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Die Braut des Playboy-Scheichs

Kim Lawrence

Die Braut des Playboy-Scheichs

1. KAPITEL

„Also ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe, Eva.“

Luke sah sie an, als warte er auf die Pointe eines Witzes.

„Du bist wirklich so etwas wie eine Prinzessin?“ Dramatisch hielt er inne und strich sich den Strubbelpony aus der Stirn, ehe er fortfuhr: „Prinzessin Evie?“ Er lachte, als hätte er einen guten Scherz gemacht.

Irgendwie konnte Eva nicht mitlachen, doch sie verstand Lukes Zweifel. Sie hatte sich ja selbst erst daran gewöhnen müssen, nach dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr auf einmal eine Familie zu besitzen, von der sie nichts geahnt hatte. Und was für eine Familie!

Sie schob die Finger in die Gürtelschlaufen ihrer Jeans und warf ihren Zopf zurück. „Soll das heißen, ich habe nichts Königliches an mir?“, fragte sie verletzt.

Luke Prentice hätte zur Beschreibung der Tochter der Frau, die in akademischen Kreisen eine Legende gewesen war, viele positive Eigenschaften aufzählen können – darunter auch wahnsinnig aufregend und sexy.

Er hatte keine Ahnung, ob Eva wusste, dass ihre Mutter ihn als achtzehnjährigen Studenten verführt hatte, als er an einem ihrer Seminare teilgenommen hatte, um ‚seinen Horizont zu erweitern‘ … und, Junge, der hatte sich tatsächlich erweitert! Eins wusste er jedoch: Bei ihrer Tochter hatte er keine Chance. Er nahm das philosophisch hin. Platonische Beziehungen waren eigentlich nicht seine Sache, aber Eva kannte er schon ewig, ihre Freundschaft war etwas Besonderes.

„Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich mir Angehörige nahöstlicher Königshäuser bisher mit Sommersprossen und rotem Haar vorgestellt hätte“, erklärte er.

Widerstrebend musste Eva zugeben: „Ich auch nicht.“

Selbst jetzt noch kam ihr alles so unwirklich vor. Ihre schöne Mum – die brillante Akademikerin – war keine ledige Mutter gewesen, wie Eva immer geglaubt hatte, sondern die getrennt lebende Ehefrau eines arabischen Prinzen. Der König – ihr Großvater! – hatte neun Söhne, und ihr Vater war der Jüngste und somit Letzte in der Thronfolge gewesen.

Dennoch sei er natürlich ein Prinz gewesen, hatte Onkel Hamid ihr versichert, als er in seiner schwarzen Panzerlimousine auf der Beerdigung aufgetaucht war. Ihre Mutter war eine Prinzessin, hatte er ihr mit entsprechenden Urkunden bewiesen.

Zwar hatte ihre Mutter ihr von jeher Unabhängigkeit gepredigt, aber insgeheim hatte Eva sich immer eine Familie gewünscht. Und jetzt besaß sie eine. Wie eine Fügung des Schicksals war es ihr erschienen, im schrecklichsten und einsamsten Moment ihres Lebens in eine große exotische Familie aufgenommen zu werden.

Nun merkte sie jedoch, dass das auch Nachteile mit sich brachte, denn sie sollte einen Preis dafür zahlen. Hoffentlich schaffte sie es, dieses unerwartete Hindernis diplomatisch zu umschiffen und ihren Großvater dabei nicht zu verprellen.

„Prinzessin Eva …? Wie soll ich das alles verstehen, Evie?“

Jetzt war sie drauf und dran, die Geduld zu verlieren. „Das habe ich dir doch gerade erzählt!“ Luke, der jüngste Wirtschaftsprofessor in der Geschichte des College, war sonst nicht so schwer von Begriff.

„Aber deine Mutter war niemals verheiratet. Sicher, männliche Freunde hatte sie genug …“ Er warf Eva einen entschuldigenden Blick zu. „Verzeihung, so meinte ich das nicht.“

„Schon gut“, winkte sie ab. Ihre Mutter hatte nie verheimlicht, Liebhaber zu haben, von denen manche erheblich jünger waren als sie. Ihre Beziehungen zu den „Wegwerf-Liebhabern“, wie sie sie manchmal nannte, waren meist recht kurzlebig gewesen. Nur Luke war stets ihr Freund geblieben.

Eva empfand es als Ironie des Schicksals, dass sie als Tochter einer überaus freizügigen Mutter, die von ihren Affären in einer fast peinlichen Offenheit gesprochen hatte, mit dreiundzwanzig noch Jungfrau war. Aus Protest? Oder war ihr sexueller Trieb zu schwach ausgeprägt? Keine schöne Vorstellung, fand sie.

„Wie sich jetzt herausgestellt hat, war sie verheiratet. Aber sie hat sich nicht im Guten von meinem Vater getrennt.“ In Evas Augen erschien ein nachdenklicher Ausdruck. Sie wünschte, sie hätte Gelegenheit gehabt, diesen Mann kennenzulernen.

Natürlich hatte sie Fotos von ihm gesehen, auch sein Porträt, das im Palast neben den Gemälden seiner Brüder hing. Eva fand, dass sie ihm überhaupt nicht ähnlich sah und auch nichts von der klassischen Schönheit ihrer Mum hatte.

War sie womöglich gar ein Kuckucksei? Nach Berichten ihrer Mutter hatte sie die helle Haut, die Sommersprossen und das rote Haar von ihrer irischen Großmutter.

„Wurden sie geschieden?“

Eva schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Vater starb bei einem Schiffsunglück, ehe die Trennung offiziell war.“

Immer noch wirkte Luke wenig überzeugt, er schien das Ganze eher für einen schlechten Witz zu halten. „Das alles hast du erst nach dem Tod deiner Mutter erfahren?“

„Ja.“

„Und jetzt soll ich dein Bettgefährte werden?“

Eva verzog das Gesicht. „Träum weiter“, erwiderte sie ironisch.

Nun musste Luke lächeln. „Wie gut du mich kennst, Evie.“

„Mein Großvater hält es für seine Pflicht, mich zu verheiraten. Und komm mir jetzt nicht damit, wir lebten im einundzwanzigsten Jahrhundert. So denkt er nun mal. Von jeher wurde ihm eingetrichtert, eine Frau brauche den Schutz ihrer Familie oder eines Ehemannes. Höchste Zeit zu beweisen, dass ich bestens auf mich selbst aufpassen kann. Die Sache ist nur die: Enkel hat der Mann genug“, gab Eva zu bedenken. „Aber ich bin seine einzige Enkeltochter.“

„Ehe du weißt, wie dir geschieht, wird er dich zwingen, diesen Kerl zu heiraten, der vielleicht Mundgeruch oder einen Bierbauch hat …“

„Einen Bierbauch wohl kaum.“ Ein guter Moslem trank ja keinen Alkohol. „Und zwingen lasse ich mich schon gar nicht.“

„Aber sie erwarten, dass du heiratest? Diesen … wie hieß er noch?“

„Karim Al-Nasr.“ Eva rümpfte die Nase. Vermutlich hatte diese Heirat politische Gründe. König Hassan hatte auch von Kindern gesprochen. Natürlich wollte sie eines Tages Kinder haben, allerdings ganz sicher nicht von einem Mann, den sie noch nie vorher gesehen hatte!

„Zwingen lasse ich mich natürlich nicht. Wenn ich mich jedoch von vornherein querstelle, hätte ich das Gefühl, die Freundlichkeit meiner Verwandten mit Füßen zu treten.“ Eva atmete tief durch. „Du magst das Ganze für verrückt halten, Luke, aber so denken sie nun mal. Ich glaube, alles wäre einfacher, wenn dieser Prinz Karim sich weigern würde, mich zu heiraten.“

„Du meinst, wenn er annehmen muss, dass du keine Jungfrau mehr bist?“

Eva senkte den Blick. „Diese Leute denken immer noch schrecklich altmodisch.“

So altmodisch doch wohl nicht mehr, Evie.“

Du würdest dich wundern!

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, wie du richtig bemerkt hast, Evie. Schließlich hast du die letzten dreiundzwanzig Jahre nicht in klösterlicher Abgeschiedenheit verbracht.“ Bewundernd betrachtete Luke sie von Kopf bis Fuß. „Dafür bist du viel zu sexy.“

Eva verdrehte die Augen. „Und da wird immer behauptet, die Romantik sei ausgestorben.“

Der erwartungsvolle Ausdruck in Lukes blauen Augen machte ihr Sorgen. Sie war sich ziemlich sicher zu wissen, was hinter seiner Stirn vorging.

Mit einem gewissen Unbehagen setzte sie hinzu: „Könnten wir meine erotische Ausstrahlung einfach außen vor lassen, Luke. Also? Tust du’s oder nicht?“

„Mich als dein Liebhaber ausgeben, der hier mit dir zusammenlebt?“ Wieder sah er sie so komisch an, und Evas Lachen fiel etwas verunglückt aus. „Nichts täte ich lieber!“

Erleichtert klatschte Eva in die Hände. „Luke, du bist ein Engel!“

„Und du noch Jungfrau.“ Er grinste, weil sie errötete. „Das Mädchen, das eine Doktorarbeit über die sexuelle Revolution der Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert schreibt, ist eine unberührte Prinzessin!“ Vergnügt rieb er sich die Hände. „Einfach göttlich!“

„Sei still, und schaff deinen Rasierer in mein Badezimmer!“

„Welcher Mann könnte so einem Angebot widerstehen?“

Der Arzt, ein Spezialist für Krebs bei Kindern, litt normalerweise nicht mit, wenn er verzweifelte Eltern beriet. Seit Jahren war er es gewöhnt, erschöpfte Väter wie diesen zu erleben, der schon seit vier Tagen unermüdlich am Bett seiner kleinen Tochter ausharrte.

Zögernd näherte der Mediziner sich dem großen, kraftvollen Mann mit den markanten Gesichtszügen, der trotz seiner Erschöpfung starr aus dem Fenster blickte, während Krankenschwestern am Bett seines Kindes hantierten.

Wann immer er sich unbeachtet fühlte, drehte er sich um und blickte schmerzerfüllt zu der zarten kleinen Gestalt hinüber.

„Prinz Karim?“

Der Angesprochene wandte sich dem Arzt zu. „Hat sich etwas Neues ergeben?“

Der Mediziner schüttelte den Kopf. Dieser Mann wollte keine Trostworte, er schien seine Gefühle eisern unter Kontrolle zu haben, obwohl er verzweifelt war und seit Tagen kaum geschlafen hatte. „Wie ich schon sagte, Euer Hoheit, wir bekommen die Ergebnisse erst morgen.“

„Aber Sie machen weiter, wenn die Werte innerhalb des Sicherheitsrahmens liegen?“

Der Arzt nickte. „Ja. Ihnen ist sicher klar, dass wir allerdings nichts garantieren können, selbst wenn wir die Behandlung fortsetzen. Die Methode ist neu, und wir verfügen noch nicht über ausreichende Erfahrungswerte.“

Das Zögern der Fachleute begann Karim zu nerven. Zum Teufel mit der Vorsicht, hier ging es ums nackte Überleben seines Kindes! Wenn sie nichts unternahmen, musste seine kleine Amira sterben!

Karim presste die Lippen zusammen und verbot sich, an diese Möglichkeit zu denken. Es durfte einfach nicht so weit kommen! Er ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. Sie muss leben!

Seine Augen brannten, er wandte sich ab und hätte am liebsten um sich geschlagen.

Steif sagte er zu dem Arzt: „Ich kenne die Statistiken, Doktor.“ Er gestattete sich einen Blick zu der kleinen Gestalt im Bett, die unter dem Einfluss starker Medikamente wie bewusstlos dalag. Hier ging es um ein Kind und nicht um kalte Zahlen. Wut stieg in ihm auf. Er war es gewöhnt, sich zu beherrschen, der Wirklichkeit gefasst ins Auge zu sehen und zu handeln. Doch hier war er zur Hilflosigkeit verdammt.

Er musste seinem kleinen Mädchen helfen, dafür sorgen, dass es wieder gesund wurde. Diese Rolle anderen zu überlassen, widersprach allem, was er gewöhnt war.

„Euer Hoheit, ich glaube wirklich, Sie sollten sich jetzt eine Weile hinlegen.“

„Es geht mir gut.“

Obwohl er den Rat des Arztes gereizt zurückwies, spürte Karim, dass die ständige Krankenwache ihn seelisch und körperlich zu überfordern begann.

Er reagierte nur langsam, konnte nicht mehr richtig denken, sich auf die einfachsten Dinge nur noch mühsam konzentrieren. Als er die Papiere unterschrieben hatte, die der treue Tariq ihm ohne Erklärung vorgelegt hatte, waren seine Hände so zittrig gewesen, dass seine Unterschrift kaum zu lesen war.

„Ihre Tochter weiß doch gar nicht, dass Sie hier sind. Sie hat starke Beruhigungsmittel bekommen.“

Karim kämpfte mit sich. Natürlich wusste er, dass er seiner Kleinen noch weniger helfen konnte, wenn er zusammenbrach. „Ich werde hier sein, wenn sie aufwacht.“

„Natürlich. Bis dahin sollten Sie sich einige Stunden Schlaf gönnen. Wir haben hier Räume …“

Karim schwieg, bis er endlich widerstrebend nickte.

Der Arzt war erleichtert. „Gut. Ich werde veranlassen, dass …“

„Besprechen Sie die Einzelheiten mit Tariq.“ Karim war nicht mehr daran interessiert, das Gespräch fortzusetzen, und kehrte ans Bett seiner Tochter zurück.

Der Arzt machte sich auf die Suche nach Tariq, einem Mann unbestimmbaren Alters mit granitharten Zügen, der nur wenig zugänglicher war als sein königlicher Vorgesetzter.

„Der Raum ist angemessen.“ Tariqs trockener Ton ließ anklingen, dass das Gegenteil der Fall war. Respektvoll neigte er den Kopf und hielt seinem Herrn die Tür auf. „Ich wecke Sie in vier Stunden.“

„In zwei Stunden.“

„Wie Sie wünschen.“ Offiziell galt Tariq als Karims Berater, in Wirklichkeit war er aber sehr viel mehr. „Ich lasse Wachen am Ende des Ganges postieren. Und auf dem Nachttisch habe ich Ihnen Tee bereitgestellt, damit Sie schlafen können.“

„Gut.“ Teilnahmslos betrat Karim das Zimmer, das Tariq für ihn vorbereitet hatte.

Er war so erschöpft, dass er auch schlafen würde, wenn die Wachen vor seiner Tür Stepptänze aufführten.

Doch statt in gnädiges Vergessen hinüberzudämmern, marterten ihn Gedanken.

Eine halbe Stunde lag er da und blickte starr zur Decke. Er war völlig erschöpft, aber sein Gehirn ließ sich einfach nicht abschalten. Und der Tee, den er folgsam getrunken hatte, obwohl er ihn hasste, hatte einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Wie in einem Albtraum drehten seine Gedanken sich immer wieder um das Gleiche, bis er es nicht mehr aushielt. „Genug!“ Genervt richtete Karim sich auf, obwohl seine Kopfschmerzen stärker wurden.

Er blickte auf die Uhr, zog sein Jackett an, das er über einen Stuhl gehängt hatte, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und ging zur Tür.

Vielleicht sollte er im Freien ein wenig frische Luft schnappen, ehe er zu Amira zurückkehrte.

Er trat auf den Gang hinaus, ohne dass die Wachen am Ende des Ganges ihn bemerkten. Auf halbem Weg zu ihnen machte er kehrt. Wenn er schon spazieren ging, um etwas gegen die Kopfschmerzen zu tun und den bedrückenden Mauern des Krankenhauses zu entrinnen, war dies eine gute Gelegenheit, seine Bewacher abzuschütteln.

Niemand begegnete Karim, als er zum Notausgang ging, auch nicht auf der Treppe und beim Verlassen des Gebäudes. Draußen regnete es, doch er nahm kaum wahr, dass ihm Tropfen übers Gesicht rannen. Ziellos schritt er über den Kiesweg und durchlebte wie unter einem Zwang erneut die letzten Wochen seit der schrecklichen Diagnose.

Kaum zu glauben, dass sein Leben noch vor einem Monat normal verlaufen war. Erst vor vier Wochen waren ihm die violettfarbenen Schatten unter Amiras Augen zum ersten Mal aufgefallen.

Wie lange mögen sie schon da gewesen sein?

Hätte ein guter Vater sie nicht gleich bemerken müssen?

Karim verdrängte die Schuldgefühle, die ihn stets überkamen, wenn er an seinen Fähigkeiten als Vater zweifelte.

Jedenfalls hatte er die Gouvernante seiner kleinen Tochter an jenem Abend auf die Schatten angesprochen.

„Amira wirkt in letzter Zeit oft so müde, finden Sie nicht?“ Er hatte gewartet, in der Hoffnung, die Frau würde seine Bemerkung als übertriebene väterliche Sorge abtun.

Sie hatte innegehalten, darüber nachgedacht, dann hatten ihre Züge sich überschattet.

„Amira kam mir in letzter Zeit etwas still vor“, hatte sie zugeben müssen. „Dennoch ist sie nach wie vor lebhaft und aktiv …“

Aber was bedeuteten die blauen Flecken, die er auf ihren Armen entdeckt hatte?

Eine eisige Hand legte sich um Karims Herz. Es war nicht seine Art, sich um etwas zu sorgen, das vielleicht gar nicht existierte. Doch wenn es um seine Tochter ging, reagierte er einfach nicht normal.

Nach Amiras Geburt hatte Karim sich vorgenommen, das Kind dürfe auf keinen Fall unter den Folgen der Untreue seiner Frau leiden – oder seiner eigenen Dummheit. Er würde das Mädchen, das seinen Namen trug, so lieben, als wäre es sein eigen Fleisch und Blut. Für den Rest der Welt war Amira sowieso seine leibliche Tochter.

Als das Baby acht Monate nach der Hochzeit geboren wurde, hatte man allgemein darauf verzichtet nachzurechnen. Nur sein Vater hatte ihm einen nachsichtigen Blick zugeworfen und eine Bemerkung über die Ungeduld der Jugend gemacht. Und die Cousins hatten die üblichen Witze gerissen. Sie wären weniger amüsiert gewesen, wenn sie die Wahrheit gekannt hätten. Karim hatte die Flitterwochen keineswegs vorweggenommen – er hatte nie mit seiner Frau geschlafen. In der Hochzeitsnacht hatte sie ihm eröffnet, dass sie ein Kind von einem anderen erwartete.

Niemals hätte Karim gedacht, dass er dieses Baby lieben würde, als wäre es sein eigenes. Die Mutter war immer noch benommen gewesen, als man ihm das schreiende Bündel in die Arme gelegt hatte. Auf die Empfindungen, die ihn in diesem Augenblick übermannt hatten, war er nicht gefasst gewesen.

Das krebsrote Wesen hatte ihm direkt in die Augen geblickt, und als es zu weinen aufhörte, hielt es Karims Herz fest in seinen geballten Babyfäusten.

Inzwischen war die Kleine acht Jahre alt, und nichts hatte sich geändert – nur, dass ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben und er der Einzige war, der das Geheimnis kannte: Amira war biologisch betrachtet nicht seine Tochter.

Und jetzt wusste es der Arzt, der eine Knochenmarktransplantation empfohlen hatte. Da war Karim nichts anderes übrig geblieben, als zu gestehen, dass er dafür vermutlich nicht infrage kam. Auf taktvolles Nachhaken des Mediziners hatte er zugeben müssen, nicht zu wissen, wer der leibliche Vater sei.

Zum ersten Mal bereute Karim, sich nicht dafür interessiert zu haben, wer der Liebhaber seiner Frau gewesen war. Er hatte Zara nicht danach gefragt.

Irgendwo dort draußen gab es einen Mann, der Amira möglicherweise helfen konnte.

Hätte er Zara geliebt, wäre es für ihn qualvoll gewesen, sich mit Einzelheiten auseinanderzusetzen. Doch letztlich hatte sie ihm nichts bedeutet. Jetzt war er froh, nicht lieben zu können. Im Lauf der Geschichte hatte es genug Männer gegeben, die daran zerbrochen waren, dass die Frau, die sie liebten, sie betrogen hatte.

Das konnte ihm nicht passieren. Spätestens seine Ehe hatte ihm gezeigt, wie gefährlich es war, einer Frau tiefe Gefühle entgegenzubringen.

Er würde nur aus Pflichtgefühl wieder heiraten.

Liebe – oder besser gesagt, Sex – konnte er sich anderswo holen.

Als Karim den geparkten Wagen auf der anderen Seite der schmalen Straße bemerkte, dachte er im ersten Moment, seine Leibwächter hätten ihn das Krankenhaus verlassen sehen und wären ihm gefolgt. Wie lange mochte das her sein?

Er überlegte und versuchte, die Nebel in seinem Kopf zu verscheuchen. Warum konnte er einfach nicht klar denken? Verständnislos blickte er an sich herab und runzelte die Stirn. Er war triefnass. Prüfend strich er über den Stoff seines Anzugs. „Völlig durchnässt“, stellte er fest.

Wieso das? Karim versuchte, es sich zu erklären, und hob das Gesicht dem Regen entgegen. Steif stand er da, die Tropfen rannen ihm über die Haut, ihm war gar nicht bewusst geworden, dass er das Krankenhausgelände verlassen hatte. Ungeduldig überlegte er. Was suchte er hier? Und wieso hatte er diesen bitteren Geschmack im Mund?

Natürlich … Tariqs Tee. Karim erinnerte sich. Er war nach draußen gegangen, um frische Luft zu schnappen.

Offensichtlich hatte er länger Luft geschnappt als beabsichtigt. Und obwohl er der trostlosen Krankenhausatmosphäre entronnen war, hatte er die verzweifelten Gedanken nicht abschütteln können.

Er musste zurück. Suchend blickte Karim die Straße entlang. Wo war er? Nichts hier kam ihm bekannt vor, nicht einmal die Männer in dem geparkten Wagen. Wenn es seine Leibwächter gewesen wären, hätten sie ihn doch längst entdeckt.

Schließlich wurden sie fürs Aufpassen bezahlt – unauffällig und im Hintergrund. Wäre er nicht sein Leben lang bewacht worden, hätte er dem unbekannten Wagen keine Beachtung geschenkt.

Benommen blickte er zu dem Gebäude, das die Männer beobachteten, und kniff die Augen zusammen, um den Namen auf der roten Backsteinfassade entziffern zu können.

Church Mansions …

Ein hochtrabender Name für eine nicht weiter eindrucksvolle Villa im Stil König Edwards, die wie die meisten Bauten in der Straße zu Apartments umgebaut worden war. Karim überlegte, schob sich ungeduldig eine Haarsträhne aus der Stirn, von der ihm Wasser in die Augen tropfte.

Wieso kam der Name ihm bekannt vor? Und warum konnte er keinen klaren Gedanken fassen?

Als er sich umdrehte, um zurückzugehen, fiel es ihm ein. Hier wohnte König Hassans Enkelin. Das war das Haus, in dem er sie am Donnerstagabend hätte abholen sollen. Die Vereinbarung war getroffen worden, ehe er von Amiras Diagnose erfahren hatte. Sicher hatte Tariq, sein zuverlässiger Assistent, ihn entschuldigt und abgesagt.

Welcher Tag war heute? Donnerstag? Oder Freitag …

Da das Schicksal ihn nun schon hierhergeführt hatte …

Karim glaubte gar nicht an Fügungen des Schicksals. Er nahm alles selbst in die Hand und trug die Verantwortung für seine Entscheidungen, sowohl für die guten wie für die schlechten.

Was suche ich hier eigentlich? fragte er sich, während er die Namen auf dem Klingelschild überflog.

Er riss sich zusammen und stieg die Treppe hinauf, weil der Aufzug defekt war.

Nun fiel es ihm wieder ein. Aus Pflichtgefühl und Respekt für Hassan Al-Hakim, dem König von Azharim, hatte er sich zu dem Treffen mit der jungen Frau bereit erklärt … zu dem es dann nicht gekommen war. Die beiden Wüstenstaaten Azharim und Zuhaymi hatten eine gemeinsame Grenze und waren seit Jahren eng verbündet, ebenso wie die Königsfamilien, die einstmals verfeindet gewesen waren.

König Hassan war nicht der Erste, der Karim geraten hatte, wieder zu heiraten, doch er war es, der ihm schließlich eine standesgemäße Braut vorgeschlagen hatte.

„Ich muss dich nicht an deine Pflichten erinnern, Karim“, hatte er gesagt. „Aber solange du unverheiratet bist, macht jede politisch wichtige Familie im Land sich Hoffnung – sie planen und intrigieren. Durch deine Geburt bist du von hohem Stand, besitzt Macht und Reichtum. Das hat seinen Preis. Die oberste Pflicht eines Prinzen ist es, für sein Land und seine Leute da zu sein. Von ihm erwarten sie Stabilität, Sicherheit und Fortbestand – also auch einen Erben.“

„Und möglichst noch zwei in Reserve.“

Die ironische Bemerkung hatte Hassan nicht gefallen, nachsichtig hatte er sie überhört. Sie war verzeihlicher als die Weigerung, die Enkelin des Nachbarkönigs zu heiraten. Eine solche Beleidigung hätte jetzt zwar nicht mehr zu erneuten Feindseligkeiten zwischen beiden Ländern geführt, aber es hätte die Beziehungen erheblich belastet. Deshalb war Karim bereit gewesen, so zu tun, als würde er den Vorschlag einer solchen Heirat mit der gebührenden Höflichkeit erwägen.

Natürlich verstand Karim, dass der König des Nachbarlandes den Wunsch hegte, seine Enkelin zu verheiraten, und durch ihre hohe Geburt erfüllte sie alle Anforderungen an eine königliche Braut.

Aber sie war nicht die Einzige, die in die engere Wahl kam.

Als einer der Wenigen wusste Karim von der verschollenen Prinzessin, die von ihrer Abstammung nichts geahnt hatte. Es roch nach Romanze und hatte tolle Schlagzeilen gebracht, als die Medien Wind davon bekamen – das war wohl unvermeidlich gewesen. Doch einer Außenstehenden die Rolle seiner Ehefrau zuzumuten, wäre etwa so, als erwarte man von einer Zehnjährigen einen Vortrag über Astrophysik.

Karim wusste, dass er heiraten musste, und seine Erwartungen waren realistisch. Eine Seelenverwandte würde er kaum zur Frau bekommen – falls es so etwas überhaupt gab, außer in Romanen. Wenn er jedoch eine Kandidatin fand, die sein Bett bereitwillig teilte, wäre eine solche Verbindung sicher erfreulicher als das Fiasko mit seiner ersten Frau.

Im Übrigen hatte er es mit dem Heiraten nicht eilig. Er genoss seine Freiheit, immerhin war er erst zweiunddreißig. Noch jung … aber auch nicht so jung. Amira war acht …

Karim hätte alles dafür gegeben, mit ihr tauschen zu können. Unwillkürlich dachte er an die Mütze, die sie seit der Chemotherapie trug, nachdem ihr die seidigen Locken ausgefallen waren. In den letzten Wochen hatte er den Glauben an das Leben verloren – es war so erschreckend unfair.

Resigniert verdrängte er die düsteren Gedanken. Jetzt galt es, einen kleinen Schritt nach dem anderen zu tun. Am besten, er dachte nicht zu weit voraus. Heiraten würde er irgendwann, in ferner Zukunft. Warum sich jetzt schon binden, wenn er seine Freiheit und Sex ohne Schuldgefühle oder Verantwortung genießen konnte?

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