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Die Buchmagier

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Bibliografie
  31. Dank

Über den Autor

Jim C. Hines, geboren 1974, hat Psychologie und Anglistik an der Michigan State University studiert. Durch seine GOBLIN-Romane gewann er unter den deutschen Lesern eine große Fangemeinde. Hines ist als Fan-Writer aktiv und erhielt dafür 2012 den Hugo Award. Er lebt mit seiner Familie und diversen Haustieren in Michigan. Besuchen Sie den Autor auch auf seiner Website: www.jimchines.com

Kapitel 1

Manche Leute würden sagen, es sei eine schlechte Idee, eine Feuerspinne in eine öffentliche Bücherei mitzunehmen. Diese Leute hätten wahrscheinlich recht, aber diese Option war immer noch besser, als sie neun Stunden am Stück allein zu Hause zu lassen. Letzteres hatte ich ein einziges Mal versucht. Daraufhin verlieh Klecks seinem Missfallen Ausdruck, indem er sich durch die Scheibe seines Behälters brannte, sich in meinem Wäschekorb vergrub und die Kleider von zwei Wochen in Brand steckte.

Die Feuerwehr war glücklicherweise rechtzeitig eingetroffen, um zu verhindern, dass die ganze Wohnung in Flammen aufging. Ich weiß noch, wie ich mich durch das durchnässte, tropfende Chaos wühlte, das einst mein Schlafzimmer gewesen war, bis ich Klecks zusammengekauert in einer Ecke fand. Dampf stieg von seinem Körper auf. Er flitzte hoch auf meine Schulter und klammerte sich dort fest, so als hätte er Angst, ich würde ihn gleich wieder verlassen. Und dann biss er mir ins Ohr.

Die Zehn-Zentimeter-Spinne war ein Andenken daran, was ich zurückgelassen hatte, eine Erinnerung an jenes andere Leben. Wenn Zauberei Alkohol wäre, wäre Klecks Belohnung und die eine Whiskeyflasche, die man als Mahnung aufbewahrte, zugleich.

Während ich arbeitete, blieb er in einem Vogelkäfig aus Stahl hinter meinem Schreibtisch, zuverlässig außerhalb der Reichweite kleiner Kinder. Und was noch wichtiger war: Die Kinder waren sicher außerhalb von Klecks’ Reichweite.

Einer Testreihe zufolge, die ich mit einem Infrarotthermometer durchgeführt hatte, konnten Klecks’ Flammen Temperaturen von mehr als siebenhundert Grad erreichen, ungefähr so viel wie ein durchschnittlicher Bunsenbrenner. Ich vermutete sogar, dass er noch heißer werden konnte. Aber da er nur in Flammen aufging, wenn er Angst hatte oder sich bedroht fühlte, erschien es mir grausam, dieses spezielle Forschungsprojekt weiterzuverfolgen.

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es mir offiziell verboten war, Zauberforschung zu betreiben. Meine Aufgaben dieser Tage waren viel unkomplizierter.

Ich seufzte und nahm den alten Strichcodeleser in die Hand. Die Jahre hatten den Plastikgriff vergilben lassen, und das Kabel, das aus ihm herausragte, war mit einer dicken Schicht Isolierband verstärkt. Zum dritten Mal an diesem Nachmittag ließ ich den roten Strahl über den Rücken des neuesten Charlaine-Harris-Romans wandern.

Die LED des Scanners leuchtete grün auf, und der Computer gab ein fröhliches Biep von sich. Der Bildschirm füllte sich mit dem, was die Einzelheiten von Harris’ Fantasyroman hätten sein sollen – unser System beharrte allerdings darauf, dass es sich in Wirklichkeit um Die Freuden des Marinierens II von Charlotte F. Pennyworth handelte.

Ich warf den nutzlosen Scanner beiseite, löschte den Eintrag und begann, die Buchdaten manuell in die Datenbank der Copper River Bücherei einzugeben. Ohne den Scanner brauchte ich eine halbe Stunde, um die restlichen neuen Bücher ins System einzuspeisen.

Als ich mit dem Stapel fertig war, schaute ich mich in der Bibliothek um. Mrs. Trembath war damit beschäftigt, mit zwei Fingern auf eines der öffentlichen Computerterminals einzutippen; vermutlich schickte sie ihren Enkelkindern noch mehr inspirierende Katzenfotos. Karen Beauchamp hatte sich in einem Sitzsack in der Kinderabteilung zusammengekauert und las Die Farbe Lila.

Karens Eltern würden verärgert sein, wenn sie wüssten, dass Karen ein Buch las, dem sie nicht persönlich zugestimmt hatten. Ich legte für mich eine geistige Notiz an, Karen einen netten, unverfänglichen Schutzumschlag für den Einband mitzugeben.

Von den beiden abgesehen war die Bibliothek leer. Es war schon den ganzen Nachmittag über ruhig gewesen, denn die Leute nutzten den Junisonnenschein aus.

Ich nahm meinen Feueropalanhänger ab und legte den orangefarbenen Stein auf die Mitte der Tastatur. Der Bildschirm flackerte, und ein neues Fenster erschien. Darin war ein schlichtes kreisrundes Logo zu sehen; es zeigte ein aufgeschlagenes Buch auf einem mittelalterlichen Schild, darüber waren die Buchstaben DZP eingraviert.

Diese Datenbank hatte nichts mit der Copper River Bücherei zu tun. Nachdem ich die Bücher für die eine Bibliothek katalogisiert hatte, war es jetzt Zeit, das Ganze noch einmal zu tun. Ich begann mit einem Buch namens Herz aus Stein, einer paranormalen Romanze über eine halbgorgonische Detektivin, die sich mit einem sexy Mafiakiller einließ. Die Geschichte war nichts Außergewöhnliches, nur dass der Killer eine verzauberte Sonnenbrille trug, die ihn Magie erkennen ließ und vor dem Blick der Detektivin schützte. So eine Brille könnte im Außendienst sicher nützlich sein, dachte ich mir. Ich gab die Beschreibung und die genauen Seitenzahlen ein. Der Autor deutete außerdem an, dass die Tränen der Halbgorgo eine aphrodisierende Wirkung hätten und potenziell suchterzeugend seien. Darauf sollte man in den Folgebänden ein Auge haben.

Eines nach dem anderen arbeitete ich mich durch die übrigen Bücher. Copper River war nur eine kleine Stadt, aber wir hatten den besten Science-Fiction- und Fantasy-Bestand auf der gesamten Oberen Halbinsel Michigans. Nicht dass die unsere eine besonders einwohnerstarke Gegend gewesen wäre, aber unser Bücherkatalog brauchte trotzdem keinen Vergleich mit einer anderen Bibliothek im Staat zu scheuen. Ich hatte jeden einzelnen der dreitausend Titel gelesen, die unsere ins Alter gekommenen Holzregale der SF/Fantasy-Abteilung strapazierten.

Die meisten dieser Bücher waren durch einen Zuschuss des Johannes Porter Instituts für Bildung erworben worden – einem der Deckunternehmen der Zwelf Portenære. Von diesem Zuschuss wurde auch der Großteil meines Gehalts bezahlt; darüber hinaus sorgte er dafür, dass die Stadt gut bestückt wurde mit fantastischen Romanen. Alles, was ich tun musste, um dieses Gehalt weiter zu beziehen, war, neue Bücher für die Pförtner zu katalogisieren.

Genau genommen war das alles, was ich tun durfte.

»Hey, Mister V!« Karen hatte ihr Buch gesenkt. »Stimmt irgendwas nicht mit Klecks?«

Ich drehte mich zu ihm um. Im selben Moment fiel ein erbsengroßes Stück Obsidiankies, mit dem Klecks’ Käfig ausgelegt war, auf den Fliesenboden. Klecks krabbelte in schnellen Kreisen durch den Käfig, Rauchfahnen hatten begonnen, von seinem Rücken aufzusteigen.

Ich sprang auf und schnappte mir meinen abgenutzten Segeltuchrucksack, der unter dem Schreibtisch stand. Während ich mir alle Mühe gab, den Käfig mit meinem Körper zu verbergen, holte ich eine Tüte Jelly-Belly-Bohnen hervor und ließ eine neben den Keramikwassernapf fallen, der halb im Kies vergraben war. »Was ist los, Partner?«

Klecks ignorierte mich ebenso wie die Süßigkeit. Kein gutes Zeichen.

Mrs. Trembath schnupperte. »Brennt hier etwas?«

Ich betrachtete die Bibliothek und versuchte herauszukriegen, wer oder was Klecks nervös machte. Weder Karen noch Mrs. Trembath erschienen mir besonders gefährlich, doch ich vertraute Klecks’ Urteilsvermögen mehr als meinem eigenen. Seine Warnungen hatten mir schon dreimal das Leben gerettet. Viermal, wenn man den Schlamassel mit dem tollwütigen Wolpertinger mitzählte. »Probleme mit dem Heizkessel. Tut mir leid, aber ich werde die Bücherei schließen müssen, bis jemand kommt und danach sieht.«

Karen hatte sich halb über den Schreibtisch gebeugt und suchte nach der Quelle des Rauches. Ich nahm ein Taschenbuch und schob sie sanft zurück. »Damit bist auch du gemeint!«

»Ich wünschte, meine Eltern würden mir eine Tarantel erlauben«, brummte sie, als ich sie zur Tür geleitete. »Falls Sie mal jemand brauchen, der für Sie auf Klecks aufpa –«

»Bist du die Erste, die ich anrufe.« Ich dachte zurück an das letzte Mal, als Karens Familie in der Bibliothek gewesen war, und fügte schnell hinzu: »Wenn du versprichst, Klecks nicht zu missbrauchen, um deinen kleinen Bruder zu terrorisieren.«

»Würde ich doch nie!«, sagte sie mit Augen, die voll der Verschmitztheit einer Zwölfjährigen nur so blitzten. »Aber falls Klecks zufällig ins Bad entkommen sollte, während Bryan sich die Zähne putzt …«

»Raus jetzt!« Ich verpasste ihr einen letzten, sachten Stups mit dem Buch. Während ich Karen zur Tür hinausscheuchte, humpelte Mrs. Trembath unglücklicherweise zum Schreibtisch hinüber.

Sie zeigte mit ihrem Aluminiumstock auf Klecks’ Käfig. »Isaac, Ihre arme Spinne brennt!«

»Nein, sie …« Ah, Mist! Über Klecks’ Rücken hatten rote Flammen zu züngeln begonnen. Ich hastete hinüber und nahm Mrs. Trembaths Arm, aber es ist schwierig, eine dreiundachtzigjährige Großmutter zur Eile zu bewegen. Es gelang mir, sie in Richtung Tür zu bugsieren, dann lief ich wieder in die andere Richtung, um nach Klecks zu sehen.

Das war ein Fehler. Augenblicke später kam Mrs. Trembath schon wieder zurück. Sie hatte ihren Stock gegen die Tür gelehnt, und ihr runzeliges Gesicht war voller Entschlossenheit, als sie mit zitternden Armen einen roten Feuerlöscher anhob und auf Klecks’ Käfig richtete.

»Nicht!« Ich stellte mich in den Weg, als kalte Luft und weißes Pulver in einem eisigen Strahl aus der Löschpistole schoss. Unseren Büchern würde das nicht zu sehr schaden, aber ich hatte keine Ahnung, was es mit einer Feuerspinne anstellen würde. Ich hielt die Luft an und presste die Augen zu. Ich hörte Bücher und Papierkram hinter mir zu Boden fallen. Sobald der Strahl verebbt war, langte ich blindlings nach vorn, um Mrs. Trembath den Feuerlöscher wegzunehmen.

Meine Augen tränten. Ich musste mich zusammenreißen, sie nicht zu reiben, was die Reizung nur verschlimmert hätte. Mein Hemd und meine Hände waren von weißem Pulver überzogen.

»Er brennt immer noch!«

Ich warf einen Blick auf Klecks. Während die Chemikalien aus dem Feuerlöscher sich legten, flackerten Klecks’ Flammen noch höher und gingen zunehmend ins Orange über. Alle acht Augen funkelten mit einem Ausdruck zu Mrs. Trembath hoch, den ich nur als puren arachnoiden Abscheu beschreiben kann.

Mrs. Trembath kehrte zur Tür zurück, um ihren Stock zu holen, welchen sie sodann mit beiden Händen wie ein Samuraischwert erhob. »Erlösen wir das arme Ding wenigstens von seinen Qualen!«

»Er brennt nicht! Er ist … biolumineszent.« Ich bezweifelte, dass Mrs. Trembath es auf hundert Pfund brachte. Aber sie hatte fünf Kinder großgezogen und konnte es in ihrer Unbeirrbarkeit wahrscheinlich mit einem ganzen Wolfsrudel aufnehmen. Unglücklicherweise war die Gefahr, in der ich Klecks zum letzten Mal so aufgewühlt erlebt hatte, weitaus schlimmer gewesen als Wölfe.

»Isaac Vainio, Sie gehen mir nun aus dem Weg und lassen mich dieser bedauernswerten Kreatur helfen!«

Zauberei hätte unsere verfahrene Situation beenden können, aber ich hatte den Bogen schon überspannt, indem ich Klecks behalten hatte. Selbst der kleinste Zauberspruch könnte eine unfreiwillige Reise runter nach Illinois nach sich ziehen, wo ich mich vor Nicola Pallas, der Regionalen Meisterin der Pförtner, würde verantworten müssen.

Stattdessen verschränkte ich die Arme und sagte: »Klecks geht es gut, aber ich muss mich wirklich um den Heizkessel kümmern!«

»Es geht ihm nicht gut, er ist–«

»Stellen Sie meine Autorität in Frage?« Ich machte große Augen und übertrieb es dabei so weit wie möglich. In gespieltem Kasernenhofton fragte ich: »Ist Ihnen bewusst, dass Paragraph sechs Punkt zwei der Copper-River-Bibliotheks-Benutzer-Vereinbarung mir die Befugnis verleiht, Ihnen den Büchereiausweis abzuerkennen, einschließlich der Sonderrechte für die Internetnutzung?«

Sie senkte den Stock. »Das würden Sie nicht wagen!«

Ich beugte mich näher heran und flüsterte: »Ein Bibliothekar muss tun, was ein Bibliothekar tun muss!«

Wir starrten einander ungefähr fünf Sekunden lang an, bevor sie klein beigab. Mit einem amüsierten Kichern stieß sie mir einen Finger in die Brust. »Und warum habe ich das Tier dann vorher noch nie leuchten gesehen?«

»Die Ernährung«, antwortete ich rasch. »Letzte Nacht ist Klecks entkommen und nach draußen gelangt. Er muss dort mindestens ein Dutzend Glühwürmchen verdrückt haben, bevor ich ihn wieder einfangen konnte.« Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst und betete, dass sie nicht genug über Biochemie wusste, um meine lahme Erklärung zu durchschauen.

Sie lenkte ein. »Wenn Sie ihm richtiges Futter anstatt Süßigkeiten gäben, müsste er sich vielleicht nicht allein ins Freie schleichen.«

»Das war nicht der Grund, er hat zu Hause nur Faxen im Kopf.« Nervös blickte ich mich um, während ich sie zur Tür begleitete. Ich wusste immer noch nicht, was Klecks in Alarmbereitschaft versetzt hatte, und je schneller ich Mrs. Trembath hier rausbrachte, desto besser war es für sie.

»Sehe ich Sie morgen Nachmittag?«

»Das hoffe ich doch.« Durch die Fenster beobachtete ich, wie sie sich zu dem alten blauen SUV begab, den sie liebevoll das »Rostige Nilpferd« nannte. Als sie wegfuhr, bemerkte ich drei Gestalten, die sich der Bibliothek näherten. Sie waren viel zu warm angezogen für Juni, selbst in dieser Gegend. Sie hielten die Köpfe gesenkt und die Hände in den Taschen.

Ich schloss die Tür ab – auch wenn das nichts nutzen würde, falls Klecks’ Verhalten begründet war. Das Trio blieb stehen, um die Adresse des Postamts auf der anderen Seite der Straße zu studieren. Eine Gestalt zog ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche. In der Nachmittagssonne glitzerte ihre Hand wie eine Diskokugel, während sie den Blick prüfend über die Gebäude schweifen ließ. Eine Sekunde später zog sie den Ärmel über die Hand, aber dieser eine flüchtige Eindruck genügte mir, um die drei als Sanguinarius meyerii zu identifizieren, gemeinhin als Funkler bekannt.

Ich kehrte an den Schreibtisch zurück. »Weißt du, du wärst sehr viel nützlicher, wenn du sprechen könntest.«

Klecks fuhr fort, Runden zu drehen, während auf seinem Rücken Flammen wie winzige orangefarbene Banner flackerten. Er irrte sich nie, was Gefahren betraf, aber er konnte einem nicht sagen, ob diese Gefahr von einem Meteoriten ausging, der auf die Erde zuraste, oder von einem verliebten Elch, der auf dem Parkplatz Amok lief.

Oder von einem Trio Vampiren.

Ich öffnete die Käfigtür; Klecks krabbelte heraus und verschwand sofort unterm Schreibtisch. »Pass bloß auf«, sagte ich. »Wenn du das Gebäude abfackelst, bin ich arbeitslos.«

Adrenalin schoss durch meine Glieder, als ich die neu katalogisierten Bücher auf dem Karren durchsuchte. Der Gebrauch von Zauberei mochte mir unter gewöhnlichen Umständen verboten sein, aber das hier erfüllte definitiv die Kriterien von außergewöhnlichen Umständen. Ich schnappte mir Ann Crispins jüngstes Buch Vulkans Spiegel, ein in einem Spiegeluniversum spielendes Weltraumabenteuer der alten Schule, sogar mit Bösewichten mit Spitzbart.

Ich besaß zwar kein fotografisches Gedächtnis, aber Training und eine gewisse natürliche Begabung hatten mich verdammt nah drangebracht. Ich blätterte vor zu Kapitel acht und überflog den Text bis zu der Stelle, wo ein echsenartiger Attentäter den Gang seines Alienschiffs entlangkriecht – eine Disruptorpistole in der Hand.

Die Autorin hatte die Szene detailliert beschrieben: den Griff der Waffe, die aus einem harten, scharfkantigen Metall bestand; wie die Energie der Pistole das Handgelenk des Attentäters leicht erwärmte; das metallisch-blaue Schimmern, das der Lauf annahm, als die Echse einen Wachmann in rotem Hemd sichtete … Einzelheiten über Einzelheiten, von denen jede die Szene im Kopf des Lesers noch lebendiger werden ließ. Sie real machte.

Libriomantik war in vielerlei Hinsicht die Zauberei für Faule. Es gab keine Zauberstäbe, keine schicken Zaubersprüche, keine uralten Beschwörungen. Kein Gefuchtel mit der Hand, keine Runen. Nichts als die Wörter auf der Buchseite, der kollektive Glaube der Leser und die Liebe des Libriomanten zu der Geschichte.

Liebe war der Schlüssel für den Zugang zu diesem Glauben und dieser Macht. Und diese Szene war mir als Teenager eine der liebsten gewesen.

Meine Finger fuhren die Worte entlang, erspürten die Rauheit des Papiers, die Schwellung der Seite in der Nähe des Buchrückens. Mein Mund war trocken, und mein Herz schlug so heftig, als wäre ich ein junger Bursche, der im Begriff war, zum ersten Mal ein Mädchen zu küssen.

Ich dachte zurück an die Tage, als ich mit meinem Vater und meinem Bruder auf die Jagd gegangen war. Das langsame, gleichmäßige Atmen, als ich Kimme und Korn meiner Büchse ausrichtete. Tief Luft holen, ausatmen und langsam den Abzug betätigen.

Meine Finger glitten durch die Seiten hinein in ein anderes Universum. Ich spürte die heiße, feuchte Luft des Raumschiffes auf meiner Haut. Ich krümmte die Hand und beobachtete die Bewegung von Fingern, die an den Knöcheln zu enden schienen.

Ich griff tiefer hinein, bis ich die trockene, schuppige Haut am Arm des Killers berührte. Doch in diesem Alienfleisch gab es kein echtes Leben. Was ich spürte, war nicht mehr als die Manifestation des Glaubens an das Gelesene. Real oder nicht, der Attentäter hatte einen festen Griff, und ich musste zerren und drehen, um seiner Hand die Waffe zu entwinden.

Der Disruptor fühlte sich unangenehm heiß an. Er war so groß, dass ich ihn auf die Seite drehen musste, damit er nicht an den Rändern des Buchs hängenblieb. Als ich die Hand herauszog, wurden Magie und Geschichte Wirklichkeit: Ich umklammerte jetzt eine schwere Pistole aus brüniertem Stahl, mit dickem Griff und einem Lauf so lang wie mein Unterarm. Ich schob den Finger durch einen Abzugsbügel, der eindeutig für Finger in der Größe von Bratwürsten entworfen worden war, und versteckte die Waffe hinter meinem Rücken.

Die Tür zur Bücherei wurde mit solcher Wucht aufgestoßen, dass der Rahmen wie Balsaholz zersplitterte. Kalte Angst überspülte meine Erregung über das Wunder der Zauberei und drängte mich zu einer Entscheidung: kämpfen oder fliehen.

Weder der einen noch der anderen Option war gegen Funkler eine besondere Aussicht auf Erfolg beschieden.

Ich lehnte mich an den Schreibtisch und tat mein Bestes, um unbesorgt zu wirken. »Es tut mir leid, die Bücherei ist geschlossen. Ärger mit dem Heizkessel. Wenn Sie morgen früh wiederkommen könn–«

»Isaac Vainio?«

So viel zu der leisen Hoffnung, dass sie nicht hinter mir her waren. Die Sprecherin war eine Jugendliche, vielleicht fünfzehn Jahre alt – jedenfalls war dies das Alter, in dem sie verwandelt worden war. Sie trug ein leuchtend orangefarbenes Kapuzenshirt und zu viel Schminke. Kurze schwarze Haare lugten unter der Kapuze hervor; um ihren Hals war ein roter Flanellschal geschlungen. Ein alter Rucksack hing über ihrer linken Schulter. Ihre stumpfen, rot-schwarzen Augen verließen die meinen für keinen Moment.

Ihre Begleiter waren ein stämmiger braunhäutiger Mann in Flanell und eine blasse Frau mittleren Alters in einem knöchellangen Regenmantel. Der Regenmantel zeigte ein helles Blumenmuster, das in völligem Widerspruch zu der Wut und dem Hunger in den Augen seiner Trägerin stand. Der Mann hatte eine Kappe vom Footballteam der Green Bay Packers auf dem Kopf und sah aus, als ließe er sich regelmäßig von einem italienischen Figaro auf Krawall bürsten.

»Das bin ich«, sagte ich, wobei ich auf das Namensschildchen tippte, das an meiner Hemdtasche festgesteckt war. Das Bild unter dem Plastik, das mich mit offenem Mund zeigte, wurde zum größten Teil von dem weißen Pulver des Feuerlöschers verborgen. »Womit kann ich Ihnen helfen?«

»Informationen und Rache.« Sie schob die Kapuze zurück und reckte den Kopf, als überprüfe sie, ob ich auch wirklich allein war. Sie schürzte die Lippen, wodurch krumme Zähne zum Vorschein kamen, und kurz fragte ich mich, ob Zahnspangen bei Vampiren wohl etwas bewirkten. »Sie sollten sorgfältiger bei der Wahl Ihrer Freunde sein, Isaac.«

Ich musterte das Trio genauer. Ich war mir sicher, dass ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Also keine Einheimischen. Relativ jung, denn Meyerii waren erstmals im Jahr 2005 plötzlich aufgetaucht.

Ich hatte so ziemlich jedes Vampirbuch gelesen, das jemals auf Englisch, Deutsch, Spanisch oder Französisch geschrieben worden war. In den letzten Jahren hatten die Autoren nach und nach viele der monströsen vampirischen Wesenszüge einfach weggeschnippelt. Doch wichtiger war, dass sie auch viele ihrer Schwächen eliminiert hatten. Meyerii mit Sonnenlicht, Knoblauch oder Pflöcken durchs Herz eliminieren zu wollen war ungefähr so sinnvoll wie der Versuch, sie zu Tode zu kitzeln.

Es bedurfte meiner vollen Konzentration, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die da raunte, dass ich gleich sterben würde. Stattdessen verlegte ich mich auf Wut. »Zwei Jahre, drei Monate und sechzehn Tage!«

Rote Augen verengten sich. »Ergreift ihn!«

Die Frau mittleren Alters fletschte die Zähne. Ihr Mantel flatterte heftig, als sie sich bewegte; zu schnell, als dass ich es hätte verfolgen können. Ihre Hände legten sich wie Ketten um meine Oberarme und hoben mich hoch.

»So lange ist es her, dass ich zum letzten Mal gezaubert habe!« Meine Worte waren heiser, herausgepresst durch Furcht und Adrenalin. Ich manövrierte den Lauf der Pistole in ihre Seite und drückte ab.

Grüne Energie brannte sich durch ihre Bauchgegend. Sie ließ mich fallen, die Augen weit aufgerissen vor Panik, und packte das Loch mit beiden Händen, als wollte sie sich selbst zusammenhalten. Es dauerte weniger als eine Sekunde, bis die Energie ihren ganzen Körper verschlungen hatte und nichts als ein schwacher Ozongeruch in der Luft zurückblieb.

Ich zielte auf das Mädchen und hoffte, sie wäre durch den Verlust ihrer Gefährtin so geschockt, dass ich einen weiteren Schuss abgeben konnte. Fehlanzeige. Der Disruptor wurde mir aus der Hand gerissen, und etwas ungefähr von der Größe und Energie eines kleinen Lastwagens schleuderte mich quer durch den Raum. Ich knallte in die Regale und sackte auf dem Boden zusammen, während rings um mich Taschenbücher herabregneten.

Der Green-Bay-Packers-Fan hatte mich mitten in die Abteilung für Ritterromane geworfen. Hier gab es nicht viel, was ich gebrauchen konnte, auch wenn der Raum sich nicht wie ein außer Kontrolle geratenes Karussell gedreht hätte. Wenn ich die Augen zukniff, wäre ich vielleicht imstande, ein Claymore-Schwert aus einem der Schottlandromane zu ziehen, aber das würde so ziemlich gar nichts gegen diese beiden ausrichten. Wo war ein guter Tarnumhang, wenn man wirklich einen brauchte?

Green Bay drehte seine Hand in mein Hemd, hob mich mit einem Arm hoch und drückte mich so fest gegen das Regal, dass es mir den Brustkorb zusammenquetschte.

»Reiß ihm die Arme aus, wenn er irgendein Buch auch nur anschaut!« Das Mädchen kam herüber und nahm ihrem Gefährten den Disruptor aus der Hand. Sie stieß mir den Lauf in die Seite. Das Metall war heiß genug, um mich zu verbrennen.

»Wenn Sie einen Büchereiausweis wünschen, müssen Sie eins der gelben Formulare ausfüllen«, sagte ich. Guter alter Scherz; die letzte Zuflucht vor Schrecken und nahendem Tod.

Das Vampirmädchen war mehrere Zentimeter kleiner als ich, aber der animalische Hunger in den roten Augen ließ sie größer wirken. »Du hättest uns in Ruhe lassen sollen, Isaac.«

Ich schmeckte Blut. Ich musste mir in die Wange gebissen haben, als ich gegen das Regal geprallt war. Ich schluckte; schon um den Geruch nach Blut zu minimieren. »Euch ist aber klar, dass ihr meine Tür aufgebrochen habt, oder?«

Ihre Stimme kitzelte mein Schädelinneres, als würde ein Tausendfüßler über meine Großhirnrinde krabbeln. »Sag mir, welcher der Pförtner Jagd auf uns gemacht hat!«

»Ich habe mich aus dem Außendienst zurückgezogen.« Auch nach mehr als zwei Jahren versetzten diese Worte mir einen Stich. »Und ich habe nie Vampire gejagt! Wir überlassen es euch, die eigene Art in Zaum zu halten. Die Automaten kümmern sich nur um die aggressiven Einzelgänger, mit denen eure Gebieter nicht fertigwerden.«

Ihre Stimme wurde sanfter, und die Tausendfüßler gruben sich tiefer in meinen Kopf. Die meisten Meyerii hatten keine psychischen Kräfte. Doch sie könnte so eine verdammte Kreuzung sein. Eines schönen Tages würden vampirische Experimente mit Transfusionen etwas erschaffen, dessen sie nicht mehr Herr werden konnten.

»Lüg mich nicht an, Isaac! Du wirst mir ihre Namen nennen.«

»Ich bin Libriomant. Gedankentricks wirken bei mir nicht, nur Geld.« Wenn alles andere versagt, greif auf Filmzitate zurück.

»Verdammt!« Sie drehte sich weg von mir.

»Du bist neu in der Vampirbranche, stimmt’s?«, fragte ich, während ich mir Mühe gab, meine Atmung zu kontrollieren. »Du warst vermutlich beim letzten Mal nicht in der Gegend, als deine Art in eine direkte Konfrontation mit den Pförtnern gegangen ist. Das war nicht schön. Dreiundzwanzig skrupellose Vampire, die durch die Straßen von New Orleans marschierten, gegen einen alten mechanischen Krieger. Alles, was es brauchte, war dieser eine Automat, um die Vampire in dreiundzwanzig Haufen Staub und Asche zu verwandeln.« Ich mochte zwar bloß ein Bibliothekar sein, aber ich war immer noch ein Mitglied der Zwelf Portenære, und einen Pförtner umzubringen kam einem Todesurteil gleich. Das sollten die beiden wissen.

Sie schaute mich nicht an, aber ich konnte spüren, wie ihr Kollege nervös wurde. »Ich habe keine Ahnung, was los ist, aber wenn ich etwas damit zu tun hätte, glaubt ihr wirklich, ich hätte euch durch meine Haustür spazieren lassen? Dass ich mich so leicht hätte fangen lassen? Dass ich ein Namensschild tragen würde?«

Ihr Blick wanderte zu dem Plastikkärtchen hinunter. Sie wischte mit dem Daumen durch das Puder und starrte auf das verblichene Foto, auf dem ich selbst ein bisschen vampirhaft aussah.

Wäre ich nicht seit zwei Jahren aus der Übung gewesen, hätte ich sie mit etwas Besserem als einer Strahlenkanone empfangen. Damals in den Tagen Draculas hatten Menschen eine reelle Chance gegen die Untoten. Doch je mehr die sich von Monstern zu aufregenden, sexy Superhelden entwickelten, desto mehr sanken die Chancen gegen null, dass ein Mensch eine Begegnung mit einem wütenden Vampir überlebte.

»Da ist was dran, Mel.« Green Bays Griff lockerte sich fast unmerklich. »Er sieht wie ein Niemand aus. Er ist bloß ein Bibliothekar.«

»Was soll das heißen, bloß ein –«

Er schleuderte mich erneut gegen das Regal, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

»Er lügt!«, behauptete Mel beharrlich.

»Ich bin ein schrecklicher Lügner«, sagte ich schnell. »Da könnt ihr jeden fragen.«

Mel trat einen Schritt zurück und legte den Disruptor auf den Schreibtisch. »Wir werden seine Gedanken von einer Leserin sichten lassen.«

Leser: ein umgangssprachlicher Begriff für eine andersartige Spezies von Vampiren, die Gedanken und Erfahrungen ihrer Opfer absorbieren können. Vielleicht hatte ich ja doch noch ein paar Stunden zu leben. Sie würden mich in das Nest zurückbringen müssen, aus dem sie gekommen waren – wahrscheinlich Detroit oder Green Bay. Wenn ich noch ein Buch in die Hände bekäme oder auch nur ein schnelles Telefonat führen könnte …

Mel öffnete ihren Rucksack und nahm einen großen Tupperware-Behälter und ein Butterflymesser heraus. »Lass ihn auslaufen. Sein Blut wird der Leserin alle Erinnerungen verschaffen, die sie braucht.«

»Augenblick mal, ihr solltet einem Gefangenen eigentlich Zeit zum Verhandeln geben! Das ist Tradition. Ich bin ein Libriomant, schon vergessen? Ihr wollt Geld? Bringt mich in die Geschichtsabteilung, und ich gebe euch den Hope-Diamanten!« Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf Green Bay. »Oder wie wär’s mit einem Packers-Super-Bowl-Ring? Gib mir zwei Minuten in der Sportabteilung, und er gehört dir!«

Er folgte meinem Blick, aber Mel boxte ihm auf die Schulter.

»Was soll er schon machen?«, fragte er. »Uns mit einem Football angreifen?«

»Wir werden dem Buchmagier keine weiteren Bücher geben!« Mel unterstrich jedes einzelne Wort, indem sie Green Bay ihren schwarz glänzenden Nagel im Takt in die Schulter stieß.

Ein träges Klopfen am kaputten Türrahmen ließ beide Vampire herumwirbeln.

»Raus hier!«, schrie ich, um zu warnen, wer auch immer dort kommen mochte. Ich packte Green Bays Finger und versuchte, seinen Griff abzuschütteln, aber das war wie der Versuch, Stahl zu biegen. Ihm in den Bauch zu treten stellte sich als gleichermaßen fruchtlos heraus.

»Die Bücherei ist geschlossen!«, blaffte Mel.

Schritte knirschten auf zerbrochenem Holz und Glas. Als ich sah, wer hereingekommen war, wurde mein Körper ganz schlaff vor Erleichterung.

Lena Greenwood war sicher die am wenigsten beeindruckende Heldin, die man je gesehen hatte. Sie war mehrere Zentimeter kleiner als ich, wohlproportioniert, gleichzeitig eine elegante Tänzerin. Ihr wirkliches Alter war mir nicht bekannt, aber dem Aussehen nach schätzte ich sie auf Anfang zwanzig. Sie war ungefähr so furchteinflößend wie ein Stoffbär. Eine verdammt sexy Bärin vielleicht, aber keine, von der man erwarten würde, dass sie sich mit einem Monster anlegt.

Strähnen schwarzen Haares umrahmten dunkle Augen, ein rundes Gesicht und ein fröhliches Lächeln, als wäre sie gerade in eine Überraschungsparty hereingeplatzt. Sie trug eine Motorradjacke aus schwarzem Leder, jene Sorte mit eingearbeiteten Plastikprotektoren an Schultern, Ellbogen und Rücken. Das T-Shirt, das darunter herausschaute, war dreckig, genau wie ihre Jeans und die roten Turnschuhe an ihren Füßen. Sie hielt ein Paar Bokken in den Händen: gebogene hölzerne Übungsschwerter, deren Farbe zum hellbraunen Ton ihrer Haut passten.

»Vampire?«, fragte sie.

Ich brachte ein Nicken zustande. »Sie wollten ihre Säumnisgebühren nicht bezahlen.«

»Vielleicht möchtest du uns Gesellschaft leisten?«, fauchte Mel. Sie schnauzte ihren Gefährten an: »Vergewissere dich, dass sie allein ist!«

Green Bay ließ meine Schultern los und fegte wie ein Blitz im Zeitraffertempo durch die Bibliothek. Ich sah nicht, was als Nächstes passierte, weil ich damit beschäftigt war, hinzufallen und vor Schmerz zu keuchen, aber als ich wieder rüberschauen konnte, war der Vampir mit einem von Lenas Bokken in der Brust wie ein Insekt an die Wand gespießt.

Er fletschte die Zähne, packte das Heft und versuchte sich zu befreien. Der Pflock-durchs-Herz funktionierte bei Meyerii zwar nicht, aber der Vampir schien trotzdem nicht imstande, Lenas Waffe zu zerbrechen oder zu entfernen.

»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte Mel herrisch.

Die Bemühungen von Green Bay wurden hektischer, als Lena ihm den Rücken zuwandte und mit großen Schritten auf uns zukam. »Das Holz ist lebendig«, sagte sie leise. »Es hat Wurzeln geschlagen.«

Ich blickte Mel an. »Noch kannst du abhauen.«

Mel stürzte sich auf den Disruptor. Lena holte aus, schwang ihren verbliebenen Bokken beidhändig in einem Überkopfschlag und traf die Schusswaffe, bevor Mel abdrücken konnte. Grüne Funken sprühten aus dem Lauf, aber sonst geschah nichts. Mel schleuderte den Disruptor weg und packte mich an der Gurgel, sodass ihre Nägel meine Haut durchbohrten. »Ich werde ihn töten!«

Lena ließ die Spitze ihres Bokkens auf dem Boden ruhen und faltete beide Hände über dem Heft. Ihre Augen waren blutunterlaufen und ihre Unterlippe geschwollen. »Und ich bin wirklich versucht, dir das zu erlauben. Was ist nur los mit dir, Isaac? Lässt du dich von einem Vampirpärchen derart in die Bredouille bringen?«

»Es waren drei!«, korrigierte ich mit abgepresster Stimme. »Ich habe eine erwischt.«

»Mit deiner Spielzeugknarre? Der Knarre, die sie dir prompt abgenommen haben?« Lena schüttelte den Kopf. »Wie hast du bloß im Außendienst überlebt?«

»Sie haben mich aus dem Außendienst rausgeworfen, schon vergessen? Außerdem bin ich außer Übung.« Aber sie hatte recht. Es gab Abschirmungen, die mich vor den Angriffen der Vampire geschützt hätten, Gedankenkontrollstrahlen und lauter solche Sachen.

»Haltet die Klappe, alle beide!« Mels Blick huschte zu ihrem Partner, der sich weiter wand und wehrte. Ich stellte mir vor, wie winzige Wurzeln durch seinen Körper stießen und sich in der Wand verästelten. Mich schauderte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung über mir. Ich zwang mich, Mel direkt anzuschauen, um ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Feuerspinne zu lenken, die sich an einem Seidenfaden langsam von der Decke herabließ. Den letzten halben Meter ließ Klecks sich fallen, um wie eine flauschige rotbraune Krone sachte auf Mels Kopf zu landen.

Eine wütende, brennende Krone.

Flammen züngelten durch Mels Haare. Sie kreischte, wirbelte herum und katapultierte Klecks durch die Luft gegen einen der Computer. Ich packte das oberste Regalbrett, hob beide Füße an und trat fest zu.

Vampire mochten stark sein, aber Mels Masse war die eines Menschen, und ich hatte die Physik auf meiner Seite. Sie taumelte zurück, dann krachte Lenas Bokken auf ihren Unterarm und zertrümmerte die Knochen.

Mels unversehrte Hand griff in das Leder von Lenas Jacke. Die beiden schienen durch die Bibliothek zu fliegen. Mel warf Lena neben einem der schneckenförmigen Bücherregale zu Boden, das mit lautem Getöse umkippte. Sie griff nach Lenas Hals.

Lena packte den Arm der Vampirin an Handgelenk und Ellbogen, dann drehte sie.

Untot oder nicht, Schmerz konnte Mel immer noch fühlen. Das laute Knacken, das einen ausgekugelten Ellbogen vermuten ließ, ließ mich zusammenzucken. Green Bay stieß ein animalisches Knurren aus und verdoppelte seine Anstrengungen, freizukommen. Die Wand hinter ihm bekam Risse.

Ich schnappte mir Vulkans Spiegel und überflog die Seiten, bis ich an die Stelle kam, die ich zuvor benutzt hatte. Mit der anderen Hand nahm ich den Disruptor, stieß ihn ins Buch und ließ die beschädigte Waffe vom Text in ihre ursprüngliche Form und Funktion umgestalten, ehe ich sie erneut herauszog. Nicht der sicherste Schachzug, aber gemeingefährliche Vampire gingen als mildernde Umstände durch.

Mit einem unmenschlichen Schrei riss Green Bay sich endlich los, wobei er einen ordentlichen Brocken Wand herausbrach. Als er auf Mel und Lena zuwankte, visierte ich ihn an und drückte ab. Er verschwand in einer Stichflamme aus grüner Energie.

Lena brachte Mel in eine aufrechte Stellung. »Du bist an der Reihe: Wer hat den Angriff in Dearborn befohlen?«

»Welchen Angriff?«, fragte ich. Lena wohnte in Dearborn, weshalb ich mich fragte, was genau sie in meine Bibliothek geführt hatte.

»Halt die Klappe, Isaac!«

Mel ballte die Faust und schlug zu. Sie traf Lena am Kinn. Danach zu urteilen, wie Mel aufschrie, tat ihr der Schlag genauso weh wie Lena, doch sie konnte sich losreißen und stürzte auf mich zu.

Ich feuerte ein letztes Mal, und auch Mel löste sich in Staub auf.

Lena hob ihren verbliebenen Bokken vom Boden; den anderen hatte ich zusammen mit Green Bay verdampft. Während sie mir den Rücken zukehrte, fuhr sie mit den Fingern übers Holz. »Wieso hast du das gemacht?«

Ihr ausdrucksloser Tonfall verdutzte mich. »Warum ich die Vampirin erschossen habe, die gerade versucht hat, mir die Gurgel aufzuschlitzen?«

»Sie war besiegt. Du musstest sie nicht töten.«

»Und du hast ihren Kumpel mit einem deiner Schwerter durchbohrt!«

»Ich habe ihn nur aufgehalten. Ich hätte auch sie aufgehalten.« Mit einem Seufzer drehte sie sich um und blickte mir ins Gesicht. »Sie waren einmal menschlich, bis Zauberei sie in etwas anderes verwandelt hat. Meinst du, dieses Mädchen hat wirklich verstanden, wozu sie werden würde?«

Ich hob das Butterflymesser auf, das Mel fallengelassen hatte. Nachdem die unmittelbare Gefahr vorbei war, fühlte ich mich ziemlich zitterig. »Ich könnte mehr Mitgefühl aufbringen, wenn da nicht die Sache mit dem Gurgelaufschlitzen gewesen wäre.«

»Was haben sie zu dir gesagt?«

»Sie glaubten, ein Mitglied der Pförtner hätte Vampire gejagt, und wollten von mir wissen, wer dabei die Finger im Spiel hat.« Ich ließ mich auf die Knie nieder, kroch unter die Computertische und suchte zwischen verhedderten Kabeln nach irgendeiner Spur von Klecks. Ich fand ihn versteckt in einem Nest aus blauen Netzwerkkabeln. Dem Geruch verbrannten Plastiks nach zu urteilen, würden wir morgen früh den Techniker rufen müssen, aber Klecks schien unversehrt. Er trippelte hoch auf meine Schulter und sengte dabei kleine schwarze Punkte auf meinen Ärmel.

»Und was hast du ihnen gesagt?«, fragte Lena.

»Nichts. Ich bin ausgeschieden, schon vergessen? Niemand erzählt mir irgendwas.« Ich nahm Vulkans Spiegel noch einmal in die Hand und blätterte zu Kapitel acht. Ich suchte die Innenränder nach Kohlerückständen ab, aber dies war eine Neuerscheinung, und die Seiten waren frei von magischem Zerfall. Ich löste den Disruptor auf, indem ich ihn zurück in den Text steckte, und legte das Buch auf seinen Karren. »Danke.«

Sie stellte einen der umgekippten Tische auf. »Jederzeit.«

Ich hatte Lena nicht mehr gesehen, seit ich vor zwei Jahren wieder hoch in den Norden gezogen war. Nach meinem letzten Wissensstand war sie die einzige in Nordamerika lebende Dryade und diente gegenwärtig Doktor Nidhi Shah als Leibwächterin. Shah war eine im Süden des Staates arbeitende Seelenklempnerin, die mit einer Reihe von ungewöhnlichen Kunden zu tun hatte – wobei das auch mich mit einschloss. Lena wohnte mit ihr in einem Haus.

»Du hast einen anderen Angriff erwähnt. Was geht hier vor, Lena?«

Sie ging zur Tür zurück, um kurz nach draußen zu sehen. »Nun, nach allem, was ich sagen kann, haben die Vampire den Pförtnern den Krieg erklärt.«

Kapitel 2

Die Vorstellung, dass Vampire den Pförtnern den Krieg erklärten, war ungefähr so lächerlich wie die Idee, dass die obere Halbinsel Michigans gegen Kanada in den Krieg zog.

Ursprünglich bekannt als Die Zwelf Portenære oder Die Zwölf Torhüter, gab es die Pförtner ungefähr ein halbes Jahrtausend lang. Die ursprünglichen zwölf hatten aus neun Libriomanten, einem Hexenmeister, einem Barden und einem Alchemisten bestanden. Bis auf zwei waren sie alle längst tot, aber über die Jahrhunderte war die Organisation gewachsen und zählte jetzt zwischen vier- und fünfhundert Mitglieder weltweit.

Die Aufgabe der Pförtner war immer noch dieselbe. Jeder legte einen Eid ab, die Geheimnisse der Zauberei zu bewahren, die Welt vor magischen Bedrohungen zu schützen und daran zu arbeiten, unser Wissen über die Macht und das Potenzial der Zauberei zu erweitern.

»Die Vampire werden jedes Jahr stärker«, stellte Lena fest, als sie die Wand an der Stelle untersuchte, wo Green Bay sich losgerissen hatte. Einige Pfeiler waren freigelegt, und Gipsbrocken übersäten den Teppich.

»Ich gebe Anne Rice die Schuld daran. Sie hat Ende der Siebziger diese ganze Vampirsache wieder aufleben lassen. Dann halfen Huff, Laurell K. Hamilton und ein paar andere, sie noch mehr aufzubauen …« Und dann war da in jüngerer Zeit natürlich noch Stephenie Meyer gewesen.

Übernatürliche Wesen kamen auf eine von zwei Arten zustande. Eine Hand voll wurde auf natürliche Weise geboren und entwickelte sich parallel zum Homo sapiens mit magischen Talenten oder Fähigkeiten, die ihnen zu überleben halfen. Heutzutage bedeutete Überleben vor allem das Verheimlichen ihrer Existenz, wie beim pazifischen Tiefseemeervolk oder der Hand voll Nagas, die in Laos lebten.

Aber die Mehrheit der magischen Spezies wurde erschaffen, zum Teil durch die Zauberei der Libriomantik.

Es gab nur vierundzwanzig bekannte Libriomanten in diesem Land, und die waren nicht so dumm, in einen Roman mitten in eine Vampirszene hineinzugreifen und womöglich mit einem gefletschten Fangzahn aneinanderzugeraten. Aber es gab immer noch andere: Menschen mit Potenzial, Leser mit einer natürlichen Begabung, die nicht begriffen, was sie taten.

Hatte Mel vielleicht versehentlich in ein Buch gegriffen, wo sich Vampirzähne in ihren Arm gegraben hatten und Magie siedend heiß durch ihre Adern geströmt war? Oder war sie auf die altmodische Art von einem anderen Meyerii verwandelt worden? Lena hatte recht damit, dass sie nicht wirklich gewusst haben konnte, worauf sie sich einließ, selbst wenn man ihr eine Wahl gelassen hatte.

»Was ist in Dearborn passiert?«, fragte ich. »Geht es Doktor Shah gut?«

Lenas Blick verhärtete sich, als sie sich umdrehte. »Du hast Gesellschaft.«

Ich ging zu einem der Drahtdrehregale und nahm mir einen alten Schundabenteuerroman. Ich blätterte zu einer vertrauten Seite, und meine Finger sanken in das vergilbte Papier, bis ich den Chrom-und-Stahl-Griff einer guten altmodischen Laserkanone streifte. Die Waffe fühlte sich kalt an; eine Eigenheit des eingebauten Kühlsystems, das verhinderte, dass die winzige Atombatterie eine kritische Temperatur erreichte.

Ich versuchte, nicht allzu angestrengt daran zu denken.

»Noch eine Pistole?« Lenas Augenbrauen hoben sich. »Hast wohl nur einen Libriomantentrick drauf, was?«

Draußen eilte ein stämmiger Mann mit schweißnasser Stirn auf die Stufen der Bibliothek zu; er umklammerte mit beiden Händen ein Jagdgewehr mit Kammerverschluss. Feuchte Haarbüschel klebten wie kleine braune Splitter an den abgenutzten Ärmeln seines Jeanshemds. »Alle wohlauf da drin?«

»Es geht uns gut, John.« Ich legte den Metallhebel am Laser um, um ihn auszuschalten, bevor ich ihn in meine Tasche gleiten ließ. John und Lizzie Pascoe führten den Friseursalon auf der anderen Seite der Straße. Sie waren großartige Nachbarn, allzeit bereit, mit anzupacken und einem Freund zu helfen … genau das, was ich im Moment nicht brauchte.

John hielt sorgfältig Abstand, als er zwischen uns spähte. Er hatte nie etwas gesagt, aber ich wusste, dass Klecks ihn nervös machte. »Verdammt, Vainio! Hier drin herrscht ja das reinste Chaos! Was zum Teufel haben Sie getrieben, einer Horde herumziehender Hockeyspieler Freibier spendiert?«

Ich drehte mich um, und jetzt erst drang mir ins Bewusstsein, wie gründlich wir die Bibliothek verwüstet hatten. Bücherlawinen waren von kaputten Regalen haufenweise auf den Teppich niedergegangen, gesprungene und zerschmetterte Bildschirme lagen neben umgekippten Tischen, die Tür sah aus, als hätte sie einen Kampf mit einem stinksauren Grizzly verloren, und dann war da noch die zertrümmerte Wand.

»Lizzie hat die Polizei gerufen, als wir den Tumult gehört haben«, sagte John.

»Danke.« Das hier der Polizei zu erklären würde fast so schwierig werden, wie es meiner Chefin zu erklären. »Wir hatten einen Wolf.«

»Einen Wolf?«, wiederholte John mit einem Skeptizismus, der so offensichtlich war wie der Geruch nach Pfeifentabak in seinem Atem.

»Jemand muss gestern Abend die Hintertür offen gelassen haben«, fabulierte ich. »Ich nehme an, er kam herein, um aus dem Regen zu kommen, und hat sich im Keller versteckt. Hat sich oben auf den Heizkessel gezwängt, um sich warm zu halten. Als ich runterging, um nachzusehen, ist er durchgedreht.«

Johns Gesicht wurde zu einer finsteren Miene. »Und die Hippies unten in Lansing wollen die verdammten Biester beschützen!«

Ich bezweifelte, dass John glücklich gewesen wäre, wenn er erfahren hätte, auf wessen Seite ich während des letzten Kampfes darum, die Wölfe auf die Liste der bedrohten Tierarten zu setzen, gestanden hatte. Das DNR, die Abteilung für Naturressourcen, hatte recht damit, dass die Wolfspopulation wieder ein gesünderes Niveau erreicht hatte, aber die Pförtner kämpften weiter darum, das Jagen und Töten von Wölfen zu regulieren … und wichtiger noch, die Werwolfrudel zu schützen, die in der Wildnis der oberen Halbinsel lebten. »Er hat ja niemanden verletzt. Nur ein bisschen Unordnung angerichtet, das ist alles.«

»Ein bisschen Unordnung?«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Er hat ein paar Regale und Tische umgeworfen und Klecks’ Käfig umgestoßen. Hat das arme Ding halb zu Tode erschrocken. Aber alles, was der Wolf wollte, war, sich aus dem Staub zu machen.«

»Sie sind ein Glückspilz, Isaac!«

»Glauben Sie mir, das weiß ich.« Ich warf einen Blick auf Lena. Sie hatte ihren Bokken in den Gürtel gesteckt und stand mit verschränkten Armen da. »Lena hier hat das Vieh verjagt.«

Sie nahm das als ihr Stichwort und streckte die Hand aus. »Lena Greenwood. Ich habe von draußen den Lärm gehört. Isaac versuchte, den Wolf mit irgendeinem alten Science-Fiction-Buch abzuwehren.«

»Das klingt ganz nach Isaac«, meinte John lachend. Er musterte sie von oben bis unten, ehe er den Handschlag erwiderte. »Und Sie sind also dem Wolf mit einem Stock hinterher?«

»Bokken«, korrigierte Lena. »Ich habe den zweiten Meistergrad in Kendo, und ich habe auch Gatka studiert – indischen Stockkampf. Ich dachte mir, meine Chancen stünden besser als Isaacs.«

John grunzte. »Sie sind eine Bekannte von ihm?«

»Ich habe ein- oder zweimal mit ihm zusammengearbeitet, im Süden des Staates.«

»Isaac spricht nicht viel über sein Leben als Troll«, sagte er.

Lena warf mir einen schnellen, fragenden Blick zu.

»Die Leute, die auf der unteren Halbinsel Michigans leben«, klärte ich sie auf. »Unterhalb der Brücke.«

In der Ferne heulten Sirenen. Ich ging an John vorbei und überprüfte die Straße: Wir hatten uns ein paar Gaffer eingehandelt, aber von weiteren Vampiren war nichts zu sehen. Klecks hatte sich abgekühlt, also vertraute ich darauf, dass für den Augenblick keine Gefahr bestand.

»Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?« John nahm meinen Arm, wobei er geflissentlich dafür sorgte, dass seine Hand sich auf der von Klecks abgewandten Seite befand. »Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.«

»Adrenalin.« Das und die normalen Nachwirkungen von Zauberei. Es würde mehrere Stunden dauern, bis mein Herzschlag wieder die normale Frequenz hatte. Noch länger würde es dauern, bis die emotionale Erregung abebbte. »Ich bin nur ein bisschen aufgewühlt.«

Die Polizei kam näher. Falls sie damit anfingen, Lena zu befragen oder ihren Hintergrund zu durchleuchten, würde ich noch tiefer in der Tinte stecken als ohnehin schon. »Lena, warum wartest du nicht bei mir zu Hause auf mich? Ich komme, sobald ich hier fertig bin. Ich wohne im Red Maple Drive, am Ostrand vom –«

»Ich weiß.« Sie zog mich in eine schnelle und kräftige Umarmung, die auf John wahrscheinlich spontan wirkte. Ihre Finger verschränkten sich in meinem Nacken, und ihr Atem kitzelte mich am Ohr. »Sei diesmal vorsichtig! Behalte Klecks und deine Bücher bei dir, und sei auf der Hut.«

Sie nickte John zu und sprang die Treppe hinunter, von wo aus sie mit ausgreifenden Schritten auf das Motorrad zuging, das ein kleines Stück weiter oben an der Straße geparkt war. Sie steckte den Bokken in ein Etui, das an der Seite ihrer Maschine festgebunden war, zog sich einen grünen Helm über den Kopf und fuhr davon.

Johns Mundwinkel zuckten. »Junge, Junge! Wie lange sind Sie beide denn schon …«

»Lena ist nur eine Bekannte.« Eine Bekannte, die ich kaum kannte und mehrere Jahre nicht gesehen hatte. Eine Bekannte, deren waldiger Geruch mir noch angenehm in der Nase hing. Ich konnte immer noch die Wärme ihres Körpers spüren, der sich an meinen gepresst hatte.

»Na klar, auch alle meine Bekannten umarmen mich so.«

»Neidisch?«, fragte ich.

»Jawohl, Sir.« John grinste und warf einen Blick über die Schulter, als wollte er sich vergewissern, dass seine Frau nichts gehört hatte.

»Ähm, vielleicht möchten Sie lieber nicht mit einem Gewehr hier rumstehen, wenn die Polizisten anfangen, Fragen zu stellen«, sagte ich behutsam.

Er kicherte, zog den Bolzen an seiner Waffe zurück und warf eine Patrone aus, welche er in der Hemdtasche verschwinden ließ. »Wenn Sie wollen, kann ich mit meinem Bruder reden, dass er Ihnen die Tür da repariert. Er ist ein verdammt guter Tischler, auch wenn ich leugnen werde, das gesagt zu haben, falls Sie es ihm erzählen.«

»Danke, John.« Ich ging wieder hinein, als das Polizeiauto mit blinkenden Lichtern vor der Bücherei anhielt. Ich langte hoch, um Klecks zu streicheln, indem ich sanft über die Borsten entlang seines Rückens fuhr, dann brachte ich ihn in seinen Käfig zurück. Mir blieb gerade noch Zeit, die Laserpistole zurück in ihr Buch zu stecken, ehe der Polizeibeamte an den Türrahmen klopfte.

Ich hörte kaum, wie die zwei Polizisten eintraten; andere Bücher riefen mir von den Regalen aus zu, und ihr lange verlorenes Geflüster war so süß und verführerisch wie Lenas über meinen Hals wandernde Finger. Es gab Gegenstände in diesen Büchern, die sowohl die Polizei als auch meine Chefin hypnotisieren konnten. Damit wäre ich in der Lage, die unvermeidbaren Fragen schneller hinter mich zu bringen und nach Hause zurückzukehren, um mich mit dem zu beschäftigen, was zum Teufel hier vor sich ging.

»Sir, geht es Ihnen gut?«

Ich hielt mich an der Schreibtischkante fest und nickte. Zauberei anzuwenden, um mein Leben zu schützen, war eine Sache, aber die Notlage war vorbei, wenigstens für den Moment. Als ich den Regalen den Rücken zukehrte, fühlte ich dieselbe schmerzende Verzweiflung im Bauch, die ich vor zwei Jahren verspürt hatte, als ich mich von allem Magischen abgewandt hatte.

Prometheus hatte das Feuer von den Göttern gestohlen und die Konsequenzen tragen müssen. Ich hatte das Geschenk der Götter zurückgebracht, und der Preis dafür waren meine Träume gewesen.

»Alles in Ordnung.« Ich rang die Erinnerungen nieder und ging hinüber, um mit ihm und seinem Partner zu sprechen.

Während Passanten auf dem Gehweg tuschelten und tratschten, betete ich im Wesentlichen dieselbe Geschichte herunter, die ich schon John aufgetischt hatte, und würde das den ganzen Tag wiederholen. Einmal tauchte mit heulenden Sirenen ein Löschfahrzeug auf. Ich hatte genug aufgeschnappt, um zu wissen, dass ich dafür Mrs. Trembath zu danken hatte.

»Wir werden jemanden vom DNR vorbeikommen lassen, um im Keller nachzusehen«, sagte eine andere Beamtin, als sie aus der Bibliothek hinausging. »Vielleicht sollten Sie auch mit einem Kammerjäger sprechen. In ein paar der Pfosten bei der Tür haben wir kleine Löcher gefunden.«

Ich schluckte und dachte an Lenas Bemerkung über ihren lebendigen, Wurzeln treibenden Bokken. »Danke.«

»Isaac!« Der Ruf kam von einer Frau in den Vierzigern, die über den Bürgersteig auf uns zukam. »Das ist meine Chefin«, sagte ich. »Haben Sie was dagegen, wenn ich gehe und sie informiere?«

Die Polizistin schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln. »Viel Glück!«

Jennifer Latona war kurz nach mir nach Copper River gezogen; sie hatte den Job des vorherigen Bibliotheksdirektors übernommen, als dieser in den Ruhestand gegangen war. Sie fühlte sich noch nicht völlig wohl mit dem Kleinstadtleben, und oft kam es einem vor, als habe sie das Gefühl, sich beweisen zu müssen.

Sie stieg die Treppe hoch, um hineinzuschauen, und drehte sich dann wieder um. »Die Polizei hat gesagt, es war ein Wolf in meiner Bibliothek.«

»Es wurde niemand verletzt, und für den Schaden müsste die Versicherung aufkommen.« Solange nur niemand herausfand, wer wirklich hierfür verantwortlich war. Nur wenige Policen deckten die Taten von Vampiren ab.

»Ein Wolf war da. In meiner Bibliothek!« Sie fuhr sich mit den Fingern durchs zerzauste Haar.

»Jetzt kommt einem die Spinne gar nicht mehr so schlimm vor, nicht wahr?«

Das trug mir einen wütenden Blick ein. Ich wurde von einem vorbeikommenden Feuerwehrmann gerettet, der bemerkte: »Hätte schlimmer kommen können, was? Vor acht Jahren hatten wir einen Bären, der sich in den Tante-Emma-Laden die Straße runter verirrt hatte. Hat sich mit Schokolade vollgefressen und den Getränkeautomaten in Stücke geschlagen.«

»Ich will hier neue Türen haben!«, forderte Jenn. »Stahltüren mit Riegeln.«

»John hat gesagt, sein Bruder könnte die Arbeiten durchführen. Ich werde ihn anrufen. Ich kann auch den Papierkram für die Versicherung machen, wenn Sie wollen.«

Sie nickte und funkelte die Bibliothek an, als wolle sie den Schaden zwingen, sich selbst zu beheben. Es gab eine Hexe unten in El Salvador, die genau das hätte machen können, aber sie hätte viel zu viel für so einen Auftrag verlangt.

Ich deutete auf die Menge und die blinkenden Lichter. »Ich werde es leichter haben, wenn ich von zu Hause aus arbeite …«

»Da war ein Wolf in meiner Bibliothek!«

Ich nahm das als Erlaubnis. Eine Minute später saßen Klecks und ich in meinem Pick-up und rasten Richtung Zuhause, Lena und hoffentlich ein paar Antworten.

*

Sämtliche Buchmagier, die mir je begegneten, hatten eins gemeinsam: Wir waren Tagträumer.

Sicher, viele Kinder stellten sich vor, wie es wäre, wie Superman oder Wolverine zu sein, oder versuchten heimlich, die Macht zu gebrauchen, um ein Spielzeugauto zu levitieren. Aber wir waren von diesem Zeug besessen. Nacht für Nacht hatte ich wach gelegen und gegrübelt, ob ich den Hitzeblick mit ausreichender Präzision fokussieren konnte, um einen Moskito zu töten, oder ob es mir gelänge, ein Laserschwert so zu modifizieren, dass es über eine normale Steckdose wiederaufladbar wäre. Ich fantasierte davon, was ich alles machen würde, falls ich jemals Superkräfte entwickeln sollte. Wo ich hinfliegen würde, welche globalen Probleme ich zuerst lösen würde, wohin ich mich verkrümeln würde, wenn mir alles auf die Nerven ginge. (Ich hatte mich übrigens schließlich dazu entschlossen, mir eine eigene private Mondbasis zu bauen.)

Manche Kinder entwachsen solchen Dingen, wenn sie größer werden – meine Tagträume waren nur komplexer geworden. Auf der Oberschule konnte ich keiner Geschichtsstunde folgen, ohne mich zu fragen, wie Batman die Ermordung Erzherzog Ferdinands vereitelt hätte oder ob ein einzelner Zeitreisender mit einem Laser und einer hochentwickelten Rüstung den Verlauf der Schlacht am Chickamauga hätte ändern können.

Man stelle sich vor, sein ganzes Leben damit zuzubringen, sich nach dieser Art von Zauberei zu sehnen, nur um dann zu entdecken, dass sie real ist!

Man stelle sich vor, dass, wie so vieles andere, diese Zauberei zu entdecken seinen Preis hat. Regeln und Grenzen und alte Männer, die einem über die Schulter sehen. Ebenso gut könnte man ein Kind an Heiligabend ins Wohnzimmer führen, ihm einen Berg glänzender Geschenke zeigen und ihm sagen, dass es aber nur drei öffnen darf, sonst wird der Weihnachtsmann es verprügeln und in seinen eigenen Strumpf stecken.

Ich lernte, dass ich nie wirklich der Superheld hatte sein wollen. Oh, ich hatte es mir ausgemalt, gewiss. Als Kind hatte ich daran gedacht, die Schlägertypen zu verspotten und dann zu lachen, wenn sie sich Fäuste und Füße an meinen steinharten Muskeln verletzten. In der neunten Klasse entwarf ich ein Szenario nach dem anderen, in denen meine Kräfte mir ermöglichten, Jenny Johnson aus diversen Gefahren zu erretten … und wie sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck verleihen mochte, wenn ich sie erst einmal in Sicherheit geflogen hätte.

Aber was ich wirklich wollte, wovon ich als Erwachsener träumte, war die Zauberei selbst. Ihre Gesetze zu verstehen, ihr Potenzial … Ich hatte unter mehreren Forschern bei den Pförtnern studiert, aber man konnte selbst kein voller Forscher werden, ohne zuerst seine Zeit im Außendienst abzuleisten. Und im Außendienst konnte man nicht arbeiten, wenn man die Gewalt über die eigene Zauberei verlor.

Ein lautes Hupen riss mich aus meinen Gedanken: Die Ampel war grün, und ich hatte es nicht gemerkt. Die Wärme stieg mir ins Gesicht, als ich schnell über die Kreuzung fuhr und dem Fahrer hinter mir eine Entschuldigung zuwinkte.

Auch nach zwei Jahren konnte ich Nicola Pallas’ Worte noch so deutlich hören, als säße sie neben mir im Laster. Nicola war die Regionale Meisterin der Pförtner, im Grunde genommen eine mittlere Zaubereiführungskraft, wenngleich durchschnittliche Führungskräfte ihre Freizeit nicht mit dem Versuch verbrachten, Königspudel mit Chupacabras zu kreuzen.

»Geben Sie die Arbeit im Außendienst auf, Isaac.« Sie war eigens von ihrer Ranch in Illinois hochgekommen, um sich mit mir zu treffen. Ihre Stimme war ausdruckslos, als spräche sie darüber, in welcher Farbe sie ihr Wohnzimmer zu streichen gedachte, und nicht über meine Zukunft bei den Pförtnern. »Wir haben beschlossen, Ihnen einen Schreibtischjob als Titelaufnehmer anzubieten, falls Sie interessiert sind. Wir glauben, dass Sie Ihre Sache dort ordentlich machen würden. Aber mit der Arbeit im Außendienst ist es vorbei für Sie.«

Mit andern Worten, es war vorbei mit der Zauberei für mich. Sie verlangte von mir, der Freude und dem Schauer und dem Staunen den Rücken zu kehren und diese Dinge Leuten mit besserer Selbstbeherrschung zu überlassen. Ich erinnerte mich daran, wie ich eine Grimasse schnitt, denn mein Gesicht war wund und steif von erst teilweise verheilten Verbrennungen. »Was ist meine andere Option?«

Ihre schwarzen Augenbrauen näherten sich einander ein bisschen, als sie mich anblickte. »Sie haben mich falsch verstanden. Dies ist keine Option.«

Was mich am meisten aufbrachte, war, dass sie recht hatte. Ich war ein verdammt guter Titelaufnehmer. Ich erkannte das magische Potenzial eines jeden Buches, das ich las.

Es war mir bloß nicht erlaubt, diese Magie anzutasten.

Als ich bei meinem Haus ankam, einem einstöckigen Gebäude mit Metalldach und Aluminiumverkleidung, das dringend eine Hochdruckreinigung nötig hatte, erblickte ich Lenas am Rand der unbefestigten Auffahrt geparktes Motorrad. Der schwarze und kieferngrüne Honda Sporttourer war seidig glänzend poliert. Auf die Seite war mit Airbrush ein silbernes Eichenblatt gemalt; ihr Helm hing am Heck.

Ich stellte den Motor ab und schnappte mir Klecks’ Käfig. Er war so entspannt, dass er noch das letzte Jelly Belly verputzte, was mir nur recht war.

Ein Eichhörnchenpaar verließ das Vogelhäuschen und flitzte ins Geäst, als ich mich der Eingangsstufe näherte. Es keckerte mir aufgebracht hinterher, als ich die Tür aufschloss und hineinging.

Eine leere Mountain-Dew-Dose stand neben der Spüle, und auf dem Tisch klebte ein Zettel. Ich hatte vergessen, Lena einen Schlüssel zu geben, aber das hatte sie offensichtlich nicht aufgehalten. Ich nahm den Zettel.

Bin bald wieder da. Pass auf dich auf, und bleib am Leben. – L

Ich hatte das Haus kurz nach meiner Neuzuweisung von meinen Eltern gekauft. Sie waren raus nach Nevada gezogen, als meinem Vater eine Stelle in einer der Silberminen angeboten wurde, aber der lausige Immobilienmarkt hatte zur Folge, dass sie dieses Haus nicht verkaufen konnten. Es dauerte volle sechs Monate, bevor ich aufhörte, von diesem Ort als dem Haus meiner Eltern zu denken.

Ich stellte Klecks’ Käfig auf die Arbeitsplatte und ging ins Wohnzimmer, das ich zu meiner eigenen Privatbibliothek umgestaltet hatte. Vom Boden bis zur Decke reichende Kirschholzregale säumten drei Wände. In eine freie Ecke schmiegte sich ein blank gewetzter Ruhesessel neben einer Glasschiebetür, die in den Garten hinterm Haus führte. Das Schloss dieser Tür war schon vor Jahren kaputtgegangen, aber ein Besenstiel in der Schiene verhinderte, dass sie von außen geöffnet werden konnte.

Ich schloss die Augen und fühlte das Ziehen der Bücher. Dies war mein Zufluchtsort, meine Festung der Abgeschiedenheit. In dieser stillen Höhle zu stehen, umgeben von Mauern aus Büchern, reichte normalerweise aus, um innere Ruhe zu finden, ganz egal, wie belastend die Ereignisse sein mochten … Heute jedoch nicht. Heute riefen mir die Bücher zu. Jedes einzelne war eine Pforte zur Zauberei, die nur darauf wartete, aufgeschlossen zu werden.

Ich zwang mich, mich abzuwenden, und kehrte in die Küche zurück, um mir die Tageszeitung zu nehmen. Blatt für Blatt schob ich sie in Klecks’ Käfig und drückte sie auf den Kies. Klecks versuchte, sich rauszuschleichen, aber ich stubste ihn zurück. »Tut mir leid, Kumpel. Ich brauche dich als Sicherheitsdienst.«

Ich schaffte seinen Käfig in den Flur, direkt unter den Rauchmelder. Sobald er an Ort und Stelle war, nahm ich eine Tüte mit schokoladeüberzogenen Ameisen aus dem Kühlschrank und ließ ein paar zu ihm hineinfallen. Er hatte sie sich verdient, weil er geholfen hatte, einen Vampir auszuschalten, und angesichts des ganzen Feuers, das er produziert hatte, würde er die Kalorien brauchen.

Nachdem mein behelfsmäßiger Sicherheitsalarm einsatzbereit und zufrieden war, zog ich mich in mein Büro zurück. Hier warteten noch mehr Bücher, die sich auf dem Schreibtisch und unterm Fenster stapelten. Festeinbände und Taschenbücher, alle zusammengezwängt, als bildeten sie ein literarisches Tetris, das darauf wartete, einsortiert zu werden.

Zuerst versuchte ich Pallas anzurufen, aber sie ging nicht dran. Ich hinterließ eine vage Nachricht über ›Probleme auf der Baustelle‹. Dann versuchte ich es bei Ray Walker, dem Archivar unten in East Lansing, mein früherer Mentor. Sein Handy ging sofort auf die Mailbox, und nach dem zwölften Klingeln gab ich es auf, bei ihm im Lager anzurufen. Ich funkelte das Telefon an, während ich versuchte, mich zu entscheiden, wen ich als Nächstes anrufen sollte, als sich hinter mir knarrend die Tür öffnete.

Mit pochendem Herzen wirbelte ich herum. Lena lehnte in der Tür, ihre beiden Bokken unter einem Arm. Es gelang ihr verdammt schlecht, ihre Belustigung zu verbergen.

»Das nennst du auf der Hut sein?«, fragte sie.

Ich ignorierte die Stichelei. »Hattest du nicht eines dieser Schwerter in der Bibliothek verloren?«

»Ich habe mir ein neues gemacht.« Sie kam herein und sah sich das Büro an. Ihr Blick blieb an einem gerahmten Druck der Raumfähre Columbia auf ihrem Jungfernflug 1981 hängen, der von John Young und Robert Crippen, dem Kommandanten und dem Piloten dieser ersten Mission, signiert war. »Die Bäume haben mir erzählt, dass du wieder hier bist.«

»Die Bäume?«

»Ich war gerade in der großen Eiche im Garten hinterm Haus an der Arbeit.« Sie zuckte mit der Achsel. »Sie reden miteinander. Durch das Wurzelsystem kann ich das ganze Haus beobachten, wenn ich mich tief genug ins Herz des Baumes sinken lasse.«

Diese einfache Feststellung löste eine Lawine von Fragen in meinem Kopf aus. Ich wusste, dass Lena zu ihrem Baum zurückkehren musste und dass sie viele ihrer übermenschlichen Fähigkeiten dieser Verbindung verdankte. Die Kraft des Baums war ihre eigene. Sie war nicht unverwundbar, aber die Wurzeln eines Baumes konnten Beton und Stein zermalmen. Lena war weitgehend ebenfalls dazu in der Lage.

Aber ich wusste nichts darüber, was geschah, wenn sie in einen Baum eindrang. Wie konnte sie wahrnehmen, was draußen vorging? Wurden diese Sinne mit der Entfernung schwächer? Wenn diese Verbindung durch die Wurzeln zu anderen Bäumen weiterreichte, mussten diese Bäume dann derselben Art angehören? Waren manche Bäume der Magie förderlicher als andere?

Ich riss mich zusammen und wandte meine Aufmerksamkeit wieder unmittelbareren Belangen zu, angefangen bei: »Wie bist du reingekommen?«

»Du hast die Hintertür mit einem Holzstock verriegelt.« Sie ließ einen ihrer Bokken herumwirbeln, wobei sie nur knapp den Schreibtisch verfehlte. »Das wirkt bei mir nicht so besonders.«

»Und, ist das jetzt die Stelle, wo du mir erklärst, was los ist?«

»Zuerst was zu essen. Dann die Fragen. Ich wollte deinen Kühlschrank nicht ohne Erlaubnis plündern, aber jetzt, wo du da bist …«

Lena und ich hatten unterschiedliche Definitionen von ›Essen‹. Sie warf ihre Jacke über einen Stuhl und schnappte sich eine Zwei-Liter-Flasche Cherry-Coke und einen alten Becher Eiscreme mit Minzschokoladesplittern. Ich nahm einen Löffel und eine Schüssel und hielt ihr beides wortlos hin.

Sie nahm den Löffel, ließ sich an den Tisch plumpsen und zog eine Tüte M & Ms aus der Jackentasche.

»Du bist noch schlimmer als Klecks!«, sagte ich, während ich ihr zusah, wie sie die Süßigkeiten auf die Eiscreme streute.

Mit einem fast wölfischen Grinsen haute sie rein. »Hoher Stoffwechsel.«

Ich blieb stehen. »Nun?«

»Dies ist nicht der erste Angriff auf die Pförtner.« Sie senkte den Kopf, und schwarze Haare verschleierten ihr Gesicht. »Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass Victor Harrison ermordet wurde.«

»Oh verdammt!« Victor war ein bescheidener, ungeschickter Mann. Er war brillant, aber ich hatte keine Ahnung, wie jemand so Herzensgutes es durch die Arbeit im Außendienst geschafft haben mochte. Doch er war einer der wenigen Menschen, die Magie und Maschinen dazu bringen konnten, schön am gleichen Strang zu ziehen. Damit hatte er das Server-Netzwerk der Pförtner von Grund auf neu aufgebaut, wobei er sowohl normale als auch magische Sicherheitsstufen hinzugefügt hatte.

Drei Jahre zuvor war eine bedauernswerte Frau nahe daran gewesen, in unsere Systeme einzudringen. Gerüchten zufolge genoss sie ein neues Leben als Strumpfbandnatter.

Einer von Victors Lieblingstricks war es, seinen DVR so zu programmieren, dass er Sendungen aufzeichnete und wiedergab, die erst sechs Monate später ausgestrahlt wurden. Er hatte mir eigentlich die nächste Staffel von Doctor Who schicken wollen. »Wie ist es passiert?«

»Sie haben ihn in seinem eigenen Haus zu Tode gefoltert.« Lena stieß den Löffel ins Eis. Ihre Schultern waren angespannt. »Nidhi wurde nach Columbus runtergerufen, um bei der Untersuchung des Tatorts behilflich zu sein. Das Haus war ein Trümmerhaufen; eingeschlagene Wände, zerbrochene Fenster und überall Blut. Er hat ihnen einen guten Kampf geliefert, aber es hat nicht gereicht.«

»Augenblick … einen wie guten Kampf?«

Jeder ernsthafte magische Konflikt hätte Aufmerksamkeit erregen müssen.

Lena schenkte mir ein grimmiges Lächeln. »Genau. Nach dem, was wir sicher wissen, hat sein Fernseher wenigstens einen Vampir verbrannt. Er hatte einen Extrakanal so manipuliert, dass der einen ultravioletten Lichtimpuls durch den Bildschirm ausstieß. Niemand hat verstanden, was genau er mit seinem Zerkleinerer für Küchenabfälle angestellt hatte, aber sie fanden Blut und einen Reißzahn darin.« Sie kaute knirschend auf einem weiteren Bissen Eis und M & Ms herum. »Die Zauberei hätte mehr als ausreichend sein sollen, um die Pförtner zu alarmieren und einen ihrer Automaten für Ermittlungen herbeizurufen, aber das geschah nicht. Nicola Pallas hat von dem Angriff erst durch die Nachrichten erfahren.«

Was bedeutete, dass die Pförtner nicht die Ersten am Ort des Geschehens gewesen waren. Die meisten Polizeibeamten, denen ich begegnet war, waren anständige Leute, aber sie waren nicht ausgerüstet für diese Art von Untersuchung und wussten nicht, wie man das Ruinieren eventueller magischer Beweise vermied.

»Der nächste Angriff war ähnlich«, fuhr Lena fort. »Ein Alchemist im Norden Indianas. Die Pförtner glauben, Vampire könnten auch hinter dem Tod einer Telepathin in Madison vor ungefähr sechs Monaten stecken. Damals folterten sie die ganze Familie, bevor sie sie selbst umbrachten.«

Madison … das dürfte dann Abigail Dooley gewesen sein. Ich erinnerte mich, von ihrem Tod gehört zu haben, aber mir waren keine Einzelheiten bekannt gewesen. Sie war schon vor Jahren aus dem Dienst ausgeschieden und hatte sich durch gelegentliche Casinobesuche einen komfortablen Ruhestand ermöglicht.

»Aber wieso ihre Familie bestrafen? Sie war doch weg vom Fenster! Sie wusste nichts, wofür es wert …« Die Erkenntnis machte mich krank. »Sie folterten sie, damit Abigail die Gedanken ihrer Familienmitglieder anhören musste, als sie starben!«

»Das war auch Nidhis Vermutung«, sagte Lena mit kalter Stimme.

Drei Morde. »Wieso habe ich bis jetzt nichts davon gehört?«

»Ich bin keine Pförtnerin. Das musst du sie fragen.« Lena starrte den Tisch an, aber es war offensichtlich, dass sie ihn nicht wirklich sah. »Es gab gestern noch zwei weitere Angriffe«, sagte sie langsam. »Der erste war gegen Nidhi Shah gerichtet.«

Und Lena war Doktor Shahs Leibwächterin … »Geht es ihr gut?«

Noch als ich fragte, las ich die Antwort schon in ihrem Gesicht. »Es waren vier Vampire. Ich war gezwungen, den ersten zu töten. Einen anderen hielt ich auf, aber sie fanden meinen Baum. Sie fällten ihn. Nie zuvor habe ich derartige Schmerzen verspürt. Ich versuchte zu kämpfen, aber als mein Baum starb …«

»Es tut mir leid.« Die Worte fühlten sich völlig unangemessen an, aber sie nickte mir dankbar zu. »Bist du … wo dein Baum fort ist …«

»Ich habe schon einmal den Verlust eines Baumes überlebt.« Sie starrte mit nassen Augen an mir vorbei. »Es dauert eine Ewigkeit, einen gefallenen Baum zu verlassen. Die Blätter welken und fallen ab. Das Holz wird trocken und bekommt Risse. Insekten bohren sich durch die Rinde.« Sie schauderte. »Ich muss für diesen Teil meines Selbst ein neues Zuhause suchen, aber für heute wird es deine Eiche tun. Es ist nicht dasselbe, aber es reicht.«

Ausnahmsweise schaffte ich es, mir sämtliche taktlosen Fragen über ihre Natur zu verkneifen.

»Sie haben auch meinen Garten ruiniert«, sagte sie geistesabwesend. »Meine Rosensträucher und meine Weinstöcke entwurzelt. Ich vermute, sie hatten Angst, ich könnte die Pflanzen als Waffen benutzen.« Sie ließ den Löffel herumwirbeln und grub ein Loch in ihr Eis. »Nidhi schrie, ich sollte mich davonmachen. Ich kroch in den nächsten Baum, der groß genug war, um mich aufzunehmen, einen dreißig Jahre alten Ahorn. Ich blieb gerade so lang, wie es brauchte, mich davon abzuhalten, meiner Eiche in den Tod zu folgen. Aber als ich herauskam, waren sie längst fort.«

Ich war Doktor Shah ein paar Mal begegnet, wenngleich selten freiwillig. Ich sah ein, dass es logisch war, Leute, die die Realität verzerrten, regelmäßig von einem professionellen Psychiater untersuchen zu lassen, aber angesichts der Tatsache, wie das für mich ausgegangen war, waren meine Gefühle für Shah bestenfalls gemischt. Was allerdings jetzt alles nicht von Bedeutung war. Ich konnte mir vorstellen, was Lena im Moment empfinden musste. Soweit ich wusste, war Doktor Shah die Person, die für Lena einer Familie am nächsten gekommen war. »Du hast getan, was du konntest.«

»Es gab keine Leiche.« Lenas Finger sanken ins Holz des Tisches, als sie sprach. »Das einzige Blut, das ich finden konnte, stammte von mir und einem der Vampire. Ich weiß nicht, wo sie hin sind oder wohin sie sie gebracht haben. Sie könnte schon tot sein, oder sie könnten sie umgedreht haben.

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