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Der Machdi

Kapitel 1

Der Mann brannte. Rote und orangefarbene Flammen züngelten aus seinen Kleidern, zehrten von seiner Haut und verbrannten sein Haar. Das Licht war so grell, dass es vielen der Zuschauer die Tränen in die fassungslos aufgerissenen Augen trieb, und der Gestank nach brennendem Stoff, verschmortem Haar und schmelzendem Fleisch war unerträglich. Das Feuer hatte bereits seine Fingernägel schmelzen lassen und die Haut von seinen dürren Fingern gefressen, sodass das rohe Fleisch und hier und da auch schon der weiße Knochen zum Vorschein kamen. Seine Augenlider waren verschmort und die Augäpfel darunter zu blinden weißen Kugeln geworden, und auch die Lippen waren längst aufgeplatzt, schwarze Narben in einem Gesicht, das kaum noch als solches zu erkennen war. Trotzdem bewegten sie sich, und nicht einmal das Prasseln der Flammen und das entsetzte Raunen und Flüstern der immer größer werdenden Menschenmenge konnte die gestammelten Worte übertönen, die der Mann hervorstieß, wo man doch eigentlich Schreie unerträglicher Qual erwartet hätte.

»Das ist interessant«, sagte Abu Dun.

Interessant? Andrej musste sich beherrschen, um nicht etwas zu sagen, was er vermutlich schon bereuen würde, bevor er es ganz ausgesprochen hatte. Stattdessen zwang er sich, den schrecklichen Anblick nicht nur weiter zu ertragen, sondern sogar genauer hinzusehen. Fast meinte er, die entsetzlichen Schmerzen dieses Mannes, der bei lebendigem Leibe verbrannte, selbst zu spüren. Er hatte Unzählige sterben sehen, manche auf schlimmere und noch sehr viel qualvollere Art aber was diesem armen Burschen da vor den Augen der gierig gaffenden Menge geschah, das tat er sich selbst und aus freien Stücken an!

Viel mehr noch als dieses grausige Schauspiel jedoch interessierte Andrej die junge Frau, die diesen besonders einfallsreichen Selbstmörder begleitete. Da war etwas an ihr, das ihn irritierte, ohne dass er genau sagen konnte, was.

»Ich meine ja nur«, fuhr Abu Dun fort, als er wohl einsah, dass Andrej sich nicht auf eine ohnehin fruchtlose Diskussion einlassen würde, aber auch nicht bereit, so leicht aufzugeben, »dass es zumindest eine originelle Methode ist, sich selbst von dieser in die nächste Welt zu befördern, falls es sie gibt und wie immer sie auch aussehen mag. Wenn auch gewiss nicht die angenehmste.« Er zog eine Grimasse. »Er muss gute Gründe gehabt haben, diesen Weg zu wählen aber vielleicht ist er ja auch einfach nur verrückt.«

Andrej glaubte weder das eine noch das andere. Verzweifelte Menschen waren imstande, die unglaublichsten (und schrecklichsten) Dinge zu tun, aber er hatte den Mann bereits im Auge gehabt, bevor er mit seiner grausigen Vorstellung begonnen und sich selbst laut betend mit Öl übergossen hatte, das dann von der dunkelhaarigen Schönheit in seiner Begleitung in Brand gesetzt worden war. Ein erschreckender Anblick, ganz zweifellos, aber irgendetwas an der ganzen Szenerie war sonderbar. Das Feuer war echt, die Flammen, deren Hitze er spürte, real und der Schmerz, den der bedauernswerte Mann litt, war nicht gespielt. Und trotzdem

»Lass uns gehen«, sagte er, den Gedanken verscheuchend. Auf der Stelle wollte er sich herumdrehen, doch Abu Dun legte ihm eine gewaltige Pranke auf die Schulter und schüttelte den Kopf.

»Warum so eilig, Hexenmeister?«, fragte er.

»Warum nicht?«, gab Andrej gereizt zurück. »Seit wann macht es dir Spaß, den Qualen eines Sterbenden zuzusehen?«

Um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, als es ihrer beider Erscheinung ohnehin schon tat, hatte er ins Englische gewechselt, von dem er annahm, dass es keiner der Umstehenden verstand, und Abu Dun antwortete in derselben Sprache und unüberhörbar amüsiert: »Es gibt da noch eine andere Möglichkeit, weißt du?« Er deutete auf den brennenden Mann. »Der Kerl ist ein Betrüger.«

Andrej schwieg einen Moment und starrte den laut lamentierenden Greis an. Vielleicht hatte der Nubier ja recht, vielleicht auch nicht… aber was ging es sie an?

Er zuckte mit den Achseln und sagte laut: »Was geht es uns an?«

Abu Dun setzte zu einer Antwort an, und hinter Andrej erscholl nun die Stimme der jungen Frau, die dem lodernden Mann bei seiner entsetzlichen Vorstellung assistierte. »Seht her! Schaut, mit welchem Mut meinen Vater der Glaube an den einzigen und wahren Gott erfüllt!«

Ihren Vater? Andrej drehte sich nun doch noch einmal um und maß sie mit einem Blick, der diesmal nicht nur ihrem schönen Gesicht unter dem bunten Kopftuch galt. Die Frau war jung, vielleicht seine Enkelin aber dennoch wie konnte sie zusehen, wie er sich etwas so Schreckliches antat?

Die Frau fuhr fort: »Und jetzt seht, wie Allah es denen dankt, die wirklich fest im Glauben zu ihm sind!«

Bei den letzten Worten hatte sie die Stimme leicht erhoben, und nun deutete sie mit dramatischer Geste auf die brennende Gestalt. Sie war gut in dem, was sie tat, das musste Andrej gestehen. Und sie tat es ganz bestimmt auch nicht zum ersten Mal, und

Er war nicht der Einzige, dem ein erstaunter Laut entfuhr, als sich der lodernde Mann unbeholfen in die Höhe stemmte und die Arme hob, den Kopf in den Nacken gelegt und die Hände zu Krallen geformt, wie um sie in den Himmel zu schlagen. Die Flammen hüllten ihn nun zur Gänze ein, sodass er zu einer lebenden Feuersäule wurde. Seine Stimme wurde lauter, aber er schrie noch immer nicht vor Schmerz, sondern brüllte abwechselnd den Namen Allahs und ein anderes Wort, das Andrej nicht verstand.

»Lass uns verschwinden«, sagte er noch einmal.

»Sofort«, sagte Abu Dun, rührte sich aber nicht. Die junge Frau fuhr fort, das schrille Salbadern ihres angeblichen Vaters mühelos mit einer Stimme übertönend, die vor Ehrfurcht bebte: »Seht, wie der einzige und wahre Gott seine Kinder beschützt, und hört das Wort des Machdi, der seinen Willen verkündet!«

Der Alte reckte die Arme noch weiter in die Höhe und schrie nun ebenfalls: »Machdi!«, wobei Flammen und schwarzer Rauch aus seinem Mund schossen, so als spräche er das Wort mit Feuer. Abu Dun seufzte: »Ja, das war beeindruckend«, dann war er mit wenigen raschen Schritten bei ihm. Ohne das geringste Zögern ergriff er die lodernde Gestalt, strich mit den bloßen Händen an ihren Armen entlang und streifte das Feuer ab, das in zischenden weißen Strömen zwischen seinen Fingern hindurchfloss und brennende Pfützen zu seinen Füßen bildete. Schreie wurden ringsum laut, und der brennende Greis wollte sich losreißen, um zu fliehen, was Abu Dun jedoch nicht zuließ. Mit einer Hand hielt er ihn am Kragen fest, während er mit der anderen nun auch das Feuer von seinem Gesicht wischte.

Vielleicht ging er dabei etwas zu grob zu Werke, denn das Gesicht des Alten löste sich dabei gleich mit.

Abu Duns Hand streifte es von seinem Schädel wie eine Maske aus weichem Wachs, die noch immer brennend zu Boden tropfte. Und genau das war sie auch.

Der Alte zappelte und kreischte immer lauter, doch Abu Duns Hand hielt ihn unerbittlich gepackt, während er ihm mit der anderen fast gelassen die Reste der brennenden Maske vom Gesicht wischte; dann benutzte er seinen Mantel, um ohne Hast auch noch die letzten der Flammen zu ersticken, die aus den Kleidern des Mannes schlugen, bis schließlich der vermeintliche Greis mit schwelenden Kleidern und erschrockenem Gesicht dastand, das nur hier und da von der Hitze leicht gerötet, aber ganz und gar keine Brandwunden aufwies und im Übrigen auch nicht annähernd so alt war, wie es noch kurz zuvor den Anschein erweckt hatte.

Für einen Moment kehrte vollkommene Stille ein. Selbst der angebliche Greis hörte auf zu kreischen und starrte den riesenhaften Nubier erschrocken an. Dann nickte Abu Dun ebenso übertrieben wie langsam und sagte: »Ja, das scheint mir wirklich ein Wunder zu sein oder das Werk eines begnadeten Alchimisten, der ein ganz besonders kaltes Feuer erfunden hat, das nicht einmal deiner zarten Greisenhaut etwas antun kann.«

Jemand lachte, wenn auch nur ganz kurz, und allmählich erhob sich ein unruhiges Murren und Raunen überall in der Menge. Andrej versuchte Abu Dun mit einem Blick zu bedeuten, dass es genug war und er den Alten jetzt loslassen sollte, doch der Nubier fuhr nur mit einem maliziösen Lächeln fort: »Du bist ein Betrüger, mein Freund. Einer von der schlimmsten Sorte, weißt du das? Du belügst die Leute nicht nur, du machst ihnen Angst. Und du verhöhnst ihren Glauben. Was soll ich jetzt nur mit dir machen? Vielleicht sollte ich dich ja tatsächlich in Brand setzen, damit du einmal spürst, wie es sich wirklich anfühlt, wenn man in Flammen steht.«

»Lass ihn los«, sagte Andrej mit einer Kopfbewegung auf die Mauer finster dreinblickender Gesichter, die sie umgab. »Den Rest erledigen die da.«

Abu Dun hielt den auf so wundersame Weise geheilten Mann am Kragen in die Höhe und schüttelte ihn so fest, dass seine Zähne aufeinanderschlugen, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass er das Gleichgewicht verlor und einen hastigen, langen Schritt zur Seite machen musste. Unglücklicherweise prallte er dabei gegen einen der Männer neben sich, der prompt zu Boden ging. Zu allem Überfluss war er dabei auch noch ungeschickt genug, den zappelnden Mann loszulassen der die Gelegenheit beim Schopf ergriff und mit erstaunlicher Behändigkeit davonrannte und das musste er auch, denn mehr als nur ein Mann setzte unverzüglich zu seiner Verfolgung an.

»Und das Wunder wird immer größer«, sagte Abu Dun in erstauntem Ton. »Er rennt wie ein Zwanzigjähriger. Dabei sah er aus, als wäre er mindestens hundert!«

Andrej bemerkte aus den Augenwinkeln eine Bewegung, streckte rasch den Arm aus und hielt die Schwarzhaarige an der Schulter fest, als sie ebenfalls ihr Heil in der Flucht suchen wollte. »Nicht so schnell, Mädchen«, sagte er. »Wir haben da noch ein paar Dinge zu besprechen.«

Das Mädchen gab einen Laut wie eine zornige Katze von sich, wand sich unter seinem Griff und bearbeitete seinen Handrücken mit Fingernägeln, scharf wie Barbiermesser und beinahe genauso hart. Dennoch ließ Andrej sie gewähren. Seine Hand blutete und sah nicht nur so aus, als hätte ein Löwe darauf herumgekaut, sondern fühlte sich auch fast so an, als sie schließlich davon abließ. Das Mädchen gefiel ihm, auch wenn der brennende Schmerz in seiner Hand das Vergnügen ihres Anblickes doch arg trübte.

»Wenn du endlich fertig bist, dann können wir jetzt vielleicht reden«, sagte er.

»Liefert sie uns aus!«, sagte eine herrische Stimme hinter ihm. »Sie ist eine Betrügerin!«

Andrej drehte sich betont langsam herum, darauf gefasst, einen der erbosten Zuschauer zu sehen, die zwar bisher um nichts betrogen worden waren, sich aber offenbar so fühlten. Der aufgebrachte Mann war fast eine Handbreit größer als er und ungewöhnlich kräftig gebaut für einen Osmanen, was auch der Grund dafür sein mochte, dass er sich nicht die geringste Mühe gab, den Zorn in seinen Augen zu unterdrücken.

Überrascht sah Andrej, dass er einen Harnisch, ein Schild und einen hohen bronzefarbenen Helm trug, von dem ein dunkelblaues Band herabhing, und in der anderen Hand einen Speer. Außerdem war er nicht allein. Schräg hinter ihm stand ein zweiter, etwas kleinerer Mann, der auf die gleiche Art wie er gekleidet war.

»Sprichst du mit mir?«, fragte Andrej betont kühl.

»Allerdings, Ungläubiger«, antwortete der Soldat. »Liefere uns das Mädchen aus!«

»Warum?«, fragte Andrej.

Der Mann war so wütend, dass Andrej beinahe überrascht war, als er tatsächlich antwortete. »Ich weiß nicht, was dich das angeht, Ungläubiger, aber ich sage es dir trotzdem. Sie und ihr Komplize sind Betrüger, die wir schon lange suchen. Übergib sie uns. Wir wissen, wie mit solchen wie ihr zu verfahren ist.«

Andrej machte nur ein nachdenkliches Gesicht, und hinter ihm grollte Abu Dun: »Und wenn nicht?«

Der Soldat setzte zu einer scharfen Entgegnung an und klappte den Mund dann wieder zu, ohne ein Wort gesagt zu haben. Andrej musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Abu Dun jetzt mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm stand und auf den Soldaten herablächelte, vermutlich wie eine große, zufriedene Katze, die eine Maus betrachtete.

Er musste selbst ein Lächeln unterdrücken, war aber auch leicht besorgt. Der Soldat und sein Kamerad waren keine Gefahr, aber sie waren nicht nach Konstantinopel gekommen, um hier sofort wieder aufzufallen.

Zu seiner Erleichterung setzte der Mann zwar eine grimmige Miene auf, machte aber auch einen demonstrativen halben Schritt zurück. »Ganz wie du meinst«, sagte er. »Aber es ist niemals klug, die falsche Partei zu ergreifen.«

»Das werde ich mir zu Herzen nehmen«, versprach Andrej.

Der Soldat sah ihn einen Moment lang mit einer Mischung aus Zorn, Furcht und noch etwas an, das er zwar nicht genau definieren konnte, das ihm aber ganz und gar nicht gefiel, dann nickte er knapp, fuhr auf dem Absatz herum und stürmte zusammen mit seinem Kameraden davon.

»Das ging schnell«, sagte Abu Dun. Er klang fast ein bisschen enttäuscht. »Was man sich über die Soldaten des Sultans erzählt, scheint mir doch hoffnungslos übertrieben zu sein.«

Die Soldaten des Sultans? So viel zu ihrem Vorsatz, sich möglichst unauffällig zu verhalten, so lange sie in Konstantinopel waren. Er wandte sich wieder dem dunkelhaarigen Mädchen zu. Sie hatte die Szene aufmerksam verfolgt und wirkte nach wie vor angespannt, doch Andrej suchte vergebens nach Furcht in ihren ebenso dunklen wie schönen Augen. »War das wirklich dein Vater?«, fragte er.

»Was geht dich das an?«

»Ihr seid Schwindler«, sagte Abu Dun, als wäre das allein schon Grund genug.

»Und auch das geht euch nichts an«, sagte sie zornig. »Aber wir sind keine Schwindler.« Sie funkelte Andrej an. »Und jetzt lass mich los! Du und dein Freund habt schon genug Schaden angerichtet!«

»Schaden?«, ächzte Abu Dun. »Also mir kam es so vor, als hätten wir dir gerade das Leben gerettet, Mädchen. Aber ich kann mich natürlich auch täuschen. Wer weiß, vielleicht hätten sie dich ja gar nicht getötet. Weißt du, was sie mit Frauen machen, die sie für ehrlos oder für Verbrecherinnen halten?«

»Niemand würde es wagen, mich anzurühren«, behauptete sie. »Ich stehe unter dem Schutz des Machdi!«

Erneut versuchte sie sich loszureißen, hielt dann aber inne. Ein Ausdruck von Verwirrung huschte über ihr Gesicht, als sie wieder auf Andrejs Hand hinabsah, die zu zerfleischen sie sich gerade so große Mühe gegeben hatte. Die tiefen Kratzer hatten aufgehört zu bluten, und wenn man es genau nahm, dann sahen sie auch gar nicht mehr so tief aus.

Andrej zog die Hand zurück und griff mit der anderen unter den Mantel. Ganz kurz flackerte Furcht in den Augen der schönen Unbekannten auf, als sie dabei das Schwert sah, das er darunter trug, doch Andrej zog nur ein sauberes Tuch hervor.

»Versuch erst gar nicht wegzulaufen«, sagte er, während er es zu einem improvisierten Verband um seine Rechte wickelte.

Das Mädchen machte auch keine Anstalten zu flüchten, sondern überraschte ihn damit, seinen ungelenken Bemühungen, den Verband mit nur einer Hand zuzuknoten einen Moment lang stirnrunzelnd zu folgen und die Sache dann selbst in die Hand zu nehmen wortwörtlich.

»Warum sollte ich weglaufen?«, fragte sie. »Ihr könnt mir nichts tun. Der Machdi schützt mich!«

»Wir haben auch nicht vor, dir etwas zu tun«, antwortete Andrej, und Abu Dun fügte mit einem fast liebenswürdigen Lächeln, in die Runde deutend, hinzu: »Wir könnten einfach gehen und dich denen da überlassen.«

Die Menge hatte sich zum Großteil zerstreut, nachdem das morbide Schauspiel vorüber war, doch etliche Männer waren geblieben und starrten die junge Frau finster an. Vermutlich war es allein Abu Duns beeindruckende Erscheinung, die den einen oder anderen davon abhielt, seinen Unmut an ihr auszulassen.

Als er keine Antwort bekam, sah sich Abu Dun mit theatralischen Gesten in alle Richtungen um und fügte dann hinzu: »Und wo ist dein geheimnisvoller Beschützer, Mädchen, dieser Machdi?«

»Mein Name ist Murida, nicht Mädchen«, antwortete sie, während sie die Enden des Verbands mit einem weitaus härteren Ruck verknotete, als nötig war. Andrej tat ihr den Gefallen so zu tun, als überliefe sein Gesicht ein schmerzerfülltes Zucken. »Und ihr werdet ihn noch eher kennenlernen, als euch lieb ist. Vor allem du, schwarzer Mann!« Sie funkelte Abu Dun an. »Dass dieser Ungläubige Hand an eine Jüngerin des wahren Propheten legt, wundert mich nicht. Aber du, ein Mann aus unserem Volk?«

»Wer sagt dir, dass ich nicht glaube?«, fragte Andrej, und Abu Dun fügte mit einem breiten Feixen hinzu: »Die Frage ist nur, woran.«

»Du wirst für das bezahlen, was du gerade getan hast, schwarzer Mann«, versprach Murida. »Niemand stellt sich gegen den Machdi, hörst du? Niemand!«

»Abu Dun«, antwortete der Nubier. Wieder fiel Andrej auf, wie sehr er einer großen Katze ähnelte, wenn auch jetzt einer, die allmählich Hunger bekam. »Mein Name ist Abu Dun, nicht schwarzer Mann.« Er deutete auf Andrej. »Das ist mein Herr, Massa Sahib Andrej. Nur damit dein Machdi auch weiß, nach wem er fragen muss, wenn er uns sucht.«

»Macht euch ruhig lustig«, sagte Murida. »Lacht, solange ihr es noch könnt.«

Sie tat einen Schritt zurück und maß Andrej mit einem sehr langen Blick von Kopf bis Fuß, so als sähe sie ihn zum ersten Mal. Andrej versuchte in ihren Augen zu lesen, doch es gelang ihm nicht. Verwirrt, ja, sogar erschrocken, stellte er fest, dass sie in ihm etwas auslöste, das nicht sein durfte.

»Lasst ihr mich gehen, oder wollt ihr jetzt mit mir machen, was sonst die Soldaten des Sultans getan hätten?«, fauchte Murida.

Andrej konnte für einen Moment nicht anders, als ihren Mut zu bewundern auch wenn es vermutlich eher der Mut der Verzweiflung war. Aber schließlich trat er ein Stück weit zurück und machte eine entsprechende Geste mit der bandagierten Hand. »Geh«, sagte er. »Und wenn du deinen angeblichen Vater triffst, dann solltet ihr euch vielleicht eine andere Vorstellung ausdenken, um eure Mitbürger zu unterhalten. Vielleicht ist nicht immer jemand in der Nähe, der dir den schönen Hals rettet.«

Murida funkelte ihn so zornig an, dass er damit rechnete, ihre Fingernägel nun im Gesicht zu spüren, doch dann stieß sie nur verächtlich ein Wort hervor, das er nicht verstand, fuhr auf dem Absatz herum und stürmte davon. Andrej sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwunden war, und überzeugte sich davon, dass niemand ihr folgte.

»War das klug?«, fragte Abu Dun.

»Was?«, erwiderte Andrej, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Nicht mit ihr zu tun, was die Soldaten des Sultans sonst mit ihr getan hätten?« Er schüttelte den Kopf. »Sie ist mir zu jung.«

»Jede lebende Frau auf dieser Welt ist zu jung für dich, was das angeht«, antwortete der Nubier mit einem leisen Lachen. »Ich meinte auch eher, sie gehen zu lassen, ohne noch mehr über sie und diesen angeblichen Propheten in Erfahrung zu bringen.«

Andrej warf ihm einen schrägen Blick zu, antwortete aber nicht sofort, sondern dachte einen Moment lang über seine Worte nach. Machdi Er hatte das unheimliche Gefühl, dass sich beim Klang dieses Namens etwas in ihm regte, wie eine unwillkommene Erinnerung.

Er verscheuchte den Gedanken. »War es klug, sich mit Süleymans Soldaten anzulegen, gleich am ersten Tag?«, fragte er.

»Warum Zeit verschwenden?«, feixte Abu Dun. Er schüttelte den Kopf, so heftig, dass sich das Ende seines Turbans löste und Andrej ins Gesicht geklatscht wäre, hätte dieser sich nicht hastig geduckt. »Und wieso ich? Ich bin ganz sicher, dass sich der Mann nur an einen Ungläubigen erinnern wird, der ihn an der Ausübung seiner Pflicht gehindert hat, nicht an einen armen kleinen Mohren.«

Andrej seufzte und verdrehte zur Antwort nur die Augen. Er blickte noch einmal in die Richtung, in die das Mädchen gegangen war, und fand sie nicht mehr, denn sie war längst in der Straße verschwunden, die zu einem der zahllosen Basare in diesem Teil der Stadt führte.

Während sein Blick über die Passanten streifte, beschlich ihn auf einmal ein seltsames Gefühl. Er hielt inne, doch es war ihm unmöglich, es in Worte zu kleiden, vielleicht, weil es etwas war, das er noch nie zuvor erlebt hatte; und er hatte eine Menge sonderbarer Dinge erlebt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, kannte er, und es war ihm nun wahrlich nicht fremd, doch dies war etwas anderes und auf eine vage Weise erschreckend. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er es die ganze Zeit über gespürt hatte.

»Hexenmeister?«, fragte Abu Dun, auf einmal ernst, und Andrej sah aus den Augenwinkeln, wie seine Hand unter den Mantel kroch. Hastig bedeutete er ihm, dass alles in Ordnung sei, ließ seinen Blick aber weiter aufmerksam über das bunte Durcheinander vor ihnen tasten. Sie wurden angestarrt das war kaum eine Überraschung. Abu Dun wurde immer angestarrt, ganz egal, wohin sie kamenaber er erkannte nichts als die übliche Mischung aus Neugier, Furcht und Misstrauen.

»Hexenmeister?«, fragte Abu Dun noch einmal. Jetzt klang seine Stimme eindeutig alarmiert. Seine Hand war unter dem Mantel verschwunden und hatte sich um den Griff des gewaltigen Krummsäbels geschlossen, den er darunter trug.

»Nenn mich nicht so«, antwortete Andrej ganz unwillkürlich, der selbst gegen den Impuls ankämpfen musste, die Waffe zu ziehen. Das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden, war fort, aber allein die Erinnerung daran war wie ein schlechter Geschmack, der hartnäckig blieb, nachdem man versehentlich in etwas Verdorbenes gebissen hatte. »Vielleicht hast du recht, und wir hätten sie nicht so schnell gehen lassen sollen. Komm! Suchen wir sie.«

Abu Dun sah ihn leicht empört an, verzichtete aber zu Andrejs Erleichterung auf eine spitze Bemerkung und zog nur die Hand wieder unter dem Mantel hervor. Während sie losgingen, wickelte Andrej den Verband ab, den Murida gerade so liebevoll verknotet hatte. Seine Hand war lahm und kribbelte ein bisschen, weil der Stoff ihm das Blut abgeschnürt hatte, war aber vollkommen unversehrt.

Kapitel 2

Der kleine Platz, auf dem sich das bizarre Schauspiel zugetragen hatte, blieb rasch hinter ihnen zurück, als das bunte Treiben des Basars Abu Dun und ihn aufsog. Andrej war an zahlreichen solcher Orte gewesen, Hunderten sicherlich, und viele davon waren größer und bunter gewesen als diese schmale Gasse, und dennoch hatten sie in all der Zeit nichts von ihrer Faszination für ihn verloren. Farben, Gerüche und Geräusche bestürmten seine Sinne von allen Seiten und mit solcher Intensität, dass er für einen Moment fast die Orientierung zu verlieren drohte. Händler boten bunte Tücher, Stoffe und Teppiche feil, priesen lauthals die Qualität ihrer Waren oder demonstrierten sie auch gleich, soweit es sich um Musikinstrumente, Waffen oder Werkzeuge handelte, vorzugsweise natürlich solche, die möglichst viel Lärm machten. Düfte, nicht immer angenehme, benebelten seine Sinne, Hände zupften an seinen Kleidern, aufgeregt schwatzende Handwerker und Händler versuchten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder in ihre Läden zu ziehen, die die schmale Straße zu Dutzenden säumten.

Andrejs scharfe Sinne, die ungleich empfindlicher waren als die eines sterblichen Menschen, erwiesen sich nun beinahe als Nachteil, denn es fiel ihm zuerst schwer, Wichtiges und Unwichtiges voneinander zu trennen. Wahrscheinlich hätte er in diesem Moment über das Mädchen stolpern können, ohne es zu erkennen. Und ohne Abu Dun, der ausnahmslos jeden hier um mindestens eine Haupteslänge überragte, wäre es wohl noch weit schlimmer gewesen, denn allein die beeindruckende Erscheinung des schwarz gekleideten und -gesichtigen Riesen sorgte dafür, dass die meisten Basarbesucher hastig vor ihnen zurückwichen wenigstens die, die es in dem Gedränge konnten. Von dem Mädchen war natürlich nichts mehr zu sehen, auch dann nicht, als Andrej sich wieder gefangen hatte und nicht mehr in einem Orkan aus verwirrenden Eindrücken zu ertrinken drohte. Dann und wann gab er jetzt dem Drängen eines Händlers nach und blieb an einem Stand stehen, um eine Ware zu begutachten, die er weder brauchte noch bezahlen konnte, oder ließ sich schon einmal in einen Laden locken. Das Erdgeschoss jedes einzelnen Hauses schien aus einem Geschäft, einer Werkstatt oder auch gleich einer Mischung aus beidem zu bestehen. Die meisten dieser Räume waren klein und oft nicht besonders sauber. In vielen roch es schlecht, und die Handwerker saßen auf dem Boden und waren in schlichte Gewänder gehüllt. Was ihre geschickten Hände jedoch erschufen, das war dafür aber von umso größerer Qualität. Und nichts von allem, was er hier sah, war mit den winzigen Werkstätten in dem Teil der Welt zu vergleichen, der sich selbst Abendland nannte und die Herrschaft über alles beanspruchte: winzige, stickige Kammern, die oft genug nur von einer einzelnen Kerze erhellt und kalt und feucht waren, und in denen zumeist auch Dinge von minderer Qualität (oder zumindest minderer Schönheit) hergestellt wurden. Und wie sollte es auch anders sein, wenn die, die sie herstellten, fast immer hungrig waren, froren oder mit Krankheiten kämpften, und ihr einzig treuer Begleiter die Angst war?

Wie immer, wenn er nur lange genug an einem Ort wie diesem war, staunte er, warum der Orient mit seiner so überlegenen Kultur und Wissenschaft eigentlich nicht schon längst die unumstrittene Herrschaft über die Welt angetreten hatte. Vielleicht, weil seine Anführer trotz aller Weisheit nicht weise genug waren, nicht denselben Fehler zu begehen wie ihre Konkurrenten im dunkleren Teil der Welt, die versuchten, sie mit dem Schwert zu erobern. Oft fragte er sich, warum das so war, und fand immer nur dieselbe, frustrierende Erklärung: Weil die Welt nun einmal so war, wie sie war, und nicht einmal die Macht eines Unsterblichen ausreichte, um sie zu ändern. Wenigstens nicht zum Guten.

»Willst du ein neues Schwert kaufen, Hexenmeister?«, fragte Abu Dun.

Andrej fuhr ganz leicht zusammen; nicht wegen dem, was der Nubier gesagt hatte, sondern weil ihm erst im Nachhinein klar wurde, wie lange er schon dastand und den prachtvollen Saif ansah, den ihm der Händler mit solcher Begeisterung anpries, dass man meinen könnte, die Waffe wäre von Mohammed selbst geschmiedet und von Allahs Hand persönlich gesegnet worden.

Jedenfalls verlangte er einen entsprechenden Preis.

»Warum lasst Ihr Euren Freund nicht in aller Ruhe meine Ware begutachten?«, beschwerte sich der Händler auch prompt. »Er ist ein Mann von großem Geschmack, wie seine Wahl beweist, und zweifellos von mindestens genauso großem Sachverstand.«

»Du hast ja keine Vorstellung, wie recht du damit hast«, antwortete Abu Dun, während er zugleich die Hand ausstreckte und Andrej den tatsächlich überaus kostbaren Krummsäbel wegnahm. »Leider steht der Inhalt seines Geldbeutels in diametralem Gegensatz zur Größe seiner Sachkenntnis.«

Der Händler sah ein bisschen hilflos aus.

»Ich habe kein Geld«, erklärte Andrej. »Zumindest nicht genug, um ein solches Prachtstück zu erwerben so wunderschön es auch ist. Habt Ihr es angefertigt?«

Der Händler nickte, zögerte einen Moment und gestand dann mit einem zaghaften Kopfschütteln, dass das vielleicht nicht ganz die Wahrheit gewesen war. »So gerne ich es behaupten würde, es wäre gelogen. Das ist das Werk eines wahren Meisters. Es ist sehr alt und den Preis wert, den ich Euch genannt habe.«

Je länger Andrej den prachtvollen Krummsäbel ansah, desto mehr glaubte er dem Mann. Der Preis war natürlich hoffnungslos überzogen, wie jeder Preis auf jedem Basar, bevor das Handeln begonnen hatte, aber es war tatsächlich eine prachtvolle Waffe, für seinen persönlichen Geschmack eine Spur zu leicht. Er ertappte sich bei dem Wunsch, sie zu besitzen, und reichte sie dem Händler mit fast schuldbewusster Miene zurück.

»Eine wirkliche Kostbarkeit«, sagte er. »Danke, dass ich sie mir ansehen durfte. Und danke für Eure Zeit.«

»Aber wir haben doch noch gar nicht«, begann der Waffenschmied, doch da hatte sich Andrej bereits umgewandt und war so schnell durch die Tür, dass Abu Dun zwei weit ausgreifende Schritte machen musste, um ihn wieder einzuholen.

»Und was sollte das jetzt wieder?«, erkundigte er sich.

»Ich habe mir ein Schwert angesehen, das sollte es«, antwortete Andrej unwirsch, »und du was zum Teufel?!«

Die letzten Worte schrie er soweit er es konnte, denn der Nubier hatte ihm die flachen Hände mit solcher Gewalt vor die Brust gestoßen, dass ihm nicht nur die Luft wegblieb, sondern er auch zwei Schritte zurückstolperte und mit hilflos rudernden Armen gegen einen Wagen taumelte, der prompt unter dem Anprall in Stücke ging. Andrej gelang es irgendwie, sich auf den Beinen zu halten, doch so viel Glück hatten weder die beiden Besitzer des zusammenbrechenden Verkaufsstandes, noch etliche Kunden und Neugierige, die sich davor und daneben aufgehalten hatten.

Immerhin entging Andrej auf diese Weise der gekrümmten Messerklinge, die mit einem hässlichen Zischen durch die Luft fuhr, dort, wo sich sein Gesicht befunden hätte, hätte Abu Dun ihn nicht weggestoßen.

Geführt wurde er von einer schlanken Frauenhand, deren Besitzerin einen schrillen Schrei, halb wütend, halb überrascht, ausstieß und von ihrem eigenen Schwung nach vorne gerissen wurde und ins Stolpern geriet. Auch hinter ihm wurde ein Chor erschrockener und zorniger Schreie laut und ein Krachen und Poltern, als würde sehr viel mehr zu Bruch gehen als nur ein umstürzender Gemüsekarren. Doch Andrej achtete nicht darauf, sondern griff rasch zu, um Murida aufzufangen und ihr die Waffe zu entringen.

»Das war jetzt aber nicht besonders nett«, sagte Abu Dun.

Murida versuchte sich loszureißen und trat ihm gleichzeitig so fest gegen das Schienbein, dass es trotz ihrer leichten Sandalen ziemlich wehtat. Daraufhin versuchte sie, das Knie hochzureißen und ihm zwischen die Beine zu rammen, was Andrej aber verhinderte, indem er sich blitzschnell zur Seite drehte, sodass ihr Stoß nur seinen Oberschenkel traf was noch mehr wehtat als ihr vorheriger Tritt.

»Brauchst du Hilfe?«, erkundigte sich Abu Dun treuherzig.

Andrej warf ihm einen schiefen Blick zu. Der Lärm in seinem Rücken wollte nicht verstummen. Jetzt mischten sich in den Chor aus Schmerz- und Schreckenslauten auch immer mehr zornige Rufe. Während Andrej nun auch die zweite Hand zu Hilfe nahm, um das tobende Mädchen zur Räson zu bringen, trat der Nubier rasch hinter ihn und begann die aufgebrachte Menge auf seine ganz eigene Art zu beruhigen. Andrej hoffte, dass es ohne allzu schwer Verletzte oder gar Tote abging.

»Jetzt hör endlich auf!« Andrej schüttelte das Mädchen so heftig, dass ihr Kopf in den Nacken flog. »Muss ich dir erst wehtun, bevor du Vernunft annimmst?«

Nicht, dass er das wirklich vorhatte. Doch Murida übernahm es schon ganz allein, und vermutlich mit nicht geringem Erfolg, denn sie wand sich weiter unter seinem Griff, sodass er immer kräftiger zupacken musste. Als auch das nichts nutzte, spuckte sie ihn an.

»Du verdammter Ungläubiger!«, schrie sie. »Hast du wirklich geglaubt, du könntest den wahren Propheten verhöhnen und ungestraft davonkommen?«

»Ich will euer Tête-à-Tête ja nicht stören, Hexenmeister«, sagte Abu Dun hinter ihm, »aber du solltest dich ein bisschen beeilen.«

Ohne Muridas Handgelenke loszulassen, warf Andrej einen raschen Blick über die Schulter zurück und stellte fest, dass Abu Duns Mahnung berechtigt war. Etliche Männer und Frauen lagen noch benommen am Boden, der eine oder andere rappelte sich hastig auf, um die Flucht zu ergreifen, laufend oder kriechend, und der Besitzer des zerstörten Wagens lamentierte immer lautstarker aber auf etlichen Gesichtern las er Zorn, und ihre Zahl war groß genug, um auch Abu Duns beeindruckender Erscheinung etliches von ihrer Wirkung zu nehmen. Rasch wandte er sich wieder zu Murida um.

»Bist du verrückt geworden?«, fuhr er sie an. »Was hattest du vor? Dich umzubringen?«

Als Reaktion spuckte Murida ihm abermals ins Gesicht und schrie mit sehr lauter und klar verständlicher Stimme: »Lass mich los! Ich bin eine ehrbare Frau! Lieber sterbe ich, bevor ich mich von einem Ungläubigen berühren lasse!«

»Wie?«, fragte Andrej überrascht, und Muridas Stimme wurde noch schriller.

»Die Hände sollen dir abfallen, du Christenhund, wenn du es wagst, meine Tugend schänden zu wollen.«

»Gar nicht so dumm, deine neue Freundin«, sagte Abu Dun hinter ihm. Etwas klatschte, und irgendjemand fiel zu Boden, aber Andrej sah nicht hin, sondern schüttelte das Mädchen nur noch heftiger und griff jetzt so fest zu, dass er ihr zweifellos wehtat.

»Hör mit dem Unsinn auf!«, sagte er scharf. »Ich lasse dich los, wenn du mir dein Wort gibst, vernünftig zu sein. Aber ich kann auch anders!«

Als Murida sich weiter mit aller Kraft wehrte, kam Andrej nicht dazu, seine Warnung zu wiederholen, denn aus den Augenwinkeln registrierte er eine bedrohliche Bewegung. Murida nur noch mit einer Hand festhaltend, fuhr er herum und sah eine Gestalt auf sich zuspringen, die er mindestens dreißig oder vierzig Jahre älter (und lichterloh brennend) in Erinnerung hatte und ohne einen Dolch in der Hand. Und der angebliche Greis bewegte sich mit phänomenaler Schnelligkeit, selbst für einen Mann seines wahren Alters.

Dennoch war er kein ernst zu nehmender Gegner. Andrej empfing ihn mit einem Tritt, von dem er hoffte, dass er ihm nicht das Bein brach, ihm aber für die nächsten Stunden gründlich den Spaß am Gehen vergrätzen würde, und der Mann fiel auch gehorsam aufs Gesicht und krümmte sich wimmernd. Doch Murida nutzte die kurze Ablenkung, um sich loszureißen und herumzufahren. Andrej griff nach ihrer Schulter, verfehlte sie aber um Haaresbreite, und das Mädchen rannte Haken schlagend davon. Fluchend sah Andrej ihr nach und hätte dann beinahe laut aufgelacht, als sie einen weiteren Haken schlug und ausgerechnet in der Werkstatt verschwand, in der er gerade den kostbaren Säbel bewundert hatte. Der Raum dahinter hatte keinen zweiten Ausgang, wie er gerade selbst festgestellt hatte.

Trotzdem rannte er nicht langsamer, nahm sich aber die Zeit, noch einmal rasch zu Abu Dun zurückzublicken.

Es sah nicht gut aus. Mindestens ein halbes Dutzend Männer belagerten den riesigen Nubier. Einer lag bereits vor ihm und hatte offensichtlich schon Bekanntschaft mit seinen Fäusten gemacht, und die Menge wuchs rasch weiter an. Andrej wusste zwar, dass es der Nubier mit Leichtigkeit auch mit dieser Übermacht aufnehmen konnte, aber vermutlich nicht, ohne jemanden ernsthaft zu verletzen oder gar zu töten. Und ein Blutbad auf diesem Basar war nun wirklich das Letzte, was sie brauchten.

Abu Dun hatte recht: Eile war angeraten.

Ohne langsamer zu werden, stürmte er durch die Tür und sah genau das, was er erwartet hatte. Murida stand am anderen Ende des schmalen Raumes und konnte nicht weiter. Den Waffenschmied hatte sie offenbar kurzerhand über den Haufen gerannt, denn er lag inmitten eines Durcheinanders aus umgeworfenen Möbeln und verstreutem Werkzeug und Waffen und versuchte sich gerade wieder benommen aufzurappeln, erstarrte aber bei Andrejs Anblick. Murida hielt etwas Blitzendes in der Hand, das er erst auf den zweiten Blick als das kostbare Schwert erkannte, das er selbst gerade so ausgiebig bewundert hatte.

Andrej näherte sich ihr bis auf zwei Schritte und blieb dann stehen. »Willst du nicht endlich aufgeben, bevor am Ende noch jemand zu Schaden kommt?«, fragte er. »Ich will nur mit dir reden, mehr nicht. Du hast mein Wort, dass ich dich gehen lasse, wenn du mir ein paar Fragen beantwortest.«

Murida stieß mit dem Schwert nach ihm. Für eine Frau noch dazu eine so junge Frau handhabte sie die Waffe mit erstaunlichem Geschick, aber Andrej wich dem Stoß trotzdem mühelos aus, packte ihr Handgelenk und entrang ihr das Schwert.

»Hör mit dem Unsinn auf«, sagte Andrej, der mit seiner Geduld nun fast am Ende war. Er wollte dem Mädchen nicht wehtun, aber der Moment war nicht mehr fern, dass ihm vielleicht keine andere Wahl mehr blieb.

Doch Murida gab nicht klein bei, sondern fuhr ihm mit den Fingernägeln der freien Hand durch das Gesicht und hinterließ dabei nicht nur vier dünne Spuren aus höllisch brennendem Schmerz, sondern zielte auch auf seine Augen, sodass Andrej ganz instinktiv zurückprallte und das Gesicht zur Seite riss. Den kurzen Moment der Überraschung nutzte sie, indem sie sich mit unerwartetem Geschick aus seinem Griff befreite und plötzlich neben und nur einen Sekundenbruchteil danach hinter ihm war, ohne dass er auch nur hätte sagen können, wie. Und als wäre das allein noch nicht unmöglich genug, entwischte sie auch irgendwie seiner blitzschnell zupackenden Hand und war im nächsten Augenblick aus der Tür und auf und davon.

Verblüfft starrte Andrej ihr nach, bevor er schließlich doch auf die Idee kam hinterherzustürzen.

Das Mädchen war verschwunden. Das sollte unmöglich sein (ungefähr genauso unmöglich wie die Tatsache, dass sie es an Schnelligkeit auch nur ansatzweise mit ihm hatte aufnehmen können), Muridas Vorsprung betrug nicht einmal einen Atemzug. Aber es war so. Und auch der Rest der Straße bot keinen ermutigenderen Anblick: Abu Dun bemühte sich noch immer, die aufgebrachte Menge zu besänftigen (indem er möglichst viele von ihnen niederschlug), und wer dazu in der Lage war, suchte sein Heil in der Flucht oder versuchte, von anderen mit derselben Absicht nicht zu Tode getrampelt zu werden. Andrej ließ den Blick weiter in die Ferne schweifen, doch Murida blieb verschwunden.

Stattdessen sah er zwei weitere Männer, nicht weit entfernt von ihm, die ihn anstarrten, beide mit kurzen, aber bösartig aussehenden Krummdolchen in der Hand.

Einer von ihnen war mindestens so alt wie der angebliche Vater des Mädchens vorhin den Anschein zu erwecken versucht hatte. Der andere war jünger, wog aber allerhöchstens halb so viel wie Andrej und sah aus, als reichte seine Kraft gerade noch, sich auf den Beinen zu halten. Trotzdem las Andrej in ihren Augen nicht einmal eine Spur von Unsicherheit, sondern nur Zorn, und eine Aggressivität, die keinen Grund mehr brauchte, um sich zu entzünden.

Andrej beschloss, das Einzige zu tun, das ihm sinnvoll erschien, ignorierte die beiden Männer und trat rasch an Abu Duns Seite.

Der nubische Riese brauchte seine Hilfe nicht. Mittlerweile lagen vier Männer zu seinen Füßen, von denen sich einer nicht mehr rührte, während sich die drei anderen mehr oder weniger benommen davonschleppten, aber der Rest hatte wohl endlich eingesehen, wie ungesund es war, sich mit dem fast sieben Fuß großen Koloss anzulegen, dessen größter Spaß eine zünftige Prügelei war. Wer sich jetzt noch auf der engen Straße befand, der machte, dass er wegkam.

Mit zwei Ausnahmen: Die beiden mit den Krummdolchen. Sie starrten Abu Dun aus Augen an, die schwarz vor Hass und heiligem Zorn waren und in denen nicht einmal ein Hauch von Furcht zu lesen war.

»Oh weh«, sagte Abu Dun. »Ich nehme den Rechten. Aber du hilfst mir doch, wenn ich es allein nicht schaffe, oder?«

Andrej antwortete nicht, und ihm war auch nicht nach Lachen zumute. Mit einer knappen Geste bedeutete er Abu Dun, zur Seite zu treten, und konzentrierte sich auf den linken und deutlich älteren der beiden Männer. Der Gedanke, gegen diesen alten Mann kämpfen zu sollen, kam ihm einigermaßen absurd vor selbst wenn er nicht das gewesen wäre, was er nun einmal war.

Es war auch der andere Mann, der zuerst angriff. Mit überraschender Behändigkeit stürmte er los, stieß sich ab und überwand das letzte Stück mit einem gewaltigen Satz, an dessen Ende er nahezu waagerecht in der Luft lag, um Abu Dun die Füße gegen den Brustkorb zu rammen.

Weder machte sich Abu Dun die Mühe, ihn abzuwehren, noch wankte er auch nur unter dem Anprall. Der Bursche fiel einfach zu Boden, sein Messer flog klappernd davon, und was weiter geschah, bekam Andrej nicht mehr mit, denn nun musste auch er sich eines wütend vorgetragenen Angriffes erwehren.

Dass der Mann kurz vor dem Greisenalter stand, schien ihn wenig zu interessieren. Er griff ebenso entschlossen an wie sein Begleiter, wenn auch deutlich überlegter und mit kraftvollen und ungleich flüssigeren Bewegungen, als Andrej erwartet hatte. Seine Angriffe kamen so schnell, dass Andrej Mühe hatte, den ersten Stichen auszuweichen, bevor er sich auf diese unerwartete Flinkheit einstellen konnte.

Überrascht tänzelte er zurück, ließ das Messer bewusst dicht an seinem Gesicht vorüberzischen und versetzte dem Alten einen Schlag auf den Unterarm, der seine Muskeln hätte lähmen müssen. Der vermeintliche Greis ächzte vor Schmerz, ließ aber seine Waffe nicht fallen, sondern schwang sie im Gegenteil mit einer schon fast übernatürlich schnellen Bewegung herum und erwischte Andrej am Oberarm.

Der Schmerz war heftig, aber nicht von Bedeutung. Viel schlimmer war der bloße Umstand, dass er ihn überhaupt getroffen hatte.

Das hätte nicht passieren dürfen.

Genauso wenig wie das, was dann folgte: Der Alte wirbelte herum und stieß mit dem Dolch nach seiner Kehle und mit zwei ausgestreckten Fingern nach seinen Augen. Dem Dolch konnte er im letzten Augenblick ausweichen den beiden Fingern nicht. In einer grellweißen Lohe löschten sie das Licht des einen Auges und blendeten das andere mit reinem Schmerz.

Mit einem gellenden Schrei stolperte Andrej zurück und schlug blindlings zu, spürte, dass er traf und wurde auch mit einem Schrei und dem zufriedenstellenden Geräusch eines brechenden Knochens belohnt. Doch schon im nächsten Moment grub sich eine Messerklinge in seine Seite, und Andrej ging auf, dass er vielleicht tatsächlich in ernsthafter Gefahr sein könnte. Er hatte den alten Mann unterschätzt, ein unverzeihlicher Fehler, für den er nun bezahlte.

Ohne auf den pochenden Schmerz in seinem linken Auge zu achten, sprang er auf, konzentrierte sich ganz auf seine anderen Sinne und entging auf diese Weise zwar dem nächsten Stich, der auf seine Kehle gezielt war, wurde aber weiter zurückgetrieben. Er kämpfte jetzt in der Defensive, was er verabscheute, denn es bedeutete, dass er nur noch reagieren konnte, statt Herr des Kampfes zu sein. Und blind oder nicht, es war einfach grotesk, dass er Mühe hatte, sich dieses alten Tattergreises zu erwehren!

Zornig nahm er die Hand von seinem Auge und zwang mit schierer Willenskraft die rosafarbenen Schlieren davor auseinander, sodass er seinen Gegner jetzt zumindest schemenhaft erkennen konnte und den Dolch, der schon wieder wie der Giftzahn einer angreifenden Schlange nach ihm stieß. Mit einem hastigen Stolperschritt wich er ihm aus, versuchte dem Mann die Beine unter dem Leib wegzutreten und wäre fast selbst gestürzt, als der vermeintliche Greis ihm nicht nur mit fast spielerischer Leichtigkeit auswich, sondern aus der gleichen Bewegung heraus auch plötzlich hinter ihm war. Stoff zerriss, und eine dünne Linie aus rotem Schmerz raste an seinem Rücken hinab.

Andrej stürzte, drehte sich noch im Fallen herum und trat nach dem Angreifer. Er verfehlte ihn, trieb ihn auf diese Weise aber immerhin zurück und hielt ihn davon ab, ihm das Messer in den Hals zu jagen. Er hatte sich nicht getäuscht: Der Mann schwang seine Waffe jetzt mit der linken Hand, der rechte Arm war gebrochen und hing nutzlos herab. Doch das machte ihn weder langsamer, noch dämpfte es seine Angriffslust.

Wieder musste Andrej sich zur Seite werfen, um einem gemeinen Fußtritt nach seinem Gesicht zu entgehen. Nun wurde er allmählich wirklich wütend. Sein nächster Tritt traf aus dem Liegen heraus den Oberschenkel des Alten, und noch bevor er ganz zu Boden gestürzt war, war Andrej über ihm und entrang ihm den Dolch.

Wenigstens versuchte er es.

Der alte Mann (jetzt erkannte Andrej verblüfft, dass er tatsächlich alt war, mindestens siebzig) stieß mit dem gebrochenen Arm nach seinem unversehrten Auge, sodass er ganz instinktiv den Kopf in den Nacken warf und sich sein Griff um eine Winzigkeit lockerte. Mit einem unerwartet kraftvollen Ruck riss der Alte seine Waffe endgültig los und setzte sich die Spitze selbst unter das Kinn.

»Dafür wirst du bezahlen, Ungläubiger!«, kreischte er mit einer schrillen, überschnappenden Altmännerstimme. »Der Machdi wird meinen Tod rächen!«

Und damit rammte er sich selbst das Messer bis ans Heft in das weiche Fleisch unter dem Kinn, sodass die Klinge bis in sein Gehirn drang.

»Machdi«, flüsterte er sterbend.

Fassungslos saß Andrej sekundenlang einfach da und betrachtete das sonderbar helle Blut, das dünnflüssig wie Wasser über seine Hände sprudelte. Erst dann sprang er auf, wich hastig einen Schritt zurück und drehte sich zu Abu Dun herum, während er sich hektisch die Hände am Mantel abzuwischen begann. Auch der Nubier atmete schwer. Sein Gegner lag reglos am Boden, der Kopf in einem unnatürlichen Winkel. Sein Genick war gebrochen.

Ganz kurz huschte ein Ausdruck von Erschrecken über Abu Duns Gesicht, als er Andrejs verheertes Auge sah, doch dann blickte er verstört zu dem toten Greis hinab. »Bei Allah, Hexenmeister, was war das?«, murmelte er stockend.

Andrej konnte zur Antwort nur die Schultern heben. Er war verwirrt und sehr viel erschrockener, als er zugeben wollte. Sein Auge schmerzte unerträglich, und er hatte immer noch große Probleme zu sehen. Mit dem linken Auge sah er nur verschwommen, die Umrisse verzerrten und verdrehten sich auf unmögliche Weise. Etwas Warmes und Klebriges lief über seine Wange. Aber das war allenfalls ärgerlich (und tat verdammt weh) und nicht der Grund für sein Erschrecken.

»Das hätte nicht passieren dürfen«, sagte er leise.

»Du wirst eben alt«, antwortete Abu Dun. »Das sage ich dir seit dreihundert Jahren.« Der Scherz verfing nicht. Der Ton, den er anschlug, war falsch, es schwang darin etwas mit, das beinahe an Furcht grenzte. Allein der Umstand, dass Abu Dun seinem Gegner das Genick gebrochen hatte, machte deutlich, dass etwas nicht stimmte. Genau wie Andrej war Abu Dun ein Krieger und Söldner, und als solcher hatte er viele Leben ausgelöscht aber einem Gegner wie diesem hätte er normalerweise eine Kopfnuss verpasst und ihm vielleicht noch den Arm ausgekugelt oder ihm den Kiefer gebrochen, damit er ein kleines Andenken mit nach Hause nähme. Sie töteten nicht, wenn es nicht unbedingt sein musste.

Aber diese beiden Männer hatten nicht gekämpft wie normale Sterbliche. Sie waren es, ganz ohne Zweifel, und dennoch waren sie viel zu stark gewesen, viel zu schnell und wie besessen.

Andrej ließ sich in die Hocke sinken, legte die Hand mit gespreizten Fingern auf das Gesicht des toten Greises und schloss die Augen.

Abu Dun sog scharf die Luft ein. »Was hast du

Andrej brachte ihn mit einer rüden Geste zum Verstummen und konzentrierte sich ganz auf das, was ihm seine übrigen Sinne verrieten. Er hatte nicht vor, das Leben des Mannes zu nehmen, das ohnehin fast erloschen war. Das war nicht ihre Art. Sie taten es nur, wenn es unumgänglich war, um ihr Leben zu verteidigen oder eine besonders bösartige Kreatur für alle Zeiten unschädlich zu machen.

Doch tief in der erlöschenden Seele des Greises war noch etwas, ein winziger Funke dessen, was noch vor einem Augenblick ein Leben gewesen war. Nicht einmal mehr genug, um das Ungeheuer in ihm zu wecken und den Hunger des Vampirs zu schüren, aber genug, um zu erkennen, was dieser Mann einmal gewesen war.

Er stand auf, schüttelte den Kopf und wischte sich wieder die Hand am Mantel ab, ohne sich der Bewegung bewusst zu sein. »Er war ein Mensch.«

»Mir kamen sie eher vor wie total verrückt gewordene Derwische«, knurrte Abu Dun. Dann fügte er in völlig verändertem Ton hinzu: »Aber wir können auch deine neuen Freunde dahinten fragen. Vielleicht wissen sie ja mehr darüber.«

Andrej sah ihn einen Herzschlag lang verständnislos an, dann folgte sein Blick Abu Duns ausgestreckter Hand. Er hatte noch immer Mühe, scharf zu sehen, erkannte aber trotzdem, dass sie mittlerweile fast allein auf der schmalen Straße waren. Wer konnte, war davongelaufen oder hatte sich in einem der Häuser versteckt. Vom anderen Ende der Gasse her näherte sich jedoch rasch ein ganzer Trupp Männer mit blitzenden Schilden und Speeren und hohen bronzefarbenen Helmen, an denen blaue Tücher flatterten.

Ohne ein weiteres Wort fuhren sie herum und rannten los.

Kapitel 3

Vier Tage später hatten sie nicht nur Unterkunft und Arbeit gefunden, Andrejs Auge war auch wiederhergestellt und hatte seine volle Sehkraft zurückerlangt. Es war nicht einfach gewesen. Konstantinopel war eine gewaltige Stadt abgesehen von London vielleicht die größte, in der sie jemals gewesen waren, und mit ihrem bunten Gemisch aus hundert Völkern und tausend Kulturen noch ungleich verwirrender –, aber selbst in einer solchen Stadt war es für einen sieben Fuß großen Riesen und einen verwegen aussehenden Abendländer mit einem blutigen Verband über dem Auge nicht ganz leicht unterzutauchen.

Schließlich hatten sie ein Zimmer in einem Viertel gefunden, in dem man es gewohnt war, keine Fragen zu stellen und weg-, statt hinzusehen, solange nur genügend Münzen über den Tisch wanderten, und eine Arbeit am Hafen. Abu Dun machte dieses Leben anscheinend nichts aus mit typisch arabischem Fatalismus nahm er alles, wie es kam, und versuchte das Beste daraus zu machen aber Andrej empfand allmählich eine vage Empörung dem Schicksal gegenüber. Sie waren Unsterbliche, zehnmal so stark wie ein normaler Mensch und ungleich erfahrener. Sie hatten die Macht von Göttern und sollten wie solche leben und nicht wie Verbrecher, die sich in der Nacht verkrochen und die Nähe aufrechter Menschen flohen.

Viele ihrer Art hatten genau diesen Weg eingeschlagen. Die Welt wimmelte von Herrschern, Despoten oder selbst ernannten Göttern, hinter deren menschlicher Fassade sich etwas vollkommen anderes und Erschreckendes verbarg. Viele hatten einen hohen Preis dafür bezahlt, und noch sehr viel mehr ließen andere einen ungleich höheren Preis dafür zahlen. Und einige wenige nun ja, lebten anders. So wie sie. Kein angenehmes Leben, aber eines, das sie sich selbst ausgesucht hatten.

Dennoch war er es manchmal leid, unter Verbrechern und Ausgestoßenen zu leben und sich ständig wie ein gejagtes Tier zu fühlen, das hinter jedem Schatten einen Verfolger und hinter jeder dunklen Tür eine Falle vermutete.

Da schien es ihm, als wäre der einzige Lichtblick seit ihrer Ankunft hier in Konstantinopel ein von schwarzen Haaren umrahmtes schmales Mädchengesicht mit dunklen Augen gewesen, doch nach nunmehr vier Tagen glaubte er nicht, dass er das Mädchen mit dem so unpassenden Namen Murida bedeutete Maus wiedersehen würde. Und vermutlich war das auch gut so. Doch noch besser wäre es gewesen, wenn sie gar nicht erst in diese Stadt gekommen wären.

»Kat«, sagte Abu Dun, während er sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Schemel auf der anderen Seite des schmalen Tisches fallen ließ, was dem bedauernswerten Möbelstück nicht nur ein bedrohliches Ächzen entlockte, sondern auch Andrej abrupt aus seinen ohnehin sinnlosen Grübeleien riss. Er sah auf und blickte den Nubier einen Moment lang verständnislos an.

»Kat?«

»Kat«, wiederholte Abu Dun, vielleicht etwas zu laut, denn einige der anderen Gäste unterbrachen ihre Gespräche und sahen in ihre Richtung mehr als nur einer deutlich missbilligend, wie Andrej fand. Er griff unter seinen Mantel und förderte ein kleines Leinensäckchen zutage, aus dem er eine Handvoll zartgrüner Blätter auf den Tisch schüttelte. »Angeblich haben die Perser seine Wirkung entdeckt, und das schon vor Jahrhunderten, auch wenn ich es bezweifle, denn ich habe noch nie etwas davon gehört. Aber seit einer Weile bekommst du es überall, auch hier in Konstantinopel.«

»Und?«, fragte Andrej.

Abu Dun steckte eines der Blätter in den Mund und begann darauf zu kauen. »Es schmeckt scheußlich«, schmatzte er, »aber es betäubt auch Zunge und Rachen, und wenn du genug davon kaust, lässt es dich den Hunger vergessen.«

»Interessant«, sagte Andrej in einem Ton, der das Gegenteil auszudrücken schien.

Abu Dun nahm sich ein zweites Blatt und fuhr unerschütterlich fort: »Und wenn du noch mehr kaust, dann betäubt es jeden Schmerz und macht dich schneller und stärker. Man sagt, die Anhänger des Machdi kauen es, und es verleihe ihnen übermenschliche Kräfte, solange es nur von ihrem Propheten persönlich gesegnet worden ist.«

Endlich verstand Andrej, worauf er hinauswollte. Drogen vermochten Menschen zu unglaublichen Leistungen zu bringen, aber ihm war keine einzige bekannt, die nicht einen zu hohen Preis dafür verlangte und meist viel zu schnell. Nach einem Moment schüttelte er den Kopf. »Das waren keine Süchtigen.«

»Aber sie haben gekämpft wie Besessene«, antwortete Abu Dun und nahm sich ein drittes Blatt. »Man sagt, dass es das Kat ist, das den Anhängern des Machdi übermenschliche Kraft verleiht.«

Andrej wollte antworten, doch der Wirt trat an ihren Tisch und brachte unaufgefordert einen Becher mit warmer vergorener Kamelmilch, eine Spezialität dieses Hauses, die Andrej ausgesprochen widerwärtig fand, sich aber rasch zu Abu Duns Lieblingsgetränk entwickelt hatte zumal es hier kein Bier gab. Der Mann rammte den Becher jedoch mit solcher Kraft auf den Tisch, dass es spritzte, und funkelte Abu Dun zornig an.

»Ich will dieses Zeug nicht in meinem Haus haben«, sagte er, auf das Kat deutend. »Und Gerede über den Machdi will ich hier schon gar nicht hören!«

»Welches Zeug?« Abu Dun stopfte sich die restlichen Blätter in den Mund und schmatzte noch lauter. »Siehst du? Schon weg.«

»Und bringt auch kein neues«, sagte der Wirt. Selbst im Sitzen überragte Abu Dun ihn noch um ein kleines Stück, aber das hinderte ihn nicht daran, in noch herausfordernderem Ton hinzuzufügen: »Das hier ist ein anständiges Haus!«

»Aha«, feixte Abu Dun, schmatzte und schickte dann einen donnernden Rülpser hinterher, der ihm etliche weitere missbilligende Blicke einbrachte.

»Es kommt nicht noch einmal vor«, sagte Andrej rasch. »Es tut mir leid. Sind welche von den Anhängern des Machdis hier?«

»Das fehlte noch«, schnappte der Mann. »Dieses Pack kommt mir nicht ins Haus!«

Andrej tauschte einen vielsagenden Blick mit Abu Dun. »Du scheinst sie nicht besonders zu mögen«, sagte er vorsichtig.

»Wenn es nach mir ginge, dann wäre dieses Gesindel schon längst aus der Stadt gejagt worden«, antwortete der Wirt inbrünstig. »Oder auch gleich aufgehängt!«

»Warum?«, fragte Andrej. »Sie sind eine Sekte, nicht wahr?«

»Wenn du es so ausdrücken willst.« Ein misstrauisches Funkeln trat in seine Augen.

»Ich weiß nichts von ihnen«, beeilte sich Andrej zu versichern. »Nur, was man eben so aufschnappt.«

»Aber Sekten gibt es doch hier beinahe mehr als Einwohner, oder nicht?«, fragte Abu Dun. Mit einem zweiten und noch lauteren Rülpser fügte er hinzu: »Ich meine: Ist es nicht so, dass jeder, dem ein Furz quer sitzt, am nächsten Tag verkündet, dass der Prophet selbst ihm eine Botschaft geschickt hat?«

Das brachte ihm noch mehr böse Blicke ein, aber der Wirt zog nur eine verächtliche Grimasse. »Sie sind schlimmer als die anderen«, sagte er. »Wo sie auftauchen, da machen sich Angst und Furcht breit. Sie behaupten, Allahs Wort zu verkünden, aber in Wahrheit ist es nur der Wille ihres angeblichen Propheten.«

»Der Machdi«, sagte Andrej. »Hast du ihn schon einmal gesehen?«

»Das hat niemand«, antwortete der Mann. »Und wer zu viele Fragen stellt oder zu kritisch ist, der verschwindet, oder man findet ihn mit durchschnittener Kehle.«

»Warum jagt sie der Sultan dann nicht einfach aus der Stadt?«, wollte Andrej wissen.

»Als ob er überhaupt wüsste, dass es sie gibt!«, antwortete der Gastwirt verächtlich. »Den hohen Herrn interessiert es doch nicht, was mit dem gemeinen Volk geschieht, solange es nur brav seine Steuern zahlt und genug Soldaten für sein Heer stellt!« Er wandte sich ab, schüttelte aber noch einmal bekräftigend den Kopf und schloss im Weggehen: »Ich will in meinem Haus nichts von ihnen hören. Haltet euch daran, oder sucht euch eine andere Unterkunft!«

Andrej wartete, bis er außer Hörweite war, und sagte dann: »Mit dem hast du es dir gründlich verdorben, Pirat.«

»Das scheint mir auch so«, sagte Abu Dun bekümmert. »Dabei habe ich ihm noch nicht einmal alles erzählt.«

»Und das wäre?«, fragte Andrej, in eine andere Sprache wechselnd.

Abu Dun schluckte die zerkauten Blätter mit einem nassen Schmatzen herunter und antwortete ebenfalls auf Deutsch: »Ich habe nicht viel über diesen Machdi gehört, aber dafür eine Menge über Süleyman. Er war wohl niemals besonders beliebt bei seinen Untertanen, aber seit seine Truppen vor Wien vernichtend geschlagen wurden, scheint sein Stern rapide zu sinken.«

»Und was genau soll das heißen?«, fragte Andrej.

»Dass es Mordpredigern wie diesem Machdi umso leichter fällt, neue Anhänger zu gewinnen«, antwortete Abu Dun. Er nahm einen großen Schluck Kamelmilch, um die Kat-Blätter hinunterzuspülen. »Ein unzufriedenes Volk bildet immer einen prachtvollen Nährboden für Aufruhr und Anarchie.« Er deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die der Wirt verschwunden war. »Glaubst du, er wäre der Einzige, der so denkt? Wenn Süleyman nicht bald einen größeren Erfolg vorweisen kann, dann wird diese ganze Stadt zum Pulverfass.«

»Und der Machdi ist die Lunte?«

»Ich möchte jedenfalls nicht mehr hier sein, wenn es hochgeht«, sagte Abu Dun. »Womit wir beim Thema wären. Ich war heute Morgen nicht nur am Hafen, um mir ein zweites Frühstück zu besorgen.« Er wies auf das jetzt leere Leinensäckchen. »Ich habe mit dem Kapitän geredet, dessen Schiff gestern eingelaufen ist. Du erinnerst dich?«

»Die spanische Galeone?«

»Die Elisa, ja.« Abu Dun nickte. »Ich weiß, du hasst Schiffe, Hexenmeister, aber die Elisa läuft in einer Woche aus, und er hätte nichts gegen zwei zusätzliche Paar Hände an Bord, die zupacken können.«

»Ich will nicht nach Spanien«, sagte Andrej. »Gegen wen führen sie denn gerade Krieg? Frankreich? England?«

»Wenn jetzt noch nicht, dann sicher bald«, antwortete Abu Dun. »Aber wohin willst du denn überhaupt? Ich meine: Irgendwo müssen wir einmal bleiben, oder?«

»Dann such dir ein Stück Land und werde sesshaft«, antwortete Andrej in deutlich schärferem Ton, als er beabsichtigt hatte. Gleich darauf tat es ihm leid, dennoch konnte er nicht anders, als spöttisch hinzuzufügen: »Aber das hast du ja schon einmal versucht, nicht wahr? Wie ist es noch einmal ausgegangen?«

Abu Dun nahm die Bemerkung hin, ohne mit der Wimper zu zucken, aber auch diese Worte bedauerte Andrej augenblicklich. Ein einziges Mal in seinem so unglaublich langen Leben hatte der Nubier tatsächlich ein Haus gebaut und sich eine Familie genommen, wahrscheinlich waren diese wenigen Jahre damals auf Malta die glücklichsten seines Lebens gewesen. Aber sie waren im gleichen Feuersturm vergangen, der die gesamte Insel verschlungen hatte.

»Verzeih«, sagte er. »Das hätte ich nicht sagen sollen.«

Abu Dun erteilte ihm keine Absolution, indem er etwas darauf antwortete, sondern fuhr fort, als hätte Andrej nichts gesagt: »Von Spanien aus gehen immer mehr Schiffe in die Neue Welt. Wir könnten sicherlich eine Passage bekommen.«

»Die Neue Welt? Findest du die alte nicht schon schlimm genug?«

»Und ich dachte immer, ich wäre der Schwarzseher von uns beiden«, antwortete Abu Dun.

Andrej verzog nur kurz und humorlos die Lippen. Irgendwo mussten sie schließlich leben das mochte stimmen. Aber vielleicht würde es auf dieser Welt nie einen Platz geben, an dem Männer wie sie wirklich in Frieden leben konnten. »In einer Woche?«

»Plus minus ein paar Tage«, bestätigte Abu Dun. »Aber wohl eher plus. Sie müssen noch etliche Reparaturen vornehmen, bevor sie sich wieder auf die offene See hinauswagen können, und der Kapitän scheint mir doch ein wenig optimistisch, was ihre Dauer angeht. Aber so ungefähr, ja.« Etwas Aufforderndes erschien in seinen Augen. »Wir können uns das Schiff wenigstens einmal ansehen. Nein sagen kannst du dann immer noch.«

Was er ganz zweifellos nicht akzeptieren würde, dachte Andrej. Trotzdem stand er auf und machte stumm eine Kopfbewegung zur Tür. Abu Dun erhob sich ebenfalls, verließ das Gasthaus und blieb draußen sofort wieder stehen. Als Andrej ihm folgte und neben ihn trat, wusste er auch, warum.

Aus irgendeinem Grund kam der Mann Andrej größer vor als bei ihrem ersten Zusammentreffen vor vier Tagen. Vielleicht lag es daran, dass er in seinen Augen jetzt nicht nur Misstrauen las, sondern auch böse Vorfreude. Vielleicht lag es aber auch an dem guten Dutzend Soldaten, das in einem lockeren Halbkreis hinter ihm stand und mit seinen Musketen auf Abu Dun und ihn zielte.

»Ich sagte doch, dass es nicht klug ist, die falsche Partei zu ergreifen, Ungläubiger.«

Andrej schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Abu Dun nichts Unüberlegtes tat, aber der Nubier stand einfach nur da und bescherte dem Soldaten das für ihn vermutlich höchst ungewohnte Gefühl, in das Gesicht eines anderen Mannes hinaufsehen zu müssen.

»Ja, ich glaube, so etwas habt Ihr gesagt«, antwortete Andrej, der endlich seine Überraschung überwand. Obwohl er den Blick fest auf die Augen seines Gegenübers gerichtet hielt, stellte er fest, dass das Dutzend Soldaten, das der Mann mitgebracht hatte, Janitscharen waren, die Elitetruppen des Sultans. Und sie hatten diesen Ruf durchaus zu Recht, wie er aus mehr als nur einer leidvollen Erfahrung wusste.

Trotzdem zwang er sich zu einem Lächeln und fuhr in leicht scherzhaftem Ton fort: »Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand, nur weil Euch eine kleine Betrügerin entwischt ist?«

»Oder hattest du selbst ein Auge auf sie geworfen und bist jetzt verärgert?«, fügte Abu Dun hinzu.

Andrej fand die Provokation überflüssig, behielt seine Meinung aber für sich, und der Soldat der nicht wie die anderen die Uniform eines Janitscharen trug reagierte nicht darauf, sondern machte nur eine herrische Geste, woraufhin zwei seiner Begleiter ihre Waffen senkten und im Haus verschwanden.

Für eine kurze Weile geschah nichts. Dann wurde es im Haus laut, weil offenbar ein Streit ausbrach. Als es dem Soldaten schließlich über wurde, sie voller vorweggenommener Schadenfreude anzustarren, winkte er zum zweiten Mal. Zwei weitere Männer senkten ihre Waffen und gingen davon, kehrten aber schon kurz darauf zurück, einen dritten, weit kleineren Mann zwischen sich führend. Sein Gesicht kam Andrej vage bekannt vor, aber er konnte nicht gleich sagen, woher.

»Ist er das?«, fragte der Soldat.

»Ja!«, antwortete der Mann. »Diesen Ungläubigen erkenne ich sofort wieder und seinen Begleiter erst recht! Wer könnte einen solchen Kerl vergessen?«

Es war der Waffenschmied, in dessen Werkstatt er das kostbare Schwert bewundert hatte, wie sich Andrej jetzt erinnerte. Aber er verstand noch immer nicht, was dieser Auftritt sollte, und stellte die Frage auch laut.

»Das fragst du auch noch?«, ereiferte sich der Mann. »Du bist ein Dieb, Ungläubiger, ein gemeiner, hinterhältiger«

Der Soldat brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. »Erzähl uns noch einmal, was geschehen ist«, verlangte er.

»Dieser Kerl da und sein schwarzer Komplize« der Mann deutete aufgeregt gestikulierend abwechselnd auf Abu Dun und ihn »sind in mein Geschäft gekommen und haben sich meine kostbarsten Waren zeigen lassen!«

Wieder wurde er mit einer rüden Geste zum Verstummen gebracht. »Ist das wahr?«, fragte der Soldat.

Andrej nickte, und der Händler fuhr mit schriller Stimme fort: »Mein allerbestes Stück haben sie sich zeigen lassen und die solventen Kunden gespielt. Mein bestes Schwert, einen Saif, den Saladin selbst in der Schlacht getragen hat!«

»Ist das wahr?«, fragte der Soldat noch einmal.

Andrej nickte auch jetzt. »Bis auf den Teil mit Saladin.«

»Was erdreistest du dich, du Christenhund? Die Zunge soll dir abfaulen, so«

»Genug!«, sagte der Soldat scharf. »Erzähl weiter.«

»Sie sind gegangen, weil ihnen der Saif dann angeblich doch zu teuer war«, fuhr der Mann fort. »Aber dann haben sie und ihre Spießgesellen draußen auf der Straße einen Streit vom Zaun gebrochen, oder wenigstens so getan. Angeblich hat er eine junge Frau in mein Geschäft verfolgt, und sie haben miteinander gerungen. Alles kurz und klein geschlagen haben sie, meine besten Stücke ruiniert und genug Schaden angerichtet, um mich in den Ruin zu treiben! Und als sie fort waren, da war auch der Saif verschwunden!«

»Ist das wahr?«, fragte der Soldat zum wiederholten Mal. Aber er tat es auf eine Art, die Andrej davon überzeugte, dass es egal war, was er antwortete.

Es war auch Abu Dun, der es tat. »Ja, und danach haben wir zwei unserer Komplizen getötet, damit es auch glaubhaft aussieht. Das klingt logisch.«

»Tatsächlich«, antwortete der Soldat, »haben wir zwei Tote gefunden. Vielleicht waren es aufrechte Männer, die mutig genug waren, euch aufhalten zu wollen, und für diesen Mut mit ihrem Leben bezahlen mussten. Und einen dritten Mann, den ihr zum Krüppel geschlagen habt, sodass er nie wieder laufen kann falls er es überhaupt überlebt.«

»Ihr habt seinen gebrochenen Arm vergessen«, sagte Andrej. »Der, mit dem er mir das Messer in die Kehle rammen wollte. Sagt, kam er Euch vielleicht irgendwie bekannt vor?«

Darauf antwortete der Soldat nicht, vielleicht, weil in diesem Moment die beiden anderen Männer wieder aus dem Haus kamen. Einer hielt einen in ein Tuch eingeschlagenen Gegenstand in Händen, den er ihm reichte.

»Das war in ihrem Zimmer.«

Andrej war nicht einmal überrascht, als der Soldat das Tuch zurückschlug und die sanft gebogene Klinge eines Saif darunter zum Vorschein kam. Behutsam, fast schon bewundernd drehte er das Schwert in den Händen und wandte sich dann an den Händler. »Ist es das?«

»Das fragt Ihr noch?«, lamentierte der Mann. »Ich habe es doch hinlänglich beschrieben, oder? Erkennt Ihr etwa nicht Saladins Schwert?«

»Das heißt dann wohl ja«, seufzte der Soldat.

»Das ist lächerlich«, sagte Andrej, »und das wisst Ihr auch.«

Der Soldat sah ihn auf schwer zu deutende Art an, wickelte den Saif dann sorgfältig wieder ein und gab seinen Begleitern einen Wink. »Durchsucht sie nach Waffen«, sagte er. »Und dann bindet sie. Wir nehmen sie mit.«

Es war ganz gewiss nicht das erste Gefängnis, in dem sich Abu Dun und er wiederfanden, aber das seltsamste. Es hatte ein vergittertes Fenster, und die Tür war ausgesprochen massiv und ließ sich nur von außen öffnen, doch damit hörten alle Ähnlichkeiten mit den diversen Kerkerzellen und Verliesen auch schon auf, die sie in nahezu allen Teilen der Welt kennengelernt hatten. Der Raum maß gute zwanzig Schritte im Quadrat, war mindestens fünf Meter hoch und hatte mit Holz vertäfelte Wände und eine mit aufwendigen Stuckarbeiten verzierte Decke. Eingerichtet war er mit kostbaren Möbeln, die Andrej eher in einem Palast erwartet hätte, und es gab wertvolle Teppiche und vermutlich nicht minder wertvolle Gemälde in vergoldeten Rahmen.

Und eigentlich war es kein Wunder, dass er sich vorkam wie in einem Palast, denn sie befanden sich tatsächlich in einem solchen.

Die Janitscharen hatten sie auf den Befehl ihres Hauptmanns (sein Name war Sharif, wie Andrej inzwischen wusste) hin entwaffnet und ihnen die Hände gebunden, sie darüber hinaus aber mit großem Respekt, ja, fast schon freundlich behandelt. Man hatte sie in einen geschlossenen Wagen verfrachtet, der sie quer durch die Stadt gefahren hatte allerdings nicht in eines der zahlreichen Gefängnisse, von denen es in Konstantinopel beinahe mehr gab als Moscheen, sondern hierher, in den Topkapi-Palast, den Sitz des Sultans und sicherlich eines der prachtvollsten und fantastischsten Gebäude der Welt. Niemand hatte mit ihnen geredet, niemand hatte auch nur eine einzige der zahllosen Fragen beantwortet, mit denen Andrej Sharif und die anderen bestürmt hatte. Doch man hatte sie hierher in diesen Raum geführt und ihnen die Fesseln abgenommen, und später hatte ihnen ein genauso schweigsamer und von gleich vier bewaffneten Janitscharen begleiteter Diener ein der Umgebung angemessenes Essen gebracht.

Das war vor gut zwölf Stunden gewesen. Inzwischen berührte die Sonne schon fast wieder den Horizont. Der Tag ging zu Ende, und mit Ausnahme des stummen Dieners, der ihnen eine zweite Mahlzeit gebracht hatte, hatten sie in all diesen Stunden keinen Menschen zu Gesicht bekommen.

Nur einen Augenblick nachdem die Sonne ganz untergegangen war und immer mehr Schatten den großen Raum eroberten, erhielten sie den endgültigen Beweis, dass dieses Gefängnis sich von allen anderen unterschied, die sie kannten, denn Andrej hörte zwar näher kommende Schritte, aber an der Tür wurde geklopft, und es verging sogar ein Moment, bis sie das Geräusch des Riegels hörten und Sharif eintrat.

»Kommt mit«, sagte er knapp. Er war allein, aber Andrej konnte die Herzschläge mindestens zweier weiterer Männer draußen auf dem Gang hören und ihre Anspannung fühlen.

»Wohin?«, fragte er, stand aber auf. Abu Dun tat es ihm gleich.

»Wenn es nach mir ginge, geradewegs auf den Richtplatz«, antwortete der Hauptmann.

»Aber es geht nicht nach dir«, vermutete Abu Dun.

»Jemand will mit euch sprechen«, bestätigte Sharif. »Ihr werdet tun, was ich euch sage. Ihr werdet nicht reden, bevor man es euch ausdrücklich erlaubt, und ihr werdet antworten, wenn man euch Fragen stellt. Wenn ihr zu fliehen versucht, werdet ihr getötet. Wenn ihr lügt, werdet ihr getötet. Wenn ihr respektlos seid, werdet ihr getötet. Habt ihr das verstanden?«

»Werden wir getötet, wenn nicht?«, fragte Abu Dun.

Sharif erwiderte nichts, doch Andrej warf dem Nubier trotzdem einen mahnenden Blick zu. Sharif zog zwei Paar eiserner Handfesseln unter seinem Mantel hervor und winkte sie heran. »Legt euch die an.«

»Und wenn nicht?«, fragte Abu Dun.

»Rufe ich meine Männer, es gibt ein paar Tote und etliche Verletzte, und am Ende tragt ihr die Fesseln trotzdem«, antwortete Sharif mit einer Gelassenheit, die nicht gespielt war. »Es ändert nichts. Aber ihr würdet einigen Frauen ihre Männer nehmen und einigen Kindern ihre Väter. Wollt ihr das?«

»Janitscharen dürfen nicht heiraten«, sagte Abu Dun.

»Das ist wahr. Aber Kinder haben sie trotzdem. Und Frauen.« Sharif klapperte auffordernd mit den Handfesseln. »Ist es das wert?«

»Ist es das wert?« Andrej deutete auf die mit einer kurzen Kette miteinander verbundenen Eisenringe, und etwas höchst Unerwartetes geschah: Sharifs Blick folgte seiner Geste, und er konnte dem Janitscharenhauptmann ansehen, dass er angestrengt nachdachte. Dann nickte er und steckte die Handfesseln wieder ein. »Wahrscheinlich nicht.«

»Jetzt musst du uns nur noch unsere Waffen zurückgeben, und wir würden dir dein ungebührliches Benehmen bisher verzeihen«, sagte Abu Dun, »und möglicherweise sogar davon absehen, uns bei deinem Herrn über dich zu beschweren.«

Andrej verdrehte innerlich die Augen und fragte sich, wie weit Abu Dun wohl noch gehen wollte, um Sharif zu reizen. Doch der Hauptmann machte einen von einer einladenden Geste begleiteten Schritt zurück.

»Wenn du das möchtest.«

Jetzt war sogar Abu Dun so perplex, dass er nur eine Grimasse zog, und Sharif gestattete sich ein knappes Lächeln, wiederholte aber seine einladende, vielleicht befehlende Geste. »Kommt! Es geziemt sich nicht, meinen Herrn warten zu lassen.«

Zu Andrejs Erleichterung verzichtete Abu Dun auf weitere Frechheiten, während sie ihr luxuriöses Gefängnis verließen. Draußen trafen sie auf zwei Männer, die zwar Musketen trugen, sie aber nicht im Anschlag hielten und sie sehr aufmerksam, aber nicht unbedingt feindselig beäugten. Andrej spürte die Nähe anderer Männer, die ihnen vermeintlich unbemerkt folgten.

Sharif führte sie in scharfem Tempo durch ein wahres Labyrinth aus Gängen, Treppen und Fluren und schließlich über einen von prachtvollen Arkadengängen gesäumten Innenhof, der größer als so manches Dorf war, das sie gesehen hatten. Die Sonne war untergegangen, und überall brannten Fackeln und Öllampen mit bunten Gläsern. Sie durchquerten einen Garten, der beinahe die Ausmaße eines künstlich angelegten Waldes hatte und in dem trotz der vorgerückten Stunde noch zahlreiche Gärtner arbeiteten. Überall plätscherte Wasser, und er sah eine Unzahl exotischer Blumen und blühender Büsche. Bunte Vögel in zierlichen Käfigen schrien melodisch nach Freiheit, und von irgendwoher kam leise Musik. Alles war künstlich und für seinen Geschmack eine Spur zu grell, kam der Vision eines gläubigen Moslems vom Paradies aber vermutlich recht nahe. Seiner eigenen übrigens auch.

»Wohin bringt Ihr uns?«, wandte er sich an Sharif, als sie den Garten fast durchquert hatten. Er bekam keine Antwort. Sie näherten sich einer breiten Marmortreppe, die zu einem gewaltigen zweiflügeligen Tor hinaufführte. Krieger in blitzendem Harnisch und mit funkelnden Waffen, die aber hauptsächlich der Zierde dienten, flankierten die Tür, und auch dahinter brannte Licht in verschwenderischer Fülle. Andrej hatte eine recht klare Vorstellung, wohin sie gebracht wurden auch wenn er sich nicht erklären konnte, warum.

Weitere Krieger schlossen sich ihnen an, als sie das Gebäude betraten und weitere mit nun wahrhaft überbordendem Prunk und Schmuck ausgestattete Räume und noch mehr Treppen hinter sich brachten. Schließlich blieben sie vor einer Doppeltür stehen, deren Größe die der meisten Kirchenportale überstieg, vor denen Andrej jemals gestanden hatte, und die nur zehnmal prachtvoller war. Sharif wechselte ein paar geflüsterte Worte mit einem der beiden Wächter, die davor postiert waren, woraufhin der Mann die Tür gerade weit genug öffnete, um durch den Spalt zu schlüpfen.

»Ihr werdet mit gesenkten Häuptern eintreten und meinen Herrn nicht direkt ansehen, es sei denn, dass er es euch erlaubt«, sagte Sharif. »Und ihr werdet nur sprechen, wenn ihr ausdrücklich dazu aufgefordert werdet.«

»Sonst werden wir getötet«, vermutete Abu Dun.

»Sehr langsam und unter unsäglichen Qualen«, bestätigte Sharif, und dieses Mal suchte Andrej vergeblich nach einem spöttischen Funkeln in seinen Augen.

Der Wächter kam zurück, zog die Tür nun ganz auf und bedeutete ihnen mit einem wortlosen Nicken, einzutreten.

Abermals war es eine vollkommen andere Welt, die sie empfing. Das Licht war gedämpft, aber sehr warm, und schwere, süßliche Gerüche bestürmten seine Sinne ebenso heftig wie das schiere Übermaß von Gold und Rot, in dem der Raum geradezu ertrank. Überall waren Kissen und kleine Sofas und zierliche Möbel aus den edelsten Hölzern, und in der Mitte des saalgroßen Raumes plätscherte ein marmorner Springbrunnen, der auch auf den Prachtstraßen Roms nicht unangenehm aufgefallen wäre.

Der Herr über all diesen Punk thronte auf dem gewaltigsten Diwan, den Andrej jemals gesehen hatte. Im ersten Moment fiel es ihm schwer, das Gesicht unter dem riesigen goldfarbenen Turban zu erkennen, das fast zur Gänze hinter einem gewaltigen gezwirbelten Schnauzbart verschwand. Flankiert wurde er von zwei glutäugigen Schönheiten, die zwar eine Menge Stoff am Leib trugen, der aber nicht wirklich dem Zweck zu dienen schien, ihre Reize zu verbergen, denn er war zum allergrößten Teil durchsichtig. Der Raum erinnerte an einen Harem und mochte es wohl auch sein.

»Senkt die Häupter«, raunte Sharif, »und macht kleine Schritte und nicht zu hastige Bewegungen.«

»Weil wir sonst getötet werden«, grummelte Abu Dun, gehorchte aber, und auch Andrej tat, wie ihm befohlen worden war. Trotzdem entging ihm nicht, dass Sharifs Männer hinter ihnen zurückblieben, als die Tür geschlossen wurde.

Ihre Anwesenheit war aber auch nicht nötig. Zumindest vor den Sinnen normaler Menschen gut verborgen stand ein weiteres halbes Dutzend Wächter in geschickt getarnten Nischen, und Andrej musste ihre Waffen nicht sehen, um zu wissen, dass sie nicht nur schöner Tand waren.

»Das ist nahe genug.« Sharif bedeutete ihnen, stehen zu bleiben, und kaum hatten sie es getan, erhob sich der Schnauzbärtige von seinem Diwan, ging mit kleinen, trippelnden Schritten zu einem zierlichen Tisch und ließ sich mit untergeschlagenen Beinen auf einem goldbestickten Kissen nieder. Die beiden Frauen wollten ihm folgen, doch er wedelte unwillig mit einer Hand, an deren Fingern so viele und schwere Ringe blitzten, dass Andrej sich fragte, wie er sie überhaupt noch heben konnte.

»Nicht jetzt, meine Täubchen«, sagte er. »Ich habe wichtige Dinge mit diesen Männern zu besprechen, die euch gewiss nicht interessieren. Langweilige Dinge, zweifellos, die aber getan werden müssen. Geht und lasst uns allein!«

Die beiden Frauen entfernten sich gehorsam und schnell, und Andrej hatte Mühe, nicht abfällig die Lippen zu verziehen. Abu Dun schien diese Skrupel nicht zu haben. Er versuchte es erst gar nicht.

»Abu Dun und Andrej Delãny«, sagte der Schnauzbärtige mit einer Stimme, die mit einem Mal ganz anders klang. »Bitte setzt euch doch.«

»Sultan Süleyman der Zweite«, fügte Sharif erklärend hinzu. »Ihr dürft ihn jetzt ansehen. Und gehorchen.«

»Weil wir sonst getötet werden, ich weiß«, sagte Abu Dun auf Deutsch. Süleyman wartete, bis sie sich gesetzt hatten und antwortete dann in derselben Sprache und vollkommen akzentfrei:

»Das wäre dann vielleicht doch ein wenig zu drastisch, nur wegen einer so kleinen Verfehlung. Ich fürchte, mein guter Hauptmann hat wieder einmal stark übertrieben. Er glaubt wohl, einen gewissen Ruf wahren zu müssen.«

Andrej ließ sich gehorsam vor dem niedrigen Tischchen auf beide Knie sinken, während Süleyman abwechselnd ihn und Abu Dun musterte und sich ganz unverhohlen über ihrer beider Überraschung amüsierte.

»Eine Erfrischung?«, fragte er, wartete ihre Antwort nicht ab, sondern wedelte mit der anderen Hand (die ebenso schwer von Ringen war), woraufhin wie aus dem Nichts ein Diener erschien, der ein Tablett mit Tee und Obst brachte.

»Ihr sprecht Deutsch?«, fragte Andrej schließlich.

»Neben anderen Sprachen, ja«, bestätigte Süleyman in einem fast ebenso akzentfreiem Französisch. »Es ist von Vorteil, die Sprache seiner Gegner zu sprechen.«

Er wartete, während der Diener sein Tablett ablud und ihnen Tee einschenkte, obwohl der Mann peinlichst darauf achtete, den Blickkontakt zwischen ihnen nicht zu stören. Auch Andrej fragte erst, als der Diener gegangen war:

»Sind wir das denn? Feinde, meine ich?«

»Nur, wenn Ihr und Euer Freund es sein wollt«, antwortete Süleyman, und Andrej revidierte seine vielleicht doch etwas vorschnell gefasste Meinung über ihn. Sultan Süleyman der Zweite war nicht nur der Herr dieses Palastes und Konstantinopels, sondern praktisch des gesamten Osmanischen Reiches, und damit der mächtigste Mann der Welt. Auf seinem Diwan, flankiert von zwei wunderschönen (und halb nackten) Frauen und in dieser ganz besonderen Umgebung wirkte er vielleicht wie eine Karikatur seiner selbst, aber Andrej begann sich jetzt zu fragen, ob Süleyman sich dieses Umstandes vielleicht nicht nur bewusst war, sondern sich auch alle Mühe gab, diesen falschen Eindruck zu pflegen. Er hatte eine Menge über den Sultan gehört wenig davon war schmeichelhaft –, aber er war gewiss kein Dummkopf. Möglicherweise aber war er jemand, der wollte, dass alle anderen ihn dafür hielten.

Er versuchte es direkter. »Darf ich fragen, warum wir hier sind, Sultan?«

Sharif sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, doch Süleyman lächelte nur und griff mit beiden Händen nach oben, um den Turban abzunehmen. Süleyman sah aus wie ein Mann in den Vierzigern, der sich gut gehalten hatte. Er hatte volles, pechschwarzes Haar und sehr wache Augen, und man sah ihm an, dass er einen ständigen Kampf gegen das Übergewicht focht. Einzig der überdimensionale Schnauzbart passte nicht zu diesem Gesicht, das Andrejs persönlichem Geschmack nach recht albern aussah.

»Ja, ich habe gehört, dass Ihr Männer seid, die das direkte Wort zu schätzen wissen«, antwortete Süleyman. »Umso besser. Ich möchte, dass ihr eine Aufgabe für mich übernehmt. Eine Aufgabe, die euch gefallen wird und wenn ihr sie erfolgreich meistert, wird sie auch gut bezahlt.«

»Und wenn nicht, werden wir getötet?«, fragte Abu Dun, diesmal auf Italienisch. Andrej war fast erleichtert, als der Sultan jetzt nicht in derselben Sprache antwortete, sondern den Nubier nur verständnislos ansah.

»Und um welche Art von Aufgabe handelt es sich?«, fragte er vorsichtig.

Statt sofort zu antworten, winkte Süleyman Sharif zu, der ein kleines Säckchen hervorzog und seinen Inhalt vor Abu Dun auf den Tisch schüttete. Als eines der zartgrünen Blätter in Abu Duns Tee landete, fischte der nubische Riese es mit reglosem Gesicht heraus und ließ es zwischen den Zähnen verschwinden.

»Das ist von schlechter Qualität«, sagte er kauend. »Heute Morgen hatte ich Besseres.«

»Ich weiß«, sagte Sharif. »Aber der Kerl, von dem Ihr es habt, wird für lange Zeit wohl kein Kat mehr verkaufen. Oder irgendetwas anderes.«

Abu Dun spülte mit einem Schluck Tee nach, der so heiß war, dass er sich eigentlich Lippen und Zunge daran hätte verbrühen müssen. Süleyman begann die Enden seines Schnurrbartes zu zwirbeln, nachdem er die Fingerspitzen in ein Schälchen mit Öl getaucht hatte, das vor ihm auf dem Tisch stand. Andrej hatte den Eindruck, dass sich die Lippen unter dem Bart zu einem flüchtigen Lächeln verzogen hatten, aber ganz sicher war er nicht.

»Wie gesagt: Der gute Hauptmann legt großen Wert darauf, nach außen hin einen gewissen Ruf aufrechtzuerhalten.«

Andrej überging die Bemerkung und nahm selbst eines der Blätter. »Es war uns nicht bekannt, dass diese Blätter hier nicht erlaubt sind. Es täte mir leid, wenn wir damit gegen ein Gesetz verstoßen hätten.«

Süleyman wandte sich nun direkt an Abu Dun. »Du hast lange nach einem Mann gesucht, der dir das Kat verkauft«, sagte er. »Das wundert mich. Nach allem, was ich über dich gehört habe, bist du kein Mann, der so etwas braucht.«

»Ich bin neuen Erfahrungen gegenüber immer offen«, antwortete Abu Dun. Sharif warf ihm einen nun wirklich bösen Blick zu, doch Süleyman schüttelte nur den Kopf.

»Ich weiß, wer du bist, mein Freund, und ich weiß auch, was du bist, genau wie dein Begleiter. Ihr braucht so etwas nicht.«

Abu Dun war klug genug, nichts darauf zu erwidern. Vermutlich fragte er sich, genau wie Andrej, wie viel der Sultan wohl wirklich über sie wusste und ob es vielleicht mehr war, als gut für sie (und ihn) war.

»Und ihr habt Fragen gestellt«, fuhr Süleyman fort. »Fragen, die man in dieser Stadt nicht gerne hört und noch weit weniger gern beantwortet. Fragen nach dem Machdi. Was wisst ihr über ihn und seine Anhänger?«

»Wir sind mit einigen von ihnen zusammengetroffen«, sagte Andrej. »Aber ich versichere Euch, dass wir nichts mit ihnen zu schaffen haben.«

Erneut lächelte Süleyman. »Ja, man hat mir von eurem Zusammentreffen erzählt. Und würde ich glauben, dass ihr etwas mit ihnen zu schaffen habt, so würden wir dieses Gespräch nicht führen, denn dann wärt ihr bereits tot.«

»Warum sind wir dann hier?«, fragte Andrej geradeheraus.

»Weil ich wünsche, dass ihr etwas für mich tut«, antwortete Süleyman. »Es geht um eben diesen Mann, den Machdi. Ich möchte, dass ihr ihn für mich ausfindig macht und tötet.«

Andrej war nicht überrascht, allenfalls über ein einziges Wort. »Ihn töten? Nicht gefangen nehmen?«

»Selbst nach allem, was ich über euch gehört habe, und selbst wenn das alles der Wahrheit entsprechen sollte, dürfte euch das schwerfallen«, antwortete Süleyman. »Ihr könnt es versuchen und ihn mir bringen, aber sein Kopf in einem Korb würde mir genügen.«

»Was habt Ihr denn über uns gehört?«, wollte Abu Dun wissen.

»Dass ihr Männer des Schwertes seid«, antwortete der Sultan. »Ruhelose, die durch die Welt ziehen, immer auf der Suche nach einem Abenteuer, oder jemandem, der dafür bezahlt, sich ihr Schwert ausleihen zu dürfen.«

»Wir haben schon als Söldner gearbeitet, das ist wahr«, sagte Andrej rasch, bevor Abu Dun etwas antworten konnte, was sie den Kopf kostete. »Aber Ihr habt doch keinen Mangel an fähigen Soldaten. Ihr gebietet über das größte Heer der Welt.«

Oder er hatte darüber geboten, bevor es die Ungarische Reiterei in der Schlacht vor Wien in den Boden gestampft hatte. Aber das behielt er lieber für sich.

»Es gibt Gründe, aus denen es mir lieber wäre, wenn ihr diesen Auftrag erfüllt«, antwortete Süleyman. Er lächelte immer noch, aber in seiner Stimme war nun auch eine ganz sachte Spur von Ungeduld zu hören.

Andrej konnte sich auch gut vorstellen, wie diese Gründe aussahen. Süleyman mochte der mächtigste Mann der Welt sein, aber spätestens seit seiner Niederlage vor Wien war diese Macht nicht mehr unangefochten, das bewies allein schon die Existenz eines Mannes wie des Machdi und seiner Anhängerschaft. Wenn das, was ihnen der Gastwirt am Morgen über den Machdi erzählt hatte, stimmte, dann kam es bei seinen Untertanen vielleicht nicht besonders gut an, wenn er diesen Mann von seinen eigenen Soldaten ermorden ließ, vor allem dann nicht, wenn die Sache möglicherweise schiefging und der Machdi überlebte.

Da war es eindeutig besser, diese Schmutzarbeit zwei Fremden zu überlassen, von denen einer noch dazu ein Ungläubiger war.

»Wir sind keine Mörder«, sagte er.

»Und ich kein Mann, der einen Mordauftrag erteilt«, erwiderte Süleyman. Er klang verletzt. »Ich bezweifle nur, dass es euch gelingt, diesen Mann lebend zu fangen.«

»Wieso?«

»Weil er ein Geist ist«, antwortete Sharif an Süleymans Stelle. »Kaum jemand hat ihn jemals gesehen, und die wenigen, die von sich behaupten, ihm begegnet zu sein, sagen, es wäre unmöglich, ihn zu töten.«

»Und was bringt Euch dann auf die Idee, dass wir es könnten?«, wollte Abu Dun wissen.

»Wie ich schon gesagt habe«, antwortete Süleyman an Sharifs Stelle. »Wir wissen, was ihr seid.«

»Und was genau meint Ihr, dass wir sind, Sultan?«, fragte Andrej vorsichtig.

»Ungläubige«, antwortete Süleyman. »Söldner. Männer des Schwertes, die nicht nur ihre Waffen an jeden vermieten, der nur genug bezahlt, sondern auch ihr Gewissen. Aber auch, dass ihr noch nie einen Kampf verloren habt und es nichts gibt, wovor ihr Angst habt. Manche behaupten es jedenfalls.«

»Und was behaupten sie noch?«

»Vieles, und das meiste davon ist Unsinn«, antwortete der Sultan mit einem neuerlichen knappen Lächeln. »Dass ihr älter seid als die Zeit. Dass es unmöglich ist, euch zu töten. Und dass ihr die Seelen von Menschen fresst. Manche halten euch für Boten des Teufels, und andere für Abgesandte Gottes.«

»Und wer behauptet so etwas?«, fragte Abu Dun.

»Nehmt einfach einmal an, dieser Machdi existiert wirklich«, sagte Süleyman, statt Abu Duns Frage zu beantworten. »Und nehmt weiter an, es ist wahr, was die Menschen über ihn sagen, dass er jeden in seinen Bann ziehen kann und dass es unmöglich ist, ihn zu töten, dann hätte ich wohl keine Chance gegen ihn, trotz all meiner Soldaten und all meiner Macht. Wollt ihr einen Mann wie den Machdi an meiner Stelle sehen? Wisst ihr, was dann mit den Menschen hier geschähe? Mit der ganzen Welt?«

Nichts anderes als jetzt, hätte Andrej um ein Haar geantwortet, schluckte die Worte aber im letzten Moment hinunter.

Sie wären nicht wahr gewesen. Süleyman hatte die Welt mit Krieg überzogen und den größten Sturm von Gewalt und Unterdrückung entfesselt, der seit mehr als einem Jahrhundert über das Abendland hereingebrochen war. An seinen Händen klebte mehr Blut als an denen irgendeines anderen lebenden Menschen, und er würde nicht aufhören, trotz der vernichtenden Niederlage, die sein Heer vor Wien hatte erleiden müssen. Seine Generäle stellten bereits neue Armeen auf. Europa hatte bestenfalls eine Atempause gewonnen.

Und dennoch.

Süleyman war vermutlich das kleinere Übel. Er war alles andere als ein militärisches Genie, und oft genug hatte er die Empfehlungen seiner Generäle in den Wind geschlagen (und auch dem einen oder anderen von ihnen bei dieser Gelegenheit den Kopf von den Schultern) und seine eigenen Pläne umgesetzt, was während seiner gesamten Regentschaft zu einer Abfolge stets größer werdender militärischer Katastrophen geführt hatte, die schließlich in seiner Niederlage vor Wien gipfelte.

Aber vielleicht war ja nicht Süleyman das Problem, sondern der Machdi. Was diesen selbst ernannten Propheten anging, so hatte Andrej ein ungutes Gefühl. Was, wenn er nun auch ein Unsterblicher war und zwar einer von der machtgierigen und vollkommen rücksichtslosen Sorte, für die ein Menschenleben nicht zählte? Ein Mann mit jahrhundertelanger Erfahrung, vielleicht sogar jahrtausendelanger, und ohne jegliches Mitgefühl, ohne Skrupel? Dann würde es wohl nicht mehr lange dauern, bis er Süleyman vom Thron verdrängt hätte und seinen eigenen Krieg führte. Der Rest Europas hätte keine Chance. Vielleicht nicht einmal der Rest der Welt.

Trotzdem schüttelte er den Kopf. »Wir mischen uns nicht in solche Dinge«, sagte er.

»Solche Dinge«, wiederholte Süleyman, als suchte er nach einem versteckten Sinn. »Das ist bedauerlich. Ich nehme nicht an, dass es etwas gibt, womit ich euch umstimmen kann? Reichtümer? Frauen? Macht?«

»Die Androhung unseres Todes?«, fügte Andrej hinzu.

»Wohl kaum.« Süleyman seufzte traurig. Doch kurz darauf straffte er auch schon wieder die Schultern und lächelte. »Nun, einen Versuch war es wert. Ich bitte euch, mir die Unannehmlichkeiten zu vergeben, die euch durch meine vielleicht etwas unkonventionelle Einladung entstanden sind.«

Es dauerte einen Moment, bis Andrej begriff. »Ihr lasst uns gehen?«, fragte er zögernd. »Einfach so?«

»Selbstverständlich«, antwortete Süleyman. »Wer will schon zwei Männer wie euch zu Feinden haben?«

Andrej machte eine Kopfbewegung auf die Nischen, in denen seine Leibwächter verschwunden waren. »Ihr hättet Möglichkeiten.«

»Ach, ich bin überzeugt, dass ihr es euch noch einmal überlegen werdet. Denkt in Ruhe über das nach, was ich gesagt habe, und beratet euch. Und wenn ihr zu einer Entscheidung gelangt seid, dann kommt einfach hierher und fragt am Tor nach Hauptmann Sharif. Man wird euch einlassen.«

»Wir werden nicht zurückkommen«, sagte Andrej.

Süleyman lächelte. »Oh doch«, sagte er. »Das werdet ihr.«

Kapitel 4

Andrej konnte und wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Zuerst musste er herausbekommen, was es mit dem Machdi auf sich hatte und ob es sich wirklich um einen Unsterblichen handelte. Denn sollte das wirklich so sein, würde sich eine Konfrontation wohl kaum vermeiden lassen: Und dann wäre es besser, wenn er und Abu Dun ihm möglichst früh in den Weg traten.

Also taten sie so, als würden sie die Gastfreundschaft Süleymans annehmen. Und das erwies sich zunächst als nicht einmal unangenehm. Die Tür ihres vermeintlichen Gefängnisses stand auf, als sie zurückkamen, und auf dem großen Tisch wartete eine Mahlzeit, die selbst Abu Duns Appetit angemessen war. Auf dem Diwan daneben lagen neue Kleider in Andrejs und Abu Duns Größe (die der Nubier nicht anziehen würde, wie Andrej wusste, denn sie waren nicht schwarz) und daneben ihre Waffen oder doch zumindest Abu Duns gewaltiger Krummsäbel, ein Schwert so lang und so schwer, dass ein Mann von normaler Statur es kaum hätte handhaben können.

Statt des schlanken Rapiers jedoch, das Andrej aus Venedig mitgebracht hatte, entdeckte er einen armlangen Saif mit vergoldetem Griff, der in einer Scheide aus feinem schwarzem Leder steckte. Andrej ging hin, nahm die Waffe nach einem kurzen Zögern zur Hand und zog sie aus ihrer Umhüllung, während Abu Dun sich wichtigeren Dingen zuwandte und sich über das Essen herzumachen begann. Aufmerksam musterte er die verschlungen ziselierten arabischen Schriftzeichen auf der Klinge, die Allahs Größe priesen und allen Ungläubigen einen schrecklichen Tod versprachen. Mit einem Ruck rammte er die Klinge wieder in ihre Scheide zurück und drehte sich mit fragendem Blick zu Sharif um.

»Man hat mir berichtet, dass Ihr Gefallen an dieser Waffe gefunden habt«, sagte der Janitscharenhauptmann. »Der Sultan möchte sie Euch zum Geschenk machen.«

Es waren die ersten Worte, die er überhaupt sprach, seit Süleyman sie entlassen hatte, und er hatte auf dem ganzen Weg hierher einen größeren Abstand zu ihnen eingehalten, als notwendig schien oder vielleicht auch nicht, wenn man die finsteren Blicke bedachte, die Abu Dun ihm zugeworfen hatte.

Es war auch Abu Dun, der mit vollem Mund kauend antwortete: »Glaubt dein Herr wirklich, er könnte uns so billig kaufen?«

Zu Andrejs Erstaunen reagierte Sharif nicht verärgert, sondern mit einem fast warmen Lächeln. »Es ist nur ein Geschenk, nicht mehr und nicht weniger. Mein Herr möchte, dass ihr euch wohlfühlt und nicht nur die kleinen Unannehmlichkeiten im Gedächtnis behaltet, die wir euch zumuten mussten.«

Abu Dun biss krachend in eine Frucht. »Unannehmlichkeiten?«

Sharifs Lächeln entgleiste für einen ganz kurzen Moment, aber er hatte sich sofort wieder in der Gewalt und deutete auf die vorbereitete Mahlzeit. »Genießt unsere Gastfreundschaft. Ich komme in Kürze zurück und bringe euch wieder in euer Gasthaus.«

»Warum nicht sofort?«, wollte Abu Dun wissen.

»Es sind noch gewisse Vorbereitungen zu treffen«, antwortete Sharif ausweichend. »Es wird nicht lange dauern. Vielleicht eine Stunde oder zwei. Und damit euch die Zeit nicht zu lang wird«

Er machte einen Schritt zur Seite und klatschte in die Hände, woraufhin zwei junge Frauen eintraten. Sie waren noch offenherziger gekleidet als die zwei, die sie gerade bei Süleyman gesehen hatten, und beide ausgesprochene Schönheiten. Abu Dun hörte auf zu kauen.

»Das ist sehr zuvorkommend von Eurem Herrn«, sagte Andrej überrascht. »Aber danke, nein.«

»Sicher nicht?«, vergewisserte sich Sharif überrascht.

»Nein?«, fragte Abu Dun.

»Sicher nicht«, bestätigte Andrej.

Sharif machte eine kaum sichtbare Handbewegung, und die beiden Frauen zogen sich so rasch zurück, wie sie gekommen waren. Wenigstens eine von ihnen wirkte ein bisschen enttäuscht, fand Andrej. Sharif zuckte nur noch einmal die Achseln und ging dann ebenfalls.

»Seit wann entscheidest eigentlich du allein, was für uns beide gut ist?«, beschwerte sich Abu Dun.

»Ich habe nur an das arme Mädchen gedacht«, antwortete Andrej.

»Ach ja?« Abu Duns Augen wurden schmal. »Wieso?«

»Wie sollte sie jemals wieder mit einem Mann glücklich werden, nachdem sie dich äh kennengelernt hat?«, fragte Andrej. »Du willst doch nicht, dass sie für den Rest ihres ganzen Lebens nur noch Enttäuschungen erlebt, oder?«

Abu Dun machte ein angestrengt nachdenkliches Gesicht, aber schließlich nickte er und beließ es bei einem bedauernden Blick in die Richtung, in der die beiden Schönheiten verschwunden waren. Doch im Stillen fragte sich auch Andrej, ob er eigentlich den Verstand verloren hatte, ein so großzügiges Angebot auszuschlagen. Weder Abu Dun noch er hatten irgendein obskures Gelübde abgelegt oder dem anderen Geschlecht aus einem anderen Grund entsagt, und es war schon sehr lange her, dass er das letzte Mal in den Armen einer Frau gelegen hatte, die er nicht dafür bezahlt oder die andere, womöglich eigennützige Gründe dafür gehabt hätte.

Doch ihm war nicht danach.

Andrej hatte schon früh gelernt, dass es meist besser war, ein gewisses Misstrauen walten zu lassen, wenn ihm jemand ein scheinbar selbstloses Geschenk machte, vor allem jemand wie Sultan Süleyman der Zweite, der vermutlich nicht einmal wusste, was Selbstlosigkeit war.

Der Nubier sah ihn noch einige Augenblicke lang fast erwartungsvoll an, zuckte dann mit den Achseln und wappnete sich für die vor ihm liegende Herausforderung, nämlich den großen Tisch aus der Belagerung feindlicher Lebensmittel zu befreien. Andrej zweifelte keine Sekunde daran, dass es ihm gelingen würde.

Statt ihm dabei zuzusehen, trat Andrej wieder an eines der großen, vergitterten Fenster heran und sah in den Palastgarten hinab. Der Anblick hatte sich nicht geändert, aber auch nichts von seiner Faszination verloren, auch wenn er nun, wo er den Herren dieses vermeintlichen Paradieses kennengelernt hatte, einen sonderbar bitteren Beigeschmack hinterließ.

Andrej versuchte den Gedanken abzuschütteln, und es gelang ihm auch, doch nun musste er wieder an die hässliche Szene auf dem Basar zurückdenken.

Und an das Mädchen.

Er war selbst über sich erstaunt. Murida entsprach nicht im Mindesten dem Frauentyp, den er bevorzugte. Eigentlich weckte so eine kleine, zarte Gestalt seine Beschützerinstinkte doch die bekamen im Allgemeinen doch einen argen Dämpfer, wenn der, den man beschützen wollte, nur hartnäckig genug mit einem Messer oder anderen Mordinstrumenten auf einen losging. Die junge Frau ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss ihn aus seinen Gedanken. In der Erwartung, Sharif zurückkommen zu sehen, drehte er sich vom Fenster weg, doch statt des Hauptmanns betrat einer der Janitscharen den Raum, der sie bereits hierher begleitet hatte. Mit der Hand auf der Türklinke blieb er stehen. Obwohl er sich nahezu perfekt unter Kontrolle hatte, gewann Andrej den Eindruck, dass ihn der Anblick, der sich ihm bot, überraschte.

»Kommst du, um uns nach draußen zu eskortieren?«, fragte er.

Hätte er überhaupt noch Zweifel daran gehabt, dass Sharif nicht mit offenen Karten spielte, so hätte ihn die Reaktion des Janitscharen eines Besseren belehrt. Der sagte nämlich eine ganze Weile gar nichts und starrte nur ihn und vor allem Abu Dun an, aber dann gab er sich einen Ruck und zwang sogar ein (beinahe) überzeugendes Lächeln auf sein Gesicht. »Hauptmann Sharif lässt euch sein Bedauern ausdrücken«, sagte er, nun wieder völlig gefasst. »Er wurde aufgehalten und bittet euch, noch ein wenig Geduld zu haben. Es kann noch ein wenig dauern, bis er zu euch kommt.«

»Ein wenig?«, erkundigte sich Abu Dun kauend.

»Vielleicht eine Stunde oder allenfalls zwei.« Wieder maß der Soldat Abu Dun mit einem Blick, den Andrej nicht zu deuten vermochte, der ihm aber noch weniger gefiel als das erste Mal.

»Wir finden den Weg nach draußen«, sagte er kühl.

»Ganz wie ihr es wünscht«, antwortete der Janitschar. »Ich soll euch nur ausrichten, dass Hauptmann Sharif es begrüßen würde, noch einmal mit euch zu sprechen, bevor ihr den Palast verlasst. Aber es ist natürlich eure Entscheidung.«

Die Antwort des Mannes gefiel Andrej nicht, ohne dass er hätte sagen können, warum. Doch als er Abu Dun einen fragenden Blick zuwarf, bekam er genau die Antwort, mit der er gerechnet hatte. »Das Essen ist hier besser. Und die Unterkunft auch«, schmatzte Abu Dun.

»Eine Stunde«, sagte er. Ungefähr so lange würde Abu Dun brauchen, um die Schlacht gegen die aufgefahrenen Köstlichkeiten zu gewinnen und vermutlich würde er kurz danach auch unleidlich werden. »Und keinen Augenblick länger.«

Aus der verabredeten Stunde wurden zwei, dann drei, und irgendwann hörte Andrej auf, die Minuten zu zählen und auch, sich über Abu Dun zu wundern.

Er war nicht besonders gut in Form, wie es schien. Andrej hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass er das gesamte Festmahl allein vertilgte, das für ein Dutzend normaler Männer ausgereicht hätte, doch er knabberte nur noch eine Weile an dem einen oder anderen herum, und als Andrej ihn schließlich fragte, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei, bekam er nur eine geblaffte Antwort, die ihn davon abhielt weiterzufragen.

Und wenn er ehrlich war, dann war ihm die Situation gar nicht einmal so unrecht. Nicht nur was das Essen und die Einrichtung anging, hielt ihre Unterkunft in der Altstadt einem Vergleich mit diesen Räumlichkeiten nicht stand. Und was die vermeintliche Freiheit anging, die sie dort erwartete, machte sich Andrej nichts vor: Sharif konnte ihrer dort ebenso mühelos habhaft werden wie hier und vermutlich auch ebenso schnell. Warum also nicht an einem bequemeren Ort warten?

Fast zu seiner eigenen Überraschung fiel er sogar in einen leichten Schlummer, kaum dass er sich auf einen der bequemen Diwans niedergelassen hatte, wachte aber schon bald wieder auf, geweckt von Unruhe und einem heftigen Rumoren und Hantieren. Abu Dun bewegte sich hastig in der grauen Düsternis, die sich über das große Zimmer gelegt hatte, nachdem die meisten Lampen erloschen waren. Seltsamerweise beruhigte Andrej diese Erkenntnis eher. Der Vorrat an Öl schien eng begrenzt gewesen zu sein. Anscheinend hatten ihre Gastgeber nicht damit gerechnet, sie allzu lange zu beherbergen.

Andrejs innere Uhr sagte ihm, dass Mitternacht schon seit einer ganzen Weile vorüber war, was ihn überraschte. Er blinzelte einige Male, um seinen Blick zu klären. Abu Dun rumorte weiter. Andrej konnte nicht erkennen, was er tat, denn er wandte ihm den Rücken zu, doch es hörte sich an, als bräche er irgendetwas Hartes genüsslich in Stücke.

»Was tust du?«, fragte er.

Abu Dun nuschelte eine Antwort, die Andrej erst verstand, als er sie wiederholte. »Ich bilde mir ein, es wäre sein Rückgrat.«

Sein Ton gefiel Andrej nicht. Er war derbe Scherze wie diese von seinem nubischen Freund gewohnt, doch jetzt lag ein harter Ton in seiner Stimme. Andrej lächelte nicht, als er sich langsam auf die Ellbogen hochstemmte. »Wessen?«

Als er keine Antwort erhielt, stand er auf und trat an seine Seite. »Was tust du da?«, fragte er noch einmal.

Abu Dun antwortete auch diesmal nicht, sondern warf etwas zu Boden, das in Stücke zerbrochen klappernd davonschlitterte, warf ihm einen Blick aus zu schmalen Schlitzen zusammengepressten Augen zu und griff nach einer Frucht, um krachend hineinzubeißen.

Die nächsten Worte überlegte sich Andrej sehr genau. Abu Dun war schon den ganzen Abend über reizbar gewesen, und er wollte ihn gewiss nicht dazu provozieren, etwas wirklich Unbedachtes zu tun. »Vielleicht sollten wir besser gehen, bevor der Wirt glaubt, wir kommen gar nicht mehr, und unser Zimmer anderweitig vermietet.«

»Weil die Gäste ja vermutlich bis zum Bosporus hinab Schlange stehen, um dieses prachtvolle Quartier zu beziehen«, sagte Abu Dun verächtlich und mit vollem Mund. Klebriger Fruchtsaft lief aus seinen Mundwinkeln und zog zwei glitzernde Spuren bis zu seinem Kinn hinab. »Und wenn ich erst an das gute Essen denke «

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Andrej besorgt und vollkommen überflüssigerweise. Mit Abu Dun war ganz und gar nicht alles in Ordnung. Er wusste nur nicht, wieso.

Abu Dun funkelte ihn an, aber er sagte nichts mehr, sondern kaute laut schmatzend weiter, hielt dann plötzlich inne und verzog das Gesicht.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Andrej erneut.

Abu Dun betrachtete die angebissene Frucht in seiner Hand einen Moment lang stirnrunzelnd, verzog dann angeekelt die Lippen und warf sie auf den Tisch zurück wenn auch nur, um sofort nach einer anderen Köstlichkeit zu greifen.

»Ich traue diesem Kerl nicht«, sagte er.

»Sharif?«

»Süleyman«, antwortete Abu Dun, schon wieder mit vollem Mund und kaum verständlich. »Ich weiß nicht viel über ihn, aber was ich gehört habe, das hat mich keinen Mann erwarten lassen, der um etwas bittet und ein Nein als Antwort akzeptiert.«

Andrej war er nicht wie ein Mann vorgekommen, der überhaupt um irgendetwas bittet oder das Wort Bitte auch nur kannte. Er nickte.

»Was mich zu einer Frage bringt, die ich dir schon seit einer ganzen Weile stellen will«, fuhr Abu Dun fort. »Warum« er rülpste lautstark »sind wir eigentlich hier?«

»Weil Sultan Süleyman der Zweite uns so überaus freundlich eingeladen hat?«

Abu Dun schluckte, stopfte sich den Mund sofort wieder voll und fuhr mampfend fort: »Ja, schon. Aber warum haben wir diese überaus freundliche Einladung angenommen? Und sag jetzt bitte nicht, du hättest Angst vor Sharif und seinen Spielzeugsoldaten gehabt.«

Andrej antwortete nicht gleich. Sharifs Spielzeugsoldaten waren alles, nur nicht das. Die Janitscharen genossen ihren Ruf als Elitekämpfer nicht umsonst, und ein halbes Dutzend dieser Männer stellte selbst für Abu Dun und ihn eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Aber sie waren schon in aussichtsloseren Situationen gewesen und hatten weitaus stärkere Gegner besiegt. Dieselbe Frage, die Abu Dun ihm gerade gestellt hatte, hatte er sich im Laufe des zurückliegenden Tages schon mehr als einmal selbst gestellt, und vielleicht war die Antwort ebenso simpel wie sonderbar: Er hatte einfach das Gefühl gehabt, dass es richtig war.

Erst jetzt bemerkte er das zweite Geschenk, das Süleymans dienstbare Geister ihnen dagelassen hatten: zwei prall gefüllte Ledersäckchen, aus denen ihm etliche schwere Goldmünzen entgegenblitzten, als er sie aufschnürte.

»Jedenfalls lässt er sich den Spaß etwas kosten«, sagte Abu Dun, rülpste noch einmal und schüttelte den Kopf. Sein Atem roch leicht sauer. »Trotzdem, ich traue dem Kerl nicht. Er lässt uns ganz bestimmt nicht einfach so gehen.«

Andrej verzog angewidert das Gesicht, legte das Geldsäckchen zurück und sagte: »Hat er uns das nicht vorhin selbst angeboten?«

»Und du glaubst, er hält Wort?« Abu Dun lachte böse und schmatzte wieder. »Oder finden wir uns mit einem Dutzend Pfeile im Rücken wieder, weil man uns auf der Flucht erschossen hat?«

Solcherlei Spielchen hatte Süleyman nicht nötig. Ohne seinem Freund zu antworten, trat Andrej wieder an eines der großen Fenster. Er war derselben Meinung wie Abu Dun, aber anders als er war Andrej nicht misstrauisch, er war alarmiert. Sein instinktives Gespür für Gefahr hatte ihm schon mehr als einmal den Hals gerettet, und jetzt war es wieder da, so intensiv wie selten.

Er überlegte, ob sie einfach gehen sollten. Draußen waren keine Wachen mehr zu sehen gewesen, aber sie waren da, zweifellos. Doch sie würden sie nicht wirklich aufhalten können, wenn sie sich tatsächlich entschlossen, keine Stunde mehr zu warten, sondern den Palast sofort zu verlassen. Und dasselbe galt für ganz Konstantinopel. Es wäre nicht die erste Stadt, aus der sie verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Aber was, wenn es genau das war, was Süleyman wollte, aus welchem Grund auch immer?

»Süleyman der Kurze«, fuhr Abu Dun von einem lauten Rülpser begleitet fort, »ist nicht für seine Großzügigkeit und seine warmherzige Art bekannt. Dir ist schon klar, warum er will, dass wir diesen Machdi ausfindig machen und töten, oder? Ein Ungläubiger und ein Nubier, der den meisten dieser Zwerge mindestens genauso suspekt ist wie jemand aus dem Abendland?«

Er rülpste noch einmal und sehr viel ausgiebiger, und Andrej verdrehte die Augen und öffnete demonstrativ das Fenster, um hinauszusehen. Unter ihm lag einer der zahlreichen prachtvollen Gärten, die den Topkapi-Palast zu etwas Einzigartigem unter den Palästen der Welt machten. Direkt gegenüber jedoch erhob sich ein Bauwerk, das zwar aus den gleichen kostbaren Materialien und mit ebensolcher Kunstfertigkeit errichtet worden war wie das, in dem sie sich befanden, dennoch aber abweisend und bedrohlich wirkte, sei es nur, weil er wusste, was sich hinter seinen Mauern verbarg. Es war das Kafes, das berüchtigte Gefängnis innerhalb des Topkapi und, wie man sagte, das schlimmste der Stadt. Wieso waren sie hier statt dort drüben?

»Ganz egal, wie die Sache ausgeht, sie werden uns dafür ans Kreuz nageln«, fuhr Abu Dun hinter ihm fort. Andrej hatte allerdings Mühe, ihn zu verstehen, denn fast jedem seiner Worte folgte ein ausgiebiger Rülpser oder ein röchelndes Schnauben.

»Abu Dun, das ist widerlich«, sagte Andrej. »Ich weiß, Hauptmann Sharif ist nicht der Einzige, der glaubt, einen gewissen Ruf verteidigen zu müssen, aber wir sind hier unter uns, und du«

Dann brach er mit einem erschrockenen Keuchen ab und riss die Augen auf, denn er hatte sich im Sprechen herumgedreht. Abu Dun stand in verkrampfter Haltung da, die linke Hand auf die Tischkante aufgestützt, die andere gegen den Leib gepresst. Sein Gesicht zuckte. Blasiger Speichel lief aus seinen Mundwinkeln und tropfte von seinem Kinn.

Mit einem Satz war Andrej bei ihm, gerade noch rechtzeitig, um ihn aufzufangen. Es gelang ihm nicht ganz, die gut fünf Zentner zu halten, aber immerhin stürzte er nicht, sondern sank nur auf die Knie, wo er sich weiterkrümmte und zu stöhnen begann. Aus dem Rülpsen war jetzt ein qualvolles Würgen geworden, und sein Atem roch so schlecht, dass Andrej beinahe selbst übel davon wurde.

»Abu Dun! Pirat! Was ist mit dir?«, stammelte Andrej hilflos. »Was hast du?«

Abu Dun wollte antworten, drehte sich dann jedoch mit einem plötzlichen Ruck weg und übergab sich ausgiebig auf den Boden. Dann kippte er zur Seite, zog die Knie an den Leib und begann laut nach Luft zu japsen.

»Das hat lange gedauert«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Ich habe mich schon gefragt, ob die Geschichten am Ende vielleicht stimmen, die man sich über euch erzählt.«

Andrej fuhr in die Höhe und herum, und seine Miene verdüsterte sich schlagartig, als er Sharif sah. Nicht nur er war unbemerkt hereingekommen, sondern mit ihm auch vier Janitscharen, deren Musketen auf Andrejs Gesicht zielten. Hinter ihnen erkannte Andrej noch mehr Männer und weitere Waffen.

Sharif kam mit schnellen Schritten um den Tisch herum und verzog leicht angeekelt das Gesicht, als er die beeindruckende Pfütze des Erbrochenen sah, in der Abu Dun lag. »Das sieht ja schlimm aus«, sagte er. »Was hat Euer Freund, Andrej? Ist ihm das Essen nicht bekommen? Sagt es mir, und ich lasse den Koch auf der Stelle hinrichten.«

»Sagt Ihr es mir«, antwortete Andrej scharf.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Euer Freund ist vergiftet worden«, antwortete Sharif lächelnd. »Aber das ist ja wohl nicht möglich, nach allem, was ich über euch gehört habe.« Er legte den Kopf auf die Seite. »Oder?«

»Was habt Ihr getan?«, fragte Andrej eisig.

»Die Frage ist eher, was Euer Freund getan hat«, erwiderte Sharif lächelnd. »Es scheint ihm nicht gut zu gehen.«

Abu Dun stöhnte zustimmend und hätte sich vermutlich noch einmal übergeben, wäre in seinem Magen noch etwas gewesen. Mit einem einzigen schnellen Schritt war Andrej bei Sharif, packte ihn an seinem Harnisch und hob ihn ohne die geringste Mühe fast eine Handbreit in die Höhe. Die Musketen der Janitscharen ruckten herum, zielten aber weiter unverwandt auf sein Gesicht, doch Andrej sah, dass mindestens einer von ihnen seinen eigenen Hauptmann treffen würde, wenn nicht zwei.

»Ihr sagt mir sofort, was Ihr ihm angetan habt«, zischte er, »oder ich verspreche Euch, dass Ihr nie wieder etwas sagt!«

Sharif bedeutete seinen Männern zwar mit einer raschen Geste, Ruhe zu bewahren, versuchte aber nicht einmal, sich loszureißen. »Wollt Ihr nicht lieber wissen, wie Ihr Eurem Freund helfen könnt?«, krächzte er, weil sein Harnisch ihm den Atem abschnürte.

Andrej stellte ihn so hart auf die Füße zurück, dass seine Zähne aufeinanderkrachten.

»Sprecht!«, befahl er. »Und beeilt Euch lieber. Wenn Abu Dun stirbt, seid Ihr im gleichen Moment auch tot.«

»So schnell stirbt es sich nicht«, antwortete Sharif, hustete und versuchte sich nun doch loszureißen, gab es aber schnell wieder auf. »Sosehr ich Euren Zorn verstehen kann, und sosehr Euch Eure Reaktion ehrt, aber es ist nicht meine Schuld. Und auch nicht die des Sultans. Wir haben Eurem Freund nichts angetan.«

»Wer dann?«

Sharif hatte sich wieder gänzlich gefangen und griff nach seinem Handgelenk, nicht, um sich gewaltsam zu befreien, sondern um Andrej zu bedeuten, ihn loszulassen. Doch der rührte sich nicht.

»Möchtet Ihr, dass ich Eurem Freund helfe?«, fragte er. »Ich kann es.«

Andrej überlegte kurz und stieß den Mann dann so heftig von sich, dass er gegen den Tisch prallte und ein Krug herunterfiel und zerbrach.

»Tut es«, sagte Andrej. »Und danach werdet Ihr mir verraten, was ihm fehlt, oder Ihr werdet Euch wünschen, an Abu Duns Stelle zu sein.«

Sharif glättete erst seinen Mantel, griff dann aber darunter und zog ein weißes Leinensäckchen hervor, das er Andrej reichte.

»Zwei oder drei Blätter sollten genügen, vielleicht ein wenig mehr bei einem Mann seiner Größe«, sagte er. »Aber gebt acht, dass er euch nicht die Finger abbeißt. Ihr werdet sie noch brauchen oder wachsen sie nach?«

Andrej tat, als hätte er die Frage nicht gehört (doch insgeheim nahm er sich vor, später darauf zurückzukommen) und ließ sich neben Abu Dun auf die Knie sinken. Sharifs Warnung war tatsächlich nicht ganz unberechtigt. Abu Dun wand sich mittlerweile in Krämpfen. Die Sehnen an seinem Hals traten wie knotige Stricke durch die Haut, sodass Andrej enorme Kraft aufwenden musste, um seine Kiefer auseinanderzuzwingen.

»Schlucken!«, befahl er barsch, nachdem er sorgsam fünf Kat-Blätter abgezählt und ihm in den Mund geschoben hatte. »Nun mach schon. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Jedenfalls nicht für dich.«

»Tatsächlich ist das erst der Anfang«, sagte Sharif. »Jetzt kommen die Krämpfe, und danach verliert er die Kontrolle über alle seine Körperfunktionen was es zumindest für uns noch unangenehmer machen würde. Nach vielleicht einer Stunde wäre er erstickt. Aber macht Euch keine Sorgen. Das Kat wirkt schnell.«

»Und du solltest dann vielleicht nicht mehr hier sein«, presste Abu Dun zwischen den Zähnen hervor.

»Ich war es nicht, der Euch das angetan hat«, antwortete Sharif. »Das Kat, das ich dir vorhin gegeben habe, war nicht vergiftet. Sondern das, was du heute Morgen am Hafen gekauft hast.«

Vorsichtshalber wich er trotzdem ein paar Schritte zurück, um den Tisch zwischen sich und Abu Dun zu bringen, bevor er zweien seiner Männer einen Wink gab, ihm aufzuhelfen.

Der Nubier stieß sie mit einem unwilligen Grunzen weg und stemmte sich aus eigener Kraft auf den Diwan hoch. Aber er hatte wohl immer noch Krämpfe, denn er saß weit nach vorn gebeugt, die Arme um den Leib geschlungen.

An der Tür entstand Unruhe, als weitere Janitscharen den Raum betraten gefolgt von einem weiteren Besucher, wie Andrej überrascht feststellte.

Süleymans Blick streifte kurz und fast desinteressiert Abu Duns Gesicht, dann zog er eine übertrieben angeekelte Grimasse und bedeutete einem der Janitscharen, auch die übrigen Fenster zu öffnen.

»Was für ein Gestank!«, sagte er.

»Ja, Euer Mitgefühl ist wirklich anrührend«, sagte Andrej. »Was soll das? Wenn Ihr gewusst habt, dass diese Blätter vergiftet sind, warum habt Ihr uns nicht gewarnt?«

Süleyman war sichtlich empört. Er war es wohl nicht gewohnt, dass jemand in einem solchen Ton mit ihm sprach. Bevor er sich davon erholen konnte, mischte sich Sharif hastig ein.

»Wir wussten es nicht. Ich nicht und der Sultan schon gar nicht. Wir haben eure Spur überhaupt erst wiedergefunden, weil wir den Kat-Händler beobachtet haben.«

»Wozu?«, fragte Andrej verwirrt. Es war unmöglich. Sie waren Unsterbliche und konnten nicht vergiftet werden!

»Was man sich über die Anhänger des Machdi erzählt, ist nur zum Teil wahr«, sagte Sharif. »Es stimmt, dass sie ihre Kraft durch den Genuss von Kat-Blättern erhalten und ihr Fanatismus durch den Rausch gestärkt wird. Ihr habt am eigenen Leib gespürt, wozu sie fähig sind.«

Andrej nickte zwar, verzog aber auch skeptisch die Lippen. Dass mit den beiden Männern, mit denen Abu Dun und er es zu tun gehabt hatten, etwas nicht stimmte, wussten sie auch. Aber er bezweifelte, dass es nur am Genuss einiger Kat-Blätter lag.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, sagte Sharif: »Die Machdiji behaupten, ihr selbst ernannter Prophet hätte dieses Kat gesegnet, sodass es ihnen übermenschliche Kräfte verleiht. Nach allem, was uns berichtet wurde, scheint mir, dass in dieser Behauptung zumindest ein Kern von Wahrheit enthalten ist. Es scheint mir aber auch«, fügte er mit einer Kopfbewegung auf Abu Dun hinzu, »dass er vergessen hat, seinen Anhängern die eine oder andere Kleinigkeit zu sagen.«

»Ihr wollt behaupten, Kat macht süchtig?«, stöhnte Abu Dun. Er erholte sich schnell, was Andrej jedoch nicht im Mindesten beruhigte, denn dass er sich in einer solchen Verfassung befand, hätte erst gar nicht passieren dürfen.

»Es tötet«, antwortete Sharif. »Wenn du es einmal nimmst, dann brauchst du jeden Tag mehr davon.«

»So wirkt Kat nicht«, widersprach Andrej, doch Sharif schüttelte nur den Kopf und deutete noch einmal auf Abu Dun. »Dieses spezielle Kat schon. Fragt Euren Freund, wenn Ihr mir nicht glaubt.«

»Das ist unmöglich«, beharrte Andrej, obwohl er sich dabei selbst schon fast ein wenig lächerlich vorkam.

»Glaubt mir, es ist möglich«, beteuerte Sharif. »Ich habe genug sterben sehen, nachdem sie ihr Kat nicht mehr bekamen. Es ist kein schöner Anblick, nicht einmal, wenn man weiß, dass derjenige seine Qualen verdient hat. Vielleicht ist dieser Machdi wirklich ein Zauberer, vielleicht hat er auch nur eine besondere Art von Kat entdeckt, mit dem er sich die Menschen gefügig macht« Er deutete auf den Beutel, den Andrej immer noch in der Hand hielt. »Ihr solltet gut darauf achtgeben. Euer Freund wird es noch brauchen.«

»Und der Händler, von dem Ihr es habt?« Andrej schloss instinktiv die Hand um den unscheinbaren Beutel, dessen Inhalt mit einem Mal so kostbar geworden war.

Süleyman machte eine befehlende Geste, und zwei weitere Janitscharen kamen herein, einen gefesselten Mann zwischen sich, den sie vor dem Sultan auf die Knie ...

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