Logo weiterlesen.de
Die Clans der Seeker (2) – Die Nacht des Adlers

Arwen Elys Dayton

DIE CLANS DER SEEKER

Die Nacht des Adlers

Aus dem Amerikanischen von Sonja Häußler

Image

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Quin

Kapitel 2: Quin

Kapitel 3: Shinobu

Kapitel 4: John

Kapitel 5: Quin

Kapitel 6: Maud

Kapitel 7: Nott

Kapitel 8: Quin

Kapitel 9: Quin

Kapitel 10: John

Kapitel 11: Maud

Kapitel 12: Quin

Kapitel 13: Shinobu

Kapitel 14: Catherine

Kapitel 15: John

Kapitel 16: Maud

Kapitel 17: Quin

Kapitel 18: Nott

Kapitel 19: Shinobu

Kapitel 20: John

Kapitel 21: Catherine

Kapitel 22: Quin

Kapitel 23: Nott

Kapitel 24: Shinobu

Kapitel 25: Quin

Kapitel 26: Catherine

Kapitel 27: Catherine

Kapitel 28: Nott

Kapitel 29: Shinobu

Kapitel 30: Shinobu

Kapitel 31: Catherine

Kapitel 32: Catherine

Kapitel 33: Maud

Kapitel 34: John

Kapitel 35: Quin

Kapitel 36: Nott

Kapitel 37: Quin

Kapitel 38: Maud

Kapitel 39: Nott

Kapitel 40: Quin

Kapitel 41: Shinobu

Kapitel 42: Maud

Kapitel 43: Quin

Kapitel 44: Catherine

Kapitel 45: Nott

Kapitel 46: Quin

Kapitel 47: Catherine

Kapitel 48: John

Kapitel 49: Maud

Kapitel 50: Shinobu

Kapitel 51: Quin

Kapitel 52: Quin

Kapitel 53: Maud

Kapitel 54: John

Kapitel 55: Catherine

Kapitel 56: Shinobu

Kapitel 57: Quin

Kapitel 58: Shinobu

Danksagung

Image

KAPITEL 1

QUIN

»Shinobu?«, fragte Quin, als sie sah, dass er sich bewegte. »Bist du wach?«

»Ich glaube schon«, erwiderte er.

Shinobu MacBains Stimme klang belegt und erschöpft, doch er hob den Kopf, um sie anzuschauen. Es war das erste Mal seit mehreren Stunden, dass er sich bewegte, und Quin war erleichtert, dass er bei Bewusstsein war.

Vorsichtig steckte sie das ledergebundene Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, in ihre Jackentasche und durchquerte das abgedunkelte Krankenhauszimmer, um zu Shinobu zu gelangen. Er lag in einem Bett, das für jemanden von seiner Größe entschieden zu klein wirkte.

Selbst im Dämmerlicht konnte sie die Verbrennungen auf seinen Wangen erkennen. Sie waren fast verheilt und sein Kopf war jetzt wieder gleichmäßig mit dichtem dunkelrotem Haar bedeckt – aber Quin sah immer noch das versengte, blutverkrustete Haar vor sich, das ihm die Krankenschwestern kurz vor der Operation abrasiert hatten.

»Hey«, sagte sie und kauerte sich neben das Bett. »Gut, dass du wach bist.«

»Stimmt.« Er versuchte zu lächeln, brachte aber nur eine Grimasse zustande. »Ich bin wirklich froh, wach zu sein … auch wenn mir jeder einzelne Teil meines Körpers wehtut.«

»Nun, du bist eben gründlich in allem, was du tust, nicht wahr?«, sagte sie und legte ihr Kinn auf die Brüstung des Bettes. »Du hilfst mir, selbst wenn das bedeutet, dass du von einem Gebäude springst, ein Luftschiff abstürzen lässt und aufgeschlitzt wirst.«

»Du bist doch mit mir von diesem Gebäude gesprungen«, merkte er – noch immer schlaftrunken – an.

»Wir waren zusammengebunden, also hatte ich gar keine Wahl.« Es gelang ihr zu lächeln, auch wenn die Erinnerung an diesen Sprung grauenhaft war.

Shinobu lag schon seit zwei Wochen in dem Londoner Krankenhaus. Als er eingeliefert wurde, war er dem Tod nahe gewesen – Quin hatte ihn nach dem Kampf auf der Traveler und dem Absturz des Luftschiffs im Hyde Park hierhergebracht.

Seitdem hielt sie sich ständig in diesem Zimmer auf, ging ruhelos auf und ab, saß und schlief auf einem unbequemen Stuhl. Vor ein paar Nächten hatte sie sogar ihren siebzehnten Geburtstag hier verbracht und war noch bis Mitternacht zwischen Bett und Fenster hin und her getigert.

Hinter Shinobu piepten und surrten Krankenhausmonitore, blinkende Diagramme wanderten über die Bildschirme, während seine Vitalparameter gemessen wurden – ein inzwischen vertrauter Hintergrund für Quin.

Sie schob sein Hemd nach oben, um sich die tiefe Wunde seitlich an seinem Bauch anzusehen. Der beinahe tödliche Hieb, den ihm ihr Vater Briac Kincaid zugefügt hatte, war zu einer zarten purpurnen Linie verheilt, die ungefähr achtzehn Zentimeter lang war. Die Ärzte hatten die Wunde so sorgfältig nähen können, dass die Narbe womöglich ganz verschwinden würde, aber im Moment war die Wunde noch geschwollen, und Shinobus Gesicht nach bereitete sie ihm bei jeder Bewegung schreckliche Schmerzen.

Neben dieser Verletzung und den Brandwunden im Gesicht waren ein Bein und mehrere Rippen gebrochen. Die Ärzte hatten die Wunden in Unmengen von Zellrekonstruktoren gebadet, die die Heilung vorantrieben. Das hatte nur einen Nachteil: Der Prozess war ziemlich qualvoll.

Quin strich mit den Fingern über eine Beule unter der Haut neben seiner Schwertwunde und Shinobu griff nach ihrer Hand.

»Ich will nicht betäubt werden, Quin. Ich will, dass der Arzt diese Dinger herausnimmt. Ich schlafe zu viel.«

Um die rasch heilenden Wunden zu unterstützen, hatte man ihm neben den schlimmsten Verletzungen Schmerzmittelreservoirs eingepflanzt. Wenn die Schmerzen zu stark wurden, wenn er sich zu heftig bewegte oder wenn jemand direkt auf die Reservoirs drückte, setzten sie eine Flut von Betäubungsmitteln frei, die ihn normalerweise das Bewusstsein verlieren ließen. Deshalb war er den Großteil der letzten beiden Wochen bewusstlos gewesen. Dies war bereits eine der längsten Wachphasen, die er seit Tagen gehabt hatte, und Quin wertete das als sehr gutes Zeichen. Die Ärzte hatten ihr erklärt, dass seine Genesung zuerst langsam voranschreiten, sich dann jedoch ganz plötzlich beschleunigen würde.

»Du lehnst Drogen inzwischen ab?«, fragte sie ihn lächelnd. In Hongkong war Shinobu illegalen Substanzen sehr zugetan gewesen, eine Gewohnheit, mit der er erst kürzlich gebrochen hatte. »Du steckst heute Abend voller Überraschungen, Shinobu MacBain.«

Er lachte zwar nicht, wahrscheinlich hätte das nur wehgetan, aber er zog Quin mit der Hand, in der kein Infusionsschlauch steckte, zu sich. Vorsichtig setzte sie sich auf das schmale Bett und ihr Blick schweifte instinktiv durch das Zimmer. Es war ein großes Zimmer, aber außer dem Bett, den medizinischen Geräten und dem Stuhl, auf dem Quin seit dem Absturz praktisch lebte, gab es keine Möbel. Ihr Blick blieb an dem großen Fenster über dem Stuhl hängen. Sie befanden sich in einem der oberen Stockwerke des Krankenhauses und durch das Glas hatte man einen Panoramablick über das nächtliche London. In der Ferne war der Hyde Park zu sehen, über dem geborstenen Rumpf der Traveler brannten noch immer Notleuchten.

Auf dem Bett drückte Shinobu seine Schulter an ihre und brachte sie dadurch wieder zu ihm zurück. Ihre Gedanken wanderten zu dem Tagebuch in ihrer Tasche. Vielleicht war er wach genug, um es sich anzusehen.

»Quin«, flüsterte er, »wir sollten mal über das eine oder andere sprechen, jetzt wo ich wach bin. Du hast mich auf dem Luftschiff geküsst.«

»Ich dachte, du hättest mich geküsst«, erwiderte sie mit hochgezogener Augenbraue.

»Das habe ich auch«, flüsterte er ernst.

Dieser Kuss … sie hatte ihn schon Hunderte von Malen in Gedanken durchgespielt. Sie hatten sich während des albtraumhaften, trudelnden Absturzes der Traveler geküsst und in den Armen gehalten und es war richtig gewesen. Sie hatten sich als Kinder so nahegestanden, ebenso während ihrer gesamten Ausbildung zu Seekern, selbst als John auf dem Anwesen aufgetaucht war und die ganze Dynamik in ihrem Leben durcheinandergebracht und verändert hatte. Doch erst als sie sich in Hongkong wiedergesehen hatten, verändert und älter, sah sie das in ihm, was er war – nicht nur ihr ältester Freund, sondern ihre andere Hälfte.

»Ist es zu seltsam, das mit uns beiden?«, fragte sie, bevor sie es sich verkneifen konnte. Sie hatte auf diesem ungewohnten Territorium der Intimität noch keinen sicheren Halt gefunden.

»Es ist total seltsam«, erwiderte er sofort. Quin gefiel diese Antwort ganz und gar nicht, doch Shinobu zog ihre Hand an seine Brust, bevor sie etwas sagen konnte, küsste ihre Handfläche und flüsterte: »Ich wollte schon so lange mit dir zusammen sein und jetzt bist du da.«

Die Worte und das Gewicht seiner Hand erfüllten sie mit Wärme. »Aber … all diese Mädchen aus Corrickmore …«, sagte sie. In Shinobus Leben hatte es immer jede Menge Mädchen gegeben. Sie hatte nicht ein einziges Mal den Eindruck gehabt, als würde er auf sie warten.

»Ich wollte, dass du eifersüchtig auf diese Mädchen werden würdest, aber du hast sie gar nicht bemerkt.« Er sagte das nicht verbittert, er schüttete ihr einfach sein Herz aus. »Dich hat nur John interessiert.«

»Du hast trotzdem auf mich aufgepasst«, entgegnete sie leise. »Als John das Anwesen angriff … und in Hongkong … auf der Traveler … Du passt immer auf mich auf.«

»Weil du zu mir gehörst«, flüsterte er zurück.

Sie sah ihm ins Gesicht und merkte, wie sich ein schläfriges Lächeln darauf ausbreitete. Er schob ihre Hand näher zu seinem Herzen und hielt sie dort. Sie wandte sich ihm auf dem Bett zu, weil sie dachte, es wäre vielleicht an der Zeit, sich noch einmal zu küssen …

»Au!«, keuchte er.

»Was ist? Habe ich …«

»Es ist … an deiner Hüfte.«

»Tut mir leid! Das ist der Athame.«

Quin rutschte etwas von ihm weg und zog den Steindolch aus seinem Versteck an ihrem Bund, wo er gerade gegen Shinobus Hüftknochen gestoßen war.

»Aha, dort ist er also«, sagte er und nahm ihr das uralte Werkzeug aus der Hand. »Ich habe viel darüber nachgedacht, während ich im Halbschlaf hier gelegen habe – oder vielleicht eher davon geträumt.«

Der Athame war etwa so lang wie Quins Unterarm und trotz seiner Dolchform ziemlich stumpf. Sein Griff bestand aus vielen aufeinanderliegenden runden Einstellringen, die alle aus demselben bleichen Stein bestanden. Dieser spezielle Athame gehörte den Dreads. Die junge Dread hatte ihn nach dem Absturz der Traveler Quin gegeben und irgendwie unterschied er sich von den anderen Athames, die sie und Shinobu während ihrer Seeker-Ausbildung gesehen hatten – er war zierlicher und raffinierter gearbeitet.

Mit einer geübten Bewegung drehte Shinobu an den Einstellringen des Steindolchs, sein Infusionsschlauch folgte den Bewegungen seiner linken Hand und hüpfte dabei auf und ab. »Er hat mehr Einstellringe, deshalb kann man damit bestimmt die Orte genauer auswählen als mit anderen Athames, meinst du nicht auch?«

Quin nickte. Sie hatte in dem stillen Krankenhauszimmer Stunden damit verbracht, diesen Athame zu untersuchen. Wie auf allen Athames war auf jedem Einstellring eine Reihe von Symbolen eingraviert. Wenn man an den Einstellringen drehte, konnte man diese Symbole in scheinbar endlos vielen Varianten aneinanderreihen. Jede Kombination stellte einen Koordinatensatz dar – einen Ort, an den ein Seeker mithilfe des alten Werkzeugs reisen konnte. Die zusätzlichen Einstellringe auf diesem speziellen Dolch bedeuteten tatsächlich, dass man diese Orte mit sehr viel größerer Präzision auswählen konnte. Während ihres Kampfes auf der Traveler hatten ihn die Dreads dazu benutzt, um auf das sich bewegende Luftschiff zu gelangen. Diese Meisterleistung wäre mit keinem der anderen Athames möglich gewesen. Nur der Athame der Dreads konnte einem Zutritt zu einem sich bewegenden Ort verschaffen.

Während sie beobachtete, wie Shinobu den Dolch eingehend studierte und die Einstellringe so gekonnt drehte, beschloss Quin, dass es keinen Grund gab zu warten; er war wach genug, um mehr zu hören. Sie zog das ledergebundene Buch aus der Tasche und hielt es ihm hin.

»Ist das …?«, fragte er.

»Es ist heute Nachmittag gekommen.«

Es war eine Kopie des Tagebuchs, das Johns Mutter, Catherine, gehört hatte. Quin hatte das Originaltagebuch dabeigehabt, als sie und Shinobu in dieser verrückten Nacht vor zwei Wochen mit dem Fallschirm auf der Traveler gelandet waren, aber sie hatte es verloren – beziehungsweise John hatte es während der wilden Auseinandersetzung auf dem Luftschiff gefunden und an sich genommen.

Diese Kopie hatte Quin vor Wochen in Hongkong gemacht, bevor sie nach London gekommen waren. Ihre Mutter Fiona war beim Absturz ebenfalls auf der Traveler gewesen und danach im Krankenhaus. Vor ein paar Tagen war Fiona nach Hongkong zurückgekehrt und das Erste, was sie nach ihrer Ankunft getan hatte, war, die Kopie des Tagebuchs an Quin zu schicken. Sie hatte die Seiten auch in Leder gebunden, sodass es nun in Größe und Form sogar Catherines Original entsprach.

Quin blätterte darin herum, während Shinobu ihr über die Schulter schaute.

»Einiges davon ist schon so alt, dass ich es nicht so richtig entziffern kann, aber in den Teilen, die ich lesen kann, geht es um verschiedene Seeker-Clans.«

»Andere außer unseren?«

»Ja, aber auch um unsere«, antwortete sie.

Während Quin und Shinobu auf dem schottischen Anwesen lebten und aufwuchsen, wussten sie die ganze Zeit – theoretisch –, dass es früher einmal viele andere Seeker-Clans dort gegeben hatte. Praktisch sah es jedoch so aus, dass sie immer nur Mitgliedern ihres eigenen Clans begegnet waren. Quins Clan, dessen Symbol ein Widder war, und Shinobus – dem Clan des Adlers. John stammte aus einem anderen Seeker-Clan, doch seine Familie war bereits zerfallen und zum großen Teil noch vor ihrer Geburt verschwunden. Quin und Shinobu hatten keine Gedanken an seine Vorfahren – oder an die von jemand anderem – verschwendet. Quins Vater, Briac, hatte sogar die Insignien der anderen Clans vom Anwesen entfernt.

Andere Seeker-Familien waren für sie kaum mehr als ferne Geschichte. Sie waren Teil der alten Sagen, die Shinobus Vater ihnen erzählt hatte, als sie noch Kinder waren – über Seeker, die grausame Könige gestürzt, Mörder gejagt, Verbrecher von mittelalterlichen Ländereien verjagt und in der Geschichte eine gute Macht dargestellt hatten. Wenn …, dachte Quin wütend, da überhaupt irgendetwas dran war. Sie waren in dem Glauben aufgewachsen, dass Seeker edel waren, doch Briac hatte ihre Welt verändert. Er hatte ihre alten Werkzeuge und ihre besonderen Fähigkeiten dazu benutzt, die Seeker in so etwas wie gedungene Mörder zu verwandeln, die dem Geld hinterherjagten und ihre Macht ausnutzten, und Quin konnte sich nur fragen: Wie lange ging das schon so?

»Wir wissen, dass Catherine und John zum Clan des Fuchses gehörten.« Quin blätterte weiter, bis sie zu einer Seite kam, auf der oben die schlichte, elegante Zeichnung eines Fuchses zu sehen war. Unter dem Bild befanden sich Abschnitte in einer kleinen, ordentlichen mädchenhaften Schrift, die sich über mehrere Seiten hinzog. »Hier geht es um die älteren Mitglieder vom Clans des Fuchses«, stellte sie fest und strich mit dem Finger über eine Liste von Namen, Daten und Orten. »Catherine schrieb über ihre Großeltern und Vorfahren. Sie hat versucht zu erfassen, wo jeder war und was mit allen passiert ist.«

»Mit Catherine meinst du Johns Mutter?«, fragte Shinobu.

Quin nickte. »Das ist ihre Schrift. Siehst du?«

Sie blätterte ganz zum Anfang des Tagebuchs. Unter dem Deckblatt befand sich eine kleine Inschrift in derselben Handschrift auf einer ansonsten leeren Seite:

Catherine Renart, eine Reisende

»Eine Reisende?«

»So bezeichnet sie sich hier selbst. Ihre Handschrift taucht überall im Tagebuch auf. Aber in den früheren Einträgen bin ich auch auf viele andere Handschriften gestoßen.«

»Okay … du hast das Buch also gerade erst bekommen und das Erste, was du dir anschaust, ist Johns Familie?«, fragte er, stieß dabei jedoch den Kopf auf dem Kopfkissen leicht gegen ihren, um seinen Worten die Spitze zu nehmen.

Sie verdrehte die Augen und schubste ihn sanft mit dem Ellbogen an. »Das liegt daran, dass ich immer noch total in ihn verliebt bin. Offensichtlich.«

»Ich wusste es«, flüsterte er und zog sie näher zu sich heran.

Quin dachte darüber nach, das Buch wieder zuzuklappen, aber Shinobu betrachtete es so aufmerksam – sie wollte, dass er es sich noch ein wenig genauer ansah, bevor er wieder abdriftete.

»Ich habe mich zuerst mit Johns Familie befasst, weil seine Mutter die besten Notizen über seinen Clan hinterlassen hat«, erklärte sie und versuchte, vorübergehend all die Stellen zu ignorieren, an denen ihr Bein, ihr Arm und ihre Schulter Shinobu berührten. »Aber es sieht so aus, als hätte Catherine lange Zeit versucht, den Spuren aller Seeker-Clans nachzugehen. Sie wollte wissen, wohin sie alle verschwunden waren.«

»Und wohin sind sie verschwunden?«, fragte Shinobu.

»Das ist immer noch die Frage.« Quin blätterte durch das Tagebuch. »Wenn ich das alles gelesen habe, werden wir vielleicht ein paar Antworten bekommen.«

»Quin.«

Shinobu versuchte vergeblich, sich ein wenig aufzusetzen, und sank schließlich auf das Bett zurück. Er griff wieder nach ihrer Hand und sah sie ernst an.

»Quin, was genau machst du da eigentlich?«, fragte er.

Sie blickte auf das Tagebuch hinunter und schlug es zu. »Ich dachte, wir sollten nachverfolgen …«

»Wir sind keine Seeker-Lehrlinge mehr«, sagte er zu ihr. »Wir sind deinem Vater und John entkommen. Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, müssen wir nicht irgendwer sein. Wir könnten zusammen irgendwohin gehen und einfach leben.«

Quin schwieg eine Weile und dachte darüber nach. Es klang herrlich, was Shinobu ihr da anbot: die Aussicht auf eine unkomplizierte Zukunft. Er hatte sich den Athame auf die Brust gelegt, seine linke Hand schützend darüber. Quin legte ebenfalls ihre Hand darauf, spürte den kalten Stein und die Wärme seiner Hand. Warum konnten sie nicht irgendwohin gehen und einfach leben – wie ganz normale Menschen? Ihr Leben als Seeker würde doch ohnehin niemals so sein, wie man es ihnen in ihrer Kindheit versprochen hatte: Das war eine Lüge gewesen. Warum also nicht etwas ganz anderes werden?

Doch sie kannte die Antwort bereits.

»Die junge Dread hat diesen Athame in meine Obhut gegeben – für eine Weile zumindest«, sagte sie zu ihm. »Sie wollte, dass ich ihn nehme.«

»Das heißt aber nicht, dass wir ihn auch benutzen sollen«, erwiderte er sanft.

»Vielleicht doch.«

Er betrachtete sie für einen langen Moment, dann fragte er: »Was möchtest du denn tun, Quin?«

Shinobu sah müde aus, doch sein Blick hatte diese Intensität, die so charakteristisch für ihn war. Was immer sie jetzt sagen würde – Quin wusste, dass er ihr seine unerschütterliche Loyalität schenken würde, so wie er es immer getan hatte.

»Ich wurde dazu erzogen, ein Seeker zu werden«, flüsterte sie. »Ein wahrhaftiger Seeker. Jemand, der verborgene Pfade im Dort – im Dazwischen – findet, den richtigen Weg findet und alles zum Guten wendet.«

»Tyrannen und Übeltäter, nehmt euch in Acht …«, murmelte Shinobu. Das war einst das Motto der Seeker gewesen und Quins und Shinobus Mantra während ihrer Lehrzeit. »Ich habe mir gewünscht, dass das wahr wäre«, sagte er.

Quin blätterte zur letzten Seite des Tagebuchs, wo Catherine die drei Gesetze der Seeker in Druckbuchstaben notiert hatte:

Ein Seeker darf einer anderen Familie nicht den Athame wegnehmen.

Ein Seeker darf keinen anderen Seeker töten, außer in Notwehr.

Ein Seeker darf der Menschheit keinen Schaden zufügen.

Ihr Vater hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihr diese Gesetze beizubringen; sie hatte erst später von ihnen erfahren, durch die junge Dread. Doch das war der ursprüngliche Kodex der Seeker. Diesen Kodex zu brechen, konnte mit dem Tod bestraft werden.

»Früher einmal waren wir wahrhaftig«, flüsterte sie, während sie mit den Fingern die Worte nachfuhr. Sie dachte an den Nachmittag am Feuer, als die junge Dread – Maud – über die Geschichte der Seeker gesprochen hatte. »Es gab sehr viele gute Seeker. Jetzt ermordet mein Vater, wen er will – und zwar für Geld. John glaubt, für seine Familienehre zu kämpfen, aber dafür ist er bereit, genau wie Briac zum Mörder zu werden.«

»Ja, das ist leider wahr«, stimmte Shinobu ihr zu.

»Wann also sind Seeker wie Briac geworden? Und wenn es noch mehr von uns gibt, wo sind sie jetzt?«

Sie blätterte zu den ersten Seiten des Tagebuchs zurück. Dort schien es sich um eine uralte Handschrift zu handeln; der Eintrag war sehr eng geschrieben und voller Tintenkleckse, sodass Quin nur wenig entziffern konnte – außer dem Wort »Dread«, das häufig vorkam. Diese frühen Seiten waren offenbar Briefe und Notizen, die von anderen Leuten in der fernen Vergangenheit verfasst und dann von Catherine in dieses Buch geklebt worden waren.

»Es sieht so aus, als ginge es in der ersten Hälfte um die Dreads. Als wären sie näher an den Anfängen der Seeker dran. Und dann sind da noch Catherines eigene Einträge … sie war auf der Suche nach anderen Seeker-Clans und versuchte herauszufinden, wohin sie verschwunden sind.«

»Du glaubst, das Tagebuch könnte dir zeigen, ab wann alles schiefgegangen ist«, sagte er und erriet damit genau ihre Gedanken.

»Ich möchte herausfinden, wann das mit diesen unehrenhaften Seekern angefangen hat.«

Shinobu ließ den Finger über die Seite des Steindolchs gleiten, als würde er ihn messen oder vielleicht über all das nachdenken, wofür er stand. »Und dann kannst du alles zum Guten wenden?«, flüsterte er schließlich.

»Ja«, sagte sie. »Vorausgesetzt, das ist überhaupt möglich.«

Sie spürte, wie Shinobu nickte, sein Kopf bewegte sich an ihrem, doch sie merkte, dass sein plötzlicher Energieschub allmählich verpuffte.

»Das will ich auch«, sagte er.

Sie schlug das Tagebuch zu und legte es auf seine Brust. Seine Hand lag auf ihrer, die oben auf dem Buch lag; seine Haut fühlte sich fast fiebrig an. Ihr langes Gespräch strengte ihn an.

»Weißt du noch, wie das mit uns angefangen hat?«, murmelte er dicht an ihrem Ohr.

»Ja«, sagte sie leise. »Es war auf der Wiese des Anwesens. Dort hast du mich geküsst, als wir neun waren.«

Seine Augen waren halb geschlossen, doch sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln und sie spürte seinen schläfrigen Blick auf sich. »Ich hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst.«

»Ich fand Küssen damals eklig.«

»Und wie findest du es jetzt?«

Sie spürte, wie auch ihre Lippen ein Lächeln umspielte. »Ich könnte der Küsserei eine zweite Chance geben.«

Shinobu schob seinen Arm unter sie und zog sie an sich. Quins Lippen trafen die seinen und ihr ging auf, dass sie darauf schon seit zwei Wochen gewartet hatte. Als er sich jedoch zu ihr drehte, um seinen anderen Arm um sie zu legen, stieß er einen Schmerzensschrei aus.

»Shinobu?«

Seine Arme wurden schlaff und sein Kopf rollte zurück auf das Kissen. Es dauerte einen Augenblick, bis Quin klar wurde, dass das Schmerzmittelreservoir an seinem Bauch gerade eben eine ordentliche Dosis freigesetzt hatte. Mit geschlossenen Augen lag er neben ihr, ein Lächeln auf seinen Lippen, den einen Arm immer noch unter ihr.

Sie lehnte ihren Kopf an seinen und lachte leise. »Tut mir leid.«

Es war spät und sie war schon lange wach. Nachdem sie das Tagebuch in ihrer Jackentasche und den Athame an ihrer Taille verstaut hatte, zog sie Shinobu noch ein wenig an sich und ließ zu, dass ihr ebenfalls die Augen zufielen.

KAPITEL 2

QUIN

John war da, in Quins Traum. Sie erkannte ihn so klar und deutlich, wie er da vor ihr stand – war das wirklich ein Traum? Sie sah schließlich jedes Detail seines Gesichtes und seines Körpers, beleuchtet vom Mondschein.

Es war kalt. Sie waren draußen. Sein Atem bildete Wölkchen in der Luft. Auch sie selbst spürte die schneidende Kälte, die in jeden Muskel eindrang. Und doch gelang es ihr, diese Unannehmlichkeit zu ignorieren und das Gefühl der Kälte auf Distanz zu halten, als wäre es gar nicht da. John schenkte der eisigen Luft ebenfalls keine Beachtung; er trug nur ein dünnes Unterhemd und Shorts und fröstelte nicht einmal.

Er war ein ganzes Stück von ihr entfernt, aber Quin konnte trotzdem eine kleine Wunde an seiner Schulter ausmachen, als würden ihre Augen in diesem Traum sehr viel weiter sehen als im normalen Leben. Briac hat auf dem Luftschiff auf ihn geschossen, fiel ihr wieder ein. Und dort hat ihn die Kugel getroffen. Sie selbst hatte eine ähnliche Wunde – eine, die John ihr zugefügt hatte, damals, als er alle, die sich auf dem schottischen Anwesen aufhielten, angegriffen hatte.

Sie fragte sich, weshalb sie keinen Hass empfand, als sie zu John hinübersah. Er hatte sie und diejenigen, die sie liebte, so viele Male verletzt, um zu bekommen, was er wollte. Doch in diesem Traum – wenn es denn ein Traum war – empfand sie weder Hass noch Liebe, bloß Nachsicht.

John fing an zu laufen und sie warf Gegenstände nach ihm, ihre Arme bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, der ihr Verstand kaum folgen konnte. Sie spürte, wie ihre Muskeln auf ihre mentalen Befehle blitzartig reagierten, sie warf und warf mit einer Geschwindigkeit und Kraft, die sie im Wachzustand niemals gehabt hätte …

»Er hat uns angelogen«, sagte eine Kinderstimme irgendwo in der Nähe. »Unser Meister ist nicht hier.«

»Sein Athame ist hier!«, zischte eine andere Stimme nahe an Quins Gesicht. »Sieh nur! Wie kann das sein?«

»Wirst du ihn dir holen?«

Der Geruch von toten Nagetieren stieg Quin in die Nase.

Sie riss die Augen auf. Sie lag auf dem Krankenhausbett neben Shinobu und noch jemand war da und beugte sich über sie. Schmutzige Hände glitten über ihren Hosenbund.

Quin riss die Arme nach oben, als ihr klar wurde, was da gerade passierte, und schlug den Eindringling weg. Er taumelte nach hinten, stürzte sich aber rasch wieder auf sie. Quin packte ihn an den Schultern und schob ihn von sich weg, als seine Hände an ihrer Taille rissen.

»Gib ihn zurück!«, zischte der Angreifer. Seine Nähe füllte ihre Nase wieder mit dem überwältigenden Gestank toter Tiere.

Er war hinter dem Athame her. Der Griff war noch sichtbar, auch wenn Quin den Athame im Hosenbund versteckt hatte, bevor sie neben Shinobu eingeschlafen war. Der Eindringling würde ihn gleich zu fassen bekommen.

Sie presste die Hände stärker gegen seine Schultern, um ihn in Schach zu halten.

»Hör auf!«, fauchte er.

Der Junge war stark. Jetzt änderte er seine Taktik und griff stattdessen nach ihrer Kehle.

Er war jünger, als sie zuerst gedacht hatte, fünfzehn vielleicht; er hatte intelligente, grausame Augen, die schwarz wie Kohle waren, und verfilztes Haar, das dunkelbraun sein mochte, aber so schmutzig war, dass es grau wirkte. Seine Finger bewegten sich tastend über ihren Hals, während sie sich bemühte, ihn wegzustoßen.

Quin ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Da war noch jemand. Ein Junge – deutlich jünger als der erste, vielleicht zwölf – trat in dem dämmrigen Nachtlicht von einem Fuß auf den anderen und wartete offensichtlich auf eine Gelegenheit zu helfen. Er hatte Sommersprossen und hellere Haut, war aber genauso schmutzig wie sein Begleiter.

Der ältere Junge stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen Quins Arme und seine Hand glitt vollends um ihren Hals. Wütend und triumphierend blickte er auf sie hinunter, als gehörte es zu seinen Lieblingsfreizeitbeschäftigungen, Leute zu würgen, und als könne er es gar nicht abwarten, endlich damit anzufangen. Er zog die Lippen zurück und entblößte schmutzige schwarze Zähne.

Quin rutschte zur Seite, wobei sie darauf achtete, nicht gegen Shinobu zu stoßen, der immer noch unter Betäubung zu stehen schien und schlief. Sie hob die Füße vom Bett, zog die Beine an und kickte damit gegen die Brust des älteren Jungen – und zwar so heftig, dass er gegen den Infusionsständer stieß und mit ihm zu Boden stürzte, während sie auch schon auf die Füße sprang.

»Shinobu!«, zischte sie. Mit einer raschen Bewegung zog sie ihr Peitschenschwert aus seinem Versteck unter ihrem T-Shirt und ließ es aufschnappen. Sie ließ ihr Handgelenk kreisen, um die Waffe in die Form eines langen, breiten Schwertes zu bringen, und das ölige schwarze Material formierte sich entsprechend und wurde fest.

Der Jüngere der beiden, der mit den Sommersprossen, sprang auf sie zu, dann wieder weg, als sie mit der Waffe nach seinem Gesicht schlug. Keiner der Jungen zeigte sich überrascht über das Auftauchen ihres Peitschenschwerts.

»Was ist?«, murmelte Shinobu und rieb sich über seine Hand – als der Ständer umstürzte, war auch der Infusionsschlauch herausgerissen worden.

Der kleinere Junge zog eine Waffe, und Quin merkte schockiert und einen Augenblick zu spät, dass er auch ein Peitschenschwert hatte. Sie hob ihr Schwert, um ihn abzuwehren, verfehlte ihn jedoch. Irgendwie glitt das Schwert des Jungen geradewegs an ihrem eigenen vorbei. Sie taumelte nach hinten, ihr Arm hatte direkt unter dem Ellbogen einen Schnitt abbekommen.

»Haha«, sagte der Junge und stolperte rückwärts, als Quin sich erneut auf ihn stürzte. Der Ältere kam taumelnd und unsicher wieder auf die Füße.

Sie hatten Peitschenschwerter – waren sie Seeker? Quin glaubte das nicht: Ihr Kampfstil war kühn, aber sehr wild und unkoordiniert. Und die beiden waren so schmutzig und ungepflegt. Aber was konnte sie schon über andere Seeker wissen? Ihr Vater hatte ihr ja sogar deren schiere Existenz verheimlicht.

Wer immer diese Jungs waren, ihre kämpferischen Fähigkeiten waren erstaunlich gut. Nach einer raschen Einschätzung kam Quin dennoch zu dem Schluss, dass die beiden nicht besser waren als sie selbst; am Ende würde sie beide schlagen. Doch Shinobu lag ungeschützt in diesem Krankenhausbett, wo sie ihn verletzen konnten, wenn sie es darauf anlegten. Sie musste diesen Kampf schnell beenden.

»Hilfe!«, rief sie, während sie sich auf die Tür zubewegte. »Hilfe!«

Shinobu hatte sich heftig blinzelnd auf den Ellbogen gestützt und versuchte zu begreifen, was da gerade vor sich ging. Quin sorgte dafür, dass die Jungen das nicht bemerkten, und bewegte sich weiter in Richtung Tür. Die beiden folgten ihr und in dem Moment, als sie sich gleichzeitig auf sie stürzten, sah Quin, weshalb ihre Peitschenschwerter zuvor an ihr vorbeigeglitten waren: Die Waffen der Jungen waren nur halb so lang wie üblich. Selbst wenn sie schmal und vollständig ausgefahren waren, so wie jetzt, waren ihre Schwerter nicht länger als Quins Unterarm, und die Spitzen waren nicht so spitz, wie sie sein sollten. Sie sahen aus wie Peitschenschwerter, die sehr unelegant halbiert worden waren.

»Ihr habt wohl ein Peitschenschwert zusammen?«, fragte sie und schwang ihres weit und schnell, um sich beide vom Hals zu halten. »Sind das zwei Hälften desselben Schwertes? Seid ihr auch jeder nur ein halber Mensch?« Sie sprach weiterhin laut und provozierend, als wäre sie eine Kämpferin, die ihre Gegner gern mit spöttischen Sprüchen ködert. In Wahrheit versuchte sie, Shinobu aufzuwecken und auch das Krankenhauspersonal auf der anderen Seite der Tür auf sich aufmerksam zu machen, gleichzeitig jedoch dafür zu sorgen, dass die Blicke der Jungen weiterhin auf sie geheftet waren. »Wenn ihr zwei Hälften derselben Person seid, könnte dann nicht wenigstens einer von euch lernen, wie man sich wäscht?« Ihr Geruch erfüllte den ganzen Raum.

»Wenigstens sind wir keine Diebe«, sagte der Kleine; er lächelte gehässig und entblößte dabei seine schmutzigen Zähne, die wie die des älteren Jungen mit Ruß beschmiert zu sein schienen. »Gib uns den Athame, der unserem Meister zusteht!«

Der ältere Junge schlug mit heimtückischem Geschick nach ihr, doch Quins größere Waffe wehrte seine Schläge rasch ab und er prallte gegen seinen Begleiter.

Sie drehte sich zur Tür.

Und entdeckte ihren Vater, der sie mit unbewegter Miene anstarrte.

Briac Kincaid hatte sich in der dunklen Nische neben der Zimmertür versteckt gehalten. Nun zog er sein eigenes Peitschenschwert und versperrte die geschlossene Tür. Eine Handvoll bunter Funken tanzte um seinen Kopf.

Funken.

Bevor sie über irgendetwas davon nachdenken konnte, ließ Briac sein Schwert aufschnappen und erhob es gegen sie.

Quin zögerte.

Diesen kurzen Moment nutzten die beiden Jungen, um sich von hinten auf sie zu stürzen. Im selben Augenblick krachte ein Metalltablett gegen den Kopf des größeren, sodass er taumelte. Shinobu war hinter ihm aufgetaucht, seinen Infusionsschlauch in einem langen Wirrwarr hinter sich herziehend. Er schwang das Tablett ein zweites Mal und es krachte gegen die Schläfe des älteren Jungen, woraufhin dieser zu Boden ging. Nun griff der kleinere Junge Shinobu an, doch der benutzte das Tablett nun als Schild, während das halbe Peitschenschwert wieder und wieder dagegenklirrte. Quin konnte nur erahnen, wie viel Betäubungsmittel bei jeder Erschütterung in Shinobus Blut gepumpt wurde.

Sie sah, wie ihr Vater mit dem Schwert gegen sie ausholte, und drehte sich, um den Schlag zu parieren. Briac blockierte noch immer die Tür. Auf der anderen Seite waren gedämpfte Schreie zu hören – Krankenhauspersonal versuchte hereinzukommen.

»Dummes Weib! Fiona!«, fauchte er. »Gib den Athame zurück.«

Es war schon seltsam, ihren Vater hier anzutreffen, aber noch seltsamer war es, dass er sie auf diese Art und Weise ansprach.

Shinobu schlug dem kleineren Jungen das Tablett geradewegs ins Gesicht und streckte ihn damit nieder, doch auch Shinobu brach daraufhin zusammen.

Quin traf rasch eine Entscheidung. Sie machte einen Satz von ihrem Vater weg, der an der Tür festgeklebt zu sein schien, und packte Shinobu an seinem Oberteil. Sie schleifte ihn quer durch das Zimmer und brachte das Bett zwischen sie beide und ihre Angreifer. Das Fenster war direkt hinter ihr.

Die beiden Jungen versuchten, vor der nächsten Attacke wieder in die Senkrechte zu gelangen, auch wenn sie offenbar beinahe bewusstlos geschlagen worden wären.

»Halt sie mir vom Hals, wenn du kannst!«, sagte Quin zu Shinobu, der sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte.

Krankenhauspersonal hämmerte an die Tür, doch Briac schaffte es, sie geschlossen zu halten.

Quin zog den Athame von ihrer Taille.

»Wag es bloß nicht!«, schrie der ältere Junge beim Anblick des Athame. Er hatte es geschafft, sich auf die Knie zu stemmen, und schüttelte sich, als versuchte er, wieder klar im Kopf zu werden. »Du darfst diesen Athame nicht benutzen! Es ist dir verboten!«

»Ich kann nicht mehr stehen«, sagte Shinobu. Er neigte sich zur Seite.

»Deine Implantate betäuben dich«, flüsterte Quin. »Dagegen hilft Adrenalin. Stell dir vor, du würdest gleich gegen sie kämpfen!«

Sie stellte die Einstellringe des Athames, so gut es ging, ein – sie waren anders, als sie es gewohnt war.

Inzwischen waren beide Jungen wieder auf den Beinen. Shinobu hielt sich aufrecht und trat schwankend gegen die Bremsen der Räder am Krankenhausbett. Dann rollte er das Bett direkt auf die Jungen zu.

Quin schnippte das Peitschenschwert aus dem Handgelenk nach vorne und machte es kurz und breit, dann drehte sie sich um und schlug damit das Fenster ein. Es zerbrach und die kalte Nachtluft strömte ins Zimmer.

Sie drückte auf einer Seite der Athame-Klinge mit dem Daumen nach unten und ein langer, schmaler Stab aus Stein löste sich mit einem leisen Klicken von der Klinge. Es war der Blitzstab des Athames, sein Partner und notwendiges Gegenstück, das Objekt, das den alten Dolch zum Leben erwecken würde.

Sie schlug den Blitzstab gegen den Athame und ein tiefes, durchdringendes Vibrieren erfüllte die Luft. Möbel begannen zu scheppern. Das Hämmern an der Tür verstummte, als sich das Vibrieren über das Krankenhauszimmer hinaus verbreitete.

»Stopp!«, schrie der kleinere Junge; er griff nach dem Bett, um sich daran auf die Füße zu ziehen. »Er gehört dir nicht! Du bist eine Diebin!«

Quin hielt den bebenden Athame aus dem zerbrochenen Fenster und beschrieb damit einen großen Kreis unter dem Sims. Dort, wo sie diesen Kreis gezogen hatte, zerschnitt der Athame so leicht das Gewebe der Welt wie eine Flosse das Wasser des Ozeans. Dabei wurden Ranken aus Hell und Dunkel sichtbar und diese schlängelten sich voneinander weg, um einen Durchgang zu bilden, eine Anomalie, die vor Energie summte. Auf der anderen Seite des Durchgangs lag Dunkelheit.

»Steig auf den Sims!«

Sie schob Shinobu an das offene Fenster, hielt aber ihren eigenen Blick von der Aussicht abgewandt. Die vierzig Stockwerke unter ihnen bereiteten ihr Schwindel.

Die Tür hinter Briac erbebte unter einem weiteren Ansturm von außen. Quin sah, dass sich ihr Vater anstrengen musste, um sie geschlossen zu halten.

Mühsam kletterte Shinobu auf die Fensterbank, Quin hielt ihn von unten.

»Schaffst du es, das Gleichgewicht zu halten?« Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass er hinunterstürzen könnte.

»Ja, alles in Ordnung«, flüsterte er. Dann taumelte er nach vorne und fiel direkt in die Anomalie. Quins Magen sackte ab, als sie ihm dabei zusah. Dann sprang sie selbst auf die Fensterbank. Die Straßen Londons weit unter ihr schienen sich zu neigen und zu schwanken.

Ich habe Höhenangst, stellte sie fest. Schlimmer noch: Sie hatte absolute Panik! Diese Angst war ihr völlig neu und in diesem Augenblick total lästig.

Der ältere Junge schwankte durch das Zimmer auf sie zu, in seinen dunklen Augen stand Wut.

»Ich werde dich schon noch in deine Schranken weisen!«, schrie er.

Ein lautes Krachen ertönte und beide Jungen drehten sich zur Tür des Krankenzimmers um. Briac war endlich zur Seite geschubst worden und uniformierte Wachen stürmten ins Zimmer.

Quin wandte sich der Nacht zu und warf einen kurzen Blick auf die Lichter Londons, die sich vor ihr und unter ihr ausbreiteten. Dann verschwamm die Aussicht und ihr Magen hob sich. Sie fiel durch die kalte Luft, durch die Anomalie, die sie vom Hier ins Dort erschaffen hatte.

KAPITEL 3

SHINOBU

Shinobu trieb im Drogennebel davon. Er war aus dem Fenster geglitten und es war ihm gelungen, an die richtige Stelle zu fallen, sodass es sein ganzer Körper durch die Anomalie schaffte. Jetzt war er im Dort, hatte die gut beleuchtete Dunkelheit der Londoner Nacht hinter sich gelassen und war nun von dieser anderen Finsternis umgeben, die weitaus schwärzer war – ein karges leeres Nichts.

Er sollte den Zeitzauber sprechen, um konzentriert zu bleiben.

»Ich kenne mich selbst, ich kenne …«, begann er. Was kam als Nächstes? »Quin?«, krächzte er.

»Ich bin hier«, antwortete sie und packte ihn an der Schulter. Ihre Hand zu spüren, half ein wenig. »Halt dich an mir fest«, flüsterte sie. »Mir ist ein bisschen schwindlig.«

Shinobu war mehr als nur ein bisschen schwindlig, aber er ließ seine Hände an Quins Armen hinauf bis zu ihren Schultern wandern und hielt sich daran fest. So hatten sie auch ganz zuletzt auf diesem Wolkenkratzer in London dagestanden: eng zusammengeschirrt und kurz vor dem Fallschirm-Sprung hinunter auf die Traveler. Er musste damals seinen Freund Brian auf dem Dach des Gebäudes zurücklassen und stellte sich nun unwillkürlich vor, wie Brian ganz allein dort oben auf dem leicht schwankenden Gebäude gestanden hatte. Bestimmt hatte er sich gefragt, was um alles in der Welt nach diesem Sprung mit Shinobu passiert war.

Jetzt, in der Dunkelheit, konnte er beinahe hören, wie Brian sagte: Wo bist du gewesen, Barrakuda? Ich musste ganz allein nach Hongkong zurückfinden.

Shinobu blinzelte gegen die Betäubungsmittel an und wollte antworten: Ich weiß nicht so genau, wo ich bin, Barsch. Doch dann wusste er es plötzlich wieder. In der Dunkelheit konnte er die Umrisse von Quins Gesicht im schwachen Schein des Athames ausmachen, den sie in der Hand hielt. Dieser Athame – der Athame der Dreads – leuchtete heller als die anderen, die er bisher gesehen hatte, und sein Vibrieren war viel stärker, als würde er mehr Energie enthalten und lenken als jeder andere.

Sag den Zeitzauber auf!, befahl er sich selbst. Bevor es zu spät ist.

»Ich kenne mich selbst«, brachte er heraus.

»Ich kenne mich selbst«, flüsterte Quin neben ihm, »ich kenne mein Heim, ich weiß genau, woher ich kam, wohin ich will, und im geschäftigen Treiben dazwischen finde ich sicher zurück. Ich kenne mich selbst …«

Quin musste sie beide dieses Mal ohne Shinobus Hilfe hier durchziehen und er konnte nur hoffen, dass diese Worte Quins Verstand auf den Zeitstrom, den sie hinter sich gelassen hatten, ausrichten würden – denn sonst würde sie sich selbst im Dort verlieren, wo Zeit eigentlich nicht existierte.

Die Luft um ihn herum klang falsch, als wäre er in einem winzigen, schalldichten Raum und gleichzeitig in einer riesigen Höhle. Quin ließ ihn los und er hatte sich selbst trotz des Zeitzaubers schon so weit verloren, dass er befürchtete, sie könnte für immer weg sein. Dann sah er, wie sich ihre Finger über die Einstellringe des Athame bewegten. Sie war direkt neben ihm.

»Wohin gehen wir?«, fragte er. Seine Stimme war dünn und gedehnt. Wie lange waren sie schon hier? Sekunden? Stunden?

»Hongkong«, flüsterte sie. »Ich hoffe, dass ich gerade Hongkong einstelle.«

Ich sollte atmen, dachte er. Atme ich eigentlich? Bebend holte er Luft. Er konnte das sanfte Klicken der Einstellringe des Athames hören, doch die leisen, durchdringenden Geräusche drangen wie ein fernes, langsames Pochen an seine Ohren. Die Zeit verlangsamte sich. Wieder war ein Vibrieren zu hören, es war tief und grollend.

Ihre Hand war unter seinem Arm. Quin, du berührst mich, dachte er. Das reichte in diesem Moment aus, jegliche Angst im Zaum zu halten. Ihre Nähe war ein Anker in der Finsternis, der ihn zu sich selbst zurückholte. Die Zeit beschleunigte sich wieder, als sie eine weitere Anomalie schnitt. Die Finsternis riss auf, Ranken aus Licht und Dunkelheit schlangen sich ineinander und bildeten den Rand eines neuen, kreisrunden Durchgangs, dessen Energie nach außen floss, von der sie umgebenden Dunkelheit in die Welt auf der anderen Seite des Durchgangs.

Bäume und ein Morgenhimmel waren da draußen zu erkennen. Plötzlich konnte er Quin deutlich sehen, ihre dunklen Haare und Augen, ihr hübsches helles Gesicht und die Lippen, die ihn geküsst hatten, kurz bevor er eingeschlafen war.

»Kannst du gehen?«, fragte sie, während sie ihn über den wallenden Rand zog.

»Klar«, erwiderte Shinobu und fiel prompt hin.

KAPITEL 4

JOHN

Nachdem sie einiges von dem Schutt aus dem Hof der Burg gekehrt hatten, stand John jetzt am Rande dieser freien Fläche der jungen Dread gegenüber. Sie hatte sich in der Mitte des Hofes positioniert und sah ihn ebenfalls an. Ihr Körper war vollkommen reglos.

Es war weit nach Mitternacht. Der Mond stand tief an einem teilweise bewölkten Himmel; er warf lange dunkle Schatten auf den Boden und hob die Umrisse der verfallenen Burg hervor.

Und es war kalt. Die Temperaturen waren zwar noch nicht am Gefrierpunkt, aber nicht mehr weit davon entfernt.

Die junge Dread – oder Maud, wie er sie inzwischen nennen durfte – hatte John befohlen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und seine Schuhe abzulegen. Immer wenn John gerade anfing, sich mit seinem Trainingsplan ein wenig wohlzufühlen, fand Maud einen Weg, dafür zu sorgen, dass er sich wieder unbehaglich fühlte. Sein Atem bildete kleine Wölkchen in der Luft, während er auf ihren ersten Befehl wartete. Doch John hatte in den vergangenen Wochen gelernt, sich so gut zu konzentrieren, dass er seinen Körper davon abhalten konnte, vor Kälte zu zittern – zumindest für eine Weile.

Entgegen allen Erwartungen war die junge Dread nach dem Kampf auf der Traveler an ihn herangetreten und hatte ihm mitgeteilt, dass sie seine Ausbildung zum Seeker vollenden würde. Als Briac sich geweigert hatte, ihn weiterhin auszubilden, hatte John versucht, Quin dazu zu zwingen, ihm zu helfen – mit dem einzigen Ergebnis, dass er sie und andere verletzt hatte. Er war darauf vorbereitet, zu verletzen oder gar zu töten, wenn es absolut notwendig war. Du darfst keine Angst davor haben zu handeln, hatte ihm seine Mutter vor all den Jahren eingeschärft, als sie vor seinen Augen gestorben war. Sei bereit zu töten. Und doch war es besser, wenn er Quin nicht mehr zu verfolgen brauchte. Die junge Dread hatte ihm eine Alternative angeboten.

Als Gegenleistung hatte sie gefordert, dass er sich voll und ganz seiner Ausbildung widmete. Er war bereit, dies zu tun und sich als würdiger Lehrling zu erweisen. Er war achtzehn, älter als Seeker-Lehrlinge normalerweise waren. Nun hatte er endlich die Chance zu lernen, wie man einen Athame benutzte, und so zu dem Seeker zu werden, der er den Wünschen seiner Mutter und seiner Großmutter entsprechend werden sollte.

Die Schusswunde unter seiner linken Schulter, die Briac ihm an Bord der Traveler zugefügt hatte, pochte schmerzhaft, aber sie war bereits halbwegs geheilt – dank des Reichtums seines Großvaters, der ihm die beste medizinische Behandlung ermöglicht hatte, die für Geld zu haben war. Das war gut so, denn Maud akzeptierte Schmerzen nicht als Ausrede für schlechte Leistung.

Die junge Dread war ähnlich gekleidet wie John, um ihren schlanken, drahtigen Körper schlackerten nur ein loses Unterhemd und eine einfache kurze Hose. Was immer sie von John verlangte – von sich selbst verlangte sie nicht weniger. Er konnte die Schatten erkennen, die ihre mageren Muskeln umgaben. Natürlich zitterte auch sie nicht. Sie hatte ihren Körper so fest unter Kontrolle, dass sie wohl eher erfrieren würde, als sich selbst zu erlauben, in der Kälte zu zittern. John hatte inzwischen begriffen, dass sie zu viel Bequemlichkeit vermied, um ihre Sinne zu schärfen und wachzuhalten.

Maud hatte ihre Haare am Hinterkopf zusammengebunden und ihre jugendlichen Gesichtszüge sahen im Mondlicht schrecklich und zugleich großartig aus – wie die in Stein gehauenen Züge einer rachsüchtigen Göttin, die gleich zum Leben erwachen würde.

Zu ihren Füßen lag ein Haufen Gegenstände – Steine, rostige Hufeisen aus Metall, abgebrochene Teile alter Waffen, sogar ein paar Erdklumpen waren dabei. Als seine Ausbildung begonnen hatte, waren sie tagelang auf dem Anwesen umhergestreift und hatten all diese Dinge gesammelt. Und jetzt setzte die junge Dread sie wieder und wieder gegen ihn ein.

Neben dem Haufen von Objekten lag Johns Disruptor. Maud hatte ihn den ganzen Tag zum Aufladen in der Sonne liegen lassen. Jetzt schimmerte sein irisierendes Metall im Mondschein und ließ ihn beinahe schön aussehen, aber in Wahrheit war es eine Waffe, die eigens dafür gebaut war, Schrecken zu verbreiten. Sie ähnelte einer kleinen, breiten Kanone mit einem etwa fünfundzwanzig Zentimeter breiten Zylinder, der mit Hunderten winzigen Öffnungen bedeckt war. Wenn der Benutzer sie sich umschnallte und damit feuerte, kamen Schwärme elektrischer Funken aus diesen Löchern und schwirrten um den Kopf des Opfers herum. Und wenn diese Funken einen erwischten, wenn man ihnen nicht ausweichen konnte, verzerrten sie die Gedanken und zerstörten das Gehirn. Man wurde disruptiert.

John wusste, dass die junge Dread den Disruptor heute Nacht nicht auf ihn abfeuern würde. Sie hatte ihm mitgeteilt, dass das erst später in seiner Lehre kommen würde. Trotzdem hatte sie den Disruptor mit hierher in den Burghof gebracht und neben sich gestellt, wo John ihn gut sehen konnte. Panische Angst vor dem Disruptor war sein Untergang gewesen, als er bei Briac Kincaid in die Lehre gegangen war, deshalb wollte Maud, dass er sich an seinen Anblick gewöhnte. Er versuchte, nicht hinzusehen, doch wann immer sein Blick zufällig den Disruptor streifte, schlug sein Herz schneller. Er dachte an die Worte seiner Mutter: Tu, was getan werden muss. Irgendwie würde er seine Angst überwinden.

»Fang an!«, rief die junge Dread.

John setzte seine Muskeln in Bewegung und begann, um den Hof herumzurennen, der mit Steinen, toten Ästen und Brocken aus der Burgruine bedeckt war. Ohne die Augen zu bewegen, nahm er alles, was vor ihm lag, und alles, was er aus den Augenwinkeln sah, auf. Maud hatte ihm beigebracht, wie er Dinge mit diesem starrem Blick fokussieren konnte, und genau das tat er gerade. Er konnte Maud aus dem rechten Augenwinkel erkennen, sie drehte ihren Körper, um seine Bewegung zu verfolgen – und zwar so langsam und geschmeidig, dass es aussah, als würden sich ihre Füße überhaupt nicht bewegen.

»Jetzt!«, rief sie.

Und dann fing sie an, mit einigen der Dinge nach ihm zu werfen. Ihre Arme bewegten sich – so schnell, dass man sie nur verschwommen sah – und ein dunkler Gegenstand kam auf ihn zugerast.

John drehte sich nach links und nutzte seine Geschwindigkeit aus, sich einmal um die eigene Achse zu drehen, als ein Stein an seinem Kopf vorbeipfiff und gegen einen Felsblock am Rand des Hofes krachte.

»Jetzt!«, rief sie erneut warnend, und wieder kam ein schwarzer Gegenstand auf ihn zugeflogen.

John sprang auf einen Haufen Geröll, stieß sich ab und flog nach oben. Was immer sie da geworfen hatte – ein Hufeisen vielleicht? –, traf ihn an der Wade. Er kam hart auf dem Boden auf und der Schock traf ihn erst dann mit voller Wucht, als seine Füße den Boden berührten. Schmerz schoss an seinem Bein hinauf. Aber er rannte weiter.

Schmerz ist nichts, sagte er sich, während er seinen Blick nach vorne richtete, die Augen starr. Schmerz ist nichts. Meine Mutter hat viel Schlimmeres durchgemacht. Meine Großmutter hat mir viel Schlimmeres gezeigt …

Maud rief ihm jetzt nichts mehr zu; die folgenden Geschosse wurden ohne Vorwarnung geworfen. Er bog gerade am Südende des Hofes um die Ecke, als er die nächste blitzschnelle Bewegung wahrnahm. Er warf sich zu Boden und wälzte sich zur Seite, als ein großer Felsbrocken durch die Luft sauste. Noch bevor er wieder auf die Füße gekommen war, kam schon der nächste. Er sprang auf und konnte gerade noch rechtzeitig seine Beine wegziehen. Und dann folgte gleich noch etwas und noch etwas.

»Sehr gut!«, rief Maud. »Du hast dich deutlich verbessert!«

John war nicht so dumm, langsamer zu werden oder zu ihr hinüberzuschauen. Das Trommelfeuer ging nämlich weiter.

»Wenn du in deiner Ausbildung bei Briac auch so gut gewesen wärst«, sagte sie, »dann hättest du Quin nicht zu verraten brauchen.«

Ihr Tonfall war monoton und gleichmäßig – so wie immer – und doch taten ihre Worte weh, als hätte sie ihn geschlagen. Sie versuchte, ihn abzulenken, und es funktionierte. Ich wollte sie nicht verraten. Ich habe sie geliebt. Aber sie wollte mir nicht helfen.

Etwas traf ihn in die Rippen. Es war nur ein kleiner Stein, aber Maud hatte ihn so hart geworfen, dass es sich einen Moment so anfühlte, als hätte sie tatsächlich auf ihn geschossen. Er taumelte zur Seite, schaffte es jedoch irgendwie trotzdem, sich weiter vorwärtszubewegen.

»Konzentriere dich!«, rief die junge Dread. »Schau mich nicht an.«

Sie warf wieder etwas in seine Richtung, dieses Mal benutzte sie beide Arme. Aus den Augenwinkeln glaubte er zu sehen, wie sie sich zum Disruptor bückte, als wollte sie ihn hochheben und auf ihn zielen.

Das würde sie nicht tun.

»Deine Mutter wollte einen Verräter aufziehen«, sagte sie, als er sich bückte, um einem ihrer Geschosse auszuweichen. »Sie wollte, dass du skrupellos wirst.«

»Ich bin kein Verräter …«, schrie John, der den Köder schluckte und sich ihr zuwandte.

Ein Hagel aus Steinen ging auf seinen Brustkorb nieder und riss ihn sofort von den Füßen. Er landete hart auf dem kiesigen Boden. Ich bin kein Verräter, dachte er wütend. Und sie wollte nur mein Bestes. Er rappelte sich auf und rieb sich die Brust, die sich anfühlte, als hätte jemand mit einem Hammer daraufgeschlagen.

Die junge Dread starrte ihn von der Mitte des Hofes an.

»Du hast dich von mir ablenken lassen«, sagte sie ruhig, während sie sich ihm näherte. »Meine Worte haben dich durcheinandergebracht. Und du hast an den Disruptor gedacht?«

John nickte, während er nur mit Mühe seine Fassung wiedererlangte. Warum hatte er auf ihre Provokation reagiert? »Tut mir leid. Lass es mich noch mal versuchen.«

»Genug für heute Nacht. Bist du verletzt?«

Er ließ die Hand von seiner lädierten Brust sinken. »Schmerzen sind nicht von Belang«, erwiderte er und wiederholte damit die Worte, die sie immer zu ihm sagte.

Sie nickte zustimmend. »Es sind nur Schmerzen.«

Trotzdem untersuchte sie ihn gründlich von Kopf bis Fuß. Dabei nahm sie sich auch einen Moment Zeit, um sich die heilende Schusswunde unter seiner Schulter anzuschauen. Von Nahem konnte er sehen, wie mädchenhaft ihr Körper und ihre Gesichtszüge waren, etwas, das erst offenbar wurde, als sie angefangen hatten, mit so wenig Kleidung wie möglich zu trainieren. Und doch fühlte es sich nicht an, als würde ihn ein Mädchen anschauen, als Maud ihn untersuchte, sondern eher, als würde im Krankenhaus eine Maschine Röntgenbilder von ihm machen.

»Du bist ein guter Kämpfer, John«, sagte sie zu ihm. »Solange du dich nicht ablenken lässt.«

»Das sagen alle – Briac, Alistair, Quin«, murmelte er; in seiner Stimme lag eine Frustration, die ihn während seiner Lehre auf dem Anwesen jahrelang verfolgt hatte. Er atmete schwer vom Laufen und bemühte sich, seine Lungen wieder zu beruhigen. Dabei war es anfangs so gut gelaufen.

»Du lässt dich leicht aus der Bahn werfen. Ein paar Worte, ein Griff zum Disruptor und du bist verloren.«

Sie sah ihn immer noch prüfend an, klopfte sanft auf die Stellen, an denen seine Rippen von Steinen getroffen worden waren. Es verunsicherte ihn, wenn sie so dicht vor ihm stand.

Abrupt hörte sie auf und trat zurück. »Nimm den Disruptor«, befahl sie.

John verbarg seinen Unwillen. Er ging zur Mitte des Hofes und hob die Waffe auf. Sie war schwer, weil sie fast vollständig aus massivem Metall bestand und mit einem dicken Ledergurt ausgestattet war, der sie noch schwerer machte.

»Häng ihn dir um«, sagte die junge Dread. Sie war noch immer am Rand des Hofes und beobachtete ihn, das Gesicht teilnahmslos, aber die Stimme gebieterisch.

Er hängte sich den Gurt über die Schulter und legte den Disruptor an seinen Körper. Die Waffe bedeckte fast seine ganze Brust. Die Löcher auf dem Zylinder waren unterschiedlich groß, als seien sie willkürlich und boshaft von einem Geistesgestörten herausgestochen worden.

Wenn die Funken den Kopf umgaben, bildeten sie ein Disruptorfeld. Das Feld verzerrt die Gedanken. Dir kommt ein Gedanke, aber das Disruptorfeld verändert ihn und schickt ihn verändert zu dir zurück. Es war Jahre her, seit er diese Worte von Shinobus Vater, Alistair Mac-Bain, gehört hatte. Damals hatte Alistair seinen Lehrlingen auf dem Anwesen zum ersten Mal den Disruptor erklärt und John erinnerte sich noch jetzt an seine Worte: Dein Geist wird sich verknoten, sich zusammenfalten, kollabieren. Du willst dich umbringen, aber wie sollte das gehen? Selbst dieser Gedanke entgleitet deiner Kontrolle.

Zum letzten Mal hatte John den Disruptor beim Kampf auf der Traveler getragen und auf Briac Kincaid abgefeuert. In diesem Augenblick hatte ihn grausame Freude überkommen, doch jetzt wurde er von Grauen überwältigt.

John hatte schon vor dem Kampf auf der Traveler miterlebt, wie andere Menschen disruptiert worden waren – Alistair MacBain sowie einer von Johns eigenen Männern, Fletcher. Das waren zwar Unfälle gewesen, aber es befreite ihn nicht von seinen Schuldgefühlen. Und davor hatte er zusehen müssen, wie seine Mutter disruptiert worden und dann jahrelang in einem qualvollen halb toten Zustand von Briac am Leben gehalten worden war. Johns Erfahrungen mit dieser Waffe steigerten sein Grauen, anstatt es zu verringern; das Gewicht des Disruptors auf der Brust erinnerte ihn daran, dass er damit die geistige Gesundheit eines anderen zerstören könnte.

»Erwecke ihn zum Leben«, befahl Maud und riss ihn damit aus seinen Grübeleien.

»Warum?«

Sie ließ ihren unerschütterlichen Blick auf ihm ruhen und sagte nichts weiter; sie hatte ihm einen Befehl erteilt und erwartete, dass er gehorchte.

Er ließ seine Hand seitlich an der Waffe nach unten gleiten. Aus dem Inneren des Disruptors drang ein hohes Heulen, das immer lauter wurde. Um die Waffe herum knisterte statische Ladung und John beobachtete, wie eine rote Gabel aus Elektrizität an seiner Hand hinaufkroch und dann verschwand.

Die junge Dread näherte sich ihm, blieb jedoch stehen, als sie auf halbem Wege angelangt war.

»Feuere auf mich«, sagte sie.

»Warum?« Übelkeit bemächtigte sich seiner. Er wollte nicht auf sie schießen.

»Feuere auf mich.«

Ihr Gesicht sah jung und gleichzeitig uralt aus; ein Ausdruck von Endgültigkeit lag darauf: Er würde tun, was sie sagte, oder er wäre nicht mehr ihr Lehrling.

John ließ die Hand weiter an der Waffe nach unten gleiten und das Heulen wurde noch höher und intensiver. Er zielte auf sie und schoss.

Tausend bunte Funken stoben aus dem Disruptor. Sie summten böse und schossen auf die junge Dread zu. Wenn sie sie erreichten, würden sie um ihren Kopf herumschwirren und sie würde sich nie wieder von ihnen befreien können.

»Los, beweg dich!«, schrie er Maud an, Panik stieg in seiner Kehle auf.

Aber sie war schon zur Seite gewirbelt und den Funken mit Leichtigkeit ausgewichen, bevor sie sie treffen konnten. Sie flogen weiter und prallten gegen einen großen Felsen am Rand des Hofes. Da sie kein menschliches Ziel gefunden hatten, verschwanden sie an dem Stein in einer Explosion regenbogenfarbenen Lichts.

Ruhig und gelassen wie immer legte die junge Dread die Entfernung zwischen ihnen zurück. »Der Disruptor macht dir Angst, selbst wenn er in deiner Kontrolle ist.«

»Ja«, flüsterte er, beschämt, weil ihre Worte so genau zutrafen.

»So war das auch gedacht«, sagte sie zu ihm. »Aber er ist eine Waffe wie jede andere. Mit etwas Übung kann man das durchstehen. Alles lässt sich durchstehen.«

Er nickte, weil er das glauben wollte.

»Wenn wir einen Fokal hätten«, sagte sie nachdenklich, »könnte dieser die Angst und die Ablenkungen wegnehmen.«

»Was ist ein …«, setzte er an, doch Maud hob die Hand und schnitt ihm das Wort ab.

Sie lauschte auf etwas, auch wenn John außer dem leisen, kalten Wind in den Bäumen um die Burgruine nichts hören konnte.

»Was ist?«, fragte er.

»Es geschieht etwas«, sagte sie. »Komm.«

KAPITEL 5

QUIN

Sobald sie durch die Anomalie zurück in die normale Welt traten, brach Shinobu an Quins Seite zusammen. Sie packte ihn an den Armen, damit er nicht zu Boden stürzte.

»Alles in Ordnung?«

»Ich denke schon, ich denke schon«, murmelte er, als er versuchte, sich wieder aufzurichten.

Quin hatte die Symbole des Athames so nah sie konnte an den Hongkong-Koordinaten ausgerichtet, die sie vor Jahren auswendig gelernt hatte, doch da sich diese speziellen Athame-Einstellringe von den gewohnten unterschieden, gelangten sie zu einer anderen Stelle als sonst. Aber es war immer noch Hongkong. Von den Gerüchen her, die in der Luft lagen, und der Art des Lichts wusste sie, dass sie auf Hongkong Island waren, in der Nähe von Victoria Peak. Der Fuchs-Athame – der, mit dem Quin immer geübt hatte – hatte sie näher zum Peak selbst gebracht. Nun standen sie und Shinobu auf einem schwammigen Boden unter dichten Bäumen, irgendwo weiter unten am Berghang.

Als sie über die Schulter zurückblickte, sah sie, wie die Anomalie ihre Form verlor. Die schwarzen und weißen Ranken lösten sich von dem summenden Rand des Kreises und wuchsen über die Öffnung, verschlossen das Loch, das Quin in die Welt gerissen hatte. Einen Augenblick später war es in sich zusammengefallen und verschwunden.

»Hör bitte auf, dich zu bewegen«, flüsterte Shinobu an ihrer Schulter. »Du lässt den Boden schwanken.«

»Ich stehe doch still, das schwöre ich.«

»Bist du sicher?« Flatternd schloss er die Augen.

»Ich bin sicher. Halt dich an mir fest.«

Seine Schmerzmittelimplantate übersteuerten eindeutig. Sie glaubte zwar nicht, dass die Gefahr einer Überdosis bestand, aber sie musste ihn rasch zu einem Arzt bringen. Seine Schwertwunde war kaum verheilt und er hatte sich bei dem Kampf im Krankenhaus wie ein Verrückter aufgeführt. Die große Frage – wer die Jungs waren, die sie angegriffen hatten – würde warten müssen, bis sie Shinobu vollends in Sicherheit gebracht hatte.

Etwas kitzelte an ihrem Handgelenk und sie bemerkte, dass Blut darauftropfte – von ihrem rechten Unterarm, wo sie der jüngere Angreifer mit seinem bizarren abgesägten Peitschenschwert getroffen hatte. Sie drehte sich, sodass sich Shinobu an ihren Rücken lehnen konnte und sie beide Hände frei hatte. Dann riss sie einen Streifen Stoff von ihrem Oberteil ab und verband ihren Arm.

»Komm«, sagte sie, nachdem sie sich wieder umgedreht und seinen Arm um ihre Schulter gezogen hatte. »Wir gehen ins Krankenhaus.«

»Ein anderes Krankenhaus, oder?« Er lachte schläfrig an ihrer Schulter. »Wir kehren wohl besser nicht wieder in dasselbe zurück.«

Quin lächelte. Dass er noch Witze machte, war ein gutes Zeichen. »Ja. Wir sind jetzt auf der anderen Seite der Welt.«

Ein paar Meter entfernt öffnete sich der Wald zu einem schmalen, gewundenen Pfad, einer von vielen, die sich um den Peak herumschlängelten. Quin zog Shinobu vorsichtig in diese Richtung.

»Wir hätten diese Jungen besiegen können«, lallte Shinobu. »Wir hätten nicht weglaufen müssen.«

»Ich hatte Angst, du könntest dich verletzen – noch mehr als ohnehin schon –, wenn wir weiterkämpfen.«

»Wer waren diese Jungs, was glaubst du?«

»Mein Vater hat sie irgendwie mitgebracht«, sagte sie, während sie ihn zwischen den Bäumen hindurchbugsierte. »Und vielleicht glaubten sie, der Athame würde ihm gehören?«

Schon an der Absturzstelle der Traveler hatte ihr Vater um sich geschlagen und sich gegen das medizinische Personal gewehrt, das ihn in einen Krankenwagen verfrachten wollte. Und als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, im Krankenhaus, waren Funken um seinen Kopf herumgeschwirrt. Deshalb verstand sie jetzt sein wildes Verhalten – er war in dem Kampf auf der Traveler disruptiert worden, zumindest teilweise.

»Er war disruptiert«, echote Shinobu ihre eigenen Gedanken. »Aber er verhält sich nicht so, als wäre er vollkommen disruptiert.«

Shinobu hatte seinen eigenen Vater disruptiert gesehen und Quin die blinde Wildheit dieses Zustands geschildert. So hatte sich Briac nicht verhalten, aber er war seltsam gewesen.

»Ich … ich war doch etwas erschrocken, als ich ihn gesehen habe«, gestand Quin.

»Hattest du Mitleid mit ihm?«, fragte Shinobu.

Nein, sie hatte kein Mitleid mit ihrem Vater, der sie jahrelang angelogen hatte, der sie gezwungen hatte, schreckliche Dinge zu tun, und der sie immer irgendwie dominieren würde, wenn sie das zuließe. Während des Kampfes auf der Traveler war sie bereit gewesen, Briac Kincaid umzubringen. Doch im Krankenhaus hatte sie gezaudert – weil er etwas Hilfloses an sich gehabt hatte.

»Ich habe kein Mitleid mit ihm«, sagte sie, »aber gezögert habe ich tatsächlich.«

Shinobu ließ den Kopf an sie sinken. »Das ist schon in Ordnung«, murmelte er. »Dafür berührst du mich wieder. Du kannst eben die Finger nicht von mir lassen, oder?« Er versuchte, seine Finger mit ihren zu verschränken, dort, wo sie seine Schulter gepackt hatte. Aber offensichtlich war er dabei, das Bewusstsein zu verlieren – immer wieder taumelte er gegen sie, als sie den Schutz der Bäume verließen und zum Ufer hinuntergingen. »Du solltest mich berühren wollen«, fuhr er lallend fort. »Ich hatte viele zufriedene Kundinnen. Glaub mir, das hatte ich.«

Unwillkürlich musste Quin lächeln. »Viele zufriedene Kundinnen? Wie viele denn genau?«, fragte sie, während sie ihn auf den gepflasterten Pfad schob und versuchte, ihn am Reden zu halten. »Musste dich irgendeines von diesen Mädchen auch ins Krankenhaus tragen? Und das gleich zwei Mal …«

Sie verstummte.

Sie sah sich ihrem Vater gegenüber. Schon wieder.

Briac Kincaid stand mitten auf dem Pfad und sah sie mit wildem Blick an. Er klappte den Mund auf.

Einen Moment lang war Quin wie gelähmt. Sie beobachtete, wie Briacs Kopf eine kreisende Bewegung machte, als würde er versuchen, jemanden zu orten. Wieder bewegte er den Mund.

Er will schreien, dachte Quin. Er wird gleich schreien.

Sie hörte in den Ästen über sich etwas rascheln. Jemand saß hoch oben auf einem Baum auf der anderen Seite des Pfades. Und dieser Jemand war zweifellos mit Briac Kincaid hierhergekommen. Sie waren ihr hierher gefolgt – oder vielleicht schon vor ihr da gewesen.

Vorsichtig, um Shinobu dabei nicht fallen zu lassen, griff sie sich einen Stein vom Wegesrand und warf ihn knapp an Briacs Gesicht vorbei. Ihr Vater drehte den Kopf, um den Bogen zu verfolgen, den der Stein in der Luft beschrieb, und Quin nutzte diesen Moment aus. Sie packte Shinobu und stürzte mit ihm zwischen die Bäume zur Hangseite des Pfades. Shinobu war kaum noch bei sich und noch immer schwer verletzt – sie durften auf keinen Fall in einen weiteren Kampf verwickelt werden.

»Ah!«, schrie Briac, der endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. »Ahhhh! Ahhhhhh!«

»Was ist denn?«, fragte eine junge, gereizte Stimme aus dem Baum darüber.

Quin zerrte Shinobu mit sich und schlug sich tief ins Unterholz, dann ließ sie sich auf die Knie fallen. Shinobu sank ebenfalls zu Boden.

»Au«, murmelte er.

Quin zog ihn unter die schützenden Zweige eines großen, dichten Busches und half ihm, sich auf den feuchten Boden zu legen. Dann schob sie sich vorsichtig über Shinobus Brust und blickte durch die Zweige nach oben. Die beiden Jungen, die sie im Krankenhaus angegriffen hatten, hockten in den Bäumen und schauten gen Norden, Richtung Hafen, der von ihrem Aussichtspunkt aus deutlich zu sehen sein musste.

»Die Jungs, die uns angegriffen haben, sind hier – zusammen mit meinem Vater«, flüsterte sie. »Sie müssen ihren eigenen Athame haben.« Hatten sie und Shinobu mehr Zeit im Dort verbracht, als sie gedacht hatte? Es war ihr so vorgekommen, als wären es nur Sekunden gewesen, aber wer weiß? Das war die Gefahr, wenn man einen Athame verwendete. Man konnte sich aus dem Zeitstrom der Welt lösen und sich selbst verlieren. Wenn man nicht aufpasste, konnte man sich so sehr verlieren, dass man überhaupt nicht mehr zurückkam.

»Er denkt sich wieder etwas aus!« Das war der Jüngere der beiden, der mit den Sommersprossen.

»Da war meine Mutter!«, schrie Briac. »Kommt herunter und findet sie!«

»Deine Mutter wäre jetzt steinalt«, sagte der ältere Junge. »Und diese Stadt ist riesig. Du hast uns auf eine völlig unsinnige Mission mitgenommen.«

»Sieh dir bloß die Schiffe an«, sagte der Kleine, seine Stimme klang ein wenig ehrfürchtig. »Es sind so viele.«

»Aber sie war hier. Ich hatte recht«, beharrte Briac in einem Moment verbaler Klarheit. »Und wenn sie hier ist, dann … dann ist auch der Athame der Dreads hier.«

Quin konnte die Beine ihres Vaters sehen: Er stand noch immer auf dem Pfad und drehte sich im Kreis. »Fiona!«, rief er. »Fiona Mac-Bain!«

»Bring ihn zum Schweigen, Nott!«, befahl der ältere Junge.

Quin sah, wie die Äste wackelten, als der kleinere der beiden – Nott – heruntersprang. Seine Bewegungen waren mühelos und geschmeidig, zuerst langsam, dann von einer geradezu explosionsartig zunehmenden Geschwindigkeit. Er war ein wenig … Wie die junge Dread, dachte Quin.

»Fiona MacBain?«, murmelte Shinobu und reagierte damit verspätet auf das, was Briac gesagt hatte. »MacBain« war der Mädchenname von Quins Mutter, ein Name, den sie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr verwendet hatte.

»Er ist ein wenig daneben und felsenfest davon überzeugt, ich wäre jemand anderes.«

In dem Moment erreichte der kleinere Junge, Nott, den Boden und Quin fiel auf, dass er aussah, als hätte ihn jemand verprügelt – Nase und Wange waren geschwollen, er hatte eine riesige Beule an der Stirn, Dutzende Schnitte und Kratzer von dem Kampf im Krankenhaus, aber auch Narben vieler älterer Wunden. Er zog Briac vom Weg ins Gebüsch und hinunter auf die Knie. Dann hielt er Quins Vater mit der Hand den Mund zu. Briac rümpfte die Nase bei dieser Berührung – der Junge stank so grauenhaft, dass Quin ihn sogar auf diese Entfernung noch riechen konnte.

Auch der ältere kam nun von seinem Baum herunter, seine Bewegungen waren sogar noch geschmeidiger, als würde sich die Zeit in einer gleichmäßigen, leichten Geschwindigkeit für ihn entfalten. Er trug einen Athame an der Taille.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Clans der Seeker (2). Die Nacht des Adlers" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen