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Die Burg der flammemden Herzen

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

London, Juli 1521

Sebastian Benbury betrat die Stufen am Themseufer, die zur Londoner Residenz des Earl of Wednesfield führten. Als er durch den Garten auf die Tür zuschritt, die auf den Fluss hinausging, ahnte er noch nicht, dass in den Mauern von Coleville House Unheil drohte.

Mit den hundert Fenstern, die in der goldenen Julisonne glitzerten, und dem weit in den Himmel ragenden Dach bot das Haus den gewohnten Anblick. Er folgte dem gewundenen Weg vorbei an Kräutern und Blumen und betrat schließlich einen Korridor aus Wandschirmen, der ihm nach dem grellen Sonnenlicht stockdunkel vorkam. Zu diesem Zeitpunkt konnte Sebastian noch nicht wissen, dass sein Leben sich unwiderruflich ändern sollte.

Er blieb im Korridor stehen und blinzelte, um besser sehen zu können. Aus der Dunkelheit vernahm er die Stimme eines Dieners, der ihn fragte, ob er wünsche, gemeldet zu werden. Sebastian schüttelte den Kopf und bedeutete dem Bediensteten, sich zurückzuziehen. Unlängst hatte er seine Stellung bei Hofe aufgegeben, und solange er noch in London weilte, war er in Coleville House gern gesehen und genoss die großzügige Gastfreundschaft des Earl of Wednesfield. Man brauchte seine Ankunft daher nicht zu melden.

Als seine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, hörte er einen Mann in der Empfangshalle sprechen. “Warum trägst du Schwarz, Bea?”

Die Stimme klang fremd, doch Sebastian beschlich das unbestimmte Gefühl, den Sprecher zu kennen. Wie war das möglich? Er kannte keinen engen Vertrauten von Beatrice Coleville Manners, der sie bei ihrem Kosenamen rief; zudem schien der Fremde auch nicht zu wissen, dass sie erst seit kurzem verwitwet war.

“Mein Gemahl starb vor zwei Wochen. Möge Gott seiner Seele Ruhe geben”, antwortete Beatrice mit ihrer tiefen, weichen Stimme. Der Klang rief widerstreitende Gefühle in Sebastians Brust hervor. Schmerz und Zorn waren so in einander verwoben, dass er die Empfindungen nicht zu trennen vermochte. Doch er fasste sich wieder und verstand es geschickt, die Gefühle zu unterdrücken.

“Dann ist Sebastian Benbury tot?” fragte der Fremde.

Tot? Wer war dieser Unbekannte, der davon ausging, dass es sich bei dem verstorbenen Gemahl von Beatrice nur um Sebastian handeln konnte? Er bekreuzigte sich bei der unheilvollen Bemerkung des Fremden und ging durch die Öffnung des Wandschirms in die Empfangshalle. “Ich bin so lebendig wie jeder hier in diesem Raum. Wer behauptet, ich sei tot?”

Rasch blickte er auf Beatrice’ Schwester Cecilia und ein ihm unbekanntes Paar an ihrer Seite, bevor er Beatrice ansah, die kühl und unnahbar in ihrer Trauerkleidung wirkte. Die Frau, die er einst geliebt hatte.

“John sagt es”, erklärte Cecilia.

Erneut ruhte Sebastians Blick auf dem fremden Mann. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als habe sein Körper den Unbekannten eher erkannt als seine Augen. Doch dann wusste er es. Der Fremde war Beatrice’ Bruder, John Coleville. Er hatte England vor fünf Jahren verlassen und wusste daher vermutlich nicht, dass Beatrice mit Thomas Manners vermählt worden war. Deshalb war ihm der Irrtum unterlaufen, als er von ihrem verstorbenem Gemahl gesprochen hatte.

John war heimgekehrt. Die Wucht der Erkenntnis traf Sebastian unvermittelt, und ein fröhliches Lachen entfuhr ihm, das alle anderen Gefühlsregungen vergessen machte. John war ihm stets ein Gefährte und Freund gewesen und hatte für ihn all das verkörpert, was einen Bruder auszeichnet. Sebastian eilte auf ihn zu, um ihn in die Arme zu schließen. Er musste mit seinen Händen greifen, dass John wahrhaftig heimgekehrt war.

“Gott sei Dank! Gott sei dafür gedankt!” rief er aus, doch die Worte reichten nicht aus, um seine Freude kundzutun.

In seinem überwältigenden Glücksgefühl nahm er erst nach einem Moment wahr, dass John weder lachte noch die Umarmung erwiderte. Auch Sebastians Lachen schwand, und verwirrt ließ er von seinem alten Gefährten ab.

“Du scheinst nicht begeistert, mich wiederzusehen, mein Freund. Was bedrückt dich?”

“Du glaubst gar nicht, wie ich mich freue”, erwiderte John grimmig und packte Sebastians Handgelenke.

“Das sieht man dir an”, meinte Sebastian ironisch und löste sich aus Johns Griff. “Es kann unmöglich die Trauer um den armen Thomas Manners sein, die dich so finster dreinblicken lässt. Du hast den Mann nie kennen gelernt. Komm, sag es mir, sag es uns allen. Warum dieses lange Gesicht?”

“Weil Bea sagt, sie sei die Witwe eines Mannes, den sie nicht geheiratet haben kann.”

Fragend starrte Sebastian ihn an, und sein Nacken prickelte wie vor einem drohenden Unheil. “Ich war Zeuge ihrer Vermählung, und Ceci begleitete sie. Willst du uns weismachen, dass wir nicht da waren und alles nur ein Traum war?”

“Nein. Ich bin sicher, dass eine Hochzeit stattgefunden hat. Aber ich sage dir, die Eheschließung war ungültig.”

“Ungültig? Mit welcher Begründung?”

“Da sie einem anderen Mann versprochen war”, entgegnete John. “Versprochen durch ein bindendes Verlöbnis.”

“Einem anderen Mann?” wiederholte Sebastian ungläubig. Sein Herz pochte laut in seinen Ohren. Er hatte geglaubt zu wissen, wozu Beatrice fähig war. Seine Vorahnung eines drohenden Unheils verstärkte sich. “Willst du andeuten, sie habe noch einen anderen Mann gekannt?”

“Von welchem anderen Mann redest du da?” fragte John mit zerfurchter Stirn und schüttelte den Kopf. “Sie ist mit dir verlobt, Sebastian.”

“Mit mir?” In der Halle herrschte eine unheimliche Stille.

“Hast du den Verstand verloren?” rief Beatrice schließlich. “Wir sind genauso wenig verlobt wie … Wir sind nicht verlobt. Glaubst du etwa, mir würde ein solcher Irrtum unterlaufen?”

“Oder mir?” setzte Sebastian nach. “Das ist nicht lustig, John.”

“Es ist kein Scherz, Sebastian, und ich finde es auch nicht spaßig. Erinnerst du dich nicht an den Vorabend des Dreikönigstages, als du uns mit deiner Familie in Wednesfield Gesellschaft geleistet hast? Ich stibitzte einen Krug Honigwein, den wir drei im alten Turm austranken. Du und Beatrice, ihr habt euch einander die Ehe versprochen, und dann haben wir alle gelacht und noch mehr von dem Wein getrunken.”

“Heilige Jungfrau”, sagte Beatrice und schloss die Augen.

“Ich kann mich nicht entsinnen …” Doch Sebastian erinnerte sich genau, sosehr er auch versuchte, jene Stunden zu vergessen. Einzelheiten, die er längst begraben glaubte, erhoben sich aus der Tiefe seines Gedächtnisses. Die Worte eines Gelübdes … “Ja, ich entsinne mich”, räumte er ein. “Aber was soll dieses törichte Gerede? Wir haben uns kein bindendes Versprechen gegeben.” Ein Versprechen, das gebrochen werden konnte, aber keines, das ihn verpflichtete.

“Ich erinnere mich indes an etwas anderes, Sebastian. Denk nach, was du gesagt hast, denk an die Worte, die du benutzt hast. Das Versprechen, das du gegeben hast, bindet dich.”

Beatrice ballte die Hände zu Fäusten, als wollte sie sich mit einem Schlag aus dieser Lage befreien. “Du bist kein Geistlicher. Wie kannst du dir da so sicher sein?”

Für einen Augenblick fragte Sebastian sich, ob er schlafe und Johns erschreckende Eröffnungen lediglich Teil eines Albtraums seien, aus dem er bald erwachen würde. Gewiss gehörte dieser Irrsinn in das Reich der Träume. Ansonsten wäre sein Leben innerhalb von fünf Minuten aus den Fugen geraten.

“Erinnerst du dich nicht? Du gelobtest, Sebastian zum Mann zu nehmen, und er versprach, dich zur Frau zu nehmen. Ihr beide habt etwas versprochen, ohne Bedingungen. Dadurch habt ihr euch ein verbindliches Eheversprechen gegeben”, sagte John. “Die letzten drei Jahre habe ich unter Kirchenmännern gelebt, Bea. Die Heilige Stadt Rom atmet geradezu den Geist des kanonischen Rechts. Ein Mann, der Ohren zum Hören hat, kommt dort nicht umhin, ein wenig zu lernen.”

Auch Sebastian war ein wenig mit dem kanonischen Recht vertraut. Daher wusste er, dass er nicht das getan hatte, was John behauptete. “Wir haben die Ehe nicht vollzogen. Daher kann das Versprechen nicht bindend sein.”

“Das tut in diesem Fall nichts zur Sache. Selbst wenn du nie mit ihr das Bett geteilt hast, ist sie vor Gott immer noch deine Frau”, erklärte John freundlich.

“Ich kann das nicht glauben”, sagte Beatrice. Sie setzte sich auf eine der Bänke, die an der Wand standen, legte den Kopf in den Nacken und faltete die Hände im Schoß. Für einen Moment wollte Sebastian neben ihr Platz nehmen, als ihr Gefährte im Unglück. Aber er konnte es nicht, da sie ihn verraten und den Pfad der Ehre so leichtfertig verlassen hatte, als habe sie sich von einem Kleid trennen wollen, das ihr nicht länger passte.

Er musste schnell etwas unternehmen, um das Unheil abzuwenden.

“Ich bin mit Cecilia verlobt”, sagte er.

“Das ist unmöglich”, meinte John.

“Hör auf zu lügen, Sebastian”, warf Cecilia im selben Augenblick ein. “Es macht die Lage nur noch schwieriger.”

“Wir können vorgeben, es wäre nie geschehen. Wenn niemand davon weiß …”

Er hielt inne, da ihm die Wahrheit langsam bewusst wurde. Dies war kein Albtraum, aus dem er erwachen würde. Wenn er es sich auch anders wünschte, seine Verlobung mit Beatrice war echt, so unumstößlich und wahrhaftig wie die Ehe. Er könnte sich nun wie ein Narr oder ein Kind aufführen und eine Zeit lang dagegen ankämpfen, doch zu welchem Zweck? Er schadete nur seiner Seele und seiner Ehre und wäre letzten Endes immer noch mit Beatrice verlobt.

Gott stehe ihm bei – er wünschte, es wäre nicht wahr.

“Aber du wirst es wissen, Sebastian. Und Gott wird es wissen. Könntest du je mit reinem Gewissen eine andere Frau ehelichen, die nichts weiter wäre als deine Konkubine? Und wenn du nicht heiratest, wer soll dann eines Tages dein Erbe sein?” fragte John.

“Wie komme ich bloß wieder aus dieser Sache heraus?” Beatrice’ Stimme klang schwach und tonlos.

Sebastian blickte sie von der Seite an. Ihre Blässe stach deutlich von ihrem schwarzen Schleier und Mieder ab, und selbst aus ihren Lippen war jegliche Farbe gewichen. Sie sah erschöpft und traurig aus, wie eine einsame Frau, obwohl die Verwandten ihr Gesellschaft leisteten. Mitleid regte sich in ihm, ein Mitleid, das sie nicht verdiente und gegen das er sich sträubte. Die Hände zu Fäusten geballt, wandte er sich ab und begab sich in die andere Ecke der Empfangshalle. Er lehnte sich an die Wand und presste seine Stirn gegen die kühlen Steine. Hinter seinem Rücken redeten die anderen weiter, als sei er noch in ihrer Mitte, während er allmählich versuchte, den Schrecken des Nachmittags zu verarbeiten – Johns unerwartete Heimkehr, seine verhängnisvolle Eröffnung.

“Ceci, warum kämpfen die beiden dagegen an? Was ist in meiner Abwesenheit geschehen?” fragte John.

“Ich weiß es nicht. Ich habe nie verstanden, warum sie sich nicht vertragen.”

“Das nützt mir wenig!” rief Beatrice. “Ihr würdet gut darantun, mir mitzuteilen, wie ich aus all dem herauskomme!”

“Es gibt keinen Ausweg. Du bist vor Gott mit Sebastian verheiratet”, erwiderte John.

“Und wenn ich es leugne? Was ist dann, mein Bruder?”

“Sebastian kann dich von Rechts wegen zwingen, bei ihm zu leben.”

“Und wie viele Zeugen würde er dafür benötigen? Reicht einer aus? Und wirst du mir in dieser Angelegenheit zuwiderhandeln, mein lieber Bruder?” Beatrice’ hitziger Zornesausbruch verlieh ihrem Tonfall eine besondere Schärfe.

“Vor Gericht bedarf es zweier Zeugen, aber wenn du einen anderen Mann ehelichst, machst du dich der Bigamie schuldig. Und deine Kinder werden Bastarde sein”, fügte John hinzu.

“Ich habe nicht die Absicht, erneut zu heiraten. Das eine Mal reicht mir in meinem Leben.”

“Bea, du weißt, dass dein Eheversprechen bindend ist”, sagte Cecilia.

“Es gibt keine Zeugen!”

“Ich werde bezeugen, dass du dich auf das Versprechen eingelassen hast”, sagte Cecilia mit fester Stimme. “Zusammen mit John macht das zwei Zeugen.”

“Verflucht seid ihr!” Beatrice’ Stimme stockte bei den letzten Silben.

Sebastian hob den Kopf. Er hielt den Moment für gekommen, um diesem zwecklosen Aufbegehren Einhalt zu gebieten. Er und Beatrice mussten den Tatsachen ins Auge sehen und sich für ihr Handeln verantworten – es war längst überfällig, das Versprechen einzulösen, welches gar nicht hätte vergessen werden dürfen. Diese Verbindung war von Unheil überschattet, doch sie hatten die Saat selbst gesät. Wer sollte nun die bittere Ernte einfahren? Entschlossen drehte Sebastian sich um, durchschritt die Halle und schloss sich wieder der kleinen Gruppe vor dem Kaminfeuer an. Er wandte sich Beatrice zu und zwang sich, ihr fest in die klaren, blauen Augen zu schauen. Doch er musste seine auflodernde Wut unterdrücken.

“Ich kann keine andere Frau heiraten, wenn ich weiß, dass die Ehe eine Lüge ist. Ich könnte einer Gemahlin nie zumuten, mir einen Sohn zu schenken, da er nichts weiter als ein Bastard wäre. Du bist meine Frau, sosehr ich es mir auch anders wünsche. Beatrice, wenn du noch ein Fünkchen Anstand besitzt, wirst du als meine Frau bei mir leben.”

“Das werde ich nicht tun. Ich werde nicht die Gemahlin eines Mannes sein, der mich so verachtet wie du”, entgegnete sie und starrte ihn wütend an, als sei der ganze Aufruhr einzig und allein seine Schuld. Als hätte nur er, und nicht sie, dieses gedankenlose Versprechen gegeben.

Sein Zorn loderte auf. “Es entspricht wahrlich nicht meinem Wunsch, mit einer Frau verheiratet zu sein, die so stolz ist, dass sie sich lieber zu Grunde richtet als nachzugeben. Aber unglücklicherweise bin ich mit einer solchen verlobt und habe keine andere Wahl. Vor Gott bist du bereits meine Frau, Beatrice, und daher schuldest du mir Gehorsam.”

“Wie kannst du es wagen!” brauste sie auf.

John setzte sich neben seine Schwester und legte seine Hand auf die ihre. “Beatrice, sei doch vernünftig. Du kannst nicht gewinnen. Nicht, wenn Ceci und ich gegen dich aussagen. Genauso wenig kannst du den Rest deines Lebens in der Schwebe verbringen und weder Gemahlin noch Witwe noch unverheiratet sein. Ich vermag nicht zu sagen, was geschehen ist, dass du dich derart von Sebastian entfremdet hast, und ich verstehe auch nicht, warum ihr euch beide so kindisch benehmt. Aber gewiss ist keiner von euch so töricht, sein Leben zu ruinieren.”

Beatrice wandte sich ihm zu und starrte John eine Weile an. Ihre freie Hand umklammerte die Sitzlehne so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. “Das bedeutet, dass ich in der Falle sitze.”

“Wir beide, vergiss das nicht”, merkte Sebastian an. Starrköpfiges Weibsbild, konnte sie das nicht begreifen?

“Ja, so ist es”, sagte John mit milder Stimme, “aber nur, wenn ihr es beide als Falle betrachtet.”

Beatrice löste sich von Johns Hand und fasste sich an die Schläfe. “Ich habe Kopfschmerzen. Ich kann euch nicht länger zuhören. Ihr werdet mich bitte entschuldigen.” Sie erhob sich, deutete vor Sebastian einen steifen Knicks an und verließ die Halle, ohne sich noch ein weiteres Mal umzusehen.

Sebastian sah ihr nach, die Hände noch immer zu Fäusten geballt. Dann wandte er sich an John, gegen den er in diesem Augenblick einen unbändigen Groll hegte. Wenn sein Freund im Ausland geblieben wäre, um sich weiterhin dem Müßiggang hinzugeben … “Warum bist du gerade jetzt zurückgekehrt? Konntest du nicht in Rom bleiben?”

“Ich wollte nach Hause.” Er sprach mit leiser Stimme und deutete mit einem Nicken auf seine Begleiterin. “Ich wollte mit Lucia, meiner Gemahlin, heimkehren.”

Sebastians Gesicht brannte. Wenn er nun all seine Träume und Hoffnungen begraben musste, so lag das nicht daran, dass John heimgekehrt war. Es lag daran, dass er einst verrückt vor Liebe gewesen war.

John fuhr fort, und seine Stimme klang unnachgiebig. “Ich werde mich hierfür nicht entschuldigen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du und Beatrice gar nicht verheiratet seid und keine blonde Kinderschar großgezogen habt.”

“Ich weiß, ich weiß. Vergib mir, ich bitte dich.” Sebastian seufzte und setzte seine Mütze auf. “Was für eine verfluchte Situation. Ich muss meinen Berater aufsuchen und deinen Vater finden. Es gilt, die Verträge neu aufzusetzen.”

Sebastian ging auf Cecilia zu. “Ceci, es tut mir Leid. Was wird jetzt aus dir werden?” Er hatte erwogen, sie zu heiraten, eine kluge und abgeklärte Frau. Anders als ihre Schwester wäre sie eine vernünftige Wahl gewesen.

Sie nahm seine Hand und drückte sie. “Lieber Sebastian, sorge dich nicht um mich. Alles wird gut.”

“Aber ich mache mir Sorgen”, entgegnete er. “Und ich liebe dich seit geraumer Zeit.”

“Wie ich dich und meine Schwester liebe. Wenn du etwas für mich tun willst, dann schaffe diesen Streit mit Beatrice aus der Welt.”

“Das kann ich nicht”, erwiderte er leise, als wolle er seine Worte ungehört verklingen lassen. “Ständig muss ich an sie und Conyers denken, und dann werde ich so wütend, dass ich nichts anderes mehr sehe.”

Ihre Brauen zogen sich über der kurzen Nase zusammen. “Sie liebt ihn nicht, Sebastian.”

“Dann ist es noch schlimmer, als ich befürchtet habe.” Er stieß einen Seufzer aus. “Belassen wir es dabei, Ceci. Du kannst es nicht ändern.” Er küsste sie auf die Stirn, ging dann an ihr vorbei und umarmte John. “Es freut mich, dass du wieder daheim bist. Mir wäre es zwar lieber gewesen, wenn du andere Neuigkeiten mitgebracht hättest, aber ich bin froh, dass du gekommen bist, bevor Ceci entehrt wurde. Eure Eltern haben mir freundlicherweise gestattet, während meines Aufenthaltes in London hier zu weilen, und daher werde ich euch später wiedersehen.” Er verbeugte sich vor Johns Frau, die nach wie vor schweigend an der Seite ihres Mannes stand, kehrte sich dann ab und verließ die Empfangshalle. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er hinter den Wandschirmen.

Nun erwartete ihn die schwierige Aufgabe, sich dem Earl zu stellen.

Nur das Korsett unter ihrem Mieder verhinderte, dass Beatrice sich zusammenkrümmte, um die Schmerzen in ihrem Bauch zu lindern. Das konnte ihr unmöglich widerfahren, nicht nach all dem, was vorgefallen war.

Sie löste sich von der Tür ihres Schlafgemachs und kniete an der gegenüberliegenden Wand auf ihrem Betstuhl nieder. Um was soll ich bitten? Soll ich Gott um Gnade ersuchen, um Beistand? Oder soll ich um Antworten beten, Antworten, die ich nicht erhalten werde?

Sie fand keinen inneren Frieden, wohin sie sich auch wandte. Stattdessen spürte sie Verzweiflung, als sei ihr Herz von eisiger Kälte ergriffen. Verzweiflung war eine Sünde, und sie war der Sünden überdrüssig. Hörte es denn nie auf? Ließ sich die Düsterkeit, die ihr Herz umgab, nie vertreiben, selbst wenn sie all ihren Pflichten nachkam? Verzweifelt umklammerte sie den Rand des Betstuhls und lehnte den Kopf gegen ihre verkrampften Hände.

Beatrice befürchtete, ihr ganzes Leben lang danach streben zu müssen, richtig zu handeln. Nur um festzustellen, dass sie trotz all ihrer Anstrengungen stets versagte. Sie war erschöpft; wie leid sie es doch war, nach innerem Frieden und einem reinen Herzen zu streben! So sehr, dass sie sich manchmal wünschte, vom Schweißfieber hinweggerafft zu werden. Doch dieser Wunsch grenzte an Selbstzerstörung, die ihre Seele mit einer weiteren Sünde belasten würde.

Und jetzt dies. Sie war in einer zweiten Verbindung gefangen und wieder einem Mann ausgeliefert, der kein Erbarmen kannte. Waren ihre Sünden tatsächlich so schwer wiegend, dass eine solche Strafe gerechtfertigt war? Sie hatte für die Verfehlungen des vergangenen Jahres Buße getan. Gewiss war es genug gewesen …

Jemand klopfte an die Tür und öffnete sie.

“Lasst mich allein”, bat Beatrice, ohne aufzuschauen, wer gekommen war. Sie konnte jetzt keine Gesellschaft ertragen, denn sie hatte nicht die Kraft, eine innere Ruhe vorzutäuschen, die sie nicht verspürte.

“Ich bin es, Beatrice”, sagte Cecilia.

Sie hob den Kopf und starrte ihre Schwester an. Cecilia stockte der Atem, als sie in Beatrice’ verzweifeltes Gesicht sah, trat ein und schloss die Tür hinter sich.

“Ich brauche dein Mitleid nicht”, meinte Beatrice. In dem stillen Gemach klang ihre Stimme hart und abweisend. Bitte geh nicht, verlass mich nicht! “Ich sagte, lass mich in Ruhe. Höre auf meine Bitte.”

“Das werde ich nicht tun.” Cecilia setzte sich auf die Truhe, die vor dem Bettende stand, und legte die gefalteten Hände in den Schoß. Wie eigensinnig ein jeder in der Familie war, wie hartnäckig jeder von ihnen darauf bestand, seinen Willen zu bekommen. Beatrice vermochte nicht, die Kraft aufzubringen, sich ihrer Schwester zu widersetzen. Die Ehe mit Manners hatte ihr jeglichen Starrsinn genommen und sie so untätig werden lassen wie eine geistesschwache Nonne.

“Ich versuche zu beten”, meinte sie.

“Du versuchst es nur?”

Unmerklich zuckte Beatrice zusammen. “Ich kann nicht beten, wenn du mich beobachtest.”

“Ich mache mir deinetwegen Sorgen”, sagte Cecilia.

“Das ist nicht nötig. Es besteht kein Anlass.” Ich verdiene es nicht.

“Es betrübt mich, dich und Sebastian so verfeindet zu sehen. Und da ihr euch unwiderruflich versprochen seid …”

“Sprich nicht davon!” Sie konnte darüber nicht reden, mit niemandem. “Es wäre für alle besser, er hätte dich geheiratet …”

“Nicht für mich, Beatrice, niemals für mich”, entgegnete Cecilia und versteifte sich. “Das darfst du nicht glauben.”

“Warum nicht? Ihr seid immer gute Freunde gewesen und seid euch stets ungezwungen begegnet. Ihr würdet gut miteinander auskommen, und jeder von euch könnte eine schlimmere Wahl treffen.” Es fiel ihr leichter, über Cecilias Herzensangelegenheiten zu sprechen als über ihre eigenen.

“Ich kann Sebastian unmöglich heiraten. Es war falsch von mir, es auch nur zu erwägen”, sagte Cecilia und presste die Lippen zusammen.

Was nun? Beatrice strich über das Holz des Kniestuhls, der kein Polster besaß und trotz ihrer Röcke hart gegen ihre Beine drückte. Das geöffnete Fenster über dem Betstuhl ließ die warme Luft des Nachmittags herein. Unten im Garten hörte man das Gemurmel und Gelächter von Männerstimmen. Die Laute drangen in das Schweigen zwischen ihr und Cecilia, und Beatrice musste an Gärten denken. Würde Sebastian ihr die Pflege seines Gartens überlassen, oder würde er es ihr verbieten, wie Thomas es getan hatte? Ich mag darüber nicht nachdenken. Denn sie wagte es nicht zu hoffen.

Sie öffnete den Mund, um Cecilia zu bitten, das Gemach zu verlassen. “Hast du je gebetet und das Gefühl gehabt, dass Gott und die Heiligen gar nicht zuhören?” Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen; ihr Herz fühlte sich an, als seien ihm die Worte entrissen worden.

“Nein”, flüsterte Cecilia. “Fühlst du dich so einsam?”

“Ja.” Beatrice legte den Kopf auf die Hände und weinte.

Augenblicklich war ihre Schwester bei ihr und schloss sie fest in die Arme, als wolle sie sämtliche Dämonen fern halten.

“Scht, Liebes, scht.”

Dankbar lehnte Beatrice sich bei ihr an und wurde von heftigem Schluchzen ergriffen. Sie war des Weinens müde, denn auch die Tränen verschafften ihr keine Linderung. Schließlich beruhigte sie sich und sah ihre Schwester mit geschwollenen Augen an.

“Ich habe keine Kraft mehr, Ceci”, hauchte sie. “Ich habe keine Kraft, verheiratet zu sein.”

“Du wirst keine Kraft benötigen, Liebes”, erwiderte Cecilia und streichelte über Beatrice’ Rücken. “Sebastian wird sich um dich kümmern.”

Wenn sie es doch nur glauben könnte. Er hatte sie nie verletzt, aber sie war auch nie zuvor in seiner Gewalt gewesen. Ich kann es nicht länger ertragen. Es wird mich umbringen.

“Wird er das?” murmelte sie. “Er hasst mich.”

“Er liebt dich”, sagte Cecilia. “Lass mich dein Kleid aufbinden, und dann legst du dich ein wenig hin und ruhst dich aus. Wenn du glaubst, dass Gott deine Gebete nicht erhört, bist du schon zu müde, um noch klar denken zu können. Du solltest besser schlafen, glaube mir.”

Beatrice straffte die Schultern und lachte voller Verzweiflung auf. “Aber ich finde keinen Schlaf. Ich schlafe seit Jahren schlecht.”

Cecilia versteifte sich, als ob Beatrice sie überrascht hätte. Dann erhob sie sich, nahm die Hand der Schwester und zog sie auf die Beine. “Das heißt nicht, dass du jetzt nicht schlafen kannst. Soll ich dir etwas vorspielen? Ich könnte schnell meine Laute aus der Kemenate holen.”

“Nein. Hab Dank, nein. Ich werde mich hinlegen, wie du es verlangst, aber nur, wenn du mich allein lässt.”

Cecilia zog die Stirn in Falten. “Bist du sicher?”

“Ja. Lass mich allein, ich bitte dich.”

“Nun gut. Es missfällt mir zwar, aber ich füge mich, wenn es deinem Wunsch entspricht.” Mit besorgter Miene sah sie ihre Schwester an.

“Ja. Geh bitte, Ceci.”

Nachdem sie die Schnüre an Beatrice’ Kleid gelöst hatte, verließ Cecilia den Raum. Beatrice lockerte ihr Mieder, öffnete das Korsett und zog es unter dem Mieder hervor. Nun lag es neben ihr auf dem Bett. Es war vortrefflich gearbeitet und bestand aus Elfenbein, in das man Heilige, Tiere, Blumen und Pflanzen geschnitzt hatte. Thomas hatte es ihr einst gegeben. Oh, wie sie es hasste!

Sie drehte sich auf die Seite, rollte sich zusammen und ließ ihren Tränen erneut freien Lauf.

2. KAPITEL

Unglücklicherweise befanden sich der Earl und die Countess of Wednesfield gerade auf dem Weg nach Coleville House, als Sebastian Westminster erreichte. Im Stillen verfluchte er sein Pech, legte ein paar Münzen in die ausgestreckte Hand des Dienstboten und kehrte zum Anlegeplatz am Flussufer zurück. Gott sei Dank war ihm der Gezeitenstrom gewogen. Ansonsten hätte er womöglich über eine Stunde festgesessen, wenn nicht gar die ganze Nacht.

“Mylord sind sehr in Eile”, stellte Ned, sein Diener, fest.

“Halt den Mund, und besorge mir ein Boot”, sagte Sebastian und sah Ned missmutig an. Das Letzte, was er nun brauchte, war ein plappernder Narr, der ihm jammernd in den Ohren lag.

Leise murrend bahnte der Diener sich den Weg durch die Menge auf den unteren Uferstufen. Für einen Augenblick war er verschwunden, tauchte indes sogleich wieder auf und eilte an die Seite seines Herrn. “Ich habe einen Bootsverleiher gefunden, Mylord. Aber es wird etwas kosten.”

“Alles kostet mich Geld”, murrte Sebastian. “Gehen wir.”

Die Strömung war günstig und trug zu einer raschen Rückfahrt bei. Sebastian hüllte sich in seinen kurzen Mantel, kauerte sich auf die hinterste Sitzbank des Bootes und hörte nur widerwillig auf die Rufe und Flüche des Bootsführers und auf die Beschimpfungen, die von anderen Booten als Antwort herüberschallten. Er hasste London – hasste den Fluss, den Hof, die dreckigen, überfüllten Straßen. Von ganzem Herzen wünschte er sich, daheim in Benbury zu sein, wo er in aller Ruhe mit der Schafzucht seine Geldkassette füllen konnte. Aber es war nicht allein der bescheidene Wohlstand, den Benburys Felder und Wiesen einbrachten, nach dem er sich sehnte; es verlangte ihn vor allem nach dem Landhaus, das hinter niedrigen Mauern lag und von grünen Gärten umgeben war – ein Ort des Friedens.

Seine Miene verfinsterte sich, und der Bootsführer ruderte schneller. Wo Beatrice sich aufhielt, hatte es nie Frieden gegeben; Benbury würde sich daher kaum als die Zuflucht erweisen, nach der Sebastian sich gesehnt hatte.

Die Fahrt zurück zum Haus der Colevilles war kürzer als die Hinfahrt, was nicht nur an der günstigen Strömung gelegen hatte. Vielmehr fürchtete Sebastian das bevorstehende Gespräch mit Lord Wednesfield, da er wusste, dass dem Earl die Änderung des Ehevertrags missfallen würde – vermutlich wäre er sogar ziemlich erzürnt. Und was sollte er ihm überhaupt sagen? Dass seine ältere Tochter trotz ihrer guten Erziehung bereits ein Eheversprechen gegeben hatte, als sie gerade zu einer jungen Frau herangereift war? Der Earl würde Sebastian für diese Anmaßung scharf zurechtweisen, und er hätte es auch nicht anders verdient.

Schließlich hielt das Boot am Anlegeplatz vor dem Haus der Colevilles. Sebastian stieg aus und erklomm die Stufen, die zum Garten hinaufführten. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Konnte er nicht einfach sagen, dass er Beatrice Cecilia vorzog? Einst hatte es tatsächlich der Wahrheit entsprochen.

Neds Schritte auf dem gefliesten Boden rissen Sebastian aus seinen Gedanken. “Er hat mein ganzes Geld genommen, Mylord. Ich brauche mehr”, hörte er Ned neben sich sagen.

Sebastian hielt es nicht für nötig, seinen Diener anzuschauen. “Keinen Penny mehr. Du wirst kein Geld in Benbury brauchen.”

“Benbury, Mylord? Wir werden London verlassen?”

“Morgen oder übermorgen. Spätestens jedoch am Freitag. Du wirst schnellstens die dazu nötigen Reisevorbereitungen treffen.”

“Ja, Mylord. Wie Ihr es wünscht.”

In der Halle erfuhr Sebastian von dem Hausvorsteher, dass der Earl und die Countess sich bei der Ankunft in Coleville House sogleich in die Kemenate im oberen Stockwerk begeben hatten. Sebastian schlug das Angebot aus, sich anmelden zu lassen, durchmaß die Halle und ging die Treppe hinter der Empore hinauf, die zur Kemenate führte. Obgleich er das Gespräch mit dem Earl fürchtete, setzte ihm das Warten noch mehr zu. Hastig eilte er hinauf. Wenn er einmal etwas in Bewegung gesetzt hatte, würde er den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten.

In der Kemenate saßen der Earl und seine Gemahlin in großen Lehnstühlen am geöffneten Fenster. Die Countess war in ihre Stickerei vertieft, während ihr Gemahl mit gesenktem Haupt dasaß, die Hände vor dem Bauch verschränkt. Er schien ganz in Gedanken vertieft zu sein.

Sebastian verbeugte sich und sagte: “Mylord, ich würde gerne mit Euch sprechen. Unter vier Augen.”

Der Earl hob den Kopf und sah Sebastian an, wobei sich seine Augen argwöhnisch verengten. Der durchdringende Blick währte nur kurz, doch Sebastian wurde das Gefühl nicht los, dass der alte Mann bis in die dunklen Tiefen seiner Seele gesehen hatte. Er widerstand dem Verlangen, wegzuschauen und sich wie ein unsicherer Junge zu winden. Aus einem Augenwinkel nahm er wahr, wie die Countess ihre Näharbeit ablegte und ihn mit krauser Stirn musterte.

“Wünschst du das Gespräch jetzt?” fragte der Earl, der seine Hände immer noch über dem Bauch verschränkt hielt.

Sebastian schluckte. “Ja, Mylord, wenn es Euch recht ist.”

“Um was geht es?”

“Um meine Verlobung mit Eurer Tochter.”

Bei diesen Worten weiteten sich die Augen des Earl, und seine strengen Gesichtszüge wichen einer freundlich-gleichmütigen Miene, die er sonst bei Hofe zur Schau stellte. Ahnte er, was bevorstand? Wie sollte er? Doch er spürte gewiss, dass etwas nicht in Ordnung war.

“Gehen wir ein wenig.” Der Earl erhob sich und legte seine Hand ungewöhnlich kraftvoll auf Sebastians Schulter, obwohl er noch Augenblicke zuvor abgespannt gewirkt hatte. Seine Finger umklammerten Sebastian, und der unangenehme Druck war selbst durch die Kleidung hindurch zu spüren. Ohne den Mantel, das Wams und das Unterhemd hätten diese Finger ihn gewiss verletzt. Wollte der Earl ihn durch sein Verhalten daran erinnern, ihn nicht zu enttäuschen? Oder war das seine übliche Antwort auf etwas, was er befürchtete? Sebastian kannte Lord Wednesfield schon seit Kindheitstagen, aber er vermochte nicht, diese Fragen zu beantworten.

Der Earl schwieg so lange, bis sie den Garten erreicht hatten, der im goldenen Licht der späten Nachmittagssonne vor ihnen lag. Die grauen Schatten der anbrechenden Dämmerung sammelten sich allmählich unter den Gewächsen, die in einzelnen Gruppen gepflanzt waren. Der endlos scheinende Tag neigte sich seinem Ende zu.

“Was hat es mit dem Verlöbnis meiner Tochter auf sich?” fragte der Earl, als er endlich Sebastians Schulter losließ.

Mutig stellte Sebastian sich seinem Blick. “Ich wünsche, Eure Tochter Beatrice zu heiraten, und nicht Eure Tochter Cecilia.”

Fragend hob der Earl die Brauen. “Was hat das zu bedeuten?”

“Ich ziehe Beatrice ihrer Schwester vor. Und jetzt, da sie verwitwet ist, steht dem nichts mehr im Wege.”

Der Gesichtsausdruck des Earl hatte sich nur unmerklich verändert, als er seinem Gegenüber eine schallende Ohrfeige verpasste. Sebastian taumelte, doch es lag eher an der Überraschung als an dem Schlag selbst, obwohl seine Wange gehörig brannte.

“Mylord?”

“Das ist dafür, dass du mich zum Narren halten willst.”

Sebastian rieb sich den Kopf. “Ich verstehe nicht, Mylord. Was soll das bedeuten?”

Erneut schlug der Earl zu, und diesmal trieb die Wucht des Hiebes Sebastian zurück. Zorn wallte in ihm hoch, doch er beherrschte sich, die Hand gegen Wednesfield zu erheben. Nicht nur, dass der Earl eine höhere Stellung einnahm, er war Sebastian seit vielen Jahren wie ein Vater gewesen. Daher stand es ihm zu, ihn zurechtzuweisen, auch mit der Härte seiner Hand.

“Mylord! Das habe ich nicht verdient.”

“Da du mich belügst, geschieht es dir recht. Und weil du mir törichte Lügen auftischst, verdienst du es umso mehr”, grollte der Earl, und seine Miene verhärtete sich. “Jetzt sag mir die Wahrheit und lass ab von diesem törichten Gerede.”

Sebastian hätte wissen müssen, dass er nicht davonkommen würde, ohne die wahren Umstände der Verlobung preiszugeben. “Ich bitte Euch, Mylord, schlagt mich nicht erneut, ehe Ihr nicht die ganze Geschichte vernommen habt.”

Der Earl nickte. Sein Mund glich einer harten Linie, die Brauen unter seiner gerunzelten Stirn waren über dem Nasenrücken zusammengezogen. Er war nicht zornig – noch nicht. In einem schnellen, stillen Gebet bat Sebastian um Vergebung und erklärte dann, was sich vor Jahren an jenem Dreikönigsabend zugetragen hatte.

“Und warum erfahre ich erst jetzt davon?” fragte Wednesfield mit ruhiger Stimme.

“Mylord, als wir uns das Versprechen gaben, hielt ich es nicht für bindend. John hat mir indes vor Augen geführt, dass es uns beide bindet.” So war es die ganze Zeit gewesen, aber das konnte er dem Earl nicht sagen. “Als Ihr Lord Manners Eure Tochter versprochen habt, wusste ich, dass es nicht sein durfte.” Beatrice hatte ihm einst erzählt, Manners habe um ihre Hand angehalten, und in diesem Augenblick war ihm bewusst geworden, dass ihr das Versprechen am Dreikönigsabend nichts bedeutete. Nie hätte sie einem Mann gestattet, ihr einen Antrag zu machen, wenn sie sich bereits als verlobt betrachtet hätte. Und er hatte auch erkannt, dass er ihr nichts bedeutete. “Wir waren noch jung.”

“Nicht mehr jung genug”, sagte der Earl kurz angebunden. Er seufzte. “Bist du sicher, dass es sich so zugetragen hat?”

“Mylord, ich weiß nicht, was ich mit Sicherheit sagen kann. Aber ich weiß, dass wir uns ein bindendes Versprechen gegeben haben, und deshalb ist Beatrice nach dem kanonischen Recht jetzt meine Frau.”

“Wofür brauchst du mich dann? Sie ist deine Frau, mit oder ohne meinen Segen.” In Lord Wednesfields Stimme schwang Missfallen mit.

“Aber in der Öffentlichkeit gelten wir nicht als verheiratet. Ich möchte nichts tun, was einem von uns Schande bereitet. Und daher brauchen wir eine Verlobung und eine Hochzeit, als ob wir noch gar nicht verheiratet wären. Zudem würden die Zeugen unserer Heirat mein Gewissen beruhigen.”

“Und wenn mir nun gar nichts an deiner Gewissensberuhigung liegt? Was wirst du dann tun?”

“Ich werde Beatrice als meine Gemahlin mit nach Benbury nehmen, mit oder ohne Eure Zustimmung, Mylord. Sie wird keine Mitgift haben und auch keine Vermögenszuwendung erhalten. Sollte ich vor ihr sterben, wird sie mittellos dastehen, aber so sei es. Ich kann nicht gegen Euch kämpfen.” Er presste die Lippen aufeinander und wartete auf den Sturm, der über ihn hereinzubrechen drohte.

Sebastian hielt dem kalten, dunklen Blick des Earl stand, doch der Magen drehte sich ihm um.

Wednesfield nickte, und sein bedrohlicher Blick wich einem sehr nachdenklichen Ausdruck. “Ich werde dir nun etwas sagen, was ich bisher keinem anderen Mann erzählt habe. Solltest du je davon sprechen, werde ich es leugnen.” Er sah an Sebastian vorbei und verzog missmutig den Mund. “Es entsprach nicht meinem Wunsch, Beatrice in Manners Hände zu geben, aber ich sah keinen Grund, mich zu weigern. Als sie mich auf die Heirat ansprach, gestattete ich es. Nachdem die Ehe geschlossen war, musste ich nur allzu deutlich erfahren, was für ein Mann dieser Manners war. Danach schwor ich mir, keiner meiner Töchter je wieder zu gestatten, einen Mann zu heiraten, dem ich kein Vertrauen entgegenbringe.” Erneut fiel sein Blick auf Sebastian. “Du hältst mich gewiss für einen weichherzigen Narren. Denn die Ehe wird wegen wichtiger Verbindungen geschlossen, wirst du anmerken.”

“Mylord, ich habe Euch gestanden, dass ich mich Eurer Tochter aus keinem anderen Grund gegenüber verpflichtet habe als aus Zuneigung. Wie sollte ich Euch dann weichherzig nennen?”

“Eine kluge Antwort”, entgegnete Wednesfield, und ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. “Aber bedenke eines. Warum sollte ich einem Mann als Verbündeten vertrauen, wenn ich ihm nicht als Schwiegersohn vertraue? Aber darum geht es mir nicht.” Er streckte die Hand aus und ergriff den Kragen von Sebastians kurzem Mantel. “Ich kenne dich seit deiner Kindheit, Benbury, aber wenn du mir nicht so mutig begegnet wärst wie gerade, hätte ich dir nicht gestattet, Beatrice mitzunehmen. Denn ich würde dich nicht für Manns genug befinden, sie zu ehelichen.” Er ließ Sebastians Kragen los.

Und wenn Wednesfield ihn abgelehnt hätte, wäre er frei gewesen. Nein, vernahm er da eine innere Stimme aus der Tiefe seines Herzens, die mit harter Entschlossenheit zu ihm sprach. Unabhängig davon, was irgendjemand sagte oder tat, waren Beatrice und er auf Lebenszeit aneinander gebunden. Unwissentlich hatte er dem Gelübde einst abgeschworen. Ein zweites Mal könnte er es nicht tun.

Der Earl lächelte, aber eine Kälte überschattete die gewohnte Wärme in seinen Augen. “Ich widersetze mich dir nicht, und daher brauchen wir nicht weiter darüber zu sprechen. Mit Freuden gebe ich dir meinen Segen, aber ich werde die rechtlichen Dinge nicht mehr heute Abend besprechen.” Sein Lächeln wurde breiter. “Komm morgen zu mir, vor der Mittagsstunde, und dann werden wir einen Ehevertrag ausarbeiten, der uns beiden gefällt.”

Nach vielen Tränen fand Beatrice endlich ein wenig Schlaf, doch er brachte Träume hervor, die sie aufschreckten. Mit kalten, zittrigen Händen saß sie aufrecht im Bett, aber als sie die Finger vor ihr Gesicht hielt, spürte sie, dass sie schwitzte. Erneut drängte der Traum sich in ihr Bewusstsein; sie glaubte, Hände zu sehen und bildete sich ein, einen strengen Geruch von Moder und Fäulnis zu riechen. Schnell bekreuzigte sie sich, um den Albdruck abzuwehren, und kletterte aus dem Bett. Vielleicht fände sie Schutz im Gebet.

Doch sie kniete nicht nieder. Selbst wenn das Gebet sie vor jeglicher Erinnerung an Thomas bewahrte, vermochte sie nicht zu beten. Ihr Herz wurde zu Stein, ihre Seele glich einer Einöde. Sie war verloren und weit von Gottes Liebe entfernt, vielleicht sogar von seinem Zorn.

Außerdem war es spät geworden. Bald schon käme die Familie zusammen, um zu Abend zu essen. Wenn sie noch vor Anbruch der Dämmerung speisen wollte, musste sie sich den Verwandten anschließen. Ihre Augen waren geschwollen und brannten von all den Tränen. Sie musste die Augen kühlen, um die Schwellung zu lindern. Jedes Anzeichen von Tränen würde ihre Mutter nur neugierig machen; und Neugierde führte unweigerlich zu peinlichen Fragen, obgleich diese gewiss freundlich gemeint wären. Doch ihr Herz und ihre Seele waren zu aufgewühlt, um bohrende Fragen aushalten zu können.

Auf dem Tisch an der Wand standen ein Wasserkrug und eine Schale. Hatte Cecilia dafür gesorgt? Vielleicht. Beatrice füllte die Schale bis zur Hälfte mit Wasser und beugte sich hinab, um das Gesicht zu waschen. Das Wasser duftete schwach nach Lavendel und Rosen und kühlte ihre Haut. Der Duft, der Erinnerungen an glücklichere Zeiten in den Gärten von Wednesfield in ihr hervorrief, war Balsam für ihre wunde Seele. Immer wieder tauchte sie die Hände in das Wasser und benetzte ihr Gesicht, bis sie nichts anderes mehr zu riechen vermochte.

Bitte, gütige Maria, lass mich wieder glücklich sein. Gesegneter Jesus, verleih mir Stärke, damit ich meine Heimsuchungen überstehe, und lass mich Frieden finden.

Das Gebet war ausgesprochen, bevor sie überhaupt wahrnahm, dass sie gebetet hatte. Langsam richtete sie sich auf und wartete auf das Gefühl von Trostlosigkeit, das sich stets einstellte, wenn sie zu beten versuchte. Wasser tropfte auf ihre Brust und ließ sie zusammenfahren. Sie fühlte sich nach dem Gebet nicht besser, aber sie fühlte sich auch nicht schlechter. Lag darin vielleicht eine Antwort? Sie wusste es nicht zu sagen und hatte keine Zeit, über das Geheimnis nachzudenken. Wenn sie sich nicht beeilte, käme sie zu spät zum Essen.

Als sie das Speisezimmer betrat, hatte sie auf den ersten Blick den Eindruck, als schare sich die ganze Familie um Sebastian. Er saß neben ihrem Vater und sah ihren Bruder John an, während er sprach. Seine Mundwinkel zuckten, als ob er jeden Augenblick lächeln würde. Es schmerzte sie in ihrem Herzen, diesen Anflug von Fröhlichkeit zu sehen, denn sie wusste, dass sie ihm kein Lächeln mehr auf die Lippen zaubern konnte. Dabei war es einst so einfach gewesen. Sein Lächeln würde schwinden, wenn er sie sähe, denn er verachtete sie – und das mit Recht.

Cecilia erhob sich von ihrem Platz und kam auf Beatrice zu. “Komm, setz dich zu mir”, sagte sie leise. “Ich werde dir etwas vorspielen.”

Beatrice war schon so lange nicht mehr in der Lage gewesen, etwas anderes als Schmerz und Scham zu verspüren; andere Gefühle mussten sich an ihrer verfinsterten Seele vorbeidrängen. Jetzt spürte sie, wie besorgt ihre Schwester um sie war, obwohl sie äußerlich gefasst schien. Sie hatte das Gefühl, Cecilia die Sorge nehmen zu müssen, konnte es aber nicht. “Es würde mir gefallen”, sagte sie und ergriff die Hand ihrer Schwester. Sanft drückte Cecilia ihre Hand, und ihre Finger waren warm und fest.

Als sie den Raum durchschritt, erregte sie Sebastians Aufmerksamkeit. Sein Lächeln schwand, und seine Miene wurde völlig ausdruckslos. Im Kerzenschein wirkten seine Augen so schwarz wie zwei Löcher in einer Maske. Jetzt beugte John sich zu ihm herüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sebastian wandte den Blick von ihr, und seine Wangenmuskeln zuckten. Ihr Herz schlug wie ein gefangener Vogel flatternd gegen die Rippen und raubte ihr den Atem. Sie hatte überlebt, da sie in der harten Schule ihrer Ehe gelernt hatte, selbst die kleinste Veränderung im Gesichtsausdruck ihres Gemahls zu deuten. Sebastians Miene jedoch vermochte sie nicht ohne weiteres einzuschätzen. Wenn sie seine Züge nicht deuten konnte, wie sollte sie dann all das überleben?

Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf flüsterte ihr zu: Sebastian hat dich nie verletzt.

Sebastian hatte sie nie in seiner Gewalt gehabt. Vor der Heirat war Thomas durchweg freundlich und höflich zu ihr gewesen; danach – sie zuckte zusammen. Verzweifelt bemühte sie sich, nicht mehr an die Zeit danach zu denken.

Sie nahm neben Cecilia auf der Bank Platz und begann, ihre Röcke glatt zu streichen, bis sie sich in Erinnerung rief, dass sich niemand aufregen würde, wenn der Rock ein wenig unordentlich aussah. Wie lange würde es noch dauern, ehe sie damit aufhörte, ihren verstorbenen Ehemann zufrieden stellen zu wollen? Sie faltete die Hände im Schoß, um sie still zu halten und konnte nicht umhin, aus den Augenwinkeln einen Blick auf Sebastian zu werfen. Er lächelte John an, wobei er einen Mundwinkel höher zog als den anderen; diese Ungleichheit verlieh seinem Lächeln etwas Durchtriebenes. Ihr pochender Herzschlag drohte in einer Woge aus Sehnsucht und Schmerz unterzugehen, die ihr das Atmen schwer machte.

Lächele mich noch einmal so an wie früher. Als er sie noch liebte, hatte der Zauber dieses verwegenen Lächelns sie mehr als einmal zu harmlosen Narreteien verleitet. Sie hätte alles für ihn getan.

Ich habe dich so geliebt.

Beatrice schluckte und schaute auf ihre Hände, die verkrampft in ihrem Schoß ruhten. Sie hatte ihn aufgegeben, weil sie feige gewesen war. Schlimmer noch, denn sie war ein Feigling gewesen, der vor Eitelkeit und Stolz zu bersten drohte.

“Was soll ich für dich spielen, meine Schwester?” fragte Cecilia leise.

“Kannst du die Lieder anstimmen, die Emma einst gesungen hat, als wir Kinder waren?” Lass mich wieder Kind sein, wenn auch nur in der Erinnerung. Lass mich in die Zeit zurückkehren, bevor ich Sebastian von mir stieß.

“Das kann ich, wenn du es wünschst.”

Cecilia entlockte den Saiten der Laute eine einfache Melodie, die ihr Kindermädchen oft gesungen hatte, wenn sie dabei war, Kleidungsstücke auszubessern oder Beatrice und Cecilia beibrachte, auf ihre Nadelstiche Acht zu geben. Beatrice hatte die Näharbeit vom ersten Augenblick an geliebt, während ihre Schwester sich gegen Stoffe, Nadel und Faden gesträubt hatte, als seien sie ihre Todfeinde. Unzusammenhängende Erinnerungen erfüllten sie mit einem Gefühl des Friedens, als habe sich die Unbeschwertheit zahlloser Nachmittage mit der Melodie vermischt, die nun im Raum erklang. Der Aufruhr in Beatrice’ Brust legte sich allmählich, als die hässlichen Erfahrungen angenehmen Gedanken wichen.

Sie sah sich in der alten Kemenate in Wednesfield neben Cecilia auf einer Bank sitzen, wo sie ein Hemd für ihren Vater bestickte, während Cecilia verzweifelt jammerte und leise Flüche ausstieß, da sie sich mit Hohlsaumstichen abmühte, die nicht richtig sitzen wollten. Sie konnte sich an keine einzige gemeinsame Nähstunde mit ihrer Schwester erinnern, die nicht eine gereizte, schweißnasse Cecilia hervorbrachte, die ihr Leinen beschmierte und die Fäden verknotete.

Nun stimmte Cecilia ein anderes Lied der alten Emma an, und Beatrice’ Erinnerungen schweiften weiter in die vergangene Zeit zurück. Jetzt sah sie sich allein nähen, verborgen in dem alten Turm, damit niemand die Reiher sah, die sie in einer aufwändigen Schwarzstickerei auf ein Leinenhemd stickte. Benbury Reiher … ein Hemd für Sebastian. Wie alt mochte sie da gewesen sein? Vierzehn vielleicht? Er hatte ihr damals versprochen, das Hemd immer zu behalten.

“Spiel etwas anderes, Ceci”, sagte John.

Cecilia sah ihre Schwester fragend an. Soll ich?

Wärme durchströmte Beatrice. Als sie heranwuchsen, waren Johns Worte für Cecilia wie ein Gesetz gewesen, das nicht hinterfragt wurde. Jetzt würde sie ihm gewiss widerstehen – ihrer Schwester zuliebe. “Spiel, was du möchtest”, erwiderte Beatrice. Die innere Wärme entlockte ihr ein Lächeln.

Die Dunkelheit in ihrem Herzen schwand nicht vollends, aber sie riss hier und da auf, wie eine Mauer, die langsam in sich zusammenfiel, nachdem man sie untergraben hatte. In einige Winkel ihres Herzens fiel Licht, hervorgerufen durch die Aufmerksamkeit von Lavendel und Rosenduft in ihrem Wasser und durch die liebenswerten Bemühungen ihrer Schwester, sie zu erfreuen. Ein Lächeln schien die Dunkelheit weiter zu vertreiben. War es möglich, dass ihr Gnade statt Ungemach zuteil wurde?

Cecilia erwiderte ihr Lächeln. “Ich werde spielen, um mir selbst eine Freude zu machen.” Nachdenklich zog sie die Stirn in Falten. “Ich habe das Lied erst kürzlich gelernt, als ich den Hof verließ, sei also nachsichtig. Ich bin noch nicht so geübt.”

Sie stimmte eine lebhafte Melodie an, und während sie spielte, konnte Beatrice keine einzige falsche Note hören. Nachdem sie die Melodie einmal gespielt hatte, begann Cecilia, mit ihrer glockenklaren Stimme zu singen. Die Worte des Liedes waren ein wenig anzüglich, wie es bei Hofliedern oft der Fall war; der Kehrreim war reiner Unfug. “And a hey nonny, hey nonny nonny no!”

Als Cecilia den Refrain zum dritten Mal sang, fiel John mit ein, und die tiefen Töne seines Baritons legten sich über die helle, reine Stimme seiner Schwester. Beatrice lauschte der Musik und wünschte, auch mitsingen zu können, doch sie fürchtete, wie eine Krähe zu krächzen. Sie bewegte ihre Zehenspitzen zu dem ausgelassenen Rhythmus der Melodie, und als John im Takt zu klatschen begann, machte sie unbeholfen mit. Lucia, die an Johns Seite saß, tat dasselbe und lachte dabei. John hatte erklärt, dass sie die englische Sprache kaum beherrsche, aber die englische Musik schien sie sehr wohl zu verstehen.

Ihr Vater sang zusammen mit Cecilia die vierte Strophe. Hier lag die Quelle ihrer musikalischen Ader; die Stimme ihres Vaters war so geschmeidig wie Honig in der Wabe. Neben ihm saß ihre Mutter und klatschte den Takt mit, wobei ihr Gesicht im Kerzenlicht glänzte. Sie hatte nicht mehr Anmut in ihrer Stimme als Beatrice, doch genau wie ihre Töchter liebte sie die Musik.

“And a hey nonny, hey nonny nonny no!”

Beatrice hätte Sebastians Stimme selbst aus dem Chor von Westminster herausgehört. Sie war nicht so tief wie Johns Stimme und auch nicht so geschmeidig wie die ihres Vaters, doch sie klang so hell und klar wie Quellwasser, das über Steine rann. Da sie sich sicher war, dass er ihr keinen Blick schenken würde, sah sie vorsichtig zu ihm hinüber.

Sie hatte sich geirrt.

Selbst auf diese Entfernung leuchtete das Kornblumenblau seiner Augen. Gewiss waren dies die blauesten Augen in England. Sie wartete darauf, dass der maskenhafte und kaum zu deutende Gesichtsausdruck endlich schwand, der seine Züge hatte erstarren lassen. Stattdessen verfinsterte sich seine Miene, als er sie mit verengten Augen anstarrte. Vor einer Stunde noch hätte diese düstere Miene sie zutiefst verunsichert. Jetzt aber, nach Cecilias Freundlichkeit und dem fröhlichen Klang des neuen Liedes, schöpfte sie neuen Mut.

Herausfordernd hob Beatrice das Kinn und hielt seinem Blick stand. Sie musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um nicht wegzuschauen; es war viel zu lange her, seit sie versucht hatte, jemanden mit ihrem Blick in Verlegenheit zu bringen. Beatrice erschauerte, als ihr einfiel, dass sie binnen Wochen ganz in Sebastians Gewalt wäre. Dann könnte er sie behandeln, wie es ihm gefiel. Aber mit dem Mut war ein Funke der Hartnäckigkeit, die ihrer Familie zu Eigen war, neu erwacht, und sie würde sich ihm nicht beugen. Sie musste der kleinen Stimme in ihrem Innern Glauben schenken, die gesagt hatte, Sebastian würde ihr nichts antun.

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