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Die Diamantschwert-Saga

Carsten Zehm

 

 

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Die Abenteuer von Bandath, dem Zwergling

Band 1 der Bandath-Trilogie

 

 

 

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Für Tine - und danke für alles.

 

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Inhalt

Das Diamantschwert

Die Katastrophe

Unangemeldeter Besuch

Flussburg

Niesputz

Das Orakel von Go-Ran-Goh

Unerwartete Unterstützung

Diebstahl und Entführung

Flucht

Das Umstrittene Land

Kämpfe

Todfeinde

Der Weg, den niemand kennt, und von dem doch jeder weiß

Zum Herz der Berge

Drachenherz

Später …

… und noch später

Die mehr oder weniger wichtigen Personen

„Nur wenn der Nicht-Zwerg das Herz findet,

das verborgen ist, wo es jeder sieht,

und die Nicht-Elfe den Weg entdeckt,

von dem niemand weiß

und den jeder kennt,

wenn die Todfeinde sich helfen,

kann der Drache erwachen und das Feuer erlöschen.“

Prophezeiung des Orakels von Go-Ran-Goh

Das Diamantschwert

Der Troll brach aus dem Gebüsch, trampelte über das Gras und sprang in den kleinen Bach. Knurrend sah er sich um, schwenkte dabei die Keule hin und her. Er kniff die Augen unter der gefurchten Stirn zusammen und suchte das Ufer ab. Plötzlich schoss sein Kopf herum. Gleich hinter der nächsten stromabwärts gelegenen Biegung des Baches hörte er Schritte im Wasser – eilig, platschend, sich entfernend. Ohne zu zögern stürmte er los und nahm die Verfolgung auf. Ruhe kehrte wieder ein und der Bach floss ungestört weiter.

Als die Geräusche des durch das Wasser hetzenden Trolls verklungen waren und das Nass die aufgewirbelten Sandwolken davon getragen hatte, erklang unter einem Busch ein fröhliches Hüsteln. Dann raschelte es, eine kleine Gestalt kroch auf allen Vieren hervor und stand umständlich auf. Fröhlich zupfte sich der Mann Blätterreste und Zweige aus seinem grauen Bart, rückte sich das Lederband, welches seine Haare hielt, zurecht, klopfte die Jacke sauber und strich sich über die Hose, beides aus braunem Leder. Ein unbeteiligter Beobachter hätte den kleinen Mann auf den ersten Blick wahrscheinlich für einen Zwerg gehalten, bis er die großen, braunbehaarten Füße gesehen hätte, die Füße eines Halblings. Zwar war der Bart der eines Zwergs, auch die eisgrauen, zu einem Zopf geflochtenen Haare waren typisch zwergisch. Doch sowohl die Füße als auch die knollige Nase und die braunen Augen gehörten eindeutig zu einem Halbling.

Der kleine Mann griff unter den Busch und förderte einen abgewetzten Beutel und einen knorrigen Holzstock zu Tage, der fast so groß war wie er selbst. Der Stab wies ihn unzweifelhaft als Mitglied der Magier-Gilde aus.

Am Ufer des Baches mitten im Trollland stand Bandath der Magier – manche würden die Bezeichnung um das Wörtchen berüchtigt ergänzen. Bandath war ein Zwergling und Zwerglinge waren sehr selten. Sein Vater, ein Zwerg, hatte einst eine Halblingsfrau geheiratet; eine Verbindung, die seinerzeit nicht unerhebliches Aufsehen erregt hatte, und Bandath war ihr einziges Kind geblieben. Es gab nicht viele Zwerglinge in den Ländereien um die Drummel-Drachen-Berge. Eigentlich, so behauptete Bandath gerne, gab es zurzeit nur einen einzigen lebenden Zwergling, nämlich ihn.

Irgendwann in seiner frühen Jugend hatte Waltrude, die Haushälterin seines Vaters, seine magische Begabung entdeckt und ihn sofort nach Go-Ran-Goh geschickt, die Magier-Feste. Nach einem dreitägigen Aufnahmetest wurde er der jüngste Magierlehrling aller Zeiten. Die zehnjährige Ausbildung krönte er mit einer grandiosen Abschlussprüfung, von der die Lehrlinge auf Go-Ran-Goh noch heute reden. Gerüchte besagten, dass Romanoth Tharothil, der oberste Magier, ihm immer einen Platz als Lehrer auf der Magier-Feste reserviert hielt, falls Bandath sich eines Tages entscheiden sollte, dorthin zurückzukehren. Nun, das zumindest konnte lange dauern. Er fühlte kein Verlangen danach, sich diesem weltfremden Kreis anzuschließen.

Im Moment allerdings sah es nicht so aus, als dächte Bandath überhaupt an Go-Ran-Goh. Er lauschte dem Troll nach, der sicherlich noch eine ganze Weile dem magischen Geräusch folgen würde, das Bandath vor wenigen Minuten den Bach hinabgeschickt hatte.

Noch eine Stunde bis Sonnenuntergang – das musste für sein Vorhaben reichen. Im Moment bewachten nur wenige Taglicht-Trolle das Dorf, während der Rest der Truppe im typischen, fast todesähnlichen Schlaf lag, der den gewöhnlichen Troll befiel, wenn die Sonne aufging.

Die ersten drei Wachposten hatte Bandath bereits hinter sich gebracht, als er überraschend auf diesen hier am Bach gestoßen war. Die Trolle schienen ihre Aufmerksamkeit erhöht zu haben. Es wäre wahrscheinlich gut, wenn er sich auf dem Rest des Weges noch aufmerksamer umsah als sonst. Womöglich hatten sie noch weitere Überraschungen vorbereitet. Bei seinem letzten Besuch jedenfalls – wie lange war das jetzt her, zehn Jahre, zwölf? – hatte es hier am Bach noch keine Wache gegeben.

Bandath wirkte einen kleinen Spurenverwischungszauber und begann vorsichtig, den Hang zu ersteigen. Seine Abdrücke im Ufersand des Baches verschwanden, kaum dass er den nächsten Schritt machte. Kurz noch blieb er stehen. Da lag ein Trollmesser im Gras direkt vor ihm. Eigentlich verabscheute Bandath Waffen. Er selber besaß keine, sah man von seinem eigenen kleinen Messer, dem Magierstab und dem schier unerschöpflichen Inhalt seines Schultersackes ab. Er kämpfte nie mit Waffen gegen andere und er hatte auch noch nie jemanden getötet, weder Troll noch Gnom, Elf, Zwerg, Mensch oder Halbling. Und das war mehr als so manch anderer Magier von sich behaupten konnte. Trotzdem sagte ihm sein Bauchgefühl, dass es besser wäre, dieses Trollmesser nicht im Gras liegen zu lassen. Er verließ sich oft auf sein Bauchgefühl und war meist gut gefahren damit.

Natürlich war das Messer eines Trolls für Bandath fast ein Schwert. Der Zwergling holte aus dem Schultersack seine magische Lupe hervor und richtete die Linse auf das Trollmesser, wobei er leise vor sich hin murmelte. Durch die Lupe betrachtet, sah das Messer wesentlich kleiner aus, als es in Wirklichkeit war. Lächelnd griff Bandath zu, nahm das Messer, das plötzlich locker in seine Hand passte, und ließ es in den unergründlichen Tiefen seines Schultersacks verschwinden.

So, jetzt aber rasch! Er hatte genug Zeit am Bach vertrödelt. Das Diamantschwert wartete auf ihn. Bis Mitternacht musste er es seinen Auftraggebern geliefert haben. Während er vorsichtig seinen Weg zum Trolldorf suchte, dachte er an die Worte der Elfen: „Gehe zu den Trollen, stehle das Diamantschwert und bringe es uns!“

Es war die übliche Art der arroganten Langbeine. Kurz und bündig hatten die Elfen der Riesengras-Ebene ihre Order formuliert. Natürlich war es ihnen unangenehm, dass er, ein Zwergling, den großen und gewaltigen Elfen helfen musste. Ihn selber störte das keineswegs, ganz im Gegenteil. Elfengold war gut und solange die Bezahlung stimmte, ließ sich absolut nichts gegen diesen Auftrag einwenden.

Erheitert duckte sich Bandath unter einigen Stolperdrähten durch, die die Trolle über den Weg gespannt hatten. Die würden es nie lernen, zogen die Hindernisse in Kniehöhe. Nur war da, wo die Trolle ihre Knie hatten, Bandaths Hals.

Wie gut, dass um die Drummel-Drachen-Berge herum kein anderer Magier lebte, der diese Art von Aufträgen erledigte. Und so hatte er, Bandath der Zwergling, nun schon zum wiederholten Male von den Elfen den Auftrag erhalten, den Trollen das Diamantschwert zu stehlen.

Es war immer das gleiche Spiel: Die Elfen ließen sich die machtvolle Waffe von den Trollen stehlen und diese etliche Jahre später wieder von den Elfen. So wechselte das Diamantschwert in schöner Regelmäßigkeit alle acht bis zehn Jahre den Besitzer. Und Bandath verdiente daran.

Nur gut, dass die Elfen von seinem kleinen Geheimnis nichts wussten.

Kichernd umrundete der Magier einige plumpe Fallgruben, hielt dann aber erschrocken inne, als er ein bedrohliches Zischen hinter sich hörte. Ganz langsam drehte er sich um und blickte in die starren Augen einer beeindruckenden Schling-Würg-Natter mit dem typischen, roten Totenkopfmuster auf ihrem giftgrünen Leib. Das Exemplar war von einer solchen Größe, dass es den Zwergling mit einem einzigen Happs hätte verschlingen können. Sie wäre sogar einem Troll gefährlich geworden. Die Schling-Würg-Natter starrte Bandath in die Augen und probierte den ihr eigenen Hypnose-Blick. Bandath zwinkerte und musste schon wieder grinsen. Wie sollte die Natter wissen, dass er auf der Magier-Feste einen besonderen Kurs zur Anwendung und Abwehr von Hypnoseverfahren besucht hatte? Sein eigener Blick wurde starr und bohrte sich in die länglichen Pupillen der Schlange. Es dauerte nur wenige Sekunden, da begann das Reptil zu zittern und hörte auf zu zischen. Der Körper der Schlange verdrehte sich zu einer großen Schlaufe, der Schwanz schoss nach vorn, fuhr durch die Schlaufe und streckte sich wieder lang nach hinten. Hilflos lag die Schlange auf dem Weg, einen dicken und äußerst festen Knoten in der Körpermitte.

Leise vor sich hin summend schlich der Zwergling weiter und erreichte eine enge aber kurze Felsenschlucht. In unregelmäßigen Abständen, so erschien es jedenfalls den Trollen, ergossen sich von oben Ströme kochenden Wassers oder zischender Säure, die brodelnd in Löchern im Boden verschwanden. Mittels eines ausgefuchsten Systems innerhalb der Felsen wurden die Flüssigkeiten wieder nach oben gepumpt und erhitzt, um sich im nächsten Moment erneut in das Tal zu ergießen. Bandath selbst hatte den Trollen dieses Sicherungssystem vor vielen Jahren verkauft. Ja, auch Troll-Gold war nicht zu verachten. Gut, dass die Trolle nichts von seiner Arbeit für die Elfen wussten.

Der Zwergling zählte nach dem letzten Wasserguss bis zwanzig, machte fünfzehn Schritte nach vorn, wartete einen Schwall Säure vor sich und eine weitere Kaskade kochenden Wassers hinter sich ab, rannte eine genau berechnete Strecke und duckte sich. Aus der Wand direkt über dem Magier schossen sechs Speere hervor, die ihn unzweifelhaft an den Fels genagelt hätten. Mit einem metallischen Zischen glitten sie in ihre kaum sichtbaren Halterungen zurück. Bandath erhob sich, sprang über einen unscheinbaren Sandfleck – Treibsand – und erreichte das Ende der Schlucht. Jetzt müsste eigentlich … ja, da war er auch schon, der selbstfliegende Messer-Bumerang, der die Schlucht in regelmäßigen Abständen durchquerte. Hier reichte es aus, wenn er sich eng an den linken Felsen presste. Zischend schoss der Bumerang an ihm vorbei und flog kurz darauf denselben Weg zurück.

Die Trolle hatten ihm viel bezahlt für diese Sicherungen und schon manch ein Eindringling war an der Schlucht kläglich gescheitert. Bandath war nicht wenig stolz auf sein Werk. Und nur der Erbauer selbst konnte es überlisten.

Jetzt musste er nur noch herausfinden, wie viele Taglicht-Trolle im Dorf hinter der Felsenschlucht Wache schoben.

Vorsichtig zog er eine Halskette aus seinem Hemd und löste den daran befestigten Ring, ein sehr altes Erbstück des Halbling-Zweiges seiner Familie. Er streifte das unscheinbare, golden glänzende Kleinod über den Finger und war im selben Moment verschwunden. Einen Unsichtbarkeitszauber zu weben hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Da war der Besitz eines solchen Zauberringes schon wesentlich praktischer – auch wenn sich die Kraft des Ringes nach einer Weile verbrauchte. Dafür, dass er ihn jetzt trug, musste der Ring sich wieder mehrere Tage mit magischer Energie aufladen, bevor er ihn erneut benutzen konnte.

Die nächsten Schritte trugen ihn in den Talkessel hinter der Schlucht. Er erblickte die ihm vertrauten dunklen Felsenlöcher, die zu den Trollhöhlen führten. Neu waren einige der Blockhütten mitten im Tal. Hier hausten die Taglicht-Trolle. Ihre Zahl musste sich seit seinem letzten Besuch bedeutend erhöht haben.

Und noch etwas war neu. Dieses Etwas hob den Kopf, als Bandath den Talkessel betrat, und starrte zu ihm herüber. Die gelben Augen funkelten, das Nackenfell stellte sich auf, er knurrte, die Lippen hoben sich und entblößten spitze Zähne.

Der Zwergling erstarrte. Das war jetzt wirklich eine Überraschung – und eine unangenehme dazu. Ein Drachenhund. Wo hatten die Trolle den denn her? Hieß das etwa, dass die Trolle Unterstützung durch einen weiteren Magier erhielten? Wenn doch noch jemand außer ihm selbst die Sicherungsmaßnahmen der Trolle unterstützte, würde das seine Arbeit in Zukunft erheblich erschweren. Aber darüber musste er sich später seinen klugen Zwergling-Kopf zerbrechen, denn Drachenhunde konnten mit ihren Augen Unsichtbares sehen, also auch ihn!

Der Drachenhund, schuppig und rot, knurrte erneut und erhob sich auf seine sechs Beine. Das Nackenfell glich jetzt dem struppigen Besen von Bandaths Haushälterin Waltrude. Aus der Brust des Drachenhundes stieg ein Grollen auf und die Spitze des schlangengleichen Schwanzes peitschte den Boden. Sechs Taglicht-Trolle hatten rund um ein Holzfeuer gesessen. Jetzt erhoben sie sich und blickten suchend im Talkessel umher.

„Was’n los?“, fragte der kräftigste von ihnen und wiegte seine schwere Keule in der einen Hand, während er mit der anderen die Leine hielt, die dem Drachenhund um den Hals gelegt war. Es war Rulgo, der Anführer der Taglicht-Trolle. Bandath kannte ihn. Er war einer der klügsten Trolle, die der Magier je kennengelernt hatte, auch wenn er viel Zeit zum Denken brauchte, eine typische Eigenart der Trolle übrigens.

Aber was sollte das mit dem Drachenhund hier? Mist, dreimal getrockneter Zwergenmist! Fieberhaft rasten die Gedanken durch Bandaths Kopf. Wie wurde er nur dieses verdammte Scheusal los? Schon begann das Untier, den Troll in Bandaths Richtung zu ziehen, war vielleicht noch drei bis vier Dutzend Trollschritte entfernt. Plötzlich erinnerte sich der Zwergling an eine Bemerkung seines Vaters über Drachenhunde. Genau: Etwas Fisch und Drachenhunde lassen alles stehen und liegen. Zufällig hatte Bandath sich heute Morgen einen Hecht gefangen und von der Mahlzeit war noch ein wenig übrig. Mit vor Aufregung zitternden Fingern holte er den Fischrest aus seinem Sack, ebenso das Trollmesser, zudem das Stück Holz, das ihm letzte Nacht an der Schulter gedrückt hatte sowie ein paar Hühnerfedern, Überreste seines gestrigen Abendessens. Fieberhaft bohrte er mit dem Messer kleine Löcher in das Holz, steckte die Federn hinein und nagelte dann mit der Waffe den Fischrest auf das Holzstück. Anschließend bewegte der Magier die Hände in komplizierten Figuren über der Konstruktion, wobei kehlige Worte in einer längst nicht mehr von Lebenden gesprochenen Sprache über seine Lippen kamen. Die Federn begannen zu zittern, schwirrten dann heftig los und das Holzstück mitsamt Messer und Fisch erhob sich in die Lüfte. Diese umfangreichen Maßnahmen waren leider nötig, weil Bandath keine einfache Schwebe-Magie beherrschte. Der Drachenhund verharrte abrupt, schnaufte. Irritiert blickte er zwischen Holz und Zwergling hin und her, während er die Luft mit langen Zügen durch die Nase einsog. Bandath hob die Hand und gab dem schwebenden Holzstück einen leichten Wink. Schon schoss es vorwärts, beschrieb eine Kurve und verschwand in der Felsenschlucht, aus der Bandath soeben herausgetreten war. Der Drachenhund ließ ein kratzendes Bellen hören und sprang so kräftig vor, dass der Ruck glatt das Seil zerriss, mit dem Rulgo ihn festgehalten hatte.

„Blut! Komm zurück!“

Blut! Bandath verdrehte die Augen. Dieser Name sah den Trollen ähnlich. Der Drachenhund stürmte an dem Zwergling vorbei, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, die laut rufenden Trolle im Gefolge. Schmerzensschreie ertönten gleich darauf aus der Felsenschlucht. Da waren wohl einige in die eigenen Fallen getappt.

Für Bandath jedenfalls war jetzt der Weg zum Diamantschwert frei. Er hetzte über den freien Platz zu einer kleinen Höhle am anderen Ende des Talkessels. Sogar er musste sich bücken, als er eintrat. Auf einem niedrigen Holztisch lag ein rotes Samtkissen und darauf das Diamantschwert, Gegenstand der Gier sowohl der Trolle als auch der Elfen. Die lange, makellose Diamantklinge mit dem eingeschlossenen roten Kristall in der Spitze, dem sogenannten Flammenauge, funkelte im Licht der spärlichen Sonnenstrahlen, die bis hierher vordrangen. Ihm schien, dass das Flammenauge noch nie so intensiv geleuchtet hatte wie in diesem Moment. Dunkelrote Lichtstrahlen schossen aus ihm hervor und zerschnitten die Dämmerung des Raumes in unregelmäßige Bereiche. Daneben verblasste der Glanz des goldenen Griffes. Besetzt mit Dutzenden von Edelsteinen, blinkte er erhaben und wirkte dabei trotzdem matt. Als Waffe wäre das Schwert kaum zu gebrauchen, obwohl die Klinge so scharf war, dass sie fast alles zerschneiden konnte. Mit so einer Waffe würde man nicht lange kämpfen können, dazu war die Klinge zu spröde. Aber der Besitz des Diamantschwertes bedeutete Macht.

Vor vielen hundert Jahren, lange vor Bandaths Zeit, waren eines Nachts die Dunkel-Zwerge aus der Erde gekommen und hatten den Trollen und Elfen das Diamantschwert zum Geschenk gemacht. Damit, so hatten sie verkündet, könnte man das fruchtbare Land beherrschen, das auf beiden Seiten des Ewigen Stromes zwischen den Riesengras-Ebenen der Elfen und dem von Drummel-Drachen und Trollen bewohnten Gebirge lag. Dieses fruchtbare Tal, das sogenannte Umstrittene Land, erstreckte sich Dutzende Tagesreisen entlang der Ausläufer der Drummel-Drachen-Berge und war schon immer Gegenstand von Streitigkeiten zwischen Elfen und Trollen gewesen. Beide Seiten beanspruchten das Land für sich, doch war keine aus eigener Kraft in der Lage, sich dort anzusiedeln. Eine unüberwindbare, magische Hecke, wilde Tiere und regelmäßige Überschwemmungen machten das Leben dort äußerst unsicher. Allein die Macht des Diamantschwertes ermöglichte es den Elfen, den Boden, die Früchte und Kräuter der Flussniederung zu nutzen und den Trollen bescherte das Schwert eine erfolgreiche Jagd.

Die Magier der Trolle und der Elfen besänftigten mit der Macht des Diamantschwertes die Natur. Sie ermöglichten gute Jagdergebnisse und sorgten für hervorragende Ernten. Warum genau dies nur mit dem Schwert möglich war, konnten die Magier nicht sagen. Es war ein Rätsel, dessen Lösung noch nicht gefunden war.

Natürlich währte der Frieden nicht lange. Schon bald forderte jede Seite das Diamantschwert allein für sich. Niemand wusste heute noch zu sagen, wer als erster die Waffen gegen den anderen erhoben hatte. Die Elfen gaben den Trollen die Schuld und die Trolle schoben alles auf die Elfen.

Wie dem auch sei, es gab Krieg, und das Schwert gelangte in den Besitz der Elfen. Sie behielten es etwa einhundert Jahre. Dann hatten sich die Trolle so weit von ihrer Niederlage erholt, dass sie den Elfen in einem nächtlichen Überraschungsangriff das Schwert abjagen konnten. Nun waren sie die Herrscher über die fruchtbare Flussniederung – für fast siebzig Jahre.

Die Elfen rückten am Tage an. Damals gab es längst noch nicht so viele Taglicht-Trolle wie heute. Das Gemetzel muss fürchterlich gewesen sein, denn die Trolle benötigten diesmal weit mehr als hundert Jahre, bis sie das Schwert zurückerobern konnten.

So ging es lange Zeit hin und her. Abwechselnd in der Hand von Trollen und Elfen, glänzte das Flammenauge in der Spitze des Diamantschwertes über der Flussniederung. Bis Bandath kam.

Er machte den Elfen, die das Diamantschwert damals gerade mal wieder an die Trolle verloren hatten, das Angebot, das Artefakt gegen angemessenes Entgelt zu stehlen, was blutige Kämpfe unnötig machen würde. Die Elfen berieten. Bei einer Zustimmung würden sie sich natürlich von diesem zu kurz gewachsenen Magier, der noch nicht einmal ein reiner Zwerg war, abhängig machen. Andererseits hatte der letzte Kampf mit den Trollen hohe Opfer von ihnen gefordert. Widerstrebend ließen sie sich auf den Handel ein. Von da an wechselte das Schwert in schöner Regelmäßigkeit den Besitzer, denn natürlich gefiel auch den Trollen die Idee, einen Dieb anzuheuern und zu bezahlen und auf diese Weise Leib und Leben ihrer Artgenossen zu schonen.

Seither verdiente Bandath recht gut. Selbstredend musste er immer warten, bis sich das Schwert außerhalb des Umstrittenen Landes befand. Er selber konnte ohne das Schwert die Hecke, die den Landstrich umgab, nicht überwinden. Aber eine solche Gelegenheit ergab sich immer irgendwann.

Jetzt aber musste er sich sputen. Schon verschwand die Sonne hinter den Gipfeln. Bald würden die Taglicht-Trolle wieder auftauchen, um in ihren tiefen Nachtschlaf zu fallen. Und die Trolle, die tagsüber schliefen, würden erwachen.

Bandath zückte seine wundersame Lupe und ein Kästchen aus Mogohani-Holz. Mit Hilfe seiner Lupe verkleinerte er das Diamantschwert auf Handtellergröße. Vorsichtig nahm er das nach wie vor äußerst scharfe Schwert vom Kissen und legte es in das kleine Kästchen. Mogohani-Holz war härter als Stahl und nur die Eisen-Feen in den Mogohani-Wäldern des Ostens konnten dieses Holz bearbeiten. Das Kästchen hatte ihn vor Jahren das gesamte Gold gekostet, das er von den Elfen für den zweiten Diebstahl des Diamantschwertes bekommen hatte. Es war einfach zu riskant geworden, mit dem geschrumpften Schwert in der Hand durch die Wälder zu den Elfen zu laufen. Das Mogohani-Kästchen hatte sich als ideales Transportmittel bewährt.

Bandath verließ mit seiner Beute die Höhle und blieb sofort wieder stehen. Die Sonne war untergegangen und dämmriges Zwielicht herrschte. Es war die Zeit, da die Trolle erwachten und die Taglicht-Trolle sich schlafen legten. Er hatte doch zu lange gebraucht. Mist! Dreimal getrockneter Zwergenmist! Während in den Höhlen ringsumher ein Grummeln und Stöhnen anhub, typische Geräusche erwachender Trolle, taumelten die Taglicht-Trolle müde in den Talkessel zurück, angeführt vom Drachenhund.

Das war wirklich eine brenzlige Situation für den noch immer unsichtbaren Zwergling. Was tun?

Fisch hatte er keinen mehr. Schon hatte der Drachenhund ihn ausgemacht und knurrte gereizt.

Fisch? Wieso musste es eigentlich Fisch sein?

Wenn er ein magisches Geräusch bewirken konnte, dann sollte er auch in der Lage sein, magischen Geruch zu bewirken. Seine Finger begannen, komplizierte Runen in die Luft zu zeichnen, und er flüsterte Teile eines uralten Spruches. Dass er nicht sofort auf diese Idee gekommen war!

Plötzlich entströmte allen Höhlen im Talkessel ein penetranter Fischgeruch. Der Drachenhund begann erregt zu winseln. Dann hielt ihn nichts mehr. Mit einem kräftigen Ruck riss er sich los und stürmte jaulend in die nächstgelegene Unterkunft. Ärgerliche Trollrufe, Poltern und Klirren kündeten von erheblichem Chaos, als der Drachenhund auf der Suche nach Fisch das Unterste zuoberst kehrte. Aufgeregt schoss er nach erfolgloser Suche wieder ins Freie und stürmte die nächste Höhle.

Bandath hätte seinen Abgang aus dem Tal gerne weniger spektakulär gestaltet, aber ihm blieb keine andere Wahl. Eilig, doch möglichst leise, rannte er um die Gruppe der müde blinzelnden Taglicht-Trolle herum und machte sich aus dem Staub.

Er hatte kaum sämtliche Fallen der Felsschlucht überwunden, da ertönte aus dem Kessel das wütende Brüllen heiserer Trollstimmen. Sie hatten den Verlust des Diamantschwertes entdeckt. Die Jagd begann. So schnell er konnte tapste der Zwergling mit seinen kurzen Beinen durch das Unterholz. Die Trolle durften auf keinen Fall erfahren, wer ihnen das Schwert gestohlen hatte. Mit dem Drachenhund auf den Fersen war das aber nicht so leicht.

Bandath umging die Fallgruben und hörte irgendwo, leider nicht allzu weit entfernt, die massigen Trolle durch das Gebüsch brechen, begleitet vom aufgeregten Jaulen des Drachenhundes. Gehetzt zermarterte sich der Zwergling-Magier das Gehirn. Wie konnte er die Trolle aufhalten? Wie dem Drachenhund entkommen? Er eilte an der verknoteten Schling-Würg-Natter vorbei, blieb plötzlich stehen und sah zurück. Die Trolle konnten nur wenige Schritte hinter ihm im Gebüsch sein.

Was er jetzt vorhatte, war äußerst riskant, aber im Moment gab es keine andere Möglichkeit. Schnell sprintete er zu der verknoteten Schlange und zog den Ring vom Finger, um sichtbar zu werden. Erneut bohrte sich sein Hypnoseblick in die Augen des Reptils. Wie von fremder Hand geführt, löste sich der Knoten aus dem Schlangenleib und mit einem letzten Zwinkern gab Bandath seiner neuen „Freundin“ einen Auftrag. Dann steckte er den Ring wieder an und hastete weiter. Fast im gleichen Augenblick brachen die Trolle aus dem Unterholz. Zischend stürzte sich die Schling-Würg-Natter auf den Drachenhund und einmal mehr brach hinter Bandath das Chaos aus, als die Trolle mit ihren Keulen auf die beiden kämpfenden Tiere einschlugen, um sie zu trennen.

Kichernd schlug sich Bandath in die Büsche. Das sollte ihm den kleinen Vorsprung geben, den er brauchte, um sein Boot am Fluss zu erreichen. Ohne im Besitz der Magie des Diamantschwertes zu sein, würden die Trolle den Fluss nicht überschreiten – Elfenland.

Zwei Stunden vor Mitternacht hatte Bandath tatsächlich den Fluss überquert. Jetzt endlich konnte er den Ring vom Finger streifen und ihn wieder an der Halskette befestigten. Das zweite Utensil an der Kette war eine kleine silberne Pfeife, die der Magier an die Lippen führte, um kräftig hineinzublasen. Die Pfeife tat keinen Laut. Doch Bandath wusste, der unhörbare Ton würde seinen treuen Begleiter rufen. In wenigen Minuten würde der Laufdrache Dwego erscheinen und ihn sicher in das Dorf der Elfen tragen.

Pünktlich, kurz bevor der Stand der Sterne die Mitternachtsstunde anzeigte, betrat Dwego mit Bandath auf dem Rücken den Ring, der vom zentralen Elfenfeuer des Dorfes beleuchtet wurde. Wohlweislich hatte Bandath das Diamantschwert wieder in seine ursprüngliche Größe verwandelt, bevor er das Elfendorf erreichte. Die Elfen mussten das Geheimnis seiner Lupe und des Mogohani-Kästchens nicht unbedingt erfahren. Mühsam reckte der Zwergling das große Schwert nach oben. Das Flammenauge glühte auf, als es die Strahlen des hell leuchtenden Elfenfeuers einfing. Selbst die kaltherzigen Elfen erschauerten, als sie das rot reflektierende Licht des Flammenauges traf. Doch diese außerordentliche Gefühlsregung der Langbeine verschwand wie ein morgendlicher Nebelhauch, den die Sonne auflöste. Schon stand der Hohe Rat der Elfen wieder kühl und distanziert am Rande des Lichtkreises. Wortlos streckte Gilbath, der Elfen-Fürst, seine rechte Hand aus, um das entgegenzunehmen, was den Elfen seiner Meinung nach von Rechts wegen zustand.

„Deine Arbeit soll wieder einmal vergolten werden, Zwergling.“

Es gelang dem Elfen-Fürst stets, das Wort Zwergling so auszusprechen, als bezeichnete es eine widerwärtige Lebensform. Etwa in der Art würde Waltrude von einer dicken, fetten Wollspinne mit behaarten Beinen reden und gleichzeitig ihren Reisigbesen schwingen, um sie zu erschlagen.

Bandath verbeugte sich. „Der Ruf deiner Großzügigkeit ist weit bekannt, hinkt jedoch der Wahrheit hinterher, Gilbath.“

Der Elf runzelte die Stirn. „Meine Großzügigkeit ist kleiner als du denkst, Zwergling.“

Die Ruhe rings umher, hervorgerufen durch das Schweigen der anderen Elfen, schien sich zu vertiefen. Selbst das Knistern und Knacken des brennenden Holzes wurde leiser. Bandaths Sinne schalteten auf Alarm. Spannung lag in der Luft. Gilbath wog das Diamantschwert in der Hand. Wie zufällig richtete er die Spitze der Klinge auf den kleinen Magier. Drohend glühte das Flammenauge.

„Findest du es nicht seltsam, Zwergling, dass uns diese wundersame, machtvolle Waffe immer wieder entwendet wird?“

„Nun, Fürst“, Bandath zuckte betont gleichmütig mit den Schultern, „ihr müsst eben etwas besser darauf aufpassen.“

„Wir haben die besten Sicherungsmaßnahmen, die man diesseits der Drummel-Drachen-Berge kaufen kann, heißt es.“

Bandath hob lächelnd die Hände. „Danke, ich tue mein Bestes.“

„Schweig, Dieb!“, donnerte der Elf, um gleich darauf geringfügig abzuwiegeln: „Denn das bist du, ein Dieb, der uns wieder und wieder das Schwert von den Trollen stiehlt.“

Dieses Gespräch nahm eine Wendung, die Bandath nicht gefiel. Sollten die Elfen etwa wissen …?

„Gut, ich denke, wir sollten dieses Gespräch jetzt beenden, Zwergling“, erklärte der Elf und ließ das Schwert sinken.

Bandath nickte, neigte zum Gruß den Kopf und zog sich zwei Schritte zurück. Ohne dass die Elfen es bemerkten, atmete er dabei auf. Gilbath selbst wandte sich ohne Gruß ab, hielt jedoch plötzlich inne als habe er etwas vergessen.

„Übrigens sind Claudio Bluthammer und Sergio die Knochenzange in der Gegend. Du weißt schon, die beiden talentierten Kopfgeldjäger.“

Bandath musste schlucken. Üble Kopfgeldjäger wäre eine weitaus treffendere Bezeichnung für die zwei gestrauchelten Magier gewesen.

„Ich habe sie damit beauftragt, herauszufinden, wer der Dieb ist, der uns seit vielen Jahren immer wieder das Diamantschwert stiehlt – und uns seinen Kopf zu bringen.“ Damit ließ er Bandath endgültig stehen. Auch der Hohe Rat verließ den Kreis. Irgendwo aus dem Rund der Elfen kam ein Lederbeutel geflogen und landete klimpernd vor dem Magier im Staub, sein Lohn. Bandath bückte sich und nahm den Beutel auf. Gleichzeitig rasten die Gedanken hinter seiner Stirn.

Oh je, das war eine Entwicklung, die er nicht vorausgesehen hatte. Was sollte er nur tun, wenn die Trolle ihn das nächste Mal damit beauftragten, den Elfen das Diamantschwert zu stehlen?

Da würde er sich etwas einfallen lassen müssen …

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Die Katastrophe

Waltrude Birkenreisig schimpfte. Waltrude schimpfte eigentlich ständig. Über das Wetter, das Essen, welches sie immerhin selber kochte, sie schimpfte über die Unordnung im Haus und sie schimpfte mit Vorliebe über Bandath, den „Herrn Magier“, wie sie ihn nannte. Egal was er tat, nichts war ihr recht. Kam er nach Hause, so war es ihr entweder zu früh, weil sie das Essen noch nicht fertig hatte oder noch beim Hausputz war, oder er kam zu spät und das Essen war „wie immer“ bereits kalt geworden. Und wozu hatte sie sich dann die ganze Mühe gemacht? Überhaupt könnte der Herr Magier ja auch ein wenig dankbarer dafür sein, dass sie sich hier tagein tagaus plagte. Nun war die Hütte allerdings nicht besonders groß: zwei Wohnräume, einen größeren für Bandath, einen kleineren für Waltrude, eine Küche, ebenfalls für die alte Zwergendame (und ausschließlich für sie!), ein Waschraum, ein Vorratsraum und ein kurzer Flur, auf den die Türen zu den fünf Räumen mündeten. Viel Arbeit hatte sie nicht, denn oft führte das, was Bandath ihr gegenüber nur geheimnisvoll „seine Geschäfte“ nannte, ihn lange von seinem Zuhause fort. Und selbst wenn er da war, gab es nicht viel Arbeit, denn einen Raum durfte Waltrude nicht betreten, den größten, der fast die Hälfte der kleinen Hütte einnahm, Bandaths Zimmer. Neben dem kleinen Bett – ein Zwergling braucht nicht viel Platz – türmten sich Regale bis zur Decke, voll mit alten Büchern und geheimnisvollen Schriftrollen. Mächtige Wälzer stapelten sich als wackelige Türme auf dem Fußboden in schwindelerregende Höhe. Direkt am Fenster aber stand das Herz dieses Raumes, der Arbeitstisch des Magiers. Ständig blubberte dort etwas in rundbauchigen Flaschen über irgendwelchen Flammen. Substanzen wurden gekocht und eingedickt, Steine zu Staub zermahlen, Tränke und Pulver bereitet. Und nicht selten erschütterte eine Explosion das kleine Haus. Bandath folgte dann hustend und spuckend den Qualmwolken, die aus seinem Zimmer kamen – meist mit angesengten Kleidern und verbrannten Haaren. Dann ließ er sich seine Verletzungen von Waltrude behandeln. Natürlich nutzte sie diese Gelegenheiten und schimpfte ausführlich über das gefährliche Treiben des „Herrn Magiers“.

Am liebsten jedoch würde sie einen Besen, einen Eimer mit Wasser und einen Scheuerlappen nehmen und dieses unordentliche Zimmer einmal so richtig von oben bis unten sauber machen. Und vor allem mussten all die nutzlosen Gerätschaften vom Tisch verschwinden. Einmal hatte sie das getan, damals, ganz am Anfang. Er hatte sie gebeten ihm den Haushalt zu führen, wie sie es schon für seinen Vater getan hatte. Sie hatte zugestimmt. Irgendwann in dieser Zeit war sie gegen sein Verbot in das Zimmer gegangen um aufzuräumen. Nur ein einziges Mal. Bandath, den noch nie jemand wirklich zornig erlebt hatte, begann mit hochrotem Gesicht zu schreien und zu schelten. Nie, wirklich niemals durfte Waltrude auch nur ein einziges Blatt Pergament in diesem Raum berühren oder gar an einen anderen Platz legen.

Heute aber schimpfte Waltrude besonders. Alles lief schief. Sie hatte Kopfschmerzen seit sie aufgestanden war. In der Küche waren ihr drei Gläser runtergefallen und kaputt gegangen. Das Essen brannte an und der „Herr Magier“ ließ mal wieder auf sich warten. Zum Mittag des dritten Tages hatte er wieder da sein wollen, aber Mittag war lange vorüber und wer nicht kam, war der Zwergling auf seinem gewöhnungsbedürftigen Reittier.

Nein, warum hatte sie sich damals nur überreden lassen, zu ihm zu kommen und ihm den Haushalt zu führen? Gut, sie hatte seinen Vater gekannt und war seinen Eltern schon zur Hand gegangen. Auch war sie eine der wenigen Zwergenfrauen des Dorfes gewesen, die seine Mutter damals nicht von Anfang an wie eine Aussätzige behandelt hatte. Die junge Halblingsfrau hatte es nicht leicht gehabt im Zwergendorf. „Fremdling“ hatte man sie genannt. Es gehöre sich nicht für einen anständigen Zwerg, „so eine“ zur Frau zu nehmen. Viele Jahre hatten sie getratscht und gelästert. Nur wenige, unter ihnen Waltrude, hatten sich all dem widersetzt und Bandaths Mutter in ihren Kreis aufgenommen. Ja, viel böses Blut hatte es damals gegeben. Mittlerweile war all das vergessen und einige wollten nie etwas dazu gesagt haben. Bandaths Eltern ruhten seit Jahren friedlich in den Bestattungshöhlen tief im Gebirge, nebeneinander, wie es sich gehörte. Und ihr Junge war ein großer Magier – so erzählte man sich jedenfalls.

Nun, sie hatte da so ihre Zweifel, zumindest was das Wort groß anging, aber wer fragte sie schon …

Heute lief wirklich nichts so, wie es sollte. Die Sonne schien von einem Himmel, der eigentlich blau hätte sein müssen. Das Himmelsblau jedoch hatte seit Sonnenaufgang eher die Farbe von Asche, obwohl keine Wolke am Himmel dahinzog. Und die Sonne selber hing als schmutziggelber Ball irgendwo da oben und strahlte keine Wärme aus. Trotzdem war es drückend schwül, viel zu warm für die Jahreszeit. Alle Vögel waren verstummt und Waltrude hatte große Schwärme von ihnen gesehen, die die Berge verließen.

Die Hütte des Zwerglings stand abgelegen auf einer Wiese in einem weit vorgezogenen Ausläufer der Drummel-Drachen-Berge. Das Zwergendorf Drachenfurt lag hinter einem Bergrücken. Waltrude besuchte dort ab und an ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Zu ihrer Hütte aber verirrten sich weder Drummel-Drachen noch Trolle. Trotzdem konnte man von der Wiese vor ihrem Haus die höchsten Berge dieses Gebirges sehen, da das Gebirgsmassiv einen riesigen Bogen machte und man einen wunderbaren Blick über die Riesengras-Ebene der Elfen und den dunklen Wald im Umstrittenen Land beiderseits des Ewigen Stroms bis hin zu der anderen Seite hatte, wo der gewaltige Höhenzug der Drummel-Drachen-Berge wirklich fast bis zum Himmel hinaufwuchs. Dort oben, in den Regionen des ewigen Eises, wohnten die eigensinnigen Drummel-Drachen. An Tagen mit besonders gutem Wetter konnte man die riesigen Drachen fliegen sehen, als kleine, schwarze Punkte. Heute jedoch nicht. Weder war das Wetter gut, noch, so dachte Waltrude, würden die Drummel-Drachen heute fliegen. Es sangen ja nicht einmal die wenigen Vögel, die in den Bergen geblieben waren. Im Laufe des Tages hatte sie sogar mehrfach Rehe, Hirsche und verschiedene wilde Laufdrachen gesehen, die über die große Lichtung vor ihrem Haus trabten und bergab strebten. Gerade so, als wollten sie es den Vögeln gleich tun und die Berge verlassen.

Waltrude verstand das. Sie wäre den Tieren am liebsten gefolgt, so unwohl fühlte sie sich. Es war ihr, als würde jeden Moment irgendetwas passieren, etwas wirklich Schlimmes. Sie kannte dieses Gefühl aus ihrer Kindheit. Immer wenn sie etwas ausgefressen hatte und auf das unausweichliche Donnerwetter ihrer Eltern wartete, war dieses Gefühl da gewesen. Nun hatte sie aber seit vielen Jahren nichts mehr ausgefressen und ihre Eltern weilten längst in den Steinernen Hallen der Vorväter. Sie begriff das nicht. Was war heute nur los? Und wo zum dreimal gerösteten Krabbelkäfer blieb der „Herr Magier“?

Besorgt stand Waltrude mit in die Hüften gestemmten Fäusten an der Tür und ließ ihren Blick über die große Wiese vor dem Haus schweifen. Die fernen Höhenzüge mit den Drummel-Drachen waren für sie nicht so interessant. Viel lieber ließ sie ihren Blick zum Himmelshaken gleiten, einem der eindrucksvollsten Berge. Sein Gipfel glich der schräg aufgesetzten und oben geknickten Mütze eines Zwerges. Das ewige Eis auf seinem Gipfel gleißte und glänzte an freundlichen Tagen in der Sonne, dass es eine Freude war. Gleich einer gewaltigen Kralle schien er an Unwettertagen die Wolken aufzureißen, auf dass sie ihre nasse Last über den Bergen ausschütteten. Ein gewaltiger Gletscher, der von den Zwergen nur ‚die Kalte Zunge‘ genannt wurde, schob seine Eismassen weit in das Tal. Bandath hatte ihr erzählt, dass der Himmelshaken einer der höchsten Berge des Gebirges sei und mit Sicherheit der höchste, der sich in unmittelbarer Nähe befand. Nun stand ihre Hütte nicht direkt am Hang des Berges, aber die zwei ‚kleinen Hügel‘, wie Waltrude die zwischen ihnen und dem Himmelshaken gelegenen Berge nannte, zählten für die Zwergin nicht wirklich. Leider zeigte sich heute auch ihr Lieblingsberg nur trüb mit einem eher grauen als weißen Gipfel.

Bandath kam am späten Nachmittag. Waltrude hatte längst die angebrannte Suppe weggeschüttet und die Küche gereinigt (drei Mal sogar), als der Magier mit seinen großen Halblingsfüßen in den Flur trat – in den frisch gewischten Flur! Er murmelte verdrießlich etwas von Dwego, der ihn nicht bis hierher hatte bringen wollen und knallte schlecht gelaunt die Tür seines Zimmers hinter sich zu. Waltrude stand sprachlos in der Küchentür und kratzte sich ihr haariges Kinn. Na, das würde ja noch ein schöner Tag werden heute, bei der Laune, die der „Herr Magier“ hatte.

Erst gegen Sonnenuntergang öffnete sich die Tür zu Bandaths Reich wieder und der Zwergling fragte knurrig nach Abendbrot.

„Hör mal, Herr Magier. Ich warte den ganzen Tag mit einem hervorragenden Essen auf dich und du lässt mich hier sitzen! Kommst erst irgendwann an, ohne Erklärung und jetzt stehst du da und willst das Abendbrot.“ Fassungslos schüttelte Waltrude den Kopf. „Was sind das nur für Zeiten. So etwas hätte es früher nicht gegeben!“

„Ja, früher“, knurrte Bandath. „Früher war sogar die Zukunft besser! Kann ich was dafür, dass dieser verflixte Laufdrache nur widerwillig hier heraufgekommen ist? Du hättest ihn mal sehen sollen, Waltrude. So kenne ich ihn gar nicht. Stockt und bockt in einem fort, bis ich zum Schluss abgestiegen bin und die letzten Meilen zu Fuß lief. Und das nach der letzten Nacht.“ Als sei damit alles erklärt, verdrehte Bandath genervt die Augen. „Bekomme ich jetzt Abendbrot oder nicht?“

Mit den Worten „In einer halben Stunde“ verschwand Waltrude vor sich hin brummend in der Küche.

Auch Bandath fühlte sich nicht wohl. Zuerst der Ärger mit den Elfen und die Information über die beiden Kopfgeldjäger, dann die Widerspenstigkeit von Dwego. So hatte dieser noch nie reagiert. Es war ihm vorgekommen, als hätte sein Laufdrachen Angst gehabt, das Gebirge zu betreten. Dieser Himmel mit seinem fast schon grauen Blau, die kraftlose Sonne und die fliehenden Tiere ließen die Spannung von Stunde zu Stunde steigen, gerade so, als würde sich irgendetwas Wichtiges ankündigen, etwas Großes und Gewaltiges.

Der Zwergling stand in der Tür seines Hauses und blickte nachdenklich nach draußen. Trotz seiner unablässigen Suche in den alten Büchern und Dokumenten in seinem Arbeitszimmer, hatte er seit seiner Rückkehr keinen Hinweis auf solch ein Wetterphänomen gefunden. Mittlerweile war der Wind zu einem sachten Flüstern geworden und erstarb dann ganz. Es schien, als ob die ganze Welt einen Augenblick stehen blieb, wie ein gigantisches Atemholen. Und dann, aus dem Nichts heraus, kam der erste Schlag, wie von einem unvorstellbar großen Hammer, der von unten gegen die Erdkruste schmetterte. Die ganze Lichtung hüpfte hoch und sackte danach wieder herab. Bandath wurde zu Boden geschleudert, im Haus klirrte und schepperte es, Waltrude schrie erschrocken, dann war wieder Ruhe. Bandath sprang auf und rannte in die Küche zu seiner Haushälterin. Die saß inmitten von Scherben und verstreuten Nahrungsmitteln auf dem Boden der Küche und sah ihn mit großen Augen an. „Herr Magier! Was hast du jetzt wieder angestellt?“

„Nichts! Los komm, wir müssen hier raus!“

„Aber wieso? Was soll …“

„Keine Zeit, Waltrude!“ Er packte die füllige Zwergendame am Handgelenk, zerrte sie unsanft hoch und zog die Zeternde hinter sich her über den Flur zur Haustür.

„Aber, Herr Magier, ich muss die Küche aufräumen, wie das aussieht …“

„Später, Waltrude! Später!“

Bandath wusste plötzlich, was los war. Und er ahnte auch, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten, denn es war noch gar nicht richtig losgegangen. Dass er da nicht eher drauf gekommen war …

Der zweite Schlag riss sie nur wenige Schritte vor dem Haus von den Beinen. Waltrude schwieg sofort. Bandath zerrte sie danach erneut hoch und entfernte sich noch weiter von seinem Haus, dann blieb er stehen, im sicheren Abstand zu seinem Haus und allen umstehenden Bäumen des Waldes. Erneut schien ein tiefes Einatmen durch das Gebirge zu gehen.

„Herr Magier, was ist das?“, flüsterte Waltrude ängstlich.

„Bleib ganz ruhig. Das ist nur ein kleines Erdbeben. Uns kann hier nichts weiter passieren.“ Er spielte seiner Haushälterin eine Sicherheit vor, die er selbst nicht besaß. Über Erdbeben hier im Gebirge hatte er sogar in den ältesten vorhandenen Aufzeichnungen nichts gelesen. Und die reichten bis zu den großen Drummel-Drachen-Kriegen zurück, vor immerhin 4.000 Jahren. Aber in der Magierfeste gab es Berichte über Erdbeben. In einem der dicken Wälzer der Bibliothek stand etwas über einstürzende Häuser und umfallende Bäume. Gut, das zumindest konnte ihnen hier nicht gefährlich werden. Aber in dem Buch stand auch was von Lawinen und plötzlich aufklaffenden Erdspalten. Und wie sollten sie sich davor schützen?

Der dritte Erdstoß kündigte sich durch ein tiefes, unterirdisches Rumpeln an, das zu einem gewaltigen Grollen wurde. Und dann schwankte die Erde, wie es sich Bandath nie hätte vorstellen können. Er sah Wellen über die Lichtung laufen, als wären sie auf einem See. Erneut riss es die Beiden von den Beinen. Im Fallen gewahrte der Zwergling, wie ein Teil des Daches seines Hauses einstürzte. Die Küche …, dachte er. Der Erdboden sprang ihm förmlich von unten entgegen und schleuderte ihm Dreck und Steine ins Gesicht. An die restliche Zeit erinnerte er sich nur, weil er krampfhaft versuchte, sich an der unter ihm wie wild hüpfenden Erde festzuklammern. Wieder und wieder schleuderten ihn Wellen in die Luft. Unsanft knallte er danach jedes Mal auf den Boden. Waltrude sagte hinterher, sie hätte den Eindruck gehabt, auf einem wild gewordenen Drummel-Drachen zu reiten. Der Lärm war ohrenbetäubend. Krachend zerriss in den unterirdischen Tiefen der Fels und die gemarterte Erde schrie förmlich auf. Es gab einen letzten Schlag, den gewaltigsten von allen. Die Erde erzitterte, als wolle sie all die kleinen Krabbler, die auf ihrer Oberfläche herumkrochen, abschütteln.

Dann war es zu Ende, so schnell und plötzlich, wie es begonnen hatte. Keiner von ihnen konnte hinterher sagen, wie lange das Beben gedauert hatte, ihnen war es wie Stunden vorgekommen. Bandath und Waltrude blieben noch minutenlang keuchend im Dreck der aufgewühlten Wiese liegen. Erst als sie den ersten Vogel singen hörten, ein einsames, noch zögerndes Liedchen, wussten sie, dass es vorbei war und richteten sich langsam auf. Noch immer klopfte ihnen das Herz weit oben im Hals. Waltrude stieß einen Schreckensschrei aus, als sie einen wohl fünf Fuß breiten Graben auf der vorher unberührten Wiese gewahrte, der im Zickzack zwischen ihnen und der Hütte entlang lief.

„Der hätte uns glatt verschlucken können!“ Dann folgte ein weiterer Schreckensschrei. Sie hatte das eingestürzte Dach der Hütte entdeckt. „Die Balken über der Küche sind eingebrochen. O weh, du hast mir das Leben gerettet, Herr Magier. Jetzt muss ich dir auch noch dankbar sein!“

Bandath betrachtete den Waldrand. Bäume waren umgestürzt und blockierten den Pfad, der zum Zwergendorf führte. Hinter dem Berg stieg Rauch auf. Im Zwergendorf Drachenfurt, das drei Wegstunden entfernt lag, musste Feuer ausgebrochen sein.

„Wir müssen ins Dorf, Waltrude. Wahrscheinlich brauchen sie unsere Hilfe.“

Seine Haushälterin jedoch reagierte nicht. Mit starrem Blick fixierte sie die Gipfel der Drummel-Drachen-Berge, wo noch eine Stunde zuvor die eisbedeckten Hänge des Himmelshakens in der Sonne geglänzt hatten.

„Beim dreimal gerösteten Krabbelkäfer“, hauchte sie. „Herr Magier, sieh dir das an!“

Die charakteristische Bergspitze war verschwunden. Der gesamte obere Teil des Himmelshakens fehlte und an seiner Stelle klaffte ein gigantischer Krater, aus dem Rauch quoll. Dicke, schwarze Schwaden stiegen nach oben und vermischten sich mit einer monströsen Staubwolke, die weit über dem Berg in der Luft zu schweben schien. Blitze zuckten in der Wolke und von fern dröhnte leiser Donner zu ihnen. Als würde der Krater aufstoßen, wurden plötzlich, begleitet von einem fernen Grummeln, glühende Gesteinsklumpen in die Luft geschossen. Sie flogen in hohem Bogen aus dem feurigen Schlund, verschwanden im Qualm, tauchten wieder auf und donnerten irgendwo am Hang des Berges auf die Erde. Rauch von Feuer stieg auf. Wahrscheinlich setzten die glühenden Steine die Wälder in Brand. Der Boden unter Bandath und Waltrude zitterte als leises Echo dessen, was dort oben geschah. Am Kraterrand zeigte sich so etwas wie eine rote Zunge, die immer länger wurde und an der Bergflanke herabfloss – glühendes Gestein. Als die Lava den Gletscher erreichte, verwandelten sich Schnee und Eis explosionsartig in Wasserdampf, der in großen Schwaden aufstieg und den Blick auf die Magmazunge verbarg. Nur wenig später erreichte der ferne Widerhall des explosionsartig verdampfenden Gletschers die beiden Beobachter, die wie gelähmt auf der Wiese standen und das grausige Naturschauspiel verfolgten.

Der Himmelshaken wurde in eine Wolke aus Staub, Wasserdampf und schwarzem Rauch gehüllt, als schäme sich die Natur dieses grausigen Schauspieles und wolle es verbergen. Entsetzt betrachtete Bandath die Zerstörung. Was, zum rülpsenden Drummel-Drachen, hatte das Gebirge aus seinem ewigen Schlaf gerissen?

„Herr Magier, was ist das?“ Waltrudes Augen waren angstgeweitet. Noch immer glich ihre Stimme dem leisen Flüstern des Windes, wenn er über die Wiese strich.

„Ein Vulkan, Waltrude. In unserer unmittelbaren Nähe ist ein Vulkan ausgebrochen!“

Verwirrt sah sie den Zwergling an. „Ein Wolkenkahn? Was ist ein Wolkenkahn?“

„Ein Vulkan ist ein Loch im Gebirge. Es reicht bis zu den tiefsten, feurigen Wurzeln der Berge, dahin, wo das Herz der Erde liegt und die Steine flüssig sind.“

„Flüssige Steine? Bei der fetten Wollspinne, die ich letzte Woche erschlagen habe, jemand muss diesen Wolkenhahn zustopfen.“

Bandath schüttelte den Kopf. „Das wird wohl nicht gehen.“ Er erhob sich und klopfte sich den Dreck von seinen Sachen.

„Komm, Waltrude, wir müssen nach Drachenfurt. Die werden dort jede Hilfe brauchen.“

Das brachte Waltrude auf die Beine. Im Dorf lebten ihre Töchter und Schwiegersöhne, ihre Enkel und Urenkel. Mit einer Geschwindigkeit, die Bandath der fülligen Zwergendame nicht zugetraut hätte, umging sie den Graben und stiefelte zur Hütte.

„Halt, halt!“, rief Bandath und versuchte sie vergeblich festzuhalten. „Da kannst du nicht rein. Wenn das restliche Dach runterkommt, hab ich dich umsonst gerettet.“

„Umsonst ist nichts im Leben, Herr Magier, merk dir das. Und wenn du denkst, dass ich jetzt vor Dankbarkeit zerfließe, bloß weil du mich aus dem Haus gerettet hast, dann hast du dich aber getäuscht. Der dicke Wolkenzahn da oben hat einen Haufen Unheil angerichtet. Wahrscheinlich haben nicht alle im Dorf so ein Glück gehabt wie wir. Ich brauche mein Verbandszeug, wenn wir helfen wollen.“

Mit diesen Worten zwängte sie sich durch die jetzt leicht schräg stehende Haustür und polterte in ihr Zimmer. Bandath folgte ihr, argwöhnisch die Decke begutachtend. Er murmelte einen Spruch, der das Holz im Haus stärkte. Es knirschte im Gebälk und feiner Staub rieselte herab. Der Zwergling ließ Waltrude in ihrem Zimmer wühlen und eilte an der zertrümmerten Küche vorbei in sein Arbeitszimmer. Hier schien das Dach heil geblieben zu sein. Das beruhigte ihn, denn er hatte so eine Ahnung, dass er nicht sofort zum Reparieren des Hauses kommen würde. Und wenn es dann in sein Zimmer regnete und die umgestürzten Bücherstapel nass würden, wäre das ein nicht wieder gut zu machender Schaden. Es gab kaum etwas, was Bandath mehr schätzte als gute, alte Bücher. Gutes Essen vielleicht und ab und an einen ordentlichen Schluck Bier. So wie die Sache jedoch aussah, konnte er getrost mit der Reparatur des Küchendaches warten. Schnell schnappte er sich seinen Schultersack, stopfte diverse Dinge hinein, von denen er glaubte, sie in der nächsten Zeit zu brauchen, legte sich seinen Umhang über und ging zu Waltrude. Auch sie hatte inzwischen eine lederne Tasche randvoll mit Utensilien gepackt.

„Nimm einen Umhang mit, Waltrude, mit Kapuze.“

„Warum, Herr Magier? Wir haben Frühling. Ein leichter Regen wird mir nichts tun.“

„Das mag schon sein. Bald aber wird es stark regnen. Und der Regen wird die Asche und den Dreck mitbringen, die jetzt noch oben in der Luft sind.“

„Dieser elende Wolkentran!“, schimpfte die Zwergin. Sie schimpfte noch, als sie das Haus verließen und sie schimpfte weiter, als sie sich auf den Weg in das Dorf machten. Doch nicht lange, dann schwieg sie. Sie war alt und dick, das sagte sie jedenfalls immer von sich, und sie brauchte die Luft zum laufen. Also beendete sie ihre Lieblingsbeschäftigung und schnaufte wie ein lungenkranker Drummel-Drache vor Bandath her.

Zwar lagen ab und an ein paar Bäume über dem Pfad, aber im Großen und Ganzen kamen sie besser vorwärts, als Bandath befürchtet hatte. Der Weg war schmal und führte zuerst steil bergan, um sich in der zweiten Hälfte genau so steil wieder bergab zu schlängeln. Sie folgten ihm um den Berg herum und kamen so in das Nachbartal, ein ganzes Stück näher an den Himmelshaken heran. Mehrmals mussten sie über die Stämme umgestürzter Baumriesen klettern, einmal sogar durch eine Baumkrone, Waltrude immer vorne weg. Bandath hatte häufig mit seiner tonlosen Pfeife nach Dwego gepfiffen, aber der Laufdrache tauchte nicht auf. Allmählich machte sich der Zwergling Sorgen um ihn. Kurz bevor sie Drachenfurt erreichten, setzte der erwartete Regen ein. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und es herrschte fast vollständige Finsternis im Wald. Bandath entzündete eine Wanderflamme, die vor ihnen auf dem Weg entlang hüpfte. Der Regen brachte, wie Bandath es prophezeit hatte, schmierigen Ruß aus der Luft mit. Die riesige Wolke über dem Himmelshaken musste sich weit ausgebreitet haben. Schon seit Stunden roch die Luft nach Qualm und Schwefel. Das Zeug jedoch, das jetzt vom Himmel fiel, machte den Weg glitschig und verdreckte ihre Umhänge. Es dauerte nicht lange und der Weg war mit einer fingerdicken, schmierigen Schicht Ruß bedeckt. Sie rutschten mehrmals aus. Ihre Umhänge saugten sich voll und wurden schwer und hinderlich. Waltrude begann wieder zu schimpfen. Sie schien also immer noch genug Luft zu bekommen.

„Wie ich es hasse, wenn du Recht hast, Herr Magier. Wir sehen bestimmt aus wie Waldunholde. Hoffentlich steinigen uns die Drachenfurter nicht, wenn wir ins Dorf kommen.“

„Ich denke, die haben genug andere Sorgen, als auf zwei so traurige Gestalten wie uns zu achten.“

Nur wenig später kamen sie um die letzte Kurve. Vor ihnen öffnete sich der Blick auf das Dorf. Erschrocken blieben sie stehen.

„Du hattest schon wieder Recht, Herr Magier.“

Das gesamte Dorf wurde von einigen Feuern und etlichen Fackeln beleuchtet. Der größte Teil der Häuser war eingestürzt, einige von ihnen waren nur noch traurig qualmende Ruinen. Fleißige Hände hatten große Planen zwischen die Trümmer gespannt, unter denen sich die Zwerge drängten. Husten, das Weinen von Kindern und das Klagen von Frauen waren zu hören. Zwischen den Ruinen liefen Zwerge mit Fackeln, wälzten Balken weg und holten noch immer Verschüttete unter den Trümmern hervor. Bandath sah nicht ein einziges heiles Haus mehr in Drachenfurt.

„Bei der ekligen Schwanzspitze deines Laufdrachen, Herr Magier, die hat es wirklich schlimm erwischt. Dieser verfluchte Wolkenzahn. Komm schnell.“ Jetzt überholte Waltrude sogar die Wanderflamme.

Bei der ersten Ruine wurden sie angesprochen. Ein Zwerg mit erhobener Fackel trat auf den Weg.

„Wer da?“

„Ich bin es, Theodil Holznagel. Beim ranzigen Bier deines Vaters, erkennst du mich nicht?“, wetterte Waltrude los. „Wo sind meine Kinder?“

Theodil Holznagel, der Zimmermann des Dorfes, ließ die Fackel sinken.

„Sie sind alle unter der Plane, bei der Ruine, die gestern noch unsere Ratshalle war, Waltrude. Es sind alle am Leben, deine Enkel und Urenkel auch. Mira hat sich den Arm gebrochen und Handil das Bein, ansonsten haben sie nur Kratzer und Schürfwunden davon getragen. Sie hatten mehr Glück als so manch anderer.“

Waltrude rauschte davon und Bandath blieb mit Theodil allein.

„Gelobt seien die Vorväter, Bandath, dass ihr beide kommt. Waltrudes Heilkünste und deine Magie mag so manch einen von uns retten, der die Nacht ansonsten nicht überleben würde.“

„Wie sieht es aus?“ Nichts war geblieben von Bandaths Frohsinn.

Theodil schnaubte wütend. „Sieh dir Drachenfurt an. Kein Haus steht mehr. Es hat Tote gegeben, bisher haben wir acht gefunden. Wir vermissen noch weitere zehn Leute, die hier irgendwo unter den Trümmern liegen müssen. Vielleicht kannst du zuerst bei der Suche helfen.“ Der Zimmermann klang unendlich müde.

Bandath nickte. „Wo soll ich anfangen?“

Theodil wies mit der Fackel zu einem Trümmerhaufen in der Nähe. „Dort drüben, beim Haus des Tuchmachers …“, er stockte, „… bei der Ruine seines Hauses. Wir suchen noch seinen Sohn.“

Wieder nickte Bandath und machte sich auf den Weg.

„Magier!“

Der Zwergling blieb stehen und drehte sich um. „Ja?“

„Es ist schön, dass ihr es überlebt habt.“

Es regnete die ganze Nacht, schwarz und schmierig. Der Gipfel des Himmelshakens schimmerte durch das Unwetter wie eine giftige Fackel. Blitze zuckten um den Krater und die feurigen Geschosse leuchteten unheimlich, wenn sie durch die Luft flogen. Düster glomm die Lava, die sich unbeirrt einen Weg durch den Gletscher talabwärts fraß.

Bandath regte an, die Brunnen abzudecken, damit sie nicht mit dem Auswurf des Vulkans verunreinigt würden. Sauberes Wasser war sehr wichtig und kostbar geworden. Mit Hilfe einer Findeformel gelang es dem Magier im Laufe der Nacht, alle noch vermissten Zwerge aufzuspüren. Sein Bindezauber hielt Balken und Bretter, während andere Zwerge sich in die Trümmer gruben und die Gefundenen hervorzogen. Leider kam bei zwei von ihnen jede Hilfe zu spät. Aber acht Zwerge konnten, wenn auch verletzt, gerettet werden. Als die Morgendämmerung anbrach, befreite die Gruppe, der sich Bandath angeschlossen hatte, den letzten Vermissten aus den Trümmern seines Hauses. Erschöpft versammelten sie sich unter einer Plane. Die Frauen hatten Feuer entzündet und kochten Suppe aus Zutaten, die sie aus den Ruinen geborgen hatten. Auch Bandath erhielt eine Schüssel heißer Fleischbrühe. Das tat gut nach dieser Nacht. Vorsichtig schlürfend löffelte er.

Waltrude hatte einen Trupp unverletzter Frauen um sich gescharrt und führte zusammen mit der Frau des Schmiedes das Kommando. Sie verbanden Verletzungen, schienten gebrochene Knochen, trösteten, nahmen Weinende in den Arm und sprachen auch mal ein barsches Wort, wenn sich jemand der Verzweiflung überlassen wollte.

„Was soll nun werden, Magier?“ Einer der Zwerge blickte Bandath an, als erwarte er von ihm die alles erklärende Antwort. Auf jeden Fall aber wollte er Hoffnung haben. Bandath sah den Zwerg an, blickte in die Runde müder, grauer Gesichter, die dumpf vor sich hin brüteten, zu erschöpft um sich zu unterhalten. Sein Blick wanderte zum Gipfel des Himmelshakens. Grau umwölkt stieß er immer noch Qualm und brennende Geschosse aus. Die feurige Zunge hatte sich durch den Gletscher hindurch gearbeitet und bewegte sich jetzt langsam auf die ausgedehnten Wälder am Hang des Himmelshakens zu. Bandath dachte daran, wie gerne er in diesen Wäldern spazieren gegangen war, begleitet vom Gesang der Blütenfeen. Wie die kleinen Flatterlinge wohl die Katastrophe überstanden hatten? Er hoffte, dass sie sich hatten retten können. Auf jeden Fall waren ihre Wälder in Gefahr. Die Lavazunge würde nicht vor den Bäumen halt machen. Große Rauchwolken zogen an den Hängen des Berges aufwärts. Dort brannte der Wald bereits, entzündet durch die feurigen Steine, die seit dem gestrigen Abend ständig aus dem Krater geflogen kamen.

„Magier!“, drängte der Zwerg, Bandath kannte ihn kaum. Wie hieß er nur? „Wird dieser Feuerberg wieder verlöschen? Und was, wenn nicht? Siehst du diesen Glutstrom, der sich abwärts wälzt? Er fließt genau in unser Tal. Was, wenn er Drachenfurt verschlingt?“

Bandath zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Thordred Weißbuche.“ Plötzlich war ihm der Name des Zwerges wieder eingefallen. „Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, ich werde mir Rat und Hilfe holen müssen.“

Der Zwergling erhob sich und drückte den schmerzenden Rücken durch. Ja, er wusste jetzt, was er tun musste. Der Weise Romanoth Tharothil würde Rat wissen. Sie mussten wohl zusammen das Orakel befragen. Er war das Oberhaupt der Magierfeste Go-Ran-Goh, sein alter Lehrer.

Er würde ihm sagen können, was zu tun sei. Auch wenn Bandath das nicht behagte. Die Magier saßen dort in ihrer Feste, weitab vom Leben der Länder rings umher. Manchmal, so der Eindruck des Zwerglings, wäre es besser, wenn sie sich ab und zu auf Reisen begeben würden, um das wirkliche Leben wieder kennen zu lernen.

Bandath hatte seit seiner Ausbildung eine Abneigung gegen den Ring der Magier. Es war nicht so, dass sie ihm etwas getan hatten, im Gegenteil. Als er während seiner Lehrzeit Ärger auf der Magierfeste hatte, wurde er von einem Teil der Lehrer in Schutz genommen. Er wusste aber, dass alle seine Art zu leben missbilligten. Ihrer Ansicht nach, hätte er sich wie jeder „normale“ Magier eine feste und stabile Existenz aufbauen sollen, einen guten Ruf, der der Magierfeste Ehre machte und ein gut gehendes Geschäft. Und sie wollten, dass Bandath die Magierfeste unterstützte, bei allem, was von ihr ausging. Sie verstanden nicht, dass Bandath gerade das nicht wollte. Ihm gefiel sein Leben, so wie es war. Ein klein wenig Aufregung hier und dort, ein paar Geschäfte am Rande der Legalität, ab und an den Elfen oder den Trollen eines auswischen. Und wenn er wollte, dann zog er sich für Monate in seine Hütte zurück, ließ sich von Waltrude bekochen, lauschte ihrem Gemecker, genoss bei einer guten Pfeife den Ausblick auf die Drummel-Drachen-Berge und las in einem seiner alten Bücher, die er sich ständig irgendwo und irgendwie besorgte.

Natürlich kam er, wenn Drachenfurt Hilfe brauchte. Das hatte er immer getan. Es war immerhin sein Dorf. Schließlich war er auch mit einem Teil der Zwerge hier verwandt, kam doch sein Vater aus dieser Siedlung. Theodil Holznagel zum Beispiel war ein Cousin siebenten Grades. Und dass sie jetzt Hilfe benötigten, war offensichtlich.

Bandaths Blick wanderte – zum wievielten Mal in den letzten Stunden? – zum abgesprengten Gipfel des Himmelshakens. Gab es vielleicht die Möglichkeit, Drachenfurt und seine Bewohner vor der Gefahr, die von dem Vulkan ausging, zu retten? Um diese Frage zu beantworten, musste er, so schwer es ihm auch fiel, zur Magierfeste Go-Ran-Goh. Nur dort konnte er das Orakel befragen, und nur das Orakel würde ihm auf diese Frage antworten können.

Es behagte ihm überhaupt nicht. Andererseits waren die wichtigsten Arbeiten, bei denen er helfen konnte, erst einmal erledigt. Die Reparatur der Häuser oder, was viel schlimmer wäre, die Evakuierung des Dorfes, konnten die Zwerge allein bewerkstelligen. Er bildete sich nicht ein, für solche Aufgaben unabkömmlich zu sein.

Plötzlich ertönten Rufe vom Rand des Dorfes und unterbrachen seine Gedankengänge. Da war jemand gekommen. Sollte Hilfe so schnell eintreffen?

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