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Die Diamantene Kutsche – Fandorin ermittelt

Boris Akunin

Die Diamantene Kutsche

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

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Inhaltsübersicht

Der Libellenfänger

KAMI-NO-KU

NAKA-NO-KU

SIMO-NO-KU

Zwischen den Zeilen

Der Flug des Schmetterlings

Der alte Kuruma

Die Augen eines Helden

Der blaue Würfel verachtet den Dachs

Der blaue Würfel liebt den Gaijin

Die Flagge der Großmacht

Eine abschüssige Kopfsteinpflasterstraße

Ein kerngesunder Toter

Funken auf der Klinge des Katana

Die gläsernen Augen des Hermelins

Der silberne Schuh

Der erste Sonnenstrahl

Das Herz der Mamushi

Neujahrsschnee

Ein dampfender Schimmel

Das letzte Lächeln

Vorzeitiger Pflaumenregen

Der Stern Sirius

Pferdemist

Der Tiger ist frei

Irisduft

Der Ruf der Liebe

Die Gartenpforte

Die Kunst des Jojutsu

Klatschen mit einer Hand

Akazienblüten

Ein Häppchen Glück

2: 18

Schuppen von den Augen

Ein Wort ist ein Wort

Herbstblatt

Irrsinniges Glück

Kitzel

Kopf ab

Das Foto der Ehefrau

Don-don

Kopfweh

Eine leise Stimme

Buntschillernde Libellenflügel

Der blaue Stern

Die Bruyérepfeife

Der Händedruck

Der tote Baum

Glühende Kohlen

Der Tod des Feindes

Die Liebe der Maulwürfe

Die nächtliche Verschmelzung der Welt

Verschütteter Sake

Das große Feuer

Er gab keine Antwort

Der Postbote

Ein echter Akunin

Also sprach Tamba

P.S. Brief, geschrieben und verbrannt vom Arrestanten »Akrobat« am 27. Mai 1905

ERSTES BUCH

Der Libellenfänger

Rußland 1905

KAMI-NO-KU

Erste Silbe,
welche in gewisser Beziehung
zum Fernen Osten steht

An jenem Tag, als die schreckliche Zerschlagung der russischen Flotte vor der Insel Tsushima zu Ende ging und die ersten dumpfen, alarmierenden Nachrichten von diesem blutigen Triumph der Japaner nach Europa drangen, an diesem Tag erhielt Stabskapitän Rybnikow, der in einer namenlosen Gasse in Peski lebte, folgendes Telegramm aus Irkutsk: »Blätter unverzüglich abschicken, Patienten beobachten, Ausgaben begleichen.«

Stabskapitän Rybnikow verkündete seiner Quartierherrin umgehend, dienstliche Angelegenheiten beriefen ihn für ein, zwei Tage aus Petersburg ab, sie solle sich also wegen seiner Abwesenheit keine Sorgen machen. Dann zog er sich an, verließ das Haus und kehrte nie wieder dorthin zurück.

Der Tag verlief für Wassili Alexandrowitsch Rybnikow zunächst auf die gewohnte Weise, also furchtbar hektisch. Nachdem er mit einer Droschke bis zum Stadtzentrum gefahren war, ging er ausschließlich zu Fuß weiter und besuchte trotz seines Humpelns (der Stabskapitän zog das rechte Bein merklich nach) unglaublich viele Orte.

Er begann mit der Kommandantenverwaltung, wo er einen Schreiber aus der Transportbuchhaltung aufsuchte und ihm mit feierlicher Miene einen vor drei Tagen geliehenen Rubel zurückzahlte. Dann ging er zum Simeonowskaja-Platz, in die Hauptverwaltung der Kosakentruppen, um sich nach seinem Gesuch zu erkundigen, das er bereits vor zwei Monaten eingereicht hatte und das in den Instanzen versackt war. Von dort begab er sich in die Militäreisenbahnverwaltung – er bewarb sich seit langem um die Stelle eines Archivars in der dortigen Abteilung für technische Zeichnungen. Außerdem wurde seine kleine, hektische Gestalt an diesem Tag in der Verwaltung des Generalinspekteurs der Artillerie in der Sacharewskaja gesehen, in der Reparaturverwaltung in der Morskaja und sogar im Verwundeten-Komitee in der Kirotschnaja (Rybnikow bemühte sich schon lange vergeblich um die behördliche Bestätigung seiner bei Laoyang erlittenen Kopfverletzung).

Überall ließ sich der flinke Stabskapitän kurz sehen. Die Angestellten nickten dem alten Bekannten flüchtig zu und vertieften sich mit betontem Eifer wieder in ihre Papiere und dienstlichen Gespräche. Sie wußten aus Erfahrung, daß der Stabskapitän jedem, den er einmal am Wickel hatte, den letzten Nerv raubte.

Ausschau haltend nach einem Opfer, wendete Rybnikow den Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar hin und her und schniefte mit seiner pflaumenförmigen Nase. Hatte er eines ausgewählt, setzte er sich mitten auf dessen Tisch, wippte mit dem Fuß im abgetragenen Stiefel, schwenkte die Arme und schwatzte munter drauflos: über den baldigen Sieg über die japanischen Affen, über seine militärischen Heldentaten, über das teure Leben in der Hauptstadt. Zum Teufel schicken konnte man ihn nicht – er war immerhin Offizier, in der Schlacht bei Mukden verwundet. Man bewirtete Rybnikow mit Tee, bot ihm Papirossy an, antwortete auf seine unsinnigen Fragen und schickte ihn rasch weiter in die nächste Abteilung, wo sich das Ganze wiederholte.

In der dritten Nachmittagsstunde blickte der Stabskapitän, der wegen einer Versorgungsangelegenheit im Kontor des Sankt Petersburger Arsenals vorbeigeschaut hatte, plötzlich auf seine Armbanduhr mit dem glänzenden, beinahe spiegelnden Glas (die Geschichte dieses Chronometers, das er von einem gefangenen japanischen Marquis geschenkt bekommen haben wollte, hatte er jedem schon hundertmal erzählt) und war auf einmal furchtbar in Eile. Er zwinkerte mit seinem gelbbraunen Auge und sagte zu den beiden Expedienten, die von seinem Geschwätz vollkommen zermürbt waren: »Na, da haben wir uns ja schön verplaudert. Aber nun muß ich leider gehen. Entre nous, ein Rendezvous mit einer schönen Dame. Tobende Leidenschaft und so weiter. Wie die Japaner sagen, man muß das Eisen ssmieden, solange es heiß ist.«

Er lachte dröhnend und verabschiedete sich.

»Komischer Kauz«, sagte seufzend der erste Expedient, ein blutjunger Hilfsfähnrich. »Aber selbst der hat eine gefunden.«

»Er lügt, er will sich nur interessant machen«, beruhigte ihn der zweite, der denselben Dienstgrad besaß, jedoch wesentlich älter war. »Wer läßt sich schon mit so einem Marlbrouk1 ein.«

 

Der lebenserfahrene Expedient hatte recht. In der Wohnung in der Nadeshdinskaja, wohin Rybnikow sich vom Litejny-Prospekt auf langen Umwegen über Durchgangshöfe begab, erwartete ihn keine schöne Dame, sondern ein junger Mann in einem gesprenkelten Jackett.

»Wieso haben Sie so lange gebraucht?« rief der junge Mann nervös, nachdem er auf das verabredete Klopfzeichen hin (zweimal, dann dreimal, dann wieder zweimal) geöffnet hatte. »Sie sind Rybnikow, ja? Ich warte seit vierzig Minuten auf Sie!«

»Ich mußte ein paar Haken schlagen. Mir schien irgendwie …«, antwortete Wassili Alexandrowitsch, wobei er durch die winzige Wohnung lief und sogar in die Toilette und hinter die Tür des Hintereingangs schaute. »Haben Sie es mitgebracht? Geben Sie her.«

»Hier, aus Paris. Ich hatte Anordnung, nicht gleich nach Petersburg zu fahren, sondern erst nach Moskau, um …«

»Ich weiß«, schnitt ihm der Stabskapitän das Wort ab und nahm zwei Kuverts entgegen – ein dickeres und ein ganz dünnes.

»An der Grenze hatte ich keinerlei Probleme, geradezu erstaunlich. Meinen Koffer haben sie sich nicht einmal angesehen, geschweige denn abgeklopft. In Moskau allerdings wurde ich merkwürdig empfangen. Dieser Drossel war ziemlich unfreundlich«, berichtete der Gesprenkelte, der sich offenbar gern mitteilen wollte. »Ich riskiere schließlich meinen Kopf und habe also Anspruch darauf …«

»Leben Sie wohl«, unterbrach ihn Wassili Alexandrowitsch erneut, nachdem er sich die beiden Kuverts nicht nur genau angesehen, sondern obendrein ihre Kanten gründlich abgetastet hatte. »Verlassen Sie die Wohnung nicht gleich nach mir. Warte Sie noch mindestens eine Stunde, bevor Sie gehen.«

Der Stabskapitän trat aus dem Haus, drehte den Kopf nach links und rechts, zündete sich eine Papirossa an und lief in seinem gewohnten Gang – humpelnd, aber erstaunlich flink – die Straße entlang. Eine elektrische Straßenbahn ratterte vorbei. Rybnikow wechselte unvermittelt vom Trottoir auf die Fahrbahn, fiel in Trab und sprang gewandt auf die Plattform.

»Aber Euer Wohlgeboren« – der Schaffner schüttelte tadelnd den Kopf –, »Sie benehmen sich ja wie ein Lausebengel. Sie hätten stürzen können … Mit Ihrem kranken Bein.«

»Halb so schlimm«, erwiderte Rybnikow munter. »Wie sagt der russische Soldat? Kreuz an die Brust oder Kopf in den Busch. Und wenn ich sterben würde, das wäre kein Unglück. Ich bin Vollwaise, mir weint keiner nach … Nein, nein, Bruder«, lehnte er eine Fahrkarte ab, »ich fahr nur kurz mit.« Tatsächlich sprang er schon im nächsten Augenblick wieder ab.

Er wich einer Droschke aus, tauchte unter der Schnauze eines Autos hindurch, das daraufhin hysterisch hupte, und humpelte flink in eine Gasse.

Hier war es vollkommen menschenleer – keine Kutschen, keine Passanten. Der Stabskapitän öffnete beide Kuverts. Er warf einen raschen Blick in das dickere, registrierte eine höfliche Anrede und schnurgerade Reihen akkurat gezeichneter Hieroglyphen, las sie jedoch nicht gleich, sondern steckte das Kuvert in die Tasche. Dafür fand der zweite Brief, der in energischer Schnellschrift geschrieben war, die ganze Aufmerksamkeit des Fußgängers.

Der Brief lautete wie folgt:

 

Mein lieber Sohn!

Ich bin zufrieden mit dir, aber die Zeit ist reif für den entscheidenden Schlag – diesmal nicht gegen das russische Hinterland, auch nicht gegen die russische Armee, sondern gegen Rußland selbst. Unsere Truppen haben alles getan, was sie konnten, doch sie sind ausgeblutet, und unsere Industrie ist am Ende. Die ZEIT ist leider nicht auf unserer Seite. Du mußt dafür sorgen, daß die ZEIT nicht weiter ein Verbündeter der Russen bleibt. Der Thron des Zaren muß wanken, damit ihm der Sinn nicht mehr nach Krieg steht. Unser Freund Oberst A. hat die gesamte Vorarbeit geleistet. Deine Aufgabe ist es, die von ihm abgesandte Fracht nach Moskau weiterzuleiten, an den dir bekannten Adressaten. Treib ihn ein wenig an. Länger als drei, vier Monate können wir uns nicht halten.

Und noch eins. Dringend erforderlich sind ernsthafte Unterbrechungen des Eisenbahnverkehrs, um die Versorgung der Armee von Linewitsch zu behindern. Auf diese Weise können wir die unvermeidliche Katastrophe hinauszögern. Du schreibst, du hättest schon darüber nachgedacht und einige Ideen entwickelt. Wende sie an, die Zeit ist reif.

Ich weiß, daß ich von dir fast Unmögliches verlange. Aber man hat dich ja gelehrt: Das fast Unmögliche ist möglich.

Mutter läßt ausrichten, daß sie für dich betet.

 

Nachdem Rybnikow den Brief gelesen hatte, zeigte sein breitknochiges Gesicht keinerlei Emotionen. Er riß ein Streichholz an, hielt es an Brief und Kuvert, warf beides zu Boden und verrieb die Asche mit dem Absatz. Dann ging er weiter.

Das zweite Schreiben kam von Oberst Akashi, dem Militärattaché in Europa, und bestand nahezu vollständig aus Zahlen und Daten. Der Stabskapitän überflog es nur kurz – er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

Er verbrannte auch dieses Blatt und schaute auf die Uhr, die er sich dazu dicht vor die Nase hielt.

Dabei erlebte Rybnikow eine unangenehme Überraschung. Im Spiegelglas seines japanischen Chronometers erblickte er einen Mann mit Melone und Spazierstock. Dieser Herr hockte auf dem Trottoir und suchte es ab – genau an der Stelle, wo der Stabskapitän soeben den Brief seines Vaters verbrannt hatte.

Der Brief war kein Problem, er war restlos verbrannt, etwas anderes beunruhigte Rybnikow. Er hatte schon mehrfach in sein raffiniertes Uhrglas geschaut und dabei nie jemanden hinter sich entdeckt. Woher also kam dieser Mann plötzlich?

Rybnikow lief weiter, als sei nichts geschehen, und sah nun häufiger als zuvor auf die Uhr. Doch wieder war niemand hinter ihm. Die schwarzen Brauen des Stabskapitäns legten sich besorgt in Falten. Das Verschwinden des neugierigen Herrn verunsicherte ihn noch mehr als dessen Auftauchen.

Gähnend bog Rybnikow in einen Torweg ein, von wo er in einen menschenleeren gepflasterten Hof gelangte. Er warf einen Blick auf die Fenster (sie waren leblos, unbewohnt), hörte plötzlich auf zu humpeln und rannte zum Bretterzaun, der den Hof vom Nachbargrundstück trennte. Er war sehr hoch, doch Rybnikow legte eine sagenhafte Geschmeidigkeit an den Tag – er sprang fast einen Sashen2 hoch, klammerte sich am Zaun fest und zog sich hoch. Er hätte mühelos auf die andere Seite springen können, beschränkte sich jedoch darauf, hinüberzuschauen.

Der Nachbarhof war bewohnt – auf dem mit Kreide bemalten Asphalt hüpfte ein dürres Mädchen auf einem Bein. Ein anderes, kleineres, stand daneben und sah zu.

Rybnikow kletterte nicht hinüber. Er sprang hinunter, rannte zurück zum Torweg, knöpfte seine Hose auf und pinkelte.

Bei dieser intimen Verrichtung traf ihn der Mann mit der Melone und dem Spazierstock an, der im Trab in den Torweg gerannt kam.

Er blieb wie angewurzelt stehen und erstarrte.

Rybnikow war verlegen.

»Pardon, es war sehr dringend«, sagte er, schüttelte sich ab und gestikulierte dabei mit der anderen Hand. »Typisch russische Schweinerei, viel zu wenig öffentliche Latrinen. In Japan, heißt es, gibt es auf Schritt und Tritt Aborte. Deshalb können wir die verfluchten Affen auch nicht schlagen.«

Der eilige Herr blickte mißtrauisch, doch als er sah, daß der Stabskapitän lächelte, zog er seine Lippen unter dem dichten Schnurrbart ebenfalls ein wenig auseinander.

»Ein Samurai, wissen Sie, wie der kämpft?« schwadronierte Rybnikow weiter, während er sich die Hose zuknöpfte und näher kam. »Unsere Soldaten scheißen den Schützengraben bis obenhin voll, der Samurai dagegen, der schlitzäugige Affe, der frißt nichts als Reis und hat natürlich Verstopfung. So muß er eine ganze Woche nicht auf die Latrine. Aber wenn er abgelöst wird und ins Hinterland kommt, dann sitzt er zwei Tage lang auf dem Klo.«

Sehr zufrieden mit seinem Witz, brach der Stabskapitän in kreischendes Gelächter aus, wobei er den anderen, als wollte er ihn einladen, seine Heiterkeit zu teilen, mit dem Finger leicht in die Seite stieß.

Der Schnurrbärtige lachte nicht mit, er gluckste nur eigenartig, griff sich an die linke Brust und sackte zu Boden.

»Mamotschki«, sagte er mit überraschend dünner Stimme. Und noch einmal, ganz leise: »Mamotschki …«

»Was ist mit Ihnen?« fragte Rybnikow erschrocken und sah sich um. »Das Herz? Ach, was für ein Unglück! Moment, ich hole einen Arzt! Augenblick!«

Er rannte in die Gasse hinaus, dort aber hatte er es plötzlich nicht mehr eilig.

Seine Miene war nun ganz konzentriert. Der Stabskapitän wippte auf den Absätzen, überlegte und schlug dann den Weg zurück in Richtung Nadeshdinskaja ein.

Zweite Silbe,
in welcher zwei irdische Jammertäler
enden

Jewstrati Pawlowitsch Mylnikow, oberster Agentenchef der Geheimpolizei, zeichnete Hammer und Sichel in ein Medaillon, zu beiden Seiten zwei Bienen, oben eine Schirmmütze und unten, auf das Band, das lateinische Motto: »studia et labora«3. Er neigte den fast kahlen Kopf und bewunderte seine Schöpfung.

Das Wappen der Mylnikows hatte der Hofrat selbst entworfen, und sein tiefer Sinn lautete: Ich dränge nicht in den Adel, ich schäme mich nicht, daß ich aus dem Volk stamme. Vater war ein einfacher Schmied (Hammer), Großvater Landmann (Sichel), doch durch Fleiß (Bienen) und Dienst am Staate (Schirmmütze) bin ich hoch aufgestiegen, wie es meinen Verdiensten entspricht.

Den Erbadel hatte Jewstrati Pawlowitsch bereits im Vorjahr erhalten, zusammen mit dem Wladimirorden dritter Stufe, doch die Wappenkammer zögerte die Bestätigung des Wappens immer wieder hinaus, hatte stets etwas auszusetzen. Hammer, Sichel und Bienen fanden Zustimmung, die Schirmmütze aber erregte Anstoß – sie habe zu große Ähnlichkeit mit der Krone, die nur Personen mit Adelstitel zustand.

In letzter Zeit war es Mylnikow zur Gewohnheit geworden, beim Nachdenken das liebgewonnene Emblem zu zeichnen. Anfangs wollten ihm die Bienen nicht gelingen, doch mit der Zeit wurden sie richtig gut – eine Augenweide! Auch jetzt malte er eifrig die schwarzen Streifen auf dem Bauch der fleißigen Immen, wobei er immer wieder auf den Stapel neben seinem linken Ellbogen blickte. Das Dokument, das den Hofrat in Nachdenklichkeit gestürzt hatte, war überschrieben: »Protokoll der Beobachtung des ehrenwerten Bürgers Andron Semjonow Komarowski (Tarnname ›Nervöser‹) in St. Petersburg am 15. Mai 1905.« Die Person, die sich Komarowski nannte (es gab gewichtige Gründe zu vermuten, daß der Paß gefälscht war), war ihnen von der Moskauer Geheimpolizei zur Überwachung möglicher Kontakte und Verbindungen übergeben worden.

Und nun dies!

 

Das Objekt wurde von einem Agenten des Moskauer Fliegenden Trupps um 7 Uhr 25 Min. am Bahnhof übernommen. Die Begleitung (Agent Gnatjuk) meldete, der Nervöse habe unterwegs mit niemandem gesprochen und das Coupé nur zum Zwecke der Notdurftverrichtung verlassen.

Nach Übernahme des Objekts wurde dieses mit zwei Droschken bis zum Bunting-Haus in der Nadeshdinskaja-Straße verfolgt. Dort begab sich der Nervöse in den dritten Stock, in die Wohnung Nummer sieben, und kam nicht wieder heraus. Mieter der Wohnung ist ein gewisser Zwilling, Einwohner von Helsingfors, der jedoch höchst selten auftaucht (das letztemal, laut Aussage des Portiers, zu Beginn des Winters).

Um 12 Uhr 38 Min. rief das Objekt per Telefon den Portier zu sich. Als Portier getarnt, ging Agent Maximenko zu ihm. Der Nervöse gab ihm einen Rubel und trug ihm auf, ein Brötchen, Wurst und zwei Flaschen Bier zu kaufen. In der Wohnung war außer ihm niemand.

Um 3 Uhr 15 Min. betrat ein Offizier das Haus, dem der Tarnname »Kalmücke« gegeben wurde. (Stabskapitän, Kragenspiegel der Intendantenverwaltung, humpelt auf einem Bein, von kleinem Wuchs, breite Backenknochen und schwarzes Haar).

Er ging in die Wohnung sieben, kam jedoch nach vier Minuten wieder herunter und lief in Richtung Bassejnaja-Straße. Agent Maximenko wurde auf ihn angesetzt.

Der Nervöse verließ das Haus nicht. Um 3 Uhr 31 Min. trat er ans Fenster, schaute in den Hof und trat zurück ins Zimmer.

Maximenko ist bis jetzt nicht zurück.

Ich übergebe die Überwachung (8 Uhr abends) an Oberagent Sjablikow.

Oberagent Smurow.

 

Eigentlich kurz und klar.

Kurz schon, aber klar mitnichten.

Vor anderthalb Stunden war bei Mylnikow, der gerade oben zitierten Bericht erhalten hatte, ein Anruf vom Polizeirevier in der Bassejnaja eingegangen. Man teilte ihm mit, auf dem Hof eines Hauses in der Mitawski-Gasse sei ein Toter gefunden worden, und zwar mit einem Ausweis auf den Namen des Agenten Wassili Maximenko. Keine zehn Minuten später war der Hofrat bereits an Ort und Stelle und überzeugte sich selbst: Ja, es war Maximenko. Es gab keinerlei Spuren eines gewaltsamen Todes, auch keine Spuren eines Kampfes oder sonstiger äußerer Einwirkung an seiner Kleidung. Karl Stepanytsch, ein erfahrener medizinischer Sachverständiger erklärte ohne jede Obduktion sofort: Allem Anschein nach Herzstillstand.

Nun, Mylnikow trauerte ein wenig, vergoß sogar ein paar Tränen um den alten Kameraden, mit dem er zehn Jahre lang Schulter an Schulter gearbeitet hatte. Übrigens hatte er sich auch den Wladimir-Orden, dem ein neues Adelsgeschlecht seine Entstehung verdankte, nicht ohne Maximenkos Beteiligung erworben.

Im Mai vorigen Jahres war vom Konsulat in Hongkong die geheime Meldung eingegangen, daß vier Japaner, als Kaufleute getarnt, in Richtung Suezkanal unterwegs seien, genauer gesagt, in die Stadt Aden. Allerdings seien sie keineswegs Kaufleute, sondern Marineoffiziere: Zwei Minenleger und zwei Taucher. Sie wollten die Route der Kreuzer des Schwarzmeer-Geschwaders in den Fernen Osten verminen.

Mylnikow fuhr mit sechs der besten Agenten, echten Bluthunden (darunter auch der verstorbene Maximenko) nach Aden, wo sie auf dem Markt betrunkene Matrosen mimten und eine Messerstecherei inszenierten, bei der sie die Japaner töteten; anschließend versenkten sie deren Gepäck in der Bucht. Die Kreuzer hatten freie Fahrt. Zwar wurden sie von den verfluchten Makakis dann trotzdem zerschmettert, aber das stand sozusagen auf einem anderen Blatt.

Einen solchen Mitarbeiter hatte der Hofrat also verloren. Und das nicht einmal im Kampf, sondern durch Herzstillstand.

Mylnikow erteilte Anweisungen, was mit den sterblichen Überresten geschehen sollte, kehrte zurück in die Fontanka, las den Bericht über den Nervösen noch einmal und verspürte plötzlich eine gewisse Unruhe. Er schickte Ljonka Sjablikow, einen äußerst fähigen Burschen, in die Nadeshdinskaja, die Wohnung Nummer sieben überprüfen.

Und richtig: Das Gefühl hatte den alten Spürhund nicht getrogen.

Vor zehn Minuten hatte Sjablikow angerufen. So und so, er habe sich als Klempner verkleidet, an der Tür geklopft und geklingelt – keine Antwort. Da habe er die Tür mit einem Dietrich geöffnet. Der Nervöse baumelte am Strick, am Fenster, in der Fensternische. Offensichtlich Selbstmord: Keinerlei blaue Flecke oder Würgemale, auf dem Tisch Papier und Bleistift – als habe er einen Abschiedsbrief schreiben wollen, es sich aber anders überlegt.

Mylnikow hörte sich den hastigen Bericht des Agenten an, befahl ihm, auf das Eintreffen der Experten zu warten, setzte sich an den Schreibtisch und zeichnete sein Wappen – um einen klaren Kopf zu bekommen und um seine Nerven zu beruhigen.

Um die Nerven des Hofrats war es in letzter Zeit übel bestellt. Im medizinischen Befund hieß es: »Allgemeine Neurasthenie durch Überlastung; Herzbeutelerweiterung; aufgeschwemmte Lungen und teilweise Beschädigung des Rückenmarks, die möglicherweise zur Lähmung führen kann.« Lähmung! Für alles im Leben muß man zahlen, meist mehr, als man denkt.

Nun hatte er einen Erbadelstitel, leitete eine hochwichtige Abteilung, hatte sechstausend Rubel Gehalt, ja obendrein noch dreißigtausend nichtabrechnungspflichtige Rubel zur freien Verfügung – der Traum eines jeden Beamten! Aber die Gesundheit war hin, und was sollte ihm nun alles Gold der Welt? Allnächtlich plagte ihn Schlaflosigkeit, und wenn er doch einschlief, war es noch schlimmer: böse Träume, arge, teuflische Träume. Er erwachte zähneklappernd, in kalten Schweiß gebadet. In jeder Ecke schien es unheilvoll zu rascheln, er vernahm ein Kichern, undeutlich, aber voller Hohn, oder ein plötzliches Heulen. In seinem sechsten Lebensjahrzehnt schlief Mylnikow, der Schrecken aller Terroristen und ausländischen Spione, nur noch bei brennender Öllampe. Aus Frömmigkeit und um das Dunkel aus den Ecken zu vertreiben. Das rauhe Leben hatte den Graukopf zermürbt.

Voriges Jahr hatte er in Ruhestand gehen wollen – Geld war zum Glück genug da, ein Haus hatte er sich auch bereits gekauft, in einer schönen, pilzreichen Gegend am Finnischen Meerbusen. Doch dann kam der Krieg, und der Chef der Sonderabteilung, der Direktor des Departements und der Minister selbst hatten ihn gebeten: Enttäuschen Sie uns nicht, Jewstrati Pawlowitsch, lassen Sie uns in schwerer Zeit nicht im Stich. Wie konnte er da nein sagen?

Der Hofrat zwang seine Gedanken, zum Wesentlichen zurückzukehren. Er zupfte an seinem langen Kosakenschnurrbart, dann zeichnete er zwei Kreise, dazwischen eine Wellenlinie und darüber ein Fragezeichen.

Zwei Fakten, jeder für sich mehr oder weniger klar.

Also, Wassili Maximenko war gestorben, sein Herz, geschwächt durch den schweren Dienst, hatte versagt. Das kam vor.

Der ehrenwerte Bürger Komarowski, weiß der Teufel, wer er war (die Moskauer hatten ihn vorgestern bei einem konspirativen Treffen von Sozialrevolutionären erwischt), hatte sich erhängt. Auch so etwas kam vor, namentlich bei neurasthenischen Revolutionären.

Doch daß zwei Existenzen, die irgendwie miteinander zusammenhingen, zwei irdische Jammertäler, die sich sozusagen überschnitten, plötzlich gleichzeitig abbrachen? Das war sehr merkwürdig. Was ein »Jammertal« war, davon hatte Mylnikow nur eine verschwommene Ahnung, aber das Wort gefiel ihm – er stellte sich oft vor, wie er durch dieses Jammertal des Lebens schritt, es war schmal und verschlungen, eingezwängt zwischen steile Felsen.

Wer war dieser Kalmücke? Warum war er bei dem Nervösen gewesen – weil er etwas von ihm wollte oder nur aus Versehen (er war ja nur vier Minuten geblieben)? Und was hatte Maximenko in den verlassenen Hof getrieben?

Nein, dieser Kalmücke gefiel Mylnikow ganz und gar nicht. Dieser Stabskapitän war der reinste Todesengel (der Hofrat bekreuzigte sich): Er verließ den einen, und der erhängte sich stracks; ein anderer folgte ihm und krepierte wie ein Hund in einem stinkenden Hof.

Mylnikow versuchte, ein schlitzäugiges Kalmückengesicht neben das Wappen zu zeichnen, aber es gelang ihm nicht – darin hatte er keine Übung.

Ach, Kalmücke, Kalmücke, wo bist du jetzt?

 

Stabskapitän Rybnikow, dem die Agenten diesen treffenden Namen verpaßt hatten (sein Gesicht hatte tatsächlich etwas kalmückenhaftes), verbrachte den Abend dieses aufregenden Tages in noch größerer Hektik und Unruhe.

Nach dem Vorfall in der Mitawski-Gasse war er zum Telegrafenamt gelaufen und hatte zwei Depeschen abgeschickt: eine an die Station Kolpino an der Moskauer Bahnstrecke, eine nach Irkutsk, wobei er sich mit dem Angestellten wegen der Tarife stritt – er war empört, daß man für ein Telegramm nach Irkutsk zehn Kopeken pro Wort verlangte. Der Angestellte erklärte ihm, telegrafische Sendungen in den asiatischen Teil des Imperiums würden nach doppeltem Tarif berechnet, und zeigte ihm sogar die Preistafel, doch der Stabskapitän wollte nichts davon hören.

»Was heißt hier Asien?« brüllte Rybnikow und blickte sich empört um. »Haben Sie gehört, wie er von Irkutsk spricht? Dabei ist das eine großartige Stadt, wahrhaft europäisch! Jawohl! Sie waren nie dort, darum reden Sie so, ich aber habe dort gedient, drei unvergeßliche Jahre! Nein, Herrschaften, das ist Raub am hellichten Tag!«

Nachdem Rybnikow derart getobt hatte, stellte er sich in die Schlange am internationalen Schalter und schickte ein Telegramm nach Paris, und zwar ein dringendes, also für ganze 30 Kopeken pro Wort, doch diesmal blieb er still und empörte sich nicht.

Dann humpelte der unermüdliche Stabskapitän zum Nikolajewski-Bahnhof, wo er gerade zum Neun-Uhr-Kurierzug zurecht kam.

Er wollte eine Fahrkarte zweiter Klasse kaufen – doch es gab keine mehr.

»Nun, das ist nicht meine Schuld«, verkündete Rybnikow der Schlange mit sichtlichem Vergnügen. »Dann muß ich eben mit der Dritten vorliebnehmen, auch wenn ich Offizier bin. Eine wichtige Staatsangelegenheit, ich muß unbedingt fahren. Hier sind sechs Rubel, geben Sie mir bitte eine Fahrkarte.«

»Für die Dritte gibt es erst recht keine mehr«, antwortete der Mann hinterm Schalter. »Nur noch für die Erste, für fünfzehn Rubel.«

»Für wieviel?« rief Rybnikow. »Für wen halten Sie mich, für den Sohn von Rothschild? Ich bin, wenn Sie es genau wissen wollen, eine arme Waise!«

Man erklärte ihm, die Plätze reichten eben nicht, die Zahl der Personenzüge nach Moskau sei wegen der Militärtransporte reduziert worden. Und auch dieser Platz in der ersten Klasse sei nur zufällig frei geworden, vor zwei Minuten. Eine Dame habe ein Abteil für sich allein haben wollen, das aber verbiete eine Anordnung des Eisenbahnchefs, deshalb habe sie ihre zweite Fahrkarte zurückgeben müssen.

»Also was nun, nehmen Sie sie oder nicht?« fragte der Mann am Schalter ungeduldig.

Klagend und schimpfend kaufte der Stabskapitän die horrend teure Fahrkarte, verlangte aber ein »Papier mit Stempel«, daß keine billigeren Fahrkarten mehr vorhanden gewesen seien. Die Beamten wimmelten ihn mit einiger Mühe ab und schickten ihn wegen des »Papiers« zum diensthabenden Bahnhofsvorsteher, doch statt sich zu ihm zu begeben, verschwand der Stabskapitän in der Gepäckaufbewahrung.

Er holte einen billigen Koffer ab und eine lange, schmale Röhre, in der man meist technische Zeichnungen transportiert.

Dann war es auch schon Zeit, auf den Bahnsteig zu gehen – die Abfahrtsglocke läutete gerade zum erstenmal.

Dritte Silbe,
in welcher Rybnikow
das Klosett besucht

Im Erster-Klasse-Coupé saß eine Reisende – vermutlich diejenige, der die Eisenbahnvorschriften verwehrt hatten, allein zu reisen.

Der Stabskapitän grüßte mürrisch, noch verstimmt wegen der fünfzehn Rubel. Er würdigte seine Begleiterin kaum eines Blickes, obwohl die Dame gut aussah, ja, mehr als das, sie war außerordentlich schön: eine zartes, pastellfarbenes Gesicht, riesige feuchte Augen unter einem hauchzarten Schleier, ein perlmuttern schimmerndes elegantes Reisekostüm.

Die schöne Unbekannte zeigte gleichfalls keinerlei Interesse. Auf Rybnikows »Guten Tag« nickte sie kühl, warf einen einzigen Blick auf das Durchschnittsgesicht ihres Reisegefährten, sein sackartiges Militärjackett und seine braunen Stiefel und wandte sich zum Fenster.

Die Abfahrtsglocke läutete zum zweitenmal.

Die feingeschnittenen Nüstern der Reisenden erbebten, ihre Lippen flüsterten: »Ach, nur rasch, rasch!« – doch dieser Ausruf war eindeutig nicht an ihren Abteilgefährten gerichtet.

Durch den Gang eilten trappelnd Zeitungsjungen – einer mit der respektablen »Wetschernaja Rossija«, einer mit dem Boulevardblatt »Russkoje Wetsche«. Beide schrien aus vollem Hals, bemüht, einander zu übertönen.

»Traurige Nachrichten über das Drama im Japanischen Meer!« röhrte der erste. »Russische Flotte in Brand gesteckt und versenkt!«

Der zweite brüllte: »Erste Gefallenenlisten! Viele geliebte Namen! Das ganze Land in Tränen!«

»Gräfin N. im Evakostüm aus der Kutsche gesetzt! Räuber wußten von unterm Kleid versteckten Juwelen!«

Der Stabskapitän kaufte eine »Wetschernaja Rossija« mit großem Trauerrand, die Dame eine »Russische Wetsche«, doch zum Lesen kamen sie vorerst nicht.

Die Tür wurde aufgerissen, und ein riesiger Rosenstrauß, der kaum durch die Tür paßte, platzte herein und erfüllte das ganze Coupé sogleich mit öligem Duft.

Über den Blüten prangte ein schöner Männerkopf mit gepflegtem spanischem Spitzbart und eingedrehtem Schnauzer. An der Krawatte des Mannes funkelte eine brillantbesetzte Nadel.

»Wer ist das?« brüllte der Eingetretene mit einem Blick auf Rybnikow und zog drohend die schwarzen Brauen hoch, beruhigte sich aber augenblicklich, nachdem er den unscheinbaren Stabskapitän gemustert hatte, und beachtete ihn nicht weiter.

»Lika!« rief er, fiel auf die Knie und warf der Dame den Rosenstrauß zu Füßen. »Ich liebe nur dich von ganzem Herzen! Verzeih mir, ich flehe dich an! Du kennst doch mein Temperament! Ich bin leicht entflammbar, ich bin doch Künstler!«

Ja, das war er offenkundig. Das Publikum genierte ihn nicht im geringsten – außer dem hinter der »Wetschernaja Rossija« verschanzten Stabskapitän verfolgten auch Zuschauer aus dem Gang die spannende Szene, angelockt vom betäubenden Rosenduft und dem tönenden Lamento.

Auch die schöne Dame zeigte keine Scheu vor Publikum.

»Es ist aus, Astralow!« verkündete sie zornig, indem sie den Schleier zurückschlug und mit den Augen funkelte. »Und wage ja nicht, in Moskau aufzutauchen!« Sie stieß die flehend ausgestreckten Hände zurück. »Nein, nein, ich will nichts mehr hören!«

Darauf reagierte der Reuige höchst sonderbar. Noch immer auf den Knien, kreuzte er die Hände auf der Brust und sang mit vollem, bezauberndem Tenor: »Una furtiva lacrima negli occhi suoi spuntò …«

Die Dame erblaßte und hielt sich die Ohren zu, doch die göttliche Stimme erfüllte das ganze Coupé, ach, was heißt Coupé – der ganze Waggon war verstummt und lauschte.

Donizettis betörende Melodie wurde unterbrochen vom dritten, anhaltenden und helltönenden Abfahrtssignal.

Der Schaffner sah zur Tür herein. »Begleitpersonen bitte sofort aussteigen, wir fahren ab. Mein Herr, es ist Zeit!« Er berührte den Arm des wundervollen Sängers.

Der bestürmte Rybnikow: »Überlassen Sie mir Ihre Fahrkarte! Ich zahle Ihnen hundert Rubel dafür! Sie retten damit ein gebrochenes Herz! Fünfhundert!«

»Wagen Sie nicht, ihm die Fahrkarte zu überlassen!« schrie die Dame.

»Ich kann nicht«, antwortete der Stabskapitän dem Künstler fest. »So gern ich es würde, aber ich reise in einer unaufschiebbaren Staatsangelegenheit.«

Der Schaffner zog den tränenüberströmten Astralow in den Gang hinaus.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Vom Bahnsteig erklang ein verzweifelter Ruf: »Lika! Ich werde Hand an mich legen! Verzeih mir!«

»Niemals!« rief die nunmehr errötete Reisende hinaus und schleuderte den prächtigen Rosenstrauß aus dem Fenster, wobei der ganze Tisch mit Blütenblättern übersät wurde.

Ermattet sank sie in den samtenen Sitz zurück, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte.

»Sie sind ein edler Mann«, sagte sie. »Sie haben auf das Geld verzichtet! Ich bin Ihnen ja so dankbar! Ich wäre aus dem Fenster gesprungen, Ehrenwort!«

Rybnikow knurrte: »Fünfhundert Rubel sind sehr viel Geld. Ich verdiene kein Drittel davon, nicht einmal mit Spesen und Kostgeld. Aber der Dienst … Die Obrigkeit duldet keine Verspätungen …«

»Fünfhundert Rubel wollte er zahlen, der Gaukler!« Die Dame hörte ihm gar nicht zu. »Sich vor Publikum großtun! Aber im Alltag ist er kleinlich, ein Ökonom« – dieses Wort sprach sie mit grenzenloser Verachtung aus, sie hörte sogar auf zu schluchzen. »Er lebt keineswegs seinen Mitteln entsprechend!«

Erstaunt über den logischen Widerspruch in dieser Aussage, fragte Rybnikow: »Verzeihung, das verstehe ich nicht. Ist er nun sparsam oder lebt er über seine Mittel?«

»Seine Mittel sind enorm, aber er lebt nicht danach!« erklärte die Reisegefährtin, die nun nicht mehr weinte, sondern in einem kleinen Spiegel besorgt ihre leicht gerötete Nase betrachtete. Sie fuhr mit der Puderquaste darüber und schob sich eine goldene Haarsträhne aus der Stirn. »Letztes Jahr hat er hunderttausend bekommen, aber wir haben kaum die Hälfte davon verbraucht. Er legt alles zurück, ›für schlechte Zeiten‹!«

Nun hatte sie sich endgültig beruhigt, blickte ihren Reisegefährten an und stellte sich förmlich vor: Glikerija Romanowna Lidina.«

Auch der Stabskapitän nannte seinen Namen.

»Sehr angenehm.« Die Dame lächelte. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, da Sie nun einmal Zeuge dieser abscheulichen Szene geworden sind. George liebt solche Spektakel, besonders vor Publikum!«

»Ist er wirklich Künstler?«

Glikerija klapperte erstaunt mit den beinahe einen Zoll langen Wimpern.

»Wie? Sie kennen Astralow nicht? Den Tenor Astralow-Lidin? Sein Name steht an allen Anschlagsäulen!«

»Ich gehe nicht ins Theater.« Rybnikow zuckte gleichgültig die Achseln. »Keine Zeit für die Oper, wissen Sie. Auch gestatten meine Mittel das nicht. Mein Gehalt ist miserabel, die Verwundetenzulage wird verzögert, und das Leben in Petersburg ist teuer. Die Droschkenkutscher verlangen für jede noch so lächerliche Fahrt siebzig Kopeken …«

Die Lidina hörte ihm nicht zu, sah ihn nicht einmal mehr an.

»Wir sind seit zwei Jahren verheiratet!« sagte sie, als wende sie sich nicht an ihren prosaischen Reisegefährten, sondern an würdigere, mitfühlend lauschende Zuhörer. »Ach, wie war ich in ihn verliebt! Jetzt weiß ich, nicht er hat mich betört, sondern seine Stimme. Was für eine Stimme! Sobald er singt, schmelze ich dahin, und er kann mich um den Finger wickeln. Und das weiß er, der Schuft! Sie haben ja erlebt, wie er eben gesungen hat, der gemeine Manipulator! Gut, daß das Abfahrtssignal dazwischenkam, mir wurde schon ganz schwindlig!«

»Ein gutaussehender Herr«, sagte der Stabskapitän gähnend. »Bestimmt kein Kostverächter. Deshalb auch das Drama, oder?«

»Man hat mir schon früher davon berichtet!« Glikerija funkelte mit den Augen. »In der Theaterwelt gibt es genug wohlmeinende Menschen. Aber ich habe es nicht geglaubt. Doch nun habe ich es mit eigenen Augen gesehen! Und wo? In meinem eigenen Salon! Und mit wem? Mit der alten Kokotte Koturnowa! Ich setze keinen Fuß mehr in diese besudelte Wohnung! Und auch nicht nach Petersburg!«

»Sie ziehen also nach Moskau«, resümierte der Stabskapitän. Sein Ton verriet, daß er es kaum erwarten konnte, dieses sinnlose Gespräch zu beenden und sich in seine Zeitung zu vertiefen.

»Ja, wir haben auch eine Wohnung in Moskau, in der Ostoshenka. George geht manchmal für den Winter ein Engagement am Bolschoi-Theater ein.«

An dieser Stelle verkroch sich Rybnikow doch hinter seine »Wetschernaja Rossija«, und die Dame verstummte notgedrungen. Sie schlug nervös die »Russkoje Wetsche« auf, überflog einen Artikel auf der ersten Seite, schleuderte die Zeitung beiseite und murmelte: »Mein Gott, wie geschmacklos! Ohne Kleider auf die Straße – entsetzlich! Wirklich ganz und gar ohne Kleider? Wer mag das sein, ›Gräfin N.‹? Vika Olsufjewa? Nelli Woronzowa? Ach, unwichtig!«

Draußen zogen Sommerhäuser vorbei, kleine Wälder und öde Gemüsegärten. Der Stabskapitän raschelte eifrig mit der Zeitung.

Die Lidina seufzte einmal und noch einmal. Das Schweigen fiel ihr schwer.

»Was lesen Sie denn da so interessiert?« fragte sie schließlich.

»Hier, die Liste der Offiziere, die für Zar und Vaterland in der Seeschlacht vor der Insel Tsushima gefallen sind. Gemeldet von den europäischen Nachrichtenagenturen, aus japanischen Quellen. Sozusagen Annalen der Trauer. Die Fortsetzung soll in den nächsten Nummern folgen. Ich schaue nach, ob Kampfgefährten von mir darunter sind.« Rybnikow las vor, jedes Wort auskostend: »Auf dem Panzerkreuzer ›Fürst Kutusow-Smolenski‹: der Vizekommandeur des Geschwaders Konteradmiral Leontjew, der Kommandant des Schiffes, Kapitän ersten Ranges Endlung, der Schatzmeister des Geschwaders, Staatsrat Sjukin, der Erste Offizier, Kapitän zweiten Ranges von Schwalbe …«

»Ach, hören Sie auf!« Glikerija hob abwehrend die Hände. »Ich will das nicht hören! Wann ist dieser schreckliche Krieg nur endlich vorbei!«

»Bald. Der tückische Feind wird durch christlichen Kampfgeist geschlagen werden«, versprach Rybnikow, legte die Zeitung beiseite und holte ein Buch heraus, in das er sich unverzüglich und mit noch größerer Konzentration vertiefte.

Die Dame blinzelte kurzsichtig, um den Titel zu entziffern, doch das Buch war in bräunliches Papier eingeschlagen.

Plötzlich quietschten die Bremsen, und der Zug hielt.

»Kolpino?« fragte die Lidina erstaunt. »Merkwürdig, hier hält der Kurierzug sonst nie.«

Rybnikow beugte sich aus dem Fenster und fragte den Stationsvorsteher: »Warum halten wir?«

»Verzeihung, Herr Offizier, wir müssen einen Sonderzug mit dringender Militärfracht vorbeilassen.«

Da sich ihr Reisegefährte abgewandt hatte, nutzte Glikerija die Gelegenheit und befriedigte ihre Neugier: Rasch schlug sie den Buchumschlag zurück, hielt sich eine hübsche Lorgnette mit goldener Kette vor die Augen und verzog das Gesicht. Das Buch, in dem der Stabskapitän so eifrig las, hieß: »Tunnel und Brücken. Kleines Handbuch für Eisenbahner«.

Ein Telegrafist mit einem Papierstreifen in der Hand kam zum Stationsvorsteher gelaufen. Der las die Depesche, zuckte die Achseln und schwenkte seine Flagge.

»Was ist los?« fragte Rybnikow.

»Alle naselang was anderes. Ich soll abfahren lassen, ohne auf den Sonderzug zu warten.«

Der Zug fuhr an.

»Sie sind wohl Militäringenieur, ja?« erkundigte sich Glikerija.

»Wie kommen Sie darauf?«

Sie mochte nicht gestehen, daß sie den Titel des Buches gelesen hatte, bewies aber Geistesgegenwart – sie zeigte auf das längliche Lederetui.

»Na deswegen. Das ist doch für technische Zeichnungen, oder?«

»Ach so, ja.« Rybnikow senkte die Stimme. »Ein Geheimdokument. Ich bringe es nach Moskau.«

»Und ich dachte, Sie seien im Urlaub. Besuchen Ihre Familie oder Ihre Eltern.«

»Ich bin nicht verheiratet. Wie soll man mit solchem Einkommen eine Familie gründen? Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Und Eltern habe ich keine. Ich bin Vollwaise. Sozusagen eine sprichwörtliche Kasaner Waise – im Regiment hat man mir wegen meiner schrägen Augen den Spitznamen ›Tatare‹ angehängt.«

Nach dem Halt in Kolpino wurde der Stabskapitän lebhafter und gesprächiger, seine breiten Backenknochen röteten sich sogar ein wenig.

Plötzlich sah er zur Uhr und erhob sich.

»Pardon, ich gehe kurz hinaus, rauchen.«

»Rauchen Sie ruhig hier, ich bin es gewöhnt«, erlaubte Glikerija ihm gnädig. »George raucht Zigarren. Rauchte, meine ich.«

Rybnikow lächelte verwirrt.

»Bitte um Vergebung. Rauchen habe ich nur aus Taktgefühl gesagt. Ich rauche nicht, eine unnütze Ausgabe. In Wahrheit muß ich aufs Klosett, ein natürliches Bedürfnis verrichten.«

Die Dame wandte sich vornehm ab.

Das Lederetui nahm der Stabskapitän mit. Auf den indignierten Blick seiner Reisegefährtin hin erklärte er entschuldigend: »Ich darf es nicht aus den Augen lassen.«

Glikerija schaute ihm nach und murmelte: »Wie unsympathisch er doch ist.« Und wandte sich zum Fenster.

Der Stabskapitän aber lief rasch durch die zweite und dritte Klasse zum letzten Wagen und schaute auf die Bremsplattform hinaus.

Von weitem ertönte ein langgezogenes, forderndes Tuten.

Auf der Plattform standen der Oberschaffner und ein Wachgendarm.

»Was zum Teufel soll das!« sagte der erste. »Das ist bestimmt der Sonderzug. Dabei stand im Telegramm, daß er ausfällt!«

Höchstens eine halbe Werst hinter ihnen fuhr ein langer Zug mit zwei Lokomotiven. Die Lokomotiven stießen schnaubend schwarzen Rauch aus und zogen einen langen Schwanz verhüllter Waggons hinter sich her.

Es war schon spät, nach zehn Uhr abends, aber es dämmerte gerade erst – die Weißen Nächte waren nicht mehr fern.

Der Gendarm sah den Stabskapitän an und legte grüßend die Hand an die Mütze.

»Verzeihen Sie, Euer Wohlgeboren, erlauben Sie, daß ich die Tür schließe. Laut Instruktion ist der Aufenthalt hier streng verboten.«

»Recht so, Bruder«, lobte Rybnikow. »Wachsamkeit und so weiter. Ich wollte eigentlich nur eine rauchen. Aber ich gehe in den Gang. Oder aufs Klosett.«

Tatsächlich begab er sich zur Toilette, die in der dritten Klasse eng und nicht eben sauber war.

Rybnikow schloß sich ein und beugte sich aus dem Fenster.

Der Zug fuhr gerade auf eine vorsintflutliche, noch aus Kleinmichels Zeiten stammende Brücke über einen schmalen Fluß.

Rybnikow trat auf den Spüler – am Grunde des Toilettenbeckens öffnete sich ein rundes Loch, durch das man die Schwellen vorüberhuschen sah.

Der Stabskapitän drückte mit dem Finger auf einen gut getarnten Knopf an der schmalen Lederröhre und schob diese in das Loch – sie paßte so knapp hinein, daß er ein wenig nachschieben mußte.

Als das Etui im Loch verschwunden war, hielt Rybnikow rasch die Hände unter den Wasserhahn und trat in den Gang hinaus, wobei er sich das Wasser abschüttelte.

Kurz darauf war er wieder in seinem Coupé.

Die Lidina maß ihn mit einem strengen Blick – sie hatte ihm den Fauxpas mit dem »natürlichen Bedürfnis« noch nicht verziehen – und wollte sich schon abwenden, da schrie sie plötzlich auf: »Ihr geheimes Etui! Sie haben es wohl auf der Toilette vergessen?«

Rybnikows Gesicht spiegelte Mißmut, aber er kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten.

Ein gewaltiges Getöse ertönte, der Waggon schwankte.

Der Stabskapitän stürzte zum Fenster.

Auch aus den anderen Fenstern hingen Köpfe. Alle blickten zurück.

Die Strecke machte an dieser Stelle einen kleinen Bogen, und Gleise, Fluß und Brücke waren gut zu überblicken.

Genauer gesagt, das, was davon noch übrig war.

Die Brücke war exakt in der Mitte eingestürzt, und zwar genau in dem Augenblick, als der schwere Militärtransport sie passierte. Die Unglücksstelle bot ein gräßliches Bild: Eine Wasser- und Dampfsäule über den ins Wasser gestürzten Lokomotiven, aufgebäumte Güterwagen, von denen massive Stahlkonstruktionen gefallen waren, und das Schlimmste – in die Tiefe stürzende Menschen.

Glikerija, an Rybnikows Schulter gepreßt, kreischte gellend. Auch andere Passagiere schrien.

Der letzte Waggon des Militärzuges, in dem vermutlich Offiziere saßen, stand schwankend am Rand des Abgrunds, einige Männer konnten sogar noch aus dem Fenster springen, doch dann brach ein Stützpfeiler, und auch dieser Wagen stürzte ab, direkt in den Haufen verbogenen Metalls, der aus dem Wasser ragte.

»Mein Gott, mein Gott!« rief die Lidina hysterisch. »Was gaffen Sie so? Man muß doch etwas tun!«

Sie rannte in den Gang. Rybnikow zögerte einen Moment, dann folgte er ihr.

»Halten Sie den Zug an!« attackierte die exaltierte Dame den Oberschaffner, der in Richtung Zugspitze lief. »Dort sind Verwundete! Ertrinkende! Man muß sie retten!«

Sie packte ihn am Ärmel, so fest, daß der Eisenbahner stehenbleiben mußte.

»Was heißt hier retten! Wen denn retten? Das ist nur noch Brei!« Der leichenblasse Chef der Zugbrigade versuchte sich loszureißen. »Was können wir schon tun? Wir müssen zur Station, Meldung machen.«

Glikerija hörte ihm gar nicht zu, sie hämmerte mit der Faust auf seine Brust ein.

»Sie sterben, und wir fahren weg? Halten Sie an! Ich verlange es!« kreischte sie. »Ziehen Sie Ihre, wie heißt das gleich, Ihre Notbremse!«

Auf das Geschrei trat ein schwarzhaariger Herr mit eingewichstem Schnurrbart aus dem Nachbarcoupé. Als er sah, daß der Zugchef schwankte, rief er drohend: »Ich werd dir helfen, von wegen anhalten! Ich werde in Moskau äußerst dringend erwartet!«

Rybnikow faßte sanft nach dem Arm der Lidina und sagte beruhigend: »Meine Dame, bitte. Natürlich ist das ein schreckliches Unglück, aber die einzige Hilfe, die wir leisten können, ist, so schnell wie möglich zu telegrafieren, von der nächsten …«

»Ach, zum Teufel mit Ihnen allen!« rief Glikerija.

Sie stürzte zur Notbremse und zog daran.

Alle, die im Gang standen, purzelten zu Boden. Der Zug machte einen Satz und rutschte mit scheußlichem Kreischen über die Gleise. Von allen Seiten tönte Geheul und Geschrei – die Reisenden glaubten, auch ihr Zug sei verunglückt.

Als erster kam der Schwarzhaarige zu sich, der nicht hingefallen, sondern nur mit dem Kopf gegen den Türrahmen geprallt war.

Mit dem Schrei »Ich brrring dich um, du Miststück!« stürzte er sich auf die durch ihren Sturz noch ganz benommene Hysterikerin und packte sie an der Kehle.

Nach dem Feuer zu urteilen, das in Rybnikows Augen aufglomm, teilte er den blutrünstigen Wunsch des schwarzhaarigen Herrn. Doch der Blick, mit dem der Stabskapitän die gewürgte Lidina bedachte, spiegelte nicht nur Zorn, sondern auch gelindes Erstaunen.

Seufzend packte Rybnikow den unbeherrschten Schwarzhaarigen am Kragen und schleuderte ihn zur Seite.

Vierte Silbe,
in welcher sich ein freier Schütze
auf die Jagd begibt

Das Telefon klingelte um halb zwei in der Nacht. Noch ehe Fandorin den Hörer abgenommen hatte, winkte er seinem Kammerdiener, der den kurzgeschorenen Kopf zur Tür hereinstreckte, er solle ihm seine Kleider reichen. Ein Anruf um diese Zeit konnte nur aus der Verwaltung kommen, obendrein in einer äußerst dringenden Angelegenheit.

Während Fandorin der bullerigen Stimme im Hörer lauschte, runzelte er immer heftiger die schwarzen Brauen. Er nahm den Hörer in die andere Hand, damit Masa ihm den Ärmel des frisch gestärkten Hemdes überstreifen konnte, wies mit einem Kopfnicken auf die Stiefeletten – der Kammerdiener verstand und brachte sie ihm.

Fandorin stellte dem Anrufer keine einzige Frage, er sagte nur: »Gut, Leonti Karlowitsch, ich komme sofort.«

Bereits angekleidet, blieb er einen Augenblick vorm Spiegel stehen. Er kämmte sich das schwarze, graumelierte Haar (»Pfeffer und Salz«), fuhr mit einer speziellen Bürste durch die vollkommen weißen Schläfen und den akkuraten Schnurrbart, in dem noch kein einziges silbernes Haar schimmerte. Er strich sich über die Wange und verzog das Gesicht, doch zum Rasieren war keine Zeit mehr.

Er verließ das Haus.

Der Japaner saß bereits im Auto, die Reisetasche in der Hand. Das Wertvollste an Fandorins Kammerdiener war, daß er nicht nur alles schnell und exakt erledigte, sondern obendrein ohne überflüssige Worte. Herr und Diener hatten die ganze Zeit kein einziges Wort gewechselt. An der Wahl des Schuhwerks hatte Masa erkannt, daß eine weite Reise bevorstand, und sich deshalb entsprechend ausgerüstet.

Der zweizylindrige Oldtimer ließ seinen Zwanzig-PS-Motor aufheulen, brauste mit Geheul aus der Sadowaja, in der Fandorin wohnte, und rollte schon kurz darauf über die Tschernyschewski-Brücke. Vom grauen, unwirklichen Nachthimmel fiel ein träger Regen, auf der Fahrbahn glänzten Pfützen. Die wunderbaren spritzfreien Reifen der Firma Herkules glitten über den Asphalt wie über schwarzes Eis.

Zwei Minuten später bremste der Wagen bereits vor dem Haus Nummer sieben der Kolomenskaja, in dem sich die Sankt Petersburger Gendarmerie- und Polizeidirektion der Eisenbahn befand.

Fandorin lief die Stufen hinauf und nickte dem grüßenden Posten zu. Der Kammerdiener blieb im Auto sitzen und wandte sich demonstrativ ab.

Bei Ausbruch des bewaffneten Konflikts zwischen den beiden Staaten hatte Masa, der zwar russischer Staatsbürger war, aber gebürtiger Japaner, erklärt, er werde Neutralität wahren, und daran hielt er sich strikt. Er äußerte weder Bewunderung für die Heldentaten der Verteidiger von Port Arthur noch Freude über die Siege der japanischen Waffen. Vor allem aber setzte er prinzipiell keinen Fuß in Militäreinrichtungen, was zeitweise sowohl ihm wie auch seinem Herrn einige Schwierigkeiten bereitete.

Die moralischen Qualen des Kammerdieners wurden noch dadurch verschlimmert, daß er nach mehrfacher Verhaftung wegen Spionageverdachts gezwungen war, seine Nationalität zu verbergen. Fandorin hatte für seinen Diener einen befristeten Ausweis auf einen chinesischen Namen erwirkt, und nun mußte Masa, wenn er das Haus verließ, eine Perücke mit langem Zopf tragen und den unmöglichen Namen Liantschan Schanhojewitsch Tschiajunewin führen. Durch alle diese Heimsuchungen hatte der Kammerdiener den Appetit eingebüßt, war vom Fleisch gefallen und nicht mehr imstande, die Herzen der Dienstmädchen und Weißnäherinnen zu brechen, bei denen er vor dem Krieg schwindelerregenden Erfolg gehabt hatte.

Die Zeiten waren schwer, nicht nur für den falschen Liantschan Schanhojewitsch – auch für seinen Herrn.

Als japanische Minenwerfer ohne Vorwarnung das Geschwader von Port Arthur angriffen, befand sich Fandorin gerade am anderen Ende der Welt, im holländischen Westindien, wo er hochinteressante Forschungen zur Unterwassernavigation betrieb.

Anfangs hatte Fandorin nichts zu tun haben wollen mit diesem Krieg zwischen zwei Ländern, die seinem Herzen teuer waren, aber mit der wachsenden Überlegenheit Japans verlor Fandorin allmählich das Interesse an den wasserresistenten Eigenschaften des Aluminiums, ja sogar an der Suche nach der Galeone »San Felipe«, die 1708 mit ihrer Goldfracht sieben Meilen Süd-Süd-West vor der Insel Aruba gesunken war. An dem Tag, als Fandorins Tauchboot mit seiner Aluminiumnase endlich auf die aus dem Meeresboden ragenden Trümmer des spanischen Großmastes stieß, erreichte ihn die Nachricht vom Untergang des Panzerkreuzers »Petropawlowsk« mit der gesamten Mannschaft und dem Oberkommandierenden Admiral Makarow an Bord.

Am nächsten Morgen überließ Fandorin das Heben der Goldbarren seinen Partnern und reiste in die Heimat.

In Sankt Petersburg angekommen, wandte er sich an einen alten Kollegen, den er noch vom Dienst in der Dritten Abteilung her kannte, und bot seine Dienste an: Es gab bekanntlich viel zu wenig Japan-Spezialisten, und Fandorin hatte mehrere Jahre im Land der Aufgehenden Sonne verbracht.

Fandorins alter Bekannter freute sich sehr über dessen Besuch, erklärte jedoch, er würde ihn lieber für etwas anderes einsetzen wollen.

»Natürlich fehlen uns Japan-Kenner, wie auch vieles andere«, sagte der General, wobei er heftig mit den vom Schlafmangel roten Augen zwinkerte, »aber es gibt noch eine schlimmere Lücke, und zwar, mit Verlaub, an intimster Stelle. Wenn Sie wüßten, mein Lieber, in welch jammervollem Zustand unsere Spionageabwehr ist! In der kämpfenden Truppe geht es noch einigermaßen, aber im Hinterland sieht es finster aus. Die japanischen Agenten sind überall, sie handeln dreist und erfindungsreich, und wir können sie nicht fassen. Darin haben wir keine Erfahrung. Wir sind an gesittete europäische Spione gewöhnt, die unter dem Deckmantel von Botschaften oder ausländischen Firmen agieren. Die Asiaten aber brechen alle Regeln. Und was mir am meisten Sorgen macht« – der große Mann senkte die Stimme –, »das sind unsere Verkehrsverbindungen. Wenn der Krieg Tausende Werst entfernt von Betrieben und Rekrutierungspunkten geführt wird, dann hängen Sieg und Niederlage von der Eisenbahn ab, von der wichtigsten Ader des Staatsorganismus. Eine einzige Arterie verbindet Petersburg mit Port Arthur. Und die ist schwach, sie pulsiert nur matt, leidet an Thrombosen, und vor allem: Sie ist kaum geschützt. Erast Petrowitsch, mein Lieber, zwei Dinge machen mir da Sorgen: die japanische Sabotage und die russische Schlamperei. Genügend Erfahrung im operativen Dienst haben Sie ja Gott sei Dank. Außerdem haben Sie doch, wie Sie mir berichteten, in Amerika eine Ingenieurausbildung absolviert. Kümmern Sie sich darum, ja? Die Bedingungen bestimmen Sie. Wenn Sie wollen, stellen wir Sie wieder in den Staatsdienst, wenn nicht – bleiben Sie ein freier Mann. Helfen Sie mir, seien Sie mir eine Stütze.«

So war Fandorin in den Dienst der hauptstädtischen Gendarmerie- und Polizeidirektion der Eisenbahn gelangt, und zwar als »freier Mann«, also als Berater, ohne Gehalt, aber mit weitreichenden Vollmachten. Seine Aufgabe war die Ausarbeitung eines Sicherheitssystems für die Eisenbahn, seine Erprobung in einem der Direktion unterstehenden Bereich und die anschließende Einführung in sämtlichen Eisenbahn-Gendarmeriedirektionen des Landes.

Diese aufwendige Angelegenheit hatte wenig gemein mit Fandorins bisherigen Tätigkeiten, war aber auf ihre Weise faszinierend. Zur Direktion gehörten 2000 Werst Eisenbahnstrecke, Hunderte Stationen und Bahnhöfe, Brücken, Bahndämme, Depots und Werkstätten – und das alles galt es vor möglichen feindlichen Angriffen zu schützen. Während die Gendamerie des Gouvernements nur einige Dutzend Mitarbeiter hatte, waren es in der Eisenbahndirektion über tausend. Eine ganz andere Größenordnung, eine ganz andere Verantwortung. Außerdem waren die Eisenbahngendarmen laut Instruktion unabhänig von der politischen Polizei, und das war für Fandorin entscheidend. Er hatte zwar nichts übrig für die Revolutionäre, noch mehr verabscheute er jedoch die Methoden, mit denen die Geheimpolizei und die Sonderabteilung des Polizeidepartements die nihilistische Pest bekämpften. In diesem Sinne hielt Fandorin den Dienst bei der Gendarmeriedirektion der Eisenbahn für eine saubere Sache.

Fandorin wußte nicht viel über die Eisenbahn, konnte aber auch nicht als völliger Dilettant gelten. Immerhin war er diplomierter Fahrzeugingenieur und hatte vor zwanzig Jahren, während der Ermittlungen in einem ziemlich verzwickten Fall, als Praktikant getarnt, eine Weile an einer Bahnstrecke gearbeitet.

Im Laufe des vergangenen Jahres hatte der »freie Schütze« vieles erreicht. Auf allen Zügen, einschließlich Passagierzügen, fuhren nun Gendarmen als Posten mit; es war ein besonderer Wachplan zum Schutz von Brücken, Tunneln, Ausweichstellen und Signalen in Kraft; mobile Draisinebrigaden wurden gebildet usw. usf. Die in der hauptstädtischen Direktion eingeführten Neuerungen wurden rasch von den anderen Gouvernements übernommen, und bis jetzt (toi, toi, toi!) war noch kein größeres Unglück, kein einziger Sabotageakt passiert.

Wenngleich Fandorins Dienststellung etwas sonderbar war, hatten sich in der Direktion alle an ihn gewöhnt, behandelten ihn mit Respekt und nannten ihn »Herr Ingenieur«. Der Chef, Generalleutnant von Kassel, verließ sich in allem auf seinen Berater und traf keine Entscheidung ohne ihn.

Auch jetzt erwartete der Generalleutnant seinen Assistenten bereits auf der Schwelle seines Büros.

Als er den hochgewachsenen, sportlichen Ingenieur am Ende des Flurs entdeckte, stürzte er ihm entgegen.

»Nein, so etwas, gerade auf der Tesoimenitski-Brücke!« rief der General schon von weitem. »Wir haben dem Minister immer wieder geschrieben, haben gewarnt, daß die Brücke morsch und unsicher ist! Und nun macht er mir Vorwürfe und droht mir: Wenn sich erweist, daß es japanische Sabotage war, stell ich Sie vor Gericht. Wieso Sabotage, zum Teufel! Die Brücke wurde seit 1850 nicht ausgebessert! Und nun haben wir den Salat: Sie hat das Gewicht der schweren Artillerie nicht ausgehalten. Die Geschütze sind hin. Es gibt viele Tote. Und das Schlimmste: Die Verbindung nach Moskau ist unterbrochen!«

»Nur gut, daß es hier passiert ist und nicht bei Samara«, sagte Fandorin, der nach von Kassel dessen Büro betrat und die Tür schloß. »Hier kann man die Züge noch umleiten, über die Nowgoroder Strecke. Ist es denn sicher, daß die Brücke von allein eingestürzt ist, daß es keine Sabotage war?«

Der General runzelte die Stirn.

»Ich bitte Sie, wie sollte es Sabotage gewesen sein? Das müßten Sie doch am besten wissen, Sie haben die Instruktionen selbst ausgearbeitet. Auf der Brücke steht ein Posten, alle halbe Stunde werden die Gleise kontrolliert, auf den Bremsplattformen jedes Zuges stehen Gendarmen – in meinem Bereich herrscht absolute Ordnung. Sagen Sie mir lieber: Wieso diese ständigen Schicksalsschläge gegen unser armes Vaterland? Wir kämpfen doch ohnehin schon mit letzter Kraft. Tsushima zum Beispiel, nicht wahr? Haben Sie die Berichte gelesen? Eine komplette Niederlage, und dabei wurde nicht ein einziges feindliches Schiff versenkt. Wo kommt es nur auf einmal her, dieses Japan? Als ich meinen Dienst antrat, hatte von so einem Land keiner je gehört. Und innerhalb weniger Jahre ist es plötzlich aufgegangen wie Hefeteig. Einfach beispiellos!«

»D-durchaus nicht«, antwortete Fandorin, wie immer leicht stotternd. »Japan hat 1868 mit der Modernisierung begonnen, vor siebenunddreißig Jahren. Die Zeit von Peters Thronbesteigung bis zum Sieg bei P-poltawa war sogar noch kürzer. Zuvor hatte es k-kein Rußland gegeben, und plötzlich war es aufgegangen, ebenfalls wie Hefeteig.«

»Ach, hören Sie auf, das ist Geschichte«, winkte der General ab und bekreuzigte sich ausgreifend. »Ich werde Ihnen mal was sagen. Der Herr bestraft uns für unsere Sünden. Grausam bestraft er uns, wie den ägyptischen Pharao, mit schrecklichen Plagen. Bei Gott« – bei diesen Worten blickte der General zur Tür und senkte die Stimme zum Flüstern –, »wir haben den Krieg verloren.«

»Ich bin nicht Ihrer A-ansicht«, unterbrach ihn Fandorin. »In keinem einzigen Punkt. Es ist nichts Schreckliches geschehen. Erstens. Es ist passiert, was zu erwarten war. Daß Rußland keine einzige Schlacht gewonnen hat, ist nicht erstaunlich. Das Gegenteil wäre ein Wunder gewesen. Unser Soldat ist schlechter als der japanische – er ist weniger ausdauernd, schlechter ausgebildet und hat einen schlechteren Kampfgeist. Der russische Offizier mag nicht übel sein, aber der japanische ist einfach großartig. Ganz zu schweigen von den Generälen (nehmen Sie es nicht persönlich, Exzellenz): Unsere sind f-fett und lahm, die japanischen dagegen straff und kämpferisch. Wenn wir uns bislang noch halbwegs halten, dann nur deshalb, weil Verteidigung leichter ist als Angriff. Aber keine Sorge, Leonti Karlowitsch, auch wenn wir die Schlachten verlieren, den Krieg werden wir dennoch gewinnen. Das zweitens. Wir sind den Japanern in der Hauptsache überlegen: Wir verfügen über W-wirtschaftskraft, über menschliche Ressourcen und Rohstoffe. Die Zeit arbeitet für uns. Der Oberkommandierende Linewitsch handelt vollkommen richtig, ganz im Gegensatz zu Kuropatkin: Er zögert den Feldzug hinaus, sammelt Kräfte. Die Japaner werden mit der Zeit immer schwächer. Ihr Staatsschatz steht k-kurz vor dem Bankrott, die Wege werden immer weiter, die Reserven sind bald erschöpft. Wir müssen lediglich große Schlachten vermeiden, dann haben wir den Sieg in der Tasche. Nichts wäre dümmer, als die baltische Flotte um die halbe Welt zu schiffen, sie A-admiral Togo zum Fraß vorzuwerfen.«

Der General hörte seinem Assistenten zu, und seine Miene hellte sich auf, doch Fandorin beendete seine optimistische Ruhmesrede mit einem Grabgesang: »Das Unglück auf der Tesoimenitski-Brücke macht mir mehr Sorgen als der Untergang unseres Geschwaders. Ohne Flotte k-können wir den Krieg mit Ach und Krach gewinnen, aber wenn auf unseren Eisenbahnstrecken, die die Front versorgen, solche Dinge einreißen, dann ist es aus mit Rußland. Lassen Sie einen Inspektionswagen an eine Lok hängen. Wir fahren hin und sehen uns das G-ganze mal an.«

Fünfte Silbe,
in welcher ein interessanter Reisender
vorkommt

Als der Inspektionswagen den Unglücksort am Steilufer des Flusses Lomsha erreichte, hatte die Nacht es satt, sich dunkel zu stellen, und vom Himmel fiel mit aller Kraft helles Morgenlicht.

Vor den Trümmern der Tesoimenitski-Brücke war eine Menge Obrigkeit versammelt – der Kriegsminister, der erlauchte Generalinspekteur der Artillerie, der Verkehrsminister, der Chef des Gendarmeriekorps, der Chef des Polizeidepartements und der Chef der Gendarmerieverwaltung des Gouvernements. Allein an Salonwagen, jeder mit einer eigenen Lok versehen, reihte sich ein halbes Dutzend hintereinander.

Über der Schlucht leuchteten Litzen, klirrten Sporen und Adjutanten-Achselbänder, tönten Vorgesetztenbässe, und unten, direkt am Wasser, herrschten Chaos und Tod.

Mitten in der Lomsha türmte sich ein formloser Haufen aus Holz und Eisen, darüber hing das zerbrochene Gerippe der Brücke, eine verbogene Lok steckte mit der Nase im anderen Ufer und dampfte noch, von der anderen ragte der rechteckige Tender wie ein Fels aus dem Wasser. Die Verwundeten waren bereits fortgetragen worden, doch eine lange Reihe Toter lag noch unter einer Plane im Sand.

Nagelneue schwere Geschütze, für die Mandschurei-Armee bestimmt, waren von den Waggons gestürzt und teils gesunken, teils im seichten Wasser verstreut. Am anderen Ufer dröhnte ein mobiler Kran und schwenkte hilflos seinen Ausleger, um ein Stahlmonster mit verbogenem Rohr aus dem Wasser zu ziehen, aber es war klar, daß er sich vergebens mühte.

General von Kassel gesellte sich zur hohen Obrigkeit, Fandorin dagegen machte einen Bogen um die Gruppe der Goldbetreßten und begab sich direkt zur zerstörten Brücke. Er schaute sich eine Weile um, dann lief er die Schräge hinunter. Unten sprang er geschickt auf das Dach eines Waggons und lief von dort zum nächsten Brückenpfeiler, von dem verbogene Gleise herunterhingen. Der Ingenieur kletterte die Schwellen hoch wie eine Leiter und hatte bald das andere Ufer erreicht.

Hier waren wesentlich weniger Leute. Ein paar Hundert Schritt entfernt stand der Kurierzug, der die Brücke kurz vorm Einsturz passiert hatte. Neben den Waggons hatten sich die Reisenden in Grüppchen versammelt.

Auf dem unversehrten Teil der Brücke und am Wasser wuselten geschäftige Männer in Zivil herum, die sich trotz ihrer unterschiedlichen Kleidung ähnelten wie Brüder. In einem von ihnen erkannte Fandorin Jewstrati Pawlowitsch Mylnikow, einen früheren Kollegen aus seiner Zeit in Moskau.

Vor Mylnikow stand ein Unteroffizier in nassem, zerrissenem Uniformrock stramm – die Ermittlungen liefen offenbar auf Hochtouren. Doch der Hofrat sah nicht den Unteroffizier an, sondern Fandorin.

»Na, so was!« Er breitete die Arme aus, als wollte er den Ingenieur an sich drücken. »Erast Petrowitsch! Was führt Sie hierher? Ach ja, Sie sind ja jetzt bei der Gendarmeriedirektion der Eisenbahn, man hat mir davon berichtet. Verzeihen Sie, daß ich in Ihr Terrain eindringe, aber das ist ein Befehl von ganz oben: Der Fall soll so schnell wie möglich und unter Einbeziehung sämtlicher betroffener Behörden aufgeklärt werden. Man hat mich aus den Federn geholt. Faß, hieß es, nimm Witterung auf, alter Spürhund. Na ja, das mit den Federn stimmt nicht.« Mylnikow bleckte die gelben Zähne zu einem Lächeln, doch seine Augen blieben kalt und zusammengekniffen. »Wir Spürhunde schlafen in dieser Zeit nicht in Federbetten. Ihr Sybariten bei der Eisenbahn seid zu beneiden. Ich hab im Büro geschlafen, auf Stühlen, wie immer. Dafür war ich, wie Sie sehen, als erster hier. Nun verhöre ich gerade Ihre Leute – wer weiß, vielleicht war es ja eine japanische Mine.«

»Herr Ingenieur«, wandte sich der Unteroffizier an Fandorin, »erklären Sie es bitte Seiner Hochwohlgeboren. Erinnern Sie sich an mich? Ich bin Loskutow, ich hab früher in Farforowaja am Bahnübergang gedient. Sie haben uns im Winter kontrolliert und waren zufrieden. Sie haben meine Beförderung veranlaßt. Ich habe alles gewissenhaft ausgeführt, genau nach Vorschrift! Ich bin überall selber rumgekrochen, zehn Minuten bevor der Transport kam. Es war alles sauber! Und wie sollte ein Saboteur auf die Brücke gelangt sein? Ich hab auf beiden Seiten Posten zu stehen!«

»Es war also alles sauber?« fragte Fandorin nach und schüttelte den Kopf. »Sie haben gründlich nachgesehen?«

»Aber ja, ich … Ehrenwort!« Der Unteroffizier riß sich keuchend die Mütze vom Kopf. »Ich schwöre bei Gott! Ich bin seit sieben Jahren … Fragen Sie, wen Sie wollen, wie Loskutow seinen Dienst versieht.«

Der Ingenieur wandte sich an Mylnikow.

»Was haben Sie bisher herausgefunden?«

»Das Bild ist klar.« Mylnikow zuckte die Achseln. »Die übliche russische Schlamperei. Zuerst kam ein Kurierzug. In Kolpino hielt er, er sollte den Militärtransport mit den Kanonen vorbeilassen. Plötzlich brachte ein Telegrafist eine Depesche: Weiterfahren, der Transport verspäte sich. Ein Irrtum, irgendwer hat was durcheinandergebracht. Kaum war der Kurierzug über die Brücke, kam der Transport angerast. Ein schwerer Zug, das sehen Sie ja. Wäre er in vollem Tempo über die Brücke gefahren, wäre gar nichts passiert. Aber er hat wohl gebremst, und da sind die Pfeiler gebrochen. Dafür kriegt die Eisenbahnobrigkeit was aufs Dach.«

»Von wem kam denn das Telegramm über die Verspätung des Transports?« fragte Fandorin, den Oberkörper gespannt vorgebeugt.

»Das ist ja das Merkwürdige. Niemand hat ein solches Telegramm abgeschickt.«

»Und wo ist der Telegrafist, der es angeblich angenommen hat?«

»Wir suchen nach ihm. Bislang haben wir ihn noch nicht gefunden, seine Schicht ist vorbei.«

Ein Mundwinkel des Ingenieurs zuckte.

»Sie suchen schlecht. Besorgen Sie eine Beschreibung, wenn möglich ein Foto, und dann geben Sie es in die landesweite Fahndung, umgehend.«

Mylnikow sperrte den Mund auf.

»Den Telegrafisten? In landesweite Fahndung?«

Fandorin nahm den Hofrat beiseite und sagte leise: »Es war Sabotage. Die B-brücke wurde gesprengt.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Fandorin führte den Agentenchef zur Bruchstelle und stieg an den herunterhängenden Schwellen hinab. Mylnikow folgte ihm ächzend und sich bekreuzigend.

»Sehen Sie her.«

Fandorin wies mit der graubehandschuhten Rechten auf eine verkohlte, gespaltene Schwelle und auf eine zu einer Serpentine gebogene Bahnschiene.

»Unsere Experten müssen jeden Augenblick eintreffen. Sie w-werden mit Sicherheit Spuren von Sprengstoff finden.«

Mylnikow stieß einen Pfiff aus und schob sich die Mütze in den Nacken.

Die beiden Ermittler hingen über dem schwarzen Wasser, auf der improvisierten Leiter leicht schwankend.

»Also lügt der Gendarm, der sagt, er hätte sich alles angesehen? Oder schlimmer noch – er hängt mit drin? Verhaften?«

»Loskutow ein japanischer Agent? Unsinn. Dann wäre er geflohen wie der Telegrafist. Nein, nein, auf der Brücke war keine Mine.«

»Wie? Es gab keine Mine, aber eine Explosion?«

»Sieht ganz so aus.«

Der Hofrat schürzte besorgt die Lippen und kletterte die Schwellen hoch.

»Ich gehe der Obrigkeit Meldung machen. Das gibt einen schönen Affentanz!«

Er winkte seinen Agenten. »He, ein Boot her!«

Doch er stieg nicht ins Boot, er hatte es sich anders überlegt.

Er sah Fandorin nach (der ging zum Kurierzug), kratzte sich den Kopf und rannte hinterher.

Der Ingenieur drehte sich um und nickte zu dem Zug hinüber.

»War der Abstand zwischen den beiden Zügen tatsächlich so gering?«

»Nein, der Kurierzug hielt weiter weg, nach einer Notbremsung. Dann ist der Lokführer ein Stück zurückgefahren. Die Zugbegleiter und einige Passagiere halfen, Verletzte aus dem Fluß zu bergen. Von diesem Ufer ist es näher zur Bahnstation als vom anderen. Es wurden Gespanne hergeschickt, um die Verletzten ins Krankenhaus zu bringen.«

Fandorin winkte mit einer gebieterischen Geste den Chef der Zugbrigade zu sich. Er fragte: »Wie viele Reisende waren im Zug?«

»Es waren alle Plätze verkauft, Herr Ingenieur. Also dreihundertzwölf Personen. Ich bitte um Verzeihung, aber wann können wir weiterfahren?«

Zwei Reisende standen ganz in der Nähe: ein Stabskapitän und eine hübsche Dame. Beide waren von Kopf bis Fuß voller Schlamm. Der Offizier goß seiner Reisegefährtin Wasser aus einem Samowar auf ein Tuch, und sie rieb sich damit gründlich das schmutzige Gesicht ab. Beide lauschten neugierig dem Gespräch.

Von der Brücke her kam ein Trupp Eisenbahngendarmen gerannt. Der Kommandeur langte als erster an, legte die Hand an die Mütze und sagte: »Herr Ingenieur, zu Ihrer Verfügung eingetroffen. Zwei weitere Züge stehen am anderen Ufer. Die Experten haben die Arbeit aufgenommen. Was befehlen Sie?«

»Die Brücke auf beiden Seiten und am Ufer absperren. Niemanden an die Bruchstelle lassen, nicht einmal einen General. Sonst lehnen die Ermittler jede Verantwortung ab – sagen Sie das genau so. Sagen Sie Sigismund Lwowitsch, er soll nach Spuren von Sprengstoff suchen. Obwohl, das ist nicht nötig, er wird es selbst sehen. Und ich brauche einen Schreiber und vier Soldaten, möglichst fixe Männer. Und noch eins: Den Kurierzug ebenfalls abriegeln. Weder Reisende noch Zugpersonal dürfen ohne meine Erlaubnis weg.«

»Herr Ingenieur«, rief der Zugchef klagend, »wir stehen doch schon über vier Stunden!«

»Und Sie werden noch eine ganze Weile hier stehen. Ich brauche eine v-vollständige Liste aller Reisenden. Wir werden jeden vernehmen und die Papiere überprüfen. Und Sie, Mylnikow, sollten sich lieber um den verschwundenen Telegrafisten kümmern. Hier komme ich auch ohne Sie zurecht.«

»Ja, natürlich. Das hier ist Ihre Sache«, stimmte Mylnikow ihm zu und wedelte mit den Armen: In Ordnung, ich bin schon weg, ich will gar nichts weiter – doch er ging nicht.

»Werte Reisende«, wandte sich der Eisenbahner trübsinnig an den Offizier und die Dame, »begeben Sie sich bitte wieder auf Ihre Plätze. Haben Sie gehört? Man wird Ihre Papiere kontrollieren.«

 

»Ein Unglück, Glikerija Romanowna«, flüsterte Rybnikow. »Ich bin verloren.«

Die Lidina betrachtete gerade seufzend ihre mit Blut besudelte Spitzenmanschette, blickte nun jedoch auf.

»Warum? Was ist geschehen?«

Rybnikow las in ihren ein wenig geröteten, aber noch immer wunderschönen Augen die Bereitschaft zu unverzüglichem Handeln, und erneut, zum wiederholten Mal in dieser Nacht, staunte er über dieses Moskauer Dämchen.

Bei der Bergung von Verletzten und Ertrinkenden hatte die Lidina sich vollkommen verblüffend verhalten: Sie hatte nicht geheult, keine hysterischen Anfälle bekommen, nicht einmal geweint, sich in den schlimmsten Augenblicken lediglich auf die Unterlippe gebissen, so daß diese gegen Morgen ganz geschwollen war. Rybnikow konnte nur den Kopf schütteln, wenn er sah, wie dieses zierliche Fräulein einen kopfverletzten Soldaten aus dem Wasser zog oder mit einem Streifen, den sie aus ihrem Seidenkleid riß, eine blutende Wunde verband.

Einmal murmelte er sogar: »Wahrlich wie in Nekrassows Poem ›Russische Frauen‹.« Dann wandte er sich rasch um, ob etwa jemand seine Bemerkung gehört hatte, die schlecht zu dem Bild des grauen, verhuschten kleinen Offiziers paßte.

Seit Rybnikow sie aus den Fängen des schwarzhaarigen Neurasthenikers gerettet hatte, besonders aber nach einigen Stunden gemeinsamer Arbeit, behandelte die Lidina ihn wie einen alten Freund – offensichtlich hatte sie ihre Meinung über ihren Coupénachbarn geändert.

»Was ist denn passiert? Nun reden Sie schon!« rief sie und sah Rybnikow erschrocken an.

»Ich bin in jeder Hinsicht verloren«, flüsterte Rybnikow, während er ihren Arm nahm und mit ihr langsam in Richtung Zug ging. »Ich bin nämlich eigenmächtig nach Petersburg gefahren, ohne Genehmigung. Meine Schwester ist krank. Nun wird es herauskommen – ein Unglück …«

»Arrest, ja?« fragte die Lidina bekümmert.

»Ach, Arrest wäre halb so schlimm. Schlimm ist etwas anderes … Erinnern Sie sich an das Lederetui, nach dem Sie fragten? Kurz vor der Explosion? Ich habe es tatsächlich auf der Toilette liegengelassen. Meine ständige Zerstreutheit!«

Glikerija flüsterte furchtsam, die Hand vorm Mund: »Die geheimen Zeichnungen?«

»Ja. Sie sind sehr wichtig. Selbst bei meiner eigenmächtigen Entfernung von der Truppe habe ich sie nicht aus der Hand gegeben.«

»Und wo sind sie jetzt? Haben Sie denn nicht auf der Toilette nachgesehen?«

»Sie sind weg«, sagte Rybnikow mit Grabesstimme und ließ den Kopf hängen. »Jemand hat sie mitgenommen … Das bedeutet nicht Arrest, das bedeutet Tribunal. Nach Kriegsrecht.«

»Entsetzlich!« Die Dame bekam ganz runde Augen. »Und was nun?«

»Ich habe eine Bitte an Sie.« Sie hatten inzwischen den letzten Wagen erreicht, und Rybnikow blieb stehen. »Ich werde jetzt, solange niemand hersieht, unter die Räder kriechen, und dann einen geeigneten Moment abpassen und mich in die Büsche schlagen. Ich darf nicht in die Kontrolle geraten. Verraten Sie mich bitte nicht, nein? Sagen Sie, Sie hätten keine Ahnung, wo ich bin. Wir hätten die ganze Fahrt über kein Wort gewechselt, was interessiert Sie ein fremder Mann? Und meinen Koffer, den nehmen Sie mit, ich hole ihn mir dann in Moskau bei Ihnen ab. Ostoshenka, sagten Sie?«

»Ja, das Bomse-Haus.«

Die Lidina schaute hinüber zu dem großen Petersburger Chef und den Gendarmen, die auf den Zug zugelaufen kamen.

»Helfen Sie mir, retten Sie mich?« Rybnikow trat in den Schattendes Waggons.

»Selbstverständlich!« Ein entschlossener, ja tollkühner Ausdruck trat in ihr Gesicht – wie vor kurzem, als sie die Notbremse gezogen hatte. »Ich weiß, wer Ihre Zeichnungen gestohlen hat! Das widerliche Subjekt, das mich angegriffen hat! Darum hatte er es so eilig! Und die Brücke hat bestimmt auch er gesprengt!«

»Gesprengt?« fragte Rybnikow, der ihren Worten nicht folgen konnte, verblüfft. »Wie kommen Sie darauf? Wie soll er sie denn gesprengt haben?«

»Woher soll ich das wissen, ich bin schließlich kein Militär! Vielleicht hat er eine Bombe aus dem Fenster geworfen! Ich werde Ihnen auf jeden Fall helfen! Und Sie müssen nicht unter den Waggon kriechen!« rief sie, während sie bereits den Gendarmen entgegenlief. Sie war so abrupt losgestürmt, daß Rybnikow sie nicht hatte zurückhalten können.

»Wer ist hier der Oberste? Sie?« fragte die Lidina den eleganten Herrn mit den grauen Schläfen. »Ich habe etwas Wichtiges mitzuteilen!«

Mit besorgt gerunzelter Stirn blickte Rybnikow unter den Waggon, aber es war zu spät, sich dort zu verkriechen – zahlreiche Augen schauten in seine Richtung. Rybnikow biß die Zähne zusammen und folgte der Lidina.

Die hielt den Grauhaarigen am Ärmel seines Sommermantels gepackt und redete in unglaublichem Tempo auf ihn ein.

»Ich weiß, wen Sie suchen müssen! Hier war ein Mann, ein unangenehmer Brünetter, geschmacklos gekleidet, mit einem Brillantring – ein riesiger Stein, aber nicht lupenrein. Ungemein verdächtig! Er hatte es sehr eilig, nach Moskau zu gelangen! Alle sind geblieben, viele haben geholfen, Menschen aus dem Wasser zu bergen, er aber hat seine Tasche gegriffen und ist weggefahren! Und nicht nur das. Als das erste Gespann von der Station kam, um die Verletzten abzutransportieren, hat er den Kutscher bestochen, hat ihm Geld gegeben, viel Geld, und ist losgefahren. Ohne einen einzigen Verwundeten!«

»Ja, das stimmt«, bestätigte der Zugchef. »Er reiste im zweiten Wagen, im sechsten Coupé. Ich habe gesehen, wie er dem Bauern einen Hunderter gab – für einen Leiterwagen! Und abbrauste in Richtung Station.«

»Ach, seien Sie doch still, ich bin noch nicht fertig!« wehrte die Lidina verärgert ab. »Ich habe gehört, wie er den Bauern fragte: ›Gibt es auf der Station eine Rangierlok?‹ Er wollte eine Lokomotive mieten, um schnell abzuhauen! Ich sage Ihnen, er ist ungemein verdächtig!«

Rybnikow hörte gespannt zu und erwartete, daß sie gleich das angeblich gestohlene Lederetui erwähnen würde, doch die kluge Glikerija verschwieg diesen höchst verdächtigen Umstand, womit sie den Stabskapitän ein weiteres Mal verblüffte.

»Ein inter-ressanter Reisender«, sagte der Herr mit den grauen Schläfen gedehnt und winkte energisch einen Gendarmerieoffizier heran. »Oberleutnant! Schicken Sie jemanden ans andere Ufer. Im Inspektionswagen sitzt mein chinesischer Diener, Sie kennen ihn. Er soll schnell herkommen. Ich bin auf der Station.«

Rasch lief er am Zug entlang.

»Und der Kurierzug, Herr Fandorin?« rief ihm der Oberleutnant nach.

»Lassen Sie ihn weiterfahren!« rief der Stotterer, ohne stehenzubleiben.

Ein Mann mit primitivem Gesicht und Hängeschnauzer, der sich in der Nähe herumdrückte, schnippte mit den Fingern – zwei unscheinbare Männer kamen herbeigerannt, und die drei flüsterten miteinander.

Glikerija kehrte als Siegerin zu Rybnikow zurück.

»Na, sehen Sie, es ist alles gutgegangen. Sie müssen sich nicht wie ein Hase in die Büsche schlagen. Und Ihre Zeichnung wird sich auch wieder anfinden.«

Doch Rybnikow sah sie gar nicht an, er blickte dem Mann nach, den der Oberleutnant mit »Fandorin« angeredet hatte. Rybnikows gelbliches Gesicht war zur Maske erstarrt, und in seinen Katzenaugen glitzerte es eigenartig.

NAKA-NO-KU

Erste Silbe,
in welcher Rybnikow
Urlaub nimmt

Sie verabschiedeten sich freundschaftlich und natürlich nicht endgültig – Rybnikow versprach, sie unbedingt zu besuchen, sobald er sich eingerichtet habe.

»Ich bitte darum«, sagte die Lidina streng und drückte ihm die Hand. »Ich werde mir Sorgen machen wegen Ihres Etuis.«

Rybnikow versicherte ihr, er werde sich schon irgendwie herauswinden, und trennte sich von der reizenden Dame mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung, wobei letzteres überwog.

Er schüttelte den Kopf, um die unangebrachten Gedanken zu vertreiben, und ging als erstes zum Bahnhofstelegrafenamt. Dort erwartete ihn ein postlagerndes Telegramm: »Firmenleitung gratuliert zum glänzenden Erfolg. Einwände annulliert, können Projekt in Angriff nehmen. Information über Erhalt der Ware gesondert.«

Die Anerkennung und mehr noch die Rücknahme irgendwelcher Einwände waren Rybnikow offenbar sehr wichtig. Seine Miene hellte sich auf, er intonierte sogar die Torero-Arie.

Die Haltung des Stabskapitäns war irgendwie verändert. Sein Uniformrock saß nach wie vor sackartig (nach den nächtlichen Abenteuern wirkte er noch abgewetzter), doch seine Schultern waren nun straffer, seine Augen blickten munterer, und er humpelte nicht mehr.

Rybnikow eilte die Treppe hinauf in den ersten Stock, in dem die Büroräume lagen, setzte sich aufs Fensterbrett, von wo aus er den ganzen breiten, menschenleeren Gang einsehen konnte, und griff zu seinem Notizbuch, das mit Zitaten und Aphorismen für jede Gelegenheit vollgekritzelt war. Darunter das Sprichwort »Die Kugel ist dumm, das Bajonett dagegen klug« ebenso wie »Der Russe spannt zwar langsam ein, aber er fährt schnell« und »Wer klug ist und betrunken, hat zwei Vorteile auf seiner Seite«. Der letzte Spruch, der Rybnikow interessierte, lautete: »Auch wenn du Iwanow-Sedmoi heißt, so bist du doch ein Dummkopf. A. P. Tschechow.«

Nach dem Tschechowzitat folgten leere Seiten, doch Rybnikow tropfte aus einem flachen Fläschchen eine farblose Flüssigkeit aufs Papier, verrieb sie mit dem Finger, und auf dem Blatt erschienen merkwürdige Zeichen, die aussahen wie ineinander verschlungene Schlangen. Mit den nächsten Seiten verfuhr er ebenso, und auch sie füllten sich mit den eigentümlichen Krakeln. Rybnikow betrachtete sie eine Zeitlang aufmerksam. Dann überlegte er eine Weile und prägte sich etwas ein, wobei er lautlos die Lippen bewegte. Nach wenigen Minuten verschwanden die Schlangenzeichen wieder.

Rybnikow kehrte zurück ins Telegrafenamt und versandte zwei dringende Telegramme – nach Samara und nach Krasnojarsk. Der Inhalt war jeweils derselbe: Eine Bitte, am 25. Mai »in bekannter Angelegenheit« nach Moskau zu kommen, ein Zimmer sei »im selben Hotel« bestellt. Beide Telegramme unterzeichnete er »Iwan Gontscharow«.

Damit schienen die dringenden Angelegenheiten erledigt. Rybnikow ging ins Restaurant und speiste mit großem Appetit und ohne zu geizen – er genehmigte sich sogar einen Kognak und gab dem Kellner ein nicht üppiges, aber doch anständiges Trinkgeld.

Und das war erst der Beginn der wundersamen Verwandlung des unscheinbaren Offiziers.

Vom Bahnhof fuhr Rybnikow zur Kusnezki-Brücke, in ein Bekleidungsgeschäft. Er erklärte dem Kommis, er sei wegen einer Verwundung in den Zivilstand versetzt und wolle sich anständige Garderobe zulegen.

Er kaufte zwei gute Sommeranzüge, ein Jackett, mehrere Paar Hosen, Stiefeletten samt Gamaschen und amerikanische Halbschuhe, eine englische Schirmmütze, einen Strohhut und ein halbes Dutzend Hemden. Er zog sich gleich an Ort und Stelle um, den abgewetzten Uniformrock legte er in seinen Koffer, den Säbel ließ er in Papier einwickeln.

Und noch eins: Vorgefahren war Rybnikow mit einer einfachen Droschke, doch als er das Geschäft verließ, nahm er eine Lackkutsche, bei der allein das Einsteigen schon fünfzig Kopeken kostete.

Vor Fuchtels Druckerei stieg er aus und entließ die Kutsche. Er mußte eine Bestellung abholen – hundert cartes de visite eines Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuter, der zwar Rybnikows Vor- und Vatersnamen trug – Wassili Alexandrowitsch –, aber einen völlig anderen Familiennamen: Stan.

Vor der Druckerei stieg der frischgebackene Mister Stan (nein, um nicht durcheinanderzukommen, werden wir bei Rybnikow bleiben) gar in eine Fünf-Rubel-Kutsche. Er befahl dem Kutscher, ihn zum Pensionat »Saint-Saëns« zu bringen, zuvor aber irgendwo anzuhalten, um einen Strauß weißer Lilien zu kaufen. Der fesche Kutscher nickte ehrerbietig. »Sehr wohl, mein Herr.«

 

Der Vorgarten der entzückenden Empire-Villa grenzte direkt an den Boulevard. Nach den bunten Lampions zu urteilen, die das Tor zierten, mußte das Pensionat abends besonders festlich aussehen. Nun aber waren Hof und Kutschenvorplatz leer und die weißen Gardinen vor den Fenstern zugezogen.

Rybnikow erkundigte sich, ob Gräfin Bovada zu Hause sei, und reichte dem Portier seine Karte. Keine Minute später kam aus dem Haus, das sich als bedeutend geräumiger erwies, als es auf den ersten Blick scheinen mochte, eine üppige Dame – nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt, sehr gepflegt und so geschickt geschminkt, daß nur ein geübtes Auge die Spuren der kosmetischen Korrekturen bemerkte.

Bei Rybnikows Anblick schien das Gesicht der Gräfin für einen Augenblick zu gefrieren, gleich darauf aber erstrahlte es in einem liebenswürdigen Lächeln.

»Mein lieber Freund! Teuerster …« Sie blickte auf die Karte. »Teuerster Wassili Alexandrowitsch! Ich freue mich wahnsinnig, Sie zu sehen! Und Sie haben nicht vergessen, wie sehr ich weiße Lilien mag! Wie nett!«

»Ich vergesse niemals etwas, Madame Beatrice.« Rybnikow beugte sich über ihre mit funkelnden Ringen geschmückte Hand.

Bei diesen Worten griff sich die Hausherrin unwillkürlich in ihr wundervolles aschgraues Haar, das zu einer hohen Frisur aufgetürmt war, und schaute alarmiert auf den gebeugten Kopf ihres Besuchers. Doch als Rybnikow sich aufrichtete, lag auf den vollen Lippen der Gräfin wieder ein reizendes Lächeln.

Im Salon und in den Fluren herrschten Pastelltöne vor, an den Wänden hingen goldgerahmte Watteau- und Fragonard-Kopien. Um so eindrucksvoller war der Kontrast zu dem Kabinett, in das die Gräfin den Besucher führte: Keinerlei Verspieltheit und Manieriertheit – ein Schreibtisch mit Geschäftsbüchern, ein Stehpult, ein Regal für Papiere. Man sah, daß die Gräfin Geschäftsfrau war und keine Zeit zu vergeuden pflegte.

»Seien Sie unbesorgt«, sagte Rybnikow, setzte sich in einen Sessel und schlug die Beine übereinander. »Es ist alles in Ordnung. Man ist mit Ihnen zufrieden, Sie bringen hier ebensoviel Nutzen wie früher in Port Arthur und in Wladiwostok. Ich bin nicht geschäftlich hier. Ich bin erschöpft, wissen Sie. Ich habe beschlossen, einen kleinen Urlaub zu nehmen, ich brauche ein wenig Ruhe.« Er lächelte fröhlich. »Ich weiß aus Erfahrung: Im ärgsten Puff hat man am meisten Ruhe.«

Die Gräfin war beleidigt.

»Mein Haus ist kein Puff, es ist das beste Etablissement der Stadt! Innerhalb nur eines Jahres hat unser Pensionat sich einen ausgezeichneten Ruf erworben! Zu uns kommen hochehrenwerte Personen, die Ruhe und Anständigkeit schätzen!«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach Rybnikow sie, noch immer fröhlich lächelnd. »Darum bin ich ja vom Bahnhof aus gleich zu Ihnen gekommen, liebe Beatrice. Ruhe und Anständigkeit sind genau das, was ich brauche. Ich falle Ihnen doch nicht zur Last?«

Die Hausherrin antwortete sehr ernst:

»Sie sollten so etwas nicht sagen. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.« Nach kurzem Zögern fragte sie taktvoll: »Möchten Sie sich vielleicht mit einer unserer jungen Damen entspannen? Es sind ganz entzückende darunter. Ich verspreche Ihnen, Sie vergessen Ihre Erschöpfung sofort.«

»Nicht nötig«, dankte der fleißige Telegrammschreiber höflich. »Ich muß womöglich zwei, drei Wochen bleiben. Wenn ich mich mit einer Ihrer … Pensionistinnen näher einlasse, könnte das zu Streit und Eifersucht führen. Das muß nicht sein.«

Beatrice nickte. Der Einwand schien ihr vernünftig.

»Ich bringe Sie in einem Drei-Zimmer-Appartement mit separatem Eingang unter. Unser Bereich für Gäste, die bereit sind, für private Abgeschiedenheit zu zahlen. Das wird das bequemste für Sie sein.«

»Ausgezeichnet. Für Ihren Verlust werden Sie selbstverständlich entschädigt.«

»Ich danke Ihnen. Neben der Abgeschiedenheit vom übrigen Haus, in dem es nachts mitunter recht laut zugeht, verfügt das Appartement noch über andere Vorzüge. Die Zimmer sind durch Geheimtüren miteinander verbunden, was mitunter sehr nützlich ist.«

Rybnikow lachte spöttisch.

»Ich wette, es gibt auch falsche Spiegel, durch die man bequem heimlich fotografieren kann. Wie in Port Arthur, wissen Sie noch?«

Die Gräfin lächelte und schwieg.

 

Rybnikow war mit der Wohnung sehr zufrieden. Er verwandte einige Stunden darauf, sich einzurichten, allerdings anders als im üblichen Sinn. Seine Vorkehrungen galten keineswegs dem Komfort und der Behaglichkeit.

Nach Mitternacht ging Rybnikow schlafen, und er ruhte geradezu fürstlich, wie seit langem nicht mehr – er schlief ganze vier Stunden, doppelt so viel wie sonst.

Zweite Silbe,
in welcher Masa die Neutralität
verletzt

Der Reisende aus dem sechsten Coupé enttäuschte Fandorin nicht. Im Gegenteil, diese Hypothese schien ihm immer vielversprechender.

Auf der Bahnstation machte Fandorin den Bauern ausfindig, der das verdächtige Subjekt gefahren hatte. Die Aussage der hübschen Dame bestätigte sich – der Mann sagte, der Deutsche habe tatsächlich einen Hunderter gelöhnt.

»Wieso Deutscher?« fragte Fandorin.

Der Kutscher fragte erstaunt zurück: »Meinen Sie, ein Russe würde einen Hunderter rausrücken, wenn’s normalerweise fünfzehn Kopeken kostet?« Und nach kurzem Überlegen setzte er hinzu: »Und komisch gesprochen hat er auch.«

»Wie – komisch?« wollte Fandorin wissen, doch das konnte der Mann nicht erklären.

Schwieriger war zu ermitteln, wohin der Schwarzhaarige anschließend gefahren war. Der Stationsvorsteher redete sich heraus, er wisse von nichts, der Diensthabende blökte hilflos und sah Fandorin nicht in die Augen, der örtliche Gendarm stand stramm und kehrte den tumben Tor heraus. Da fragte Fandorin, dem die Worte der wertvollen Zeugin wieder einfielen, nach der Rangierlok.

Dem Gendarm brach augenblicklich der Schweiß aus, der Diensthabende erbleichte, der Stationsvorsteher errötete.

Wie sich herausstellte, war die Lok mit dem Schwarzhaarigen an Bord entgegen sämtlichen Regeln und Vorschriften mit Volldampf dem Passagierzug hinterhergefahren, der die Strecke eine Stunde vor dem Kurierzug passiert hatte. Der verrückte Schwarzhaarige (hinsichtlich seiner Nationalität waren die Meinungen der Zeugen geteilt: der Stationsvorsteher hielt ihn für einen Franzosen, der Diensthabende für einen Polen, der Gendarm für einen »Jidd«) hatte derartig mit Geld um sich geworfen, daß niemand hatte widerstehen können.

Fandorin zweifelte nun nicht mehr: Das war der Mann, den er suchte.

Der Zug, dem der interessante Reisende hinterhergejagt war, erreichte Viertel vor zehn Moskau – die Zeit war also knapp.

Fandorin schickte ein Telegramm an den Moskauer Vertreter der Direktion und zugleich Chef der Wolokolamsker Strecke, Oberstleutnant Danilow: Am Bahnhof sei ein Verdächtiger zu empfangen (es folgte eine ausführliche Beschreibung); er solle auf keinen Fall festgenommen, sondern von den besten Agenten beschattet werden; ansonsten sei bis zu Fandorins Eintreffen nichts weiter zu unternehmen.

Der Zugverkehr auf der Nikolajewsker Strecke war wegen des Unglücks unterbrochen, in Richtung Petersburg stand eine lange Schlange aus Passagier- und Güterzügen, in Richtung Moskau aber war die Strecke frei. Fandorin verlangte eine nagelneue fünfachsige Compound-Lok und raste in Begleitung seines treuen Kammerdieners mit achtzig Werst in der Stunde gen Osten.

 

Fandorin war vor fünf Jahren das letztemal in seiner Heimatstadt gewesen – inkognito, unter falschem Namen. Die höchste Moskauer Obrigkeit hatte etwas gegen den Staatsrat a. D., und zwar in einem Maße, daß selbst der kürzeste Aufenthalt in der zweiten Hauptstadt für ihn äußerst unschön hätte enden können.

Nach Fandorins Rückkehr in den Staatsdienst, obgleich ohne offizielle Formalitäten, war eine höchst kuriose Situation entstanden: Versehen mit dem Vertrauen der Regierung und mit weitgehenden Vollmachten, hatte er im Gouvernement Moskau noch immer als Persona non grata gegolten und war bei seinen Reisen möglichst nie weiter vorgedrungen als bis zur Bahnstation Bologoje.

Bald nach Neujahr jedoch war etwas geschehen, das die langjährige Verbannung beendete, und wenn Fandorin bislang noch nicht in seine heimatlichen Gefilde gereist war, so nur, weil er außerordentlich viel zu tun hatte.

Während Fandorin nun neben dem Lokführer stand und in das glühende Feuerloch starrte, dachte er an die bevorstehende Begegnung mit der Stadt seiner Jugend und an das Ereignis, das diese wieder möglich gemacht hatte.

Das Ereignis hatte viel Staub aufgewirbelt – nicht nur im übertragenen Sinn. Der Moskauer Generalgouverneur, Fandorins erklärter Feind, war mitten im Kreml von einer Bombe der Sozialrevolutionäre in Stücke gerissen worden.

Bei aller Abneigung gegen den Toten, einen unwürdigen Mann, der der Stadt nur geschadet hatte, war Fandorin erschüttert von dem Vorfall.

Rußland war schwerkrank, es lag im Fieber, wurde mal von Hitze geschüttelt, mal von Kälte, blutiger Schweiß rann ihm aus den Poren, und das lag nicht nur am Japan-Krieg. Der Krieg hatte lediglich zutage gefördert, was jedem denkenden Menschen ohnehin klar war: Das Imperium war zu einem Anachronismus geworden, zu einem verspäteten Dinosaurier mit riesigem Leib und winzigem Kopf. Das heißt, die Ausmaße des Kopfes waren gewaltig, aufgeblasen durch eine Vielzahl von Ministerien und Komitees, aber dieser Kopf barg ein winziges Hirn mit nur wenigen Windungen. Jede halbwegs wichtige Entscheidung, jede Regung des plumpen Körpers war unmöglich ohne den Willen eines einzigen Menschen, der leider auch nicht gerade ein Geistesfürst war. Doch selbst wenn er ein Geistestitan gewesen wäre – wie konnte im Zeitalter von Elektrizität, Rundfunk und Röntgen ein einzelner ein Riesenland regieren, und das auch noch zwischen Tennisspiel und Jagd?

Deshalb war der arme russische Dinosaurier ins Wanken geraten, seine mächtigen Pranken verhedderten sich, sein tausend Werst langer Schwanz schleifte sinnlos über die Erde. Die Flanke wurde attackiert von der neuen Generation, einem flinken Raubtier, das ihm lebendiges Fleisch aus dem Leib riß, im Inneren des Kolosses wuchs ein todbringendes Geschwür. Wie der kranke Riese zu heilen sei, wußte Fandorin nicht, aber auf keinen Fall mit Bomben – durch die Erschütterungen geriet das kleine Hirn der Echse vollends in Raserei, der gigantische Leib würde sich immer heftiger in Krämpfen winden, und Rußland müßte sterben.

Wie immer half die Weisheit des Fernen Ostens Fandorin, die düsteren, unfruchtbaren Gedanken zu vertreiben. Er angelte einen passenden Aphorismus aus seinem Gedächtnis: »Ein edler Mann weiß, daß die Welt unvollkommen ist, läßt aber nicht die Hände sinken.« Und noch ein weiterer fiel ihm ein, weniger theoretisch, eher praktisch: »Spürst du Unzufriedenheit in deiner Seele, bestimme den Faktor, der die Harmonie stört, und beseitige ihn.«

Der Faktor, der die Harmonie von Fandorins Seele störte, mußte jeden Augenblick auf dem Nikolajewski-Bahnhof in Moskau eintreffen.

Wenn nur Oberstleutnant Danilow es nicht vermasselte …

 

Danilow vermasselte es nicht. Er empfing den Petersburger Gast persönlich, direkt an dem Abstellgleis, auf dem die Compound-Lok hielt. Das runde Gesicht des Oberstleutnants glänzte vor Aufregung. Gleich nach dem Händeschütteln erstattete er Meldung.

Er habe nicht einen einzigen guten Agenten – sie seien alle vom Fliegenden Trupp abgeworben worden, wo es mehr Gehalt gab und außerdem Prämien und größere Freiheiten. Darum habe er, da ihm bewußt sei, daß der Herr Ingenieur ihn nicht mit Kleinigkeiten behelligen werde, auf sein Alter gepfiffen und zusammen mit seinem Stellvertreter, Stabsrittmeister Lissizki, einem fähigen Offizier, die Überwachung des Objektes selbst übernommen.

Nun begriff Fandorin die Erregung des braven Danilow. Der Oberstleutnant hatte es satt, immer nur im Büro zu sitzen, er sehnte sich nach einer handfesten Aufgabe und hatte sich deshalb mit solchem Eifer in das Räuber-und-Gendarm-Spiel gestürzt. Ich muß veranlassen, daß er in den operativen Dienst versetzt wird, notierte Fandorin in Gedanken, während er der enthusiastischen Schilderung lauschte, wie Danilow und sein Assistent sich als Kaufleute verkleidet und wie geschickt sie die Verfolgung mit zwei Kutschen organisiert hätten.

»In Petrowsko-Rasumowskoje?« fragte er nach. »In diesem Nest?«

»Ach, Erast Petrowitsch, man merkt, daß Sie lange nicht hier waren. Petrowsko-Rasumowskoje ist inzwischen ein Ort mit eleganten Sommerhäusern. Dasjenige zum Beispiel, bis zu dem wir den Schwarzhaarigen verfolgt haben, hat ein gewisser Alfred Radzikowski für tausend Rubel im Monat gemietet.«

»Tausend Rubel?« Fandorin war verblüfft. »Was ist denn das für ein Fontainebleau?«

»Ja, genau das ist es. Der Garten mißt eine Desjatine, es gibt eine Orangerie, einen eigenen Pferdestall, sogar eine Garage. Ich habe den Stabsrittmeister zur Observierung dort gelassen, er hat zwei Unteroffiziere bei sich, selbstverständlich in Zivil. Zuverlässige Männer, aber natürlich keine professionellen Agenten.«

»Fahren wir«, sagte Fandorin knapp.

 

Lissizki war ein Bild von einem Mann mit verwegen gezwirbeltem Schnurrbart und erwies sich in der Tat als sehr tüchtig. Er hatte nicht untätig im Gebüsch gesessen, sondern einiges herausgefunden.

»Ein luxuriöses Anwesen«, berichtete er, wobei er auf polnische Art die Betonung mitunter auf die letzte Silbe verlegte. »Strom, Telefon, sogar ein eigener Telegraf. Ein Bad mit Dusche! Zwei Kutschen mit reinrassigen Trabern! Ein Auto in der Garage! Ein Gymnastiksaal mit Fahrrädern! Bedienstete mit Spitzenschürzen! Im Wintergarten soo große Papageien!«

»Woher wissen Sie von den Papageien?« fragte Fandorin.

»Na, ich war dort«, erklärte der Stabsrittmeister verschmitzt. »Ich hab mich als Gärtner beworben. Sie haben mich nicht genommen, sie hätten schon einen. Aber ich durfte einen Blick in die Orangerie werfen – einer von ihnen ist ein großer Pflanzenfreund.«

»Einer?« hakte Fandorin rasch nach. »Wie viele sind es insgesamt?«

»Das weiß ich nicht, jedenfalls eine ganze Menge. Ich habe ein halbes Dutzend verschiedene Stimmen gehört. Übrigens«, verkündete Lissizki bedeutungsvoll, »sie reden Polnisch miteinander.«

»Worüber?« rief Danilow. »Sie verstehen doch Polnisch!«

Der junge Offizier zuckte die Achseln.

»In meinem Beisein wurde nichts Wichtiges gesprochen. Sie haben den Schwarzhaarigen gelobt, ihn einen ›rasanten Kerl‹ genannt. Er heißt übrigens Jusek.«

»Polnische Nationalisten von der sozialistischen Partei, ich bin sicher!« rief Danilow. »Ich habe in einem geheimen Rundschreiben davon gelesen. Sie haben sich mit den Japanern eingelassen, die versprechen ihnen im Falle ihres Sieges die Unabhängigkeit Polens. Ihr Anführer war kürzlich in Tokio. Wie heißt er doch gleich …«

»Pilsudski«, sagte Fandorin, während er das Sommerhaus durch ein Fernglas betrachtete.

»Richtig, Pilsudski. Offenbar hat er in Japan Geld und Anweisungen bekommen.«

»K-könnte sein …«

Im Haus gab es Bewegung. Ein blonder Mann in einem kragenlosen Hemd und breiten Hosenträgern stand am Fenster und schrie etwas in einen Telefonhörer. Ein, zweimal klappte laut eine Tür. Pferde wieherten.

»Sie haben irgendwas vor«, flüsterte Lissizki Fandorin ins Ohr. »Seit einer halben Stunde sind sie so aufgescheucht.«

»Sie nehmen uns nicht für voll, die Herren japanischen Spione«, raunte Danilow ihm ins andere Ohr. »Unsere Abwehr arbeitet natürlich erbärmlich schlecht, aber das ist denn doch eine Frechheit, sich derart komfortabel einzurichten, fünf Minuten entfernt von der Nikolajewski-Bahnstrecke! Am liebsten würde ich mir die Guten gleich schnappen. Schade, das fällt nicht in unsere Zuständigkeit. Die Leute von der Geheimpolizei und vom Gouvernement würden uns den Kopf abreißen. Wenn’s Bahngebiet wäre, sähe die Sache anders aus.«

»Wir machen einfach folgendes«, schlug Lissizki vor, »wir beordern einen Zug unserer Leute her, umstellen das Grundstück, nehmen sie aber nicht selbst fest, sondern benachrichtigen die Polizei. Dann können sie uns nichts vorwerfen.«

Fandorin beteiligte sich nicht an der Diskussion – er blickte sich suchend um. Dann starrte er auf einen frischgehobelten Mast am Wegesrand.

»Ein Telegrafenmast … Man müßte hören, was sie reden …«

»Wie denn?« fragte Oberstleutnant Danilow erstaunt.

»Mit einer Ableitung vom Mast.«

»Verzeihen Sie, Erast Petrowitsch, ich verstehe kaum etwas von Technik. Was für eine Ableitung?«

Doch Fandorin gab keine weiteren Erklärungen – er hatte bereits eine Entscheidung getroffen.

»Hier g-ganz in der Nähe gibt es doch eine Station unserer Bahnstrecke …«

»Jawohl, Petrowsko-Rasumowskoje.«

»Dort muß es einen Telefonapparat geben. Schicken Sie einen Gendarmen hin. Aber rasch, verlieren Sie keine Sekunde. Er soll die Leitung samt Apparat abschneiden und sofort herkommen. Und ohne lange Erklärungen – er soll nur seinen Ausweis vorzeigen und Schluß. Marsch!«

Kurz darauf vernahm man sich rasch entfernende Stiefelschritte – ein Unteroffizier rannte los, um den Auftrag auszuführen, und war zehn Minuten später mit dem abgeschnittenen Hörer zurück.

»Schön, daß das Kabel so lang ist«, freute sich Fandorin, warf zur Verblüffung der Gendarmen seinen eleganten Mantel ab und kletterte, ein Taschenmesser zwischen den Zähnen, gewandt den Mast hoch.

Er manipulierte an den Leitungen herum und kletterte wieder herunter, in der Hand den Telefonhörer, von dem ein Kabel hinaufreichte.

Er sagte zu Lissizki: »Hier, nehmen Sie. Da Sie Polnisch können, werden Sie zuhören.«

Der war begeistert. »Was für eine geniale Idee, Herr Ingenieur! Erstaunlich, daß da bislang niemand drauf gekommen ist! Man könnte doch auf jeder Telefonstation einen Extraraum einrichten! Gespräche verdächtiger Personen abhören! Das wäre ein Nutzen für das Vaterland! Und so zivilisiert, ganz im Geiste des technischen Fort…« Der Offizier brach mitten im Wort ab, hob warnend den Finger und teilte in unheilverkündendem Flüsterton mit: »Es geht los! Sie verlangen die Zentrale!«

Oberstleutnant Danilow und Fandorin beugten sich vor.

»Ein Mann … Er verlangt die Nummer 398 …«, flüsterte Lissizki abgehackt. »Am anderen Ende ist auch ein Mann … Spricht Polnisch … Der erste bestellt ihn zu einem Treffen … Nein, kein Treffen, eine Zusammenkunft … In der Nowo-Basmannaja … Vor dem Haus der Warwarin-Aktiengesellschaft … Eine Operation! Er hat ›Operation‹ gesagt! Das war’s, abgehängt!«

»Was für eine Operation?« Danilow packte seinen Assistenten an der Schulter.

»Das hat er nicht gesagt. Nur ›Operation‹, weiter nichts. Um Mitternacht, und jetzt ist es gleich halb zehn. Darum sind sie so nervös.«

»In der B-basmannaja? Vorm Haus der Warwarin-Gesellschaft?« Auch Fandorin war unbewußt zum Flüstern übergegangen. »Was ist dort?«

Die Offiziere schauten sich an und zuckten die Achseln.

»Wir b-brauchen ein Adreßbuch.«

Der Unteroffizier von vorhin wurde noch einmal zur Bahnstation geschickt, er sollte ins Büro laufen, das Moskauer Adreßbuch vom Tisch nehmen und im Laufschritt zurückkommen.

»Auf der Station werden sie denken, daß bei der Eisenbahngendarmerie lauter Irre dienen«, sagte Danilow bekümmert, aber mehr der Form halber. »Macht nichts, sie kriegen ja alles wieder – den Telefonhörer und auch das Buch.«

Die folgenden zehn Minuten vergingen in gespannter Erwartung. Die Männer rissen einander das Fernglas buchstäblich aus der Hand. Die Sicht war schlecht – es dunkelte bereits, doch im Haus waren sämtliche Fenster erleuchtet, über die Gardinen huschten eilige Schatten.

Zu dritt rannten sie dem keuchenden Unteroffizier entgegen. Fandorin als Dienstältester entriß ihm das abgegriffene Buch. Zuerst schlug er die Telefonnummer 398 nach – das »Große Moskauer Hotel«. Dann suchte er im Straßenverzeichnis die Nowo-Basmannaja, und das Blut pochte ihm in den Schläfen.

Im Haus der Warwarin-Aktiengesellschaft befand sich die Leitung des Bezirks-Artilleriedepots.

Danilow, der Fandorin über die Schulter schaute, stöhnte auf.

»Natürlich! Daß ich nicht gleich … Nowo-Basmannaja! Dort sind doch die Depots, von wo Granaten und Dynamit an die kämpfende Truppe geliefert werden! Da lagert mindestens ein Wochenvorrat an Munition. Aber meine Herren, das ist ja … Das ist unerhört! Ungeheuerlich! Wenn sie das sprengen, dann fliegt halb Moskau in die Luft! Diese verdammten Polen! Pardon, Boleslaw Stefanowitsch, das war nicht persönlich gemeint …«

»Was wollen Sie, das sind Sozialisten!« verteidigte Lissizki seine Nation. »Sie sind Schachfiguren in der Hand der Japaner, weiter nichts. Aber diese Asiaten! Wahrhaftig die neuen Hunnen! Scheren sich einen Dreck um zivilisierte Kriegführung!«

»Meine Herren, meine Herren!« unterbrach Danilow, und seine Augen funkelten. »Kein Leid ohne Freud! Die Artilleriedepots grenzen an die Werkstätten der Kasaner Eisenbahn, und das …«

»Das ist unser Territorium!« rief Lissizki. »Bravo, Nikolai Wassiljewitsch! Wir kommen ohne die vom Gouvernement aus!«

 

Oberstleutnant Danilow und Stabsrittmeister Lissizki vollbrachten wahre Wunder an Organisation: Binnen zwei Stunden sorgten sie für einen soliden, perfekten Hinterhalt. Auf eine Beschattung der Saboteure auf dem Weg von Petrowsko-Rasumowskoje verzichteten sie – das war zu riskant. Zu dieser nächtlichen Stunde waren die Alleen der Sommerhaussiedlung menschenleer, obendrein schien auch noch der Mond mit voller Kraft. Es war vernünftiger, alle Kräfte an einem Ort zu konzentrieren, dort, wo die Zusammenkunft der Verschwörer geplant war.

Für diese Aktion mobilisierte Danilow den gesamten Personalbestand seiner Abteilung, bis auf die Diensthabenden – 67 Mann.

Den größten Teil der Gendarmen stellte, nein, legte er (der Befehl lautete: »still liegen, nicht rühren!«) um das Depot herum, an der Innenmauer entlang. Das Kommando übertrug er Lissizki. Danilow selbst verbarg sich mit zehn seiner besten Männer im Gebäude der Direktion.

Damit die Eisenbahngendarmerie auf dem Gebiet der Artillerieverwaltung schalten und walten durfte, mußte der Chef des Depots aus dem Bett geholt werden, ein uralter General, der noch im Kaukasus gegen Schamil gekämpft hatte. Der regte sich so auf, daß er gar nicht daran dachte, an Kompetenzfeinheiten herumzumäkeln – er war sofort mit allem einverstanden und schluckte alle paar Minuten Herztropfen.

Als Fandorin sah, daß Danilow auch ohne ihn bestens zurechtkam, überließ er ihm die Leitung der Aktion allein. Er postierte sich mit Masa in einem Torweg gegenüber dem Depot. Diesen Ort wählte er nicht zufällig. Sollten die Gendarmen, die keine Übung in solchen Operationen hatten, den einen oder anderen entwischen lassen, wollte Fandorin ihnen den Weg abschneiden – ihm würden sie nicht entkommen. Danilow aber legte Fandorins Entscheidung auf seine Weise aus. In den Ton des von den Vorbereitungen beflügelten Oberstleutnants mischte sich leichte Herablassung: Ich verstehe, und ich verurteile Sie nicht, Sie sind Zivilist, Sie müssen sich keinem Kugelhagel aussetzen.

Kaum hatten alle ihre Plätze eingenommen, kaum hatte der nervöse General, wie abgesprochen, das Licht in seinem Büro gelöscht und sein Gesicht an die Fensterscheibe gepreßt, als auf dem nahegelegenen Kalantschowka-Platz die Turmuhr schlug, und im nächsten Augenblick kamen aus zwei Richtungen Kutschen in die dunkle Straße gerollt – zwei von der Rjasanski-Durchfahrt, eine von der Jelochowskaja-Straße. Vor dem Gebäude der Verwaltung trafen sie zusammen, und Leute stiegen aus. (Fandorin zählte fünf, drei blieben auf den Kutschböcken sitzen.) Sie flüsterten miteinander.

Fandorin griff nach seiner schönen flachen Pistole, einer Spezialanfertigung aus der belgischen Browning-Fabrik, und spannte den Hahn. Sein Kammerdiener wandte sich demonstrativ ab.

Na los, vorwärts, trieb Fandorin die Polen in Gedanken an und seufzte – es bestand wenig Hoffnung, daß Danilows Adler auch nur einen davon lebend gefangennehmen würden. Egal, wenigstens einer der Verschwörer würde bei den Pferden bleiben müssen. Der Glückliche würde den Kugeln der Gendarmen entgehen und Fandorin in die Hände fallen.

Die Besprechung war zu Ende. Doch anstatt zur Tür der Verwaltung zu gehen oder direkt zum Tor, stiegen die Saboteure erneut in die Kutschen. Peitschen knallten, und alle drei Kutschen fuhren mit wachsendem Tempo fort vom Depot, in Richtung Dobraja Sloboda.

Hatten sie etwas bemerkt? Ihren Plan geändert?

Fandorin rannte aus dem Torweg.

Die Kutschen waren bereits um die Ecke verschwunden.

Fandorin warf seinen wundervollen Mantel ab und rannte ihnen nach.

Sein Diener hob den Mantel auf und lief keuchend hinerher.

Als Oberstleutnant Danilow mit seinen Gendarmen auf die Treppe herausgestürmt kam, war die Nowo-Basmannaja menschenleer. Das Hufetrappeln war in der Ferne verhallt, am Himmel schien ungerührt der Mond.

 

Es erwies sich, daß Fandorin, verantwortlicher Mitarbeiter einer höchst seriösen Behörde, ein nicht mehr junger Mann, nicht nur Masten emporklettern, sondern auch unglaublich schnell laufen konnte, wobei er keinerlei Geräusch verursachte und nahezu unsichtbar blieb – er lief dicht an den Hauswänden entlang, wo die nächtlichen Schatten am dichtesten waren, machte einen Bogen um mondbeschienene Stellen oder sprang mit einem gewaltigen Satz darüber hinweg. Er glich einem Gespenst, das in seinen jenseitigen Angelegenheiten durch die dunkle Straße eilte. Nur gut, daß ihm kein später Passant begegnete – der Ärmste hätte eine ernsthafte Erschütterung erlitten.

Die Kutschen hatte Fandorin bald eingeholt. Von da an lief er langsamer, um den Abstand nicht zu verkleinern.

Indes dauerte die Jagd nicht allzu lange.

Hinter dem Derwisowskaja-Mädchengymnasium hielten die Gespanne nebeneinander, einer der Kutscher nahm sämtliche Zügel in die Hand, die übrigen sieben Personen gingen auf ein einstöckiges Haus mit einem großen Schaufenster zu.

Einer machte sich an der Tür zu schaffen, winkte den anderen, und die ganze Gruppe verschwand im Inneren.

Fandorin, der um die Ecke schaute, überlegte, wie er am besten an den Kutscher herankam. Der stand auf dem Bock und äugte aufmerksam nach allen Seiten. Ringsum lag alles in hellem Mondschein.

In diesem Augenblick war auch der keuchende Masa heran. Als er an Fandorins Gesichtsausdruck erkannte, daß dieser zu entschlossenem Handeln bereit war, warf er seinen falschen Zopf über die Schulter und flüsterte wütend auf Japanisch: »Ich werde mich nur einmischen, wenn die Anhänger Seiner Majestät des Mikado Sie töten wollen. Wenn Sie dagegen Anhänger Seiner Majestät töten, dann rechnen Sie nicht mit meiner Hilfe.«

»Laß mich in Ruhe«, erwiderte Fandorin auf Russisch. »Stör mich nicht.«

Aus dem Haus drang ein unterdrückter Schrei. Fandorin durfte nicht länger zögern.

Er rannte lautlos zur nächsten Straßenlaterne und versteckte sich dahinter, nur ein Dutzend Schritte entfernt vom Kutscher. Er holte ein mit einem Monogramm verziertes Zigarettenetui hervor und schleuderte es in die entgegengesetzte Richtung.

Auf das Geräusch hin drehte der Kutscher sich um und wandte der Laterne den Rücken zu. Genau das hatte Fandorin beabsichtigt. Mit drei Sätzen war er bei der Kutsche, sprang aufs Trittbrett und preßte dem Kutscher den Hals zusammen. Der sackte zusammen, und Fandorin bettete ihn sanft aufs Straßenpflaster, neben die Vollgummiräder.

Von hier aus sah er das Schild über der Tür. »Jossif Baranow. Brillant-, Gold- und Silbererzeugnisse«, las er und murmelte: »Das verstehe ich nicht.«

Er lief zum Schaufenster und blickte hinein – zum Glück waren drinnen mehrere elektrische Taschenlampen angeschaltet worden.

Im Laden war es dunkel, man sah nur Schatten hin und her huschen. Doch plötzlich lag der Raum in unerträglich grellem Licht, ein Feuerregen sprühte nach allen Seiten, und man sah gläserne Theken, hin und her laufende Menschen und eine Tresortür, vor der ein Mann mit einem Schweißapparat neuesten Modells hockte – Fandorin kannte es von einer Abbildung in einer französischen Zeitschrift.

Auf dem Fußboden, gegen die Wand gelehnt, saß ein gefesselter Mann, offenkundig der Nachtwächter: Sein Mund war mit Pflaster zugeklebt, aus einer Kopfwunde rann Blut, seine irren Augen starrten in das teuflische Feuer.

»So w-weit sind die japanischen Agenten also gesunken!« Fandorin drehte sich zu seinem Kammerdiener um. »Steht es in Japan finanziell so schlecht?«

»Die Diener Seiner Majestät lauben nicht«, antwortete Masa, den Blick auf das malerische Bild gerichtet. »Das sind Läuber. Die ›Moskauer Lasanten‹, habe ich in der Zeitung gelesen. Sie fahren mit Auto oder mit Kutsche vor, sie lieben Fortslitt.« Das Gesicht des Japaners erstrahlte in einem Lächeln. »Wie ssön! Herr, ich kann Ihnen helfen!«

Fandorin hatte inzwischen auch begriffen, daß er einem Irrtum aufgesessen war – er hatte simple Warschauer Banditen, die auf Gastspiel in Moskau waren, für Saboteure gehalten. Soviel Zeit sinnlos vergeudet!

Und der Schwarzhaarige, der Reisende aus dem sechsten Coupé, der auf derart verdächtige Weise vom Unglücksort verschwunden war?

Ganz einfach, antwortete Fandorin sich im stillen. In Petersburg wurde vor drei Tagen ein Raubüberfall begangen, alle Zeitungen hatten aufgeregt darüber berichtet. Ein maskierter Unbekannter hatte die Kutsche der Gräfin Woronzowa angehalten, Ihre Erlaucht bis auf den letzten Faden ausgezogen und sie splitternackt, nur mit einem Hut bekleidet, auf der Straße stehenlassen. Das Pikante daran war, daß die Gräfin sich ausgerechnet an diesem Abend mit ihrem Mann überworfen hatte und auf dem Weg in ihr Elternhaus war, und zwar mit ihrem sämtlichen Schmuck. Darum hatten die Männer im Landhaus den Schwarzhaarigen einen »rasanten Kerl« genannt. Er hatte die Sache in Petersburg gedreht und war auch zur Moskauer Aktion rechtzeitig gekommen.

Wäre er nicht so bitter enttäuscht gewesen und so ärgerlich auf sich selbst, würde Fandorin sich um diese kriminelle Angelegenheit nicht gekümmert haben, doch die Wut verlangte nach einem Ventil, und außerdem hatte er Mitleid mit dem Nachtwächter; womöglich würden sie ihn töten.

»Wir fassen sie, wenn sie rauskommen«, flüsterte er seinem Diener zu. »Einen du, einen ich.«

Masa nickte und leckte sich die Lippen. Doch das Schicksal wollte es anders.

»Panowe, Schmiere!« rief einer der Männer – vermutlich hatte er die beiden Schatten vorm Fenster entdeckt.

Im selben Augenblick erlosch die Azetylflamme, und aus dem stockfinsteren Raum wurde ein Schuß abgefeuert.

Fandorin und der Japaner sprangen in perfekter Synchronie beiseite, jeder in eine andere Richtung. Das Schaufenster zersplitterte mit ohrenbetäubendem Klirren.

Aus dem Laden wurde nochmals geschossen, diesmal allerdings vollkommen ins Leere.

»Alle, die rausspringen, gehören dir«, sagte Fandorin rasch.

Geduckt sprang er über das mit Splittern übersäte Fensterbrett und verschwand im dunklen Bauch des Juweliergeschäfts.

Drinnen wurde auf Russisch und Polnisch geflucht, man hörte kurze, peitschende Schläge, und hin und wieder erhellte ein Mündungsfeuer das Ladeninnere.

Nun kam ein Mann mit karierter Mütze aus dem Laden gestürmt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Masa stellte ihm ein Bein, setzte den Flüchtigen mit einem Schlag in den Nacken außer Gefecht, fesselte ihn rasch und schleppte ihn zu den Kutschen, wo bereits der von Fandorin betäubte Kutscher lag.

Kurz darauf kam der Nächste aus dem Schaufenster gesprungen und rannte los, ohne nach links und rechts zu schauen. Der Japaner holte ihn mühelos ein, packte ihn am Handgelenk und verdrehte es ein wenig – der Räuber jaulte auf und krümmte sich.

»Ganz luhig«, sagte Masa zu dem Gefangenen, band ihm rasch die Handgelenke an den Waden fest, trug ihn zu den beiden anderen und kehrte auf seinen Posten zurück.

Der Lärm im Laden war verstummt. Masa hörte Fandorin sagen: »Eins, zwei, drei, vier … Wo ist denn der fünfte … Ah, da ist er ja – fünf. Masa, wieviel hast du?«

»Drei.«

»Stimmt.«

Fandorin tauchte in dem mit gezackten Scherben gespickten Fensterrahmen auf.

»Lauf zum Depot, hol die Gendarmen. Aber schnell, sonst k-kommen die wieder zu sich, und das Ganze geht von vorne los.«

Der Diener rannte in Richtung Nowo-Basmannaja.

Fandorin band inzwischen den Nachtwächter los und klopfte ihm auf die Wangen, damit er wieder zu sich kam. Doch er wollte partout nicht – er brummte, kniff die Augen zusammen und wurde von einem trockenen Schluckauf geschüttelt. Ein Schock, wie Mediziner diesen Zustand nennen.

Während Fandorin ihm die Schläfen massierte und den Nervenknotenpunkt unter dem Schlüsselbein betastete, kam Bewegung in die betäubten Räuber.

Ein Hüne, der erst vor fünf Minuten einen mächtigen Tritt gegen das Kinn kassiert hatte, setzte sich auf und schüttelte den Kopf. Fandorin mußte von dem Nachtwächter lassen und dem Auferstandenen einen Nachschlag verpassen.

Kaum war der mit der Nase auf dem Fußboden gelandet, als der Nächste zu sich kam – er erhob sich auf alle viere und kroch rasch zur Tür. Fandorin stürzte ihm nach und betäubte ihn erneut.

In einer Ecke regte sich indessen der dritte, und draußen, wo Masa sein Ikebana arrangiert hatte, stand auch nicht mehr alles zum besten: Im Licht der Straßenlaterne sah Fandorin, daß der Kutscher versuchte, mit den Zähnen den Knoten am Ellbogen seines Komplizen zu lösen.

Fandorin fühlte sich wie ein Zirkusclown, der mehrere Bälle in die Luft geworfen hat und nun nicht weiß, wie er mit ihnen fertig werden soll – hob er einen auf, purzelten schon die nächsten herunter.

Er rannte in die Ecke. Der dunkelhaarige Bandit (vielleicht gar der bewußte Jusek?) war nicht nur zu sich gekommen, er hatte bereits ein Messer gezogen. Fandorin versetzte ihm einen Hieb und zur Sicherheit noch einen, und er legte sich hin.

Und nun schnell zu den Kutschen – bevor die drei abhauen konnten.

Verdammt, wo blieb nur Masa?

 

Fandorins Kammerdiener war gar nicht bis zu Danilow gelangt, der mit seinen Leuten hilflos vor dem Haus der Warwarin-Gesellschaft herumstand.

Gleich an der ersten Ecke hatte sich ein flinker Mann vor ihn geworfen, zwei weitere hatten sich auf ihn gestürzt und ihm die Arme verdreht. Masa knurrte und versuchte sogar zu beißen, doch sie hatten einen festen, professionellen Griff.

»Jewstrati Pawlowitsch! Wir haben einen! Ein Chinese! Sag schon, Chinese, wo ist die Schießerei?«

Sie zogen Masa am Zopf, und die Perücke fiel ab.

»Er ist verkleidet!« rief dieselbe Stimme triumphierend. »Ein Schlitzauge, ein Japaner! Ein Spion, Jewstrati Pawlowitsch!«

Ein weiterer Mann kam heran, mit einer Melone auf dem Kopf. Er lobte die Männer: »Gut gemacht!«

Dann beugte er sich zu Masa hinunter.

»Guten Tag, Euer japanische Wohlgeboren. Ich bin Hofrat Mylnikow, Polizeidepartement, Sonderabteilung. Wie ist Ihr Name, Ihr Rang?«

Der Festgenommene wollte dem Hofrat einen heftigen Fußtritt gegen das Schienbein versetzen, schaffte es aber nicht. Er fluchte zischend auf Ausländisch.

»Aber warum denn schimpfen«, sagte Mylnikow aus sicherem Abstand tadelnd. »Man hat Sie erwischt, also maulen Sie nicht. Sie sind gewiß ein Offizier aus dem japanischen Generalstab, von Adel, nicht wahr? Ich bin ebenfalls adlig. Also, von Ehrenmann zu Ehrenmann: Was hatten Sie hier vor? Was ist das für eine Schießerei und für ein Gerenne? He, Kassatkin, leuchte mir mal!«

Im gelben Lichtkreis erschien ein wutverzerrtes Gesicht mit schmalen Augen und ein glänzender Bürstenhaarschnitt.

Mylnikow stammelte verwirrt: »Das ist doch … Guten Tag, Herr Masa …«

»Lange nicht gesehen«, zischte Fandorins Kammerdiener.

Dritte Silbe,
in welcher Rybnikow
in die Klemme gerät

In den letzten Monaten hatte Rybnikow (nunmehr Stan) ein hektisches, aufreibendes Leben geführt, Hunderte von Dingen am Tag erledigt und höchstens zwei Stunden täglich geschlafen (die ihm übrigens vollkommen genügten, er erwachte stets frisch und munter). Doch das Glückwunschtelegramm, das er am Morgen nach dem Unglück auf der Tesoimenitski-Brücke erhalten hatte, entband den Stabskapitän von der Routinearbeit und erlaubte ihm, sich ganz auf seine beiden wichtigsten Aufträge zu konzentrieren, die er seine »Projekte« nannte.

Alles, was im Vorfeld getan werden mußte, hatte der frischgebackene Reuter-Korrespondent in den ersten beiden Tagen erledigt.

Für die Vorbereitung des wichtigsten Projekts (dabei ging es um die Übergabe einer großen Partie gewisser Waren) mußte er lediglich dem Empfänger mit dem übermütigen Decknamen Drossel per innerstädtischer Post einen Brief schicken: Erwarten Sie die Lieferung in den nächsten ein, zwei Wochen, alles übrige wie abgesprochen.

Auch das andere Projekt, das zweitrangig, aber ebenfalls von großer Bedeutung war, erforderte keinen großen Aufwand: Außer den bereits erwähnten Telegrammen nach Samara und Krasnojarsk benötigte Rybnikow zwei dünne Glasspiralen, die er nach einer mitgebrachten Zeichnung in einer Glasbläserwerkstatt anfertigen ließ, wobei er dem Auftragnehmer vertrauensvoll zuflüsterte, es handele sich um Teile einer Schnapsbrennapparatur für den Hausgebrauch.

Aus alter Gewohnheit oder sozusagen als Reminiszenz an sein hektisches Petersburger Leben lief Rybnikow noch ein, zwei Tage durch Moskauer Militäreinrichtungen, wo sein Korrespondentenausweis ihm den Zugang zu einigen gut informierten Persönlichkeiten verschaffte – bekanntlich hat man bei uns in Rußland eine Schwäche für die ausländische Presse. Der selbsternannte Reporter verschaffte sich interessante Informationen, darunter auch fast geheime, die, richtig verknüpft und analysiert, gänzlich geheimen Charakter erlangten. Dann jedoch besann sich Rybnikow und stellte jegliche Interviews ein. Verglichen mit der Wichtigkeit der ihm anvertrauten Projekte war das alles Kleinkram, nicht wert, deswegen ein Risiko einzugehen.

Rybnikow zwang sich, seinen ausgeprägten Aktionstrieb zu unterdrücken und mehr Zeit zu Hause zu verbringen. Geduld und Untätigkeit sind eine schwere Prüfung für jemanden, der normalerweise keinen Augenblick stillsitzt, doch Rybnikow meisterte auch das mit Bravour.

Aus dem energiegeladenen Mann wurde schlagartig ein Sybarit, der stundenlang im Sessel am Fenster saß und im Morgenrock in der Wohnung herumlief. Sein neuer Lebensrhythmus paßte wunderbar zum Tagesablauf der fröhlichen Bewohnerinnen des Pensionats, die erst gegen Mittag aufstanden und bis sieben Uhr abends mit Lockenwicklern und in Pantoffeln herumliefen. Rybnikow freundete sich auf Anhieb mit ihnen an.

Am ersten Tag waren die jungen Damen ihm gegenüber nochscheu und machten ihm schöne Augen, doch rasch verbreitete sich das Gerücht, er sei Beatrices Liebster, woraufhin die Anbändelungsversuche sofort aufhörten. Am zweiten Tag war »Wassenka« bereits der allgemeine Liebling. Er schenkte den Mädchen Pralinen, hörte sich interessiert ihre Flunkereien an, ja, er klimperte sogar auf dem Klavier und sang mit angenehmem, ein wenig süßlichem Tenor gefühlvolle Romanzen.

Der Umgang mit den Mädchen war für Rybnikow in der Tat ein Gewinn. Ihr Geschwätz, richtig gelenkt, war nicht weniger nützlich als das riskante Herumrennen nach angeblichen Interviews. Das Etablissement der Gräfin Bovada hatte einen guten Ruf und wurde von hochgestellten Herren besucht. Manchmal besprachen sie im Salon dienstliche Angelegenheiten und ließen anschließend, im Séparée, mitunter hochinteressante Andeutungen fallen. Vermutlich glaubten sie, daß die hohlköpfigen Mädchen ohnehin nichts verstanden. Zwar war keine der jungen Damen eine Sofja Kowalewskaja, aber sie alle hatten ein gutes Gedächtnis und verbreiteten leidenschaftlich gern Klatsch.

So halfen die Teestunden am Klavier Rybnikow nicht nur, die Zeit totzuschlagen.

Leider konzentrierte sich die Phantasie der jungen Damen in der ersten Zeit der freiwilligen Klausur des Stabskapitäns völlig auf eine Sensation, von der die ganze altehrwürdige Metropole sprach. Die Polizei hatte endlich die berühmte Bande der »Rasanten« gefaßt. Darüber wurde in Moskau mehr geschrieben und gesprochen als über Tsushima. Es war bekannt, daß zur Ergreifung der dreisten Räuber eigens ein Spezialtrupp der besten Detektive aus Petersburg geschickt worden war – das schmeichelte den Moskauern.

Im Pensionat wußten alle, daß einer der »Rasanten«, ein schöner Pole, häufig die rothaarige Manon mit dem Spitznamen »Waffel« besucht hatte; darum trug Waffel nun schwarz, tat geheimnisvoll und wurde von den anderen Mädchen beneidet.

In diesen Tagen ertappte Rybnikow sich mehrfach dabei, daß ihm seine Reisegefährtin in den Sinn kam – vielleicht, weil die Lidina das genaue Gegenteil der sentimentalen, aber im Grunde herzlosen Bewohnerinnen des Pensionats Saint-Saëns war. Er mußte daran denken, wie Glikerija zur Notbremse gestürzt war oder wie sie, die Lippen zusammengebissen, mit einem Streifen aus ihrem Kleid das blutende Bein eines Verletzten verband.

Verwundert über sich selbst, verscheuchte der Einsiedler diese Bilder, denn sie hatten nicht das geringste zu tun mit seinem Leben und seinen jetzigen Interessen.

Um sich Bewegung zu verschaffen, machte er Spaziergänge durch die Boulevards – bis zur Erlöserkirche und zurück. Da er Moskau nicht sonderlich gut kannte, war er ungemein erstaunt, als er zufällig den Namen der Straße las, die von der berühmten Kirche schräg aufwärts führte.

Sie hieß »Ostoshenka«.

»Das Bomse-Haus in der Ostoshenka«, glaubte Rybnikow die sanfte Stimme mit den prononcierten Petersburger Konsonanten zu hören.

Er ging die mit prächtigen Häusern bebaute Asphaltstraße hinauf, besann sich aber rasch und kehrte wieder um.

Dennoch machte er es sich fortan zur Gewohnheit, wenn er das hufeisenförmige Ende des Boulevards erreicht hatte, einen kleinen Bogen über die Ostoshenka zu laufen. Dabei kam er auch am Bomse-Haus vorbei – einem eleganten dreistöckigen Gebäude. Vom Müßiggang ungewohnt entspannt, gestattete er sich, wenn er die schmalen Wiener Fenster betrachtete, kleine Träumereien von Dingen, die niemals und unter keinen Umständen geschehen durften.

Und eines Tages passierte es.

Am fünften Tag seiner Spaziergänge wurde der falsche Reporter, der mit seinem Spazierstock die Ostoshenka zur Lesnoi-Durchfahrt hinauflief, aus einer Droschke angerufen: »Wassili Alexandrowitsch! Sind Sie es?«

Die Stimme klang hell und freudig.

Rybnikow erstarrte geradezu und verfluchte sich innerlich für seinen Leichtsinn. Er drehte sich langsam um und mimte Erstaunen.

»Wo sind Sie denn abgeblieben?« zwitscherte die Lidina empört. »Sie sollten sich schämen, Sie hatten es doch versprochen! Warum sind Sie in Zivil? Ein ausgezeichnetes Jackett, das kleidet Sie viel besser als der scheußliche Uniformrock! Wie ist die Sache mit den Zeichnungen ausgegangen?«

Die letzte Frage stellte sie, nachdem sie aufs Trottoir heruntergesprungen war, im Flüsterton.

Rybnikow drückte behutsam die schmale Hand im Seidenhandschuh. Er war verwirrt, was ihm selten widerfuhr – eigentlich nie.

»Schlecht«, brachte er schließlich hervor. »Ich muß mich verstecken. Darum bin ich in Zivil. Und darum bin ich auch nicht gekommen … Von mir hält man sich im Moment besser fern.« Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, warf er einen Blick über die Schulter und senkte die Stimme. »Fahren Sie lieber weiter, und ich gehe meiner Wege. Wir sollten keine Aufmerksamkeit erregen.«

Die Lidina wirkte erschrocken, rührte sich aber nicht von der Stelle.

Sie blickte sich ebenfalls um und flüsterte ihm ins Ohr: »Kriegsgericht, ja? Und dann – Zwangsarbeit? Oder … Oder Schlimmeres?«

»Schlimmeres.« Er rückte ein wenig ab. »Tja, nichts zu machen, ich bin selber schuld. In jeder Hinsicht. Wirklich, meine Liebe, ich gehe jetzt besser.«

»Um nichts auf der Welt! Ich lasse Sie doch nicht im Stich! Sie brauchen bestimmt Geld? Ich habe welches. Eine Zuflucht? Ich lasse mir etwas einfallen. Mein Gott, was für ein Unglück!« In ihren Augen schimmerten Tränen.

»Nein, vielen Dank. Ich wohne bei … bei meiner Tante, der Schwester meiner seligen Mutter. Ich brauche nichts. Sie sehen ja, wie ich rausgeputzt bin … Wirklich, man schaut bereits auf uns.«

Die Lidina griff nach seinem Arm.

»Sie haben recht. Steigen Sie in die Droschke, wir klappen das Verdeck hoch.«

Widerstand war zwecklos – er wußte bereits, daß sie stets ihren Kopf durchsetzte. Bemerkenswerterweise war Rybnikows eiserner Wille in diesem Augenblick wenn nicht geschwächt, so zumindest zeitweise abgelenkt, und er setzte mechanisch den Fuß aufs Trittbrett.

Sie fuhren durch Moskau und redeten über dies und das. Das geschlossene Verdeck verlieh auch dem harmlosesten Thema eine Intimität, die Rybnikow erschreckte. Mehrfach war er entschlossen, an der nächsten Ecke auszusteigen, aber es gelang ihm nicht.

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