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Die Braut sagt leider nein

Über die Autorin

Kerstin Gier, Jahrgang 1966, lebt mit ihrer Familie in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach. Sie schreibt mit großem Erfolg Romane. Ihr Erstling MÄNNER UND ANDERE KATASTROPHEN wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt. EIN UNMORALISCHES SONDERANGEBOT wurde 2005 mit der „DeLiA“ für den besten deutschsprachigen Liebesroman ausgezeichnet. FÜR JEDE LÖSUNG EIN PROBLEM wurde ein Bestseller und mit enthusiastischen Kritiken bedacht.

www.kerstingier.com

BASTEI ENTERTAINMENT

DIE MEISTEN HOCHZEITEN regen nicht zur Nachahmung an, sagt meine Freundin Hanna, und die meisten Ehen auch nicht.

Sie hat Recht, finde ich. Trotzdem gibt es auf fast jeder Hochzeit einen magischen Augenblick, in dem ich mir innig wünsche, auch eine Braut zu sein.

Für die Hochzeit von Julia mit Peter, einem Arbeitskollegen meines Freundes Alex, hatte ich mir einen teuren Hut gekauft. Er war aus cremefarbenem Panamastroh, hatte eine über der Stirn aufgebogene Krempe, und sein dunkelgrün-kariertes Band passte genau zu meinen Augen und dem Leinenkleid, das ich trug. Ich war sehr zufrieden mit meinem Aussehen, bis Julia die Kirche betrat. Ein Raunen ging durch die Gästeschar, als sie langsam zwischen den Bänken den Mittelgang entlangschritt.

Das Oberteil des schneeweißen Kleides schmiegte sich um ihre schmale Taille und ließ die zart gebräunten Schultern frei. Eine doppelreihige Perlenkette betonte ihren schlanken Hals, und der weite Rock schwang bei jedem Schritt sanft vor und zurück, lautlos wie eine Wolke.

Fotoapparate klickten, und mindestens zwei Verwandte ließen ihre Videokameras surren. Eigens zu diesem Zweck aufgebaute Leuchten tauchten die Kirche in gleißendes Licht, aber die Braut musste nicht mal blinzeln.

»Julia sieht so anders aus«, flüsterte Alex neben mir.

»Neun Wochen Diät, jeden Tag zwei Stunden Fitnessstudio und zweimal die Woche Solarium«, flüsterte ich zurück.

»Und wo kommen die Locken her?«, wollte Alex wissen. »Ist das eine Perücke?« Im wirklichen Leben hatte Julia nämlich brettglattes Haar, das sich so platt um ihren Kopf legte, dass man ihre Ohren sah. Heute war von den Ohren keine Spur zu sehen. Ein Kranz aus weißen und blauen Blüten schwebte auf wuscheligen, glänzenden Locken, und von Julias Schläfen herab kringelten sich goldene Strähnen wie feine Hobelspäne. Auch ihr Gesicht wirkte anders als sonst. Ihre Augen leuchteten veilchenblau, und der Teint schimmerte matt und rosig.

Julia blieb vor dem Altar stehen und sah mit einem glücklichen Lächeln zu Peter auf, der hier auf sie gewartet hatte. Ihr Rock schwang noch ein paar Mal sachte hin und her, bevor er zur Ruhe kam. Er bestand aus vierzehn Lagen feinstem Tüll, wie ich aus gut informierten Kreisen erfahren hatte, jede Lage vier Meter weit.

Ich fragte mich, wie ich wohl in solch einem Kleid aussehen würde. Natürlich nach neun Wochen Hunger-, Fitness- und Sonnenbankfolter. Ganz sicher hätte ich mir andere Farben für den Blütenkranz ausgesucht. Zu Julias blauen Augen und dem blonden Haar passten Weiß und Blau hervorragend, aber meine Haare sind dunkelbraun und glücklicherweise von Natur aus leicht gelockt. Meine Augen sind grün. Bei mir würde ein Kranz aus duftenden Orangenblüten gut aussehen, und dazu ein Kleid aus cremefarbener Wildseide, in dem ich den Gang zwischen den Kirchenbänken zum Altar hinaufschreiten würde.

Was für eine Vorstellung!

Aufgeregt griff ich nach Alex’ Hand. Er drückte fest zurück. Vielleicht hatte er gerade das Gleiche gedacht wie ich?

Vorne beim Pastor angekommen, musste das Hochzeitspaar niederknien. Für den Bräutigam, der in seinem schlichten hellgrauen Anzug neben der Braut nicht weiter auffiel, war das kein Akt, aber Julia verhedderte sich hoffnungslos in ihren Tüllröcken. Die Brautmutter und die Trauzeugin mussten herbeispringen, um ihr behilflich zu sein. Trotzdem ging etwas schief, denn als Julia sich endlich auf die Knie niederließ, hörte man jenes stumpfe Geräusch, das Tüll macht, wenn er zerreißt.

Wieder ging ein Raunen durch die Kirche.

Alex stieß mich erneut in die Rippen und kicherte.

Mir tat Julia leid. Ich bin nur froh, dass Wildseide nicht so leicht reißt wie Tüll. Ich würde mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung niederknien, und dabei würde sich mein Kleid wie eine schimmernde Aureole um mich legen. Ich würde aussehen wie eine von Christo verpackte Südseeinsel.

»Willst du, Julia, den hier anwesenden Peter zum Mann nehmen, ihn lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet, so antworte mit Ja.«

»Ja, ich will«, sagte Julia leise und ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern. Auch das Blitzlichtgewitter ringsum hatte sie nicht abgelenkt. Ihre Stimme klang zart und melodisch und ganz einfach reizend. Sicher hatte sie das zu Hause hundertmal geübt.

Dabei wäre diese Rolle durchaus noch ausbaufähig gewesen. Ein winziges Zögern vor dem Ja und ein Lächeln hinauf zum Bräutigam hätten der Sache noch ein bisschen mehr Würze gegeben.

Peter und Julia tauschten ihre Ringe. »Mit diesem Ring gelobe ich dir ewige Treue«, sagte Peter, und Julia gelobte das Gleiche.

»Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen«, behauptete der Pastor ohne weitere Umschweife, die Orgel intonierte »Großer Gott, wir loben dich«, und die Gemeinde fiel zaghaft ein.

Ich suchte missgestimmt nach meinem Gesangbuch. Das war’s doch nicht etwa schon? Kein »Sie dürfen die Braut jetzt küssen!«? Nicht mal »Wenn jemand gegen diese Verbindung Einspruch zu erheben hat, so tue er das jetzt unter den Augen Gottes oder schweige für immer«.

Enttäuschend.

Brautmutter und Trauzeugin halfen Julia wieder auf die Füße, und Peter geleitete sie durch den Mittelgang zum Portal.

»Das wäre geschafft«, seufzte Alex und stand ungeduldig auf. Er hatte Schwierigkeiten gehabt, seine langen Beine in der engen Bank unterzubringen. »Endlich.«

»Das ging alles so schnell«, maulte ich. »Also, ich an Julias Stelle würde mich beschweren.«

»Bloß nicht! Ich habe Hunger«, sagte Alex. »Hoffentlich gibt es bald was!«

Aber es dauerte eine ganze Weile, bis wir den Parkplatz der Kirche verlassen konnten, um zu dem Landgasthof zu fahren, in dem die Hochzeitsfeier stattfinden sollte. Alle wollten dem Brautpaar sofort ausführlich gratulieren – auch zu diesem herrlichen Spätsommerwetter, wie ich mehrfach vernahm – und der Braut Komplimente wegen des Kleides machen. Und dann mussten ja auch noch die Fotos geschossen werden.

Obwohl jeder zweite einen Fotoapparat um den Hais trug, hatte man einen Fotografen engagiert, der sofort ganz professionell damit begann, die Hochzeitsgäste auf der Kirchentreppe um das Brautpaar herum zu postieren. Bis alle im Bild waren, vergingen fast zwanzig Minuten. Julias Tante Emmi wollte nämlich unbedingt in der ersten Reihe stehen, obschon sie hinter ihrem taillierten Blümchenzelt, Größe 50, die beiden Trauzeugen und eines der fotogenen kleinen Mädchen, die vorhin Blumen aus einem Spankörbchen gestreut hatten, völlig verdeckte. Als es dem Fotografen endlich mit Geduld und diplomatischem Geschick gelungen war, Tante Emmi auf einen Posten weiter außerhalb zu versetzen, die Mütter ihre Kinder wieder eingefangen hatten und alle erleichtert in die Kamera lächelten, schrie Julia plötzlich schrill auf. Dabei ruderte sie so heftig mit den Armen, dass das ganze Gruppenbild aus der Form geriet.

»Hilfe! Etwas ist unter meinem Rock!«, schrie sie mit überschnappender Stimme. »Etwas ist unter meinem Rock! Hilfe!«

Brautmutter, Trauzeugin und zwei andere hilfreiche Frauen stürzten herbei und vor Julia auf die Knie. Hastig rafften sie die Tüllröcke hoch.

»Eine Wespe«, schrie die Brautmutter, und ein Raunen ging durch die Gästeschar. »Ich höre sie summen. Halt ganz still, Kind!«

»Hilfe, eine Wespe«, kreischte Julia. »Ich will nicht, dass sie mich sticht! Macht sie tot! Macht sie tot!«

»Das haben wir gleich«, versprach die Trauzeugin in beruhigendem Tonfall, und sie und die anderen Frauen hoben nun Tülllage für Tülllage an und entblößten dabei mehr und mehr von Julias Beinen.

Der Bräutigam lockerte nervös seine Fliege, die Hochzeitsgäste verfolgten das Spektakel ebenfalls atemlos. Durch die letzten Tüllschleier hindurch sah man schon deutlich Julias halterlose Strümpfe und das Strumpfband, das ihr Glück bringen sollte. Plötzlich herrschte Mucksmäuschenstille auf der Kirchentreppe. »Da!«, schrie Julia. »Sie krabbelt auf meinem Bein herum! Sie soll mich nicht stechen! Hilfe! Macht sie doch endlich tot! Macht sie tot!«

Die Brautmutter lüftete den letzten Tüllrock, und alle Hälse ringsum reckten sich noch ein bisschen mehr. Vor allem die angeheirateten Onkel hatten auf einmal kein Doppelkinn mehr.

Alex stieß mich in die Rippen.

»Jetzt sollte der Fotograf mal Fotos machen«, flüsterte er grinsend. »Das wäre der Knüller für die Lokalpresse.«

Ich musste kichern.

»Da ist ja das Untier«, rief die Trauzeugin froh und meinte die völlig verstörte Wespe, die sogar nur eine Biene war und nun mit erleichtertem Brummen in den Septembernachmittag entwich.

Die Hochzeitsgäste klatschten ebenfalls erleichtert Beifall. Seufzend machte sich der Fotograf wieder ans Werk. Bis nun Julias Kleid in Ordnung gebracht war, ihre schreckensbleichen Wangen sich wieder zart gerötet hatten, alle zurück auf ihre Plätze dirigiert worden waren und die Kamera endlich losklickte, hatte auch ich Hunger bekommen.

Aber ich musste mich noch über anderthalb Stunden lang gedulden, denn die anwesenden Hobbyfotografen durften nun ebenfalls Gruppenbilder schießen, und anschließend führten Braut und Bräutigam die mit weißen Schleifchen an den Antennen gekennzeichnete Autokolonne mit ihrem blumengeschmückten Leih-Rolls-Royce konsequent mit Tempo 30 zu dem elf Kilometer entfernt liegenden Landgasthof. Bis dann alle vierundachtzig geladenen Gäste ihre Platzkärtchen an der riesigen, hufeisenförmigen Hochzeitstafel gefunden hatten, knurrte mein Magen wie ein gereizter Tiger.

»Ich bin schon ganz hohl«, jammerte Alex, und ich wusste genau, wie er sich fühlte.

Zunächst sah es so aus, als würde unserem Leiden bald ein Ende bereitet. An der Stirnseite des Saales war ein verlockend aussehendes Büfett aufgebaut. Hinter duftenden, dampfenden Behältern, in denen ich Unmengen von Kartoffelgratin und Engadiner Gulasch vermutete, standen bereits livrierte Kellner mit gezückten Kellen. Die Gäste scharrten ungeduldig mit den Füßen. Alles wartete nur noch auf den Startschuss.

»Erlösung naht, mein Retter lebt«, flüsterte Alex.

Aber jetzt war es erst mal Zeit für eine Rede des Brautvaters. Er klopfte, um Gehör bittend, an sein Glas und sprach dann eine geschlagene Viertelstunde über das Glück, das er an diesem heutigen Tage empfand. Das Publikum quittierte mit anerkennendem Raunen seine ganz nebenbei fallen gelassene Bemerkung über die Freude, mit der er die zigtausend Mark für die Hochzeitsfeier lockergemacht habe.

Das hätte er allerdings besser nicht erwähnt, denn nun konnte der Vater des Bräutigams mit seiner Rede unmöglich bis nach dem Hauptgang warten. Er klopfte also ebenfalls an sein Glas und hielt eine Rede, die der seines Vorredners in nichts nachstand. Besonders betonte er, mit welch großer Freude er dem jungen Brautpaar eine seiner Lebensversicherungen überschrieben habe, von der nun die gerade fertig gestellte Doppelhaushälfte der beiden finanziert würde.

Die Gäste klatschten begeistert Beifall. Erleichtert wollte der Bräutigam nun das Zeichen zum Essenfassen geben, als eine rundliche Gestalt im weißen Nachthemd in die Mitte des Hufeisens trat. Sie trug einen Reif aus Alufolie über der Stirn und auf dem Rücken Pappflügelchen. In der Hand hielt sie einen mit Goldpapier ausgeschlagenen Marktkorb, randvoll mit kleineren Gegenständen.

Braut und Bräutigam tauschten einen besorgten Blick. Sie schienen die Dame im Nachthemd zu kennen. Ich musste zweimal hinsehen, bevor ich sie erkannte: Es war die Brautmutter.

Sie lächelte freundlich in die Runde und behauptete:

»Ich bin ein Engel, wie ihr seht,

und komme hoffentlich nicht zu spät!«

»Eher zu früh«, sagte ein hungriger Onkel vorwitzig, und alle lachten. Aber davon ließ sich der Brautmutterengel nicht beirren.

»Vom Himmel hoch, da komm ich her,

ich muss euch sagen, ich trage schwer.«

Dabei deutete sie auf ihren Marktkorb.

»Denn alle die Heiligen im Himmel oben,

die wollen das Brautpaar mit Geschenken loben.

Jeder dachte sich was Feines aus,

und dann schickten sie mich mit diesem Korb aus dem Himmelshaus.«

Sie hielt eine Tütensuppe in die Luft.

Ȇber dies feine Geschenk von der heiligen Jutta

geriet der ganze Himmel ins Schwärmen;

denn ob ihr es glaubt oder nicht, das Süppchen soll

euch das Herze erwärmen.«

Die Zuschauer schwiegen verwirrt. Eine Heilige, die Tomatencremesuppe mit Croutons verschenkte? Hatte man so was schon mal gehört?

Der Himmelsbote im Nachthemd überreichte dem Brautpaar die Suppentüte und zog dann eine Klopapierrolle aus dem Korb.

»Dies wichtige und weiche Papier am Meter,

das gab mir der heilige Hans-Peter«,
rief sie, und da ertönte hier und da vereinzelt Gelächter. Sicher waren das diejenigen, die noch vor der Kirche warm zu Mittag gegessen hatten.

»Ich wusste gar nicht, dass es Heilige namens Jutta und Hans-Peter gibt«, raunte ich meiner Tischnachbarin, einer jungen Frau in meinem Alter, zu. Sie hatte sich zurückgelehnt und verfolgte das Tun des Engels mit bewölkter Miene.

»Nein, aber die Trauzeugin heißt Jutta«, antwortete sie. »Und Hans-Peter ist ein Cousin von Jutta. Der sitzt dort drüben.«

Ich ahnte Böses. Die Brautmutter hatte ihren himmlischen Reimen die Gästeliste zugrunde gelegt, und der Korb war noch bis oben hin voll!

»Macht die jetzt etwa alle vierundachtzig Gäste durch?«, flüsterte ich schwach.

Meine Tischnachbarin nickte grimmig. Die Brautmutter hielt derweil eine Orange in die Höhe.

»Und diese saftige Apfelsine,

die gab mir für euch die heilige Sabine«,
verkündete sie froh. Julia legte die Orange neben Klopapier und Tütensuppe auf ihren Teller und harrte ergeben der Dinge, die da noch kommen würden.

»Ein Königreich für diese Orange«, flüsterte Alex mir zu. »Meine Magenwände reiben sich schon gefährlich aneinander.«

Im gleichen Moment horchte er auf, denn soeben überreichte die Brautmutter eine Packung Heftpflaster im Auftrag des heiligen Alex, und sofort danach ein Tütchen Gummibären von der heiligen Elisabeth, die war so nett.

Elisabeth, das war ich. Elisabeth Jensen, achtundzwanzig Jahre alt und ledig. Unverheiratet, jawohl. Wenn man mal von der Sache mit dem wildseidenen Kleid, dem Orangenblütenkranz und den Einkommensteuern absah, gab es auch keinen Grund, an diesem Zustand etwas zu ändern. Nicht, wenn man dafür eine Feier wie diese in Kauf nehmen musste.

»Heiraten ist eine Strafe«, sagte meine Tischnachbarin, als habe sie meine Gedanken gelesen.

Ich nickte. Die Engelgeschichte hier war Alex’ Mutter durchaus ebenfalls zuzutrauen. Ich konnte sie schon förmlich vor mir sehen, mit Nachthemd und einem Heiligenschein aus Alufolie in den blonden Strähnchen.

»Die Hochzeit ist sozusagen der Höhepunkt einer jeden Beziehung«, erklärte meine Nachbarin ernst. »Danach geht es nur noch abwärts.«

Ich nickte und warf einen Blick auf ihren Ehegatten, der einen Platz weiter saß, das Kinn auf die Brust gesenkt. Er hatte das einzig Richtige getan: Er war eingeschlafen.

»Nur noch abwärts«, wiederholte seine Frau.

Ich drehte mich zur anderen Seite.

»Hast du das gehört?«, fragte ich Alex.

Alex schüttelte den Kopf. »Ich möchte dich etwas Wichtiges fragen«, sagte er ernsthaft.

»Mich?«

»Ja.« Alex nickte. »Ich dachte, heute ist der passende Anlass für so eine Frage. Ich hätte es dich schon längst gefragt, aber ich hatte Angst, du sagst am Ende nein.«

Mein Herz begann auf einmal schneller zu schlagen, und ich vergaß, was ich eben noch gedacht hatte. Stattdessen fragte ich mich, ob man so ohne weiteres Orangenblüten im Blumenladen bekam und wie es wohl aussähe, würde man kleine Früchte mit in dem Kranz verarbeiten.

»Ich möchte dich fragen, ob du – ob du dir vorstellen kannst –«, begann Alex stockend.

Ich lächelte ihn ermutigend an. »Ja?«

»Ob du dir vorstellen kannst, dein Leben mit mir –«, fuhr er fort. »Also, wir kennen uns jetzt drei Jahre. Ich finde, es wird Zeit, dass wir zusammenziehen.«

»Ja?«, flüsterte ich und wusste für ein paar Sekunden nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte.

»Willst du?«, fragte Alex beinahe schüchtern.

Ich zögerte eine winzige Sekunde lang. Dann lächelte ich zu ihm auf und sagte, so melodisch ich konnte: »Ja, ich will.«

»Und die heilige Ulrike, ei der Daus,

die gab mir dies Taschentuch

für unsere Juliamaus«,
rief der Engel fröhlich. Der Marktkorb war fast leer. Aber immer noch lag dieser glückliche Schmelz über Julias Teint. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen – es war wirklich der glücklichste Tag in ihrem Leben. Der Engel überreichte ihr ein rosa Sparschwein vom heiligen Hein und gleich hinterher von der heiligen Ute mit den wilden Locken eine Packung Haferflocken. Damit war der Korb überraschend plötzlich leer, die Brautmutter verneigte sich lächelnd, und wir klatschten heftig Beifall, als wir begriffen, dass es jetzt endlich Essen geben würde.

Es wurde dann doch noch ein richtig netter Abend. Wir aßen und tranken gut, genügend Weißwein, um die Reden von drei weiteren Verwandten sowie die Tanzmusik der Zweimannkapelle gelassen hinzunehmen. Alex und ich sprachen an diesem Tag nicht mehr über Heirat. Aber eins war klar: Wenn ich denn jemals doch heiraten sollte, dann dürfte es nur Alex sein, der mir den Ring anstecken würde. Alex oder keiner.

DER RADIOWECKER SCHALTETE sich Punkt drei Minuten nach sieben ein, und noch ehe ich richtig wach werden konnte, schob Alex mir stumm das Fieberthermometer in den Mund.

»Und nun die Wettervorhersage für heute, Dienstag, den vierzehnten November«, sagte der Nachrichtensprecher. »Ein Tief über Nordirland führt kalte Luft und dichte Bewölkung nach Deutschland. Im ganzen Land anhaltende Regenfälle, die ab vierhundert Meter in Schnee übergehen.«

Ich stöhnte mit geschlossenen Augen. Novemberregen und Dienstag, das waren gleich zwei Gründe, um im Bett zu bleiben.

Alex hatte die Nachttischlampe angeknipst und wartete auf den Piepton des Thermometers in meinem Mund. Seit ich die Pille nicht mehr nahm, musste ich immer morgens um die gleiche Zeit Temperatur messen. Er nahm die Sache mit der Verhütung ausgesprochen ernst und wusste mehr über weibliche Fruchtbarkeit als ich. Doktor Rötzels natürliche Empfängnisplanung hieß das Buch, das er gekauft und von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hatte.

Sicher verhüten ohne Chemie lautete der Titel des Werkes, für das ich plädiert hatte, denn in Dr. Rötzels Buch ging es in erster Linie um Empfängnis und weniger um Verhütung. Aber Alex meinte, das mit der Empfängnis könnten wir noch früh genug gebrauchen.

Das Thermometer piepste.

Alex las die Temperatur ab, und erst dann gab er mir einen Guten-Morgen-Kuss.

»Guten Morgen, kleiner Knurrhahn«, sagte er. »Du bist siebenunddreißig Grad warm, genau vier Zehntel mehr als gestern.«

»Was bedeutet das?«, fragte ich fröstelnd.

»Dein Eisprung, Elisabeth«, antwortete Alex. »Das habe ich dir doch schon hundertmal erklärt.«

»Ach ja«, sagte ich. In keiner meiner früheren Beziehungen war das Thema Verhütung so wichtig gewesen wie in dieser. Dabei war Alex der erste Mann, von dem ein Kind zu bekommen eine richtig schöne Vorstellung war.

Außer dienstags. Dienstags betreute ich zwei Mutter-Kind-Kontaktkreise am Familienbildungswerk, für das ich als pädagogische Mitarbeiterin tätig war. Und jeden Dienstagabend war ich fest entschlossen, kinderlos zu bleiben.

»Ich würde gern im Bett bleiben«, sagte ich zu Alex. »Du nicht auch?«

Aber Alex war schon aufgesprungen. Für ihn war jeder Arbeitstag gleich. Schlechtgelaunt folgte ich ihm ins Badezimmer. Dort trug er meine Körpertemperatur in eine Tabelle ein, die an der Tür hing und Besuchern schon manches Rätsel aufgegeben hatte. In komplizierten Verschlüsselungen vermerkte er neben meiner Temperatur allerlei Vorkommnisse, deren Bedeutung auch ich nur teilweise kannte.

Es gab Zeichen für Sex ohne Geschlechtsverkehr, aber mit Samenerguss, für Geschlechtsverkehr mit Kondom und Samenerguss, für Geschlechtsverkehr ohne Kondom mit Samenerguss. Daneben gab es noch eine Reihe von anderen Symbolen, deren Bedeutung Alex mir nicht verraten wollte. Wenn ich ihn danach fragte, wurde er immer etwas verlegen. Ich vermutete, dass er Buch über die Anzahl meiner Orgasmen führte, um statistisch auszuwerten, inwieweit sie in Zusammenhang mit den anderen Zeichen zu bringen waren. Ich hoffte, dass er dem Geheimnis bald auf die Spur kommen würde.

»Ich friere«, sagte ich.

Alex nahm mich in seine Arme. Sein ganzer Körper war warm wie ein ofenfrisches Brötchen. Das einzig Kühle an ihm war der Rasierschaum im Gesicht.

»Warum frierst du nie?«, fragte ich.

»Weil ich nicht frieren will«, erklärte Alex. »Das ist alles eine Frage der Einstellung. Wenn man nicht frieren will, dann tut man es auch nicht.«

»Ich friere, weil heute Dienstag ist«, sagte ich.

»Ach ja, deine Mütterkurse sind heute«, erinnerte sich Alex und drückte mich noch enger an sich. »Du Ärmste. Aber mein Tag ist auch nicht aus Pappe.«

Die Mütter des ersten Mutter-Kind-Kontaktkreises mochten mich nicht. Ganz gleich, was ich mir ausdachte, sie fanden es immer blöd. Heute machten wir einen Handabdruck der Babys in Ton. Blöd.

Anschließend setzten wir uns im Kreis auf den Boden und sangen Kinderlieder.

»Kennt ihr das Aramsamsam-Lied?«, fragte eine Mutter schließlich. Sie hielt einen Still-Kursus in unserem Haus ab, immer donnerstags, wenn ich Spätdienst hatte. Maike Schlöndorf, Lactationsberaterin, stand in unserem Programmheft, und niemand außer Maike wusste, was das war.

Auch das Aramsamsam-Lied kannte keiner.

»Du auch nicht?«, wollte Maike von mir wissen.

Ich schüttelte bedauernd den Kopf. Maike machte ein Gesicht, als könne sie eine solche Bildungslücke bei einer Kontaktkreis-Gruppenleiterin nur schwer verstehen, aber sie erklärte sich schließlich doch bereit, uns das Aramsamsam-Lied zu lehren. Das ging so:

»Aramsamsam, aramsamsam,

gulligulligulligulli ramsamsam,

arabi, arabi,

gulligulligulligulligulli ramsamsam.«

Das war aber noch nicht alles. Zu aramsamsam musste man sich mit den Handflächen auf die Schenkel schlagen, bei gulligulligulli mit den Fäusten auf die Brust trommeln und bei arabi eine Verneigung gen Mekka vollziehen.

Den Müttern machte das offensichtlich großen Spaß. Die Kinder schauten uns eine Weile mit erstaunten Augen zu, beschlossen dann aber jedes für sich, lieber etwas anderes zu spielen. Ich ließ eine Viertelstunde verstreichen, in der sie durch den Spieltunnel krabbelten, an Bauklötzchen herumnagten und mit Bananen gefüttert wurden.

Die letzten zwanzig Minuten wollte ich für unser wöchentliches »Blitzlicht« nutzen, bei dem alle Mütter reihum von den Erlebnissen der vergangenen Woche berichten sollten. In der ersten Gruppe waren diese Erlebnisse immer wunderschön.

»Die Marie-Antoinette hat zwei neue Zähne bekommen«, erzählte die erste Mutter. »Aber sie war dabei so goldig und lieb, dass mein Mann sie nur noch sein Engelchen nennt.«

Alle Mütter freuten sich.

»Roger isst schon alleine mit dem Löffel«, wusste die zweite Mutter zu berichten.

Das fanden alle ganz toll.

»Mein Sohn bringt meinem Mann morgens immer die Aktentasche«, erzählte die Dritte. »Ich glaube, mein Sohn kann schon die Uhr lesen.«

Darüber lachten alle Mütter herzlich.

»Unsere Woche war auch ganz superschön. Aber Juan-Carlos will seit zwei Tagen abends nicht in sein Bett«, berichtete die fünfte Mutter bekümmert, als sie an der Reihe war.

Da beugten sich alle voller Anteilnahme nach vorne.

»Schlafen kann man lernen«, rief Maike. »Hast du denn das Buch nicht?«

Mutter Nummer fünf schüttelte den Kopf. »Was für ein Buch? Bis jetzt habe ich nie eins gebraucht. Juan-Carlos hat ja immer durchgeschlafen!«

»Oje! Das Buch heißt Schlafen kann man lernen. Ich bringe es dir gleich morgen vorbei«, sagte Maike hilfsbereit. »Annabell braucht es im Moment nicht.«

»Schlafen kann man lernen?«, fragte ich neugierig. »Funktioniert das tatsächlich?«

Mir antwortete Maike nur ungern.

»Natürlich«, sagte sie, »aber warum interessierst du dich dafür? Du hast doch kein Kind.« Nein, aber einen Freund, der immer dann hellwach war, wenn ich schlafen wollte.

»Wie funktioniert es?«, fragte ich gelassen. Die Angriffe gegen meine Kinderlosigkeit kamen regelmäßig, aber inzwischen hatte ich sie zu ignorieren gelernt.

»Das steht alles im Buch«, antwortete Maike knapp.

Ich ärgerte mich nicht weiter. »Wer ist als nächstes an der Reihe?«

»Ich«, sagte die sechste Mutter, Gabriele. »Herr Pergerhof und ich, wir hatten auch eine ganz tolle Woche.« Herr Pergerhof war nicht etwa Gabrieles Gatte, sondern Jonas, das Baby. Die Mütter sprachen ihre Kinder der Vollständigkeit halber gerne mit den klangvollen Nachnamen an. Dabei verfielen sie nicht selten in die Höflichkeitsform. »Juan-Carlos Schmidt, würden Sie so gut sein und die Socken anlassen? Hier gibt es keine Fußbodenheizung wie bei uns zu Hause!«

Auch daran hatte ich mich längst gewöhnt. Ich lächelte milde.

»Aber wo ich schon mal an der Reihe bin«, fuhr Gabriele fort, »möchte ich auch gleich in unser aller Namen etwas loswerden.«

Mir war, als würden die Mütter ein wenig enger zusammenrücken.

»Bitte«, sagte ich.

Gabriele fixierte mich ernst durch die Gläser ihrer Brille. »Wir finden es nicht gut, wie du mit unseren Kindern umgehst.«

»Ich?«, fragte ich überrascht.

Die Mütter nickten mit dem Kopf. Besonders Maike. Sie sagte: »Du nimmst unsere Kinder nicht ernst, Elisabeth. Das stört uns.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

Maike seufzte tief. »Du begibst dich ständig auf ein Niveau hinab, das du unseren Kindern einfach unterstellst, weil du selber kein Kind hast. Wir möchten aber, dass du die Kinder so ernst nimmst, wie wir das auch tun. Verstehst du?«

»Nein«, sagte ich ehrlich. »Wie sieht das denn konkret aus, wenn ich die Kinder nicht ernst nehme?«

»Ach Gott«, sagte Maike. »Das kann man jemandem, der selber nicht Mutter ist, schwer mit Worten erklären. Aber es ist die Art, wie du mit den Kindern sprichst und wie du sie anlächelst, das ist einfach so – so – na ja, eben so, als würdest du unsere Kinder ständig unterschätzen. Im Grunde hemmst du damit ihre persönliche Weiterentwicklung.«

Wieder nickten die anderen vernehmlich. Ich schwieg betroffen. War es am Ende möglich, dass ich mit den Kindern in einer Babysprache kommunizierte, ohne mir darüber bewusst zu sein?

Hastig überprüfte ich in Gedanken mein Verhalten gegenüber den Kindern während der letzten halben Stunde. Tatsächlich hatte ich eben erst meinen Kopf in den Krabbeltunnel gesteckt und zu Annabell auf der anderen Seite »Kuckuck« gesagt.

War das niveaulos? Hatte ich dem Kind damit gezeigt, dass ich es nicht ernst nahm? Hatte ich es mit dem Wort »Kuckuck« unterfordert und damit seine persönliche Entwicklung gehemmt?

»Wir möchten, dass du die Kinder genauso ernst nimmst, wie wir das tun«, wiederholte Maike. »Wir sprechen doch auch ganz normal mit den Kindern.«

»Was normal ist, ist doch wohl eher subjektiv«, widersprach ich gereizt. Ich persönlich fand es nicht normal, Babys mit »Herr« und »Frau« anzureden. Und wie – bitte! – passte das mit »gulligulligulligulligulli ramsamsam« zusammen?

»Lass dir das einfach mal von gestandenen Müttern gesagt sein«, schloss Maike herablassend, und die gestandenen Mütter ringsum nickten alle wieder mit dem Kopf.

Was bedeutete überhaupt »gestanden«? Dass man mindestens ein Kind mit mindestens zwei Vornamen und einen Taillenumfang von mindestens hundertundfünf Zentimetern aufweisen konnte? Jedenfalls war ich dieser Argumentation gegenüber machtlos. Ich sah auf die Uhr.

»Es ist Zeit für unser Schlusslied«, sagte ich unfreundlich und klatschte in die Hände. »Und dann bitte ich darum, dass ihr diesmal die Bananenschalen in den Abfalleimer entsorgt und nicht wieder einfach auf der Fensterbank liegen lasst.«

»Ich hasse meinen Job«, sagte ich zu meiner Kollegin und besten Freundin Hanna, als ich den Kassettenrecorder für die zweite Gruppe aus unserem gemeinsamen Büro holte. Das musste sie sich jeden Dienstag anhören.

»Wenn ich dich nicht hätte, wüsste ich nicht, welchen Tag wir haben«, entgegnete Hanna. Die Glückliche organisierte den Bereich »Gesundheit und Kreatives«, und darum beneidete ich sie heftig. Ganz besonders dienstags.

»War’s wieder sehr schlimm?«

»Ja«, sagte ich heftig.

»Ich glaube, Heiko betrügt mich«, sagte Hanna, ohne darauf einzugehen.

Ich nahm ihre Bemerkung nicht weiter ernst. Hanna war seit neun Jahren mit Heiko befreundet, und fast genauso lange äußerte sie etwa einmal im Jahr die Vermutung, er sei ihr untreu.

»Wer ist es denn diesmal?«, fragte ich, denn Hanna hatte immer einen konkreten, leider nie bestätigten Verdacht. Einmal war es angeblich seine Sekretärin, das andere Mal die Desinfiziererin aus dem Sonnenstudio.

Diesmal zuckte sie die Schultern.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich spüre nur, dass da eine andere ist.«

»Ich denke, er hat dich erst letzte Woche gefragt, wann ihr endlich zusammenziehen werdet«, erinnerte ich sie.

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