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DIE BUCHMAGIER: Angriff der Verschlinger

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Epilog
  30. Dank
  31. Bibliografie
  32. Fußnoten

Über den Autor

Jim C. Hines wurde 1974 geboren. Er hat Psychologie und Anglistik an der Michigan State University studiert. Seine Goblin-Romane wurden auf Anhieb in verschiedene Sprachen übersetzt. Hines ist als Fan-Writer sehr aktiv und erhielt dafür 2012 den Hugo Award. Er lebt mit seiner Familie und diversen Haustieren in Michigan. Besuchen Sie den Autor auch auf seiner Website: www.jimchines.com

Jim C. Hines

DIE BUCHMAGIER:

ANGRIFF DER
VERSCHLINGER

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Axel Franken

»Gutenbergs Erfindung hatte zwar einigen nationale
Freiheit geschenkt, anderen jedoch die Sklaverei gebracht.
Sie wurde zur Begründerin und Beschützerin der
menschlichen Freiheit, und dennoch ermöglichte sie
Despotismus, wo früher keiner möglich war.«

– Mark Twain

Kapitel 1

Die Leute sagen, die Liebe verändert einen Menschen. Die Leute haben ja keine Ahnung!

Frank Dearing war der erste Mann, dem ich je begegnet war. Er machte mich vollständig. Er verschaffte mir eine Bestimmung und Identität. Und er gab mir einen Namen. ›Greenwood‹, also Grünholz, mochte nicht der originellste Name für eine Dryade sein, aber es war meiner.

Nidhi Shah gab mir Kraft und eine größere Bestimmung. Durch sie wuchs mein Leben von einem einzelnen Bauernhof zu einer größeren Welt aus Menschen, Pflanzen und Magie.

Und dann war da Isaac Vainio. Ich dachte, sein größtes Geschenk an mich wäre ein Gefühl von Freiheit, wie beschränkt es auch sein mochte. Aber durch ihn, durch seine Neugierde und sein oft geistesgestörtes Bedürfnis, das Universum anzustupsen und zu fragen ›Was macht eigentlich dieser Knopf?‹, fand ich noch etwas mehr.

Fünfzig Jahre verbrachte ich eingeengt von meiner Natur. Isaac half mir, die Hoffnung zu entdecken.

*

Als Libriomant und Forscher war dies für mich einer der Momente, für die ich lebte. Ich fand es fabelhaft, dass diese brillante, ungeschulte Vierzehnjährige soeben ein ganzes Theoriegebäude zum Einsturz gebracht hatte.

Scheiße fand ich, dass ich nicht dahinterkam, wie sie es angestellt hatte.

Jeneta Aboderin fläzte sich in einem weißen Plastikgartenstuhl auf der alten Veranda hinter meinem Haus. Eine Plastiksonnenbrille mit rosa Zebrastreifenfassung verbarg ihre Augen, während sie von einer elektronischen Schreibtafel las. »Sie konzentrieren sich nicht, Isaac!«, sagte sie ohne aufzublicken.

Ihre Worte vermengten die leichten nigerianischen und britischen Akzente, die sie von ihrer Mutter und ihrem Vater übernommen hatte, mit einer großzügigen Portion Teenagerverdruss über mich, den dummen Bibliothekar, der nicht in der Lage war, Magie aus einem einfachen Gedicht zu ziehen.

»Doch, wohl!« Nicht die schlagfertigste Antwort, aber ich war heute nicht in Form. Ich konzentrierte mich so sehr, dass auf meiner Stirn für immer Runzeln bleiben würden. Ich spürte die Worte einfach nicht. Ich blickte auf meinen brandneuen E-Reader hinab, ein dünnes Rechteck, etwas größer als ein normales Taschenbuch und mit einem glänzenden Glasbildschirm sowie abgerundetem schwarzen Kunststoffgehäuse ausgestattet. Die Knöpfe waren in den Rändern versenkt, und das ganze Teil sah aus, als käme es direkt vom Star-Trek-Set.

Ich hatte Angst, das verdammte Ding fallen zu lassen.

»Versuchen Sie es noch mal!«, forderte Jeneta mich auf.

Ich scrollte nach oben durch Walt Whitmans Grashalme zurück zum Anfang eines Gedichtes, das ich an diesem Nachmittag bisher vierzehnmal gelesen hatte. Nach dem zweiten Mal hatte ich es auswendig gekonnt, aber die Worte zu lesen half mir, die Magie des Buchs zu berühren – zumindest in der Theorie. »Vielleicht, wenn ich mit etwas Einfacherem anfangen würde, wie beispielsweise Mondschein erschaffen?«

Sie schnaubte verächtlich. »›Schau herab, heller Mond‹ handelt nicht von Mondschein.«

»Bist du sicher? Es steht doch hier im Titel!« Ich neigte den Bildschirm in ihre Richtung und zeigte drauf. »Vielleicht ist mein Reader defekt.«

Ich stellte mir vor, wie sie hinter der Brille mit den Augen rollte. Sie riss mir den Reader aus der Hand und trommelte mit den Fingern ein Stakkato auf dem Bildschirm. »Probieren Sie es mal mit dem hier! Aufgeschobener Traum von Langston Hughes.« Schlanke braune Finger versanken im Gedicht und tauchten Augenblicke später wieder mit einer Rosine dazwischen auf. »Denken Sie etwa, Hughes hätte über Rosinen geschrieben? Es ist eine Metapher!«

Sie ließ das ›Dummkopf!‹ am Ende ungesagt. Kopfschüttelnd steckte sie sich die Metapher in den Mund und fuhr fort: »Er packt Hoffnung und Angst und Verzweiflung in jede Silbe, bis die Worte kurz davor stehen zu explodieren. Wie können Sie das nicht fühlen?«

Ihre eigene Verzweiflung über meine offensichtliche Dummheit störte mich nicht; ich interessierte mich mehr dafür, wie mühelos sie diese Rosine aus einem elektronischen Gerät hervorgebracht hatte. Johannes Gutenberg selbst, der Mann, der die Libriomantik erfunden hatte, hatte gesagt, dies sei unmöglich.

Gutenberg hatte seine Druckerpresse vor mehr als fünfhundert Jahren gebaut, basierend auf Theorien, die er über magische Resonanzen entwickelt hatte. Er hatte geglaubt, dass dem Aussehen nach identische Bücher den kollektiven Glauben und die Fantasie der Leser enthielten, und dass ein Mensch von ausreichend magischem Talent diesen Glauben für sich nutzbar machen könnte, indem er ihn als Brennpunkt für seine eigene Macht benutzte.

Als Heranwachsender war Gutenberg bestenfalls drittklassig in seinem Fach gewesen; er hatte nur die grundlegendsten Zauber gemeistert und selbst bei diesen Hilfe gebraucht, um sie richtig zu wirken. Die Libriomantik aber hatte aus ihm über Nacht einen der mächtigsten Männer in der Geschichte gemacht.

Elektronischen Büchern fehlte die physikalische Resonanz von Gedrucktem. Die Wörter waren nichts als eine Sammlung von Nullen und Einsen, übersetzt in ein kurzlebiges Bild auf dem Bildschirm, den man gerade benutzte, um sie zu lesen. Wir waren immer davon ausgegangen, dass E-Reader für die Libriomantik unbrauchbar wären, dass die Vielfalt der Lesegeräte und die Unbeständigkeit der Dateien jeden Libriomanten daran hindern würden, sich jenen kollektiven Glauben nutzbar zu machen. Pförtner-Forscher schrieben düstere Prognosen über die Verwässerung unserer Zauberkunst, weil immer mehr Leser das Elektronische dem Gedruckten vorzogen und damit nach und nach unser Reservoir an Glauben verkleinerten.

Und dann hatte Jeneta Aboderin mitten in der Algebrastunde unbeabsichtigt eine ein Meter lange Nasen-Peitschennatter aus ihrem Smartphone gelassen. Dieser Vorfall hatte dazu geführt, dass einhundert Pförtner-Forscher darum kämpften, Zeit mit Jeneta verbringen zu dürfen und zu ergründen, wie genau zum Teufel sie das angestellt hatte.

Schließlich war es ein Teil des Auftrags der Zwelf Portenære, der geheimen Organisation, die Gutenberg über all die Jahrhunderte geleitet hatte, so viel wie möglich über das Potenzial der Zauberei zu lernen. Und was noch wichtiger war: Wenn ich dieses Kunststück zu meistern lernte, bräuchte ich nicht jedes Mal dreißig Pfund Bücher mitzuschleppen, wenn ich im Außendienst zu tun hatte.

Die Arbeit der Pförtner, wie sie unter denjenigen bekannt waren, die es nicht so mit Mittelhochdeutsch hatten, bestand auch darin, die Existenz von Zauberei vor der Welt zu verheimlichen und eine sich stets verändernde Liste magischer Bedrohungen von ihr abzuwenden.

Die andern Pförtner-Forscher verfluchten mir wahrscheinlich die Knochen im Leib und versuchten zu begreifen, wieso Jeneta jetzt ausgerechnet mit mir in Copper River, Michigan, zusammenarbeitete. Ich war das neueste Mitglied unseres Forschungszweigs, erst vor zwei Monaten befördert, und kein Bereich meiner Arbeit hatte irgendetwas mit Elektronik oder E-Books zu tun.

Jeneta pflückte eine weitere Rosine aus dem E-Reader und hielt sie der großen Spinne hin, die auf dem Verandageländer Sonne tankte. Klecks und Jeneta hatten einander auf Anhieb sympathisch gefunden. Klecks streckte träge die Vorderbeine aus, um ihr die Rosine aus den Fingern zu nehmen. Ein Tröpfchen roten Feuers erschien zwischen seinen Beinen und er stopfte sich den brennenden Happen in den Mund.

»Ich hatte letzte Nacht wieder einen Traum«, sagte Jeneta ruhig, ohne den Blick von der Feuerspinne abzuwenden.

Ich griff hinüber und nahm mir meinen Reader wieder. »Keine Rosinen mehr – du kennst die Regeln! Nach den Albträumen hast du ein vierundzwanzigstündiges Zauberverbot.« Ich gab mir Mühe, in beruhigendem Ton zu sprechen, aber in meinen Ohren kam ich wie ein Zwischending zwischen einem Schulpsychologen und einem Babysitter rüber, der angestrengt versucht, cool zu sein. Aus diesem Grund hatten die Pförtner auch ausgebildete Therapeuten auf der Gehaltsliste. »Was hast du gestern gemacht?«

»Keine Ahnung. Einfach nur … nach dem Lagerfeuer brauchte ich eine Pause. Es ist viel passiert in letzter Zeit, verstehen Sie? Vor drei Wochen war ich noch in der Sommerschule und versuchte, aus geometrischen Beweisen schlau zu werden. Jetzt zaubere ich.«

Um ihre bis dahin angespannten Lippen spielte das erste sorglose Lächeln, das ich von ihr den ganzen Nachmittag gesehen hatte. »Ich bin runter an die Docks gegangen, um nachzudenken. Ich sah den Elritzen beim Herumschwimmen zu. Nach einer Weile habe ich versucht, ihnen was vorzulesen.«

»Du liest den Elritzen vor?«

»Seien Sie still! Es war erstaunlich. Zuerst ging ich bloß eine Sammlung von Sonia Sanchez durch. Ich war dabei, Personal Letter Number 3 zu lesen, als ich bemerkte, dass die Elritzen sich zum Takt der Wörter bewegten, obwohl ich für mich gelesen hatte. Als ich anfing, die Gedichte laut vorzutragen, gerieten sie völlig aus dem Häuschen. Als ob sie tanzten!«

Ich vergewisserte mich, dass mein digitales Aufzeichnungsgerät alles mitbekam. Rosinen aus Dichtung zu ziehen war eine Sache; ich selbst hatte jahrelang Spielzeug aus Science-Fiction- und Fantasyromanen stibitzt. Die Emotion eines Gedichtes einzusetzen, um andere zu beeinflussen, und seien es auch nur Elritzen, war eine ganz andere Richtung der Magie. »Könntest du das noch mal machen? Nicht heute, sondern in einer kontrollierten Umgebung, wo ich es überwachen könnte? Ich könnte einen Versuch mit Klecks’ Futtergrillen aufbauen.«

»Wahrscheinlich. Allerdings habe ich es nicht absichtlich getan – es ist einfach passiert. Sie fühlten, was ich fühlte, und Sanchez bewirkt bei mir immer, dass ich mich bewegen will.«

»Wie lange hat es angedauert?«

»Eine Stunde. Vielleicht auch zwei. Ich hab das Zeitgefühl verloren.« Sie warf ihre dünnen Zöpfe nach hinten über die Schultern. »Wann werden Sie mir eine offene Antwort wegen dieser Träume geben?«

»Ich habe dir doch schon gesagt, dass es nicht bloß Träume sind.«

Jeneta stöhnte melodramatisch. »Bitte nicht schon wieder der Vortrag über die Grenzen!« Ihre Stimme wurde dunkler, eine passable Imitation meiner eigenen, auch wenn sie meinen Akzent übel zurichtete. »Je mehr Magie du benutzt, desto schwächer werden deine Grenzen, und desto leichter ist es für die Magie der Bücher, deine Gedanken zu infiltrieren. Lass mich dir von dem einen Mal auf Mackinac Island erzählen, wo …«

»Ich wollte gar nicht über Mackinac Island sprechen!«, log ich. »Ich wollte sagen, ich weiß, was du gerade durchmachst.«

Sie hörte auf, mit Klecks zu spielen. »Sie hatten sie auch?«

»Vor ein paar Monaten. Ich war unten in Detroit, und ich versuchte …« Ich biss mir auf die Zunge. Jeneta war ebenso neugierig wie alle Libriomanten. Wenn ich ihr erzählte, dass es mir gelungen war, durch ein Buch zu greifen, um einem anderen Libriomanten nachzuspionieren, würde sie es noch vor Ablauf der Woche selbst ausprobieren, egal wie gefährlich die Folgen auch sein mochten. »Egal, es spielt keine Rolle, was ich gemacht habe. Ich habe die Scheiße aus einem Buch gekohlt und jemand … etwas kam mir hinterher. Als wäre die Magie ein Ozean und ich hätte einen Leviathan aus der Tiefe geweckt. Er versuchte, mich herabzuziehen, mich in Stücke zu reißen.«

»Alles zu verschlingen, was Sie zu sich selbst macht!«

Ich tat so, als würde ich das Zittern ihrer Hände nicht bemerken. »Genau. Blindwütiger Zorn und Hunger.«

»Wie haben Sie die Träume abgestellt?«

»Indem ich in ein Koma gefallen bin.« Ich starrte auf den Garten hinter der Veranda, der von so farbenprächtigen Rosensträuchern eingefasst war, dass es schon irreal wirkte. »Wie gesagt, es sind keine Träume. Ich war wach, als es mir hinterherkam. Lena brachte mich zu Pallas’ Haus. Es gelang ihr, mich zurückzuziehen.«

Selbst die Regionale Meisterin der Pförtner hatte damals erhebliche Schwierigkeiten gehabt, meine geistige Gesundheit zu retten.

»Man hat mich vor den Gefahren der Besessenheit gewarnt«, sagte sie. »Wie Figuren und Gedichte anfangen könnten, zu mir zu sprechen, dass sie vielleicht versuchen, mich zu locken.«

Die übermäßige Inanspruchnahme der Magie eines Buches ließ die metaphorischen Mauern zwischen diesem Buch und der wirklichen Welt in der Tat dünner werden. Jeder Fall von Besessenheit war unterschiedlich, das hing von den involvierten Büchern ab –, aber alle endeten mit einem unheilbar geistesgestörten Libriomanten. »Was wir gesehen haben, ist auch keine Besessenheit.«

»Was ist es dann?«, fragte sie.

»Wir wissen es nicht.« Schon vor der Gründung der Pförtner hatte etwas in der Magie selbst gelebt. Etwas, das darum kämpfte, in unsere Welt durchzubrechen und sie zu verzehren. Keiner von uns wusste genau, was es war oder woher es gekommen war. Oder wie man es aufhalten konnte.

Dies war der andere, geheime Zweck von Die Zwelf Portenære, auch Zwölf Türhüter genannt. Diese kleine Gruppe Auserwählter unter den Pförtnern hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unseren Feind zu verstehen und herauszufinden, wie man ihn daran hindern konnte, die Welt zu betreten.

Mein Zusammenstoß in diesem Jahr hatte mir einen Platz in dieser Gruppe eingebracht. Gutenberg hatte mich beauftragt, unsere Feinde zu identifizieren und Antworten auf Fragen zu finden, die die Pförtner seit ihrer Gründung vor Rätsel stellen. Aus diesem Grund hatte man Verbindungen spielen lassen und Jeneta einen vollständig bezahlten Aufenthalt im Sommerferienlager auf Michigans Oberer Halbinsel verschafft, zusammen mit einem ›Chance für die fortgeschrittene Jugend‹-Praktikum, welches in der Arbeit bei mir in der Copper-River-Stadtbücherei bestand.

»Sie wissen es nicht«, wiederholte sie mit ausdrucksloser Stimme. »Ich meine, ich bin ja froh, dass ich keine Halluzinationen habe oder wahnsinnig werde, aber Sie wollen mir ernsthaft erzählen, dass es magische Monster gibt, die versuchen, meinen Verstand zu verschlingen, und keiner weiß, was sie sind?«

»So ziemlich, genau.«

»Verdammt!« Sie überlegte kurz. »Wie sollen sich diese Verschlinger denn überhaupt entwickelt haben?«

Typische Libriomantenreaktion. Etwas Übernatürliches will uns umbringen? Cool! Wo kommt es her, und wie funktioniert es? Und – je nachdem, welche Neigungen der Libriomant hat – wie kann ich eins fangen und auseinandernehmen?

»Ich glaube nicht, dass sie sich von allein entwickelt haben.« Ich hatte mehrere Theorien durchdacht, die zum Teil auf Forschungen früherer Pförtner sowie auf Berichten über die Nachwirkungen der wenigen aufgezeichneten Zusammenstöße basierten. Es gab viele widersprüchliche Erklärungen, jede davon praktisch unmöglich zu überprüfen. »Ich glaube, wir haben sie erschaffen.«

»Sie meinen die Pförtner?«

»Nicht unbedingt. Aber Leute, Menschen.« Ich räkelte mich in meinem Stuhl. »Es ist nur eine Vermutung. Es könnten natürlich auch dreiköpfige Aliens mit übernatürlichen Kräften aus einer anderen Dimension sein oder die Astralprojektionen von Dinosauriern von vor Millionen von Jahren. Aber da war etwas … Nein, keine Verbindung, aber zumindest ein Gefühl des Wiedererkennens. Wie auf der Straße an einem Fremden vorbeizugehen und – nur für eine Sekunde, bevor das Gehirn einen einholt – das Gefühl zu haben, dass man ihn kannte, als man jünger war.«

Mit einer Bewegung, die so fließend war, dass sie sie vor dem Spiegel geübt haben musste, schob sie die Sonnenbrille herunter und zog die Augenbrauen hoch. »Sie glauben an Aliens?«

»Ich bin mit einer Dryade zusammen, und du hast eine Schlange aus deinem Handy geholt. Willst du da bei Aliens die Grenze ziehen?«

»Falls Sie mir jetzt weismachen wollen, dass die Pyramiden von Aliens gebaut wurden, dann bin ich aber so was von draußen!«

»Mach dich nicht lächerlich!« Ich wartete einen Herzschlag, dann fügte ich hinzu: »Die Pyramiden wurden von mumifizierten Elfen gebaut.«

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ihre Brauen stiegen noch höher. »Mumifizierte Elfen?«

Ich war ein lausiger Lügner, aber ausnahmsweise gelang es mir, keine Miene zu verziehen. »Ein Bekannter von mir hat einmal gegen eines der Dinger gekämpft. Das verdammte Biest glich dem einem Disney-Film entstiegenen Albtraum!«

»Ich glaube, Sie haben recht.«

»Klar habe ich recht! Elfenmagie ist übles Zeug!«

Dem Blick nach, den sie mir zuwarf, war das Einzige auf der Welt, was schlimmer war als die Verschlinger, ein Erwachsener, der versuchte komisch zu sein. »Quatsch, mit den Verschlingern meine ich. Sie hassten mich zu sehr. Es war persönlich.«

»Was ist passiert, als du aufgewacht bist?«

»Ich habe mich raus in den Duschraum geschlichen. Das Wasser ist zwar immer zu kalt, aber das war mir egal.«

»Als ob man sich die eigene Haut abscheuern wollte, um sich wieder sauber zu fühlen«, meinte ich versonnen, denn ich erinnerte mich an meine eigenen Träume nach Detroit.

»Jau.« Sie pflückte einen Unkrauthalm, der durch die Bretter am Rand der Veranda wuchs, und stupste Klecks damit an. Klecks duckte sich, sprang dann vor und setzte das Ende in Brand. »Versuchen Sie noch mal, das Whitman-Gedicht zu lesen! ›Gieß zärtlich den flutenden Schein der Nacht.‹ Stellen Sie es sich bildhaft vor!«

Ich ließ zu, dass sie das Thema wechselte, und nahm den E-Reader wieder zur Hand. Obwohl sie es zu verbergen suchte, konnte ich sehen, dass sie gegen Tränen ankämpfte. Ich suchte das Gedicht heraus, las es zum wiederholten Male und stellte mir von innen heraus beleuchtete Wolken vor, die langsam über den Vollmond zogen. Es war eine kühle, feuchte Nacht. Das Gedicht hob den Kontrast zwischen der Schönheit des Himmels und dem Schrecken der über das Schlachtfeld verstreuten Bürgerkriegstoten hervor.

»›Bade diese Szene‹.« Jeneta hörte sich anders an, wenn sie las. Zuversichtlicher. Stark. »›Gieß deinen grenzenlosen Schein herab, heiliger Mond.‹ Zweimal benutzt er Bilder von Wasser, von Reinigung und Taufe. Das Wegwaschen von Sünde. Wieso?«

Sie klang wie eine Lehrerin. Ich fragte mich, ob sie ihrer Mutter nacheiferte. Ich berührte den Bildschirm mit den Fingern. »Er fleht.«

»Genau!« Dies war vertrauter Boden für sie, viel sicherer als das, was in ihren Verstand eingedrungen war. »Schwemme diese Hässlichkeit aus unseren Seelen und unserer Erinnerung! Schwemme dieses Grauen von unserer Welt! Vergib uns! Erlöse uns! ›Auf Tote, denen, rücklings getragen, die Arme baumeln, weitgespreizt.‹ Warum liegen sie auf dem Rücken, Isaac?«

»Sie blicken in den Himmel, zu Gott.«

»Das ist das Herz des Gedichts: Kummer. Scham. Hoffnung. Das ist Ihre Verbindung! Berühren Sie diese Gefühle, und Sie können dieses Gedicht benutzen, um eine ganze Menschenmenge zu Tränen zu rühren!«

Ich versuchte es noch einmal, indem ich mir die Emotionen vorstellte und nach ihrem Echo im E-Reader griff, doch wie schon zuvor fühlte ich nichts.

»Vielleicht ist Whitman einfach nicht Ihr Ding.« Sie tippte auf ihren eigenen Bildschirm, scrollte durch eine lange Liste von Büchern und drückte mir den Reader in die Hand.

»Shel Silverstein?«

Sie neigte den Kopf, um mich über ihre Sonnenbrille hinweg anzufunkeln. »Wenn Sie Silverstein runtermachen, werde ich Ihnen wehtun! Ich spreche von Kettensägen, Macheten und einer Feuerspinne an einer sehr unangenehmen Stelle. Klecks steht in der Sache hinter mir, stimmt’s?«

Klecks drehte sich zu mir um und rieb die Vorderbeine aneinander.

»Verräter!« Ich überflog das Gedicht. »Waswenn?«

»Sie kriegen nie die Waswenns? Machen sich nie Sorgen, dass Ihr Haus abbrennt oder Klecks von einer Eule gefressen wird?«

Ehe ich antworten konnte, summte mein Handy. Ich grinste wie ein Idiot, als ich sah, wer es war. Ich blieb beim Thema des Nachmittags und sagte mit meiner düstersten Dichterlesungsstimme: »Ich glaube, nie werd ich ein Gedicht so lieblich wie einen Baum sehen!«

»Oh, danke schön!«, sagte Lena Greenwood. »Zeit mit Jeneta zu verbringen hat dir gutgetan! Und wie geht es dem schärfsten Bibliothekar der Welt heute?«

»Er bringt zu viel Zeit mit Denken und nicht genug Zeit mit Fühlen zu«, sagte Jeneta laut.

Ich streckte ihr die Zunge raus und drehte die Lautstärke des Telefons herunter.

Lena kicherte, aber unter ihrer üblichen Verspieltheit lag eine gewisse Nervosität: Sie hörte zu schnell auf zu lachen und ließ auch die Gelegenheit verstreichen, einen Witz darüber zu machen, dass sie schon Mittel und Wege finden werde, mich vom Denken abzulenken.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Nidhi bekam einen Anruf aus Chicago. Sie schicken sie nach Tamarack. Ich mache mich gleich auf den Weg und hole sie ab.«

»Wieder ein wilder Werwolf?« Die Obere Halbinsel von Michigan beheimatete drei der größten Werwolfsrudel der Welt, aber der letzte bekannte Angriff auf einen Menschen lag schon acht Jahre zurück. Es gelang den Rudeln recht gut, dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder nicht aus der Reihe tanzten.

»Wendigo. Einer der Were hat ihn gestern Nacht tot gefunden.«

Ich setzte mich gerader hin. »Wie ist er gestorben?«

»Wir sind noch nicht sicher, aber die Were sagen, wer immer die Leiche dort abgeladen hat, roch nach Mensch.«

»Verdammt!« Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Normalo ein magisches Wesen umgebracht hätte. Es kam nicht oft vor, und es ging selten gut für den Menschen aus. Falls dies ein Unfall oder in Notwehr geschehen war, war das eine Sache, aber ein Wendigo war selbst dann schwer zu töten, wenn man wusste, womit man es zu tun hatte. Das legte die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Täter entweder um einen verbrecherischen Magieanwender handelte oder aber um jemanden, der zufällig über die Existenz von Magie gestolpert war und beschlossen hatte, Monstermörder zu spielen.

So oder so mussten wir denjenigen finden, der es getan hatte. Klatsch reiste schnell, und jeder intelligente Nichtmensch auf der Oberen Halbinsel würde Ende der Woche ausgesprochen nervös sein. Wenn die Pförtner die Sache nicht schnell aufklärten, würde sie nur eskalieren. »Lass mich nur schnell Jeneta absetzen, dann treffen wir uns am alten Schulgebäude in Tamarack!«

»Wir sehen uns dann. Hab dich lieb.«

»Hab dich auch lieb.«

Sobald ich aufgelegt hatte, sagte Jeneta: »Ich kann helfen.«

»Nein.«

»Ich habe sie sagen hören, es war ein Wendigo. Ich habe über sie gelesen, aber noch n–«

»No. Non. Njet. Naa. Iie. Gaawiin.« Ich setzte Klecks auf meinen Handteller und von dort auf die linke Schulter.

Jeneta legte den Kopf schief. »Was war das letzte?«

»Ojibwe.« Ich blickte ostentativ auf ihren E-Reader, bis sie seufzte und das Ding in ihren abgenutzten Camouflage-Rucksack steckte. »In den Papieren, die deine Eltern unterschrieben haben, steht nichts davon, dass wir dich in eine Morduntersuchung hineinziehen dürfen. Zumal noch mehr Wendigos in der Gegend sein könnten. Weißt du, wie viel Papierkram mich erwartet, wenn meine Praktikantin von einem kannibalistisch veranlagten Monster gefressen wird?«

»Meine Eltern haben aber auch nicht unterschrieben, dass ich alten Menschen das Zaubern beibringen soll!«, konterte sie.

»Ich bin erst sechsundzwanzig – und jetzt halt die Klappe!« Ich winkte sie hinein. »Gib mir eine Minute, um meine Bücher zu holen. Außerdem ist es ja nicht so, als ob ich dir nicht auch etwas beigebracht hätte!«

»Ja, ja, Opa!« Sie schulterte ihren Rucksack und zögerte dann. Als sie wieder sprach, klang sie jünger. »Seien Sie vorsichtig!«

»Ich werde mir alle Mühe geben.«

Und dann war sie wieder ganz die Alte und schritt hocherhobenen Hauptes durchs Haus. »Hey, wenn Sie mich schon nicht mitkommen lassen wollen, dann könnten Sie mich doch wenigstens das Cabrio fahren lassen!«

Ich grinste. »Da muss ich erst mal mein Ojibwe-Wörterbuch ausgraben und nachschlagen, wie man ›Vorher friert die Hölle zu!‹ sagt.«

*

Klecks kauerte sich in die Ecke der Windschutzscheibe und beobachtete, wie die Kiefern vorbeirauschten. Zerklüftete Felswände erhoben und senkten sich zu beiden Seiten der Straße, als wir quer durch die Hügel fuhren.

Alte Bahngleise und ein aufgegebener Güterbahnhof markierten Tamaracks östliche Grenze, ungefähr dreißig Meilen von Copper River entfernt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatten beide Orte eine Blütezeit erlebt – zumindest für die Verhältnisse auf der Oberen Halbinsel. Als die Silbermine hier in Tamarack 1934 stillgelegt worden war, war der Ort Heimat für mehr als zweitausend Menschen gewesen; heutzutage ließ er Copper River wie eine Großstadt aussehen. Die Bevölkerungszahl betrug heute eher zweihundert, und von denen war eine nicht unbeträchtliche Minderheit Mitglieder des hiesigen Werwolfsrudels.

Dieser Teil des Staates war von Geisterstädten aus der Zeit des Bergbaubooms wie von Pockennarben überzogen. Tamarack selbst war zwar noch nicht tot, verströmte jedoch schon reichlich morbide Atmosphäre. Alte Straßenschilder kennzeichneten zugewucherte Seitenstraßen, die seit Jahrzehnten keine Instandhaltungsarbeiten mehr gesehen hatten. Viele der Häuser am Ortsrand machten den Eindruck, als würden sie beim nächsten starken Wind einstürzen, und ein ganzer Block war von Apfelbäumen überrannt worden. Ich sah zwei Teenager, die Zigaretten rauchten und uns von einem zweistöckigen Haus aus beobachteten; sie saßen auf dem Dach neben einem klaffenden Loch, wo ein Ahorn die Dachsparren durchschlagen hatte.

Im Ortskern teilten sich eine Tankstelle mit nur einer Zapfsäule, ein kleiner Lebensmittel- und Jagdbedarfsladen und eine Baptistenkirche die Kreuzung mit der einzigen Ampel des Ortes. Ich bog von der Hauptstraße ab und fuhr noch eine halbe Meile bis zum Schulhaus. Ein gelber Kleinlaster stand auf dem Parkplatz, und ich sah einen älteren Mann, der an der Heckklappe lehnte und auf einem Zahnstocher herumkaute. Ich entspannte mich etwas, als ich Lenas schwarz-grüne Honda hinter dem Pick-up bemerkte. Ein zusammenpassendes Helmpaar hing am Rücksitz.

Ich hielt Klecks die Hand hin, damit er auf meine Schulter klettern konnte, dann klappte ich den Kofferraum auf. Ich nahm eine Umhängetasche aus geöltem braunen Leder mit Kupfernieten heraus, die auch gut Indiana Jones hätte gehören können – was, um ehrlich zu sein, der Hauptgrund dafür war, dass ich sie gekauft hatte. Der Riemen grub unter dem Gewicht eines jeden Buches, das hineinzustopfen ich geschafft hatte, eine Furche in meine Schulter.

»Isaac Vainio. Du hast dir ja alle Zeit der Welt gelassen, um hier aufzukreuzen!«

Ich knallte den Kofferraum zu und drehte mich um, um den Werwolf zu begrüßen. »Jeff DeYoung. Dann warst du es also, der die Leiche gefunden hat?«

»Nee, das war Helen.« Er spuckte den Zahnstocher auf den Asphalt. »Du siehst ziemlich gut aus. Wir haben von dem Schlamassel in Detroit Anfang Sommer gehört. Die Leute sagen, der alte Mann Gutenberg höchstpersönlich musste helfen, die Vampire zurück in ihre Löcher zu jagen.«

»Die Leute kennen nicht mal die Hälfte der Geschichte«, entgegnete ich. Jeff hatte einen der ausgeprägtesten Yooper-Akzente von allen Einwohnern der Oberen Halbinsel, die ich kannte; er machte aus jedem ›das‹ ein ›dat‹ und aus jedem ›die‹ ein ›de‹.

»Und mit der andern Hälfte darfst du nicht rausrücken, stimmt’s?« Er klopfte mir auf die Schulter – diejenige ohne Feuerspinne –, dann zog er mich in eine schnelle Umarmung und sog scharf die Luft ein. Ich wollte gar nicht wissen, wie viel er mit diesem einen kurzen Atemzug über mich erfuhr. Ich tat es ihm gleich und atmete den leichten Geruch seiner Haare und Jacke nach Schweiß und Tabak ein.

»Ich fürchte nein.« Er sah nicht viel anders aus als beim letzten Mal, als ich ihn gesehen hatte, vor einem Jahr oder so. Dieselbe abgetragene orangefarbene Jacke hing lose über einem Augenkrebs verursachenden hellgrün-goldenen Hawaiihemd. Jeff hatte eine Statur wie ein Strichmännchen und schien nur aus runzliger Haut und Altersflecken zu bestehen. In seine Knollennase grub sich das Goldgestell einer Zweistärkenbrille. Er und seine Frau Helen waren die ersten Werwölfe gewesen, denen ich je begegnet war. Sie hatten die Wildnis verlassen, um sich in Tamarack niederzulassen, und während sie zwar immer noch ab und zu ein Kaninchen jagten, kam der Großteil ihres Fleischbedarfs dieser Tage aus dem Lebensmittelladen.

»Helen hat Doktor Shah und die Dryade vor ungefähr fünfzehn Minuten hingebracht«, sagte Jeff. »Sie riechen wie du. Wie lange schlaft ihr alle schon miteinander?«

»Wir schlafen nicht alle miteinander!«, sagte ich schnell. Ich musste ganz bewusst meine normale Vorsicht ablegen, was das Sprechen über unsere Beziehung anbelangte. Jeff konnte durch Lügen riechen und war einer der wenigen Leute, die aufgrund meiner momentanen romantischen Situation nicht mit der Wimper zucken würden. »Ich bin seit etwa zwei Monaten mit Lena zusammen. Und Lena ist auch mit Doktor Shah zusammen.«

»Aber nicht du und der Doktor? Hmm. Scheint mir, als wäre das einfacher, logistisch gesehen.«

»Logistik ist nicht alles.« Ich zerquetschte einen Moskito auf meinem linken Zeigefinger. Die kleinen Blutsauger hielten sich normalerweise von Klecks fern, was ein weiterer Grund war, weshalb ich ihn gern bei mir hatte. Aber ein heißer, nasser Sommer hatte uns eine größere Menge Moskitos als sonst beschert, und sie waren hungrig. »Wir haben noch nicht alle Positionen geklärt.«

Jeff grinste süffisant. »Du bist mir nie wie ein Mann der vielen Positionen vorgekommen. Klingt, als wäre dieses Mädchen gut für dich.«

Typische Werwolfdenkweise. Mit den Worten eines ehemaligen Bekannten: ›Were springen mit allem auf zwei Beinen in die Kiste – und auch mit manchem auf vier.‹ Eine Übertreibung, ja, aber eine, der ein Stück Wahrheit zugrunde lag.

Niemand wusste, wo der erste Lykanthropos naturalis hergekommen war, allerdings beinhaltete die vorherrschende Theorie ein schiefgegangenes magisches Experiment irgendwann im fünften oder sechsten Jahrhundert. Andere glaubten, Lykanthropie sei eine absichtliche Verwünschung gewesen, die Strafe für irgendein nicht bekanntes, aber unverzeihliches Verbrechen.

Heutzutage waren Kreaturen, die sich entwickelt hatten oder auf ›natürliche Weise‹ entstanden waren, denjenigen gegenüber, die aus Büchern geboren worden waren, in der Unterzahl. Höchstwahrscheinlich hatte nicht einmal Gutenberg selbst diese Folge seines neuen Zaubereifachbereichs voraussehen können. Das erste buchgeborene Wesen, dem ich jemals begegnet war, war ein Funkler gewesen, eine Frau mittleren Alters mit schütter werdendem Haar, die versehentlich in einen beliebten Vampirroman gegriffen und es geschafft hatte, sich mit dem Gift des Vampirs zu infizieren.

Die Pförtner listeten jede neue Vampirspezies sorgfältig auf, doch die Werwölfe stellten sie vor größere Herausforderungen. Anders als die meisten Vampire konnten Werwölfe sich kreuzen. Als Folge davon hatte man statt hundert oder mehr verschiedener Spezies eine einzige Rasse mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten. Manche konnten nach Belieben die Gestalt wechseln; andere waren Sklaven des Mondes. Der eine Werwolf mochte heftig allergisch auf Silber reagieren, während sein Bruder bloß an Laktoseintoleranz litt.

Als allgemeine Regel konnte man getrost davon ausgehen, dass sie schneller und stärker waren sowie schärfere Sinne hatten als jeder Mensch. Und natürlich konnte Jeff, je nach seiner Genetik, alles von zwei bis acht Nippeln unter seinem Hemd tragen. Nicht dass ich jemals den Mut aufgebracht hatte, ihn zu fragen. Er hätte sie mir bestimmt gern gezeigt, da bin ich sicher – die Offenherzigkeit von Werwölfen in körperlichen Dingen war berühmt-berüchtigt.

»Mit Lena zusammen zu sein ist … lehrreich«, räumte ich ein.

Jeff lachte, aber Gott sei Dank bedrängte er mich nicht mit Fragen nach Details. Wir wanderten durch den Wald hinter der Schule und folgten einem alten Pfad um einen Sumpf herum, bis wir eine zugewachsene Straße erreichten. Kniehohes Unkraut war auf dem besten Wege, den zerbröckelnden grauen Belag zurückzuerobern. Von dort aus gingen wir ungefähr zehn Minuten hügelan, vorbei an alten Einfahrten und ausgeschlachteten, regelmäßig gestalteten Gruben in der Erde, wo einst Häuser gestanden hatten.

»Ich dachte, du hättest die Nase voll vom Außendienst«, bemerkte Jeff. Trotz seines Alters war er nicht mal außer Atem.

»Gutenberg und Pallas haben mich in die Forschung versetzt.« Ich wischte mir über Stirn und Nacken und zerquetschte dann noch einen Moskito, der durch meine Jeans stechen wollte. »Aber wir sind im Moment im Mittleren Westen unterbesetzt, und ich habe während meiner Ausbildung ein paar Abhandlungen über Wendigos geschrieben.«

Ein Maschendrahtzaun auf der Hügelkuppe riegelte eine steile Böschung im Gelände ab. Lena Greenwood, Nidhi Shah und Helen DeYoung standen davor und blickten auf etwas auf der anderen Seite des Zauns hinab. Nidhi machte mit einer Digitalkamera Bilder.

»Hast du die landschaftlich reizvolle Strecke genommen oder was?«, fragte Helen, ohne in unsere Richtung zu schauen.

»Wieso, hast du mich vermisst?« Jeff trat zu ihnen an den Zaun und hielt nur kurz inne, um seiner Frau in den Hintern zu kneifen, bevor er nach unten spähte.

»Eine üble Sache!« Lena trennte sich von den andern, um mich mit einem Kuss zu begrüßen. Wie immer löste das Gefühl ihres Körpers, wie er sich an meinen drückte, eine Lawine physischer und emotionaler Reaktionen aus: Verlangen, Erregung, Verwunderung, dass sie mich gewählt hatte, zwiespältige Empfindungen wegen der Umstände dieser Wahl und Verlegenheit, weil ich wusste, dass ihre andere Geliebte nur zwei Meter weiter weg stand und uns geflissentlich nicht beobachtete.

Klein und stämmig, mit großen Augen und dunklen Lippen, sah Lena nicht aus wie eine Frau, die mit einem angepissten Vampir in den Clinch gehen und ohne einen Kratzer wieder daraus hervorkommen konnte. Ihre Haut war von dem satten Braun geölten Eichenholzes. Ein einzelner schwarzer Zopf fiel bis in die Mitte des Rückens. Abgeschnittene Jeans betonten die Kurven ihrer Hüften. Sie war barfuß, und bei jedem Schritt bogen sich ihre Zehen in die Erde. Ein Paar gekrümmter Holzschwerter – japanische Bokken – steckte in ihrem Gürtel.

Hätte ich ein einziges Wort wählen müssen, um zu beschreiben, was mich zu Lena hinzog, so wäre es ihre Leidenschaft gewesen. Nicht bloß in körperlichem Sinn, sondern bei allem, was sie tat. Sie stürzte sich ohne Vorbehalte ins Leben und hielt sich nie zurück. Sie besaß eine Furchtlosigkeit, mit der es nur wenige Menschen jemals aufnehmen konnten.

Nidhi Shah hüstelte. »Wir wollten gerade versuchen, die Leiche zu bergen.«

Ihrer Aufmachung nach, kam Nidhi geradewegs aus dem Büro. Sie trug ein blaugrünes Hemd mit schillernden Knöpfen, eine schwarze Hose und knöchelhohe Turnschuhe von Converse. Die Schuhe waren ihr offizielles schwarzes Paar – wenn es um Fußbekleidung ging, lehnte Nidhi es ab, Mode über Bequemlichkeit und Zweckmäßigkeit triumphieren zu lassen.

Sie war Mitte dreißig und sah gut fünf Jahre älter aus als Lena. Sie hatte die Haare zurückgesteckt, sodass eine blaue Schläfentätowierung zu sehen war: die Gujarati-Schriftzeichen für Balance, ein Zauber, den die Pförtner angebracht hatten, um ihr bei ihren Aufgaben zu helfen. Das war das einzig Magische an ihr.

Ich ging zum Zaun. »Wissen wir, wer es war?«

Helen schüttelte den Kopf. Eine Hand ruhte auf der halbautomatischen Pistole in dem Halfter an ihrer linken Hüfte, das einzige sichtbare Zeichen ihrer Nervosität. »Ich erkenne weder den Geruch des Opfers noch den des Mannes, der es hier abgeladen hat.«

»Sie sind sicher, dass es ein Mann war?«, fragte Nidhi.

»Sie können das Körperspray nicht riechen?«, schnaubte Jeff. »Sie Glückliche!«

»Der Wendigo wurde etwa eine halbe Meile von hier im Wald getötet«, sagte Helen. »Der Täter benutzte ein Vierradfahrzeug, um die Leiche hierherzuschaffen. Anschließend fuhr er in östliche Richtung, aber wir verloren ihn, als er die Straße erreichte.«

Die obere Stange des Zauns war nach unten eingedrückt; dunkle Streifen von Blut überzogen das verrostete Aluminium. Ungefähr sieben Meter tiefer hing der Wendigo über den geknickten Ästen einer Schimmelfichte, die aus der nahezu lotrechten Felswand wuchs.

Einbildungskraft war Teil dessen, was mich zu einem guten Buchmagier machte: die Fähigkeit, mir die Geschichte bildhaft vorzustellen. Ich konnte Ereignisse in meinem Kopf so real werden lassen, dass ich buchstäblich die Hand ausstrecken und sie berühren konnte.

Einbildungskraft konnte aber auch ein Fluch sein. Die Überreste dieser bedauernswerten Kreatur würden mich noch monatelang in meinen Träumen verfolgen: die gebrochenen Gliedmaßen, der Schmerz und die Furcht, die auf seinem Gesicht erstarrt waren, die blutverfilzten weißen Fellstücke.

Ich wandte mich ab. Ohne Jeffs und Helens besorgtem Getuschel Beachtung zu schenken, überquerte ich die Straße und legte beide Hände auf eine dicke Birke. Ich sog Luft in meine Lunge, während mein Verstand ein Szenario nach dem anderen aufführte, um die Verletzungen zu erklären, die der Wendigo erlitten hatte.

Wie zum Teufel hatte der Mensch das angestellt? Der durchschnittliche Wendigo konnte einen Mann innerhalb von Minuten töten und verschlingen.

Was den Mann, der diese Kreatur vorsätzlich und methodisch abgeschlachtet hatte, weitaus gefährlicher machte als jedes Monster.

Kapitel 2

Ich trat in den zu weißen Schnee und die toten Blätter hinaus, die unter meinen nackten Füßen knirschten. Ich bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Die Sonne war zu groß. Sie brannte mir in den Augen, sodass ich mich am liebsten in meinen Baum zurückgezogen hätte.

Die Oberfläche war tot. Ich brauchte einen Unterschlupf. Wie war ich hierhergekommen? Wo war die nächste Eishöhle?

Ich lehnte mich an den Baum und ließ die tröstliche raue Rinde über meine nackte Haut scheuern. Ich krümmte die Zehen in die gefrorene Erde, hielt mich an den Wurzeln fest und griff instinktiv nach der Wärme meiner Hainschwestern.

Ich spürte nichts. Es gab viele Bäume – mehr als ich mir je vorgestellt hatte –, aber es waren leere Hüllen. Wie konnten sie die Kälte überleben, ohne dass ihre Dryaden ihnen Stärke gaben?

Ich war noch nie zuvor allein gewesen. Nicht so. Ich war nie verloren gewesen.

Tränen wärmten meine Wangen. Wie lange hatte ich geschlafen?

In diesem Moment zitterte ich, nicht vor Kälte, sondern vor Angst. Ich erinnerte mich an den Neptun. Ich erinnerte mich an meine Schwestern. Ich erinnerte mich an die Kämpfe in der Arena, die Erregung des Zweikampfs, wenn mein Holzschwert gegen den Speer meines Gegners prallte. Ich erinnerte mich an die Freuden des Schlafgemachs.

Ich erinnerte mich an all diese Dinge, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dort zu sein. Es war, als wären meine Erinnerungen weggerissen und durch die Träume von jemand anderem ersetzt worden.

Dieser Ort hier, wo immer ich auch sein mochte, fühlte sich zu real an, zu hell, zu groß. Zu viele Empfindungen. Zu viele Gedanken. Ich grub die Finger in die Haut meiner Oberschenkel und verdrehte sie, wollte mich auf den Schmerz konzentrieren und diese Empfindung benutzen, um die übrigen zu verdrängen. Ich sank zu Boden, wiegte mich hin und her und verlor mich in der Bewegung.

Ich hätte zur Eiche zurückkehren können. Ich hätte schlafen und geborgen sein können. Den langen Tod wählen, wie man es der allerersten Dryade nachsagte, als ihr Geliebter ermordet wurde. Ihr Baum hatte jahrhundertelang weitergelebt, bewacht vom Hain ihrer Kinder.

Wenn ich ihrem Beispiel folgte, wäre ich nicht von meinen Schwestern, sondern von geistlosen Bäumen umgeben, die nur halb lebendig waren.

Nach einer Weile begann das Sonnenlicht zu verblassen. Ich blinzelte und schaute mich um. Jedes Blatt, jeder Stock erschien überdeutlich. Ich hob eine halb vergrabene Eichel vom Boden auf und drehte sie in der Hand und staunte über die Einzelheiten. Die winzigen Schuppen der Kappe, die blasse Trennlinie von Kappe und Samen, der harte, vorstehende Teil am Boden, der die Eichel wie eine Miniaturbrust aus Holz aussehen ließ.

Aus dem Gleichgewicht geraten, rappelte ich mich hoch. Diese Welt war falsch. Nichts war, wie es sein sollte. Ich brauchte meine Schwestern. Ich brauchte meine Geliebten. Ich brauchte …

Ich schlug den Kopf gegen den Baum, um die Spirale meiner Gedanken zu durchbrechen.

Es gab Bäume hier. Gab es auch Menschen? Die Tränen strömten ungehindert, als ich von meinem Baum wegtrat, von dem Einen, was sich sicher anfühlte.

Wenn ich hierbliebe, würde ich sterben. Ich würde für immer schlafen. Ich würde mich verlieren.

Ich hob einen am Boden liegenden Ast auf und drückte ihn an meine Brust. Ich konnte fühlen, wie er auf das Leben in mir reagierte. Fadenartige Wurzeln krochen aus dem abgebrochenen Ast und wanden sich um meine Finger. Glänzende Knospen stießen aus dem anderen Ende. Ich wiegte den Ast in den Armen, während ich von meinem Baum wegwankte.

*

Die Grashalme raunten, als Lena kam und sich hinter mich stellte. Sie sagte nichts, legte mir nur die Hand auf die Schulter.

Ich musste mich auf die bevorstehende Arbeit konzentrieren. Ich durchwühlte meine Büchertasche, bis ich ein Hand-Infrarot-Thermometer fand. Ich schaltete es ein und richtete es auf Klecks. Es zeigte 42,8 Grad Celsius an, was nur etwa ein Grad höher als normal für ihn war.

Bei Menschen fiel die Körperkerntemperatur um ungefähr ein viertel Grad pro Stunde. Bei einem Wendigo ging die Berechnung in die andere Richtung. Eine normale Körpertemperatur von minus 5,6 Grad Celsius vorausgesetzt, sollten wir imstande sein, ein grobes Zeitfenster für den Todeszeitpunkt zu ermitteln. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie Verletzungen und Blutverlust das Ganze beeinflussen mochten.

Lykanthropos anthropophagos war gut angepasst an das Leben auf der Oberen Halbinsel. Wendigoblut wirkte als eine Art magisches Superkühlmittel; selbst das Mark war kalt wie Eis. Das Fell ließ die Luftfeuchtigkeit buchstäblich gefrieren und bildete so eine schützende Schicht aus Frost und Eis.

Genau wie Werwölfe wurden Wendigos als Menschen geboren. Sobald sich jedoch die Transformation durchsetzte, verblieben sie bis zum Tod in ihrer monströsen Form. Die Ojibwe-Legenden, die ich studiert hatte, beschrieben sie als gefräßige, kannibalistische Geister. In einer Erzählung ließ die bloße Gegenwart eines Wendigos einen Fluss gefrieren und Bäume vor Kälte bersten.

Ein einzelnes Mädchen war ausgezogen, um gegen den Wendigo zu kämpfen, wobei sie ein Paar entrindete Sumachstöcke benutzte. Bis ich Lena kennengelernt hatte, hatte ich das immer für eine armselige Waffenwahl gehalten. Doch das Mädchen besiegte den Wendigo, indem es ihm den Schädel zertrümmerte. Die Dorfbewohner hackten das Eis weg und legten schließlich die Leiche eines Mannes frei.

»Bist du bereit?«, fragte Lena.

Ich atmete tief durch und nickte. »Alles in Ordnung.«

»Ich weiß.«

Wir gingen zum Zaun zurück. Lena ließ sich von Nidhi die Kamera geben und steckte sie ein, dann ergriff sie die obere Zaunstange mit beiden Händen. Die Muskeln in ihren Armen spannten sich, als sie den Zaun nach unten bog. Mit einer Hand an der Stange stieg sie hinüber und studierte den steilen Abfall. Er war zwar nicht völlig lotrecht, aber außer für eine Gämse war diese Böschung unzugänglich. Moos hing an dem dunkelbraunen Felsen, aus dem Wurzeln ragten wie die gewundenen Körper von Seeschlangen.

Lena warf Nidhi und mir eine Kusshand zu, machte zwei Schritte und verschwand.

»Verdammt, Lena!« Ich drückte mich dichter an den Zaun und entdeckte sie, wie sie mit einer Hand an einem Büschel Baumwurzeln hing, ungefähr einen Meter links von der Fichte, die die Leiche festhielt. Sie zog sich seitwärts und begann, die Fichte zu ersteigen. Ihre Finger sanken in den Baumstamm und ließen sie so mühelos wie eine Spinne klettern.

»Früher war sie vorsichtiger.« Nidhis unausgesprochener Tadel war lauter als die tatsächlichen Worte: Das hat sie von dir!

»Wo bliebe denn da der Spaß?«, fragte ich automatisch. Ich lehnte mich hinaus und richtete das Thermometer auf die Überreste des Wendigos. Kalte Luft strich an meinen Armen vorbei nach oben und verursachte mir eine Gänsehaut. Die Körpertemperatur der Leiche lag bei minus drei Komma drei Grad Celsius. Das hieß, der Tod war vor ungefähr acht Stunden eingetreten. Eine Kernmessung wäre genauer gewesen, aber Wendigos erhielten im gesamten Körper eine ziemlich einheitliche Temperatur aufrecht.

Um unser Opfer gab es keinen Eismantel. Er war wohl nach dem Tod zur Menschengestalt zurückgekehrt, aber bis das Fleisch auftaute, würde es noch eine Zeit lang dauern.

Licht blitzte auf, als Lena Fotos machte. »Könnte ein Einschussloch sein, was er da in der Stirn hat.« Sie kletterte höher und machte noch ein paar Bilder aus dem neuen Winkel, dann rief sie: »Schickt mir die Plane!«

Jeff und Helen ließen eine blaue Abdeckplane herunter, durch deren Ecken Nylonseile gezogen waren. Während sie gemeinsam versuchten, die Leiche zu bergen, wandte ich mich ab, um nachzudenken. Normales Eis zerbrach, wenn es von einer Kugel getroffen wurde, aber das Eis, das den Körper eines Wendigo überzog, war dank des Fells, mit dem es durchsetzt war, nicht nur hart, sondern besaß auch eine gewisse Flexibilität. Eine richtig hochkalibrige Kugel mochte es vielleicht durchdringen, aber in den meisten Fällen würde der Versuch, einen Wendigo zu erschießen, ihn nur stocksauer machen.

»Gib auf den Zaun acht!«, sagte Jeff, als er und Helen die Seile Hand über Hand hochzogen.

»Gib auf dich selbst acht, Chihuahuahirn!«, fuhr Helen ihn an.

Die Kälte hatte den Verwesungsgeruch kaum zur Entfaltung kommen lassen, ebenso wie sie die meisten Fliegen ferngehalten hatte. Ich wartete, bis sie die Plane zurückgezogen hatten, dann ging ich hinüber, um Nidhi zu helfen, die Leiche zu untersuchen. Wortlos reichte sie mir ein Paar Latexhandschuhe.

Im Tod ähnelte der Wendigo einem blassen, hageren Mann mit schrumpeliger, blaustichiger Haut und schütterem weißen Haar. Die Gliedmaßen waren steif und noch in der gekrümmten Stellung, in der er gestorben war. Der größte Teil der Haut war weggeschnitten worden; flache Einschnitte verunzierten den Rest. Die Mehrzahl der Verletzungen sah aus, als wären sie mit einem Messer oder vielleicht einem Schwert zugefügt worden.

Nidhi deutete auf ein dunkles Loch in der Stirn. »Da ist die Eintrittswunde.«

Sie war kleiner, als ich erwartet hatte. Weil jeder Muskel gefroren war, musste Nidhi die ganze Leiche herumdrehen, um den Hinterkopf untersuchen zu können. Es gab kein Austrittsloch.

Ich schluckte Galle herunter. »Sie haben ihn wie ein Tier geschlachtet und gehäutet!«

»Nein.« Nidhi blickte nicht auf. »Ein Tier schlachtet man sauber. Diese Art des Exzesses rührt aus großer Wut her.«

»Meinen Sie, es könnte bei der Sache um Rache gehen?«, fragte Jeff. »Der Wendigo hat vielleicht jemanden getötet, der dem Mörder am Herzen lag.«

»Falls es so ist, dann hat er das nicht vor Kurzem getan«, sagte Nidhi. »Der Magen ist nicht aufgebläht.«

Mein eigener Magen versuchte erneut zu rebellieren, aber es gelang mir, mein Mittagessen wieder hinunterzuzwingen. »Die meisten Verletzungen wurden ihm zugefügt, als er noch gelebt hat.« Ich ließ mich auf ein Knie herab und zeigte auf die Stirn. »Schaut euch diesen Ring aus getrocknetem Blut um die Wunde an! Wendigos verwandeln sich zwar wieder in Menschen, wenn sie sterben, aber ihr gesamter Kreislauf gefriert.«

Der Wendigo hatte stark geblutet. Das Blut war auf der Hautoberfläche gefroren und hatte die Schnitte versiegelt. Diese gefrorenen Gerinnsel waren abgebrochen, als der Wendigo wieder auf Menschengestalt geschrumpft war, aber dünne Umrisse waren zurückgeblieben und zeigten, wo der Körper versucht hatte, sich selbst zu heilen.

»Er wurde gefoltert.« Lena blickte mich mit verkniffenem Mund an. Wir hatten diese Art von Bösartigkeit schon früher gesehen, bei einem Wahnsinnigen, der von dem befallen war, was Jeneta ›Verschlinger‹ nannte.

Ich streifte die Handschuhe ab und schleuderte sie fort. »Ich muss sehen, wo er gestorben ist!«

*

Jeff blieb bei der Leiche, während Helen uns durch den Wald führte. »Du hast da was in der Tasche, womit du denjenigen aufspüren kannst, der das getan hat?«, fragte sie.

»Kommt drauf an, ob er etwas zurückgelassen hat oder nicht.« Schlammige Wurzeln und abgeknickte Farne kennzeichneten den Weg des Fahrzeugs des Killers. Als wir auf einer Hügelkuppe ankamen, wo er angehalten hatte, suchte ich nach Fußspuren, fand jedoch nichts. Der Boden hier oben war nicht feucht genug.

»Hier unten!« Helen stieg über einen entwurzelten Baum und zeigte auf eine Gruppe blasser Pilze, die in einer Einbuchtung am Fuß einer dicken Birke wuchsen.

Der Boden und die Pflanzen waren mit schwarzem Blut vollgespritzt. Abgebrochene Äste und Furchen in der Erde erzählten die Todesgeschichte des Wendigos. Er hatte gekämpft wie ein Tier. Vier parallele Krallenkerben zerschlitzten die Birke auf Brusthöhe. Zerquetschtes Farnkraut zeigte, wo er um sich geschlagen hatte.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte Helen misstrauisch. Anders als ihr Mann hatte sie den Pförtnern noch nie so recht über den Weg getraut. Die meisten Zauberwesen stießen sich an den Gesetzen, die Gutenberg zur Restriktion ihrer Habitate und Aktivitäten erlassen hatte. Vielen der nichtmenschlichen Einwohner von Tamarack war ich ungefähr so willkommen wie ein FBI-Agent, der auf einen Sprung bei einer Versammlung der örtlichen Bürgerwehr reinschaut. Helen war zwar nicht so paranoid wie einige andere und mochte mich, aber das bedeutete nicht, dass sie auch mochte, was ich war oder für wen ich arbeitete.

»Das hängt davon ab, ob ich das hier zum Funktionieren bringen kann oder nicht.« Ich legte meine Büchertasche ab und nahm Best of Asimov heraus.

Vor fünf Jahren hatte ich bei einem Mann namens Ray Walker unten in East Lansing Libriomantik studiert und dabei sowohl die volle Bandbreite meiner Zauberkunst erfahren als auch ihre Grenzen herausgefunden. Zumindest dachte ich das, bis ich Johannes Gutenberg in Aktion erlebt und gesehen hatte, wie er Waffen aus Büchern zog, ohne sie zu lesen, oder Klecks’ Flammen stahl, um sie gegen einen wütenden Volkswagen Käfer einzusetzen, der uns umzubringen versuchte. Diese Begegnung zeigte mir, dass ich kaum über das Einmaleins der Libriomantik hinausgekommen war.

Als das Staunen vorbeiging, nahm Ärger seinen Platz ein. Hatte Ray gewusst, wie viel mehr es noch zu lernen gab? Wie viel hatte Gutenberg dem Rest von uns verheimlicht – und warum? Wollte er sicherstellen, dass keiner jemals seine Macht anzweifelte? Oder handelte er eher wie ein übermäßig strenger Vater, der uns einfach nicht vertraute?

Ich hatte mich noch einmal darangemacht, jeden Libriomantikband zu lesen, den ich auftreiben konnte, und dabei nicht nach dem zu suchen, was in den Büchern stand, sondern nach dem, was sie ausließen. Ich suchte nach Lücken, nach den Experimenten, die wir hätten durchführen sollen, aber um die wir uns nicht kümmerten. Nach Diskussionen, die gewisse Theorien ein bisschen zu schnell abtaten. Ich zwang mich, über die Regeln, die Ray mir eingebläut hatte, hinauszugehen.

Wie sich herausstellte, existierten einige dieser Regeln aus sehr guten Gründen. Anfang Juli hatte ich versehentlich ein zweitägiges Unwetter heraufbeschworen, das im größten Teil von Copper River die Elektrizitätsversorgung lahmlegte und den größten Teil der Depot Street überflutete. Dann war da noch der verirrte Disruptorstrahl, der Spencer Mussells Laster außer Gefecht setzte. Aber ich hatte bewiesen, dass gewisse Regeln der Libriomantik an den Rändern ziemlich unscharf waren, und auch ein paar neue Tricks herausbekommen.

Ich schlug eine Geschichte mit dem Titel Das Chronoskop auf und fing an zu lesen. »Viele Science-Fiction-Autoren haben über Spielzeuge geschrieben, die sie einen Blick in die Vergangenheit werfen lassen konnten«, erklärte ich. »Zeitportale und Chronoskope oder Temporalobjektive, aber fast keines von diesen Dingern ist klein genug, um es durch die Seiten zu ziehen.«

»Warum macht man dann kein größeres Buch?«, wollte sie wissen.

»Die Bücher müssen äußerlich identisch sein, um Leserglauben zu verankern.« Wenngleich Jenetas Zauberkunst diese Regel infrage stellte. Wenn wir einen E-Reader von der Größe eines Parkplatzes bauten, konnte sie dann ein Raumschiff herausziehen? Was, wenn wir ein E-Book auf eine IMAX-Leinwand projizierten? Vielleicht konnte ich mir dann endlich meinen eigenen X-Wing-Fighter holen! Ich stellte diese Überlegung für später zurück. »Damit ich es benutzen könnte, müsste man Tausende von Exemplaren dieser überdimensionierten Bücher absetzen.«

»Sei vorsichtig!«, sagte Nidhi leise, doch hatte ich keinen Zweifel, dass Helen ihre Warnung so deutlich hörte wie ich selbst.

»Bin ich das nicht immer?« Nidhi war mehrere Jahre lang meine Therapeutin gewesen und wusste besser als die meisten Bescheid über die Schwierigkeiten, in die ich mich gebracht hatte, als ich noch jünger war. Ich blätterte um und überflog die Geschichte. »Ihr solltet vielleicht besser ein bisschen zurücktreten.«

»Du weißt aber schon, was du da machst, oder?«, fragte Helen.

Ich nagte an der Unterlippe. »Noch ein bisschen weiter!«

Anders als der leblose Bildschirm eines E-Readers hießen die Seiten von Asimovs Erzählung mich willkommen. Aus den einleitenden Abschnitten konnte ich Arnold Potterleys leise Verzweiflung hören, als er um die Erlaubnis zur Nutzung der Chronoskopie bat. Ich spürte die resignierte Verbitterung des Mannes, der gezwungen war, dieses Gesuch abzulehnen. Ich blätterte vor und malte mir die Erregung und Vorfreude über ein funktionierendes Chronoskop aus – Vorfreude, die im Laufe der Zeit von zahllosen Lesern geteilt worden war.

Meine Finger sanken durch die Seite, und ich erschauerte. Ich hatte einen solchen Akt über die Jahre Hunderte von Malen praktiziert, und immer noch gab es Tage, an denen ich mich zusammenreißen musste, um nicht zu kichern wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Egal was geschah, egal welche Ungeheuer versuchten, mein Fleisch zu fressen oder meine Gedanken zu stehlen – ich konnte zaubern!

Ich sah das Chronoskop in meinem Kopf, eine von der Vorstellungskraft und dem Glauben der Leser erschaffene Vorlage. Normalerweise hätte der nächste Schritt darin bestanden, diese Vorlage zu benutzen, um die magische Energie in eine feste Form umzuwandeln und diese herauszuziehen.

Das Schwierige war, genau das nicht zu tun. Meine ganze Ausbildung drängte mich, zu erschaffen, das Chronoskop aus Asimovs Welt zu ergreifen, auch wenn ich es nie in unsere eigene bringen könnte.

Rein magisch gesehen war ich dabei, eine halb kollabierte Matrix aus potenzieller Energie durch ein geöffnetes Portal zu manipulieren, welches von meinem eigenen Glauben und Willen aufrechterhalten wurde. Praktisch gesprochen war es wie mit einem Labrador Retriever in den Armen über ein Hochseil zu balancieren, während am Boden ein Eichhörnchen vorbeihuscht.

Ich zog die Hand heraus und versuchte, diese zum Teil geformte Energie in unsere Welt zu ziehen. Meine Verbindung zum Text entwand sich mir wie ein Fisch, der zurück in die Seiten eintauchte. Ich rieb mir die Augen und bemühte mich, meine Atmung zu beruhigen, bevor ich es noch einmal versuchte.

»Es wäre leichter, wenn das Buch nicht vierzig Jahre alt wäre!«, brummte ich. Glaube hielt nicht ewig, auch wenn die exakte Zerfallsrate sich unmöglich berechnen ließ.

»Warum benutzt du dann kein neueres?«, fragte Helen.

»Weil Gutenberg so ziemlich alles magisch verschließt, was mit Zeitreisen oder dem Spähen in die Vergangenheit zu tun hat. Zum Teil, weil die Menge an magischer Energie, die es brauchen würde, um tatsächlich in der Zeit zu reisen, einen in Asche verwandeln würde. Zum anderen weil, selbst wenn man wie durch ein Wunder überleben sollte, das Risiko einfach zu groß ist, dass man versehentlich auf den falschen Schmetterling tritt und dadurch die gesamte Menschheit auslöscht.«

»Aber was kann es denn schaden, einfach nur zu gucken?«, wandte Lena ein.

»Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, Gutenberg will nicht, dass jemand in seiner Vergangenheit rumschnüffelt.« Ich tippte auf das Buch. »Asimovs Chronoskop hat eine beschränkte Reichweite: Versucht man, weiter als einhundertzwanzig Jahre in die Vergangenheit zu sehen, treten Interferenzen auf, das heißt, Gutenbergs frühe Tage sind sicher außer Reichweite.« Ich wischte mir die Hand am Hemd ab und versuchte noch einmal, die Magie des Buchs zu berühren.

»Entspann dich!«, sagte Lena. »Ich weiß ja vielleicht nicht so viel über Libriomantik wie du, aber ich habe dich schon zaubern gesehen, und normalerweise siehst du dabei nicht aus wie ein Bibliothekar mit Verstopfung, der einen Festeinband auszuscheiden versucht.«

Ich machte eine obszöne Gebärde in ihre Richtung.

»Später vielleicht!«, konterte sie.

Ich prustete, aber unser Wortwechsel half mir tatsächlich, mich zu entspannen. Ich versuchte es noch einmal und erlaubte meinem Blick, in die Ferne zu schweifen, bis der Text auf der Seite zu einer verschwommenen Tintenschmiere wurde. Im Geist las ich die Geschichte erneut und konzentrierte mich dabei nicht auf die konkreten Einzelheiten, sondern auf das Gefühl, die Erregung und das Staunen, auf die Möglichkeiten, die aus Asimovs Erzählung erwuchsen.

Mit diesem Buch könnte man die Wahrheit über die JFK-Ermordung erfahren oder sehen, was wirklich unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer geschehen war. Wenn es einem lieber war, könnte man es sich aber auch einfach unter einer Decke auf der Couch gemütlich machen und die verschollenen Episoden von Doctor Who anschauen, als sie zum ersten Mal ausgestrahlt wurden.

Mehr als ein Jahrhundert Geschichte, die einem zu Füßen lag! Die Technologie konnte zwar missbraucht werden, wie das Ende zeigte, aber das gilt für die meiste Technologie, magisch oder nicht. Und es gab so viel, was wir lernen konnten!

»Isaac!«, flüsterte Lena.

Als ich blinzelte, sprudelte atmosphärische Aufladung über mein Gesichtsfeld. Sie verschwand, bevor ich mich darauf konzentrieren konnte. »Habt ihr das gesehen?«

»Nur für ein oder zwei Sekunden«, sagte Nidhi.

Ich hatte es fast. Ich griff tiefer ins Buch hinein, bis mein Arm knapp unterhalb des Ellbogens zu enden schien. Ich konnte das Prickeln statischer Elektrizität spüren, als berührte ich einen alten Fernsehbildschirm aus Glas. Ich stellte mir den Raum dahinter vor, und das zusammengeschusterte Chronoskop der Erzählung erwachte flackernd zum Leben. Es war zu groß, als dass ich es hätte herüberholen können, aber die Bilder, die es offenbarte, waren nichts als Licht. Mit der freien Hand hielt ich das Buch hoch und konzentrierte mich darauf, diese Bilder in die Welt hinauszuschieben.

Helen sprang zurück, denn auf einmal flimmerte die Luft zwischen uns grau. Ein rechteckiger Bereich von der Größe eines Koffers wurde allmählich schärfer und zeigte ein grießiges Bild der Bäume dahinter.

Manisches Gelächter wird im Allgemeinen als würdelos empfunden, aber als ich versuchte, mein triumphierendes Frohlocken herunterzuschlucken, war das Geräusch, das dabei herauskam, eher ein hustender Schluckauf. So viel zum Thema Würde!

»Und das wird uns zeigen, was sich zugetragen hat?«, fragte Helen.

»Genau! Es wird – ähm.« Ach ja. Das Bild hatte ich beschworen, aber von den Bedienelementen hatte ich keine dazu geholt. Ich versuchte, den Zauber kraft meines Willens zu zwingen, sich rückwärts in der Zeit zu bewegen und mir zu zeigen, was sich vor ungefähr acht Stunden ereignet hatte: Meine Bemühungen zeitigten keinerlei Ergebnis.

Nidhi kam auf mich zu und ergriff mich sanft am Handgelenk. »Deine Atmung und dein Puls sind zu hoch!«, warnte sie mich. »Streng dich nicht zu lange an!«

»Verstanden. Könnte jemand Klecks nehmen?«

Lena nahm die Spinne behutsam von meiner Schulter. Ich ging auf die Vision zu und rechnete halb damit, sie wie eine Seifenblase platzen zu sehen. Stattdessen blitzten Bilder vor mir auf. Eine Anordnung von Elektronenröhren. Eine Bronzestatue des Gottes Moloch, in dessen Bauch ein Ofen glühte. Ein in einem brennenden Haus gefangenes Kind.

Kummer strömte durch das Buch, so intensiv, dass es mich einen Schritt zurücktrieb. Hätte man mich in diesem Moment gefragt, ich hätte geschworen, dass es mein eigenes Kind war, das da in den Flammen umkam.

»Warum zeigt es ein Feuer?«, wunderte sich Helen. »Hier hat doch nichts gebrannt!«

»Die Magie ist auf die Geschichte ›abgestimmt‹. Sie zeigt uns die Vergangenheit, aber dabei handelt es sich um die fiktionale Vergangenheit, die Asimov erschuf.« Ich musste den Zauber auf diese Welt refokussieren, und zwar schnell, bevor die Geschichte sich in meinen Gedanken einnistete und sich darin breitmachte.

»Es gibt andere Möglichkeiten, herauszufinden, wer das getan hat«, sagte Nidhi.

»Nur noch eine Minute!« Dies war ein bekanntes Problem, das bei Kristallkugeln, Zauberspiegeln und anderen Hellseh-Techniken auftrat. Immer wieder funktionierten sie exakt so, wie sie geschrieben worden waren, und zeigten Bilder aus der fiktiven Welt, der sie entstammten. Diese Spielzeuge an die reale Welt neu anzupassen war so gut wie unmöglich.

Jedenfalls hatte man mir das so beigebracht. In den vergangenen Monaten hatte ich drei Theorien zu Papier gebracht, wie sich diese spezielle Regel umgehen ließ. Ein Libriomant, der stark genug war, könnte sich über die Beschränkungen, die ihm das Buch auferlegte, hinwegsetzen. Andererseits würde jemand, der so stark war, dass er zu etwas Derartigem imstande war, zum Zaubern erst gar keine Bücher benötigen.

Das Buch zu verschließen dürfte die Verbindung zwischen diesem und dem erschaffenen Objekt ebenfalls durchtrennen, sodass ich bessere Chancen hätte, das Chronoskop zu refokussieren, um unseren Killer zu finden. Was perfekt gewesen wäre, wenn ich den leisesten Schimmer gehabt hätte, wie Gutenberg seine Bücher verschloss.

Zeit, Theorie Nummer drei auf den Prüfstand zu stellen. Ich reichte Nidhi das Buch. »In meiner Büchertasche befindet sich eine kleinere Tasche mit Bleieinlage. Da sind Blütenblätter drin. Könntest du bitte diese Blätter über das Buch reiben und sie zwischen die Seiten pressen, besonders zwischen diese hier?«

Lena warf einen Blick über Nidhis Schulter. »Wann hast du dich denn auf Flower-Power verlegt?«

»Ich habe mit verschiedenen Möglichkeiten zur Konservierung von Moly experimentiert.« Dieses Kraut stammte aus der Odyssee; seine Blüten konnten benutzt werden, um die Effekte von Magie zu neutralisieren. Ich hatte eine speziell verzauberte Tasche angefordert, um die Blütenblätter mit mir herumtragen zu können, ohne jeden Zauber im Umkreis von anderthalb Metern aufzuheben. Davor war ich ein Mal leichtsinnig gewesen, und Klecks hatte zwei Tage lang auf sein Feuer verzichten müssen. Als er sich endlich wieder erholt hatte, steckte er mein Lieblings-T-Shirt in Brand. Ich konnte es ihm zwar nicht nachweisen, aber ich war mir sicher, dass er das mit Absicht getan hatte.

Dieses jüngste Kräuterbündel hatte ich in einer Glyzerinlösung eingeweicht, wodurch die natürliche Feuchtigkeit entfernt, aber Form und Textur erhalten wurden. Kleine braune Linien liefen kreuz und quer über die Blütenblätter. Sie waren nicht so wirksam wie frisch gebildetes Moly, aber sie sollten ihren Zweck erfüllen.

Als Nidhi die Blätter ins Buch presste, wurden die fiktionalen Flammen schwächer, bis ich schließlich nur noch ein körniges Bild der Lichtung sah. Ich streckte die Hand aus, stellte mir die Widerstandswähler des Chronoskops vor und stellte sie einen nach dem andern ein. Die Minuten flogen in meinem Kopf zurück. Eine Krähe stieß herab und verschwand wieder. Die Szene wurde dunkler, als die Sonne hinter den östlichen Horizont tauchte. Damit waren wir außerhalb meines Acht-Stunden-Fensters. Waren wir am falschen Ort, oder hatte ich mich beim Todeszeitpunkt verschätzt?

Und dann erschien der Wendigo, umgeben von Blut und Gedärm. Es herrschte Zwielicht vom Abend zuvor, womit ich meine ursprüngliche Berechnung auf achtzehn Stunden ausdehnen musste. Ich würde meine Zahlen wohl noch einmal überprüfen müssen. Zwei andere Personen beugten sich über den Wendigo und verschwanden; sie bewegten sich viel zu schnell, als dass ich irgendwelche Einzelheiten hätte erkennen können. Einen Augenblick später verschwand auch der Wendigo.

Ich justierte meine mentalen Kontrollen noch einmal, damit der Vorfall sich in normaler Geschwindigkeit abspielen konnte. Ton gab es keinen. Das Chronoskop sollte zwar eigentlich Geräusche ebenso wie Licht wiedergeben können, aber ich hatte meine Sache schon ganz ordentlich hingekriegt, indem ich Letzteres zuwege gebracht hatte. Hinter mir war Lena fleißig dabei, mit Nidhis Kamera zu knipsen. Ich fragte mich kurz, ob eine Kamera diese Art von Bildern überhaupt einfangen konnte, aber wenn meine Begleiterinnen sie wahrnehmen konnten, hieß das, dass ich sichtbares Licht manipulierte. Solange Lena keinen Blitz benutzte, sollten sie also zu gebrauchen sein.

Die Kreatur, die auf die Lichtung wankte, hatte kaum eine Ähnlichkeit mit dem vertrockneten Leichnam, den Lena geborgen hatte. Das blockartige Muster aus geborstenem Eis, mit dem ihr Körper gepanzert war, erinnerte mich ein bisschen an Das Ding von den Fantastischen Vier. Insgesamt mochte das Wesen eine halbe Tonne wiegen. Es wühlte in einer Schulterwunde herum; schwarze Klauen von der Größe meiner Finger gruben sich durch Eis und Fell.

Der Wendigo zuckte zusammen, dann kippte er um und fiel auf den Rücken. Eine Zeit lang arbeitete er noch mit den Klauen an sich herum, dann rollte er sich zu einem Ball zusammen. Sobald er aufhörte, sich zu bewegen, tauchten zwei andere Gestalten am Rand der Lichtung auf.

»Sie sind verschwommen«, sagte Lena. »Kannst du auf ihre Gesichter zoomen?«

»So einfach ist das nicht.« Einer der Männer bewegte sich vorwärts, aber sein Gesicht blieb auf hartnäckige Weise unscharf. Andere Details waren hingegen von entsetzlicher Deutlichkeit, wie zum Beispiel der Eispickel, mit dem er auf das gefrorene Fell des Wendigos einhackte, und das Abhäutemesser, das er als Nächstes herauszog.

»Jumalauta!«, flüsterte Helen. Ich hörte die Bedeutung in meinem Kopf, Fluch und Gebet gleichermaßen, irgendwo zwischen ›Gottverdammt!‹ und ›Gott steh uns bei!‹.

»Trägt der Metall?«, fragte Nidhi.

Mir war dasselbe aufgefallen: ein Schimmern von Sonnenlicht auf glänzendem Metall, genarbt wie übergroße Schuppen. Eine Rüstung vielleicht? Allerdings glich es keiner historischen Panzerung, die ich je gesehen hatte.

Der Begleiter des Mannes blieb am Rand der Lichtung zurück. Ich konzentrierte mich auf ihn und versuchte festzustellen, ob er bei diesem Gemetzel das Sagen hatte oder bloß den Wachtposten gab.

Dunkelheit ergoss sich über die beiden Männer, als ob sich jemand bewegt und uns den Blick versperrt hätte. Ich schaute genauer hin und richtete mein Augenmerk nicht auf die Männer, sondern darauf, was ihren Anblick vor uns verbarg. Atmosphärische Aufladungen tanzten über den Rest der Szene, doch der Schatten blieb. »Bin ich verrückt, oder sieht das da aus wie eine Frau?«

»Ich sehe es auch!«, sagte Lena. »Isaac, schau dir den Mann im Hintergrund an! Seine linke Hand!«

Der Schatten bewegte sich zur Seite, als ob er es gehört hätte, aber nicht bevor ich das Buch erspäht hatte, das der zweite Mann mit den Händen umklammerte. Es war viel größer als das Taschenbuch, das ich benutzt hatte.

»Ist das noch ein Libriomant?«, wisperte Helen fast unhörbar.

Der Schatten wuchs weiter – nein, er bewegte sich auf uns zu! »Ich glaube, sie reagiert auf meinen Zauber.«

»Wie denn das?«, fragte Lena. »Ich dachte, wir betrachten die Vergangenheit!«

Nein, wir betrachteten eine magische Wiederherstellung der Vergangenheit. Der Zauber selbst existierte in der Gegenwart, was die Vermutung nahelegte, dass, wer oder was immer diese Frau auch war, sie jetzt hier bei uns war und innerhalb des Zaubers daran arbeitete, meine Bemühungen zu sabotieren.

»Du musst es beenden!«, sagte Nidhi scharf.

Ich war zu demselben Schluss gekommen. Wie lange hatte ich hier gestanden? Zehn Minuten? Fünfzehn? Mein Arm war taub, und meine Augen waren so trocken, dass ich über das Fenster des Chronoskopen hinaus kaum etwas erkennen konnte.

Ein rotes Flackern verriet mir, dass Klecks auf die Bedrohung auf seine übliche Art reagiert hatte. Lena hatte ihn auf dem Stumpf eines Baumes ein Stück weiter weg abgesetzt; wahrscheinlich um ihn vor der Wirkung des Molys zu schützen. Hoffentlich steckte er nichts in Brand!

Ich versuchte, den Zauber platzen zu lassen, aber wer oder was immer das auch war, mit der ich es zu tun hatte: Sie bekämpfte mich. Die Bilder dehnten und verzerrten sich, und schwarze Finger griffen nach uns.

»Aus dem Weg!«, blaffte Lena.

Ich duckte mich zur Seite, als sie Nidhi Best of Asimov aus der Hand riss und es mitten durchs Zentrum des Chronoskopen-Bilds schleuderte. Ein gequälter Schrei bohrte sich wie ein Dolch in meinen Verstand; ich taumelte zurück. Der Zauber kollabierte zu einem einzelnen Punkt silbernen Lichts, dann verschwand er ganz.

Lena fing mich an den Armen auf. Manchmal vergaß ich, wie stark sie war. Ich wollte mich lösen, aber die Welt war viel wackliger geworden, also überlegte ich es mir anders. »Gib mir fünf Minuten, um mich auszuruhen, dann bin ich wieder fit!« Dann konnte ich versuchen herauszufinden, womit zum Teufel wir es zu tun hatten und wie groß die Schwierigkeiten genau waren, in denen wir steckten. »Netter Wurf.«

Lena schnitt eine Grimasse. »Wenn ich dieses Zeug berühre, würde ich am liebsten kotzen! Aber ich dachte mir, was immer auch versucht, da durchzukommen, wird es nicht mehr mögen als ich.«

Nidhi zog eins meiner Augenlider zurück, dann überprüfte sie meinen Puls. Sie sah nicht glücklich aus. »Ich hatte dir doch gesagt, du sollst vorsichtig sein!«

»Ja, ja.« Ich sackte an Lenas Seite zusammen. »Ich muss wirklich anfangen, auf dich zu hören.«

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