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Die Chroniken von Ninavel – Die Blutmagier

Über die Autorin

Courtney Schafer wurde in Georgia geboren, wuchs in Virginia auf und verbrachte ihre Kindheit damit, von Abenteuern in den zerklüfteten Gebirgen und weiten Wüsten ihrer Lieblings-Fantasyromane zu träumen. Sie entkam der Ostküste, indem sie in Kalifornien aufs College ging, und machte am Caltech einen Bachelor in Elektrotechnik. Dort lernte sie auch Bergsteigen, Skifahren, Tauchen und ihre gewaltige Buchsammlung so zu stapeln, dass im Falle eines Erdbebens niemand darunter zerdrückt würde. Nach dem College zog sie in das Bergsteigerparadies Boulder in Colorado und schaffte es irgendwie, einen Master in Elektrotechnik an der University of Colorado zu machen, wenn sie nicht gerade Ski fuhr oder Gipfel erklomm.

Heute arbeitet sie in der Luft- und Raumfahrtindustrie und ist mit einem australischen Wissenschaftler verheiratet, der ihre Liebe für Fantastik und Bergsteigen teilt. Seit der Geburt ihres Sohnes muss sie in den Adrenalinsportarten einen Gang zurückschalten, aber nur, bis er alt genug ist, um mitzumachen. Sie schreibt in jeder freien Minute, in der sie nicht arbeitet oder Abenteuer mit ihrer Familie erlebt.

Courtney Schafer

DIE CHRONIKEN VON
NINAVEL

Die Blutmagier

Roman

Aus dem amerikanischen Englischen
von Angela Koonen

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Robert,
der sich in meinem Herzen auskennt

EINS

DEV

Sowie ich Brens Hintertür öffnete, war klar, dass ich mir mit dem neuen Auftrag Ärger einhandelte. Normalerweise läuft es nämlich so: Bren wartet auf mich, allein, mit einem Päckchen auf dem Tisch und meinem Vorschuss in der Hand. Nichts Kompliziertes, keine Überraschungen. Als ich Bren also nicht allein warten und kein Päckchen auf dem Tisch liegen sah, wurde ich ein bisschen unruhig. Mein erster Gedanke war, Bren habe jemanden verärgert, bei dem er sich das besser verkniffen hätte, und habe mich obendrein verraten. Doch der Fremde bei ihm sah nicht aus wie ein Gardist oder ein Vollstrecker, der auf eigene Rechnung arbeitete. Er war jung, gut gekleidet und nervös, was mich ein wenig beruhigte, weil somit andere Erklärungen wahrscheinlicher wurden. Vielleicht war er der jüngere Sohn einer reichen Familie, der bis zum Hals in Schulden steckte. Bren arbeitete manchmal auch als Geldeintreiber. Doch das interessierte mich nicht. Egal aus welchem Grund der Fremde hier war, ich wollte damit nichts zu tun haben.

»Ich komme später wieder«, sagte ich, im Begriff, die Tür zu schließen, aber Bren hielt meinen Blick fest und winkte mich herein.

»Dev! Du kommst gerade im rechten Moment!« Seine tiefe Stimme hatte diesen ärgerlich heiteren Tonfall, den er bei Nobelkunden anschlug. Er hatte sogar ein Magierlicht hervorgekramt und anstelle der alten Öllampe hingestellt. Das hellere, härtere Licht aus der facettierten Kristallkugel hob aber bloß die Risse in der Lehmziegelmauer und die Wachsflecke auf dem Tisch hervor.

Ich ging einen Schritt in das Zimmer und ließ die Tür hinter mir offenstehen. »Wer ist das?« Ich deutete mit dem Kopf auf den Fremden und sah Bren dabei böse an. In der Stadt mag ich Überraschungen nämlich gar nicht. Es ist selten mal eine gute dabei.

»Mach die Tür zu, dann erfährst du es.« Bren überging mein offensichtliches Missbehagen und wartete geduldig. Der Fremde wechselte nur schweigend das Standbein. Wie Bren sich gedacht hatte, gewann meine Neugier die Oberhand. Ich schloss die Tür, trat aber keinen Schritt näher, wollte lieber in der Nähe des Ausgangs bleiben.

»Dev, das ist Kiran. Er muss übers Weißfeuergebirge nach Kost. Ich sagte ihm, dass du der Beste bist, der verschwiegenste Führer, den ich kenne, und dass du das Gebirge kennst wie kein anderer. Du kannst ihn bei der nächsten Überquerung mitnehmen.«

Ich schluckte runter, was mir auf der Zunge lag – so was wie: Du willst mich wohl verarschen, Junge –, gab mir aber keine Mühe, ein gleichmütiges Gesicht zu machen. Mir war die Betonung auf »verschwiegen« nicht entgangen.

Seit mehreren Jahren schon brachte ich für ihn Päckchen übers Gebirge und durch den alathischen Grenzposten nach Kost. Die Alather waren, was Magie anging, mordsmäßig streng, dachten sich ständig neue Gesetze aus, damit die Leute keine benutzten außer den harmlosen Zaubern, die ihr Regierungsrat erlaubte. Da die Menschen aber sind, wie sie sind, sorgte das für einen schwunghaften Handel mit den einschlägigen Gütern. Und da dort jede etwas dunklere, wirksamere Magie verboten war, war es nicht allzu schwer, an dem bedauernswerten Magier vorbeizukommen, der an der Grenze Dienst schieben musste. Für mich war das leicht verdientes Geld. Aber ein paar verbotene Amulette zu schmuggeln war eine Sache, einen Menschen heimlich über die Grenze zu bringen eine ganz andere.

Bei Bren zuckte ein Mundwinkel. Ja, er hatte mir angesehen, was ich dachte.

»Ich weiß, du bist ein vielbeschäftigter Mann, Dev, aber der Auftrag ist einträglich. Der Lohn ist großzügig bemessen. Sehr großzügig. Und wer kann es sich schon leisten, einen zusätzlichen Gewinn auszuschlagen?«

Diesmal wahrte ich ein ausdrucksloses Gesicht, obwohl ich innerlich kochte. Er wusste es also. In dieser verfluchten Stadt ließ sich nichts lange geheim halten, aber ich hatte auf ein paar Tage Frist gehofft, bevor sich die Neuigkeit vom katastrophalen Ende meiner Partnerschaft mit Jylla verbreitete. Wir hatten uns gestern erst getrennt. Bren musste also eigens nach mir gefragt und sich somit bewusst gewesen sein, dass er ein zusätzliches Druckmittel brauchte, um den Auftrag an den Mann zu bringen. Und das Druckmittel hatte er auf dem Tablett serviert bekommen, verflucht noch eins. Ich brauchte Geld, und zwar dringend.

»Gutes Argument«, sagte ich. Bren guckte wie ein Kitfuchs mit einer fetten Henne im Maul. Um mich von meiner Wut abzulenken, musterte ich die menschliche Fracht, diesen Kiran, oder wie er hieß. Warum in Khalmets Namen wollte ein Nobelsprössling nach Kost und dann auch noch auf diese Art und Weise? Er schien ein bisschen zu alt zu sein, als dass er aus jugendlichem Trotz gegen seine Familie abhaute. Nobelleute trieben genau solche Machtspiele miteinander wie die Leute von der Straße, aber von einem solchen Fall hatte ich noch nie gehört.

Den kurzen Austausch zwischen Bren und mir hatte er ernst und schweigend verfolgt. Seine schwarzen Haare waren vorne so lang, dass sie ihm bis über die Augen fielen, wodurch man deren Ausdruck nicht gut sehen konnte. Es war nur zu erkennen, dass sie hell waren, wahrscheinlich blau, mehr nicht. Menschen mit so heller Haut wie seiner hatte ich schon gesehen, die stammten aus dem hohen Norden, hatten aber nicht so schwarze Haare wie er. Das wollte allerdings nicht viel heißen, da wir in Ninavel alle von Einwanderern abstammten, die noblen wie die einfachen Leute. An seiner Kleidung befand sich kein Wappen einer Familie oder eines Handelshauses, doch das zeigte nur, dass er kein kompletter Idiot war, sofern er dieses Treffen geheim halten wollte.

»Und die Bedingungen?«, fragte ich Bren.

»Sind die gleichen wie immer. Du sorgst dafür, dass es keine Fragen und keine Auffälligkeiten gibt, und bringst ihn über die Grenze nach Kost, zusammen mit meinem Päckchen. Zehn Prozent im Voraus plus Spesen, den Rest bei Rückkehr mit dem Beweis der Ablieferung.«

Er ließ es so einfach klingen. Gewöhnlich war es das auch, wenn es sich bloß um ein Päckchen handelte und es genügend Zaster für die sogenannten Spesen gab. Doch ich bezweifelte ernsthaft, ob ein Mensch so leicht zu verstecken sein würde, egal was für Hohlköpfe die alathischen Magier waren.

»Und der Lohn?« Wäre besser für Bren, wenn er mir jetzt eine anständige Summe nannte.

»Das Dreifache wie sonst plus Spesen.«

Ich schnaubte aufgebracht. Bren hatte mich in der Hand, aber ich war auch nicht ganz ohne Druckmittel. Wahrscheinlich gab es keinen anderen, der so verzweifelt war, den Auftrag zu übernehmen. »Das Dreifache, Spesen und zehn amuletttaugliche Edelsteine von Gerran für jedes abgelieferte Stück.« Gerran war sein Partner in Kost, der die Ware an die Käufer weitergab. Seine rechtmäßigen Geschäfte bestanden in der Einfuhr von Edelsteinen, Metallen und Erzen.

Jetzt war es Bren, der empört schnaubte. »Damit wird Gerran nicht einverstanden sein, und das weißt du.« Er sah mich forschend an und trommelte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. Ich schwieg. Schließlich sagte er: »Vermutlich kann ich ihn zu fünf amuletttauglichen Edelsteinen überreden. Aber das gilt nur für diese eine Tour, verstanden?«

Meine Überraschung verbarg ich tunlichst. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass Bren so viele Steine hergäbe, allenfalls, dass er mir im Ganzen zwei oder drei bietet und meinen Pauschallohn erhöht. Hui. Dieser Kiran zahlte ihm offenbar ein Vermögen. Oder mir war das Entscheidende an dem Auftrag bislang entgangen.

»Noch etwas, das ich wissen sollte?«

Trotz meines spitzen Tons verzog Bren keine Miene. »Es ist ein recht einfacher Auftrag.« Sein entschiedener Blick sagte mir, dass ich mehr nicht aus ihm herausbekäme. Ich wog den Lohn gegen das nagende Gefühl des Unbehagens ab.

»Abgemacht«, sagte ich dann. Brens Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen.

Mit einer kleinen Steilfalte zwischen den Brauen hatte Kiran uns zugesehen. »Dann sind wir uns also einig? Wann reisen wir ab?« Er sprach leise, aber klar und mit einem schwachen Akzent, den ich nicht bestimmen konnte. Das machte mich umso neugieriger. Man hört in Ninavel alle möglichen Sprachfärbungen, und ich hatte bis dahin geglaubt, alle zu kennen.

Bren wandte sich breit lächelnd unserem Auftraggeber zu. »So ist es, alles abgemacht. Du wirst bei Dev in guten Händen sein, das versichere ich. Ihr werdet mit dem ersten Handelszug nach Kost die Stadt verlassen.« Er legte den Kopf schräg und sah mich an.

»Übermorgen«, sagte ich. »Wir treffen uns zwei Stunden vor Sonnenaufgang am Aranbrunnen beim Weißfeuertor. Du weißt, wo das ist?« Kiran nickte. »Du brauchst nichts mitzubringen. Ich sorge für die Ausrüstung.« Tausend Kenets hätte ich gewettet, dass er kein einziges gebirgstaugliches Kleidungsstück besaß. Ich musterte seine glatten, zarten Hände und seufzte. Handschuhe waren unerlässlich. Und Salbe. Dabei fiel mir noch etwas ein. »Du kannst doch reiten?«

»Ja.« Seine Nervosität, die sich bisher nur in seiner Haltung gezeigt hatte, war nun auch in seinem Gesicht zu sehen. »Das heißt, nicht gut. Ich reite nicht oft, weiß aber, wie man es macht.«

»Na bestens«, sagte ich erleichtert. Manche Nobelleute hatten fürs Reiten nichts übrig, das taten nur Diener und die Leute von der Straße, die sich keine Kutsche leisten konnten. Andere dagegen waren auf Pferde ganz versessen. Man wusste nie.

Bren gab noch ein paar Lobhudeleien über mich ab, während er Kiran hinausgeleitete. Es gelang mir mit Mühe, dabei nicht die Augen zu verdrehen. Zum Glück gab Bren, sowie er die Tür geschlossen hatte, seine falsche Munterkeit auf.

»Mensch, Bren, du hast ziemlich dick aufgetragen, wie ein sulanischer Amulettverkäufer.«

Bren zuckte die Achseln. »Das erwarten diese reichen Sprösslinge doch.« Er drückte die Hände gegen eine ziselierte Kupferplatte in der glatt verputzten hinteren Wand. Die Schutzadern leuchteten silbern auf, als sie ihn erkannten, und gaben seinen Geldschrank frei.

»Worum geht es hier eigentlich?«

Bren lächelte, aber nicht annähernd so breit wie vor Kiran. »Soll ich mir jetzt eine hübsche Lüge für dich ausdenken?«

Ich verzog das Gesicht, erwiderte aber nichts. Die Antwort hatte ich wohl verdient. Als ich damals für ihn zu arbeiten anfing, machte er mir klar, was er von seinem Kurier erwartete: dass er den Mund hielt und keine Fragen stellte.

Bren nahm einige gut verschnürte Päckchen aus dem Geldschrank, legte einen Wechsel obendrauf und schob alles über den Tisch zu mir. »Hinter der Grenze bringst du ihn ohne Umwege zu Gerran, ganz gleich was Kiran sagt. Unverzüglich. Und lass ihn nicht aus den Augen.« Er beugte sich vor und sah mir in die Augen. »Erst dann ist der Auftrag erledigt. Und Gerran und ich erwarten Diskretion. Äußerste Diskretion. Verstanden?«

Ja, ich verstand sehr gut. Entweder machte Kiran für jemanden den Boten, der ihm nicht traute, oder Gerran wollte aus Kirans Ausflug zusätzlichen Gewinn schlagen, und der sollte davon nichts merken. Scheiße. Der Auftrag wurde immer verrückter. Ich sah Bren böse an.

»Scheinbar doch ein bisschen heikel für so einen einfachen Auftrag, meinst du nicht?«

»Du hast die Bedingungen akzeptiert«, erwiderte er warnend.

Das war die letzte Gelegenheit, noch auszusteigen. Ich warf einen Blick auf den Wechsel. Ich wünschte Jylla in Shaikars finsterste Hölle, weil ich durch sie gezwungen war, den Auftrag anzunehmen.

»Na schön.« Ich steckte den Wechsel ein. »Ich hoffe für dich, dass sich die Sache lohnt, Bren.«

×

Nur die höchsten Türme zeigten sich noch im schwachen Schein der Sonne, die ihre hellen Steine wärmte, als ich von Bren wegging. Die hohen Mauern und Häuser verstellten mir den Blick auf die Berge im Westen, aber ich hatte oft genug gesehen, wie der verschneite Gebirgskamm das Blau der Dämmerung annahm und sich die Schatten über das Wüstental ausbreiteten. Ich konnte es kaum erwarten, wieder dort hinaufzusteigen. Nach dem langen Winter in der Stadt war ich immer ein bisschen gereizt, aber diesmal wollte ich aus anderen Gründen von Ninavel weg.

Mein Eilschritt wurde schließlich von den allabendlichen Bummlern gebremst. Nach Sonnenuntergang geht es in der Stadt lebhaft zu. Dann sorgt ein kühler Wind für Linderung nach der sengenden Hitze des Tages. Die Menschen strömen auf die Straße, kaufen ein, gehen etwas trinken, stehen plaudernd beisammen und sehen den Straßenkünstlern zu. Aus den Augenwinkeln sah ich einen Jungen durch die Menge flitzen. Er spielte kichernd und quiekend mit einem anderen Fangen. Die Erwachsenen beachteten sie kaum, aber ich erkannte sehr wohl die Absicht der geduckten Flitzer und schmunzelte. Behaftete waren sie, wenn auch nicht stark behaftet, sonst würden sie eine schwierigere Arbeit verrichten als Straßendiebstahl. Ich versuchte, ihren Aufpasser zu entdecken, doch der fiel durch nichts auf. Ich warf einen Blick auf die Schutzamulette, die ich an beiden Handgelenken trug. Das Silber glänzte makellos, und die Steine blieben klar. Mein Zaster und Brens Ware waren sicher, zumindest vor so kleinen Behafteten wie diesen.

Plötzlich verstummten die Gespräche, es wurde still auf der Straße, die Leute wichen an den Rand zurück wie Raureif in der Mittagssonne und bildeten eine Gasse für eine einsame Gestalt, die noch ein gutes Stück entfernt war.

In anderen Städten sind es Könige und Adlige, die diese Art Aufregung hervorrufen, habe ich mir sagen lassen. Nicht so in Ninavel, das ganz am westlichen Rand von Arkennland liegt, sodass die Reise zur Königsstadt ein Jahr dauert. Denn Ninavel ist der Tummelplatz von Magiern jeglicher Färbung, und die gewöhnlichen Menschen lernen schnell, ihnen nicht in die Quere zu kommen.

Als Sechaveh zum ersten Mal ins Malerische Tal kam und mit dem Bau von Ninavel begann, hielten ihn die Leute für irre. Nur ein Hohlkopf gründet mitten in der Wüste eine Stadt, höhnten sie. Doch der verschlagene Sechaveh sandte Boten zu allen Magiern, die sich finden ließen, und versprach, wenn sie in seine Stadt kämen und Wasser herbeizauberten, dann dürften sie ihre Magie, wie dunkel sie auch sei, ungehindert betreiben. Sie blieben von Gesetzen, Verordnungen und Steuern verschont, sofern sie sich am Wasserdienst beteiligten. Das Versprechen zog Magier an wie Pfirsichblütennektar die Ameisen, besonders solche, denen Magie anderswo verboten war. Natürlich ist magische Begabung selten, starke magische Begabung noch seltener, und selbst in Ninavel sieht man meistens nur mittelmäßige Zauberer, die kaum mehr als ein anständiges Amulett hinbekommen. Doch ein Amulett kann das Blut eines Menschen zum Kochen bringen oder sein Gehirn aufweichen, weshalb auch die mittelmäßigen Magier einen schrecklichen Feind darstellen, wenn man sie verärgert hat.

Nach dem angstvollen Schweigen der Leute zu urteilen, war der sich nähernde Magier mehr als Mittelmaß. Ich reckte den Hals, um an ein paar Kaufleuten vorbeizuspähen und die Sigilla an seiner Kleidung erkennen zu können. Gelegentlich hatte ich auf dem seidenen Hemd eines Mannes die goldenen, windungsreichen Zeichen der Sandmagier gesehen, und einmal sogar – aber nur von Weitem – eine Frau mit den unheimlichen, bleichen Spiralen der Knochenmagier am Kleid. Mächtigere waren mir bislang noch nicht begegnet.

Die Kaufleute starrten mit offenem Mund und wichen noch weiter zurück. Ich selbst holte erschrocken Luft, als ich die gezackten schwarz-roten Sigilla ausmachte.

Ein Blutmagier! Bei den Göttern, ich hätte nicht geglaubt, mal einen leibhaftig vor mir zu sehen. Aber mir waren schon viele haarsträubende Geschichten zu Ohren gekommen. Wie jeder weiß, müssen Magier die Kräfte für ihre Zauber irgendwie beschwören, aber die meisten finden dafür Mittel und Wege, bei denen man nicht aschfahl wird, wenn man sie nur hört. Blutmagier dagegen … sie sind selten wie Nebel in der Wüste, doch es heißt, ihre Magie sei so wirksam, weil sie mit Schmerzen und Tod gespeist wird. Und je blutiger und scheußlicher und je langsamer der Tod, desto wirksamer.

Ich drückte mich mit den verängstigten Kaufleuten an die Hauswand, konnte aber nicht widerstehen und wagte einen Blick. Wegen der Geschichten meint man immer, ein Blutmagier sähe entstellt und böse aus, aber dieser sah aus wie ein gewöhnlicher Mensch. Er war groß und breitschultrig und hatte dichte, wellige kastanienbraune Haare, die ihm nach Art der Noblen bis über die Schultern reichten. Dazu war er arrogant wie nur was. Es war die Art Arroganz, die gewöhnliche Nobelleute immer so angestrengt imitieren. Wie wäre es wohl zu wissen, dass man tun kann, was man möchte? Alles, was man sich nur denken kann?

Ich wagte also einen raschen Blick und hätte mir fast in die Hosen geschissen, denn er sah mir direkt in die Augen. Mit seinem kalten starren Blick spießte er mich auf wie der Angler einen Wurm und ließ mich zappeln. Schließlich lächelte er amüsiert – und so boshaft, dass mir der Magen durchsackte – und schritt weiter.

Mit starkem Herzklopfen sank ich gegen die Hauswand und gelobte, beim nächsten Khalmet-Tempel ein Opfer zu bringen, und zwar ein großes, denn zweifellos hatte ich es dem Glücksgott zu verdanken, dass ich verschont wurde, nachdem ich so dämlich gewesen war, die Aufmerksamkeit eines Blutmagiers auf mich zu ziehen. Der hatte sich wahrscheinlich auf die Straßen begeben, um frische Opfer für seine Zauberei zu finden. Wenn ich mir deren Schicksal ausmalte, bekam ich eine Gänsehaut.

Ich riss mich zusammen. Ehe ich die Reise nach Kost vorbereitete, hatte ich einen Besuch zu machen. Ich bog in die nächste Gasse ein und lief bis zum anderen Ende, wo der Mörtel zwischen den großen Steinquadern herausgebröckelt war. Dort konnte ich mühelos die hundert Fuß zum Dach hinaufklettern, indem ich die Finger und Schuhspitzen in die Lücken schob. In der Stadt macht das Klettern nie solchen Spaß wie in den Bergen.

Die Aussicht ist allerdings auch nicht schlecht. Bunte Magierlichter leuchteten und funkelten in den Nobeltürmen wie die sagenhaften Suliyya-Juwelen, überstrahlten die Sterne des Abendhimmels und den warmen Lampenschein aus den Straßen. Über den himmelhohen Stadttürmen im Westen erhob sich die dunkle Masse des Gebirges, dessen schneebedeckter Zackenkamm im Zwielicht bleich hervorstach.

Bei dem Anblick wurde mir schon wohler. Ich lief über das Dach zu einer kleinen Kuppel und einem Fenster, wo warmes Licht durch einen Vorhang drang. Nach ein paar schnellen Handgriffen am Fensterschloss schob ich den Vorhang beiseite und ließ mich in den hell gestrichenen Raum darunter fallen.

»Dev!« Liana empfing mich strahlend an dem langen Tisch, wo sie gerade das Geschirr abräumte. Überall am Boden lag Spielzeug verstreut, und sie musste lauter sprechen, weil die Kinder, die am anderen Ende des großen Raumes spielten, aufgeregt kreischten. »Du könntest auch die Tür benutzen, weißt du. Wir würden dich bestimmt reinlassen.«

»Nee, lass mal, so macht es mehr Spaß«, sagte ich. »Außerdem magst du doch Überraschungen.« Die Kinder kamen angestürmt und warfen sich gegen meine Beine, kicherten und riefen meinen Namen.

»Dev, was hast du mitgebracht, was hast du mitgebracht?«, schrie der Kleinste. Ich hob ihn hoch, kitzelte ihn sanft und warf ihn in die Luft. Dort schwebte er dann. Ich machte extra große Augen.

»Nicht doch! Das kann nicht Tamin sein. Tamin kann nur mannshoch in die Luft steigen!«, rief ich aus und griff nach ihm, um ihn zu kitzeln. Er sauste in die Höhe und entwischte mir.

»Ich bin aber Tamin! Guck mal, was ich kann, Dev! Liana sagt, nächsten Monat bin ich alt genug, um mit den anderen arbeiten zu gehen!«

Die anderen Kinder forderten lärmend meine Aufmerksamkeit. Ich teilte die Bonbons aus, die ich für sie aufgespart hatte, und bestaunte ihr Können, als sie die Bonbons schweben und tanzen und gegeneinander prallen ließen. Suchend schaute ich über die Köpfe: Jek, Porry, Alsa, Kuril, Ness, Jeran, Melly … und runzelte die Stirn. »Wo ist Tobet?«

Ich hatte Liana gefragt, aber die Antwort bekam ich von der elfjährigen Melly. »Er kam in den Wandel und konnte nicht mehr schweben. Darum hat der Rote Dal ihn zu seiner neuen Familie geschickt.« Sie hob das Kinn, und ihre braunen Augen sprühten vor Stolz. »Und mich hat er zum Aufpasser gemacht, Dev. Heute Abend wirke ich die Abwehrtricks, und die Kleinen müssen tun, was ich sage.«

Aufgrund langer Übung bekam ich einen heiteren Ton hin. »Wurde auch Zeit, was, Mädchen? Mit deiner Begabung wirst du einen prima Aufpasser abgeben.«

Dabei fing ich Lianas Blick auf, und einen Moment lang teilten wir eine bittere Erinnerung. Der Wandel ist für den Behafteten eine schreckliche Sache. Eben noch ist man glücklich und versorgt, kann fliegen, schweben, Purzelbäume in der Luft schlagen und alle möglichen lustigen Tricks machen. Dann setzt das Entwicklungsalter ein, und die magischen Kräfte schwinden auf immer. Man ist für den Hehler nutzlos, weshalb man an den Nächstbesten verkauft wird. Eine neue Familie für Tobet, ja, klar. Auch so eine schöne Lüge von Dal, mit denen er seine Behafteten willfährig hielt, abgesehen von seinen Folg-mir-Zaubern. Und wenn ich den Kindern etwas anderes erzählte, wäre ich am nächsten Morgen tot und sie ebenfalls. Die Bandenführer der Stadt riskieren keinen Aufstand ihrer Behafteten.

Die Kinder schwatzten aufgeregt weiter, die jüngeren sausten durch die Luft wie Fliegen. Liana schnappte Tamin beim Fußgelenk.

»Kinder, beruhigt euch, ja? Ihr habt eine arbeitsreiche Nacht vor euch, und ich möchte nicht, dass ihr vorher schon müde seid.« Sie murrten, ließen sich aber gehorsam von Liana in die Spielecke scheuchen.

»Ein Auftrag, hm?« Ich warf mich neben Liana auf einen Stuhl.

»Ja. Der erste seit einigen Tagen. Darum sind sie ein bisschen überdreht.«

Ich fragte gar nicht erst, worin der Auftrag bestand. Liana ließ mich um der alten Zeiten willen noch herein, aber ich arbeitete nicht mehr für den Roten Dal. Er nähme es nicht gut auf, wenn ich neugierig würde. Mein Blick blieb an Mellys dunkelroten Haaren hängen. Über ein kunstvolles Fadenmuster gebeugt, sprach sie mit Ness und Jeran einen Reim. Unmöglich zu sagen, wie viel Zeit ihr noch blieb. Ich dachte an das Lächeln des Blutmagiers und unterdrückte ein Schaudern. Als Erwachsener hatte ich schon zu viele Geschichten über gewandelte Kinder gehört, die an anonyme Kunden verkauft und nie wieder gesehen wurden.

Liana sah meinen Blick. »Dev, wegen Melly …« Sie sprach den Satz nicht weiter. Beim Anblick ihres unglücklichen Gesichts zog es mir den Magen zusammen.

»Was ist los?« Mellys Behaftung konnte nicht schon schwinden. Bei den Göttern, doch nicht jetzt schon. Nicht, wo ich gerade keine Gelegenheit hatte, mein Versprechen an ihren Vater in die Tat umzusetzen.

Liana las es mir von der Stirn ab. »Keine Angst, ihre Behaftung ist noch stark. Aber …« Sie neigte sich heran und flüsterte: »Morra hat den Roten Dal mit einem Mann reden sehen, der das Abzeichen von Karonys’ Haus trug.«

Unter dem Tisch ballte ich die Fäuste. Also holte er für Melly schon Angebote der besten Freudenhäuser ein. Das überraschte mich nicht. Sethan war ein gut aussehender Mann gewesen, aber seine Tochter übertraf ihn an Schönheit bei Weitem. Und sie hatte seine Haare geerbt, dieses leuchtende Dunkelrot der Magierflammen, in Ninavel eine seltene Farbe. Der Rote Dal würde ein Vermögen für sie einstreichen, das stand fest. Aber Karonys’ Haus … Scheiße. Die lieferten an Noble mit widerlichen Vorlieben und hielten ihre Weibchen mit Taphthasaft gefügig. Melly würde schon nach ein paar Tagen dort zur willenlosen Puppe werden und schließlich den Verstand verlieren. Mir wurde übel.

»Noch ist nichts abgemacht, Dev. Vielleicht wird ein anderes Haus Karonys überbieten.« Liana hörte sich an, als wollte sie sich selbst überzeugen.

»Klar.« Mehr sagte ich nicht, da ich meiner Stimme nicht traute. Nach allem, was Sethan für mich nach meinem Wandel getan hatte, würde ich ganz bestimmt nicht zulassen, dass ein Freudenhaus Melly in die Finger bekäme. Im Stillen schwor ich, alles Menschenmögliche zu tun, um Brens vermaledeiten Auftrag auszuführen. Karonys könnte ich nicht überbieten, aber mein versprochener Lohn würde für eine andere, riskantere Lösung reichen. Weder der Rote Dal noch Karonys würden den Diebstahl von kostbarem Besitz gut aufnehmen, aber mit genügend Zaster ließe sich unsere Spur verwischen und ich könnte Melly fern von Ninavel ein neues Leben einrichten.

»Es tut mir leid, Dev.« Liana legte mir eine Hand auf den Arm. »Geht’s einigermaßen? Ich habe das mit Jylla gehört …«

Ich biss die Zähne zusammen. »Bei Khalmet! Man könnte meinen, es hätte sich einer auf den Altonturm gestellt und es ausgerufen.«

»Aber ihr zwei wart seit eurem Wandel zusammen. Ich verstehe das nicht. Nur weil sie einen Noblen zum Ausquetschen gefunden hat … das hat dich doch sonst nie gestört.« Ich sah Lianas betroffenes Gesicht und verkniff mir ein saures Lächeln. Khalmet sei Dank, sie wusste nicht mal die Hälfte. Ich zuckte die Achseln und bemühte mich um einen sorglosen Ton.

»Ich komme zurecht. Hab einen Auftrag bekommen und muss nach Kost. Darum bin ich hier, wollte mich vorher verabschieden.«

»Ach, gut, du liebst ja die Berge. Wir werden dich vermissen, ich und die Kinder.« Sie lächelte mich wehmütig an. »Pass auf dich auf, ja? Lass dich nicht von den Wölfen fressen.«

Es war immer amüsant, was Städter wie Liana über die Berge dachten. Wölfe. Ha. Viel gefährlicher waren Lawinen, Steinschläge und Gewitter. »Klar. Die verscheuche ich, und dann bringe ich dir und den Kindern aus Kost etwas mit.«

Ihre Augen leuchteten auf, und kurz sah ich wieder das dünne, schüchterne Mädchen von früher. Geschenke hatte sie schon immer geliebt. Ich drückte ihr ein paar Münzen in die Hand. »Danke für die Neuigkeiten. Halte ein Auge auf Melly, ja?«

»Soweit ich kann«, sagte sie leise. Ich stand auf und schaute zu Melly hinüber. Wachse langsam, Kind, beschwor ich sie still. In ein paar Wochen bin ich wieder hier.

KIRAN

Von einem Bein aufs andere tretend wartete Kiran neben dem Nachtjasminspalier. Zum hundertsten Mal sah er zu den Sternbildern auf, die über Lizavetas Hofmauer schienen. Die Stunde des Treffens mit Dev rückte heran. Doch ohne Lizavetas zugesagte Hilfe wagte er nicht, Ninavel zu verlassen. Er könnte es an Magie nicht mit Ruslan aufnehmen, und der würde ihn mit der Lässigkeit einer Sandkatze zur Strecke bringen, sowie er die Flucht bemerkte. Kiran pflückte eine Mondwindenblüte ab und zerdrückte sie in der Faust. Lizaveta hatte ihn in ihren Garten bestellt und Hilfe versprochen. Aber würde sie ihr Wort halten? Sie kannte Kiran seit seiner Kindheit, aber Ruslan kannte sie noch länger.

Als sich eilige Schritte näherten, fuhr er herum. Ein finsterer Jüngling im hellen Gewand der Diener schlüpfte durch das Gartentor. Mit gesenktem Blick übergab er Kiran ein versiegeltes Päckchen. Lizavetas Sigillum lag violett leuchtend über dem Schutzsiegel.

Kiran legte die Hand darüber. Die Kräfte stachen in seine Nerven, scharf wie Katzenkrallen, und das Siegel brach auf. Er faltete das Papier auseinander. Es enthielt eine juwelenbesetzte Silberscheibe an einer dünnen Kette und ein Briefchen in Lizavetas spitzer Handschrift.

Das Amulett wird dich verbergen, solange du das Zaubern unterlässt. Ruslan kehrt erst morgen bei Sonnenaufgang zurück. Nutze die Zeit klug.

Kiran stieß bebend den Atem aus. Der Diener war im Begriff sich zu entfernen. »Warte«, sagte Kiran. Gehorsam drehte sich der Jüngling um. »Richte ihr aus …« Kiran stockte. Trauer, Reue und Dankbarkeit ballten sich in seiner Kehle zusammen. »Sag ihr: athanya solaen.« Ein Abschiedsgruß in Lizavetas Sprache, von der er nur wenige Wörter kannte. Er hatte es Ruslan einmal zu ihr sagen hören.

Der Jüngling verbeugte sich und verschwand durch das Tor. Kiran legte den Brief auf die Handfläche und ließ Feuer entstehen. Blaue Flämmchen verzehrten das Papier und tanzten weiter in seiner hohlen Hand.

Wie klein war doch der Zauber, der nun der letzte seines Lebens sein sollte.

Die Flämmchen verloschen, als er die Hand schloss. Rücksichtslos unterdrückte er die Sehnsucht, die sie auslösten. Alisa hatte ihr Leben verloren. Verglichen damit war sein Verlust gering.

×

Der Aranbrunnen lag still da. Das Becken war leer. Sechaveh ließ die Springbrunnen der Stadt nur an seinen bevorzugten Feiertagen plätschern; andernfalls wäre es eine empörende Verschwendung von Wasser. Der Platz lag genauso still da. Kiran bekam Angst. Wo blieb Dev? Hatte er es sich anders überlegt?

Am anderen Ende des Wasserbeckens bewegte sich ein Schatten. Als er sich in Devs kleine, drahtige Gestalt verwandelte, seufzte Kiran erleichtert auf. Er versuchte, sich zu beruhigen. Dev durfte nicht merken, wie groß seine Angst war. Bren hatte ihm versichert, dass Dev keine Fragen stellte, doch in Brens Geschäftszimmer hatte er dann doch eine scharfe Neugier an den Tag gelegt. Wenn Dev die Wahrheit entdeckte, würde er Kiran sofort im Stich lassen. Ein unbegabter Bürger Ninavels würde keinesfalls den Zorn eines so mächtigen Magiers wie Ruslan auf sich ziehen wollen, ganz gleich wie gut er bezahlt wurde.

Dev sprach kein Wort, als er auf Kiran zukam, sondern bedeutete ihm nur, mitzukommen. Er führte ihn durch ein Labyrinth dunkler Seitenstraßen und Gassen zu einer splitterigen Holztür. Es roch stark nach Tieren, Mist und Heu. Dev öffnete sie und schob Kiran in einen staubigen Raum voller Kisten. Eine flackernde Kerze beschien einen groben Tisch, auf dem haufenweise Lederriemen und sonderbare Metallwerkzeuge lagen.

»Die Sache läuft folgendermaßen.« Dev schob die Kapuze in den Nacken, setzte sich auf eine Kiste und winkte Kiran neben sich. Devs grüne Augen verblüfften ihn noch genauso wie vorgestern, selbst in dem düsteren Licht. Die Farbe passte überhaupt nicht zu der nussbraunen Haut und den unfeinen dunklen Haaren, die in Ninavel so verbreitet waren.

»Ich habe als Vorreiter beim ersten ausgehenden Handelszug angemustert. Du wirst mein Lehrling sein. Bist zwar ein bisschen zu alt dafür, aber ich werde angeben, dass deine Familie bankrott gegangen ist und ich ihr einen Gefallen schulde.« Dev sah ihn forschend an. »Als Lehrling bekommst du Verpflegung, aber keinen Lohn. Und du musst arbeiten. Schwer arbeiten.«

Kiran merkte, dass Dev Widerspruch erwartete. »Das werde ich tun.« Kiran hatte schon endlose Stunden hoch konzentriert in Ruslans sonnigem Arbeitsraum zugebracht und mit Mikail präzise Wirkmuster für Übungszauber entwickelt. Verglichen damit konnte rein körperliche Arbeit nicht so schlimm sein.

Dev schaute skeptisch auf Kirans Hände, dann in sein Gesicht.

»Sofern … ich meine, sofern du mir zeigst, was ich tun muss. Ich bin nicht vertraut mit …« Kiran blickte über die Dinge auf dem Tisch und konnte ihren Zweck nicht erraten. »Was tut ein Vorreiter eigentlich?«

»Was weißt du über die Route zwischen Ninavel und Kost?« Dev klang, als rechnete er mit völliger Unwissenheit. Kiran richtete sich auf seiner Kiste steif auf. Über die Berufe der Unbegabten wusste er zwar nicht viel, aber seine geografischen Kenntnisse dürften Devs bei Weitem übersteigen.

»Sie beginnt am Westtor der Stadt und verläuft über zwei hohe Pässe im Weißfeuergebirge bis zur alathischen Grenze. Im Winter ist sie durch den Schnee unpassierbar. Der erste Handelszug im Frühjahr ist immer besonders groß, weil die Handelshäuser dann erpicht darauf sind, ihre Güter loszuwerden.«

Dev grinste schief. Offenbar war ihm Kirans Verärgerung nicht entgangen. »Stimmt, aber das ist nicht der einzige Grund dafür. Über das Gebirge führt keine glatte Pflasterstraße, wie wir sie in der Stadt haben. Die Handelsroute ist steinig, steil, stürmisch und stellenweise von Lawinen und Schneeschmelze zerstört. Die Wagen kämen nicht weiter, wenn man die Strecke nicht gleichzeitig ausbessern würde. Darum tun sich die Handelshäuser zusammen und buttern Geld für Ausrüstung und Arbeit hinein, damit das bewerkstelligt wird. Wer sich nicht beteiligt, muss eine Abgabe entrichten, wenn er später die Strecke befahren will.«

»Also hilft ein Vorreiter bei der Instandsetzung mit?«

»Nee, das tun die Zimmerleute und Steinmetze und ihre Gehilfen. Vorreiter sind so was wie Kundschafter. Während die Handwerker ihre Arbeit tun, erkunden wir das weitere Terrain und melden dem Zugführer die Schäden, damit er ordentlich planen kann. Manchmal brauchen wir nur vorauszureiten, und manchmal müssen wir Schneefelder überqueren und auf Steilfelsen klettern, um das Gelände zu überblicken. Das ist aber nicht unsere Hauptaufgabe. Wir müssen nämlich den Zug vor Gefahren bewahren.« Dev war ernst geworden.

»Du meinst vor Banditen?« Als Kind hatte Kiran viele Abenteuergeschichten gelesen, in denen tapfere Soldaten Räuberhorden besiegten, die aus den Bergen herabschwärmten, um die mit kostbaren Gütern beladenen Wagen zu plündern.

Dev brummte abschätzig. »Für die ist es noch zu früh, und der Zug ist viel zu groß. Die Banden warten, bis es wärmer wird und einzelne Wagen durchkommen. Nein, ich meine Lawinen, Steinschlag, Unwetter und dergleichen. Wir achten auf Schneehänge und Wetterveränderungen und sagen dem Zugführer, ob man sicher passieren kann.«

»Aber kann man das so genau wissen?« Verwendeten Vorreiter etwa irgendwelche Zaubermittel? Wettermagie war riskant und erforderte sorgfältige Beherrschung. Kiran hatte noch nie von einem Zauber gehört, der ausführlich und anpassungsfähig genug war, damit Unbegabte ihn verwenden konnten.

»Nein«, räumte Dev ein. »Wer die Berge gut kennt, kann eine recht genaue Vorhersage treffen. Aber mehr nicht. Manchmal irrt man sich, sodass Leute zu Schaden kommen oder sterben.«

»Hast du dich schon mal …?«

»Geirrt? Noch nicht. Aber ich habe zweimal ein Unglück erlebt, als ich noch Lehrling war. Beim ersten Mal ging nur ein Wagen verloren, und zwei Männer und ein Gespann Maultiere kamen um. Beim zweiten Mal war es …« Dev holte tief Luft und suchte nach dem passenden Wort. »Schlimmer«, sagte er schließlich und zwang sich dabei eine Ruhe ab, die Kiran gut kannte.

»Oh.« Mehr wusste Kiran dazu nicht zu sagen. Dev stützte seufzend die Ellbogen auf die Knie.

»Ehe wir über die Ausrüstung sprechen, muss ich von dir etwas wissen.«

»Was denn?« Kiran wurden die Hände feucht. Verschweigen fiel ihm leichter als Lügen.

Dev zögerte und zog die Stirn kraus. »Hör zu, ich bin bloß der Kurier, und deine Gründe gehen mich nichts an. Aber eines geht mich sehr wohl etwas an, weil davon nämlich abhängt, wie ich meinen Auftrag angehen muss. Du willst die Reise geheim halten, gut. Aber wessen Aufmerksamkeit wollen wir dabei eigentlich entgehen?«

Kiran atmete einmal tief durch, um zu überlegen. »Vornehmlich der der alathischen Grenzer. Aber es darf auch niemand auf mich aufmerksam werden, der für Sonnenauge oder Kolimann arbeitet.« Die größten Bankhäuser in Ninavel. Mit etwas Glück würde Dev annehmen, seine Reise sei nur ein geheimer Schachzug in dem Machtspiel, für das die großen Häuser berüchtigt waren. Sollte er Dev sagen, dass er gegen magische Spürmethoden bereits Vorkehrungen getroffen hatte? Nein. Dann würde er wissen wollen, gegen welche, und das würde zu viele gefährliche Fragen aufwerfen. Es wäre besser, die Sache einfach zu halten.

»Wie sehr wird man denn nach dir Ausschau halten?«

»Sie werden keine vereinten Anstrengungen unternehmen. Deshalb brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Sie wissen nicht, dass ich nach Kost reise. Nur sollte es auch so bleiben.«

»Und das ist alles?« Dev machte die Augen schmal. »Sicher?«

Kiran stellte sich seinem prüfenden Blick. Ein kurzer Einsatz seiner Kräfte und Dev würde alles glauben, was er sagte. Er bezwang sich. »Natürlich.«

Dev sah ihn noch einen Moment lang an, dann zuckte er die Achseln. »Na schön. Dann reichen ein paar einfache Kniffe.« Er warf ihm eine wachsversiegelte Lackdose zu. »Haarfarbe. Reib dir das in die Haare. Ich fixiere sie dann mit einem Bindezauber. Mit braunen Haaren siehst du eher aus, als kämst du aus dem Norden.« Ein Mundwinkel ging in die Höhe. »Mit den schwarzen stichst du hervor wie ein Rabe unter Hühnern. Ach, und wir müssen sie dir natürlich abschneiden, damit du nicht so vornehm erscheinst.«

Dev zog eine münzgroße Silberscheibe aus der Tasche. »Die musst du entweder auf der Haut tragen oder dir in die Haare binden.« Auf Kirans fragenden Blick hielt er sie ins Licht. »Das ist ein Sieh-weg-Amulett. Ein dezentes, kein protziges. Viele von uns tragen Amulette. Das fällt niemandem auf.« Er zeigte seine silbernen Armreifen, die Kiran schon an den Runenadern als simple Schutzamulette erkannt hatte.

Dev hielt ihm das Sieh-weg-Amulett hin. Kiran nahm es zögerlich. Zu seiner Erleichterung lag es ruhig in seiner Hand, ohne zu funkeln oder aufzuleuchten, und auch Lizavetas Amulett, das er in der Kleidung trug, reagierte nicht. Gut. Das hieß, Devs Amulett war klein und simpel genug, um die Magie des anderen nicht zu stören. Kiran legte es hin und öffnete die Lackdose. Die Paste darin stank widerlich.

Kiran überwand sich und schöpfte eine Handvoll heraus. »Sag mir bitte, dass der Gestank nach der Fixierung weggeht.«

Zum ersten Mal sah er Dev lachen. »Betrachte das einfach als Einstimmung auf die Reise, Stadtjunge. Hast du schon mal die Maultierscheiße eines ganzen Handelszuges unter der Nase gehabt?« Bei Kirans unwillkürlicher Grimasse lachte er noch ausgelassener.

ZWEI

DEV

Als ich zum ersten Mal einen Handelszug sah, der sich für eine Gebirgsüberquerung bereit machte, hätte ich vor Staunen Mund und Augen aufgerissen, wäre ich nicht wild entschlossen gewesen, Sethan zu beeindrucken. Die schiere Anzahl von Leuten, Tieren und Wagen in dem Sammelhof war schon unglaublich, doch wie reibungslos und tüchtig alles vonstatten ging, das machte mich sprachlos. Die Anführer der Diebesbanden konnten sich nur wünschen, ihre Leute wären ebenso flink und diszipliniert. Später rief meine begeisterte Schilderung ein ironisches Funkeln in Jyllas schwarze Mandelaugen, und sie bemerkte dazu, dass in den Augen eines Handelshauses auch der härteste Bandenführer nur ein Sandfloh sei.

Jylla. Zur Hölle mit ihr. Wie lange würde es dauern, bis sich die Erinnerung an sie nicht mehr anfühlte wie ein Messer in den Eingeweiden?

Ehe ich mich Kiran zuwandte, setzte ich ein gleichmütiges Gesicht auf, hätte mich aber gar nicht zu bemühen brauchen, denn er war so sehr von dem Betrieb im Sammelhof gefangen genommen, dass ihm auch entgangen wäre, wenn ich gejammert und geflucht hätte wie ein varkevischer Dämonensänger. Ich musterte ihn noch mal im grauen Morgenlicht. Die nunmehr braunen Haare reichten ihm nur noch bis über den Kragen. Unter seinen Fingernägeln saß der Dreck, und seine Kleider waren alt und passten schlecht, bestanden aber aus zähem Leder. Ja, er würde als Mann von der Straße durchgehen. Jedenfalls solange er daran dachte, den Mund zu halten.

Der Sammelhof am Westtor befand sich in der Bastei der Sandsturmmauer, weshalb der Lärm, der von den glatten Steinquadern widerhallte, ohrenbetäubend war. Männer riefen einander zu, Maultiere schrien, Pferde wieherten, und dazu kam das Poltern und Scharren der Kisten, die auf die Wagen geladen und festgezurrt wurden. Ich musste Kiran am Arm fassen, damit er mir zuhörte.

»Komm weiter. Wir müssen uns beim Wagen der Vorreiter melden, dann Pferde beim Stallmeister holen.« Ich wand mich durch eine trampelnde Schar von Stauern, die Kisten und Säcke verluden.

Kiran folgte mir auf dem Fuß. »Du hast kein eigenes Pferd?«

»Soll das ein Witz sein? Weißt du, wie viel so ein Pferd frisst? Es wäre dämlich, sich eins zu halten, wenn man es nur bei solchen Aufträgen reitet. Und wenn man allein unterwegs ist, sind Maultiere besser.«

Wir waren fast bei dem robusten Wagen angekommen, auf den das Kennzeichen der Vorreiter, zwei gekreuzte Eispickel, mit schwarzer Farbe unscharf aufgemalt war. Die große, schlanke Frau, die dort wartete, kannte ich. Cara hatte es also bis zum Chefvorreiter geschafft? Vor ihr hätte ich es zwar nicht zugegeben, aber ich war beeindruckt. Obwohl sechs Jahre älter als ich, war sie noch jung für die Spitzenposition eines großen Konvois.

Kiran war anzusehen, dass ihm eine Frage auf der Zunge lag, doch er machte den Mund zu, als Cara auf uns zukam. Braver Junge.

»Dev! Hab schon gehört, dass du mit von der Partie bist.« Sie zog mich in eine kräftige Umarmung.

»He, Vorsicht! Ich brauche meine Rippen noch.« Ich tat, als müsste ich nach Luft schnappen. Cara ließ mich los und lachte, dass ihre weißen Zähne leuchteten. Sie war stark gebräunt, die blonden Haare ausgebleicht. Offenbar hatte sie den Winter auf den Handelsstraßen der Wüste verbracht. Ich klopfte ihr gegen die Schulter. »Hast du im Osten gearbeitet? Warst du besoffen, als du angemustert hast? Da sind keine Berge, da sind Sandhügel.«

»Zum Klettern ist das nichts, aber die Sandkatzenjagd macht das wett. Wenigstens habe ich nicht den ganzen Winter über in der Stadt gehockt. Wie stehst du das durch?«

»Es gibt Kompensationen«, sagte ich. Sie verdrehte die Augen.

»Ja, richtig, deine Giftschlange von Geschäftspartnerin. Hatte ich glatt vergessen. Hat sie dich noch am Kletterhaken?«

Cara war scheinbar der einzige Mensch, der es noch nicht gehört hatte, und ich würde es ihr nicht auf die Nase binden. Meine Verbundenheit mit Jylla hatte sie noch nie verstanden. Wenn ich mir jetzt das Endloslied »Hab ich dir doch gleich gesagt« anhören müsste, würde ich Cara irgendwann von der Klippe schubsen. Zum Glück hatte ich die perfekte Ablenkung parat.

»Cara, ich möchte dir meinen Lehrling vorstellen, Kellan na Erinta.« Ich deutete mit schwungvoller Geste auf Kiran. Den falschen Namen hatte ich mit Bedacht so gewählt. Den Vornamen gab es wie Sand in Ninavel, und gleichzeitig war er dem echten so ähnlich, dass Kiran nicht so leicht vergäße, darauf zu hören. Der Nachname folgte dem überkommenen arkennländischen Muster, das unter den Einwanderern aus dem Norden so beliebt war, und passte zu seiner hellen Haut und den blauen Augen.

Caras weißblonde Brauen schossen in die Höhe. »Du? Einen Lehrling? Seit deiner eigenen Lehre sind gerade mal vier Jahre vergangen. Ist dir langweilig geworden?«

»Seine Familie kriegt das Geld fürs Wasser nicht mehr so gut zusammen. Geschäftliche Flaute. Du weißt ja, wie das ist. Hab ihn aus Gefälligkeit übernommen.« Ich setzte mein rechtschaffenstes Gesicht auf.

»Hmhm.« Cara musterte Kiran. Ich hielt den Atem an. Durch das Sieh-weg-Amulett vergaß ihn ein beiläufiger Beobachter schnell oder übersah ihn ganz, doch das schützte nicht vor gezielter Neugier, und Cara hatte ein scharfes Auge.

Ein schalkhaftes Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit. »Weiß du, Junge, wenn Dev dich rausschmeißt, kannst du bei mir anfangen. Ich bin sicher, wir kommen gut miteinander aus.« Sie besah ihn noch mal ganz langsam von oben bis unten und zwinkerte ihm zu.

Gut. Die erste Prüfung wäre bestanden. Bei einem Seitenblick auf Kiran wusste ich nicht, ob ich lachen oder stöhnen sollte. Er war knallrot geworden und stand kurz davor, das Weite zu suchen. Wenigstens reagierte er nicht hochnäsig beleidigt, was einem Noblen ähnlich gesehen hätte. Ich kniff ihn unauffällig in den Arm. Wenn er als einfacher Mann durchgehen wollte, durfte er sich nicht benehmen wie eine sulaikhische Jungfrau.

»Soll ich dir nicht lieber einen Eimer holen, wenn du so sabberst?«, fragte ich Cara. »Muss ja ein langer Wüstenritt gewesen sein. Hab mir sagen lassen, dass sich die Vorreiter dabei in Dörrfleisch verwandeln.«

»Meine verdörrte Wenigkeit will, dass du deinen Arsch auf einen Gaul schwingst. Meldon gibt gerade Befehl, sich aufzustellen.« Sie zeigte zum Zugführer, der von seinem Podest den Hof überschauen konnte. Als Kiran sich dorthin umdrehte, neigte Cara sich zu mir und flüsterte: »Mal ernsthaft, Dev, du wirst auf den Jungen aufpassen müssen. Der ist hübscher, als ihm guttut, und hat offensichtlich keinen blassen Schimmer, wie er damit umgehen soll. Bring ihm bei, auf nette Art Nein zu sagen. Ich will hier keinen Ärger haben, hörst du?«

Ich seufzte. Das bestätigte nur meine Vermutung. Diese feinen Gesichtszüge, die zarte Haut, die weichen Haare erregten unerwünschte Aufmerksamkeit, egal wie viele Sieh-weg-Amulette ich ihm umhängte. Es half nichts, ich musste ihn von den anderen nach Möglichkeit fernhalten.

»Ist schon geregelt«, versicherte ich ihr. Der Stallmeister stand mit den Pferden nur ein paar Wagen weiter. Als Kiran und ich hinübergingen, blickte ich noch mal über die Schulter und rief: »Wer ist denn unser dritter Mann?«

»Jerik.« Sie zeigte auf einen kräftigen Mann mit rabenschwarzer Haut, der sich mit einem älteren Kutscher unterhielt. Von hinten hatte ich ihn nicht erkannt. Bei unserer letzten Begegnung war sein Zopf noch nicht so grau gewesen. Als ich noch Sethans Lehrling war, musste ich ein oder zwei Mal mit ihm zusammenarbeiten. Er war ein guter Kletterer. Und vor allem war er still und blieb für sich. Bestens.

Als wir uns dem Stallmeister näherten, löste sich meine Zufriedenheit in Luft auf. Drei Wagen weiter stand ein Kutscher mit schmalem Gesicht und wüstem Lockenkopf, der die Riemen seines Maultiergespanns festzog und mich dabei beobachtete. Bei Khalmets Hand, was tat Pello denn hier? Er arbeitete für einen von Brens Konkurrenten in einem anderen Bandenviertel, aber als Schatten, nicht als Kurier. Die Handelshäuser waren immer erpicht darauf, etwas über die Fracht ihrer Konkurrenten zu erfahren, und Männer wie Pello verdienten mit ihrer Schnüffelei reichlich Kies. Aber gewöhnlich blieben sie in der Stadt, trieben sich in Lagerhäusern, Stallhöfen und Schenken herum. Ich hatte noch nie gehört, dass mal einer bei einem Handelszug mitgefahren wäre, und dass er das gerade jetzt tat, machte mich misstrauisch. Wenn er irgendwie von unserem Bravourstück Wind bekommen hatte, würde es schwierig werden, Kirans Reise geheim zu halten. Ganz zu schweigen von der Katastrophe an der Grenze, wenn Pello sich entschließen sollte, mich an die Alather zu verraten.

»Auf denen werden wir reiten?« Kiran beäugte die zottigen Ponys am Wagen des Stallmeisters entschieden skeptisch.

Pello ließ uns keinen Moment aus den Augen. Ich klopfte Kiran auf den Rücken und sagte laut: »Keine Sorge, die buckeln nicht. Die sind robust und mit Anfängern geduldig. Die tragen dich sicher über Felsen und durch Stürme.« Im Gegensatz zu den graziösen, hochgezüchteten Pferden der Nobelleute.

Kirans verlegener Blick verriet, dass er den eigentlichen Zweck meiner Bemerkung begriffen hatte. Der Stallmeister drehte sich belustigt zu uns um.

»Noch neu im Geschäft, hm? Keine Angst, Junge, ich hab genau das richtige Tier für dich.« Er winkte Kiran zu einem behäbigen braunen Wallach mit grauem Maul.

Ich lehnte mich an den Wagen, fing Pellos Blick auf und nickte lässig. Pello erwiderte den Gruß mit einem kleinen verschlagenen Grinsen im kupferbraunen Gesicht.

Ich musste an mich halten, um nicht vor Ärger mit den Zähnen zu knirschen. Verflucht noch eins. Es wurde höchste Zeit, mit Kiran über Pello zu sprechen. Aber mitten auf dem Sammelhof, wo einen jeder belauschen konnte, war das nicht ratsam, und außerdem standen wir kurz vor dem Aufbruch. Ich würde unterwegs einen Moment abpassen müssen, wo ich mich mit Kiran absondern konnte.

Der Stallmeister kam mit Kiran und dem Wallach zu mir. Nach ein paar klärenden Worten ließ ich mir eine gescheckte Stute samt Sattel- und Zaumzeug geben. Kiran gehorchte bereitwillig meinen Anweisungen, während ich ihm zeigte, wie er seinen Wallach satteln sollte. Ich sah zu, wie er aufsaß: nicht mühelos oder gar anmutig, aber immerhin eigenständig, was ich als gutes Zeichen nahm.

Cara saß bereits im Sattel und wartete auf uns. »Ihr beide übernehmt die Mitte beim Vorratswagen. Jerik reitet an der Spitze, ich am Schluss.«

Ich nickte und machte ein dankbares Gesicht. Cara hatte Kirans Unerfahrenheit gesehen und ermöglichte ihm, ab und zu vom Sattel auf den Wagen zu wechseln. Doch beim Vorratswagen waren wir in Harkens Hörweite, der auf dem Bock saß. Harken lenkte den Vorratswagen der Vorreiter schon länger, als ich zurückdenken konnte, und war ein ganz ausgebuffter Kerl, auch wenn seine entspannte Art etwas anderes nahelegte.

»Beim Mittagessen können Kellan und ich dich kurz ablösen und uns ein bisschen Bewegung verschaffen, wenn du in Ruhe essen willst.« Ich warf ihr einen vielsagenden Blick zu, damit sie glaubte, ich wolle meinem Lehrling abseits des Zuges Reitunterricht geben, um ihn vor spöttischen Zurufen zu bewahren.

»Soll mir recht sein.« Bei ihrem Schmunzeln wusste ich, sie hatte mich verstanden. Sie wendete ihr Pferd und ließ es an der geschlängelten Wagenreihe entlanggehen.

Kiran schaute ihr ein wenig ratlos hinterher. »Warum reiten wir nicht alle zusammen?«, fragte er leise und zögernd. Auf meinen ermutigenden Blick redete er etwas lauter. »Du sagst doch, die Arbeit des Vorreiters beginnt erst hoch oben im Gebirge.«

»Ja, aber Steinschlag kommt bis ins Tal. Wir verteilen uns auf die ganze Länge des Zuges, damit nur einer verletzt oder getötet wird, falls eine Geröll- oder Schneelawine niedergeht. Wenn wir alle zusammen draufgingen, wäre keiner mehr übrig, der die Bergung der Überlebenden sichert und die weitere Strecke erkundet.« Er konnte sich nicht vorstellen, wie kaltblütig man für diesen Beruf sein musste. Ich hatte noch immer Albträume von dem Tag, an dem Sethan umgekommen war.

Eisen quietschte und ächzte. Ich richtete mich im Sattel auf, und meine Vorfreude auf die Berge verdrängte die schreckliche Erinnerung. Weit vorn wurden die Flügel des großen Westtors durch das Räderwerk auseinandergezogen. Meine Laune stieg, als dahinter die Berge in Sicht kamen. Der Schnee leuchtete feurig rosa im Sonnenaufgang. Kämme und Spitzen hoben sich scharf gegen den Himmel ab. Die Schönheit benahm mir den Atem, und für einen Moment fühlte ich mich wie der glücklichste Kerl auf der ganzen Welt; Jylla und alles andere waren vergessen. Ich grinste unwillkürlich übers ganze Gesicht, als Meldons Ruf und Handglocke schallten und das vorderste Gespann anzog. Nichts ist so aufregend wie der Aufbruch zu einer Bergtour.

×

Mein Pferd trottete hinter dem Vorreiterwagen die sandige Straße entlang. Auf dem Kutschbock saß Harken, den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen, und schien zu dösen, doch ich ließ mich nicht täuschen. Sowie Cara zurückkäme, würde ich mit meinem sogenannten Lehrling ein Stück wegreiten und endlich mit ihm reden. Den ganzen Vormittag hatte ich wegen Pello gegrübelt. Dass Kirans kleine Geschichte mit den Bankhäusern noch nicht alles war, überraschte mich nicht; ich hatte nichts anderes erwartet. Aber wenn seine Gegner doch gefährlicher waren, würde er mir, Nobelsprössling hin oder her, für die Lüge bezahlen.

Inzwischen wirkte Kiran nicht mehr so besorgt. Beim Treffen am Brunnen war er noch sehr angespannt gewesen, aber wir hatten das Stadttor kaum hinter uns gelassen, als er auch schon lockerer wurde. Obwohl hinten im Wagen zwischen den klumpigen Öltuchsäcken eingezwängt, sah er gelassen aus. Er beugte den Kopf über einige Seilstücke und übte gewissenhaft die Knoten, die ich ihm gezeigt hatte. Das erinnerte mich an Mellys Fadenspiele, weshalb ich mich abwandte.

Hinter uns erstreckte sich die lange Schlange der übrigen Wagen. Wir hatten den ganzen Vormittag gebraucht, um die Salzebene, die jenseits der Stadtmauer beginnt, zu überqueren. Jetzt hatten wir die sanft ansteigende Krautsteppe erreicht, wo Salbeisträucher und gelbe Kaninchenheide wachsen, glasig schwarze, spiralige Gesteinsbrocken herumliegen und trockene Rinnen den Boden durchziehen. Im Malerischen Tal regnet es höchstens mal im Sommer bei einem der seltenen, aber heftigen Gewitterstürme, und dann kommt es zu Sturzfluten, die die trockene Erde schneller wegschwemmen, als ein Mensch laufen kann.

Es war bereits heiß. Die Luft flimmerte über der Salzwüste, und die weißen Mauern und Türme der Stadt schienen über dem Boden zu schweben. Von draußen sieht Ninavel immer schön und unwirklich aus, wie eine Fata Morgana in der sengenden Hitze der Wüste. In der Ferne jenseits der Stadttürme erhoben sich die braunen Umrisse des regenarmen, kargen Schlupflochgebirges, das die Ostseite des Wüstentals bildet und nicht so hoch und zerklüftet ist wie das Weißfeuergebirge. Es ist die Heimat der Sandkatzen, deren Krallen länger als eine Menschenhand sind und die den Kopf eines Menschen zu Mus zerquetschen können. Cara war wild darauf, sie zu jagen, und tat es lediglich mit einer Armbrust und einem Fernsichtamulett.

Ich drehte mich wieder nach vorn. Kirans Blick war auf die Stadt geheftet. Seine blauen Augen verdunkelten sich wie beim Roten Dal, wenn er feststellt, dass ein Nobelhaus zu gut geschützt ist und er seine Behafteten nicht reinschicken kann. Seine Finger schlossen sich krampfartig um einen halbfertigen Knoten.

Aha. Doch nicht so locker, wie er schien. »Manchmal fällt es einem schwer, die Stadt hinter sich zu lassen«, sagte ich.

Kiran sah mich groß an. »Wie bitte? Oh. Ja, ich … vermutlich.« Er fummelte weiter an dem Knoten, warf mir noch einen Blick zu und schaute dann weg. »Obwohl es auch, nun ja, aufregend ist. Durchs Gebirge reisen wie die Abenteurer in den Geschichten – ich hätte nicht gedacht, dass ich je dazu kommen würde.« Wehmut und Staunen strichen über sein Gesicht.

»Ja, und das Aufregende fängt gerade erst an«, meinte ich nun noch neugieriger. Vielleicht spielte er jetzt nur die Rolle des einfachen Mannes, aber eigentlich hielt ich ihn für keinen guten Schauspieler. Nobelleute hatten zwar den Zaster zum Reisen, andererseits arbeitete er wie es schien für ein Bankhaus, und Bankhäuser hatten strenge Ansichten, was die Pflichten eines Mannes betraf. Sie stimmten sogar in einer Hinsicht mit Bren überein: niemals irgendjemandem trauen. Allerdings wollte mir ums Verrecken kein guter Grund einfallen, warum ein Bankhaus jemanden über die Grenze nach Alathien schmuggeln sollte. Die hüteten zwar ihre Geheimnisse genauso wie die Handelshäuser, aber mir fielen hundert weniger riskante Methoden ein, um geheimes Wissen oder Gut von Ninavel nach Kost zu befördern.

Von vorn näherte sich Hufschlag und das Klirren von Zaumzeug. Unser Abschnitt des Zuges wich zur Seite, um einen Maultierzug Richtung Ninavel vorbeizulassen. So weit unten war die Straße noch breit genug für zwei Wagen. Die aufgewirbelte Staubwolke brachte Kiran zum Husten.

»Hier.« Ich warf ihm meinen Wasserschlauch zu. »Denk dran, das Wasser ist streng eingeteilt, bis wir aus dem Malerischen Tal heraus sind. Also sauf nicht alles auf einmal.« Handelshäuser wollten möglichst wenig vom zugelassenen Frachtgewicht für Wasser hergeben. Es war eine der Aufgaben des Zugführers, das Minimum an Lebensmitteln zu errechnen, mit dem wir bis zum ersten Gebirgsbach gelangten, ohne vor Durst zusammenzubrechen.

Kiran trank einige kleine Schlucke, verkorkte den Schlauch und gab ihn mir zurück, während sein schmachtender Blick daran hing.

»Woher kamen die Maultierwagen? Ich dachte, wir seien der erste Zug, der den Pass überquert.«

»Von den Minen.« Ich zeigte zu den nackten Hängen hinauf, wo die Salbeisträucher nicht mehr wachsen konnten. Dort war der Fels dunkel gefleckt von den Stolleneingängen. Darunter bildeten die Abraumhalden lebhafte Farbstreifen auf dem mattbraunen Fels. »Die meisten Bergwerke liegen tief genug, um auch im Winter betrieben zu werden.«

»Was wird da abgebaut?«, fragte er, und ich starrte ihn an. Was für ein Nobler war er, dass er das nicht wusste, vor allem wenn er für ein Bankhaus arbeitete? Die meisten Reichen in Ninavel hatten ihren Reibach mit dem Bergbau oder der Verhüttung gemacht. Bankhaus, von wegen! Außer … Kiran wäre erst kürzlich nach Ninavel gekommen. Doch nein, er hatte hinter dem Stadttor die Wüste begafft wie ein Behafteter den Reichtum eines Nobelhauses bei seinem ersten Einsatz. Ich würde Stein und Bein schwören, dass er aus Ninavel bisher noch nie rausgekommen war.

»Gold, Silber, Kupfer, Eisen und so weiter. In diesen Bergen gibt es alles.« Ich behielt einen lockeren Ton bei und beobachtete sein Gesicht. »Was glaubst du denn, warum sich der alte Sechaveh die Mühe gemacht hat, hier eine Stadt zu bauen?«

Für einen Augenblick zeigte er sich überrascht, dann schaute er nachdenklich und nickte. »Ach ja, verstehe. Er gründete die Stadt und bekam dann sein Geld durch die Minen zurück.«

»Tonnenweise«, sagte ich. Welchen anderen Grund sollte er gehabt haben? Im Malerischen Tal gab es nur Sand und Salbei. Ninavel musste alles, was es zum Leben brauchte, einführen. Ohne den Reichtum durch die Minen wäre die Stadt innerhalb eines Jahres zugrunde gegangen. Doch Sechaveh und seine Erben hatten mehr Kies als die varkevischen Sultane, von deren Reichtum Ungeheuerliches erzählt wurde, und viele andere hatten in den hundert Jahren seit der Stadtgründung Vermögen angehäuft, indem sie sich an seine Rockzipfel hängten. Über Sechaveh selbst wurde in allen Schenken gern getratscht. Manche hielten ihn für einen Magier, weil kein Mensch ohne Magie so lange leben könne. Andere widersprachen mit Hinweis auf seine zahlreichen Abkömmlinge und die wohlbekannte Tatsache, dass Magier keine Kinder zeugen können. Dritte wiederum behaupteten, er sei so reich, dass er für Unsterblichkeit bezahlen könne wie andere Leute für Heilzauber.

»Was die Berge angeht …« Kirans Gesicht leuchtete vor Wissbegier. Mit einer Geste ermutigte ich ihn zum Weiterreden. Solange er sich bei Fragen aufhielt, die für einen Lehrling aus einem Innenstadtviertel angemessen klangen, sollte er mich ruhig löchern. »Was du heute früh erwähntest … steigst du wirklich allein dort hinauf?«

»Jep.«

Er bekam Augen wie eine Schneeeule. »Aber warum?«

»Im Frühjahr und im Spätherbst ist ein Handelszug auf Kletterer angewiesen. Im Sommer nicht, da kommt man ohne Schwierigkeiten übers Gebirge. Aber ein Mann muss das ganze Jahr über essen.« Ich machte mir nicht die Mühe, ihm den wahren Grund für meine Alleingänge zu erklären. Für mich gab es nichts Schöneres, als den Sommer über im Weißfeuergebirge zu klettern. Ich hatte es längst aufgegeben, meinen Freunden in der Stadt die Anziehungskraft der Gipfel nahebringen zu wollen. Die meisten fanden, ich sei verrückter als ein tollwütiger Kitfuchs.

»Aber …« Er zog die Stirn kraus. »Wie verdienst du dann Geld, wenn nicht bei den Handelszügen?«

»In diesen Bergen gibt es vieles, was Geld bringt, wenn man weiß, wo man suchen muss.« Seine verständnislose Miene änderte sich nicht, darum erzählte ich weiter. »Zum Beispiel Karkabonsteine. Amuletthändler zahlen gut für jeden größeren Stein, mit dem sich die Kraft eines Amuletts verstärken lässt. Die Steilfelsen hier sind damit gespickt. Nobelleute gieren nach Torfbeeren, Hebammen wollen Jullanblätter – du verstehst schon. Ich finde das Zeug, bringe es in die Stadt, verkaufe es und rüste mich neu aus, um wieder loszuziehen. Das tue ich, bis die Winterstürme einsetzen. Dann geht keiner mehr dort rauf.«

»Oh! Ich wusste gar nicht –« Er brach scharf ab und versuchte, das zu überspielen, indem er weiterplapperte. »Was tust du während des Winters?«

Falls er sagen wollte, er hätte nicht gewusst, wo die Torfbeeren herkommen, die zu den Delikatessen der Reichen zählen, dann hatte er, Khalmet sei Dank, gerade noch rechtzeitig die Klappe gehalten. Der alte Harken tat nicht mal mehr so, als schliefe er. Ich bemerkte, dass Kiran noch auf meine Antwort wartete.

»Wenn der Sommer einigermaßen einträglich ist, brauche ich den Winter über nichts zu tun.« Was nicht ganz gelogen war. Aber ganz sicher würde ich ihm nicht auf die Nase binden, was ich im Verborgenen trieb. Erst recht nicht, da dies bisher alles Jylla betraf.

»Heda, Dev!« Cara kam im Galopp aus der sich legenden Staubwolke.

Na endlich. »Los, Kellan.« Ich wartete ungeduldig, bis Kiran auf sein Pferd gestiegen war. »Stehe in deiner Schuld«, murmelte ich Cara zu.

Sie sprang auf das Trittbrett des Wagens. »Ich weiß.« Ihr selbstgefälliges Lächeln sagte, sie würde das auch nicht vergessen. »Viel Spaß, Jungs«, rief sie mit einer spöttischen Geste.

Ich ließ Kiran vor mir her reiten, als wollte ich beobachten, wie er mit dem Tier umging. In Wirklichkeit wollte ich sehen, wie die Kutscher auf ihn reagierten, die die schwer beladenen Wagen an uns vorbeilenkten. Mehrere zogen den Hut vor mir, doch ihr Blick ging an Kiran vorbei, als wäre er gar nicht vorhanden. Sein Sieh-weg-Amulett wirkte also.

Pellos Wagen war der zweite von fünfen, die mit dem Zirkel und Hammer des Hauses Horavin gekennzeichnet waren, fast am Ende des Zuges. Er saß vornübergebeugt auf dem Kutschbock, die Zügel locker in der Hand, und musterte Kiran mit unverhohlener Neugier, als wir uns näherten. Das Amulett wirkte bei ihm offenbar nicht. Kiran rückte unbehaglich im Sattel hin und her und warf mir einen Blick zu. Ich beschwor ihn stumm, sich still zu verhalten.

»Dev, hätte nicht gedacht, einen Mann wie dich mit einem Lehrling zu sehen«, rief Pello aus.

»Es gibt für alles ein erstes Mal, Pello.« Ich hatte auf einen Hinweis gehofft, ob seine Neugier gezielt Kiran galt oder ob sie der allgemeinen Wissbegier des Schattens entsprang, und nun hatte ich einen bekommen. Wäre er engagiert worden, um unser Vorhaben auszuspionieren, würde er nicht so offensichtlich vorgehen. Außer er hätte meine Absicht erraten und spielte entsprechend meinen Vermutungen? Ich fluchte im Stillen. Solche Gedankenspiele waren immer Jyllas Spezialität gewesen, nicht meine.

Die Erinnerung daran verbesserte meine Laune nicht. Den weiteren Ritt entlang des Zuges über stierte ich böse auf Kirans Rücken. Sowie wir den letzten Wagen passiert hatten, bog ich vom Weg ab in eine Schmelzrinne, deren steile Hänge mit stachligen Schwarzbüschen gesprenkelt waren. Der sirupsüße Geruch, den die Zweige in der Mittagssonne ausdünsteten, war erstickend. Hierher würde uns keiner ohne guten Grund folgen. Ich zügelte mein Pferd zum Passgang.

»Wir müssen reden«, sagte ich grimmig.

»Das dachte ich mir.« Seine Schultern wirkten wieder verspannt. »Was ist los? Geht es um den Mann, der dich eben angesprochen hat?«

Wenigstens war er nicht restlos stumpfsinnig. »Fällt dir was ein, weshalb sich ein Schatten für dich interessiert?«

Er sah mich groß an. »Ein was?«

»Ein freischaffender Spitzel. Er verkauft sein Wissen an den Meistbietenden über einen Bandenführer als Mittelsmann.« Aber Pello konnte sehr wohl im besonderen Auftrag unterwegs sein, da er die Strapazen dieser Reise auf sich nahm. »Pello ist aus einem bestimmten Grund hier, und ich will wissen, ob du der Grund bist. Falls du mir in Ninavel etwas verschwiegen hast, wäre jetzt der richtige Augenblick, um damit rauszurücken.«

Kiran schaute ehrlich entgeistert. »Er kann nicht meinetwegen hier sein. Keiner wusste, dass ich die Stadt verlassen wollte, das sagte ich doch.«

Um Khalmets willen! So dumm konnte er doch nicht sein, oder? »Keiner, hm? Was ist mit deinem Bankhaus? Weißt du bestimmt, dass keine beiläufige Bemerkung gefallen ist?«

Bei meiner sarkastischen Betonung von »Bankhaus« gerieten seine Lider ins Flattern, aber er hob das Kinn und sah mir direkt in die Augen. »Er weiß nicht, wer ich bin. Es sei denn, dein Auftraggeber war indiskret.«

Ich schnaubte. Bren wäre im Schmuggel nicht seit Jahren so erfolgreich, wenn er nachlässig wäre. »Na schön, sagen wir, Pello ist aus einem anderen Grund hier. Das wird ihn nicht abhalten, für einen kleinen Zusatzgewinn zu sorgen. Sowie ihm dämmert, dass du keiner von der Straße bist, verrät er dich an Sonnenauge oder Kolimann, lange bevor wir die Grenze erreichen.«

Kiran zuckte zusammen, als hätte ihn was gestochen. »Du meinst, Pello kann eine Nachricht nach Ninavel senden? Wie denn? Ich dachte, Konvoibegleiter kämen an so wirkungsvolle Amulette gar nicht heran!«

Sieh mal einer an. In der Stadt hatte Kiran noch behauptet, seine Hauptsorge gelte der alathischen Grenze. Sein erschrockenes Gesicht sagte etwas anderes. »Gewöhnliche Konvoibegleiter nicht. Aber Pello verdient seinen Zaster als Schatten. Er wird sehr wohl so ein Flüsteramulett haben. Vielleicht ist es nicht so stark, sodass er sich kurz fassen muss, aber bei einem guten Code braucht man bloß ein paar Worte.«

»Oh.« Kiran schluckte schwer. »Das wäre … misslich.« Er fummelte mit den Zügeln herum und platzte dann hervor: »Wenn wir über die Grenze sind, ist mir gleichgültig, was Pello sendet. Aber wenn vorher eine Nachricht nach Ninavel gelangt, dann … dann ist alles verloren!«

Ich blickte ihn wütend an. »Hättest du mir verraten, wie misslich das wäre, als ich dich danach gefragt habe, hätte ich ganz anderes unternehmen können, um dich zu verbergen.« Ein Tarnamulett, das die Erscheinung eines Menschen vollkommen verändert, hätte zwar ein Vermögen gekostet, vor allem wenn man’s auf die Schnelle brauchte, aber ich hätte von Bren einen zweiten Vorschuss verlangen können.

Kiran wurde rot und schlug die Augen nieder. »Es tut mir leid. Ich dachte, wenn ich nur unerkannt aus der Stadt gelange, bräuchte ich mir darüber keine Sorgen zu machen.« Er rieb auf sonderbare Art über die Brust. »Was tun wir jetzt?«

Ich seufzte. »Fürs Erste spielst du deine Rolle weiter und hältst dich von Pello fern. Sein Amulett reicht vermutlich nur für eine Nachricht, höchstens für zwei. Er wird es erst benutzen, wenn er den größtmöglichen Gewinn herausschlagen kann.« Bis dahin würde ich mir ausdenken müssen, wie sich der Schaden eingrenzen ließ. Toll. Pello war kein Hohlkopf, und als erfahrener Schatten hatte er mir an Verschlagenheit einiges voraus. Ich sah Kiran noch zorniger an. »Möchtest du mir sonst noch was mitteilen, bevor es uns in den Arsch beißt?«

Er schüttelte den Kopf und hielt den Blick auf seinen Sattelknauf gesenkt. Keine Vertrauen erweckende Antwort. Ich neigte mich hinüber und griff in seine Zügel. Der Wallach sah mich vorwurfsvoll an, als ich ihn abrupt zum Stehen brachte. Kiran schreckte mit aufgerissenen Augen hoch.

»Du willst die Grenze erreichen, ohne dass jemand es erfährt? Ich kann dafür sorgen, aber nur, wenn du mir sagst, was ich dazu wissen muss. Klar?«

»Ja.« Er hatte den feierlich ernsten Blick eines Behafteten, der von seinem Aufpasser gescholten wird. Ich warf ihm die Zügel in den Schoß.

»Denk dran und halte dich bedeckt. Tu nichts, was Aufmerksamkeit erregt, weder gegenüber Pello noch sonst jemandem. Und bleib dicht bei mir. Gib ihm keine Gelegenheit, dich allein anzutreffen.« Wenn es Pello gelänge, Kiran eine Unterhaltung aufzuzwingen, hätte er nach fünf Minuten heraus, dass Kiran ein Nobelsprössling war.

Er nickte ernst und entschlossen. Ich lenkte mein Pferd an den steilen Hang. Es war Zeit, mit dem Unterricht im Geländeritt zu beginnen, für den Fall, dass uns neugierige Augen folgten. Dabei würde ich im Hinterkopf unsere kleine Unterhaltung auswerten. Bislang ergab sich daraus ein ganzer Strauß neuer Fragen, und die wichtigste war: Wer in Ninavel konnte Kiran solche Angst einjagen, dass er nervös war wie eine Ratte in der Falle?

KIRAN

»Hier, dein Frühstück.« Dev warf Kiran ein Stück Brot zu.

Fast hätte Kiran bei dem düsteren Dämmerlicht danebengegriffen. Er hatte noch keine so unappetitliche Mahlzeit gesehen. Das Brot war steinhart und mit dunklen Stücken durchsetzt, die hoffentlich bloß Datteln oder Nüsse waren. Nicht zu vergleichen mit den honigbeträufelten Zimtkeksen oder den Kelnarnussbrötchen, die er sonst aß. Ihm knurrte der Magen.

Dev gab schief grinsend zu erkennen, dass er genau wusste, was Kiran dachte. »Iss auf, Kellan. Du wirst deine Kräfte brauchen.« Er deutete mit dem Daumen auf die Pferde, die sie soeben gesattelt hatten.

Kiran verkniff sich ein Stöhnen. Er war schon wund geritten und spürte das bei jeder Bewegung. Dabei hatte er gestern noch so unbekümmert gedacht, die körperliche Arbeit könne so schlimm nicht sein. Ein bitterer Irrtum.

Dev kicherte herzlos. »Tut weh, was? Keine Sorge, in ein paar Tagen wird’s besser. Vergiss nur nicht, bei jeder Pause, die wir einlegen, die Muskeln zu dehnen, wie ich es dir gezeigt habe.« Er steckte sich einen Bissen Brot in den Mund und hob einen Vorratssack auf den Wagen.

Der Anstieg aus dem Malerischen Tal war täuschend langsam vonstatten gegangen, und der Konvoi war schon vor der nächtlichen Rast über die Höhe der Stadttürme hinausgelangt. Unten in der Wüste schimmerten blass die Magierlichter Ninavels in der Dämmerung. Obwohl Kiran seine mentale Barriere mit ganzer Kraft hochhielt, sah er den Zusammenfluss der Erdkräfte unter der Stadt vor seinem inneren Auge lodern wie einen Feuersee. Er sah ihn zum ersten Mal in seiner ganzen wilden Pracht von oben. Innerhalb der Stadt war ihm die Vibration der Ströme so selbstverständlich gewesen wie die Luft, die er atmete. Erst jetzt konnte er erfassen, warum sich nur die stärksten Magier diese Kräfte zunutze machen konnten und auch die nur mit einigem Abstand.

Der Boden, auf dem er jetzt stand, fühlte sich vergleichsweise tot an. Was die Berge anging … Kiran drehte sich um. Die Weißfeuerberge ragten vor ihm auf. Die verschneiten Gipfel leuchteten rot. Sehr schön, aber vom Standpunkt des Magiers besehen völlig inaktiv. Nach allem, was er gelesen hatte, galt das auch für Alathien. Kiran leugnete die brennende Sehnsucht. Er hatte nicht die Absicht, in Alathien zu zaubern und eine Entdeckung durch den Rat zu riskieren. Die Alather waren nicht dafür bekannt, dass sie gegen Ausländer, die verbotene Magie wirkten, Gnade walten ließen.

Das Rot wandelte sich zu Gold, als die Sonne über dem Ostrand des Tals erschien. Kirans Herz schlug heftig. Wenn sich Lizaveta in ihrem Briefchen nicht geirrt hatte, würde Ruslan jeden Augenblick nach Ninavel zurückkehren. Und wenn er feststellte, dass Kiran nicht mehr da war …

Das Brot lag ihm wie Asche auf der Zunge. Abrupt stand er auf und ging, um die Riemen am Vorratswagen festzuzurren. Zu spät bemerkte er, dass Cara ihn dabei beobachtete.

»He, Junge, du siehst heute ein bisschen angekratzt aus. Bist du etwa jetzt schon gemein zu ihm, Dev?«

»Gemein? Ich? Du kennst mich doch, ich bin die Freundlichkeit in Person.« Dev gab die gekränkte Unschuld und warf Kiran einen Blick zu. »Er wird schon klar kommen. Er ist es nur nicht gewohnt, auf hartem Boden zu schlafen, stimmt’s, Kellan?«

Kiran nickte und versuchte, Devs lässige Pose nachzuahmen.

Dev schwang sich mit geübter Leichtigkeit in den Sattel. »Seine Familie war in der Buchbinderbranche, weißt du. Die kennen keine Härten«, sagte er zu Cara.

Kiran bestieg mühsam seinen Wallach und ließ sich unter Schmerzen auf dem Sattel nieder. Fast biss er sich die Wange durch, sonst hätte er womöglich aufgeschrien. Dev und Cara wechselten einen belustigten Blick, und Cara schüttelte den Kopf.

»Dev, nur du kommst auf die Idee, einen Stadtjungen als Lehrling zu nehmen.«

Dev zuckte die Achseln. »Sethan hat mich damals auch genommen. Wir können schließlich nicht alle Vorreiter als Eltern haben.«

Kiran war überrascht, dass Cara darauf verlegen wegschaute. Bei der folgenden Erwiderung hatte sie jedoch den gleichen neckenden Tonfall wie zuvor. »Du warst eine zähe kleine Range, wie ich mich erinnere, und konntest schon klettern wie eine Rennechse.«

»Aber reiten überhaupt nicht. Ich dachte, ich bringe Sethan um, als er mich am zweiten Tag wieder aufs Pferd steigen ließ.« Dev grinste Kiran verständnisvoll an. »Wette, du wünschst mich auch gerade in Shaikars siebte Hölle.«

»So schlimm ist es nicht«, log Kiran. Bei aller Anspannung war ihm ein wenig Neugier anzuhören. Er versuchte, Dev als ungeschickten Reitschüler zu sehen, aber unmöglich. Ohne diese Ausstrahlung lässiger Tüchtigkeit konnte er ihn sich nicht vorstellen. Dabei war Dev nicht viel älter als er selbst – fünf Jahre höchstens. Er hatte angenommen, Dev habe sein Können schon als Kind erlernt, in einer Familie von Vorreitern, doch das war offenbar ein Irrtum. Vielleicht ließe sich mehr darüber erfahren, ohne zu Fragen nach seiner eigenen Person anzuregen. Seine Kindheit war das Letzte, worüber er reden wollte.

»Hör ihn dir an«, sagte Cara. »Immer so höflich. Das ist mal eine nette Abwechslung zu deinem unflätigen Mundwerk, Dev.«

Ehe Dev etwas erwidern konnte, läutete am Kopf des Zuges eine Glocke. Die allgemeine Unruhe wuchs, als die Wagen nach und nach auf die Straße zurückgelenkt wurden. Cara warf ihren langen blonden Zopf nach hinten und sprang in den Sattel. Ihr neckender Gesichtsausdruck war verschwunden. »Du übernimmst heute mit dem Jungen die hintere Position, und ich bleibe beim Wagen.«

Dev gab mit einer flüchtigen Geste sein Einverständnis. »Bist du fertig?«, fragte er Kiran.

»Ja. Soll ich …«

Reine ungezügelte Magie brauste von der Stadt heran, unsichtbar und unhörbar, doch mit der Wucht eines Wirbelsturms. Kiran schwindelte. Lizavetas Amulett brannte auf der Haut. Vage spürte er, dass er fiel, dann trieb ihm ein Schlag den Atem aus der Brust. Die Magie strömte über ihn hinweg suchend durch das Tal. Kiran lag der Länge nach im Sand mit einem Fuß im Steigbügel verfangen.

»Ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn dein Pferd losgaloppiert.« Halb belustigt, halb verärgert beugte Dev sich aus dem Sattel und befreite Kirans Fuß. Ringsherum liefen die Leute um ihre Wagen herum, sicherten Ladung, trieben Maultiere an, als wäre nichts geschehen. Kiran schüttelte verwundert den Kopf. Er hatte gewusst, dass die Unbegabten Magie nicht spürten, aber bei dieser Wucht … wie konnten sie die nicht gefühlt haben? Ihm summten die Ohren von Ruslans Zorn.

»Ein Muskelkrampf«, murmelte Kiran und winkte ab, als Dev ihm aufhelfen wollte. Taumelnd kam er auf die Beine. »Entschuldige. Der kam ganz plötzlich.« Ehrfurcht und Angst schnürten ihm die Kehle zu. Der Magiesturm war allein aus Ruslans Kraft gekommen, ohne Hilfe der Machtströme unter der Stadt. Wie mächtig Ruslan war, hatte Kiran immer gewusst, aber so deutlich war es ihm noch nicht demonstriert worden.

»Ich sag doch, du sollst die Muskeln dehnen.« Devs Miene war freundlich, doch seine grünen Augen blickten so scharf wie immer. Kiran hätte gern nachgeschaut, ob das Amulett beschädigt worden war, wagte es aber nicht. Dev war schon misstrauisch genug wegen seiner Tarngeschichte. Wenn er begriffe, dass ein Magier hinter ihnen her war, würde er Pello drängen, eine Nachricht an Ruslan zu senden, um sein eigenes Leben zu retten. Kiran biss frustriert die Zähne zusammen. Pellos Amulett zu finden und zu vernichten wäre ein Kinderspiel, wenn er Magie benutzen könnte. Doch damit würde er im selben Augenblick seinen Aufenthaltsort verraten. Ebenso gut könnte er es Ruslan ins Ohr brüllen.

Kiran stieg aufs Pferd. Diesmal spürte er vor lauter Angst nicht mal seine Muskelschmerzen. Den Magiesturm hatte Ruslan im Affekt entfacht, er war wie ein unwillkürlicher Wutschrei gewesen. Von nun an würde er seine Zauber zielstrebig vorbereiten. Eingedenk Devs wachsamer Blicke unterdrückte Kiran sein Schaudern.

DREI

DEV

Bist du sicher, dass du dir heute Morgen nicht den Kopf angeschlagen hast?«, fragte ich Kiran, während wir am Schluss des Zuges um eine weitere staubige Biegung ritten. »Hast seitdem kaum zwei Worte gesprochen.«

»Mir geht’s gut.« Kiran hielt den Kopf gesenkt, die Schultern steif. »Es ist nur so heiß.«

Das stimmte allerdings. Die Mittagssonne brannte gnadenlos und konnte einem das Hirn zu Matsch kochen. Doch gestern hatte ihn das auch nicht gehindert, eine Frage nach der andern zu stellen.

»Na, dann hab ich eine gute Nachricht für dich: Wir haben die Silberaderschlucht erreicht.« Ich zeigte nach vorn, wo die Straße die Salbeisträucher hinter sich ließ, um zwischen nackten Felswänden zu verschwinden. »Da ist es etwas kühler. Und wir sind den verfluchten Sand los.«

»Oh, gut.« Kirans Blick blieb auf seinen Sattelknauf gerichtet.

Solange er keine Gehirnerschütterung davongetragen hatte, konnte er meinetwegen schweigen wie ein Sandhaufen. Obwohl mir eine angenehme Unterhaltung recht gewesen wäre, nachdem ich mir stundenlang wegen Pello und seinem Amulett den Kopf zerbrochen hatte.

Der Rote Dal hatte mir eine ganze Menge schmutziger Kniffe beigebracht, mit denen sich Amulette unwirksam machen ließen, und für die ausgeklügeltsten brauchte man nicht mal mit Magie behaftet zu sein. Allerdings setzten sie alle voraus, dass man das Ding vor sich liegen hatte. Ein gerissener Mann wie Pello dürfte seine Amulette mit starken Schutzzaubern vor neugierigen Augen verbergen. Vermutlich hätte ich seinen Wagen tausend Mal durchsuchen können, ohne das Flüsteramulett zu finden. Und mir fiel nichts ein, wie ich für Pello einen Unglücksfall arrangieren könnte, ohne auch andere in Gefahr zu bringen. Vielleicht hatte Jylla doch recht und Sethan hatte mich weich gemacht. Jedenfalls sperrte ich mich dagegen, unschuldige Leute um die Ecke zu bringen, nur weil mir das einen Vorteil verschaffte.

Ich seufzte, als meine Stute den steinigen Anstieg zum Eingang der Schlucht hinauftrappelte. Es musste einen Weg geben, Pellos Schutzzauber zu durchbrechen. In meiner behafteten Zeit hatte ich gelernt, wie weit man mit ein bisschen Findigkeit kommen kann. Ich würde es nur richtig anstellen müssen.

In der Schlucht lagen überall Felsbrocken, und die hohen Steilwände verstellten den Blick auf die Gipfel ringsum. Beim vertrauten Anblick der ehrfurchtgebietenden Felswände hellte sich meine Stimmung beträchtlich auf. Selbst Kiran wurde etwas munterer und bestaunte die Höhe, statt auf den Sattelknauf zu starren.

Als wir uns die Nordsteigung hinaufwanden, hallte der Schrei eines Fluchhabichts durch die Schlucht. Ich drehte mich zu Kiran um, ob er den Kopf einzog oder nach einem Amulett griff. Sein Akzent … Ich hatte mal eine Gruppe kaithanischer Kaufleute beschattet, die tief aus dem Süden gekommen waren. Deren Sprechweise kam noch am nächsten an Kirans sonderbare Färbung der Vokale heran. Und Südländer waren enorm abergläubisch. Varkever, Sulaner, Kaithaner … selbst jene, die sich über den Glauben an die Dämonenscharen lustig machten, trugen Teufelsamulette und wurden blass, wenn sie einen Fluchhabicht sahen.

Kiran dagegen schaute bloß neugierig zu der großen schwarzen Silhouette auf. »Was für ein Vogel ist das? Einen so großen habe ich noch nie gesehen.«

Aha. In der Stadt waren sie selten. Ich hatte mal welche in der Nähe von Metzgerläden und Schlachthöfen beobachtet, wo sie auf Fleischabfälle aus waren, aber Nobelleute gingen nicht in solche Viertel, da ihre Diener das Fleisch für sie kauften.

»Ein Fluchhabicht«, sagte ich. »Ein Aasfresser. Manche behaupten, dass die Seelen von Teufeln in ihnen wohnen, die Shaikar aus ihrer Hölle verbannt hat, und dass ihr Schrei eine Todesbotschaft ist. Die Hälfte unserer Leute wird sich gerade an ihr Teufelsamulett gegriffen haben.«

»Teufelsamulett?« Kiran sah mich von der Seite an, als fragte er sich, ob das ein Witz sein sollte. »Aber Teufel gibt es nur im Märchen. Was sollte so ein Amulett bewirken?«

Ich schnaubte. »Gar nichts. Das ist reine Geldschneiderei. Die Amuletthändler hauen ein paar Kupferschleifen zusammen, stechen ausgefallene Sigilla rein und verscherbeln sie an die abergläubischen Gimpel, die nicht merken, dass die Dinger keine Magie in sich haben.«

So abergläubisch die Südländer sind, sie sind auch gute Geschichtenerzähler.

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