Logo weiterlesen.de
Die Burg von Otranto

Inhalt

„Der Leserin“

„Vorrede der ersten Ausgabe“

„Vorrede der zweiten Ausgabe“

„Erster Abschnitt“

„Zweiter Abschnitt“

„Dritter Abschnitt“

„Vierter Abschnitt“

„Fünfter Abschnitt“

Der Leserin

Holder Unschuld, sanfter Liebe Leiden,
nahen sich und suchen Schutz bei Dir:
wirst Du nicht den trüben Anblick meiden?
sollen sie getröstet von Dir scheiden,
und verzeihst Du ihre Sendung mir?

Vorrede der ersten Ausgabe

Das folgende Werk fand sich in der Büchersammlung eines alten katholischen Geschlechts, im nördlichen Teile Englands. Es ward im Jahr 1529, in Mönchsschrift, in Neapel gedruckt. Wie viel früher es geschrieben worden, ersieht man nicht. Die Hauptvorfälle, welche es erzählt, sind von der Art, als zu den finstersten Zeiten des Christentums Glauben fanden; aber Schreibart und Darstellung schmecken keinesweges nach Barbarei. Die Sprache ist rein Italienisch. Wäre die Geschichte um eben die Zeit geschrieben, da sie sich zugetragen haben soll, so träfe das zwischen 1095, der Epoche des ersten Kreuzzuges, und 1243 als dem Zeitpunkt des letzten, oder nicht lange nachher. Sonst stößt man auf keinen Umstand, der die Periode erraten ließe, worin die Szene versetzt ist. Die Namen der handelnden Personen sind offenbar erdichtet und wahrscheinlich absichtlich verstellt. Doch lassen die spanischen Namen der Bedienten vermuten, das Werk sei erst verfasst, da die Gelangung aragonischer Könige zum Thron von Neapel spanische Benennungen in diesem Lande gewöhnlich gemacht hatten. Die Schönheit der Sprache und der Eifer des Schreibers, welchen doch eine seltne Urteilskraft in Schranken hält, bereden mich anzunehmen, dieses Produkt sei wenig älter als die Buchdruckerkunst. Damals waren die Wissenschaften in Italien in ihrem blühendsten Zustande, und trugen das ihrige dazu bei, das Reich des Aberglaubens zu zerstören, das von den Kirchenverbesserern so heftig angefallen ward. Lässt es sich nicht denken, dass ein schlauer Pfaffe den Versuch wagen mochte, die Neuerer mit ihren eignen Waffen zu bekämpfen, und sich seines schriftstellerischen Talents bediente, um den Pöbel in alten Irrtürmern und Aberglauben zu bestärken? War dies seine Absicht, wahrlich! so verfuhr er schlau genug. Ein Werk wie das seinige wird hundert gewöhnliche Menschenseelen leichter fesseln als die Hälfte aller Streitschriften, die von Luthers Zeiten bis auf gegenwärtige Stunde erschienen sind. Doch gebe ich diese Entwicklung des Zweckes meines Autors nur als eine Möglichkeit. Was auch seine Absicht war, welche Wirkung ihre Ausführung auch hervorgebracht haben mag; sein Werk kann der jetzigen Lesewelt, bloß als ein Gegenstand der Unterhaltung, vorgelegt werden. Und selbst in dieser Rücksicht bedarf es einer Schutzschrift. Wunderwerke, Erscheinungen, Zaubermittel, Träume und was sonst übernatürlich heißt, ist jetzt sogar aus Romanen verbannt. Das war nicht der Fall als mein Autor schrieb, und noch weniger als die Geschichte sich begeben haben soll, die er aufzeichnet. In jenen Jahrhunderten der Finsternis, war der Glaube an das Übernatürliche jeder Art so fest gegründet, dass ein Schriftsteller den Sitten der Zeiten nicht treu bleiben würde, wenn er desselben gar nicht erwähnte. Er ist nicht verbunden daran zu glauben, aber den Leuten die er aufstellt, muss er ihren Glauben nicht absprechen.

Kann der Leser diesen Anstrich des Wunderbaren entschuldigen, so wird er alles übrige seiner Durchsicht wert finden. Man gebe nur die Möglichkeit der Tatsachen zu, und alle handelnden Personen betragen sich, wie jedermann in ihrer Lage tun würde. Es gibt hier keinen Schwulst, Gleichnisse, Blumen, Ausschweifungen, oder unnötige Beschreibungen. Jede Begebenheit zweckt geradezu auf die Entwicklung. Des Lesers Aufmerksamkeit bleibt gespannt. Ich möchte sagen, das Ganze sei nach dramatischen Regeln behandelt. Die Charaktere sind gut gezeichnet und noch besser gehalten. Des Schriftstellers vorzüglichste Triebfeder ist Schrecken, nie lässt es seine Geschichte ermatten und steht so oft dem Mitleid gegenüber, dass sich die Seele in einer beständigen Abwechslung herzangreifender Gefühle befindet.

Es mag Leser geben, denen die Schilderung der Bedienten, gegen den Totaleindruck der Geschichte, nicht ernsthaft genug gehalten dünkt; aber eben dadurch kontrastieren sie gegen die Hauptpersonen; und mir scheint gerade die Art, wie mein Autor seine untergeordneten Mitspieler gebraucht, sehr empfehlungswürdig. Von ihnen erfahren wir manches, das wesentlich zur Geschichte gehört, und doch nur durch Naivität und Einfalt an den Tag gebracht werden konnte; besonders aber tragen Bianca’s weibliche Furcht und Schwachheiten im letzten Abschnitt wesentlich dazu bei, die Entwicklung zu befördern. Natürlicherweise ist ein Übersetzer für das Stiefkind seines Geistes eingenommen. Dem unparteiischen Leser werden seine Schönheiten minder rühren als mich. Doch ganz blind gegen die Mängel meines Originals bin ich nicht. Ich wünschte der Plan desselben gründete sich auf eine nützlichere Lehre, als darauf: dass die Sünden der Väter an ihren Kindern heimgesucht werden, bis ins dritte und vierte Glied. Ich zweifle, ob der Ehrgeiz, aus Furcht vor einer so entfernten Strafe, sein Gelüsten nach Herrschsucht, zu jener Zeit mehr wie zu der meinigen, in Zaum gehalten habe. Und sogar diese Lehre, wird durch einen versteckteren Wink entkräftet: dass man auch einen solchen Fluch, durch Andacht zum heiligen Niklas, von sich abwenden könne. Hier gilt dem Mönch sein Eigennutz offenbar mehr als dem Schriftsteller sein Verstand. Aber trotz dieser Fehler verspreche ich dem Werkchen eine günstige Aufnahme. Die Frömmigkeit, die in jeder Zeile atmet, die Tugendregeln, die es predigt, und die strenge Unbeflecktheit der Gefühle, die es schildert, überheben dieses Buch einem Tadel, den Romane nur zu häufig verdienen. Sollte es so viel Beifall finden, als ich hoffe, so entschließe ich mich vielleicht, das italienische Original drucken zu lassen, obgleich meine Arbeit dadurch unendlich verlieren wird. Welschlands Sprache lässt die meinige an Reizen der Mannigfaltigkeit und des Wohlklanges weit hinter sich zurück. Besonders trefflich schickt sie sich für die Einfalt der Erzählung. Wir finden es sehr schwer, etwas wieder zu sagen, ohne entweder zu gemein zu werden oder zu hochtrabend. Die Ursache dieser Verlegenheit liegt am Tage. Wir geben uns zu wenig Mühe, im gemeinen Leben rein zu sprechen. Hingegen hält jeder Italiener oder Franzose von einigem Range viel darauf, sich in seiner Sprache richtig und mit Auswahl auszudrücken. Ich darf mir in dieser Rücksicht nicht schmeicheln, dass ich meinem Autor Gerechtigkeit wiederfahren lasse; seine Sprache ist ebenso zierlich als meisterhaft seine Behandlung der Leidenschaften; nur Schade, dass er seine Talente nicht dafür anwandte, wofür die Natur sie bestimmt zu haben schien: für die Bühne.

Eine kurze Bemerkung noch, und ich halte meinen Leser nicht länger auf. Obwohl die Maschinerie Erfindung ist und die Namen der handelnden Personen erdacht, so kann ich doch nicht umhin zu glauben, die Hauptvorfälle der Geschichte gründen sich auf etwas wahres. Die Szene selbst ist zweifelsohne aus einer wirklichen Burg entlehnt. Unwillkürlich entwischt dem Schriftsteller hie und da ein Umstand in seiner Beschreibung, der auf etwas hindeutet, was er sah. Die Kammer rechter Hand; die Tür linker Hand; die Entfernung von der Kapelle bis zu Corrados Zimmer: Diese und ähnliche Stellen erwecken eine starke Vermutung, dass der Schreiber irgendein Gebäude vor Augen hatte. Wissbegierige Gelehrte, die zu einer solchen Untersuchung Muße genug besitzen, entdecken vielleicht in italienischen Schriftstellern den Grund auf welchem unser Autor baute. Kann man glauben, dass eine wirkliche Begebenheit dieses Werkchen veranlasst habe, so wird der Leser desto mehr Teil daran nehmen und die Geschichte der Burg von Otranto seinem Herzen näher legen.

Wilhelm Marshal

Vorrede der zweiten Ausgabe

Die geneigte Aufnahme, deren die Lesewelt diese kleine Erzählung würdigte, fordert den Dichter auf, die Grundsätze zu erklären, nach welchen er sie verfertigte. Doch ehe er sich darüber einlässt, schickt es sich wohl, dass er seine Leser um Verzeihung bitte, in der erborgten Gestalt eines Übersetzers vor ihnen aufgetreten zu sein.1 Nur Misstrauen in seine eigenen Kräfte und die Neuheit des Versuchs konnten ihn zu dieser Verkleidung bereden; darum schmeichelt er sich, dass man ihn entschuldigen werde. Er überließ seine Arbeit dem unparteiischen Urteile des Publikums; entschlossen sie in Dunkelheit umkommen zu lassen, wenn man sie verwürfe; und nicht gesonnen, eine solche Kleinigkeit anzuerkennen, wenn nicht bessere Richter dahin urteilten, dass er sich dazu gestehen dürfe, ohne zu erröten.

Sein Versuch ging dahin, beiderlei Romangattungen zu vereinigen, die alte und die neue. In jener war alles Einbildung und Unwahrscheinlichkeit; in dieser soll nichts nachgeahmt werden als die Natur, und das geschieht zuweilen mit Glück.

Es fehlt ihr nicht an Erfindung, aber durch strenge Anhänglichkeit an das gewöhnliche Leben versiegen die großen Quellen der Phantasie. Wenn auf diese Art die Einbildungskraft eingezwängt wird, so rächt sich freilich die Natur, bloß nach dem Maßstabe des gegenseitigen Verfahrens; denn von den alten Romanen war sie ganz ausgeschlossen. Die Handlungen, Empfindungen und Äußerungen der Helden und Heldinnen der Vorwelt waren ebenso unnatürlich als die Triebfedern, die sie in Bewegung setzten. Der Schreiber folgender Blätter hielt es für möglich, beide Gattungen miteinander auszusöhnen. Er wünschte der Macht der Einbildungskraft allen Spielraum zu geben, das unbegrenzte Reich der Phantasie zu durchstreifen und dadurch anziehende Situationen zu bewirken; und es lag ihm daran, die Sterblichen, die in seinem Schauspiel auftreten, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit handeln zu lassen, so dass sie mit einem Worte dächten, täten und sprächen, wie man voraussetzen kann, dass bloße Männer und Weiber in einer außerordentlichen Lage tun würden. Er bemerkte, dass alle Schriftsteller aus göttlicher Eingebung ihre Menschen, die unter dem Einfluss der Wunderwerke stehn und Zeugen der erstaunlichsten Erscheinungen sind, nie aus der menschlichen Natur heraustreten lassen; dahingegen die Romanschreiber eine unwahrscheinliche Begebenheit stets mit einem ungereimten Gespräch begleiten. Verlieren die Gesetze der Natur das Gleichgewicht, so verlieren ihre Personen, wie es scheint, augenblicklich den Verstand. Das Publikum hat dem Versuch seinen Beifall gegeben, daher darf der Autor nicht sagen, dass er seinem Unternehmen ganz und gar nicht gewachsen war. Bricht aber der neue Weg, den er einschlug, Männern von glänzenderen Talenten eine Bahn, so gesteht er gern und bescheiden, wie sehr er fühlt, dass ein solcher Plan weit schöner ausgeführt werden könne, als seine Einbildungskraft und Behandlung der Leidenschaften ihm zu tun erlaubten.

Der Art, wie die Bedienten geschildert sind, ist bereits in der ersten Vorrede erwähnt, doch erlaubt man vielleicht, hier noch ein paar Worte darüber hinzuzufügen. Die Einfältigkeit ihres Benehmens, die fast zum Lachen bewegt und, obenhin betrachtet, mit dem ernsten Ton des Werkes in keinem Einklang zu stehen scheint, hielt ich nicht nur nicht für unschicklich, sondern ward von mir absichtlich so dargestellt. Darin war die Natur meine Richtschnur. Wie ernsthaft, wichtig, sogar schwermütig die Gefühle der Fürsten und Helden auch sein mögen, ihren Bedienten prägen sie die nämlichen Empfindungen nicht ein; wenigstens drücken die letzteren ihre Gesinnungen nicht in gleich erhabener Sprache aus oder sollten sie doch so nicht ausdrücken. Ich bin des untertänigen Dafürhaltens, dass der Abstand zwischen der Erhabenheit der ersten und der Naivität der letztern ein stärkeres Licht auf die Leiden jener werfe. Fühlt der Leser sich ungeduldig, wenn ihn die niedern Scherze gemeiner Schauspieler verhindern, zur Kenntnis der wichtigen Entwicklung zu gelangen, welcher er entgegen sieht, so vermehrt das vielleicht seine Teilnahme und beweist sicherlich, es sei der Kunst gelungen, ihn für die obwaltende Begebenheit einzunehmen. Aber ich hatte für diese Behandlungsart einen sicherern Gewährsmann als meine Meinung. Shakespeare, dieser große Meister der Natur, war das Muster, dem ich nachahmte. Würden, frag’ ich, seine Trauerspiele, Hamlet und Julius Cäsar, nicht einen beträchtlichen Teil ihres Geistes und ihrer wunderbaren Schönheiten verlieren, wenn man die Einfälle der Totengräber, Polonius Narrheiten und den Pöbelwitz der römischen Bürger daraus verbannte oder in Heldenton verkehrte? Wird die Beredsamkeit des Antonius und die edlere, absichtlich minder gesuchte Sprache des Brutus durch das rohe Geschrei der Natur aus dem Munde ihrer Hörer nicht mit weiser Kunst erhöht? Diese Meisterzüge erinnern an den griechischen Steinschneider, welcher, um in dem engern Umkreise eines Siegels den Begriff eines Riesen auszudrücken, einen kleinen Knaben neben ihm stellte, der seinen Daumen misst.

Nein, sagt Voltaire in seiner Ausgabe des Corneille, diese Vermischung des Grotesken und Feierlichen ist unerträglich. Voltaire ist ein Genie, aber an Shakespeares Größe reicht er nicht.2 Ohne Schiedsrichter aufzurufen, gegen die sich etwas einwenden ließe, wende ich mich von Voltaire an ihn selbst. Ich leiste Verzicht auf seine vormaligen Lobreden zu Ehren des mächtigen Dichters; wiewohl der französische Kunstrichter einen Monolog Hamlets zweimal übersetzt hat: vor vielen Jahren in seiner Bewunderung und neuerlich um darüber zu spotten; es tut mir nur leid zu finden, dass seine Urteilskraft schwächer geworden sei, da sie hätte sollen reifer werden. Ich bediene mich bloß seiner eigenen Worte über die dramatische Behandlung an sich selbst betrachtet, wobei er nicht daran dachte, Shakespeares Manier zu empfehlen oder herunterzusetzen, folglich wo Voltaire unparteiisch war. Die Vorrede zu seinem verlornen Sohn (enfant prodigue,) einem trefflichen Stücke, für welches ich meine Bewunderung an den Tag lege und das, sollte ich noch zwanzig Jahr länger leben, ich hoffentlich nie unternehmen werde lächerlich zu machen, drückt sich folgender Gestalt über das Lustspiel aus (und hätte vom Trauerspiele das nämliche sagen können, wenn ein Trauerspiel ist, was es sicherlich sein soll: ein Gemälde des menschlichen Lebens; noch vermag ich zu begreifen, warum gelegentlicher Scherz von der tragischen Bühne mehr verbannt sein sollte als rührender Ernst von der Komischen): „Man sieht darin eine Vermischung von Ernst und Scherz, von Lachen und Tränen; oft bringt die nämliche Begebenheit so entgegenstehende Empfindungen hervor. Nichts findet man so häufig als ein Haus, worin der Vater schmält, die Tochter von einer Leidenschaft hingerissen weint, der Sohn beide verlacht und einige Verwandten verschiedenen Anteil an dem nehmen was vorgeht. Wir schließen daraus nicht, dass ein jedes Lustspiel niedrig komische und rührende Auftritte in sich vereinigen müsse; es gibt gute Stücke, die bloß lustig sind, einige ganz ernsthaft, einige abwechselnd, einige, welche die Rührung bis zu Tränen treiben: man muss keine Gattung verwerfen; und fragt man mich, welcher Gattung ich den Vorzug gebe, so antworte ich, der, die am besten behandelt wird.“ Wahrlich, darf ein Lustspiel ganz ernsthaft sein, so mag man auch dem Trauerspiele ein bescheidentliches Lächeln erlauben. Wer hat ihm darüber vorzuschreiben? Soll der Kunstrichter, der aus Selbstverteidigung keine Gattung des Lustspiels verwerfen lassen will, Shakespeare Gesetze geben?

Wohl weiß ich, dass Herr von Voltaire die Vorrede, woraus ich diese Stellen anführe, nicht sich, sondern dem Herausgeber zuschreibt. Wer aber zweifelt, dass Herausgeber und Dichter eine Person sind? Oder wer ist der Herausgeber, der sich so glücklich der Sprache und der glänzenden Überredungskraft seines Dichters bemeistert? Unstreitig waren diese Äußerungen eigentümliche Meinung des Schriftstellers. In dem Briefe an Maffei, welcher seiner Merope zur Vorrede dient, behauptet er die nämlichen Sätze, obwohl wie es mir vorkommt, mit einigem Zusatz von Ironie. Ich will seine Worte wiederholen und dann der Ursache erwähnen, warum ich sie anführe. Voltaire übersetzt eine Stelle aus Maffeis Merope und fügt hinzu: „das ist alles sehr natürlich; jeder Zug ist den Personen, die Sie auf die Bühne bringen, angemessen, so wie den Sitten, die Sie ihnen geben. Man würde, glaub’ ich, diese ungezwungene Vertraulichkeit in Athen gut aufgenommen haben; aber Paris und unser Parterre verlangen eine andere Art von Einfalt.“ Ich zweifle, sag’ ich, ob nicht ein Gran von Spott unter dieser und ähnlichen Stellen dieses Briefes verborgen liegt; doch verliert die Macht der Wahrheit nicht durch einen Anstrich des Lächerlichen. Maffei sollte eine griechische Geschichte darstellen; sicherlich waren die Athener nicht weniger gültige Richter über griechische Sitten und die Wahrheit ihrer Schilderung als das Pariser Parterre. Gerade das Gegenteil, sagt Voltaire, und ich muss seine Gründe bewundern: Athen hatte nur zehntausend Bürger und Paris hat beinahe achtmalhunderttausend Einwohner, worunter man dreißigtausend Schauspielrichter annehmen kann. Wirklich? Ich will diesen zahlreichen Gerichtshof zugeben, aber selbst alsdann glaub’ ich, ist dies der einzige Fall, in welchem man jemals behauptet hat: Dreißigtausend Personen, die beinahe zweitausend Jahr später leben als die Zeit von der die Rede ist, wären, bloß in Rücksicht auf ihre Anzahl, für bessere Richter zu erklären als die Griechen selbst, wenn es auf Wahrheit der Sitten eines Trauerspiels ankommt, das aus griechischer Geschichte genommen ist.

Ich will mich in keine Untersuchung einlassen, welch eine Art von Einfalt die sein mag, die das Pariser Parterre verlangt, noch in welche Fesseln die dreißigtausend Richter ihre Dichtkunst geschlagen haben, deren hauptsächlichstes Verdienst darin besteht, wie ich aus wiederholten Stellen des neuen Kommentators über Corneille mir zusammenlese, trotz dieser Ketten zu springen; ein Verdienst, dessen Annahme die Dichtkunst von den Höhen gewaltiger Einbildungskraft, auf kindische und höchstverächtliche Arbeit, auf nugae difficiles einschränkt. Doch kann ich nicht umhin, ein paar Alexandriner anzuführen, die meinen barbarischen Ohren immer die platteste und höchst kleinlichste Probe ängstlicher Umständlichkeit schienen; die aber Voltaire, der neun Zehnteile von Corneilles Werken so strenge richtet, im Racine heraushebt, um sie zu verteidigen:

De son appartement cette porte est prochaine

et cette autre conduit dans celui de la reine.

Oder:

Zu seinem Schlafgemach führt diese Türe hin,

Die andre aber bringt dich zu der Königin.

Unglücklicher Shakespeare! Hättest du deinen Rosenkranz seinem Gevatter Güldenstern den Grundriss des Palastes zu Kopenhagen vorerzählen lassen, anstatt eine lehrreiche Unterhaltung des Fürsten von Dänemark mit dem Totengräber auszustellen, so wäre das erleuchtete Pariser Parterre zum zweiten Mal belehrt worden, deinen Vorzügen zu huldigen.

Das Resultat alles dessen, was ich gesagt habe, ist, mein eignes Wagstück unter das Geschütz des größten Genies zurückzuziehen, das wenigstens mein Vaterland hervorbrachte. Ich hätte anführen können, mir als dem Schöpfer einer neuen Romangattung stehe frei, welche Regeln ich für ihre Behandlung annehmen wolle; aber ich bin viel stolzer, ein so meisterhaftes Muster, wenn gleich nur schwach und dürftig und in größter Ferne, nachgeahmt zu haben, als des ganzen Verdienstes der Erfindung zu genießen; da ich meinem Werk nicht eben so wohl den Stempel des Genies als der Originalität aufdrücken kann. Wie es ist, hat ihm das Publikum Ehre genug erwiesen, welchen Rang ihm auch seine Stimme anweisen mag.

Horaz Walpole


1 Die erste Vorrede war Teil der Fiktion. Unter dem Pseudonym Wilhelm Marshal behauptete Walpole, einen italienischen Originaltext gefunden und übersetzt zu haben, statt sich selbst zur Autorschaft zu bekennen. Dies trug maßgeblich zum Erfolg des Romans bei. (Anm. d. Hrsg.)

2 Folgende Bemerkung gehört nicht hierher, aber man wird sie einem Engländer verzeihen, der gern glauben möchte, dass der harte Tadel eines so meisterhaften Schriftstellers als Voltaire gegen den unsterblichen Briten vielmehr Aufwallung des Witzes und der Übereilung sei als Resultat eines überlegten Urteils. Vielleicht war des Kunstrichters Bekanntschaft mit der Stärke und Gewalt einer fremden Sprache ebenso unsicher und unzulänglich als mit der Geschichte jenes Landes? Gegen die letztere hat er schreiend verstoßen. In der Vorrede zu Thomas Corneilles Grafen von Essex gesteht Herr von Voltaire, die historische Wahrheit sei in diesem Stücke gröblich verkehrt. Zu dessen Entschuldigung führt er an, da Corneille geschrieben, habe der französische Adel wenig englische Geschichte gelesen; aber jetzt, sagt der Kommentator, jetzt studiert er sie und würde Entstellungen dieser Art nicht mehr dulden. Doch vergisst er, dass die Zeit der Unwissenheit vorbei sei und dass es nicht nötig ist, Leute von dem zu unterrichten, was sie wissen; also erteilt er aus dem Überfluss seiner Belesenheit dem Adel seines Landes ein Verzeichnis der Günstlinge der Königin Elisabeth, deren erster, sagt er, Robert Dudley war, und der Graf von Leicester der zweite. Sollte man glauben, es sei nötig, Herrn von Voltaire zu belehren, dass Robert Dudley und der Graf von Leicester nur eine Person sind?

Erster Abschnitt

Manfred, Fürst von Otranto, hatte einen Sohn und eine Tochter. Diese, ein sehr schönes Fräulein von achtzehn Jahren, hieß Matilde. Corrado, der Sohn, war drei Jahr jünger, übel aussehend, kränklich, und ohne versprechende Anlagen; dennoch der Liebling seines Vaters, der selten Spuren einiger Zuneigung gegen Matilde blicken ließ. Manfred hatte eine Heirat für seinen Sohn mit Isabellen, der Tochter des Markgrafen von Vicenza, besprochen, und ihre Vormünder hatten sie bereits in Manfreds Hände abgeliefert, damit er die Hochzeitfeier vollziehen könne, sobald Corrados schwacher Gesundheitszustand es erlaubte.

Manfreds Hausgenossen und Nachbarn bemerkten seine Ungeduld, die Feier zu vollziehen. Jene freilich scheuten seine Strenge und unterstanden sich daher nicht, ihre Mutmaßungen über diese Eilfertigkeit zu äußern. Hippolite, seine Gemahlin, eine liebenswürdige Dame, wagte zuweilen ihm die Gefahr vorzustellen, die mit einer frühen Verheiratung ihres Sohnes, in Rücksicht seiner großen Jugend und größeren Schwachheit, verbunden wäre. Aber sie erhielt nichts zur Antwort als Vorwürfe über ihre eigne Unfruchtbarkeit, da sie nur einen Erbherrn geboren habe. Manfreds Vasallen und Untertanen nahmen sich in ihren Reden minder in Acht; sie schoben diese hastige Vermählung auf Rechnung der Furcht ihres Fürsten, eine alte Weissagung erfüllt zu sehn, nach welcher es hieß: Die Burg und Herrschaft Otranto sollten dem Geschlecht ihrer gegenwärtigen Inhaber entwendet werden, wenn dem wirklichen Besitzer seine Behausung zu enge würde.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Burg von Otranto" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen