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Die Chroniken von Ninavel - Stadt der Magier

Über die Autorin

Courtney Schafer liebt Abenteuer und Adrenalin. Sie ist passionierte Kletterin und Bergsteigerin und eine ebenso unersättliche Leserin. Deshalb beschloss sie, selbst zu schreiben. Für ihr Debüt Die Blutmagier erhielt sie durchweg begeisterte Kritiken. Stadt der Magier ist ihr zweiter Roman. Schafer lebt mit ihrer Familie in Boulder, Colorado, nahe der Rocky Mountains. Besuchen Sie die Autorin auf www.courtneyschafer.com

Courtney Schafer

DIE CHRONIKEN VON
NINAVEL

Stadt der Magier

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Angela Koonen

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Kevin, der die Abenteuerlust schon kennt.

EINS

DEV

Ich zwängte die Finger ein Stück höher in den Spalt, stemmte mich mit dem Fuß hoch und bog den Oberkörper. Die Kante des Überhangs war fast in Reichweite. Das war gut, denn ich musste meine kleine Aufwärmübung schleunigst zu Ende bringen. Wenn ich nicht bis zum Läuten der Glocke zu Schichtbeginn in der Mine war, standen mir Peitschenhiebe bevor. Hoch über mir am Rand der Schlucht war schon ein Streifen goldenes Morgenlicht zu sehen. Doch die Sonne würde erst am Vormittag hoch genug stehen, um auf das Röhricht am Grund der Schlucht zu scheinen. Hinter meinem Übungsfelsen stapften Männer in verdreckten Arbeitsanzügen auf den klaffenden, schwarzen Schlund in der Schluchtwand zu. Im Stollen hüpften die Lichter der Schlepper, die sich beeilten, ihr Soll an Kohle einzusacken.

»Wenn du nicht augenblicklich herunterkommst und dich zu deiner Mannschaft bequemst, Junge, dann würge ich dich, bis du blind wirst.«

Zur Warnung wurde mein Halsring heiß. Ich riss die Finger aus dem Spalt und ließ mich in den Morast fallen. Plötzlich hatte ich schweißnasse Hände. Bei Shaikars Hölle, wieso musste Gedavar unbedingt hier herumschnüffeln? Die Schicht fing gleich an; da sollte er die Anweisungen des Obersteigers an die Untersteiger weitergeben und nicht hinter den Häftlingsbaracken herumschleichen. Das geklaute Leuchtamulett, das ich mir unter der Fußfessel in die Socke gesteckt hatte, fühlte sich so groß an wie ein Wagenrad, obwohl es bloß eine dünne Kupferscheibe war.

»Bin schon unterwegs«, murmelte ich und wollte mich an ihm vorbeidrücken.

»Halt!« Gedavar verstellte mir den Weg. Für ihn ein Leichtes, da er mir nicht nur an Größe, sondern auch an Masse überlegen war. Und diese Masse bestand aus festen Muskeln, obwohl er schon grau wurde und Falten seine finstere Visage durchfurchten. »Lanedan hat dich gestern im Hof des Quartiermeisters herumschleichen sehen, hab ich gehört. Wolltest wohl was stehlen, hm?«

»Ich hab nichts gestohlen und bin auch nicht herumgeschlichen. Jathon hat mich hingeschickt, damit ich dem Quartiermeister sage, dass wir nur noch zwei Kisten Säcke haben. Ich hab nicht mal was angerührt.« Das war die reine Wahrheit. Das Amulett in meiner Socke stammte nicht aus dem Vorrat des Quartiermeisters. Ich hatte es einem toten Bergmann abgenommen, der auf eine Blase giftiger Luft gestoßen und erstickt war. Alathische Amulette hatten nur ein paar Funken Magie, aber die brauchte ich auch gar nicht, um aus diesem Drecksloch von einem Bergbaulager abzuhauen. Ich brauchte bloß das Kupfer.

Gedavar lächelte fies. »Ich bin gesonnen, mich zu vergewissern. Breite die Arme aus.«

Scheiße. Er glaubte gar nicht, ich hätte den Quartiermeister beklaut, denn er wusste ganz genau, dass der seine Truhen so fest verschlossen hielt wie eine Schatzkammer. Aber Gedavar ließ keine Gelegenheit aus, mich zu schikanieren. Wenn er mich jetzt gründlich filzte und das Amulett fand, wäre meine wochenlange Vorbereitung für die Katz gewesen. Also sollte ich ihn besser ablenken.

Ich hob die Arme und höhnte: »Was denn, wollen dich die Weiber nicht? Bist du schon so verzweifelt, dass du Männer begrapschst?«

Gedavars breites Gesicht lief rot an. Er drehte den goldenen, mit magischen Zeichen versehenen Ring, der an einem seiner dicken Finger steckte. Mein Halsreif zog sich zusammen, bis mir die Luft wegblieb und ich vornüberklappte. Ein Stoß beförderte mich mit dem Gesicht voran in den Matsch, der schwarz von Kohlenstaub war. »Lass das Stänkern, du Stück Ziegenscheiße!«

Der Reif wurde noch enger. Meine Sicht verschleierte sich rot. Ich schlug um mich. Mit dem Druck in den Lungen wuchs die Angst. Ich hatte ihn provoziert, damit er das Filzen vergaß und mich sofort bestrafte, nicht damit er mich erwürgte.

Schmatzende Schritte verrieten mir, dass wir nicht mehr allein waren. »Lass ihn los, Gedavar. Wenn er bewusstlos ist, kann er sein Soll nicht erfüllen.« Jathon senkte seine Krächzstimme. »Oder soll dir der Magier, der in der Stube des Grubenmeisters herumlungert, erst das Fell versengen?«

Der Reif lockerte sich. Ich saugte gierig Luft ein und fing prompt an zu husten. Beim nächsten Atemzug wagte ich einen vorsichtigen Blick in Jathons wettergegerbtes Gesicht. Es war ausdruckslos, die dicken muskulösen Arme hielt er vor der Brust verschränkt. Khalmet sei Dank, er hatte Gedavar zurückgepfiffen; aber warum hatte er das getan? Bisher hatte er für mich, den einzigen Häftling, der seiner Schleppermannschaft zugeteilt worden war, nur kalte Verachtung übrig gehabt.

Gedavar beugte sich über mich und spuckte aus. »Da! Jetzt weißt du, was ich von Magiern und ihrer Einmischung halte. Die Arbeit über Tage ist anständigen Alathern vorbehalten; sie haben das Recht dazu, nicht ausländische Verbrecher. Von Rechts wegen müsste diese Ratte bei den anderen Sträflingen sein, so tief in den Stollen, dass er am Lichtmangel krepiert.«

»Das will ich nicht bestreiten«, sagte Jathon. »Mir käme auch die Galle hoch, wenn es mein Neffe wäre, der in die Grube fahren muss, weil ein Häftling seinen Platz eingenommen hat.«

Ich wischte mir gerade die Spucke ab und hielt inne. Aus leisen Bemerkungen und den bösen Blicken von Jathons Schleppern hatte ich schon den Schluss gezogen, dass ein armer Kerl aus der Mannschaft meinetwegen einen Tritt bekommen haben musste. Aber ausgerechnet Gedavars Neffe? Kein Wunder, dass er mich hasste. Kohle schleppen war Knochenarbeit, aber verglichen mit der kniffligen Wartung der Pulverlampen in der Mine war sie so sicher wie Blumenpflücken auf einer Wiese.

Jathon schüttelte den Kopf. »Schlimm genug, dass ich wegen dieses aalglatten Weichlings von einem Magier einen guten Mann verloren habe. Aber nach dem Schlamassel mit Haldens Ochsen vorige Woche liegen wir auch noch hundert Säcke hinter Plan. Wenn du Dev jetzt würgst, bis er nicht mehr schleppen kann, brauche ich nicht mal zu hoffen, dass wir das bis zur Zählung morgen wieder wettmachen. Und wenn das eintrifft und wir das Soll nicht erfüllen, werden die rechtschaffenen Männer über Tage diesen Monat nicht ihren vollen Lohn bekommen. Ich finde ja auch, dass Dev ein bisschen Zucht verdient hat, aber bei den Göttern – erledige das gefälligst nach der Schicht.«

Aha, Geld, diesen Antrieb kannte ich. Ich hielt den Blick gesenkt und betete, Gedavar möge auf ihn hören. Wie die meisten Bergleute hier war Jathon kein Häftling. Er war angelockt worden von dem großzügigen Lohn, den der alathische Rat an gute Leute zahlte, wenn sie bereit waren, Familie und Freunde zurückzulassen. Vor fünfzehn Jahren kam er zur Cheltman-Schlucht und beaufsichtigte seit gut sieben Jahren die Schlepper über Tage. Selbst machtbesoffene Scheißkerle wie Gedavar unterließen es, einen so verdienten Bergmann gegen sich aufzubringen.

»Wenn du willst, dass er atmet, bring ihm bei, seine Zunge im Zaum zu halten.« Gedavar warf mir einen rachsüchtigen Blick zu, der klarmachte, dass die Misshandlung nur aufgeschoben war, und stampfte zum Küchenschuppen.

Erleichtert atmete ich auf und spürte den tröstlichen Druck des Leuchtamuletts am Fußgelenk. Wenn mein Plan aufging, war ich Gedavar bald los und mit ihm das ganze Drecksloch. Wenn nicht … tja, dann war er meine geringste Sorge.

Jathon umklammerte mit seiner fleischigen Hand meine Schulter und lenkte mich zu den Männern, die in loser Reihe von den Holzhütten zum Stolleneingang stapften.

»Danke«, sagte ich. »Ich bin dir was schuldig.« Egal, welche Gründe er gehabt hatte, es konnte nicht schaden, ihm meine ehrliche Dankbarkeit zu zeigen.

Er schnaubte verächtlich. »Das hab ich nicht für dich getan. Ich will nur nicht, dass der Mannschaftslohn gekürzt wird, weil einer zu blöd ist, sein Maul zu halten. Wenn du heute ein Mal nachlässt, erwürge ich dich persönlich, egal was dieser Magier davon hält. Warum der Rat das Leben eines ausländischen Amulettschmugglers schützt, das wissen nur die Götter.«

Sein Ton war barsch, sein Blick aber ein bisschen neugierig. Ich zuckte die Achseln und machte vorsorglich ein nichtssagendes Gesicht. Der Grubenmeister schwieg zwar beharrlich zu der Sache, aber die Bergleute waren nicht dumm. Sie hatten gesehen, wie ich in Begleitung eines Magiers angekommen war, der darauf bestanden hatte, dass ich nicht zur niedrigsten Arbeit in die tiefste Grube geschickt wurde, sondern eine ungefährlichere Arbeit über Tage verrichtete. Dieser Magier war auch noch im Lager geblieben, um aufzupassen.

Seit zwei verfluchten Monaten lief das nun schon so. Es war nicht immer derselbe Magier, sie wechselten sich alle zwei Wochen ab. Außer dem schlaksigen Talmaddis, der mich hergebracht hatte und vorige Woche wiedergekommen war, hatte ich eine Magierin mittleren Alters mit narbiger Wange und einen kleinen, stämmigen Kollegen mit brauner Hautfarbe gesehen. Nicht, dass es eine Rolle spielte, wer von ihnen mich bewachte. Der Metallring, den ich um den Hals trug, war schon Käfig genug, und der Magier war die lauernde Sandkatze auf der anderen Seite der Gitterstäbe.

Das Üble war, dass der Rat sich eigentlich einen Dreck um mich scherte. Ich war bloß das Druckmittel gegen Kiran, den arkennländischen Blutmagier, den ich über die alathische Grenze geschmuggelt hatte und den der Rat nun gefangen hielt. Kiran war vor seinem grausamen Meister geflohen. Er hatte die Blutmagie aufgeben wollen, wollte sie nicht anhand von Folter und Mord wirken, wie sein Meister es tat.

Das hatten ihm die Mitglieder des Rates natürlich nicht abgekauft, als wir geschnappt worden waren. Sie ließen Kiran zwar am Leben, aber nur, weil sie an sein Wissen über die verbotene Magie rankommen wollten, und dafür brauchten sie ihn an der sicheren Leine. Kiran sagte dem Rat, dass er alles tun würde, wenn ich nur am Leben blieb – eine Geste der Dankbarkeit, weil ich seinen mageren Hintern vor Ruslan gerettet hatte, seinem Meister.

Folglich würde mich der Rat nicht freilassen. Ich saß hier fest als Geisel und Köder; die vollen zehn Jahre, die sie mir aufgebrummt hatten – und sicher noch länger, wenn es nach dem Willen des Rates ging. Aber in Ninavel gab es ein Mädchen, dessen Leben von mir abhing, und es blieb nicht mehr viel Zeit, um sie zu retten. Ich war fest entschlossen, sie nicht im Stich zu lassen, egal wie viele Magier der Rat als Bewacher schickte.

Jathon stieß mich zu einem wahren Gebirge praller Jutesäcke neben dem Stolleneingang. Die Treiber spannten die Ochsen ins Geschirr des Räderwerkes. Über das oberste Rad verlief ein Tau, das dick wie ein Oberschenkel und mit Haken bestückt war. Daran wurden die Kohlesäcke heraufgezogen, bis zu einem zweiten Zugrad am Rand der Schlucht. Dort luden Schlepper die Säcke ab und verstauten sie auf Wagen, die in die alathischen Städte fuhren. Dann lief das Tau wieder abwärts durch einige kleinere Leiträder, die an der Felswand verankert waren.

Das schrille Bimmeln der Schichtglocke hallte von den Sandsteinwänden der Schlucht wider. Jathon schob mich zu einem Alather mit stark gewölbter Brust und den typischen Narben, die man vom Funkenflug beim Sprengen bekam.

»Du arbeitest heute mit Nessor zusammen«, sagte er.

Nessor verzog kurz die Mundwinkel, dann blickte er über meinen Kopf hinweg, als wäre ich gar nicht da. Wie immer stellte ich mich ungezwungen hinzu, als hätte ich die Verachtung nicht bemerkt.

Jathon hob die Stimme: »Haltet euch ran, Leute! Wenn ihr euch ordentlich ins Zeug legt, können wir den vollen Lohn noch erzielen.«

Die Treiber trieben ihre Ochsen an, die Räder setzten sich knarrend in Bewegung. Zusammen mit Nessor hievte ich den ersten dicken Sack auf eine Plattform neben dem Tau, in die Nähe von zwei Haken. Mir brannten Arme und Rücken vom Gewicht des Kohlensacks, aber es war nicht mal mehr halb so schlimm wie an meinem ersten Tag. Damals war ich nur ein Schatten meiner selbst gewesen, denn ich hatte mich von der Wirkung des tödlichen Amuletts, das kurz meine Magiebehaftung aus Kindertagen wiederbelebt hatte, noch nicht ganz erholt.

Wenn ich nun daran dachte, stieg eine bittere Sehnsucht in mir hoch. Wäre ich noch magiebehaftet, könnte ich die Kohlensäcke mit bloßem Willen in den Himmel schleudern. Oder noch besser, meinen Halsring in glühende Splitter zersprengen und übers Weißfeuergebirge nach Ninavel fliegen, meiner Heimatstadt in Arkennland.

Ja, das hätte ich dann gekonnt. Doch leider war das Amulett in einem Ratstresor eingeschlossen. Sofern die Alather es nicht vernichtet hatten. Wenn die Behaftung nur über die Pubertät hinaus halten würde, dann würde ich jetzt gar nicht erst in dieser Klemme stecken.

Durch das wochenlange Kohlenschleppen war ich wieder kräftig geworden, obwohl ich verglichen mit Jathons übriger Mannschaft immer noch ein halbes Hemd war. Während wir einen Sack nach dem anderen hoben, glitt mein Blick wiederholt die Steilwand hinauf. Neben der zweiten Leitradstation zogen sich violettbraune Kalumitstreifen durch den Sandstein.

Kalumit war an sich ziemlich harmlos; in Ninavel bekam man für hundert Pond höchstens ein Decet. Doch wenn man Kalumitsplitter und Kupferspäne in einem bestimmten Verhältnis mischte, mit Öl vermengte und ein Amulett damit bestrich – so hatte ich in der Zeit meiner Behaftung gelernt –, dann loderte dessen Magie so stark auf, dass sie innerhalb von Augenblicken ausbrannte.

Das Kupfer des Leuchtamuletts, das in meiner Socke verborgen war, würde reichlich Späne liefern. Ein Fläschchen Öl, eine Feile und ein Töpfchen Brandsalbe lagen in einem Felsspalt in der Nähe der Baracken versteckt. Ich hatte sogar schon einen Plan, wie ich den Magier in die Irre führen könnte, damit er mich bei meiner Flucht nicht aufhielt. Ich musste mir nur noch dieses bisschen Kalumit besorgen.

Die Leiträder waren gestern geschmiert worden, das wurde einmal im Monat gemacht. Und vorgestern Nacht war ich in den Vorratsraum geschlichen und hatte einen Eimer Kohlensand in die Öltonne gekippt, die für die zweite Leitradstation bestimmt war. Es würde sicher nicht lange dauern, bis das Seil vom Sand durchgescheuert war …

Von oben kam ein lautes Schwirren und Quietschen. Das große Rad neben mir blieb stehen, die Ochsen stemmten sich gegen den strammen Zug ihres Geschirrs.

Fluchend blickte Jathon an der Felswand hoch. »Zurücktreten, Leute! Ein Seil ist gerissen und hat sich in dem Leitrad verheddert.« Wütend zog er die schwarzen Brauen zusammen. Mir war klar, dass er an das geforderte Soll dachte. Er pfiff einem Ochsentreiber zu. »Hol mir einen der Gerüstbauer, beeil dich!«

Neben mir ließ Nessor einen Sack auf den Boden plumpsen und runzelte die Stirn. »Die arbeiten doch heute am Drachenschlund.«

»Als ob ich das nicht wüsste!« Jathons Blick verdüsterte sich noch mehr. Der Drachenschlund war ein weiterer Stolleneingang, eine gute Meile entfernt. Vor einer Woche hatte der Grubenmeister entschieden, dort ein zweites Förderseil an der Schluchtwand anzubringen. Es würde Mittag werden, bis die Gerüstbauer ihr Zeug zusammengepackt hätten und sich auf den Weg zu uns machen konnten. Und dann würde es noch dauern, bis das blockierte Rad wieder frei wäre.

Der Treiber hastete davon. Ich wischte mir die schweißigen Hände an der Hose ab und streckte mich.

»Willst du das Rad eher reparieren, ohne auf die Gerüstbauer warten zu müssen?«, fragte ich Jathon. »Ich kann das im Nu wieder hinkriegen.«

Jathon warf mir einen drohenden Blick zu. »Lass dir nicht einfallen, mir mit einer Masche zu kommen, Junge. Ich soll einem mickrigen Amulettschmuggler, der nichts vom Bergbau versteht, abkaufen, dass er das Förderrad wieder in Gang bringt? Bestimmt nicht.« Damit wandte er sich ab.

»Ich habe nicht bloß Amulette geschmuggelt. Von Beruf war ich Vorreiter und hab viele Handelszüge über das Weißfeuergebirge geführt. Dabei musste ich Steilwände hochsteigen, bei denen sich deine Gerüstbauer bepissen, wenn sie sie bloß sehen, und ich kann Seile spleißen mit geschlossenen Augen. Gib mir ein Messer und ein Seil, dann klettere ich zu dem Rad hoch, lege eine Überbrückung und schneide den Knoten heraus.«

Jathon fuhr zu mir herum. »Hab noch keinen Schlepper gesehen, der so scharf darauf ist, dass die Arbeit weitergeht.«

»Ich sagte ja auch nicht, dass ich’s umsonst mache. Allerdings verlange ich nicht viel, nachdem du mir heute früh Gedavar vom Hals geschafft hast.«

Jathons argwöhnischer Blick wurde durchdringend. Viele einfache Arbeiter versuchten, mehr Verpflegung oder kürzere Schichten auszuhandeln, aber wenn sie Geld forderten, war das für die Bergleute eine unerträgliche Beleidigung. Jathon tippte auf seinen ziselierten Ring, den gleichen, den Gedavar trug, und blickte vielsagend auf meinen Halsreif. »Ich kann dir befehlen, hochzuklettern.«

»Das kannst du«, räumte ich ein. »Aber am schnellsten arbeitet man, wenn Lohn winkt, und nicht, wenn einem mit Strafe gedroht wird.«

Jathon verschränkte brummend die Arme. »Von welcher Art Lohn reden wir hier?«

Jetzt kam der knifflige Teil. Verlangte ich zu wenig, würde Jathon wieder misstrauisch werden. Verlangte ich zu viel, würde er mich auslachen und ablehnen. Vielleicht würde er mir dann befehlen, hochzusteigen, aber darauf wollte ich nicht vertrauen. Zum Glück hatte mich der Zusammenstoß mit Gedavar auf eine Idee gebracht.

»Sorge dafür, dass mir Gedavar vom Leib bleibt. Ich bin nicht scharf darauf, jedes Mal stranguliert zu werden, wenn ich bloß mal blinzle, und das wegen einer Schichteinteilung, die ich mir nicht ausgedacht habe. Mit einem Vorarbeiter wird er es sich nicht verderben wollen. Er wird sich zurückhalten, wenn du ihm klarmachst, dass du weitere Disziplinierungen nicht tolerierst.«

Jathon stand stirnrunzelnd da und überlegte. Ich wartete ruhig ab, obwohl ich mächtig nervös war.

»Schick ihn rauf, Jathon«, sagte Nessor zu meiner Überraschung, »sonst kriegen wir kein Geld. Wir sehen ihn jeden Morgen die Felsen raufklettern, als hätte er Saugfüße.« Er redete in dem drängenden Ton, den ich nicht gewagt hatte anzuschlagen. Von den Anhakern oben auf der Plattform kam zustimmendes Gemurmel.

Jathon maß Nessor mit geringschätzigem Blick. »Hast deinen Lohn gestern Abend an Temmin verloren, wie?« Dann sah er mich an. »Ein Felsen ist eine Sache, aber eine Steilwand … Brauchst du keine Steigeisen wie die Gerüstbauer?«

Ich schnaubte. »Die sind zu nichts nütze, wenn man keinen Partner zum Sichern mitnimmt.« Als er die Brauen zusammenzog, beteuerte ich schleunigst: »An so einer einfachen Wand brauche ich weder Partner noch Steigeisen. Siehst du die Spalten und Vorsprünge? Bei Khalmets Hand, das ist, als stiege man eine Turmtreppe hinauf.« Das stimmte sogar beinahe. An manchen Stellen rann zwar Wasser herab, und Moos machte den Fels glitschig, aber die Spalten, die zu der Förderradplattform führten, waren trocken.

Jathon schaute zum Büro des Grubenmeisters hinüber, das sich an der gegenüberliegenden Schluchtwand zwischen zwei der vielen Lagerhallen zwängte.

Ich tippte an meinen Halsring. »Ich kann schließlich nicht abhauen.« Talmaddis hatte mich gewarnt, als er mich zu den Cheltman-Minen brachte, dass mich die Fessel bis zur Bewusstlosigkeit würgen würde, sollte ich mich weiter als eine Viertelmeile vom Lager entfernen.

»Und wenn du abstürzt?«

Da musste ich lachen. »Abstürzen? Von der Felswand?«

»Eingebildet bist du wohl gar nicht, wie?« Jathon winkte einen Treiber heran. »Bring mir ein Seil.« Während der sich entfernte, zog Jathon sein Messer aus dem Gürtel. »Na gut«, sagte er zu mir. »Bekommst du das Rad rechtzeitig frei, sodass wir das Soll noch erfüllen, spreche ich mit Gedavar – aber nur, wenn wir unser Soll erreichen, verstanden?«

Ich verschränkte die Finger zum Zeichen, dass die Abmachung galt, dann fiel mir ein, dass er die Geste, die auf Ninavels Straßen üblich war, gar nicht kannte. »Abgemacht.«

Er gab mir sein Messer und das Hanfseil, das der Treiber gebracht hatte. »Dann los!«

Ich steckte mir das Messer in den Gürtel, hängte mir das aufgerollte Seil über die Schulter und lief zur Felswand. Die Stiefel mit Nagelsohlen, mit denen ich im Weißfeuergebirge geklettert war, hatte ich nicht dabei, doch bei dieser zerklüfteten Wand würden es meine Arbeitsstiefel auch tun. Voll freudiger Erregung klemmte ich die Fäuste in die schrägen Spalten. Bei den Göttern, es tat so gut, mal etwas Schwierigeres zu besteigen als einen Felsbrocken, auch wenn die Wand nicht aus hartem Granit, sondern bröselndem Sandstein bestand.

Erinnerungen stürmten auf mich ein: Die Sonne, die von einem indigoblauen Himmel herabbrannte; quarzhaltige Felsen, gleißend wie ein Schneefeld, und spitze Gipfel bis zum Horizont; unterhalb meines Felsvorsprungs Caras biegsamer Leib, der mit geschmeidiger Leichtigkeit die Wand heraufstieg; ihr blondes Haar, das fast so hell schimmerte wie der Fels.

Cara. Bei dem Gedanken an sie ging mir ein Stich durchs Herz, den ich nicht ignorieren konnte. Sie fehlte mir, sehr – und ich hatte Angst um sie. Kurz bevor mich die Alather zur Sträflingsarbeit in die Minen gebracht hatten, hatte ich sie gebeten, keinen Gedanken an meine Befreiung zu verschwenden. Sie sollte nach Ninavel zurückkehren, um Pello, diesen verschlagenen Hund von einem Spion, ausfindig zu machen. Er war meine letzte Hoffnung, wenn ich Melly vor einem Leben als willenlose Sklavin bewahren wollte. Sethan, ihr Vater, war unser Freund gewesen, allerdings stand Cara nicht so sehr in seiner Schuld wie ich. Ich lag nachts wach und betete, Cara möge nichts Voreiliges unternehmen. Ihre Fähigkeiten als Bergsteigerin waren unerreicht, doch sie hatte wenig Erfahrung mit den fiesen Tricksereien der Bandenführer und Schattenleute.

Genau darum musste ich schleunigst aus Alathien verschwinden und nach Ninavel zurückkehren. Immer schön nacheinander stieß ich Hände und Füße in die Felsspalten, drehte Hand- und Fußgelenke, um mich bei jeder Bewegung des Aufstiegs zu verankern. Oberhalb der ersten Plattform wurde die Spalte zu schmal für meine Stiefel. Sehr sorgfältig setzte ich die Füße auf den bröckligen Felskanten auf, was mich langsamer machte. Bei jeder Bewegung regneten Gesteinssplitter nach unten.

Mein Herz schlug schneller, als ich mich dem blockierten Rad näherte. Es saß in einem simplen Eisengerüst, das über einem abschüssigen Felsvorsprung befestigt war. Ich streifte mir das Seil von der Schulter, rollte es aus und band mir das eine Ende um die Taille. Nach weiteren vier Fuß Seil schlang ich es mit einem schnellen Mastwurf um die unterste Gerüststange. Es war gefährlich, so viel Spiel zu lassen, da ein Hanfseil schon unter der Zugkraft eines kurzen Falles reißen konnte, doch ich brauchte etwas Bewegungsfreiheit, wenn ich an das Kalumit herankommen wollte.

Ein rascher Blick nach unten, und ich erstarrte. Die schwarzfleckigen Gesichter der Schlepper und Ochsentreiber schauten zu mir hoch, während sich ein schlaksiger Mann in blaugrauer Uniform einen Weg durch den Morast bahnte.

Talmaddis, der Ratsmagier. Scheiße! Die Bergleute kannten den Trick mit Kalumit und Kupfer sicher nicht, aber ein Magier durchaus. Wenn er meine Absichten erriet, schmolzen meine Chancen auf eine Flucht so schnell wie Raureif auf einem Feuersteinamulett.

Ich drängte die aufsteigende Panik zurück. Vielleicht hatte er mich vom Fenster des Grubenmeisterbüros aus klettern sehen und beschlossen, nach dem Grund zu fragen. Wenn ich das Kalumit zusammenkratzte, ehe er mich aus der Nähe sehen konnte, war möglicherweise noch nicht alles verloren.

Hastig positionierte ich mich so, dass meine rechte Hand verdeckt war, und setzte die Messerklinge an eine dicke Kalumitader. Mit der linken zupfte ich an einer herabhängenden Schlaufe des verhedderten Förderseils.

Ein tiefes Grollen ließ mich innehalten. Erschrockene Rufe drangen herauf, Jathon brüllte: »Erdbeben! Runter da …«

Das Grollen schwoll an und übertönte ihn. Der Fels schüttelte meine Füße ab wie ein Gaul eine Fliege von seinem Fell. Unwillkürlich und vergebens versuchte ich, meinen Sturz durch Magie abzufangen, als wäre ich noch die kleine Rotznase von damals und nicht schon Mitte zwanzig.

Der tote Fleck in meinem Geist zuckte nicht mal. Ich fiel wie ein Stein. Das Seil straffte sich mit einem Ruck und schnitt mich fast entzwei, dabei schlug ich unter dem Sims gegen die Felswand. Mit einer hastigen Drehung suchte ich nach Halt, obwohl der Druck um meine Taille nachgelassen hatte.

Mit einer Hand bekam ich die Felskante über mir zu fassen, während ich ein abgerissenes Seilende an mir vorbeifallen sah – und rutschte mit den Fingern von dem erneut bebenden Fels ab.

Die Luft pfiff an meinen Ohren vorbei, die spitzen Zähne des Zugrads sausten mir entgegen. Mein einziger Gedanke war: Oh Scheiße …

Dann riss mich etwas zur Seite. Das Zahnrad verfehlte mich. Mein Sturz wurde abgebremst, sodass ich mit Nase und Brust keine Handbreit über dem Boden schwebte.

Verblüfft schnappte ich nach Luft, dann schaute ich nach oben und sah Talmaddis im Dreck knien, die Augen geschlossen, eine Hand zu mir ausgestreckt, an der Ringe silbern schimmerten. Hinter ihm standen zusammengedrängt die Schlepper und starrten uns mit offenem Mund an. Ich hatte den ersten Schreck überwunden und lachte zittrig.

»Wolltest wohl deine kostbare Geisel nicht verlieren«, sagte ich.

Talmaddis erwiderte nichts und senkte bloß die Hand. Ich klatschte in den Schlamm. Das Beben hatte aufgehört, aber das Poltern von Steinschlag hallte durch die Schlucht, und man hörte es in den Felsspalten rieseln.

Ein brutales metallisches Kreischen ließ uns alle zusammenfahren und die Köpfe einziehen. Ich rollte herum und sah schwankendes Seil und dichtes Eisengestänge auf mich zukommen.

Die zweite Förderradstation – bei Khalmets Hand, sie würde uns alle erschlagen …

Talmaddis rief eine Reihe von Worten in einem klagenden Singsang. Flammenlinien trafen das herabstürzende Eisen und überzogen es mit einem Feuer, das nur Asche zurückließ. Ich beeilte mich, auf die Beine zu kommen, und taumelte rückwärts von der Stelle weg, halb in der Erwartung, doch noch zermalmt zu werden.

Doch mich traf nur ein glühender Ascheregen. Ich meinte, mein Herz müsste aus der Brust springen. Die Bergleute neben mir waren käseweiß, manche murmelten Gebete.

Talmaddis hielt den Lockenkopf gesenkt und stützte sich mit den Händen im Morast ab. Seine Schultern zitterten. Sein Atem ging keuchend. Jathon drängte die Leute lautstark, von der Felswand wegzukommen. Die Klügeren hatten schon die Beine in die Hand genommen. Man sah dunkle Gestalten zur Schilfaue am Bach rennen, der sich durch das Lager schlängelte. Dort war es ein bisschen sicherer. Aus dem Stollen stürzten die Bergarbeiter hervor und schrien durcheinander. Auf der anderen Seite der Schlucht kamen die Arbeiter der Nachtschicht aus den Baracken gerannt. Mehrere Hütten waren zusammengebrochen; die einzelnen Bretter standen kreuz und quer.

Ich machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen. Das war die Gelegenheit, um abzuhauen. Gerade jetzt, wo Talmaddis’ magische Kräfte erschöpft und die Aufseher zu beschäftigt waren, um auf einen einzelnen Häftling zu achten. Irgendwo in der Schlucht würde ich schon eine Kalumitader finden und mich des Halsrings entledigen können, bevor auch nur jemandem einfiel, mich zu suchen.

»Magier!« Gedavar drängte sich an mir vorbei. Seine aufgerissenen Augen leuchteten weiß in dem kohlschwarzen Gesicht. »Der Hauptstollen ist eingestürzt! An der Bruchbiegung! Dreihundert Mann sind eingeschlossen. Die Schwarzlichter leuchten rot, das heißt, die Luft wird knapp. Hast du irgendeinen verdammten Zauber parat, mit dem wir zu ihnen durchbrechen können?«

Talmaddis hob den Kopf. Er war grau im Gesicht, die Lachfalten um seinen Mund wirkten wie tiefe Felsspalten. »Ich habe keine Kraft mehr dazu«, bekannte er heiser. »Aber mein Zauber dürfte bemerkt worden sein. Die Wache wird kommen.«

»Wann?«, wollte Gedavar wissen. Eine gute Frage. Mit angehaltenem Atem wartete ich auf die Antwort.

Talmaddis setzte sich auf die Fersen. »Für einen so entlegenen Fleck, fernab jeder Stadt und der Grenze, brauchen sie Zeit, um eine Translokation vorzubereiten.« Er wischte sich mit der schmutzigen Hand über die Stirn. Seine Ringe schimmerten nicht mehr silbern, sondern schwarz. »Ein paar Stunden, mehr nicht.«

Gedavar hob die Faust, als wollte er es wagen, Talmaddis zu schlagen. »Der Fluch der Zwillingsgötter soll dich treffen, Mann! Die Schwarzlichter sind rot! Die Männer haben keine Stunde mehr zu leben.«

Ich schauderte. Im stockfinsteren Stollen zu ersticken, auf Hilfe zu hoffen, die nicht kam … verdammt, das konnte ich nicht zulassen. Ich beugte mich an Gedavar vorbei zum Magier hin.

»Was soll dieses beschissene Zaudern, Talmaddis? Du brauchst Kraft zum Zaubern? Nimm dir welche! Ringsherum ist jede Menge Leben.« Mit einer ausladenden Armbewegung deutete ich auf die Ochsen und die Farne an den Sickerstellen entlang der Felswand.

Talmaddis’ Blick wurde so wütend wie mein eigener. »Ich bin kein Blutmagier! In Alathien ziehen wir die Kraft nur aus uns selbst und nicht aus anderen.«

»Du willst die Bergleute sterben lassen, nur wegen eurer verdammten Prinzipien? Verfluchte Scheiße, niemand verlangt, dass du jemanden zu Tode folterst! Wen kümmert es, ob ein Baum oder ein Ochse draufgeht? Kiran könnte …«

»Kiran ai Ruslanov hat sich jahrelang in Blutmagie ausbilden lassen«, fauchte Talmaddis. »Glaubst du, das ist so einfach? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich Kraft aus fremdem Leben ziehen soll, ohne dass ich dabei mich selbst und alle anderen hier umbringe.«

Die Schlepper, die in Hörweite standen, starrten mich an, als hätte ich bekannt, mit Dämonen zu verkehren. Die ländlichen Alather standen der Magie mit noch größerer Ablehnung gegenüber als die Ratsmitglieder. Sie quasselten in einem fort davon, wie sehr der Gebrauch von Magie die Seele des Menschen verderben und den Zorn der Götter beschwören würde. Sogar einem vom Rat zugelassenen Magier wie Talmaddis misstrauten sie zutiefst. Ausländer wie mich, die wirksame Amulette über die Grenze schmuggelten, sahen sie an wie Ungeziefer, das Seuchen verbreitet. Und was Blutmagier betraf, die man selbst in Arkennland für schlimmer hielt als Shaikars Teufel, so hielten die Grubenarbeiter die einfache Todesstrafe, die der Rat verhängte, für viel zu milde.

Hinter mir sagte Jathon: »Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Männer freizuschaufeln.« Er packte Gedavar an der Schulter. »Sag das dem Grubenmeister! Ich stelle derweil die Mannschaft zusammen.«

Gedavars Zorn legte sich, und plötzlich sah er ausgelaugt und alt aus. »Ja. Aber du hast den Einsturz nicht gesehen. Es wird Tage dauern, durchzukommen, selbst wenn wir sprengen. Mein Neffe Rephet und die anderen …« Er schluckte mühsam.

»Moment mal«, sagte Jathon. »An der Bruchbiegung, sagst du? Dort mündet doch ein Luftschacht in den Tunnel. Wenn wir eine Sprengladung hinunterlassen und eine Öffnung in die verschüttete Seite sprengen, bekommen die Männer frische Luft, bis die Magier eintreffen.«

Gedavar zeigte auf eine Felsnase, die hoch oben über dem Stolleneingang vorragte. An der Unterseite war sie stufig, und aus bemoosten Spalten tropfte Wasser. Unter einer dieser Stufen war ein dunkles rundes Loch zu sehen. »Ohne das Zugseil kommen nicht mal die Gerüstbauer dort rauf.«

Jathon drehte sich um und sah mich mit dunklen Augen an. Ich ballte die Fäuste hinter dem Rücken. Verfluchter Mist, ich hätte wirklich abhauen sollen.

Noch kannst du es, flüsterte eine innere Stimme mit dem verschlagenen Ton meiner alten Partnerin Jylla. Sag einfach, du könntest ihnen nicht helfen, der Aufstieg sei zu schwierig. Das sehen sie selbst, und du bist den Alathern nichts schuldig. Eine zweite Gelegenheit wird sich nicht bieten.

Jylla war immer die Gerissene von uns beiden gewesen. Und das war zweifellos der Grund, warum sie jetzt in Ninavel im Luxus lebte und nicht in diesem Schlammloch schuften musste. Aber ich wurde das Bild nicht los, wie Gedavars Neffe langsam im Dunkeln erstickte, nur weil ich seinen Platz eingenommen hatte. Wäre ich nicht zu der Kalumitader hochgeklettert, hätte sich Talmaddis nicht verausgaben müssen, um mich zu retten, und könnte jetzt vielleicht helfen.

»Ich kann zum Schacht raufsteigen«, sagte ich zu Jathon. »Aber diesmal brauche ich Kletterhaken.« Ich bildete mir nicht ein, ich könnte ohne Hilfsmittel einen so schrägen Überhang bewältigen, der zudem aus Sandstein bestand. Ganz zu schweigen von den Nachbeben, mit denen zu rechnen war.

Jathon klopfte mir hoffnungsvoll auf die Schulter. »Gedavar, hol eine Sprengladung! Wir werden die Männer retten.«

Gedavar zweifelte sichtlich, stapfte aber davon und rief den Männern, die sich vor dem Stolleneingang versammelt hatten, Anweisungen zu. Offenbar war ihm jeder Versuch recht.

»Hast du Leute, die sich auf Knoten verstehen?«, fragte ich Jathon. »Die müssen mich von unten sichern.«

»Die Fördermänner, sie arbeiten mit Seilen und Flaschenzügen. Ich suche jemanden aus und besorge dir ein paar Felshaken.« Er eilte davon.

Talmaddis musterte mich. »Du überraschst mich, Dev«, bemerkte er milde.

Ich lachte laut. »Was denn, dachtest du, ich türme?«

Ein müdes, spöttisches Lächeln war die Antwort. »Du hast es in Erwägung gezogen, da bin ich mir sicher. Dass du es nicht getan hast – dafür danke ich dir. Wenn du die Verschütteten rettest, wird dir auch der Rat dankbar sein.«

»So dankbar, dass sie mich freilassen?«

Talmaddis senkte den Blick und seufzte.

»Das dachte ich mir.« Ich schaute zu den verbogenen Eisenstangen hoch, die vom Gerüst des Förderrads noch übrig waren. »Wenn du so dankbar bist, dann sag mir eines: Gibt es in Alathien öfter so starke Erdbeben?«

Auf der arkennländischen Seite des Weißfeuergebirges hatte es früher, bevor Sechaveh in der staubtrockenen Wüste des Malerischen Tals die Stadt Ninavel erbaut hatte, ständig Erdbeben gegeben. Doch als er den Magiern erlaubt hatte, im Austausch für Wasser ihre Magie ohne Beschränkungen ausüben zu dürfen, hatte er wahrscheinlich auch gefordert, dass sie den Beben ein Ende setzten. Seit dem Magierkrieg vor gut zwanzig Jahren, bei dem so viel Magie eingesetzt wurde, dass es die ganze Natur aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, hatte Ninavel kein schweres Beben mehr erlebt. Ich war bloß mit den Geschichten darüber aufgewachsen.

Möglicherweise waren Erdbeben in Alathien etwas ganz Gewöhnliches. Wenn nicht, dann hatte ich einen schrecklichen Verdacht, was oder vielmehr wer die Erde zum Zittern gebracht hatte.

»Nein«, sagte Talmaddis, »so starke Erdbeben gibt es nie.«

Sein Blick fixierte meinen. In seinen hellbraunen Augen las ich die gleiche Furcht, die ich empfand, und dieselbe Vermutung, die wir beide nicht laut aussprechen wollten: Ruslan Khaveirin. Kirans Meister und obendrein der stärkste Magier Ninavels, ein grausamer, gerissener Scheißkerl.

Er wollte sich am Rat der Alather rächen, weil der ihm seinen Lehrling nicht ausgeliefert hatte, und an mir, weil ich ihm Widerstand geleistet hatte. Sicher versuchte er gerade, den magischen Grenzwall einzureißen, der Alathien vor ausländischen Magiern schützte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er damit die Erde zum Beben brachte.

Und Kiran saß wehrlos in Tamanath … Die kalte Angst, die durch meinen Körper strömte, war sicherlich nichts im Vergleich zu der, die er durchleben würde, wenn er bemerkte, dass Ruslan im Begriff war, ihn zu holen.

Unwillkürlich dachte ich an Kirans bleiches, verzweifeltes Gesicht. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, aber ich schob die Erinnerung beiseite. Jetzt war nicht der passende Moment, um sich seinetwegen Sorgen zu machen. Zuerst musste ich zu dem Luftschacht hinaufklettern und mein Bestes tun, um die Grubenarbeiter zu retten. Danach erst würde ich an Ruslan denken und mir überlegen, was von den Trümmern meines Fluchtplans noch übrig geblieben war.

ZWEI

KIRAN

Kiran richtete sich auf dem Schemel auf und ließ die Schultern kreisen, um seine verkrampften Muskeln zu lockern. Durch die hohen Fensterschlitze der Werkstatt leuchtete der rote Abendhimmel. Die verschlungenen Kreidelinien seines Zauberdiagramms waren bereits schwer zu verfolgen; ohne zusätzliches Licht würde er bald nicht weiterarbeiten können.

Er sah zu der Magierlampe am Ende des Tisches, doch die Kristallkugel blieb dunkel. Frustriert biss er die Zähne zusammen. Die Ratsmagier hatten seine Kräfte gebunden, sodass er nicht einmal den simpelsten Zauber wirken konnte. Er hatte sich nun schon daran gewöhnt, dass die Fessel an seiner Ikilhia zehrte, dem Feuer seiner Seele, der Quelle seiner Kraft, aber nicht an die bittere Sehnsucht, die bei jedem Gedanken an seine Magie in ihm hochkam.

Das Amulett, das neben der Schiefertafel glänzte, schien ihn still zu verhöhnen – eine Armschiene aus Silber, die mit Edelsteinen besetzt und mit Sigilla überzogen war. Obwohl seine magischen Sinne stark gedämpft waren, konnte er spüren, welch immense Kräfte in ihm schlummerten: Ein leises Vibrieren in den Knochen verriet es ihm. Der komplizierte Zauber des Amuletts hatte es dem Blutmagier Simon Levanian ermöglicht, den sonst undurchdringlichen Grenzwall Alathiens zu durchqueren, und nicht nur ein Mal, sondern mehrmals, ohne dass die Alather es bemerkt hatten.

Der alathische Rat hatte Kirans Leben verschont, weil er versprochen hatte, den Zauber zu entschlüsseln und zu zeigen, wie Simon den Schutz des Landes durchbrochen hatte. Sollte ihm das schnell gelingen, würden sie sogar seiner Bitte nachkommen und Dev aus dem Bergwerk entlassen.

Wut und Ohnmacht schnürten Kiran die Kehle zu. Er berührte die Armschiene und sah Simons Magie als dichtes, glühendes Liniengewirr vor seinem inneren Auge. Er war so kurz davor, das Muster zu begreifen, doch der letzte Schritt war der kniffligste: Wie hatte Simon den Fluss dieser immensen Kräfte stabilisieren können, ohne sie bis zur Wirkungslosigkeit zu bändigen? Die ganze Woche schon zeichnete Kiran ein Diagramm nach dem anderen, um die Lösung zu finden. Doch jedes hatte einen entscheidenden Fehler.

Er würde Diagramme zeichnen, bis ihm die Finger abfielen. Das war er Dev schuldig. Wenn er also Licht brauchte, um weiterzuarbeiten, würde er Stevannes darum bitten müssen.

Kiran schaute zur anderen Seite der Werkstatt. Dort saß der Arkanist wie er an einem breiten Tisch aus glänzendem Zinnoberkiefernholz und beugte den rotbraunen Schopf über eine Anordnung dünner Malachit- und Jaspisstäbe, die sich in ein mit Kohle gezeichnetes Sigillum fügten. Darüber flimmerte die Luft wie bei großer Hitze, ab und zu gefärbt von einem Hauch Viridiangrün und Indigoblau. Solche Erscheinungen waren auch aufgetreten, als Simon mit seinem Amulett den Grenzwall sichtbar gemacht und durchschritten hatte.

Stevannes hatte klargemacht, dass er als führender Fachmann für Abwehrmagie es Kiran – diesem vom Rat gehätschelten Blutmagier – sehr übel nähme, wenn er ihn bei seiner Arbeit unterbräche, die sich dem wichtigen Problem der Grenzstörungen widmete. Für gewöhnlich war er enorm scharfzüngig und heute schon den ganzen Tag lang schlechter Laune.

Doch Kiran wähnte sich so kurz vor einem Durchbruch. Deshalb straffte er die Schultern und beschloss, ruhig zu bleiben, ganz gleich wie Stevannes reagierte.

»Verzeih, dass ich unterbreche, aber …«

Er verstummte, da es mehrmals laut an der Tür klopfte. War das etwa schon sein Bewacher, der ihn abholen kam? Gewöhnlich wurde ihm erlaubt, so lange zu arbeiten wie auch Stevannes, und dessen Fleiß war erschreckend. Angesichts seiner Arbeitsstunden hätte sich selbst ein Sklave schämen müssen. Er verließ kaum einmal vor Mitternacht die Werkstatt.

Stevannes drehte sich auf seinem Hocker herum, warf Kiran einen bösen Blick zu und deutete mit der beringten Hand zur Tür. Die schwarzen Linien rings um den Rahmen leuchteten silbern auf, die Zauber waren nun außer Kraft gesetzt.

Knarrend ging die Tür auf. Draußen stand in strammer Haltung eine schlanke, junge Frau, die an ihrer blaugrauen Uniform die Kupfertresse eines Leutnants der Wache trug.

»Oberleutnant Lenarimanas.« Stevannes’ Miene hellte sich auf. Er stand auf und verbeugte sich angemessen förmlich. Über dem Tisch schoss eine Wolke Coelinblau durch die flimmernde Luft. »Du kommst, um den Blutmagier zu holen?«, fragte er hoffnungsvoll.

Kiran nahm seine Tafel. »Lena. Es ist noch früh, und ich stehe kurz davor, das Muster zu vollenden. Wenn ich bloß noch ein paar Stunden länger bleiben dürfte …«

Lena nickte. Ihr braunes Gesicht unter der Krone aus schwarzen Zöpfen blieb ernst. »Du brauchst noch nicht zu gehen, Kiran. Ich komme mit einer Nachricht von Hauptmann Martennan für Stevannes.« Sie reichte ihm einen versiegelten Brief und stellte sich dann zu Kiran, um auf seine Tafel zu schauen. »Du hast also Fortschritte gemacht? Der Hauptmann wird sich freuen, das zu hören.«

Stevannes schnaubte, während er das Siegel brach. »Fortschritte? Wohl kaum. Sein Diagramm ist seit einer Woche unverändert. Er tut nichts weiter, als über seiner Tafel zu trödeln und meine Zeit zu vergeuden.«

Bei Stevannes war es immer besser, den Mund zu halten, doch diese Bemerkung wollte Kiran nicht durchgehen lassen. Lena war vielleicht der einzige Mensch in Alathien, der ihm freundschaftlich gesinnt war. Sie erlaubte ihm sogar, sie mit der Kurzform ihres Familiennamens anzusprechen. Doch was seine Arbeit anging, so meldete sie jede Kleinigkeit ihrem Hauptmann und dieser dann dem Rat.

»Die letzten Kraftbahnen zu entschlüsseln ist kniffliger als befürchtet«, sagte Kiran in mildem Ton. »Simon hat eine Technik benutzt, die ich nicht kenne.«

Stevannes hob seinen stahlgrauen Blick von dem Brief. »Du bist ein Blutmagier wie er. Entweder zögerst du die Lösung hinaus oder du bist unfähig.«

»Ich arbeite so schnell ich kann«, widersprach Kiran. »Du kannst mir nicht vorwerfen, Simons Methodik nicht zu begreifen. Er war nicht mein Meister. Sein Denken verläuft in anderen Bahnen als Ruslans. Es ist keine leichte Aufgabe, so zu denken wie er …«

»Für dich sollte es leicht genug sein«, fiel Stevannes ihm rüde ins Wort. »Ihr Blutmagier seid doch alle gleich, schöpft eure Kraft ohne einen Funken Moral. Der Rat hätte sich überhaupt nicht auf diese Farce einlassen dürfen. Besser, man streckt einen tollwütigen Hund nieder, bevor er jemanden beißt …«

»Stevannes.« Lena sprach in autoritärem Ton. Obwohl sie erst Mitte zwanzig und damit ganze zehn Jahre jünger war als Stevannes, stand sie als Martennanns Oberleutnant über einem Meisterarkanisten. »Du weißt, wie wichtig diese Arbeit ist, und wirst sicher nicht annehmen, dass deine Beleidigungen hilfreich sind.«

Stevannes versteifte sich. »Warum nimmst du ihn in Schutz? Du weißt doch, was er ist.«

»Ich beurteile Menschen nach ihren Taten, nicht nach den Gerüchten über sie«, antwortete Lena.

»Gerüchte!« Stevannes sah sie ungläubig an. »Er erzeugt Magie, indem er unschuldige Menschen ermordet! Das bestreitet er nicht einmal.« Er zeigte mit dem Finger auf Kiran. »Ich habe den Bericht gelesen, den Pevennar und Alyashen nach seinem Verhör geschrieben haben. Obwohl wir seine Macht gebunden haben, stiehlt er noch Lebenskraft aus allem, was ihn umgibt. Er ist kein Mensch, er ist ein Parasit.«

»Wie bitte?« Kiran fiel die Tafel aus den zitternden Händen; sie landete klappernd auf dem Tisch. Vor sechs Wochen hatte er sich bereit erklärt, sich einen ganzen Tag lang von den Heilern des Sanatoriums untersuchen zu lassen, als Gegenleistung durfte er in eine Kristallkugel blicken und sich vergewissern, dass Dev in dem Bergwerk anständig behandelt wurde. Die Heiler hatten kaum mit ihm gesprochen und vor allem mit keinem Wort erwähnt, was Stevannes da behauptete.

»Tu nicht so, als wüsstest du das nicht«, sagte Stevannes. »Lenarimanas magst du mit deinem handzahmen Verhalten vielleicht täuschen, mich aber nicht.«

Kiran ignorierte ihn und sah stattdessen Lena an. »Ist das wahr, was er sagt?«

Lena seufzte. »Ja.«

Kiran konnte sie bloß stumm anstarren. Das Missbehagen durch die innere Fessel wurde größer und größer, bis er am ganzen Körper Schmerzen hatte.

Lena zog die Brauen zusammen. »Kiran, du schadest damit keinem. Der Kraftverlust ist winzig. Alyashen und Pevennar sind überzeugt, dass der Vorgang unwillkürlich abläuft, so wie der Herzschlag. Sie vermuten, dass du dadurch nicht alterst.«

Kiran stützte den Kopf in die Hände. Er hatte geahnt, dass das Akhelashva-Ritual, das Ruslan damals an ihm vollzog, mehr bewirkte, als ihn mit Geist und Seele an seinen Meister zu binden. Ihm war sogar klar gewesen, dass Ruslan eine Verbindung zwischen Kirans Körper und Ikilhia schuf, um bei Verletzungen magische Heilung zu ermöglichen. Doch er hatte geglaubt, diese Verbindung bestünde rein innerlich und würde von ihm bewusst gebraucht.

Was mochte Ruslan noch ohne sein Wissen getan haben?

»Haben sie noch etwas anderes festgestellt?« In seinen Ohren hörte er sich klein und schwach an.

»Nichts Schlüssiges«, antwortete Lena. »Die Heiler sagen, dein Blut reagiere sonderbar auf die Substanzen, die sie zur Diagnose verwenden, kennen aber die Ursache dafür nicht. Pevennar glaubt, dass Ruslan bei dem Bindungsritual mehrere leichte Veränderungen an deinem Körper vorgenommen hat, um ihn an die Vorgänge der Blutmagie anzupassen.«

Von Stevannes kam ein höhnisches Brummen. »An Mord und Folter, meinst du. Lass mich raten«, sagte er zu Kiran. »Du fühlst dich gut, wenn du jemanden umbringst, oder?«

Magie strömte in ihn, süß und brennend, es war wie Sonnenlicht nach endloser Dunkelheit – Kiran rang nach Luft. »Ich bringe niemanden um.«

Stevannes kräuselte die Lippen und bekam einen entsetzlich wissenden Blick. »Simon Levanian ist tot, nicht wahr? Er wollte dich für einen Zauber benutzen, und du hast ihn vernichtet. Und was ist mit den Leuten aus dem Handelszug, die du in den Bergen getötet hast?«

»Das war ein Unfall! Ich habe versucht, nur aus den Tieren Kraft zu ziehen, als ich die Lawine von uns weglenkte. Es blieb keine andere Möglichkeit! Hätte ich das nicht getan, wären Hunderte im Schnee erstickt.« Trotzdem konnte Kiran Stevannes nicht in die Augen schauen. Noch immer verfolgte ihn Harkens freundliches Gesicht im Schlaf, und auch die schemenhaften Gestalten der Fuhrleute, die er nicht gekannt hatte.

»Das behauptest du«, erwiderte Stevannes. »Glaubst du, ein paar fadenscheinige Ausreden genügen, damit wir vergessen, wer du wirklich bist?«

Kiran war schmerzlich enttäuscht. Seit der Rat sein Leben verschont hatte, hatte er die Hoffnung gehegt, das Misstrauen der Alather gegen ihn werde sich eines Tages legen. Dass sie irgendwann aufhören würden, ihn als Bedrohung anzusehen, und ihn sogar daran arbeiten lassen würden, seine Bindung an Ruslan zu lösen. Wenn Stevannes’ Worte die allgemeine Meinung widerspiegelten, dann lag dieser Tag noch Jahre entfernt, wenn er überhaupt käme.

»Genug, Stevannes.« Lenas Ton war so kalt wie noch nie. »Ich ermahne dich nicht noch einmal.«

Stevannes straffte sich. »Verzeih, Oberleutnant. Ich wollte nur etwas klarstellen.« Er hielt ihr den geöffneten Brief hin. »Richte Hauptmann Martennan aus, dass ich selbstverständlich die Parvyi-Verträge nach …« Er stockte und legte den Kopf schräg.

Die Bodendielen zitterten. Die Kreidestücke rollten über den Tisch und gegen den Rand der Schiefertafel. Dann war das Beben vorbei.

Stevannes legte den Brief ab und kniete sich hin, um die Handflächen auf den Boden zu setzen. Lena tat es ihm stirnrunzelnd nach. Kiran legte die Hand auf den Tisch und benutzte seinen Spürsinn, fühlte aber nichts außer der inneren Fessel.

»Schon wieder ein Erdbeben.« Stevannes’ verächtlicher Ton war verschwunden.

»Geh«, sagte Lena. »Ich prüfe das.«

»Tu’s gründlich.« Stevannes stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Lena? Was heißt das, schon wieder ein Erdbeben?« Kiran hatte bisher keines bemerkt. Wenn sie jedoch genauso schwach und kurz gewesen waren, während er in sein Diagramm vertieft war, wären sie ihm sicher nicht aufgefallen.

Lena trat an ihn heran, so dicht, dass er ihre Sommersprossen zählen konnte, und wollte ihm an die Schläfen fassen. Er wich zurück.

»Was tust du da?«

»Kiran, das ist notwendig.« Sie berührte seine Schläfen.

Widerstrebend hielt Kiran still. Sachte legte sie die Fingerspitzen an ihn. Ein dünner Strang Magie schlängelte sich durch Kirans Kopf, flink und glänzend wie Quecksilber.

»Ich bitte um Verzeihung.« Lena trat zurück. »Ich musste überprüfen, ob deine Magie noch gebunden ist.«

»Du denkst, ich habe das Erdbeben ausgelöst?«, fragte Kiran schärfer als beabsichtigt. Der Gedanke war lächerlich. Seit der Rat seine Kräfte gebunden hatte, war er allenfalls imstande, passiv die Wirkungsweise eines Amuletts zu erfassen.

»Nein.« Sie runzelte leicht die Stirn.

»Aber die anderen, nicht nur Stevannes.« Kiran ballte die Fäuste. »Reicht es nicht, dass ihr mir Fesseln angelegt habt? Und dass ich alles tue, was der Rat verlangt?«

»Dem Rat ist die Sicherheit Alathiens anvertraut«, erwiderte Lena kühl. »Hältst du die Vorsicht dir gegenüber wirklich für grundlos?«

Kiran blieb die Antwort schuldig. Stevannes’ Zauber auf dem Tisch war noch aktiv und hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Das Flimmern über dem Sigillum hatte eine grüngraue Färbung angenommen und war von dunklen Löchern mit knisternden schwarzen Rändern durchsetzt. Kiran wurde flau im Magen. Er zeigte auf den Zauber.

»Wenn das den Zustand eures Grenzwalls anzeigt … Es ist Ruslan, stimmt’s? Er greift Alathien an, und eure Abwehr lässt nach.« Kiran hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Aber schon so bald? Er hatte geglaubt, Ruslan würde mehr Zeit brauchen, um die Wirkmuster zu analysieren. Denn so hitzig Ruslan auch war, so war er doch viel zu klug, um einen Gegner vorschnell anzugreifen. Er hatte zwanzig Jahre gewartet, bis er Simon Levanian niederstreckte, nämlich als Kiran ihm ahnungslos die perfekte Gelegenheit dazu lieferte. Kiran hatte nicht zu hoffen gewagt, dass Ruslan mit seinem Schlag gegen den Rat auch nur annähernd so lange warten würde, doch mit ein paar Jahren Gnadenfrist hatte er schon gerechnet.

»Der Grenzwall hält.« Lena fuhr mit der Hand über das Sigillum. Der graue Schimmer verschwand. »Stevannes’ Zauber zeigt … nur eine Warnung an.« Doch sie wich Kirans Blick aus und sammelte mit hastigen Bewegungen die Edelsteinstäbe zusammen.

»Du bestreitest nicht, dass Ruslan euch angreift.« Gebt ihn heraus, oder ich werde euer Land dem Erdboden gleichmachen, hatte Ruslan gedroht – und die Alather hatten es ihm verweigert.

Lena musterte ihn mit einer Steilfalte zwischen den Brauen. »Es ist nicht bewiesen, dass Ruslan etwas damit zu tun hat.«

Kiran schaute entgeistert. »Was? Aber …«

»Mehr darf ich nicht sagen.« Lena wandte sich ab. Sie warf Simons Armschiene in die gesicherte Kupfertruhe, die neben Stevannes’ ordentlichem Stapel von Traktaten stand. »Räum deine Sachen weg. Deine Arbeit ist für heute beendet. Ich bringe dich in dein Quartier zurück.«

Ihr schneidiger Ton sagte ihm, dass er nicht mehr erfahren würde. Sie hatte offenbar Befehl, über die Sache zu schweigen, und wenn sie auch ruhig und freundlich mit ihm umging, würde sie seinetwegen sicher nie einen Befehl missachten.

Kirans Gedanken überschlugen sich, während er die Kreidestücke mit kalten, ungeschickten Fingern zusammenklaubte. Kein Beweis, dass es Ruslan war? Angesichts der Gerissenheit, die Ruslan gegen Simon an den Tag gelegt hatte, musste den Alathern doch klar sein, wie subtil er vorgehen konnte. Doch warum sollte Ruslan seinen Angriff gegen Alathien verschleiern? Der Rat würde ihn ohnehin verdächtigen. Da wäre es viel vorteilhafter, offen zu agieren, damit sein finsterer Ruf zur Wirkung käme und Angst und Uneinigkeit verbreitete.

Die Sache gab ihm Rätsel auf. Doch eine düstere Gewissheit konnte er nicht abschütteln: Die kurze Atempause im Kampf gegen seinen Meister war vorbei.

DEV

Ich kniete im Schilf und hielt die Hände in den kalten Bach. Mir fielen vor Müdigkeit die Augen zu. Es war, als hätte ich Blei in den Gliedern. Die Sonne war längst untergegangen. Die Sterne funkelten an dem Streifen Himmel, der zwischen den schwarzen Wänden der Schlucht zu sehen war. In den Sickerstellen quakten Moosfrösche, während von der Mine, wo gerade der Hauptstollen abgestützt wurde, Geschepper und laute Befehle zu hören waren. Im schwachen Schein von Talmaddis’ Magierlampe war das verkrustete Blut an meinen Händen und Unterarmen so schwarz wie der Schmutz an meinen Kleidern. Talmaddis stand still neben mir und ließ die Schultern hängen, während ich mich wusch.

Jathon hatte den richtigen Einfall gehabt. Die Sprengladungen, die ich durch den Luftschacht hinuntergelassen hatte, hatten eine Öffnung zu den Eingeschlossenen freigesprengt. Der Schacht war zwar zu eng für einen Mann, sorgte aber für genügend Luft, damit die Grubenarbeiter, die den Einsturz überlebt hatten, nicht erstickten. Dann waren die Magier der Wache endlich eingetroffen.

Ich hatte auf eine neue Gelegenheit zum Abhauen gehofft, doch Jathon hatte mich am Eingang des Luftschachts hängen lassen, damit ich Nachrichten an die Eingeschlossenen weitergab, bis die Magier zu ihnen durchgestoßen waren. Um den Stollen stabil und die Luft atembar zu halten, hatten sie offenbar ihre ganze Konzentration gebraucht; daher überließen sie es uns, die Verletzten zu bergen. Den restlichen Tag über war ich unter Talmaddis’ Aufsicht über Gesteinsschutt geklettert und hatte die Schwerverletzten ins Freie getragen.

Mit gequälter Miene schrubbte ich mir jetzt die Finger. Talmaddis hatte mir einen Blutstiller und einen Wundverschließer gegeben. Doch es waren so viele Verschüttete gestorben, bevor ich sie freilegen konnte, dass ich aufgehört hatte, sie zu zählen.

In jedem der grauen, schmerzverzerrten Gesichter hatte ich Sethan gesehen, meinen alten Freund, der wie ein Vater für mich gewesen war. Glänzende Knochensplitter im gnadenlos grellen Schein der Hochgebirgssonne. Blut lief aus Sethans Nase und Mund, während ich laut fluchend versuchte, den Felsbrocken wegzuwälzen, unter dem er begraben lag  Ich riss die Hände aus dem Wasser.

»Der Hauer, dem ich das Bein abnehmen musste, wird er überleben?« Er hatte so jung ausgesehen wie Kiran, bestimmt noch keine zwanzig, und sich heiser geschrien, als ich ihm durch Fleisch und Knochen sägte. Khalmet sei Dank, hatte er das Bewusstsein verloren, ehe ich ihn durch den Spalt ziehen musste, durch den ich zu ihm vorgedrungen war.

»Möglicherweise.« Talmaddis klang so müde wie ich, obwohl er nicht mehr so ausgezehrt wirkte wie kurz nach dem Erdbeben. Seine Ringe waren noch schwarz gefärbt, doch das Magierlicht hatte er mühelos zum Leuchten gebracht. Ich nahm das als Warnung. Wenn er auch noch nicht wieder im Vollbesitz seiner magischen Kräfte war, so brauchte er doch nur eine Prise davon, um mit einem wie mir fertigzuwerden. »Hauptmann Jevarrdanos hat eine Wagenladung Kräuter und Elixiere mitgebracht, und mehrere seiner Leute beherrschen Heilzauber. Wenn jemand Wundfieber heilen kann, dann sie.«

Ich wischte mir die Hände an den Hosenbeinen trocken, obwohl sie noch von Kohlenstaub starrten. Das machte mir nichts aus, Hauptsache ich war das Blut der Toten los. »Sofern er durchhält, bis die sich endlich mit den einfachen Hauern befassen.«

»Wir sind hier nicht in Ninavel«, erwiderte Talmaddis leicht gereizt. »Die Schwerverletzten werden als Erste versorgt, ungeachtet ihres Ranges.«

»Ach ja? Wenn die Wache so sehr um die Verletzten besorgt ist, wieso stehst du mir dann auf den Füßen herum, anstatt Heilzauber zu wirken?« Ich deutete zu der erleuchteten Kantine, die nun als Krankenrevier diente.

»Weil ich kein Dummkopf bin.« Kurz glitt ein freudloses Lächeln über sein Gesicht. »Du glaubst, ich habe das Amulett in deiner Socke nicht bemerkt? Gib’s zu: Du hast einen schlecht durchdachten Plan ausgeheckt.«

Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Betont lässig kam ich vom Boden hoch. »Es schadet nichts, so ein kleines Leuchtamulett bei sich zu tragen. Es ist nicht verboten und außerdem nützlich, wenn ich mal in die Stollen geschickt werde. Ich hab’s in der Socke versteckt, damit es mir keiner wegnimmt. Schließlich liege ich mit Verbrechern in einer Baracke.«

»Ach.« Talmaddis’ Ton machte klar, dass er mir das keinen Augenblick lang abkaufte. »Nun, betrachte mein Hiersein als Appell an deine Einsichtsfähigkeit. Ein kluger Mann wie du wird wohl begreifen, wie gefährlich es ohne unseren Schutz ist. Ruslan Khaveirin hat nicht besonders viel für dich übrig – und du weißt genau, welche Qualen ein Blutmagier bereiten kann.«

Ja, Ruslan war ein rachsüchtiger, grausamer Scheißkerl. Doch Kiran hatte auch mal gesagt, sein Meister betrachte unbegabte Menschen als Werkzeuge, die man benutzt und wegwirft, nicht als Gegner, die seiner Beachtung würdig sind. Es war Kiran, den er unbedingt wiederhaben wollte und für den er die Welt zertrümmern würde, nicht ich. Da Ruslan gerade vollauf damit beschäftigt war, die alathische Grenze einzureißen, rechnete ich mir gute Chancen aus, lebend nach Arkennland zurückzukehren, solange ich darüber den Mund hielt. Wahrscheinlich würde ich drüben sogar sicherer sein als hier, wenn ich das Erdbeben als Zeichen sah.

»Nach diesem Tag bin ich nicht mehr sonderlich beeindruckt von deinem Schutz«, meinte ich.

»Obwohl ich dir zwei Mal das Leben gerettet habe? Du bist schwer zufriedenzustellen«, erwiderte Talmaddis trocken.

Bei der Erinnerung an meinen Sturz und den Aufprall des Förderrads zuckte ich innerlich zusammen. »Stimmt. Nun, danke.«

»Du kannst mir danken, indem du von Dummheiten Abstand nimmst.« Talmaddis strich sich übers Gesicht. »Besonders heute Nacht. Ich warne dich, ich werde in keiner versöhnlichen Stimmung sein, wenn ich nachts aus dem Bett geholt werde, um dich ins Lager zurückzuschleifen.«

»Keine Sorge. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich bis zur Baracke laufen kann«, sagte ich wahrheitsgemäß. Außerdem war es ohnehin besser, abzuwarten, bis auch die letzten Magier nach Tamanath abgereist waren, und dann erst den nächsten Versuch zu unternehmen, an Kalumit heranzukommen. Auch wenn mich diese Verzögerung frustrierte. Es war leichter, einen Magier auszutricksen als eine ganze Bande von ihnen.

»Trotzdem wirst du verstehen, dass ich auf das Leuchtamulett bestehen muss.« Talmaddis streckte die Hand aus.

»Bitte, wenn du es willst, gehört es dir.« Kupfer war nicht schwer zu beschaffen. Die meisten Hauer hatten Leuchtamulette und Klingenschärfer bei sich. Ich klatschte ihm das Ding in die Handfläche. »Glaub mir, im Augenblick will ich nur noch schlafen. Meinetwegen kannst du die ganze Nacht vor meiner Koje stehen, aber weck mich bloß nicht vor der Morgenglocke.«

Ich machte einen Schritt in Richtung Baracken, doch Talmaddis hielt mich an der Schulter fest. »Warte einen Moment.«

Ein Licht bewegte sich über die Aue hüpfend auf uns zu. Als es näher kam, erkannte ich die Magierin mit der narbigen Wange, die mich auch schon bewacht hatte. Ihre Uniform war voller Schlamm, der graue Zopf halb aufgelöst, doch sie ging so zackig wie ein Soldat auf dem Exerzierplatz. Der Form halber verbeugte sie sich.

»Talmaddis, wir haben Befehle vom Rat erhalten.« Sie zückte einen juwelenbesetzten Goldreifen, ein Flüsteramulett. »Hauptmann Jevardannos und die anderen sollen bei der Instandsetzung helfen, bis das Bergwerk den gewohnten Betrieb wieder aufnehmen kann. Du und ich hingegen sollen ihn«, sie deutete mit dem Kopf auf mich, »unverzüglich nach Tamanath bringen.« Sie drehte sich zu mir und rasselte herunter, was sie zu sagen hatte. »Devan na soliin, in Anbetracht deines Beitrags zum Rettungseinsatz will der Rat deine Strafe überprüfen.«

»Ach du Scheiße«, zischte ich. Ich war nicht so blöd, dieses Märchen zu glauben. Jetzt, wo Ruslan an ihre Tür klopfte, wollte der Rat mich und Kiran in der Nähe haben. Shaikar sollte sie holen! Von der Mine abzuhauen war schon knifflig genug, doch in Tamanath würde ich von Magiern und Schutzzaubern umringt sein. Aber vielleicht würde ich dort Kiran sehen und ihm unter die Arme greifen können, damit der Rat ihn nicht auslieferte, um den eigenen Arsch zu retten. Dann verabschiedete ich mich sofort von dieser Idee. Es würde Kiran am ehesten helfen, wenn ich den Magiern durch die Finger schlüpfte, damit sie mich nicht mehr als Druckmittel gegen ihn einsetzen konnten.

Ich blaffte Talmaddis an. »Kann ich nicht mal für zwei Stunden die Augen zumachen, bevor ihr mich nach Tamanath zaubert?« Ich brauchte unbedingt Zeit zum Nachdenken. Mein Gehirn fühlte sich an wie Schneematsch. Sicher war nur, dass ich vom Hauptsitz der Wache nicht entkommen würde.

»Leider kehren wir nicht mit einem Translokationszauber zurück.« Talmaddis klang so müde wie noch nie. »Der würde uns hier viel zu viel Kraft kosten. Wir müssen reiten. Und deshalb halte ich es in der Tat für klug, ein wenig zu schlafen, bevor wir in den Sattel steigen.«

Meine Stimmung besserte sich, als ich mir die Karten von Alathien ins Gedächtnis rief. Tamanath lag einen Zehn-Tages-Ritt von den Cheltman-Minen entfernt. Man musste eine Straße nehmen, die an einem Labyrinth von Sandsteinschluchten und Wald entlangführte und nur wenige Meilen entfernt war vom Grenzübergang von Loras. Vielleicht war ich doch nicht so aufgeschmissen, wie ich dachte. Sogar Magier mussten mal schlafen – und wo Sandstein war, gab es auch Kalumit.

»Bei Tagesanbruch brechen wir auf«, sagte Talmaddis zu der narbigen Frau. »Aiyadaren, bestell bitte dem Grubenmeister, dass wir drei Pferde und ein Maultier brauchen. Und sag Hauptmann Jevardannos, dass er mir einen großen Gefallen tut, wenn er jemanden abstellt, der bis zum Morgen vor der Baracke Wache steht. Heute Nacht möchte ich mich nicht allein auf Devs Halsfessel verlassen.« Er warf mir einen zynischen Blick zu.

»Oh, ich gehe nirgendwohin«, versicherte ich ihm. Noch nicht. Aber unterwegs würde ich schon dafür sorgen, dass ich Tamanath nicht zu nahe kommen würde.

×

»Willkommen in Tamanath«, sagte Talmaddis so fröhlich, dass ich ihm am liebsten eine reingehauen hätte. Vor Wut ballte ich die Fäuste, als unser Wagen unter einem freien Torbogen durchfuhr, der mich mit seinen kristallenen Schnörkeln stark an die alathischen Grenzübergänge erinnerte. Hinter uns warteten schmucklose schwarze Kutschen geduldig und in ordentlicher Reihe, um durchsucht zu werden, was mit derselben gründlichen Neugier geschah wie an der Grenze. Wir waren an der Reihe vorbeigefahren und nach kurzer Verständigung zwischen Talmaddis und einem jungen Torwächter durchgewinkt worden. Aiyadaren hatte das Ganze mit schlaffem Mund und schwer atmend an das Kutschenfenster gelehnt verschlafen. Seit dem Pferdewechsel an einem Außenposten eine Meile vor der Stadt hatte sie sich nicht mehr gerührt.

Möge Shaikar sie holen, und Talmaddis auch. Zehn Tage lang hatten sie an mir geklebt wie die Blutegel, sich Tag und Nacht mit dem Aufpassen abgewechselt. Und mehr noch: Sie hatten etwas mit meinem Halsring angestellt, sodass er mir die Luft abschnürte, wenn ich mich nur zehn Schritte von meinem Bewacher entfernte. Mir tat jetzt noch der Kehlkopf weh von dem einen Versuch.

Wir ließen die hügeligen Äcker hinter uns und fuhren an weiß getünchten Häusern vorbei, die halb hinter Bäumen und sauber gestutzten Hecken verborgen waren. Ich ließ mich in den Sitz sinken und schaute unverwandt zu den fernen Gipfeln im Osten. Sehnsucht und wütende Enttäuschung drehten mir das Herz im Leibe herum. Das Weißfeuergebirge war noch nie so unerreichbar gewesen.

»Es gibt keinen Grund, so ein saures Gesicht zu machen«, sagte Talmaddis. »Denn erstens wirst du heute Nacht in einem richtigen Bett schlafen und zweitens wird dir dabei unsere Gesellschaft erspart bleiben.« Er deutete schief grinsend auf Aiyadaren und sich selbst.

»Bei Khalmets Hand, du meinst, ihr werdet mich tatsächlich mal zwei Augenblicke allein lassen? Fürchtet ihr nicht, ich könnte mich sofort in Luft auflösen?«

»Du bekommst ein Zimmer, das lückenlos mit Wachzaubern versehen ist«, sagte Talmaddis. »Und hoffentlich nicht direkt neben meinem liegt. Du schnarchst wie ein Höhlenbär.«

»Da musst du mich mit ihr verwechseln.« Ich deutete mit dem Kinn auf Aiyadaren, die just in diesem Moment losschnarchte, dass die Sitzbank wackelte. Talmaddis lachte.

Meine Mundwinkel zuckten trotz meiner schlechten Laune. Aiyadaren hatte dieselbe eisige Zurückhaltung wie die Kohlenschlepper an den Tag gelegt und während der ganzen Reise kein Wort mit mir gesprochen. Talmaddis war da anders. Sein trockner, unbeschwerter Humor war nicht geheuchelt, und er verfügte über ein großes Repertoire haarsträubender Lagerfeuergeschichten, fast wie ein alter Konvoiführer. Er hatte einige Jahre in der alathischen Botschaft in Ninavel verbracht, bevor er als Leutnant zu Hauptmann Martennan gekommen war. Das erklärte vielleicht, woher er die Geschichten hatte und wieso er nicht so steif war.

Bei all seiner Freundlichkeit vergaß ich jedoch nie, dass er mein Gefängniswärter war – und er genauso wenig, verflucht noch eins. Mürrisch schaute ich aus dem Fenster, wo die Hecken nun aufhörten und stattdessen Ladenfenster mit Blumenkästen zu sehen waren. Wenn aus der Flucht nichts wurde, brauchte ich einen neuen Plan, um mich aus diesem ganzen Schlamassel zu befreien.

Unterwegs hatte es noch drei Erdbeben gegeben. Keines war so stark wie das in der Cheltman-Schlucht – das letzte hätte keine Tasse zum Klirren gebracht –, aber die grimmigen Blicke, die Talmaddis und Aiyadaren hinterher wechselten, sprachen Bände. Sie waren besorgt.

Genauso wie ich. Die Lage brauchte sich nur gehörig zuzuspitzen, dann wäre das ganze scheinheilige Gelaber der Räte, dass sie sich weigerten, den Forderungen ausländischer Magier nachzugeben, keinen Mulischiss mehr wert. Unsere Abmachung wäre nichtig, und sie würden Kiran und mich sofort an Ruslan ausliefern, wenn sie glaubten, dass er sonst Magierfeuer auf Tamanath regnen ließe. Ich musste an Ruslans kaltes, grausames Lächeln denken und schauderte.

Unsere Kutsche bog auf einen großen Platz ein. In der Mitte stand ein Brunnen aus einem goldgelben Gestein, dahinter ragte ein unheildrohendes, graues Gebäude auf. Hier leuchteten keine Blumenkästen vor den hohen, schmalen Fenstern. Stattdessen waren sie von schwarzen Kringeln und Spiralen eingerahmt.

»Ah! Endlich, das Arkanum.« Mit der freudigen Erleichterung eines Menschen, der seine Heimat wiedersieht, lehnte sich Talmaddis zum Fenster und schaute hinaus. Er stieß Aiyadaren an, worauf sie schnarchend hochschreckte. Als sie sah, wo wir angelangt waren, wurde ihr strenges Gesicht milde.

Ich beäugte das Arkanum nicht halb so gut gelaunt, während die Kutsche vorfuhr. Von Talmaddis wusste ich, dass es den Magiern der sieben Wachbataillone als Kaserne diente und außerdem die Gelehrtenanstalt war, die mit der Aufrechterhaltung der Verteidigungsmagie betraut war.

Neben der schweren Flügeltür wartete ein Magier. Anstatt strammzustehen, lehnte er mit in den Gürtel gehakten Daumen an der Wand. Sein Gesicht lag im Dunkeln, doch die Silbertressen, die ihn als Hauptmann der Wache auswiesen, umrahmten an der Uniformbrust das goldene Siegel des Rates.

Ich erkannte diese auffallend ungezwungene Haltung wieder. Uns empfing Hauptmann Martennan von der Siebten Wache, der Kiran und mich seinerzeit festgenommen hatte. Nicht, dass ich mich daran erinnern konnte, denn ich war dabei bewusstlos gewesen. Dafür sah ich von ihm in den Tagen danach noch genug. Er spielte den mitfühlenden Ratgeber, doch ich wusste, dass hinter seiner guten Laune kühle Berechnung lauerte. Tausend Kenet, dass er dem Rat vorgeschlagen hatte, mich als Druckmittel gegen Kiran zu benutzen, damit der tat, was sie verlangten.

Sowie die Kutsche hielt, sprang Talmaddis hinaus. Er verbeugte sich, die Hände über der Brust gekreuzt, als Martennan aus dem Torbogen trat. Er hatte sich die Haare ein Stück wachsen lassen; statt der kurzen, harten Bürste, die bei den Alathern üblich war, trug er nun eine lange, weiche Bürste. Das strahlende Lächeln in seinem runden Gesicht war unverändert und ärgerte mich noch genauso wie vorher.

Er verbeugte sich ebenfalls und zog Talmaddis in eine kurze Umarmung, wobei er etwas sagte, was ich nicht hören konnte.

»Aussteigen. Sofort!« Aiyadaren klang ungeduldig. Offenbar konnte sie es nicht erwarten, mich loszuwerden.

»Tu ich ja schon«, murmelte ich und trat auf den Platz, dicht gefolgt von meiner Bewacherin.

Martennan wandte sich mir zu, voll herzlicher Liebenswürdigkeit. »Dev. Ich freue mich, dass du wohlbehalten in Tamanath angekommen bist. Wie ich höre, haben wir dir für die Rettung vieler Menschen zu danken.«

Er hatte eine schleppende Aussprache, ganz im Gegensatz zu der knappen, schneidigen Sprechweise der Städter. Im Bergwerk hatte ich festgestellt, dass diese Sprechweise typisch für diejenigen war, die aus den zerklüfteten Bergen längs der fernen Grenze Alathiens stammten. Wie immer machte mein Magen einen Satz, als ich den scharfen Verstand in seinen schwarzen Augen leuchten sah. Wenn es den Alathern mit ihrer ganzen Dankbarkeit ernst wäre, würden sie sie Jathon bezeigen, nicht mir. Sein Einfall hatte die Rettung gebracht; ich war nur der Handlanger gewesen.

»Du willst mir danken, Martennan? Dann lass mich mit Kiran sprechen.« Ich muss verhindern, dass er dir traut, naiv wie er ist, fügte ich im Stillen hinzu. Zuletzt hatte er nämlich Martennan die Rolle des Hilfreichen gutgläubig abgekauft.

»Natürlich«, sagte er. »Ich habe dafür gesorgt, dass du bei ihm wohnst, solange der Rat deinen Fall überprüft.« Er strahlte mich an. »Kiran brennt darauf, dich wiederzusehen. Ich bringe dich gleich zu ihm.«

So einfach war das? Ich wurde umso nervöser.

Martennan trat einen Schritt näher, ignorierte, dass ich zusammenzuckte, und strich mit einem Finger über meine Halsfessel. Er warf Talmaddis und Aiyadaren einen Blick zu. »Geschickt gemacht, aber ...« Das Metall prickelte an meiner Haut. »Ab jetzt übernehme ich ihn. Geht und ruht euch aus. Ihr könnt mir später Bericht erstatten.«

Er drängte mich zur Kutsche und wartete nicht mal ab, bis Talmaddis und Aiyadaren aus ihrer Verbeugung hochgekommen waren. Ehe ich einsteigen konnte, schwang die Tür des Arkanums auf, und eine junge Magierin hastete nach draußen.

»Hauptmann, warte!« Sie rannte auf uns zu und schwenkte dabei ein gefaltetes Stück Papier. Mir fiel ein dickes Wachssiegel ins Auge mit dem Abdruck mehrerer verschränkter Kreise.

Sofort rutschte mir das Herz in die Hose. Ein Sendschreiben des Rates? Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Martennan brach das Siegel und überflog das Schreiben. Seine Augen weiteten sich kurz, dann glättete sich sein Gesicht zu der gewohnt heiteren Maske. Das kalte Loch in meinen Eingeweiden wuchs.

Martennan hielt den Brief auf der flachen Hand. Seine Ringe leuchteten auf, und das Papier wurde von einer hellen Flamme verzehrt.

Verdammt. Ich hatte nicht mal einen kurzen Blick darauf werfen können. »Angeber«, murmelte ich.

Die Flamme verlosch und hinterließ nicht mal eine Ascheflocke. Martennan ließ die Hand sinken. »Danke, Adept. Richte Rätin Varellian aus, ich werde mich binnen einer Stunde bei ihr melden.«

Die junge Magierin verbeugte sich so tief, dass ihr Zopfkrönchen die Steinplatte streifte, dann lief sie ins Arkanum zurück. Nach einem kurzen, leisen Wortwechsel mit dem Kutscher schob Martennan mich in die Kutsche und setzte sich mir gegenüber.

»Willst du mir verraten, was in dem Brief stand?«, fragte ich, als wir losrumpelten.

Er bedachte mich mit einem amüsierten Blick. »Nein. Aber ich habe einen anderen, den du lesen darfst.« Er zog einen unversiegelten Brief aus der Jacke und reichte ihn mir.

Zögernd nahm ich ihn entgegen. Als ich ihn aufklappte, blieb mir fast das Herz stehen. Caras steile Handschrift bedeckte das Blatt.

An Hauptmann Martennan von der Siebten Wache.

Du hast gesagt, du seist mir etwas schuldig, weil ich dich vor Simon Levanian gewarnt habe. Wenn du einen Funken Anstand im Leib hast, dann sorgst du dafür, dass Dev diesen Brief erhält. In Wirklichkeit stehst du nämlich in seiner Schuld, und er hat es verdient, Nachricht von zu Hause zu erhalten.

Ein Stück hatte sie frei gelassen, dann schrieb sie:

Dev, du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen. Ich sitze gesund und munter in Ninavel, genauer gesagt in der Silberader und höre einem Haufen betrunkener Varkever zu, die sich an den Tabistrommeln übertreffen wollen, was ihnen nicht gelingt. Dabei muss ich an diesen Steinmetz von vor zwei Jahren denken, der dachte, es könnte lustig sein, die Neuntöterflöte zu lernen, während wir das Weißfeuergebirge überquerten. Khalmet sei Dank, dass der alte Nuli unsere Ohren rettete, indem er das verdammte Ding in eine Schlucht warf.

Ja, ich erinnerte mich an diesen Konvoi. Der Brief stammte also tatsächlich von Cara und war keine List Martennans. Sie musste ihn einem der Eilboten eines Handelshauses mitgegeben haben, die den Sommer über die Gebirgsroute nahmen.

Ich habe bei deiner Cousine vorbeigeschaut. Ihr und den Kindern geht es gut. Die Älteste wächst schnell. Deine Cousine meint, dass sie gegen Ende des Sommers mit ihrer Lehre fertig wird. Ich werde ihnen an deiner Statt geben, was ich kann.

Liana, die die Kinderbande vom Roten Dal hütete, glaubte also, dass Melly demnächst in den Wandel käme. Mir war klar gewesen, dass ihre Zeit abläuft, aber die Bestätigung traf mich trotzdem wie ein Faustschlag in die Magengrube. Sechs Wochen noch, vielleicht sogar weniger, dann würde der Rote Dal Melly an Männer verkaufen, die sie zwingen würden, Taphtha zu schlucken, bis sie nur noch ein willenloses Weibchen ohne Verstand war.

Übrigens habe ich versucht, diesen Freund von dir ausfindig zu machen, den Konvoikutscher, der deine Weißfeuer-Karten kaufen will. Leider ist er noch mit einem Konvoi unterwegs. Ich wollte mit seinem Boss reden, doch der ist offenbar zu beschäftigt, um mit einem einfachen Vorreiter wie mir zu sprechen. Ich werde mal bei deinen übrigen Freunden aus deinem Viertel nachfragen, ob sie vielleicht interessiert sind.

Oh, Scheiße. Ich hatte Mühe, ein gleichmütiges Gesicht zu machen und ruhig weiterzuatmen. Cara hatte Pello nicht gefunden, den Schatten, der für den vollständigen Bericht über Levanians Vernichtung Mellys Freiheit hätte erkaufen können. Cara war sogar bei Sechaveh vorstellig geworden, dem Herrscher Ninavels, für den Pello angeblich arbeitete. Aber die Wachen wussten natürlich nichts von Sechavehs Beteiligung an unserer Gebirgsüberquerung und hatten sie abgewiesen.

Vor lauter Verzweiflung hatte sie jetzt vor, jemanden im Dunstkreis eines Bandenchefs anzusprechen und ihr Wissen selbst zu verkaufen. Bandenchefs verdienten mit Nachrichten genauso Geld wie mit anderen Waren. Sie würden Caras Wissen sicher gern an Sechaveh verkaufen, sie aber für einen Zusatzlohn auch an Ruslan verraten.

Du fehlst mir, Dev. Weißt du noch, was du in Kost zu mir gesagt hast, nachdem ich dir den Kopf verarztet hatte? Ich bin ganz deiner Meinung. Also halte durch und mach keine Dummheiten. Am Ende wird alles gut werden.

Zu dem Bleigewicht im Magen gesellte sich nun auch noch ein Kloß im Hals. Ich werde dich nie wieder verlassen, hatte ich zu ihr gesagt, während sie mit dem Finger träge Kreise auf meiner Haut gezogen hatte. Und dann hatten wir …

Stopp. Wenn ich weiter an diese wunderbare Nacht zurückdachte, würde ich zerspringen wie ein Granitblock unter dem Hammer. Stattdessen faltete ich unter Martennans aufmerksamem Blick penibel den Brief zusammen. Er war zu klug, als dass er Caras Erzählung von Cousinen und Konvoikutschern keine tiefere Bedeutung beimaß. Ich betete nur, er möge zu wenig über meine Vergangenheit wissen, um die wahre Bedeutung zu kapieren.

»Darf ich den behalten?«, fragte ich. Khalmet sei Dank, meine Stimme klang wie immer.

»Meinetwegen«, sagte Martennan. »In Cara hast du eine gute Freundin. Du kannst also beruhigt sein, dass sie sich in Ninavel um deine Angelegenheiten kümmert.«

Verfluchter Mistkerl, er hatte meine Bestürzung gesehen, obwohl ich kaum eine Miene verzogen hatte. Ich zuckte unverbindlich die Achseln. »Es wäre noch beruhigender für mich, wenn ich es selbst tun könnte.« Damit verriet ich kein Geheimnis.

Martennan war ein Bild des Mitgefühls. »Vielleicht kommt es sogar dazu. Der Rat wird einige Wochen brauchen, um deinen Fall neu zu bewerten, aber er könnte zu einem erfreulichen Ergebnis kommen. Das Warten fällt schwer, ich weiß, aber gib der Sache Zeit.«

»Sicher.« Ich gab mir keine Mühe, meinen Sarkasmus zu verbergen. Ein erfreuliches Ergebnis, klar, fragte sich nur, für wen. Und Zeit hatte ich schon gar nicht.

DREI

KIRAN

Kiran schob das ledergebundene Buch beiseite. Am liebsten hätte er es in den brennenden Kamin geworfen. Darin stand bloß ein übertriebener Bericht von der Gründung Alathiens, der noch dazu äußerst vage blieb. Auf jeder Seite wurde Denarell von Parthus für seine visionäre Tat gepriesen, weil er ein paar Hundert Familien aus Harsian überredet hatte, die dekadenten Städte im Osten zu verlassen und Tausende Meilen weit durch die Wildnis zu ziehen, um ein neues Volk in einem neuen Land zu gründen. Kein Wort darüber, welche Güter sie dorthin mitbrachten oder welche fremden Hinterlassenschaften sie dort vorfanden. So viel zu seiner Hoffnung, in den Schriften zu entdecken, welche Stoffe die alathischen Magier eingesetzt hatten, als sie ihre magische Grenze errichteten.

Lena saß in dem Sessel am Kamin und schaute von ihrem schmalen Bändchen auf. Dem Titel nach beschrieb darin ein Naturforscher die sulanischen Wüsten.

»Heute ist das Wetter schön.« Sie zeigte zum Bogenfenster hinter sich. Die Vormittagssonne schien durch das bunte Glas und überzog die Bücherregale des Arbeitszimmers mit Zimtbraun und Bernsteingelb. »Hast du mal an einen Spaziergang durch den Garten gedacht? Seit Tagen hockst du nur über den Büchern.«

»Wenn ich schon keine nützliche Arbeit leisten darf, möchte ich wenigstens lesen.« Kiran hatte Mühe, einen freundlichen Ton beizubehalten. Seit dem Erdbeben durfte er das Arkanum nicht mehr betreten. Er musste in dem üppig ausgestatteten Gästehaus bleiben, das er seit dem Prozess bewohnte. Es hatte zwar eine umfangreiche Bibliothek und einen gepflegten Garten, doch die Wachzauber in den Mauern des Anwesens waren stark und machten es zu einem sicheren Gefängnis.

»Hast du Nachrichten von Dev?«, fragte er. Vor zehn Tagen hatte Hauptmann Martennan – oder Marten, wie er ihn jetzt nennen sollte – ihm von dem Grubenunglück in der Cheltman-Schlucht erzählt. Dev sei am Leben, hatte er ihm versichert und behauptet, der Rat werde ihn zur Sicherheit von dort zurückholen. Doch seit dem Besuch hatte Marten sich auffallend rargemacht. Kiran fürchtete, der Rat könnte es sich anders überlegt haben und Dev dort lassen – oder Schlimmeres.

Lena schüttelte den Kopf. »Wenn Talmaddis sich mit Dev sofort nachdem er den Befehl erhalten hat, auf den Weg gemacht hat, müssten sie jeden Tag eintreffen.«

Kiran seufzte. Hoffentlich hatte sie recht und seine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Er ging ans Regal und zog eine Erzählsammlung heraus, die von frühen alathischen Handelsexpeditionen handelte.

»Ich wusste gar nicht, dass du dich so sehr für Geschichte interessierst.«

Trotz ihres sanften Tonfalls wurde er nervös. »Ruslan hat uns nicht viel über Alathien lernen lassen. Das möchte ich nachholen. Ich will mehr über eure Kultur und Geschichte wissen. Ich dachte, am besten fange ich mit den frühesten Schriften an und lese chronologisch weiter.«

Das war nicht gelogen. Doch die wahren Gründe lagen tiefer. Er musste den Alathern unbedingt beweisen, dass er für sie von Wert war. Nachdem er gehört hatte, dass durch das Erdbeben Grubenarbeiter umgekommen waren, schien ihm ein vollständig erfasstes Wirkmuster von Simons Amulett nicht mehr auszureichen, um seine eigene und Devs Sicherheit zu gewährleisten. Besser wäre es, er könnte dem Rat eine Methode an die Hand geben, mit der sich die blutmagischen Angriffe auf ihren Grenzwall parieren ließen. Doch um magische Wechselwirkungen vorherzusehen und Kontermuster zu entwickeln, musste er die Stoffe kennen, mittels derer die fraglichen Zauber gebündelt und gelenkt worden waren.

Er hatte gefragt, ob er bei der Grenzsicherung helfen dürfte, und hatte eine Abfuhr erhalten. Es fiel ihm wahrlich schwer, nur herumzusitzen und abzuwarten, ob der Rat seine Versprechen hielt. Wenn er doch nur einen verlässlichen Zauber entwickeln und ihnen anbieten könnte …

Lena musterte ihn. »Er hat euch nichts über Alathien beigebracht? Ich nehme an, du meinst dich und den anderen Lehrling. Bist du stets mit Mikail zusammen unterrichtet worden?«

Sie klang ehrlich neugierig. Kiran sah weg. »Ja.« Er fühlte einen Stich ins Herz. So viele Stunden hatte er mit Mikail gelernt und geübt, dass sich Zauber entfalteten wie in einem endlosen Wunderkabinett, alles um Ruslans Anerkennung zu gewinnen … und wenn sie unter seinen dunklen Launen zu leiden gehabt hatten, dann gemeinsam, ihr brüderliches Band war so stark gewesen wie Ninavels Stein …

Übelkeit drehte ihm den Magen um. Nein, Mikail war genau so ein Ungeheuer wie Ruslan. Er hatte Kirans Vertrauen missbraucht, Alisa in Ruslans Hand gegeben, war über ihren Tod sogar froh gewesen. Welch ein Verrat an Alisa, dass er Mikail jetzt vermisste!

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte Lena leise. »Ich wollte nicht an Wunden rühren.«

»Nein, es ist nur …« Kiran blickte in die Zweige vor dem Fenster, wo Sonnenstrahlen durch das Laub fielen. »Hast du dir mal gewünscht, du wärst ohne magische Begabung zur Welt gekommen?« Er bereute die törichte Frage augenblicklich. Die ruhige, vernünftige Lena mit ihrem festen Platz in der alathischen Gesellschaft, welchen Grund sollte sie haben, ihre Magie abzulehnen?

Als er einen Blick von der Seite wagte, sah er jedoch, dass sie mit zusammengezogenen Brauen ins Leere starrte. Langsam antwortete sie: »Die meisten der magisch begabten Kinder werden bei uns schon recht früh, mit zwei, drei Jahren, als solche erkannt und ins Arkanum gebracht. Meine Familie jedoch lebte damals tief im Kilshasa-Gebirge, zwei Tagesritte von der nächsten Stadt entfernt. Ich war schon sechs, als ein Begabtensucher des Rates in unsere Gegend kam. Meine Begabung war bis dahin nicht zutage getreten, und so waren alle bestürzt, als die Magierin kundtat, dass ich die Gabe besaß. Meine Eltern fragten sie, ob sie die Magie in mir nicht ausbrennen könnte, anstatt mich nach Tamanath mitzunehmen. Ich flehte sie auch an, das zu tun, doch die Magierin sagte, dass das nicht möglich sei, ohne meinen Verstand unwiederbringlich zu zerstören.«

Geistesabwesend strich Lena über den Deckel ihres Buches. »Die ersten Monate im Arkanum waren hart für mich. Meine Eltern und Geschwister fehlten mir entsetzlich. Ich hasste die Magie, weil ich ihr die Schuld an der Trennung gab. Doch als ich zum ersten Mal zauberte …« Sie streckte die Hand von sich. Ein Hauch Magie streifte Kirans Sinne. Eine leuchtende hellrosa Kugel erschien und schwebte auf Lenas Fingerspitzen. »Diese Freude, dieses Gefühl von Richtigkeit war …«

»Unglaublich«, ergänzte Kiran leise und dachte an seinen eigenen ersten Zauber, das simple Trugbild seines Lieblingsspielzeugs, eines kleinen Wagens aus Kupfer. Er dachte an seine freudige Erregung, an Ruslans Stolz, an Mikails Entzücken. Am stärksten war jedoch die tiefe Befriedigung, die dieser kleine Zauber in ihm hinterlassen hatte.

»Ja.« Lena schloss die Hand, und die Lichtkugel verschwand. »Wünschst du dir wirklich, du hättest diese Erfahrung nie gemacht?«

»Wäre ich unbegabt zur Welt gekommen, würde ich nicht wissen, was mir fehlt.« Doch so schrie seine Seele danach wie ein Verdurstender in der Wüste nach Wasser. »Hast du deine Eltern mal wiedergesehen?« Kiran klang unwillkürlich wehmütig. Seine eigenen Eltern kannte er nicht. Er hatte keine einzige Erinnerung an die Zeit vor Ruslan.

»Ja, aber erst nachdem ich in die Wache aufgenommen worden war. Die Reise nach Tamanath ist lang, und sie konnten sich nicht erlauben, das Gehöft so lange allein zu lassen. In diesen Jahren schrieben wir uns aber Briefe. Als ich sie endlich besuchte …« Sie stockte und zuckte schließlich die Achseln. »Da waren meine Geschwister verheiratet, hatten selbst Kinder, und ich war nicht mehr das kleine Mädchen, an das sich meine Eltern erinnerten. Wir hatten kaum noch etwas gemeinsam.«

»Das tut mir leid«, sagte Kiran.

»Nicht nötig.« Lena zog die Brauen hoch und sah ihn an. »Inzwischen lehne ich meine Begabung nicht mehr ab. Du wirst das in ein paar Jahren vielleicht auch anders sehen.«

Kiran lachte bitter. »Oh, gewiss. An dem Tag, wo Ruslan aufgrund eines Wunders von seiner Forderung ablässt und der Rat entscheidet, dass ich kein verkleideter Dämon bin, werde ich mich an der Magie wieder erfreuen. Darauf zu hoffen kommt mir so töricht vor, als wünschte man sich, in Ninavel möge es schneien.«

»Selbst in Ninavel gibt es …« Lena erhob sich lauschend. Durch die Zimmertür waren gedämpfte Schritte und Stimmen zu hören. Kiran richtete sich auf, hin und her gerissen zwischen Neugier und Besorgnis. Wenn Marten sich endlich wieder blicken ließ, weil er Neuigkeiten von Dev hatte, war ihm der Besuch willkommen. Doch er konnte die Befürchtung, dass er mit schlimmen Nachrichten kam, nicht abschütteln.

Lenas Gesicht hellte sich auf. »Ah, Kiran, das wird dich auf andere Gedanken bringen – du bekommst Besuch.«

Die Tür schwang auf. Marten kam strahlend herein, im Schlepptau einen drahtigen jungen Mann mit schlammbespritzten Lederhosen und einem goldglänzenden Ring um den Hals.

»Dev!« Kiran eilte freudig auf ihn zu. Seine Angst war vergessen. »Du bist da, unversehrt! Ich bin ja so froh, ich wagte kaum zu hoffen …« Er stockte, wollte nicht zugeben, dass er an Martens Versprechen gezweifelt hatte. Zugleich befiel ihn die Sorge, dass sich Devs Freundschaft während seiner Zeit im Bergwerk vielleicht in Ablehnung gewandelt haben könnte.

Doch Dev grinste ihn an. Er war dünner geworden, das Gesicht hager, die Haut dunkel gebräunt, aber die leuchtend grünen Augen waren so verblüffend wie eh und je. »Ich freu mich auch, dich zu sehen.« Er zog Kiran in eine schnelle, ruppige Umarmung.

In Kirans Brust löste sich ein Knoten. Verlegen über die Wucht seiner Erleichterung senkte er den Kopf.

»Ich lasse euch beide allein, damit ihr euch in Ruhe alles erzählen könnt«, sagte Marten. »Ich habe mit Lena einiges zu besprechen, und dann muss ich leider zu einer Sitzung ins Arkanum. Danach komme ich zurück und hoffe, Kiran, dass ich dir dann mehr über die Erdbeben sagen kann.«

Dev sah Marten durchdringend an. Kiran nickte, aufgewühlt von Angst und Hoffnung.

»Eines noch.« Marten legte eine Fingerspitze an Devs Halsreif. Das leise Gemurmel ruhender Magie in den Zimmerwänden wurde plötzlich lauter und legte sich wieder.

»Dev, ich habe deine Halsfessel nach den Wachzaubern der Mauern ausgerichtet«, erklärte Marten. »Im Haus und im Garten kannst du dich frei bewegen, doch beim ersten Schritt darüber hinaus …«

»Würgt mich das verdammte Ding, bis ich mich ergebe, ja, ich weiß.« Dev rieb sich den Hals.

Die dunklen Stellen dort sind wohl kein Schmutz, sondern alte Blutergüsse, dachte Kiran schuldbewusst.

Mit einer Verbeugung und freundlichen Geste verabschiedete sich Marten und ging mit Lena hinaus. Sowie die Tür geschlossen war, sprudelte Kiran los.

»Dev, es tut mir so leid. Wegen der Bergarbeit und wegen … wegen allem.« Er musste immerzu auf die dunklen Flecke an Devs Hals starren. »Ich habe jeden wachen Augenblick am Wirkmuster der Armschiene gearbeitet. Ich stand kurz vor der Lösung, als das Erdbeben passierte. Hätte ich es nur schneller geschafft, dann …«

»Hey!« Dev schlug ihm auf die Schulter. »Hör auf damit. Wer weiß, ob der Rat sich am Ende an die Abmachung gehalten hätte? Mach dir um mich keine Sorgen.« Er blickte Kiran forschend an. »Ich würde ja fragen, wie du die Erdbeben überstanden hast, aber ich sehe es dir an. Wie lange ist es her, dass du ordentlich geschlafen hast?«

»Schlafen … kann ich nicht mehr gut.« Nachts fand er kaum Ruhe zwischen den Albträumen, aus denen er zitternd und verschwitzt hochschreckte und noch Blut zu schmecken glaubte.

»Das dachte ich mir.« Dev musterte ihn stirnrunzelnd. »Diese Erdbeben, bist du dir sicher, dass die keine – natürliche Ursache haben?«

Dev schien zu glauben, dass Kiran zum wimmernden Nervenbündel würde, wenn der Name Ruslan fiele. »Du glaubst, sie seien ein Nebeneffekt von Ruslans Angriff auf den Grenzwall?«, fragte Kiran trocken.

»Ich wette darauf.« Dev breitete entschuldigend die Arme aus.

Kiran seufzte. »Meine Kräfte sind gebunden. Selbst einen Zauber im selben Zimmer spüre ich nur ganz schwach, nicht zu reden von einem, der Hunderte Meilen entfernt gewirkt wird. Aber ich bin überzeugt, dass da Ruslan am Werk ist. Wer sonst hätte die Kraft und den Wunsch, den Grenzwall einzureißen?« Er erzählte Dev von den kränklich aussehenden Löchern in Stevannes’ Zauber und dass man ihn, Kiran, anschließend aus dem Arkanum verbannt habe. Devs Miene wurde grimmig, als er das hörte.

»Die Alather sagen mir überhaupt nichts und gehen auch nicht auf meine Hilfsangebote ein«, erzählte Kiran. »Marten sagt, ich solle Geduld haben, aber …«

»Marten nennst du ihn jetzt also?« Dev warf einen finsteren Blick zur Tür.

»Ich weiß, du misstraust ihm. Aber er und Lena waren freundlich zu mir. Die anderen dagegen, nun ja …« Verlegen brach er ab. So bissig Stevannes auch sein konnte, das war sicher nichts verglichen mit dem, was Dev im Bergwerk hatte ertragen müssen.

»Was war mit den anderen?«, hakte Dev nach.

Kiran zuckte die Achseln. »Sie vergessen für keinen Moment, dass ich ein Blutmagier bin.« Stevannes erwähnte das am deutlichsten, doch der Argwohn in den Blicken der anderen war Kiran auch nicht entgangen.

»Du bist keiner«, widersprach Dev glatt. »Nicht mehr. Scheiß auf die Alather, wenn die das nicht in ihren Schädel kriegen. Ich weiß, wovor du Angst hast. Die hab ich nämlich auch. Die Frage ist, wie wir den Rat davon abhalten können, uns an Ruslan auszuliefern.«

Schon bei der Vorstellung schnürte es Kiran die Kehle zu. »Das weiß ich nicht«, gab er zu. »Ich dachte, wenn ich einen starken Abwehrzauber entwickeln und ihnen anbieten könnte … aber ohne geeignete Zaubermittel und Zugang zu ihren Erkenntnissen ist das schwierig.«

»Zugang, ja.« Dev tippte sich an den Halsring und schaute betont zu den Wachzaubern am Fensterrahmen.

Kiran begriff und holte scharf Luft. Als Kind war Dev mit Magie behaftet gewesen und hatte sich an Wachzaubern vorbeischleichen können. Deshalb hatte er auch in einer Diebesbande gelebt. Als Erwachsener besaß er diese Gabe nicht mehr, hatte aber bei der Überquerung des Gebirges bewiesen, dass er diesen Mangel durch Pfiffigkeit wettmachte. Vielleicht könnte er ins Arkanum eindringen und Kiran besorgen, was er brauchte. Angesichts der Halsfessel und der Bewacher schien das unmöglich. Doch augenscheinlich war es seine besondere Gabe, unmögliche Aufgaben zu vollbringen.

Dev fuhr sich durch die drahtigen dunklen Haare. Er warf noch einen Blick zur Tür und zog dann einen Brief aus dem Hemd.

»Ich habe eine Nachricht von Cara. Dachte, du willst sie vielleicht lesen. Es geht ihr gut.« Er legte warnend einen Finger an die Lippen und sah Kiran eindringlich an.

Kiran konnte nicht spüren, ob sie gerade magisch bespitzelt wurden, doch da Dev offenbar Lauscher fürchtete, wollte Kiran vorsichtig sein. Er nickte Dev unauffällig zu und nahm den Brief. Seine Neugier wuchs.

Während er das Schreiben überflog, hielt er den Atem an. Seine Finger, die das Papier umklammerten, wurden weiß. Bevor Marten Cara seinerzeit an die Grenze brachte, hatte sie Kiran beiseitegenommen und ihm hastig zugeflüstert, dass sie Pello erzählen werde, was sie wusste, wenn der ihr dafür helfe, Melly zu befreien. Kiran war erleichtert gewesen. Cara war ihm so tüchtig, so zuversichtlich vorgekommen, dass er geglaubt hatte, ihr würde es gelingen, das Versprechen einzulösen, das Dev wegen seiner Gefangennahme nicht einhalten konnte. Wenn in diesem Brief nun von Pello die Rede war, wenn sie ihn also nicht finden konnte und auch kein anderes Mittel wusste, um Melly zu retten … »Meint sie den Kerl mit der Flickenmütze?«

Dev nickte mit zusammengepressten Lippen.

»Dev …« Kiran wurde ganz flau im Magen. Er neigte sich zu ihm und flüsterte: »Ich weiß, es ist meine Schuld, dass du hier festsitzt. Ehrlich, ich habe Simons Wirkmuster schon fast entschlüsselt. Vielleicht kann ich mit Marten aushandeln …«

»Nein! Handle nicht mit Martennan«, flüsterte Dev scharf. »Noch nicht. Wenn du mir helfen kannst, dieses verfluchte Würgeeisen loszuwerden und an den Wachzaubern vorbeizukommen, habe ich eine bessere Idee.«

Die Tür knarrte, sodass Dev hastig auf Abstand ging. Lena streckte den Kopf herein. »Dev, die Haushälterin sagt, dass dein Zimmer fertig ist. Ich dachte, nach der langen Reise möchtest du vielleicht baden und dich umziehen.«

Dev stand auf. »Klar. Ich habe bestimmt eine Fuhre Kohlenstaub abzuschrubben.«

»Anschließend kann ich dir den Garten zeigen«, schlug Kiran vor. »Er ist wirklich hübsch.« Im Gegensatz zu den Wänden im Haus waren in der Gartenmauer keine Lauschzauber eingelassen, und der plätschernde Brunnen würde eine leise Unterhaltung übertönen. Vielleicht konnte er Devs Halsring berühren und den eingewirkten Zauber lesen … Ein Amulettzauber ließ sich vorübergehend außer Kraft setzen, wenn man das Amulett beschädigte oder an einer Stelle veränderte, die für den Magiefluss wichtig war. Allerdings wusste er nicht, was Dev, sollte er die Wachzauber überlisten, unternehmen würde, um Melly noch zu helfen. Ins Arkanum zu schleichen war schon schwierig genug; bis zur Grenze zu gelangen, bevor seine Abwesenheit auffiel, schier unmöglich.

»Garten, das klingt gut«, stimmte Dev zu. Beim Hoffnungsschimmer in seinen Augen wurde es Kiran warm ums Herz. Gleichgültig was Dev auch vorhatte, Kiran würde ihn nie im Stich lassen. Nicht, nachdem Dev für ihn so viel aufgegeben hatte.

×

»Bei Khalmets Hand, ich kann es immer noch nicht fassen, wie grün es hier ist.« Dev überblickte mit großen Augen den Garten. Kiran kannte das Gefühl. Es gab hier blühende Beete und weinberankte Lauben von einer Leuchtkraft, bei der Ninavel nicht mithalten konnte. Natürlich war hier Wasser nicht knapp. Er staunte nach wie vor, wie milde die Witterung in Alathien war. Die Sommerhitze in Ninavel hielt sogar die niedrigsten Diener ab, während der Mittagszeit aus dem Haus zu gehen. Hier in Tamanath hingegen stand er mit Dev in der prallen Sonne und fand es angenehm warm.

Devs Blick schweifte über die Gartenmauer. »Verdammter Mist«, murmelte er. »Die wissen, wie man Wachzauber platziert. Und kein Baum oder etwas anderes, das hoch genug wäre, damit ich über die Mauer springen kann. Durch die Rosenbüsche komme ich auch nicht bis zum Fuß der Mauer.« Dunkelrote und violette Rosen blühten ringsherum, ihre Stängel starrten vor Dornen. Fünfzehn Fuß darüber waren schwarze Wirbel und Schleifen in die Steine eingelassen und schützten jeden Zoll der Mauerkrone.

»Komm und sieh dir den Brunnen an«, sagte Kiran. In der Mitte des Gartens säumten Holzbänke ein Becken, in dem sich vier Schwäne aus Obsidian aufbäumten. Aus ihren Schnäbeln schossen Wasserstrahlen, und in dem Becken schwammen bunt blühende Wasserpflanzen. Kiran ging mit Dev an die hausabgewandte Seite des Brunnens. Als er sicher war, dass die Schwäne sie vor Blicken aus den Fenstern abschirmten, blieb er stehen.

»Ich werde versuchen, das Wirkmuster des Halsrings zu verstehen«, sagte er. »Halt still.« Er streckte die Fingerspitzen danach aus und riss sie zischend zurück, als es ihm sengend heiß in die Hand fuhr.

»Was ist los?«, fragte Dev.

»Marten hat den Reif gegen mich abgeschirmt.« Natürlich, die Heiler hatten ihm während der Untersuchung mehrmals Blut abgezapft und in Fläschchen gefüllt. Marten musste eins davon benutzt haben, um den Schutzschirm zu entwickeln. Kiran erinnerte sich, wie Marten den Halsring nur leicht mit dem Finger berührt hatte, und musste dessen Können bewundern.

»Scheiße.« Dev blickte wütend zum Haus hinüber. »Hätte ich mir denken können. Du hast nicht zufällig Kalumit bei dir?«

»Kalumit?« Kiran hatte nie davon gehört.

»Ein Mineral, das häufig in Sandstein vorkommt. Glasbläser und Mosaikleger verwenden es wegen der Farbe. Wenn man es im richtigen Verhältnis mit Kupfer und Öl mischt, kann man damit ein Amulett ausbrennen. In der Cheltman-Schlucht gab es Kalumitadern, doch ich hatte keine Gelegenheit, an eine ranzukommen, bevor ich hierher geschleppt wurde.«

»Ein Amulett ausbrennen …« Kiran ließ sich auf eine Bank sinken. Seine Gedanken überschlugen sich. Die Kalumit-Kupfer-Mischung stellte offenbar einen Leiter für Magie dar und konnte sie von ihren vorgesehenen Bahnen weglenken, sodass die Kräfte freigesetzt wurden und verpufften. »Im Arbeitszimmer gibt es geologische Abhandlungen. Vielleicht steht darin etwas über die Eigenschaften von Kalumit, und ich finde einen Ersatzstoff.«

Dev schlug mit der Faust auf den Brunnenrand. »Gut. Sowie ich aus diesem Gefängnis raus bin, gehe ich zum nächsten Handelshaus, das Geschäfte mit Ninavel macht. Im Hochsommer werden alle paar Tage Kuriere losgeschickt. Ich werde mich einschleichen und eine Nachricht für Cara zwischen die Briefe schmuggeln. Ich kenne ein paar Geheimnisse, mit denen sie bei einem Bandenchef vorgelassen wird, der dann einen Handel mit Sechaveh einfädeln kann. Wenn sie es geschickt anstellt, wird er sie sogar davor schützen, hinterrücks erstochen zu werden.«

Zögernd sagte Kiran: »Es wird aber einige Zeit dauern, bis wir die Wachzauber umgangen haben, und der Brief nach Ninavel braucht dann noch Wochen. Wird er nicht zu spät ankommen?«

Dev ließ den Kopf hängen. »Wahrscheinlich.« Als er aufblickte, sah Kiran nackte Verzweiflung in seinen Augen. Es traf ihn wie ein Schlag. »Doch etwas Besseres fällt mir im Augenblick nicht ein. Ich werde noch im Arkanum nachsehen, ob dort irgendwelche konfiszierten Amulette lagern. Wenn wir nämlich dein altes, das fremde Magie abwehrt, in die Hände bekämen …«

»Ach, da seid ihr beide.« Marten kam um den Brunnen herum, so gut gelaunt wie immer. Dev schwieg und lehnte sich so entspannt gegen die Bank, als hätte er mit Kiran eben über die Pracht des Gartens geplaudert. Kiran bemühte sich, nicht schuldbewusst auszusehen.

Marten wurde ernst. »Kiran, ich habe etwas Wichtiges mit dir zu bereden.«

Kiran zog es den Magen zusammen. Überlegte der Rat nun doch, ihn an Ruslan auszuliefern? »Worum geht es?«

»Du wirst sicher begriffen haben, was die jüngsten Erdbeben bedeuten«, begann Marten. »Und dass sie nicht der einzige Grund für uns zur Sorge sind.«

Kiran nickte. Der Klumpen in seinem Magen wurde noch schwerer.

»Kurz gesagt, wir haben alarmierende Schwankungen in der Abwehrmagie der Grenze bemerkt.«

Kiran schloss die Augen. Das hatte er sofort vermutet, als er die Löcher in Stevannes’ Zauber gesehen hatte. Doch nun die Bestätigung zu bekommen … Die Angst wühlte ihn auf. »Wie lange wird der Wall gegen Ruslan noch standhalten?«

»Ich fürchte, ich darf auf Einzelheiten nicht eingehen«, sagte Marten. »Nur so viel: Ruslan ist vielleicht gar nicht der Verursacher.« Auf Kirans ungläubige Miene hin stieß er ein freudloses Lachen aus. »Doch, wir haben ihn durchaus verdächtigt. Aber heute kam ein Schreiben von unserer Botschaft in Ninavel, das uns ernsthaft daran zweifeln lässt.«

Kiran wechselte einen misstrauischen Blick mit Dev. Raffiniert wie er war, mochte es Ruslan vielleicht gelingen, andere zu täuschen, aber nicht Kiran. Und Dev offenbar auch nicht.

»Was steht in dem Schreiben?«, fragte Kiran.

Marten tauchte spielerisch die Hand ins Brunnenbecken und schnippte Wassertropfen von den Fingern. »Die Botschafterin vermutet, dass die Erdbeben mit einer Reihe von Magieturbulenzen in Ninavel zu tun haben, bei denen mehrere Magier umgekommen sind und die scheinbar darauf zielen, die Wasserversorgung der Stadt zu stören.«

»Wie bitte?« Dev richtete sich auf und kniff die Augen zusammen. Die Stadt hatte keine natürliche Wasserquelle. Wenn die Magier die Zisternen nicht mehr füllen konnten, war das Leben Tausender Menschen bedroht.

»Bislang ist Wasser noch nicht knapp«, fuhr Marten fort. »Und Sechaveh behandelt die Sache in aller Heimlichkeit. In der Stadt ist nur bekannt, dass ein paar Magier umgekommen sind. Selbst unserer Botschafterin ist es nicht gelungen, viel mehr zu erfahren. Sie glaubt aber, dass Ninavel das eigentliche Angriffsziel ist, nicht Alathien.«

Konnte sie damit richtigliegen? Nein. Das alles musste ein Trick Ruslans sein, um den Rat abzulenken, bis es zu spät zum Handeln war. Kiran spürte, dass er Kopfschmerzen bekam, und rieb sich die Stelle.

Dev grinste sarkastisch und lehnte sich zurück. »Und jetzt, wo ihr denkt, dass Ninavel in Gefahr ist und nicht euer kostbarer Grenzwall, da wird sich der Rat einfach zurücklehnen und zusehen, wie Sechaveh sich abstrampelt, wie?«

»Damit liegst du falsch«, erwiderte Marten. »Es spielt keine Rolle, ob der Grenzwall nun geschwächt wird, weil es jemand auf Ninavel abgesehen hat. Wir dürfen eine Schwächung unter keinen Umständen zulassen.«

Mit ernster Miene wandte er sich an Kiran. »Der Rat hat mir den Auftrag erteilt, mit ein paar Leuten nach Ninavel zu gehen und die Angelegenheit zu untersuchen. Kiran, ich würde dich gern dabeihaben.«

Kiran fuhr der Schreck direkt in die Glieder, sein Herz klopfte heftig. Stumm vor Entsetzen schüttelte er den Kopf. In die Stadt zurückkehren, in der Ruslan lebte? Wie konnte Marten das von ihm verlangen?

»Kiran, ich werde dich nicht zwingen«, versicherte Marten. »Aber wenn du uns hilfst, die Angriffe auf unseren Grenzwall aufzuhalten, wird Dev nach unserer Rückkehr freigelassen.«

Kiran wünschte sich so sehr, für Dev die Freiheit zurückzuerlangen, aber Ruslan wiederzubegegnen … nein. Unmöglich. Schon der Gedanke ließ ihm das Blut in den Adern stocken und brachte ihn zum Zittern. Zugleich schämte er sich seiner Feigheit. Dev hatte sich Simon und Ruslan entgegengestellt, ohne einen Funken Magie im Leib zu haben, allein um Kiran zu helfen.

»Ich soll schon wieder als Druckmittel herhalten?«, schnauzte Dev. »Das soll wohl ein Witz sein! Ausgerechnet ihn willst du nach Ninavel mitnehmen, Martennan? Welcher Taphthaschlucker hat sich das denn ausgedacht? Ruslan wird im Nu bei euch aufkreuzen. Ich kenne mich mit Magie zwar nicht aus, bin mir aber ziemlich sicher, dass er euch einen mächtigen Arschtritt verpassen wird.«

»Es ist wahr: Für einen einzelnen Magier bietet die Blutmagie die mächtigsten Zauber«, sagte Marten, und Kiran setzte zum Widerspruch an, doch der Magier hob die Hand. »Ja, Kiran, ich weiß, für gelenkte Zauber sind zwei Magier nötig. Aber nur der Bündelnde zaubert, der Lenkende hat die passive Rolle. Wie auch immer, ich will nur sagen, dass alathische Magie nicht so beschaffen ist, dass sie von einzelnen Magiern gewirkt wird. Selbst Blutmagie kann mit feinen Mitteln abgewehrt werden, wenn nur genügend Magier vereint agieren.«

»Angenommen, ihr könnt das tatsächlich, was ist mit meiner Zeichenbindung?«, wollte Kiran wissen. »In dem Moment, wo ich die Grenze passiere, hat Ruslan Gewalt über mich. Es sei denn … Moment, habt ihr etwa herausgefunden, wie sich die Bindung lösen lässt?« Von Hoffnung beflügelt sprang Kiran auf.

Marten schüttelte bedauernd den Kopf. »Leider nein, Kiran. Wir können die Bindung nicht lösen, ohne dich dabei zu töten.«

Kiran sank auf die Bank zurück. Natürlich konnten sie das nicht. Wie töricht von ihm, es zu hoffen, wo doch jeder Gelehrte bestätigte, dass die Bindung unlösbar war, solange beide Magier lebten.

»W

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