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Die Dimensionen der Demut

Dr. Hermann-Otto Leng

Die Dimensionen der Demut

Ein naturgemäßer Zweifel an der Ausrichtung unseres Lebens

Hermann-Otto Leng

Die Dimensionen der
Demut

Ein naturgemäßer Zweifel
an der
Ausrichtung unseres Lebens

Danksagung

Allen jenen zahlreichen Freunden‚ die die Rohfassung dieser Studie gelesen haben und mir hilfreiche Anregungen zukommen ließen‚ möchte ich danken. Dr. Georg Hofmeister war mir als Theologe mit seinen Einwänden‚ aber auch mit seinem Zuspruch besonders hilfreich. Frau Uta Marini danke ich für ihr profundes Lektorat. Meiner Lebensgefährtin danke ich für ihre Nachsicht‚ ihre Geduld und Ermunterung.

Gewidmet

ist dieses Buch allen jenen Leserinnen und Lesern‚ die noch willens und in der komfortablen Lage sind‚ sich die Zeit zu nehmen‚ hier in Ruhe zu lesen und darüber nachzudenken. Ganz im Sinne auch Michel de Montaignes können nämlich weder schnelle wissenschaftliche Vollzugsmeldungen resümiert werden‚ noch kann eine Lebenshilfe in Form von Konzepten und Erbauungen erfolgen. Wiewohl dies im Text auch vorkommt.

Inhalt

1. Zum Thema

Die Tugend der Demut lässt sich säkularisieren – Ein mehrdimensionales Tugendverständnis – Die Modernität Montaignes – Die gegenwärtige Verhaftung – Tugend- und Prinzipienethik – Das Leiden an der krummen‚ also leider nicht geradlinigen Welt – Die Suche nach der Demut bei psychischen Krisen

2. Die doppelbödige Geisteshaltung Montaignes

War Montaigne fromm? – Der äußere und der innere Montaigne

3. Nicht urteilen in Glaubensfragen

Die Plage der Neugier und der Habenmodus des Wissens sind Quellen der Unruhe und Angst – Nichts festschreiben

4. Apologie und blinder Glaube

Ein Contra zur ‚natürlichen Religion‘ und ihrer Vernunft und ein Pro für die Unterwerfung unter die Amtskirche

5. Pyrrhonischer Skeptizismus

Wahrheiten zu wissen‚ führt zum Hochmut‚ niederes Meinen bringt weniger Leiden – Das „ewige Rollen“ – Die Demut der Urteilsenthaltung ist eine schwere Übung‚ sie erfordert Tapferkeit – Wahrhaftigkeit statt Wahrheit

6. Sich selbst suchen oder den Christus finden?

Der grundlegende Unterschied zwischen der pagan ausgerichteten Haltung Montaignes und der christologischen Demut Pascals wird in einem Zwischenresümee noch einmal zum Fokus – Jede der beiden Positionen kann der anderen vorwerfen‚ sie sei verblendet – Wer oder was ist eine Fiktion? – Pascals Memorial – Das ewige Rollen

7. Montaigne vs. Pascal. Die Demut als Werkzeug

Montaignes Absage an die Hoffnungsdemut und christliche Erlösung – Pascals Hoffnungs- und Glaubensdemut folgt seiner charakterlichen Disposition und seiner persönlichen Glaubenserfahrung – Die Begrenzung durch den Tod – Montaignes Verharren im Land der Leiber – Glaubensdemut

Exkurs: Pascal und die Demut in der Mönchsliteratur

Die überweltliche Gotteserfahrung – Leben in der Nachfolge Jesu – Gottesfurcht – Konsequente oder inkonsequente Demut

8. Was verhilft zur Ruhe des Gemüts?

Montaigne übernimmt mit einigen Vorbehalten das Ataraxie-Ideal des Epikur – Kritik an der Apathie der Stoa – Es gilt‚ in der Mitte stehenzubleiben mit dem Anker im eigenen Selbst – Die Bejahung der Tragik des Lebens – Kein Rückzug ins Verborgene

9. Montaignes Distanz zum christlichen Heilsweg

Fortuna wird hochgelobt – Die christlichen Ausnahmeseelen verwehen im Hauch des Heidnischen – Eine Religionskritik im Sinne des Xenophanes und zugleich im Vorgriff auf das 19. Jahrhundert – Christen sind wir …

10. Sich in das Vorgegebene fügen

Das soldatische Verständnis vom Gehorsam will keine Hingabe als eine Selbstentäußerung – Die Demut des Annehmens in einer irdischen Welt – Kontingenz – Die drei Ordnungen bei Pascal

Glossar

Glosse I

Ist die Demut eine rein christliche‚ eine theologische Tugend?

Das antike Ideal der Seelengröße

Glosse II

Die Demut bei Platon

Die Besetzung der Ämter in einem guten Staat

Die Demut des Künstlers

Dienende Demut

Demut und Distanz

Glosse III

Hermann Hesses Einwand gegen die Theologie

Theologisierende Irrläufe und das schwache Denken

Vertrauendes Hinnehmen der Unübersichtlichkeit

Privatgott ohne Ekklesia

Glosse IV

Eine andere Religion‚ eine andere Demut

Der Weg vom Allgemeinen ins Besondere

Religiöser Relativismus?

Glosse V

Die Demut bei Max Scheler

Drei Ordnungen des Wissens

Die Logik des Herzens‚ Scheler und Pascal

Pyrrhonische Einwände

Der Seinsstolz muss zerknirscht werden

Abgeschieden vom Wandel der natürlichen Welt?

Glosse VI

Die Demut im Philipperbrief des Paulus

Die Demut vor Gott und in der Nachfolge Christi

Das Freisein von aller Selbstbezogenheit

Kenosis und Knechtsgestalt

Die Differenz der religiösen Demut zu ihren weltlichen Formen

Die fortdauernde Weltlichkeit

Aktive Toleranz

Glosse VII

Was den christlichen Demutsbegriff schwierig macht

Selbstverminderung oder Selbstlosigkeit?

Das höhere Ich als ein Sein in Christus

Glaubens- und Liebesdemut

Die Identifikation des Besonderen mit dem Allgemeinen

Evangelikale Erbauungsliteratur

Persönlich gelebte Demut

Überfordernde Demut

Glosse VIII

Wie kann man Tugend‚ in Sonderheit die Demut‚ definieren?

Die Demut als Willenshaltung

Demütige Lebenskunst

Nachwort

Personenregister

Sachregister

Literaturverzeichnis

1. Zum Thema

In der Praxis unseres alltäglichen Tuns und Lassens kommt die Demut in ihren verschiedenen Bezügen viel häufiger vor‚ als wir uns dessen bewusst sind. Dort‚ wo wir uns hartnäckig gegen sie stellen‚ hält das Schicksal zumeist dann ‚Lektionen der Demut‘‚ genauer: der Demütigung für uns bereit‚ oder wie der Volksmund sagt: Hochmut kommt vor dem Fall.

Sich in der Demut zu üben‚ ist mit inneren und äußeren Risiken verbunden. Aber wir riskieren immer etwas‚ bei jeder Charakterveränderung‚ bei jeder Verhaltensänderung. Unsere Ängste gegenüber der Tugend der Demut sind indes vielleicht etwas größer‚ als dies bei manchen anderen Tugenden der Fall sein mag. Der Grund: Wir können den qualitativen Unterschied zwischen der Demut und der Demütigung‚ jener von außen veranlassten oder erzwungenen Erniedrigung‚ zuweilen nicht klar genug ins Auge fassen. Allerdings riskiert‚ wer sich in Hochmut‚ aufgesetztem Stolz und Arroganz ergeht‚ bekanntlich auch sehr viel. Er genießt nur den Vorteil‚ dies zunächst nicht zu bemerken. Je nach Situation kann man mit ihm oder ihr auch barmherzig umgehen‚ vielleicht ist nur ein Minderwertigkeitskomplex im Spiel.

In jüngster Zeit werden für den hierfür sensibilisierten Beobachter einige Tendenzen sichtbar‚ die in Richtung einer Renaissance der Demut weisen. Die Fortschrittsmythen haben an Faszination verloren; eine Reihe von Großprojekten der gigantischen Art gerät in zunehmende Kritik; im Kulturbetrieb ist es nicht mehr en vogue‚ mit einem Avantgardeanspruch aufzutreten. Das reduktionistische‚ vereinfachende Denken nimmt ab‚ die Bereitschaft‚ sich auf komplexe Vernetzungen einzulassen‚ wird größer. – Am Ende ist alles wieder deutlich komplexer‚ als beim Siegeszug des Rationalismus angenommen‚ auch in den sogenannten harten Naturwissenschaften. Die Ansprüche werden gemindert. Demut ist eine Verminderung des Ego. Wobei das Selbst‚ so diese Verminderung souverän erfolgt‚ an Substanz zu gewinnen vermag.

In den Massenmedien kommt es neuerdings zu Bezeugungen einer gewissen Demut; bei Politikern‚ bei Fußballtrainern‚ zuweilen sogar bei Wirtschaftsmanagern. Papst Franziskus kultiviert einen Stil der Demut‚ welcher in den Medien aufmerksam registriert wird. Ein zweiter Trend tritt hinzu: die Suche nach einem hinlänglich guten Leben. Zaghaft verbreitet sich gesellschaftlich dabei die Ansicht‚ dass das ‚gute Leben‘ dann eben auch die Frage einer die Demut achtenden Lebenskunst mit einschließt und nicht notwendig von der Eroberung eines Spitzenplatzes abhängt.

Das Wort Tugend kommt neuerdings wieder in „Schwang“ (Honecker‚ S. 166). Etwas fairer hätte es statt Schwang Schwung heißen dürfen. Es wird wohl in absehbarer Zeit zu tugendethischen Fragen mehr Literatur geben; aus dem einfachen Grund‚ weil im Gegensatz zu dem Diktum Adornos ein ‚richtiges‘ Leben auch im ‚falschen‘ unser Bestreben bleibt. Denn das Falsche hält sich offenkundig. Jedes ethische Bestreben‚ das sich auf die gute und richtige Handlung richtet (und diese in aller Regel am Ende gar nicht wie gewünscht zu verändern vermag)‚ wird die innere Verfassung des Handelnden‚ mithin die Tugendethik‚ am Ende einbeziehen müssen.

Emanzipation und Demut erscheinen zunächst als nicht überbrückbare Gegensätze. Der Weg aus diesem Dilemma eröffnet sich augenscheinlich nur dann‚ wenn die hergebrachte Demut von ihren überkommenen gesellschaftlichen und religiösen Vorgaben abgelöst wird – abgelöst zumindest von der traditionell geforderten Allgemeinverbindlichkeit dieser Vorgaben.

Damit rückt die Demut dann in den Bereich einer „privaten Selbsterschaffung“ (Rorty) und kann auch in einer bürgerlich-liberal verfassten Gesellschaft ihre Kraft neu entfalten. Dies ist jedoch wie bei jeder Tugend eine Ebene der Haltung im inneren Charakter jeder einzelnen Person (vgl. die Kontroversen hierzu bei Halbig‚ S. 279ff.)‚ die ein differenziertes Verständnis vom je eigenen Selbst voraussetzt. Unsere heutige Gesellschaft mit ihrem allseits akzeptierten Interessenpluralismus und dessen Verrechtlichung lädt allerdings zu einer solchen differenzierten Selbstreflexion nicht gerade ein. Was soll ich denn mehr machen und wollen‚ als meine legitimen Interessen zu verfolgen?

Wer siegen will – und in unserer Konkurrenzgesellschaft müssen alle vom Grundsatz her siegen wollen –‚ darf vordergründig betrachtet nicht demütig sein. Es sei denn‚ er / sie findet sich damit ab‚ an den Rand gedrängt zu werden. Gelegentliche Anflüge von Reue‚ hier und da zu lesen in den Medien nach dem Stolpern auf dem zum Teil fragwürdig egomanischen Weg‚ ändern daran nichts‚ selbst wenn dann von Demut gesprochen wird‚ als Lippenbekenntnis. Nach der vorherrschenden Auffassung untergräbt eine demütige Haltung das mit Anstrengung aufgebaute Selbstbewusstsein‚ sie beraubt uns damit auch der Selbstsicherheit. Schrieb doch schon Friedrich Nietzsche‚ jener Antreiber zu einer asketischen Selbstverwirklichung hin zu einem ‚Übermenschen‘ in seinem Zarathustra: „Ihr habt den Wurm zum Menschen gemacht‚ und vieles ist in euch noch Wurm.“ In der später verfassten Götzendämmerung heißt es dann: „Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit‚ von neuem getreten zu werden. In der Sprache der Moral: Demut.“

Mit der Kopernikanischen Wende um 1500 begann bekanntlich eine neue Zeit. Diese neue Zeit‚ von den Historikern mittlerweile nicht mehr als Neuzeit‚ sondern als Moderne bezeichnet‚ brachte zwar nicht den ‚neuen Menschen‘ hervor. Dieser blieb ein Traum‚ wie er seit dem 16. Jahrhundert bis heute immer wieder einmal geträumt wird. Gleichwohl war der Bruch mit dem Lebensgefühl und der Lebensweise des mittelalterlichen und des antiken Menschen ja gewaltig. Das Lebensgefühl sowie das Paradigma der Lebensweise bestimmen indes das jeweilige Tugendbewusstsein in einem entscheidenden Maße. Der Bewusstseinswandel‚ wie er in der Kopernikanischen Wende sich vollzog‚ ist nur vergleichbar mit demjenigen‚ wie ihn die neolithische Revolution‚ der Schritt in die Sesshaftigkeit‚ zur Folge hatte.

Ein am Zeitalter der Moderne ausgerichtetes Verständnis der Demut wird sich demnach nur in einer Umformung des traditionellen Demutbegriffs entfalten können. Der Misskredit‚ in den das allgemeine Verständnis der Demut seit dem Verblassen des mittelalterlichen Lebensgefühls geriet‚ ist ja geistesgeschichtlich betrachtet wenig überraschend. Wie alle Tugenden unterliegt natürlich auch die Demut einem historischen Wandel‚ es kommt zu Irritationen‚ auch Akzentverschiebungen und Brüche werden notwendig. Bis hin zu einer Metamorphose kann dies gehen. Im Falle der Demut hat dieser Wandel in einer besonderen Weise zu einer Kollision des Zeitgeistes mit dem hergebrachten Verständnis dieser Tugend geführt.

Der Einbruch des Christentums in die antike Welt

In der griechisch-römischen Antike hatte sich das Verständnis der Demut an einer vorgegebenen‚ hierarchisch vielfach gegliederten Gesellschaft orientiert‚ ungeachtet dessen‚ dass der Demokratiegedanke innerhalb der Oberschicht entwickelt worden war. Das Volk blieb der Bauch‚ war nicht der Kopf‚ wie es in einer römischen Quelle heißt. Im Bauch wird die Speise verdaut‚ nicht zubereitet. Und auch zum Volk gehörten ja beileibe nicht alle.

Die altgriechische Tapeinophrosyne‚ wohl nicht durchgängig verstanden als eine handlungsorientierte Tugend‚ aber in deutlicher Opposition zur Hybris‚ zur Anmaßung stehend‚ war eine Demut des Niedrig-Gestelltseins. Demütig war derjenige‚ der sich nicht nur äußerlich‚ weil gezwungenermaßen‚ sondern auch innerlich mit seinem‚ wenn auch niederen Platz in der Gesellschaft angefreundet hatte. Wer sich darauf ausrichtet‚ seinen Platz sorgsam auszufüllen‚ das heißt‚ den ihm zugefallenen Lebensrahmen akzeptiert und sich mit diesem produktiv begnügen kann‚ der / die kann aus einer solchen Demut eine spezifische Kraft schöpfen. Mit Blick auf Platon lässt sich in der Tapeinophrosyne eine Demut des Dienens erkennen (vgl. Glosse II). Die Tapeinophrosyne ist eine politisch verstandene Tugend.

Das Christentum hat diesen antiken Demutsbegriff aufgegriffen‚ ihn aber grundlegend umgeformt. Aus einer auf gesellschaftliche Bezüge ausgerichteten Tugend wurde eine religiöse. Aus der inneren Verarbeitung des Niedrig-Gestelltseins wurde die im Glauben an den erlösenden Gott zu erringende Tugend des Niedrig-Gesinntseins (vgl. Exkurs nach Abschnitt 7). Vor Gott sind nun alle gleich. Der Bezug hierbei ist indes ein auf das Jenseits ausgerichtetes Versprechen. Gemäß diesem Versprechen Jesu werden die Glaubensdemütigen‚ die Vorbehaltlosen‚ belohnt. „Aber viele‚ die da sind die Ersten‚ werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein“ (Matth. 19‚30). Und: „Seelig sind‚ die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh. 20‚29).

Wie nicht anders zu erwarten‚ ist eine solche gegenüberstellende Interpretation natürlich strittig. Zumal sie sich dazu versteigt‚ eine griffige Definition der antiken Demut als Tugend und dann ihrer christlichen Aus- und Umformung anzubieten. Strittig ist zunächst einmal in den Fachdiskussionen der Theologen und Altphilologen‚ in abgeschwächter Form auch bei den Philosophen‚ ob anhand der antiken Quellen wie ebenso anhand der frühen biblischen Texte überhaupt von einer Demut als Tugend gesprochen werden kann. Übertragen wir da nicht eine Vorstellung von Tugendethik in eine Zeit‚ der eine ganz andere Sichtweise eigen war?

Etwas konkreter ist sodann die Frage‚ ob anhand eines sorgfältigen Studiums der biblischen‚ besonders ja der paulinischen Texte zu schließen ist‚ dass zuerst und allein es die frühen Christen waren‚ die aus der Niedrigkeit (vgl. Tapeinos) überhaupt eine Tugend haben werden lassen. Wäre dem so‚ dann müsste die Demut als eine spezifische christliche Tugend gelten (vgl. hierzu Glosse I und VI). Und wenn im Laufe dieser Studie hier in verschiedenen Zusammenhängen von einer heidnischen Demut Montaignes geschrieben wird‚ so wäre dies zumindest in sprachlicher Hinsicht Unsinn.

En passant wäre damit die Demut so auch insgesamt in eine ausschließlich christliche Ecke gestellt. In philosophischer Sicht ließe sich dann bequemerweise sagen‚ es handele sich bei ihr eindeutig um eine religiöse‚ um eine theologische Tugend. Die Demut habe keine unmittelbare Relevanz für die praktische Philosophie.

Eine solche schematische Kategorisierung widerspricht jedoch dem Common Sense und unserem Alltagsbewusstsein von der Demut. Ob Christ oder nicht‚ wir alle spüren‚ dass an der Demut irgendetwas (bloß was?) dran ist.

Ein mehrdimensionales Tugendverständnis

Einer Tugend zu folgen‚ bedeutet‚ eine Haltung einzunehmen. Der tapfere Mensch zeigt eine mutige Haltung‚ der maßvolle Mensch eine besonnene Haltung‚ der demütige Mensch eine Demutshaltung usf. Auf den ersten Blick scheint es sich hierbei um eine fest umrissene charakterliche Disposition zu handeln‚ und es entspricht dies auch dem gängigen Selbstverständnis‚ wie es jeder Mensch von sich hat.

Bereits die Tugendlehre des Aristoteles in der Nikomachischen Ethik macht indes ein in sich plurales Verständnis der Tugenden deutlich. Wenn zum Beispiel die Tapferkeit gemäß des Aristoteles die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit ist‚ so zeigt sich zum einen‚ dass diese Mitte nicht als mechanisch-geometrisch fixiert aufzufassen ist; sie oszilliert. Zum anderen ist zu bedenken‚ wie der tapfere Mensch bezogen auf die aktuelle Herausforderung seine Tapferkeit jeweils ausrichtet. In welcher Art und Weise‚ in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang und von welchen Motiven her ist die konkrete Person bei einem konkreten Anlass tapfer? Die jeweilige Tugend‚ wie hier zum Beispiel die Tapferkeit‚ zeigt sich uns also in einer mehrdimensionalen Disposition‚ im Inneren der Person wie auch im äußeren Handlungsvollzug. Besonders der Mensch der Moderne findet sich in solchen komplexen Dimensionen vor‚ er wird nach einer Balance suchen.

Innerhalb der christlichen Theologie erweist es sich indes als schwierig‚ ein solches mehrdimensionales‚ in sich plurales Tugendverständnis zuzulassen. Es kann nur eine Glaubensdemut geben. Diese eine Glaubensdemut wurde in der langen Geschichte der Kirche und der Theologie mit aller erdenklichen Sorgfalt ausgearbeitet‚ durchaus auch begleitet von diffizilen Streitfragen.

Die christliche Demut ist nicht eine religiöse Demut allgemeiner Art. Wie jede religiöse Demut enthält sie das Element der Unterwerfung unter eine höhere Macht‚ wie auch den Willen zu einer verbindlichen Gotteserfahrung und den Glauben an die Möglichkeit derselben. In diesem doch weitgesteckten Rahmen erschöpft sich die christlich-religiöse Demut indes nicht. Der wahrhaft gläubige Christ muss sich dezidierter gebunden sehen; er hat sich demütig in die Nachfolge des Christus zu stellen.

Wenn nun Jesus ‚wahrer Mensch und wahrer Gott‘ war (es gibt in der langen Geschichte der Christologie zahlreiche Versionen) dann bedeutet dies für den entschiedenen Christen zum einen‚ ganz Gott zugewandt zu sein‚ und zum anderen‚ gleichzeitig wie Jesus sein Tugendverständnis menschlich-weltlich auszurichten. So verstanden ist die christliche Demut in sich eine vollkommen umfassende. Die Pluralisierung in ein mehrdimensionales Tugendverständnis aber findet hierbei keine Rechtfertigung. Es ist eine Demut wie ein Monolith.

Ja‚ es erscheint schizophren‚ nachgerade blasphemisch‚ christlich religiöse Tugenden in verschiedene Dimensionen aufspalten zu wollen. Christliche Tugenden können nach dieser strikten Glaubensauffassung nicht wie bei Aristoteles oszillieren. Gleichwohl umfassen sie nach ihrem Selbstverständnis das ganze Leben.

Die frühchristliche Ausprägung der Demut war eine Absetz- und Gegenbewegung zum altgriechischen Demutsverständnis als einer Tapeinophrosyne für die sozial Niedriggestellten. Aus einer sozialen Tugend des Niedrig-Gestelltseins wurde die religiöse Tugend des Niedrig-Gesinntseins‚ eine Tugend des „reinen Herzens“ (vgl. Exkurs nach Abschnitt 7). Die Wahrheit des religiösen Tugendwegs kann dem eigenen Verständnis nach nicht in verschiedene Dimensionen aufgespalten werden.

Nun ist aber gerade bei der Demut zu vergegenwärtigen‚ dass diese Tugend philosophisch wie theologisch eine Bezugstugend ist. Sie entfaltet sich in Bezügen. Als religiöse Demut ist sie vorrangig auf den Glauben gerichtet‚ sie wird ergriffen als eine Glaubensdemut. Politisch aber ist sie zum Beispiel auf die Führung eines Amtes bezogen. Hat der Mandatsträger die notwendige Demut‚ diesem Amt zu dienen‚ oder missbraucht er das Amt für seine egoistischen Zwecke?

Zwar ist das Bestreben‚ sich in Demut zu üben‚ immer gerichtet auf eine Verminderung des Ego‚ womöglich im Sinne Pascals bis hin zu seiner Nichtung. Dies geschieht indes stets in Verbindung mit einem aktuell fassbaren Bezug. Eine Demut ‚an und für sich‘ macht keinen Sinn. Beim Gegenpol der Demut‚ bei der egoistischen Ausweitung des Geltungsdrangs und der eigenen Seinsmächtigkeit‚ zeigt sich das gleiche Bild. Auch hier muss es die konkreten Bezüge geben.

Die Mehrdimensionalität der Demut ist demnach also nicht das Thema in dem Bereich einer durchgängig gegebenen bzw. einzufordernden Egoverminderung. Hierin gibt es keine Differenz zwischen der Form einer religiösen und den Formen einer säkularen Demut. Die Mehrdimensionalität der säkularen Demut zeigt sich vielmehr in den verschiedenen weltlichen Bezügen‚ in denen sich diese Demut zeigen kann. Welchen Bezug der Einzelne aufgreift‚ um sich in Demut zu üben oder um sich im Gegenteil aufzublähen‚ ist eine Frage der Lebensauffassung und charakterlichen Disposition. Die Antipoden Montaigne und Pascal sind hier ein gutes Beispiel‚ ohne dass es notwendig ist‚ sich völlig auf die eine oder die andere Seite zu schlagen.

So ist es ein wesentliches Anliegen der vorliegenden Studie‚ die säkularen Bezüge der Demut aufzuzeigen‚ ohne allerdings der religiösen Demut ihren Wert nehmen zu wollen. Die Verdeutlichung der Mehrdimensionalität der Demut ist gerade auch in ihren säkularen Bezügen angesichts der gegenwärtigen Zeitgeistprobleme (Ökologiefrage u. a.)‚ wie wir sie gerade mit dieser Tugend haben‚ von einer großen Bedeutung.

Kategorial zeigen sich‚ wie in der folgenden Darstellung aufgeführt‚ drei große Demutsbereiche‚ der religiöse und zwei weltlich-politische. Jeder dieser Bereiche kann sich selbst nicht genug sein‚ sie können für Geübte als ein Konzert im Inneren dieser Tugend aufgefasst werden.

Demut ist eine Verminderung des Ego

Darf aber mit Selbstverleugnung‚ mit Unterwürfigkeit und Kleinmut‚ d. h. mit Demütigung‚ nicht verwechselt werden. Im alltäglichen Sprachgebrauch kommt es häufiger auch zu einer Verwechslung von Demut und Bescheidenheit. Wer mehr Demut zeigen will‚ möchte zumeist künftig nur bescheidener auftreten. Tiefer eindringen in die Demut lässt sich‚ wenn man drei Bereiche unterscheidet:

Die religiöse Demut

Sie wurde in der europäischen Tradition christlich-theologisch mit einem Alleinstellungsmerkmal belegt.

Die Demut des Annehmens

Sie ist für die Lebenskunst unerlässlich.

Ohne die Demut des Anehmens‚ des Akzeptierens kann es keine Gelassenheit geben.

Die Demut des Dienens

Man sollte nicht zu viel von ihr reden‚ damit sie uns nicht als ein Opfergang erscheint.

Diese drei Bereiche der Demut sollten besser nicht begrifflichabstrakt definiert‚ sondern beschreibend einander gegenübergestellt werden‚ um sie zu vertiefen.

Nach ihrem Selbstverständnis ist die christlich-religiöse Demut eine allumfassende; von ihrem religiösen Gehalt einer selbst-losen Niedrig-Gesinntheit sind die beiden weltlichen Dimensionen der Demut aber nicht ableitbar‚ wie näher mehrfach noch zu begründen ist (vgl. bes. Glosse V und VII). Umgekehrt war es historisch eben nicht so‚ dass sich das christlich-religiöse Verständnis der Demut vor Gott etwa aus einer Umformung der vorgefundenen Demut – der Tapeinophrosyne / Humilitas als einer sozialen und politischen Tugend – heraus entwickelt hätte. Vielmehr zielte diese Demut durch den Christus selbst von vornherein auf einen ganz ihr eigenen Sinngehalt.

Es ist schwierig‚ sich diese unverbundene Parallelität in den Dimensionen der Demut wirklich bewusst zu machen; schwierig für die Theologen (vergleiche gegenläufig aber die Mönchsliteratur im Exkurs nach Abschnitt 7) und schwierig für alle‚ die ernsthaft ihr christliches Demutsverständnis mit den weltlichen Gegebenheiten und Anforderungen konfrontieren und hier einen Einklang suchen. Die Einsicht in die nicht gegebene Ableitbarkeit der verschiedenen geistigen Bereiche findet sich wohl am deutlichsten bei Max Scheler (vgl. Glosse V).

Der Blick in andere Kulturkreise zeigt‚ dass die Frage nach der Demut in variierenden Ausprägungen den Menschen wohl immer gegenwärtig war. So finden sich beispielsweise in den alten Gesängen des Homer Zeugnisse des überbordenden Hochmuts und der krassen Demütigung. Wer Demütigung einerseits und den Hochmut andererseits negativ zur Sprache bringt‚ hat auch ein Verständnis von der Demut – nicht als eine bloß mechanisch gedachte Mitte zwischen diesen beiden abzulehnenden Extremen‚ sondern als eine Mitte im Sinne von Konfuzius und eben auch Aristoteles. Nämlich als etwas Höheres.

Im Mahabharata‚ dem großen Epos des alten Indien‚ auch den heutigen Indern‚ soweit sie nicht Moslems sind‚ noch sehr geläufig‚ wird die Demut als Tugend mehrfach und deutlich angesprochen. So steigt‚ um ein Beispiel zu nennen‚ im Buch 12‚ Kap. 228 die Göttin‚ die „in der Mitte der Lotosblüte wohnt“‚ aus ihrem sonnengleichen Wagen herab und sagt von sich: „Ich wohne bei den Tugendhaften‚ die voller Weisheit‚ Wahrhaftigkeit‚ Demut und Toleranz sind. […] Ich verbinde mich mit denen‚ die ihre Lebensaufgabe erfüllen.“ Die auf dem Wasser gleichsam schwebende Lotospflanze symbolisiert das Freisein von Verhaftung. An einer anderen Stelle wird betont‚ die Demut sei eine notwendige Eigenschaft des Yogin‚ des Übenden also.

In ihren feineren Verästelungen ist die Frage‚ ob es vor dem christlichen Verständnis der Demut als einer besonderen theologischen Tugend ein in der griechisch-römischen Antike beheimatetes heidnisches Verständnis der Demut als einer profanen Tugend gab‚ vorwiegend von Reiz für eine fachwissenschaftliche Disputation. Im Glossar dieser Studie wird von verschiedenen Seiten her begründet‚ weshalb sehr wohl von einer ‚heidnischen Demut‘ gesprochen werden kann.

Um im Stil Montaignes zu reden‚ ist indes noch das Folgende dazu zu bemerken: Die geneigte Leserin‚ der geneigte Leser möge entscheiden‚ ob sie ihre / er seine kostbare Zeit auf eine solche‚ verhältnismäßig unwichtige Disputation verwenden will.

Der sinkende Wert der Demut im bürgerlichen Selbstbewusstsein

In historischer Perspektive dürfte deutlich sein: Das aufstrebende Bürgertum am Beginn der Moderne in Europa konnte mit den traditionellen Strömungen im Verständnis der Demut wenig anfangen. Die religionsgeschichtlichen Umformungsversuche vor allem im Zuge der Reformation einmal beiseite gelassen‚ konnte es nach seinem Lebensgefühl und Selbstverständnis im Grunde mit der Demut gar nichts anfangen. In vielen‚ auch philosophisch gebildeten Köpfen reduzierte sich der Gehalt der Demut auf das Ärgernis einer schlichten Unterwerfung‚ und der grundlegende Unterschied zwischen der Demut und einer Demütigung verblasste zunehmend im Bewusstsein. So wird bis heute Demut sehr oft als eine Schwäche‚ als Kleinmut und Unterwürfigkeit empfunden und es wird ihr eine herzliche Abneigung entgegengebracht. Desungeachtet werden in verdeckter Form Unterwerfung und Selbstdemütigung als eine Strategie opportunistisch eingesetzt‚ um sich Vorteile oder ein bequemes Auskommen zu sichern.

Mittlerweile aber gibt es auch einen Ratgeber für Führungskräfte‚ der selbigen Kräften die Demut direkt empfiehlt. Kristian Furch hat ihn geschrieben mit dem Titel: Demut macht stark. Das Büchlein ist rasch gelesen‚ besagte Führungskräfte haben wenig Zeit. Der Autor schreibt in einem calvinistisch-biblischen Geist‚ der die Führungskräfte darin bestärkt‚ Berufene zu sein‚ die ihrer gottgewollten Bestimmung dann aber auch gerecht werden sollten. Einer wohlverstandenen Demut zu folgen‚ diene in erfüllender Weise ihnen selbst und führe zugleich natürlich auch zu einem guten Management. Gleichwohl erfolgen auch Hinweise auf die ‚heidnisch‘-politische Demut des Dienens in der Art‚ wie sie sich auf Platon zurückführen lässt (vgl. Glosse II).

Gewisse Anklänge finden sich auch zu der Demut des Annehmens‚ wie sie in der Folge im Sinne Montaignes zu erläutern sein wird. Wünschenswert wäre gewesen‚ wenn in dieser auf die Wirtschaftselite ausgerichteten Schrift die Megalopsychia‚ die Großgesinntheit des Aristoteles ins Spiel gebracht worden wäre. Aristoteles adressiert in der Nikomachischen Ethik die Abhandlung dieser Tugend ja ausdrücklich an die gesellschaftlich Hochgestellten. Die für Aristoteles ‚Ehrenwerten‘ sollten bei ihrer Tugendübung im Sinne der richtigen Mitte zum einen das Extrem der Arroganz und Protzerei meiden‚ zum anderen dasjenige einer servilen Unterwürfigkeit (vgl. Glosse I). Sie sollten also weder hochmütig noch kleinmütig und devot sein.

Wie bei einer solchen Ratgeberliteratur kaum anders erwartet werden darf‚ ist auch bei Furch allerdings das Problembewusstsein des Öfteren bedenklich gering. Dies gilt gerade auch für seine Interpretationen der angeführten Bibelstellen. Die Erwartungshaltung sollte aber fairerweise gegenüber einer solchen kurzen Schrift‚ die auf konkrete Lebenshilfen zielt‚ auch nicht unangemessen hoch sein. Schließlich erhofft sich der Leser hier vor allem die Bestätigung seiner guten Seiten‚ wie er sie nach den gegebenen Anregungen bei sich selbst vorfinden mag‚ und er erwartet Ermutigungen‚ auf dem richtigen Weg zu sein.

Geistesgeschichtlich betrachtet muss der Niedergang der Demut vor allem auch darin gesehen werden‚ dass sie sich dagegen sperrt‚ in ein rationales Tugendverständnis transformiert zu werden. „Demut ist keine Tugend‚ das heißt‚ sie entspringt nicht der Vernunft“ (Baruch de Spinoza‚ 17. Jh.). Benachbart ist sie der Sophrosyne‚ der Tugend der gelassenen Besonnenheit und des ruhigen Blicks für das rechte Maß. Bei der Betrachtung der inneren Haltung Montaignes wird dies noch deutlich hervortreten. Auch die Besonnenheit entzieht sich der Reduktion auf einen rationalen Kern‚ während die drei weiteren der vier Kardinaltugenden‚ die Klugheit (Weisheit)‚ die Gerechtigkeit und die Tapferkeit‚ hinlänglich verbürgerlicht werden konnten.

Sophia (Weisheit) wurde auch schon mit „Gescheitheit“ (Gottfried Heinemann) übersetzt. In der Frage der Gerechtigkeit kann zumindest graduell eine rationale Deliberation erfolgen‚ eine an rationalen Argumenten orientierte Fallentscheidung. Tapferkeit wird im bürgerlichen Tugendverständnis zumeist als Zivilcourage ausgegeben‚ eingeschlossen das mutige Ja zur Individualität der eigenen Person.

Der Demut indessen haftet‚ wie wohl schon genügend deutlich wurde‚ der Geruch eines Mangels an demokratischem Selbstbewusstsein an‚ sie schmeckt nach Untertänigkeit und dienstbeflissenem Gehorsam. Das althochdeutsche Wort Diomuoti für Demut schwingt nach – die Gesinnung eines unterwürfig Dienenden; so jedenfalls eine mögliche Interpretation‚ wenn man nicht schlicht bei ‚Dienstbarkeit‘ bleiben will. Beginnend mit dem Humanismus‚ in Italien ab dem 14. Jahrhundert‚ wurde die Geschichte der Demut so eine solche des Rückzugs. Ihr umfassender Sinngehalt schwand dahin. Sieht man einmal von Thomas Hobbes (1558–1679) ab‚ der ihre Notwendigkeit innerhalb seiner besonderen Konstruktion des Gesellschaftsvertrags anerkannte‚ so wurde in der philosophischen säkularen Literatur die Forderung nach einer Demut kaum noch laut. Erst der weniger bekannte flämische Philosoph Arnold Geulincx (1624–1669) griff die Tugend der Demut wieder in gewichtiger Weise auf.

Für Geulincx gilt interessanterweise die Demut als die höchste aller Tugenden. Sein Gedankengang soll hier kurz gestreift werden. Als Cartesianer geht er zwar von einer dualistischen Trennung von Geist und Materie aus. Nach Gottes Willen aber sind die beiden Bereiche nachgerade mechanisch aufeinander bezogen und ihre Weiterentwicklung ist zudem determiniert. In diesen Determinismus‚ in diese vorher bestimmte Harmonie‚ in diesen Willen Gottes‚ hat sich der Mensch vorbehaltlos zu fügen. Demut hat in diesem Verständnis von Geulincx als die höchste aller Tugenden zu gelten‚ weil sie ein vorbehaltloses Sichfügen zuwege bringt.

Michel de Montaigne war von einem solchen fatalistischmechanischen Weltbild deutlich entfernt. Auch Blaise Pascal entwickelte seine Auffassung der Demut nicht von der Frage einer Schicksalsergebenheit her. Im Gegensatz zu Montaigne und Pascal geht der Demutsbegriff von Geulincx aber nicht vom menschlichen Subjekt aus. Dies ist vielleicht etwas merkwürdig‚ wenn wir in Betracht ziehen‚ dass er ein Denker bereits des 17. Jahrhunderts war. Die Demut wird indes bei ihm ja abgeleitet aus eben jenem mechanistischdeterministischen Weltbild. Aus einer persönlichen Tugendhaltung wurde eine „höchste“ Funktion. Diese Denkweise war allerdings für seine Zeit wiederum nicht ungewöhnlich. Ihr gesamter Problemhorizont wird nachgezeichnet in dem Standardwerk von Lewis Mumford zum „Mythos der Maschine“‚ wo besonders auf S. 431ff. das 17. Jahrhundert betrachtet wird.

Eine solchermaßen funktional verstandene Demut verwischt die Grenze zur Unterwürfigkeit. Bis in unsere Zeit hinein sind solche Vorstellungen und Systematisierungen dazu angetan‚ das Demutsdenken‚ -fühlen und -wollen einzutrüben. Wie aufzuzeigen sein wird‚ kann in der Demut die Haltung einer spezifischen Würde hervortreten‚ wenn diese Demut nicht von außen sondern von innen her bestimmt ist.

Immanuel Kant

Der Spätrationalismus‚ kurzum die Aufklärung‚ konnte mit der Demut‚ beladen mit ihrem christlich-theologischen Verständnis‚ dann gar nichts Rechtes mehr anfangen. Zunehmend gelang es weniger im allgemeinen Bewusstsein und Sprachgebrauch den bedeutsamen Unterschied zwischen Demut und Demütigung‚ humility and humilitation‚ humilité et humilitation‚ humilitas et contumelia‚ sichtbar zu machen. Das lateinische Begriffspaar Humilitas und Contumelia brachte diesen Unterschied sowohl sprachlich‚ wie auch vom Begriffsinhalt her noch transparent zum Ausdruck.

Dies mag auch daran liegen‚ dass vermutlich bei uns allen eine Disposition nicht nur zum Hochmut und der Arroganz besteht‚ sondern eben auch zu den unterschiedlichen Formen der Anpassung bis hin zur devoten Unterwürfigkeit. Gleichzeitig sind wir verbal immer dazu bereit‚ solche Verhaltensformen negativ zu bewerten und andere dafür zu kritisieren. Menschlich-Allzumenschliches einfach nur anzuprangern macht indes ebenso wenig Sinn‚ wie alles und jedes aus den gegebenen Verhältnissen heraus kritisieren zu wollen.

Eine positive Bewertung der Demut zeigt sich im 18. Jahrhundert dann doch noch bei Immanuel Kant. Kant meinte die Demut im Zusammenhang mit seiner Pflichtethik aktivieren zu müssen. Sein Motiv hierbei war offensichtlich ein strategisches. Die Demut war ihm das Mittel zum Zweck. Die argumentative Begründung seiner Ethik bezog sich bekanntlich ja nicht auf die Tugenden und damit auf die Demut als solche‚ sondern sie betont in einer aufwendig hergeleiteten Weise die Notwendigkeit der Pflicht (deontologische Ethik). Innerhalb der deontologischen Ethik dient die Demut dem Zweck‚ sich innerlich bereitwilliger dem Sittengesetz verpflichtet zu sehen. Kants Demut als Mittel zum Zweck ist weder für die Sicht auf die Demut im Sinne Montaignes noch für das Verständnis Pascals sonderlich fruchtbar zu machen. Seine wenigen Auslassungen direkt zur Demut verweisen allerdings auf ein weltliches Verständnis‚ das die Menschenwürde einzubeziehen vermag. Dies zeigt sich bei Kant in drei Elementen:

In einer zumindest teilweisen Distanzierung vom christlichen Begriff der Demut. Kant sah die „knechtische Demut“ im Pietismus als nicht wahrhaft religiös an (Die Religion innerh. der Grenzen der bloßen Vernunft‚ 4‚ St. 2. T. § 3‚4 Anm.) Die Knechtsgestalt Jesu wird in Glosse VI von mir noch aufgegriffen.

Kant bringt die Demut in einen politischen Bezugsrahmen – zum „Gesetz“. Ob er hierbei auch direkt den Demutsbegriff Platons (vgl. Glosse II) mit bedacht hat‚ muss offen bleiben. Oft zitiert wird aus Kants Metaphysik der Sitten § 11: „Das Bewusstsein und Gefühl der Geringfügigkeit seines moralischen Wertes in Vergleichung mit dem Gesetz ist die Demut (humilitas moralis).“ Sich dienend unter das Gesetz zu stellen‚ unter das weltliche wohlgemerkt‚ das ist eine politische Demut‚ der ursprüngliche Bezugsrahmen war ja die griechische Polis.

Wie in der grafischen Auflistung (s. o.) aufgeführt‚ steht diese Demut gleichrangig neben der religiösen Demut und der Demut des Annehmens; aber natürlich nicht isoliert. Ein weltzugewandtes Christentum heutiger Zeit (vgl. Glosse VI und VII) wird sie aufzugreifen haben‚ und naturgegeben spielt auch die Demut des Annehmens im Sinne Montaignes hinein. Jede(r) ist von der dienenden politischen Demut her aufgerufen‚ sich seinen / ihren Platz zu suchen und nicht nur im Sinne eines ‚Survival of the Fittest‘ leben zu wollen. Dies gilt angesichts der ökologischen Krise zugleich für die Menschheit insgesamt (vgl. auch Hans Jonas).

Drittens schließlich gilt nach Kant: Das „moralische Gesetz“ will zugleich „eine mit Demut verbundene Selbstschätzung“ des einzelnen Menschen als sittliches Wesen (Kritik der praktischen Vernunft‚ 1. Teil‚ B 3 H). Die Selbstachtung und der Anspruch‚ eine nicht hintergehbare Würde als Mensch zu haben‚ werden also nicht mehr als ein Gegensatz zur Demut angesehen. Hinzu tritt die Aufforderung zu einer kritischen „Selbsterschaffung“ (Rorty)‚ sich hierbei also nicht mit dem Verweis auf die „Gebrechlichkeit der menschlichen Natur“ herauszureden. Kant will eine Selbstkritik‚ die Würde zeigt (Kritik der Urteilskraft‚ § 28).

Die geistige Situation unserer Zeit aber ist mittlerweile nicht mehr sehr bestimmend geprägt von einem aufklärerischen Optimismus. Er erscheint vielen als zu „übersichtlich“‚ als zu eindimensional‚ zu sehr fixiert auf eine rationale Begrifflichkeit. Die Neubesinnung auf eine Demut in ihrem umfassenden Gehalt‚ als Tugend und Wert‚ als eine nicht allein vom fixierten Begriff her begründete Haltung‚ scheint eine gute Chance zu haben‚ in unser gesellschaftliches Bewusstsein vorzudringen. Über die Dialektik der Aufklärung‚ über den ihr zugrunde liegenden Mythos ist genügend geschrieben worden.

Die gegenwärtige Verhaftung

„Wir müssen unser Leben ändern!“ Derlei an sich ja zu begrüßende aufklärerische Appelle an unsere Vernunft sind zwar immer noch zu lesen und zu hören‚ indes‚ sie haben sich abgenutzt. Was bleibt‚ ist das Gefühl der Unsicherheit‚ in einer Krisenzeit besonderer‚ nicht klar greifbarer Art zu leben. Bereits über einen Zeitraum von nahezu zwei Generationen hinweg scheint es nunmehr so zu sein‚ wie es ein Lied der amerikanischen Gruppe Eagles mit dem Titel Hotel California aus dem Jahr 1976 metaphorisch einfing:

„We are all just prisoners here‚ of our own device … You can check out any time you like‚ but you can never leave.“

Sinngemäß in etwa: Gefangen sind wir hier (in diesem Hotel) aufgrund unserer eigenen An- bzw. Einweisung. Jederzeit können wir (formell) auschecken‚ verlassen aber können wir das Hotel nicht.

Jenes Hotel‚ in dem wir bei aller formalen Freiheit gezwungen sind zu leben‚ kann als das Paradigma unserer gegenwärtigen Lebensweise interpretiert werden. Eine Lebensweise‚ die in historischer Perspektive auf ein lediglich kurzfristiges Überleben ausgerichtet ist.

Es ist ein Leben mit Suchtcharakter‚ wie mehr und mehr deutlich wird‚ wie wir uns zunehmend eingestehen müssen. Selbstredend ohne dass sich durch diese Einsicht irgendetwas einschneidend ändern würde. Das Krisenpotenzial im Ökonomischen‚ Ökologischen und Psychisch-Sozialen scheint sich ‚naturwüchsig‘ zu verstärken‚ und unsere Bemühungen‚ es abzumildern‚ werden immer aufwendiger. Hinzu kommen die sich potenzierenden Rückkopplungseffekte‚ zum Beispiel beim Burn-out-Syndrom und dem steigenden Konsum bei den Psychopharmaka‚ oder bei einigen der Green-Deal-Innovationen‚ die letztlich den Ausstoß an CO2 der Konsumenten noch weiter erhöhen. Bei den größeren Krisen‚ die hereinbrechen‚ stellt sich die Frage nach der inneren Widerstandskraft aller Betroffenen. Werden sie resistent genug sein‚ nicht den einen großen ‚scharfen Schnitt‘ wie damals 1932 herbeizurufen? Natürlich gibt es auch positive‚ erfreuliche Entwicklungen‚ und der Lebensstandard in der ‚Ersten Welt‘ ist ja angenehm hoch.

Wie schon bei dem Hinweis auf das Mahabharata angedeutet‚ wird in der indischen Geistestradition die Gefahr der „Verhaftung“ sehr eindringlich thematisiert. Sich mit ihr zu beschäftigen‚ mag uns die Tragweite des Problems von einer wohl nicht so geläufigen lebensphilosophischen und zugleich religiösen Sichtweise her vielleicht noch besser bewusst machen. Eine derartige Verhaftung ist durch Einsicht allein und die Absicht‚ eine der Vernunft gehorchende Entscheidung treffen zu wollen‚ nicht zu überwinden. Es müssen tiefere psychische Schichten angesprochen werden. Die Demut in vornehmer Weise mit Kant und Aristoteles auf eine einsichtige Begrifflichkeit zu bringen (vgl. z. B. Otfried Höffe in Rippe/Schaber‚ bes. S. 62ff.)‚ will nicht mehr so recht genügen.

Tugendethische Reflexionen und Bemühungen‚ wie sie in der vorliegenden Studie verfolgt werden‚ können allerdings den rationalen Verstand langweilen und ermüden. Dies kommt erschwerend hinzu. Es scheint nichts Verbindliches herauszukommen‚ aus diesen tugendethischen Überlegungen‚ und das Feld der unzähligen Tugenden und Laster in seinem Wandel lässt immer wieder nach Aristoteles rufen. Von der Moraltheologie bis zum Utilitarismus bleibt die Diskussion wohl auch deshalb sehr oft auf die ethischen Prinzipien beschränkt. Der Umgang mit Prinzipien nährt das Gefühl‚ etwas ‚Richtiges‘ zu vertreten‚ eben das Prinzip.

Tugend- und Prinzipienethik

Tugendethik und Prinzipienethik stehen aber in einem Wechselverhältnis. Über die jeweilige Gewichtung lässt sich streiten‚ beziehungsweise man kann versuchen‚ Art und Umfang dieses Wechselverhältnisses zu klären‚ wie dies neuerdings Christoph Baldig unternommen hat. Nur von ganz Wenigen noch wird für den jeweiligen ethischen Ansatz ein Alleinstellungsmerkmal beansprucht.

Wer tugendethisch fragt‚ konzentriert sein Interesse auf die Person des Handelnden‚ auf deren ‚Tüchtigkeit‘ (virtu)‚ auf deren innere ‚Haltung‘ (hexis)‚ auf deren ‚character‘‚ auf den es im englischsprachigen Raum häufig zuläuft. Zum Beispiel: Kann dieser oder jener Mensch (wie‚ warum‚ wodurch?) in einer gegebenen Situation Besonnenheit‚ Demut und Tapferkeit aufbringen‚ oder reagiert er / sie tollkühn-aggressiv oder feige? Welche innere Haltung tritt beim jeweiligen Akteur zutage? Welcher ‚Charakter‘ zeigt sich?

Prinzipienethische Ansätze (normative‚ konsequenzialistische‚ teleologische‚ deontologische etc.) konzentrieren sich auf die Bewertung einer Handlung als solcher. Zum Beispiel: Soll dieser oder jener militärische Einsatz befürwortet werden‚ um einen noch schlimmeren Exzess der Gewalt zu verhindern‚ selbst wenn es durch den Einsatz gleichwohl auch Tote geben wird? Welche der möglichen Handlungsoptionen können ethisch als gut und richtig gelten‚ zum Beispiel in der Bioethik? Umstandslos ist einzusehen‚ dass die beiden ethischen Ansätze einander nicht widersprechen. Natürlich gibt es Bereiche‚ die zunächst exklusiv von der einen oder anderen Ethik aufzugreifen sind. So richtet die Tugendethik bereits ihren Blick auf den Charakter eines Menschen sehr genau‚ wenn konkrete Handlungsoptionen noch gar nicht das Thema sind. Auf der anderen Seite gibt es Fragen‚ die vorrangig und vorab unter prinzipienethischen Gesichtspunkten zu analysieren und zu beurteilen sind. Zum Beispiel die Frage‚ wie das Recht auf Leben einerseits‚ sowie Abtreibung‚ Embryonalexperimente und aktive Sterbehilfe andererseits ethisch zu bewerten sind.

Es darf als ein Sieg der Aufklärung verbucht werden‚ dass es gegen die persönliche Freiheit und Menschenwürde verstößt‚ wenn‚ wie ehemals auch in der Geschichte Europas gegeben‚ bestimmte Tugenden autoritär vorgeschrieben und durchgesetzt werden sollen. In den nicht hinlänglich liberalisierten Teilen der islamischen Welt steht das autoritative Durchsetzungspotenzial für solche Tugenden‚ denen zu gehorchen ist‚ noch heute deutlich vor Augen. Leider gibt es auch eine Demut des fraglosen Gehorsams. Sie wurde von mir in meinem Aufsatz über Franz Rosenzweig aufgegriffen. Bekannt sind auch die lustvollen Selbstdemütigungen aus dem SM-Bereich.

Bedauerlicherweise hat die Demut zuweilen eben noch immer diesen Beigeschmack‚ eine Gehorsamstugend zu sein. Ein bezeichnendes Beispiel für einen erzwungenen Gehorsam‚ der sich in das Gewand eines Tugendverhaltens kleidet‚ findet sich in der russischen Verfassungsgeschichte. In der vom Zaren oktroyierten Verfassung von 1906‚ immerhin sind wir ja im Beginn des 20. Jahrhunderts‚ heißt es in Artikel 4: „Dem Kaiser von Allrussland steht die oberste selbstherrliche Gewalt zu; seiner Macht zu gehorchen‚ nicht nur aus Furcht‚ sondern auch vor dem Gewissen‚ befiehlt Gott selbst.“

Private Selbsterschaffung

In unserer heutigen Zeit gehört die Tugendethik‚ wie bereits angemerkt‚ ganz überwiegend in den Bereich der privaten Selbsterschaffung‚ eben jener Bereich‚ in dem jede(r) ihre / seine Haltung sucht und finden möchte. In Sonderheit bei der Demut ist dies der Fall. Natürlich gibt es ein Wechselverhältnis zwischen dieser personal zu erarbeitenden Ethik und den Erwartungen‚ wie sie vom politisch-gesellschaftlichen Rahmen her als akzeptables oder gar vorbildliches Verhalten geltend gemacht werden. Erzwingen lässt sich aber über den rechtlich vorgegebenen Rahmen hinaus hier nichts. Das Tugendbewusstsein muss in einem permanenten kommunikativen Austausch hierüber wachgehalten werden.

An dieser Stelle soll ein Einschub zur verwendeten Begrifflichkeit erfolgen‚ um den Bezugsrahmen zwischen der Demut als einer Tugend und der Selbsterschaffung als einem Prozess der Individuation näher zu fixieren. Bekanntermaßen werden in der einschlägigen Literatur die Begriffe Seele‚ Ich‚ Wesenskern‚ Person‚ Selbst und Ego etc. in einer unterschiedlichen und verwirrenden‚ teilweise auch mythologisierenden Weise verwendet. Vorliegende Studie begnügt sich im Wesentlichen mit der Rede von einem Selbst und dessen Ego. Dieses Selbst wird im Sinne Montaignes und auch Richard Rortys als ein Kompositum verstanden‚ das bei seiner eigenen „Erschaffung“ (Rorty) sich in einem ständigen Wandel befindet. Ein ontologisch vorgegebenes Ich oder dergleichen wird also nicht unterstellt‚ das Selbstbewusstsein konstituiert diese Rede vom Ich vielmehr ständig neu. Innerhalb dieses Selbst als einem Kompositum tritt nun allerdings das Ego nachvollziehbar als ein konkret erfahrbarer Teilbereich hervor. Die Antriebe des Ego zu erfahren und sein Bestreben zu kennen‚ das Zentrum des Selbst besetzen zu wollen‚ ist für jede(n) hierfür einigermaßen Sensibilisierte(n) nachgerade etwas Alltägliches.

Einerseits erweist sich das Ego als naturgegeben und lebensnotwendig für die Selbsterhaltung und den Prozess der Individuation‚ andererseits ist dieses Ego bei der Suche nach der Demut der herausfordernde Widersacher. Von Wünschen‚ Ängsten und „ziellosen Erwartungen“ (Epikur) besetzt‚ will es stets mehr‚ als ihm eigentlich zukommt. Seine Verminderung‚ wie sie von der Demut her zu fordern ist‚ bedarf einer basalen Willenshaltung‚ die vom Selbst in seiner Gesamtheit zu leisten ist. Es genügt also im Bereich der Demutsfrage völlig‚ von einem Selbst und dessen Ego auszugehen.

Ein schön gestaltetes‚ in seinen Formulierungen etwas eigenwillig verfasstes Bändchen haben Matthias Eckholdt und René Weiler zur Frage nach den Tugenden verfasst (s. Literaturverz.). Die beiden offenkundig seelenverwandten Autoren weisen nachgerade mit einem missionarischen Pathos in die Richtung‚ dass die gesamte Tugendethik in heutiger Zeit als eine Frage der individuellen Selbsterschaffung aufzufassen sei. Zwar wird der Rückzug von jeder politischen Lebensbindung als einer Fremdbestimmung‚ wie ihn die Stoiker einst propagierten‚ am Ende dann doch nicht pauschal gutgeheißen. Es ist aber viel von einem inneren Ich und seiner Freiheit die Rede‚ und dies vermag das gegenwärtige Zeitgeistgefühl durchaus zu treffen (vgl. auch Glosse III‚ wo u. a. Hermann Hesses Aufforderung‚ ‚sein Ding‘ zu machen‚ thematisiert wird).

Auch die Prinzipienethik kann ja letztlich nur dasjenige verbindlich machen‚ was in die Rechtsordnung Eingang findet‚ in ihr normativ festgehalten werden kann. Darüber hinaus bleibt es eben bei einem Appell an den guten Willen jedes Einzelnen. Die beste prinzipienethische Vorgabe‚ die beste Regel taugt nichts‚ wenn die konkreten Akteure sich lasterhaft darüber hinwegsetzen und sie – wie so oft – nicht sanktioniert werden können.

Völlig verschüttet war das Bemühen um die Demut ja nie. Allerdings fällt es sprachlich schwer‚ sie zu modernisieren und ihre Kraft historisch flexibel zur Geltung zu bringen. Ein gutes Beispiel hierfür ist wiederum Friedrich Nietzsche. Er sah sich innerlich aufgerufen‚ die Demut als eine Tugend des Christentums derart gnadenlos niederzureißen‚ dass es ihm folgerichtig äußerst schwer fiel‚ seine eigene Demut‚ eine weitgreifende Demut‚ noch als eine Demut benennen zu können. Seinem Amor Fati‚ seinem demütigen „Ja‚ so wollte ich es!“ (dieses „eben doch trotz allem“) vermochte er starke Worte zu verleihen. Das diesem Amor Fati zugrunde liegende Bekenntnis zur Demut konnte er indes zugreifend nicht versprachlichen. Nietzsche war ein Bergmensch‚ verhaftet in einem Denken von einem ‚Oben‘ und einem ‚Unten‘. Das Wasser war nicht sein Element. Im Daodejing des Laotse finden sich viele Umschreibungen der Demut und besonders im achten Kapitel wird dort die Parallele zum Wasser verdeutlicht.

Bei Montaigne kann nachgelesen werden‚ wie bei der Lebenskunst die Demut ins Spiel kommt. Die Kunst‚ sich auf ein befriedigendes Leben auszurichten‚ beinhaltet eben auch die Fähigkeit‚ diesem Leben mit Demut zu begegnen. Das Demutsverständnis Montaignes soll ja in den folgenden Abschnitten noch schrittweise entfaltet werden.

Die Demut ist eine Bezugstugend

Zu Recht betont Eckhard Zemmrich in seiner überarbeiteten Dissertation im Fach Theologie‚ dass die Demut auch ihrem theologischen Verständnis nach eine Bezugstugend ist. Die Demut stellt sich nicht in den Vordergrund‚ aber sie weiß um ihre Unerlässlichkeit. Sie stellt sich zuweilen unbemerkt in den Dienst höherer Ziele – und diese sind dann zumeist eine Überforderung.

Bei Zemmrich bezieht sich die Demut auf die drei großen Tugenden des Christentums: Glaube‚ Liebe‚ Hoffnung. In weltlicher Sicht ist es vor allem die Demut des Annehmens‚ in der ihr Bezugscharakter deutlich wird. Ihr Bezug ist die allseits gewünschte Gelassenheit. Ohne die Demut des Annehmens kann es nur eine sehr äußerliche Gelassenheit geben‚ als Gleichgültigkeit.

In der Philosophie gibt es bekanntlich seit Aristoteles eine breite Diskussion über den inneren Zusammenhang der Tugendethik insgesamt mit dem ‚guten Leben‘ und‚ wenn man es so sehen will‚ damit zugleich auch dem ‚glücklichen Leben‘ im Sinne der Eudaimonia. In neuerer Zeit sind es vor allem die Neoaristoteliker John McDowell‚ Philippa Foot‚ Otfried Höffe und Robert Spaemann‚ die in Opposition vor allem zu den Utilitaristen diesen Zusammenhang betonen und sich um eine Rehabilitierung der aristotelischen Sichtweise bemühen.

Bei Pascal lässt sich eindrucksvoll aufzeigen‚ wie in einem religiösen Kontext eine auf den Glauben zielende Demut als ein konsequentes Niedrig-Gesinntsein ihre Legitimation erfährt. Montaignes Verständnis der Demut hingegen beschränkt sich auf das irdisch gebundene Leben. Es ist ein politischer Demutsbegriff‚ der sich auf den Prozess der Rücksichtnahme ausrichtet‚ wie er in einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft eben nur in Ausschnitten verrechtlicht werden kann.

Die bloße Bescheidenheit

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