer?“ Er trinkt einen kräftigen Schluck, leckt sich den Schaum von den Lippen, und wie es aussieht, schmeckt es ihm ganz hervorragend.

„Ah!“, ist sein genussvoller Kommentar.

„Nun, wir haben Sie hier noch nie gesehen.“

Er grinst: „Also, ich bin der Bergsepp. Alle Leute, die mich kennen, nennen mich so. Ich bin fast das ganze Jahr in den Bergen unterwegs.“ Er nimmt seinen Trachtenhut ab und legt ihn vor sich auf den Tisch.

„In deinem Alter?“, wirft Bettina ungläubig ein.

„Wieso? Sehe ich so alt aus?“

„Nein. Natürlich nicht. Aber du bist ja bestimmt schon über Fünfzig.“

„Ja, mein Kind. Das bin ich wohl.“ Er lächelt sie an. Offenbar mag er sie, weil sie zu ihm so offen ist.

Ich setze mich zu ihm und trinke einen Schluck von meinem Bier: „Du bist also der Bergsepp. Und wir sind die Familie Mooshammer. Thea, Bettina und ich. Peter ist mein Name. Wir freuen uns, dich kennen gelernt zu haben. Morgen ist die Eröffnung - nein, die Wiedereröffnung - der Drachenfliegeralm. Da du gewissermaßen unser erster, inoffizieller Gast bist, geht das Bier natürlich auf unsere Kosten.“

Er starrt mich plötzlich an und knurrt:

 

Du sagtest morgen?

Ist nicht morgen der 07.07.?“

 

„Ja, wieso?“

Er antwortet nicht. Aber er schaut etwas seltsam.

Bettina sagt zu ihm: „Ist der 07.07. etwa ein besonderer Tag?“

„Ja, am 07.07.1997 kam meine geliebte Anna dort drüben (er deutet mit dem Zeigefinger auf die riesige Felswand linker Hand, zu der er vorhin so intensiv hinübergeschaut hatte) zu Tode.“

„Und wie geschah das? Ist sie von dem Fels gestürzt?“, frage ich ihn.

Traurig blickt er mich an: „Nein, sie wurde zerquetscht. Zermalmt.“

„Wie kam das denn?“, fragt Bettina ihn bestürzt.

„Ein Flugzeug radierte sie aus. Restlos. Ja, restlos.“

Bettina fragt ihn betroffen: „Ein Sportflugzeug?“

„Nein, es war eine Verkehrsmaschine. Eine Boing 727. Zwei Piloten, zwei Stewardessen, eine Lehrerin und...

 

... 77 Kinder...

 

saßen in dem Flugzeug.“

 

Absolute Stille. Ich denke, mich trifft der Schlag. Das kann doch nicht sein. Ist der Alte verrückt? Ja, genau so sieht er auch aus. Er sollte keinen Alkohol trinken. Aber natürlich fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Dieser schlimme Absturz, damals im Jahr 1997, hier im Norden von Österreich. Aber natürlich wussten wir davon. Was wir aber nicht wussten, ist die Tatsache, dass der Absturz...

 

... genau hier war.

Direkt vor unserer Alm.

 

Niemand, keine Menschenseele, hatte uns davon erzählt. Weder der Bürgermeister, noch die Beamten, die Brauerei, noch irgendein Anwohner...

 

... niemand.

 

Wir sitzen da und schweigen, denn dazu gibt es wohl nichts zu sagen. Wir sind zutiefst erschüttert, und mein Mund ist vollkommen ausgetrocknet. Erst jetzt, in dieser furchtbaren Minute, wird uns klar, wieso diese wunderschöne Alm sieben Jahre lang leer stand. Kein Mensch wollte hier, an diesem Platz, weiterhin sein. Niemand wollte von dieser Rampe aus...

 

... Drachenfliegen.

 

Bettinas und Theas Blicke sprechen Bände. Sie sind von der Aussage des Greises zutiefst betroffen. Dort drüben, keine dreihundert Meter von uns entfernt, soll wirklich ein Flugzeug in die Wand geknallt sein? Eine richtige Verkehrsmaschine? Das ist ja grauenhaft! Alleine der Gedanke daran macht mich völlig konfus.

 

Der Alte blickt wieder hinüber, zu besagter Wand, und sagt: „Ich war der einzige Augenzeuge.“

„Du warst...“, keucht Thea. Ihr Gesicht ist feuerrot.

„Ja, ich stand an diesem Tag - es war genau 17.17 Uhr - hier auf Ihrem Plateau und winkte Anna zu. Sie stand dort drüben und winkte zurück. Und dann hörte ich plötzlich dieses furchtbare Geräusch.“

„Erzähle weiter.“, dränge ich ihn.

 

Er trinkt wieder einen Schluck und fährt dann fort: „Das Motorengeräusch kam von der rechten Seite. Von Westen. Ich schaute hinüber und sah, dass sich eine brennende Verkehrsmaschine mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit näherte. Sie raste dort drüben über die Bergspitzen, und ich dachte schon, dass sie an einem der Gipfel hängen bleiben würde. Dann sah ich wieder zu Anna und erkannte, dass sie völlig paralysiert war. Sie stand dort oben auf dem Plateau und wirkte vollkommen versteinert. Ihre Arme waren weit geöffnet, und es sah so aus, als ob sie die auf sie zurasende Maschine empfangen wollte. Ich schrie ihr zu, dass sie doch davonrennen sollte, aber sie hörte mich natürlich nicht.

 

Dann brach das Inferno über Hochplatte herein.

 

Ich hielt mir die Ohren zu, weil dieses pfeifende, giftige Geräusch unerträglich laut wurde. Die Maschine raste auf uns zu, keine zweihundert Meter an meinen Augen vorbei...

 

... und knallte direkt an die Wand.“

 

Er stockt. Und er fängt an, zu weinen. Thea setzt sich nahe zu ihm und legt ihren Arm um seine magere Schulter.

 

„Entschuldigt. Aber jedes Mal, wenn ich an diesen Platz komme, sehe ich die brennende Maschine direkt vor meinen Augen. Dazu diese furchtbaren Geräusche, und dann dieser ohrenbetäubende Knall. Ich sage euch: Es war unbeschreiblich.“

„Das glauben wir dir.“, sage ich zu ihm tröstend. „Es tut uns sehr leid für dich.“

„Das Grauenhafteste war der Aufprall. Diese unglaubliche Explosion. Es klang wie ein Urknall, und es hatte den Anschein, als ob der Fels die komplette Maschine auffressen würde. Sie in sich aufnehmen, sie inhalieren würde. Es schien, als ob die Maschine von dem Fels komplett verschluckt würde. Tausende von Steinsplittern und Metallteile flogen umher, die mich aber merkwürdiger Weise nicht trafen, und dann war da noch...“

„Was?“

 

Dieser ätzende Geruch.

Es roch nach verbranntem Fleisch.“

 

„Das ist ja grauenhaft.“, jammert Thea.

Er starrt mich an und ächzt: „Ich bildete mir ein, Schreie gehört zu haben.“

„Schreie? Das kann doch nicht sein.“, antworte ich.

„Ich hörte sie aber. Durchdringende, grausame Schreie.

 

Kinderschreie.“

 

Er atmet tief durch. Dann holt er mühsam seinen Schnupftabak heraus. Mir fällt sofort diese herrliche, handgearbeitete Dose auf. Und er schnupft. Intensiv. Dieser alte Mann.

 

Bettina erwacht aus ihrem ersten Schock: „Du hörtest Kinderschreie?“

„Ja. Sie brüllten wie am Spieß. Sie übertönten fast die krachenden und berstenden Geräusche der defekten Motoren.“

„Das ist ja fürchterlich.“, wispert Thea. Ihr Blick ist weit entrückt.

 

Und über meinen Rücken jagt eine Gänsehaut.

 

Mit Tränen in den Augen blickt Thea zu mir auf und sagt leise: „Was sollen wir jetzt tun, Peter?“

 

Eine gute Frage.

 

Bergsepp (es dürfte sein Spitzname sein) hat sich scheinbar wieder etwas beruhigt. Thea bringt ihm unaufgefordert sein zweites Bier. Eiskalt, versteht sich.

 

„Entschuldigt, aber hattet ihr denn von dieser Katastrophe nichts gewusst?“

„Wir wussten es natürlich aus der Presse, aber wir ahnten bis heute nicht, dass sich diese Sache genau hier abgespielt hatte.“, antworte ich mit einem Kratzen in der Stimme.

„Ihr macht euch keinen Begriff, wie es nach dem Aufprall unten im Tal aussah.“

„Wir können es uns vorstellen.“, antwortet Thea.

Er betrachtet sie intensiv: „Liebe Thea, das glaube ich nicht.“

 

Er trinkt sein Bier aus, bedankt sich und verlässt uns. Als er unter unserer Alm verschwunden ist, sagt Bettina: „Mein Gott. Was für ein Wahnsinn.“

„Ja, er ist ein gebrochener Mann.“, meint Thea nachdenklich.

„Wenn man dieses vor uns liegende Massiv betrachtet, kann man fast nicht glauben, was hier passiert ist. Es wirkt so ruhig und gelassen auf mich, als ob es sagen möchte, dass die Geschichte des Alten nur erfunden ist.“

„Schön wäre es, Paps. Aber ich befürchte, dass er die Wahrheit sagte. Solch eine furchtbare Sache kann man sich nicht so einfach aus den Fingern saugen.“

„Ja, Bettina. Ich gebe dir voll und ganz recht. Wir müssen jetzt das Beste daraus machen.“

Thea hat sich wieder etwas gefangen: „Ich denke, dass die Menschen nach dieser langen Zeit nicht mehr daran denken.“

„Hoffen wir es, Thea. Mich ärgert nur, dass es uns niemand erzählt hat. Ich meine damit Bernhard Berghammer, unseren Bürgermeister, seine Mitarbeiter, oder sonstige Leute von dieser Gegend. Andererseits können wir niemandem einen Vorwurf machen. Schließlich hätten wir uns vorher genau erkundigen müssen, wieso die vorherigen Besitzer die Alm damals so schnell verlassen hatten.“

„Wer kommt denn auf so etwas Grauenhaftes, Peter? Außerdem glaube ich, dass sie alle voraussetzten, dass wir von dem Unglück wussten.“

„Ja, es war unsere eigene Schuld. Aber wenn ich es mir recht überlege, kommt es mir fast so vor, als ob man uns bewusst ins offene Messer laufen ließ.“

Bettina schließt ab: „Sei es, wie es wolle. Wir werden die Flinte nicht ins Korn werfen. Und wir können für unsere Unwissenheit und Dummheit auch niemanden verantwortlich machen.

 

Nur uns selbst.“

 

xxx

 

Der 07.07. ist angebrochen. Das Wetter spielt glücklicherweise mit. Es weht ein leichter Wind, (ich brauche es nicht zu betonen, denn hier oben weht das ganze Jahr über ein, mehr oder weniger, leichter, bis starker Wind) und wir erwarten mit Spannung die ersten Gäste. Die Temperatur ist heute wieder sehr hoch. Es ist schon zehn Uhr am Vormittag und es tut sich nichts.

 

„Meine Chefin lässt sich entschuldigen, Paps. Sie muss schließlich im Reisebüro bleiben, wenn ich schon für heute Urlaub habe.“

„Klar. Einer muss ja schließlich die Stellung halten.“

 

Doch dann geht es plötzlich los: Ein paar Autos kommen die schmale Strasse hochgefahren. Da die winzige Ortschaft Hochplatte gewissermaßen eine Endstation ist - die Strasse führt also nur bis zu Bergsepps Haus weiter und endet dann - wissen wir, dass es sich um Touristen handeln muss. Jedoch wir irren uns: Wir spähen neugierig Richtung Parkplätze und sehen zu unserem Erstaunen, dass der erste Wagen, der einparkt, der des Bürgermeisters ist. Es folgen drei weitere Fahrzeuge. Und am Ende der Kette sehe ich Manfreds Auto. Er ist inzwischen mein bester Freund.

 

Berghammer steigt, zusammen mit zwei Damen, aus seinem dicken Audi aus und winkt uns fröhlich zu. Bei seinen Beifahrerinnen handelt es sich übrigens um seine Frau Annabella und ihre gemeinsame Tochter Daniela. Bernhard schwenkt gut gelaunt seinen Tirolerhut hin und her. Eine Traube von zehn Leuten nähert sich unserer Alm. Thea, Bettina und ich stehen voller Erwartung auf der kleinen Terrasse, die mit hübschen Blumenkästen umgeben ist. Die Leute erreichen uns, und wir begrüßen unsere ersten Gäste. Großes Hände schütteln. Unsere Gäste freuen sich offensichtlich, dass die Drachenfliegeralm endlich wieder in Betrieb ist. Natürlich wechsele ich schnell mit Manfred ein paar kurze Worte, bevor ich mich den Anderen zuwende.

 

Unsere Gäste bekommen - ich würde sagen, traditionsgemäß - zur Begrüßung ein Schnäpschen (einen Enzian), und sie begutachten alles mit großer Neugier. Wir hören Komplimente von allen Seiten: Hinsichtlich der Alm an sich, der sauberen Anlage ringsum und natürlich auch wegen der gepflegten und blitzsauberen Inneneinrichtung. Auch Bettinas wunderschöne und hochmoderne Küche wird - natürlich von den Damen - sehr bewundert.

 

„Schön haben Sie es hier, Frau Mooshammer.“, sagt die Bürgermeisterfrau.

„Die Alm sieht wie neu aus, Bettina.“, lobt ihr Gemahl.

„Der Ausblick kommt mir jetzt noch prächtiger vor, als je zuvor.“, lispelt Daniela. Ich sage es nicht gerne, aber sie ist ein ausnehmend hässliches Mädchen. Ihr Vater kann nur beten, dass sie irgendwann einen Mann findet.

„Sie haben ganze Arbeit geleistet, Herr Mooshammer.“ Bestätigt Bernhard mit leichtem Schulterklopfen.

„Die Drachenflieger werden sich freuen.“, meint Daniela. Ihre Zahnspange, die in der Sonne glänzt, behindert sie etwas beim Sprechen. Die Ärmste.

„Ja, besonders auch darüber, dass sie übernachten können.“, erklärt Annabelle.

 

Nach einigen Minuten setzen sich die Leute. Es sind, abgesehen, von Bernhards Familie, seine Mitarbeiter, Beamte vom Gewerbeaufsichtsamt und Angestellte von der Gemeindeverwaltung anwesend. Nachdem jeder unserer Gäste sein Getränk nach Wunsch bekommen hat, und alle auf der Terrasse sitzen, ergreift der Bürgermeister das Wort. Er steht auf und bittet mit einer knappen Geste um Ruhe:

 

Liebe Familie Mooshammer. Es ist uns allen eine große Freude, mit Ihnen hier sein zu dürfen. Wie es nicht anders zu erwarten war, haben Sie ganze Arbeit geleistet. Die Drachenfliegeralm steht hier, an diesem wunderbaren Fleckchen Erde im Wettersteingebirge, in all seiner Pracht. Natürlich hatten wir Ihre Arbeit in den letzten Monaten mit größtem Interesse beobachtet. Ich hoffe, Sie fühlten sich von uns nicht gestört (er lacht) - aber ich muss ehrlich zugeben, dass das Ergebnis meine Erwartungen bei Weitem übertroffen hat. Natürlich werden wir - soweit es in unserer Macht steht - Ihre, nein, unsere Alm, bekannter machen, als je zuvor. Verzeihen Sie uns, dass wir über die Vergangenheit kein Wort erwähnt hatten, aber wir setzten natürlich voraus, dass Sie davon so Einiges wussten. Umso mehr freuen wir uns, dass Sie Durchhaltevermögen bewiesen haben und der Sache ins Auge sehen. Bettina, Ihre Tochter, die ja in unserem kleinen Reisebüro in Unterdorf beschäftigt ist, sitzt gewissermaßen an der Werbequelle. Sie werden sehen, dass Sie sich schon in absehbarer Zeit vor Gästen nicht retten können. Und genau das braucht Unterdorf:

 

Tourismus.

 

Wir leben hier vom Tourismus, wie Sie alle wissen. Ich, und meine geschätzten Mitarbeiter, sehen der weiteren Zukunft der Drachenfliegeralm äußerst positiv entgegen.“

 

Er hebt sein Weizenbierglas, und die gesamte Runde stößt mit uns an. Ich erhebe mich ebenfalls, während sich Bernhard setzt:

 

Ich bin kein großer Redner. Wir danken Ihnen für Ihr Erscheinen und Ihre gute Laune. Es freut uns sehr, dass Sie unser Vorhaben so positiv sehen. Es war eine Menge Arbeit, Zeit und Geld erforderlich, um die Alm so herzurichten, dass sie wieder so ist, wie sie sein sollte: Ein Schmuckstück. Sehen wir unserer gemeinsamen Zukunft ohne Zögern entgegen. Wir, die Familie Mooshammer, sind uns sicher, dass wir unser gestecktes Ziel erreichen werden: Erholung für die Gäste, Freude am Fliegen, schöne Tage und natürlich hervorragende Speisen und Getränke. Lassen Sie uns vorwärts schauen, denn was zurück liegt, ist vorbei. Für immer.“

 

Alle klatschen. Man hebt die Gläser und stößt an. Die Stimmung ist blendend. Ich sehe, wie sich mein Freund Manfred intensiv mit Bettina unterhält. Es ist offensichtlich, dass sie ihm gefällt. Ihm, dem Herrn Sportartikelvertreter. Er ist zwar mehr als zwanzig Jahre älter als sie, aber das stört ihn offensichtlich überhaupt nicht.

 

Ob sie seine Meinung wohl teilt?

 

Gegen Mittag serviert Thea die bestellten Speisen. Es schmeckt vorzüglich, wie die Leute bestätigen.

 

Natürlich haben wir auch an den Außenwänden der Alm kleine, aber sehr gute Lautsprecher angebracht. Wohldosiert ertönt aus diesen kleinen Kästen moderne, unaufdringliche Musik.

 

Es ist genau fünfzehn Uhr dreißig, als uns die ersten, fremden Gäste beehren. Ein schwarzer Van schleicht die Strasse nach oben. Er parkt neben den anderen Autos, und zwei junge Leute steigen aus. Es handelt sich um ein Pärchen, und sie haben ihre Drachenfliegerausrüstung bei sich. Bevor sie jedoch die Gleiter aus dem Fahrzeug holen, (sie stellen sie nur an den Wagen) schauen sie sich neugierig um. Dann kommen sie händchenhaltender Weise die Auffahrt empor gelaufen.

 

Als sie die vielen Leute sehen, glätten sich ihre etwas angespannten Gesichtszüge. Sie waren sich wohl nicht sicher, ob die Alm wirklich neu eröffnet hat.

 

Sie setzen sich auf eine andere Bank, etwas abseits. Thea kommt natürlich sofort auf sie zu und fragt nach ihren Wünschen. Sie bestellen zwei Portionen Kaffee und blicken sich interessiert um. Ich sehe, wie sie sich mit Thea angeregt unterhalten, als sie das Gewünschte serviert. Der junge Mann deutet dabei einige Male auf die seitlich gegenüberlegende Felswand. Die Schicksalswand. Thea nickt freundlich und widmet sich dann wieder ihren Gästen.

 

Sie wissen es also, durchfährt es mich.

 

Das Pärchen steht, nachdem es seinen Kaffee ausgetrunken hat, (natürlich ging auch dieser auf Kosten des Hauses) auf, und läuft zu seinem Wagen hinunter.

 

Thea kommt auf mich zu: „Peter, sie wussten von dem Unglück.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich. Sie erzählten mir davon.“

„Verlassen sie uns schon, Thea?“

„Nein. Sie sind unsere ersten Flieger.“

„Toll. Es wurde auch Zeit.“, lache ich. Ich fühle mich irgendwie erlöst. Der Bann dürfte wohl gebrochen sein.

 

Bettina gesellt sich zu uns. Sie hat ihre Kochkünste ganz hervorragend unter Beweis gestellt. Eben ganz, wie ihre Mutter. Wenn man die Beiden so ansieht, könnte man sie fast für Schwestern halten. Aber eben nur fast.

 

„Paps, ich glaube, dass ich mir irgendwann auch eine Drachenfliegerausrüstung kaufen werde.“

„Ist das dein Ernst?“

„Ja. Ich denke schon. Schließlich sitze ich ja direkt an der Quelle.“

„Du willst es also auch irgendwann wagen, Bettina?“

„Es könnte sein.“

„Also, ich habe nicht den Mut, mich von dieser Kante ins Nichts zu stürzen.“ Sage ich zweifelnd.

 

Unser Gespräch bricht ab, weil wir von den Gästen gerufen werden. Bettina widmet sich dem Nachtisch in der Küche, und Thea bedient. Ich zünde mir eine Zigarette an und werfe einen langen Blick über diese herrlichen Berggipfel. Wie überlegen diese Berge auf die Seele einwirken! Diese majestätischen Gipfel sind einfach grandios. Und plötzlich schießt es mir durch den Kopf: Heute vor 7 Jahren geschah das Unglück. Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr: Es ist genau siebzehn Uhr. Bergsepp sagte, um 17.17 Uhr...

 

Ich sitze inmitten der albern lachenden Menschen, die unsere ersten Gäste sind, und meine Kehle trocknet plötzlich aus. Von einer Sekunde auf die andere.

 

Ich habe Angst.

Angst vor dem, was kommen könnte...

 

Manfred, der neben mir sitzt, haut mir auf die Schulter. Und ich erschrecke zutiefst: „Was hast du denn, Peter?“, flüstert er mir zu.

„Heute vor sieben Jahren...“

„Ja, ich weiß. Es geschah genau um 17.17 Uhr.“

„Woher weißt du es?“

„Von Thea. Sie erzählte es mir vorher in der Küche.“

 

„Jetzt ist es gleich soweit.“

 

Die anderen Leute kriegen von unserem Gespräch nichts mit. Und das ist gut so. Die Stimmung würde sicherlich von einer Sekunde auf die andere in den Keller fallen, wenn sie wüssten, worüber wir uns so angeregt unterhalten.

 

Oder noch tiefer...

 

Ich sehe, wie die beiden jungen Leute inzwischen ihre Ausrüstung hoch geschleppt haben. Sie stehen nun mit ihren Gleitern auf der „Anlaufschanze“ und schnallen sich an. Sie überprüfen alles aufs Genaueste, und unsere weiteren Gäste verfolgen gespannt ihr weiteres Handeln. Ich schaue auf meine Armbanduhr: Es ist genau 17.16 Uhr. Was für ein unglaublicher Zufall, durchfährt es mich.

 

Thea und Bettina stehen keine fünf Meter neben den beiden jungen Leuten. Sie geht an das Türchen heran und öffnet es. Es schwingt von alleine zurück. Eine Stahlfeder macht dies möglich. Manfred schaut nun auch auf seine Uhr:

 

„Es ist genau 17.17 Uhr, Peter.“, sagt er leise.

Und der junge Mann nimmt Anlauf und springt...

 

Es ist ein phantastischer Anblick, und ich bewundere seinen Mut. Nun läuft auch die junge Frau los. Sieben, acht große Schritte, und der Abgrund tut sich vor ihr auf. Wie zwei bunte Vögel fliegen die Beiden durch die Lüfte. Unsere Gäste sind natürlich allesamt aufgestanden und klatschen Beifall. Auch wir klatschen begeistert. Irgendwer fotographiert das fliegende Pärchen.

 

Manfred flüstert mir zu: „War das ein gutes, oder ein schlechtes Omen?“

„Du meinst, weil sie genau um 17.17 Uhr los geflogen sind?“

„Ja.“

„Ich hoffe, ein gutes, Manfred.“

 

Wir beobachten die beiden Flieger mit Argusaugen. Ich werfe einen kurzen Blick über die Gesichter der Leute und komme zu dem Schluss, dass ich bei fast allen eine gewisse Sensationsgier beobachten kann. Täusche ich mich, oder warten sie auf etwas Bestimmtes?

 

Auf einen Absturz?

 

Ja, genau so empfinde ich ihr Verhalten. Sie sind eine gierige Meute, die nur darauf wartet, dass sich einer der beiden Segler schließt. Ja, und genau das wäre es dann. Ich darf gar nicht daran denken. Die Folgen wären für den Betroffenen - und natürlich auch für uns – unausdenkbar.

 

Thea, Bettina und ich stehen direkt an dem furchtbaren Abgrund und verfolgen mit gemischten Gefühlen den weiteren Flug der beiden jungen Leute. Irgendwann verlieren wir sie aus den Augen, denn sie verschwinden zwischen zwei anderen, kleineren, mit Wolken verhangenen Bergen...

 

Ich frage Bettina: „Und wie kommen sie jetzt wieder zurück? Holst du sie mit unserem Wagen?“

Sie grinst mich an: „Wir können unseren Van schonen. Hier habe ich den Schlüssel von dem Van der Beiden. Sie haben mich gebeten, sie in Unterdorf wieder abzuholen.“

Ich streiche über ihr schwarzes Haar: „Du denkst eben an alles. Ich war so aufgeregt, dass ich daran gar nicht mehr dachte, Bettina.“

„Das wird zur Gewohnheit werden, Paps.“

„Was? Dass ich alles vergesse?“

Sie lacht amüsiert: „Nein. Natürlich nicht. Ich meine, die Abholung der Segler im Tal.“

„Wir werden nicht die Zeit haben, die Leute immer und immer wieder nach oben zu holen.“

 

Ich atme tief durch: Es ist also nichts passiert. Gott sei Dank. Auch Bettina wirkt sehr erleichtert. Ich sehe es ihr deutlich an.

 

Unsere Gäste feiern ausgelassen. Bernhard geht mit schlechtem Beispiel voran: Er trinkt ein Bier nach dem anderen. Und irgendwann will er - es ist erst kurz vor neunzehn Uhr, und der Kaffee und Kuchen liegt gerade mal hinter uns - mit Thea tanzen. Sie willigt natürlich ein, und so kommt es, dass sich die Einweihungsfeier immer mehr steigert. Manfred fordert - wie sollte es auch anders sein - Bettina zum Tanz auf. Er presst sie verdächtig fest an sich. Ich wundere mich etwas über sein Verhalten, denn normalerweise ist er immer sehr zurückhaltend. Und Bernhards Ehefrau Annabella schreckt nicht davor zurück, mich zu holen. Ich freue mich insgeheim, nicht von Daniela aufgefordert worden zu sein.

 

Wir haben die Musik eine, oder auch drei Nuancen, lauter gestellt. Schließlich stören wir hier oben ja niemanden.

 

Irgendwann bekommt Bettina auf ihrem Handy einen Anruf. Sicherlich sind das die beiden Springer, die abgeholt werden möchten, überlege ich. Sie fährt los. Etwas später erscheint Bettina mit den beiden Sportlern in deren Van. Sie laufen die Anfahrt hoch und wir sehen, dass sie ihre Gleiter wieder bei sich haben. Wollen sie etwa noch einmal... - Es sieht ganz danach aus.

 

„Paps. Ich kaufe mir gleich Anfang nächster Woche in Garmisch-Partenkirchen auch solch eine Ausrüstung.“ Ihre grünen Augen glitzern.

 

Ein typischer Fall von Ansteckung, überlege ich. Sie sah die Beiden springen, und jetzt will sie es natürlich unbedingt auch tun. Ich bewundere ihren Mut. Tief in meinem Innersten bin ich ja dagegen, weil ich mir um sie Sorgen mache, aber ich weiß, dass ich sie niemals aufhalten könnte. Wenn sich Bettina etwas in den Kopf setzt, dann tut sie es auch. Sie war schon als Baby etwas störrisch. Aber gerade diese Wesensart liebe ich so sehr an ihr. Sie weiß, was sie will. Und genau das ist entscheidend.

 

Das Wetter hält her: Der Himmel ist fast wolkenlos, und es bleibt heiß und wunderbar. Nur ein leichter Wind weht. Wie gesagt. Es ist das ideale Flugwetter.

 

Unser Jäger Michael kommt natürlich auch hinzu. Er entschuldigt seine Verspätung, und Thea bringt ihm ein frisches Bier.

 

„Solch ein Wetter könnten wir das ganze Jahr über brauchen.“, sage ich gut gelaunt zu einer Frau, die neben mir sitzt und in der Gemeindeverwaltung beschäftigt ist. Sie nickt und antwortet: „Heute vor sieben Jahren hatten wir auch solch einen wolkenlosen Himmel.“

„Hatten Sie, ja?“

 

Ich sehe es ihrem Blick an, dass sie genau weiß, was sie damit meint. Sie hofft, dass ich frage, aber ich tue es nicht. Ich gehe nicht darauf ein. Ihre Anspielung kann mich ja gar nicht aus der Ruhe bringen. Mich nicht.

 

„Ja, es war ein wunderbarer Tag. Aber nur bis 17.17 Uhr.“, fährt sie fort.

„Ja, ich weiß, dass es um 17.17 Uhr geschah.“

„Wir saßen in unserem Büro, unten in Unterdorf, und hatten die Fenster weit geöffnet. Kein Windhauch war zu spüren und wir schwitzten ganz gewaltig. Wir wollten gerade Feierabend machen...“

„Ah ja...“

„Dann kam dieser furchtbare Knall. Die Fenster zitterten, genau wie der Kaffee in unseren Tassen. Sie müssen sich das mal vorstellen. Wir befanden uns knapp zweitausend Meter unter dem Fels, der dort drüben vor unseren Augen liegt...“

„Wahnsinn.“

„Wir wussten sofort, dass es einen Flugzeugabsturz gegeben hatte, denn an ein Erdbeben dachten wir natürlich nicht.“

„Wie furchtbar.“

„Ja, es war ganz schrecklich. Wir rannten aus dem Gebäude der Gemeindeverwaltung und blickten zum Himmel. Es regnete Metallteile und...“

„Und was?“

„Menschliche Körperteile. Blutige, verbrannte Fetzen und Knochenteile von ehemals gesunden, frohen Kindern, die nur eines wollten: Nach Hause.“

„Sie waren auf ihrem Heimflug?“

„Ja, Herr Mooshammer. Sie kamen aus ihren Ferien, die sie in der Schweiz verbracht hatten. Ihr Zielflughafen war München.“

„Es waren also Kinder aus Bayern.“

Sie schaut mich an: „Wussten Sie das denn nicht?“

„Nein. Wir hörten damals nur, dass eine Verkehrsmaschine mit 77 Kindern und vier Besatzungsmitgliedern abgestürzt war.“

„Ja, und einer Lehrerin.“

„Also, fünf Erwachsene und 77 Kinder.“

Sie schnieft verhalten: „Ja. Die Kinder waren alle zwischen acht und zehn Jahre alt. Und all ihre Eltern warteten schon am Flughafen mit großer Freude auf sie. Es war eine wahnsinnige Tragödie.“

„Wissen Sie, wir waren damals, also im Jahr 1997, viel im Ausland unterwegs. Deswegen wussten wir darüber nicht so genau Bescheid.“

„Ah ja. Aber inzwischen sind ja 7 Jahre vergangen.“

Ich rücke etwas näher an sie heran und sage leise: „Wissen Sie eigentlich, was mit den Wirtsleuten geschah?“

„Sie verschwanden von einem Tag auf den anderen. Sie ließen alles zurück: Sogar ihre Koffer fand man hinterher, hier in ihren Zimmern.“

„Fuhren sie mit ihrem Auto weg?“

„Das blieb ungeklärt. So viel bekannt war, hatten sie angeblich ein Fahrzeug, aber dies ist nicht gewiss. Es spielte ja letztendlich keine Rolle mehr. Sie waren einfach weg. Sie meldeten sich in der Gemeinde nicht ab, und sie hinterließen keine Nachricht.“

„Wann verschwanden sie denn?“

„Heute vor 7 Jahren.“

„Sie standen sicherlich unter Schock.“

„Ja, bestimmt.“, antwortet sie.

„Ich finde es trotzdem merkwürdig.“

„Ja, das fanden wir auch.“

 

Unser Blick wandert wieder an die Rampe: Die beiden jungen Leute springen natürlich noch einmal. Es war nicht anders zu erwarten. Und wieder habe ich dieses komische Gefühl im Bauch: Was wäre, wenn einer von ihnen abstürzen würde? Ja, was wäre dann?

 

Es wäre eine Katastrophe.

 

Jedoch meine Bedenken, die ich eigentlich nicht haben sollte, sind unbegründet. Professionell segeln die Beiden durch die Lüfte, bis wir sie schließlich aus den Augen verlieren.

 

Ich sitze mit der Dame am großen Holztisch, und schaue gedankenverloren hinüber zu dem tödlichen Felsmassiv. Neben mir wird gefeiert, getrunken und getanzt. Die Stimmung ist sehr ausgelassen. Und ich finde diese Feier plötzlich als nicht sehr angebracht. Ja, ich schäme mich fast für diese Aktion. Und plötzlich bilde ich mir ein, dort drüben auf der Oberfläche des Felsens, unseren Bergsepp stehen zu sehen. Was macht er denn dort, überlege ich. Aber natürlich! Genau auf seinem Platz stand heute vor 7 Jahren seine geliebte Frau, bevor sie pulverisiert wurde.

 

Von diesem verfluchten Flugzeug.

 

Ich stehe auf, gehe an den Zaun heran und winke ihm zu. Er blickt genau in meine Richtung, aber er winkt nicht zurück. Sicherlich hat er eine Sehschwäche, geht es mir durch den Kopf. Das wäre ja auch kein Wunder, bei seinem fortgeschrittenen Alter.

 

Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Die Einweihungsfeier war perfekt. Abgesehen davon, dass keine weiteren Drachensegler mehr kamen. Ja, und genau darüber machen dir Drei - nein, nur Thea und ich - uns nun doch etwas Sorgen, als wir morgens um ein Uhr am Küchentisch sitzen, und uns noch ein wenig unterhalten. Die letzten Gäste gingen um dreiundzwanzig Uhr, und meine beiden Frauen erledigten alle anfallenden Arbeiten wie aufräumen, putzen etc. Ich kümmerte mich um die leeren Flaschen, Aschenbecher etc. Und dabei ging mir Vieles durch den Kopf.

 

Es ist Bettina, die positiv in die Zukunft sieht: „Macht euch mal keine Gedanken wegen der Gäste. Ich ziehe in meinem Büro die Werbeaktion durch, dass es nur so staubt. Ihr werdet sehen, dass in zwei, drei Wochen die ersten Leute kommen, die Geld bringen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“, lächelt Thea und nimmt Bettinas Hand.

„Ich mache mir auch um dich Gedanken, Bettina.“, sage ich leise zu ihr.

„Wieso? Ach, du meinst, wegen des Drachenfliegens?“

„Ja.“

„Natürlich werde ich zuvor einen Kurs absolvieren, Paps. Es gibt irgendwo bei Garmisch eine Drachenfliegerschule.“

„Ja, ich glaube, das ist wohl die Voraussetzung.“ Thea betrachtet ihr einziges Kind mit sorgenvoller Miene. Und sie fährt fort: „Hoffen wir, dass uns meine damalige Idee auch Glück bringt.“

„Du meinst, Thea, als wir Beide letzten Sommer auf diesem heißen Stein saßen?“

„Ja.“

 

xxx

 

Zwei Tage vergehen. In diesen letzten beiden Tagen kamen genau drei Drachenflieger und ungefähr zehn bis zwölf Leute, die nur etwas essen und trinken wollten. Wir sind zufrieden. Ein Ehepaar mittleren Alters rief vor zwei Tagen an und erkundigte sich, ob denn noch ein Zimmer frei wäre. Thea hätte vor Nervosität am Telefon beinahe gesagt, dass noch alles frei sei.

 

Sie, unsere ersten Übernachtungsgäste, kommen aus Frankfurt/M., und sie fahren einen großen Mercedes VAN. Es sind wohlsituierte Leute. Das sieht man ihnen sofort an. Die Begrüßung ist sehr herzlich. Sie besitzen in Frankfurt einen kleinen Buchverlag, wie sie uns erzählen. Er bietet uns sofort das „Du“ an, worüber wir uns natürlich freuen.

 

Ich zeige ihnen ihr Zimmer und sie sind sehr überrascht: „So schön hatten wir es uns nicht vorgestellt, Peter.“

„Für unsere Gäste nur das Beste, Margarete.“, lache ich verlegen.

„Wir ruhen uns etwas aus, und danach werden wir eine Kleinigkeit essen. Habt ihr in der Küche bestimmte Zeiten, oder...“, fragt er.

„Hugo, ihr könnt essen, wann immer ihr wollt. Also, in den Zeiten von elf Uhr vormittags bis dreiundzwanzig Uhr gibt es warme Küche. Insgesamt zwölf Stunden.“

„Wunderbar.“

„Zwischendurch könnt ihr auch einen kalten Braten, oder einen Wurstsalat haben.“

„Sehr schön. Eigentlich könnten wir ja gleich etwas bestellen, oder? Somit geht es etwas schneller.“, sagt Margarete.

„Kein Problem. In zwanzig Minuten steht euer Essen unten im Gästeraum auf dem Tisch.“

„Ich möchte einen Sauerbraten mit Knödel.“, strahlt sie mich an.

„Ich nehme das Gleiche, Peter.“

„Bevor ich es vergesse: Wie lange wollt ihr das Zimmer haben?“

„Trage doch mal bitte eine Woche ein, Peter.“, lächelt sie.

 

Etwas später sitzt das Ehepaar Fischer vor ihren Speisen und Getränken im Gästeraum. Sie haben sich zuvor ordnungsgemäß in unser wunderschönes Gästebuch eingetragen. Auch überreichten sie Thea ihre Ausweise. Sie sind also die ersten Gäste, die in unserem Buch verewigt sind.

 

Ein denkwürdiger Augenblick.

 

Thea ist natürlich alleine in der Küche, weil Bettina in ihrem kleinen Reisebüro sitzt und arbeitet. Ich setze mich, nachdem sie mich dazu aufgefordert haben, zu Familie Fischer. Sie freuen sich schon wahnsinnig auf ihren ersten Sprung von der Hochspitzwand. Sie erzählen mir, bestens gelaunt, dass sie diesen herrlichen Sport schon seit vielen Jahren ausüben würden. Sie sind also Profis, überlege ich beruhigt.

 

„Hugo getraute sich anfangs nicht, Peter, aber als er dann sah, dass ich los flog, überwand er seine Angst.“

„Ja, sie zwang mich indirekt dazu.“, grinst er.

 

Nachdem sie gegessen haben, widmen sie sich ihrem liebsten Hobby. Sie heben hintereinander von der Hochspitzwand ab. Zuvor hatten wir noch vereinbart, dass sie mir per Handy Bescheid sagen würden, wann sie unten angekommen sind. Ich würde sie dann abholen, versteht sich. Nämlich am Gasthof „Zur Traube“. Ich sitze gerade im Aufenthaltsraum über der Lebensmittelbestellung, als sich die Türe öffnet und...

 

... Bergsepp erscheint.

 

Überrascht blicke ich auf: „Hallo, Bergsepp, alter Freund. Woher kommst du denn?“

Er setzt sich zu mir, zieht seine herrliche Schnupftabakdose heraus und sagt: „Ich war ein paar Tage unterwegs.“

„In den Bergen?“

„Ja, natürlich.“ Er zupft an seinem langen Vollbart.

„Willst du ein Dunkles?“

„Ja, gerne. Eiskalt.“

 

Ich stehe auf und hole ihm das Gewünschte. Thea blickt mir - den Kopf aus der Küche reckend - nach, sagt aber kein Wort.

 

Bergsepp erkundigt sich nach unserer Eröffnungsfeier und trinkt sein Bier. Ich finde, dass er für einen alten Mann sehr gierig trinkt. Wir unterhalten uns natürlich auch über den 07.07. - wie sollte es anders sein - und er verzieht traurig das Gesicht: „Jetzt sind es also schon mehr als sieben Jahre, Peter.“

„Ja, das stimmt.“ Ich schaue ihn an und sage: „Übrigens, ich habe dich am 07.07. dort drüben auf dem Felsplateau stehen sehen.“

„Mich?“

„Ja.“

„Da musst du dich irren.“

„Aber, aber, ich irre mich doch nicht. Ich habe dich ganz deutlich gesehen, und außerdem habe ich dir gewunken. Ich dachte, du wolltest zu uns herüberkommen.“

 

Ich war in den letzten Tagen nicht hier oben.“

 

„Du hast direkt zu mir herübergeschaut, Bergsepp.“

„Da musst du dich täuschen. Bringst du mir noch eines deiner wunderbaren Biere?“

„Aber sicher.“

 

Er hatte mich also nicht gesehen.

Oder wollte er mich nicht sehen?

Oder war er gar nicht da?

Warum sollte er mich anlügen?

 

Aber andererseits bin ich immer noch bei klarem Verstand. Ich hoffe es zumindest.

 

Ich bringe ihm sein Bier, und wir unterhalten uns noch über Dies und Das. Schließlich trinkt er aus und verabschiedet sich von mir. Irgendwann ruft mich Thea. Ich gehe hinüber in die Küche, und sie möchte gerne wissen, ob ich die Bestellung schon erledigt hätte.

 

„Ich habe mich so lange mit Bergsepp unterhalten, Thea.“

Überrascht schaut sie mich an: „Mit Bergsepp? Ich dachte, du hättest dich andauernd mit der Bestellung beschäftigt.“

„Da irrst du dich, Thea.“

„Nun ja. Ich habe, ehrlich gesagt, gar nicht darauf geachtet.“

„Er hat vergessen, zu bezahlen.“

„Er kommt sicherlich wieder, Peter. Wo ist denn sein leeres Bierglas?“

„Habe ich es nicht abgeräumt?“

Sie blickt sich in der Küche um, insbesondere bei der Gläserspülmaschine, und schüttelt den Kopf: „Hier ist kein Glas.“

„Merkwürdig. Er hat es doch hoffentlich nicht mitgenommen.“

 

Wir lachen über meinen gelungenen Scherz.

 

„Aber komisch finde ich das schon, Peter.“

„Was?“

„Nun, dass wir das Glas nicht finden können, und außerdem, dass er nicht bezahlt hat.“

„Er wird beim nächsten Mal bezahlen, Thea.“

 

Mein Handy klingelt. Hugo ist dran: „Ihr seid schon unten?“

„Ja, Peter. Wir sind an dem kleinen See, direkt am Gasthof „Zur Traube.“

„Ah ja, prima. Ich bin in zwanzig Minuten bei euch.“

„Du kannst gerne unser Fahrzeug nehmen. Die Schlüssel hat dir Margarete ja gegeben.“

„Mache ich, Hugo.“

 

Ich steige in den großen Mercedes Van und fahre vorsichtig die Serpentine hinunter. Als ich ungefähr fünfhundert Meter von unserer Alm entfernt bin, sehe ich ein junges Pärchen den Weg hinauflaufen. Sie gehen auf der rechten, also falschen Seite. Nur deswegen fallen sie mir auf. Sie wollen sicherlich zu uns, überlege ich. Zumindest hoffe ich es. Oder aber sie wohnen in einem dieser vergammelten Häuschen in Hochplatte. Das könnte auch möglich sein.

 

Etwas später fahren die Frankfurter und ich zusammen den steilen Berg hinauf. Margarete und Hugo haben ihre Gleiter im riesigen Heck des Mercedes verstaut. Sie sind bester Laune: „Dieser Flug war einzigartig, Peter.“, schwärmt Margarete. Sie verdreht dabei genussvoll die Augen.

„Ja, es war wirklich große Klasse.“, bestätigt Hugo.

 

Ich überlege für mich: Wenn sich die Flüge unserer Gäste häufen, wenn also immer mehr Leute bei uns fliegen, bin ich in Zukunft nur noch am Fahren: Hinunter - hinauf, hinunter - hinauf. Nein, das halte ich nicht aus. Den ganzen, lieben, langen Weg immer hinunter und dann wieder hinauf. Halt! Ich habe eine Idee: Ich werde den Gästen erklären, dass es mir leider zeitlich nicht möglich ist, sie von unten abzuholen.

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