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Die Dame in Gold

Über Valérie Trierweiler

Valérie Trierweiler, geboren 1965, studierte Geschichte und Politikwissenschaften in Paris und arbeitet seitdem als Journalistin. »Die Dame in Gold« hat in der französischen Presse für viel Aufsehen gesorgt.

Barbara Reitz absolvierte ihr Studium am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Uni Heidelberg. Seit 30 Jahren übersetzt sie hauptsächlich aus dem Französischen, aber auch aus dem Spanischen und Englischen. Sie übertrug u.a. Elena Sender und María Dueñas ins Deutsche.

Eliane Hagedorn studierte Germanistik an der LMU München und Französisch an der Sorbonne. Sie übersetzt seit 30 Jahren aus dem Französischen und lebt in Deutschland und Frankreich. Sie übertrug u.a. Guillaume Musso und Marc Levy ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Wien, 1903: Adele ist jung, unangepasst und neugierig. In ihrem Salon treffen sich die Künstler der Avantgarde, und hier begegnet sie zum ersten Mal Gustav Klimt. Sofort ist sie fasziniert, von seinem Genie, aber auch seinem unangepassten Lebensstil. In den unzähligen Stunden, in denen Adele ihm in seinem Atelier Modell sitzt, entwickelt sich zwischen ihnen eine innige Liebe. Ihm hat sie zu verdanken, dass sie nach dem tragischen Tod ihres Sohnes wieder ins Leben findet. Für Gustav ist sie die Lebensliebe und die Muse, die sein Schaffen wie keine andere Frau geprägt hat.

Valérie Trierweiler

Die Dame in Gold

Roman

Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Barbara Reitz

»Er [der Sommer] kommt doch.
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge, so sorglos still und weit.«

Rainer Maria Rilke,
Briefe an einen jungen Dichter

1.
Das Rehkitz

Es ist der vierte Oktober des Jahres 1904 und der schönste Tag ihres Lebens. Adele wacht auf, sie hat erstaunlich gut geschlafen. Die Bettwäsche verströmt einen köstlich frischen Duft, offenbar wurde sie gewechselt, ohne dass sie sich daran erinnert. Ihr Blick wandert durch das Schlafzimmer, es ist, als sähe sie es zum ersten Mal. Alles in ihr ist so anders.

Natürlich spürt sie noch die Folgen der Entbindung, nur mit Mühe kann sie sich bewegen oder zu der weißen Wiege drehen. Aufzustehen scheint ihr unmöglich. Doch all das zählt nicht, sie will ihr Kind sehen. Sie will es endlich wieder in ihren Armen halten, den kleinen warmen Körper an ihre Brust drücken. Sie hat darum gebeten, ihn nicht zu fest zu wickeln. Der Kontakt mit seiner zerknitterten weichen Haut fehlt ihr. Genauso wie sein hübsches kleines Gesichtchen – wie sehr er Karl ähnelt, ihrem Lieblingsbruder. Sie hatte noch gar nicht genug Zeit, es zu bewundern.

Aus der Wiege ist kein Laut zu hören. Mühsam richtet sie sich auf und schaut zu dem kleinen Bettchen hinüber, aber es ist leer. Sicher hat die Hebamme den Kleinen zu sich genommen, um seine Windeln zu wechseln. Auch sie müsste man umkleiden, sie hat viel Blut verloren. Adele greift nach der Glocke und läutet, mit viel mehr Ungeduld als zuvor. Sofort erscheint ihre Kammerzofe.

»Hannah, ich möchte, dass man mir den Kleinen bringt.«

Die junge Frau senkt den Blick.

»Ich sage Bescheid, gnädige Frau, ich sage Bescheid«, erwidert sie zögernd.

Dann huscht sie mit abgewandtem Kopf aus dem Zimmer. Adele wartet. Sie kann es kaum erwarten, ihren Sohn in die Arme zu schließen. Sie will nicht mehr an das Unglück des letzten Jahres denken. Zwar wird Fritz seine kleine, totgeborene Schwester niemals ersetzen können. Aber nun ist er da, und sie ist bereit, ihm die ganze Liebe zu schenken, die sich seit damals in ihr angestaut hat. Nie wird sie den 24. Februar vergessen. Sie ist vor Kummer fast vergangen. Weder der Arzt noch die Hebamme hatten zugelassen, dass sie das tote Kind sah. Schlimmer noch, ihre Kleine erhielt weder einen Vornamen noch ein Grab. Von einer Fehlgeburt war die Rede, dabei war sie schon längst über den sechsten Monat hinaus. Stundenlang hat sie an diesem Tag zugesehen, wie der Schnee fiel, alles war eisig. Draußen ebenso wie in ihrer Seele.

Aber nun darf sie nicht in diesem Unglück verharren, sondern wird sich um ihn kümmern, schon gleich wird sie ihn wieder an sich drücken und mit Küssen überhäufen können. Ein wenig sorgt sie sich, weil er so schmächtig ist, aber er wird sicher bald an Gewicht zunehmen. Und auch Adele will sich schnell von dieser schier endlosen Geburt erholen. Stundenlang hatte ihr die Hebamme befohlen zu pressen. Sie hatte schon gedacht, sie würde es nie schaffen. Ganz so, als fühlte sich dieser kleine Schlingel so wohl in ihrem Bauch, dass er nicht herauskommen wollte. Als sei er noch nicht bereit, Bekanntschaft mit seiner Mutter zu machen.

Dabei wünscht sie sich in diesem Moment nichts sehnlicher als das. Wo bleiben sie bloß mit meinem Baby?

Ungeduldig greift sie erneut nach der Glocke und läutet.

Diesmal betritt ihre ältere Schwester Therese das Schlafzimmer.

»Meine liebste Thedy, ich freue mich, dich zu sehen, aber du bist zu früh dran. Sie haben mir meinen Sohn noch nicht gebracht. Dabei möchte ich ihn dir so gerne vorstellen.«

Es ist das erste Mal, dass sie es laut ausspricht: »mein Sohn«. In dem Moment, als ihr die Worte über die Lippen kommen, hallen sie in ihrem Inneren wider und lösen eine Welle von Glück und Stolz aus. Sie hat jetzt nicht nur ein Kind, sondern sogar einen Sohn: Fritz Bloch. Er wird einmal Großes vollbringen. Anders geht es gar nicht, sie hat ihm so viel Liebe zu schenken.

Therese tritt an ihr Bett, ihr stehen Tränen in den Augen.

»Aber Thedy, warum weinst du? Ich bin so glücklich. Du wirst sehen, wie schön Fritz ist, er ist wundervoll, und er ähnelt Karl! Sein Mund ist ebenso fein gezeichnet. Los, du kannst mir gratulieren!«

Die große Schwester schließt die kleine in die Arme. Ihr entweicht ein herzzerreißendes Schluchzen. Adele versteht Thereses Rührung. Sie war damals so traurig gewesen, als ihr kleines Mädchen sich sogleich in einen Engel verwandelt hatte.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal so glücklich sein könnte. Kannst du dir vorstellen, was das für eine Freude wird, wenn Fritz erst einmal mit seinen Cousins spielen kann?«

»Adele, Liebes, es ist furchtbar. Fritz, er ist von uns gegangen, er …«

Thereses Stimme bricht, vor lauter Schluchzen schafft sie es nicht, den Satz zu vollenden.

Adele erstarrt, kein Ton kommt über ihre Lippen, selbst ihr Atem scheint stillzustehen.

Therese drückt die Hand ihrer Schwester und verlässt dann wortlos den Raum.

Ferdinand hat vor der Tür gewartet, seine Augen sind geschwollen und gerötet. Auch er weiß nicht, wie er sich verhalten, welche Worte er finden soll angesichts dieses Unglücks.

»Sein Herz hat einfach aufgehört zu schlagen, es war nichts mehr zu machen, mein Liebling. Unser kleiner Fritz ist nun bei seiner Schwester«, sagt er schließlich. »Vielleicht war es eine Hirnhautentzündung, die Ärzte werden es uns bald sagen können.«

Ferdinand will seine Frau in den Arm nehmen, sie lässt es völlig apathisch über sich ergehen. Wie kann das sein? Sie hat dieses Kind doch gesehen. Hat seinen Atem an ihrer Brust gespürt, seine Haut gestreichelt, den blonden Flaum auf seinem runden Kopf geküsst und seine kleinen hübschen Füßchen. Sie hat die Finger und die Zehen gezählt, sich davon überzeugt, dass nichts fehlt. Sie hat sein Schreien gehört. Fritz war perfekt. Er war das Kind ihrer Träume.

***

Seit sie von Fritz’ Tod erfahren hat, ist Adele verstummt. Nur ab und an kommt ein Stöhnen über ihre Lippen, wie um dem übergroßen Leid Luft zu machen. Sie hat sich in ihren Schmerz zurückgezogen, verharrt in einem Zustand des Schocks. Sie weigert sich, ihr Zimmer zu verlassen, ihr Blick ist unverwandt auf die Tür geheftet, als könnte noch ein Wunder passieren, als könnte die Kammerzofe jeden Moment mit Fritz im Arm erscheinen, um ihn ihr an die Brust zu legen.

Adele reagiert weder auf Ferdinand noch auf Therese. Auch ihrer Mutter gelingt es nicht, sie zu trösten, obwohl sie lange mit ihr gesprochen, ihr gesagt hat, dass sie diesen tiefen Kummer, der auf den Tod eines Kindes folgt, aus eigener Erfahrung kennt und wisse, dass es keine andere Wahl gäbe, als der Tatsache ins Auge zu sehen.

Es ist das erste Mal, dass Adele weint, lautlos rinnen ihr Tränen über die Wangen und vermischen sich mit denen ihrer Mutter, während ihre Gesichter eine lange Weile aneinandergeschmiegt bleiben.

Die Trauer hält Adele gefangen, sie versinkt in ihr. Warum ist nicht sie bei der Geburt gestorben? Dann wären sie gemeinsam entschwunden, anderswo oder nirgendwo hin, das ist ihr egal, Hauptsache, sie wäre diesem Schmerz entkommen. Bei diesem Gedanken breitet sich Panik in ihr aus, sie ringt nach Luft, will sterben. Es bleibt ihr kein anderer Ausweg, nur der Tod kann sie befreien.

Hannah versucht sie mit größtmöglicher Sanftheit zu überreden, ihr Bett zu verlassen – und sei es auch nur kurz, um es neu zu beziehen. Schließlich gelingt es ihr, Adele ins Bad zu begleiten. Dort setzt sie sie in einen Korbsessel, schiebt vorsichtig das ehemals weiße, fein bestickte Baumwollnachthemd hoch und beginnt, sie zu waschen.

Adele starrt teilnahmslos vor sich hin und lässt sie gewähren. Dann wird ihr mit einem Mal bewusst: Sie ist nicht in der Lage, ein Kind zu haben. Sie schenkt nicht, wie andere, Leben, sondern gebiert nur den Tod. Von Scham übermannt, lässt sie ihren Kopf auf die Rückenlehne des Sessels sinken.

Nachdem sie mit einem sauberen Nachthemd in das frisch bezogene Bett zurückkehrt, hat Adele gerade noch die Kraft, einige Schluck Tee zu trinken, bevor sie wieder in ihre Trance verfällt, den Blick starr auf das Gemälde des deutschen Meisters gerichtet, das ihr Vater dem jungen Paar kürzlich geschenkt hat und das ein trauriges Mädchengesicht zeigt. Alles ist in dunklen Tönen gehalten, und doch ist das Kind voller Licht.

***

Adele lässt nur drei Besucher zu – ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Mann. Ferdinand hat Mühe, die richtigen Worte zu finden, doch er zeigt ihr immer wieder seine tiefe Zuneigung. Für seine große Liebe zu ihr ist es letztlich nicht entscheidend, ob sie ein Kind haben oder nicht. Doch sobald er darüber spricht, wird Adele von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt, die durch nichts zu beruhigen sind. Sie wendet sich ab, vergräbt das Gesicht in ihrem Kissen, möchte verschwinden. Nichts mehr sehen, nicht mehr gesehen werden. Nicht mehr leben.

Allein in Thereses Armen findet sie Trost. Sie weiß es zu schätzen, dass Thedy nicht versucht, ihren Schmerz herunterzuspielen.

Auch zwei Tage später weigert sich Adele noch hartnäckig, aufzustehen. Sie liegt zusammengekrümmt auf der rechten Seite, dicht am Rand des Bettes. Ihr Sohn hat nicht einmal vierundzwanzig Stunden gelebt. Er ist am dritten abends auf die Welt gekommen und hat sie am Morgen des vierten dieses verdammten Monats Oktober wieder verlassen. Wie ist das möglich?

Obwohl sie kleine Kinder hat, verbringt Therese die meiste Zeit bei ihrer Schwester. Immer wieder fährt sie vom 1. Bezirk, wo sie mit ihrem Mann Gustav Bloch, Ferdinands Bruder, lebt, in die Schwindgasse im 4. Bezirk zum Haus von Adele und ihrem Gemahl. Ihr Kutscher könnte mittlerweile den Weg im Schlaf zurücklegen, genau wie die beiden Pferde, die ihr Kabriolett ziehen.

Vor ihr und Ferdinand steht die schwere Aufgabe, mit Adele über die Beerdigung zu sprechen. Sie findet am übernächsten Tag statt, man konnte sie nicht länger hinausschieben. Der kleine Körper ist ins Leichenschauhaus des Hospitals überführt worden. Ferdinand hat noch am selben Tag eine Todesanzeige aufgegeben. Vor allem, um zu verhindern, dass Glückwünsche eintreffen, dennoch haben nicht alle die furchtbare Neuigkeit erfahren. Hannah musste zwei riesige, bunte Blumensträuße verschwinden lassen, die am Vortag geliefert worden waren. Die Absender, die zu Ferdinands Kundenkreis gehören, hatten überstürzt gratuliert. Mit dem Tod des Kindes hatten sie nicht gerechnet. Niemand hätte das.

Ferdinand erwartet Therese im Vestibül.

»Wie geht es ihr heute?«

»Es gibt noch keine Fortschritte. Doktor Bruden war heute Morgen da. Sie hat ihm nur einsilbig geantwortet, und er denkt über eine Behandlung nach.«

Ferdinand scheint die Last der gesamten Welt auf seinen Schultern zu tragen. Er, der sonst so sehr mit seinen Geschäften befasst ist, hat die Wohnung seit Tagen nicht verlassen. Er will bei Adele bleiben, er befürchtet, sie könnte ihrem Leben ein Ende setzen. Im Grunde ist es ihm lieber, sie reglos in ihrem Bett zu wissen als auf den Straßen von Wien. Hunderte Male hat er sich vorgestellt, sie könne sich in den Kanal stürzen. Er, der sonst so tief und fest schläft, hat seit drei Nächten kein Auge mehr zugetan. Sobald er die mittlerweile tief geränderten Augen schließt, sieht er Fritz, Adele, den Tod vor sich. In den Morgenstunden hat ein furchtbarer Alptraum ihn aus einem kurzen Schlummer gerissen. Das Wasser des Kanals färbte sich blutrot. Alles war blutrot, überall in Wien. Selbst der in seiner Manufaktur hergestellte Zucker hatte einen karmesinroten Ton angenommen. Ferdinand klopft an die Tür von Adeles Schlafzimmer und tritt, ohne eine Antwort abzuwarten, gefolgt von Therese, ein. Sie nehmen zu beiden Seiten des Bettes Platz.

Ferdinand ergreift die Hände seiner Frau.

»Adele, wir müssen Fritz’ Beisetzung planen, was stellen Sie sich vor?«

Seine Frau antwortet nicht, stattdessen lösen sich zwei dicke Tränen von ihren geschlossenen Lidern.

Nun wagt sich Therese vor:

»Wir brauchen dich. Du musst uns sagen, welche Zeremonie du dir vorstellst.«

Zum ersten Mal seit drei Tagen spricht Adele. Ihre Stimme ist tonlos, der Blick verliert sich im Nichts. Um sie herum gibt es nur schwindelerregende Leere.

»Ich will weder eine Zeremonie noch einen Trauerzug. Wir tragen ihn ohne Trauergäste zu Grabe. Nur mein Vater und meine Mutter, Gustav und du. Nur wir. Wozu sollen Gebete gut sein, jetzt, wo er tot ist?

Ich will das nicht. Ich glaube an nichts mehr. Ich will einen weißen Stein, das ist alles. Und ich will, dass er im interkonfessionellen Teil des Zentralfriedhofs begraben wird.«

Adele verbirgt ihr Gesicht hinter den Händen.

»Aber nein, mein Liebling, Fritz muss bei unserer Familie auf dem jüdischen Teil die letzte Ruhe finden.«

»Wozu, Ferdinand? Hat es ihn gerettet, dass er Jude war? Hat die Religion mir geholfen? Diese oder eine andere? Ich glaube nichts mehr, werde nie mehr glauben.«

Ihre Stimme erstirbt. »Lasst mich jetzt. Lasst mich allein.«

»Adele, ich akzeptiere, dass es keine Zeremonie und keinen Rabbiner gibt. Aber unser Kind wird auf dem jüdischen Teil beigesetzt.«

Noch nie hat Ferdinand einen solch autoritären Ton angeschlagen. Adele weiß, wie glücklich sie ihn macht, wie sehr sie sein zurückgezogenes Junggesellen-Dasein verändert hat. Ihre Fröhlichkeit war eine Bereicherung für ihn, und ihre Neugier und Phantasie haben sein Leben abwechslungsreich und glücklich gemacht. Sie weiß, dass er alles für sie tut, aber jetzt hat sie nicht die Kraft zu kämpfen und stimmt dem jüdischen Friedhof zu, dankbar, dass man ihr wenigstens die Anwesenheit der Wiener Gesellschaft erspart, der Freunde und Bekannten, die sie sonst in ihrem Salon empfängt und die sie nun auf keinen Fall sehen will.

Am nächsten Tag gibt sie Hannahs Drängen nach und legt ein Hauskleid aus bordeauxrotem Samt an. Es gibt ihr wieder etwas von der Anmut und Eleganz zurück, für die sie so berühmt ist. Doch ihr Gesicht ist traurig und erschöpft, sie wirkt beinah verloren in diesem Kleidungsstück, das ihr innerhalb weniger Tage zu groß geworden ist. In nicht einmal vierundzwanzig Stunden wird die Beisetzung stattfinden, um elf Uhr am nächsten Morgen – ihr schaudert vor diesem weiteren entsetzlichen Tag, dem sie sich stellen muss. Zumindest hat Fritz gelebt, versucht sie sich wieder und wieder zu trösten. Ein kurzes Leben, aber dennoch. Nicht wie ihre Tochter, die an einem kalten Winternachmittag, an dem in großen Flocken der Schnee fiel, tot geboren wurde. Dieser einzige Lebenstag hat Adele zur Mutter gemacht.

Adele beschließt, zum Leichenschauhaus zu gehen, sie will unbedingt noch einmal Fritz’ Gesicht sehen. Ferdinand hält sie fest im Arm. Ein letztes Mal legt sie ihre Lippen auf die ihres Sohnes. Ihre Knie geben nach, ihr Mann muss sie jetzt stützen. Mit seinen geschlossenen Augen und dem perfekt gezeichneten Mund sieht Fritz aus wie ein Engel. Er trägt ein besticktes, weißes Kleid, das bis zu seinen Füßen reicht. Das hübsche Köpfchen ist von einem weißen, ebenfalls bestickten Mützchen mit einem Satinvolant bedeckt.

Warum bewegt er sich nicht? Wie sehr will sie noch einmal glauben, dass er gleich aufwacht und die Augen aufschlägt, dass sie den hungrigen Schrei eines Säuglings hören wird. Bei diesem Gedanken spürt sie, wie die einschießende Milch ihre Bluse durchnässt. Auch wenn ihre Brust gewickelt ist, übt die Natur ihr Recht aus. Sie ist Mutter.

Behutsam zieht Ferdinand seine Frau nach draußen. Sie soll nicht dem Einsargen beiwohnen. Nach einem letzten Blick legt Adele einen Teddybären neben den kleinen Leichnam. Dann bleibt ihnen nichts, als nach Hause zu fahren.

***

Am nächsten Tag wartet die Droschke vor dem Haus. Ferdinand hat alles vorbereitet, der Eichensarg steht schon zwischen den Sitzen. Der Trauerzug beschränkt sich auf die Droschke und drei Kutschen, Adele und Ferdinand sind in das mit weißen Blumen geschmückte Gefährt gestiegen, das auch den Sarg transportiert.

So klein, so winzig ist dieser Sarg. Adele hat darauf bestanden, dass die Pferde Schimmel und nicht, wie es sich für eine Beerdigung gehört, Rappen sind.

Franz, der Kutscher, hat sich darum gekümmert, ein Vierergespann für den Tag zu finden. So, wie er sich um vieles andere gekümmert hat, er würde ihr so gerne etwas von ihrem Schmerz abnehmen.

Die Pferde gehen im Schritt, ihre Hufe hallen auf dem Pflaster wider wie Totenglocken, der Weg bis zum Zentralfriedhof im Südosten der Stadt ist weit.

In der nächsten Kutsche hinter ihnen sitzen Adeles Eltern, dann folgen Therese und Gustav Bloch. Nach langem Zögern hatte sich Adele bereit erklärt, die Trauergemeinde auf die nächsten Verwandten auszudehnen. Und so bilden ihre vier Brüder Raphael, Leopold, Eugen und David den Abschluss des Zuges.

Sie brauchen fast eineinhalb Stunden, um den Zentralfriedhof zu erreichen. Der Kutscher war schon am Vortag da, um sich den Platz anzusehen, an dem das Kind beigesetzt werden soll. Er wollte nicht das Risiko eingehen, das Grab später suchen zu müssen.

Der Friedhof ist riesig und von sich immer wieder kreuzenden, breiten Wegen und Alleen durchzogen. Ein schöner Ort, an dem man sich fast wohl fühlen könnte. Aber bald wird es mehr Tote als Lebende in Wien geben.

Die Wagen fahren nun in diese »Totenstadt« ein, wie die Wiener ihren Friedhof nennen, und die Geschwindigkeit verlangsamt sich auf den breiten Waldwegen noch weiter. Auch andere Familien geleiten ihre Nahestehenden zu Grabe, aber sicher keiner ein so kleines Kind. Sie brauchen noch fast fünfzehn Minuten, um den Ostteil zu erreichen. Vor dem jüdischen Teil halten die Kutschen an. Der Rest des Weges wird zu Fuß zurückgelegt. Der Himmel ist blau, die goldenen Blätter der Baumkronen spielen mit den gleißenden Sonnenstrahlen.

Zwei Männer in dunklen Anzügen heben den Sarg aus der Droschke und tragen ihn mit solcher Leichtigkeit, als wäre er leer. Von ihrer Mutter und Ferdinand gestützt, gelingt es Adele kaum, die wenigen Schritte bis zu dem ausgehobenen Grab zurückzulegen.

Jeanette hatte vergeblich versucht, ihre Tochter dazu zu bewegen, einer einfachen Zeremonie zuzustimmen, bei der zumindest das Kaddisch, jenes Gebet für die Toten, gesprochen wird. Und so verläuft alles schweigend.

Alle sind nun vor der Grube versammelt, der Sarg soll jeden Moment hinabgelassen werden.

Dann ist endlich alles vorbei. Adele hat den Eindruck, sich in diesem Moment selbst in einem schwarzen Loch zu befinden. Tränenblind greift sie nach dem Korb mit den weißen Stiefmütterchen. Mit ihren violetten Gesichtlein sehen sie aus wie gemalt. Vorsichtig legt sie sie um den Sarg herum und vor den Grabstein, der bereits die Inschrift trägt: Fritz Bloch 3. Oktober 1904–4. Oktober 1904.

Ihr Blick wandert zu beiden Seiten, sie will wissen, wer die anderen hier beerdigten Kinder sind, die ebenfalls so früh ihr Leben verloren haben. Die Miniaturgrabstätten, in denen sie ruhen, ziehen sich über mehrere Reihen. Sie liest Vornamen, Namen, Daten. Sie ist also nicht allein mit ihrem Schmerz, all die Eltern, die diese unsägliche Prüfung durchstanden haben. Wie haben sie es geschafft weiterzuleben?

Wie soll sie es schaffen? Sie hat ihr Kind verloren, ihren Engel, ihren Kleinen.

Adele sinkt auf die Knie und stützt sich mit den Händen auf dem Boden ab, ein langer Schluchzer dringt aus ihrer Brust und zerreißt die Stille an diesem Ort der ewigen Ruhe.

Therese und Ferdinand eilen zu ihr und richten sie, so schnell sie können, auf. Man lässt sich nicht gehen, nicht einmal in den schlimmsten Momenten, man muss Haltung bewahren. Therese reicht ihr ein Taschentuch, sie wischt sich das Gesicht ab und hebt den Blick. Ferdinands Arm umschlingt sie. Obwohl er kaum größer ist als sie, bilden seine Arme einen tröstlichen Schutzwall.

Langsam hebt Adele den Kopf, ihr Blick fällt auf ein Rehkitz mit hellem Fell, das hinter einem Baum auftaucht und vor einem der Gräber stehen bleibt, so dass man meinen könnte, es sei in Stein gemeißelt. Dann wendet es den Kopf und sieht Adele verwundert an, scheint zu ihr zu sprechen, ehe es im Unterholz verschwindet. Als ob dieses Kitz gekommen ist, um die Seele ihres Sohnes zu holen und ihn ins Jenseits zu führen, damit er anderswo ein neues Leben haben kann. Welch tröstliche Vorstellung. Sie will fest daran glauben, es ist das einzige Mittel, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Mit leiser Stimme bittet sie darum, einen Augenblick allein an Fritz’ Sarg verweilen zu dürfen, um die Zeit zu verlängern, die ihr mit ihm bleibt. Wenn ihr Sohn doch nur noch in ihr wäre, wenn sie seine Bewegungen spüren, die Form seines Fußes unter ihrer Haut erkennen könnte. Am liebsten würde sie ihn aus seinem Grab reißen und mit ihm fliehen. Ihm eine neue Chance geben, woanders geboren zu werden und zu leben. Instinktiv legt sie die Hand auf ihren Bauch. Ferdinand sieht die Geste, begreift sofort und besteht darauf, bei ihr zu bleiben. Er nimmt ihre Hand, wagt es aber nicht, ihren Blick zu suchen.

»Ich werde Sie glücklich machen, Adele, das verspreche ich. Ich verspreche Ihnen, dass ich wieder Farbe auf Ihre Wangen zaubern werde. Glauben Sie mir, denn ich liebe Sie. Sie dürfen nicht das Vertrauen ins Leben verlieren«, flüstert er ihr nach einer Weile des Schweigens zu.

Adele bringt kein Wort heraus. Doch sie drückt sanft seine Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie seine Worte gehört hat.

Schließlich gibt sie erschöpft das Zeichen zum Aufbruch. Der Zug macht sich bereit zur Abfahrt. In außergewöhnlicher Stille verschwindet die Sonne mit ihm.

Wie unendlich lang der Rückweg scheint. Auch wenn die Pferde diesmal traben, will er kein Ende nehmen. Sie müssen durch die gesamte Vorstadt fahren, um die Schwindgasse zu erreichen. Kaum zu Hause angekommen, hat Adele es eilig, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen, allein zu sein und sich ein Laken über den Kopf zu ziehen.

Sie ist noch nicht einmal dreiundzwanzig Jahre alt und blickt auf die Trümmer ihres Lebens, so als gäbe es da nichts mehr aufzubauen.

Welche Zukunft soll aus solch einem Unglück auch erwachsen? Wer versteht sie in diesem Augenblick? Nur ihre Einsamkeit scheint ebenso groß wie ihr Kummer. Und den will sie nähren, ja sogar lieben. Etwas anderes möchte sie nicht. Sie hat am Vortag bekanntgegeben, dass es kein Mittagessen geben wird. Sie fühlt sich noch nicht imstande, die Hausherrin zu spielen. Alle sollen nach Hause fahren, auch ihre Eltern.

***

Die Zeit vergeht mit unglaublicher Langsamkeit. Es wird jetzt früh dunkel, aber das ist egal. Adele verlässt ihr Zimmer nur, um mit Ferdinand zu Abend zu essen, das ist ihm wichtig. Sie will kein aufwendiges Diner, und die Dienstboten verhalten sich äußerst diskret. Das Paar begnügt sich oft mit leichten Speisen, die sie rasch in dem kleinen Esszimmer zu sich nehmen, im gedämpften Schein zweier Öllampen und eines Kerzenleuchters.

Ferdinand bemerkt wohl, dass seine junge Frau sich zwingt, ein paar Bissen zu essen, aber er sieht auch, dass sie jeden Tag etwas tiefer in ihren Schmerz versinkt. Um sie abzulenken, erzählt er ihr von den Neuigkeiten, die es in der Welt gibt, spricht von seinen Geschäften oder einer neuen Oper, die sie gemeinsam anschauen könnten, wenn sie es wünsche. Adele stochert auf ihrem Teller herum, während er sie betrachtet. Seine Gedanken kreisen nur um die eine Frage: »Wann geht es Ihnen besser, Adele?«

Doch da er sie nicht drängen will, hält er diesen Satz zurück, obwohl er ihm auf den Lippen brennt. Manchmal ist er versucht, ihr ein Ultimatum zu stellen, ihr noch drei Monate zu lassen, einen Zeitpunkt zu setzen, ab dem sie sich wieder dem Leben zuwenden muss, aber er weiß, dass man das Ende des Kummers nicht festlegen kann. Also wird er sich gedulden.

Nach wie vor möchte Adele nachts alleine schlafen. Sie ist noch zu müde. Ausgelaugt und erschöpft von der Vorstellung, leben zu müssen. Sie unterdrückt ein Gähnen und entschuldigt sich, dass sie sich jetzt schon zurückzieht. Aber ihre Bücher erwarten sie.

Adele hat sich einige Werke bringen lassen, die auf ihrem Nachttisch liegen, jetzt entscheidet sie sich für Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke. Die Worte scheinen eigens für sie geschrieben zu sein:

Ich glaube, daß fast alle unsere Traurigkeiten Momente der Spannung sind, die wir als Lähmung empfinden, weil wir unsere befremdeten Gefühle nicht mehr leben hören. Weil wir mit dem Fremden, das bei uns eingetreten ist, allein sind; weil uns alles Vertraute und Gewohnte für einen Augenblick fortgenommen ist … Sie haben viele und große Traurigkeiten gehabt, die vorübergingen. Und Sie sagen, daß auch dieses Vorübergehen schwer und verstimmend für Sie war. Aber, bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht vielmehr mitten durch Sie durchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, ob Sie nicht irgendwo, an irgendeiner Stelle Ihres Wesens sich verändert haben, während Sie traurig waren? Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich und töricht behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer kleinen Pause um so furchtbarer aus.

Rilkes Worte sind eine Liebkosung für ihren Schmerz. Zum ersten Mal verspürt sie den Wunsch, einen Absatz in einem Buch zu unterstreichen, mit violetter Tinte markiert sie sorgfältig die gelesene Stelle. Eigentlich ist das nicht ihre Art, normalerweise geht sie viel pfleglicher mit ihren Büchern um. Nie knickt sie eine Seite, sie verabscheut das, empfindet es als Mangel an Ehrerbietung. Als Lesezeichen benutzt sie stattdessen Blätter von Ahornbäumen, Eichen und Kastanien, die sie vorsichtig zwischen Zeitungspapier trocknet. Das hat ihr ihr Vater beigebracht, als sie noch ein Kind war. Wenn sie ein Buch aus dem Regal nimmt, fällt nicht selten ein Blatt heraus, so als würde es sich vom Baum lösen, um dann lautlos auf dem dicken Teppich zu landen.

Bisher hatte sie noch nicht gewagt, an Fritz’ Grab zurückzukehren. Aber ihre Gedanken kreisen ständig um ihn. Sie bedauert, nicht direkt nach seiner Geburt einen Fotografen bestellt zu haben, um eine Porträtaufnahme machen zu lassen, von der sie später ein Gemälde hätte erstellen lassen können. Ihre größte Angst ist, dass die Zeit die Erinnerung an seine Züge auslöschen könnte. Was wäre, wenn sie sich nicht mehr auf sein kleines Gesichtchen besinnen kann, auf den zarten Mund, die feine Nase, die mandelförmigen Augen? Dann hätte sie ihn für immer verloren. Seine Geburt würde abstrakt werden.

Niedergeschlagen öffnet sie die Schublade der Kommode, in der sie sorgsam die Babywäsche für die ersten Tage verstaut hat. Hannah hat sie in Seidenpapier eingewickelt. Adele ergreift das Päckchen, löst das Band, schlägt dann vorsichtig die Kanten des Papiers auseinander und liebkost die winzigen weißen Kleidungsstücke, es ist, als könne sie so Fritz’ weiche Haut spüren. Ihr steigen die Tränen in die Augen, schnell legt sie die Anziehsachen in ihr Versteck zurück. Dort, wo Ferdinand nie danach suchen würde.

Er und die anderen führen nur ein einziges Wort im Mund: die Zeit. Die Zeit, die alle Wunden heilt und alles vergessen macht. Aber sie haben keine Ahnung.

»Hannah, erzähl mir, wie Fritz war. Fandest du ihn schön?«

»Ja, gnädige Frau, er war sehr schön. Aber jetzt ist er ein Engel, und man muss ihn dort lassen, wo er nun ist. Er ist nicht allein.«

Adele insistiert nicht. Niemand kann sie verstehen.

***

In Wien ist es Winter geworden. Es ist so kalt, dass Adele erst recht keinen Anlass sieht, das Haus zu verlassen. Allein der Anblick der Eisblumen am Fenster lässt sie zittern. Als sie sich das letzte Mal bereit erklärt hat, Therese zu besuchen, hat sie sich während der Kutschfahrt eine Erkältung zugezogen. Sie ist noch nicht wieder genügend bei Kräften. Ferdinand hat notgedrungen seine Reisen nach Böhmen wieder aufgenommen. Er muss sich um seine Manufakturen kümmern. Der Leiter seiner Fabrik in Choprin in Mähren möchte fünfzehn neue Arbeiter einstellen. Und nun will Ferdinand sich überzeugen, dass diese Maßnahme wirklich nötig ist. Ansonsten ist auch er häufig daheim. Seit dem Unglück ist er nicht mehr zur Jagd gegangen, denn Adele hat mehrmals von dem Kitz auf dem Friedhof erzählt und von der Anmut dieses Tieres, das aus dem Jenseits zu kommen schien. Ihre Gedanken über Fritz’ Seele behielt sie jedoch für sich.

Eines Abends findet Ferdinand seine junge Frau, wie so oft, in einem Hauskleid in einer Ecke der Bibliothek vor, in den Händen hält sie ein Buch. Jedoch liest sie nicht, sondern sitzt nachdenklich und mit verlorenem Blick im Halbdunkel. Ferdinand versucht, seine Verstimmung zu verbergen. Auch er trauert, seit Fritz vor drei Monaten von ihnen gegangen ist, doch Adeles Zustand treibt ihn noch mehr zur Verzweiflung. Mit aller Kraft hat er in den letzten Wochen versucht, sich gegen die Niedergeschlagenheit zu wehren und nach vorne zu sehen. Er ist niemand, der in der Vergangenheit verhaftet bleibt, und es betrübt ihn, Adele von einer solchen Woge der Schwermut niedergedrückt zu sehen.

»Guten Abend, mein Liebling, was haben Sie heute gemacht?«

»Ich bin ein wenig im Park von Belvedere spazieren gegangen. Aber der Wind war eisig.«

Ferdinand weiß, dass sie ihn anlügt. Hannah hat ihm bei seiner Rückkehr erzählt, dass sie das Haus den ganzen Tag nicht verlassen hat. Dieser Park, den sie früher so liebte, ist ihr heute wegen der Vielzahl an Gouvernanten mit ihren englischen Kinderwagen unerträglich geworden. Auch hat sie fast nichts gegessen, sondern wie ein eigensinniges Kind das Essen von einer Seite des Tellers auf die andere geschoben, als hoffe sie, dass es dadurch unsichtbar würde.

Seit kurzem bleibt sie stundenlang in der Badewanne und verlangt mehrmals, dass man sehr heißes Wasser nachgießt. Und noch immer entzieht sie sich ihm. Doktor Bruden hat Ferdinand geraten, nicht darauf zu bestehen und ihr Schlafzimmer als Rückzugsort zu respektieren. Also gibt er sich damit zufrieden, sie zu umarmen, doch sie ist mit den Gedanken so weit weg, dass er oft die Arme sinken lässt.

Mit einem Seufzer setzt sich Ferdinand zu Adele und ergreift ihre Hand mit einer gewissen Feierlichkeit – wie jedes Mal, wenn er ihr etwas Wichtiges zu sagen hat.

»Adele, ich brauche Sie. Ich bitte Sie, kommen Sie ins Leben zurück. Ich möchte Sie sprechen und lachen hören, möchte Sie tanzen sehen und beobachten, wie Sie der Musik lauschen. Ich möchte, dass Sie wieder sind, wie Sie waren, Adele, die Frau, die ich geheiratet habe.«

Zum ersten Mal seit den langen Monaten erheischt Ferdinand ein Funkeln in Adeles Blick. Ein Funkeln, das eine Träne hervorbringt.

Sein Flehen hat Adele aus ihrer Niedergeschlagenheit gerissen. Der Schmerz ist da, doch plötzlich wird ihr bewusst, dass auch Ferdinand da ist, ihr Ehemann, der sie liebt. Um seinetwillen muss sie der Verzweiflung widerstehen, die sie sonst gänzlich einzuhüllen droht. Lange blickt sie ihn an.

»Ja, Ferdinand, ich werde wieder leben.«

An diesem Abend werden sie wieder zu Mann und Frau, vereinen sich unter Tränen und Lust. Am nächsten Tag lässt Adele Therese ausrichten, sie würde gerne mit ihr zum Friedhof fahren. Sie will ihr sagen, dass zwar die Trauer nicht beendet ist, doch dass sie wieder ans Leben glauben muss, weil sie verheiratet ist und geliebt wird. Sie will auch Fritz erklären, dass er für immer in ihrem Herzen bleiben wird.

Am Grab legt sie die gleichen Stiefmütterchen mit violetten Gesichtlein nieder wie am Tag der Beerdigung. Sie hat sie bei derselben Blumenhändlerin mit der Haube und den vom kalten Wasser aufgequollenen Händen gekauft. Dann bittet sie Therese, sie eine Weile mit Fritz allein zu lassen. Sie spricht laut mit ihm und sagt »mein Kind« und »Mama«.

Nur das Rehkitz ist nicht zurückgekehrt.

2.
Wie Porzellan

Seit Fritz’ Tod hat sich Adele noch nicht wieder in der Öffentlichkeit gezeigt. Und so haben Mutter und Tochter beschlossen, gemeinsam in der Schwindgasse zu essen. Frau Bauer hat sich für mittags angekündigt. Wie gewohnt ist sie auf die Minute pünktlich.

»Frau Bauer ist eingetroffen.«

Adele, in ihrer schwarzen Trauerkleidung, eilt herbei und wirft sich in die Arme ihrer Mutter. In diesem Augenblick ist sie wieder zehn Jahre alt. Sie ist weder die Gemahlin des Zuckerfabrikanten und Kunstmäzens Ferdinand Bloch noch trauernde Mutter, sondern nur ein verlorenes Kind. Arm in Arm gehen die beiden Frauen in den kleinen Salon und nehmen einander gegenüber Platz.

»Meine Kleine, du musst wieder etwas zunehmen, du bist nur noch Haut und Knochen.«

»Ja, Mama, ich verspreche es.«

In den Falten, die das Gesicht ihrer Mutter durchziehen, sucht Adele nach Spuren des Schmerzes. Jeanette Bauer ist gerade vierundsechzig geworden, ihre Kinder sind schon alle erwachsen. Zumindest diejenigen, die ihr das Schicksal nicht genommen hat. Zwei Kinder hat sie verloren: Mira, die in ihrem ersten Lebensjahr verstorben ist, und Karl, der im Alter von sechsundzwanzig einer schweren Krankheit erlag. Die junge und bis dahin völlig unbeschwert und behütet aufgewachsene Adele hatte bei Karls Tod nie an das Leid ihrer Mutter gedacht. Schließlich hatte sie ihren geliebten Bruder verloren. Ihr Schmerz war der einer Fünfzehnjährigen, deren Gefühle ein wahrer Vulkan sind. Ihre Mutter hatte nie geklagt, sondern ihren Kummer mit einer derartigen Würde getragen, dass ihre Trauer niemand wirklich wahrnahm. Und vor Karl war Mira gestorben, die Älteste. Raphaels Zwillingsschwester wäre zum Zeitpunkt von Adeles Geburt fünfzehn Jahre alt gewesen.

Nun sitzen sich Mutter und Tochter gegenüber, beide haben dasselbe Schicksal durchlitten. Doch Jeanette hatte schnell neuen Lebensmut geschöpft. Vor allem, weil es ja noch den kleinen Raphael gab, um den sie sich kümmern musste. Sie hatte sich an ihren Sohn geklammert wie an einen Rettungsring und übertraf sich an Entsagungen und mütterlicher Hingabe.

Mit einfachen, sanften Worten, ganz so, als würde sie sich einer Freundin anvertrauen, erzählt Jeanette jetzt ihrer Tochter, worüber sie immer geschwiegen hat. Von ihrem unendlichen Kummer, ihrer Unsicherheit dem Leben gegenüber, von ihren Zweifeln. All das liegt nunmehr achtunddreißig Jahre zurück, doch es ist kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihr kleines Mädchen gedacht hat. Zum ersten Mal seit ihrer frühen Kindheit schmiegt sich Adele an die Brust ihrer Mutter und lässt ihren Tränen freien Lauf. Jeanette streicht ihr übers Haar. »Meine Kleine, ich verstehe dich, meine liebe Kleine«, versucht sie, sie zu besänftigen.

»M

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