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Die Creeds: Wo die Hoffnung lebt

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.


Linda Lael Miller

DIE CREEDS:
Wo die Hoffnung lebt

Roman

Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Hartmann

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1. KAPITEL

Lonesome Bend, Colorado

Ranching, dachte Brody Creed, drehte sich im Sattel und schaute von einem hohen Bergrücken aus auf das ausgedehnte Weideland. Es kann ein gebrochenes Herz heilen, dieses Leben auf der Ranch, und es dann auf tausendundeine verschiedene Arten erneut in doppelt so viele Stücke zerschlagen.

Es war mit vielen Risiken verbunden. In harten Wintern, mit denen hier oben durchschnittlich einmal pro Jahr zu rechnen war, verhungerte oder erfror das Vieh. Frühlingskälber und -fohlen fielen Wölfen und Kojoten zum Opfer – und manchmal sogar nach dem Winterschlaf völlig ausgezehrten Bären.

Jetzt war Mai, und alles war in bester Ordnung, doch wenn der Sommer kam, trockneten mitunter Brunnen aus, und das zundertrockene Gras ging beim winzigsten Funken in Flammen auf. Brody hatte gesehen, wie Flächenbrände binnen weniger Stunden Hunderte von Morgen Land verschlangen und Herden, Häuser und Scheunen vernichteten.

Das ganze Jahr über wurden gute Pferde lahm, gaben Pickups den Geist auf, und immer wieder ertrank jemand im Fluss oder in einem der Seen.

Andererseits konnte die Schönheit dieses Landes einen Mann retten, ihn überwältigen, obwohl er es sein Leben lang als Zuhause betrachtet hatte. Heute zum Beispiel strahlte der Himmel in einem so intensiven Blau, dass es Brody einen Stich ins Herz versetzte, und die Espen, Pappeln und Kiefern, die die Landschaft säumten, bildeten Tupfer in tausend Nuancen von schimmerndem Grün, von Silbrig bis nahezu Indigo. Der Fluss schlängelte sich durchs Tal, azurblau und glasklar.

Nach einer Weile rückte Brody seinen Hut zurecht, seufzte und stieß seinem Wallach leicht mit den Stiefelabsätzen in die Seiten. Der Falbe, langbeinig, mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, suchte sich vorsichtig seinen Weg den steilen Abhang zum Ufer hinab.

Etwa hundert Meter in westlicher Richtung hinter ihm am Wasser entlang war das Schlagen von Hämmern und das Kreischen von Motorsägen zu vernehmen. Brody schaute über die Schulter und erfreute sich – wie immer – am Anblick der Gerüste aus Stahl und Holz, da wo sein Haus und Stall erbaut wurden.

Vor gar nicht langer Zeit hatten sich hier ein Campingplatz und ein Wohnmobil-Park befunden, der Tricia McCall gehörte. Inzwischen war sie seine Schwägerin und damit eine Creed. Die Picknicktische und Feuerstellen aus Beton waren verschwunden, ebenso die öffentlichen Duschen und Stromanschlüsse für die Wohnwagen. Nur das Blockhaus, das als Büro gedient hatte, stand noch. Brody hatte sich dort nach dem letzten Erntedankfest, nachdem er aus dem Haupthaus ausgezogen war, häuslich niedergelassen.

Der Friede zwischen ihm und seinem Zwillingsbruder Conner war zerbrechlich, und beide profitierten vom räumlichen Abstand.

Brody schnalzte mit der Zunge und trieb seinen Wallach Moonshine noch einmal an.

„Los jetzt“, redete er ihm gut zu. „Das Wasser ist hier flach und ganz ruhig. Wenn wir auf beiden Seiten des Flusses Vieh weiden lassen wollen, musst du lernen, ihn zu durchqueren.“

Moonshine, den Brody erst kürzlich auf einer Auktion in Denver gekauft hatte, war jung und musste noch viel lernen, damit aus ihm ein echtes Ranchpferd wurde.

Gerade als Brody aus dem Sattel steigen und das Pferd ins Wasser führen wollte, das sanft ans steinige Ufer plätscherte, beschloss Moonshine, dass er doch Lust hatte, nass zu werden.

Er tauchte mit gehörigem Planschen bis zur Brust in den Fluss ein. Brody umschloss den Leib des Pferdes fest mit den Knien, um sich im Sattel zu halten. Er lachte laut und stieß dann einen Jauchzer purer Freude aus.

Seine Stiefel füllten sich mit Wasser, und binnen Sekunden war seine Jeans bis zu den Oberschenkeln durchnässt, allerdings störte es ihn nicht. Moonshine durchschwamm den Fluss wie ein Olympia-Anwärter, stampfte mit den kräftigen Beinen, hielt den Kopf hoch und stellte die Ohren auf.

„Braver Junge“, lobte Brody sein Pferd. „Du machst das prima.“

Am anderen Ufer sprang Moonshine den steilsten Uferabschnitt hinauf. Wasser strömte von seinem Fell. Als das Tier festen Boden unter den Füßen spürte, schüttelte es sich wie ein Hund. Wieder musste Brody lachen, einfach weil das Leben so schön war.

Er war zu Hause.

Und er war größtenteils glücklich, dort zu sein.

Tropfnass glitt er aus dem Sattel, um seine Stiefel auszuziehen, zu entleeren und mit nassen Socken wieder hineinzusteigen. Im Haupthaus würde er die klitschnassen Klamotten gegen trockene aus Conners Schrank austauschen.

Einen Zwillingsbruder zu haben hatte auch Vorteile, einer davon bestand in der ständigen Verfügbarkeit einer zweiten vollständigen Garderobe.

Früher hätte Conner über Brodys Hang, sich seine Sachen auszuleihen, geflucht. Aber letztes Silvester hatte Brodys „kleiner Bruder“ Tricia geheiratet. Seitdem reichte das Fehlen eines Hemds oder einer Jeans nicht mehr aus, um ihn aus der Ruhe zu bringen.

Conner und Tricia lebten in immerwährenden Flitterwochen, und jetzt, da sie in drei Monaten ein Kind erwarteten, schienen sie regelrecht von innen heraus zu strahlen.

Brody saß wieder auf und ritt nach Hause. Mit gemischten Gefühlen dachte er an das Glück seines Zwillingsbruders.

Natürlich freute es ihn, dass sich für Conner alles so gut entwickelte, doch er war auch ein bisschen neidisch.

Nicht dass er das irgendjemandem eingestanden hätte.

Tricia war schön, klug und humorvoll, und für ein Mädchen aus der Stadt hatte sie sich erstaunlich leicht auf der Ranch eingelebt. Obwohl sie im Grunde genommen eine blutige Anfängerin war, ritt sie seit der Hochzeit fast jeden Tag – jedenfalls wenn das Wetter es zuließ –, bis sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. Von da an hatte Conner es ihr untersagt.

Keine Ausritte mehr bis nach der Geburt.

Punktum, Ende der Diskussion.

Beim Gedanken an die Unerbittlichkeit seines Bruders grinste Brody. Normalerweise herrschte in Conners Ehe Gleichberechtigung, aber in diesem Punkt war Conners Wort Gesetz. Und Tricia, die sonst sehr unabhängig war, hatte kapituliert.

In Brodys Augen war das nur vernünftig, wenngleich viele Frauen vom Land das Reiten nicht aufgaben, wenn sie schwanger waren, sondern weiterhin Vieh zusammentrieben, Irrläufer einfingen und Zäune abritten. Allerdings kam Conners unnachgiebige Haltung nicht von ungefähr: Ihre Mutter Rachel Creed hatte als Schwangere noch lange an Fassrennen teilgenommen. Zwar war dabei nichts Aufsehenerregendes passiert, doch kurz nach Brodys und Conners Geburt wurde Rachel krank.

Sie starb, als ihre kleinen Söhne noch nicht einmal einen Monat alt waren.

Ihr Vater Blue Creed lebte auch nicht viel länger. Überfordert von der Verantwortung, brachte er die knapp einjährigen Babys heim auf die Ranch und übergab sie seinem Bruder Davis und dessen Frau Kim. Bald darauf wurde Blue von einem Pferd abgeworfen und brach sich das Genick. Nachdem er sechs Wochen im Koma gelegen hatte, starb er.

Als Brody jetzt den Bergrücken überquerte und das Gras um ihn herumwogte wie ein grünes Meer, gab er sich alle Mühe, die feuchte Kälte des nassen Jeansstoffs an seinen Beinen zu ignorieren – und den alten, tief sitzenden Schmerz in seiner Seele. Der Anblick des Viehs, das um ihn herum weidete, tröstete ihn jedoch ein wenig. Es waren größtenteils Herefords, aber auch ein paar schwarze Angusrinder zur Auflockerung der rotbraunen Monotonie. Zwei Dutzend halb wilde Pferde, speziell fürs Rodeo gezüchtet, und sechs Brahman-Bullen vervollständigten den Viehbestand.

Clint und Juan und ein paar weitere Rancharbeiter ritten zwischen den verschiedenen Tieren umher, hauptsächlich um den Frieden zu sichern. Brody tippte an seine Hutkrempe, während die Männer vorbeiritten.

Moonshine war etwas unruhig, und Brody ließ die Zügel locker. Dieses Cayuse-Pony mochte etwas ängstlich sein, wenn es Flüsse durchqueren sollte, allerdings schien es einem Rennen nie abgeneigt zu sein.

Sobald Brody sich tief über den Hals des Falben beugte, mit einer Hand seinen Hut und mit der anderen locker die Zügel hielt, schoss das Tier davon wie eine Rakete.

Brody genoss den wilden Galopp, bis der Koppelzaun plötzlich vor ihm auftauchte.

Moonshine flog über die oberste Zaunlatte, als wären ihm Flügel gewachsen, streckte sich nahezu längelang, und landete knapp einen halben Meter vor Conner, der ein Gesicht machte, als hätte er statt Eiern mit Speck rostige Nägel zum Frühstück gegessen.

Brody blickte in das Gesicht, das dem seinen so ähnlich sah, dass es ihn selbst manchmal umhaute, und er war schließlich daran gewöhnt, beinahe das exakte Abbild seines Bruders zu sein.

Conner bedachte seinen Bruder durch die Staubwolken mit einem finsteren Blick. Er sah aus, als wollte er Brody packen, vom Pferd zerren und gehörig verprügeln. So viel also zu positiver Persönlichkeitsveränderung als Folge von Eheglück!

„Ups“, sagte Brody grinsend, denn er wusste, dass er Conner damit noch mehr ärgerte, und das genoss er hin und wieder einfach zu sehr, obwohl sie sich schon eine geraume Weile erstaunlich gut verstanden. „Tut mir leid.“

Er schwang sich aus dem Sattel und stand Conner gegenüber, der vor Ärger schnaubte.

„Verdammt noch mal, Brody“, stieß er knurrend hervor, „habe ich heute meinen unsichtbaren Tag, oder wirst du blind? Dein Pferd hätte mich beinahe niedergetrampelt, und es wird mich den halben Vormittag kosten, bis ich diese Stute hier beruhigt habe und wieder mit ihr arbeiten kann!“

Vor dem Sprung hatte Brody weder seinen Bruder noch die gescheckte Stute bemerkt, die jetzt am anderen Ende der Koppel wiehernd den Kopf umherwarf, allerdings hielt er es für unklug, dies zuzugeben. Stattdessen entschied er sich, sein Glück mit Hilfsbereitschaft zu versuchen.

„Du arbeitest neuerdings selbst mit Pferden, anstatt es den Cowboys zu überlassen?“, fragte er und bückte sich nach dem leichten Sattel, den die Stute wohl abgeworfen hatte, als er und Moonshine über den Zaun gesetzt waren.

Conner packte den Sattel und riss ihn Brody aus den Händen. „Ja“, fuhr er ihn an. „Du bist zehn Jahre lang ausgefallen. Davis hat sich beide Beine gebrochen, als er das letzte Mal auf einem Bronco gesessen hat, und Clint und Juan sind regelrecht eingerostet. Wer, zum Teufel, glaubst du denn, hat mit den Pferden gearbeitet?“

„Oha“, entgegnete Brody und wich ein Stückchen zurück. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Hast du dich mit deiner kleinen Frau gestritten?“

„Nein!“, brüllte Conner.

Brody lachte leise, rückte seinen Hut zurecht, drehte sich um und griff nach Moonshines Zügel. Nach der Flussdurchquerung und dem scharfen Ritt über den Bergrücken, ganz zu schweigen von dem bemerkenswerten Sprung, hatte das Pferd sich seiner Meinung nach eine Auszeit ohne Sattel und Zaumzeug verdient. „Tja, was ist denn dann los mit dir?“, fragte er, schon auf dem Weg zur Seitentür des Stalls.

„Nichts“, erwiderte Conner zähneknirschend, hängte den staubigen Sattel über die oberste Zaunlatte und wandte sich der Stute zu.

„Irgendetwas stimmt aber nicht“, beharrte Brody ruhig und hielt inne.

Da schaute Conner Brody an und seufzte. „Tricia und ich hatten so was wie einen Streit“, gestand er widerwillig.

„Ärger im Paradies?“, zog Brody ihn auf, wohl wissend, dass es nichts Ernstes sein konnte. Er hatte noch nie einen Mann und eine Frau gesehen, die verliebter waren als Tricia und sein Bruder.

„Sie sagt, ich wäre überfürsorglich“, erklärte Conner, nahm seinen Hut ab, schlug ihn gegen seinen Schenkel und setzte ihn sich wieder auf den Kopf.

Brody musste grinsen. Er rieb sich mit einer Hand das stoppelbärtige Kinn. „Du?“, scherzte er. „Überfürsorglich? Nur weil du die Lady in Watte packen würdest, wenn sie es zuließe, damit sie sich bloß nicht den kleinen Zeh stößt?“

Zwar blickte Conner ihn wütend an, doch in seinen blauen Augen erwachte etwas, das Brodys Grinsen ähnelte. Er unterdrückte es, solange er konnte, aber dann brach es sich Bahn, wie die Sonne, die eine Wolkenbank durchdrang.

„Bring dein Pferd in den Stall“, knurrte er. „Ich kann die Stute auch gleich den ganzen Tag auf der Weide lassen, nachdem du sie mit deinem Wallach so erschreckt und um mindestens drei Jahre Wachstum gebracht hast.“

Brody führte Moonshine in den Stall, rieb ihn trocken und gab ihm etwas Heu. Als er durchs Haupttor nach draußen trat, wartete Conner bereits im Hof auf ihn und warf Stöckchen für Valentino, eine hübsche Promenadenmischung.

Brodys Meinung nach war Valentino ein reichlich hochgestochener Name für einen Ranchhund, doch das arme Tier hatte ihn schon am Hals, als Conner und Tricia sich ineinander verliebten. Conner hatte eine Zeit lang versucht, ihn Bill zu nennen, aber weil der ehemalige Streuner darauf partout nicht reagieren wollte, blieb es bei Valentino.

Brody sah sich um. Tricia war nirgends zu entdecken – genauso wenig wie ihr Wagen.

„Sie ist in die Stadt gefahren und hilft Carolyn im Laden“, erklärte Conner, der für gewöhnlich ziemlich genau wusste, was Brody dachte. Umgekehrt war es ebenso. „Die Frau ist schwanger bis dort hinaus.“ Er beschrieb mit den Händen ungefähr auf Bauchhöhe einen unsichtbaren Basketball. „Was wäre daran auszusetzen, wenn sie mal einen Tag zu Hause bliebe? Sich Ruhe gönnte, ein bisschen die Füße hochlegte?“

Lachend versetzte Brody seinem Bruder einen Hieb auf die Schulter. „Sie leitet eine Kleinstadt-Galerie, Conner, und ist nicht zum Bungee-Jumping oder will einen Bullen beim Rodeo reiten.“

Conner verzog kurz das Gesicht, und wieder einmal wusste Brody, was in seinem Zwillingsbruder vorging.

„Zwischen Moms und Tricias Schwangerschaft besteht überhaupt kein Zusammenhang“, fuhr Brody ruhig fort. „Hör auf, nach einem zu suchen.“

Diesmal brachte Conner ein gequältes Lächeln zustande.

Das bewies Brody, wenn auch nicht zum ersten Mal, wie verletzlich ein Mann war, wenn er eine Frau liebte. Und wenn das Baby auf der Welt war? Dann würde es noch viel schlimmer.

Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als düstere Erinnerungen über ihn hereinbrachen.

„Was ist eigentlich mit deinen Sachen?“, wollte Conner wissen und musterte ihn von oben bis unten. Er neigte dazu, Themen zu wechseln, wie es ihm gerade passte.

„Moonshine hat sich ein bisschen hinreißen lassen, als wir den Fluss durchqueren wollten“, erwiderte Brody.

Sie gingen ins Haus. Der Hund trottete hinter ihnen her. In der Waschküche schnappte Brody sich eine Jeans, ein T-Shirt und Socken von den zusammengelegten Wäschestapeln auf dem Trockner. Nach einer eiligen Dusche zum Aufwärmen zog er sich in dem Zimmer, das er und Conner und im Sommer auch ihr Cousin Steven als Kinder geteilt hatten, rasch an. Sein Bruder war immer noch in der Küche, wo er mithilfe eines dieser raffinierten modernen Kaffeeautomaten für die unter chronischem Koffeinmangel Leidenden schnell einen Becher Kaffee machte.

„Wie geht der Hausbau voran?“, erkundigte sich Conner und reichte Brody einen dampfenden Becher, den dieser dankbar entgegennahm.

„Langsam“, erwiderte er nach einem Schluck. „Aber der Bauunternehmer schwört Stein und Bein, dass es bis Mitte August bezugsfertig ist.“

Daraufhin schnaubte Conner durch die Nase, zog einen zweiten Becher aus dem blitzenden Ding hervor und hob ihn leicht an. „Schicke Klamotten“, bemerkte er trocken. „Ich hatte mal genau die gleichen.“

Mit angehaltenem Atem beobachtete Carolyn Simmons, wie ihre hochschwangere Freundin Tricia Creed unbeholfen die Leiter herabkletterte. Tricia hatte gerade ein neues Batikbild bekommen, das eine amerikanische Ureinwohnerin am Webstuhl darstellte. Es war das Werk einer ortsansässigen Künstlerin und würde nicht lange im Laden bleiben. Womöglich war das der Grund dafür, dass Tricia es so hoch oben an der Wand angebracht hatte. Zweifellos dachte sie, dass Carolyn und sie sich noch etwas länger daran erfreuen könnten, wenn es einigermaßen außer Reichweite hing.

Carolyn fand, dass Tricia mit ihrem langen dunklen Zopf, dem weiten Umstandskleid und diesem gelassenen Gesichtsausdruck, der den Glauben an das allumfassende Gute im Leben ausstrahlte, eine gewisse Ähnlichkeit mit der Weberin hatte.

Carolyn war größer als Tricia, hatte kunstvoll gesträhntes blondes Haar und trug wie gewöhnlich Jeans, Stiefel und ein figurbetontes T-Shirt. Tricia zog sie gern damit auf, dass Carolyn immer für den Fall gerüstet sein wollte, falls sich eine Gelegenheit zum Reiten ergab.

„Was hast du auf der Leiter zu suchen?“, fragte sie jetzt, stemmte die Hände in die Hüften und sah Tricia an. „Ich habe Conner versprochen, ein Auge auf dich zu haben, und kaum kehre ich dir einmal den Rücken zu, schon turnst du auf der obersten Sprosse herum.“

Tricia wischte sich den Staub von den Händen und trat lächelnd einen Schritt zurück, um das Werk zu betrachten. „Ich war weit entfernt von der obersten Sprosse“, widersprach sie heiter. Ihr Gesicht leuchtete im Sonnenschein, der durch das große Schaufenster fiel. Sie seufzte. „Ist sie nicht wunderschön?“

Und in der Tat hatte sich Primrose Sullivan, die Künstlerin, dieses Mal selbst übertroffen. Die Weberin war in der Tat wunderschön. „Ich glaube, einige von unseren Onlinekunden könnten sich dafür interessieren“, überlegte Carolyn. „Aber ich weiß nicht recht, ob sie sich aus dieser Perspektive so gut fotografieren lässt …“

Sie wurde von dem Geräusch quietschender Bremsen unterbrochen.

Schnell trat Tricia ans Fenster und spähte durch die antiken Spitzengardinen. „Schon wieder ein Reisebus“, stellte sie fest. „Mach dich auf einiges gefasst!“

Der Laden, eine Kombination aus Boutique und Kunstgalerie, lag im Erdgeschoss von Natty McCalls ehrwürdigem viktorianischen Haus. Carolyn wohnte in Tricias früherer Wohnung im Obergeschoss, zusammen mit ihrer Pflegekatze Winston. Die Waren, die die beiden Frauen verkauften, reichten von Ziegenmilchseife und handgefertigten Nadelkissen bis zu modischen Einzelstücken und beinahe museumstauglichen Ölgemälden.

„Ich bin auf alles gefasst“, versicherte Carolyn und nahm lächelnd ihren gewohnten Platz am Verkaufstresen neben der Registrierkasse ein.

Tricia ordnete eine ohnehin schon ordentliche Auslage mit handgefertigtem Briefpapier.

Der Laden würde nie Reichtümer einbringen. Doch für Carolyn war er die Erfüllung eines Traums. In Lonesome Bend hatte sie eine gemütliche Wohnung – was für einen Menschen, der in nicht weniger als vierzehn verschiedenen Pflegestellen aufgewachsen war, von großer Bedeutung war – und außerdem eine Absatzmöglichkeit für die unterschiedlichen Kleidungsstücke, Zierkissen und Schürzen im Retrostil, die sie unablässig an ihrer Nähmaschine fertigte. Früher hatte Carolyn ihr Geld mit dem „Hüten“ von Häusern anderer Leute verdient. Seit Jahren schon verkaufte sie ihre Sachen online. Die zusätzlichen Einnahmen aus ihren Internetgeschäften flossen auf ein Sparkonto und ermöglichten ihr den Einkauf von Nähgarn und Stoffen für ihr jeweils nächstes Projekt, mehr allerdings auch nicht.

Das Glöckchen über der Eingangstür klingelte fröhlich, und die Busladung Kunden strömte in den Laden. Weißhaarige Frauen mit gepflegten manikürten Händen und farbenfrohen Sommerkleidern schwatzten gut gelaunt und drängten sich um jeden Auslagentisch und vor jedem Regal.

Der Gewinn, den der Laden „Creed & Simmons“ – Tricias Urgroßmutter Natty hatte gesagt, der Name klinge eher nach einer Anwaltskanzlei oder einem britischen Juwelier – abwarf, reichte meistens kaum aus, um die Kosten zu decken. Doch die Busreisegruppen auf dem Weg von Denver nach Aspen und Telluride und zurück hielten mindestens zweimal pro Woche an und ließen die Kasse klingeln.

Für Tricia, die für ein hübsches Sümmchen den von ihrem Vater geerbten Grundbesitz verkauft und dann obendrein noch einen wohlhabenden Rancher geheiratet hatte, war der Laden ein Hobby. Allerdings eines, dem sie mit voller Leidenschaft nachging.

Aber für Carolyn war er sehr viel mehr. Er vermittelte ihr das Gefühl von Zugehörigkeit, ermöglichte ihr die Eingliederung in eine Gemeinschaft von Menschen, die sich größtenteils von Geburt an kannten.

Es musste klappen.

Ohne das Geschäft wäre Carolyn weiterhin heimatlos und würde für ein paar Tage oder Wochen im Haus von Fremden leben, um dann in ein anderes Haus weiterzuziehen, das ebenfalls nicht ihr gehörte. Häuser hüten war eine Erwachsenenversion des alten Spiels „Reise nach Jerusalem“, jedoch war der Einsatz bedeutend höher. Ein- oder zweimal war es Carolyn, als die symbolische Musik unverhofft aussetzte, ergangen wie dem Spieler, der keinen Stuhl ergattert hatte, und sie musste sich in einem billigen Motel einquartieren oder im Auto schlafen, bis sie einen neuen Auftrag an Land zog.

Glücklicherweise gab es etliche Möglichkeiten in der Umgebung von Lonesome Bend. Filmstars und Manager und hochkarätige Politiker besaßen hier millionenschwere „Feriendomizile“, versteckt in abgeschiedenen Canyons, auf Berggipfeln und am Ende langer, von wispernden Espen gesäumter Serpentinenstraßen.

Gelegentlich passte Carolyn für Stammkunden immer noch auf deren Heime auf. Allerdings war ihr die kuschelige Wohnung über dem Laden bedeutend lieber als diese gigantischen, gähnend leeren Anwesen mit ihren Innenpools und Computerräumen und gut bestückten Weinkellern.

In der Wohnung war sie umgeben von ihren eigenen Habseligkeiten – den Souvenirbechern aus Keramik, die sie überall im Land aus allen möglichen Städten zusammengetragen hatte, einigen wenigen körnigen Fotos in billigen Rahmen, ihrem Laptop und der reduzierten, aber unverwüstlichen elektrischen Nähmaschine – einem Abschiedsgeschenk von ihrer Lieblingspflegemutter.

Hier fühlte Carolyn sich real, an einem festen Ort verwurzelt, nicht wie ein ätherisches, geisterhaftes Wesen, das in einsamen Schlössern spukte.

Während der nächsten Dreiviertelstunde waren Carolyn und Tricia so beschäftigt, dass sie kaum Zeit hatten, ein Wort miteinander zu wechseln, und als der Reisebus endlich abfuhr, war es schon fast Zeit für die Mittagspause.

Die Kasse quoll über von Fünf-, Zehn- und Zwanzigdollarscheinen. Hinzu kam ein hübscher Stapel Kreditkartenquittungen.

Die Fächer, Regale und Tische sahen aus, als wären die Vandalen durchgezogen, und es roch immer noch nach teurem Parfum.

„Wow“, keuchte Tricia und ließ sich in den Schaukelstuhl beim Kamin fallen. „Diese Horde hat den Laden beinahe völlig ausgeräumt.“

Carolyn lachte. „Gott segne sie.“

Tricia legte den Kopf in den Nacken, seufzte und schloss die Augen. Ihre Hände ruhten schützend auf ihrem gewölbten Leib.

„Tricia? Dir fehlt doch nichts, oder?“, fragte Carolyn besorgt.

„Aber nein. Ich bin nur ein bisschen erschöpft von der Hetzerei.“

„Bist du sicher?“

Die Grimasse, die Tricia zog, war zugleich spöttisch als auch liebevoll. „Du redest wie Conner. Mir geht’s gut, Carolyn.“

Leicht missbilligend dreinschauend ging Carolyn zur Tür, drehte das Schild mit der Aufschrift „Geöffnet“ um, sodass dort nun „Geschlossen“ zu lesen war, und schloss ab. Sie und Tricia aßen ihr Mittagessen gewöhnlich in der Küche im hinteren Teil des Erdgeschosses. Manchmal gesellte sich Conner zu ihnen.

Als Carolyn zurückkam, saß Tricia immer noch im Schaukelstuhl. Und war eingeschlafen.

Carolyn lächelte, legte eine leichte Häkeldecke über ihre Freundin und lief in die Küche.

Winston, der Kater, strich um Carolyns Knöchel und schnurrte wie ein gut geölter Motor. Genau wie das Haus gehörte auch er Tricias Urgroßmutter Natty McCall, die inzwischen in Denver lebte. Aber da Carolyn sich immer um Winston gekümmert hatte, wenn sich sein Frauchen auf einer ihrer häufigen und ziemlich ausgedehnten Reisen befand, liebte sie ihn wie ein eigenes Haustier.

Das beruhte augenscheinlich auf Gegenseitigkeit. Oder er wollte nur seine tägliche Sardinenration.

„Hunger?“, fragte Carolyn und kraulte dem Kater die schwarzen Ohren.

Winston antwortete mit einem energischen Miau, was wahrscheinlich „ja“ bedeuten sollte, und sprang auf eine Anrichte, seinen bevorzugten Beobachtungsposten.

Carolyn lächelte wieder, überschlug im Geiste die Einnahmen aus der heutigen Invasion der Kaufwütigen, nahm aus dem Kühlschrank das Schälchen mit den Sardinen und entfernt die Frischhaltefolie.

Sie stellte dem Kater die Schale hin und ging zur Spüle, um sich die Hände zu waschen.

Winston setzte zum Sprung an und landete direkt vor seinem Futternapf. Zur gleichen Zeit klopfte jemand leicht an die Hintertür.

Conner Creed stieß die Tür auf und grinste Carolyn an, wobei er seine blitzend weißen Zähne zeigte.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus und wollte dann endgültig stehen bleiben – so fühlte es sich zumindest an –, als er eintrat.

Denn es war nicht Conner, wie sie zuerst geglaubt hatte.

Es war Brody.

Carolyns Wangen glühten. Nur mit Mühe konnte sie sich verkneifen zu fragen: „Was willst du denn hier?“

Das Grinsen, jungenhaft und frech wie eh und je, hielt an. Na klar, was zwischen ihnen vorgefallen war, berührte Brody nicht im Geringsten. Es hätte Carolyn auch nicht stören sollen, zumal fast acht Jahre vergangen waren, seit sie was miteinander gehabt hatten. Und was sie damals gehabt hatten, war nicht mehr als ein Techtelmechtel gewesen, keinesfalls eine Herzensangelegenheit.

Wie dem auch sei, jedes Mal wenn sie diesem Mann begegnete – was sich immer wieder ergab, seit sein Bruder mit ihrer engsten Freundin verheiratet war –, überkam sie so etwas wie ein Fluchtinstinkt.

„Ist meine Schwägerin hier?“, erkundigte sich Brody.

Krampfhaft schluckte Carolyn. Einmal, auf einem Ausritt mit Conner und Tricia und einigen Freunden und Nachbarn, waren Brody und seine Gelegenheitsfreundin Joleen Williams an ihnen vorbeigaloppiert. Der Wind hatte ihr Lachen herübergetragen. Carolyn war so überrumpelt gewesen, dass sie Hals über Kopf zum Stall zurückgeritten war, ohne sich auch nur von den anderen Reitern zu verabschieden. Dafür könnte sie sich noch heute selbst in den Hintern treten.

„Tricia ist vorn“, antwortete sie in bemerkenswert normalem Ton. „Wir hatten einen arbeitsreichen Vormittag, und sie ist eingeschlafen.“

Brody schloss die Tür hinter sich, ging zu Winston, hockte sich vor ihn und streckte eine Hand aus.

Der Kater fauchte und schlug mit der Pfote nach ihm.

„Hoppla“, stieß Brody hervor und fuhr zurück.

Carolyn lachte leise und wurde ein bisschen ruhiger. Winston war nicht nur ein meisterhafter Mäusefänger und Sardinenexperte, sondern offenbar auch ein exzellenter Menschenkenner. Nachdem er seinen Standpunkt verdeutlicht hatte, widmete sich der Kater wieder seinem Mittagessen.

Brody erhob sich äußerst missmutig, den Hut immer noch in einer Hand. Dank seines verdammt guten Aussehens war er solche Zurückweisungen vermutlich nicht gewöhnt – nicht einmal von einem einfachen Hauskater.

„Tiere mögen mich normalerweise“, meinte er verblüfft und ein bisschen gekränkt.

Carolyn merkte, dass sie ihn anstarrte, wandte sich ab und gab sich plötzlich sehr beschäftigt. Sie holte eine Suppenkonserve, eine Packung Cracker und einen Laib Brot aus dem Vorratsraum.

Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass Brody sich der Innentür näherte, sie behutsam öffnete und ins Nebenzimmer spähte. Er drehte sich um und legte mit einem weichen Ausdruck brüderlicher Zuneigung in den Augen den Zeigefinger an die Lippen. „Psst“, machte er.

„Ich habe keinen Ton gesagt“, verteidigte sich Carolyn im Flüsterton.

Warum ging der Mann nicht endlich, wenn er Tricia doch nicht stören wollte?

Stattdessen ließ er sich, hundert Prozent Cowboy, Zeit, den Hut in der Hand und die Lippen zu einem Grinsen verzogen.

„Weißt du, wir müssen keine Feinde sein“, sagte er leise.

Carolyn öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu.

„Oder?“, ließ Brody nicht locker.

Carolyn erholte sich so weit, dass sie, wenn auch ein bisschen atemlos, antworten konnte: „Tricia ist meine Freundin und Geschäftspartnerin. Du bist ihr Schwager. Also sollten wir höflich zueinander sein.“

„Ist das so schwer?“, fragte Brody. „‚Höflich‘ zu sein, meine ich.“

Plötzlich wallten die alten Gefühle in Carolyn wieder auf und überrollten sie beinahe. Tränen brannten in ihren Augen, und sie wandte sich schnell ab und biss sich auf die Unterlippe.

„Carolyn?“, sprach Brody sie sanft an.

Inzwischen stand er dicht hinter ihr. Sie spürte seine Wärme und seinen muskulösen Körper überdeutlich.

Geh einfach, dachte sie verzweifelt und wagte es nicht, sich zu ihm umzudrehen.

Aber Brody Creed war kein Mann, der sich schnell zufriedengab. Er umfasste mit leichtem Griff Carolyns Schultern und drehte sie zu sich um, und sie ertappte sich dabei, wie sie tief in diese unergründlichen blauen Augen schaute.

„Was ich damals getan habe, tut mir leid“, sagte er schroff. „Es war falsch. Doch denkst du nicht, es wäre an der Zeit, das alles hinter uns zu lassen und auf diesen Eiertanz zu verzichten, wenn wir uns zufällig mal im selben Raum aufhalten?“

Es tat ihm leid.

In Carolyns Augen war der Ausdruck „Es tut mir leid“ die sinnentleerteste, fadenscheinigste Redewendung überhaupt. Menschen verletzten andere Menschen, sagten, es täte ihnen leid, drehten sich um und machten – zumindest nach ihrer Erfahrung – genauso weiter wie zuvor.

Oder noch schlimmer.

Nervös warf sie einen Blick auf die Innentür, sie fürchtete, Tricia zu stören. In hastigem Flüsterton erwiderte sie: „Was soll ich sagen, Brody? Dass ich dir verzeihe? Okay, was soll’s, ich verzeihe dir.“

Brodys Miene blieb ausdruckslos, allerdings blitzten seine Augen verärgert auf. Er war berüchtigt für sein aufbrausendes Temperament, unter anderem.

„Du verzeihst mir, aber du wirst es nie vergessen, oder?“

„Ich könnte einer Klapperschlange möglicherweise verzeihen, dass sie mich gebissen hat. Es liegt schließlich in ihrer Natur, zu beißen. Aber ich wäre mehr als dumm, wenn ich derselben Schlange ein zweites Mal zu nahe käme, meinst du nicht?“

Ein Muskel zuckte in Brodys Wange. Ein leichter Bartschatten zeigte sich auf seinem Gesicht. Vielleicht hatte er sich am Morgen gar nicht rasiert.

Ach, zum Teufel, das spielte doch keine Rolle.

„Du glaubst, ich würde dich auffordern, mir ‚zu nahe‘ zu kommen?“, grollte er. Seine Nase war kaum einen Zentimeter von Carolyns entfernt. „Verdammt noch mal, ich kann dir nicht aus dem Weg gehen, und du kannst mir nicht aus dem Weg gehen. Ich verlange doch weiter nichts, als dass du diesen Groll aufgibst, den du seit mehr als sieben Jahren gegen mich hegst, damit wir alle die Sache hinter uns lassen können.“

In diesem Moment hätte Carolyn Brody am liebsten geohrfeigt oder sogar erwürgt, doch plötzlich öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer, und Tricia spähte durch den Spalt und verbarg ihr Gähnen hinter einer Handbewegung.

„Habt ihr zwei gestritten?“, fragte sie und blickte von einem zum anderen.

Gleichzeitig traten beide einen Schritt zurück.

„Nein“, schwindelte Carolyn.

„Alles in bester Ordnung“, ergänzte Brody gepresst.

2. KAPITEL

In Tricias blauen Augen blitzte der Schalk, als sie Brody und Carolyn musterte. Die beiden standen starr wie holzgeschnitzte Indianer vorm Tabakgeschäft mitten in Nattys Küche.

Ihr bloßer Anblick milderte Brodys Ärger. Schließlich hatte er sich immer eine Schwester gewünscht, und jetzt hatte er eine. Für die Frau seines Cousins Steven empfand er ähnliche Zuneigung. Doch Melissa sah er nicht quasi jeden Tag, da sie mit Steven und ihren drei Kindern in Stone Creek, Arizona, lebte.

„Hat Conner dich geschickt, um nach mir zu sehen, Brody Creed?“, fragte Tricia im Tonfall freundlichen Misstrauens. Sie neigte den Kopf zur Seite und verschränkte die Arme über ihrem eindrucksvollen Leib.

Aus dem Augenwinkel sah Brody, wie Carolyn sich abwandte. Ihr gesträhntes blondes Haar schwang mit der Bewegung mit und streifte ihre Schultern. Geschäftig schob sie Gegenstände auf dem Tresen umher.

„Brody?“, hakte Tricia nach, während Brody noch mit dem Knoten in seiner Zunge kämpfte.

„Nein, es war meine eigene Idee, bei dir reinzuschauen, wenn ich schon mal in der Stadt bin“, antwortete er schließlich und drehte seinen Hut in beiden Händen wie ein schüchterner Held in einem alten Western. „Aber ich glaube nicht, dass Conner etwas dagegen hätte.“

Tricia lächelte und warf einen Blick in Carolyns Richtung.

Der Büchsenöffner surrte, ein Topf klapperte auf dem Herd.

Brody seufzte.

„Isst du mit uns zu Mittag?“, fragte Tricia ihn.

Carolyns Rücken versteifte sich, kaum dass Tricia die Frage gestellt hatte, und Brody sah belustigt und gleichzeitig bestürzt zu, wie sie die Brotscheiben auf zwei vorbereitete Mortadella-Sandwichs drückte. Das tat sie so energisch, dass die Dinger aussahen wie durch die Mangel gedreht.

Überzeugt, für einen Tag genug Feindseligkeit provoziert zu haben, schüttelte Brody den Kopf. „Ich muss zurück auf die Ranch“, sagte er. „Wir bessern gerade ein paar Strecken Stacheldrahtzaun aus.“

„Ach“, sagte Tricia. Sie ging gemächlich zum Tisch, rückte sich einen Stuhl zurecht, bevor Brody es für sie tun konnte, und setzte sich.

„Hey?“, fragte Brody besorgt. „Geht’s dir gut?“

„Ich bin wohl ein bisschen erschöpft“, gestand sie. „Das ist nicht weiter schlimm.“

Daraufhin unterbrach Carolyn ihre Essensvorbereitungen und drehte sich zu Tricia um. „Ich finde, du solltest nach Hause gehen und dich ausruhen“, sagte sie. „Es war ein verrückter Morgen, und ich mache jetzt schon seit ein paar Tagen Inventur.“

„Und ich soll dich mit dem Aufräumen des Ladens und dem Nachfüllen der Regale alleinlassen?“, fragte Tricia. „Das wäre nicht fair.“

„Ich schaffe das schon“, versicherte Carolyn ihr. Sie klang ganz normal, doch Brody spürte, dass sie die Stacheln aufstellte wie ein Stachelschwein, im Begriff, sie in alle Himmelsrichtungen abzufeuern. Natürlich würdigte sie ihn keines Blickes. „Und ich möchte den Laden heute sowieso früh schließen. Dann könnte ich die Buchhaltung auf den neuesten Stand bringen, den Zigeunerrock fertig machen, an dem ich arbeite, und ihn auf der Website anbieten.“

Brody wusste nicht, was ein Zigeunerrock war, und es interessierte ihn auch nicht. Dafür aber empörte es ihn, von der Unterhaltung ausgeschlossen zu werden, als wäre er durchsichtig oder völlig vom Erdboden verschwunden.

Er räusperte sich.

Tricia sah ihn nicht an, Carolyn auch nicht.

Doch der Kater fixierte ihn mit seinen bernsteinfarbenen Augen, und Brody fühlte sich schon wieder angegriffen. Bis heute war er noch nie einem Geschöpf begegnet, das ihn nicht auf Anhieb gemocht hatte.

„Hör zu“, sagte Tricia schließlich zu Carolyn. „Ich nehme mir den Nachmittag frei. Wenn du versprichst, nicht die halbe Nacht auf den Beinen zu sein und Perlen und Schleifchen an diesen Rock zu nähen.“

„Versprochen“, antwortete Carolyn rasch. Wahrscheinlich, überlegte sie, werde ich ihn am einfachsten und schnellsten los, wenn Tricia nach Hause geht und er sie begleitet.

„Na gut“, gab Tricia nach. „Eine Mittagsstunde würde mir wirklich guttun.“ Damit ging sie ins Nebenzimmer, vermutlich um ihre Handtasche zu holen, und wieder waren Brody und Carolyn, wenn auch nur kurz, allein.

Die Suppe auf dem Herd kochte über, zischte auf der heißen Platte und begann zu stinken.

Automatisch wollte Brody den Topf von der Platte ziehen, genau wie Carolyn. Sie stießen so heftig seitlich zusammen, dass Carolyn leicht ins Taumeln geriet. Und Brody reagierte instinktiv, packte ihren Arm und hielt sie fest.

Er spürte den Stromstoß, der sie durchzuckte, eine elektrische Spannung, die von Carolyn direkt auf ihn überging.

Beide erstarrten auf Anhieb.

Brody zwang sich, den Griff zu lockern.

Carolyn riss sich los.

Inzwischen war Tricia wieder in der Küche und sah alles mit an.

Zwar berührten Carolyn und Brody einander nicht mehr körperlich, doch Brody fühlte sich auf unerklärliche Weise mit ihr verbunden.

Die Luft im Raum schien zu vibrieren.

„Ich fahre dich nach Hause“, sagte Brody mühsam zu Tricia. Seine Stimme klang rau und kehlig.

„Ich fahre selbst nach Hause“, konterte Tricia freundlich, aber fest. Widerspruch war bei ihr genauso sinnlos wie bei jedem anderen Creed. „Ich will den Pathfinder nicht hier stehen lassen, und überhaupt, ich sagte doch schon – mir geht’s gut.“

Carolyn schenkte ihrer Freundin ein unsicheres Lächeln. „Bitte schon dich, ja?“, bat sie.

Schon auf dem Weg zur Hintertür, nickte Tricia. Sie bemerkte die übergekochte Suppe auf dem Herd und schüttelte mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln den Kopf.

Zufällig bemerkte Brody ihren Gesichtsausdruck, weil er gerade an ihr vorbei nach der Türklinke griff. Dort, woher er stammte, hielt ein Mann einer Lady die Tür auf.

Und diese gewisse Lady hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken.

Brody wurde heiß, als er dastand und der Frau seines Bruders die Tür aufhielt. Ihm war allzu deutlich bewusst, dass sie irgendwelche verrückten weiblichen Rückschlüsse über ihn und Carolyn zog.

Nachdem Brody und Tricia gegangen waren, stieß Carolyn einen lauten, beinahe knurrenden Seufzer schierer Verdrossenheit aus.

Die Sandwichs waren platt gedrückt.

Der Großteil der Suppe – Tomate mit Sternchennudeln, ihre Lieblingssuppe – klebte auf dem Herd. Der Rest war am Topfboden angebrannt.

Was alles völlig belanglos war, denn dank Brody Creed hatte sie jetzt überhaupt keinen Hunger mehr.

Winston hatte seine Sardinenmahlzeit beendet, saß da, fegte mit dem Schwanz von einer Seite zur anderen und blickte zu Carolyn. Seine empfindliche Nase glänzte von Fischöl, und die kleine rosige Zunge schoss aus dem Mäulchen und leckte es ab.

Mit seiner sonderbaren Würde und dem glänzend schwarzen Fell erinnerte der Kater Carolyn an einen sehr korrekten englischen Butler, der in irgendeinem prachtvollen Ahnensitz seinen Pflichten nachkam. Dieser abstruse Gedanke reizte sie zum Lachen, und das vertrieb den Großteil der noch verbliebenen Nach-Brody-Spannung.

Carolyns Miene verfinsterte sich bei dem Schlagwort „nach Brody“. In vielerlei Hinsicht definierte dieser schlichte Begriff das Leben, das sie in den vergangenen sieben Jahren geführt hatte. Wenn sie doch bloß in die Zeit „vor Brody“ zurückfinden und sich dann anders entscheiden könnte.

Was für ein blödsinniger Gedanke.

Energisch wischte sie die übergekochte Suppe weg, füllte Wasser in den Topf und stellte ihn zum Einweichen in die Spüle. Die zerdrückten Sandwichs wickelte sie sorgfältig ein und verstaute sie im Kühlschrank. Wenn ihr Appetit sich zurückmeldete, war sie gerüstet.

Winston beobachtete sie immer noch mit dieser behäbigen Neugier und folgte ihr, als sie wieder in den Laden ging.

Carolyn räumte die Auslagentische auf und legte mehr Ziegenmilchseife und handgefertigtes Papier und die letzten Rüschenschürzen im Retrostil bereit, die so beliebt waren, dass sie kaum mit der Nachfrage Schritt halten konnte.

Als das erledigt war, legte sie die Tageseinnahmen in eine großzügig von der Cattleman’s First Bank zur Verfügung gestellte Reißverschlusstasche, prüfte noch einmal, ob die Eingangstür verschlossen war, und ging hinauf in ihre Wohnung.

Jedes Mal wenn sie die fröhliche kleine Küche betrat, sei es über das innere Treppenhaus wie jetzt, sei es von der Außentreppe her, regte sich eine stille Freude in Carolyn, und das Herz wurde ihr weit.

Sie hatte die Wohnung für einen lächerlich niedrigen Preis – mehr hätte sie sich allerdings auch gar nicht leisten können – von Natty McCall gemietet, von daher gehörte sie ihr nicht wirklich. Trotzdem war die Wohnung insgesamt, so bescheiden sie auch war, Carolyns Zuhause.

Sicher, manchmal fühlte sie sich einsam, besonders wenn der Laden geschlossen war. Aber es war nicht die gleiche Art von Einsamkeit, die sie empfunden hatte, als sie noch ständig von einem Haus ins nächste gezogen war und ihre Adresse schlicht „Postlagernd, Lonesome Bend, Colorado“ gelautet hatte.

Das Paradoxe am Namen der Stadt entging Carolyn keineswegs.

Sie war vor gut acht Jahren im Grunde rein zufällig hier gelandet, als ihr Auto auf einer dunklen Landstraße eine Panne hatte.

Ihre unerwarteten Retter Gifford Welsh und Ardith Sperry, beide Filmstars der A-Klasse, kamen vorbei, hielten an und boten ihr Hilfe an. Am Ende überließen sie ihr das Gästehaus hinter ihrem Landsitz-Refugium drei Meilen außerhalb der Stadt. Nach einer Reihe sehr sorgfältiger Leumundsprüfungen hatte das Paar Carolyn als Kindermädchen für seine lebhafte dreijährige Tochter Storm engagiert.

Carolyn hatte den Job und das Kind geliebt. Meistens waren sie und Storm in dem Haus in Lonesome Bend geblieben, wenn Gifford und Ardith kreuz und quer die Welt bereist hatten, manchmal gemeinsam, manchmal getrennt, und in Filmen auftraten, die ausnahmslos Oscar-Nominierungen und Golden Globes einheimsten.

Zwar hatte Carolyn nie der mitunter äußerst verlockenden Versuchung nachgegeben, Storm als ihr eigenes Kind zu betrachten, doch sie und das kleine Mädchen fühlten sich einander tief verbunden.

Für Carolyn lief das Leben besser als je zuvor, zumindest in diesem einzigen goldenen Jahr – bis zu dem Abend, als Gifford Welsh zu viel trank und beschloss, dass er und das Kindermädchen sich ein kleines Techtelmechtel gönnen sollten.

Carolyn hatte entschieden abgelehnt. Dass Welsh attraktiv war, ließ sich nicht leugnen. Er zierte als Sexiest Man Alive die Titelseite von People, nicht nur ein-, sondern gleich zweimal. Er war intelligent, charmant und geistreich, dazu reich und berühmt. Sie hatte alle seine Filme gesehen und jeden einzelnen geliebt.

Aber er war verheiratet.

Und er war Vater.

Diese Dinge zählten für Carolyn, auch wenn Welsh sie zeitweise aus den Augen verlor.

Nachdem sie seine Avancen abgewehrt hatte – Ardith hielt sich zu jener Zeit an einem Drehort irgendwo in Kanada auf –, hatte Carolyn gekündigt, ihre Sachen gepackt und das Haus für immer verlassen, nachdem eine Freundin, die als Storms Kindermädchen einsprang, eingetroffen war.

Innerhalb weniger Monate wurde das Haus in aller Stille an den Gründer einer Softwarefirma verkauft. Gifford, Ardith und Storm, die Berichten zufolge eine ausgedehnte Ranch in Montana gekauft hatten, setzten nie wieder einen Fuß auf den Boden von Lonesome Bend.

Selbst jetzt noch, Jahre später, hier in der Küche ihrer Wohnung, erinnerte Carolyn sich daran, wie schwer und schmerzlich es gewesen war, Storm zu verlassen. Der Schmerz meldete sich wie ein Schlag in die Magengrube zurück, wenn sie daran dachte, wie das kleine Mädchen hinter ihrem Auto hergelaufen war und unter Schluchzen gerufen hatte: „Komm zurück, Carolyn! Carolyn, komm zurück!“

Davor – lange, lange Zeit davor – war ein anderes kleines Mädchen verzweifelt einem anderen Auto hinterhergerannt, war gestolpert, gestürzt, hatte sich die Knie aufgeschrammt und war wieder aufgestanden und weitergelaufen.

Und die Schreie dieses Mädchen hatten sich nicht sehr von Storms Schreien unterschieden.

Mommy, komm zurück! Bitte komm zurück!

„Vergiss nicht zu atmen“, wies Carolyn sich streng zurecht. „Du bist jetzt eine erwachsene Frau, also benimm dich auch wie eine.“

Natürlich war sie eine erwachsene Frau. Doch das Kind, das sie gewesen war, lebte noch in ihr und fragte sich nach fünfundzwanzig Jahren immer noch, wohin ihre Mutter gegangen war, nachdem sie ihre Tochter im erstbesten Heim abgesetzt hatte.

„Riau“, bemerkte Winston, der jetzt auf dem Küchentisch hockte, wo er zweifellos überhaupt nichts zu suchen hatte. „Riau?“

Carolyn lachte leise unter Tränen, schniefte und tätschelte dem Tier den Kopf, bevor sie es sanft vom Tisch scheuchte. Winston ließ sich unverzüglich auf der breiten Fensterbank nieder, seinem liebsten Ausguck.

Der Zigeunerrock, ihr derzeitiges kreatives Projekt, hing säuberlich in einer Plastikhülle aus der chemischen Reinigung an einem Haken innen an der Schlafzimmertür.

Carolyn nahm das Kleidungsstück, drapierte es sorgfältig über der Tischkante gegenüber ihrer Nähmaschine und freute sich stumm an seiner Schönheit.

Der bodenlange Rock war aus schwarzem Crepe, der jedoch dank der vielfarbigen mit Perlen versehenen Bänder, die sie in weichen Lagen auf den Stoff genäht hatte, beinahe gänzlich verschwand. Sie hatte tagelang an dem Entwurf gearbeitet, wochenlang genäht, wieder aufgetrennt und erneut genäht.

Der Rock war erlesen schön, changierend und schimmernd, ein Fantasiegebilde zum Anziehen – von der Art, wie originelle Frauen wie Ardith Sperry sie zu Feierlichkeiten und Premieren trugen.

Doch Carolyn hatte ihn nicht für die Figur eines Filmstars geschneidert. Er hatte etwa Größe 40 bis 42 und reichlich Spielraum in den Nähten, damit er individuell angepasst werden konnte.

Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr hatte Carolyn eine kurvige Achtunddreißiger-Figur. Den Rock hatte sie mit Absicht für eine größere Frau als sie selbst zugeschnitten, da ihr die Trennung von dem guten Stück sonst sehr schwer gefallen wäre.

Derartig wohlüberlegte Opfer hatte sie oft gebracht, seit sie als Zehntklässlerin angefangen hatte zu nähen. Als sie die Grundlagen beherrschte, brauchte sie nicht einmal mehr Schnittmuster. Praktisch vom ersten Tag an hatte sie selbst Entwürfe gezeichnet, Maß genommen und den Stoff nachgemessen, zugeschnitten und zusammengenäht.

Und sie hatte sich schnell einen Namen gemacht. Während andere Schülerinnen sich mit Babysitten und Hamburger-Braten ihr Taschengeld verdienten, schneiderte Carolyn Unikate und verkaufte sie.

Damit gab es schon zwei Dinge, die sie gut konnte, hatte sie damals mit einer Begeisterung festgestellt, die sie heute noch spürte. Sie hatte außerdem ein gutes Händchen für Pferde; es war, als hätte sie schon immer reiten können.

Im Lauf der Jahre hatte sie alle möglichen Pferde geritten, da die meisten ihrer Kinderheime in ländlichen Gebieten gelegen hatten, wo sich immer jemand fand, der fürs Ausmisten der Ställe eine Reitgelegenheit bot.

Entschlossen schüttelte sie die nachdenkliche Stimmung ab, griff nach dem Rock, befreite ihn behutsam aus der Plastikhülle und hielt ihn hoch, um das changierende Farbenspiel all dieser Bänder und das Blinken der Glasperlen zu bewundern.

Es war albern, aber sie war versessen auf diesen Rock.

Abgesehen von dem Geld, das der Verkauf ihr einbringen würde und das sie – wie immer – gut brauchen konnte, wo sollte sie jemals ein solches Kleidungsstück tragen? Sie lebte in Jeans, Baumwolltops und Westernstiefeln, und zwar aus gutem Grund. In ihrem Herzen war Carolyn ein Cowgirl, keine berühmte Schauspielerin, keine Managergattin und auch kein Covermodel für Glamour.

Mit einem Seufzer hängte sie den Rock wieder an seinen Haken an der Schlafzimmertür – aus den Augen, aus dem Sinn.

Sie trat an den kleinen Schreibtisch, den Tricia bei ihrem Umzug auf die Ranch zurückgelassen hatte, und fuhr ihren Laptop hoch. Während das Gerät sich summend, grummelnd und piepsend in Arbeitsbereitschaft versetzte, erhitzte Carolyn in der Mikrowelle einen Becher Wasser, um sich einen Tee zu machen.

Winston, der von der Fensterbank aus immer noch den Garten überwachte, jaulte leise. Sein Schwanz zuckte hektisch hin und her. Er hatte das Fell gesträubt, aber die Ohren nicht angelegt, sondern nach vorn gerichtet. Während Carolyn noch versuchte, seine Körpersprache zu deuten, hörte sie jemanden die Außentreppe heraufkommen.

Eine Brody-artige Gestalt tauchte im Milchglasoval der Tür auf und hob eine Hand, um anzuklopfen. Doch bevor er dazu kam, hatte Carolyn bereits die Tür aufgerissen.

„Das glaube ich jetzt nicht“, sagte sie.

Auf der Fensterbank verlieh Winston mit einem neuerlichen leisen Jaulen seinem Missfallen Ausdruck.

„Was für ein Problem hat diese Katze eigentlich?“, fragte Brody finster und glitt geschmeidig an Carolyn vorbei in die Wohnung.

Carolyn schloss die Tür mit Nachdruck.

„Winston“, sagte sie steif, „ist ein äußerst scharfsichtiger Kater.“

Brody seufzte, und als Carolyn sich zwang, ihn anzusehen, musterte er mit einem Ausdruck verletzter Fassungslosigkeit auf dem schönen Gesicht Winston.

„Mag er Conner?“, erkundigte er sich.

„Ja“, antwortete sie nach kurzem Zögern. Jedes Mal wenn sie Brody traf, brachte er sie emotional aus dem Gleichgewicht, aber sie hasste ihn nicht. Jedenfalls nicht immer. Und es machte ihr keinen Spaß, ihn herunterzuputzen. „Aber das darfst du nicht persönlich nehmen.“

„Du hast leicht reden“, erwiderte Brody.

„Tricia geht’s doch gut, oder?“ Das war’s, sagte sie sich dann. Er kommt mit schlechten Nachrichten. Warum sonst sollte er den weiten Weg von der Ranch, wo er mit Conner und den Leuten Zäune ausbessern musste, noch einmal auf sich nehmen?

Offenbar hatte Brody das Erschrecken in Carolyns Blick bemerkt, denn er schüttelte den Kopf. In einer Hand hielt er seinen wettergegerbten Hut, mit der anderen fuhr er sich durch das zerzauste mattgoldene Haar.

Blitzartig heiß überkam es Carolyn wieder – das Gefühl von seinem Mund auf ihrer Haut.

„Soviel ich weiß, macht sie ein Nickerchen.“ Ein Grinsen blitzte in Brodys Augen auf und ließ einen Mundwinkel zucken. „Kaum hatte Tricia sich hingelegt, da fiel Conner auf, dass er auch müde war. Das hieß für mich, dass ich mich verziehen sollte.“

Carolyns Wangen glühten ein bisschen, aber sie musste lächeln. „Wahrscheinlich eine gute Entscheidung“, pflichtete sie ihm bei. Und wartete. Es war an Brody, zu erklären, warum er zurückgekommen war.

Seine bemerkenswert blauen Augen schienen sich um einige Nuancen zu verdunkeln, als er sie ansah, und der graue Ring um die Iris wurde breiter. „Ich weiß, dass es nicht viel ändert“, begann er schließlich, „doch es war mein Ernst, als ich dir gesagt habe, dass es mir leidtut, wie es zwischen uns zu Ende gegangen ist.“

Plötzlich hätte Carolyn am liebsten geweint. Und das war ein Zeichen von Schwäche, ein Luxus, den sie sich selten gestattete. Ihr Leben lang hatte sie stark sein müssen – um zu überleben.

Sie schluckte verkrampft und reckte das Kinn ein wenig vor. „Okay“, krächzte sie. „Du hast recht. Wir lassen es einfach … auf sich beruhen und tun so, als wäre es nie geschehen.“ Sie streckte die Hand aus, wie um einen Handel zu besiegeln. „Abgemacht?“

Für einen Moment senkte Brody den Blick auf ihre Hand, dann schaute er Carolyn wieder ins Gesicht. „Abgemacht“, stimmte er mit rauer Stimme zu. Und im nächsten Moment küsste er sie.

Carolyn spürte, wie etwas in ihr nachgab. Allerdings – so schön dieser Kuss auch war, sie wollte nicht wieder den Boden unter den Füßen verlieren, sie hatte lange gebraucht, um nach der Katastrophe – die Brody Creed hieß – wieder auf die Beine zu kommen.

Darum befreite sie sich aus seinen Armen und schuf ein paar Schritte Abstand zwischen sich und ihm – und dann noch ein paar.

Brody verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. In seinen Augen glomm ein verträumtes „Hab ich’s mir doch gedacht“.

Sprachlos, nicht nur über seine Dreistigkeit, sondern auch über die Gefühle, die er in ihr weckte, hob Carolyn zitternd eine Hand an den Mund.

„Wag nicht zu sagen, es täte dir leid“, flüsterte sie.

Leise lachend öffnete Brody die Tür, um zu gehen. „Glaub mir, es tut mir nicht im Geringsten leid – zumindest dieser Kuss nicht.“ Sein Blick wanderte zu Winston, der ihn mit angelegten Ohren und gesträubtem Fell von der Fensterbank aus anstarrte. „Bis dann, Katze“, fügte er hinzu. „Erst mal.“

Im nächsten Moment war er verschwunden – so schnell verschwunden, dass Carolyn fast glaubte, sie hätte sich den Besuch nur eingebildet.

Sie wartete, bis Brody Zeit gehabt hatte, damit er wegfahren konnte. Dann schaltete sie den Computer aus, zog eine leichte Cordjacke an und griff nach Handtasche und Autoschlüssel.

Nähen war jetzt ausgeschlossen, Buchführung ebenfalls. Sie war viel zu kribbelig, um stillsitzen oder auch nur in der Wohnung bleiben zu können.

Also fuhr sie zur Creed Ranch und nahm den Umweg über Nebenstraßen und holperige Holzfällerwege, um Brody nicht zu begegnen.

Nach etwa vierzig Minuten erreichte sie Kims und Davis’ Haus, parkte neben der Scheune und blieb kurz bei ihrem Wagen stehen, im Widerstreit mit sich selbst. Sie und Kim waren enge Freundinnen, sie sollte anklopfen und wenigstens Hallo sagen.

Das große, rustikale Haus wirkte allerdings verlassen. Außerdem war Carolyn nicht nach einem Plauderstündchen. Kim war hellsichtig und würde auf den ersten Blick erkennen, dass ihre Freundin etwas belastete.

Da sie die Erlaubnis hatte, jederzeit jedes beliebige Pferd der Creeds zu reiten – abgesehen von dem Vollblutwallach Firefly –, konnte sie sich ohne zu fragen einfach eines der Cowboypferde satteln.

Firefly, ein prachtvoller Fuchs, war laut Davis „zu viel Pferd“ für jeden außer einem erfahrenen Jockey. Als er und Kim erfahren hatten, dass das Tier eingeschläfert werden sollte, weil seine Zeit als Rennpferd vorbei war und es als Wallach nicht zur Zucht eingesetzt werden konnte, hatten sie einen Anhänger an ihren Pick-up angehängt und waren bis nach Kentucky gefahren, um Firefly zu sich zu holen.

Carolyn ging an der Koppel vorbei und blieb stehen, um Firefly zu bewundern, der an diesem kühlen, aber sonnigen Nachmittag die ganze Fläche für sich allein hatte. Er stand vor dem blauen Himmel, und seine Schönheit raubte ihr fast den Atem.

Als er den großen Kopf aufwarf und sich ihr gemächlich näherte, blieb sie reglos stehen. Dann hob sie vorsichtig die Hand, um seine samtigen Nüstern zu streicheln. Wenn sie ausreiten wollte, stopfte sie sich gewöhnlich ein paar Möhren in die Jackentaschen, bevor sie von zu Hause aufbrach. Heute hatte sie den Entschluss allerdings spontan gefasst – als Kurzschlussreaktion auf Brodys Kuss.

„Tut mir leid, Freundchen“, sagte sie. „Heute keine Möhren, aber beim nächsten Mal vergesse ich sie bestimmt nicht.“

Darauf nickte Firefly, als wollte er sein Verständnis ausdrücken, und Carolyns Laune hob sich ein wenig. Pferde wirkten auf sie wie eine Art Therapie. Schon als Kind beim Ställeausmisten und Heuballen-Aufschichten hatte sie sich allein in der Gegenwart der Tiere immer gleich viel besser gefühlt.

„Dich würde ich zu gern mal reiten“, fuhr sie fort. „Aber du bist tabu.“

Er reckte den langen Hals über die oberste Zaunlatte, und Carolyn tätschelte ihn liebevoll, bevor sie weiterging.

Abgesehen davon, dass sie zum Reiten herkam, wann immer sie Lust darauf hatte und ihre Zeit es erlaubte, hatte Carolyn auch oft das Haus gehütet und die Pferde versorgt, wenn Davis und Kim mit dem Auto verreist waren. Darum fühlte sie sich im Stall wie zu Hause. Carolyn glaubte sogar, wenn sie blind wäre, würde sie immer noch auf Anhieb die Sattelkammer finden, um den Sattel und das Zaumzeug zu holen, das Kim ihr geschenkt hatte, und die Pintostute Blossom zu satteln.

Das Pferd kannte Weg und Steg auf der Ranch auswendig. Blossom durchquerte auch die Bäche, ohne zu zögern. Außerdem war sie trittsicher wie ein Maultier im Grand Canyon. Sie scheute weder vor Schlangen noch Kaninchen, und Carolyn hatte noch nie erlebt, dass sie bockte oder mit ihrem Reiter durchging.

Blossom begrüßte Carolyn mit einem freundschaftlichen Wiehern.

Fünf Minuten später waren beide draußen unter dem beinahe schmerzhaft schönen blauen Himmel. Carolyn ruckte an einem Steigbügel, um sich zu vergewissern, dass der Sattelgurt fest genug gezogen war, dann saß sie auf.

Als sie im Sattel saß, kamen ihre strapazierten Nerven zur Ruhe. Ihr Puls und ihr Atem beruhigten sich, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht.

Sie dirigierte Blossom in Richtung auf das grüne Vorgebirge, in entgegengesetzter Richtung zum Haupthaus und fort von der Gebirgskette, immer noch darauf bedacht, wenn irgend möglich Brody aus dem Weg zu gehen. Doch abgesehen davon überließ sie es der Stute, sich selbst ihren Weg zu suchen.

Blossom trottete gemächlich daher und blieb stehen, um aus dem eisigen mäandernden Bach zu trinken, bevor sie ihn unter großem Geplatsche zur höher gelegenen Wiese, einem von Carolyns Lieblingsplätzen, hin durchquerte.

Hier blühten Wildblumen im Überfluss, gelb und rosa, blau und weiß, und das Gras stand hoch und üppig. Von der Gebirgskette aus konnte Carolyn nicht nur den Fluss, sondern auch Lonesome Bend am jenseitigen Ufer sehen.

Brodys neues Haus samt Stall, beides ziemlich große Gebäude, sahen in der Ferne wie Spielzeug aus. Die Arbeiter waren nicht größer als Ameisen, die über die Gerüste krabbelten, und der Baulärm erreichte ihr Ohr nicht, obwohl das Pferd ihn vermutlich hörte.

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