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Die Braut ohne Namen

1. KAPITEL

Er war allein am Strand. Mutterseelenallein.

Genau das hatte er gehofft. Es war zwar kurz vor Mitternacht, und gestern hatte der Herbst offiziell begonnen, aber das hier war Südkalifornien. Da konnte es passieren, dass man einem Liebespaar begegnete, das die Einsamkeit nutzen wollte. Oder einem Obdachlosen, der auf einer Bank an diesem Abschnitt von Laguna Beach ein paar Stunden schlief.

Halb Park, halb Strand, verströmte er mediterranes Flair. Trevor Marlowe liebte das Mittelmeer, und auch deshalb hatte er sich diesen malerischen Ort am Pazifik ausgesucht, um sein erstes eigenes Restaurant zu eröffnen.

Kate’s Kitchen hatte er es getauft, weil er in der Küche seiner Stiefmutter die Liebe zum Kochen entdeckt hatte. Es lag wunderschön, mit Blick aufs Meer, und Trevor hatte gehofft, dass die Gäste auch wegen der Aussicht kommen würden. Aber Kate hatte darauf bestanden, dass er sie vor allem mit seinen Kochkünsten beeindruckte. Inzwischen war sie mit seiner Leistung am Herd mehr als zufrieden. Das machte ihn stolz, denn schließlich war sie seine erste kulinarische Lehrerin gewesen.

Andererseits durfte er sich auf das Lob nicht zu viel einbilden, denn seine Stiefmutter war ein herzensguter Mensch, der niemandem wehtun konnte. Kate Llewellyn Marlowe war freundlich, liebevoll und fürsorglich, aber wenn ihr etwas wichtig war, konnte sie durchaus energisch sein.

Bei ihr kam nie Langeweile auf, und vor allem hatte sie die Talente ihrer Kinder stets gefördert. Sie hatte Trevor ermutigt, seinen Traum zu verwirklichen und ein Spitzenkoch zu werden.

Als er knapp bei Kasse war, hatte sie ihm Geld zugesteckt, damit er nach Italien fliegen und in einer renommierten Schule von den Besten seines Fachs lernen konnte. Vor allem ihr war es zu verdanken, dass Kate’s Kitchen schon mehrfach ausgezeichnet worden war.

Sie alle hatten ihr viel zu verdanken – er, seine drei Brüder und sein Vater. Trevor wollte sich lieber nicht vorstellen, was aus ihnen geworden wäre, wenn sein überforderter Vater ihr nicht begegnet wäre. Auf einem Kindergeburtstag, bei dem sie mit Handpuppen ein lustiges Theaterstück aufführte. Offenbar hatte er sofort gespürt, dass sie die Frau war, die mit seiner stets zu Streichen aufgelegten Rasselbande fertig werden konnte.

Trevor und seine Brüder waren ziemlich rebellisch gewesen. Ihre Mutter war erst kürzlich gestorben, und sie hatten ihre Trauer wohl nicht anders verarbeiten können. Ohne Kate wären Mike, Trent, Travis und er vermutlich im Erziehungsheim gelandet, wenn nicht sogar im Jugendgefängnis. Zum Glück war sie rechtzeitig in ihr Leben getreten, mit Zuversicht, Geduld, Verständnis und ihren Handpuppen. Ohne Kate wären sie alle verloren gewesen. War das alles wirklich schon zwanzig Jahre her? Es kam ihm vor wie gestern.

Eine besonders kräftige Welle lief auf dem Strand aus und umspülte seine bloßen Füße. Trevor fühlte, wie der Sand unter den Sohlen nachgab und das in den Ozean zurückströmende Wasser an ihm zog.

Ich sollte besser nach Hause gehen, dachte Trevor, kehrte jedoch nicht um. Nur ein paar Minuten noch, sagte er sich. Die frische Luft tat gut, und er musste dringend eine Weile abschalten. Es war eine lange, anstrengende Woche gewesen, und es war noch nicht mal Wochenende.

Ihm graute vor morgen. Selbst wenn sich niemand krank meldete, würde es ein harter Tag werden. Schon jetzt fehlte ihm eine Mitarbeiterin, und bis die Agentur ihm Ersatz schickte, musste er doppelt so viel arbeiten wie sonst. Mit gerunzelter Stirn dachte Trevor daran, wie Ava, die in seiner Küche für die Salate zuständig gewesen war, ihm die schlechte Nachricht überbracht hatte.

Ihr Freund, ein Biker mit tätowiertem Oberkörper, wollte unbedingt auf Tour gehen. Quer durchs Land, mit dem Motorrad, zwei Monate lang. Und heute Nachmittag hatte Ava die Schürze ausgezogen und war einfach gegangen.

Aber ich schaffe es, dachte Trevor. Kate hatte ihm vorgemacht, dass einem alles gelang, wenn man es sich nur fest genug vornahm. Manchmal war es verdammt schwer, nach dieser Devise zu leben. Deshalb war er jetzt hier draußen. Um allein zu sein, ein wenig Dampf abzulassen und frische Kraft zu schöpfen.

Ungeduldig wartete er darauf, dass er ruhiger wurde. Offenbar dauerte es heute länger als sonst.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er stehen geblieben war und auf den endlosen Pazifik hinausschaute. Der Vollmond warf einen langen, fast weißen Streifen aufs Wasser. Nur der Schrei einer Möwe übertönte das Rauschen der Brandung. Trevor sah ihr nach. Überall breiteten die Vögel die Flügel aus, um im Inland Schutz zu suchen.

Ein Sturm kam auf.

Sollte der Wetterbericht zur Abwechslung mal recht behalten?

Vage erinnerte er sich daran, dass es spätestens morgen regnen sollte. Abwarten, sagte er sich. Sicher, es war Herbst, aber in den letzten Jahren hatte selbst der kaum Regen gebracht. Sonnenschein war gut fürs Geschäft, aber nicht für das ausgedörrte Land. Wenn es regnete, blieben die Leute zu Hause und kochten selbst oder bestellten sich etwas, anstatt an den Strand zu fahren und im Restaurant zu essen. Trotzdem sehnte Trevor sich nach Regen, wenigstens für eine kurze Weile.

Er kniff die Augen zusammen. War das ein Schiff dort draußen?

Er hätte schwören können, dass er auf dem Wasser einen weißen, großen Umriss gesehen hatte.

Eine Jacht?

Oder hatte er es sich nur eingebildet? Nicht, dass er außerhalb seiner Küche ein besonders fantasievoller Mensch war. Aber vielleicht spielte ihm der Stress einen Streich.

„Geh zu Bett, Trev“, murmelte er. „Du leidest schon unter Halluzinationen.“ Kein vernünftiger Mensch segelte mitten in der Nacht auf dem Pazifik, wenn ein Sturm angekündigt war. Trotzdem blieb Trevor stehen, die Schuhe an einer Hand baumelnd, und wühlte mit den Zehen im Sand. Barfuß über den Strand zu laufen brachte ihm ein Stück Kindheit zurück.

Dank Kate war es doch noch eine schöne geworden.

Er hatte etwas aus sich gemacht, liebte seinen Beruf, und mit dem Restaurant war für ihn ein Traum wahr geworden. Warum hatte er dennoch das Gefühl, dass in seinem Leben etwas fehlte?

„Du bist nie zufrieden, das ist dein Problem.“

Genau das würde Travis erwidern, wenn er sich bei ihm darüber beklagte. Sein Bruder war einer der beiden Menschen, mit denen er nicht nur das Blut, sondern auch das Gesicht gemeinsam hatte. Travis, Trent und er waren im Minutenabstand zur Welt gekommen. Als Drillinge sahen sie einander so ähnlich, dass in den ersten Jahren nicht einmal ihre Eltern oder sein älterer Bruder Mike sie auseinanderhalten konnte. Vor lauter Verzweiflung hatte ihr Vater angeblich jedem Drilling mit einem Wäschemarker den Namen auf die linke Fußsohle geschrieben, bis ihre Mutter es ihm verbot.

Als sie älter wurden, hatten Trent, Travis und Trevor ihr Aussehen ausgenutzt und die Erwachsenen so manches Mal fast um den Verstand gebracht. Trevor lächelte wehmütig. Er und seine Brüder hatten viel Spaß gehabt – bis ihre Mutter bei einem Flugzeugabsturz starb und ihre heile Welt zerbrach.

Aber daran wollte er jetzt nicht denken.

Er steckte die freie Hand in die Hosentasche. Eigentlich wollte er an gar nichts mehr denken. Deshalb war er schließlich hergekommen. Als er sich zur Promenade umdrehte, um zu seinem Wagen zurückzukehren, fiel sein Blick auf etwas im Wasser. Es war viel näher am Ufer als die Jacht, die immer kleiner wurde.

Langsam trieb es durch den vom Mondlicht beschienenen Streifen.

Täuschte er sich?

Nein. Da war tatsächlich etwas.

Wahrscheinlich nur Treibholz oder Seetang. Oder ein Hai.

Als Kind hatte er sämtliche Filme über den „weißen Hai“ gesehen und sich so sehr gefürchtet, dass er jedes Mal seinen ganzen Mut zusammennehmen musste, wenn er unter die Dusche ging. Ein Jahr lang hatte er nie länger als fünf Minuten geduscht. Sein Vater lobte ihn dafür, dass er Wasser sparte, aber Kate kannte den wahren Grund – ihr Stiefsohn hatte Angst, dass das Wasser einen Hai anlocken könnte.

Ohne ihn darauf anzusprechen, unternahm Kate mit ihm und seinen Brüdern einen Ausflug nach Seaworld. Irgendwann hatte er wieder unbeschwert duschen können, und bis heute war er ihr dankbar, dass sie so taktvoll vorgegangen war.

Was immer dort draußen trieb, es ließ das Wasser aufspritzen.

Das tun Haie nicht, dachte er. War es etwa ein Mensch?

Wer um alles in der Welt ging mitten in der Nacht schwimmen? Nein, das konnte nicht sein.

Aber sein Gefühl sagte ihm, dass er sich nicht geirrt hatte. Dort draußen war jemand. Und zwar jemand, der in Not war.

Trevor rannte los. Unterwegs ließ er die Schuhe fallen und zog die Jacke aus.

„Hey!“, rief er. „Brauchen Sie Hilfe?“ Das war eine dumme Frage, aber der Schwimmer sollte wissen, dass er nicht allein war.

Keine Antwort. Nur das Rauschen der Brandung und das schrille Kreischen einer Seemöwe. Je näher er dem Wasser kam, desto sicherer war er, dass dort draußen tatsächlich ein Mensch trieb.

Er zögerte keine Sekunde, sondern stürzte sich in die Fluten und konzentrierte sich darauf, in der Dunkelheit nicht die Orientierung zu verlieren. Das Wasser war wärmer, als er erwartet hatte. Und unruhiger. Aber wie seine Brüder war er ein guter Schwimmer. Als Kind hatte er keine Lust gehabt, es zu lernen, aber Kate hatte darauf bestanden, dass sie Unterricht nahmen. Man kann nicht wissen, ob man es irgendwann mal braucht, hatte sie gesagt.

Jetzt war er heilfroh, dass sie nicht locker gelassen hatte.

Trevor presste die Lippen zusammen, als eine Welle über ihm zusammenschlug und ihn nach unten drückte. Seine Schultern begannen zu schmerzen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geschwommen war. In seinem Leben war keine Zeit für solche Dinge. Die letzten beiden Jahre hatte er damit verbracht, das Restaurant aus den roten Zahlen zu holen, die fünf davor im College und in der kulinarischen Akademie.

Für ihn gab es nichts als Arbeit. So etwas wie Spaß hatte er nur, wenn er sich mit seinen Eltern und seinen Geschwistern traf. Sie steckten ihn mit ihrer Lebensfreude an, und er versuchte jedes Mal, ein wenig abzuschalten und seine Probleme wenigstens für eine Weile zu vergessen. Meistens gelang es ihm nicht, denn in Gedanken war er schon bei der nächsten Speisekarte oder der nächsten geschlossenen Gesellschaft in Kate’s Kitchen. Er war schon für einige gebucht worden, und zum Glück sprach sich schnell herum, wie zufrieden seine Kunden und ihre Gäste mit dem Essen und dem Service waren.

„Ich bin fast da!“, rief er und schaffte es, dabei kein Wasser zu schlucken.

Und dann hob eine Welle ihn an, riss ihn mit sich, und er hatte die hilflose Person erreicht.

Es war eine Frau.

Ausgerechnet in diesem Moment sah er, wie ihre Lider flatterten und sie die Augen verdrehte. Verdammt, sie wurde ohnmächtig. War sie verletzt? Wie kam sie überhaupt hierher? War sie von der Jacht gefallen, die er vor ein paar Minuten gesehen hatte?

Noch während er sich das alles fragte, griff er nach der Frau, bevor sie untergehen konnte. Vielleicht war es besser so. Wenn sie bewusstlos war, würde sie nicht heftig strampeln oder sich verzweifelt an ihn klammern und sie beide dadurch in Lebensgefahr bringen.

Trevor schaute zum Ufer zurück. Du meine Güte, es war so weit entfernt. Er drehte die ohnmächtige Frau auf den Rücken, legte einen Arm so fest wie möglich um ihre Taille und schwamm los. Es war ungeheuer anstrengend, und er kam nur langsam voran. Die Strömung schien ihn immer wieder aufs Meer hinauszuziehen. Er biss die Zähne zusammen und kämpfte sich mit aller Kraft voran. Niemand wusste, dass er hier draußen war. Seine Familie würde es nicht verstehen, wenn er spurlos verschwand.

Das durfte er ihnen nicht antun.

Er wehrte sich gegen die Erschöpfung. Er musste das Ufer im Blick behalten. Sonst nichts. Er musste es erreichen. Etwas anderes kam nicht infrage.

Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit.

Seine Lunge brannte, und seine Oberarme fühlten sich an, als würde jemand versuchen, sie ihm auszureißen. Er presste die Frau fester an sich und ignorierte den Schmerz.

Als er endlich das Ufer erreichte, raste sein Herz, und der Kopf dröhnte. Ihm war, als hätte er mehrere Liter Meerwasser geschluckt. Er zog die Frau auf den Sand und ließ sich einfach fallen. Keuchend lag er neben ihr und schnappte nach Luft.

Erst als sein Atem sich etwas beruhigte, merkte er, dass die Gerettete keinen Laut von sich gab. Sie keuchte nicht. Sie hustete nicht. Sie röchelte nicht einmal.

Sie atmete nicht.

Entsetzt starrte Trevor sie an. Ihr Brustkorb hob und senkte sich nicht. Sie lag da wie eine Schaufensterpuppe.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm.

Um ihn herum schien sich der Strand zu drehen, als er sich neben sie kniete und mit der Wiederbelebung begann. Danke, Kate, dachte er zum zweiten Mal an diesem Abend. Sie hatte nicht locker gelassen, bis sie alle zusammen einen Erste-Hilfe-Kurs machten, weil „ihr euch eines Tages vielleicht darüber freut.“

Zum Beispiel, wenn die Jungen sie mal wieder mit einem ihrer Streiche an den Rand eines Herzinfarkts brachten. Dabei fielen die schon wesentlich harmloser aus, seit Kate im Haus war.

Aber obwohl Trevor alles so machte, wie er es damals gelernt hatte, funktionierte es nicht. Die Frau kam nicht zu sich. Sie atmete noch immer nicht.

„Kommen Sie schon, Lady. Ich bin fast ertrunken, um Sie zu retten, da können Sie jetzt doch nicht einfach sterben. Atmen Sie, verdammt noch mal!“, schrie er sie verzweifelt an, als könnte sie ihn hören.

Ich darf nicht aufgeben, dachte er, ich will sie nicht umsonst aus dem Wasser gezogen haben. Sie zu beatmen war anstrengend, weil er selbst kaum Luft bekam, aber er machte weiter, bis ihm fast schwarz vor Augen wurde. Kurz bevor er entkräftet auf der reglosen Frau zusammensank, begannen ihre Lider zu zucken, und dann sah sie ihn an. Ihr Blick war erst verwirrt, dann ängstlich.

Erst später wurde ihm klar, was sie gedacht haben musste. Was sollte eine Frau auch anderes denken, wenn sie die Augen aufschlug und die Hände eines Mannes an ihrer Brust und seinen Mund an ihrem fühlte?

Hastig schob sie ihn von sich und setzte sich ruckartig auf. Ihre Füße wühlten im Sand, als sie die Füße in den Sand bohrte und von Trevor abrückte.

„Was tun Sie da?“, fragte sie heiser und mit weit aufgerissenen Augen.

„Ich rette Ihnen das Leben“, erwiderte er. Noch immer auf den Knien, beugte er sich vor und strich ihr das dunkelrote Haar aus dem Gesicht.

Empört, voller Angst und fast orientierungslos schlug sie nach seiner Hand. „Lassen Sie das!“

Er hatte gerade sein Leben riskiert, um ihres zu retten. Er wollte keinen Orden dafür, aber ein wenig Höflichkeit wäre nicht zu verachten.

„Na gut“, keuchte er. „Ich komme jeden Abend her und suche nach Ertrinkenden. Wenn es eine Frau ist, rette ich sie, um ihre Hilflosigkeit schamlos auszunutzen.“ Er stand auf und funkelte sie wütend an. „Sie haben Riesenglück gehabt, Lady. Falls Sie es nicht bemerkt haben, sie waren dabei, draußen auf dem Meer jämmerlich zu ertrinken. Ohne mich wären Sie jetzt tot.“ Er klang immer kühler, immer sarkastischer. „Statt einer ansehnlichen Spende für einen wohltätigen Zweck meiner Wahl reicht mir ein schlichtes ‚Danke‘.“

Sie versuchte ebenfalls aufzustehen. Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich, als er die Hand nach ihr ausstreckte. Sie wollte sie ignorieren, aber ihre Knie waren zu wacklig, um es allein zu schaffen. Widerwillig ließ sie sich helfen. „Nutzen Sie es ja nicht aus“, murmelte sie.

Doch kaum war sie auf den Beinen, begann sie zu schwanken. Bevor sie umfallen konnte, hielt Trevor sie fest und zog sie automatisch an sich.

Sie schrie auf, verdrehte erneut die Augen und ihr Kopf fiel nach hinten.

Sie war wieder bewusstlos.

Seufzend schüttelte Trevor den Kopf. „Das wird ja langsam zur Gewohnheit“, sagte er verärgert.

Dann nahm er sie auf die Arme und trug sie zur nächsten Bank. Vorsichtig legte er sie hin und rieb ihre Arme, um den Kreislauf in Gang zu bringen.

Das Kleid klebte ihr an der Haut. Wie durchsichtig. So dünn, wie es war, bot es wenig Schutz gegen den immer heftiger wehenden Sturm. Der Anblick ließ sein Herz noch schneller schlagen.

Sie hatte eine hinreißende Figur.

Trevor eilte dorthin, wo er seine Jacke und die Schuhe abgelegt hatte. Er rannte zu der Frau zurück und deckte sie mit der Jacke zu. Dann holte er das Handy aus der Hosentasche. Verdammt! Mehrmals drückte er auf die Taste. Vergeblich. Das Ding hatte die Rettungsaktion nicht überlebt. Er konnte keine Hilfe rufen.

Wieder rieb er über ihre Arme, und nach einigen Minuten öffnete sie zum zweiten Mal die Augen. Trevor machte sich auf neue Vorwürfe bereit, doch dazu schien sie zu schwach zu sein. Stattdessen tastete sie nach ihrem Kopf und blinzelte heftig. „Name?“, hörte er sie keuchen.

„Trevor Marlowe“, antwortete er. „Ich …“

„Nein“, unterbrach sie ihn, und ihr heiseres Flüstern klang fast ein wenig ungeduldig. „Meiner.“

Entgeistert starrte Trevor die Frau an, die er gerade vor dem Ertrinken gerettet hatte. Das konnte nicht ihr Ernst sein.

„Ihrer? Wie meinen Sie das?“, fragte er sie.

Sie wollte sich aufsetzen, aber er hinderte sie daran. Er wollte nicht, dass sie wieder ohnmächtig wurde. Ihre Augen blitzten zornig, aber er ließ die Hände an ihren Schultern und drückte sie behutsam, aber energisch auf die Bank zurück.

„Ich meine, wie ist mein Name?“, sagte sie.

Er inspizierte ihre Stirn und suchte nach einer Wunde oder Beule. Vielleicht hatte sie einen Schlag gegen den Kopf bekommen. Aber er fand nichts, das erklären würde, warum sie ihren eigenen Namen nicht mehr kannte.

„Sie wissen wirklich nicht, wie sie heißen?“ Trevor musterte sie skeptisch.

„Nein. Sonst hätte ich Sie ja wohl kaum danach gefragt“, entgegnete sie gereizt.

Er nahm es ihr noch immer nicht ganz ab. Möglicherweise hatte sie nur einen makabren Sinn für Humor. „Das ist ein Scherz, oder?“

„Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“, fuhr die Rothaarige ihn wütend an.

„Keine Ahnung“, antwortete Trevor. „Wir sind uns noch nie begegnet.“

Angst stieg in ihr auf. Sie lag mitten in der Nacht auf einer Bank am Strand, klitschnass und vollkommen erschöpft. Und dieser wildfremde Mann sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Hastig hielt sie sich an der Lehne fest und zog sich hoch.

Aber was er gerade gesagt hatte, ließ sie hoffen, dass ihr Zustand vielleicht doch nicht so schlimm war. „Ich kenne Sie also nicht?“, fragte sie. Sollte er sie doch für verrückt halten. In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Sie musste versuchen, ein wenig Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen.

An eine Frau wie sie würde er sich erinnern, da war Trevor sicher. „Nein, ich kenne Sie nicht.“ Er seufzte. „Was ist denn das Letzte, woran Sie sich erinnern?“

Sie schloss die Augen, als würde das ihr helfen, sich zu konzentrieren. Als sie sie wieder aufschlug, sah Trevor ihr an, dass sie es nicht geschafft hatte.

„Wasser“, sagte sie nur.

„Okay.“ Er durfte nicht die Geduld verlieren. Offenbar würde das hier eine Weile dauern. „Und davor?“

Die Frau holte tief Luft. Er schaute ihr in die Augen. Im Schein der Straßenlaterne neben der Bank schimmerten sie dunkelgrün. Ihr Blick war verwirrt. Und voller Angst.

„Nichts“, erwiderte sie nach einem langen Moment.

Ihre Augen wurden feucht. Bitte nicht, dachte er. Keine Tränen. Damit konnte er nicht umgehen. Sollte er so tun, als würde er gar nicht merken, dass sie weinte? Aber sein Gesicht war ihrem so nahe, dass er es unmöglich übersehen konnte.

Trevor wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern“, gab sie zu, und ihre Stimme zitterte so heftig, dass er sie nur mit Mühe verstand.

Sie wehrte sich gegen die Panik, auch das war nicht zu übersehen. Sie biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten.

„Nein, das stimmt nicht“, widersprach er sanft.

Aber das machte sie nur noch zorniger. „Das können Sie doch gar nicht beurteilen! Mein Kopf ist leer! Völlig leer!“ Sie presste die Lippen zusammen.

„Doch, das kann ich. Ihr Englisch ist akzentfrei, also stammen Sie wahrscheinlich aus Kalifornien, vermutlich sogar aus dieser Gegend.“

„Großartig. Dann bin ich eine von … wie vielen … vierzig Millionen?“

„Sehen Sie, daran erinnern Sie sich“, sagte Trevor. „Ihnen fällt immer mehr ein. Machen Sie die Augen zu und denken Sie nach“, befahl er.

„Worüber denn?“, entgegnete sie aufgebracht. „Ich kann mich an nichts erinnern – außer daran, wie viele Leute in Südkalifornien leben.“

Er lächelte. „Ich glaube, wir können mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, dass Sie Psychotherapeutin oder Yogalehrerin sind. Dazu sind sie nicht gelassen genug. Kommen Sie, tun Sie mir den Gefallen“, bat er. „Schließen Sie die Augen.“ Sie gehorchte verärgert, und er wartete einen Augenblick. „Was denken Sie?“, fragte er, als sie nichts sagte.

Sie riss die Augen auf. „Dass ich Hunger habe. Und mir ist kalt.“

Das war nicht das, worauf er gehofft hatte. „Noch etwas?“

„Ja. Ich muss auf die Toilette.“

Wäre er nicht fast so frustriert wie sie, hätte er gelacht. „Dort hinten.“ Er zeigte zu dem kleinen Gebäude hinüber. Direkt davor gab es zwei Duschen, wo man sich nach dem Baden das Salz abspülen konnte, bevor man in sein Auto stieg. Im warmen Sommernächten nutzten Obdachlose sie hin und wieder, um sich zu waschen.

Die Frau stand auf, und als sich auch Trevor erhob, warf sie ihm einen misstrauischen Blick zu. „Sie wollen doch nicht etwa mit hineingehen, oder?“

„Nein, das hatte ich nicht vor“, erwiderte er ruhig. „Ich will nur aufpassen, dass Sie nicht wieder umfallen. Sie sind schon zweimal bewusstlos geworden“, erinnerte er sie. Sie runzelte die Stirn, als hasste sie es, so hilflos zu sein. Wenn sie nicht gerade im Meer trieb, musste sie eine selbstbewusste Frau sein, der ihre Unabhängigkeit viel bedeutete.

„Und was jetzt?“, fragte sie auf dem Weg zum öffentlichen WC. Zu ihrem Entsetzen hatte es keine Außentür.

„Wie bitte?“, entgegnete er verwirrt.

Sie drehte sich und versperrte ihm den Zutritt. „Fahren Sie nach Hause?“

Das hätte er gern getan, aber konnte er sie einfach hier zurücklassen? Wohl kaum. So rücksichtslos war er nicht. Andererseits schien sie keinen großen Wert auf seine Gesellschaft zu legen. „Sie haben gesagt, Sie sind hungrig.“

„Ja, das habe ich.“ Ihr Blick wurde noch abweisender.

Trevor fragte sich, ob sie immer so misstrauisch war. Und wenn ja, warum? „Ich bringe Sie zu Kate’s Kitchen und gebe Ihnen etwas zu essen.“

„Kate’s Kitchen“, wiederholte sie langsam. Nein, der Name sagte ihr nichts. „Ist das eine Unterkunft für Obdachlose oder bei jemandem zu Hause?“

„Weder noch. Es ist mein Restaurant.“

Selbst in dieser ungewöhnlichen Situation war er stolz darauf. Er hatte es eröffnet und ihm einen guten Ruf verschafft. Davon hatte er jahrelang geträumt.

„Sie arbeiten in einem Restaurant?“

„Es gehört mir“, erklärte er.

„Oh.“ Sie wusste nicht, warum in ihrer überraschten Antwort auch Respekt und Anerkennung mitschwangen. Hatte sie ebenfalls einen Betrieb oder ein Unternehmen? Dass sie es nicht wusste, machte sie wütend. Es war, als würde sie vor einer hohen Wand stehen, die ihr den Weg versperrte. Und sie fand die Tür nicht. Aber am schlimmsten war, dass sie keine Ahnung hatte, was sie hinter der Wand erwartete.

Sie zögerte. Es war schrecklich, so verletzlich zu sein. Sie hasste es, Schwäche zu zeigen. Aber ihr blieb nicht anderes übrig. Sie sah den Mann an, dem sie ganz offenbar ihr Leben verdankte. „Sind Sie noch hier, wenn ich herauskomme?“, fragte sie leise, als würde es dadurch nicht ganz so hilflos klingen.

Er nickte, und ihr kam es vor, als hätte er dabei gelächelt. Vermutlich amüsierte er sich über sie. Und wenn schon, dachte sie. Sie wusste nicht, ...

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