Logo weiterlesen.de
Die Braut des Schotten

LYNSAY SANDS

Die Braut

des Schotten

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Susanne Gerold

Zu diesem Buch

Die junge Annabel lebt seit ihrer Kindheit in einem Kloster. Zwar hat sie sich längst damit abgefunden, irgendwann der Gemeinschaft der Schwestern für immer beizutreten, aber insgeheim weiß sie, dass sie nicht wirklich dazu berufen ist. Zu sehr ist sie den Freuden des Lebens zugetan. Trotzdem ist sie einigermaßen überrascht, als ihre Eltern sie urplötzlich nach Hause holen und ihr verkünden, dass sie den Schotten Ross MacKay heiraten soll. Der war eigentlich ihrer Schwester versprochen, doch diese ist mit dem Stallburschen durchgebrannt und wurde enterbt. Dass Annabel keine Ahnung von Haushaltsführung hat, ganz zu schweigen von den Pflichten im Ehebett, kümmert ihre Eltern nicht. Zum Glück entpuppt sich der ruppige Highlander als äußerst anziehend und kann Annabel trotz einer missglückten Hochzeitsnacht schnell von den Freuden des Ehebettes überzeugen. Alles scheint sich für die junge Frau zum Guten zu wenden, doch ihr Glück gerät in Gefahr, als ein Unbekannter wiederholt versucht, sie zu entführen. Ross setzt alles daran, den Feind zu stellen und unschädlich zu machen. Denn auch wenn er eigentlich Annabels Schwester nach Hause führen sollte, weiß er doch, dass er seine junge, unschuldige Frau begehrt wie keine andere zuvor.

1

»Annabel? Annabel?«

Annabel seufzte schläfrig und drehte sich auf ihrer schmalen Pritsche von der eindringlichen Stimme weg, die sie aus ihrem tiefen Schlaf gerissen hatte.

»Annabel, wach auf«, wiederholte die Stimme noch etwas beharrlicher.

»Schwester Clara und ich haben die ganze Nacht einer Stute geholfen, ihr Fohlen zu bekommen«, murmelte Annabel, als sie die Stimme erkannte. Sie gehörte Schwester Maud. »Die Äbtissin hat uns erlaubt, heute länger zu schlafen.«

»Ja, das hat sie. Aber jetzt will sie, dass du aufstehst. Deine Mutter ist hier.«

Annabel drehte sich abrupt auf den Rücken und blinzelte Maud verblüfft an. »Was?«

»Deine Mutter ist hier, und du sollst zur Äbtissin kommen«, wiederholte Maud geduldig und hob das Kleid auf, das Annabel auf dem Boden hatte liegen lassen. Annabel seufzte, als Maud das zerknitterte Kleid ausschüttelte. Deren missbilligender Blick war ihr nicht entgangen, und sie bezweifelte nicht, dass Maud der Äbtissin berichten würde, wie nachlässig Annabel mit ihrer Kleidung umging. Bei diesem Gedanken wünschte sie, sie hätte sich die Zeit genommen, das Gewand ordentlich zusammenzufalten und auf die Truhe am Fußende ihres Bettes zu legen. Aber es war fast Morgen gewesen, als sie endlich in ihr Zimmer zurückgekehrt war, und sie hatte vor Erschöpfung kaum noch die Augen offen halten können. Diese Nachlässigkeit war ganz gewiss ein Fehler gewesen und würde vermutlich zur Folge haben, dass sie nach dem Treffen mit ihrer Mutter Buße würde tun müssen, statt weiterschlafen zu können.

Was sie daran erinnerte, dass ihre Mutter hier war. Sie setzte sich auf die Bettkante und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

»Warum ist meine Mutter gekommen?«, fragte Annabel und stand auf, um nach dem Kleid zu greifen, das Maud ihr hinhielt.

»Ich weiß es nicht. Sie ist sofort nach ihrer Ankunft zur Äbtissin geführt worden, und seither haben sie das Arbeitszimmer nicht mehr verlassen«, erwiderte Maud steif. Ihr Blick glitt über das Büßerhemd, das unter Annabels Hemd zu sehen war.

Das Büßerhemd sollte Annabel gemahnen, so bedachtsam und würdevoll zu gehen, wie es einer Braut Gottes anstand. Da sie das Büßerhemd bereits wegen eines anderes Verstoßes trug, würde die Strafe für das achtlos auf den Boden geworfene Kleid vermutlich in Peitschenhieben bestehen. Annabel zweifelte nicht daran, dass Maud sich darauf freute. Aus irgendeinem Grund hatte die Schwester sie von Anfang an abgelehnt.

Annabel nahm das Kleid und schlüpfte hinein. Sie war jetzt hellwach, weil sie sich mehr und mehr Sorgen machte. Dass ihre Mutter hier war, verhieß nichts Gutes, schließlich hatte sie sie nicht mehr gesehen, seit sie vor vierzehn Jahren von ihr im Kloster abgegeben worden war. Es musste etwas Wichtiges geschehen sein. War ihr Vater gestorben? Oder ihre Schwester? War Waverly Castle von Plünderern überfallen worden? Es gab so viele Möglichkeiten, und keine davon war gut. Eine gute Neuigkeit hätte ihre Mutter wohl kaum veranlasst, vor Tau und Tag hierherzukommen. Sie musste die ganze Nacht geritten sein, um so früh einzutreffen.

»Wie lange sind sie schon im Arbeitszimmer der Äbtissin?«, fragte Annabel stirnrunzelnd, während sie ihr Mieder schnürte.

»Woher soll ich das wissen? Ich habe Besseres zu tun, als darauf zu achten, wer dich besucht«, entgegnete Maud steif. Sie starrte Annabel an, die begonnen hatte, sich rasch das Haar zu bürsten, und dabei heftig an einigen Knoten zerren musste. »Weiß die Äbtissin, dass du dir noch nicht den Kopf geschoren hast?« Annabel erstarrte. Die Äbtissin hatte es ihr schon vor einigen Wochen befohlen, aber sie hatte es noch nicht über sich gebracht. Da sie keine Nonne war, musste sie sich nicht schon jetzt verunstalten, hatte sie sich gedacht. Der Wimpel – das Kopftuch, das zu ihrer Novizinnentracht gehörte – hatte dieses Geheimnis bisher verborgen.

Statt dies zuzugeben, legte Annabel die Bürste aus der Hand und wickelte sich das Kopftuch um. Dann eilte sie zur Tür und sagte: »Danke, dass du mich geweckt hast, Maud.«

Sie konnte regelrecht spüren, wie sich der Blick der Schwester in ihren Rücken bohrte, als sie das Zimmer verließ. Einen Moment lang fragte sie sich, ob Maud jetzt wohl ihre Zelle durchsuchen würde, um Beweise für weitere Regelübertretungen zu finden und sie dann zu verraten. Wenn sie das tun sollte, konnte Annabel dagegen ohnehin nichts tun, weshalb sie sich wieder auf die Frage konzentrierte, warum ihre Mutter wohl gekommen war.

Sie beschleunigte ihre Schritte, fing sogar fast an zu laufen, um so rasch wie möglich zur Äbtissin zu gelangen. Der missbilligende Blick der Priorin, der sie auf ihrem Weg begegnete, zwang sie jedoch, wieder langsamer zu gehen … bis sie um eine Ecke bog und von der Priorin nicht mehr gesehen werden konnte. Annabel begann erneut zu laufen, bis sie den Korridor erreichte, von dem die Räume der Äbtissin abgingen.

Annabels Blick fiel sofort auf die beiden Frauen, die vor der Tür zum Arbeitszimmer der Äbtissin standen und miteinander sprachen. Und da Annabel die Äbtissin kannte, musste die andere Frau ihre Mutter sein. Annabel war im zarten Alter von sieben Jahren ins Kloster gebracht worden und hatte ihre Mutter seither nicht wiedergesehen. Die Frau neben der Äbtissin ähnelte so gar nicht der Person in ihrer Erinnerung. Ihre Mutter war eine blonde Schönheit mit funkelnden Augen und rosigen Wangen gewesen. Sie hatte immerzu gelächelt oder gelacht. Diese Frau jedoch war blass, und ihr Haar war eher grau als blond, ihre Augen voller Sorge statt Freude. Und sie lächelte nicht, sondern presste die Lippen zusammen, was ebenfalls von großer Sorge kündete. Und sie rang die Hände.

»Annabel«, sagte die Äbtissin, als sie ihrer ansichtig wurde. Dann wandte sie sich an Annabels Mutter und lächelte aufmunternd, während sie ihr die Hand tätschelte. »Da ist sie. Jetzt könnt Ihr aufbrechen. Es wird alles gut werden.«

»Danke«, flüsterte Lady Withram und beäugte Annabel eingehend, als diese näher kam.

Offen gesagt empfand Annabel die Art und Weise, wie sie gemustert wurde, als befremdlich. Dass ihre Mutter nicht mehr so aussah, wie Annabel sie in Erinnerung hatte, war das eine. Aber auch ihre Mutter hatte offensichtlich etwas anderes erwartet … oder sich etwas anderes erhofft. Annabel war überzeugt, dass im Gesicht ihrer Mutter für einen kurzen Moment Enttäuschung aufgeblitzt war, bevor sich ihre Miene verschlossen hatte.

Annabel hatte noch die Hälfte des Korridors vor sich, als die Äbtissin sich abwandte und in ihr Arbeitszimmer zurückkehrte. Lady Withram eilte Annabelle entgegen, um sie zu begrüßen. Obwohl begrüßen eine eher falsche Bezeichnung war, denn ihre Mutter blieb nicht stehen – ja, sie wurde noch nicht einmal langsamer. Sie ging einfach weiter, griff nach Annabels Arm und riss sie herum, zog sie in die Richtung, aus der sie gekommen war. Annabel blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. »Wir müssen uns beeilen!«

Annabel machte große Augen, als sie merkte, dass sie zum Haupteingang gingen. »Wohin gehen wir?«, fragte sie und runzelte leicht die Stirn.

»Nach Hause«, lautete die überraschende Antwort ihrer Mutter.

»Nach Hause?«, fragte Annabel verwirrt. »Aber ich dachte, das hier sollte mein Zuhause sein. Was

»Sind die Pferde bereit?«, fiel ihre Mutter ihr ins Wort, und einen Moment lang dachte Annabel, dass die Frage an sie gerichtet war. Doch sie waren soeben durch die Klostertür getreten, und ein stämmiger alter Mann, der bei einer Kutsche stand, antwortete.

»Ja, Mylady. Die Priorin war hier und hat sich im Auftrag der Äbtissin vergewissert, dass wir auch wirklich zwei von ihren besten Pferden für unsere eigenen Tiere bekommen. Die Pferde sind ausgeruht und kräftig. Mit ihnen werden wir den Rückweg genauso schnell schaffen wie den Hinweg.«

Seine Worte lenkten Annabels Blick auf die erwähnten Pferde. Sie kannte beide und wusste, dass es die besten waren, die das Kloster zu bieten hatte. Annabel zweifelte allerdings auch nicht daran, dass die Pferde, die im Austausch hierblieben, genauso gut oder sogar noch besser waren. Etwas anderes hätte die Äbtissin nicht akzeptiert.

»Danke, Aelric.« Mit grimmiger Miene hielt ihre Mutter Annabel noch immer am Arm gepackt und zog sie jetzt mit sich zur Kutsche. Auch als sie sich von Aelric beim Einsteigen helfen ließ, gab sie Annabel nicht frei. Ihre Mutter hielt sie mit einem so eisernen Griff fest, als triebe sie die Angst, ihre Tochter könnte sich bei der nächstbesten Gelegenheit losreißen und weglaufen. Ihre Nägel bohrten sich in Annabels Haut, und es war eine Erleichterung, als sie schließlich neben ihrer Mutter auf der Bank in der Kutsche saß und losgelassen wurde.

Annabel rieb sich einen Moment den Arm, während Aelric die Tür schloss. Als er auf den Kutschbock kletterte, schwankte die Kutsche. Annabel wartete, bis sie losgefahren waren, ehe sie ihre Mutter misstrauisch ansah: »Wohin fahren wir?«

Sie fand, dass sie ziemlich nachsichtig war. Immerhin war sie gerade aus ihrem Bett und dem einzigen Zuhause gerissen worden, das sie in den letzten vierzehn Jahren gekannt hatte, und noch immer hatte sie keinerlei Erklärung dafür bekommen. Trotzdem schien sich ihre Mutter über die Frage zu ärgern.

»Das habe ich dir doch gesagt. Nach Hause.«

»Elstow Abbey ist mein Zuhause«, entgegnete Annabel ruhig.

»Elstow Abbey war dein Zuhause«, erwiderte ihre Mutter und fügte mit fester Stimme hinzu: »Aber jetzt nicht mehr. Jetzt ist es Waverly.«

Diese Neuigkeit beunruhigte Annabel. Man brachte sie von dem einzigen Zuhause weg, das sie kannte. Sie war noch klein gewesen, als man sie von Waverly fortgebracht hatte, an das sie sich kaum noch erinnern konnte. Es erleichterte sie, als ihre Mutter hinzufügte: »Zumindest für die nächsten ein oder zwei Tage.«

Also geht es nur um einen kurzen Besuch, dachte sie und kam sich reichlich dumm vor, weil sie etwas anderes vermutet hatte. Ihr war schließlich nicht einmal gestattet worden, eine Tasche zu packen oder irgendetwas mitzunehmen. Was sie die Stirn runzeln ließ, denn bis zu ihrer Rückkehr würde sie nun nichts zum Anziehen haben als das, was sie am Leibe trug. Dass ihre Mutter keinen Gedanken an diesen Umstand verschwendet hatte, ließ auf große Schwierigkeiten schließen.

»Geht es um Vater?«, fragte Annabel mitfühlend. Die Erklärung, dass ihr Vater gestorben war und sie zur Beerdigung nach Hause geholt wurde, kam ihr plausibel vor. Und sie führte dazu, dass überraschend ein Hauch von Traurigkeit in ihr aufstieg. Überraschend deshalb, weil ihre Erinnerungen an den Mann, der sie gezeugt hatte, ziemlich verblasst waren. Sie erinnerte sich an ihn als einen großen, stets ein wenig schroffen, gut aussehenden Mann, dessen Bart sie immer gekitzelt hatte, wenn er sie zum Abschied umarmt hatte. Was des Öfteren vorgekommen war – immer wenn er in irgendeinen Krieg oder in irgendeine Schlacht gezogen war, um für den König zu kämpfen.

»Was soll mit Vater sein?«, fragte ihre Mutter, und die Erschöpfung in ihrer Stimme veranlasste Annabel, sie genauer anzusehen. Als sie die müden, blutunterlaufenen Augen bemerkte, begriff Annabel, dass ihre Mutter vermutlich während der ganzen Fahrt von Waverly zum Kloster kein Auge zugetan hatte. Was gewiss auch schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre, wenn man so hin und her gestoßen wurde. Seit Annabel in das Kloster gebracht worden war, hatte sie nicht mehr in einer Kutsche gesessen. Sie erinnerte sich nicht daran, dass die Fahrt damals so holprig gewesen war. Aber sie schienen auch deutlich schneller zu fahren, als es normalerweise üblich war.

Annabel wurde bewusst, dass ihre Mutter immer noch auf eine Antwort wartete. »Ist etwas mit Vater passiert? Holst du mich deshalb zu einem Besuch nach Hause?«

Lady Withram öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann zögerte sie und seufzte. »Nein«, sagte sie schließlich. »Deinem Vater geht es gut. Deine Schwester ist der Grund, weshalb ich hier bin.«

»Kate?«, fragte Annabel ebenso überrascht wie bestürzt. Von allen Menschen auf Waverly erinnerte sie sich am besten an Kate, ihre um ein Jahr ältere Schwester. Sie hatten sich als Kinder sehr nahegestanden, und nachdem sie ins Kloster gebracht worden war, hatte sie Kate auch am meisten vermisst. Im ersten Jahr hatte Annabel sich jede Nacht die Augen nach ihr ausgeweint, aber auch die Erinnerung an Kate war schließlich im Laufe der Zeit verblasst. »Was ist passiert? Ist sie

»Nicht jetzt, Annabel«, sagte ihre Mutter müde und schloss die Augen. »Es ist noch Zeit genug, um alles zu erklären. Im Augenblick bin ich zu erschöpft vom langen Fahren in dieser lächerlichen Kutsche. Ich muss die Augen eine Weile schließen.«

Annabel zögerte, sagte aber dann: »Es überrascht mich, dass du nicht geritten bist.«

Es wunderte sie wirklich. Soweit sie es noch wusste, ritt ihre Mutter liebend gern, und ohnehin würden nur die wenigsten die Fahrt in einer Kutsche einem Ritt vorziehen. Es war nicht besonders bequem und nahm auch sehr viel mehr Zeit in Anspruch.

»Dein Vater hat nicht erwartet, dass du reiten kannst«, kam die abrupte Antwort. »Schließlich ist es im Kloster nicht nötig, reiten zu können.«

Annabel äußerte sich nicht dazu. Es war im Kloster tatsächlich nicht nötig, reiten zu können, und die meisten Frauen dort konnten es auch nicht. Aber Annabel verbrachte die Hälfte des Tages damit, sich um die Tiere des Klosters zu kümmern, und daher ritt sie oft auf den Pferden. Um nicht erwischt zu werden, konnte sie das nur nachts tun, wenn alle anderen schliefen, und auch nur ohne Sattel. Sie hatte sich nie damit aufgehalten, einen der normalen Sättel oder der Damensättel auszuprobieren, die an den Stallwänden hingen.

Annabel überlegte, ob sie trotz der Bitte ihrer Mutter, zu warten, noch eine Frage zu ihrer Schwester stellen sollte, aber dann hielt sie sich zurück. Ihre Mutter wirkte tatsächlich erschöpft. Ein Zustand, den sie nachempfinden konnte, schließlich hatte sie selbst nur ein paar Augenblicke geschlafen, ehe sie an diesem Morgen geweckt worden war. Sie konnte warten. Sie würde später herausfinden, welches Leid oder welcher Unfall Kate zugestoßen war. Genau genommen war es auch Annabel sehr lieb, etwas schlafen zu können, bevor sie die ganze traurige Geschichte hörte. So erschöpft, wie sie war, würde sie vermutlich in Tränen ausbrechen, wenn sie jetzt erfuhr, was passiert war.

Annabel lehnte sich zurück und versuchte, es sich so bequem wie möglich zu machen und etwas Schlaf zu finden. Was jedoch angesichts der Tatsache, dass die Kutsche unaufhörlich hin und her ruckelte, eine schwierige Angelegenheit werden würde.

»Wie zum Teufel hast du es geschafft, ausgerechnet mit einer Engländerin verlobt zu werden?«

Ross lächelte, als Marach ihm diese Frage stellte. Der Mann war einer seiner besten Krieger und etwa in seinem Alter, und er klang eindeutig entsetzt. Allerdings galt das wohl für die meisten seiner Männer, seit sie wussten, dass eine Engländerin ihre Burgherrin werden würde. Ross öffnete den Mund, um zu antworten, aber er hatte sich zu viel Zeit gelassen. Gilly war schneller.

»Der Lord von Waverly hat Ross’ Vater das Leben gerettet, als sie vor etwa zwanzig Jahren am Kreuzzug teilgenommen haben«, erklärte der alte Krieger. Dann fügte er bedauernd hinzu: »Und jetzt bezahlt Ross dafür, indem er für den Rest seines Lebens an die Tochter eines englischen Lords gekettet wird.«

Ross konnte kaum verhindern, dass er bei dieser Behauptung schmunzeln musste. Gilly war sein Erster Kommandant. Er hatte diesen Rang schon bei Ross’ Vater bekleidet und war schon recht alt. Was bedeutete, dass Ross sich für gewöhnlich auf den klugen Rat des Mannes verlassen konnte. Das bedeutete aber auch, dass er sich sehr gut an all das erinnerte, was die Engländer den Schotten im Laufe vieler Jahre angetan hatten. Deswegen hätte Ross ihn auf diese Reise beinahe nicht mitgenommen, aber wenn es darum ging, ihm den Rücken zu decken, vertraute er niemandem mehr als diesen beiden Männern, die jetzt neben ihm ritten: Gilly und Marach. Beide waren hervorragende Kämpfer, und beide waren sehr gute Freunde von ihm. Er hätte ihnen jederzeit und überall sein Leben anvertraut.

»Stimmt das?«, fragte Marach mit einem Stirnrunzeln, als sie das Waldstück hinter sich ließen und den Hügel hinaufritten, auf dem Waverly Castle thronte.

»Aye, Withram hat meinem Vater das Leben gerettet«, bestätigte Ross und fügte hinzu: »Danach sind sie Freunde geworden und haben beschlossen, ihre Freundschaft zu besiegeln, indem sich die beiden Häuser durch eine Heirat miteinander verbinden. Ich war damals sieben, und Waverlys Frau hatte ein Jahr zuvor ein Mädchen geboren, also wurde ein Vertrag geschlossen.«

Gilly schüttelte bei diesen Neuigkeiten traurig den Kopf. »Wenn ich auch froh bin, dass dein Vater überlebt hat, ist der Preis, den du dafür zahlen sollst, schrecklich.« Er legte den Kopf schief und fügte spitzbübisch hinzu: »Das weißt du selbst nur zu genau – warum hättest du sonst so lange gewartet, sie zu holen? Vermutlich hast du gehofft, dass das Mädchen in der Zwischenzeit in einen Brunnen gefallen ist und dir diese Heirat erspart bleibt.«

»Nein.« Ross lachte leise, als er diese Behauptung zurückwies, und sagte dann deutlich ernster: »Wie du weißt, wollte ich sie schon vor vier Jahren holen – was durch Vaters Tod verhindert wurde.«

»Aye«, nickte Gilly. Auch er war ernst geworden.

Ross schwieg und dachte an diese Zeit zurück. Der Tod seines Vaters Ranson war an sich schon schwer zu ertragen gewesen. Der Clan-Chief der MacKays war ein guter Mann und ein guter Vater gewesen, aber was nach seinem Tod geschehen war, hatte alles nur noch schwerer gemacht. Sein Vetter Derek hatte die Gelegenheit genutzt und versucht, Ross den Titel des Lairds zu entreißen, indem er behauptete, dass er mit seinen dreiundzwanzig Jahren noch zu jung für diese Aufgabe sei. Kaum hatte Derek das getan, traten andere vor und beanspruchten den Titel ebenfalls für sich. Daraufhin war es zu einer Spaltung des Clans in verschiedene Gruppen gekommen, die jeweils ein anderes männliches Mitglied der Familie unterstützten. Ross hatte die letzten Jahre damit verbracht, all diese Ansprüche abzuwehren und sich zu beweisen. Als Clan-Chief unangefochten war er aber erst, nachdem er seinen Vetter vor etwa einem Jahr im Kampf besiegt und getötet hatte.

Danach hatte Ross ein Jahr verstreichen lassen und zunächst einmal dafür gesorgt, dass wieder Frieden und Akzeptanz herrschten, bevor er es riskierte, MacKay zu verlassen, um seine Braut zu holen … und er zweifelte nicht daran, dass sie nicht glücklich darüber war, dass er die Eheschließung so viele Jahre auf die lange Bank geschoben hatte.

»Ein englisches Mädchen«, murmelte Marach und mischte sich mit einem traurigen Kopfschütteln in die Unterhaltung ein.

Ross schmunzelte erneut, doch dann zuckte er nachsichtig die Schultern, während sie sich dem Tor von Waverly Castle näherten. »Ein Mädchen ist ein Mädchen.«

»Und ein englisches Mädchen ist ein englisches Mädchen«, sagte Gilly grimmig, während sie über die Brücke ritten, die sich über den Burggraben spannte. »Ich bin noch keiner Engländerin begegnet, die uns Schotten nicht mit erhobener Nase angegafft hätte. Sie sind alle durch und durch verwöhnt und verzogen.«

»Hmm«, seufzte Ross. »Dann wollen wir hoffen, dass diese eine es nicht ist.«

»Viel Glück, mein Freund«, mokierte sich Gilly und verzog das Gesicht. »Aber mach dich auf jeden Fall auf eine Gewitterziege gefasst oder auf eine Xanthippe, die dir das Leben zur Hölle macht.«

Bei dieser Prophezeiung fing Ross an zu lachen, doch das Lachen blieb ihm in der Kehle stecken, als plötzlich ein Schrei die Luft zerriss. Sie überquerten in diesem Moment den Burghof und ritten in Richtung der Ställe. Ross zügelte sein Pferd und schaute sich suchend nach dem Ursprung des Schreis um. Schließlich deutete Marach auf eines der Turmfenster.

»Es kam von da oben«, erklärte er. Eine dunkelhaarige Frau ging an einem der Fenster vorbei.

»Aye«, pflichtete Gilly ihm bei. Er zog die Augen zusammen, während er zum Fenster hochstarrte, an dem die Frau jetzt wieder zu sehen war. »Und ich schätze, das ist deine Braut. Also eine Gewitterziege«, fügte er wissend hinzu und schüttelte betrübt den Kopf. »Jetzt können wir uns alle auf was gefasst machen.«

Marach, Gilly und die drei Männer, die mit ihnen geritten waren, führten ihre Pferde zu den Ställen. Ross blieb noch einen Moment, wo er war, und starrte bestürzt zu dem Fenster hinauf, an dem jetzt niemand mehr zu sehen war.

»Sprich leise, Annabel, sonst hört man dich noch«, sagte Lady Withram voller Missmut.

Annabel stand bei dieser Zurechtweisung für einen kurzen Moment der Mund offen. Sie konnte kaum glauben, dass das alles war, was ihre Mutter dazu zu sagen hatte. Genau genommen konnte sie nichts von dem glauben, was hier vor sich ging. Hätte sie in der unbequemen Kutsche wider Erwarten nicht doch schlafen können, würde sie jetzt zu befürchten beginnen, ihre Erschöpfung habe ihr den Verstand verwirrt. Doch sie hatte die knapp einen Tag dauernde Reise nach Waverly fast ganz verschlafen. Es war ein unruhiger Schlaf gewesen, aber richtig wach geworden war sie erst, als die Kutsche angehalten hatte. Sie war noch dabei gewesen, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, als sich die Tür des Wohnturms geöffnet hatte und ein alter Mann herausgekommen und zur Kutsche gekommen war. Besorgt hatte er erst ihre Mutter und dann sie angesehen.

Dass dem Mann bei ihrem Anblick vor Erleichterung die Schultern nach unten gesackt waren, hatte Annabel neugierig gemacht. Bevor sie länger darüber hatte nachdenken können, war sie von ihrer Mutter aus dem Wagen geschoben und gezerrt worden. »Ist er schon da?«, hatte sie dabei gefragt.

»Nein, Gott sei Dank nicht«, hatte der Mann erwidert. »Aber die Männer auf der Mauer haben gerade Bescheid gegeben, dass ein kleiner Reitertrupp auf der anderen Seite in den Wald geritten ist. Sechs Männer zu Pferde. Ich vermute, das ist er. Du bringst sie am besten sofort nach oben und bereitest sie vor.«

»Aye«, hatte ihre Mutter grimmig zugestimmt und Annabel erneut am Arm gepackt, um sie in den Wohnturm zu schaffen.

Annabel hatte sie gewähren lassen, zu sehr nahm sie der Anblick des Mannes gefangen, der – wie sie inzwischen begriffen hatte – ihr Vater war. Ihre Mutter war nicht die Einzige, die in den vergangenen vierzehn Jahren gealtert war. Ihr Vater war nicht mehr der starke, gut aussehende Mann, den sie aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Seine einst muskulöse Brust schien heruntergerutscht zu sein bis dorthin, wo einst sein flacher Bauch gewesen war. Den Bauch gab es immer noch, nur dass er jetzt nicht mehr aus Muskeln bestand. Zudem war ihr Vater kleiner geworden, oder er war ihr damals größer vorgekommen, weil sie selbst noch ein kleines Kind gewesen war. Sein Gesicht, das früher so anziehend gewirkt hatte, bedeckte jetzt ein ergrauender Bart, der so wild wuchs wie Unkraut im Garten. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass dieser Mann der Vater war, an den sie sich erinnerte. Seine Veränderung erschreckte Annabel so sehr, dass sie nicht mitbekam, was sonst noch gesprochen wurde. So kam es, dass sie vollkommen die Fassung verlor, nachdem sie ein oben im Turm gelegenes Schlafzimmer betreten hatten und ihre Mutter endlich eine Erklärung abgab. Annabels erste Reaktion war ein Protestschrei gewesen, der wie ein Kreischen geklungen hatte. Jetzt versuchte sie, zu begreifen, was ihr soeben eröffnet worden war. Allerdings schien ihr Verstand das Gehörte nicht aufnehmen zu können.

Annabel holte tief Luft und schüttelte den Kopf. Noch ein paar tiefe Atemzüge, und sie fühlte sich ruhig genug, etwas zu sagen. »Ich glaube, ich habe nicht richtig verstanden. Hast du gerade gesagt, dass

»Du wirst anstelle deiner Schwester den MacKay heiraten«, wiederholte ihre Mutter mit fester Stimme. Seltsamerweise machte der entschlossene Ton die Worte nicht verständlicher.

»Aber wie soll das möglich sein?«, fragte sie verwirrt. »Ich bin Oblatin. Ich werde den Schleier nehmen.« Als ihre Mutter nichts dazu sagte, dachte Annabel, dass sie vielleicht nicht begriff, was das bedeutete. »Ich werde Nonne sein. Eine Braut Jesu«, fügte sie hinzu.

»Nicht mehr«, entgegnete ihre Mutter. »Du hast den Schleier noch nicht genommen, und daher darfst du heiraten. Der Vertrag besagt, dass Ross MacKay die älteste lebende Tochter von William Withram heiraten wird. Da deine Schwester nicht mehr da ist, bist du das jetzt. Du musst ihn heiraten, sonst verlieren wir nicht nur die Mitgift, sondern auch noch eine ganze Menge Geld. Es würde uns ruinieren. Du wirst ihn heiraten.«

Annabel starrte sie schweigend an und fragte dann: »Was ist mit Kate passiert? Wie ist sie gestorben?«

Lady Withram schnaubte empört, trat zum Bett und ließ sich müde auf das Fußende sinken. »Ich wünschte, sie wäre tot, statt solche Schande über uns zu bringen.«

Annabels Augen weiteten sich, und sie machte rasch ein paar Schritte auf ihre Mutter zu, als kurz Hoffnung in ihr aufstieg. »Wenn sie nicht tot ist –«

»Sie ist mit dem Sohn des Stallmeisters durchgebrannt«, unterbrach Lady Withram sie schroff. »Dein Vater hat sie verstoßen und enterbt. Im Grunde genommen ist sie tot. Du bist jetzt die älteste Tochter und wirst Ross MacKay heiraten.«

Annabel sank neben ihrer Mutter auf das Bett; ihre Beine waren plötzlich zu schwach, sie noch zu tragen. Auch ihre Stimme klang kraftlos. »Aber ich weiß nicht, was ich als Ehefrau tun muss. Ich sollte doch immer Nonne werden. Meine ganze Ausbildung hat diesem Ziel gegolten. Ich weiß überhaupt nichts darüber, wie man einen Haushalt führt oder … irgendetwas anderes tut«, fügte sie hilflos hinzu.

Als ihre Mutter ihr die Hand tätschelte, sah Annabel sie in der Hoffnung an, etwas Ermutigung zu bekommen, und bekam zu hören: »Aye. Es wird vermutlich ein ziemliches Chaos geben. Aber immerhin werden dein Vater und ich nicht ruiniert sein.«

»Oh, aye, das ist wahr«, stimmte Annabel ihr sarkastisch zu.

Lady Withram nickte; der Sarkasmus ihrer Tochter entging ihr offenbar vollkommen. Was möglicherweise gut war, dachte Annabel. Die Äbtissin hätte bei der Bemerkung eine finstere Miene gemacht und sie entsprechend bestraft. Im Laufe der Jahre war Annabel recht oft bestraft worden. Vermutlich wäre ich ohnehin keine gute Nonne geworden, dachte Annabel. Eine gute Novizin war sie jedenfalls nicht gewesen. Und auch keine gute Postulantin. Sie war viele Jahre lang Postulantin gewesen, bevor die Äbtissin sie zur Novizin ernannt hatte. Etwas, das sie, wie Annabel vermutete, nur aus Mitleid getan hatte.

Annabel wusste nicht, was mit ihr eigentlich nicht stimmte. Sie war davon ausgegangen, Nonne zu werden, und hatte sich alle Mühe gegeben, sich in die Gemeinschaft einzufügen. Doch auch wenn sie sich noch so sehr bemühte, konnte sie manchmal ihre Zunge nicht im Zaum halten. Ihre Zunge, ihr Temperament, ihren Appetit …

Annabel verzog das Gesicht und brach die Litanei in ihrem Kopf ab. Sie war sich ihrer Mängel als Nonne nur zu sehr bewusst. Die Äbtissin und die Priorin hatten oft genug darauf hingewiesen. Doch mochte sie sich auch als noch so unzulänglich für dieses Leben erwiesen haben, es war das einzige, das sie kannte: Nonne zu sein. Wenn sie aber nach jahrelanger Mühe nicht einmal in der Lage war, das gut zu machen, wie in aller Welt sollte sie es dann schaffen, etwas zu sein, auf das sie absolut nicht vorbereitet worden war – Ehefrau und Lady?

Annabel seufzte unglücklich, und als wäre das ein Zeichen gewesen, stand ihre Mutter auf.

»Ich werde die Mägde holen, damit du angekleidet wirst«, verkündete sie knapp und eilte zur Tür.

»Angekleidet?«, fragte Annabel unsicher und stand ebenfalls auf.

»Nun, du kannst deinem Verlobten wohl kaum mit deinem Kopftuch unter die Augen treten«, erklärte ihre Mutter.

»Aber – ist er denn hier?«, fragte sie erschreckt.

»Noch nicht, aber er wird schon bald eintreffen, und wir werden vermutlich eine Ewigkeit brauchen, dich herzurichten und präsentabel zu machen. Warte hier, ich bin gleich wieder da.«

»Mutter?«, sagte Annabel schnell, bevor ihre Mutter das Zimmer verlassen konnte.

Lady Withram blieb in der Tür stehen und sah ihre Tochter ungeduldig an. »Was denn?«

Annabel zögerte, doch dann hob sie den Kopf und stellte die Frage, die ihr im Kopf herumging, seit sie als Kind von zu Hause weggebracht worden war. »Warum wurde ich damals nach Elstow geschickt?«

Ihre Mutter hob leicht die Brauen. »Nun, du wärst irgendwann sowieso dorthin geschickt worden.«

»Tatsächlich?«, fragte Annabel stirnrunzelnd.

»Aye, und Kate auch, hätte ich nach dir noch einen Sohn geboren. Aber keines der Kinder, mit denen ich danach schwanger war, hat es bis zur Geburt geschafft.«

Annabel konnte nicht erkennen, ob sich auf dem Gesicht ihrer Mutter Erleichterung oder Bedauern abzeichnete … vielleicht war es eine Mischung von beidem. Vermutlich wäre es ihrer Mutter am liebsten gewesen, sie hätte ihrem Gatten einen Sohn geboren und damit ihrer Aufgabe Genüge tun können. Mit zwei kleinen Mädchen belastet zu sein schien nicht so genehm gewesen zu sein.

»So, wie die Sache stand«, sprach ihre Mutter mit einem Schulterzucken weiter, »musste Kate als Älteste hierbleiben und lernen, Waverly zu leiten. Schließlich war klar, dass sie als Erbin es würde führen müssen, wenn es nach meinem Tod und dem deines Vaters an sie und ihren Ehemann fallen würde. Was dich betrifft, gab es keinen Grund, dich hierzubehalten.«

»Hast du nie in Betracht gezogen, mich zu verheiraten statt ins Kloster zu bringen?«, fragte Annabel ruhig. Eigentlich war sie fast sicher, die Antwort bereits zu kennen.

Lady Withram verzog bei dieser Vorstellung das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Kate war schon immer die Hübschere von euch beiden. Du warst nur ein dickes kleines Ding. Einen geeigneten Lord für dich zu finden, der bereit gewesen wäre, dich zu heiraten, hätte uns mehr Geld gekostet, als wir in dich investieren wollten. Glücklicherweise hat die Äbtissin dich für die Hälfte dessen aufgenommen, was uns im Falle einer Heirat eine Mitgift gekostet hätte. Noch dazu haben sie dich bereits als Kind zu sich genommen, sodass wir dich nicht jahrelang ernähren und kleiden mussten und auch nicht gezwungen waren, dich auszubilden. Überdies ist es immer gut, wenn einer von der Familie zum Klerus gehört und für unsere Seelen beten kann. Wir wussten, dass die Äbtissin darauf achten würde.« Sie kniff die Augen zusammen. »Sie hat dich doch dazu angehalten, für uns zu beten, oder?«

»Ja«, sagte Annabel sofort.

»Gut.« Lady Withram entspannte sich wieder, aber dann musterte sie Annabel mit einem missbilligenden Blick. »Nun, es gibt noch ziemlich viel zu tun, um dich vorzeigbar zu machen. Ich muss die Mägde holen, damit sie sofort mit der Arbeit anfangen können.«

»Natürlich«, murmelte Annabel und sah zu, wie sich die Tür schloss. Ihre Mutter hatte offen zugegeben, dass sie eine Enttäuschung für sie war. Annabel war es gewöhnt, dass man so von ihr dachte. Sie hatte auch die Äbtissin ständig enttäuscht, sosehr sie sich auch bemüht hatte … und ganz gewiss würde sie auch für ihren Ehemann eine Enttäuschung sein.

Sie schob das niederdrückende Gefühl beiseite und sah sich in dem Zimmer um, in dem sie sich befand. Sie glaubte sich zu erinnern, dass sie als Kind mit Kate hier geschlafen hatte, auch wenn das Bettzeug und die Bettvorhänge jetzt andere waren. Erinnerungen an lang vergangene Nächte wurden wach, in denen sie und Kate in ihren Betten gelegen und über irgendwelche Späße gekichert hatten. Dieses Bild brachte Annabel dazu, über ihre Schwester nachzudenken.

»Sie ist mit dem Sohn des Stallmeisters durchgebrannt«, hatte ihre Mutter gesagt.

Der Gedanke entsetzte Annabel. Im Kloster wurde den Postulantinnen und Novizinnen regelrecht eingebläut, Pflichtgefühl zu zeigen. Dass Kate sich ihren Eltern so heftig widersetzt hatte, konnte Annabel sich nur damit erklären, dass sie den Sohn des Stallmeisters aufrichtig lieben musste. Sie würde ihre Mutter danach fragen, beschloss Annabel, während sie ihr Kopftuch abnahm.

»Gott sei Dank habe ich mir die Haare noch nicht abgeschnitten«, murmelte sie, während sie mit einer Hand durch die Strähnen fuhr. Ein geschorener Schädel wäre in dieser Situation nicht unbedingt von Nutzen gewesen.

2

»Setzt Euch, setzt Euch.«

Bei Lord Withrams Worten riss Ross den Blick von der Frau los, die die Treppe herunterkam, und nahm am Tisch Platz.

»Ihr müsst nach Eurer Reise Durst haben. Ich werde dafür sorgen, dass Euch einige Erfrischungen gebracht werden«, sagte Lord Withram und eilte davon.

»Irgendetwas scheint ihn zu beunruhigen«, erklärte Gilly, während sie zusahen, dass der Lord von Waverly statt zur Küche zu der Frau ging, die die Treppe heruntergekommen war. Das Gesicht verziehend fügte Gilly hinzu: »Genau wie der Stallmeister. Der hat unaufhörlich die Hände gerungen und vermieden, uns in die Augen zu sehen.«

Auch Ross war das nicht entgangen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass jeder, dem sie bisher begegnet waren, nervös gelächelt und sich hastig empfohlen hatte – als hätte er Angst, eine Frage gestellt zu bekommen, die er nicht beantworten wollte. Einen weniger gestandenen Mann als Ross hätte ein derartiges Verhalten leicht nervös machen können, doch er gehörte nicht zu denen, die sich bereits um etwas sorgten, noch bevor es geschehen war. Er war es zufrieden, abzuwarten, was geschehen würde. Er begnügte sich mit einem Brummen als Antwort auf Gillys Bemerkung, während er Lord Withram beobachtete. Der Burgherr und die Frau gingen jetzt gemeinsam zur Küche, nachdem sie einige Worte miteinander gewechselt hatten.

»Wo mag wohl deine Braut sein?«, fragte Gilly.

Ross zuckte die Schultern, während er den Blick durch die Halle schweifen ließ, in der sich auffallend wenig Menschen aufhielten. Die Große Halle von MacKay war nur selten leer. Dort herrschte ständig ein Kommen und Gehen, und er hätte erwartet, dass es hier genauso wäre. Es kam ihm seltsam vor, dass keine Menschenseele zu sehen war.

Sein Blick glitt zu der Tür, die, wie er vermutete, zur Küche führte, als die Lady hastig herauskam. Ihr folgten einige Diener, die einen Badezuber und Eimer mit dampfendem Wasser trugen.

»Scheint mir, als könnte es noch eine Weile dauern, bis du deine Braut zu Gesicht bekommst«, sagte Gilly trocken. Aus schmalen Augen sah er den Dienern nach, die die Treppe hinaufgingen.

»Aye«, pflichtete Ross ihm seufzend bei. Er hatte gehofft, die ganze Sache rasch hinter sich bringen und sofort wieder nach MacKay zurückreiten zu können. Es war das erste Mal seit den Unruhen nach dem Tode seines Vaters, dass er die Burg für längere Zeit verlassen hatte. Er wollte so rasch wie möglich zurückkehren und sich vergewissern, dass alles in Ordnung war. Es sah jedoch so aus, als würde er nicht so rasch aufbrechen können, wie er gedacht hatte.

»Erzählst du mir jetzt von Kate?«, fragte Annabel, während sie neben dem Badezuber stehen blieb, den die Diener für sie vorbereitet hatten.

»Was gibt es da noch zu erzählen?«, entgegnete Lady Withram verbittert. »Sie ist mit diesem dummen Jungen davongelaufen.«

»Dann muss sie ihn sehr lieben«, murmelte Annabel, während sie anfing, ihr Kleid auszuziehen. »Und er sie ebenfalls, wenn er bereit war, Vaters Zorn auf sich zu ziehen.«

»Oh ja. Sie liebt ihn, und er liebt sie«, sagte Lady Withram angewidert. »Er liebt sie in ihren kostbaren Kleidern und mit ihrem glänzenden, schimmernden Haar, das ihr von einer Magd frisiert wird.« Sie schüttelte den Kopf. »Der dumme Narr hat nicht darüber nachgedacht, was aus all diesen schönen Gefühlen wird, wenn ihr Kleid nur noch aus Fetzen besteht und sie blass und fade aussieht, weil sie nicht genug zu essen bekommt. Und was ihn betrifft – solange er hier gearbeitet hat, mag er anziehend auf Kate gewirkt haben. Aber jetzt ist er ohne Arbeit. Die Liebe wird nicht lange halten, und was tut sie dann?« Ihr Ton war schroff. »Wahrscheinlich kommt sie irgendwann mit einem Bastard im Bauch zurückgekrochen und fleht uns unter Tränen an, sie wieder aufzunehmen.«

»Und? Werdet ihr das tun?«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und murmelte: »Für deinen Vater ist sie gestorben.«

»Und für dich?«, fragte Annabel.

»Ich bin nicht der Lord dieser Burg. Ich bin nur eine Frau«, entgegnete Lady Withram ruhig und fügte dann in giftigem Ton hinzu: »Nein, auch ich würde sie nicht wieder aufnehmen. Sie hat nicht einen einzigen Gedanken an uns verschwendet, als sie ihre Entscheidung getroffen hat.« Ein bitterer Zug lag um Lady Withrams Mund. »Sie hat sich ihr Bett gemacht und muss jetzt darin liegen.«

Annabel fand das ziemlich hart, doch sie sagte nichts dazu. Sie hängte ihr Kleid über den Stuhl beim Feuer, dann zog sie ihr Unterhemd aus und begann die Schnürung des Büßerhemdes zu lösen, das sie darunter trug.

»Was zum Teufel ist das?«, fragte ihre Mutter und kam näher.

»Ein härenes Hemd«, murmelte Annabel beschämt.

»Ist es aus Ziegenhaar?« Lady Withram berührte den Saum und verzog das Gesicht. »Tatsächlich. Es muss sehr unangenehm sein. Warum trägst du so ein Hemd?«

Annabel seufzte unglücklich und ließ das Hemd auf den Boden fallen, nachdem sie die letzten Schnüre gelöst hatte. Sie stieg in das dampfende Badewasser, bevor sie zugab: »Die Äbtissin hat mir befohlen, es zu tragen.«

»Warum?«, fragte ihre Mutter sofort.

»Es ist eine Strafe im Kloster«, murmelte Annabel.

»Diese Striemen auf deinem Rücken stammen aber nicht von dem Hemd«, sagte ihre Mutter und fuhr mit einem Finger leicht über die Narben.

»Nein«, stimmte Annabel zu. »Die sind von einer Peitsche.«

»Du bist im Kloster ausgepeitscht worden?«, fragte ihre Mutter erstaunt.

»Nein. Das habe ich selbst getan.«

»Warum um alles in der Welt hast du so etwas getan?«, fragte sie ungläubig.

»Weil die Äbtissin es mir befohlen hat.«

»Die Äbtissin hat …?« Ihre Mutter starrte sie entgeistert an. »Was zum Teufel hast du in diesem Kloster getrieben?«, fragte sie scharf. Ihr Ton legte nahe, dass sie es nicht wirklich wissen wollte, und Annabel vermutete, dass sie jetzt dachte, dass beide Töchter eine große Enttäuschung waren.

Mit einem Gefühl von Traurigkeit kam Annabel zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich auch so war. Kate war keine pflichtbewusste Tochter und sie selbst keine gute Oblatin gewesen. Sie hatte es versucht. Sie hatte sich nach Kräften bemüht, eine gute Novizin zu sein, aber immer war sie zu spät gekommen, oder sie war ungekämmt gewesen, oder sie hatte ihre Kleidung beschmutzt oder ihre Schuhe ruiniert. Die Liste ihrer Vergehen war endlos lang. Sie aß zu viel und sprach zu laut, sie ging zu schnell und taugte generell nicht zur Nonne, von der man erwartete, dass sie scheu, zurückhaltend, ehrwürdig und ernst war. Deshalb hatte die Äbtissin noch nicht zugelassen, dass sie den Schleier nahm, deshalb war sie noch nicht zur Nonne geweiht worden. Und nur deshalb konnten ihre Eltern sie jetzt zu einer Heirat zwingen.

Annabel unterließ es, ihre Mutter darauf hinzuweisen, aber sie selbst war sich dieser Tatsache nur zu bewusst. Hätte sie sich ein bisschen mehr bemüht, wäre sie ein bisschen besser gewesen, wäre sie jetzt vielleicht Nonne und würde nicht der schrecklichen Zukunft entgegensehen, die ihre Eltern für sie eingefädelt hatten. Und diese Zukunft war schrecklich für Annabel. Sie hatte nicht die geringste Ahnung von den Dingen, die es brauchte, eine Ehe zu führen, eine Burg zu verwalten oder … nun … eigentlich wusste sie gar nichts. Sie war blind in eine unbekannte Situation gestolpert … oder hineingestoßen worden … und sie hatte große Angst.

»Ohne Vaters Erlaubnis können Kate und ihr Stalljunge doch gar nicht geheiratet haben«, sagte Annabel jetzt von Verzweiflung getrieben. »Wenn wir sie finden, wäre es vielleicht –«

»Sie sind vielleicht noch nicht verheiratet, aber glaubst du wirklich, er hat es noch nicht mit ihr getrieben?«, fragte ihre Mutter schroff. »Wir haben erfahren, dass Kathryn sich nachts aus der Burg geschlichen hat, um sich mit dem Jungen zu treffen. Häufig ist sie erst nach Morgenanbruch zurückgekehrt. Es gibt Zeugen, die damals zu viel Angst hatten, etwas zu sagen. Doch seit Kathryn verschwunden ist, kommen sie in Scharen zum Vorschein.« Sie klang verbittert.

»Nun, sie ist vielleicht nicht mehr unschuldig, aber es könnte sein, dass sie zu Verstand gekommen ist und –«

»Und was?«, fauchte Lady Withram. »Was sollen wir dann mit ihr tun? Der Schotte würde uns in unseren Betten töten, wenn wir ihm eine befleckte Braut geben, und das zu Recht«

Annabel riss bestürzt die Augen auf. »Aber –«

»Kein weiteres Aber mehr, Annabel«, sagte ihre Mutter und klang plötzlich wieder erschöpft. »Es gibt keinen anderen Weg. Du wirst den Schotten heiraten. Das ist ohnehin besser, als in einem Kloster voller Frauen zu vertrocknen.«

Annabel runzelte bei dieser Bemerkung die Stirn. Sie erinnerte sich noch gut daran, was ihre Mutter damals, als sie sie im Kloster abgegeben hatte, gesagt hatte: dass es besser wäre, Nonne zu werden, als ein Leben lang unter der Fuchtel eines tyrannischen Mannes zu leiden. Sie hatte es dargestellt, als wäre das Klosterleben einer Ehe und Kindern unbedingt vorzuziehen. Was stimmte denn nun? Es schien, als würde es davon abhängen, was ihre Eltern gerade von ihr wollten.

Unglücklicherweise spielte es keine Rolle, was stimmte und was nicht, denn sie hatte in dieser Angelegenheit keinerlei Mitspracherecht. Ihre Eltern hatten ihre Zukunft für sie entschieden. Es gab auch keinen Stallburschen, mit dem sie durchbrennen konnte, und ganz gewiss würde die Äbtissin sie nicht wieder aufnehmen, nachdem sie sie bereits in die Obhut ihrer Mutter entlassen hatte. Vermutlich war sie ohnehin erleichtert, dass sie jemanden wie sie, die so unbeholfen und ungeeignet war, los war.

Annabel begann sich zu waschen. Es sah alles danach aus, als würde sie diesen unbekannten Schotten heiraten müssen und seine Frau sein, die Mutter seiner Kinder, die Herrin seines Haushalts … mochte der Allmächtige sie alle beschützen.

Ross nickte höflich, als Lord Withram sich entschuldigte und wegging, um nach den beiden Frauen zu sehen. Er tat dies schon zum dritten Mal, seit sie die Burg erreicht hatten. Anscheinend war seine zukünftige Frau – oder deren Mutter – der Meinung, dass ein Bad angebracht war, um sich »für ihn hübsch zu machen«, wie Lord Withram es ausgedrückt hatte. Was offensichtlich eine recht lange Prozedur war. Obwohl er seit zwei Stunden in der Burg weilte, hatte er noch nicht einmal einen Hauch von der Frau gesehen, die er heiraten sollte.

Ross dachte noch darüber nach, ob dies ein Zeichen dafür war, dass seine Zukünftige eher unattraktiv war, als Marach zu ihm trat und ihm auf die Schulter klopfte.

»Was ist los?«, fragte Ross und hörte interessiert zu, als Marach sich zu ihm herunterbeugte und ihm etwas zuflüsterte.

»Ich war bei unseren Pferden, um mich zu vergewissern, dass sie richtig versorgt werden.«

»Aye«, murmelte Ross.

»Als ich zum Stall kam, hörte ich, wie sich der Stallmeister und ein anderer Mann unterhielten. Es ging um den Sohn des Stallmeisters, der dafür gesorgt hat, dass sein Vater bei Lord Withram in Ungnade gefallen ist. Der Bursche ist mit der Tochter seines Herrn durchgebrannt, zwei Tage vor deren Hochzeit mit dem ›Schotten‹.«

Ross richtete sich bei diesen Neuigkeiten abrupt auf und sah Marach fragend an. »Bist du dir sicher, dass du alles richtig verstanden hast?«

Marach nickte ernst. »Ich habe die beiden miteinander reden gehört, als ich mich dem Stall genähert habe. Ich bin stehen geblieben, um zuzuhören. Sie haben noch eine ganze Weile darüber gesprochen. Der Stallmeister hätte den Jungen am liebsten für seine Dummheit ausgepeitscht, vor allem wohl auch, weil die älteste Withram-Tochter solch ein verwöhntes leichtfertiges Mädchen ist. Dann hat er sich darüber ausgelassen, dass sie höchstwahrscheinlich irgendwo tot am Straßenrand enden werden. Und schließlich haben sie sich gefragt, ob du dich wohl weigern würdest, die zweitgeborene Tochter zu heiraten, die man dir anstelle der anderen anbieten will. Aus irgendwelchen Gründen scheinen sie zu erwarten, dass du das tun wirst«, fügte er bedeutungsvoll hinzu, ehe er weitersprach. »Und für den Fall, dass du dich weigerst, rechnet der Stallmeister damit, dass man ihn aus der Burg wirft und er genauso tot sein wird wie die beiden.«

Ross lehnte sich mit einem Stirnrunzeln auf der Bank zurück. Was stimmte mit dieser jüngeren Tochter nicht, dass die Männer davon überzeugt waren, er würde sie zurückweisen?

»Verfluchte Engländer«, murmelte Gilly, der Marachs Worte gehört hatte. »Er hätte dir bei unserer Ankunft sagen können, was los ist. Stattdessen versucht er, dir einen Ackergaul als Rennpferd unterzujubeln. Auf diese Weise will er wohl die zweite Tochter loswerden. Die zudem ziemlich hässlich sein muss, wenn die Männer davon ausgehen, dass du sie zurückweisen wirst. Dieser Versuch, dich reinzulegen, und seine Unehrlichkeit reichen doch wohl als Gründe, um die Heirat abzulehnen?«, fragte er und fügte mit einem plötzlichen Anflug von Heiterkeit hinzu: »Wenn das so ist, können wir wieder nach Hause reiten und dir ein hübsches schottisches Mädchen suchen, das du heiraten und mit dem du dein Bett teilen kannst.«

»Ich würde die zweite Tochter der ersten vorziehen, wenn der Stalljunge die bereits gehabt hat«, sagte Marach.

»Es sei denn, die zweite Tochter hat auch schon irgendjemandem gehört«, stellte Gilly trocken fest und fügte hinzu: »Die Äpfel fallen nicht weit vom Stamm. Gewöhnlich landen sie dicht nebeneinander.«

Ross runzelte bei dieser Aussage die Stirn und schüttelte den Kopf. »Wäre die Ehre in einer Familie erblich, hätte Derek mehr wie ich sein müssen. Nur weil die ältere Schwester ehrlos ist, muss die jüngere es nicht auch sein.«

»Das stimmt«, räumte Gilly ein. »Aber wenn sie kein Flittchen ist, solltest du dich vielleicht fragen, wieso man so besorgt ist, du könntest sie nicht haben wollen.« Er ließ einen Moment verstreichen, und als Ross nichts sagte, setzte er hinzu: »Wenn sie also kein Flittchen ist, muss sie entweder so hässlich wie die Sünde oder ein mürrisches, zänkisches Fischweib sein. Oder beides«, kam er grimmig zum Schluss.

Ross starrte ihn an. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Guter Gott, würde in seinem Leben denn nie irgendetwas einfach ganz einfach sein? Es hatte damit begonnen, dass seine Mutter gestorben war, ein Jahr später war ihr sein Vater gefolgt. Er hatte nicht einmal um ihn trauern und sich um seine Pflichten als Clan-Chief kümmern können, weil er sich dieses Recht erst noch hatte erkämpfen müssen. Und jetzt, da diese Angelegenheit endlich geregelt und er hierhergekommen war, um seine zukünftige Frau zu holen, musste er feststellen, dass seine Verlobte davongelaufen war – noch dazu mit einem Stalljungen – und man von ihm erwartete, dass er ihre Schwester heiratete, die entweder ein ebenso leichtfertiges Ding oder eine hässliche Xanthippe war.

Das Leben war manchmal ungerecht. Eigentlich immer, dachte Ross verbittert. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann in seinem Leben in letzter Zeit etwas glattgegangen war, und offen gestanden war er es mehr als leid, um alles kämpfen zu müssen.

Gilly hat recht, dachte er. Am einfachsten wäre es, aufzustehen, die Burg zu verlassen und nach Hause zurückzukehren, um dort ein nettes schottisches Mädchen zu heiraten, das er sich selbst aussuchen würde. Dieses Recht besaß er doch, oder nicht? Schließlich war er von Rechts wegen nicht daran gebunden, die zweitgeborene Tochter zu heiraten. War es rechtens, dass Withram sich von seiner ältesten Tochter losgesagt hatte? Binnen so kurzer Zeit? Genau genommen interessierte es Ross gar nicht. Er hatte genug davon, sich durchs Leben zu kämpfen. Er würde nach Hause zurückkehren.

Während ihm diese Gedanken durch den Sinn gegangen waren, hatten Gilly und Marach sich weiter über die Situation unterhalten, doch beide schwiegen sofort, als Ross abrupt aufstand. Er sah die Frage in ihren Augen und sagte: »Wir brechen auf und –«

»Hier ist sie endlich.«

Ross schloss den Mund und drehte sich bei der verzweifelt fröhlichen Ankündigung Lord Withrams langsam um. Der Lord kam hastig die Treppe heruntergeeilt und trat zu seinen Gästen an den Tisch, mit deutlich gemäßigteren Schritten folgten ihm zwei Frauen.

»Ihr wisst ja, wie Frauen sind«, sprach Withram weiter. Er klang besorgt. »Unsere Annabel wollte perfekt aussehen, wenn sie Euch das erste Mal begegnet.«

Ross antwortete ihm nicht. Er sah ihn nicht einmal an, um ihm zu verstehen zu geben, dass er die Worte gehört hatte. Sein Blick war ausschließlich auf die junge Frau gerichtet, die an der Seite von Lady Withram die Treppe herunterkam. Sie war klein, nicht viel größer als ein Meter fünfzig, und hatte ein hübsches Gesicht, langes, gewelltes, mitternachtsschwarzes Haar, das glänzte, und mehr Kurven als sein Schild. Er brauchte nur einen Moment, um das alles in sich aufzunehmen, bis sein Blick an ihren Augen hängen blieb. Noch nie hatte er Augen von solcher Farbe gesehen, einem blassem Blaugrün, das türkis schimmerte. Die Iris war von einem dunklen Rand umgeben. Ihre Augen waren wunderschön … auch wenn sie jetzt von Beklommenheit und Angst erfüllt waren.

Bevor ihm bewusst wurde, was er tat, ging Ross um den Tisch herum auf das Mädchen zu. Er nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Arm, dann sah er ernst in ihre ungewöhnlichen Augen. »Das Warten hat sich gelohnt.«

Erfreut stellte er fest, dass ihre Anspannung nachließ. Ein bisschen nur, aber immerhin. Sie errötete und senkte den Kopf, als wäre sie an ein solches Kompliment nicht gewöhnt und fühlte sich dadurch beschämt. Ihre Finger auf seinem Arm zitterten. Sie wirkte ganz und gar nicht wie ein Flittchen, und weder sah sie mürrisch aus noch war sie hässlich. Sie hatte vielmehr die schönsten Augen, die er je gesehen hatte, und er wollte mehr von ihnen sehen, weshalb Ross sich umdrehte und sie zum Tisch führte.

Es entging ihm nicht, dass ihre Eltern vor Erleichterung seufzten. Und er hörte auch, was Gilly vor sich hin murmelte: »Verflucht. Das war’s.«

Angesichts der leichten Kopfbewegung Annabels wusste Ross, dass auch sie all das mitbekommen hatte. Doch weder er noch sie sagte etwas dazu.

»Da ihr euch jetzt kennengelernt habt, gibt es keinen Grund, noch länger zu warten«, erklärte Annabels Vater und drängte sie aufzustehen. »Father Athol und die Dorfbewohner warten bereits vor der Kirche.«

Annabel starrte ihn verblüfft an. Ross hatte sie eben erst an den Tisch geführt und aufgefordert, Platz zu nehmen. Sie war überzeugt, nicht länger als vier Herzschläge lang auf der Bank gesessen zu haben, und schon scheuchte ihr Vater sie wieder hoch. Annabel begriff sehr gut, dass ihre Eltern befürchteten, irgendetwas könnte doch noch schiefgehen und ihren Ruin besiegeln. Dies war der Grund, warum sie so bestrebt waren, das alles rasch hinter sich zu bringen. Dennoch kam ihr diese Eile unpassend vor. Es überraschte sie daher, als der Schotte zustimmend nickte, aufstand und ihre Hand wieder auf seinen Arm legte.

»Komm, Mädchen«, sagte er ernst. »Je eher daran, desto eher davon.«

Das ist nur zu wahr, dachte Annabel benommen und bemühte sich, ihn nicht anzusehen. Seit sie einen ersten Blick auf ihn geworfen hatte, vermied sie es angestrengt, ihn anzusehen. Seit sie sieben Jahre alt gewesen war, hatte sie ihr Leben in der Gesellschaft von Frauen verbracht. Der einzige Mann, den sie zu Gesicht bekommen hatte, war Father Gerder gewesen, ein großer, schlanker älterer Mann mit weißen Haaren und einem ausgemergelten Körper, der im Kloster die Messe gelesen hatte. Bei ihrer Ankunft auf der elterlichen Burg war Annabel aufgefallen, wie eingesunken und klein ihr Vater geworden war, doch trotz seines deutlichen Bauchs hatte er sie an Father Gerder erinnert.

Ross hingegen ließ sie weder an ihren Vater noch an Father Gerder denken. Und keinesfalls an die Frauen, von denen sie aufgezogen worden war. Denn an ihm war nichts Sanftes und Heiteres, nichts Feines und Zartes. Er war riesig und wirkte wild, er war wie eine Mauer, die aus harten Muskeln, einem herben Geruch und einer dröhnenden Stimme bestand.

Er war so überwältigend, dass Annabel nervös wurde, einen trockenen Mund bekam und sich eigenartig unruhig fühlte. Sie war völlig durcheinander, oder zumindest hielt sie das für den Grund, warum sie zu zittern anfing, als er ihre Hand nahm und auf seinen Arm legte. Genau so hatte sie reagiert, als er sie zum Tisch geführt hatte. Nachdem er sie losgelassen hatte, war dieses Zittern wieder verschwunden und Erleichterung gewichen. Jetzt allerdings würde es kein rasches Entkommen geben. Denn es ging nicht mehr nur darum, ein paar Schritte mit ihm zum Tisch zu gehen.

Ross führte sie hinaus auf den Burghof und zur Kapelle. Mit jedem Schritt zitterte Annabel mehr, und ihr war bewusst, dass er es bemerkte.

»Atme tief durch.«

Annabel schaute bei den gemurmelten Worten des Schotten auf und sah ihn unsicher an. »Wie bitte?«

»Atme tief ein«, wiederholte er so leise, dass nur sie es hören konnte, und fügte ebenso leise hinzu: »Es beruhigt die Nerven.«

»Oh.« Sie brachte ein Lächeln zustande, doch sie war sich nur zu bewusst, dass sie heftig errötete. Er hatte es also bemerkt. Sie räusperte sich und sagte in einem gequälten Tonfall: »Ich möchte mich für die unangebrachte Eile meiner Eltern entschuldigen. Sie meinen es gut.«

Ross zuckte die Schultern. »Es gibt nichts zu entschuldigen. Es passt mir so ganz gut. Unangenehme Aufgaben bringt man am besten schnell hinter sich, findest du nicht?«

Die Worte schockierten Annabel so sehr, dass sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert wäre. Obgleich sie über die Ankündigung, heiraten zu sollen, entsetzt gewesen war, hatte diese Reaktion nichts mit ihrem Bräutigam zu tun gehabt. Sie hatte bei alldem gar nicht an ihn gedacht. Ihre Aufregung hatte der unerwarteten Veränderung ihrer Lebensumstände gegolten. Schließlich hatte sie noch bis vor ein paar Stunden gedacht, sie würde ihr weiteres Leben als Nonne verbringen.

Ross hingegen war mit der Absicht hierhergekommen zu heiraten. Für ihn war es also keine üble Überraschung … abgesehen davon vielleicht, dass er seine Braut zum ersten Mal sah. Was zu dem Schluss führte, dass er die Heirat mit ihr als die unangenehme Aufgabe sah, von der er gesprochen hatte. Und das war ziemlich kränkend. Es warf auch kein gutes Licht auf ihre Zukunft. Immerhin war er der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde. Wenn er schon jetzt unzufrieden war, nachdem er sie lediglich gesehen hatte, wie unglücklich würde er dann erst sein, wenn er begriff, wie nutzlos sie als Ehefrau war? Und sie befürchtete sehr, dass sie nutzlos sein würde.

Aber sie konnte nichts, rein gar nichts tun, um das zu verhindern, was ihr bevorstand. Sie hatten die Kapelle erreicht und blieben vor dem Priester stehen. Der Weg in ihre Zukunft war unumstößlich festgelegt. Es gab kein Entrinnen.

Mit nicht geringer Erleichterung sah Ross, dass sein neuer Schwiegervater die Tür hinter sich und den anderen zuzog. Für ihn hatte diese Beischlaf-Zeremonie eher etwas Lästiges: Ein Dutzend betrunkener Engländer hatte ihn, gemeinsam mit seinen eigenen betrunkenen Männern, umrundet und in das Schlafzimmer gedrängt, wo alle so lange an seinen Sachen gezogen und gezerrt hatten, bis er nackt gewesen war. Dann hatten sie ihn ins Bett neben seine Frau gelegt, die, ihre Nacktheit unter den Decken verborgen, auf ihn wartete.

Ross vermutete, dass ihn das alles nicht so gestört hätte, wäre er ebenfalls betrunken gewesen. Er hatte seine Ehe allerdings nicht damit beginnen wollen, dass er sich bis zur Besinnungslosigkeit betrank oder – bedingt durch seine Trunkenheit – zu rau mit seiner Frau umging. Aus diesem Grund hatte er sich nach dem Becher Wein, mit dem auf die Hochzeit angestoßen worden war, zurückgehalten. Die groben Bemerkungen der Männer hatte er nüchtern über sich ergehen lassen müssen.

Er hörte ein Rascheln, und eine Bewegung neben ihm machte Ross darauf aufmerksam, dass seine Braut das Bett verlassen hatte. Er wollte sie fragen, was sie vorhatte, doch die Frage schaffte es nicht über seine Lippen. Annabel war vom Kopf bis zu den Zehenspitzen splitterfasernackt … und wunderschön. Seine Braut hatte eine herrliche Figur, weich und rund. Genau so, wie er es bei Frauen mochte. Der Anblick weckte sein Begehren, war ihm jedoch nur kurz vergönnt, denn schon zog sie ein langes Hemd an, das die Köstlichkeit ihres Körper vollständig verbarg.

»Was zur Hölle ist das?« Es waren die ersten Worte, die er an die Frau richtete, die er geheiratet hatte, und Ross vermutete, dass sie einiges zu wünschen übrig ließen. Angesichts des hässlichen Hemdes, das ihre Schönheit verbarg, war er jedoch so entsetzt gewesen, dass er nicht anders gekonnt hatte.

»Es ist eine Chemise Carouse«, erklärte Annabel und wirkte plötzlich unsicher. Sie zögerte und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Sie lächelte gequält und fügte hinzu: »Father Athol meinte, wir würden es vielleicht benutzen wollen, aber ich hatte vergessen, es anzulegen.«

»Für was sollen wir es benutzen?«, fragte er verblüfft.

»Für den Beischlaf«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Braut des Schotten" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen