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Die Doors, Jim Morrison und ich

Ray Manzarek

Die Doors,

Jim Morrison

und ich

Aus dem Amerikanischen von Kirsten Borchardt

www.hannibal-verlag.de

Widmungen

Für Fiona Matthews, Maureen und Eric Lasher, Nancy Neiman-Legette, Eric Degans, Harvey ­Kubernick, Rick Schmidlin, Danny Sugerman, Rick Valentine, Michael McClure und Todd Gray. Eure Hilfe und Eure Unterstützung waren von ­unschätzbarem Wert.

Für Dorothy, in Liebe

Inhalt

Erstes Kapitel: Jim Morrisons Tod

Zweites Kapitel: Die South Side von Chicago

Drittes Kapitel: Filmstudien

Bildstrecke 1

Viertes Kapitel: Der Strand, die Trips

Fünftes Kapitel: Die Doors nehmen Gestalt an

Sechstes Kapitel: Klinkenputzen

Siebtes Kapitel: Das Haus am Strand

Achtes Kapitel: Sunset Strip

Neuntes Kapitel: Sunset Sound Studio

Zehntes Kapitel: N.Y.C. – Im Bauch der Bestie

Elftes Kapitel: The Doors – das erste Album

Zwölftes Kapitel: San Francisco

Dreizehntes Kapitel: Wiedersehen mit der Bestie

Bildstrecke 2

Vierzehntes Kapitel: Strange Days

Fünfzehntes Kapitel: Waiting For The Sun

Sechzehntes Kapitel: Europa und The Soft Parade

Siebzehntes Kapitel: Miami

Achtzehntes Kapitel: Nachspiel

Neunzehntes Kapitel: Letzte Lebenszeichen

Epilog: Jim und ich

Diskographie

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Zitate

Take the highway to the end of the night.

Take a journey to the bright midnight

Jim Morrison

Auf gewisse Weise hatte er einen großen Sieg errungen, er war in eine Welt gelangt, in der er endlich leben konnte. Sein Leben war ein langes, ­angespanntes Drama des Widerstands und der Auflehnung gegen jede Art von Zwang gewesen. Aber jetzt, in diesem Augenblick, hatte er die ­Widerstände überwunden und verschwand frei und gelöst in der Nacht.

D. H. Lawrence

Erstes Kapitel

Jim Morrisons Tod

Wir wissen nicht, was mit Jim Morrison in Paris geschah. Und ehrlich gesagt, ich glaube nicht, daß wir es jemals erfahren werden. Die Wahrheit wird verdeckt durch Gerüchte, Anspielungen, eigennützige Lügen, durch Projektionen zum Schutz ­eigener Unzulänglichkeien und Seelennöte – und durch schlichte Dummheit. Es gibt einfach zu viele widersprüchliche Theorien. Er ging ins Kino (wie Oswald). Nein, er ging nicht ins Kino, er ging in eine Bar namens Rock & Roll Circus. Offensichtlich ein verrufener französischer Schuppen, Van Goghs „Nachtcafé“ nicht unähnlich … „Es war einer dieser Orte, an denen ein Mann wahnsinnig werden oder ein Verbrechen begehen konnte.“

We could plan a murder, or start a religion.

Er ging nicht in den Rock & Roll Circus – er war mit Pam zu Hause. Nein, er wurde von drei französischen Lebemännern nach Hause gebracht. Im Koma. Er hatte Heroin genommen. (Soweit ich weiß, hat Jim niemals Heroin probiert. In den Staaten jedenfalls garantiert nicht. Pam allerdings schon. Und ihr gefiel es. Aber den meisten Leuten, die es probieren, gefällt es nun mal … ist das nicht ganz ­normal?) Nein, er war betrunken. Sie hatten ihn ins Bett gebracht. Nein, er war überhaupt nicht weggegangen, er war krank. Er war am Tag zuvor bei einem Arzt gewesen. Eine böse Erkältung. Pam wollte für die beiden abends kochen. Nein, sie gingen zum Essen aus und verbrachten dann den Rest des Abends in irgend­welchen Clubs. Nein, er ging früh ins Bett und wachte dann um Mitternacht auf, er fühlte sich nicht gut und brauchte ein Bad, um sich aufzuwärmen – was das Wasser angeht, werden sich alle einig. Das flüssige Element. Die Wasser des Unbewußten. Der Mutterleib. Eintauchen. Taufe. Reinigung. Die wunderbare letzte Ruhe in den Wassern der Mutter. Pam war nicht einmal da. Sie war weggegangen, um sich mit dem Grafen zu treffen. Man nannte ihn stets nur „den Grafen“. Er war ein Adliger. Pam umgab sich gern mit Blaublütigen. Seinen Namen konnte man nicht aussprechen. Wir konnten kein Wort Französisch. Wir waren Amerikaner. Über die Kunst, die Musik, die Literatur und die Filme wußten wir Bescheid, aber die Sprache verstanden wir nicht. Wie dieser Graf hieß, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß, daß er Jims Rivale bei Cinnamon Pam war. Aber er ist mittlerweile auch tot. Das Heroin hat ihn auf dem Gewissen.

Nein, Pam war mit Jim im Bett. Sie wäre nicht weggegangen, wenn er sich nicht gut fühlte. Nein, er war im Bad. Er rief ihr die letzten Worte aus der Wanne zu. Sie hörte ihn durch die Tür hindurch.

(Ich sah sie ein Jahr später, in einem Restaurant in Marin an der Küste, über die Bay, auf der anderen Seite der Brücke von San Francisco. Sie war völlig am Ende. Fertig. Ich konnte sie nur in den Arm nehmen und versuchen, sie zu trösten. Es war unmöglich, die notwendige Frage zu stellen: „Was war ihm passiert?“ Sie weinte. Sie brachte nur heraus, wie sehr sie ihn liebte. Wie sehr sie ihn brauchte. Wie sehr sie ihn vermißte und wie blaß die Welt ohne ihn war. Aber dann sagte sie: „Weißt du, was seine letzten Worte waren?“ Ich dachte: „Mehr Licht“. Oder vielleicht: „Heureka“. Oder, am wahrscheinlichsten: „Eins“.

„Nein, Pam“, antwortete ich, „was hat er gesagt?“

Sie sah mich an, zerbrechlich, zerstört, Tränen liefen ihr über die Wangen … ,Pam, bist du noch da?“, schluchzte sie. Und dann wiederholte sie es noch ­einmal. Ganz weich, in ihrer Kleinmädchen-Stimme, wie zu sich selbst … ,Pam, bist du noch da?

Ich versuchte, dieses verwirrte kleine Mädchen zu beruhigen: „Das ist wunderschön. Seine letzten Gedanken galten dir.“ Und sie begann wieder zu weinen.)

Sie schlief dann wohl wieder ein, wahrscheinlich glücklich und zufrieden. Ihr Geliebter war bei ihr. Sie war in Paris. Sie war jung und schön. Er war ein berühmter Künstler, und er würde wieder schreiben. Und sie würde seine Muse sein. Aber dann wurde sie mit einem Schlag wach. Ein oder zwei Stunden später. Allein, Jim war nicht bei ihr … voller Angst eilte sie ins Bad.

Now run to the mirror in the bathroom. Look!

Und ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. Er war tot … und in ihrem Kopf geriet alles durcheinander. Überlastung. Gefühle außer ­Kontrolle. Worte überfluteten ihre Seele. „Allein! Nie wieder! Leer! Halt mich fest! Meine Schuld! Er wird mich nie wieder festhalten! Meine Schuld! Ich bin verloren! Und habe Angst! Oh Gott, warum?! Warum?! Jim!“

In ihrer Panik rief sie den Grafen an. (An wen hätte sie sich sonst wenden können?) Und er kam in ihre Wohnung im Marais. Aber – und das war seltsam – er brachte Marianne Faithfull mit. (Pams Rivalin?) Nein, er kam ohne sie. Marianne Faithfull sagt, sie sei nie dagewesen. Aber wer war es dann? War der Graf überhaupt da? Nein, sie hatte den Grafen nicht angerufen. Sie hatte sich an Alain Ronay gewandt, einen Kumpel von der Universität in L. A., und an Agnes Varda, eine ­befreundete Filmemacherin. Sie kümmerten sich um alles. Benachrichtigten die Polizei. Die Flics kamen um neun Uhr früh. Nein, sie kamen um fünf. Wer weiß es?

Später wurde berichtet, Jim habe ein Lächeln auf den Lippen gehabt. Diese Vorstellung gefällt mir sehr. Was auch immer mit ihm geschah – er grinste, als er den Abgang machte.

Death, old friend.

Sagt man nicht: Süß ist der Tod? Nun, er verdiente ein süßes Ende. Bei all dem Druck, der auf ihm lastete, dem Schmerz, den Prüfungen, den dunklen Nächten, denen die Seele dieses viel zu jungen Mannes ausgesetzt war, hatte er es verdient, daß er den großen Sprung tat, während das lüsterne Grinsen eines Satyrs seine jetzt so weichen und üppigen Lippen umspielte.

Nein. Er ist überhaupt nicht tot. Er hat seinen eigenen Tod inszeniert. Hatte nicht Agnes Varda Recherchen bezüglich der Geschichte eines französischen ­Aristokraten angestellt, der in den Zwanzigern seinen eigenen Tod vorgetäuscht hatte und dann in den Marquesas verschwunden war? Mit hundertfünfzig Pfund Ziegelsteinen in einem Sarg und einem gefälschten Totenschein, dann noch ein gekaufter algerischer Arzt, der vielleicht 5000 Dollar erhielt; das war 1971 eine ganz hübsche Summe. Ein oder zwei Freunde als Komplizen – französische ­Freunde, vielleicht auch aus der Filmbranche, die alles Notwendige veranlassen konnten. In Paris ist doch alles möglich!

Wie lautet also die Geschichte? Werden wir jemals die Wahrheit erfahren? Wollen wir das überhaupt? Ist die Wahrheit für uns wichtig? Und warum? Ich meine, was macht es für einen Unterschied, wie er starb, solange es nicht Mord war? Es ist doch völlig egal, wie ein Künstler diese Erde verläßt. Es geht um die KUNST … sie ist wichtig. Nichts anderes zählt, außer der Kunst. Es geht darum, was wir tun, verdammt noch mal. Jim war ein Künstler. Er will, daß man seinen Worten zuhört. Daß man die Worte tief in sich aufnimmt, bis ins Innerste vordringen läßt, an die geheimsten Orte der Seele. Dorthin, wo das verletzliche Kind lebt. Das Angst hat. Das den Schrecken spürt. Das zart ist. Und süß und zerbrechlich und sanft. Wir sitzen alle im selben Boot. In unserem Inneren sind wir alle gleich. Und wir alle haben Angst.

Aber die Kunst kann uns erlösen. Wir werden zu Schöpfern. Wir werden zu Erfindern. Und das Glücksgefühl, das Entkommen und der große Sprung aus uns selbst heraus – aus dem geschlossenen Kreis, in dem wir uns ständig bewegen –, aus dem Schneckenhaus und dem Panzer unseres Egos, hinein in ein „klareres, reineres Reich“, wie Jim einmal sagte … das ist unsere wahre Bestimmung. ­Erleuchtete Schöpfer zu werden. Zu wissen, daß alle Dinge eins sind. Das göttliche und ewige Einssein. („Tat tvam asi“ – „Du bist das“, wie man in Indien sagt.) Und es dann zu wagen, aus diesem Einssein eine Dualität herauszuarbeiten. Sich dafür zu entscheiden, etwas zu erschaffen. Die Wahl einer Existenz zu treffen. Wir alle sind Schöpfer. Und diese Existenz ist unsere Schöpfung. Sie gehört uns, und wir sind es, die für diese ganze verdammte Sache verantwortlich sind!

Das ist Kunst. Für mich ist es auch das, was dem Musikmachen zugrunde liegt. Die Noten aus dem Nichts zu ziehen. Für Jim ging es darum, Worte aus dem Äther zu holen. Sie dann phantasievoll gegeneinanderzustellen. Bilder, tiefgründig und durchdringend. Bekenntnisse. Manchmal profan, oft durchdacht. Und nie ohne Bedeutung. Meist gab es sogar mehrere Bedeutungsschichten. Ich liebte es, seinen Worten zuzuhören. Was für eine Tiefe, was für ein Spiel mit Wendungen. Ein Mann des Wortes, fürwahr.

O great creator of being, grant us one more hour

to perform our art and perfect our lives.

Das wollte ich für seinen Grabstein.

Coda queen, be my bride.

Rage in darkness by my side.

Seize the summer in your pride.

Let’s ride!

Das war für Pam.

Wild child, natural child.

Not your mother’s or your father’s child;

you’re our child, screaming wild.

Das war für Danny.

Well, she’s fashionably lean,

And she’s fashionably late.

She’ll never rank a scene,

She’ll never break a date.

But she’s no drag,

Just watch the way she walks,

She’s a twentieth-century fox.

Das war für Dorothy.

Persian night, babe.

See the light, babe.

Jesus!

Save us!

Das war für ihn.

I love the friends I have gathered together on this thin raft.

We have constructed pyramids in honor of our escaping.

Das war für John und Robby.

Lost in a Roman wilderness of pain.

And all the children are insane,

Waiting for the summer rain.

Das war für uns alle.

Seine Worte. Sie hatten stets etwas Magisches. Sie boten Zuflucht vor dem irren Geheul der Nacht. Ich wußte, daß wir Menschen waren, stark, gut und göttlich, wenn ich seine Verse las. Ich wußte, daß wir alle dem Schrecken etwas entgegen­zusetzen hatten. Seine Worte zeugten von der Macht unserer Schöpfung. Sie bewiesen, daß wir den Willen hatten, durch Kunst etwas zu erschaffen. Sie zeigten, daß wir fähig waren, uns in höhere Gefilde zu bewegen, aus dem Schlamm empor­zusteigen, bis zu dem großen goldenen Gestirn, das uns wärmt und schützt. Bis zur Sonne – dieser glühenden Scheibe, dieser Manifestation unserer Erschaffung, als wir kraft unseres Willens Leben aus Leben entstehen ließen. Diese Energie, göttlich und menschlich. Von uns, uns allen. Und Jims Worte. Für uns, für uns alle.

In that year we had an intense visitation of energy.

Jenes Jahr, in dem wir die intensive Energie derart spürten, begann im Sommer 1965 und endete am 3. Juli 1971.

***

Ich sah Jim Morrison zum letztenmal im Frühjahr 1971, im Aufnahmestudio in Los Angeles, 8512 Santa Monica Boulevard, an der Kreuzung von La Cienega und Santa Monica. Wir hatten das Büro und den Proberaum der Doors für die „L. A. Woman“-Sessions zum Studio umgebaut. Wir kannten den Sound in diesem Raum. Wir fühlten uns dort wohl. Die Vibrations waren durch jahrelanges gemeinsames Proben, Lachen, Philosophieren, Trinken und Kiffen bestens getunt. Das war ein Zuhause für uns. Und dieses Mal würden wir auch selbst produzieren.

Paul Rothchild hatte sich von dem Projekt zurückgezogen. Er hatte es sehr geschickt angefangen, uns zu motivieren. Paul war eine echte Spielernatur. „Ihr langweilt mich“, sagte er. „Wenn ihr nichts Besseres zuwege bringt, haue ich ab. Dann könnt ihr das selber machen.“ Und dann stand er mitten in einer ziemlich schlappen Probe auf und ging. Ach du liebe Zeit! Wir – selbst produzieren? Tja … warum eigentlich nicht! Klar können wir das. Das geht schon. Mit Bruce Botnick als Koproduzent. Der hat natürlich auch keine Ahnung, aber er kennt unseren Sound. Er weiß, was wir wollen. Seit unserem ersten Album ist er als Toningenieur dabeigewesen. Er hat unseren Sound mit kreiert, und jetzt ist er eben Koproduzent.

Also taten wir diesen wichtigen Sprung ins kalte Wasser gemeinsam – John, Robby, Jim, Ray und Bruce Botnick. Und wie es bei einem mutigen Schritt gewöhnlich so ist, landeten auch wir auf den Füßen. Sowohl von der Kritikerresonanz wie auch aus ästhetischer Sicht war „L. A. Woman“ ein erfolgreiches Unterfangen. Die Energie war auf unserer Seite.

Bruce rollte eine Achtspurmaschine aus dem Elektra-Studio einfach über den La Cienega Boulevard hinunter bis zu uns. Dann schleppte er Mikros, Kabel, Schalldämmung, Verstärker an … was man eben so braucht. Und ein altes Röhrenmischpult aus dem Sunset Sound, wo wir mit den ersten beiden Alben, „The Doors“ und „Strange Days“, unser erstes Lehrgeld gezahlt hatten. Kein Mensch ­benutzte noch diese Röhrenmischpulte. Sie waren total veraltet, aber Mann, sie hatten einen warmen Klang. Was hatten die für einen satten, vollen Sound! Dieses Ding sah aus, als sei es von einer Big-Band-Veranstaltung mit Gene Krupa übriggeblieben, wie das Armaturenbrett in Flash Gordons Raumschiff. Große schwarze Bakelitknöpfe. Keine Schieberegler, sondern Drehknöpfe. Da konnte ein Mann so richtig die Hände drauflegen. Sie hatten etwas Solides an sich, sie gaben ein vertrauenerweckendes, gutes Gefühl. Wie wenn man sich in einer Kontinuität mit den Künstlern vergangener Tage befindet; aufnahmetechnisch mit der Zeit gehen, aber sich einen Sinn für die Tradition bewahren. Das Ding war ganz in Silber und Schwarz gehalten und hatte beleuchtete Pegelanzeigen, deren Nadeln wir ständig ins rote Feld jagten. Wir trieben dieses Pult mit seinem betörenden Sound bis an seine Grenzen. Und es ließ uns nie im Stich.

Wir bauten die Instrumente im Untergeschoß auf, stellten zur Schallisolierung ein paar Dämmwände hin, plazierten die Mikrofone vor den Verstärkern und installierten ein Gesangsmikrofon in Jims Tonkabine, dem unteren Badezimmer. Dann verlegten wir die Kabel zur Hintertür hinaus und die Feuertreppe hoch, ­stellten das Pult und die Achtspurmaschine ins Büro, stöpselten die Kabel ein – und voilà! Ein Aufnahmestudio im Workshop der Doors. Wir hatten uns zu Hause eingerichtet und konnten loslegen.

Are you a lucky little lady in the city of light …

Or just another lost angel

City of night.

City of night.

City of night.

City of night!!

Und wir brachten diesen kleinen Raum so richtig zum Beben. Preßten die Songs in Form. Rangen mit der Kreativität wie Jakob mit dem Engel und erhaschten die Muse. Alles lief toll, und die Ziellinie kam in Sicht. Jim hatte seine Vocals fertig. Er mußte nur noch den geflüsterten Text bei „Riders On The Storm“ singen – direkt nach diesem letzten Vers:

Riders on the storm

Riders on the storm

Into this house we’re born

Into this world we’re thrown

Like a dog without a bone

An actor out on loan

Riders on the storm

Danach setzte Jim mit geisterhafter, unheimlicher Flüsterstimme ein:

Riders on the storm

Riders on the storm

Und es war absolut unheimlich. Ich hätte damals wissen sollen, daß es ein böses Omen war. Wir beendeten die Aufnahme, und er kam in das zum Control Room umfunktionierte Büro. Wir alle fanden seinen Gesang großartig. Er war mit seiner Leistung sehr zufrieden.

„Es wirkt genau richtig“, sagte er. „Gute Idee, Ray.“

Dann meldete sich Robby zu Wort. „Wißt ihr, bei dem Song fühle ich mich, als ob ich draußen in der Wüste wäre. Ich kann am Horizont Gewitterwolken aufziehen sehen, so richtig große. Warum legen wir nicht noch Donner und vielleicht ein bißchen Regen drüber? Führen den Hörer auch dorthin …“

„Ich kann jede Menge Soundeffekte besorgen“, meinte Botnick. „Laßt mich mal sehen, was ich finde.“

Jim stand einfach da, er summte die Melodie vor sich hin … und lächelte. Die Doors waren zusammen, sie waren im Studio, sie machten Musik. So sollte es sein. Wir gaben alle unser Bestes, und die Arbeit lief gut. Wir alle wußten es, und wir lächelten in uns hinein. Genau wie Jim.

Und dann ließ er die Bombe platzen.

„Ich gehe nach Paris“, sagte er.

Schweigen. Innerlich begannen sich Räderwerke zu drehen. Zweifel, Vor­ahnungen, Ängste machten sich im Raum breit. Ein dunkles grünes Ding um­klammerte meine Wirbelsäule. Bruce und Robby standen eine Sekunde lang wie erstarrt da. John hüstelte nervös, weil er die Spannung nicht ertrug.

„Wir sind hier fast fertig“, fuhr Jim fort. „Die meisten Mixe sind im Kasten. Es klingt doch alles toll. Warum macht ihr nicht weiter und schließt das Ganze ab? Ich fahre in zwei Tagen nach Paris. Pam ist schon da, sie hat eine kleine Wohnung gefunden … sie hat schon alles organisiert. Ich fahre zu ihr rüber.“

Und das war’s. Eine einfache, kleine Bemerkung, so unschuldig dahingesagt, und das Schicksal der Band entschied sich in einem Augenblick. Aber wir wußten es nicht. Niemand wußte es. Jetzt noch nicht. Nicht inmitten dieser ungeheuren Kreativität. Dieses Gemeinschaftsgefühls. Dieser Kunst. Ich wußte nur, daß das grüne Ding einen Tentakel bis zu meinem Magen ausstreckte und ihn ein wenig zusammenzog. Hier stimmte etwas nicht.

Something’s wrong, something’s not quite right.

Jim war sonst immer da, wenn die Songs fertig abgemischt wurden. Das war der Moment, in dem das Schöpferische und die harte Arbeit verschmolzen. In dem das Feintuning stattfand. Die Lautstärke der einzelnen Instrumente, die EQ-Einstellungen, die Anordnung der Instrumente im Klangspektrum, sogar die Schnitte – alles mußte genau eingepegelt und für die Endabmischung auf nur zwei Spuren vorbereitet werden. Dieser Mix kam schließlich auf die Platte. Dieser Mix war es, den die Leute zu Hause hören würden. Unser Baby.

Es war der Moment, in dem das Baby geboren wurde. Nach monatelanger Schwangerschaft. Von der allerersten Inspiration über die Proben. Über die Augenblicke, wenn die Muse eines jeden Stücks verführt werden wollte und die wahre Natur dieses Songs nervortrat. Über die ersten Bandmitschnitte. Über nächtelange Aufnahmesessions, in denen man die Muse noch einmal beschwor, zurückzukommen, sich noch einmal mit uns zu vereinen, während die Recorder liefen (oh, sie ist launisch und verlangt völlige Unterwerfung, und man kann ihr Erscheinen nicht erzwingen oder herbeireden). Über Gesangsaufnahmen bis zu Overdubs mit Klimperklavier und Bottleneck-Gitarren.

Und Jim wollte wegfahren: bevor er das Endergebnis gehört hatte; bevor er wußte, welche Gestalt diese wochen-, diese monatelange Arbeit letztlich annehmen würde?

Ich hätte es wissen müssen. Da war etwas faul. Ich wußte nicht was, aber es paßte irgendwie nicht. Trotzdem versuchte ich, es optimistisch zu betrachten. Hauptsächlich, weil ich diese Reise tief in meinem Innern für eine gute Idee hielt.

Paris“, sagte ich. „Das klingt echt spannend, Mann. Das ist bestimmt eine gute Stadt, um mal von allem ein bißchen Abstand zu gewinnen.“

„Ja, das glaube ich auch“, bekräftigte er.

„Wie lange … äh, wie lange willst du denn bleiben?“

„Weißt du, Ray, ich hab keine Ahnung“, entgegnete Jim, und seine Augen schienen in weite Ferne zu blicken. Ganz weit weg. Ohne voll da zu sein, sahen sie alles. Besonders die Tragödie, die Zerbrechlichkeit des Lebens.

All my life’s a torn curtain.

All my mind come tumbling down.

„Ich habe noch keine Pläne“, erklärte er. „Ich brauche eine Pause. Ein bißchen Zeit für mich. Ein paar Monate, ein halbes Jahr. Vielleicht ein Jahr. Wer weiß, Mann. Ich habe keine Ahnung.“

„Da kannst du bestimmt deine Notizen aus Miami weiter ausarbeiten“, ­stachelte ich ihn an. „Ich möchte das Buch gern lesen.“ Es sollte „Observations On America, While On Trial For Obscenity“ heißen – „Beobachtungen über Amerika von einem der Obszönität Angeklagten“.

Er lächelte. „Denen werde ich ganz schön einheizen. Jetzt bin ich mal dran.“

„Ein neuer de Tocqueville“, machte ich ihm Mut. „Wir brauchen einen für das 20. Jahrhundert.“

Er verzog den Mund zu seinem verlegenen Kleine-Jungen-Lächeln und winkte ab. „Oh Mann.“

„Hey, du kannst das. Wer sonst?“

***

Auf seltsame Weise machte seine Abreise aber auch Sinn. „L. A. Woman“ war ­fertig, unser sechstes Studioalbum in vier Jahren; „Absolutely Live“ hinzugerechnet, ergaben sich sieben LPs. Sieben, die Zahl der Stufen, die in den Himmel führen. Die Zahl der Chakras, der Energiezentren in der Yoga-Lehre, die sich vom Steißbein bis zur Oberseite des Gehirns verteilen. Es war auch die Zahl der Alben, die wir in unserem nachverhandelten Deal für Elektra abliefern mußten. Jetzt war dieser Vertrag erfüllt. Wir waren frei und offen für alles. Wir konnten wieder unterschreiben, wir konnten zu Atlantic Records gehen (Atlantic-Präsident Ahmet Ertegun hatte sich sehr um uns bemüht), wir konnten gar keinen neuen Vertrag abschließen, die Band auflösen, zusammenbleiben, Filme machen, Bücher schreiben, malen, tanzen, egal was. Wir waren frei und konnten tun, was wir wollten. Oder überhaupt nichts machen. Eine lange Pause einlegen und über Gott, die Menschen und das Leben nachdenken.

Ich hoffte, ehrlich gesagt, daß Jim die Pause nutzen würde, um sich von ­seinen Saufkumpanen zu lösen; um von den Schmarotzern loszukommen, die sich wie Kletten an ihn hängten und ihn in viel zu viele Bars, Kneipen, Gin-Höhlen und sonstwohin schleppten. Speichellecker. Blutsauger, wie John, Robby und ich sie nannten. Seine „Freunde“, wie sie später bezeichnet wurden. Und die Abende gingen natürlich immer auf Jims Kosten. Jim zahlte. Auf die eine oder andere Weise. Er bewirtete seine nichtsnutzigen Kumpels, sie zogen seine ganze Energie ab und ließen dem Dichter in ihm keinen Raum.

Er saß mit ihnen in einer Bar, und seine ganze Energie ging fürs Reden drauf. Alkohol verführt dazu. Genau wie Typen, die zu laut über deine Witze ­lachen. Elvis hatte die auch. Die Memphis-Mafia. Und Jim hatte sie. Wir nannten sie die Santa-Monica-Mafia.

Sie lachten, rissen Witze, blödelten herum und trieben allerlei Unfug, und er schrieb keine Gedichte. Er war nicht schöpferisch. Anstatt große Reden zu schwingen und frühmorgens zu Pam zurückzutorkeln, hätte er großartige neue Verse schmieden sollen. Wieviel hervorragende Lyrik ging in dieser sinnlosen Flut von besoffenem Aktionismus verloren? Wie viele großartige Gedichte fielen diesen schlechten Angewohnheiten zum Opfer, wurden verschwendet an betrunkene, gleichgültige Ohren, die ihn nur gewähren ließen, bis sie herausgefunden hatten, wie sie den nächsten Drink oder die nächste Droge von ihm schnorren konnten?

Für Pam Courson, Jims Lebensgefährtin und Seelenverwandte, waren sie ein rotes Tuch. Pam war sauer, weil Jim dauernd unterwegs war und sich mit ­seinen Freunden betrank. Ständig verschwand er mit ihnen für ein paar Tage, um dann plötzlich wieder bei ihr aufzutauchen, als sei nichts geschehen. Man könnte ihre Beziehung als „stürmisch“ bezeichnen. „Instabil, bis an den Rand des Selbstzerstörerischen“ kommt der Wahrheit allerdings noch näher.

… and our love becomes a funeral pyre.

Es war ein Versöhnungsversuch, daß er auf ihren Vorschlag hin mit ihr nach Paris ging.

Verdammt, es war eine wirklich gute Idee; zumindest schien es zu jener Zeit so. Paris war die Stadt des Lichts, seine „City Of Light“ – und eine ordentliche Dosis Helligkeit konnte er in seiner Schattenwelt gut gebrauchen. Paris war die Stadt der Künstler. Er hätte ein Prototyp der nächsten Bohemien-Generation werden können, ein Amerikaner in Paris. All die Schriftsteller, die wir bewunderten, waren nach Paris gegangen. Warum also nicht auch Jim? Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, Henry Miller, Jim Morrison – das klang gut in meinen Ohren. Gute Gesellschaft.

Dann gab es da die Inspiration dieser faszinierenden Stadt. Ich wollte, daß er nach Paris ging und wieder zu schreiben begann. Daß er den Rockstar vergaß. Es war Zeit, daß Jim Morrison wieder zum Künstler wurde. Wie ganz zu Anfang. Wie im Sommer 1965, als wir jung und idealistisch waren, voller Energie und ­bereit, die ganze Welt herauszufordern. Ich wünschte mir den Typen von damals zurück. Den sensiblen, aufmerksamen, spaßigen Menschen, mit dem ich sechs Jahre zuvor am Strand von Venice Beach gesessen hatte. Denjenigen, mit dem ich die Doors gegründet hatte. Den ich für einen der besten Dichter hielt, die ich je ­gelesen hatte. (Der legendäre Beat-Poet Michael McClure hat Jim als den „besten Dichter seiner Generation“ bezeichnet.) Dieser Typ war ein Künstler. Und er war mein Freund.

„Okay, wir sehen uns, Bruder“, sagte Jim und verfiel dabei kurzzeitig in eine Art Südstaatenakzent, ein sehr charmantes Überbleibsel seiner Kindheit in Florida. Das passierte nur selten, wenn er beispielsweise unter Streß stand oder überaus glücklich war. Oder, und das kam in letzter Zeit häufiger vor, wenn eine Flasche Wild Turkey von Jim Morrison Besitz ergriff und ihn in einen Menschen verwandelte, den ich nicht kannte. Und weg war er. Verließ die Session, haute einfach ab. John, Robby und ich sahen uns wie paralysiert an. Wir konnten nur die Achseln zucken.

„Ich halte es für eine gute Idee“, bemerkte Robby.

„Ich auch“, nickte ich. „Paris zieht Schriftsteller an, das ist einfach so.“

„Vielleicht findet er die Muse wieder“, äußerte Robby voller Hoffnung.

„Aber wenn er nicht aufhört zu trinken? Dann wird er nie wieder etwas Gutes schreiben“, warf John ein, pessimistisch wie immer.

„Mach dir keine Sorgen, John“, versuchte ich seine Bedenken zu zerstreuen. „Der Dichter steckt in ihm drin, in Paris kommt er wieder heraus.“

Ja“, gab John fast etwas verächtlich zurück, „und was ist mit Jimbo?“

Wir schwiegen einen Augenblick. Stille. Ein Schatten der Angst zog über uns hinweg. John brach das Schweigen wieder einmal mit seinem nervösen Husten. Wir versuchten, einfach weiterzumachen. Es war unmöglich. Die letzten Arbeiten an „L. A. Woman“ würden nun, ohne Jim, noch einen weiteren Tag warten müssen. Wir wußten damals nicht, daß es das letzte Mal gewesen war, daß wir Jim Morrison gesehen hatten, tot oder lebendig.

Zwei Monate später hatten wir noch immer nichts von Jim gehört. „L. A. Woman“ war unser Comeback-Album geworden. Die Kritiker waren begeistert. „The Doors are back!“ „Eine einzigartige Mischung aus Power und Präzision.“ „Ungeschliffen und echt.“ „Morrisons Verse sind klar formuliert und ausdrucksstark.“ Die erste Single „Love Her Madly“ – ein swingendes und melodisches Stück, in dem Robby Krieger eine Auseinandersetzung mit einer Freundin ver­arbeitet hatte – wurde ein Hit. Unser Radiosong. Lange, eher intellektuelle Nummern (oder Epen, wie wir sie nannten), ein unverzichtbarer Bestandteil jedes Doors-Albums, gab es mit „Riders On The Storm“ und dem Titeltrack ebenfalls. „Been Down So Long“ und „Maggie M’Gill“ beackerten unsere Blues-Wurzeln. Alles war perfekt, mit einer Ausnahme … Jim war nicht da.

Wir waren scharf darauf, mal wieder live zu spielen und fingen an zu proben und an neuen Songs zu arbeiten. Zogen unser gewöhnliches Ding durch, eben gemeinsam Musik zu machen. Robby hatte ein paar neue Kompositionen, und John versuchte sich wie ich am Songschreiben. Die Proben liefen gut, es gab erste Interviewanfragen zu „L. A. Woman“, die Plattenfirma war mit dem Album sehr glücklich, die ersten Tourangebote kamen rein, und niemand wußte, daß Jim Morrison nach Paris gegangen war, um sich dort ein bißchen zu erholen, was auch dringend nötig war. Wir hatten es nicht direkt geheimgehalten, aber außerhalb des engsten Doors-Kreises waren wir mit dieser Information auch nicht gerade hausieren ­gegangen. Daher entwickelte sich zwar alles ganz wunderbar, blieb aber letzten Endes doch in Wartestellung.

Schließlich äußerte John ungeduldig: „Ich ruf ihn an.“ Ich entgegnete: „Warum? Laß ihn doch eine Weile in Ruhe. Er will nicht, daß ihn jemand nervt. Er wird schon anrufen, wenn er soweit ist.“ John konnte seine Anspannung nicht länger verbergen und wanderte im Proberaum auf und ab. „Ich muß es einfach wissen“, insistierte er. „Ich kann nicht mehr warten.“ Also rief er ihn an.

Am nächsten Tag erstattete John Bericht. Alles war in bester Ordnung. Jim ging es gut, er amüsierte sich prächtig. Er hatte sich den Bart abrasiert, er war ­begeistert über die guten Kritiken, die das Album bekommen hatte, und vor allem freute er sich darauf, bald wieder aufzutreten.

„Sobald ich zurück bin, gehen wir wieder auf Tour“, sagte er zu John. „Ich will diese Songs live spielen. Dazu hatten wir bisher ja noch nie Gelegenheit.“

„Genau“, stimmte John begeistert zu. „Und weißt du was, wir könnten sogar einen Bassisten mitnehmen. Vielleicht sogar einen Rhythmusgitarristen. Wie auf dem Album. Ray, Robby und ich haben schon mal darüber gesprochen.“

„Laß uns doch den Bassisten nehmen, der auch auf der Platte dabei war.“ Jim ließ sich von Johns Begeisterung anstecken. „Wie heißt der noch?“

„Jerry … Jerry Scheff“, berichtete John über die knisternde Transatlantik­verbindung. „Und den anderen Typen nehmen wir auch, Marc Dingsbums oder wie er heißt.“

„Hey, Scheeeiße, John, komm, los, wir buchen uns eine kleine Tour. Na, was meinst du?“

„Wann?

„Wenn ich wieder da bin.“

„Wann ist das denn? “

„Weiß ich nicht … Ich habe hier ziemlich viel Spaß“, antwortete Jim. „Eine Weile werde ich noch bleiben.“

„Ist okay“, erwiderte John, „ich sag’s den anderen.“

„Grüß sie von mir“, meinte Jim. „Ach, eins noch, John.“ Jim machte eine Pause. „Versuch, cool zu bleiben, ja?

KLICK.

Dies war das letzte, was wir von Jim hörten. Es war Anfang Juni. Einen Monat später, am 3. Juli 1971, starb Jim Morrison unter wirklich höchst „mysteriösen Umständen“.

***

Ich bekam einen Anruf von einem Typen, der sich damit brüstete, unser Manager zu sein. Im Grunde war er unser Roadie, und eines Tages hatten wir ihn schließlich dazu befördert, das Telefon zu beantworten, und das war ihm zu Kopf gestiegen. Er wurde arrogant, und er genoß es, vor Konzertpromotern und Journalisten, die nach Interviews fragten, den großen Mann zu markieren. Aber scheiß drauf, er war vertrauenswürdig. Bill „South Bay“ Siddons.

„Ray, ich habe schlechte Nachrichten. Ich habe gerade einen Anruf aus Paris erhalten. Jim ist tot.“

Quatsch, dachte ich spontan. Damals, gegen Ende der Sechziger und ­Anfang der Siebziger, spülte eine Welle der Paranoia über Amerikas Jugend hinweg. Tod und Todesgerüchte suchten uns heim, drangen in unser Bewußtsein und gelangten schließlich auch ins Unterbewußtsein, wo sie wie ein bös­artiges Krebsgeschwür weiterwucherten.

In jenen dunklen Jahren war jeder tot … auf die eine oder andere Weise. Janis Joplin war tot, Jimi Hendrix war tot. Paul McCartney war tot, weil er auf dem Cover des Beatles-Albums „Abbey Road“ ohne Schuhe über die Straße lief – so wie man in Italien einen Toten begräbt. Er war barfuß, trug einen Anzug und ging nicht im Gleichschritt mit den anderen Jungs, also mußte er tot sein – jedenfalls lautete so das Gerücht. Die Kennedys waren tot. Martin Luther King war tot. Eine wahre Todesbesessenheit griff um sich. Und sie richtete sich auf unsere Helden. Unser Planet füllte sich außerdem schnell mit den Geistern von toten jungen Soldaten – Amerikanern und Vietnamesen sowie vietnamesischen Frauen und Kindern. Das ganze Ding war für den wachen Geist kaum noch zu verkraften, und Gerüchte breiteten sich aus wie Unkraut.

Wir waren auf einer Party, Rock ’n’ Roll in Hollywood. Jede Menge Leute. Jede Menge Gras und billiger Wein. Echter Bohème-Stil. Jim hätte auch da sein sollen, aber er verspätete sich, wie üblich. Plötzlich stürzte jemand herein und rief:

„Oh mein Gott! Oh Gott! Jim Morrison ist gerade bei einem Autounfall ­umgekommen!“

Jim fuhr die „Blue Lady“, seinen Shelby GT 500. Ein richtig scharfes und ­gefährliches Gerät, von daher hätte es schon wahr sein können. Niemand wußte, was er tun sollte. Wir redeten irgendwelchen Blödsinn und liefen mit kleinen panischen Schritten hin und her. „Wie ist das passiert? Wo? Was sollen wir machen? Irgend ­jemand muß einen Krankenwagen rufen. Wohin? Die werden erst mal hierher kommen. Hier brauchen wir die aber nicht, die müssen doch zum Unfallort. Wo ist das denn? Frag den Typen doch mal. Wo ist er denn jetzt? Wer war das überhaupt?“ Und keiner wußte, was das für ein Typ gewesen war. Oder war es eine Frau? ­Niemand konnte sich richtig erinnern. Wie eine Welle überschwemmten Nervosität und ihre böse Schwester, die Machtlosigkeit, unsere unteren drei Chakras. Wir waren in die Dunkelheit getreten, und dies war ein angsteinflößender Ort.

Tja, und was geschieht dann? Fünf Minuten später kommt Jim Morrison rein. Springlebendig und in bester Partylaune! Wir, erleichtert: „Verdammt, Jim, wir hatten gehört, du seiest tot.“ Er guckt uns fragend an, und dann zitiert er diesen klasse Spruch von Mark Twain: „Nee, Mann, die Gerüchte über meinen Tod waren stark übertrieben.“ Alles atmet erleichtert auf, wir lachen über unsere Leichtgläubigkeit, und die Party geht weiter … in eine lange Hollywood-Nacht hinein.

Deswegen glaubte ich Siddons nicht, als er wiederholte, daß unser Sänger tot sei. Es hatte nichts damit zu tun, daß ich mir nicht vorstellen konnte, daß mein guter Freund gestorben sei. Ich konnte in diesem Moment nur daran denken, wie Jim bei dieser Party dagestanden hatte, mit diesem trägen Lächeln auf seinem schönen dunklen Gesicht, und wie er die absurde Situation genoß, für tot erklärt zu sein, während er sich noch seines Lebens erfreute. Ich dachte daran, wie albern es mir damals vorgekommen war und beschloß, die Sache einfach abzutun – sie genauso zu behandeln wie die anderen halbgaren Legenden, die ich zuvor schon gehört hatte. Es war bloß wieder so ein paranoides Todeshirngespinst, das seine Finger nach uns ausstreckte. Und ich würde auf keinen Fall nach Paris fliegen, bloß um einem so unwahrscheinlichen Gerücht auf den Grund zu gehen.

„Kann ich mir nicht vorstellen, Bill. Und ich fliege ganz bestimmt nicht nach Paris. Erinnerst du dich noch an diese Party?“

„Ich glaube, diesmal ist es ernst, Ray“, entgegnete Bill.

Ich wurde für eine Sekunde nachdenklich, als ich die Panik in Siddons’ Stimme bemerkte.

„Weißt du was“, meinte ich, „es geht doch mittags eine Maschine nach Paris, oder? Kauf dir ein Ticket erster Klasse und flieg rüber.“

Das Ticket habe ich schon gekauft, Ray. Ich brauche nur dein Okay.“

„Also, das hast du, Mann. Jetzt aber los.“

„Ich rufe dich an“, bekräftigte er. „Wenn ich da bin.“

„Und, Bill“, warnte ich noch, „geh ganz auf Nummer Sicher, ja? Check ­diesmal wirklich alles gründlich.“ Und damit legte ich auf.

Drei Tage später rief er wieder an.

„Wir haben gerade Jim Morrison begraben“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

Wer ist dran?“, brüllte ich wütend in den Hörer.

„Bill, Bill Siddons“, tönte es fast schüchtern zurück.

„Bill! Was zum Teufel soll das heißen: ,begraben‘? Du meinst, das ist keine idiotische Wahnvorstellung? Du meinst, er ist wirklich tot?“

„Diesmal stimmt es tatsächlich, Ray.“

„Wie kann das sein? Was … was ist denn passiert? Ich meine, ist er über­fahren worden, oder hatte er einen Unfall? Ist ihm ein Haus auf den Kopf gefallen, verdammte Scheiße …“ Ich war sauer.

„Das wissen wir nicht.“

… oder hat ihn jemand umgebracht, verdammt noch mal? Hat ihn jemand erschossen oder vielleicht erstochen?“

„Ich weiß es nicht, Ray.“

„Was soll das heißen, du Arschloch: Ich weiß es nicht?“

„Es war nichts in der Richtung. Er ist einfach … gestorben.“

„Du lieber Gott.“ Ich versuchte, das zu realisieren. Es war nicht zu ver­arbeiten. „Was?! Wo denn?“

„In seiner Wohnung. In der Badewanne.“

„Wollte ihn jemand ertränken oder …?“

„Nein“, sagte Bill. „In dem ärztlichen Bericht steht so was wie Herzstillstand. Ist alles auf Französisch, ich kann das nicht lesen.“

„Mann, Alter. Wie sah er denn aus?“

„Das weiß ich nicht, Ray.“

„Wenn du das noch mal sagst, erwürg’ ich dich. Ich will wissen, wie er aussah. Komm mir nicht mit ,weiß ich nicht‘.“ Und dann versetzte er mir noch einen Schlag.

„Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe seine Leiche nie gesehen.“

„Wie kann das sein?“ Am liebsten hätte ich den Hörer auf den Küchentisch gedonnert, wo Dorothy und ich gerade frühstückten. Oder ihn Siddons über den Kopf gezogen. Das kommt davon, wenn man jemanden losschickt, der seinem Job nicht gewachsen ist.

Der Sarg war versiegelt.“

„Du willst damit sagen, du hast Jims Leiche nie gesehen? Warum hast du den Sarg nicht öffnen lassen?“ Ich war weiß vor Wut.

Seine Stimme fing an zu zittern. „Ich konnte es nicht.“

„Warum hast du nicht darauf bestanden, ihn zu sehen? Warum hast du nicht gesagt: ,Ich muß Jim Morrison sehen. Ich bin der Manager, und ich muß seine ­Leiche sehen!‘ Warum nicht?“ Und dann das Verrückte …

„Ich hatte Angst“, gestand er.

„Ihr habt also einen Sarg begraben?

„So war’s, Ray. Wir haben ihn heute morgen beerdigt.“

„Woher willst du überhaupt wissen, daß er wirklich in diesem Sarg war?“, brüllte ich ihn an. „Woher willst du wissen, daß es nicht vielleicht bloß anderthalb Zentner Sand gewesen sind?“

„Na ja, äh, Pam war total fertig, sie hat geheult und so. Und, äh, ich meine … er war da drin. Das weiß ich.“

„Oh Gott.“ Irgend etwas saugte mir die Luft aus dem Körper. Die ganze wirre Geschichte nahm plötzlich Gestalt an.

„Bill, ich hatte gesagt: Check alles genau ab! Und du weißt überhaupt nichts.“ Ich machte eine Pause, rang nach Luft und versuchte, etwas Greifbares zu finden. „Wo … wo habt ihr ihn begraben?“

„In Paris. Der Friedhof heißt Père Lachaise oder so. Ich habe keine Ahnung, wie man das genau ausspricht, Ray.“

„Macht nichts, Bill.“

„Es ist nicht übel da“, versuchte er jetzt ein bißchen wiedergutzumachen. „Eine Menge berühmter Künstler sind da begraben. Chopin und, äh, Sarah Bernhardt und Oscar Wilde und … äh …“ Ich konnte hören, wie angestrengt er ­nachdachte. „Keine Ahnung, wer sonst noch, aber es sind eine Menge mehr.“

„Ganz toll, Bill. Aber ist Jim da begraben?

„Hab ich dir doch gesagt. Ja, wir haben ihn gerade beerdigt.“

„Ihr habt einen versiegelten Sarg beerdigt, Mann. Jetzt werden wir die ­Wahrheit nie erfahren. Ab jetzt wird es nur noch Gerüchte und Geschichten geben.“

„Wie meinst du das, Ray?“

„Vergiß es, Bill. Eines Tages wirst du es begreifen. Komm jetzt nach Hause.“

Ich legte einfach auf. Mehr gab es nicht zu sagen. Ich fand später heraus, daß Agnes Varda, Alain Ronay, Pam und Siddons die einzigen bei der Beerdigung gewesen waren. Nur vier Leute an einem schönen Pariser Morgen. Und er war ­gegangen. Er war nach Paris gereist, um Urlaub zu machen. Um ein bißchen auszuspannen. Und dann war er tot. So einfach. So kompliziert.

Es gab ein paar öffentliche Statements. Die Presse wurde informiert. Elektra Records wurden informiert. Unser Rechtsanwalt wurde informiert. Und dann ­begannen die Gerüchte zu kursieren. Ich möchte diesen ganzen Andeutungen nicht auch noch zusätzliches Gewicht verleihen, indem ich sie hier wiederhole. Aber wenn ihr dieses Buch hier lest … dann kennt ihr vermutlich schon eine Reihe davon. Selbstmord. Mord. CIA-Verschwörung. Er lebt in Wirklichkeit in Afrika. In der australischen Wildnis. Er ist tibetanischer Mönch geworden. Diese Sachen halt. Typische Schönfärberei des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Das pathetische Herbeiphantasieren irgendwelcher Geheimpläne. Überall Verschwörungen. Die Angst und das Mißtrauen fressen uns auf. Wir sind vollkommen paranoid. Kein Vertrauen mehr in die Energie. Die Energie, aus der wir bestehen und die das ganze Leben trägt. Das Verständnis für die Lebenszyklen ist uns abhanden gekommen. Wir können nicht einmal mehr an diese Zyklen glauben. Alles erscheint uns linear. Alles ist Fortschritt. Wir müssen von einem Punkt zum nächsten eilen. Wir müssen auf ein Ziel hinarbeiten. Wenn der jüdisch-christlich-moslemische Mensch keinen Fortschritt sieht, wird er verrückt. Wenn das Leben sich im Kreis bewegt, wird er verrückt. Wenn er nicht weiterkommt, wird er verrückt.

Und so ist es auch – wir werden verrückt.

Wir trafen uns später an diesem Nachmittag im Doors-Büro. Wir waren völlig entgeistert. Wir alle: John, Robby und ich, Kathy Lisciandro (unsere Sekretärin), Leon Barnard (unser Pressemann), Vince Treanor (unser Equipment- und Road­manager) und der kleine Danny Sugerman (Bürobote und Doors-Manager in spe). Wir waren am Boden zerstört. Wir hatten darauf gewartet, daß Jim zurückkam, damit wir weiterarbeiten, neue Songs ausprobieren und uns im Proberaum ­einigeln konnten. Wie hatten wir uns gefreut, wieder zusammenzuspielen, ein ­weiteres Album zu machen (die neuen Songs waren klasse), Konzerte zu geben, viel Spaß zu haben, tolle Erfahrungen zu sammeln. Und plötzlich ist es nicht nur so, daß Jim nicht wiederkommt. Er ist tot.

Keine künstlerische Erfüllung mehr. Kein Liebesakt mehr auf der Bühne. Jim und ich, wir würden uns nie wieder wie Dionysos und Apoll ­herausfordern. Wir vier würden nie wieder diese Ebene erreichen, diesen heiligen, erleuchteten Ort, an dem die Musik der Doors gemacht wurde, nie wieder. Es war vorbei, und wir alle waren plötzlich ein bißchen weniger als früher. Nun würde immer ein Stück von uns fehlen. Unser ganzes weiteres Leben lang.

Zweites Kapitel

Die South Side von Chicago

Daß mir dieses Stück einmal fehlen würde, wußte ich damals noch nicht, als ich zwischen 34. Straße und Bell Avenue in Chicago/Illinois aufwuchs und zur Schule ging. In dieser Stadt wurde ich am 12. Februar 1939 geboren. Ich wußte nur, daß ich lebte und daß das Abenteuer an eben jener Kreuzung begann. Sie war meine „axis mundi“.

Um halb vier Uhr morgens erblickte ich zum erstenmal das Licht dieses Planeten, genau zur Stunde des Wolfes, und noch dazu am Geburtstag von ­Abraham Lincoln. Er ist auch ein Wassermann, und unsere Karte ist der Karokönig. Ich kam zur Welt im Jahr des Hasen, der das Glückssymbol unter den chinesischen Sternzeichen ist … und ich konnte mich sicher in dieser Hinsicht nie beklagen. Der Mond steht bei mir im Schützen, Jims Aszendent.

Ich ging auf ein kleines Gymnasium, die Everett School. Dort verbrachte ich acht Jahre. Wir wohnten gleich gegenüber, 3358 South Bell Avenue. Das war sehr bequem. Ich ging jeden Tag zum Mittagessen nach Hause – hatte ich ein Glück! Meine beiden jüngeren Brüder auch, Rich und Jim. Was für ein Leben! Mama kochte zu Hause! Mein Vater, Ray Senior, arbeitete in der Fabrik von ­International Har­vester McCormick als Mechaniker. Ein ordentlicher Gewerkschaftler. Meine Mutter Helen kümmerte sich um ihre vier Männer. Sie ­machten ihre Sache beide hervor­ragend. Wunderbare Eltern. Sie gaben uns viel Unterstützung … meist jedenfalls.

Ich bin polnischer Abstammung. Manzarek (eigentlich Manczarek geschrieben) ist ein polnischer Name. Ich gehöre zur dritten Generation, die hier ansässig ist; meine Großeltern waren mit der großen Auswandererwelle aus Ost- und ­Südeuropa Ende des letzten Jahrhunderts rübergekommen.

Sie arbeiteten wahnsinnig hart. Und unsere Eltern arbeiteten ebenso hart und wollten, daß ihre Kinder zur Schule gingen. Damit sie mal was Besseres wurden. Damit sie eine gute Ausbildung hatten. Und die bekamen wir. Wir ­gingen aufs College. „Ihr sollt mal studieren und es besser haben als wir.“ „Klar, Mom, klar, Dad, machen wir.“ Leider gingen wir dann an die UCLA und wurden Künstler. Das hatten sie sich vermutlich anders vorgestellt. Wir sollten solide Berufe ergreifen. Ich sollte Anwalt werden. Dorothy Fujikawa – meine spätere Frau – sollte Medizin studieren. Jim Morrison sollte Diplomat werden. Wenn er nicht auf die U.S. Naval Academy in Annapolis ginge (wie sein Vater), sollte er in den diplomatischen Dienst eintreten. Jim Morrison auf der Militärakademie? Unmöglich, sich das ­vorzustellen. Anstatt also die Träume unserer Eltern zu leben, begannen wir zu ihrem großen Ärger, unsere eigenen zu entwickeln. Wir wurden Künstler! Und schlimmer noch … wir experimentierten mit Drogen. Wir konsumierten psychedelische Substanzen, rauchten Grass und durchbrachen die Bewußtseinsmauer. Der Schleier – das Netz von maya, wie die Hindus sagen – fiel von unseren Augen, als wir die Pforten der Wahrnehmung öffneten. Ich glaube nicht, daß Mom und Dad sich das so für uns gedacht hatten. „Ihr jungen Leute müßt mit dem Marihuana­rauchen aufhören“, sagte mein Vater einmal zu mir. „Aber Dad“, entgegnete ich, „ich bin jetzt glücklicher als je zuvor in meinem ganzen Leben.“ Was konnte er darauf schon sagen? „Und du solltest nicht mit dieser Chinesin zusammenleben … du weißt doch, das sind zwei Kulturen, das verträgt sich nicht.“ Ich hätte beinahe laut losgelacht. „Nein, Dad“, sagte ich mit unterdrücktem Grinsen, „erstens ist sie Japanerin, und außerdem liebe ich sie.“ Was hätte er mir jetzt erwidern können? Er ging dann meist, nachdem er gesagt hatte, was er seiner Meinung nach hatte sagen müssen, damit alles seine Ordnung hatte. Die reine väterliche Sorge. Er tat das nur, um seinen Prinzipien Ausdruck zu verleihen, seiner Auffassung davon, wie die Dinge sein sollten. Und das konnte ich ihm nicht zum Vorwurf machen. Ich liebte meinen Vater. Er starb 1986. Er hielt die Doors für das Größte, und er liebte Dorothy schließlich auch; in seinen Enkel, unseren kleinen Pablo, war er völlig vernarrt. Meine Aufnahme von Carl Orffs „Carmina Burana“ mochte er besonders. Abtrünnige Mönche und Gesänge in wildem Latein berührten ihn richtig. Er hatte sich im Alter vom katholischen Glauben abgewandt … nachdem er mit der ganzen ­Familie nach Kalifornien gezogen war. Das Licht und die Freiheit hatten schließlich auch ihn gepackt. Er wollte, daß „The Roasted Swan“ aus den „Carmina“ bei seiner Beerdigung gespielt werden sollte. Er war ein irrer Typ.

Chicago war eine gut geplante, gut angelegte Stadt, und Familie Manzarek nutzte alles, was sie bot. Mein Vater ging mit uns überall hin. In die Parks, zu den Sommerstränden am Michigansee, in die Museen – für Naturgeschichte, für Wissenschaft und Industrie –, ins großartige „Loop“ downtown, in die ­Premierentheater wie das Chicago und das Oriental, in die Waldgebiete im Westen der Stadt, wo man zelten, Fleisch grillen, picknicken und wandern konnte, zum Soldier’s Field, wo Stockcar-Rennen und Football-Spiele stattfanden, zum Achterbahnfahren im Riverview Amusement Park, zu den Rodeos und Sportveranstaltungen im International Amphitheater und zu der jährlichen ­Automobilausstellung … wir machten einfach alles! Mein Vater war dabei immer der Anführer. Er war wunderbar. Er konnte allerdings auch ziemlich hart sein und dir einen Tritt in den Hintern geben, wenn dein Hintern das brauchte. Aber meist war er wunderbar und aufbauend, stark, männlich und ­beschützend.

Natürlich hatte er keine Ahnung, wie ich mich mal entwickeln würde. Aber er liebte es, wenn ich mich ans Klavier setzte und ein bißchen Boogie-Woogie oder eine kleine zweistimmige Bach-Invention spielte. Dann lag er mir zu Füßen. Ich war sein Erstgeborener, und er war stolz auf seinen Nachwuchs. Er stärkte mir stets den Rücken … solange ich ordentlich zur Schule ging und gute Noten nach Hause brachte.

Meine Mutter war in unserem Haus natürlich die ungekrönte Königin. Ihr Mädchenname war Helen Kolenda (sie erzählt gern, daß das auf Polnisch „Weihnachtslied“ heißt). Sie hat eine wunderbare Singstimme, ganz klar und rein. Sie liebt Musik, und sie liebt die Doors. Sie verliebte sich geradezu in Jim Morrison und behandelte ihn wie ihren vierten Sohn. Sie hätte ihn sicher liebend gern selbst großgezogen und sich um ihn gekümmert, so wie um ihre anderen drei Jungs. Mit ihrer Herzlichkeit und ihrer guten Küche. Mit ihrem großen, ­golden gebackenen Truthahnbraten, zart und saftig und mit einer knusprigen, knackigen Kruste. Mit ihren gebratenen, nach Knoblauch duftenden Lamm­keulen, der selbstgemachten Rinderbrühe mit Einlage, den Maiskolben und ­aufgeschnittenen Tomaten von den Bauernhöfen und Feldern der Kornkammer des amerikanischen Mittelwestens. Nicht zu vergessen das selbstgebackene Weißbrot mit Mohn, heiß und golden und mit frischer Landbutter beschmiert. Und ihre Zitronenbaiser-Pasteten, ganz süß und sauer, fast dreißig Zentimeter hoch, mit Gipfeln und Strudeln blassen weiß­goldenen Baisers. Und ihr Apfel­kuchen, den sie in großen Backformen zubereitete, außen mit zartem, weißem Zuckerguß und innen gefüllt mit Zimt- und Zucker-­gewürzten Äpfeln. Lecker.

Wie wurde ich in meiner Kindheit gut ernährt! War es nicht schon allein ein Genuß, unter der Woche zum Mittagessen von der Schule nach Hause zu kommen? Kein fades Schulküchenessen. Keine Pausenbrote. Ein schönes, heißes Mittagessen, von der eigenen Mutter gekocht. Nichts Außergewöhn­liches, nur der typische ­amerikanische Lunch der Fünfziger, zum Beispiel ­Tomatensuppe von Campbell’s, ein Käsetoast, ein paar Karotten oder Sellerie und ein Glas Milch. Wir schlangen unsere Mahlzeit hinunter, und ruck, zuck waren wir wieder weg. Über die Straße rannten wir auf den Schulhof zurück, spielten noch einmal fünfzehn oder zwanzig Minuten, und dann ging’s wieder in die Klasse. Eine verläßliche Routine.

Meine zwei Brüder und ich waren viel in Chicago unterwegs. Wir trieben viel Sport, wir waren nicht zu bremsen. Die Stadt war ideal, wenn man draußen etwas unternehmen wollte. Sie war wie ein Gitter angelegt, das sich an den Michigansee schmiegte, und alle vier Häuserblocks oder so gab es einen öffentlichen Spielplatz oder einen städtischen Park – im ganzen Stadtgebiet. Kids und Teenager konnten ihre überschüssige Energie überall spielerisch loswerden. In der Nähe unseres Hauses, drei Straßen weiter an der Ecke 34./Hoyne Street, lag der Hoyne Play­ground, unser Stammsportplatz. Dort gab es ein Baseball-Feld – sogar mit einer Flutlichtanlage für die spätabends stattfindenden Spiele der größeren Jungs –, eine Basketballanlage, wo ich mich um Kopf und Kragen spielte, einen Tennisplatz sowie Schaukeln, Wippen und einen Sandkasten für die Kleinen. Ein kleines ­Ziegelhäuschen beherbergte das Büro und den Geräteraum – man bekam hier tatsächlich auch Bälle, Schläger, Springseile und so. Hier hatte der alte Ralph, der sich um die Sportanlage kümmerte, seinen Platz. Er hatte vierzig Jahre lang für die „Chicago Playground District“-Verwaltung gearbeitet, und das hier war nun seine letzte Stelle. Er war ein netter, alter Knabe, er liebte Kinder, und er hielt Hoyne tiptop in Ordnung. Zusammen mit ein paar anderen Jungs aus der Gegend gewann ich die Stadtmeisterschaft im Softball für ihn. Wir hatten ein tolles Team.

Ich spielte am ersten Mal und war beim Schlagen als dritter an der Reihe. Wir waren alle dreizehn und vierzehn Jahre alt. Typische Chicagoer Kids der ­Fünfziger, und wir konnten werfen, fangen und rennen wie der Wind. Für den alten Ralph war es der erste Titelgewinn seiner ganzen Laufbahn. Er brach ­beinahe ­zusammen und weinte vor Freude, als das Spiel zu Ende war.

Mein Vater nannte uns stets die Hoyne Giants; er sagte das im Scherz mit so einer Art chinesischem Dialekt. Der Spaßvogel. Im darauffolgenden Herbst machten wir auch beim City-Touch-Football den ersten Platz – mit ­derselben Horde Sportplatz­typen, die Pässe schlugen, angriffen und sich ihre jugendlichen Ärsche abspielten.

Aber mein Lieblingssport war Basketball. In Chicago gab es im Winter zwei Möglichkeiten für organisierten Sport: Hockey oder Basketball. Hockey?! Hockey kam nicht in Frage, vergiß es, Mann. Es war draußen arschkalt. So kalt wie in ­Dantes neuntem Kreis der Hölle. Wer will bei Eis und Schnee schon draußen sein? In der Eiseskälte rumglitschen und diesem Hockeypuck hinterherlaufen. Die Fußgelenke biegen sich irgendwann zur Seite, entweder o-beinig nach außen oder x-beinig nach innen. Irgend jemand haut dich mit diesem riesigen, harten Hockeyschläger vors Schienbein. Das sind doch echte Totschläger, diese Dinger. Und der Puck ist viel zu hart. Das reinste Gummi­geschoß, das mit diesem Totschläger abgefeuert wird. Du selbst in bester Schußlinie, und dann ist es auch noch so saukalt. Im Gegensatz dazu der ­Basketballplatz … der ist zunächst mal in der Halle … und es ist warm. Man zieht sich die dicken Sachen aus, es ist wie auf Hawaii, man läuft in kurzen Shorts und einem Trägerhemd rum. Bei dreißig Grad. Ahhh … paradiesisch.

Ich war vierzehn, einsachtzig groß, und ich war gut. Ich spielte viel Basketball mit meinem besten Freund Joe Nies, und wir beide wurden im folgenden Winter als Schlüsselspieler ins McKinley Park City Championship-Basketballteam berufen. Ich spielte im Mittelfeld, er war Verteidiger. Damals war ich schon genauso groß wie heute. Ich war der Lange. Einsachtzig, fünfundsechzig Kilo, ein „Kämpfer“ in der Mitte. Die verschiedenen Wurf- und Schrittechniken hatte ich bestens drauf. Und Joe Nies war gut in Ballbeherrschung und bei ­Pässen. Wir gewannen die Meisterschaft für Jungen unter 14. Ich war sehr stolz auf unser Team. Klasse Jungs.

In unserem Siegestaumel erkannte ich noch nicht, daß das der Höhepunkt meiner Basketballkarriere sein würde. Im nächsten Jahr war ich immer noch ­einsachtzig, fünfundsechzig Kilo, und die Jungs, die vorher hinten gespielt hatten, gingen nun nach vorn. Sie waren gewachsen und ich nicht. Als ich sechzehn war, waren die früheren Verteidiger einsneunzig – und ich noch immer einsachtzig, fünfundsechzig Kilo. Alle wuchsen und wuchsen und wuchsen – außer mir. Mit vierzehn noch der Große, mit fünfzehn dann Stürmer, und als ich sechzehn war, hieß es: „Ray, du gehst in die Verteidigung.“ Ich sagte: „Ich spiel’ nicht hinten. Ich bin kein Dribbler, ich spiele auf den Korb. Ich bin ein Rebounder, ein Korbjäger.“ Und sie sagten: „Nein, für einen Rebounder bist du nicht mehr groß genug, Ray. Du mußt jetzt hinten rein.“ Und das war das Ende meiner Basketballzeit. Ich war sechzehn, und ich war nicht gewachsen. Also sagte ich mir: „Dann muß ich mich jetzt wohl auf die Musik konzentrieren.“

***

Die ersten Schritte auf meinem langer Weg in die „fließende Welt“ der Musik waren … Klavierstunden! Meine Eltern hatten ein riesiges Klavier gekauft, aus geschnitztem Holz. Es sah für mich nach altdeutschem Bauernstil aus; gedrechselte Beine, hier und da mal ein Blumenornament, dunkelbraun und absolut massiv gebaut. Sie ließen es von einem halben Dutzend Möbelpackern in den Partykeller hinunterwuchten und sagten: „Raymond, du wirst Klavierspielen lernen.“ Ich war sieben oder acht. Ich hämmerte auf die Tasten, alberte ein bißchen rum, machte ein wenig Krach und dachte mir, warum nicht? Vielleicht macht das Spaß. Glücklicherweise waren meine Eltern wirklich hip und hatten kein Akkordeon gekauft. Das war im Mittelwesten in den Nachkriegsjahren nämlich ein höchst beliebtes Instrument. Auf den Bühnen der ganzen Stadt standen Gruppen von Kindern, die „Lady Of Spain“ spielen mußten. Kein schöner Anblick. Chicago, Milwaukee und der gesamte Staat Pennsylvania waren die Akkordeon-Hochburgen Amerikas. Aber meine Eltern waren dafür zu ­modern. Mein Vater spielte Gitarre und war auf der Ukulele nicht zu schlagen. In den wilden Zwanzigern und in den krisengeschüttelten Dreißigern hatte jeder junge Draufgänger im Waschbärpelz eine Ukulele und sang dazu seiner Liebsten von Sonne und Wonne vor. Mein Vater hatte für meine Mutter genauso gesungen. Und sie sang zurück, aber noch viel schöner. Sie hatte in unserer Familie die beste Stimme. Aber sie sangen auch gern zweistimmig, Liebeslieder von der kleinen Stadt in Spanien oder flotte Melodien wie „Steig doch ins Taxi, mein Liebling“. Viele Jahre später ­erzählten sie mir einmal von ihrer Plattensammlung, lauter alten 78ern, die vor ­meiner Geburt in einem Feuer dahingeschmolzen waren. Bluesplatten. Bessie Smith und alle möglichen anderen Sänger und Gruppen, die ihnen nicht mehr einfielen. Und nur Schwarze. Die Musik der South Side von Chicago. Meine Mutter erzählte, wie sie und Dad zusammen auf die Jagd nach Platten gegangen waren.

„Meist begaben wir uns in die Maxwell Street, wo diese kleinen Plattenläden waren“, berichtete sie. „Eigentlich waren es gar keine richtigen Läden. Die Leute ­lebten da und verkauften außerdem Scheiben. Es herrschte Armut. Die Türen waren mit einer Decke zugehängt, damit es nicht so kalt wurde, und hinter ­dieser Decke ­verkauften sie Schallplatten. Wenn man die Straße entlangging, dann hörte man die Musik, zog einfach die Decke beiseite und ging rein. Sie spielten die tollsten Sachen. Ich sag’s dir, Raymond, diese Schwarzen … die haben’s drauf!“

„Ja, Mom, da hast du recht“, lachte ich. „Diese Schwarzen, die haben’s drauf.“ Mann, was würde ich für diese Plattensammlung heute geben!

Also bekam ich Klavierunterricht. Die erste schicksalshafte Stunde schlug an einem Samstagmorgen um genau zehn Uhr. Mein Vater und ich gingen zur Ecke 35./Archer Avenue, einer Gegend mit vielen kleinen Geschäften, betraten ein zweistöckiges Gebäude, dann ging’s eine Treppe hoch, bis zu dem Studio, wo der „kleine Professor“ hauste, wie mein Vater, der Spaßvogel, ihn immer nannte. Nie werde ich diesen Morgen vergessen. Er ist in meine Gehirnwindungen eingebrannt. Das Studio war abgedunkelt, ich weiß nicht warum, und es war ein bißchen unheimlich. Es war Samstag morgen, ein schulfreier Tag – und sein Zimmer war dunkel! Mach die Fensterläden auf, schrie mein Gehirn. Mehr Licht! Und es roch ein bißchen muffig, wie eben bei einem alten Mann zu erwarten, der noch vor dem Krieg aus Europa rübergekommen war. Der Mann begrüßte mich, und ich ging ­unwillkürlich einen Schritt zurück. Er war ein komischer, verhutzelter Kerl. Heute weiß ich, wer er war – Shygoltz aus dem Film „Die Büchse der Pandora“. (Das war Louise Brooks’ erster Freier. Sie spielte die Lulu, und der zwergenhafte Shygoltz war ihr erster Geliebter.) Ich wollte da raus, und zwar sofort! Es war Samstag ­morgen. Im Radio liefen die Kindersendungen, so wie heute die Zeichentrick­serien im Fernsehen. Das war damals gerade die Übergangszeit zwischen Radio und Fernsehen, und jeder wußte, daß ich diese Samstagssendungen liebte. „The Lone Ranger“ und der großartige „Captain Midnight“ – man mußte damals einfach einen Dekoderring haben. Für zwei Sammelpunkte von den Cornflakes-Paketen und einen Vierteldollar bekam man einen kleinen billigen Plastikring, den man dann innig liebte; wenn man ihn ein paarmal benutzt hatte, ging er kaputt, aber man trug ihn trotzdem, weil es cool war, und weil man damit zu „Captain ­Midnight’s Billy Batson Boy Rangers Club“ gehörte, und zu Smiling Ed McConnel’s Gang, ­zusammen mit Froggy, dem Kobold. „Spiel deinen Zauberbogen, Froggy … boinnggggg!“ Ich liebte diese Sachen, und nun saß ich hier mit Shygoltz, ohne daß eine Lulu für uns getanzt hätte. Scheiße!

Als ob das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre – die geistige Quälerei fing erst richtig an. Er öffnete ein rotes Notenheft, das verschiedene ­Musikstücke enthielt. Sehr einfache, kleine Stücke.

Er sagte mit seinem osteuropäischen Akzent: „Okay, Rehmont … das ist die Musick. Und so wird sie aufgeschribben.“

Ich sah mir das an und dachte: Das ist irgendeine Botschaft aus dem Weltall. Garantiert verfaßt von Ming, dem Grausamen. Es war nicht zu entziffern. Hätte ich doch bloß meinen „Captain Midnight“-Dekoderring mitgehabt, wünschte ich. Die Seite war mit Punkten und Strichen übersät. Irgend jemand hatte noch ein paar horizontale Linien mit Punkten über die Seite verteilt. ­Vertikale Linien faßten die Punkte zu Gruppen ohne erkennbares Muster ­zusammen. Die Punkte hatten ­kleine Stiele, die sich nach oben reckten. ­Manche Stiele hatten am Ende noch eine kleine Flagge, manche zwei Flaggen. Links am Anfang der Seite trugen die Linien ein bizarres Symbol: einen barocken Kringel, der über alle fünf Striche hinwegging. Was für eine komplizierte Geheimsprache!

„Was bedeuten diese Punkte und Striche, Sir?“, fragte ich den kleinen ­Professor. „Das sagt mir überhaupt nichts.“

Er kicherte. „Das iss ganz leicht, mein Kleiner. Siehst du diese Note?“

Aha, diese Punkte mit Stielen nannte man Noten. Er zeigte auf einen Punkt unterhalb der fünf Linien, der von einem kleinen Strich gekreuzt wurde.

„Das ist das mittlere C. Das entspricht dem mittleren C auf dem ­Klavier.“ Und er spielte ein C an. Da saß ich also vor 88 Tasten. Alle sind schwarz oder weiß. Sie sehen alle absolut gleich aus. Und Shygoltz kann sie ­irgendwie von­einander unterscheiden. Wie zum Teufel macht er das? Mein Hirn verwandelte sich in Hafergrütze. Sie sehen alle gleich aus, schrie mein Haferflocken-Hirn. All diese weißen und all diese schwarzen Tasten. Hier links sind ein paar tiefe und hier rechts ein paar hohe … aber sie sehen alle gleich aus! Das ist total verrückt! Wie kann man das jemals begreifen? Es war mir ­völlig schleierhaft, wie sich ­irgendjemand merken konnte, wo irgendwas bei diesen Tasten lag.

Er wiederholte: „Das ist das mittlere C“ und schlug den Ton an. „Versuch du es, Rehmont.“ Er nahm meine Hand, ich streckte den Zeigefinger aus, und dann bewegte er meinen Arm rauf und runter, so daß ich den Ton mehrfach anspielte.

Ich dachte: Laß meine Hand los! Ich bin kein Baby. Ich kann den Ton ohne deine Hilfe spielen, vielen Dank. Ich war sauer. Warum hatte mich mein Vater in dieses Höllenhaus gebracht?

„Sehr gut, Rehmont. Jetzt spiele ich einmal das ganze Stück für dich.“

Ich wollte ihn bremsen. Nicht weitermachen! Ich kann das nicht, dachte ich. Ich werde niemals, nicht in tausend Jahren, diese verschlüsselte Botschaft des grausamen Ming lesen lernen. Aufhören!! Aber er machte immer weiter, und das Stück, das er spielte, ging so (jetzt bitte zum Klavier gehen, lieber Leser): C-D-E, E-D-C, D-E-C. Das war alles.

„Lei-ter auf, Lei-ter ab, jetzt ein Sprung.“

Und mir ging ein Licht auf. Der Haferbrei war weg. Ich war wieder Raymond Daniel Manzarek Junior. Mit einem IQ von 135. Das kann ich auch! Ja! Das ist nicht zu schwer für mich, verklickerte mir mein Hirn.

„Versuch du es“, drängte Shygoltz.

Und das tat ich … ich klopfte mit dem Zeigefinger auf die Tasten. Das ­machte ich einmal, und dann sang ich die Worte, während ich spielte: „Lei-ter auf, Lei-ter ab, jetzt ein Sprung.“

Und der kleine Professor grinste. „Sähr gutt, Rehmont.“

Mein Vater klatschte in die Hände – mein erster Applaus – und strahlte ­seinen kleinen Jungen an. So fing es für mich an. Der kleine Musiker.

And we’re on our way and we can’t turn back.

Damit begannen lange Jahre des Übens. Eine halbe Stunde nach der Schule und eine halbe Stunde nach dem Abendessen. Die halbe Stunde nach dem Essen war kein Problem, weil meine Mutter mir hinterhältig die Wahl ließ, Klavier zu üben oder beim Abwasch zu helfen. Ich entschied mich natürlich für ersteres. Und sie liebte es. Sie machte den Abwasch und summte mit, während ihr Junge nebenan Klavier spielte, ihr Ehemann die Zeitung las und Rich und Jim auf dem Boden ­herumwuselten. Das war ihre Familie. Und sie war eine glückliche Frau.

Das Üben nach der Schule war allerdings eine Strafe. Meine Mutter und ich ­gerieten ständig aneinander. Eine halbe Stunde nach der Schule? Kam gar nicht in Frage. Nicht für einen Jungen, dem die Energie zu den Ohren rausschoß. Ich mußte Dampf ablassen, hatte Hummeln im Hintern und brauchte Bewegung! Außerdem wohnten wir ja gerade gegenüber von der Schule mit den zwei Pausenhöfen. Den Spielhöfen. Ich konnte hören, wieviel Spaß die anderen Kinder hatten. Ich konnte das helle Geschrei und das Kreischen hören, das im Kinderhirn den Schalter für „wilde Spiele“ umlegt und das gesamte Nervensystem aktiviert. Ich lugte zum Fenster raus und sah, wie die anderen herumtollten, und natürlich wollte ich unbedingt dabeisein.

„Ich will heute nicht üben, Mom“, quengelte ich. „Ich will raus und spielen.“

Meine Mutter versuchte dann, ruhig zu bleiben. „Nach dem Üben kannst du spielen gehen.“

„Aber das dauert noch endlos … ich habe keine Lust“, erwiderte ich.

„Es ist nur eine halbe Stunde, Raymond“, sagte sie auf diese beruhigende Art und Weise, die einen jungen Wilden die Wand hochtreiben kann.

Vielleicht kann ich mit ihr handeln, dachte ich. Mein gemeines Hirn war zu jeder Lüge bereit. „Ich hol’ es nach dem Essen nach. Dann übe ich eine ganze Stunde“, behauptete ich.

„Raymond …“ Ich haßte es, wenn sie in diesem Ton sprach und mich ­Raymond nannte. „Du kannst mir nichts vormachen. Ich bin deine Mutter. Ich weiß genau, daß du nach dem Essen keine Stunde spielst. Dann kommst du mit der nächsten Ausrede.“ Da hatte sie natürlich recht. Und dann kam sie mir mit Vernunft. „Du verschwendest mit dem Streiten soviel Zeit. Du könntest schneller draußen sein, als du denkst, wenn du jetzt anfängst.“

Ihre Logik war unangreifbar. Mir blieb nur noch ein Wutausbruch. „Ich hasse das Klavier“, brüllte ich. „Ich will nie wieder üben … ich hasse es!“ Was für ein Auftritt! Darauf kann sie ja wohl nichts mehr erwidern, dachte ich.

Von wegen. Es kam die ganz große Geste, schicksalsergeben, mit zitternder Stimme und einer falschen Träne. „Wenn das so ist … dann weg mit dem Klavier. Dann schmeißen wir es einfach auf die Straße …“ Gespieltes Schluchzen. „Mir ist das egal. Dann mußt du nie wieder spielen.“ Und mit Nachdruck: „Nie wieder!“

Hey Mom. Augenblick mal. Nie wieder? So sehr hasse ich es nun auch ­wieder nicht! Mein Hirn begann angesichts ihres Frontalangriffs fieberhaft zu ­arbeiten. Erwachsene können die Auseinandersetzung immer noch einen Schritt weiter drängen, als die Kinder es eigentlich wollen. Mit ihrer psychischen Stärke kriegen sie ein Kind ohne weiteres klein. Sie gewinnen immer. Wenn sie das ­untereinander versuchen, nennt man das Krieg. Oder Mord.

„Okay, okay. Ich fang ja schon an“, maulte ich.

Sie war nicht bereit, ihren Sieg so schnell zu genießen.

„Nein. Brauchst du nicht … wir schmeißen das Klavier weg. Geh raus auf die Straße.“

Ich wollte das Klavier nicht wegschmeißen. Verdammt noch mal, ich spielte ja gern. Und ich war gut. Sie wußte das auch, und deswegen hatte sie genau diese Knöpfe bei mir gedrückt. Erwachsene können so clever sein. Ich gab mich geschlagen.

„Mom, ich übe jetzt.“ Und dann ging ich runter in den Partykeller und machte meine Czerny-Fingerübungen, während von draußen weiter die hellen Schreie und das Lachen zu hören waren. Die reinste Folter!

So ging es die nächsten zwei Jahre weiter, bis ich einen neuen Klavierlehrer bekam. Shygoltz war Geschichte, um mich kümmerte sich nun ein junger Lehrer, Bruno Michelotti. Er war Leiter einer Tanzkapelle und ein richtig cooler Typ. Von ihm lernte ich im Grunde alles, was ich über Musik weiß. Er gab mir ein Notenblatt mit dem „Rag Mop“, einem der großen Hits der damaligen Zeit. Eine fröhliche, lockere Melodie, die auf einem Bluesschema aufbaute. Er brachte mir bei, wie man mit der linken Hand Stride Piano spielt. In C-Dur sah das so aus: das tiefe C mit dem kleinen Finger im ersten Takt, dann im zweiten Takt einen C-Dreiklang eine Oktave höher, das tiefe G unterhalb des C für den dritten Takt, dann im vierten wieder einen C-Dreiklang. Das war die kitzlige Stelle: vom G im dritten Takt zum C-Dreiklang im vierten. Aber wenn man das einmal geschafft hatte, machte Stride Piano Spaß. Die linke Hand gab einen Wumtata-Rhythmus vor, die rechte spielte die „Rag Mop“-Melodie dazu, und ich dachte: Hey! Das ist gar nicht übel. Das ist irgendwie cool. Da steckt Rhythmus drin. Dazu kann man tanzen. Das hat Groove. Diese Stride-Sachen spielte ich, ohne mich deswegen vorher mit meiner Mutter anzulegen.

Ich spielte Stride, bis ich ein Jahr später eine zweite Erleuchtung erfuhr: Boogie-Woogie! Das fesselte mich noch mehr. Und um ehrlich zu sein: Dem Boogie bin ich heute noch verfallen. Dieser wogende Schlangenbeat der linken Hand. Das sich stets wiederholende Mantra von Hüften, die sich im Paarungsrhythmus hin und her wiegen. Immer und immer wieder. Und immer wieder gleich. Da mußte sich nichts verändern. Warum auch? Wie konnte einen das langweilen? Es war der Rhythmus des Liebesakts. Der Rhythmus der Schöpfung. Der Schwung weiblicher Hüften. Der Stoß männlicher Lenden. Ein harter Backbeat auf zwei und vier. Angedeutete Verführung. Unausgesprochenes, aber stets deutlich erkennbares Eindringen. Und die Spielereien der rechten Hand? Mein Gott, was gab es da für phantastische Fingertänze, ganz wie bei Bach. Sauber und präzise. Euphorisch und spontan. Mit einem leisen Hauch von Traurigkeit.

Ich hörte eine Aufnahme von den Giants Of Boogie Woogie – Albert ­Ammons, Meade Lux Lewis (ich liebe dieses Lux in der Mitte; das Wörterbuch ­definiert lux als die „internationale Einheit für Leuchtkraft“) und Pine Top Smith. Sie waren brandheiß. Sie heizten dem Elfenbein richtig ein und ließen Weiß und Schwarz verschmelzen. Ich war wie versteinert. Die Zeit blieb einen Schlag lang stehen, und dann ging ich ganz in der Musik auf.

Das muß ich lernen, sagte ich mir. Stride Piano kam gegen Boogie-Woogie nicht an. Stride war Klavier für Weiße. Etwas steif, aber mit der guten Absicht, ein bißchen zu grooven. Aber, Alter, wenn man dagegen einen Schwarzen hörte, wie er Boogie-Piano spielte, dann konnte man das vergessen. Man mußte den Boogie einfach selbst probieren. Und so setzte ich mich an unser rustikales deutsches Klavier und trainierte meine linke Hand, um diesen Beat hinzukriegen, um diese Schlange aus meinen eigenen Fingern kriechen zu lassen. Ich versuchte, mich selbst mit diesem Mantra-artigen, sich wiederholenden Rhythmus zu hypnotisieren. Und ich schaffte es. Irgendwann hatte ich es raus. Ich konnte es! Meine Eltern, die früher alte Blues-Platten gesammelt hatten, fanden es toll. Meine Mutter lächelte, und mein Vater wippte mit dem Fuß, wenn er sich mit der „Chicago Sun-Times“ im Sessel ausruhte. Einmal hörte ich, wie er zu meiner Mutter meinte: „Der Junge wird richtig gut, Helen.“ Um es mit John Lee Hooker zu sagen: „Ich fühlte mich sooo gut. Der Boogie ging mir durch und durch!“ Und wißt Ihr was? … Meine linke Hand wurde schließlich der Bassist der Doors. Diese Boogie-Woogie-Technik, die „linken Finger“ und der Fender Rhodes-Keyboard-Baß verbanden sich zu dem hypnotischen, dunklen Dröhn-Sound der Doors. Durch all dieses Üben erlangte meine linke Hand genug Geschicklichkeit, um den Grundstein für die bauhausähnliche Struktur der Doors-Musik zu legen. Die klaren und effektvollen Mies-van-der-Rohe-Baßlinien waren die Weiterentwicklung dessen, was ich als zwölfjähriger Chicago-Boy im Barrelhouse-Boogie-Woogie entdeckt hatte und ein ums andere Mal wiederholte. Ihr kennt doch bestimmt auch den alten Witz: Fragt ein Tourist in New York einen Polizisten: „Wachtmeister, wie kommt man in die Carnegie Hall?“ Und der Cop sagt: „Üben, üben, üben.“

***

Meine linke Hand wußte nun, wo es langging; jetzt war es an der Zeit, ins wahre Zauberreich einzudringen. In den Blues!

Hochsommer in Chicago. Es ist heiß, feucht und schwül. Das Land von Tennessee Williams, Norden. Der lange, heiße Sommer in der Sauna Amerikas. ­Sobald man sich bewegt, läuft einem der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Aber das stört nicht weiter. Mit dreizehn wartet man auf irgendetwas Aufregendes, das plötzlich auftaucht und das ganze Leben verändert. Das einem neue Welten eröffnet. Für mich war das der Blues.

Es war im Hoyne Playground, beim Ballspielen. Wenn man Baseball spielt, dann wartet man das ganze Match über nur darauf, daß man beim Schlagen an die Reihe kommt. Selbst abschlagen! Darauf kommt es an. Auf dem Feld spielt man nur deswegen mit, weil die Regeln das eben so verlangen. Man gibt dem anderen Team die Chance zu schlagen und rennt dann aufs Feld, um den Ball zu fangen. Aber wen interessiert das schon? Es ist langweilig. Man will einfach nur selbst schlagen. Vorher ist man total angespannt, umklammert seinen Louisville Slugger und wartet darauf, daß er am eigenen Arm explodieren kann. Am liebsten würde man seinen ganzen Körper in diese eine Bewegung legen. Wie bei einer Frau. Der Werfer spielt den Ball rüber – in Chicago benutzte man den langsameren, weichen Softball –, und alles ist ein schwebender Traum, in dem man explodiert. Hau ihn weg. Schlag zu, mit voller Kraft. Und ich hatte schon eine ganze Menge Kraft. Zu Hause stemmte ich Gewichte. Ich trainierte ziemlich viel und war recht stark, bei einem Gewicht von etwa 60 Kilo. Mit dreizehn begannen sich bei mir die ersten Teenagermuskeln zu entwickeln. Sperma und Muskeln, was für eine gefährliche Mischung. Ich ließ all meine Aggressionen am Ball aus. „Laß mich den Ball schlagen, verdammt! Laß mich schlagen!“

Wir waren an der Reihe, und ich war der zweite Schläger dieses Innings. Der erste Typ hatte uns in eine gute Position gebracht, und es stand jemand von uns am zweiten Base. Das war super – jetzt konnte man den Ball richtig wegdonnern und einen Run einfahren. Das, liebe Freunde, ist Sinn und Zweck beim Baseball. Ich kam also ans Schlagmal und schwenkte meine Keule, und als ich gerade loslegen wollte, vernahm ich von der rechten Seite des Feldes aus einem Radio irgendwo auf der Tribüne einen klagenden Sound. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ein dunk­les, trauriges Heulen, wie aus einer tiefen, blauen Höhle. Es elektrisierte mich. Der trauernde Klang einer Mundharmonika. Dahinter lag ein auf zwei und vier betonter Backbeat. Hart und düster. Eine elektrische Gitarre spielte ein schlangenartiges Ich-weiß-nicht-was. Noch nie zuvor hatte ich jemanden so Gitarrespielen gehört. Wie „How High The Moon“ von Les Paul und Mary Ford war es ­jedenfalls nicht. Es klang, als hätte sich der Gitarrenhals in ein Reptil verwandelt, und die Bünde seien dessen Rippen. Über all dem lag die Stimme eines Mannes. Voll, tief und kehlig. Voller Schmerz und Leidenschaft und Wissen, wie ich es noch niemals gehört hatte. Von dem ich noch nicht mal gewußt hatte, daß es existierte. Ich hörte diese Musik, blieb stehen und lauschte. Jetzt hätte ich ans Schlagmal treten sollen, aber ich war wie gelähmt, starrte hinüber zu der Musik, und die Zeit blieb stehen.

Der Junge hinter mir, der nächste Schläger, sagte: „Hey, Ray, geh schon … vorwärts, schlag, du bist dran. Einer von uns steht am zweiten Base. Los, geh schon. Worauf wartest du denn?“

Und ich drehte mich um, gab ihm meine Waffe und sagte: „Hier, Alter, mach du das. Ich muß gucken, was da drüben los ist.“ Ich opferte den zentralen Moment des Spiels, den kostbaren Augenblick meines Schlages, um diese Musik zu hören … diese düstere, klagende, fremde Musik.

Ich ging zur Quelle dieser Töne und wußte immer noch nicht, was das für Musik war. Schließlich nahm ich das Radio in die Hand und sah, an welcher Stelle der Senderskala der Zeiger stand. Ganz weit rechts auf der Seite, wo die Stationen der ethnischen Volksgruppen lagen. Die von Deutschen, Polen, Italienern, Griechen, Litauern … und Negern. Ich sah den Kerl an, dem das Radio gehörte und sagte: „Tolle Musik.“ Er war einer dieser Schlägertypen mit Levi’s und groben Arbeiterboots. Sogar jetzt im Sommer trug er eine Armeejacke. Was für ein Neanderthaler.

„Yeah“, sagte er. „Das sind echt coole Säcke.“

„Wer ist das denn?“, fragte ich.

„Scheiße, weiß ich doch nicht“, grunzte er.

Nun, meine Lieben, heute weiß ich, was es war. Es war der Blues. Es war die South Side von Chicago. Es war die Musik der Schwarzafrikaner. Sie war schwarz, schwarzer Blues. Eine einzigartige Erfindung auf diesem Planeten. Eine Musikform, die sich völlig von allem unterscheidet, was es je gegeben hat.

Ich weiß bis heute nicht, wer es war, der mir an diesem heißen Sommernachmittag ins Ohr sang. Aber er veränderte mein Leben. Er öffnete die Tür, um die Traurigkeit in mein Leben zu lassen. Den Schmerz und das Leid verlorener Liebe. Die Tragik. Die Franzosen kennen das: triste. Vielleicht war es Muddy Waters, oder John Lee Hooker, Magic Sam, Sonny Boy Williamson, Howlin’ Wolf. Oder einer von den hundert anderen, die es sonst noch gab. Aber als ich diese Klänge hörte, wußte ich, oh Gott, das ist die bewegendste Musik, die mir je begegnet ist. Sie hat dieses Schlangenhafte. Diesen Rhythmus. Sie hat diese Wildheit … diese Leidenschaft … und ein Gefühl des Verstehens, des Mitleidenkönnens. Die Stimme des Sängers war voller Weisheit. Und so voller Schmerz. Wißt Ihr, wie es war? Wie ­klassische Musik aus Rußland. Wie Tschaikowsky und Prokofieff und Strawinsky. Oder wie Bartók und Smetana. Wie eine Polonaise von Chopin. Es war wie slawische Musik. Heavy und tiefgründig und traurig. Kombiniert mit dem Backbeat auf zwei und vier und dem zwölftaktigen Bluesschema, führte es den Chicago Boy von damals in den ­siebten Himmel. Der Blues! Das war’s. Er veränderte mein ganzes Leben. Warum … ich gab sogar meinen Schlag ab, als ich dran war … für den Blues.

***

In diesen entscheidenden Jahren meiner Entwicklung konnte ich den Blues tatsächlich noch live sehen. Nicht in Nightclubs – das kam erst, als ich älter war –, aber statt dessen auf dem legendären Straßenmarkt an der Maxwell Street, wo meine Eltern in der Zeit, als sie sich kennenlernten, ihre Platten gekauft hatten. Das war ein riesiger Markt unter freiem Himmel, mitten im sogenannten „Ghetto“. Jedes Wochenende waren die Gehwege ganzer Straßenzüge in allen Richtungen von den verschiedensten Ständen gesäumt, an denen es tausenderlei Sachen zu kaufen gab. Plunder und Langgesuchtes aller Art. Haarwaschmittel und Radkappen. Werkzeuge und Autoreifen. Damenkleider und Nylonstrümpfe. Haushalts­waren und Schuhreparaturen (die sofort ausgeführt wurden). Trödel, Krimskrams und Nippes. Alte Flaschen aus blauem Kobalt, das bei der Flaschenherstellung nicht mehr verwendet wurde, seit man die Gefährlichkeit dieses Stoffes entdeckt hatte, das aber für eine tolle, tiefblaue Farbe sorgte. Alte Lampen, alte Töpfe und Pfannen, alte Autoteile, alte Klamotten, alte Familienfotos, alte Bücher, alte Vorhänge, alte Möbel, alte Platten (aber nichts Angesagtes), alte Zeitungen, altes dies und altes das. All das befand sich auf provisorischen Tischen, die aus zwei Böcken und einer Holzplanke bestanden, oder es lag auf einer Decke auf der Straße ­ausgebreitet, oder der Anbieter hielt es einfach in der Hand – ganz traurig und zu Herzen gehend. An den Ecken standen Musiker. Straßenmusiker, die ein bißchen Kleingeld sammelten und Gospelmusik machten; einige, aber nicht viele, spielten auch Blues. Dieser Maxwell Street Market war voller Menschen, voller Leben und Schwung, und er bot Erfahrungen einer Art, die ein Junge wie ich nie zuvor erlebt hatte. Es war wie am Markttag im Mittelalter. Oder auf einem Straßenverkauf in ­Islamabad. Ich war auf einem persischen Bazar, an einem Ort voller Zauber und Geheimnis. Und ich fühlte mich sicher und beschützt. Mein Vater war bei mir. Und seine starke Hand hielt die meine ganz fest, als wir die Zauberwelt betraten.

Meine Eltern waren in dieser Gegend Chicagos, rund um Bridgeport, aufgewachsen. Sie waren dort am Rande des Ghettos zur Schule gegangen, hatten sich kennengelernt und umworben und schließlich geheiratet, daher hatten sie noch viele Freunde, die nun an der Ecke Halsted/14. Straße kleine Geschäfte betrieben. Kleidung, Schuhe, Billigkosmetika und Friseurutensilien, Eisenwaren und Feinkost. Mein Vater kannte dort sehr viele Leute. Und manchmal nahm er mich in die Großmärkte mit, wo wir dann zum Beispiel eine Friseursalonflasche Vitalis kauften. Das mußte sein, ich hatte überall Wirbel. Nach dem Haarewaschen mußte irgendwas her, um die irre Energie einzudämmen, die sonst die kornblonden Locken eines ­Chicago Boys in hundert verschiedene Richtungen vom Kopf abstehen ließ. Und bei drei Jungs und einem Mann im Haus war der Verbrauch an Vitalis ganz enorm.

Manchmal gingen wir auch irgendwo rein, um bei einem seiner Bekannten ein paar Schuhe zu kaufen. Bei Sid’s Shoes. Dort stellte er mich dann vor: „Sid, das ist mein Sohn.“

„Hey, Ray!“ Sid begrüßte zuerst meinen Vater; schließlich mußten bestimmte Männerrituale eingehalten werden, bevor ein Jungspund wie ich an die Reihe kam. „Lange nicht gesehen. Wie geht’s Frau und Kindern?“

„Helen geht’s gut. Das ist mein Ältester, Ray Junior.“

„Ein hübscher Junge, Ray“, meinte Sid.

„Raymond, sag Mr. Bernstein Guten Tag“, befahl mein Vater.

„Hallo, Mr. Bernstein. Wie geht es Ihnen, Sir?“ Ich gab mich betont höflich.

Sid hob und senkte meine Hand wie einen Pumpenschwengel. „Na, mir geht’s gut, Ray Junior. Danke der Nachfrage.“ Er schüttelte mir weiter die Hand, grinste und ließ mich dann los. Was für ein Bär von einem Mann! Groß und knallhart, wie alle Einwandererkinder, die das Trauma der Entwurzelung in den 1890er Jahren überstanden hatten.

„Weißt du, Ray“, sagte er zu meinem Vater, „wenn der Junge soweit ist, daß er einen schicken Anzug für seine Abschlußfeier braucht“ ... er wandte sich wieder mir zu: „In welche Klasse gehst du, mein Junge?“

„In die achte, Sir.“

„Dann kommst du mit ihm wieder, und ich besorge ihm was ganz Beson­deres. Wir gehen nach nebenan zu meinem Bruder. Der hat immer die neuesten ­Sachen.“ Die Bernstein-Brüder waren sehr modebewußt. Sehr au courant – aber mit der Coolness der Straße, nicht der Salons. Und zehn Monate später war es ­soweit. Als ich von der Everett School abging, kaufte mir mein Vater (bei den Bernstein-Brüdern) einen der schärfsten Anzüge, die ich je getragen habe. Es war ein Einreiher in einem dunklen, coolen Blau. Nicht dieses Business-Blau, sondern eine verrückte, elektrisierende Farbe. Total cool.

Und dazu trug ich ein rosa „Mr. B“-Hemd. Es hatte einen ausgestellten, breiten Kragen, ganz weich und biegsam, so daß man die Spitzen gut einrollen konnte. Es sah aus, als ob ich die Tragflächen eines Pan Am-Clippers oder einer viermotorigen TWA-Transatlantikmaschine um den Hals hatte. Es war der letzte Schrei. Einfach „zu cool“. Und aufgepaßt, ich hatte dazu einen grellgrünen Schlips umgebunden. Auuuu! ­Achtung … der Typ war scharf! Der sah aus wie Bo Diddley, vielleicht noch mit ’nem Schuß Jelly Roll Morton, um den Stilmix abzurunden.

Nach unserem Besuch bei Mr. Bernstein – Sid’s Shoes – war es Zeit zum Mittagessen, und mein Vater führte mich in die Geheimnisse der Imbißläden ein. Es war das erste Mal, daß ich ein Corned-Beef-Sandwich bekam. Wir gingen in eins der Imbißgeschäfte auf der Halsted Street, und göttliche Gerüche umspielten meine Nase. Ich atmete tief ein und dachte, ich bin im Fleischwarenhimmel. Aus der Warmhaltetheke roch es nach Knoblauch und Gewürzen … Ambrosia. Berge von Corned Beef und Salami und Roggenbrot, alles schon fertig aufgeschnitten zum Mitnehmen. Daneben waren Zwiebeln und Chicago Hot Dogs aufgeschichtet. Auf dem Grill brutzelten Dutzende von ihnen mit knackiger Kruste vor sich hin; sie warteten nur darauf, einer der berühmten Heißen aus Chicago zu werden.

„Willst du einen Red-Hot?! Hey, Kleiner, willst du einen Red-Hot? Ray, willst du ein Corn Beef?“ Hinter der Theke stand ein Mann mit Hängebacken, der meinen Vater begrüßte; ein weiterer Jugendfreund, Marty Glickman.

„Ein Roggenbrot mit Pastrami, Marty. Und nicht so viel Senf“, rief mein Vater zurück. „Für dich ein Hot Dog, Ray?

Ich nickte, wobei mir schon das Wasser im Mund zusammenlief.

„Einen Red-Hot für Ray Junior, Marty.“ Er dachte eine Sekunde nach, faßte sich an den Bauch und sagte: „Gib mir mal doch lieber ein Corned Beef. Mein Magen macht mir wieder Probleme.“ (Das geht mir heute auch so.)

Aber mit Senf, Ray?“

„Nicht so viel, Marty. Du bist da immer ziemlich großzügig, alter Freund.“

Marty lachte, und seine Backen schwabbelten. Jahrelang hatte er ein ­Corned-Beef-Sandwich nach dem anderen verschlungen, und das sah man ihm an. Er stellte zwei Teller hin, türmte gegrillte Zwiebeln darauf, und dann legte er ein dreißig Zentimeter dickes, überaus großzügig belegtes Sandwich auf den einen und ein mindestens einen halben Meter langes Würstchen in einem Mohnbrötchen auf den anderen. Wow!

Ich verschlang meinen Hotdog und mein Vater sein Sandwich. Dann waren wir pappsatt und zufrieden. Ich lehnte mich zurück … und rülpste. Was für ein ­Erlebnis! Ein Geruchserlebnis. Eine Erfahrung für meinen Geruchssinn, so wie der Blues im Hoyne Playground meine Ohren überwältigt hatte. Wieder tat sich eine neue Welt für mich auf. Und ich war bereit!

Zwei glückliche Männer waren es, die den Imbißladen verließen, und wir tauchten wieder ein in den türkischen Bazar. Gingen die Maxwell Street hinunter. Zum Blues.

Denn da war er … gleich an der nächsten Ecke. Da saß ein Typ mit elektrischer Gitarre und einem kleinen Verstärker (hinter ihm ringelte sich ein Strom­kabel in das Haus eines Nachbarn) – und noch einer, der Schlagzeug spielte. Sie hatten einen herrlich dreckig-funkigen Sound, spuckten einen blechernen, ­verzerrten, primitiven Electro-Blues aus. Sie spielten in Trance, sie waren beide ganz woanders. Der Gitarrist hatte die Augen geschlossen und sang in ein kleines Mikrofon von unerfüllter und erfüllter Liebe. Von Unterdrückung und Erlösung. Seine Songs berichteten von der Tragik und der Zerbrechlichkeit des Lebens auf dem Planeten Erde. Er hatte eine schrille Stimme, die wie ein Klappmesser durch die Luft schnitt. Der Schlagzeuger hatte seine Augen in den Höhlen verdreht, so daß nur das Weiße unter den halbgeschlossenen Lidern zu sehen war. Zuerst hielt ich ihn für einen Blinden, aber er war nur völlig weggetreten. Er spielte einen sehr eintönigen Rhythmus, der einem einzigen Muster folgte und sich nie änderte, immer derselbe Shuffle, immer gleich; das war wohl auch der Grund für den ­tranceähnlichen Zustand der beiden.

Ich war ebenfalls wie gebannt. Das war ja genau das, was ich im Radio gehört hatte. Aber live! Es gab tatsächlich Typen, die so etwas spielten, hier direkt vor mir, auf der Straße. Menschen aus Fleisch und Blut. Mein Blut kochte. Und, du lieber Gott, es war gut. Ich dachte, das gibt’s nicht! Das gibt’s einfach nicht!

Ich sagte mir, Weiße können das nicht. Hier drin steckt so viel Seele, Würde, Leidenschaft – und noch etwas anderes, das Weiße nie erreichen werden. Anfang der Fünfziger schon gar nicht. Das hatte man noch nie gehört. Es war ein unerreichbarer Bewußtseinszustand, der einfach nicht erlaubt war. Darüber prangte ein großes Schild: „Bewerbungen von Weißen zwecklos“. Gott sei Dank kam dann der Rock ’n’ Roll und ermöglichte auch den Weißen den Zutritt zu dieser Leidenschaftlichkeit. Wir haben es dem Geni

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