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Die Chroniken des Geister-Reporters Der lebende Wald

Die Chroniken des Geister-Reporters Der lebende Wald

W. K. Giesa

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Inhaltsverzeichnis

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Copyright-Seite

Klappentext:

1. Der Pharao

2. Das Biest geht durch die Wand

3. Der lebende Wald

4. Die Hexe von Florenz

6. Die Vase

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Klappentext:

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Sie hatte sich von der Dunkelheit überraschen lassen. Hell und silbern stand der Mond am Himmel, umgeben von Abertausenden glitzernder Punkte, die Sterne waren. Zwischendurch hatte Sandy ein paarmal Pausen eingelegt, war dann gemütlich weitergeritten und genoss die Einsamkeit. Sie konnte über tausend Dinge nachdenken, und irgendwie spürte sie, dass sie diese einsame Nacht gebraucht hatte.

Sie genoss sie.

Acht Meilen östlich von Llewellyn Castle entdeckte sie dann den Wald, der früher noch nicht hier gestanden hatte. Überrascht hielt sie das Pferd an, beugte sich leicht im Sattel vor, als könne sie dadurch besser sehen, und sah immer noch etwas, das wie ein Wald aussah.

Es war ein leichter Berghang, den sie kahl in Erinnerung hatte. Ein bisschen Gras hatte dort den kargen Boden bedeckt, mehr nicht. Wie kam jetzt ein Wald dorthin?

Sandy versuchte, seine Größe abzuschätzen, ließ es aber sofort wieder, weil die Nacht alles veränderte. Stattdessen trieb sie das Pferd durch leichten Schenkeldruck wieder an. Den Wald musste sie sich näher ansehen, weil der zum Llewellyn-Gelände gehörte, und da durfte es nichts Unnatürliches geben.

Allmählich näherte sie sich ihm, aber noch war er zu weit entfernt, um sein Geheimnis preiszugeben...

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Der Band Der lebende Wald enthält die Romane 6 bis 10 (plus eine Bonus-Erzählung) um den Geister-Reporter Ted Ewigk, erfunden von dem Professor-Zamorra- und Damona-King-Autor Werner Kurt Giesa, die erstmals in der Horror-Serie Gespenster-Krimi erschienen sind.

Der Romankiosk veröffentlicht die Abenteuer von Ted Ewigk als durchgesehene Neuausgabe in zwei Bänden: In den Straßen der Angst und Der lebende Wald.

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1. Der Pharao

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War er der einzige, der das verräterische Geräusch gehört hatte? Das furchtbare Knistern und Knacken?

Der blonde Hüne, der aussah wie ein Wikinger und in dieser Region deplatziert wirkte, packte zu. Er riss die Frau mit dem hüftlangen Goldhaar herum. »Weg hier!«, keuchte er und zog sie mit sich. Er begann zu laufen.

Lauter wurde das Knacken und schwoll an zu einem verhaltenen Dröhnen, das den Untergang verkündete. Glühendheiß brannte die Sonne Ägyptens auf die Menschen herab, von denen die überwiegende Mehrheit aus Europäern bestand.

Der Blonde erstarrte.

Es war zu spät!

Er riskierte einen Blick zurück - und ließ sich mit einem Fluch fallen, riss die junge Frau mit sich zu Boden und versuchte, sie mit seinem Körper zu decken. Sie hatten den Wettlauf gegen die Zeit verloren.

Im gleichen Moment geschah es. Ein Vulkan schien auszubrechen.

Das gigantische Bauwerk, die Pyramide des Pharao Chephren - flog in einer grellen, brüllenden Explosion auseinander und jagte ihre tonnenschweren Steinbrocken kilometerweit in den strahlendblauen Himmel und über die Ebene!

Der Blonde glaubte, sein Herz aussetzen zu spüren, während glühende Steinbrocken rund um ihn her und zwischen den anderen Menschen einschlugen. Die Chephren-Grabstätte war durch eine ungeheure Explosion vernichtet worden...

Ted Ewigk zuckte förmlich zusammen und griff sich an die Stirn. Stimmengemurmel war um ihn herum. Er schluckte und öffnete langsam die Augen. Er saß an einem Tisch in einem Restaurant, vor ihm ein leergeputzter Teller. Es war, als erwache er aus einem Traum. Vorsichtig sah er sich um. Doch niemand schien bemerkt zu haben, dass er ein paar Minuten weg gewesen war.

Neben ihm wuchs eine Gestalt in die Höhe. Ein Oberkellner lächelte ihn an. »Hat es Ihnen gemundet, mein Herr?« fragte er.

»Die Chephren-Pyramide ist explodiert... «, flüsterte Ted.

»Bitte?« Leicht hob der Weißbefrackte eine Braue. Ted sah verwirrt auf. »Oh... entschuldigen Sie. Natürlich. Kann ich zahlen?«

»Selbstverständlich, mein Herr. Einen Augenblick bitte.«

Er entschwebte mit dem Geschirr. Ted verfiel in leichtes Grübeln. Er musste eine Vision gehabt haben. Es war nicht das erste Mal, dass er Dinge ähnlicher Art sah. Im Laufe der Zeit konnte er seine Para-Fähigkeiten richtig einschätzen. Dennoch...

Er überlegte. Was hatte er mit der Chephren-Pyramide zu tun? Er besaß momentan keinen Draht nach Ägypten. Und wer war die Frau mit dem goldenen Haar gewesen, die sich in seiner Begleitung befunden hatte? Nicht blond - es war tatsächlich ein Goldschimmer, und das Haar fiel bis auf die Hüften herab.

Der Oberkellner kehrte zurück und kassierte ab. Ted gewährte ihm ein großzügiges Trinkgeld und blieb noch eine Weile am Tisch sitzen.

Er war freier Reporter, aber einer von der Sorte, die sich ihre Themen selbst aussuchen können und den Zeitungen und Rundfunkanstalten die Preise diktieren. Mit seinen siebenzwanzig Jahren hatte Ted eine geradezu sagenhafte Karriere hinter sich und ein nicht unbeträchtliches Bankkonto aufgestockt. Um seine Berichte rissen sich die Medien, und manche älteren Kollegen schielten neidvoll nach ihm, weil er in ein paar Jahren das geschafft hatte, was sie in ihrem ganzen Leben nicht erreichen würden.

Hin und wieder fragte Ted sich, wie lange diese Erfolgssträhne anhalten würde. Es gab eine Interessengruppe, die alles daran setzte, ihn zu vernichten. Schon mehrfach war er mit Vertretern dieser Machtgruppe aneinandergeraten. Einer dieser Zusammenstöße hatte ihn vor etwa einem Jahr in dieser Gegend seine Gefährtin gekostet. Eva Groote war von einem Dämon ermordet worden.

Seitdem war Ted solo geblieben. Langsam war seine Verbitterung geschwunden, seine unsägliche Trauer um das Mädchen, das er geliebt hatte. Der Gorgo, der schlangenköpfige Dämon, war vernichtet worden. Seit jenem Tag hatten die Dämonen Zurückhaltung geübt. Waren sie klüger geworden? Oder arbeiteten sie an einem Langzeitplan, der ihm das Genick brechen sollte?

Aber jetzt - die Vision! Sie deutete darauf hin, dass sich wieder etwas zusammenbraute, ein Süppchen, das von den Herrschern der Nacht gekocht wurde. Denn unter den Menschen konnte niemand Interesse haben, eine Pharaonengrabstätte in die Luft zu jagen.

Es musste eine Zukunftsvision gewesen sein, überlegte Ted. Denn bis jetzt hatte er die Pyramiden nur auf Bildern gesehen, und auch die goldhaarige Frau war ihm unbekannt. Demzufolge musste sich das Geschehen in nächster Zukunft abspielen.

War die Vision eine Warnung? Ein Anstoß, den Ablauf der Dinge durch irgendeine Handlung zu verändern?

Plötzlich saß Ted Ewigk nicht mehr allein an seinem Tisch.

Leicht hob er die Brauen, weil sein Gegenüber von einem Augenblick zum anderen aus dem Nichts erschienen war. Im nächsten Moment hatte Ted ihn erkannt. Zum ersten Mal hatte er ihn vor gut eineinhalb Jahren in Kassel erlebt.

Gott Apollo saß ihm hier in einem Restaurant in Oldenburg gegenüber!

*

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Kurz riskierte Ted einen Rundblick. Niemand außer ihm schien den neuen Gast sehen zu können. Der Reporter nahm an, dass es andernfalls auch wohl einen Volksauflauf gegeben hätte, weil Apollo sich so präsentierte, wie er in der Antike von den Bildhauern dargestellt worden war. Im Adamskostüm zeigte er seine jugendlich-kraftvolle Schönheit und sah Ted aus dunklen Augen forschend an.

Der entsann sich, dass Apollo nicht nur der Gott der Jugend und Schönheit sowie der Musen, sondern auch für Weissagungen zuständig war. Das Absurde der Situation, mit einem Wesen an einem Tisch zu sitzen, das es eigentlich gar nicht wirklich geben durfte, kam ihm nicht zu Bewusstsein. Die Götter der Antike hatten ihm schon mehrfach bewiesen, dass sie nicht nur in Erzählungen existierten, sondern immer noch vorhanden waren. Sie waren niemals ausgestorben, nur ihr Einfluss auf die Menschen war nicht mehr der gleiche wie früher. Die Technik hatte die Götter vertrieben.

Der Gott der Weissagung... war Apollo in Zusammenhang mit der Chephren-Vision zu Ted Ewigk gekommen?

Als Apollo sprach, benutzte er nicht Griechisch, sondern Deutsch. »Ted Ewigk, ich frage mich immer wieder, wieso keiner von uns in der Lage ist, deine Gedanken zu lesen, aber deinem Gesicht entnehme ich, woran du denkst.

Ted Ewigk, ich habe dir die Vision geschickt!«

Ted beugte sich leicht vor. »Warum, Apollo?«

»Was weißt du über Chephren?«, fragte der Gott, der im Moment mehr wie ein Mensch wirkte.

»Das, was im Lexikon steht«, versetzte Ted trocken. »Sohn des Cheops, lebte etwa in der Zeit von 2605 bis 2580 vor Christus und ließ die zweite der Giseh-Pyramiden erbauen.«

Immer noch lag der fragende Ausdruck in Apollos Augen. Ted grinste trocken.

»Ach ja, noch etwas. Seine Pyramide ist um einen Meter kleiner als die vom ollen Cheops.«

»Ich wusste, dass du darauf kommen würdest«, sagte Apollo rätselhaft. »Dieser eine Meter hat es in sich. Ted Ewigk, ich muss jetzt gehen, weil es Dinge gibt, die mächtiger sind als ich. Es hat mich gefreut, dich wiederzusehen.«

Im nächsten Moment gab es ihn an dem kleinen Rundtisch nicht mehr.

Ted selbst freute sich gar nicht so sehr. Damals hatte es Schwierigkeiten gegeben, und er ahnte, dass es diesmal wieder Probleme geben würde. Dabei war er nur in diese Gegend gekommen, um nach einem Jahr noch einmal jenen Ort wiederzusehen, an dem Eva gestorben war.

Er war darüber hinweg. Den bohrenden Schmerz gab es nicht mehr, nur noch eine Erinnerung an die schöne Zeit ihres Zusammenseins. Ihr Tod war gerächt worden.

Idiot!, schalt er sich im nächsten Moment. Apollo hätte dich auch in Hintertupfingen oder Pinguin-City in der Antarktis gefunden!

Er erhob sich und verließ das Restaurant. Draußen stand sein Wagen am Straßenrand geparkt. Ted ging mit forschen Schritten auf den pastellbeigen Opel Diplomat zu und schob den Schlüssel ins Schloss.

Das tat ihm den Gefallen nicht, sich zu öffnen.

»Ja, - wo sind wir denn hier?«, murmelte er verblüfft.

Im nächsten Moment spürte er, wie sich etwas in seinen Rücken presste. Unwillkürlich versteifte er sich und breitete leicht die Arme aus.

»In Dodge-City, mein Lieber, wenn du nicht sofort die Pfoten von meinem Wagen lässt!«, sagte eine helle Stimme hinter ihm schneidend.

Es war eine Frauenstimme. Das trug durchaus nicht zu Teds Beruhigung bei. Eine Frau konnte genauso gefährlich sein wie ein Mann, solange sie ihm die Mündung einer Pistole gegen die Nieren presste.

In einer Instinktreaktion versuchte er seine Para-Fähigkeiten zu aktivieren, um ihre Gedanken zu lesen, aber entweder blockte sie ab, oder er war im Moment indisponiert: Er nahm die zweite Möglichkeit an, denn Menschen mit derartig stark ausgeprägten Para-Sinnen, dass sie einen anderen Telepathen erkannten und sich gegen ihn abschirmten, waren an den Fingern einer Hand abzuzählen.

»Ihr Wagen?«, murmelte er mit leichter Verblüffung. »Verdammt, ich werde doch meinen Wagen noch kennen, gute Frau!«

»Drehen Sie sich langsam um«, kam ihre Anweisung. Der Druck in seinem Rücken schwand. In der Hand immer noch den Schlüssel, folgte er dem Befehl und drehte sich langsam auf dem Absatz nach ihr um.

Das erste, was er sah, war das Feuerzeug, das sie ihm in den Rücken gepresst hatte.

Das zweite war das bis auf die Hüften fallende Haar, das im Licht der Mittagsonne golden leuchtete.

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»Ich werde verrückt!«, stieß Ted hervor und starrte die Frau fassungslos an. Es war die, die in der Vision mit ihm zusammen vor der explodierenden Pyramide gestanden hatte.

Es gab keinen Zweifel.

Sie mochte etwa zwanzig Jahre jung sein, war fast so groß wie Ted und sehr schlank. Aus Jeans-Shorts ragten endlos lange, schlanke Beine hervor, um in Sandalen mit goldenen Riemen zu enden, und unter einer dünnen, über dem Nabel verknoteten Bluse erkannte er nicht zu große, feste Brüste. Das Gesicht war schmal und erinnerte ihn ein wenig an Eva. Der Mund war natürlich rot; sie verwendete keinen Lippenstift. Das tatsächlich goldene Haar fiel weich und locker über ihre Schultern, und unter sanft geschwungenen Brauen entdeckte er ein Augenpaar, das ihn maßlos irritierte.

Schockgrün waren diese Augen!

»Mach keine leeren Versprechungen, mein Lieber«, sagte sie mit ihrer hellen, melodischen Stimme. »Zum Verrücktwerden siehst du zu gut aus, du Wikinger! Was hast du an meinem Wagen zu fummeln?«

Erleichtert darüber, dass es keine Pistole war, die sie auf ihn gerichtet hatte, blies er die angestaute Luft durch die Nase. »Erstens«, erwiderte er, »ist das mein Wagen, und zweitens finde ich Ihre Art, Bekanntschaften zu machen, doch reichlich plump.«

Ihre schockgrünen Augen schienen ihn hypnotisieren zu wollen. Kaum nahm er wahr, dass sie einen Arm ausstreckte und an der Autoreihe entlangzeigte.

»Bleiben wir beim Du, du verhinderter Autoknacker, das ist einfacher. Dein Schlachtschiff steht dahinten, falls du das nicht auch geklaut haben solltest!«

Ted holte tief Luft.

»Ich sollte dich übers Knie legen«, murmelte er, sah aber dann doch in die angegebene Richtung. Im gleichen Moment wurde ihm klar, warum der Schlüssel nicht gepasst hatte.

Denn sein Opel Diplomat, pastellbeige, schwarzes Vinyldach, Schiebedach, Funktelefonantenne am Heck, stand rund acht Meter weiter entfernt. Und dieses Gefährt hier glich dem seinen aufs Haar!

»Das hat man davon«, murmelte er, »wenn man ein Auto mit alltäglicher Lackierung fährt.« Früher wäre ihm diese Verwechslung nicht untergekommen. Aber seinen früheren Wagen - gleiches Fabrikat, aber schwarz lackiert und an allen Chromteilen vergoldet – hatte er verkauft. Zu viele Erinnerungen an Eva hingen an dem Wagen, und er wollte vergessen.

Er sah wieder die Goldhaarige an. »Darf ich um Entschuldigung bitten?«

»Klar, bitten darfst du, bloß nehme ich die Entschuldigung nur an, wenn du mich zu einer Tasse Kaffee einlädst. Das wird dein Bankkonto wohl verkraften. Du bist doch Ted Ewigk, nicht wahr?«

Sprachlos starrte er sie an.

»Wie kommst du darauf, du Autoknackerschreck?«, fragte er nach ein paar Sekunden.

»Na, die Beschreibung, die mir Apollo gegeben hat, stimmt jedenfalls. Wikinger-Typ, graue Augen, dünner Mund, ovales Gesicht mit stellenweise harten Linien, ziemlich genau siebenundzwanzig Jahre alt und vermutlich Telepath. Aber damit scheint's nicht weit her zu sein, wie ich vorhin feststellen durfte.«

Er war entsetzt. »Apollo?«

»Na, der olle Grieche. Hat er nicht vorhin mit dir am Tisch gesessen und dir von Chephren erzählt?«

»Nein...«, murmelte Ted erschüttert. »Nur Andeutungen. Ich... wer bist du eigentlich, zum Kuckuck?«

Sie sah ihn aus ihren strahlenden grünen Augen an. »Ich bin Teri«, und damit glaubte sie alles Nötige gesagt zu haben. »Hat dir Apollo wirklich nichts von Chephren erzählt? Dann muss ich das wohl nachholen. Dieser Trottel!«

»Teri...«, murmelte Ted. »Und wie weiter?«

»Teri Rheken, wenn du darauf bestehst.«

Plötzlich fuhr er herum, legte schwungvoll den Arm um ihre Taille und zog sie mit sich. »Ein paar Straßen weiter kenne ich ein nettes Café, und da wirst du mir etwas von Chephren und Apollo erzählen!«

Sie widersprach nicht, sondern lehnte sich sogar leicht an ihn, und Ted hatte plötzlich das Gefühl, in eine hinterhältige Falle gegangen zu sein.

Aber in eine Falle, die teuflisch hübsch aussah...

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Sie saßen sich an einem der freien Tische eines kleinen Straßencafés gegenüber. Es befand sich in einer Seitenstraße innerhalb der Fußgängerzone. Während sie auf den Kaffee warteten, überlegte Ted. Es war einigermaßen umwerfend, was in den letzten Minuten auf ihn zugekommen war. Diese Teri Rheken hatte mit Apollo gesprochen, und sie hatte auch seinen schwachen Telepathie-Versuch bemerkt. Demzufolge lag es also doch nicht an seinem Versagen, obwohl er seine Para-Talente nicht immer so einsetzen konnte, wie er gerne wollte, sondern daran, dass sie sich tatsächlich abgeschirmt hatte.

Er musterte die feinen Linien ihres Gesichtes und kam immer wieder zu den grünen Augen zurück. Irgendwo hatte er diese Augen schon einmal gesehen.

In Schottland, vor zwei Jahren... Llewellyn Castle...

Kerr, der Yard-Inspektor, und Gryf besaßen solche grünen Augen! Schockgrün, wie normalerweise keine Menschenaugen waren. Und sowohl Kerr als auch Gryf waren Druiden.

»Für die Erkenntnis hast du ja lange gebraucht«, sagte Teri mit spöttischem Lächeln und einem unschuldigen Augenaufschlag, der nicht zum Spott passte. Eine Strähne ihres Goldhaars glitt ihr in die Stirn, und mit einer leichten Kopfbewegung schüttelte sie sie wieder zur Seite.

»Du liest meine Gedanken?«, fragte er überrascht. »Das schaffen ja nicht einmal die Götter...«

Abermals schüttelte sie den Kopf. »Ich habe bei dir auch Schwierigkeiten, aber ich las es in deinen Augen. Ja, ich bin eine Druidin. Schirmst du dich eigentlich ständig ab, oder besitzt du eine natürliche Sperre?«

»Vermutlich letzteres«, murmelte er. »Was sollte Apollo mir über Chephren erzählen? Woher kennst du Apollo überhaupt?«

Der Kaffee kam. Heiß stieg ihnen der Duft entgegen, und gleichzeitig nippten sie an dem schwarzen Gebräu. Teri lehnte sich zurück, so dass sich die fast durchsichtige Bluse über ihrem Busen spannte. Ted erwischte sich bei der Hoffnung, der beanspruchte Knoten würde sich lösen.

»Apollo ist ein interessanter Mann«, sagte sie leicht. »Wenn du ihm in deinen Qualitäten wenigstens annähernd gleichkommst, können wir recht gut zusammenarbeiten.«

Ted hüstelte. »Das kommt auf die Art der Qualitäten an. Ich beherrsche zum Beispiel nicht die Teleportation...«

»Die interessiert mich weniger«, erwiderte die Druidin. »Von Para und Magie hatte ich nicht gesprochen. Dafür bin ich selbst zuständig. Aber zurück zu unserem Problem. Merlin war es ursprünglich, der uns warnte. Dann erst wurden die Olympier wach.«

»Wen - uns?«, fragte Ted gespannt.

Sie winkte ab. »Gryf, Kerr, mich und ein paar andere Druiden vom Silbermond, die du nicht kennst. Mit der Chephren-Pyramide stimmt etwas nicht. Es muss mit dem Meter Höhenunterschied zu tun haben. Außerdem heißt es neuerdings in eingeweihten Kreisen, der Pharao habe niemals in seinem Grab gelegen. Ein Doppelgänger soll dort mumifiziert worden sein.

He, behaupte, jetzt nicht wieder, du würdest verrückt. Das glaubt dir sowieso keiner.«

Ted verschluckte sich und hustete einige Male, um die Kaffeespritzer wieder aus der Luftröhre zu bekommen. »Ein Doppelgänger also«, wiederholte er. »Und wo, bei allen Eidottern, ist der echte Chephren untergetaucht?«

»Untergetaucht dürfte der richtige Ausdruck sein«, sagte die Druidin. »Er muss tatsächlich untergetaucht sein, aber wir können die Stelle nicht genau lokalisieren. Und dafür, dachte Freund Apollo, könnten wir deine Hilfe benötigen.«

»Wo zum Teufel?«, fragte Ted jetzt energischer.

Teri lächelte entwaffnend.

»Im Moor«, sagte sie. »Irgendwo hier in der Gegend, aber wir wissen die genaue Stelle nicht. Und er ist auch nicht bei seinem Einsumpfen still und blubbernd verstorben, sondern lebt heute noch. Deshalb müssen wir ihn dringend finden. Der liebe Chephren möchte ein kleines Weltreich errichten, und wenn wir ihn nicht stoppen, tut er das auch.«

Ted leerte die Kaffeetasse, hielt sie mit beiden Händen und sah Teri über den Porzellanrand hinweg an.

»Ich bin zwar eine Menge Dinge gewöhnt«, sagte er. »Geister, Dämonen, Spukerscheinungen, sogar antike Götter und hübsche Druidinnen. Aber das mit dem versumpften Ägypter glaube ich dir nicht.«

Teri streckte ihre langen Beine als Blickfang aus.

»Tja, mein lieber Geister-Reporter«, sagte sie, »dann wird die Pyramide wohl doch explodieren.«

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Ted beugte sich vor und sah sie starr an.

»Warum«, fragte er langsam und deutlich, »wird die Pyramide explodieren? Was weißt du von meiner Vision?«

Sie lachte hell. »Muss ich dir noch einmal erzählen, dass Merlin uns vor dem warnte, der im Moor schläft? Merlin... du kennst ihn von deinem Kampf gegen den Geisterlord. Damals trat er auf als der Magier Iljuschy...«

»Der im Moor schläft...« flüsterte Ted. »Eine seltsame Formulierung. Wie kommt ein ägyptischer Pharao in ein friesisches Moor? Und - woher weiß dieser Merlin davon?«

»Merlin weiß vieles, was anderen verborgen bleibt. Chephren bedeutet eine ungeheure Gefahr. Das Sprengen der Pyramide wird den dritten Weltkrieg auslösen. Alle Anzeichen deuten darauf hin. Wenn der Krieg vorbei ist, wird Chephren über eine fast entvölkerte, teilweise strahlenverseuchte Erde herrschen. Einfacher kann er es nicht mehr haben.«

»Woher weiß Merlin davon?«, wiederholte Ted eindringlich seine Frage.

»Merlin ist in die Zukunft gegangen«, sagte die Druidin. »Es gibt verschiedene Zukunfts-Ebenen. Eine davon wird Wirklichkeit, und zwar die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Und die Entwicklung, die ich gerade aufzeichnete, ist momentan die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Wenn wir nicht etwas Entscheidendes und im Grunde Unwahrscheinliches unternehmen, wird sie zur Realität. Dann fliegt die Pyramide in die Luft, der dritte Weltkrieg wird entfesselt und ein paar Jahre später Chephren zum Herrscher.«

Ted legte den Zeigefinger an den rechten Nasenflügel. »Man könnte diese Entwicklung verhindern, indem man Chephren ausfindig und unschädlich macht«, sagte er.

»Klar erkannt, mein Süßer«, flötete Teri. »Und unser Problem ist, dass wir nicht wissen, in welchem Moor der Pharao steckt. Deshalb brauchen wir dich.«

»Richtig«, erwiderte Ted trocken. »Ich greife jetzt in meinen Ärmel, ziehe ein Kaninchen heraus, und das wird uns laut und deutlich verraten, wo sich Chephren befindet. Dann gehen wir hin, graben ihn aus dem Moor aus und hauen ihm eins auf die Nuss.«

»Idiot!«, zischte Teri. »Kannst du nicht von zwölf bis Mittag denken? Du besitzt einen Dhyarra-Kristall. Den brauchen wir, um Chephren zu orten.«

»Uff«, stieß Ted hervor. »Was wisst ihr eigentlich nicht von mir, Freunde? Die Existenz des Kristalls ist ein strenges Geheimnis! Ich kenne nur zwei Leute, die davon wissen Der eine ist ein französischer Parapsychologe, der selbst so ein Ding besitzt, und der andere ist ein Polizist in Varel.«

Teri lächelte und versuchte Mona Lisa zu kopieren. »Merlin weiß eben alles.«

»Nur eines nicht«, konterte Ted müde. »Wo Chephren steckt!«

Teri deutete auf ihre leere Tasse. »Sollen wir nicht gehen? Wo bist du einquartiert?«

»Im Moment nirgends«, erwiderte er. »Ich bin erst auf der Anreise. Ich wollte mich irgendwo in. Varel öder Neuenburg für ein paar Tage niederlassen und mir die Gegend noch einmal ansehen, in der...« Er verstummte.

Teri erhob sich, trat neben ihm und legte ihm die Finger auf die Lippen. »Nicht weitersprechen. Und weiterdenken«, sagte sie. »Du lebst heute und nicht in der Vergangenheit. Nur die Zukunft ist wichtig. Lass uns nach Varel oder Neuenburg fahren. Nur die Zukunft geht uns etwas an, und wir dürfen keine Stunde verlieren.«

Auch Ted stand jetzt auf. »Du gehst also davon aus, dass ich mitmische«, sagte er.

Teri Rheken, die Druidin vorn Silbermond, nickte. »Selbstverständlich«, erwiderte sie. »Du kannst dich deiner Bestimmung nicht entziehen. Und bedenke stets: Die Götter sind mit uns.«

»Es gibt nur einen Gott, an den ich glaube«, sagte er leise.

»Dennoch existieren sie«, flüsterte die Druidin zurück. Dann griff sie nach seiner Hand. »Komm endlich mit!«

Himmeldieberge, dachte Ted, ich stehe schon total unter dem Pantoffel!

Eine Viertelstunde später glitten zwei Fahrzeuge, die äußerlich identisch waren bis auf das Nummernschild, auf die Autobahn, die von Oldenburg nach Wilhelmshaven führt.

*

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Jener, der sich Apollo nannte, registrierte zufrieden, dass die beiden Personen, die allein die Voraussetzungen boten, dem Unheimlichen entgegenzutreten, sich gefunden hatten und dabei waren, gegenseitige Sympathien zu entdecken.

Ted Ewigk und Teri Rheken passten zusammen. Apollo hatte es von Anfang an erkannt. Und nur ein Team, das in der Lage war, eine totale Vertrauenssphäre zu schaffen, konnte gegen den Sohn des Cheops bestehen, den Apollo noch unter dem Namen Chufu kannte. Hatte Chufu jemals geahnt, wie sehr sein Sohn Chephren entartet war?

Der Gott der Schönheit und der Musen wusste, dass die Zeit brannte. Vielleicht war es schon zu spät. Vielleicht kroch der Zeit-Schläfer bereits aus dem Moor, in welchem er sich Jahrtausende verborgen hatte. Jetzt war für ihn die Zeit reif.

»Dieser verdammte Meter Höhenunterschied«, murmelte Apollo erbittert. »Da steckt der Teufel drin!«

Er hatte sich schon akklimatisiert.

Schon zu lange lebte er als Ewiger unter Sterblichen. Apollo war bereits mehr Mensch als antiker Gott. Aber er ahnte es nicht einmal.

Ted Ewigk musste Erfolg haben, oder die Welt würde untergehen. Denn Apollo hatte noch eine andere Zukunftsebene gesehen als Merlin. Apollo hatte ein paar Tage später den Zukunftsblick riskiert.

In der Zukunft, die Apollo als die Wahrscheinlichste gesehen hatte, wurden die atomaren Waffen wesentlich früher eingesetzt. Der Planet Erde würde untergehen, und mit der Menschheit würden die Götter sterben.

Chephren musste gestoppt werden, koste es, was es wolle!

*

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Ted Ewigk beschloss, in Varel Quartier zu beziehen. Er hätte die Gaststätte mit Zimmervermietung in Neuenburg aufsuchen können, die er vor knapp einem Jahr beansprucht hatte, aber irgendwie fürchtete er sich davor, dass die alten Wunden wieder aufgerissen werden würden. Und doch wollte er jene Stelle noch einmal sehen, an der der Gorgo-Dämon Schott Eva gemordet hatte...

Ted verstand sich selbst nicht mehr.

Jetzt stoppten die beiden großen Luxuswagen vor einem Nobel-Hotel in Varel. »Hm... «, murmelte Ted, der sich bei dem Gedankenfetzen »Nobel-Hotel« ertappte. Varel war eine Kleinstadt, und da hatte er seine Ansprüche ohnehin etwas zurückzuschrauben.

Er stieg aus.

Teri Rheken war schneller gewesen als er und stand schon neben seinem Wagen. »Lass uns die Formalitäten hinter uns bringen«, sagte sie. »Um so mehr Zeit können wir herausschlagen.«

Ted hob die Brauen.

Der ältere Herr hinter dem Rezeptionstisch schielte mit undefinierbarem Gesichtsausdruck auf Teris offenherzige Knoten-Bluse. »Sie wünschen?«, erkundigte er sich.

»Zwei...«, begann Ted. Die Druidin unterbrach ihn. »Ein Doppelzimmer«, erklärte sie. Falle!, schrie es in Ted, aber er war in diesem Moment zu schwach, sich dagegen zu wehren. Diese Frau überrumpelte ihn förmlich. »Wenn's geht, mit Dusche«, brachte er hervor.

Das bebrillte Männlein blätterte in einem dicken Buch. »Sie haben Glück«, sagte er. »Wir haben noch ein solches Zimmer frei...«

Ted war nicht in der Lage, über Glück zu streiten. »Schön«, sagte er. »Nehmen wir.«

»Es ist aber teuer«, warnte der Bebrillte vor. Teri winkte großzügig ab. »Das macht nichts«, verkündete sie.

Als sie im Lift nach oben fuhren, meldete Ted leichten Protest an. »Wir kennen uns erst ein paar Stunden, und...«

»Erstens«, erwiderte Teri mit unschuldigem Augenaufschlag, der ihn fast um den Verstand brachte, »ist es unserer spontanen Zusammenarbeit zuträglicher, wenn wir nicht durch eine Wand getrennt werden und erst einen halben Kilometer über den Korridor laufen müssen, wenn wir Pläne schmieden wollen, und zweitens habe ich ihm einsuggeriert, dass wir verheiratet sind. Er hat bei uns beiden Trauringe an den Fingern gesehen.«

»Du bist ein Biest«, murmelte der Reporter.

»Aber ein nettes Biest, nicht wahr?«, fragte sie. Die Aufzugtür glitt auf. »Außerdem kostensparend. Ein Doppelzimmer ist preiswerter als zwei einzelne.«

»Du hast wohl auch für alles eine Ausrede«, stöhnte er.

Teri lächelte nur. Und Ted wusste, dass er verloren hatte. Aber in dieser Hinsicht kannte er sich als guten Verlierer...

*

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Rund dreißig Kilometer entfernt öffnete ein seltsames Geschöpf in diesem Moment seine Augen. Tiefste Finsternis umgab es, aber die Pupillen waren unempfindlich gegen die zähe, luftdicht schließende Masse, die sie jetzt berührte. Träge begann ein Gehirn zu arbeiten, das über Jahrtausende geplant hatte.

Das Wesen benötigte keine Luft zum Leben. Auf dem Grund eines Moores fühlte es sich, umschlossen vom Sumpfbrei, richtig wohl!

Das Wesen schloss die Lider wieder und sah jetzt auch nicht weniger als mit geöffneten Augen. Gefühllos registrierte es, dass alle Körperfunktionen wieder anliefen und die Jahrtausende in der Moortiefe ihm nicht hatten schaden können. Im Gegenteil. Das Moor hatte seinen Körper besser konserviert, als es irgendeiner der Balsamierer jemals gekonnt hätte. Zudem wäre dabei der Körper nicht unbeschadet geblieben. Das Wesen in der Tiefe wusste nur zu gut, wie sein Vater balsamiert worden war. Man hatte die Organe aus seiner Leibeshöhle entfernt, ihm schließlich das durch ein besonderes Mittel aufgeweichte Gehirn durch die Nase aus dem Kopf gezogen. Dann war sein Körper mit den erhaltenden Mitteln eingerieben und schließlich mit den Bandagen luftdicht verschlossen worden.

Chufu hatte niemals eine Chance gehabt, wiederzukehren. Sein Sohn jedoch war schlauer gewesen.

Er war niemals gestorben. In seiner Grabkammer lag ein Fremder, ein Sklave. Niemand ahnte es, und jene Männer, die den Sklavenkörper behandelt hatten, waren tot. Sie waren von Chephrens Hand gestorben, ehe sie wussten, wie ihnen geschah. Sie hatten den Pharao nicht mehr verraten können, der nicht sterben konnte.

Und Chephren war verschwunden.

Chephren lebte nach Jahrtausenden immer noch und war jetzt aus seinem eine halbe Ewigkeit währenden Schlaf erwacht. Er wusste, dass jetzt die kritische Zeit gekommen war, die ihm den Weg zum weltumspannenden Reich bahnen würde.

Immer besser funktionierte das erwachende Gehirn. Chephren wusste mit absoluter Sicherheit, dass an der Oberfläche noch heller Tag war. Er war ein paar Stunden zu früh erwacht, aber das spielte keine Rolle. In der Moortiefe war er sicher. Er konnte warten, denn niemand störte ihn.

In der Nacht würde er emporsteigen - und das Grauen über die Welt bringen!

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Ted öffnete die Tür des Doppelzimmers und warf einen Blick hinein. Es war relativ gemütlich ausgestattet. Ein hochfloriger Auslegeteppich dämpfte die Schrittgeräusche, und in einer separaten Kammer befanden sich Zimmertoilette, Waschbecken und Duschkabine. »Nicht schlecht«, murmelte er. In kleinen Orten waren schlechter ausgestattete Zimmer und die Toilette auf dem Korridor noch Standard.

»Natürlich«, bemerkte Teri Rheken abfällig. »Fenster zur Straßenseite. Die halbe Nacht Neonreklame!«

»Varel ist nicht Hamburg, Frankfurt oder München«, erwiderte Ted lächelnd. »Darin sehe ich eigentlich das kleinste Problem.«

Die Druidin ließ sich schwungvoll auf das Bett fallen und wippte ein paarmal. »Immerhin«, gestand sie zu, »besser als eine Kriegerunterkunft im alten Sparta.«

»Oh«, machte Ted in gespielter Verblüffung. »Da warst du damals schon dabei?«

Wie ein geölter Blitz kam sie hoch und blieb mit blitzenden Augen, die Fäuste in die Hüften gestemmt, vor ihm stehen. »Du Schuft! Hältst du mich etwa für eine zahnlose alte Großmutter?«

»Wer weiß?«, murmelte Ted mit sorgenvollem Kopfschütteln. »Gryf sieht auch jung und frisch aus und hat trotzdem mindestens achttausend Jahre auf dem Buckel... hm...« Und ehe die überraschte Druidin reagieren konnte, griff er zu, klappte ihren Unterkiefer mit sanftem Druck herab und bewunderte ihr blendendes Gebiss.

»Bei Pferden«, sagte er trocken, »erkennt man das Alter an den...«

»Ooh!« schrie sie empört auf. Er erkannte den Judogriff, den sie ansetzen wollte, rechtzeitig, konterte und hob seinerseits sie aus. In elegantem Schwung segelte sie auf das breite Doppelbett. Ted grinste.

»Es gibt schlechtes Wetter«, brummte er. »Die Hexen fliegen heute so tief!«

»Ich bin keine Hexe, du... du Autoknacker!« schrie sie. »Ich bin eine Druidin vom Silbermond, merk dir das! Komm her und...«

Sie brach ab.

Ted lehnte am Schrank und lachte!

»Bezaubernd«, sagte er. »Einfach bezaubernd! Bleib noch ein bisschen so wütend!«

»Ach...!«, fauchte sie und erhob sich wieder. »Das könnte dir so passen! Ich denke ja gar nicht daran, wütend zu sein. Ich bin ganz sanft und freundlich!«

Sanft und freundlich klang ihre Stimme zwar nicht, aber in ihren Augen sah Ted es funkeln. »Wie alt bist du wirklich?«, fragte er ernst.

»Man fragt eine Dame nicht nach dem Alter«, erwiderte sie, jetzt auch wieder ernst werdend. »Aber wenn du's genau wissen willst: Einundzwanzig.«

»... tausend?«

»Narr«, entgegnete sie, »dann hätt ich es so gesagt. Denk an Kerr, auch er gehört zur letzten Generation. Nicht alle Druiden sind superalt.«

Sie strich sich durch das goldene Haar. Dann drückte sie ihm ihren Autoschlüssel in die Hand. »Und weil du ein Kavalier bist, wirst du jetzt mein und dein Gepäck heraufholen. Vergiss den Dhyarra-Kristall nicht. Ich will ihn sehen.«

»Woher weißt du, dass der nicht in meiner Wohnung im Safe liegt?«, fragte Ted überrascht. Teri lächelte.

»Es ist allgemein bekannt, dass du ihn seit deinem Zusammenstoß mit dem Gorgonen ständig bei dir führst. Was glaubst du wohl, warum sie dich etwa ein Jahr lang in Ruhe gelassen haben? Sie fürchten die Macht des Kristalls. Bring ihn herauf, ich will sehen, was er leisten kann. Dann können wir unser Handeln darauf einstellen.«

Wortlos verließ Ted das Zimmer.

»Und denk an mein Gepäck«, rief sie ihm nach.

»Oh, du grünes Krokodil«, murmelte er während er im Lift nach unten fuhr. »Da bin ich ja an einen Tiger geraten... au weia...«

Der ältere Mann im dezenten Einreiher, der zufällig mit ihm nach unten fuhr, runzelte nur verständnislos die Stirn und sah den jungen Reporter abschätzend an. Offenbar dachte er sich seinen Teil über die heutige Jugend, die schon so weit war, dass sie Selbstgespräche führen musste.

*

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Ted trat durch die Eingangstür ins Freie.

Im nächsten Moment befand er sich wieder in Ägypten!

Blitzartig schlug die Vision zu und ließ ihm keine Chance. Er begriff nicht einmal, dass er nur sah. Gigantisch ragte die Chephren-Pyramide vor ihm auf und verdeckte die tiefstehende Sonnenscheibe. Ein Lichtkranz umwob die Zackenkanten des gigantischen Bauwerks.

Ted sah den Eingang an der Nordseite nicht vollständig, aber dennoch konnte ihm die Gestalt in dem wehenden Mantel nicht entgehen, die aus dem Nichts gekommen sein musste und jetzt im Eingang verschwand.

Wo waren die Wächter der Pyramide?

Ted sah sich blitzschnell um. Von Teri Rheken, der Frau mit dem goldenen Haar, war diesmal nichts zu sehen.

Der Reporter spurtete jetzt los, rannte auf den Pyramideneingang zu. Es dauerte einige Zeit, bis er ihn erreicht hatte. Jetzt erst drang in ihm die Erkenntnis vor, sich abermals in einer Vision zu bewegen, die aber früher angesiedelt war als die andere.

Mit pfeifenden Lungen hetzte er die Stufen hinauf. Abrupt blieb er stehen, als er die Toten sah. Die uniformierten Männer, die den Auftrag erhalten hatten, den Pyramideneingang vor dem Saboteur zu bewachen.

Saboteur? Woher wussten sie, dass...?

Sie wussten jetzt nichts mehr, denn sie waren tot. Ihre verbrannten Gesichter waren entstellt. Ted hatte nicht mitbekommen, auf welche Weise der furchtbare Kampf stattgefunden hatte; seine Position war zu ungünstig gewesen. Er hatte auch keine Schreie gehört. Das Grauen musste blitzschnell über die Männer gekommen sein.

Verbrannt!

Ohne Feuer...

Ted wandte sich um, starrte in den verdunkelten Eingang. Die Pyramide war gesperrt. Keine Beleuchtung brannte. Aber irgendwo in der Schwärze war die Gestalt im wehenden Mantel verschwunden.

Und da grellte es in der Schwärze auf! So blitzschnell, dass jede Reaktion zu spät kam!

Laser!, zuckte es in Ted auf, und da knallte ihm der grelle Lichtimpuls bereits in die Augen und...

*

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Im nächsten Moment stand er wieder in Deutschland, in Varel, vor der Tür seines Hotels. Der Schock ließ ihn taumeln. Unwillkürlich schloss er die Augen.

Er hatte soeben seinen eigenen Tod erlebt!

Aber wie passte das alles zusammen? Wie konnte er, erst von einer Laserpistole - wenn es eine gewesen war - erschossen werden und dann später zusammen mit Teri Rheken die Explosion der Pyramide erleben? Oder handelte es sich um zwei verschiedene Alternativ-Zukünfte?

Es musste so sein. Es musste mehrere Möglichkeiten geben, mehrere Richtungen, in die sich das Geschehen entwickelte. Er hatte jetzt die zweite von beliebig vielen Entwicklungen gesehen.

Aber - was war das für eine Waffe gewesen? Laser? Gab es den schon in so perfektionierter Form, dass man so ein Ding handlich wie eine Pistole mit sich führen konnte?

Und wer war der Mann im Mantel gewesen, der mehrfache Mörder, der Saboteur? War es jener, den es unschädlich zu machen galt - der Pharao Chephren?

Ted schüttelte den Kopf. Er wollte die Druidin fragen. Vielleicht sah sie in der Vision mehr, weil sie sich besser auskannte.

Fest rechnete er damit, im nächsten Augenblick wieder Apollo gegenüberzustehen, der dann wieder nur für ihn sichtbar sein würde, aber der Olympier erschien diesmal nicht. Nacheinander holte Ted das Gepäck aus den beiden Wagen und wunderte sich, dass Teri nur einen flachen Diplomatenkoffer bei sich führte. War da etwa alles drin, was sie benötigte?

Achselzuckend trug Ted seinen schweren und Teris leichten Koffer nach oben. Ihm konnte leichtes Gepäck nur recht sein. Er brauchte nicht zu schwer zu tragen. Der Hotelboy, dazu abgerichtet, den Gästen zu Diensten zu sein und dafür ein Trinkgeld zu erheischen, sah Ted zwei Sekunden zu spät und erreichte ihn erst, als die Lifttür sich zwischen ihnen schloss. Der Reporter grinste. Dann ruckte die Kabine an und trug ihn empor.

Plötzlich zuckte ein Gedanke in ihm auf.

Was hatte die Druidin gesagt? Ich will sehen, was er leisten kann! War sie in der Lage, den Grad des Kristalls zu erkennen? Bislang war es Ted unbekannt, wie stark der Dhyarra war. Er wusste lediglich, dass die Dhyarras sich in bis zu zwölf Rangordnungen unterschieden, von denen die Stufe 1, der unterste Grad, zugleich der schwächste, aber auch der am leichtesten zu beherrschende war. Je höher der Rang, desto größer die Kraft, aber auch die Gefahr, dass der Benutzer geistig ausbrannte, wenn seine eigenen Fähigkeiten zu gering waren. Viel mehr war Ted nicht bekannt, aber er hätte viel darum gegeben zu wissen, von welcher Ordnung sein blaufunkelnder Stein war.

Die Dhyarra-Kristalle waren in der Lage, parapsychische Kräfte unfassbar zu verstärken. Wer diese Fähigkeiten jedoch nicht besaß, für den blieb der Dhyarra ein einfacher, toter Stein - wertlos. Nicht einmal ein Juwelenhändler würde auch nur einen Pfennig dafür geben. Nur Menschen, die Psi-Kräfte besaßen oder sich ein wenig in Weißer oder Schwarzer Magie auskannten, waren in der Lage, einen Dhyarra für sich einzusetzen.

Teds Kristall lag in seinem Koffer.

Er öffnete die Zimmertür mit einem Ellenbogendruck auf die Klinke, schob sie mit dem Fuß auf und trat ein. Im stillen Kämmerlein hörte er die Dusche rauschen. Oha, dachte er. Mylady geruhen sich frisch zu machen. Sie scheint ja viel vorzuhaben.

Er begann auszupacken. Ein paar Hemden räumte er ab, bis seine suchende Hand den Kristall umschloss und ihn ans Tageslicht brachte. Im gleichen Moment hörte das Rauschen der Dusche auf. Ein paar Minuten später kam Teri wieder heraus, nur mit ihrem ungebrochenen Selbstbewusstsein bekleidet, und störte sich nicht im mindesten an seinen Blicken. »Sag mal«, murmelte Ted, »befürchtest du nicht, dass ich die Situation ausnützen und dich jetzt vernaschen könnte?«

Sie maß ihn von oben bis unten.

»Nein«, erwiderte sie. »Apollo hätte es vielleicht getan, aber du... bist dafür etwas zu anständig.« Sie kauerte neben dem Bett nieder und griff nach dem Kristall. Ted genoss den Anblick, wie ihre noch feuchten Haare über den nackten, samthäutigen Rücken flossen.

»Oh«, hörte er sie erstaunt sagen. Den Kristall in der Hand, kam sie wieder hoch, fuhr herum, und in ihren schockgrünen Augen, die größer als sonst waren, sah er Entsetzen.

»Was ist denn?«, fragte er erstaunt.

»Der Kristall... «, hauchte sie. »Er ist... ich...«

Und im nächsten Moment ließ sie ihn fallen wie ein Stück glühender Kohle.

*

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Ted war schnell genug und fing ihn auf. Vor ihr war er dadurch in die Knie gegangen und sah an ihr empor. Ihre Schönheit berührte ihn in diesem Moment nicht, sondern der Grund für ihr Entsetzen.

Aus geweiteten Augen sah sie ihn an.

»Was ist los?«, fragte er und richtete sich wieder auf. Dicht vor ihr blieb er stehen, dass sie sich fast berührten, und hielt den Kristall in Brusthöhe. »Was ist mit dem Kristall?«

Ihre Lider flackerten. »Hast du ihn jemals benutzt?«, fragte sie.

Stumm nickte er, aber sein Blick fragte.

Sie trat einen Schritt zurück. »Dann verstehe ich nicht, wieso du noch lebst!«, stieß sie hervor. »Warum hat der Kristall dich nicht ausgebrannt? Du... du... ich begreife es nicht!«

Er legte den Kristall auf die Tagesdecke des breiten Bettes und umschloss ihre Handgelenke mit seinen Fingern. »Teri, was ist mit dem Kristall los? Sag es mir endlich!«

»Ein Götterkristall«, flüsterte sie erschüttert. »Ich - kann ihn nicht ausloten, er ist zu stark! Er muss gigantisch sein in seiner Kraft, nur Götter können ihn benutzen... nein, auch jene nicht...« Ihre Stimme war immer leiser geworden, zu einem Flüstern herabgesunken, und jetzt kauerte sie sich auf das Bett. Ihre Schultern zuckten leicht. Bestürzt sah Ted sie an.

Plötzlich erinnerte er sich an etwas.

Überschätze deine Kräfte nicht!, hatte Zeus ihn damals gewarnt, als er den Kristall einsetzte, um den Gorgonen zu vernichten!

Ein Götterkristall... darum also hatte Zeus ihn gewarnt!

Die Druidin senkte den Kopf. »Ich würde dich höchstens für einen Kristall zweiter Ordnung geeignet halten«, flüsterte sie. »Aber das hier... Hast du ihn wirklich benutzt?«

»Ja...«

»Ich verstehe es nicht«, sagte sie. »Du müsstest tot sein. Und es ist auch unmöglich, dass ein Dhyarra in seiner Kraft variiert. Es - ist unmöglich...«

Da saß er neben ihr und seine Hand berührte ihre Schulter. Sie entzog sie ihm nicht, aber die Berührung zwang sie, ihn anzusehen.

»Ted, was weißt du über die Dhyarras?«

»Nicht mehr, als Gregor Iljuschin schrieb. Er hat damals die Legende von der Straße der Götter aufgezeichnet, doch sonst habe ich niemals davon gehört oder gelesen. Nur die Existenz der Kristalle beweist, dass Wahrheit dahinterstecken muss.«

»Die Kristalle«, sagte die Druidin ruhig, »stammen noch aus jener Zeit, in der Götter und Dämonen ihre Kämpfe auf der Erde austrugen. Damals trug unser Planet noch einen anderen Namen. Gaia... Damals waren Götter wie Dämonen auf die Dhyarra-Kristalle angewiesen, die ihnen Macht gaben, und nur einige Kristalle blieben zurück, als Pantheon und Pandämonium in einer anderen Sphäre verschwanden. Viele wurden zerstört, nur wenige existieren noch.«

Sie legte eine kurze Pause ein. Was sie bis jetzt gesagt hatte, war auch dem Reporter bekannt. Als sie fortfuhr, lauschte er gebannt.

»Durch Apollo und Merlin weiß ich, dass auch Zeus einen Kristall zwölfter Ordnung besitzt. Ich selbst vermag Kristalle bis zur zehnten Ordnung zu erkennen, nicht aber zu benutzen. Zeus aber ist nur selten in der Lage, seinen Dhyarra allein einzusetzen. Meist muss er sich mit anderen zusammentun; es ist zu gef ährlich.

Es heißt, dass es nur zwei Kristalle gibt, die fast so mächtig sind. Sie sind elfter Ordnung und in die Zauberschwerter von Damon und Byanca eingelassen, die damals die Straße der Götter verließen. Wenn ich nicht genau wüsste, dass beide Schwerter niemals gefunden wurden, würde ich behaupten, du besäßest einen dieser Dhyarras.

Dein Kristall muss also entweder wie der von Zeus zwölfter Ordnung sein, oder...« Sie verstummte.

Ted nickte langsam.»Oder er ist noch stärker«, murmelte er. »Aber Iljuschin berichtet, dass die beiden Zauberschwerter die stärksten Kristalle sind, die es gibt oder gab.«

Teri hob nur in einer hilflos anmutenden Geste die Schultern. Aus einem Impuls heraus beugte Ted sich leicht vor und küsste sie.

Ihre Verblüffung dauerte nur Sekunden. Dann erwiderte sie den Kuss und zog ihn langsam zu sich. Während sie auf die weiche Decke sanken, begriff Ted, dass die Druidin auf diesen Augenblick gewartet hatte, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Die Probleme, die Dhyarra und Chephren hießen, waren plötzlich nebensächlich geworden.

Ted bewies ihr, dass er besser war als Apollo. Und als sie erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder erwachten...

... erwachte, rund dreißig Kilometer von ihnen entfernt, das Grauen!

*

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Die Sonne war ein roter Feuerball, der tief über dem Horizont stand und das kleine Waldstück zu einer grauen Silhouette werden ließ, die von einer rötlichen Aura eingehüllt wurde. Der Himmel schien zu brennen. Wenige Wolkenfetzen glühten im Widerschein der versinkenden Sonne.

Es kühlte sich ab, aber der junge Mann mit dem dunklen Haar und dem Bärtchen, das ihn fast wie einen Zigeuner aussehen ließ, rührte sich nicht von der Stelle. Er beobachtete den Lichtschein, der aus der Oberfläche des Sees rotgoldenes Feuer zu machen schien.

Ein Vogel schrie, und irgendwo zirpten Grillen unverschämt laut. Langsam senkte sich die Sonne hinter die Bäume.

Sonnenuntergang am Moorsee!

Es dämmerte. Irgendwo am Himmel funkelte bereits ein vereinzelter Stern und kündigte die laue Sommernacht an. Immer noch regte der junge Mann sich nicht.

Schwarz zeigte sich das Wasser des Lengener Meers, wie der Moorsee genannt wurde. Wie eine rote, flirrende Feuerlanze zog der Widerschein der untergehenden Sonne darüber.

Dann endlich versank die Sonne irgendwo im Westen und die Dämmerung brach herein. Der Bärtige verzichtete darauf, auf die Uhr zu sehen. Wie spät es war, war ihm gleich. Er genoss die Ruhe, die abendliche Stille hier in der freien. Natur. Die nächsten Häuser am Rand des Moores waren ein paar Kilometer entfernt.

Durch die beginnende Nacht surrte ein Automotor. Jetzt zeigte sich im Gesicht des Dunkelhaarigen eine Regung; er furchte die Stirn. Die Störung gefiel ihm nicht. Wer war jetzt in der Dunkelheit, auf dem holperigen Sandweg noch unterwegs zum Moor?

»Höchstens ein Verrückter wie ich«, murmelte er und erhob sich. Ein schmaler, aber nicht überall fester Pfad führte vom See zur Straße. Dennoch war das Moor hier, am Rand, ungefährlich. Schlimm wurde es erst auf der anderen Seite des Sees.

Der fremde Wagen stoppte ab. Menschen stiegen aus. Ein Mann und eine Frau, hörte er an den Stimmen. Offensichtlich wollten sie zum See. Aber die Zeit, in der der See schön war, war vorbei. In der Dunkelheit gab er nicht sonderlich viel her. Die Dämmerstunden waren die schönsten.

Sie kommen hierher, dachte er und wandte sich um. Jenseits des Sees flackerte ein Licht.

Unwillkürlich furchte er die Stirn. War da noch jemand draußen, in den gefährlicheren Zonen? Dort war es nicht ratsam, sich im Dunkeln zu bewegen. In jenen Regionen waren vor Jahrhunderten die zum Tode Verurteilten versenkt worden, und man erzählte, dass noch heute die Geister der Unseligen in den Nächten umgingen.

An Geister glaubte er nicht mehr. Aber er wusste, dass man auch heute noch unversehens in jenem Gebiet versinken konnte, sobald man einen Schritt vom Weg abkam. Dort hinten hatte das Moor in den Jahrhunderten nichts von seiner Gefährlichkeit verloren.

Das Licht bewegte sich, änderte seine Größe, wurde stärker und wieder schwächer.

Ernst Jürgens zögerte. Die Irrlichter fielen ihm ein, jene aufsteigenden Leuchtgase, die nachts Moorwanderer in die Irre führten. Sollte sich dort ein ähnliches Phänomen entwickeln?

Aber warum dann nur an jener einen Stelle?

Schmatzende Schritte und unterdrückte »Huch«-Rufe näherten sich. Die beiden nächtlichen Moorbesucher kamen langsam, aber sicher zum See und waren dabei dumm genug, grundsätzlich in die matschigen Flecken hineinzulaufen, anstatt die hell schimmernden Grasflächen zu betreten. Vielleicht fürchteten sie, dass dort die Kreuzottern warteten, die es hier gab...

Erst, als sie fast am Ufer standen, bemerkten sie, dass schon jemand da war. »Hallo«, grüßte das Mädchen herüber.

»Moin«, gab Ernst Jürgens den friesischen Nationalgruß zurück, der keine Tageszeit berücksichtigte.

»Ist da hinten noch einer im Moor?«, fragte der Mann langsam. An der Aussprache erkannte Ernst, dass es sich um Urlauber aus irgendwelchen südlichen Gebieten Deutschlands handeln musste.

»Scheint so«, gab er einsilbig zurück. »Kann aber auch ein Irrlicht sein.«

So ganz glaubte er nicht daran. Das Licht befand sich zu hoch über dem Boden.

Und kam es nicht näher?

Doch ein einsamer Wanderer, der das Risiko auf sich genommen hatte, einzusinken?

Oder...?

Aber diese Möglichkeit wollte Ernst Jürgens nicht akzeptieren.

Das Licht kam tatsächlich näher.

*

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Es war ein gespenstischer Anblick, und hätten ihn die drei Menschen am Moorsee aus der Nähe verfolgen können, das Grauen hätte sie angesprungen wie ein wildes Tier.

Auf der dunklen, breiigen Masse, nur wenige Meter vom halbwegs festen Pfad entfernt, sprangen verstärkt Blasen auf, platzten auseinander. Ein eigenartiges Leuchten entstand, verdichtete sich jäh zu einer Lichtkugel, welche in ihrer Intensität pulsierte.

Stärker wurde das Brodeln. Die Moormasse kam in Bewegung. Etwas kam aus der Tiefe an die Oberfläche. Das Moor teilte sich und gab eine bräunliche Hand frei, von der breiigen Masse behaftet.

Die Finger bewegten sich, vollführten zupackende Bewegungen und boten einen gespenstischen Anblick.

Eine zweite Hand tauchte auf.

Dann durchstieß ein Kopf die Oberfläche.

Kahl, alt und faltig, zeigte er sich moorverklebt. Augen öffneten sich zuckend. In ihnen entstand ein kaltes, grelles Leuchten, das das der Gaskugel übertraf. Sofort schlossen sich die Lider wieder. Jener, der im Moor die Jahrtausende überdauert hatte, erkannte sofort, wie verräterisch das Leuchten dieser Augen sein musste.

Seine Schultern brachen durch und führten den einmaligen Vorgang weiter, dass ein Mensch aus den Tiefen des Moores wieder auftauchte. Es war wie in einem rückwärts laufenden Film, nur dass er auf seinem Körper die Spuren des Moores mit sich brachte.

Ganze Klumpen der feuchten Masse hafteten noch an ihm.

Er kam heraus! Seine Hüften tauchten auf. Jetzt begann er sich zu bewegen, arbeitete sich noch schneller aus dem unsicheren Boden heraus und ging dann über das Moor.

Unsicher und taumelnd war sein Gang, aber er verfehlte jetzt die festen Stellen nicht ein einziges Mal. Nach Jahrtausenden noch kannte er den Weg, der sich ihm eingeprägt hatte, als er das Moor aufsuchte, um darin zu versinken und die Zeit zu verschlafen, bis sie reif wurde, ein neues, weltumspannendes Reich zu errichten.

Seine Lider hielt er geschlossen, sah aber dennoch durch sie hindurch. Die Lichtkugel schwebte jetzt vor ihm her und erhellte den Weg.

Noch immer taumelte er. Er spürte seine Schwäche. Er brauchte Nahrung. Und er fühlte, dass etwas in der Nähe war, das ihm Kraft geben konnte.

Plötzlich stockte sein Fuß.

Den See hatte es damals, vor Jahrtausenden, hier nicht gegeben. Er war neu.

Aber man konnte ihn umrunden. Wieder bewegte sich der Jahrtausendschläfer.

Chephren war wieder erwacht!

Chephren kam!

*

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»Da ist doch einer«, sagte der Fremde, der sich nicht namentlich vorgestellt hatte.

Sie sahen es jetzt deutlich. Die Lichtkugel schwebte jenem Moorwanderer voran. In ihrem Lichtschein war er am anderen Ufer des Sees undeutlich zu erkennen. Deutlicher war zu sehen, dass er schwankte. Kraftlos, vielleicht verletzt...

Ernst Jürgens setzte sich in Bewegung. Er wollte dem Fremden entgegen gehen. Vielleicht brauchte er Hilfe...

Die beiden Urlauber schlossen sich ihm an. Vielleicht witterten sie eine kleine Sensation und trauten ihm als Ortsansässigem dabei zu, dass er das Moor genau kannte. Dabei wohnte er gar nicht so direkt am Moor, sondern im einige Kilometer nördlicher liegenden Zetel. Eine Laune hatte ihn hierhergetrieben, und nachmittags hatte er der am Weg liegenden Jugendherberge, in der er vor etwa einem Jahr seinen Zivildienst abgeleistet hatte, einen Besuch abgestattet.

Auf halbem Weg blieb er stehen. Die Unmöglichkeit des Ganzen kam ihm in den Sinn. Was war das für ein Licht, das vor der schwankenden Gestalt frei in der Luft schwebte?

Hier ging doch etwas nicht mit rechten Dingen zu!

Der Schwankende kam weiterhin näher. Er wirkte selbst auf die Entfernung, als sei er total verschmutzt. So, als sei er dem Moor entstiegen...

Dem Moor entstiegen!

War doch etwas dran an den Erzählungen der Alten? Aber es war doch unmöglich, dass jemand aus den Moortiefen wieder emporstieg. Das Moor ließ niemanden freiwillig wieder frei, der einmal versank.

Ein letzter Rest von Verstand schrie ihm zu, dass es sich um eine Halluzination handeln musste. Er wandte sich um.

»Was ist?«, fragte das Mädchen.

»Der kann sich wohl allein helfen - wenn es ihn überhaupt gibt«, murmelte Ernst Jürgens hastig und ging an den beiden vorbei. »Mich hält hier nichts mehr...«

Die zauberhafte Sonnenuntergangsstimmung, die er sich bis jetzt zu bewahren versucht hatte, war verflogen. Ein ungutes Gefühl kroch in ihm hoch und raunte ihm zu, es sei besser, so schnell wie möglich zu verschwinden.

Die beiden Urlauber zögerten noch. Ernst wandte sich um. Da sah er, dass der Unheimliche schneller geworden war.

»Kommen Sie«, rief Ernst. »Hier ist es nicht geheuer!«

»Aberglaube!« sagte der Mann. Das Mädchen schmiegte sich an ihn. »Das ist ja richtig unheimlich«, brachte sie hervor.

Angst stieg in Ernst Jürgens auf, als er sah, dass der Einsame nicht mehr schwankte. Sehr schnell und sehr zielsicher kam er heran. Das ihm voranschwebende Licht wurde greller und riss die seltsame Gestalt, die vielleicht noch zwanzig Meter entfernt war, aus der Nacht.

Ein kalter Schauer rann über Jürgens Rücken.

Der Fremde musste tatsächlich aus dem Moor gestiegen sein. Er war kahlköpfig, nackt und über und über beschmiert.

»Laufen Sie!«, schrie Ernst.

Jetzt begriffen auch die beiden anderen, dass Gefahr im Verzug war. Das Mädchen schrie auf. Sie begann zu laufen. Der junge Mann verharrte noch Augenblicke, dann warf auch er sich herum.

Plötzlich strauchelte das Mädchen.

Ernst stoppte seinen Lauf, als er den Aufschrei hörte. Der Mann kniete neben ihr nieder. »Was ist?«

»Mein Fuß«, stöhnte sie. »Ich bin irgendwo hängengeblieben...«

Da hetzte der Unheimliche in weiten Sprüngen heran.

»Nein...«

Der Mann sprang auf, warf sich ihm entgegen. Da öffnete der Unheimliche die bis dahin geschlossenen Augen.

Kaltes, grelles Licht sprang aus ihnen heraus und traf den Mann.

Ernst sah ihn zusammensinken. Im Licht der Gaskugel sah er, wie das Gesicht des Urlaubers förmlich verfiel, grau wurde. Unzählige Falten bildeten sich in Sekundenschnelle, die Haut spannte sich über den Knochen. In Sekunden wurde das Haar schlohweiß und fiel aus.

Dann brach er zusammen. Er musste tot sein.

Der Unheimliche aber spannte seine straffen Muskeln. Er wirkte in seiner drohenden Unheimlichkeit jetzt frischer, lebendiger. Als habe er die Lebenskraft seines Opfers in sich aufgesogen...

Das Mädchen wimmerte nur noch leise.

Etwas hämmerte in Ernst Jürgens. Er stand rund dreißig Meter entfernt. Für ein Eingreifen war es zu spät. Dennoch zog ihn etwas dorthin, wollte ihn zwingen einzugreifen.

Aber noch ehe er sich endgültig entscheiden konnte, flammte es abermals aus den Augen des Unheimlichen auf.

Ernst Jürgens wandte sich ab und begann wieder zu laufen. Er verzichtete darauf zuzusehen, wie das Mädchen innerhalb von Sekunden zur Greisin wurde und starb. Er konnte ihr nicht mehr helfen. Er konnte jetzt nur noch versuchen, sich selbst zu retten.

Wie von Furien gepeitscht sprintete er durch den ungefährlicher werdenden Teil des Moores, dem Weg entgegen, der die schroffe Grenze zu den bereits trockengelegten Feldern bildete.

Er sah sich nicht mehr um.

Er sah nicht, dass der Unheimliche zögerte, als müsse er überlegen, ob er ihm folgen solle oder nicht. Dann aber schlossen sich die Augenlider des Sumpfentstiegenen wieder. Die Lichtkugel erlosch jäh. Die Gestalt des Unheimlichen verschmolz mit der DunkeIheit.

Er verfolgte den Fliehenden nicht. Niemand würde ihm glauben.

Ernst Jürgens aber riss die Tür seines Renault auf, sprang hinein und startete den Wagen. Dem dunklen Mercedes-Coupé, dessen Besitzer jetzt tot war, schenkte er keinen Blick. So rasch der holperige und von tiefen Schlaglöchern durchzogene Boden es zuließ, jagte er davon, der Zivilisation entgegen.

*

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Es war der Augenblick, in welchem Ted Ewigk jäh aus dem Schlaf aufschreckte. Klar und deutlich stand ein Gesicht vor seinen Augen. Das Gesicht eines alten, runzligen Mannes, und aus dessen Augen flammte ein grelles, tödliches Licht, das ihn in einen Abgrund reißen wollte.

Ted saß aufrecht im Bett. Seine Hand glitt automatisch zum Lichtschalter. Das Nachttischlämpchen flammte auf und verbreitete mattes Zwielicht.

Der Eindruck verblasste. Aber in der Erinnerung sah er das Gesicht des Alten mit seinen tödlichen Augen immer noch vor sich.

Wieder eine seiner Visionen?

Wer war dieser Alte? Etwa der geheimnisvolle Chephren?

Neben Ted rührte sich die Druidin. Sie hatte auf dem Bauch gelegen, ein Bein leicht angewinkelt und die Decke war irgendwohin verrutscht. Jetzt hob sie den Kopf, richtete sich halb auf. »Was'n los?«, nuschelte sie verschlafen.

Ted schwang sich aus dem Bett. Er erzählte, was ihn so jäh geweckt hatte.

Von einem Moment zum anderen war auch Teri Rheken hellwach.

»Das muss Chephren sein«, stieß sie hervor. »Aber welche Bedeutung das Bild hat, weiß ich auch nicht... Grelles, tödliches Licht aus seinen Augen?«

Ted trat ans Fenster und sah nach draußen.

»Irgendetwas muss geschehen sein«, sagte er dumpf. »Und es ist bestimmt nichts Gutes. Vielleicht ist der Pharao bereits erwacht und auf dem Weg, sich die Welt zu unterwerfen.«

Teri Rheken schüttelte den Kopf. » Wir wollen es nicht hoffen«, sagte sie.

Ted sah den Dhyarra-Kristall auf dem Tisch liegen. Er ging darauf zu und umschloss ihn mit der Hand. Sofort fühlte er sich ruhiger.

»Vielleicht sollte ich versuchen, ihn schon jetzt aufzuspüren.«

Teri ließ sich wieder in die Kissen fallen. »Selbst wenn er bereits erwacht ist, spielen ein paar Stunden mehr oder weniger auch keine Rolle«, sagte sie. »Schlaf diese Nacht durch, du wirst morgen deine Kräfte brauchen. Vergeude sie nicht nutzlos.«

Ted glaubte in diesem Moment Zeus wieder zu hören, der ihm damals zugerufen hatte: Überschätze deine Kräfte nicht!

Seine Hand gab den Dhyarra-Kristall frei. Mit schleppenden Schritten ging er zum Bett zurück und ließ sich hineinfallen.

Aber er fand lange, sehr lange keinen Schlaf, und das lag diesmal nicht an der Nähe der aufregend hübschen Druidin.

*

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Apollo spürte die Schwingen der Nacht, die von dem Pharao ausgingen. Doch er griff nicht ein. Chephren würde ihn sofort erkennen und sich entsprechend schützen. Dabei war er ohnehin schon abgeschirmt genug. Auch jetzt, wo Apollo wusste, dass der Unheimliche aus dem Moor gekommen war, konnte er nicht erkennen, wo sich Chephren aufhielt.

Es musste in der Nähe sein - aber wo? Im Umkreis von rund zweihundert Kilometern kamen viele Moorgebiete in Betracht. Und jetzt, da Chephren beweglich geworden war, wurde es noch schwieriger, ihn ausfindig zu machen und zu stellen.

Aber Ted Ewigk würde es schaffen.

Apollo ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Chephren sich bereits mit Lebensenergien »aufgetankt« hatte und dadurch noch gefährlicher geworden war. Hätte er es gewusst, hätte er wohl kaum weiterhin abgewartet. Ted Ewigk wäre in dieser Nacht nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Aber so konnte Chephren ungehindert damit beginnen, an die Ausführung seines Planes zu gehen...

*

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In der »Schaumburg« war um diese Zeit kaum noch Betrieb.

Ernst Jürgens war abgebogen und zu dieser Gastwirtschaft im Mikro-Dörfchen Neuenburgerfeld gefahren, das eigentlich nur aus einer Ansammlung weit auseinanderliegender Gehöfte bestand. Seine Kehle brannte plötzlich. Er brauchte einen kräftigen Schluck - und vielleicht auch jemanden, mit dem er sprechen und den er vielleicht vor dem Unheimlichen warnen konnte.

Der sechzigjährige, sympathische Wirt der »Schaumburg«, der seine Gaststätte nur noch aus Spaß an der Freud' geöffnet hielt, weil er finanziell seit langem sein Schäfchen im Trockenen hatte und sich eigentlich gemütlich und arbeitslos zur Ruhe hätte setzen können, war so ein Mann, mit dem man reden konnte. Der Student stoppte seinen gelben Renault auf der Parkfläche und stürmte förmlich in die Gaststube.

Bis auf zwei Männer war alles leer. Der »Burgherr« stand hinter der Theke und war damit beschäftigt, Bier zu zapfen.

Jürgens warf sich förmlich auf einen der Barhocker. »Moin«, murmelte er. »Ich brauch' jetzt 'n Appel, Heinz, aber den zweimal hintereinander...«

Der Wirt runzelte die Stirn. »Was ist denn mit dir los?« fragte er. Seine Überraschung, dass der ehemalige Zivildienstleistende aus der Jugendherberge sich wieder einmal sehen ließ, wich der über seinen Zustand. Heinz unterbrach sein Zapfen und förderte den eisgekühlten Apfelschnaps zutage, der die »Schaumburg« in eingeweihten Kreisen berühmt gemacht hatte.

Der Student leerte die beiden Gläser nacheinander und schüttelte sich - nicht ob des Alkohols, sondern bei dem Gedanken daran, was am Moorsee passiert war. Stockend erzählte er sein Erlebnis. »Ruf die Polizei an«, schloss er.

Die beiden anderen Gäste hatten gespannt gelauscht. Nach und nach waren ihre Gesichter blass geworden. Sie gehörten hoch zu jener Generation, die sich die Spukgeschichten und Erzählungen von den Moortoten gern und gläubig zu Gemüte führten. Und Ernst Jürgens' Schilderung war so lebhaft gewesen, dass es für diese Männer keinen Grund gab, an ihr zu zweifeln.

Lediglich der Wirt der »Schaumburg« blieb skeptisch. »Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast?«

Der Student schüttelte den Kopf.

Ungefragt schenkte Heinz ihm einen weiteren Appel ein. Dann ging er in den Nebenraum, in welchem das Telefon stand.

Er war kaum verschwunden, als sich fast lautlos die Tür öffnete. Ein dunkelhäutiger, alter Mann trat ein.

Seine Augenlider waren geschlossen.

*

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Kurz zuvor war Chephren, der Pharao, vor den beiden Toten stehengeblieben, deren Lebensenergien er in sich aufgesogen hatte wie ein Vampir das Blut seines Opfers. Seine neue Fähigkeit, die er nach seinem Wiedererwachen hier und jetzt zum ersten Mal spürte, entsetzte ihn nicht. Die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, hatte er verloren, ohne dass es ihm bewusst geworden war, und gegen dieses Unheimliche eingetauscht.

Eiskalt registrierte er, dass er dadurch Macht über Leben und Tod bekommen hatte wie vielleicht niemand vor ihm. Damals in seinem Reich, im alten Ägypten, hätte er die Fähigkeit gut gebrauchen können. Er erinnerte sich an jene, die stets gegen ihn intrigiert hatten - schon damals, als er noch ein Kind war und Chufu regierte.

Monster hatten sie ihn genannt, weil er nicht sterben konnte!

Vielleicht hundertmal hatten gedungene Mörder, manchmal Priester, einmal sogar ein Horuspriester, ihn zu töten versucht. Vielleicht hundertmal hatte er Gift getrunken oder überraschend eine Klinge gespürt. Doch er konnte nicht sterben. Es gab nichts, was ihn umbrachte, und da begannen sie ihn zu fürchten.

Nie wurde in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, nie schrieb ein Schreiber darüber. Nur hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt. Der Pharao überlebte jeden Mordanschlag, und als ein ganz besonders schlauer Mörder ihm hinterrücks mit dem Schwert den Kopf hatte abschlagen wollen, war die Klinge zerbrochen und dem Mörder selbst in die Brust gefahren.

Dass er ein Günstling der Götter sei, glaubte Chephren selbst nicht, der seine Unsterblichkeit als gegeben hinnahm und sich keine großen Gedanken darum machte. Ihm genügte es, vor den Mordanschlägen sicher zu sein, wie es sie an jedem Königshof zu jeder Zeit gegeben hatte. Und als er alt genug war, fasste er einen Plan.

Chephren war ein hochintelligenter Mann, und es drängte ihn nach der Macht. Er wollte das Land beherrschen bis ans Ende der Welt. Doch das Reich am Nil war klein, zu klein, um eine ganze Welt zu erobern. Der Pharao sprach zu den Sehern, dass sie ihm die Zukunft zeigen sollten. Sie taten es, und er erkannte, dass jeder Versuch, die ganze Welt zu beherrschen, noch für Jahrtausende zum Scheitern verurteilt sein musste. Ein Mann namens Alexander würde es versuchen und nicht erreichen, was er plante, die Römer würden es versuchen und ein wildes Reitervolk aus den Steppen des kalten Ostens. Und noch Jahrhunderte danach, in einer Zeit, da Wagen ohne Pferde fahren würden und eiserne Vögel am Himmel kreisten, in einer Zeit, da Blitze nicht mehr nur aus den Händen der Götter, sondern aus denen der Menschen kamen, würde es einem Mann, der Hitler genannt wurde, nicht gelingen, die Weltherrschaft zu errichten. Das alles sagten die Seher dem Pharao, und da wusste er, dass er lange warten musste.

Chephren täuschte seinen Tod vor.

Doch jener, der wie ein König bestattet wurde, war nicht der Pharao. Ein Sklave war es, den sie in die Pyramide brachten, die noch zu Lebzeiten Chephrens erbaut worden war. Und als sich die steinernen Türen schlossen, tötete Chephren persönlich jene, die davon wussten. Jeden einzelnen. Und er ging in der Nacht, um die weite Reise zu unternehmen. Niemand würde ihn finden, selbst dann nicht, wenn sie die ganze Welt absuchten. Denn die lange Reise führte ihn bis dorthin, wo ihn niemals ein Mensch seiner Zeit finden würde, in ferne Länder, in denen die Kälte wohnte und in denen es hellhäutige und hellhaarige Menschen gab, die andere Götter verehrten.

Lange genug hatte der Pharao sich mit der Magie befasst - er, der nicht sterben konnte. Mit der Magie bereitete er sich auf den langen Schlaf vor, ohne zu wissen, dass diese Magie auch etwas anderes in ihm verändern würde - etwas, das er erst jetzt bemerkte, das er aber gefühllos zur Kenntnis nahm.

Er ließ sich im Moor versinken, für Jahrtausende geschützt. Hier unten würde niemand ihn in seiner Ruhe stören, würde niemand ihn verletzen können. Hier war er sicherer als irgendwo. Und selbst wenn jemand gewusst hätte, dass Chephren, der Pharao aus dem unendlich fernen Ägypten, im Moor versank, er hätte nie geglaubt, dass eben dieser Chephren aus eigener Kraft und lebend wieder zum Vorschein kommen würde. Das Moor gab jene nicht mehr frei, die es verschlang.

Doch Chephrens Magie befreite ihn.

Die Pyramide hatte ihn gerufen!

Daran dachte er, als er jetzt mit geschlossenen Augen an sich heruntersah und feststellte, dass sein Körper vom Schlamm verschmutzt war. Hier neben ihm war das schwarze Wasser des Moorsees, und Chephren tauchte darin ein, um sich zu reinigen. Obgleich das Wasser sich dem Auge schwarz darbot und in der Nacht wie flüssiges Silber schimmerte, war es doch kristallklar. Der Schmutz wurde von Chephrens Körper gespült. Gesäubert kehrte er auf den halbwegs festen Boden zurück und bot seinen nackten, braunen Körper den weißen Strahlen des Mondes dar. Es war, als bestrahle das weiße Licht ihn mit Wärme.

Chephren sah wieder die beiden Toten an. Sie trugen eine fremdartige Kleidung, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Doch er begriff rasch, wie die unzähligen Knöpfe geöffnet und geschlossen werden konnten, und er legte die Kleidung des Mannes an. Sie war einengend und fremd, doch überaus praktisch, und er würde sich rasch daran gewöhnen. Vor allem boten die vielen Kleidungsstücke eine Vielzahl von Taschen, in denen man etliche Dinge verbergen konnte. Und er fand auch etliche Dinge darin. Einen Beutel mit Münzen und seltsamen, kleinen Pergamenten, die bunt waren. Ein Künstler musste sie bemalt haben, so fein und kompliziert, dass es genial war. Schriftzeichen befanden sich dazwischen.

In einer anderen Tasche fand er einen Ring mit seltsam kleinen und außerordentlich flachen Schlüsseln. Zumindest nahm er an, dass es Schlüssel sein mussten, obwohl ihnen die kräftigen Haken fehlten.

Chephren ließ die Toten liegen. Er setzte sich in Bewegung, dorthin, wohin der andere Mann verschwunden war. Dort hatte eine Bestie gebrüllt, wahrscheinlich das Reittier des Nordländers.

Der Pharao bewegte sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Nacht. Seine Augen blieben geschlossen, ohne dass seine Sehfähigkeit dadurch beeinträchtigt wurde. Er erreichte den Graben, der Moor und Straße trennte, und trat über die kleine Holzbrücke.

Dort stand ein flacher, eiserner Wagen.

Das musste einer der Wagen sein, die ohne Pferde fuhren, von welchen die Seher erzählt hatten.

Der Pharao trat darauf zu. Er brauchte nicht lange, um festzustellen, wie man die Tür öffnete, und in seiner Hand hielt er dann den schmalen, flachen Schlüssel und schob ihn in den Schlitz eines Zylinders.

Etwas in ihm war da, was ihm sagte, wie er den Wagen zum Fahren bringen konnte. Und als der Motor ansprang und die Bestie rumorte, fuhr der Pharao aus der Antike den modernen Wagen wie ein junger Gott. Er wendete ihn auf der holperigen Sandstraße, als habe er sein Leben lang nichts anderes getan als Mercedes-Coupés zu fahren, und ließ den Wagen dorthin rollen, wo Leben strahlte.

Vorbei an einem alten Haus mit modernem Anbau. Junges, frisches Leben fühlte er darin in hundertfacher Anzahl... und er fuhr weiter, folgte der deutlichen Spur, die der Flüchtende für den Pharao hinterlassen hatte. Nur Chephren vermochte diese Spur wahrzunehmen.

Als die Abzweigung kam, bog der Pharao ab.

Und erreichte die »Schaumburg«...

*

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Mit einem Satz sprang Ernst Jürgens zur Seite. Die Theke schloss eine Nische der Gaststube ab und war daher nur kurz. Mit zwei Schritten war der Student am Durchgang und ließ sich dahinter fallen.

Er hatte den Kahlköpfigen wiedererkannt.

Zwar war der Unheimliche jetzt nicht mehr moorverschmiert, sondern sauber und noch dazu bekleidet - aber gerade die Kleidung hatte Jürgens noch vor rund zwanzig Minuten an dem jetzt toten jungen Mann gesehen, und vor allem die geschlossenen Augen, durch die der Unheimliche scheinbar sehen konnte, verrieten alles!

Die beiden anderen Gäste sahen den Eintretenden an. »He, Opa, mach doch mal die Augen auf...«

Ernst Jürgens blieb auf Tauchstation. Er wollte den beiden Männern eine Warnung zuschreien, doch die Worte erstarben ihm.

Der Unheimliche öffnete die Augen.

Das Licht, das aus ihnen hervorstrahlte, war jetzt wesentlich schwächer. Chephren hatte gelernt, seine Kraft zu dosieren. Er fixierte die beiden Männer. Sie erstarrten, und der Glanz ihrer Augen erlosch.

Mit raschen Schritten kam der Pharao um die Theke herum. Mit seinen gleißenden Augen sah er den Kauernden an, der nicht einmal mehr aufschreien konnte. Auch sein Blick wurde stumpf.

Der Unheimliche kehrte wieder um. Er klatschte in die Hände, wie der Herrscher seinen Sklaven befiehlt. Und seine Sklaven folgten ihm mit blicklosen Augen.

Als der Wirt in die Gaststube zurückkehrte, war diese leer.

Das hatte es noch nie gegeben. Ohne zu bezahlen, waren alle drei verschwunden!

Mit ein paar Schritten war er an der Tür, sah nach draußen.

Ein vollbesetzter Mercedes verschwand um die nächste Kurve in Richtung Neuenburg...

*

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Als der Streifenwagen anrollte, der eigens aus Varel gekommen war, war natürlich nichts mehr zu machen. Der Wirt konnte lediglich erzählen, was er selbst gehört hatte.

»Das ist natürlich nicht viel«, brummte Polizeiobermeister Sierk. »Wem gehört denn der gelbe Renault da draußen?«

»Das muss der vom Jürgens sein«, überlegte der Wirt. »Die beiden anderen sind zu Fuß gekommen.«

»Es sieht also so aus«, brummte Pit Carstens, »als seien alle drei in diesen Mercedes gestiegen - wenn sie zu Fuß gekommen sind. Der Mercedesfahrer muss sie also überraschend abgeholt haben.«

Hans Sierk zuckte mit den Schultern. »Haben Sie die Adressen von den Herrschaften da?«, fragte er.

Nur im Fall von Ernst Jürgens musste der Wirt passen. »Der kommt nur ganz selten mal herein, aus alter Freundschaft, weil er in Zetel wohnt, aber wo da... hm.«

»Na, wenn es sein Wagen ist, dann werden wir ihn wohl über die Zulassungsstelle bekommen«, murmelte Sierk. »Schönen Dank und tschüss.«

Er verließ die Gaststube. Draußen notierte er sich die Nummer des Wagens und schwang sich dann in den VW-Variant mit dem Blaulicht auf dem Dach.

Pit Carstens grinste.

»Kommt 'n Mann aus der Kneipe«, sagte er. »Torkelt quer über den Parkplatz und tastet über jedes Autodach.«

»Und?« fragte Sierk gleichgültig.

»Ein Passant fragt ihn: Was suchen Sie denn da? Mein Auto, lallt der Betrunkene. - Und wie wollen Sie das so erkennen? fragt der Passant. Ganz einfach, sagt der Betrunkene, meins hat so ein blaues Ding auf dem Dach.«

»Haha«, machte Hans Sierk wenig überzeugt. »Weil wir jetzt schon mal hier draußen sind, sollten wir vielleicht tatsächlich mal zum Moor hinausfahren und schauen, ob da zwei Leichen liegen.«

Carstens, der Rangniedrigere, gähnte. »Wie du willst. Mir ist es egal, ob wir hier herumgurken oder uns Varels Straßen bei Nachtbeleuchtung ansehen.«

Sierk startete den Streifenwagen und gab Gas. In groben Zügen wusste er, wo er den Zugang zum Moorsee finden würde. Die Straße dorthin änderte von Asphaltierung zu Kopfsteinpflaster ihren Charakter zur Straße zweiter Ordnung, wie es im Amtsgebrauch hieß, um schließlich irgendwann zur Straße »allerletzter Ordnung« zu werden. Der Wagen schaukelte auf und ab.

»Jetzt einen Achsenbruch«, lästerte Pit Carstens. »Was kann es schöneres geben als das?«

»Halt's Maul, du Nervensäge. Oder erzähl lieber einen Witz.«

Carstens hielt sich krampfhaft fest, während der POM versuchte, die gröbsten Schlaglöcher vorsichtig zu umfahren. Es gelang ihm nur in den wenigsten Fällen: selbst ein Fahrrad war für diese Art Straße ein zu großes Fahrzeug.

»Mir fällt keiner ein - oder doch: der kürzeste Witz dieses Jahres.«

»Erzähl«, brummte Sierk.

»Der Sommer«, erwiderte Carstens.

Sierk ließ sekundenlang das Lenkrad los. Der Wagen holperte von selbst um das Schlagloch herum und in das nächste hinein. »Damit kannst du Recht haben«, sagte er.

»Womit?«

»Mit dem Sommer. Jetzt hat ein paar Tage die Sonne geschienen, aber die Pfützen sind immer noch da.«

Plötzlich trat er auf die Bremse. Er hatte die kleine Brücke gesehen, die über den Graben führte. »Los, raus aus der Kiste, du Sinnbild eines faulen Beamten.«

Ächzend zwängte sich Pit Carstens aus dem Variant. »Selbst Beamter, ätsch«, sagte er.

Hans Sierk ging voraus. Er betrat das Moor mit gemischten Gefühlen. Auch wenn es hier am Rand ungefährlich sein sollte und man selbst an den feuchtesten Stellen nicht tiefer als bis zu den Hüften einsank, hatte er nicht die geringste Lust, dies auch auszuprobieren. Es reichte ihm schon völlig, bis zu den Schuhsohlen einzusinken. Vorsichtig sorgte er dafür, vorwiegend dort zu bleiben, wo das Gras am dichtesten wuchs. Dort erwies sich der Boden als am festesten.

Carstens erlaubte sich einen kurzen Hüpfer und begann dann zu wippen. »Ganz schön fluppig hier«, sagte er.

»Lass den Quatsch«, murmelte Sierk und ging weiter.

Fasziniert starrte er dann die silberne Oberfläche des Sees an. »Ein eigenartiger Anblick«, sagte er leise. »Am liebsten möchte ich hierbleiben und auf die Sonne warten.«

Carstens zuckte die Schultern und ging am Seeufer entlang.

Plötzlich blieb er stehen. »Da liegt jemand«, sagte er.

Alarmiert kam Sierk heran. Er sah an Carstens vorbei. Dort lagen tatsächlich zwei menschliche Körper. Ein nackter Mann und eine bekleidete Frau.

»Eigenartig«, sagte Carstens. »Bei Liebespaarmorden sieht es doch normalerweise so aus, dass wenigstens auch die Frau nackt ist. Wer hat sich denn da bloß vertan?«

»Spar dir deinen billigen Zynismus!«, schrie Sierk.

»Schon gut«, brummte Carstens erschrocken.

Sie blieben vor den beiden Toten stehen. Beider letzte Hoffnung erstarb, als sie die vertrockneten, förmlich mumifizierten Körper aus der Nähe sahen. Beide waren zweihundertjährige Greise, und beide waren unweigerlich tot.

Hans Sierk kniete neben den beiden Toten nieder.

»Das darf doch nicht wahr sein«, flüsterte er bestürzt.

Und er dachte dabei an ein Wesen, das er vor gut einem Jahr fürchten gelernt hatte. Und diese beiden Menschen hier waren nicht auf normale Weise gestorben, sondern auf eine, wie sie sich nur ein Wesen aus der Hölle ausdenken kann.

Sierk dachte an den Doc.

*

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»Wer«, fragte Pit Carstens gedehnt, »ist der Doc?«

Sierk begriff, dass er laut gedacht hatte.

»Wenn ich nicht wüsste, dass es den Doc nicht mehr gibt, würde ich behaupten, er hätte hier erneut zugeschlagen«, sagte er. »Doktor Johannes Schott, genannt der Doc, weil er eine Zeitlang in Amerika lebte, war ein Dämon, ein furchtbares Höllenwesen, das seine Gestalt ändern konnte. Eine Bestie. Der Doc enttarnte sich anlässlich der Fehde mit einer Art Dämonenjäger. Ich hatte am Rande mit dem Fall zu tun - nein, ich steckte eigentlich mittendrin. Die Hauptarbeit aber hat jener Dämonenjäger zu tun gehabt. Er hat den Doc schließlich vernichtet.«

»Dämonen und Dämonenjäger - bist du unter die Spökenkieker gegangen, Hans?«, fragte Carstens.

»Wenn du die Sache damals miterlebt hättest, würdest du anders reden«, sagte Sierk ruhig. »Es gibt die Dämonen.«

»Schön, es gibt also Dämonen«, echote Carstens. »Wieviel hast du getrunken, Hans?«

»Halt den Mund«, verlangte Sierk zum xten Mal. Er sah die beiden vergreisten Toten an. »Kein Mensch hat sie getötet. Dieser dem Moor Entstiegene muss eine Bestie sein, wie der Doc es war. Vielleicht noch schlimmer.«

Er griff in seine Jackentasche und zog die Brieftasche hervor. Aus welchem Grund er die beiden Telefonnummern auch jetzt noch bei sich trug, wusste er selbst nicht. Aber er beschloss, bei Tagesanbruch anzurufen; jetzt in der Nacht war es wohl ein wenig unhöflich.

Jener Mann musste helfen, der damals den Doc besiegt hatte.

Ted Ewigk.

Sierk ahnte nicht einmal im Traum, wie nahe Ted Ewigk bereits war.

Er erhob sich. »Ich glaube, wir funken die Kollegen von der Mordkommission heran«, sagte er.

»Das dürfte das Vernünftigste sein«, sagte Pit Carstens erleichtert. »Ich dachte schon, du würdest einen Exorzisten anrufen wollen.«

Er sah nicht, dass Sierk leicht zusammenzuckte und die Fäuste ballte. Ein Exorzist!

»Du hast eben keine Ahnung, Pit«, flüsterte er bitter. »Und vielleicht ist das auch gut so...«

*

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Nach einiger Zeit, als er sicher sein konnte, dass man ihn hier nicht so bald finden würde, hielt Pharao Chephren an. Der Motor des Mercedes 350 erstarb.

Einer der drei Männer, jener, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, stieg wie ein gehorsamer Sklave aus, kam um den Wagen herum und öffnete die Fahrertür. Mit einem maskenhaft starren Lächeln stieg der Pharao aus.

Auch die beiden anderen kamen ins Freie.

Der Kahlköpfige sah sie prüfend an. Dann nickte er zufrieden. Sie hatten ihm jenes Wissen zu geben, das er brauchte, um sich in dieser Zukunftswelt - denn nichts anderes war sie für ihn - zu behaupten. Die Pyramide hatte gerufen, es musste soweit sein.

»Die Sprache«, sagte der Pharao. »Von euch werde ich die Sprache lernen, die die Welt spricht.«

Was es zu tun galt, wie er sich zu benehmen hatte - er wusste, dass er es im entscheidenden Moment von selbst wissen würde. So, wie er gewusst hatte, wie er den Mercedes zu fahren hatte, als er darin saß.

Aber es gab Dinge, die ihm sein Über-Sinn nicht verriet. Und diese wenigen Dinge würden seine drei Sklaven ihm verraten.

Chephren nahm ihr Wissen in sich auf.  Die Sprache - und das Wissen um die Dinge, die in der Vergangenheit geschehen waren. Nicht alles konnten ihre Gehirne ihm verraten, aber doch genug, um zu erkennen, dass die Seher ihn gut beraten hatten. Alles war so eingetroffen, wie sie es prophezeit hatten.

Und die Lage der Dinge war so, dass der entscheidende Augenblick gekommen war. Die Pyramide hatte ihn zur rechten Zeit geweckt.

Die politische Lage der vielen fremden und mächtigen Länder, an die zu Chephrens Zeiten noch niemand zu denken gewagt hatte, war dermaßen angespannt, dass es nur eines winzigen Funkens bedurfte, um das Pulverfass Erde zur Explosion zu bringen.

Und wenn es explodiert war, wenn der große Krieg beendet war, der nicht allzu lange dauern würde, konnte Chephren auf den Trümmern der Welt sein Reich errichten.

Chephren war entschlossen, jenen winzigen Funken zu liefern. Er wollte die Macht, und jedes Mittel war ihm recht.

An die Betroffenen verschwendete er keinen Gedanken.

Sie waren nicht wie er.

Er war der Pharao.

Das allein zählte.

*

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Irgendwann erwachte Ernst Jürgens wie aus einem tiefen Traum. Er kauerte in einer Gegend, die er nicht kannte. Neben ihm hockten, an Baumstämme gelehnt, jene beiden Männer, die er in der »Schaumburg« gesehen hatte.

Sie schienen zu schlafen.

Wie waren sie hierhergekommen?

Vergeblich versuchte er sich zu erinnern, doch je intensiver er überlegte, desto verwaschener wurden die Eindrücke, schienen immer weiter zu schwinden. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er den Wirt gebeten hatte, die Polizei zu rufen, dann kam der Filmriss. Die Spur jener Ahnung verschwand endgültig aus seinem Gedächtnis...

Der Unheimliche hatte gut vorgesorgt.

Ein wenig später erwachten nacheinander auch die beiden anderen Männer. Auch sie konnten sich an nichts erinnern. Doch einer von ihnen wusste, wo sie sich befanden. Irgendwo ein beträchtliches Stück hinter Neuenburg in Richtung Autobahn. Ein langer Fußmarsch lag vor ihnen...

Sie setzten sich in Bewegung. Der Morgen dämmerte bereits.

Und während sie gingen, pochte irgendwo in Ernst Jürgens' Bewusstsein etwas und erinnerte ihn daran, dass dies mit ziemlicher Sicherheit das Werk des Unheimlichen war.

Doch sein beeinflusster Verstand, der sich an den Pharao nicht mehr erinnern konnte, weigerte sich, jene unterbewusste Stimme wahrzunehmen.

Chephrens Tarnung blieb undurchdringlich.

*

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In den frühen Morgenstunden warf sich Hans Sierk in seiner Junggesellenwohnung in den Sessel. Er hatte Dienstschluss; sein Nachteinsatz war beendet. Aber Sierk fühlte sich dennoch nicht müde oder matt. Der Anblick der beiden Toten nagte an ihm und hielt ihn wach.

Neben ihm auf dem flachen Tischchen stand die Flasche Jever, die er geköpft hatte. Er griff danach, setzte sie an und leerte sie in einem Zug zur Hälfte.

Er sah von dem Türposter, das eine bezaubernde weibliche Gestalt, die lediglich einen Bikini trug - in der Hand, versteht sich -, zur Wanduhr. Früh genug, entschied er, andere Menschen per Telefon aus dem Schlummer zu wecken. Da Ted Ewigk nicht zu den Fabrikarbeitern oder Polizeibeamten zählte, die Nachtschichten leisten mussten, würde er sich jetzt wohlig in den Federn räkeln.

Hans Sierk erhob sich notgedrungen wieder aus seinem Sessel, ging zum Telefon und wählte Ted Ewigks Hausanschluss.

Tüüt-tüüt-tüüt...

Sierk wartete geschlagene zehn Minuten.

So lange konnte auch der müdeste Schläfer das Klingeln eines Telefons nicht ertragen, um nicht zumindest mit einem wüsten Fluch den Hörer kurz abzuheben und wieder auf die Gabel zu schmettern. Also war Ewigk nicht zu Hause.

Sierk zuckte mit den Schultern.

Er las die andere Nummer von dem Zettel ab. Der Anschluss des Autotelefons. Schaden konnte es nicht, wenn er es noch einmal auf diese Weise versuchte.

Er wählte erneut und wartete ab.

*

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Es war um diese Zeit, als der Hotelbesitzer persönlich, der es gewöhnt war, früh aufzustehen, die Glastür aufschloss und auf die Straße hinaustrat. Sein Blick fiel auf die beiden gleich aussehenden großen Wagen, mit denen gestern Nachmittag die letzten Gäste des Tages eingetroffen waren. Ted Ewigk und Frau...

Komisch, überlegte er. Warum kommen sie mit zwei Wagen?

Er trat auf die beiden Schlachtschiffe zu, die auf dem Parkstreifen standen. Er riskierte einen Blick ins Innere.

»Oha«, murmelte er. »Nobel ausgestattet. Wahrhaftig mit - Telefon...« Und er überlegte, was so eine Anlage wohl kosten mochte. Soviel ihm bekannt war, wurden Autotelefone mit fünfstelligen Summen gehandelt...

Und just in diesem Augenblick begann die optische Rufanzeige grell zu blinken.

Ach du lieber Himmel, dachte der Hotelbesitzer.

Er kehrte zurück und ging zur Haustelefonanlage. Wo Herr Ewigk und Frau einquartiert waren, rief ihm das Gästebuch in Erinnerung. Er wählte das Zimmer an.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich jemand meldete. »Ja«, knurrte eine männliche Stimme verschlafen.

»Entschuldigen Sie die frühe Störung«, sagte der Hotelier. »Aber mir fiel auf, dass sich soeben Ihr Autotelefon bemerkbar machte...«

»Danke«, kam es zurück, dann war die Leitung wieder tot. Immerhin hatte dieses Danke nicht unfreundlich geklungen. Hm, dachte der Hotelbesitzer, wenn jemand sich ein Telefon ins Auto legt, dann muss ein solcher Anruf auch von höchster Wichtigkeit sein.

Knapp zwei Minuten später stürmte ein Mann im Bademantel an ihm vorbei ins Freie und warf sich förmlich ins Auto.

Noch früh genug. Hans Sierk hatte lange genug gewartet.

*

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Normalerweise war es

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