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Die Cochise Saga Band 1-4, Gesamtausgabe

Pete Hackett

Die Cochise Saga Band 1-4, Gesamtausgabe

Western-Sammelband





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Cochise Saga Teil 1 bis 4

Sammelband

von Chiricahua-Autor Pete Hackett

Nach Chiricahua 1 bis 8 jetzt die große Saga um den Apachen-Häuptling

Mit seinem großen 8bändigen Epos "Chiricahua – Die Apachen-Saga" beeindruckte Pete Hackett die Freunde des historischen Western-Romans.
Doch das Schicksal der Apachen ließ ihn nie los. Jetzt lässt er mit "DIE COCHISE SAGA" eine Fortsetzung und Ergänzung folgen.
Dies ist die Geschichte von Cochise, dem Häuptling der Chiricahua-Apachen ... Folgen Sie Pete Hackett, diesem einmaligen Kenner der Geschichte des Westens in dieses einzigartige Abenteuer.

Umfang: 480 Taschenbuchseiten 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

Band 1

Dezember 1860 …

Über den zerklüfteten Horizont im Osten kroch das schwefelgelbe Licht des anbrechenden Tages. Die Berge im Norden, Westen und Süden waren finstere, bedrohlich anmutende Silhouetten, an riesige Mahnmale erinnernd, überdimensionale Grabsteine in einem wilden und gefährlichen Land, in dem die Zivilisation noch in den Kinderschuhen steckte. Die ersten Vögel verabschiedeten mit ihrem Gezwitscher die Nacht.

Auf der Ward Ranch ging Licht an. Für John Ward und seine Frau Jesusa war die Nacht zu Ende. Auf sie wartete viel Arbeit. John Ward und seine drei Cowboys wollten Mavericks brandmarken. Jesusa – sie war mexikanischer Abstammung –, musste das Haus hüten, das Nutzvieh versorgen und sich um Felix, ihren neunjährigen Sohn, kümmern.

Jesusa machte Feuer im gemauerten Herd. Das Licht der Petroleumlampe, die über dem aus groben Brettern gezimmerten Tisch von der Decke hing, reichte nicht aus, um den Raum bis in die Ecken auszuleuchten. Es legte düstere Schatten in das schmale, vorzeitig gealterte Gesicht der Frau mit dem herben Zug um den Mund, und es spiegelte sich in ihren Augen wider, in denen das Feuer der Jugend längst erloschen war.

Ihr Leben war immer schon ein einziger Daseinskampf gewesen. Sie hatte immer nur die Tiefen kennen gelernt. Längst konnte sie nicht mehr lachen, sie konnte aber auch nicht mehr weinen. Zu viel hatte sie schon geweint. Und irgendwann hatte sie begonnen, dieses Leben voller Tiefschläge und Entbehrungen zu akzeptieren.

„Ich hole Wasser“, murmelte John Ward, ein großer, dunkelhaariger Mann mit finsterem Gesichtsausdruck, und er nahm den Ledereimer, der auf einer Anrichte stand. Die Tür knarrte in den Angeln, als er ins Freie trat. Die Morgenluft war kühl, ein schraler Wind streifte das bärtige Gesicht des Ranchers. Zunächst blieb er stehen, atmete tief durch und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Zwischen den Schuppen, dem Stall und der Scheune nistete noch die Dunkelheit. Aber sogar im unwirklichen Licht war zu erkennen, dass hier alles verwahrlost und heruntergekommen war. Irgendwo knarrte eine Tür im Morgenwind. Die Fensterläden hingen zum Teil schief an den Wänden. Das Unkraut wucherte hüfthoch. Ein Stangencorral war stellenweise zusammengebrochen.

Alles mutete ruhig und friedlich an. Doch über der Ward Ranch ballten sich bereits die dunklen Wolken des Unheils zusammen. Das Verhängnis lauerte im Ufergebüsch des kleinen Creeks, der an der Ranch vorüber floss. Stechende Augen beobachteten den Rancher, der jetzt ahnungslos den staubigen Hof überquerte und sich dem Fluss näherte.

John Ward war ein Mann, der gerade so viel arbeitete, dass er sich, seine Frau und seinen Stiefsohn über Wasser halten konnte. Wenn er der Meinung war, genug getan zu haben, gab er sich der Trunksucht hin. Jesusa und der neunjährige Felix waren seinen unberechenbaren, wechselvollen Stimmungen hilflos ausgeliefert. Oft hatte die Frau schon daran gedacht, wegzulaufen und alles hinter sich zu lassen. Sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, und es blieb ihr nur, zu resignieren.

Unter Wards Stiefelsohlen mahlte der feine Sand. Das brüchige Leder der staubigen Stiefel knarrte leise. Er erreichte die Büsche und trat in die Schneise, die er in den dichten Buschgürtel geschlagen hatte. Vor seinem Blick lag glitzernd der Creek, über dem noch weiße Nebelbänke hingen. In dem Moment, als er sich bückte, um mit dem Eimer Wasser zu schöpfen, vernahm er ein Geräusch. Es war ein trockenes Knacken, und der Instinkt Wards signalisierte Gefahr. Da erhielt der Rancher auch schon einen brutalen Schlag gegen den Hinterkopf. Vor seinen Augen schien die Welt zu explodieren, ein Schrei kämpfte sich in seiner Brust hoch, erstarb aber in der Kehle, und dann versank alles um ihn herum in absoluter Finsternis. Sein Denken riss, seinen Aufprall am Boden merkte er schon nicht mehr.

Ein leiser Befehl erklang, schemenhafte Gestalten lösten sich aus dem Ufergebüsch, huschten geradezu lautlos wie Schatten zur Ranch, und vier von ihnen drangen ins Haupthaus ein. Die anderen verteilten sich, einige liefen zu den Pferchen mit den Nutztieren. Die drei Cowboys, die in einem kleinen Nebengebäude noch schliefen, bekamen nichts mit.

Mit schreckensgeweiteten Augen starrte Jesusa Ward die Eindringlinge an. Es waren Apachen. Sie belauerten die Frau, von ihnen ging eine stumme Drohung aus, die Tomahawks in ihren Fäusten unterstrichen den bedrohlichen Eindruck. „Was wollt ihr?“, entfuhr es der Frau auf Apache.

„Wo ist Mickey?“

„Wer?“

„Dein Sohn.“

„Was wollt ihr von ihm?“ Jesusa Ward knetete die Hände. In ihren dunklen Augen glomm die Angst. Sie schluckte würgend, ihr Hals war wie zugeschnürt, das Herz schlug einen rasenden Rhythmus und jagte das Blut durch ihre Adern. Die Düsternis im Raum verstärkte den Eindruck von Einsamkeit und Verlorenheit. Die Mexikanerin erbebte innerlich.

„Sein Vater will ihn“, antwortete der Krieger. Er war noch jung, bekleidet war er mit einer Hose und einer Bluse aus ungefärbtem, grobem Leinenstoff, er trug kniehohe Mokassins und hatte sich ein gelbes Tuch um die Stirn gebunden, unter dem die langen, schwarzen, speckig glänzenden Haare hervorquollen.

Plötzlich erklang draußen Geschrei, einige Schüsse peitschten, und ebenso abrupt, wie der Lärm einsetzte, endete er wieder. Unwirkliche Stille schloss sich an. Einer der Apachen verließ das Ranchhaus, kam sogleich wieder zurück und meldete: „Es ist gut. Die drei Männer im anderen Haus sind überwältigt.“

„Gib uns den Knaben“, forderte der Apache, der bisher schon das Wort geführt hatte. „Du willst doch nicht, dass wir euch alle töten. Sein Vater hat ein Recht auf Mickey.“

„Als ich von den Apachen vor neun Jahren freigelassen wurde, war ich schwanger“, murmelte die Mexikanerin. „Der Krieger, dem man mich zur Squaw gab, hat seinen Sohn nie gesehen. Felix ist jetzt neun Sommer alt und …“

„Sein Vater weiß von dem Knaben, und er nennt ihn Mickey. Wo ist er?“

Von draußen erklangen das Meckern einer Ziege und das Blöken von Schafen. Gutturale Stimmen waren zu vernehmen.

Der Apache ging auf Jesusa zu und hob die Hand mit dem Tomahawk. Seine Augen funkelten gefährlich. Um seinen Mund lag ein brutaler Zug. Die Mexikanerin konnte nicht zurückweichen, denn hinter ihr war der Ofen. Sie hob instinktiv die Hände, als wollte sie den Schlag abwehren, den sie erwartete. Zu ihrer Angst, zum Entsetzen gesellte sich die Verzweiflung. Sie wob tief auf dem Grund ihrer Augen, ihr Mund klaffte auf wie zu einem Schrei. Doch der Krieger schlug nicht zu, sondern ließ die Hand mit der Streitaxt sinken und rief über die Schulter: „Seht in dem anderen Raum nach!“

Zwei der Apachen setzten sich in Bewegung und verschwanden in der Schlafstube. Eine helle Kinderstimme war zu hören, sie wurde von der barschen Stimme eines der Apachen unterbrochen, dann zerrte der Krieger den neunjährigen Felix Ward in die Küche. Der Junge hatte schwarze Haare, seine Haut war etwas dunkler als die Haut eines weißen Kindes, und es war deutlich, dass in seinen Adern Indianerblut floss.

„Ma!“, rief Felix Ward und fing an bitterlich zu weinen. „Ma, was wollen diese Leute? Wo ist Dad?“ Der Junge schniefte, Tränen rannen über seine Wangen.

Mit einer herrischen Geste seiner linken Hand bedeutete der Sprecher der Apachen seinen Stammesbrüdern, den Jungen nach draußen zu bringen. Sein Weinen und seine Hilferufe rührten die Krieger nicht. Jesusa Ward stieß sich ab, um sich auf den Apachen zu stürzen, der ihren Sohn zur Tür bugsierte. Der Krieger, der vor ihr stand, packte sie mit der freien Hand am Oberarm und schleuderte sie herum. Die Frau verlor das Gleichgewicht und stürzte schwer auf den Fußboden. Wie betäubt lag sie da. Wirr hingen ihr die schwarzen Haare ins Gesicht. Es gelang ihr nicht, irgendeinen Gedanken zu fassen. Ihr leerer Blick verlor sich in einer Wand aus wogenden Nebelschleiern.

Die Apachen verließen das Ranchhaus. Die anderen Krieger hatten auf dem Ranchhof einige Ziegen, Schafe und zwei Milchkühe zusammengetrieben.

Bald darauf waren sie samt dem Vieh und dem Jungen zwischen den Hügeln verschwunden. Die Geräusche, die sie verursachten, entfernten sich und waren schließlich nicht mehr zu hören.

Jesusa Ward überwand ihre Betäubung. Jähe Sorge um ihren Mann flammte in ihr auf und es riss sie förmlich in die Höhe. Das Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen. Ihre Psyche versagte, das alles war zu viel für sie. Sie weinte bitterlich, und ihre Beine wollten sie kaum tragen, als sie das Haus verließ und über den Ranchhof taumelte. Die Dunkelheit hatte sich gelichtet, die Sterne waren verblasst. „John!“, rief die Mexikanerin mit jämmerlicher, tränenerstickter Stimme. „Mein Gott, John …“

Er hatte sie geschlagen und gedemütigt – jetzt fürchtete sie um sein Leben. Sie hatte doch nur ihn und Felix. Den Jungen aber hatten die Apachen mitgenommen. Eine Welt stürzte für die geprüfte Frau zusammen.

Ein lang anhaltendes Stöhnen wies ihr den Weg. John Ward war soeben zu sich gekommen. In seinem Kopf dröhnte es wie in einer Hammerschmiede, in seinen Ohren schien ein Wasserfall zu rauschen, er lag auf allen vieren und stemmte sich verbissen gegen die dunklen Schatten der Benommenheit, die auf ihn zuzukriechen schienen.

Jesusa fand ihn und ließ sich bei ihm auf die Knie niederfallen. Ein zentnerschwerer Stein fiel ihr vom Herzen, weil er lebte. Die Sorge um ihren Sohn jedoch ließ kein Gefühl der Erleichterung aufkommen. Sie lagerte wie mit einer tonnenschweren Last auf ihrer Seele, ein eiserner Ring schien sich um ihre Brust gelegt zu haben und sie unerbittlich zusammenzupressen. „John – du lebst, dem Himmel sei Dank.“

John Ward stieß eine Verwünschung aus, kroch zum Fluss und steckte den Kopf ins Wasser. Prustend richtete er den Oberkörper auf. Sekundenlang schien ihn der Schwindel wie eine graue, alles verschlingende Flut zu überwältigen, er schloss die Augen, bot allen Willen auf, gewann die Kontrolle über seinen Körper und sagte abgehackt, mit einer ihm selbst fremd klingenden Stimme: „Man hat mich niedergeschlagen. Was ist geschehen?“

„Es – es waren Apachen“, stammelte Jesusa. „Sie – sie haben Felix mitgenommen.“ Ihre Stimme hob sich, wurde geradezu schrill. „Mann, sie haben Felix mitgenommen, und sie haben unser Vieh gestohlen. Wir müssen etwas tun. Wir …“

Ihre Stimme brach, sie konnte nur noch schluchzen, schlug beide Hände vor das Gesicht und erbebte am ganzen Körper.

„Großer Gott“, murmelte der Rancher und kämpfte sich auf die Beine. Schwankend wie ein Schilfrohr im Wind stand er da, griff sich an den Kopf und stöhnte. „Steh auf, Jesusa“, entrang es sich ihm schließlich zwischen keuchenden Atemzügen. „Ich muss nach meinen Männern sehen. Die Pest an den Hals dieser rothäutigen Bastarde, wenn sie meine Cowboys umgebracht haben.“

„John, sie haben Felix …“

„Die Armee wird sich drum kümmern“, versicherte John Ward. „Unabhängig davon, Weib, werden ihm die Apachen nichts tun, denn er ist einer von ihnen. Sein Vater ist eine dreckige Rothaut, in seinen Adern fließt verdammtes Apachenblut.“

„Sein Schicksal interessiert dich nicht!“, schrie Jesusa hysterisch und trat einen Schritt zurück. „Es interessiert dich nicht, weil er nicht dein Sohn ist! Wäre er dein Sohn, würdest du den Apachen folgen und …“

„Du redest Unsinn, Weib!“, schnitt ihr der Rancher barsch das Wort ab. „Ich habe Felix sogar meinen Namen gegeben.“ Seine Stimme wurde etwas weicher, und die Härte in seinen dunklen Augen milderte sich, als er fortfuhr: „Was soll ich denn tun? Soll ich den rothäutigen Hurensöhnen hinterher reiten und mich von ihnen massakrieren lassen? Das kannst du nicht von mir verlangen. Danken wir Gott, dass wir noch leben.“

Er warf sich herum und eilte in Richtung Ranch davon.

Jesusa warf sich zu Boden und weinte steinerweichend.


*


John Ward ritt nach Fort Buchanan. Das Fort war erst vor kurzer Zeit am Sonoita Creek errichtet worden, und es handelte sich eigentlich nur um ein Camp, bestehend aus zig Zelten, die von einem Erdwall umgeben waren, auf dem einige Soldaten mit schussbereiten Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten patrouillierten. Die Zelte waren in Reih und Glied aufgebaut, dazwischen befand sich der Paradeplatz, in dessen Mitte sich ein von Hitze und Regen verkrümmter Fahnenmast erhob, von dem schlaff das Sternenbanner hing. Am östlichen Rand des Exerzierplatzes war das Zelt des Kommandanten errichtet. Es war größer als die Zelte der Soldaten. Dahinter waren einige weitere große Zelte aufgestellt worden, in denen die Küche, der Stab und die Depots untergebracht waren. In einigen Seilcorrals tummelten sich an die hundertfünfzig Pferde.

Beim Zugang zu dem Camp hielten zwei bewaffnete Posten den Rancher auf. Er nannte seinen Namen, dann sagte er mit staubheiserer Stimme: „Ich betreibe eine Ranch etwa fünf Meilen von hier. In der Nacht wurden wir von Chiricahuas überfallen, mein neunjähriger Sohn wurde geraubt, außerdem nahmen die rothäutigen Parasiten meine Ziegen, Schafe und Kühe mit. Ich will Anzeige erstatten. Die Armee muss meinen Jungen aus der Gewalt dieser elenden Heiden befreien.“

„Reiten Sie zur Kommandantur, Ward“, sagte einer der Posten. „Ihre Geschichte wird den Major sicherlich sehr interessieren.“

John Ward durfte passieren. Im Camp waren nur wenige Soldaten zu sehen. Sicher war ein Teil der Besatzung auf Patrouille unterwegs. Beim Zelt des Kommandeurs stieg der Rancher vom Pferd, schlang den langen Zügel um den rissigen Haltebalken des Hitchrack und trat steifbeinig an einen der beiden Infanteristen heran, die Wache hielten, stellte sich vor und nannte sein Anliegen.

Der Soldat verschwand im Zelt, kam kurz darauf zurück und forderte John Ward auf, einzutreten. Major Robert Clark stand neben seinem zerkratzten Schreibtisch und musterte den Rancher mit wachen Augen, schien ihn einzuschätzen, zu erforschen und sich ein Bild von ihm zu machen. Ward murmelte einen Gruß, den der Offizier erwiderte, dann sagte Clark:

„Es ist eine schwerwiegende Anklage, die Sie vorbringen, Mr Ward.“

Der Wachsoldat hatte ihn also schon informiert.

Ward Miene verfinsterte sich. Er schürzte die Lippen. „Finden Sie, Sir? Ich denke, es handelt sich um ein schwerwiegendes Verbrechen, dessen sich die Chiricahuas schuldig gemacht haben.“

„Woher wollen Sie so genau wissen, dass es sich um Chiricahuas handelte?“, wollte Clark wissen.

„Wer sonst? Sie leben in den Chiricahua- und in den Dragoon Bergen. Meine Ranch liegt am Rand der Gebiete, in denen sie ihr Unwesen treiben. Als einer der Krieger zu meiner Frau sagte, dass sie Felix zu seinem Vater …“

Abrupt brach John Ward ab, kniff die Lippen zusammen und wich dem Blick des Majors aus. Er zeigte den verkniffenen Gesichtsausdruck eines Mannes, der schon viel zu viel preisgegeben hatte.

Die Brauen Clarks hatten sich düster zusammengeschoben, über seiner Nasenwurzel standen jetzt zwei senkrechte Falten. „Sind Sie denn nicht der Vater des Jungen?“

John Ward schaute zu Boden, stieß scharf die Luft durch die Nase aus und antwortete: „Sein Vater ist ein Apache. Meine Frau, eine Mexikanerin, wurde vor zehn Jahren von den Coyoteros geraubt und die Squaw eines Kriegers. Ein Jahr später gelang es der Regierung, Jesusa freizukaufen. Sie war allerdings schwanger, als sie die Coyoteros verließ.“

„Der Junge ist also ein Halbblut“, konstatierte Clark, ging halb um den Schreibtisch herum und setzte sich, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Hände über dem Leib. „Vielleicht waren es die Pinals, die Ihre Ranch überfielen und den Knaben raubten. Behauptete nicht einer der Krieger, dass sie Felix zu seinem Vater bringen wollen?“

„Das war eine Lüge“, murmelte Ward. „Die Pinals – ich und die meisten Menschen dieses Landes nennen sie Coyoteros –, leben, wenn ich richtig informiert bin, irgendwo hundert oder hundertfünfzig Meilen weiter westlich. Sie haben Frieden mit den Weißen geschlossen. Woher sollte außerdem Felix’ Vater wissen, dass Jesusa und ich geheiratet haben und ich dem Jungen meinen Namen gegeben habe?“ John Ward schüttelte wiederholt den Kopf. „Die Chiricahuas kennen die Geschichte. Sie waren es, die Felix geraubt haben.“

„Die Pinals können von den Chiricahuas erfahren haben, wo der Junge jetzt lebt und wie er heißt. Die Kommunikation unter den verschiedenen Stämmen hier in der Apacheria soll hervorragend funktionieren. – Außerdem scheinen Sie keine große Ahnung von den Apachen zu haben, Mr Ward.“

„O doch“, grollte der Rancher, „ich weiß eine Menge über sie.“

„Dann sollten Sie auch wissen, dass hundert oder hundertfünfzig Meilen keine Entfernung für einen Apachen sind“, gab Clark zu verstehen. „Die Krieger werden bereits von Kindesbeinen an in Widerstandsfähigkeit und Schläue unterwiesen. Diesen Eigenschaften haben die Apachen ihre Stärke zu verdanken. List und Geschicklichkeit werden bei ihnen höher bewertet als bloße Tapferkeit. Man lehrt die künftigen Krieger, mit Erschöpfungszuständen fertig zu werden. Sie werden auf Kampf und Durchhaltevermögen getrimmt. Selbst dort, wo Eidechsen und Skorpione keine Chance mehr haben, können Apachen noch ihr Leben fristen. Hundert Meilen legt ein Apache zu Fuß in zwei Tagen zurück – wenn es sein muss, im schwierigsten Gelände.“

„Sie haben etwas vergessen, Sir“, sagte John Ward grollend. „Man bringt ihnen auch bei, wie man raubt und mordet. Jesusa, mich und meine Cowboys haben sie wahrscheinlich nur aus dem einen Grund nicht umgebracht, weil sie fürchten, gehängt zu werden. Sie kennen keinen Ehrenkodex. Lassen Sie die roten Teufel erst einmal von der Leine … Ich sage es noch einmal, Sir: Es waren die Chiricahuas. Ich weiß es.“

„Ich werde eine Patrouille zu Cochise schicken“, erklärte Clark nach einiger Zeit, in der er nachzudenken schien. „Wenn seine Krieger hinter der Entführung stecken, dann finden meine Leute das heraus.“

„Werden Sie Cochise und seine Leute bestrafen?“, fragte Ward erwartungsvoll.

„Wenn sie den Jungen und Ihr Vieh geraubt haben – ja. Dann werden wir sie sogar ausgesprochen hart bestrafen. Wir werden ein abschreckendes Exempel statuieren.“

„Ich bitte darum, Sir. Wenn die Rothäute in diesem Landstrich nicht auf die raue Tour in ihre Schranken verwiesen werden, sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher. Man sollte sie …“

John Ward verstummte und winkte ab. Hass glomm in seinen Augen, eine tödliche Leidenschaft wütete in seinen Zügen.

„… mit Knüppeln erschlagen, wie?“, vollendete Clark und ein süffisantes Grinsen umspielte seine schmalen Lippen. „Haben Sie persönlich etwas gegen die Chiricahuas?“

„Sie sind heimtückisch und grausam, sie besitzen keinen Charakter, hausen in ihren Dörfern wie die wilden Tiere, stinken nach Urin und Tran und schmieren sich Büffelfett in die Haare. Das sind keine Menschen, Major, das sind Teufel in menschlicher Gestalt.“

„Cochise verhält sich seit vielen Jahren friedlich“, wandte Clark ein. Sein Lächeln war zerronnen. Sein kühler Blick hing an Wards Gesicht. Ein unsteter Lebenswandel hatte darin deutliche Spuren hinterlassen. Was der Major sah, war lediglich dazu angetan, Antipathie gegen den finsteren Rancher zu empfinden. Clark fuhr fort: „Vor sechs Jahren hat Cochise sogar zugelassen, dass die Weißen sein Land auf der südlichen Route nach Kalifornien durchqueren dürfen. Er hat auch keine Einwände erhoben, als die Butterfield Overland Mail Company am Apache Pass eine Relaisstation errichtete. Seine Leute schlugen sogar das Bauholz für die Station.“

„Es ist Natterngezücht!“, knirschte John Ward gehässig. „Ich kann mir auch denken, warum sie Felix und mein Vieh geraubt haben. Vor einiger Zeit verjagte ich einige Krieger mit dem Gewehr in den Händen von meinem Weideland. Ich denke, sie wollten Rinder stehlen. Ich habe gedroht, sie zu erschießen, wenn ich sie noch einmal auf meinem Grund und Boden antreffe. Sicherlich haben sie schon des Öfteren Vieh von meiner Weide abgetrieben, ohne dass ich es bemerkt habe.“

„So schafft man sich natürlich keine Freunde bei den Chiricahuas.“ Jetzt zeigte Clark wieder das spöttische Grinsen. „Sie sollen nicht nur hinterhältig und grausam sein, sondern auch höllisch nachtragend. Nun, Mr Ward, ich werde Cochise eine Reihe von Fragen stellen, und wenn er sie mir nicht zu meiner Zufriedenheit beantworten kann – nun …“

Vielsagend verstummte Major Clark.

Seine nicht ausgesprochenen Worte beinhalteten ein unseliges Versprechen …


*


Der Januar verging, ohne dass irgendetwas geschah. Der Februar begann … John Ward verlor die Geduld und ritt erneut nach Fort Buchanan. Major Clark empfing ihn. Der Fortkommandant zeigte sich reserviert. Er war alles andere als erfreut über den Besuch.

„Mir scheint, es ist nichts geschehen, Sir!“, stieß der Rancher grimmig hervor, nachdem ihn der Fortkommandant knapp begrüßt hatte. „Was haben Sie unternommen, um meinen Sohn aus der Gewalt Cochises und seiner Apachenbrut zu befreien?“

„Es tut mir leid, Mr Ward“, murmelte der Major, „aber ich hatte viel zu wenig Soldaten hier im Fort. Es gab Unruhen. Die Chiricahuas wollen nicht länger dulden, dass die Goldsucher in ihre Jagdgründe einfallen wie die Heuschrecken. Wir hatten genug damit zu tun, um in den Dragoons den Frieden aufrecht zu erhalten. Aber jetzt …“

John Ward fixierte den Major scharf, geradezu herausfordernd. „Was, Sir?“

Der Major reckte die Schultern und antwortete: „In den nächsten Tagen bricht Lieutenant George Bascom mit fast fünf Dutzend Kavalleristen zum Apache Pass auf. Bascom ist ein junger Mann, der vor Kurzem nach Fort Buchanan abgeordnet worden ist. Er ist eifrig darauf bedacht, Karriere zu machen. Er wird nach Ihrem Sohn forschen und auch mit Cochise zu sprechen. Ich bin übrigens ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass es die Chiricahuas waren, die Ihren Sohn entführten und ihr Vieh raubten. Es ist nämlich kaum anzunehmen, dass sich Pinals in das Gebiet wagen, über das die Chiricahuas wachen, weil sie es als das ihre betrachten.“

„Natürlich waren es die Chiricahuas“, kam es im Brustton der Überzeugung von Ward. „Es sind Verbrecher. – Haben Sie etwas dagegen, Sir, wenn ich mit dem Lieutenant zum Apache Pass ziehe? Ich möchte dabei sein.“

„Was sollte ich dagegen haben?“

„Wann bricht die Patrouille auf?“, erkundigte sich Ward.

„In drei Tagen.“

„Gut, ich werde da sein.“

John Ward verabschiedete sich. Der Major trug einer Ordonnanz auf, Lieutenant George Bascom zu informieren, dass er unverzüglich in der Kommandantur vorsprechen sollte. Zehn Minuten später erschien der junge Offizier, salutierte und schnarrte: „Lieutenant Bascom, Sir. Melde mich wie befohlen, Sir.“

Bascom war etwa sechs Fuß groß und schlank, seine Haare waren dunkel, sein Schnurrbart war sauber getrimmt, Kinn und Wangen waren glatt rasiert. Er besaß ein schmales Gesicht, seine dunklen Augen verrieten ein hohes Maß an Intelligenz. Die blaue Uniform saß wie maßgeschneidert. Dieser Mann war für das Militär wie geschaffen.

„Danke, Lieutenant. Setzen Sie sich.“

Der junge Offizier entspannte sich. Bis vor wenigen Monaten hatte er noch die Militärakademie in West Point besucht. Sein Gesicht war noch nicht vom heißen Wind und der gleißenden Sonne Arizonas gegerbt. Bascom hatte keinerlei Erfahrung mit diesem harten, unerbittlichen Land, ihm waren noch nicht die Lektionen erteilt worden, die ihn entweder hart und unbeugsam machten, oder an denen er möglicherweise zerbrach.

Schließlich saßen sich der alte und erfahrene Indianerkämpfer und der junge, unerfahrene, aber ausgesprochen ehrgeizige Lieutenant gegenüber. „Sie werden in drei Tagen zum Apache Pass aufbrechen, Lieutenant“, begann der Major.

„Richtig, Sir.“

„Ein Mann namens John Ward wird Sie begleiten. Er betreibt in der Nähe des Forts eine Ranch. Im Dezember haben Chiricahuas das Anwesen überfallen und seinen neunjährigen Stiefsohn sowie sein Nutzvieh geraubt.“

„Ich habe davon gehört, Sir.“

„In der Nähe des Apache Pass lebt Cochise, der oberste Häuptling der Chiricahuas. Ich möchte, Lieutenant, dass Sie mit Cochise Kontakt aufnehmen und die Herausgabe des Jungen fordern. Machen Sie ihm klar, dass die Armee nicht zögern wird, das Kind gegebenenfalls auch gewaltsam zu befreien. Cochise wird wissen, was das heißt.“

„Ich habe also freie Hand, Sir, falls sich der Apache weigert, mir den Jungen auszuliefern.“

Bascom hatte mit klarer, sachlicher und präziser Stimme gesprochen. Sein Gesicht zeigte keine Gemütsbewegungen. Von seinen Zügen war nicht abzulesen, was hinter seiner hohen Stirn vorging.

Der Major nickte, dann sagte er: „Es wäre jedoch ratsam, alles zu versuchen, um das Kind ohne Blutvergießen freizubekommen. Im Falle, dass es zu Kämpfen kommt, würden auch Sie und Ihre Männer Federn lassen müssen, Lieutenant. Wirken Sie auf Cochise ein, bieten Sie ihm Geld für den Jungen. Erinnern Sie ihn mit Nachdruck daran, dass er mit der Armee Frieden geschlossen hat, und machen Sie ihm klar, was die Konsequenz sein wird, wenn er diesen Frieden gefährdet oder gar bricht.“

„Sicher, Sir, ich werde mit dem Apachen klare Worte sprechen – Worte, die er verstehen wird.“

Die letzten Worte zeugten von der Arroganz, die das Wesen des jungen Offiziers bestimmte, die charakteristisch für ihn war.

Der Major beugte sich ein wenig vor. „Seien Sie auf der Hut, Lieutenant“, sagte er eindringlich. „Cochise ist gefährlich. Er war dabei, als vor über zwei Jahren die Apachen unten in Sonora, bei der Stadt Arizpe, einige Kompanien Infanterie und zwei Kompanien Kavallerie der mexikanischen Armee aufrieben.“

„Ich kenne die Geschichte“, murmelte der Lieutenant. „Es war ein blutiges Massaker. Ein Apache, sein Name ist Gokhlayeh, hat sich ganz besonders hervorgetan.“ Bascom machte eine kurze Pause. „Ich spreche von Geronimo, Sir“, endete er schließlich, mit lakonischem Tonfall.

„Richtig.“ Der Major nickte. „Als Gokhlayeh zwölf Jahre alt war, brachten Weiße seine Eltern um. Mangas Colorados nahm sich des Waisenknaben an und adoptierte ihn gewissermaßen. Vor drei Jahren töteten die Mexikaner Geronimos Frau, seine drei Kinder und seine Adoptivmutter, Mangas Colorados Squaw also, worauf sich Geronimo mit Cochise verbündete und bei Arizpe für besagtes Blutbad sorgte. Cochise wiederum ist mit einer Tochter von Mangas Colorados verheiratet. Die Beziehung zwischen Cochise, Mangas Colorados und Gokhlayeh ist also verdammt eng. Denken Sie dran, Lieutenant, dass die Apacheria einem Pulverfass gleicht, in das nur der berühmte Funke zu fallen braucht.“

„Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen, Sir“, murmelte Bascom. „Ich soll Cochise behandeln wie ein rohes Ei. Nun, denken Sie nicht, Sir, dass Strenge und Härte angebrachter wären?“

„Sprechen Sie mit Cochise, Lieutenant, machen Sie ihm klar, dass es ein Verbrechen war, den Knaben zu entführen, wirken Sie auf ihn ein, dass er Felix Ward herausgibt – aber fordern Sie Cochise um Himmels Willen nicht heraus.“

Lieutenant Bascom erhob sich. „Wir werden es sehen, Sir, ob der Chiricahuahäuptling mit sich reden lässt.“

„Machen Sie nur keinen Fehler, Lieutenant“, mahnte der Major, dann entließ er George Bascom.

Drei Tage später verließ der Lieutenant mit vierundfünfzig Reitern das Fort, John Ward begleitete die Patrouille. Gegen Mittag des dritten Tages nach ihrem Aufbruch erreichten sie den Apache Pass. Die Pferdewechselstation der Butterfield Overland Mail Company war mehrere hundert Yards von den Quellen des Passes entfernt errichtet worden, was Cochise zur Bedingung machte, als er die Erlaubnis für den Bau der Station gab, weil er fürchtete, dass die Gesellschaft einen Alleinanspruch auf das kostbare Wasser erheben könnte.

Der Name des Stationers war Charles Culver. Während die Kavalleristen lagerten, ritten Lieutenant Bascom, ein bei der Armee ergrauter Sergeant und John Ward zur Station. In einem großen Corral weideten drei Dutzend Pferde. Die Station bestand aus einem kleinen Haupthaus, an das ein Gebäude mit einem Aufenthaltsraum für Reisende angebaut war, sowie einigen Schuppen, einem großen Stall und einer Scheune für Heu und Stroh.

Charles Culver trat aus dem Stationsgebäude, blieb vor der Tür stehen und beschattete mit der flachen Hand seine Augen, weil ihn das Sonnenlicht blendete. Ein großer, breitschultriger Mann trat neben Culver und schaute den Ankömmlingen entgegen. Die drei Reiter hielten eine Pferdelänge vor ihm an. Die Pferde stampften und prusteten, die Gebissketten klirrten, die Männer schätzten sich sekundenlang schweigend ein, dann sagte Lieutenant Bascom: „Wir kommen von Fort Buchanan und gehören zum siebten Infanterie Regiment. Ich bin Lieutenant Bascom.“

Der Stationer nickte. „Freut mich, Lieutenant. Mein Name ist Culver – Charles Culver, ich arbeite für die Butterfield Linie. Was führt Sie und Ihre Leute zum Apache Pass? Die Chiricahuas sind friedlich.“

„Sie haben mein Vieh gestohlen und meinen Sohn entführt!“, stieß John Ward wild und unbeherrscht hervor. Seine Stimme sank herab zu einem heiseren Geflüster. „Das nennst du friedlich, Culver? Ich verstehe unter diesem Begriff etwas anderes – etwas völlig anderes.“

Culver heftete den Blick auf den finsteren Mann. Was er sah, gefiel ihm nicht. Etwas störte ihn an Ward, was es war, entzog sich seinem Verstand. Vielleicht war es das gehässige Glitzern in seinen Augen, vielleicht der brutale Zug um seinen Mund. „Das kann ich mir nicht vorstellen, Mister“, versetzte der Stationer ruhig, aber mit Nachdruck in der Stimme. „Cochise ist friedlich. Zwischen ihm und der Postkutschengesellschaft besteht sogar ein Vertrag – der erste Vertrag überhaupt, der je mit einem Apachenhäuptling abgeschlossen wurde. Es geht um …“

„Ich weiß von dem Vertrag“, unterbrach Bascom den Stationer ungeduldig. „Mein Auftrag lautet, mit Cochise zu verhandeln. Er soll in der Nähe des Apache Pass leben. Haben Sie eine Ahnung, wo ich ihn finde?“

Charles Culver spürte Argwohn in sich aufsteigen. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und begann an ihr zu nagen. Sein Blick ging an dem Lieutenant vorbei und glitt über die Kompanie Soldaten hinweg, die an den Quellen ihre Pferde und sich selbst versorgten. Der Stationer wusste von blutigen Vergeltungsmaßnahmen der Armee, und weder der Lieutenant noch John Ward schienen gut auf die Chiricahua zu sprechen zu sein.

„Ich kann Cochise informieren“, murmelte er. „Es wird dann dem Häuptling überlassen bleiben, zu entscheiden, ob er mit Ihnen Kontakt aufnimmt oder nicht. Cochise wird wissen wollen, weshalb Sie so viele Soldaten mitgebracht haben, wo doch Friede herrscht im Land.“

„Wir befinden uns auf einer Routinepatrouille zum Rio Grande“, versetzte Bascom und die Lüge kam glatt über seine Lippen. „Wenn ich mit Cochise spreche, dann geschieht das in Frieden. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Mr Culver.“

„Gut“, knurrte Charles Culver, nachdem er sekundenlang versuchte, im Gesicht des Lieutenants zu lesen und herauszufinden, ob seine letzten Worte ehrlich gemeint waren. „Ich will Cochise benachrichtigen lassen.“ Culver wandte sich dem Burschen zu, der nach ihm aus dem Stationsgebäude getreten war. „Walsh, reite in das Dorf von A-da-tli-chi und bitte ihn, zum Apache Pass zu kommen. Du hast vernommen, was der Lieutenant gesagt hat: A-da-tli-chi möge sich beeilen.“

Der Pferdeknecht namens Walsh knurrte: „Ich reite wie der Wind“, dann lief er zu dem Anbau, in dem sich der Schlafraum befand und verschwand darin.

„A-da-tli-chi?“, kam es fragend von Bascom.

„Das ist Cochises richtiger Name“, klärte Culver den Lieutenant auf. „Das heißt so viel wie Hartholz.“

„Ich danke Ihnen, Mr Culver.“ Lieutenant Bascom tippte lässig mit dem Zeigefinger seiner Rechten gegen die Krempe seines Hutes. „Schärfen Sie Ihrem Boten noch einmal ein, dass er Cochise bittet, so schnell wie möglich hierher zu kommen.“

„Ich werde dem Häuptling Ihre Bitte vortragen lassen, Lieutenant. Alles Weitere wird man dann ihm überlassen müssen. Cochise ist ein stolzer Mann, müssen Sie wissen.“

Der Lieutenant zeigte dem Stationer nur ein überhebliches Grinsen. Es sollte wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, dass er selbst sicherlich aus einem noch härteren Holz geschnitzt war. Culver verspürte eine jähe Antipathie gegen den jungen Offizier. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass George N. Bascom der Nagel zu seinem Sarg werden sollte.

Bascom zerrte sein Pferd um die linke Hand und trieb es an.

John Ward hatte seine Hände übereinander auf dem Sattelhorn liegen, er hatte die Arme durchgedrückt und es schien, als stützte er seinen Oberkörper auf diese Weise ab. Seine Stimme klang verächtlich, als er hervorstieß: „Die stinkenden Kreaturen, die Cochise sein Volk nennt, fressen ihm vielleicht aus der Hand. Und das ist sicher der Grund für seinen Stolz. Wir aber werden ihn auf seine richtige Größe zurechtstutzen. Und dann wird kein räudiger Köter mehr von ihm ein Stück Fleisch annehmen.“

Nach dem letzten Wort folgte er Bascom.

Der Sergeant verzog widerwillig den Mund, dann nahm auch er sein Pferd herum und ruckte im Sattel. Ihm schien nicht zu behagen, was sich anbahnte. Er hatte genug Erfahrungen mit den Chiricahuas gesammelt. Mit Arroganz war ihnen nicht beizukommen, und Gewalt beantworteten sie mit noch mehr Gewalt.

Die Worte John Wards klangen in Charles Culver nach wie eine Warnung vor drohendem Unheil. Düstere Ahnungen stiegen in ihm auf, die ihn in seinem Innersten entsetzten. Es war wie eine Vision, die vor seinen Augen aus den Nebeln der Zukunft aufstieg, und ihn fröstelte es plötzlich, obwohl er im wärmenden Sonnenlicht stand.


*


Kinder spielten unter der gleißenden Sonne. Hunde kläfften und tollten durch das Dorf. Die Kochfeuer vor den Wickiups brannten. Frauen versahen die tägliche Arbeit. Die Männer hockten vor den Zelten am Boden und rauchten Pfeife.

Nach und nach wurden sie auf den Reiter aufmerksam, dessen Pferd am Waldrand verharrte. Es war Walsh, der Pferdeknecht von der Relaisstation am Apache Pass. Der Braune, den er ritt, sah völlig abgetrieben aus. Weißer Schaum tropfte von seinen Nüstern. Seine Flanken zitterten. Das Tier röchelte und röhrte. Pferd und Reiter waren verstaubt und verschwitzt.

Walsh hatte weder auf sich noch auf das Tier Rücksicht genommen.

Jetzt war er am Ziel. Er setzte das Pferd wieder in Bewegung. Um den Reiter rotteten sich die Apachen zusammen. „Ich muss Cochise sprechen“, rief er mit verstaubt klingender Stimme. „Es ist wichtig. Bringt mich zu eurem Häuptling.“

„Folge mir!“, gebot ein älterer Chiricahua in englischer Sprache.

Drei Minuten später sah sich Walsh dem Häuptling gegenüber.

Cochise war eine Respekt gebietende Persönlichkeit. Der Häuptling war über sechs Fuß groß und sehr schlank. Dennoch wirkte er muskulös und stark. Etwas Raubtierhaftes ging von ihm aus, er verströmte aber auch ein hohes Maß an Ruhe und Besonnenheit. Cochise hob sich schon aufgrund seiner Erscheinung vom Rest seiner Stammesbrüder und –vettern ab, die meist nur mittelgroß und untersetzt waren.

Der Häuptling, der schon des Öfteren auf der Station am Apache Pass gewesen war, kannte den Pferdeknecht. Er lächelte und fragte in ordentlichem Englisch: „Bist du auf der Flucht, Walsh? Oder warum sonst hast du dein armes Pferd derart geschunden?“

„Beim Apache Pass ist eine Kompanie Pferdesoldaten eingetroffen, Cochise. Ein junger Lieutenant namens Bascom ist ihr Anführer. Er will, dass du zum Apache Pass kommst. Ein Mann, der ihn begleitet, behauptet, dass vor zwei Monaten Apachen seine Ranch überfallen und seinen neunjährigen Sohn sowie sein Vieh gestohlen haben.“

Ein Schatten schien über Cochises Gesicht zu huschen. Der Häuptling mochte Mitte vierzig sein. Sein markantes Gesicht verriet Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen. Beherrscht wurde es von der großen Hakennase. Die dunklen Augen verrieten Intelligenz. „Wer ist der Mann, der das behauptet?“

„Sein Name ist John Ward. Seine Ranch befindet sich in der Nähe von Fort Buchanan. Der Junge, der geraubt wurde, ist in Wirklichkeit der Sohn eines Pinalkriegers. Die Mutter des Jungen war Gefangene bei den Coyoteros. Sie heiratete diesen Ward, nachdem die Pinals sie freiließen.“

„Es können also Coyoteros gewesen sein, die die Farm überfallen und den Knaben geraubt haben“, konstatierte Cochise.

Walsh zuckte mit den Schultern. „Reite zum Apache Pass, Häuptling, und stelle den Sachverhalt klar. Seit einigen Jahren bist du fast ein Freund des weißen Mannes geworden. Sprich mit dem Lieutenant und beantworte seine Fragen.“

Der Bote Culvers verriet nicht, dass Lieutenant Bascom und John Ward den konkreten Verdacht geäußert hatten, dass der Überfall und die Entführung auf das Konto der Chiricahuas und damit auf das Cochises ging. Weshalb er dies Cochise verschwieg, sollte sein Geheimnis bleiben, das er sehr bald mit ins Grab nehmen würde.

Walsh konnte also nicht ahnen, dass er mit seinem Schweigen sein Schicksal besiegelte.

Der nachdenkliche Blick Cochises war in die Ferne gerichtet und schien sich irgendwo über den bizarren Felsformationen im Westen zu verlieren. Das Dorf der Chiricahuas befand sich mitten in der Bergwelt der Chiricahua Mountains. Majestätisch und schweigend erhoben sich die nackten Felsen und säumten drohend das Tal. Es war ödes, von der Sonne versengtes Land; Felsketten, sandige Hügel, ausgetrocknete Bachläufe und steinige Senken. Spärliche Büschel harten Galletagrases, Dornengestrüpp sowie Kreosot- und Mesquitebüsche waren die ganze Vegetation. Die Chiricahua Berge waren ein bizarrer Landstrich von überwältigender Schönheit, aber auch voller Gegensätze, Tücken und Gefahren.

Cochise traf eine Entscheidung. „Enju – gut, ich komme zum Apache Pass. Zum Zeichen dafür, dass ich nur den Frieden mit den weißen Männern im Sinn habe, werden meine Squaw, mein kleiner Sohn Naiche, mein Bruder Naretena und zwei junge Krieger, die Söhne meines Bruders, mit mir reisen.“

„Du möchtest so schnell wie möglich zum Apache Pass kommen, Cochise“, drängte Walsh.

„Wir brechen morgen Früh auf. Der Nantan muss warten. Er hat Zeit. Das Land ist friedlich. Chiricahuas und Amerikaner leben in Eintracht nebeneinander. – Du kannst im Dorf bleiben, so lange du möchtest, Walsh. Du bist mein Gast.“

„Der Lieutenant sagte, er sei mit seinen Leuten auf Patrouille zum Rio Grande. Das ist ein weiter Weg. Wenn seine Behauptung stimmt, dann dürfte er nicht allzu viel Zeit haben. Er hat auch nicht den Eindruck erweckt, ein besonders geduldiger Mensch zu sein.“

„Er muss warten“, wiederholte Cochise stoisch.

Der Häuptling berief sofort ein halbes Dutzend älterer Krieger in sein Wickiup. Sie setzten sich im Kreis auf den Boden, kurze Zeit herrschte Schweigen, dann begann Cochise zu sprechen: „Die Chiricahuas leben seit vielen Jahren mit den Amerikanern in Frieden, die vor acht Sommern das Land, auf dem wir leben, von den Mexikanern übernommen haben.“

„Mangas Colorados hat ihnen erlaubt, einige Goldsucher in unser Land zu schicken“, sagte einer der Krieger, der zum Ӓltestenrat im Dorf gehörte. „Die Amerikaner nennen diese Männer Prospektoren. Es sind immer mehr geworden. Und irgendwann werden sie versuchen, uns aus unseren Jagdgründen zu verdrängen.“

„Wir haben bewiesen, dass wir bereit sind, den Frieden zwischen den Apachen und den Bleichgesichtern zu wahren“, erklärte Cochise. „Wir haben zugelassen, dass Siedler mit ihren Planwagen durch unser Gebiet nach Westen ziehen, wir haben gestattet, dass sie durch unser Land eine Poststraße bauen und am Apache Pass eine Pferdewechselstation errichten. Aber jetzt behauptet ein weißer Mann namens John Ward, dass die Apachen seine Ranch in der Nähe von Fort Buchanan überfallen, sein Vieh geraubt und seinen kleinen Sohn entführt haben.“

„Das ist eine schwerwiegende Anklage“, stieß einer der Krieger hervor. „Aber es gibt viele Apachenstämme in diesem Land. Pinals, Mescaleros, Tontos, Mimbreños, Aravaipas … Welche von ihnen sollen den Jungen geraubt haben?“

„Ich soll zum Apache Pass kommen und einem Nantan mit Namen Bascom einige Fragen beantworten“, gab Cochise zu verstehen. „Ich habe mich entschieden und werde den Nantan besuchen. Um meine friedlichen Absichten zu bekunden, nehme ich Naratena und seine beiden Söhne mit, außerdem werden mich Dos-teh-seh und mein kleiner Sohn Naiche begleiten. Frauen und Kinder führen keine Kriege. Der Nantan wird mir glauben, dass es nicht die Chiricahuas waren, die den Überfall verübt haben.“

Skepsis schlich sich in die Mienen der Männer, sie begann die faltigen, mongolisch anmutenden Gesichter zu prägen, und ein weißhaariger Chiricahua verlieh seinen Zweifeln Ausdruck, indem er kehlig sagte: „Du weißt nicht, A-da-tli-chi, welche Absichten tatsächlich hinter der Aufforderung stecken, zum Apache Pass zu kommen. Warum will der Nantan ausgerechnet mit dir sprechen? Fort Buchanan ist weit weg von hier. Was solltest du ihm sagen können?“

„Der entführte Knabe ist der Sohn eines Pinalkriegers“, versetzte Cochise. „Ich werde dem Nantan klarmachen, dass ihn nur die Coyoteros geraubt haben können. Und ich will mich bereit erklären, alles zu unternehmen, um die Coyoteros zu bewegen, den Knaben wieder freizulassen. Damit beweise ich unsere Friedfertigkeit. Der Nantan wird ein offenes Ohr für meine Worte haben.“

„Es ist vielleicht ratsam, eine Gruppe von jungen Kriegern mitzunehmen zum Apache Pass“, wandte einer der alten Krieger ein.

„Das könnte der Nantan falsch auslegen“, murmelte Cochise.

„Man darf den Weißen nicht trauen“, blaffte ein anderer. „Wir dürfen nie vergessen, wie übel sie den Apachen mitgespielt hatten, als sie sie nach Janos lockten. General Carrascos Soldaten töteten Frauen, Kinder und viele Krieger. Man gaukelte den Apachen Frieden vor, aber man hat den Tod über sie gebracht.“

„Dafür haben wir uns gerächt“, gab Cochise zu verstehen. „Und seit einigen Jahren herrscht Frieden. Ich will diesen Frieden beibehalten, unter allen Umständen. Darum gehe ich zum Apache Pass, und ich will dem jungen Nantan unsere friedlichen Absichten beweisen.“

„Dann möge der Große Geist mit dir und denen sein, die dich begleiten“, sagte der weißhaarige Mann, dem Cochises Tonfall wohl verraten hatte, dass der Häuptling nicht umzustimmen war.

„Wir werden zurückkehren“, erwiderte Cochise, „und im Land wird weiterhin Frieden herrschen.“

Er sprach es voll Zuversicht.


*


Zwei Tage später, es war um die Mitte des Nachmittags, kamen Cochise, sein Bruder, dessen beide Söhne sowie die Squaw des Häuptlings und sein fünfjähriger Sohn Naiche bei der Pferdewechselstation am Apache Pass an.

Die Sonne schien warm, das Land war trocken, staubig und steinig. Noch war Winter und das Arizona-Territorium war noch nicht der brütenden, geradezu unerträglichen Hitze des Sommers ausgesetzt. Die Apachenpferde waren mit allerlei Zierrat geschmückt, Cochise war in weiches, mit Fransen besetztes Rehleder gekleidet, auch sein Schurz war aus weichem Rehleder, die Mokassins reichten ihm fast bis zu den Knien, um seinen Kopf wand sich ein rotes Tuch. In seinem Gürtel steckte ein Tomahawk, aus einer Lederscheide ragte der knöcherne Griff eines Dolches. Darüber hinaus war der Häuptling mit einem Gewehr bewaffnet.

Er war eine bemerkenswerte Erscheinung. Irgendwann in der Zukunft sollte ihn Captain John G. Bourke, der einige Male mit ihm verhandelte und der schließlich eine gnadenlose Jagd auf ihn veranstaltete, derart charakterisieren: ‚Cochise ist ein gut aussehender, gertenschlanker Indianer, 1,80 Meter groß, mit mächtiger Brust und Adlernase. Eine freundliche, ja sogar etwas melancholische Miene mildert die Entschlossenheit seines Gesichtsausdrucks. Weder seine Sprache noch sein Handeln lassen etwas von jener Großspurigkeit erkennen, die ein Merkmal seiner Rasse ist.’

Zwei Männer verließen das Stationsgebäude. Einer von ihnen war Charles Culver, der Postmeister. Der Name seines Begleiters war James Wallace. Wallace arbeitete als Fuhrwerker bei der Butterfield Linie.

Die Apachen verhielten in einer Linie. Dos-teh-seh, Cochises Frau, saß zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn Naiche auf einem gescheckten Mustang. Sie war die Tochter von Mangas Colorados, eine Mimbreño also, und von rassiger Schönheit. Ihre langen Haare waren blauschwarz und fielen weit über ihre Schultern und ihren Rücken hinunter. Ihr Gesicht besaß hohe Wangenknochen, der Mund war schön geschnitten, die Nase klein und das Kinn fraulich rund, ihre dunkelbraunen Augen konnte man als feurig bezeichnen.

Die beiden Weißen lächelten freundlich und näherten sich den Chiricahuas. „Meine Augen sind erfreut“, rief Culver, der Stationer. „Du hast keine Zeit verloren, Cochise.“

Der Häuptling ließ sich vom Pferd gleiten und machte zwei Schritte auf die Weißen zu. Freundlich sagte er: „Auch ich bin erfreut.“ Er heftete den Blick auf Wallace. „Es freut mich, dich gesund und munter zu sehen, Freund. Ich denke, es geht dir gut.“

Wallace nickte. „Ich kann nicht klagen, A-da-tli-chi. Auch du siehst nicht aus wie ein Mann, dem es schlecht geht. – Ist das Naiche? Himmel, ist der Junge gewachsen. Er wird gewiss mal ein ebenso großer Häuptling wie du. Wie geht es deinen anderen Söhnen?“

„Gut. Nantan Bascom bat mich, zum Apache Pass zu kommen. Er wollte mit einer Kompanie Soldaten hier auf mich warten. Ich sehe keine Soldaten.“

Demonstrativ ließ Cochise seinen Blick in die Runde schweifen.

Culver ergriff das Wort und sagte: „Sie lagern etwa eine Meile entfernt in einer Schlucht. Ich bringe euch zu Lieutenant Bascom.“

Cochise hob die linke Hand und bedeutete dem Stationer mit dieser Geste, sich zu gedulden. Dann sagte er: „Dein Bote hat mir berichtet, dass man Apachen des Überfalls auf eine Ranch bei Fort Buchanan bezichtigt.“

Culvers Blick irrte ab, der Postmeister wirkte verlegen. Er befeuchtete sich mit der Zungenspitze die Lippen, schluckte und antwortete: „Der Knabe heißt Felix Ward und ist neun Jahre alt. Sein Vater ist ein Pinalkrieger, seine Mutter ist Mexikanerin. Sie hat, nachdem sie von den Coyoteros freigelassen wurde, einen Mann namens John Ward geheiratet, und Ward hat den Jungen an Kindes Statt angenommen.“

„Ich denke, dass die Coyoteros den Überfall ausgeführt haben“, versetzte Cochise. „Ich werde dem Nantan dazu nichts sagen können. Aber ich kann ihm versichern, dass ich mich bemühen werde, die Coyoteros zu bewegen, das Kind freizulassen.“

„Sprich mit dem Lieutenant, Cochise.“

„Das werde ich. Führe uns zu ihm.“

„Folgt mir“, knurrte Culver und setzte sich in Bewegung. Über die Schulter rief er Wallace zu: „Halte die Stellung, James. Ich bin gleich zurück.“

„Ist schon in Ordnung“, antwortete James Wallace, und an Cochise gewandt sagte er lächelnd: „Irgendwann werde ich dich wieder einmal in deinem Dorf besuchen, A-da-tli-chi. Dann setzen wir uns ans Feuer, rauchen Pfeife und trinken Tiswin. Jeder wird sehen, dass wir Freunde sind.“

Cochise Miene verfinsterte sich, er erwiderte: „Es sind Männer deiner Rasse, die uns das Trinken von Tiswin verbieten möchten, Wallace. Sie sagen, dass wir dann betrunken sind, dass wir unsere Squaws und Kinder schlagen, dass wir Siedlungen überfallen, dass uns Tiswin unberechenbar macht. Trotzdem willst du Tiswin mit mir trinken?“

Wallace lachte fast belustigt auf. „Ein Mann wie du weiß sich zu benehmen, A-da-tli-chi.“

„Wenn du in unser Dorf kommst, werde ich dich willkommen heißen, Wallace“, versprach Cochise, dann stieg er auf sein Pferd und folgte Culver, der schon mehr als zehn Schritte entfernt war. Dem Häuptling schlossen sich Dos-teh-seh mit ihrem kleinen Sohn, sein Bruder und seine beiden jungen Neffen an.

Sie erreichten nach etwa zwanzig Minuten die Schlucht, in der die Soldaten biwakierten. Sie hatten Zelte aufgeschlagen, die Pferde weideten in Seilcorrals, einige Feuer brannten, verworrener Lärm brandete den Ankömmlingen entgegen.

Cochise konnte sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren. Etwas regte sich im Hintergrund seines Bewusstseins, was es war, konnte er nicht ergründen. Sein Instinkt warnte ihn. Die Soldaten in den Forts waren nicht die Freunde der Apachen. Unwillkürlich verkrampften sich seine Hände fester um den Zügel aus geflochtenem Rohleder, mit dem er den Mustang unter sich dirigierte.

Die Kavalleristen kamen näher und bildeten bald ein Spalier, durch das Charles Culver die Apachen geleitete. Finstere Blicke, die wenig Gutes verhießen, taxierten die Krieger und die Squaw. Cochise begann es zu bereuen, dass er sich dazu bereit erklärt hatte, zum Apache Pass zu kommen. Das Unbehagen in ihm verstärkte sich, die Warnsignale, die sein sechster Sinn aussandte, wurden intensiver. Er war zutiefst beunruhigt.

Lieutenant George Bascom empfing Cochise vor einem großen Zelt. Er hielt die Arme vor der Brust verschränkt und stand breitbeinig vor dem Zelteingang. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel.

Culver sagte laut: „Cochise ist Ihrem Ruf gefolgt, Lieutenant, und ist zum Apache Pass gekommen.“ Er wies mit einer Handbewegung auf den Apachen. „Das ist Cochise, der Häuptling der Chiricahuas. Er hat seine Frau und seinen Sohn mitgebracht.“

Bascoms Blick, der kurz an Culvers Lippen gehangen hatte, verkrallte sich regelrecht an Cochise. Der Lieutenant lächelte, um seine Augen bildeten sich auch unzählige kleine Falten, doch die Augen selbst blieben starr und kalt. „Sei gegrüßt, Häuptling“, schnarrte Bascom. Von der Seite schob sich John Ward heran. Er starrte Cochise an und in seinem Blick lag eine düstere Drohung. Bascom ließ wieder seine Stimme erklingen, indem er rief: „Wir sollten uns in meinem Zelt unterhalten. Deine Begleiter können ja hier draußen warten.“

Der verunsicherte Blick Cochises schweifte in die Runde. Er schaute in maskenhafte Gesichter, ganz deutlich spürte er die Welle der Ablehnung, die ihm entgegenschwappte, und er fühlte den eisigen Atem der Feindschaft, der ihn wie ein kalter Hauch streifte.

Aber Cochise vertraute immer noch darauf, dass man ihm nur einige Fragen stellen wollte und ihn dann samt seinen Begleitern ungeschoren ziehen lassen würde. Er atmete tief durch und versuchte die düsteren Ahnungen zu verdrängen, die sich ihm mit Macht aufdrängten, doch es gelang ihm nicht. Er nickte und sagte: „Enju, Nantan. Man hat mir deinen Namen genannt. Du heißt Bascom. Ich habe noch nie von dir gehört.“

Die Mundwinkel des Lieutenants sanken etwas nach unten. „Ich bin erst seit wenigen Wochen hier im Westen. Es spielt auch keine Rolle, Cochise. Steig von deinem Pferd und komm in mein Zelt, damit wir sprechen können.“

Cochises Blick kreuzte sich mit dem John Wards. Etwas Böses ging von dem finsteren Rancher aus wie eine höllische Prophezeiung. Der Häuptling spürte den Anprall eines glühenden Hasses und ahnte, dass es sich um den Mann handelte, dessen Sohn entführt worden war. „Ich bin in Frieden gekommen“, versicherte Cochise. „Man sagte mir, dass du mich wegen eines entführten Kindes befragen möchtest. Ich bin hier, um dir Rede und Antwort zu stehen, Nantan.“

In einem jähen Entschluss schwang sich der Chiricahua vom Pferd, aufrecht, gemessenen Schrittes ging er auf Bascom zu, der sich umdrehte und das Zelt betrat. Cochise ging an John Ward vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der Rancher folgte ihm, zwei Sergeants und ein Corporal schlossen sich an.

Naretena sagte auf Chiricahua etwas zu Dos-teh-seh und seinen beiden Söhnen, sie ritten zu dem schmalen Bach, der sich durch die Schlucht sein Bett gegraben hatte, und saßen ab. Voll Sorge schaute Cochises Bruder hinüber zu dem großen Stabszelt, in dem der Häuptling und die Soldaten sowie der finster dreinblickende Zivilist verschwunden waren.

Charles Culver stand sekundenlang unschlüssig da, presste die Lippen zusammen, so dass sie nur noch einen dünnen, blutleeren Strich bildeten, dann schwang er herum und marschierte – dem eisigen Wind seiner wirbelnden Gedanken ausgesetzt – schnell zurück zur Pferdewechselstation. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, etwas Unrechtes getan zu haben, und er seufzte wie ein Mann, der einsah, dass er dem Schicksal nicht trotzen konnte und der deshalb resignierte.


*


Das Zelt bot genügend Platz. Lieutenant Bascom hatte sich Cochise zugewandt, der in der Zeltmitte stehen geblieben war. Die drei anderen Soldaten und John Ward stellten sich so, dass sie den Häuptling zwischen sich hatten.

Wieder glaubte Cochise den Pulsschlag einer drohenden Gefahr wahrzunehmen. Die Atmosphäre war angespannt. Die fünf Weißen starrten ihn an wie Wölfe, die ihre Beute gestellt hatten, auf die sie sich im nächsten Moment stürzen würden, um sie zu zerfleischen.

Jetzt ließ der Lieutenant seine Stimme erklingen. „Der Rancher John Ward beschuldigt dich und deine Leute, seine Ranch überfallen und seinen Sohn sowie das gesamte Vieh gestohlen zu haben“, sagte er klirrend. Mit seinem Blick versuchte er Druck auf Cochise auszuüben. Er verströmte nichts als frostige Feindschaft.

„Walsh, der Stallknecht, der auf Station arbeitet und der als Bote zu mir ins Dorf kam, hat mir von dem Überfall und der Entführung des Knaben erzählt“, murmelte Cochise, der jetzt die ganze Wucht der Gefahr begriff, in der er sich befand. Er mutete plötzlich sprungbereit an. In seinen dunklen Kreolenaugen war ein unruhiges Lauern. „Wie kommt John Ward dazu, die Chiricahua der Tat zu bezichtigen? Wir waren nicht auf seiner Ranch, und wir haben nicht den Knaben entführt.“

Mit einer ungeduldigen Bewegung winkte Bascom ab. Es war, als wollte er damit Cochises Einwand unter den Tisch fegen. „Ich fordere von dir die Herausgabe des Jungen sowie der Tiere, die ihr auf der Ranch gestohlen habt!“, fauchte er wütend. „Mr Ward weiß, dass du mit deinen Halsabschneidern auf der Ranch warst. Ich sage es nicht noch einmal, Cochise! Gib den Jungen und das Vieh heraus.“ Seine Stimme sank herab. „Glaub nur nicht, dass ich spaße, Cochise. Ich kenne Mittel und Wege, um die Herausgabe des Kindes und der Beute zu erzwingen.“

Der Häuptling atmete stoßweise. Sein Herz raste, seine Brust hob und senkte sich unter den harten Atemzügen. „Weder ich noch irgendein anderer Chiricahua war auf der Ranch dieses John Ward. Wir pflegen seit Jahren Frieden mit den Amerikanern. Was sollte ich mit dem Knaben? Warum sollte ich eines Kindes wegen, mit dem ich nichts anfangen kann, den Frieden gefährden?“

„Ihr rothäutigen Chinesen verkauft die gestohlenen Kinder an die Mexikaner!“, giftete John Ward. „Manche züchtet ihr auch zu Kriegern heran, die ihr mit Hass gegen uns Weiße impft. Zur Hölle mit dir, dreckige Rothaut! Ich weiß, dass du es mit deinen Halsabschneidern warst, die meinen Sohn geraubt haben. Gib den Jungen heraus! Und gib mir die Tiere zurück, die ihr gestohlen habt.“

„Ruhe, Mr Ward!“, mahnte Bascom, seine Stimme klang schroff. „Die Verhandlungen mit Cochise führe ich. – Also, Cochise, gib den Raub zu und sag mir, wo wir Felix Ward finden. Sobald er frei ist und ihr das geraubte Vieh zurückgegeben habt, lasse ich deine Frau, deinen Sohn und die drei Krieger, die du mitgebracht hast, ihres Weges ziehen. Du allerdings wirst dich in Fort Buchanan für das Verbrechen zu verantworten haben.“

„Ich weiß nichts von dem Knaben, Nantan“, antwortete Cochise mit Nachdruck. „Aber ich biete mich an, bei den anderen Gruppen meines Volkes, die in Frage kommen, Nachforschungen anzustellen. Man hat mir gesagt, dass das Kind der Sohn eines Coyoteros ist. Liegt es nicht nahe, dass es die Coyoteros waren, die die Ranch überfallen haben?“

„Unsinn“, knurrte John Ward. „Meine Frau hat die Pinals vor fast zehn Jahren verlassen. Sie hieß damals Salvador. Felix war noch nicht einmal geboren. Später habe ich sie geheiratet, dem Jungen habe ich meinen Namen gegeben. Wie sollte irgendein dreckiger Coyotero, der hundert oder hundertfünfzig Meilen von meiner Ranch entfernt wie ein wildes Tier in der Wildnis haust, wissen, dass sich hinter Felix Ward sein Sohn verbirgt?“

„Diese Argumentation hat was für sich“, pflichtete Bascom mit spöttischem Unterton bei.

„Ich weiß es nicht“, murmelte Cochise, der ganz deutlich spürte, dass man ihm nicht glauben wollte. Es erfüllte ihn mit Bitterkeit. „Doch ich kann vielleicht herausfinden, wer Felix Ward geraubt hat. Die Coyoteros leben in den Black Mountains …“

Bascom fiel Cochise ins Wort, indem er knirschte: „Die Black Mountains sind im Nordwesten des Territoriums. Das sind nicht hundert oder hundertfünfzig, sondern dreihundertfünfzig Meilen. Diese Tatsache macht es noch unglaubwürdiger, dass es die Pinals waren, die die Ward Ranch überfielen. Es kommen nur die Chiricahuas für den Überfall in Frage.“ Seine letzten Worte fielen wie Hammerschläge. Sie stellten eine glasklare Tatsachenfeststellung dar und hingen wie ein Manifest im Raum.

„Ich schicke Boten zu den Coyoteros“, sagte Cochise, und er war bemüht, ruhig zu klingen. Nur mühsam behielt er den Aufruhr seiner Gefühle unter Kontrolle. Der gewaltsam unterdrückte Zorn brachte sein Blut zur Wallung. Er wusste aber, dass es ihn nicht weiterbrachte, wenn er seinen Empfindungen freien Lauf ließ. „Ich biete ihnen Gold an, damit sie den Knaben freilassen und das Diebesgut zurückgeben.“

„Versuch bloß nicht, mich zu narren, Cochise!“, warnte Bascom mit einer Stimme, die den Klang einer zerberstenden Fensterscheibe hatte. Seine Augen versprühten zornige Blitze. Grollend fuhr er fort: „Glaub mir, ich kann verdammt ungemütlich werden. Okay, Häuptling. Ich bin mit meiner Geduld am Ende. Mit dir zu verhandeln führt zu nichts. Daher nehme ich dich und deine Begleiter fest. Ihr seid meine Gefangenen, und ich lasse deine Squaw, deinen Sohn und die drei Krieger erst gehen, wenn mir deine Leute Felix Ward ausgeliefert haben. Hast du mich verstanden, Rothaut?“

„Weder ich noch ein anderer Chiricahua-Krieger hat die Ranch überfallen!“, stieg es abgehackt aus Cochises Kehle. „Warum willst du mir nicht glauben, Nantan?“

„Weil ihr Apachen allesamt verdammte, niederträchtige Lügner seid!“, schrie ihn Bascom wutentbrannt an. Sein Gesicht hatte sich gerötet, die Zornesader an seiner Schläfe war angeschwollen.

Wut stieg in Cochise hoch. „Kein Mensch, auch du nicht, Nantan, hat das Recht, meine Ehre in den Schmutz zu ziehen!“, knirschte er.

Ungeduldig winkte Lieutenant Bascom ab. „Sergeant McGrady, Corporal Dempsey, nehmen Sie die Rothaut fest und fesseln Sie sie. Sergeant Dodson, Sie kümmern sich um die anderen Apachen draußen …“

Cochise war klar, dass er sich rasch entscheiden musste. Von Bascom hatte er kein Entgegenkommen zu erwarten. Der Chiricahua verstand die Welt nicht mehr. Er, der unter allen Umständen den Frieden in der Apacheria erhalten wollte, sollte als Räuber und Entführer festgenommen und vor Gericht gestellt werden.

Er entschloss sich innerhalb eines Augenblicks. In dem Moment, als sich die beiden Sergeants und der Corporal in Bewegung setzten, um den Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, griff Cochise nach dem Dolch, mit einem Ruck zog er ihn aus der Scheide, mit der Schulter rammte er den Corporal zur Seite, blitzschnell schlitzte er die Zeltwand auf und mit einem kraftvollen Sprung rettete er sich ins Freie. Mit langen, kraftvollen Sätzen hetzte er tiefer in die Schlucht hinein.

„Haltet die elende Rothaut auf!“, brüllte einer der Sergeants, der aus dem Zelt gelaufen war. Geschrei kam auf, Schritte trampelten, Stimmendurcheinander erhob sich, Flüche wurden laut, Karabiner wurden durchgeladen, und dann dröhnten Schüsse.

Cochise schlug Haken wie ein Hase. Kugeln pfiffen um ihn herum, die Detonationen verschmolzen ineinander und stauten sich in der Schlucht, aufbrüllend antworteten die Echos, Querschläger quarrten ohrenbetäubend. Cochise erhielt einen wuchtigen Schlag gegen den linken Oberarm, im nächsten Moment durchfuhr ihn heiß der Schmerz und er spürte, wie der Arm taub wurde.

Er rannte, als säße ihm der Satan im Nacken, sah eine schmale Seitenschlucht und hetzte in sie hinein. Kühle Luft strömte ihm entgegen. Auf dem Grund der Schlucht war es schattig. Cochise vernahm das Geschrei seiner Verfolger. Sie hatten aufgehört zu schießen, nachdem er in die Seitenschlucht geflohen und aus ihrem Schusssektor verschwunden war.

Eine Art von Panik überschwemmte das Bewusstsein des Häuptlings wie eine alles verschlingende Flut. Er war nur noch mit Tomahawk und Dolch bewaffnet. Und die Soldaten hatten sicherlich die Order, ihn zurückzubringen, egal ob tot oder lebendig. Wahrscheinlich würde man seine Flucht als Schuldanerkenntnis werten. Und die Bleichgesichter hatten ein Druckmittel gegen ihn: seine Squaw und seinen kleinen Sohn.

Es ging bergauf. Der Untergrund bestand großenteils nur aus Geröll. Cochise kroch in einen klaffenden Felsriss und kauerte sich hart an den Fels. Während er in Deckung flüchtete, hatte er den Tomahawk aus dem Gürtel gezogen. Der Dolch steckte wieder in der Scheide. Der Häuptling lugte über den Rand des Abbruchs in die Tiefe. Über ihm buckelten Felsen, wie von Riesenhand übereinander geschichtet.

Cochise vernahm die klappernden Schritte der Kavalleristen und das Klirren ihrer Sporen. Einmal glaubte er Flüstern zu hören. Er lauschte und witterte wie ein großes Raubtier. In seinen Augen lag der Ausdruck einer steinernen Ruhe. Er hatte keine Angst.

Plötzlich kamen zwei Soldaten um einen Felsvorsprung, die Karabiner im Hüftanschlag. „Da ist er!&

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